Kitabı oku: «Tomaten mögen keinen Regen»
TOMATEN MÖGEN
SARAH MICHAELA ORLOVSKÝ
KEINEN REGEN

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
2. Auflage 2014
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Nele Steinborn unter Verwendung
eines Fotos von fotolia.com
Layoutgestaltung: Nele Steinborn, www.steinborn.at
Schrift: Henriette regular und italic (Typejockes), Helvetica Neue light und medium
Druck und Bindung: Druckerei Theiss, St. Stefan
ISBN 978-3-7022-3368-6 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3421-8 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Der Text „Gott schuf die Sonne“ auf den Seiten 43 und 44 stammt aus: Christa Reinig, Sämtliche Gedichte, mit einem Vorwort von Horst Bienek, Düsseldorf, Eremiten-Presse, 1984. Wir danken dem Verlag für die Abdruckerlaubnis.
Das Bibelzitat (Psalm 142) auf der Seite 176 ist entnommen aus der ökumenisch verantworteten Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift.
© 1980 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart
WIDMUNG
Handlung und Personen dieses Romans sind völlig frei erfunden und haben nie woanders existiert als in meinem Kopf und auf dem Papier.
Es kann aber durchaus sein, dass irgendwo in Armenien eine Handvoll junger Menschen lebt, die mir geholfen haben zu verstehen, wie es ist, wenn dich alle behandeln, als wärst du behindert. Nur, weil deine Zunge oder deine Arme oder deine Beine nicht denselben Bewegungsradius haben wie die der meisten Leute.
Dafür möchte ich mich hier bedanken.
Sarah M. Orlovský
Die Trage quietscht, als der Notarzt sie ins Innere seines Wagens schiebt. Schwester Miki klettert hinein und setzt sich neben Sirup. Seine Hand hängt schlaff über den Rand der schmalen Matratze. Schwester Miki nimmt die Hand und legt sie in ihren Schoß. Sie massiert Sirups Finger. Ich habe ihn berührt, vorher, als er auf der Erde gelegen ist. Seine Hand war eiskalt. Eis-kalt. Wie tot.
Ich habe mir so oft ein Leben ohne Sirup gewünscht. Aber jetzt gerade wünsche ich mir nichts mehr, als dass er überlebt.
INHALT
KAPITEL 1
ANA
KAPITEL 2
ANA
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
ANA
KAPITEL 10
ANA
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
ANA
KAPITEL 14
KAPITEL 15
ANA
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
ANA
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
ANA
KAPITEL 24/ICH
KAPITEL 1
„Manchmal trage ich zu viele Geschichten mit mir herum, die nicht mir gehören. Dann habe ich oft das Gefühl, dass mir alles zu viel wird“, sagt Schwester Miki. „Aber ich habe einen Trick. Soll ich ihn dir verraten?“
Ich nicke halbherzig.
„Ich schließe einfach die Augen und öffne meinen Kopf“, fährt Schwester Miki fort, „und alle Gedanken fließen heraus. Ich lasse alles los, was nicht mir gehört. Und dann öffne ich die Augen und stelle mir vor, dass ich alles zum ersten Mal sehe.“ Sie lächelt. „Da kommen oft ganz erstaunliche Dinge zum Vorschein.“
Das ist wieder so ein Spruch, den niemand versteht. Physiotherapie heißt, dass Schwester Miki mir die Knochen wieder einrenkt und meine Gelenke massiert, damit ich in Ruhe schlafen kann. Ohne diese elendigen Schmerzen. Aber sie zieht und dreht und massiert und dabei redet sie ohne Unterbrechung, die ganze Zeit, bis mir am Ende der Kopf weh tut.
Meine Augen schließen und den Kopf öffnen. Genau …
Ich kann mir gut vorstellen, den Bäcker oder den Busfahrer oder den Postbeamten wie zum ersten Mal anzusehen. Das geht leicht. Wenn ich die Augen zumache, bin ich mir nicht einmal ganz sicher, wie sie aussehen.
Aber hier, zu Hause? Ich kenne alle hier fast mein ganzes Leben lang. Eilis singt und Sirup rennt und Gaya grummelt und Tiko träumt von einem Schloss, in dem sie Prinzessin sein kann. Ich weiß, wie sie sind. – Wie leer muss ich meinen Kopf machen, bis ich all das vergesse?
Ich merke, wie Schwester Miki mich anstarrt. Ihre milchblauen Augen schauen ernst. Gleichzeitig lachen sie irgendwie, tief drinnen. Schwester Mikis Gesicht ist jung, fast ohne Falten, aber die Haarsträhnen, die unter dem Schleier hervorlugen, sind schneeweiß. Keine Ahnung, wie alt Schwester Miki ist. Wenn sie selbst Kinder hätte, wären die sicher jünger als wir.
Aber sie hat keine eigenen Kinder.
Sie braucht auch keine. Sie hat ja uns.
„Bewahre dir diesen Blick, Hovanes“, sagt Schwester Miki lächelnd.
Ich werde rot.
„Probier es heute einmal aus.“
Es ist schön warm draußen. Auf der Veranda sitzt Eilis, ein Kissen im Nacken. Sie hat die Augen geschlossen und hält das Gesicht in die Sonne. Wahrscheinlich schläft sie. Ich schleiche mich vorsichtig an sie heran.
Da höre ich sie summen.
Als mein Schatten auf sie fällt, öffnet Eilis die Augen. Sie hat Augen wie schwarze Löcher. Große, schwarze Löcher, die alles aufsaugen. Manchmal falle ich selbst hinein, mit dem Kopf voran und dann ist mir wohl.
Eilis sieht alles. Die kleinsten Dinge. Manchmal ist sie ziemlich verrückt. Wenn sie einen Regenwurm sieht, zieht sie den Bremshebel an ihrem Rollstuhl. Einmal ist Schwester Rosa mit ihr in den Straßengraben gekippt, weil Eilis für eine Nacktschnecke gebremst hat.
Manchmal weint sie. Sie sagt, wenn sie zu viel sieht, wird sie traurig. Keine Ahnung, wieso.
Ich rutsche langsam mit dem Rücken an der rauen Hauswand hinunter, bis ich am Betonboden sitze, das Kinn auf die Knie gestützt. Es ist schön warm hier. Warm und ruhig.
Plötzlich bewegt sich etwas. Ein Schatten huscht zwischen den Apfelbäumen hindurch. Ich will Eilis anstupsen, da geht es schon BAKABAMM und die Tür knallt zu. Eilis zuckt zusammen. Ihre Hand schlägt gegen die metallene Armstütze am Rollstuhl. Sie verzieht das Gesicht vor Schmerz und saugt zischend die Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen ein.
Eilis sieht die kleinsten Dinge, aber in die Zukunft sehen kann sie nicht. Dabei muss man kein Hellseher sein, um sich auszurechnen, dass gleich eine Tür zuknallt – BAKABAMM! – oder ein Glas runterfällt – KALIRRRRR! – oder jemand indianerheult – AIAWUUUUAIAIAIAIAI! –, wenn Sirup vorbeisaust.
Sirup ist am längsten von uns allen hier. Seine Mutter wollte ihn nicht. Das haben die Schwestern zwar nie so gesagt, aber das müssen sie auch nicht.
Sirup liebt Sirup. Immer schon. Am meisten mit Himbeergeschmack. Er würde ihn ohne Wasser trinken, wenn er könnte. Sogar sein erstes Wort war „Sirup“. Normalerweise sagen Babys zuerst „Mama“ oder „Papa“, hat Schwester Rosa erzählt. Aber Sirup hatte ja keine Mama. Und einen Papa auch nicht.
„Unser Robin ist als Baby in den Sirup gefallen, wie Obelix in den Zaubertrank“, sagt Schwester Rosa immer. „Deswegen hat er so viel Energie. Genug Energie für ein ganzes Leben.“
Sirup läuft und läuft und läuft, den ganzen Tag lang.
Trapp trapp trapp läuft er,
TRAPPTRAPPTRAPP, immer schneller, den Hügel hinunter, die Stiege hinauf,
BAKABAMM, knallt die Tür zu.
Das ist Sirup.
Er ist schon zwölf und er geht in die Schule und er kann noch immer keine Tür normal zumachen.
Jetzt sitzt Eilis da, in ihrem Rollstuhl und lächelt. Richtig wütend werden kann sie genau so wenig, wie sie laufen kann. Nie schreit sie oder haut auf den Tisch oder flucht.
Manchmal weint sie. Aber sie flucht nicht.
„Die Prinzessin kommt“, sagt Eilis.
Ich horche.
„Diener, mach die Tür zu!“, hallt es drinnen durch den Gang.
Natürlich gibt es keinen Diener. Das Türschließen erledigt der Wind, wie immer. Schon wieder knallt es.
Eilis kichert.
Die Haustür schwingt auf und ein neonrosa Zepter erscheint, dicht gefolgt von einer kleinen, runden Nase und einem silbernen Glitzerkrönchen. Die kleine Gestalt schreitet majestätisch die drei Stufen zu uns herunter. Der perlenbestickte Umhang weht hinter ihr her und liest den Staub von den Steinfliesen auf.
„Wie haben Prinzessin geruht?“, fragt Eilis und legt den Kopf auf die Seite.
„Wirklich sehr ausgezeichnet“, antwortet die Prinzessin würdevoll.
Ich glaube ihr aufs Wort. Das Muster des Frottee-Kopfkissens hat sich in ihr Gesicht eingraviert.
„Ich mag wieder Tiko sein. Prinzessinspielen ist langweilig“, sagt Tiko, reißt sich das Krönchen vom Kopf und hüpft die letzten zwei Stufen hinunter, direkt in meinen Schoß. Meine Knie knirschen und mir bleibt die Luft weg. Tiko sollte nicht so viel Kartoffelpüree essen.
Tiko wirft ihre kurzen, kräftigen Arme um meinen Hals, drückt ihr Stupsnäschen gegen meine Hakennase und versucht, mir tief in die Augen zu blicken. Die Augen in ihrem kleinen Gesicht stehen viel näher beisammen als meine. Tiko kann sich nicht entscheiden, wo genau sie hinsehen soll. Ihre Pupillen gehen über Kreuz. Sie drückt mir einen Kuss auf die Nasenspitze. Einen sehr feuchten Tikokuss. Ich verziehe das Gesicht. Tiko kichert vergnügt.
Plötzlich legt sie den Zeigefinger an die Lippen und wird ganz starr. Ich höre nichts. Den Wind vielleicht. Aber sonst …
„Sie sind zurück“, sagt Eilis.
„Juhu!“, schreit Tiko und springt auf. Mit einem Satz ist sie auf dem Gartenweg und saust in Richtung Tor. Im selben Augenblick wird die Haustür aufgerissen, knallt – KALAKIBAMM – gegen den Türstopper und kommt postwendend zurückgeschossen. Bevor die Tür wieder ins Schloss fällt, ist Sirup schon die Stufen hinuntergesprungen. Hastig rennt er Tiko hinterher.
Immer muss er der Erste sein, wenn jemand kommt. Immer muss er das Tor aufmachen. Er hätte besser ein Wachhund werden sollen.
Ich stütze mich mit der Hand an der Wand ab und stehe auf. Ich habe keine Eile. Es sind ja nur Gaya und Schwester Rosa, die vom Einkaufen zurückkommen.
Schwester Miki kommt aus dem Haus. Sie bindet sich gerade ihre Arbeitsschürze um.
„Wollen wir ihnen ausladen helfen?“, fragt sie munter. Ohne eine Antwort abzuwarten, löst sie die Bremsen am Rollstuhl und schiebt Eilis im Renntempo die Rampe hinunter auf den Gartenweg.
„Holterdipolter!“, ruft sie und lässt Eilis über die Steine rumpeln. Eilis kreischt.
Als ich um die Ecke biege, kommen mir Schwester Miki und Eilis schon wieder entgegen. Der Rollstuhl ist mit Kochschokolade, Rosinen, Mohn und Taschentüchern beladen und von den Griffen baumeln vier Familienpackungen Klopapier. Tiko läuft mit wichtiger Miene hinterher und sammelt auf, was während der Rumpelfahrt hinunterrutscht.
Gaya ist nirgends zu sehen. Wahrscheinlich hat sie sich längst ins Mädchenzimmer verdrückt. Wundert mich nicht.
„Na, wo sind denn meine starken Burschen?“, ruft Schwester Rosa aus der Einfahrt herauf. Ich mag nicht, wenn sie so mit mir spricht. Wie mit einem kleinen Kind. Ich bin kein kleines Kind mehr. Aber sag das einmal einer Nonne.
Schwester Rosa steht unter der Heckklappe des Minibusses und dirigiert das Ausladen.
„Hier, mit besten Grüßen aus Bella Italia!“, sagt sie zu Sirup und zeigt auf eine Riesenladung Spaghetti. Sirup packt den Karton und grinst mich dabei an. Damit ich auch ja sehe, dass das ein Klacks ist für ihn. Dann rennt er davon und heult dabei wie eine Sirene.
„Und für dich die Bananen, mein Guter“, sagt Schwester Rosa und klopft mir auf die Schulter. Ich runzle die Stirn.
„Natürlich bio!“, ruft sie entrüstet, als sie meinen Blick sieht. „Nun hab dich nicht so, aufs unterste Regalbrett, Marsch Marsch!“
Ich nehme also die Bananenschachtel und mache mich auf den Weg. Sirup kommt mir schon bei den Apfelbäumen entgegengerannt. Er stürmt an mir vorbei, als gäbe es beim Auto gratis Eiscreme.
Ich schlichte die Bananen ordentlich ins Regal, damit sie nicht faulig werden. Sirup würde sie wahrscheinlich einfach hineinwerfen und wir müssten wieder zwei Wochen lang braunes Bananenmus essen. Den leeren Karton stelle ich zum Altpapiersammeln in die Abstellkammer. Ich mache alles genau richtig. Das sollte Schwester Rosa jetzt sehen. Aber sie ist noch immer draußen. Das muss wirklich ein Rieseneinkauf gewesen sein. Ich laufe noch einmal hinaus, um den Rest zu holen.
Sirup hebt gerade etwas Großes aus dem Bus. Ich kann nicht genau erkennen, was es ist, aber es muss schwer sein, so wie er dabei in die Knie geht. Damit schafft er es nie bis ins Haus. Egal, wie breit er grinst.
„Nein, Hovo, nicht!“, schreit Tiko, als ich zum Bus gehe.
Keine Ahnung, was nicht. Sirup taumelt unter seiner Last. Ich mache zwei schnelle Schritte. Da schiebt sich ein Schatten vor die Sonne.
Es ist Schwester Rosa. Sie sollte auch nicht so viel essen.
„Hovanes, bitte sei so gut und trag die Eier hinauf“, sagt sie.
Die Eier? Da bleibt mir der Mund offen. Ernsthaft! Sirup schleppt sich kaputt und ich soll eine Packung blöde Eier in die Küche tragen?
„Hovanes, bitte, stell dich nicht so an“, stöhnt Schwester Rosa. „Schwester Miki wartet schon. Sie braucht die Eier zum Kochen.“
Sie drückt mir den Karton in die Hand und macht auf den Fersen kehrt. Mit Sirups Hilfe wuchtet sie die Riesenlast aus dem Auto, gemeinsam torkeln sie in die Garage.
Ich presse die Lippen aufeinander. Immer darf Sirup alles machen. Immer werde ich behandelt wie ein Baby. – Die Eier! – Ich bin älter als Sirup. Ich kann auch schwere Sachen tragen. Mindestens so gut wie Sirup.
Und die Gießkanne soll Schwester Rosa das nächste Mal alleine schleppen. Das mit den Bandscheiben kann sie ab jetzt jemand anderem erzählen.
ANA
„Ana?“, fragt Levon schüchtern. „Hat das noch bis Montag Zeit?“ Der Praktikant legt einen Packen Papier auf den Schreibtisch der Chefredakteurin.
„Hat was Zeit?“, fragt Ana und blättert die Unterlagen blitzschnell durch.
„Bis heute sollte ja das Konzept stehen, nicht? Für die Reportage über Menschen mit Behinderung“, erinnert sie Levon. „Aber ich stecke noch immer mitten in den Recherchen. Das ist so ein umfangreiches Thema. Kann ich da bitte noch übers Wochenende dran schreiben?“
„Ist gut“, seufzt Ana. „Ich komme vor Montag sowieso nicht dazu, mir das anzusehen.“
„Danke“, sagt Levon. „Und – ach ja – für die Sitzung morgen um 11.00, soll ich da noch etwas vorbereiten?“
„Welche Sitzung?“
„Ähm – die Redaktionssitzung für die Herbstausgabe.“
„Die Redaktionssitzung“, flucht Ana. „Verdammt.“
Levon starrt Ana verblüfft an.
„Ist alles in Ordnung?“, fragt er vorsichtig.
Ana holt tief Luft.
„Sowieso“, lächelt sie. „Es ist nur gerade etwas dicht, alles zusammen.“
Einen kurzen Moment lang steht Levon da, unschlüssig, ob er gehen oder noch kurz bleiben soll.
„Magst du vielleicht auf einen schnellen Kaffee gehen?“, fragt er schließlich.
Ana sieht auf ihre Uhr. „Warum nicht“, sagt sie. „Eine Pause kann nicht schaden.“
Ich habe den Kopf fest zwischen die Knie geklemmt, um den Schmerz in meinem Kopf wegzudrücken. Trotzdem höre ich den Wagen. Das Tor schlägt klirrend gegen die Mauer und dann heult ein Motor auf.
Ich schiebe mich hinter dem schweren Regal hervor. Mein Hals und mein Rücken sind ganz steif vom langen Sitzen. Ich steige auf zwei Kartoffelsäcke, um aus dem Fenster sehen zu können. Von der Speisekammer aus sieht man nur die kleine Ecke der Einfahrt, in der die Mülltonnen stehen. Das Auto ist genau davor geparkt. Ich kann nur die offene Seitentür erkennen.
Es ist der Rettungswagen.
Sie sind zurück aus dem Krankenhaus.
KAPITEL 2
Die Leute fragen immer, wie das so ist, in einem Waisenheim zu leben.
„Es ist so, dass wir keine Eltern haben“, sagt Eilis dann. „Aber wir haben hier trotzdem eine Familie.“
„Das Essen ist okay“, sagt Sirup dann, „oder was meinst du?“ „Ein Waisenheim ist halt ein Waisenheim“, sagt Gaya dann. Wenn sie überhaupt etwas sagt.
Ein Waisenheim ist halt ein Waisenheim. Und wenn man sein ganzes Leben in einem Waisenheim gewohnt hat, weiß man auch gar nicht, wie es anders sein könnte. Es ist eben so.
Ich hätte nur gerne ein eigenes Zimmer, für mich allein. Oder zumindest irgendetwas, das nur mir gehört. Das Haus gehört allen, der Garten gehört allen, wir essen und beten und atmen zusammen, Schwester Miki regiert in der Küche und Schwester Rosa kontrolliert unsere Schränke. Dazwischen ist kein Platz für Wut und keine Zeit zum Spazierengehen.
Ich stopfe die Gartenhandschuhe in meine Hosentasche und schlüpfe in die Gummistiefel. Das raue Material reibt an meiner Ferse, als ich zu den Gemüsebeeten stiefle, aber ich bin zu faul, zurückzugehen und mir Socken zu holen.
Schwester Rosa kratzt mit Schere und Feile die Trauerränder unter Tikos Fingernägeln heraus. Eilis sitzt daneben und wartet, bis sie an die Reihe kommt. Sie lächelt mir zu. Aber mir ist nicht nach Lächeln. Mir ist nach Vasenzertrümmern und Ziegelwerfen.
Stattdessen hebe ich den Deckel von dem Eimer mit der Brennnessel-Jauche. Schnell drehe ich den Kopf weg. Der Gestank haut mich fast um. Seit fünf Tagen schwimmen die Brennnesseln im Wasser. Der Sud ist bestimmt längst giftig.
Für Menschen.
Aber nicht für Tomaten. Die Tomatenstauden trinken Brennnesselsaft wie verrückt. Besonders jetzt, wo sie Blüten kriegen. Ich muss den Sud noch mit reinem Wasser mischen, damit er nicht zu stark ist. Mit angehaltenem Atem greife ich nach der Gießkanne.
Da plätschert es. Und dabei habe ich die Kanne noch nicht einmal gekippt …
Regnet es? – Blödsinn. Blitzblauer Himmel, kein Tropfen von oben. Ich drehe mich um.
Es ist Sirup. Er steht breitbeinig da in seinen Gummistiefeln und wäscht den Kiesweg mit dem Gartenschlauch. Er sieht meinen Blick.
„Alles staubig!“, ruft er und zeigt auf die Steine. „Ganz schön viel Arbeit.“
Sirup nennt das Arbeit. Schwester Rosa würde sagen, es ist Wasserverschwendung. Aber Sirup ist das egal. Dafür duscht er nur, wenn es absolut notwendig ist.
Gaya kommt aus dem Haus. Ihr T-Shirt ist zerknautscht und die langen braunen Locken stehen ihr wild vom Kopf. Gut, dass Schwester Rosa beschäftigt ist. Sie will, dass ihre Mädels ordentlich aussehen. Adrett, sagt sie. In diesem Punkt haben Sirup und ich es besser. Wir müssen nur sauber sein.
Gaya sieht verächtlich zu den anderen Mädchen hinüber. Dann kommt sie mit großen Schritten zu uns. Vor Sirup bleibt sie stehen und zieht die Augenbrauen hoch.
„Goldwaschen war schon“, sagt sie und tippt sich an die Stirn. Dann nimmt Gaya ein Stück Bindfaden und macht sich an der Staude neben mir zu schaffen.
„Alles ist besser als Nägelschneiden“, knurrt sie.
Das Abendessen verläuft schweigsam. Sirup schaufelt den Eierreis in sich hinein wie ein Mähdrescher. Man kann ihm kaum zusehen, ohne dass einem schlecht wird dabei. Gaya trennt Körnchen für Körnchen den Reis von den Eiern.
„Kann ich schon aufstehen?“, fragt Tiko schmatzend.
„Mach erst mal deinen Mund leer“, sagt Schwester Miki. Tiko schluckt und klingt dabei wie unsere alte Waschmaschine.
„Jetzt?“
„Hab ein bisschen Geduld, Schätzchen“, gurrt Schwester Rosa.
„Wir warten, bis alle fertig sind.“
„Aber ich könnte doch schon …“
Schwester Miki verschließt Tiko den Mund mit einer Sonnenblumenserviette.
Ich habe große Lust, aufzustehen und meinen Teller abzulecken. Mal sehen, was sie dann tun.
„Den Abwasch erledigen wir nachher“, sagt Schwester Rosa endlich und schiebt ihren Stuhl zurück. „Ausnahmsweise. Wir haben noch etwas Wichtiges vor, bevor es dunkel wird.“
Tiko kichert.
„Psst!“, macht Eilis und legt den Zeigefinger an die Lippen.
Ohne weitere Fragen zu stellen, folgen alle Schwester Rosa in den Garten. Ich komme mir vor wie bei einer Verschwörung. Bin ich der Einzige, der nicht weiß, worum es geht? Oder denken die anderen einfach nicht darüber nach? Bin ich der Einzige hier, der sein Hirn benützt?
Ich gehe als Letzter aus dem Haus. Sirup springt hakenschlagend an den anderen vorbei zum Geräteschuppen. Anscheinend hat Schwester Rosa ihm den Schlüssel gegeben. Er fummelt am Schloss herum und hält die Tür für uns auf. Als wäre das sein Privatschuppen. Ich könnte ihn erwürgen.
Ich hätte nie gedacht, dass wir alle in die kleine Holzhütte passen. Sogar Eilis’ Rollstuhl geht sich aus. Irgendjemand hat Ordnung gemacht. Die Rechen, Harken und Schaufeln lehnen ordentlich nebeneinander an der Wand, der Schubkarren steht in der Ecke bei den Kisten und Schachteln und die Säcke mit der Blumenerde sind zu einer Pyramide aufgestapelt. In der Mitte steht etwas Großes, Eckiges, das mit einem Tuch verhüllt ist. Sirup baut sich mit verschränkten Armen daneben auf. Tiko flattert um ihn herum wie ein Huhn, das gerade ein Ei gelegt hat.
„Lieber Hovanes, es ist uns eine große Ehre, dir drei Gäste vorzustellen, die die nächste Zeit mit uns verbringen werden“, sagt Schwester Rosa feierlich.
„Bis wir sie essen“, murmelt Gaya. Schwester Miki legt ihr die Hand auf die Schulter.
„Wir präsentieren: Mümmelmann eins, zwei und drei!“, ruft Sirup und zieht kräftig an dem Tuch.
„Das war meine Idee!“, kräht Tiko. „Sie heißen alle Mümmelmann! Aber nur mit Nachnamen. Die Vornamen darfst du aussuchen, hat Schwester Rosa gesagt.“
Vor mir steht eine große Holzkiste, mit Heu ausgelegt und mit einem Gitter bedeckt. Im Heu sitzen wie erstarrt drei Hasen. Nur die kleinen Nasen bewegen sich hektisch auf und ab.
Ich verstehe nicht ganz. Alle wissen davon? Nur ich nicht?
„Das sind Riesenkaninchen“, sagt Schwester Rosa stolz. „Sie werden bis zu sieben Kilo schwer. Wir dachten, jetzt wäre ein ganz guter Zeitpunkt, um etwas Neues auszuprobieren – Hasenzucht. Du hast ja Zeit genug in den Ferien. Würdest du diese Aufgabe für uns übernehmen, Hovanes?“
Ich fasse es nicht. Riesenkaninchen züchten? Hoffentlich haben sie wenigstens Männchen und Weibchen gekauft …
„Was sagst du dazu?“, fragt Schwester Miki. Alle sehen mich erwartungsvoll an. Die Schwestern haben sicher eine Menge bezahlt für die Karnickel. Außerdem war es eine Überraschung, extra für mich. Es muss echt schwer gewesen sein, das geheim zu halten. Besonders für Tiko.
Ich versuche, so dankbar auszusehen wie möglich. Ein Kuss für Schwester Miki, einer für Schwester Rosa. Aber nur in die Luft. Das muss reichen.
„Schluss?“, fragt Gaya gähnend.
„Ja. Lasst uns drinnen aufräumen und dann ab in die Heia“, nickt Schwester Rosa. Im Gänsemarsch verlassen alle den Schuppen. Ich hocke mich neben die Kiste. Die drei Mümmelmänner scheinen sich beruhigt zu haben. Einer knabbert sogar ganz lässig an einem Heuhalm. Unglaublich, wie schnell er die Lippen bewegen kann. Das sieht witzig aus. Der Kerl ist ganz weiß. Er hat rote Augen. Oder sie. Keine Ahnung. Mümmelmann Numero zwei sieht auf jeden Fall aus wie ein Mädchen. Weiß mit grauen Flecken. Wie Schminke um die Augen. Und lange Wimpern. Das dritte Kaninchen ist weiß mit hellbraunen Flecken. Es sieht ein bisschen schmutzig aus. Vielleicht wäscht es sich nicht so gerne. Wie Gaya.
Waschen sich Hasen überhaupt? Vielleicht putzen sie sich mit der Zunge, wie die Katzen. Oder gar nicht, wie Hunde. Vielleicht kratzen sie sich nur. Ich muss sie genau beobachten. Das wird mein Projekt. Meine Aufgabe, ganz allein meine.
„Hovanes?“
Die Kaninchen erschrecken und ich auch. Wir kauern alle vier regungslos am Boden. Aber es ist nur Schwester Rosa, die sich durch die Tür schiebt.
„Hovanes, komm rein“, sagt sie. „Morgen zeig ich dir alles, was du über die Hasen wissen musst.“
Na toll. So viel zu „ganz für mich allein“.
ANA
Levon klopft an, bevor er die Tür zu Anas Büro aufdrückt.
„Hast du kurz Zeit?“
„Was gibt’s denn?“
„Es ist wegen der Behinderten-Story …“, sagt Levon und lässt sich auf den freien Stuhl fallen. „Ich soll ja bis heute sagen, wie ich den Artikel anlegen will.“ Er stockt.
Ana sieht von ihrem Notizbuch auf. „Ja?“
„Ich habe mir überlegt, dass ich über Kinder mit geistiger und körperlicher Behinderung schreiben will“, sagt Levon. „Darüber, wie sie leben. Über ihren Alltag und so.“
Ana nickt. „Klingt interessant.“
„Ich weiß nur nicht, wie ich es schreiben soll“, seufzt Levon.
„Wie meinst du das?“, fragt Ana.
„Na ja – so, wie mein Artikel bis jetzt aussieht, könnte es ein Lexikon-Eintrag sein. Wegen all dieser politisch korrekten Ausdrücke. Und beim Thema bin ich mir auch noch nicht sicher. Versteh mich nicht falsch, aber … barrierefreie Bildung? Kinofilme für Gehörlose, Mode für Kleinwüchsige?“ Levon sieht Ana hilflos an. „Das interessiert doch keinen!“
„Am besten, du schreibst über Einzelschicksale“, sagt Ana. „So etwas lesen die Leute immer gern.“
„Wie“, meint Levon verwirrt. „Soll ich die einfach erfinden?“
„Natürlich nicht! Du besorgst dir die Adresse eines Behindertenheims und dann gehst du hin und schaust es dir an, interviewst die Leute dort, machst Fotos, aus. Viel mehr gibt’s da nicht zu tun.“
„Ich weiß nicht“, sagt Levon zweifelnd.
Ana sieht ihn nachdenklich an. Sie klopft mit dem Bleistift auf die Schreibtischunterlage.
„Hm, na ja, es ist deine erste große Reportage“, sagt sie nach einer Weile. Sie schaut kurz auf ihren Terminkalender. „Weißt du was? Wir tauschen. Ich übernehme das Behindertenheim und du schreibst die Story über die Flößer. Das ist ein historisches Thema, das geht fürs Erste wahrscheinlich einfacher.“
Levon nickt erleichtert. „Dazu fällt mir etwas ein“, sagt er. „Danke!“
Ana schließt kurz die Augen und nickt.
Seit einer Ewigkeit hocke ich hier am Gang, am kalten Boden, ohne Polster, ohne Stuhl. Da bewegt sich die Klinke. Ich richte mich auf, rutsche auf die Knie. Schwester Miki kommt aus dem Zimmer. Sie sieht mich nicht an. Seit dem Unfall hat sie mir noch kein einziges Mal in die Augen gesehen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden das schon sind. Vielleicht drei, vielleicht zwanzig, vielleicht hundert. Aber es tut weh. Es tut verdammt weh und es ist so ungerecht, dass es schreit in mir.
Wenn man etwas falsch gemacht hat, soll man es gleich zugeben und sich entschuldigen, sagen die Schwestern immer. Dann ist alles wieder gut.
Ich weiß aber nicht, was ich falsch gemacht habe. Ich kann mich auch nicht bei Schwester Miki entschuldigen, wenn sie nicht mit mir spricht und bei Sirup sowieso nicht, wenn sie mich nicht zu ihm lassen. Ich weiß nicht einmal, ob er sprechen kann. Ob er jemals wieder sprechen wird.
Nichts ist gut.
Nichts wird jemals wieder gut.
Schwester Miki läuft wieder an mir vorbei. Sie hat eine Schüssel mit heißem Wasser in der Hand und ein weißes Tuch über dem Arm hängen. Als die Tür aufgeht, sehe ich Schwester Rosa. Sie sitzt an Sirups Bett und hält seine Hand. Die Tür fällt zu und verschluckt sie alle, Sirup, Schwester Rosa und Schwester Miki. Sie brauchen mich nicht. Niemand braucht mich.
KAPITEL 3
Im Geräteschuppen ist es unerträglich heiß. Die Kaninchen sitzen bewegungslos in ihrer Kiste und starren vor sich hin. Ich knie mich auf den Boden und spähe durch die Holzlatten, um besser sehen zu können. Das graugetupfte Kaninchenmädchen liegt lang ausgestreckt auf dem Boden. Nur die kleine Nase bewegt sich schnell auf und ab. Das soll nicht so sein. Etwas ist falsch.
Die Kiste ist falsch. Sie ist für Kartoffeln, nicht für Kaninchen. „Zuerst müssen wir darüber nachdenken, wo sie wohnen sollen“, sagt Schwester Rosa und geht neben mir in die Hocke. „Die Holzkiste ist zu klein für alle drei.“
Es stört mich, dass Schwester Rosa da ist. Das sind meine Kaninchen. Aber es ist immer das Gleiche: Zuerst schenkt sie dir was und dann will sie darüber bestimmen. Sie kann ja schon über das ganze Haus bestimmen, und Schwester Miki muss auch immer machen, was Schwester Rosa sagt, weil Schwester Rosa die Mutter Oberin ist. Da muss sie nicht auch noch die Mutter Oberin im Kaninchenstall sein.
„Du musst gut auf die Hasen Acht geben und den Stall sauber halten, Hovanes“, sagt Schwester Rosa. „Hasen werden leicht krank, wenn sie im Schmutz schlafen. Dann sterben sie.“
Das sind Kaninchen, keine Hasen. Sie weiß nicht einmal, wie die Tiere richtig heißen und dann will sie bestimmen, was ich mit ihnen machen soll. Ich bin kein Kind mehr. Und ich bin nicht blöd.
Ich muss einen Stall bauen. Am besten einen auf Stelzen. Dann kann der Dreck durch das Gitter hinunterfallen und ich brauche nur den Boden zu kehren.
„Ein Mal am Tag musst du sie füttern, Hovanes“, fährt Schwester Rosa fort und steht ächzend auf. „Ich habe Hasenfutter gekauft, das steht dort hinten in der Ecke. Dort liegt auch ein Messbecher. Ein Becher pro Hase reicht. Sonst überfressen sie sich.“
Hasenfutter. Das Zeug sieht aus wie Müsli. Das kann ihnen nicht schmecken. Das ist doch viel zu trocken. Kaninchen brauchen sicher frisches Gemüse. Karotten gibt es genug im Garten. Aber Kaninchen fressen ja nicht nur Karotten. Das glauben nur kleine Kinder und Leute, denen Kaninchen egal sind.
„Hovanes, hörst du mir überhaupt zu?“ Schwester Rosa stemmt die Hände in die Seiten.
Ja. Leider. Du bist ja nicht zu überhören. Aber Schwester Rosa muss man ansehen, wenn sie mit einem spricht. Darauf steht sie.
Ich schaue ihr brav ins Gesicht und nicke.
„Na gut. Jetzt lasse ich dich erst einmal allein mit deinen Schätzen, Hovanes“, sagt Schwester Rosa zufrieden. „Wenn du etwas brauchst, kannst du jederzeit zu mir kommen.“ Sie streicht mir über den Kopf und geht. Wahrscheinlich ins Haus, um Gaya zu quälen. Oder zu ihren Blumen.
Ich muss Gras mähen für die Kaninchen. Und Heu machen. Vor allem für den Winter.
Ich glaube, das wird ganz schön viel Arbeit.

Wenn es nur nicht so heiß wäre … Es ist wie verhext! Die Nägel zu lang, die Bretter zu kurz, alles wird schief. Jetzt habe ich den ganzen Tag geschuftet und der blöde Stall sieht aus wie ein Vogelhaus nach dem Sturm. Ich hätte nie gedacht, dass das so lange dauert.
Wenigstens sind Sommerferien.
Ich mag die Schule, aber in den Ferien sind die Tage friedlicher. Sie sind ohne Stillsitzen und Aufpassen und Aufzeigen und sie gehören mir.
Außerdem haben die Internate zu.
Ich kenne nicht viele Leute, die ins Internat gehen. Eigentlich kenne ich nur Lucine. Lucine musste ins Internat ziehen, weil ihre Schule in der Stadt ist. Sie kommt nur mehr selten heim und wenn sie heimkommt, besucht sie uns trotzdem nur manchmal. Aber jetzt hat das Internat zu und sie wohnt ganz hier bei ihren Eltern. Da hat sie Zeit, Eis zu essen und ihre Freunde zu besuchen, jeden Nachmittag, so oft sie will.
Meistens ruft sie nicht einmal vorher an. Wenn jemand zu Besuch kommen will, muss er immer zuerst Schwester Rosa anrufen. Sonst sagt Schwester Rosa: „Es tut mir leid, wir empfangen gerade keinen Besuch, bitte melden Sie sich vorher an.“
Bei Lucine sagt sie das nie. Lucine kann einfach so kommen. Das hat sie schon immer so gemacht, schon im Kindergarten. Gestern hat sie trotzdem angerufen. „Ich komme morgen vorbei“, hat sie zu Schwester Rosa gesagt. „Irgendwann am Nachmittag.“
Jetzt ist es schon drei Uhr.
Aber das macht nichts. Lucine kommt bestimmt. Tiko und Eilis warten schon seit dem Mittagessen vor dem Haus. Tiko hat sich geweigert, ihr Mittagsschläfchen zu halten.
Ich würde auch lieber im Schatten unter dem Vordach sitzen. Mir ist heiß. Aber zum Sitzen ist keine Zeit. Den Kaninchen ist auch heiß in ihrem dicken Fell. Und im Geräteschuppen ist es stockdunkel. Sie haben sicher Angst. Sie brauchen endlich einen Stall.
Die Glocke schrillt. Tiko springt auf und sprintet zum Tor. Da läutet es schon wieder.
Zwei Mal kurz, ein Mal lang.
Lucine.
Ich sammle die verbogenen Nägel ein und richte mich auf. Uff, mein Rücken tut so weh …
KABUMM! – die Tür. Und Sirup rennt. Dieses Mal kommt er zu spät. Er rennt trotzdem. Die Schottersteine fliegen unter dem Druck seiner Schuhe in alle Richtungen davon. Es ist ohrenbetäubend laut. Ein Stein fliegt direkt in Schwester Rosas Blumenbeet.
Sirup überholt Tiko genau vor dem Tor. Tiko schimpft, ganz leise, sie braucht ihre Luft zum Laufen.
„Immer machst du Unangenehmheiten!“, zetert sie.
Zu dritt kommen sie um die Ecke. Lucine streichelt Tikos Hand. Sirup macht ganz große Augen. Er redet wie der Nachrichtensprecher im Radio. Nur schneller.
„Und wir haben Hasen bekommen! Wir bauen einen Stall!“ Seine Stimme überschlägt sich.
Wir bauen einen Stall. Na klar. Das Einzige, was Sirup produziert, ist heiße Luft.
Sirup fuchtelt mit Händen und Armen. Er zeigt Lucine, wie groß die Kaninchen sind. So wie er die Arme streckt, sieht das eher aus, als hätten wir ein Pferd oder eine Kuh gekauft. Lucine beißt sich auf die Unterlippe und dreht den Kopf. Sie sieht mich.
Sieht mich an.
In der Schule haben wir besondere Wörter gelernt. Für Augenfarben. Es gibt meergrüne Augen oder eisblaue oder bernsteinfarbene. Aber diese Wörter passen nicht zu Lucine.
Lucines Augen sind schön. Sie sind ein bisschen wie Sonne oder Stroh.
Ich glaube, Lucines Augen sind blond.
„Hoi, Hovo“, sagt Lucine.
Ich nicke ihr zu und versuche ein Lächeln ohne Spucke. Es ist so heiß hier. Tiko zieht an Lucines Hand. Immer will sie Prinzessin spielen, wenn Lucine kommt.
Sirup steht da, mit offenem Mund, als wollte er etwas sagen. Aber es kommt nichts mehr.
Ich kneife die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und starre Sirup an. Er starrt zurück. Langsam wird er unsicher. Ich zeige mit dem Kopf in Richtung Haus.
Sirup knurrt und trottet davon.
Gewonnen.
„Was hat er denn?“, fragt Lucine verwundert. Ich zucke mit den Schultern und greife mir einen neuen Nagel. Ich will das Drahtgitter am Holzrahmen befestigen. Verflixt! Immer rutscht das Gitter über die Nägel und dann hängt es durch. Das kann doch nicht sein!
„Das wird wohl der Hasenstall, von dem mir Sirup erzählt hat?“, meint Lucine.
Sie geht in die Hocke. Noch immer hält sie Tikos Hand. Tiko steht ganz schief da. Sie weiß nicht, ob sie stehen, sich hinhocken oder Lucines Hand auslassen soll.
„Hovanes bastelt das schon drei Tage lang“, sagt sie und kauert sich doch neben Lucine, auf den heißen Kies, die Nase zwischen den Knien. Ich seufze zur Bestätigung.
„Ganz schön viel Arbeit, so ein Stall, hm?“, meint Lucine. „Kann ich die Hasen mal sehen?“
„Sie sind im Schuppen! Komm, ich zeig sie dir!“, ruft Tiko, verwandelt sich in einen Gummiball und springt davon.
Unsere Augen müssen sich erst an die dunkle Staubluft gewöhnen. Aber den Albino sehen wir gleich.
„Oh, sind die süß!“, haucht Lucine. „Und schon so groß!“
„Die werden noch größer“, prahlt Tiko. „Das sind nämlich Hasenriesen.“
Lucine starrt gebannt in die Kiste. Die drei Mümmelmänner hoppeln herum. Sie kümmern sich gar nicht um uns. Lucine liest einen Grashalm vom Boden auf und steckt ihn durch einen Spalt in die Kiste.
„Tststs“, lockt sie.
„Das ist langweilig“, mault Tiko. Sie schlurft hinaus.
Wir sind allein.
„Brauchst du vielleicht Hilfe?“, fragt Lucine.
Lucine hilft immer. Sie ist ein Engel, sagt Schwester Rosa. Ich nicke begeistert und strecke beide Daumen hoch. Das sieht dämlich aus. Aber Lucine schaut sowieso nur auf die Kaninchen.
Vier Hände schaffen viel mehr als zwei. Lucine ist so geschickt. Sie bohrt Löcher in den Holzrahmen und fädelt den Blumendraht abwechselnd durch das Holz und das Drahtgitter. Es dauert gar nicht lange. Ich schraube noch die vier Stelzen an, damit der Stall nicht direkt am Boden steht. Ratzfatz.
Fertig!
Nebeneinander hocken wir in der Sonne und bewundern unser Werk.
Lucine dreht ein Gänseblümchen zwischen ihren Fingern. Dann steckt sie es sich zwischen die Zehen.
„Wie willst du die Hasen da reinbringen?“, fragt sie nach einer Weile.
Meine Kinnlade klappt nach unten. Ich spüre einen Speichelfaden im Mundwinkel.
Da ist ein Fehler. Ich habe einen Fehler gemacht. Der ganze Stall ist falsch. Die Kaninchen können nicht rein. Der Stall ist auf allen Seiten zugenäht. Knallbumm zu!
Lucine ist ganz rot im Gesicht. Sie presst die Hand gegen den Mund. Sicher findet sie mich blöd.
Sie lacht und legt mir dabei eine Hand aufs Knie.
„Sei mir nicht böse“, prustet sie. „Aber sieh dir das einmal an! Das ist grenzgenial! Das gehört ins Museum!“ Sie lacht und lacht und lacht, bis ihr die Tränen kommen.
Ich lache mit. Ich kann gar nicht anders.
Ich habe einen Fehler gemacht.
Aber das macht nichts.
KAPITEL 4
Schweißgebadet wache ich auf und weiß im selben Augenblick: Es war nur ein Traum. Es ist immer nur der eine, selbe, hässliche Traum. Er kommt daher wie eine Erinnerung, verschwommen, in Braun-Grau. Bis Mama mir den Rücken zudreht und die Tür aufmacht. Ihr Mantel ist gelb. Ich sehe ihre schmalen Schultern und den eckigen Koffer und ich höre, wie sich der Schlüssel im Schloss dreht. Das Geräusch ist so laut wie die Stille.
Ich möchte ihr hinterherlaufen. Mich ihr in den Weg stellen. Sie soll mich ansehen.
Wenn sie mich sieht, bleibt sie hier.
„Mama!“, möchte ich schreien. „Mama!“
Ich möchte ihr nachlaufen, aber ich habe kein Gefühl in den Beinen. Ich habe überhaupt kein Gefühl, außer dieses eine, das mir ins Genick drückt, diese Angst. Ich öffne den Mund und ich fühle, wie meine Stimmbänder aneinander reiben.
Es kommt kein Ton. Weil mein Leben ein Stummfilm ist.
Ich bleibe einfach sitzen, wo ich bin, und weine.

„Weißt du, welcher Tag heute ist?“, kräht Tiko.
Erschrocken fahre ich hoch. Der Radiowecker zeigt 6.15 Uhr.
Welcher Tag? Mir ist schnurzpiepegal, was für ein Tag heute ist! Die Lider kleben schwer auf meinen brennenden Augen. Ich falle zurück in mein Kissen. Tiko hüpft auf mein Bett. Sie stößt mir ihr Knie in die Rippen und setzt sich rittlings auf meine Beine.
Ich versuche, sie abzuschütteln.
„Aber du musst aufstehen!“, ruft Tiko störrisch. „Heute ist doch ein besonderer Tag für dich!“
Es wäre ein besonderer Tag für mich, wenn ich endlich einmal in Ruhe ausschlafen könnte.
„Komm schon, steh auf!“ Tikos Piepsstimme ist jetzt ganz nah an meinem linken Ohr. „Wir müssen uns fertig machen! Heute feiern wir doch, dass dein Vater gestorben ist!“
Gayas Kopf bewegt sich im Rhythmus der Scheibenwischer. Hin und her, hin und her, hin und her. Das ist ihr Lieblingsspiel. Wenn sie weiß, dass wir einen Ausflug mit dem Auto machen, betet sie schon am Vorabend um Regen. Die Zunge zwischen den Lippen, folgt sie den Scheibenwischern mit den Augen und wiegt sich in die Wischbewegung ein.
Der Heilige Petrus erhört Gayas Gebete fast immer. Der Regen peitscht gegen die beschlagenen Scheiben des Wagens. Draußen ist nichts zu sehen außer Massen von Wasser, die vom Himmel stürzen. Sirups Finger öffnen und schließen den Aschenbecher in der Beifahrertür. Klickklackklickidiklack. Tiko schaut angestrengt zwischen den Sitzen nach vorne.
Ein LKW überholt uns hupend. Als er sich mit einem Mördertempo vor uns wieder einreiht, schwappt eine Riesenwelle auf die Windschutzscheibe. Schwester Miki schaltet die Scheibenwischer auf die höchste Frequenz. Gaya versucht einen kurzen Moment mitzuhalten, dann gerät sie ins Schleudern. Sie greift sich mit beiden Händen an die Ohren und rollt mit den Augen. Ich muss lachen.
„Wasser“, brummt Gaya empört und dreht sich zum Fenster.
Das Lachen bleibt mir im Hals stecken. Ich glaube, ich sollte nicht lachen.
„Heute feiern wir, dass Hovanes’ Papa tot ist“, sagt Tiko zu Sirup, als hätte sie ihn gerade zufällig getroffen und müsste ihm die neuesten Neuigkeiten stecken.
„Hör auf, das zu sagen!“, fährt Gaya sie an.
„Warum denn?“, fragt Tiko beleidigt.
„Weil man so was nicht sagt“, brummt Gaya.
„Aber wir machen doch eine Feier?“, ruft Tiko nach vorne.
„Ja“, nickt Sirup.
„Weil Hovanes’ Papa gestorben ist, nicht?“
„Ja“, bestätigt Sirup.
„Also feiern wir, dass er tot ist!“, ruft Tiko triumphierend.
„Gaya, ruhig Blut!“, sagt Schwester Miki schnell, bevor Gaya mit den Fäusten auf Tiko losgehen kann.
„Wir veranstalten heute eine Gedenkfeier“, erklärt Schwester Miki und fixiert dabei abwechselnd Gaya und Tiko im Rückspiegel. „Weil sich heute der Tag jährt, an dem Hovanes’ Vater seiner Krankheit erlegen ist.“
Tiko streckt Gaya blitzschnell die Zunge heraus. Aber nicht schnell genug.
„Aber du darfst nicht sagen, dass wir ‚feiern‘, Tiko“, sagt Schwester Miki streng. „Denn feiern tut man nur, wenn man Grund zur Freude hat. Und freust du dich etwa, dass Hovanes’ Vater gestorben ist?“
„Nein“, haucht Tiko unglücklich. „Tut mir leid, Hovanes.“
Ich lege die Hand auf Tikos Schulter.
Mir tut es auch leid.
Mir tut es leid, dass jedes Jahr alle wegen mir zum Friedhof pendeln und eine Gedenkfeier abhalten müssen. Alle bis auf Eilis. Sie ist mit Schwester Rosa zu Hause geblieben. Eilis war nur ein Mal mit. Danach konnte sie nächtelang nicht schlafen. Es war wie ein Albtraum für Eilis, einer, aus dem man nicht mehr aufwachen kann.
Mein Vater hat sich vielleicht gefreut, dass jemand so lange an ihn gedacht hat. Wer hat denn sonst schon Zeit, in der Nacht an die Toten zu denken?
Die Fahrt zum Friedhof dauert nicht lange. Schwester Miki parkt das Auto und wir gehen gemeinsam zum Grab des Mannes, der mein Vater war. Fünf Regenmäntel in Rot, Grün und Gelb kämpfen sich durch die Wassermassen. Das Plastik bläht sich knisternd auf im Wind.
Wir wissen alle genau, wo es ist. Zweite Reihe rechts, ganz hinten in der Ecke.
Heute bin ich zum zwölften Mal hier. An das erste Mal habe ich keine Erinnerung. Ich war noch viel zu klein. Ich konnte noch nicht einmal alleine stehen.
Wer mich wohl gehalten hat, während sie ihn begraben haben? Ich glaube, als mein Vater gestorben ist, war Mama schon weg. Da hatte sie schon ein neues Leben. Ohne uns.
Ob ich geweint habe?
Jemand muss mich gehalten haben.
Ich kann mich nur an die Gedenktage mit den Schwestern erinnern. Dass mich Schwester Rosa an der Hand genommen und zum Grab meines Vaters geführt hat. Seither ist es jedes Jahr das Gleiche.
Wir stellen uns rund um das Grab auf. Schwester Miki macht das Kreuzzeichen. Wir machen es gehorsam nach.
Wir beten.
Schwester Miki beginnt mit dem Vaterunser. Ich versuche die Lippen zu bewegen, ohne Regen zu schlucken und lasse den Blick schweifen.
Gaya steht da, das Gesicht halb von der großen Kapuze verdeckt, die Augen geschlossen. Der Wind trägt ein leises Murmeln zu mir herüber. Tiko betet laut und voller Selbstvertrauen ihre eigene Version des Vaterunsers.
Sirup steht auf dem Stein des Nachbargrabes und versucht, auf einem Bein zu balancieren. Schwester Miki zupft ihn am Mantel. Sirup macht einen Satz, landet mit beiden Füßen am Boden und ruft laut: „Amen!“
Genau im richtigen Moment.
Glückselig die Armen im Geist.
Jetzt kommt mein Auftritt.
Ich nehme vorsichtig die Rose aus Schwester Mikis Hand und lege sie neben das ewige Licht auf das Grab.
Das sollte jetzt ein besonderer Moment sein.
Jetzt sollte ich irgendetwas spüren. Jetzt sollte ich mich mit meinem Vater verbunden fühlen. Spüren, dass er irgendwie da ist.
Aber ich spüre nichts.
Ich stehe wieder auf und stelle mich zurück zu den anderen.
Wer möchte, kann ein kleines Gebet sprechen.
„Ich bitte für Hovos Papa, dass er es gut hat im Himmel“, betet Tiko mit geschlossenen Augen. Irgendetwas verschließt mir die Ohren. Ich höre nur Rauschen.
Unterwassersender. Tauchstation.
Ich würde auch gerne eine Fürbitte sagen.
Aber ich kann nicht.
Vielleicht sollte ich weinen. Schwester Miki sagt immer, weinen hilft. Aber das geht nicht. Weil ich nicht will. Weil ich nicht wirklich traurig bin. Ich habe meinen Vater ja nicht einmal richtig gekannt.
Ich bin nur traurig, dass die anderen für meinen Vater beten.
Und ich glaube nicht einmal an den Himmel.
Es regnet immer stärker.
„Die Engel weinen“, sagt Tiko vergnügt.
Schwester Miki scheucht alle zurück in den Bus.
„Gebt mir die Mäntel heraus!“, ruft sie. „Sonst werden die Sitze ganz nass!“
Ich bleibe einfach stehen und lasse den Regen über meine Augenlider laufen. Sie fühlen sich schwer an. Vielleicht sind es all die Bilder, die darauf drücken. Bilder von meinem Vater, wie er mich auf dem Schoß hält oder in die Luft wirft. Die ganz nahe sind. Nur dass ich sie nicht einfangen kann.
„Es ist gut, Hovanes“, sagt Schwester Mikis Stimme plötzlich ganz nah an meinem Ohr.
„Lass es gut sein.“
In der Küche blubbert der Wasserkocher und Schwester Miki rauscht mit einer Wärmflasche an mir vorbei. Es ist die grüne mit dem Froschgesicht. Es zischt seltsam, als Schwester Miki das Wasser einfüllt. Noch während sie den Verschluss festschraubt, verschwindet sie wieder im Bubenzimmer. Knallt die Tür zu und lässt mich hier sitzen.
Ich presse die Zähne zusammen und schlucke. Mein Hals drückt. Blinzelnd schaue ich durch den Türspalt ins Mädchenzimmer. Tiko sitzt an Eilis’ Knie gelehnt und frisiert ihre Puppe.
„Wie spät ist es?“, fragt Tiko.
„Du bist eine kleine Nervensäge“, sagt Eilis. „Ich hab’s dir doch vor zwei Minuten gerade erst gesagt.“
„Wie spät ist es?“, wiederholt Tiko unbeirrt.
Eilis seufzt. „16.53 Uhr“, liest sie von ihrer Armbanduhr ab.
„Und wie spät ist das?“, fragt Tiko.
„Das ist eine Stunde vor dem Abendessen“, sagt Eilis. Sie dreht die Hand, sodass Tiko auf die Armbanduhr sehen kann.
Tiko starrt auf das Ziffernblatt.
„Und warum liegt Sirup dann noch im Bett?“
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