Kitabı oku: «Die Magie von Pax»
Sarah Nicola Heidner
Die Magie von Pax
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Für meine Eltern – danke!
Der ungerechteste Frieden
ist immer noch besser
als der gerechteste Krieg
Marcus Tullius Cicero
Kapitel 1
»Der letzte Schultag. Irre, dass es jetzt soweit ist«, sagte Bea und schüttelte fassungslos den Kopf. Gedankenverloren spießte ich ein Salatblatt auf meine Gabel und schob es mir in den Mund. »Hm«, machte ich. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schülern, wie auch meiner besten Freundin Bea, hatte ich diesem Tag immer mit Schrecken entgegen gesehen. Ich weiß nicht, ob Bea es einfach nicht mehr wahrnahm, oder ob sie sich damit abgefunden hatte, dass ich eine Außenseiterin, ein Freak, war. Ich war ihr unendlich dankbar, dass sie meine Freundin war. Es war zwar nicht so, als würden mich alle in der Schule hassen, aber hinter meinem Rücken verspotteten sie mich dann doch.
Noch sehr gut konnte ich mich an die siebte Klasse erinnern. Ich saß gerade auf der Toilette, als ich meine (damalige!) Freundin Isabell mit ein paar anderen Mädchen hereinkommen hörte. »Warum gibst du dich eigentlich mit Sofia ab?«, fragte eines der Mädchen. »Nun ja, sie ist ein Freak«, sagte Isabell mit ihrer arroganten Stimme (ich weiß nicht, warum ich überhaupt mit ihr befreundet gewesen war). »Aber sie kann auch ganz lustig sein. Wie dem auch sei, in der zehnten Klasse werde ich sie sowieso fallen lassen. Im Moment ist sie mir noch ganz nützlich, denn sie ist wirklich klug und man kann hervorragend von ihr „lernen“. Seid ihr jetzt fertig mit Schminken? Ich muss von unserem Freak noch Geschichte abschreiben.«
Na ja, auf jeden Fall war seitdem nur noch Bea meine Freundin, und alle anderen mieden mich. Ich war ja schon froh, dass ich die zehnte Klasse überstanden hatte. Aber als ich an den heutigen Abend dachte, fing mein Magen an, verrückt zu spielen. »Ist irgendetwas, Sofia?«, fragte Bea. Ich schüttelte den Kopf, dann beschloss ich aber, ihr die Wahrheit zu sagen.
»Ihr alle freut euch so auf die Mentoren, die euch in eurer Magie unterrichten und diese fördern«, sagte ich leise und schaute mich in der Mensa um. An allen Tischen saßen die Oberstufenschüler mit einem breiten Grinsen im Gesicht, freuten sich auf den heutigen Abend – die jüngeren Schüler hingegen schauten die älteren neidisch an.
Bea nickte mitfühlend, sagte aber nichts. Was sollte man darauf auch erwidern? Jeder in unserer Stadt Pax hatte Magie, und sei es auch nur die Fähigkeit, Gegenstände zu bewegen, wie die Rotkutten sie hatten, zu denen alle Schüler hier im Schülerhaus zählten. Die Rotkutten beherrschten zwar nur die rangniedrigste Magie, aber dennoch wünschte ich mir jeden Tag (und eigentlich auch jede Nacht), eine von ihnen zu sein. Als meine Schulwahl angestanden hatte, wurde ich einfach auf eine Rotkuttenschule gesteckt. Wahrscheinlich, weil ich denen am ähnlichsten war. Aber alle Schüler hier hatten nun mal Magie, einige konnten vielleicht auch Gebäude verschieben, andere nur Bücher oder Stifte. Aber sie alle waren der Telekinese mächtig. Sie alle konnten etwas, im Gegensatz zu mir. Sie alle hatten Magie – und ich nicht.
»Sofia, du bekommst heute doch auch einen Mentor«, sagte Bea tröstend und biss herzhaft von ihrer Pizza ab. »Ja, und derjenige wird sich auch sehr freuen, jemanden ohne Magie unterrichten zu dürfen«, sagte ich sarkastisch. »Mentoren sind dazu da, die Magie der jeweiligen Schüler auszubilden, damit diese später einen zu ihnen passenden Beruf erlernen können. Aber was soll der Mentor denn schon mit mir machen?«
Ich sollte mich beruhigen. Dadurch, dass ich mal wieder wütend auf mich selbst wurde, bekam ich auch keine Magie. Bea seufzte nur und schaute mich dann aus ihren großen, blauen Augen lieb an. (Das war der Grund, weshalb ich ihr niemals einen Wunsch abschlagen konnte.)
»Wir ziehen uns jetzt gleich um, und dann werden wir unsere Eltern abholen, okay?« Schon wieder ein Grund, weshalb ich mich eigentlich in meinem Bett verkriechen und den Abend verschlafen sollte – das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir war sehr … gespannt (eine nette Umschreibung dafür, dass es ihnen scheiß egal war, was ich machte).
Bea und ich brachten unsere Tabletts weg und liefen dann die breite Wendeltreppe nach oben zu den Schlafräumen. Die Flure waren schmal und grau, an den Wänden blätterte die Farbe ab und die Nummern auf den Türschildern waren schon lange nicht mehr zu erkennen. Das lag daran, dass die Blaukutten, die mächtigsten aller Magier (sie konnten die Elemente beherrschen!), das meiste Geld verdienten und natürlich für sich ausgaben (Idioten).
Beas und mein Zimmer war sehr klein und einfach eingerichtet. Es gab zwei Holzbetten, einen großen Schreibtisch, den wir uns teilen mussten – der deshalb auch ziemlich chaotisch aussah – und einen alten Schrank, dessen linke Tür vor Jahren einmal herausgefallen war, sodass jetzt jeder, der unser Zimmer betrat, als erstes unsere Schlafanzüge sehen konnte (nicht, dass uns – besonders mich – sehr viele besuchen würden).
Bea hatte darauf bestanden, dass ich auch ein Kleid anziehen musste. Sie sah aus wie ein Engel, in ihrem roten Kleid, das perfekt zu ihren Augen passte. Ihre blonden, lockigen Haare fielen ihr sanft auf die Schulter. Ich lächelte sie an. Mein Kleid war ebenfalls rot, weil die Rotkutten nicht nur im Beruf oder in der Schule rot trugen, sondern sich auch meistens im Alltag auf diese Farbe beschränkten. Ich hatte das Kleid selbst ausgesucht, weil ich nicht auffallen wollte – und nicht, weil ich mich wirklich den Rotkutten zugehörig fühlte. Tatsächlich sah ich sehr unauffällig aus, als Bea und ich uns im Spiegel in unserem kleinen Badezimmer betrachteten. Das Kleid passte zu meinem dicken, schwarzen Haar, und meine dunklen Augen funkelten gefährlich (okay, ich wusste, warum mich alle für einen Freak hielten. Nicht nur, dass ich keine Magie hatte, ich sah auch noch aus wie ein Freak). Hoffentlich würden die Schüler heute mit ihren Eltern lieber über die Mentoren, die sie bekommen würden, reden, und nicht über den magielosen Freak an ihrer Schule.
»Bereit?«, fragte Bea und öffnete die Tür. Auf dem Flur standen rotgekleidete Schüler in Gruppen zusammen, hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich aufgeregt über den bevorstehenden Abend. Während sie jedoch von Freude erfüllt zu sein schienen, krampfte sich mein Magen bei dem Gedanken an die Mentoren und meine Eltern zusammen.
»Nein, kein bisschen«, ich schüttelte den Kopf und folgte Bea nach draußen.
Bea und ich mischten uns unter die Schülermenge, die in Richtung Eingangshalle strömte. In der riesigen Halle angekommen, löste sich die Menge auf und die Schüler liefen kreischend auf ihre Eltern zu, die sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatten. Überall lagen sich Familien in den Armen und der Lärmpegel stieg von Minute zu Minute an, weil immer mehr Schüler ihren Eltern hysterisch schreiend um den Hals fielen. Mein Magen zog sich zusammen und ich klammerte mich an Beas Arme.
»Ich geh dann mal«, sagte sie leise zu mir und begrüßte ihre Eltern, die mich mit einem abschätzigen Blick bedachten. Natürlich wollte niemand, dass ihre Tochter mit mir befreundet war. In diesem Moment sah ich meine Eltern, eine kleine Frau mit rötlichen Haaren und den dicken Mann neben ihr. Zögerlich machte ich ein paar Schritte auf sie zu und der Mund meiner Mutter verzog sich sofort.
»Hallo Sofia«, sagte sie kühl, mein Vater schwieg.
»Äh … Hi«, sagte ich vorsichtig.
»Wir haben gehört«, meine Mutter senkte die Stimme, »dass du trotz deiner fehlenden Magie einen Mentor bekommst. Ist das wahr?« Ich nickte mit trockenem Mund. Wie ich die Gespräche mit meinen Eltern hasste! Sie arbeiteten beide als Zaubertrankmischer, kein besonders angesehener, aber auch kein schlechter Beruf. Rotkutten hatten allgemein nicht viele Aufstiegsmöglichkeiten.
»Nun denn, hoffen wir, dass er dir ein bisschen helfen kann. Hast du dich übrigens schon einmal umgesehen wegen deines Berufes? Ich schätze mal, du wirst in einer Familie das Hausmädchen spielen können. Ich habe gehört, dass Familie Meier jemandem zum Putzen sucht, sie ist ja eine der angesehensten Rotkuttenfamilien. Es wäre wahrscheinlich die einzige Möglichkeit für dich, an ein bisschen Geld zu kommen. Was meinst du dazu, Sofia?«
Ich wollte das alles gar nicht hören, wollte meine Zukunft nicht im Blick haben. Vor allem wollte ich nicht, dass meine Eltern mir vorschrieben, was ich zu tun hatte.
»Ich habe noch zwei Jahre mit meinem Mentor«, sagte ich deswegen bestimmt. »Und außerdem bin ich sechzehn und sehr wohl in der Lage, mich alleine zu informieren.«
Wir schwiegen; es war ein unangenehmes Schweigen, das mich unruhig machte und den Blick senken ließ. Ich seufzte erleichtert auf, als der Direktor die Halle betrat und sofort auch alle anderen Gespräche verstummten. Yu Weiß war ein großer, schlaksiger Mann mit kurzen, braunen Haaren. Man munkelte, er sei eine Blaukutte, aber niemand wusste das genau. Ich glaubte, dass er mindestens eine Schwarzkutte wäre, die sehr viel mehr Macht als die Rotkutten hatten, aber noch nicht so viel wie die Blaukutten. Schwarzkutten gab es häufiger, sie machten etwa achtzehn Prozent der Bevölkerung aus, Blaukutten nur zwei. Der Rest waren Rotkutten. Allerdings waren Schwarzkutten böse und der Schulleiter schien mir sehr freundlich zu sein, also traf das vermutlich nicht zu.
»Die Mentoren sind nun bereit. Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Der Strom aus Eltern und Schülern führte uns aus der Halle hinaus durch die Mensa in unseren Saal, in dem alle Feiern abgehalten wurden. Die Bänke waren längs auf dem zerkratzen Boden verteilt aufgestellt; vorne auf der Bühne standen etwa dreißig Mentoren vor den geflickten, zugezogenen Vorhängen.
Meine Eltern und ich setzten uns in eine der letzten Reihen und warteten schweigend, bis Yu Weiß die Bühne betrat.
»Liebe Eltern, liebe Schüler«, begann er mit seiner sanften Stimme. »Schon wieder ist ein Jahr vorbeigezogenen und nun haben genau zweiunddreißig Schüler den zehnten Jahrgang hinter sich gelassen. Morgen schon wird der Unterricht der Mentoren beginnen. Ihre Kinder begeben sich nun auf den Weg der Entfaltung ihrer Kräfte. Das hat viel mir ihrer Magie, aber auch mit der geistigen Stärke jedes einzelnen zu tun. Was die Mentoren von den Schülern halten, ist sehr wichtig, auch für den späteren Beruf. Aus diesem Grund sind es sehr kluge Rotkutten, die sich unserer Schüler annehmen werden. Ich selbst habe die Mentoren dieses Jahr ausgewählt und auch ich bin dieses Jahr Mentor.«
Sofort tuschelten die Schüler in den Reihen vor mir. Jeder wollte Yu Weiß als Mentor haben, aber wahrscheinlich würde er die mächtigste Rotkutte meines Jahrgangs nehmen: Isabell.
Ich senkte den Blick und schlug unruhig meine Beine übereinander.
»Ich will euch, liebe Schüler, aber auch nicht zu sehr langweilen. Wenn ich eure Namen vorlese, begebt ihr euch bitte mit euren Eltern nach vorne auf die Bühne … Isabell Scheft!«
Ich hob wieder den Kopf und sah, wie Isabell mit erhobenem Kinn nach vorne lief, flankiert von ihren Eltern, und sich neben Yu Weiß stellte. Der erste Mentor in der Reihe trat vor, ein kleiner, stämmiger Mann mit einem etwas merkwürdigen Gesicht (es sah ehrlich gesagt aus, als wäre er gegen eine Wand gelaufen) und Isabell verbeugte sich vor ihm. Die Abfolge hatten wir vor ein paar Wochen mit unserer ehemaligen Klassenlehrerin geübt. Der Mann nahm etwas Wasser aus einer Schale, die Yu Weiß ihm reichte, und ließ drei Tropfen auf ihren Kopf herunterfallen.
»Im Name der Rotkutten«, sagte er und träufelte noch etwas Wasser auf ihren Kopf, »der Schwarzkutten«, drei Tropfen rieselten auf ihren Kopf, »und der Blaukutten. Isabell Scheft, wirst du mir gehorchen, um deine Magie zu entfalten? Wirst du mir Glauben schenken, was auch immer ich dir erzähle, und meiner Meinung vertrauen?«
Isabell nickte. »Ja, ich werde.« Die Menge klatschte, und Isabell und ihre Eltern setzten sich wieder, auf ihren Gesichtern prangte ein breites Grinsen.
Ich wusste, warum Isabell als erste nach vorne hatte gehen dürfen; sie hatte am meisten Magie, und bekam aus diesem Grund auch den ersten Mentor. Am Ende der Klasse zehn hatten wir eine Art Abschlusszeugnis erhalten, auf dem der Grad unserer Magie stand. Auf meinem Stand 0 (nachvollziehbar), Isabell hingegen hatte 17 Magiepunkte erhalten, Bea 9. 17 Magiepunkte waren für Rotkutten schon ziemlich viele, natürlich nichts gegen Blaukutten. (Ich hatte gehört, dass ihre Magie bis zu 86 Punkte erreichte!)
Es folgten ein paar Kutten aus meiner Parallelklasse, dann zwei Jungen aus meiner Klasse und Bea. Ich lächelte sie an, als sie nach vorne ging, so anmutig wie sie lief, konnte man es fast fliegen nennen. Ihr Mentor war eine große Frau, die verkniffen schaute und ihr so viel Wasser aufs Haar schüttete, dass es ihr in die Augen lief. Aber Bea grinste tapfer und zwinkerte mir zu, was ihre Eltern mit einem leichten, ungläubig Kopfschütteln quittierten. Je mehr Schüler aufgerufen worden, desto unruhiger wurden meine Eltern. Ich fragte mich wirklich, wieso. Ihnen war doch klar, dass ich die wenigste Magie von allen hatte (nämlich gar keine) und deshalb als Letzte aufgerufen werden würde.
Die Mentoren, die schon Schülern zugeteilt worden waren, verschwanden hinter dem Vorhang, sodass ich immer genau wusste, wie viele Mentoren noch übrig waren. Bald darauf stand nur noch Yu Weiß auf der Bühne. Das konnte nicht wahr sein! »Wir haben dieses Jahr ein besonderes Mädchen bei uns«, sagte der Direktor und ich schaute auf meine Füße. Bitte nicht, betete ich. Bitte sag es jetzt nicht!
»Sie hat keine Magie«, widersetzte Yu Weiß sich meiner stummen Bitte. In diesem Augenblick drehten sich alle Eltern um und starrten mich an. Meine Mutter rückte unauffällig (wie sie wahrscheinlich dachte) ein bisschen von mir weg. »Und die meisten Mentoren, die ich gefragt habe, wussten nicht, was sie sie lehren sollten. Aus diesem Grund werde ich mich ihrer annehmen.« Sofort entbrannte Protest, vor allem von den Eltern der ersten Schüler (angeführt natürlich von Isabells Mutter und Vater). »Warum unterrichten Sie denn nicht die Mächtigsten?«, brüllte Isabells Vater. Doch ein Blick von Yu Weiß brachte ihn zum Schweigen. »Kommst du nach vorne, Sofia Winters?«
Ich konnte ihre Blicke förmlich spüren, als ich nach vorne ging. Der Direktor lächelte mich leicht an. »Keine Magie ist auch eine Magie«, sagte er leise, sodass nur ich es hören konnte, und hob die Schale. »Im Namen der Rotkutten, der Schwarzkutten und der Blaukutten. Sofia Winters, wirst du mir gehorchen, um deine ganz eigene Magie zu entfalten? Wirst du mir Glauben schenken, was ich dir auch immer erzähle und meiner Meinung vertrauen?« Das Wasser, das er auf meinen Kopf träufelte, machte mich merkwürdig ruhig und ließ mich die ganzen empörten und teilweise auch entsetzten Gesichter, die in diesem Moment zu mir hochstarrten, vergessen.
Ich nickte. »Ja, ich werde.«
Meine Eltern verschwanden als erste. Kaum waren sie weg, verkroch ich mich in meinem Zimmer, um den wütenden Blicken meiner Mitschüler und den Eltern zu entgehen, die sich noch im Saal versammelt hatten, um zu feiern und später in der Mensa zu essen. Natürlich waren auch Bea und ihre Eltern dort geblieben, sodass ich mich in mein Bett kuschelte und meinen Gedanken nachhing. Ich versuchte mich zu beruhigen, aber je mehr ich es versuchte, desto zorniger wurde ich. Gönnte mir denn niemand auch nur einen kleinen Triumph? Gönnte mir niemand eine Ausbildung?
Mir schnürte es die Luft zu und ich öffnete das Fenster, um ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen. Draußen stürmte es, was es eigentlich sehr selten tat. Das Wetter war beständig und obwohl wir Spätherbst hatten, war es nicht viel kühler als im Sommer und ich nahm auch nicht an, dass die Temperaturen bis zum Winter besonders weit fallen würden.
Der Wind fegte mir ins Gesicht und ließ meine Haare hinter mir tanzen. Ich genoss die kühle Luft, die ins Zimmer wehte und begann mich zu beruhigen. Sollten meine Mitschüler und von mir aus auch deren Eltern doch reden. Ich hatte einen Mentor – wahrscheinlich einen der besten. Ich blieb noch einen Moment am Fenster stehen, so lange, bis sich der Sturm langsam legte. Ich beschloss, nicht zum Abendessen zu gehen. Beas Eltern würden noch da sein und mit ihnen wollte ich bestimmt nicht essen. Ich konnte mich ja immer noch nachts runter schleichen, bei so etwas hatte ich eine gewisse Routine. Das erste Mal war ich auch wegen der ersten Stunde der Mentoren aufgeregt und verspürte nicht nur die gewöhnliche Angst. Yu Weiß war der einzige, der mich bisher normal behandelt hatte (und ich spreche nicht nur von Schülern, sondern auch von Lehrern). Vielleicht würden die nächsten zwei Jahre doch nicht so schlimm werden.
Bea kam erst am späten Abend in unser Zimmer. »Lass sie reden«, sagte sie nur. »Du hast echt Glück. Yu Weiß ist wirklich nett und meine Mentorin – Quandri – wirkt sehr streng.« Wir redeten nicht viel an diesem Abend, weil es nichts zu sagen gab. Morgen würde sich klären, wie das mit den Mentoren lief und ob die anderen Schüler mir meinen kleinen Erfolg noch übel nehmen würden.
Ich schlief nicht viel in dieser Nacht. Irgendwann lief ich nach unten in die Küche und nahm mir etwas Nachtisch. Ich war so häufig nachts essen gewesen, dass ich den Weg ohne Probleme im Dunkeln fand. Ich hasse es, wenn man weiß, dass man am nächsten Morgen ausgeschlafen sein muss, aber nicht einschlafen kann. So war das auch heute. Ich dachte gar nicht so viel über die Mentoren nach, eher über meine Eltern. Ich hatte gehofft, dass sie sich doch verändert hatten. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Vielleicht, dass sie mir sagten, wie sehr sie mich vermisst hatten. Immerhin hatten sie mich seit zwei Jahren nicht gesehen. Meine Eltern waren keine, die zu den Besuchertagen kamen wie Beas Mutter und Vater.
Manchmal fragte ich mich, ob das nur daran lag, dass ich keine Magie hatte. Ich konnte mich einfach zu wenig an früher erinnern, als es noch normal war, dass sich keine Anzeichen der Magie zeigten.
Ich wusste nicht, wann ich endlich eingeschlafen war. Irgendwann wachte ich jedenfalls von dem Geräusch der Dusche auf. Bea duschte jeden Morgen vor mir, und normalerweise liebte ich es, im Bett zu liegen und dem Rauschen des Wassers zu lauschen. Doch heute war ich viel zu nervös. Ich wusste nur, dass die Mentoren uns beim Frühstück abholen würden und wir auch Vormittags- und Nachmittagsunterricht haben würden.
Nachdem Bea und ich fertig waren, liefen wir nach unten in die Mensa. Die Schlange reichte mal wieder bis zur Tür. Ich stellte mich hinter einer Sechstklässlerin an und nahm mir ein Tablett. Wie immer konnten sich vorne manche nicht entscheiden und hielten alle anderen auf. Als wir endlich beim Buffet angekommen waren, nahm ich mir Müsli und Bea sich ein Brötchen, dann setzten wir uns an unseren Stammtisch ganz am Ende des Raumes an der Fensterseite.
Kaum hatte Bea einmal in ihr Brötchen gebissen, stand ihre Mentorin von ihrem Platz am Lehrertisch auf und kam zielstrebig auf sie zu.
»Du kannst mich Quandri nennen, Bea. Ich möchte anfangen. Folgst du mir bitte?« Mich ignorierte sie eiskalt. Nicht, dass ich so etwas nicht gewohnt wäre, die Lehrer waren da nicht viel besser als die Schüler. Bea schaute leidend auf ihr angebissenes Brötchen, stand dann aber auf und lächelte mir nervös zu.
»Viel Glück«, formte ich lautlos mit den Lippen, dann folgte Bea ihrer Mentorin Quandri aus der Mensa. Alleine aß ich mein Müsli auf und beobachtete, wie nach und nach alle älteren Schüler von ihren Mentoren abgeholt wurden, bis nur noch die Unter- und Mittelstufenschüler da waren, deren Unterricht erst um kurz nach neun Uhr begann.
Ich dachte schon, dass mich niemand mehr abholen würde, als Yu Weiß die Mensa betrat.
»Sofia, kommst du mit?«, fragte er und ich stand sofort auf. Wir gingen in einen leerstehenden Klassenraum, der nicht von den Klassen genutzt wurde. Yu Weiß setzte sich auf (ja, auf! Das machte ihn sehr sympathisch) das Lehrerpult und ich nahm auf der Fensterbank Platz. »Weißt du, was die Magie der Schwarzkutten ist?«, fragte er sofort ohne eine Art von Erklärung oder Einleitung á la »Ich bin jetzt dein neuer Mentor und erzähle dir erst einmal etwas von den Themen, die wir ansprechen werden.«
»Sie beherrschen die Nekromantie – Totenmagie. Aber niemand weiß wirklich, welche Magie sie haben. Die Schwarzkutten schotten sich sehr von uns ab«, sagte ich sofort und schauderte. Schwarzkutten waren gefährlich. Sie waren sehr mächtig, standen aber nicht, wie die Blaukutten, für Weisheit und Güte, sondern für List und Falschheit. Das war natürlich nicht fair, weil es natürlich auch miese, arrogante Blaukutten und nette Schwarzkutten gab, aber dennoch hatten die Schwarzkutten eben diesen Ruf – und auf die Mehrheit trafen die Eigenschaften List und Falschheit auch zu.
»Und ab welchem Jahr setzt die Magie bei Kindern ein?«
Ein heikles Thema für mich. »Ab sechs Jahren«, sagte ich leise. Ich wusste nicht, wie lange Yu Weiß mir Fragen stellte. Es gab allgemeine Fragen, dann bezogenen sie sich auch wieder auf ein bestimmtes Kraut oder eine Art von Magie. Irgendwann nickte er. »Du weißt wirklich viel, Sofia. Das ist eine gute Grundlage. Du fragst dich sicher, was ich mit dir machen werde, da du keine Magie beherrschst.«
Ich zuckte zusammen, aber er redete einfach weiter. »Wir werden hier natürlich viel Theorie machen, aber auch etwas anderes. Und ich muss dir das Versprechen abnehmen, darüber mit niemandem, wirklich niemandem, zu sprechen. In Ordnung?«
Verwirrt nickte ich. Was wollte er denn mit mir schon machen?
»Gut«, sagte er. »Denn ich werde dich ein bisschen auf das Leben vorbereiten. Ich möchte, dass du fragst, wenn du etwas nicht verstehst. Aber ich werde dir nicht sagen, warum wir bestimmte Dinge tun. Das bedeutet, dass du lernen musst, mir zu vertrauen. Du kannst jetzt zum Mittagessen gehen. Nach der Pause hole ich in deinem Zimmer ab.«
Sehr verwirrt machte ich mich auf den Weg zum Mittagessen. Bea saß schon an unserem Tisch und stocherte in ihren Nudeln herum.
»Sie ist schrecklich«, zischelte sie mir zu, als ich mich neben sie setzte und deutete mit dem Kopf in Richtung Lehrertisch. »Wir haben die ganze Zeit nur Gegenstände verrückt«, stöhnte sie. »Kein Wort hat Quandri gesagt. Kein Wort! Na ja, wie war es bei dir?«
»Yu Weiß hat die ganze Zeit Fragen gestellt«, sagte ich vorsichtig. »Ich bin mal gespannt, was wir beim Nachtmittagsunterricht machen.« Ich wollte Bea von den Andeutungen erzählen, aber ohne dass ich wusste, worum es überhaupt ging, machte es wenig Sinn.
Bea war wegen Quandri schlecht gelaunt und so gingen wir gleich nach dem Essen auf unser Zimmer und übten Gegenstände verschieben (Bea natürlich, ich feuerte sie nur an). Ich liebte es, wenn sie Kissen allein mit Gedankenkraft durchs Zimmer fliegen ließ und war mir sicher, dass Quandri stolz auf sie sein würde.
Quandri holte Bea als erstes ab, sie kam (ohne zu Klopfen übrigens!) in unser Zimmer und das Kissen, das Bea mir gerade ohne es zu berühren an den Kopf werfen wollte, segelte langsam auf halbem Weg zu Boden.
Quandri hob die Brauen. »Gut, dass du übst«, sagte sie gönnerhaft und nickte mit dem Kopf in Richtung Tür. Bea trottete ihr missmutig hinterher. Yu Weiß kam dieses Mal sehr kurz nach Quandri, um mich abzuholen – im Gegensatz zu ihr klopfte er jedoch höflich an, und stürmte nicht einfach in unser Zimmer.
Ich folgte ihm wieder in ein leeres Klassenzimmer. Kaum hatten wir den Raum betreten, als Yu Weiß sich ein Stück Kreide aus dem Behälter neben der Tür nahm und etwas an die Tafel schrieb:
1. Beobachten
2. Verstehen
3. Reagieren
Seine Schrift war ordentlich und gerade – was für Mentoren und Lehrer meiner Meinung nach sehr ungewöhnlich war. Die Schrift der meisten Lehrer, die ich in den letzten zehn Jahren gehabt hatte, konnte man in etwa so gut entziffern, wie mir Magie beibringen. Verwundert setzte ich mich auf einen der Tische in der ersten Reihe und ließ meine Füße baumeln. »Das«, sagte Yu Weiß, »ist sehr wichtig. Ich möchte, dass du dir das einprägst. Alles was du tust, sollte auf diesen drei Dingen beruhen. Du beobachtest etwas, erschließt, was passiert ist und reagierst angemessen.«
Ich runzelte immer noch verwirrt die Stirn, weil ich nicht wusste, was er mir damit sagen wollte. »Ich nenne dir ein Beispiel«, sagte Yu Weiß, der mir wohl ansah, dass ich ihn nicht verstand. »Angenommen, ich würde jetzt zusammenbrechen und Blut spucken. Du würdest sehen, was mit mir passiert, dann würdest du dich hoffentlich daran erinnern, dass vor allem Babaspilze eine solche Wirkung haben. Deine Reaktion wäre das Holen eines Krankenwagens. Verstehst du, was ich meine?«
Ich nickte langsam. Ja, ich verstand, was er meinte, aber ich wusste immer noch nicht, was er mir damit sagen wollte. Warum dachte er, dass so etwas gerade für mich wichtig wäre, mich aufs Leben, wie er gesagt hatte, vorbereiten würde?
»Nun, ich möchte, dass du das anwendest. Nicht nur bei alltäglichen Gelegenheiten, sondern überall. Wenn du etwas Merkwürdiges siehst, das du nicht verstehst, solltest du dir Informationen beschaffen, damit du es verstehst und anschließend reagieren kannst.«
Den Rest des Unterrichts redeten wir über Magie im Allgemeinen, wie sie sich auswirkte, wenn sie begann (beispielsweise litten viele sechsjährige, wenn sie ihre Magie bekamen, unter Schlafstörungen, Fieber und Kopfschmerzen).
Beas Mentorin Quandri war wohl genauso merkwürdig wie Yu Weiß.
»Sie meinte, ich solle Mentorin werden«, Bea tickte sich gegen die Stirn. Ich saß mit angezogenen Beinen auf dem Rand der Dusche, während Bea sich schminkte. (Sie hatte vor, Luis heute zu fragen, ob sie sich mal treffen wollten. Seit der achten Klasse waren die beide eines von diesen Fast-Paaren, bei denen man sich fragt, weshalb sie noch nicht zusammen sind.)
»Genau, ich. Sehr lustig. Morgen will sie mit mir in die Stadt fahren und ein paar Dinge besorgen, die wir bewegen können. Keine Ahnung, woran sie so denkt. Sessel vielleicht«, Bea grinste und steckte ihre Schminksachen wieder in ihre kleine Tasche zurück. »Und was habt ihr gemacht?«
Ich erzählte ihr von den drei Stichworten an der Tafel. »Ich hab das Gefühl, dass Yu Weiß ziemlich merkwürdig ist«, sagte ich. »Ob das gut oder schlecht ist – keine Ahnung.«
Bea schaffte es an diesem Abend tatsächlich, Luis zu fragen. Sie verabredeten sich für das Wochenende in einem Restaurant in der Stadt (was natürlich nicht erlaubt war) und Bea vergaß sogar ihren Ärger wegen ihrer Mentorin Quandri. Erst als wir in den Betten lagen, kamen wir wieder auf unsere Mentoren zu sprechen.
»Kopf hoch und Schultern raus, Bea«, ahmte Bea die Stimme ihrer Mentorin nach.
Ich musste lächeln. Ehrlich gesagt hatte ich mir das alles schlimmer vorgestellt. Meine Mitschüler beachteten mich immer noch so wenig wie früher – sie schienen den Ärger darüber, dass der Schulleiter mich unterrichte, über ihre erste Mentorenstunden wieder vergessen zu haben – und Yu Weiß war vielleicht ein Mentor mit vielen Merkwürdigkeiten, aber keineswegs mies oder nervig. Im Gegenteil – ich hatte das Gefühl, dass er sehr klug war.
Die nächsten Stunden mit Yu Weiß waren sehr interessant, auch wenn ich langsam aber sicher zu dem Schluss kam, dass er den letzten Schuss nicht gehört hatte. Wahnsinn und Klugheit lagen nun mal sehr nah beieinander. Bea war mit Mentorin Quandri nicht wirklich zufrieden und das besserte sich auch in den nächsten Tagen nicht. Ich lernte Quandri das einzige Mal kennen, als sie mit Bea so unzufrieden war, dass sie der Meinung war, beim Abendessen ihre Lehreinheit fortzusetzen zu müssen. Sie wirkte sehr arrogant und schien sich nur auf ihren Stoff zu konzentrieren, so wie sie Bea herumkommandierte.
Ich war so vollkommen mit Yu Weiß’ Arbeit (und seinen Hausaufgaben) beschäftigt, dass ich praktisch keine Zeit für andere Dinge fand.
Nachdem Luis und Bea ein paar Mal miteinander ausgegangen waren, saß er jetzt immer an unserem Tisch in der Mensa (was schon ein Fortschritt war).
Der Unterricht mit Yu Weiß wurde immer anspruchsvoller, ein paar Stunden konzentrierten wir uns total auf Heilpflanzen und die Woche darauf nur auf die Magie der Rotkutten.
»Natürlich ist die Magie bei jeder Kutte unterschiedlich«, erklärte Yu Weiß mir, während wir in einem der leeren Klassenräume saßen, »aber alle Rotkutten sind der Telekinese mächtig, das heißt, sie können Gegenstände bewegen. Die Schwächeren schaffen es vielleicht nur, eine Feder schweben zu lassen, aber die Besten können Häuser verschieben. Diese wenigen werden normalerweise Architekten.« Dann schauten wir uns Studien über die Magiepunkte der Rotkutten an, die ich mir einprägen sollte.
Ich dachte schon, dass das Leben so eigentlich doch ganz schön war, auch ohne Magie. Ich lernte wirklich viel von Yu Weiß, und auch wenn es anstrengend war, bis spät in die Nacht an Büchern oder Arbeitsblättern zu sitzen, interessierte es mich. Und, was fast das Wichtigste für mich war: Er behandelte mich wie eine normale Rotkutte.
Kapitel 2
Ein paar Wochen später folgte ich Yu Weiß nach dem Frühstück quer durch das ganze Schülerhaus (so nannten sich die Gebäude, in denen Schüler nach dem Entdecken ihrer Magie unterrichtet wurden).
»Warum gehen wir nicht wieder in einen leeren Klassenraum?«, fragte ich.
»Das wirst du sehen«, antwortete er nur. »Jetzt musst du dich an das Versprechen erinnern, das du mir gegeben hast.«
Ich kannte das Schülerhaus der Rotkutten nicht so gut, wie man einen Ort, an dem man fast die gesamte Zeit seines Lebens verbracht hatte, eigentlich kennen müsste. Das lag aber vor allem daran, dass ich es vermieden hatte, mit anderen Leuten durch die Korridore zu gehen, oder auch nur von anderen gesehen zu werden. Tatsächlich fiel mir auf, als ich gerade darüber nachdachte, dass ich eigentlich die ganze Zeit entweder in den Klassenzimmern, in der Mensa oder aber in meinem Zimmer verbracht hatte.
Schließlich drückte Yu Weiß eine Tür auf, und ich fand mich in einem Raum wieder, den man nur als eindrucksvoll beschreiben kann.
Der Raum (viel eher eine Art Saal) war riesig. Die linke Seite bestand nur aus Fenstern und das morgendliche Sonnenlicht spiegelte sich auf der gegenüberliegenden Wand des Raumes, an der die Statue stand. Natürlich hatte ich im Unterricht von den Göttern der verschiedenen Kutten gehört, aber als Nichtmagier hatte mich es nicht sonderlich interessiert. Die Götter waren sowieso nicht auf meiner Seite. Aber dennoch konnte ich nicht anders, als die Statue des Rotkuttengottes zu bewundern. Sie reichte fast bis zur Decke, und die langen, kräftigen Beine standen auf einem runden Plateau. Der Gott (ich konnte mich daran erinnern, dass er Armet hieß) hielt in der Rechten Pfeil und Bogen, das Zeichen der Rotkutten. »Du darfst auch nicht von diesem Raum erzählen, Sofia«, sagte Yu Weiß und riss mich aus meinen Gedanken. Ich wandte den Blick von der Statue ab und nickte. Obwohl ich keine Ahnung hatte, warum ich ihm diese Versprechen geben musste, vertraute ich meinem Mentor. Ich hatte nur auf die beeindruckende Statue geachtet, aber der Raum war nicht vollkommen leer. In der Mitte waren Matten auf dem glatten Mamorboden ausgebreitet, und an der Wand hingen Waffen. Fasziniert trat ich näher. Ich hatte noch nie solche Waffen gesehen, da man normalerweise seine Magie nutzte, sollte man angegriffen werden. Das dachte ich jedenfalls.
Der Großteil der Waffen waren Pfeil und Bogen, aber es gab auch lange Metallstäbe, die Yu Weiß »Lanzen« nannte, »Dolche« und »Schwerter«.
Nachdem ich mir die Waffen angeschaut hatte, setzten Yu Weiß und ich uns auf die Matten in der Mitte des Raumes.
»Wenn du kämpfst«, sagte er eindringlich, »kämpfst du nicht mit Magie, wie du vielleicht denkst. Die meisten nehmen das an, aber das liegt daran, dass sie noch nie wirklich gekämpft haben. Wenn man in einem Kampf Magie einsetzt, ist man viel zu schnell erschöpft und wird vielleicht sogar ohnmächtig und das ist das Letzte, was man sich vor einem Feind erlauben kann. Deshalb gibt es diese Waffen, die ich dir gerade benannt habe.« Yu Weiß stand auf, ging zu der Wand mit den Waffen und nahm eine in die Hand.
»Dolche sind Stichwaffen, die zur Waffenart der Messer gehören«, erklärte Yu Weiß. »Siehst du hier die Klinge? Sie ist zweischneidig, und etwa vierzig Zentimeter lang. Das Griffstück besteht hier aus Holz, es gibt aber auch weit bessere Modelle aus Jade oder Elfenbein.«
Es klingelte, die Mittagspause hatte begonnen. »Warum …«, fragte ich, »warum erzählen Sie mir das alles? Ich werde nie kämpfen, sondern irgendwo in einem Haushalt putzen oder etwas in der Art.«
Yu Weiß lächelte mich verständnisvoll an. »Allgemeinwissen«, sagte er sanft, aber ich glaubte ihm kein bisschen. Waffen oder auch nur Kämpfen hatte ganz sicher nichts mit Allgemeinwissen zu tun und das lag nicht nur daran, dass die anderen Mentoren den Schülern das nicht beibrachten.
Beim Mittagessen war ich sehr still, selbst für meine Verhältnisse, und das fiel auch Bea auf. »Alles in Ordnung?«, fragte sie leise, als Luis für uns Nachtisch besorgte, aber ich schüttelte den Kopf.
»Nur viele Hausaufgaben«, log ich und verdrehte die Augen. Ich wollte Bea von der Stunde mit Yu Weiß erzählen, aber ich hatte auch ein Versprechen gegeben. Hin- und hergerissen überlegte ich, ob ich Bea davon erzählen sollte und hatte mich gerade dafür entschieden, als Luis mit einem abwertenden Blick auf mich zwei Puddingschalen brachte und sie vor seinen und Beas Teller stellte. Bea sah mich entschuldigend an.
»Ich hab sowieso keinen Hunger, danke der Nachfrage«, versetzte ich und stand auf. An diesem Abend gingen Bea und Luis zusammen in die Stadt und ich legte mich auf mein Bett und versuchte die Lektüre über Pilze und Kräuter zu lesen, die Yu Weiß mir gegeben hatte. Aber immer wieder drifteten meine Gedanken ab, zu der Stunde mit Yu Weiß und den Fakten über Dolche. Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Yu Weiß war niemand, der etwas ohne Grund machte. Und dass er mir Waffentraining gab, beunruhigte mich zutiefst. Vielleicht, überlegte ich, machte er das aber auch nur, weil ich keine Magie zu Verfügung hatte. Ich musste mich ja irgendwie verteidigen können. Allerdings – wovor sollte ich mich als Putzfrau verteidigen, etwa vor Putzlappen?
Ich konnte nicht einschlafen, und setzte mich deshalb an das Fenster. Draußen war nur der Mond zu sehen und er beleuchtete den gepflasterten Innenhof in einem sanften Licht. In diesem Moment sah ich einen Schatten, nur wenige Meter vom Haus entfernt, auf dem Boden kauern. Ich hätte ihn nicht gesehen, hätte der Mond nicht so hell geschienen. Vorsichtig rutschte ich vom Fensterbrett und schob meine Hand, ohne den Blick von der Gestalt zu lassen, zentimeterweise über die Wand, bis meine Finger den Lichtschalter ertasteten. Dunkelheit fiel über das Zimmer, sobald ich das Licht ausgeschaltet hatte. Da die Gestalt mich jetzt auch nicht mehr sehen konnte, sollte sie nach oben schauen, kletterte ich wieder auf das Fensterbrett. Ich konnte mir nicht vorstellen, was jemand vor dem Schülerhaus der Rotkutten wollte. Vielleicht vor einem der Blaukutten – wenn jemand von einer Blaukutte Goldstücke erpressen oder teure Bücher klauen wollte. Aber hier? Ich wusste nicht, was ich machen sollte, deshalb blieb ich einfach sitzen und beobachtete die Gestalt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann erhob sich die Gestalt, trat ein paar Schritte zurück und verschmolz mit der Dunkelheit. Mir lief ein Schauer über den Rücken, ohne dass ich genau sagen konnte, weshalb. Wahrscheinlich gab es eine natürliche Erklärung dafür, dass jemand in der Dunkelheit dort unten hockte, als ob er auf jemanden warten würde, nur um ihm gleich an die Kehle zu springen. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, welche.
Ich war noch wach, als Bea die Tür zu unserem Zimmer leise öffnete und im Bad verschwand. Mit geschlossenen Augen lag ich da und lauschte dem unregelmäßigen Rauschen unseres Wasserhahns. Immer wieder musste ich an den merkwürdigen Schatten unter meinem Fenster denken, und es war weit nach Mitternacht, als ich endlich einschlief.
Das Wochenende verbrachten wir wie immer; am Samstagmorgen lagen Bea und ich bis Mittag im Bett und aßen dann in der Mensa »Frühstück«. Danach zeigte Bea mir, wie sie Gegenstände verschob und wir gingen in die Stadt. Wir achteten sorgfältig darauf, nur in der Gegend der Rotkutten zu bleiben, wofür ich Bea dankbar war. Ich konnte diese riesigen Villen der Blaukutten einfach nicht ertragen, genauso wenig wie die blauen Funken Magie, die immer durch ihre Straßen zu fliegen schienen. Nachdem Bea sich neue Kleidung gekauft hatte, zog sie mich in ein Geschäft für Kräutertränke und Elixiere. Als wir durch die kleine Tür traten, klingelte eine Glocke und mir wehten die verschiedensten Düfte entgegen. Es war dunkel im Laden, und nur ein paar im Raum verteilt stehende Kerzen erzeugten ein Dämmerlicht. Überall standen Kessel und Töpfe herum, in denen wer weiß was blubberte. Bea grinste: Sie liebte diese Läden über alles. Ehrlich gesagt konnte ich mir gut vorstellen, dass Mischer ein guter Beruf für sie wäre.
Während sie mit der Mischerin im Laden fachsimpelte, (»Fünf Jahre alte Froschschenkel aus dem Sumpfteich! Eine Schande, dass er eingegangen ist. Aber wie viel kostet denn dieses Weißbuschkraut?«) drifteten meine Gedanken zu Yu Weiß’ merkwürdigem Unterricht und der Gestalt unter meinem Fenster ab.
Irgendwann (eine gefühlte Ewigkeit später!) zupfte Bea an meinem Ärmel und zog mich aus dem Laden in das gleißende Sonnenlicht, an ihrem Arm baumelten mindestens zehn Tüten, gefüllt mit kleinen Fläschchen und verpackten Kräutern.
Am Sonntag holte Yu Weiß mich schon kurz nach dem Frühstück ab. Wir gingen wieder in den Trainingsraum, wo er mir dieses Mal alles über Knauf, Parierstange, Klinge und Fehlschärfe erklärte. Ich hatte, als wir bei der Fehlschärfe angekommen waren, schon wieder alles über den Knauf vergessen.
»Ich möchte, dass du bald einmal kämpfen übst«, sagte mein Mentor am Ende der Stunde nebenbei.
»Moment! Was soll ich machen?!« Ich hoffte, mich verhört zu haben.
»Kämpfen üben«, wiederholte Yu Weiß ruhig. »Natürlich nicht mit mir«, er gluckste leise, »dafür bin ich ein bisschen alt. Morgen wirst du jemanden kennenlernen, der mir dafür geeignet scheint. Nach dem Mittagessen baue ich hier eine Zielscheibe auf, damit du mit Pfeil und Bogen schießen kannst«, erklärte er und hängte seelenruhig das Schwert, an dem er mir die Begriffe erklärt hatte, wieder zurück an die Wand.
Ich stolperte aus dem Raum und rannte den Weg zur Mensa zurück. Okay, es war an der Zeit, mein Versprechen zu brechen. Ich musste unbedingt mit jemanden darüber reden! Beim Mittagessen wich Luis Bea aber leider nicht von der Seite, und danach kam Mentorin Quandri, um Bea schon vor Ende der Pause wieder abzuholen. Luis verdrückte sich danach schnell, ohne auch nur ein Wort mit mir gewechselt zu haben. (Woran das lag, kann man sich denken.)
Auf jeden Fall schlenderte ich nach dem Ende der Pause gerade in Richtung des riesigen Raumes mit der Statue von Armet, als mir Isabell und ihre Freunde über den Weg liefen. Also noch beschissener konnte der Tag eigentlich nicht werden.
»Na, Freaki? Bist du auf der Suche nach deiner verschwundenen Magie oder was treibt dich hier her?« Isabell strich sich mit den Fingern durch die lange, braune Mähne.
Ich schüttelte den Kopf. »Lass mich einfach durch«, sagte ich bestimmt, aber sie und ihre drei Mitläuferinnen versperrten mir den Weg.
»Du gehörst wirklich nicht auf diese Schule«, sagte eine von Isabells Freundinnen, Lindsay, abfällig und lehnte sich demonstrativ cool an die Wand. Ich verdrehte die Augen, obwohl mir jedes ihrer Worte wie ein Messer ins Herz schnitt. Keine Ahnung, warum es mich nach all den Jahren immer noch so traf.
Nach weiterem abfälligen Gekicher und Spötteleien ließen sie mich endlich durch und ich rannte die Strecke bis zum Trainingraum – zu spät kam ich natürlich trotzdem. Aber Yu Weiß saß ganz entspannt auf einer der Matten, Pfeil und Bogen lagen in seinen ruhigen Händen und er schien zu meditieren. Langsam trat ich näher und er öffnete die Augen.
»Ah, Sofia. Wie geht es dir?«
Ich versuchte, meinem Gesicht einen neutralen Ausdruck zu geben und murmelte etwas Unverständliches.
Mein Mentor runzelte die Stirn, winkte mich aber heran, um mir den Pfeil und Bogen zu zeigen, die er in den Händen hielt. Der Bogen sah schlicht aus, war aus Eichenholz gemacht und eigentlich nicht wirklich besonders. Ich nahm ihn auf Yu Weiß´ Kopfnicken hin in die Hand und maß die Entfernung zu der runden Zielscheibe, die er an die Wand gehängt hatte, mit den Augen.
»Das sind mindestens zwanzig Meter«, empörte ich mich. »Ich habe das noch nie in meinem Leben gemacht.«
»Gerade deshalb sind es ja nur zwanzig Meter«, versetzte Yu Weiß und bedeutete mir mit einer Handbewegung, es einfach einmal auszuprobieren. Ich seufzte und kam zu dem Schluss, dass Yu Weiß wirklich verrückt war (nicht, dass ich das nicht schon vorher geahnt hatte).
Ich spannte den Bogen (was sich übrings ziemlich anstrengend war – morgen würde ich Muskelkater in den Armen haben) und ließ den Pfeil los. Er schoss direkt auf die Zielscheibe zu und blieb in einem der äußersten Kreise stecken.
Yu Weiß nickte zufrieden. »Noch mal.«
Ich verbrachte den gesamten Rest der Stunde, den Pfeil abzuschießen (und wieder zur Zielscheibe zu rennen, ihn zu holen, und zurückzulaufen). Als es klingelte, hängte mein Mentor Pfeil und Bogen wieder an die Wand.
»Sei morgen bitte ausgeruht«, sagte er zum Abschied.
Kaum hatte ich mich auf mein Bett gefläzt und eine Packung Kekse aus meiner Schultasche herausgezogen, (die ich aus der Mensa stibitzt hatte) als Bea in unser Zimmer stürmte. Ich wollte ihr eigentlich das ganze Du-Darfst-Nichts-Erzählen-Weil-Ich-Dich-Im-Kämpfen-Ausbilde und der schwarzen Gestalt unter unserem meinem Fenster erzählen, aber ich kam nicht dazu. Denn gerade hatte ich den Mund aufgemacht, (obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte, wo ich eigentlich anfangen sollte) als Bea wütend fauchte: »Quandri kann mich mal, ernsthaft! Fünf Bücher über Heilkunst! Wozu brauche ich denn das? Rotkutten können doch sowieso keine Ärzte oder Heiler werden, nur Helfer von diesen, und mich würde Mischer viel mehr interessieren, aber Quandri hört ja nicht auf mich.« Als sie mein nachdenkliches Gesicht sah, (schließlich wusste ich immer noch nicht, wie ich Bea am besten auf die ganze Geschichte ansprechen konnte) schaute sie mich zerknirscht an. »Sorry, Sofia. Ich weiß ja, dass du das alles nicht werden kannst.« Sofort schüttelte ich den Kopf. »Darum geht es nicht«, sagte ich schnell, »vielmehr …«
»Dann ist ja gut. Auf jeden Fall muss ich zusätzlich zu den Büchern auch noch Hibispilze im Wald suchen. Bis morgen! Hallo?! Was denkt die Frau, wie viel Freizeit ich habe?«
Ich nickte zustimmend.
»Na ja, ich mache mich auf den Weg zu den Hibispilzen, dann kann ich heute Abend noch mit dem ersten Buch anfangen«, Bea verdrehte die Augen. »Ich nehm deine Robe, ja? Meine ist in der Wäsche. Wir sehen uns beim Mittagessen?« Sie umarmte mich, schnappte sich meine Robe aus dem Schrank, drehte sich auf dem Absatz um und war schon aus dem Zimmer verschwunden, bevor ich auch nur »Tschüss« sagen konnte. Ich seufzte tief und nahm einen der Kekse aus der Dose. Nicht, dass ich genug Probleme damit hätte, dass ich keine Magie hatte. Nein, ich musste natürlich auch noch einen verrückten Mentor haben, der meinte, mich im Kämpfen ausbilden zu müssen (ich hatte ehrlich gesagt immer noch keine Ahnung, warum) und zu allem Übel hockte auch noch eine schwarze Gestalt unter meinem Fenster. Also zusammengefasst konnte es in letzter Zeit überhaupt nicht besser laufen.
Als ich an die Gestalt denken musste, lief mir ein Schauer den Rücken herunter und ich stand auf, um aus zum Fenster zu schauen. Aber im Hof war alles leer. Vielleicht hatte ich mir das auch nur eingebildet, überlegte ich, als ich mich wieder auf mein Bett fallen ließ. Mich hielten ja sowieso schon alle für geisteskrank, vielleicht war ich ja wirklich ein verrückter Freak ohne Magie, aber dafür mit Halluzinationen.
Am Abend war Bea noch immer nicht zurückgekehrt, und langsam begann ich mir Sorgen zu machen. Ich ging nicht zum Abendessen (schließlich hatte ich ja meine Kekse), sondern setzte mich ans Fenster und schaute nach unten in den Hof, in der Hoffnung, Bea zu sehen. Aber es wurde immer später und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte gerade von der Fensterbank aufspringen und Yu Weiß oder irgendeinen anderen Lehrer suchen, als ich die dunkle Gestalt wieder sah, aber dieses Mal rannte sie quer durch den Hof, schaute nach oben, und direkt in mein Gesicht. Wegen der Dunkelheit konnte ich nicht wirklich erkennen, wer dort unten stand, aber ich sah die hektischen Bewegungen, die derjenige vollführte. Vorsichtig öffnete ich das Fenster einen Spalt breit.
»Wer bist du?«, fragte ich so laut, dass der dort unten es hören konnte.
»Mary, aber egal! Wer auch immer du bist, du musst unbedingt kommen! Im Wald – die Schwarzkutten«, die Gestalt keuchte. »Sie haben jemanden angegriffen – ein Mädchen im Wald. Bitte, schnell!« Die Stimme klang so verzweifelt, dass ich sofort das Fenster schloss und die Wendeltreppe nach unten flitzte.
In meinem Kopf hämmerte ein einziges Wort – Bea! Ich riss die Tür zum Hof geradezu auf und rannte die schwarz gekleidete Gestalt fast um. Diese entpuppte sich allerdings als ein Mädchen, etwa in meinem Alter, mit kurzen, schwarzen Haaren und tiefen, braunen Augen. Jetzt allerdings winkte es hektisch und lief schon vor in Richtung Wald. Ich folgte ihm mit ein bisschen Abstand, denn irgendetwas störte mich an dieser Sache. Ich hatte etwas Wichtiges übersehen, aber in meiner Panik kam ich nicht darauf, was es war. Allerdings konnte ich Bea – und es hörte sich auf jeden Fall so an, als wäre sie es – nicht im Stich lassen, und so rannte ich hinter dem Mädchen in den Wald. Zwischen den Bäumen war es so dunkel, dass ich meine eigene Hand fast nicht erkennen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir gelaufen waren, aber irgendwann stoppte das Mädchen und deutete auf eine am Boden liegende Gestalt.
Das große, stämmige Mädchen mit den langen, blonden Haaren, war – da gab es keinen Zweifel – Bea. Sofort stürzte ich auf sie zu. Im Dunkeln konnte ich nicht viel sehen, aber dennoch konnte ich das Blut auf ihren Armen erahnen. »Bea!«, schrie ich panisch und rüttelte an ihren Schultern. »Komm schon, Bea! Du musst aufwachen!«
Das Mädchen hatte sich neben mich gekniet und spähte vorsichtig durch die Bäume. Die Schwarzkutten, fiel mir ein. Vielleicht waren sie noch in der Nähe!
»Was machen wir jetzt mit ihr?«, Mary schien hilflos zu sein. Aber ich hatte genauso wenig Ahnung.
»Wir müssen sie zurückbringen, zur Schule – sofort. Kannst du mir helfen?«, ich hob Beas Oberkörper an, und das Mädchen nahm schweigend ihre Beine. Zusammen stolperten wir so schnell es ging aus dem Wald heraus und über die Straße zu dem Schülerhaus. Erschöpft legten wir Bea im Hof auf den Boden, und ich rannte so schnell ich konnte nach drinnen, um Hilfe zu holen. In der Mensa saßen, wie ich schon gehofft hatte, noch ein paar Lehrer, Mentoren und wenige Schüler. Ich musste ziemlich übel aussehen, denn sofort standen ein paar Lehrer alarmiert auf.
Yu Weiß eilte vom Lehrertisch an meine Seite. »Alles in Ordnung, Sofia?«, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. »Draußen im Hof … Bea. Kommen Sie mit!«
Ohne weitere Fragen zu stellen, folgte mein Mentor mir mit ein paar weiteren Lehrern nach draußen, wo das Mädchen noch neben Bea kniete.
Erst jetzt konnte ich meine Freundin im Licht der Laternen hier draußen näher betrachten. Auf ihren Armen waren blutige Striemen, ihre rote Robe (also eigentlich war es ja meine) war von dunklem Blut verkrustet und an der Stirn klaffte ein großes Loch.
Eine Lehrerin schrie auf, der Rest beeilte sich, Bea nach drinnen zu tragen. Erledigt sackte ich neben dem Mädchen auf dem Boden zusammen. Yu Weiß schaute den Lehrern hinterher, wie sie Bea nach drinnen trugen, und wandte sich dann an das Mädchen. »Ich muss dir dafür danken, dass du eine unserer Schüler gerettet hast«, sagte er mit einer so kalten Stimme, dass ich schauderte, »aber ich frage mich dennoch, warum du deinen eigenen Stamm verrätst.«
Ich schaute das Mädchen an und dann erkannte ich, was mir vorhin in der Hektik nicht gleich eingefallen war: Das Mädchen trug schwarz – Eine schwarze Robe: Sie war eine Schwarzkutte!
Sofort rappelte ich mich auf und stellte mich neben Yu Weiß. Ich machte mir riesige Sorgen um Bea und wollte eigentlich schauen, wie es ihr ging, aber dennoch verblüffte mich die Tatsache, dass eine Schwarzkutte hier war, so sehr, dass ich nur wie angewurzelt stehen bleiben konnte.
»Ich bin Mary«, sagte das Mädchen leise und verschreckt. »Und außerdem bin ich keine Schwarzkutte. »Na ja, eigentlich schon, aber … Das ist kompliziert«, sagte Mary und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie senkte den Blick, und Yu Weiß schaute sie stirnrunzelnd an.
»Nun gut. Morgen wirst du uns davon erzählen«, sagte er. »Du wirst natürlich erst einmal bei uns unterkommen. Doch sei gewiss, dass wir dich beobachten. Falls du also zu den Schwarzkutten zurücklaufen wolltest, falls du ein Spion wärst, dann würden wir es verhindern können. Verstanden?«
Mary nickte leicht, dann klopfte Yu Weiß mir auf die Schulter. »Bring sie in dein Zimmer, Sofia. Ich möchte, dass heute jemand auf sie aufpasst«, sagte er leise und fügte lauter hinzu: »Morgen müssen wir darüber reden, aber jetzt geht ihr erst einmal duschen und schlafen.«
»Ich möchte zu Bea«, sagte ich, obwohl ich vor Kälte zitterte.
»Ich bin mir sicher, dass du bald wieder zu ihr kannst. Aber erst einmal braucht ihr beide Ruhe. Morgen sehen wir weiter.« Entschieden schob er mich in Richtung Tür und wartete, bis Mary hinter mir nach drinnen gegangen war, dann schloss er die Tür. Mary und ich schwiegen, während wir die Wendeltreppe nach oben stiegen (und die Blicke der verwirrten Schüler im Rücken spürten). Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Eine Schwarzkutte hatte meine beste Freundin gerettet und sollte bei mir im Zimmer schlafen! Allerdings, überlegte ich, war ich auch keine Rotkutte. Egal, ich konnte nichts über sie sagen, bevor ich nicht wusste, weshalb sie ihren Stamm verraten hatte.
»Du kannst als erstes ins Bad«, sagte ich, als wir im Zimmer angekommen waren und gab ihr ein paar Klamotten von mir zum Überziehen; eine rote Hose, ein ebenso farbiges T-Shirt und einen roten Pullover. Sie zuckte zwar zusammen, als sie die Farben sah, aber ich trug sie schließlich auch schon mein Leben lang, auch wenn ich keine Rotkutte war. Also streckte ich ihr die Sachen wortlos entgegen und ließ mich dann zitternd auf mein Bett fallen. Eigentlich hatte ich noch gar nicht wirklich realisiert, was passiert war. Ich saß die ganze Zeit wie paralysiert auf meinem Bett, (wenn mich jetzt jemand sah, war klar, dass ich ein totaler Freak war; nicht nur ohne Magie, sondern auch mit Halluzinationen und einem gestörten Gesichtsausdruck) während Mary duschte. Schließlich kam sie in der roten Kleidung aus dem Bad und setzte sich vorsichtig auf Beas Bett. Langsam ging ich selbst ins Bad. Das warme Wasser tat mir gut, es schien nicht nur den Dreck aus dem Wald und Beas Blut abzuwaschen, sondern auch das Bild, Bea dort liegen zu sehen. Ich fühlte mich tatsächlich viel besser, als ich mich mit einem neuen Schlafanzug auf mein Bett fallen ließ.
Mary lag schon in Beas Bett, die Bettdecke bis zur Nase hochgezogen. Ich schaute sie nachdenklich an. Mich interessierte die komplizierte Geschichte, die sie anscheinend zu erzählen hatte, aber Yu Weiß hatte sie nicht ohne Grund erst zum Schlafen geschickt und mich ebenso. Wir waren beide total erschöpft und deswegen beschloss ich, Mary ihren Schlaf zu lassen. Aber gerade als ich ins Bett krabbeln wollte, hörte ich ein Geräusch vor der Tür. Ich vergewisserte mich, dass Mary die Augen geschlossen hatte, lief leise zur Tür und sah erstaunt, dass Yu Weiß vor ihr saß.
»Ich werde aufpassen – vorsichtshalber. Mary ist zwar nur ein Mädchen, aber sie ist auch eine Schwarzkutte. Nur, damit du beruhigt schlafen kannst.«
Ich lächelte ihn dankbar an und schloss die Tür vorsichtig, damit Mary nichts mitbekam (diese schlief allerdings, ich hätte mir also keine Sorgen machen müssen).
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schoss mir sofort das Bild von Bea durch den Kopf, wie sie blutend auf dem Waldboden lag. Schnell sprang ich auf und warf mir meine Robe über, (die, die an der Seite schon aufgerissen war, die andere hatte Bea schließlich im Wald angehabt) dann warf ich einen abwägenden Blick auf die schlafende Mary. Ich wollte sie nicht alleine lassen, aber andererseits musste ich unbedingt sehen, ob es Bea wieder gut ging. Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, denn Yu Weiß saß immer noch vor der Zimmertür.
»Ich gehe zu Bea«, sagte ich leise. »Sagen Sie mir Bescheid, wenn Mary aufwacht?« Mein Mentor nickte verständnisvoll und beschrieb mir den Weg zu Beas Krankenraum. Draußen war es noch dunkel, so war ich allein, als ich durch die verlassenen Gänge hastete.
Das Krankenzimmer, in dem Bea lag, war klein und überfüllt mit Tuben und Fläschchen, die sich in Regalen und auf dem Boden stapelten, sodass das Bett irgendwie fehl in dem Raum wirkte. Auf dem Bett, neben Bea, lag meine zerrissene und blutverschmierte Robe. Vorsichtig, ohne über eine der Tuben zu stolpern, trat ich näher und sah an einem Stuhl neben dem Bett Quandri sitzen. Sie schaute mich aus zusammengekniffenen Augen an, schien mich dann aber zu erkennen.
»Bist du nicht Beas Freundin, dieses Mädchen ohne Magie?«, fragte sie mit einem leicht abfälligen Ton in der Stimme. (Typisch! Nicht so auffällig diskreditieren wie die Schüler – vor allem Isabell – aber dennoch verächtlich: Das zum Thema unvoreingenommene Lehrer!) Ich nickte, ohne auf ihren Ton einzugehen und stellte mich neben das Krankenbett. Bea sah besser aus: Die Wunde am Kopf war anscheinend genäht worden und auf ihren zerkratzten Armen war eine grünlich schimmernde Flüssigkeit verrieben worden (wenn ich in Kräuterkunde aufgepasst hätte, wüsste ich jetzt, dass es sich um Aloe-Vera-Extrakte handelte).
»Wie geht es ihr?«, fragte ich leise.
Mentorin Quandri runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen sollte.«
Aufgebracht schaute ich sie an. (Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was über mich kam, so mit einer Lehrerin zu sprechen, aber Bea war schließlich meine beste Freundin und nicht ihre.) »Entschuldigen Sie, aber schließlich war ich es, die sie gefunden hat. Ich bin ihre beste Freundin und ich habe die ganze Nacht mit einer Schwarzkutte in meinem Zimmer verbracht. Also: Wie geht es ihr?!«
Mentorin Quandri sah mich missbilligend an, dann zuckte sie mit den Schultern.
»Sie wird wieder. Die nächsten Tage wird sie wohl keine Gegenstände fliegen lassen können – obwohl das dringend nötig wäre! Du solltest jetzt allerdings ins Bett gehen – du wirkst ziemlich … unausgeglichen.«
Ich übersah die letzte Bemerkung und verdrehte die Augen. Wie konnte eine Kutte nur so wenig Mitgefühl besitzen? In diesem Moment öffnete Bea vorsichtig ihr rechtes Auge und stöhnte laut auf. Sofort beugte ich mich über sie. »Bea! Wie geht es dir?«
»Kopfschmerzen«, sie stöhnte und schloss ihr Auge wieder. »Sofia, was ist passiert?«
»Wir wissen es nicht genau. Eine Schwarzkutte, ein Mädchen in unserem Alter namens Mary, hat mich zu dir gebracht. Du lagst im Wald«, ich schluckte. »Verletzt.«
»So weit war ich auch schon!«, murmelte Bea und ich lächelte erleichtert. Es schien ihr wirklich besser zu gehen. »Aber ehrlich gesagt weiß ich sonst nichts von dem Angriff. Irgendetwas war mit Pilzen … dann kamen plötzlichen Gestalten auf mich zu – und danach bin ich hier aufgewacht. Ach, Sofia, tut mir leid mit deiner Robe, ich besorge dir natürlich eine neue«, murmelte Bea.
»Mach dir darüber keine Sorgen.«
Mentorin Quandri stand auf. »So, das reicht jetzt, meine Damen. Bea soll schließlich bald wieder am Unterricht teilnehmen können.«
»Ich komme später noch mal wieder«, versprach ich Bea und warf Quandri einen entschuldigenden Blick für mein patziges Verhalten vorhin zu, den sie aber ignorierte. Dann machte ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer.
Ein paar Stunden später saßen Yu Weiß, Quandri, der stellvertretende Schulleiter Herr Must, Mary und ich in Yu Weiß’ Büro. Ich hatte mich sehr über die Einrichtung des Büros gewundert. Rotkutten hatten normalerweise nicht viel Geld, aber Yu Weiß schien über reichlich davon zu verfügen. Die Wand war bedeckt von einem überdimensionalen Bücherregal, in dem sich vergoldete Einzelexemplare stapelten. Sein Schreibtisch war perfekt aufgeräumt und er saß auf einem Zedernholzstuhl, während wir anderen alle auf den weißen Ledersesseln im Raum, die alle in Richtung Schreibtisch angeordnet waren, Platz genommen hatten.
Yu Weiß sah uns ernst an. »Was sich ereignet hat, darf unter keinen Umständen noch einmal vorfallen. Mary, es ist von absoluter Wichtigkeit, dass du uns alles, was du weißt, erzählst. Vor allem, warum die Schwarzkutten Bea angegriffen haben und aus welchem Grund du Hilfe geholt hast.«
Mary saß auf dem Sessel neben mir, und als sich alle zu ihr umwandten, rutschte sie ein bisschen tiefer hinein. Ihr kurzes Haar war zerstrubbelt und ihre Augen blickten stumpf, als sie schließlich (nach endlosem Schweigen und nach Quandris Räuspern) endlich anfing zu sprechen:
»Meiner Familie hat die Art, wie die restlichen Schwarzkutten leben, nie gefallen. Aber meine Großeltern haben uns zum Bleiben gezwungen – sie … sie wollten nicht, dass wir die Schwarzkuttentradition brechen. Doch nach dem Tod meines Großvaters vor drei Tagen haben wir den Stadtteil der Schwarzkutten verlassen«, ihre Stimme brach. »Auf jeden Fall hatten meine Eltern das alles langfristig geplant. Sie wollten bei Verwandten von ihnen unterkommen, meinem Onkel. Er ist eine Rotkutte.« Sie schaute nicht hoch, während sie sprach, und ihre Stimme klang merkwürdig emotionslos, als ob sie die Geschichte überhaupt nicht berühren würde. »Aber wir sind nicht weit gekommen. Wir waren gerade im Wald, als die Schwarzkutten uns gefunden haben. Verräter haben sie uns genannt und dann haben sie meine Eltern getötet. Ich konnte nichts machen. Ich stand hinter einem Busch versteckt und sah die Schwarzkutten, wie sie mich suchten. Ich bin … ich bin einfach losgerannt. Bis sie mich gesehen haben, hatte ich einen großen Vorsprung. Ich bin auf den Hof hier gelaufen und habe mich unter einem Fenster versteckt. Die Schwarzkutten haben das Gelände des Schülerhauses nicht betreten. Ich glaube, sie sind umgekehrt. Auf jeden Fall hatte ich vor, zu meinem Onkel zu gehen. Aber erst musste ich zu meinen Eltern – ich wollte mich von ihnen verabschieden. Ich war gerade im Wald, da sah ich dieses Mädchen dort liegen. Ich wollte einfach nicht … nicht, dass noch jemand wegen der Schwarzkutten stirbt, wenn ich es hätte verhindern können.«
Als sie geendet hatte, schauten sich alle sprachlos an. »Das mit dem Fenster kann ich bestätigen«, ich räusperte mich. »Ich habe sie gestern Abend dort hocken sehen.«
Yu Weiß sah mich enttäuscht an, was eigentlich noch schlimmer war, als wenn er wütend geworden wäre. »Es war grob fahrlässig, das nicht zu erzählen«, stellte er fest, richtete seine Aufmerksamkeit dann aber wieder auf Mary.
»Wir müssen darüber beraten, was mit dir geschieht«, sagte Yu Weiß nüchtern. »Du kannst nicht zu deinem Onkel, weil Kinder und Jugendliche ab ihrem sechsten bis zum achtzehnten Lebensjahr in Schülerhäusern leben und lernen müssen – ob nun bei den Schwarz- oder den Rotkutten. Quandri, könnten Sie Mary vielleicht vor die Tür geleiten, während wir uns beraten?«
Quandri sah mich erbost an; wahrscheinlich fragte sie sich, weshalb ich bleiben durfte (ehrlich gesagt fragte ich mich das auch!). Sie bedeutete Mary mit einer unwirschen Handbewegung, ihr zu folgen, dann fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss und hüllte uns in Schweigen. Es dauerte einige Zeit, bis der stellvertretende Schulleiter Herr Must seinen Vorgesetzten anblickte. »Ich weiß nicht, was Sie denken, Yu. Die Geschichte scheint sehr … verrückt zu sein. Zu verrückt, zu unglaublich, um wahr zu sein. Dennoch bezweifele ich, dass dieses Mädchen lügt. Ich würde ihr die Wahl lassen. Kehrt sie zurück zu ihrem Stamm, haben wir kein Problem. Will sie bei uns bleiben, müssen wir sie bewachen. Wir können nicht ausschließen, dass sie ein Spion ist und wir können uns nicht leisten, dass sie eine Horde Schwarzkutten auf uns hetzt.«
Yu Weiß nickte bedächtig und fuhr langsam mit der Hand über das Holz seines Schreibtisches, bevor er mich anblickte. »Was meinst du, Sofia?«
Ich starrte ihn perplex an. Wollte er jetzt wirklich von mir, einer magielosen, sechzehnjährigen Schülerin, eine Antwort für dieses Problem?!
»Ähm … ja. Also sie macht auf mich nicht den Eindruck einer Lügnerin und Herrn Musts Idee … finde ich gut«, stammelte ich.
Yu Weiß schaute uns zustimmend an. »Dann ist es beschlossen. Quandri, kommen Sie rein!«
Sofort öffnete sich die Tür, als ob Quandri nur darauf gewartet hätte, dass sie hereingerufen werden würde. Beas Mentorin setzte sich schnell, während sich Mary ziemlich erschöpft in einen der Ledersessel fallen ließ, kurz für einen Moment die Augen schloss und Yu Weiß dann ängstlich ansah.
»Wir haben beschlossen, dich selbst entscheiden zu lassen, in welches Schülerhaus du möchtest. Natürlich wäre das der Schwarzkutten für deine Fähigkeiten am besten geeignet, doch wir verwehren niemandem, der seinem Stamm den Rücken gekehrt hat – vor allem nicht dem Stamm der Schwarzkutten – die Hilfe«, sagte Yu Weiß langsam und schaute Mary abwartend an.
Ein Ausdruck unglaublicher Erleichterung breitete sich in ihrem Gesicht aus und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Schnell wischte sie mit dem Ärmel über ihr Gesicht. »Ich will – ehrlich gesagt würde ich lieber hier bleiben«, sagte sie mit zittriger Stimme.
Yu Weiß nickte. »Dann soll es so sein. Sei dir allerdings im Klarem darüber, dass deine Fähigkeiten hier nicht so leicht auszubilden sind, wie in einem Schülerhaus der Schwarzkutten. Mit Nekromantie hat niemand hier Erfahrungen, wir werden dich also nicht auf diesem Gebiet unterrichten. Außerdem wird dich immer jemand bewachen. Nimm es nicht persönlich, aber du bist immer noch eine Schwarzkutte. Nun denn – Sofia, wir sehen uns beim Nachmittagsunterricht. Mary, bleibst du bitte noch kurz hier? Wir müssen über deinen Mentor und über deinen Schlafraum sprechen.«
»Sie kann bei Bea und mir im Zimmer schlafen«, schlug ich vor, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht hatte. Alle Blicke richteten sich auf mich und Herr Must hob überrascht die Augenbrauen.
»Na ja, sie kennt ja nur mich und außerdem haben wir auch nicht so viele Zimmer frei«, sagte ich verlegen, aber Yu Weiß nickte zustimmend.
Ich verließ hinter Quandri den Raum (die mich übrigens aus zusammengekniffenen Augen musterte. Das zum Thema patziges-Verhaltenvergessen).
Am Nachmittag ging ich mit einem mulmigen Gefühl zu der Unterrichtsstunde. Ich wollte Bea eigentlich nicht in den Klauen (okay, das war jetzt vielleicht etwas übertrieben) Quandris lassen, aber dennoch wurde mir bewusst, dass ich das Kampftraining ernster nehmen sollte, als ich es am Anfang getan hatte.
Yu Weiß war nicht alleine, als ich den großen Raum mit der Statue des Armet betrat (was er ja auch angekündigt hatte). Neben ihm stand ein Junge, etwa in meinem Alter, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Er war groß und muskulös, aber seine Gesichtszüge waren weich – ein typischer Mädchenschwarm. (Isabell wäre ihm wahrscheinlich sofort um den Hals geflogen.) In seinen Händen hielt er ein dickes Buch – kein gutes Zeichen! Mein Mentor lächelte mir zu, als ich näher trat. »Das ist Merl Kerner. Er wird dich im Kämpfen unterrichten.«
Ich nickte Merl einmal kurz zu und erkundigte mich dann bei Yu Weiß nach Mary.
»Im Moment passt Herr Must auf sie auf. Mach dir keine Sorgen, Sofia.«
Yu Weiß setzte sich unter die Armetstatue, während Merl näher trat. »Also, wir werden erst einmal mit Taekgyeon anfangen. Das ist eine Kampftechnik, bei der unter anderem Tritte, Schläge und Sprünge eingesetzt werden. Das wichtigste beim Taekgyeon ist eigentlich, dass du immer in Bewegung bist, niemals stehen bleibst und dich fließend bewegst. Auf diesem Bild hier«, er klappte das Buch, das er in der Händen gehalten hatte, auf und deutete auf zwei in einander verknäulte Blaukutten, »zeige ich dir erst einmal den sogenannten Gyeot Chigi, auch gewundener Tritt genannt.«
Wir verbrachten die gesamte Stunde mit Theorie. Merl zeigte mir verschiedene Stellungen auf Arbeitsblättern und in Büchern und bläute mir ein, sie bis zum nächsten Tag nicht zu vergessen. Wir sprachen nur über Kampftechniken, und insgeheim fragte ich mich, wo Merl so gut kämpfen gelernt hatte. Es war nicht üblich, dass eine Rotkutte kämpfen lernte.
Als ich den Trainingsraum schließlich wieder verließ, schwirrte mir der Kopf von all denn Informationen und Techniken.
Als ich in mein Zimmer kam, saß Mary auf einer Matratze, die zwischen Beas und mein Bett gelegt worden war (sodass wir nur über die Betten zu unseren Schränken kamen). Auf der Fensterbank saß Herr Must mit einem Stapel Arbeiten vor sich und begann eifrig mit seinem roten Korrigierstift zu schreiben. Ich warf ihm einen mürrischen Blick zu. (Also ehrlich, musste er denn unbedingt in unser Zimmer, um Mary zu bewachen? Ein bisschen Privatsphäre wäre eigentlich wirklich nicht schlecht, auch vor Lehrern!)
»Hi«, sagte ich demonstrativ nur zu Mary, kletterte über mein Bett und hängte meine (jetzt einzige, schließlich hatte Bea die andere so zugerichtet, dass sie nicht mehr tragbar war) rote Robe in den Schrank. Wieder warf ich einen grimmigen Blick auf Herrn Must. Musste er denn unbedingt im Zimmer sein und mich in Leggins und T-Shirt sehen?!
»Wie geht’s dir?«
»Ganz gut, danke«, sagte sie und fügte schüchtern hinzu: »Ich habe gehört, dass du keine Magie hast. Stimmt das?« Ich verdrehte die Augen (also so langsam war ich das Thema wirklich leid).
»Ja, das stimmt«, sagte ich etwas patziger als beabsichtigt und schob deshalb noch hinterher: »Aber ich komme hier ganz gut aus, auch wenn ich keine Rotkutte bin. Das wird dir genauso gehen, Mary.« Damit machte ich mich auf den Weg zu Bea. Einerseits wollte ich sie wirklich sehen, andererseits konnte man sich nicht im Zimmer entspannen, wenn Herr Must direkt neben einem hockte. Insbesondere nicht, wenn ich eigentlich vorhatte zu Duschen. Aber darauf, dass der stellvertretende Schulleiter meinen Gesang (na ja, also das Gekreische des Huhns in mir, wie Bea es immer nannte) hörte, konnte ich getrost verzichten.
Kapitel 3
Die nächsten Tage zogen sich quälend langsam hin. Bea zog wieder in unser Zimmer ein und für Mary wurden ein Bett und ein Schrank gebracht, den wir aus Platzmangel ins Bad bringen mussten. Bea behandelte Mary wie eine Freundin, was wahrscheinlich daran lag, dass sie der Schwarzkutte ihr Leben zu verdanken hatte. Und ich – ich war einfach froh, nicht der einzige Freak hier zu sein. Mary war nett, aber ziemlich eigen. Sie saß die ganze Zeit im Zimmer und las irgendwelche Geschichtsbücher oder so einen Kram (freiwillig übrigens, das muss man sich mal vorstellen) und das besserte sich erst, als Herr Must ihr Mentor wurde. Die anderen Oberstufenschüler behandelten sie wie mich – hinter ihrem Rücken wurde getuschelt, ansonsten hielt sich die Lästerei in Grenzen. Hin und wieder kamen ein paar Sprüche à la »Komm mir nicht zu nah – Schwarzkutten sollen angriffslustig sein!«, aber es war nicht mehr, als ich die letzten Jahre hatte ertragen müssen.
Ich fragte Yu Weiß, ob es wirklich nötig wäre, dass ein Erwachsener in unserem Zimmer Wache hielt und er beschränkte es auf eine Wache vor der Tür und eine im Hof (die armen Lehrer!).
Die Abende verbrachten wir drei eigentlich immer mit Hausaufgaben. Während Mary Fragebögen über Magie, vor allem die der Rotkutten, ausfüllte, ließ Bea Gegenstände durch den Raum fliegen (die leider nicht immer dort landeten, wo sie sollten – ich sag nur blaue Flecke an meinen Beinen und ein grüner Farbklecks auf Marys neuer, roter Robe) und ich las Bücher über die verschiedensten Kampfstellungen.
Die ersten Stunden machten Merl und ich nur Theorie, aber danach fingen wir mit dem Kämpfen an und ich konnte nachvollziehen, dass Yu Weiß Merl als Trainer ausgewählt hatte, auch wenn er noch so jung war.
Bevor ich mich überhaupt nur bewegen konnte, hatte Merl mich schon zu Boden gedrückt. Er hatte viel Geduld mit mir, obwohl ich nicht wirklich besser wurde. Eigentlich wollte ich Bea nicht mit der ganzen Kampfgeschichte belasten, so kurz nach dem Angriff auf sie. Aber die Verletzungen vom Training konnte ich nicht auf ewig geheim halten, und so erzählte ich Bea und Mary schließlich von Merl und meinem (jetzt gebrochenen) Versprechen an Yu Weiß.
»Bei Armet!«, stöhnte Bea, die in ihrem Bett lag und mich mit enttäuschter Miene anstarrte. »Du hättest mir das wirklich erzählen sollen!«
»Sorry«, murmelte ich nur, schließlich hatte ich ihr erklärt, warum ich es zuerst verschwiegen hatte.
»Das ist merkwürdig«, bemerkte Mary, ohne den Blick von ihrem Buch abzuwenden.
Bea und ich schauten sie fragend an. »Na ja …«, sagte Mary gedehnt. »Es sieht ja so aus, als würden sie dir beibringen, dich zu verteidigen. Nachdem was du erzählt hast, übt ihr ja eher das Ausweichen als das Zuschlagen.«
Ich nickte zustimmend und musste feststellen, dass ich das so noch nicht betrachtet hatte. Mary legte ihr Buch über Göttergeschichte (sehr langweilig, ich habe das mal irgendwann vor ein paar Jahren gelesen) zur Seite und schaute uns ratlos an.
»Aber wenn sie dich wirklich vor den Schwarzkutten beschützen wollen – das gibt einfach keinen Sinn, Sofia. Ich war lange bei den Schwarzkutten, und ich kenne ihre Denkweise. Sie wollen Macht – die Macht der Blaukutten. Vor allem die neue Herrscherin Dite ist irgendeiner Sache auf der Spur, die angeblich mit der Macht der Blaukutten zu tun hat. Keine Ahnung, was sie genau plant, aber die Rotkutten interessieren sie generell nicht. Und du hast ja noch nicht einmal irgendwelche Magie.«
»Ich verstehe es ja auch nicht«, seufzte ich, griff unter mein Bett und holte die Keksdose hervor. »Und Merl wohnt jetzt hier im Schülerhaus – ich habe ihn gestern in der Mensa gesehen. So was gibt es doch gar nicht, oder? Wechsel zwischen den Schülerhäusern? Er ist doch sicher nicht nur hierhergekommen, um mich zu unterrichten!« Ich bot den beiden die Kekse an und nahm mir selbst einen, nachdem Mary abgelehnt und Bea zugegriffen hatte.
»Eigentlich gibt es solche Wechsel nicht. Du musst ihn uns unbedingt mal zeigen!«, quietschte Bea aufgeregt. »Bei Armet – ich wünschte, Quandri würde mich auch lehren, mich zu verteidigen. Stattdessen dieser ganze Pilzquatsch!« Sie verdrehte die Augen. »Und sie ermuntert mich die ganze Zeit dazu, Mentorin zu werden. Hallo?! Gerade ich!«
Mary und ich mussten grinsen. Bea konnte ich mir tatsächlich nicht als Mentorin vorstellen. In diesem Moment ertönte der Gong zum Nachmittagsunterricht. »Du musst unbedingt alles erzählen!«, rief Bea überschwänglich, als wir uns alle auf den Weg zu unseren Mentoren machten. Ich grinste sie an, aber in Wirklichkeit fragte ich mich, ob sie wirklich verstand, was Merl mir beibrachte. Natürlich – sie war nicht dabei. Aber wir trainierten nicht nur aus Spaß. Wir kämpften.
Merl ließ mich wie immer ein paar Runden um die Matten laufen, dann wärmten wir uns gemeinsam auf, bevor wir mit Nahkampf anfingen. (Ich muss wohl nicht sagen, dass ich jämmerlich verlor.)
»Ich möchte dir jetzt beibringen, wie du mit einem Schwert kämpfst«, sagte er nach der ersten Runde (ich keuchte übrigens schon jetzt, im Gegensatz zu ihm) und Yu Weiß, der sich an der Wand mit den Waffen niedergelassen hatte, stand auf und brachte uns zwei Schwerter, die er uns in die Hand drückte. Ich wog es in der Hand. »Das ist ja richtig schwer!«
Merl lächelte belustigt. Ich hatte das Gefühl, dass er viel älter war, als er aussah. Es schien so, als hätte er schon viel erlebt (wer bitte, konnte auch sonst so kämpfen?!).
Ich schaffte es gerade mal, das Schwert zu heben, während Merl damit so leicht durch die Luft wirbelte, als würde es nicht mehr als eine Feder wiegen. Nach ein paar Minuten des Ausprobierens erklärte er mir meine Schwachstellen (ziemlich viele!).
»Deine linke Seite ist völlig ungeschützt, wenn du kämpfst«, er zeigte mir, wie man sich deckte und gleichzeitig andere Schläge abwehrte. »Das Wichtigste beim Schwertkampf ist für dich, dass du nie frontal angreifst und auf keinen Fall direkt gegen die Klinge des Angreifers schlägst. Dafür hast du einfach zu wenig Kraft, und das Schwert würde dir aus der Hand fliegen.«
»Danke auch«, schnaubte ich, wusste aber, dass er Recht hatte. Als es zum Ende der Stunde klingelte, hängte Merl sein Schwert an die Wand und verschwand aus dem Trainingsraum. Ich seufzte tief, hievte mich (ehrlich gesagt ziemlich schwerfällig) von den Matten hoch und gab Yu Weiß mein Schwert.
»Wer ist Merl eigentlich? Warum ist er erst jetzt hier im Schülerhaus, wenn er doch so alt ist wie ich? Kommt er aus einem anderen Schülerhaus der Rotkutten?«, fragte ich meinen Mentor, nachdem er mein Schwert neben Merls an die Wand gehängt hatte. Yu Weiß sah mich verärgert an. »Du musst lernen zu wissen, wann man am besten keine Fragen stellt, Sofia«, sagte er nur und rauschte aus dem Raum. Ich blieb zurück – sprachlos und empört. Okay, es war vielleicht nicht ganz fair, dass ich so sauer auf meinen Mentor war, aber die grundlegendsten Fragen beantwortete er mir nicht – wie zum Beispiel, weshalb wir dieses hier machten. Und außerdem (fand ich) hatte ich sehr wohl das Recht, zu wissen, wer Merl war. Immerhin verbrachte ich viele Stunden am Tag dabei, von ihm auf die Matten geworfen zu werden.
Darüber beschwerte ich mich auch (wiederholt) bei Bea und Mary, als wir zu dritt am Tisch in der Mensa saßen und zu Abend aßen. (Luis hatte sich verzogen. Mit einem Freak hielt er es vielleicht Bea zuliebe aus, aber nicht mit zweien.) »Ich frag Yu Weiß morgen noch mal, vielleicht hat er dann bessere Laune«, sagte ich missmutig und stocherte in dem undefinierbaren Etwas auf meinem Teller herum. (Ehrlich gesagt erinnerte es mich eher an eine durchgeschmorte Glühbirne als an einen Rinderbraten.) »Das macht keinen Sinn, Sofia«, sagte Mary und warf Isabells Mentor, der mit griesgrämiger Miene am Nachbartisch saß, weil er die Wache für diese Woche hatte, einen genervten Blick zu. »Er wird es dir nicht sagen. Wenn du Antworten haben möchtest, musst du dich eher an Merl wenden. Oder – zu anderen Methoden greifen.« Bevor ich nachfragen konnte, was sie mit anderen Methoden meinte, kicherte Bea albern. »Du kannst dich ja an ihn ranschmeißen, Sofia. So schlecht sieht er wirklich nicht aus«, sie deutete (sehr!) auffällig an den Nachbartisch, wo Merl mit ein paar anderen Jungs saß. Ich senkte schnell den Blick, bohrte Bea meinen Ellbogen in ihre Seite, damit sie aufhörte, ihn so anzustarren und bedauerte jetzt schon, dass ich den beiden gezeigt hatte, wer er war.
»Sehr lustig«, zischte ich. »Aber Mary, was meinst du mit anderen Methoden?«
»Du könntest rumschnüffeln«, sagte sie seelenruhig und piekste mit ihrer Gabel ein Stück der geschmorten Glühbirne auf. »Allerdings musst du sehr gut aufpassen – Yu Weiß ist schließlich nicht nur der Schulleiter, sondern auch dein Mentor.«
Ich starrte sie entgeistert an. Hatte sie mir gerade wirklich vorgeschlagen, in Yu Weiß’ Büro einzubrechen?! »Das grenzt an Selbstmord«, protestierte ich.
Mary zuckte mit den Schultern. »Dann kann ich dir auch nicht helfen.« Mit diesen Worten nahm sie eines der Bücher, die sie immer in ihrer Tasche mitschleppte, heraus und begann zu lesen.
Bea und ich wechselten einen Blick. Wir hatten uns noch nicht an Marys direkte Art gewöhnt, immer genau das zu sagen, was sie dachte.
In diesem Augenblick sah ich aus den Augenwinkeln, wie sich jemand an den Tisch der Jungen stellte und mit Merl zu reden begann. Ruckartig hob ich den Kopf und sah Isabell genau in die Augen. Sie warf mir ein überhebliches Grinsen zu, wandte sich dann wieder Merl zu und redete auf ihn ein.
Ich knurrte wütend und wollte gerade mein Tablett wegbringen, als ich sah, wie Merl sich von seinen Jungs verabschiedete, Isabell einen entschuldigenden Blick zuwarf (diese sah aus, als wäre die Welt untergegangen) und schnell aus der Mensa verschwand. »Bringt ihr das für mich weg? Ich bin gleich wieder da«, sagte ich abwesend zu Bea und Mary und lief Merl hinterher.
Als ich die Mensa verlassen hatte, konnte ich Merl zwar nicht sehen, aber ich riet einfach drauflos und schlug den Weg zu dem Trainingsraum ein. Ich blieb unsicher vor der Tür stehen (schließlich hatte ich keine Ahnung, was ich eigentlich machen wollte). Vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt breit, doch niemand war zu sehen. Enttäuscht machte ich mich wieder auf den Weg zur Mensa und stieß fast mit Bea und Mary zusammen, die gefolgt von Isabells Mentor auf dem Weg in unser Zimmer waren.
Mitten in der Nacht hatte ich das erste Mal diese Kopfschmerzen. Ich wachte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und drückte meine Hände an die Schläfen. Mein Kopf pochte, als würde er gleich explodieren und ich wimmerte leise vor mich hin, um Mary und Bea nicht zu wecken. Ich wollte aufstehen und mir ein Glas Wasser aus dem Bad holen, aber kaum hatte ich meine Füße auf den Boden gesetzt, wurde mir so schwindelig, dass ich mich wieder aufs Bett setzten musste, um nicht umzufallen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und nichts machen konnte, als so ruhig wie möglich zu sein und nicht zu schreien. Irgendwann ebbten die Schmerzen ab und ich torkelte ins Bad, um mir Wasser ins Gesicht zu spritzen. Die Kälte beruhigte mich, aber ich war viel zu nervös, um mich wieder ins Bett zu legen. Deswegen nahm ich das Buch über Kampftheorie, das Merl mir gegeben hatte und begann zu lesen. Als ich mir sicher war, dass die Kopfschmerzen vorerst weg waren, knipste ich das Licht aus und das Zimmer hüllte sich in Dunkelheit.
Dennoch war ich am nächsten Morgen zu verschlafen, um mehr als nur ein Augen zu öffnen. »Bei Armet, Sofia!«, rief Bea. »Du siehst ja schrecklich aus!«
»Danke«, murmelte ich und setzte mich vorsichtig auf. Mein Kopf schien bersten zu wollen. Mary war ins Bad gerannt und drückte mir jetzt einen kalten Waschlappen auf die Stirn.
»Sie ist total heiß«, sagte sie und flitzte aus dem Raum. Die nächsten Stunden verschwammen in einem Dunst aus Kopfschmerzen. Ich sah nur Schemen; Yu Weiß, der sich vergewisserte, dass ich noch lebte, (wobei ich mir zu dem Zeitpunkt nicht wirklich sicher war) Bea, die mir immer wieder einen neuen Waschlappen auf die Stirn drückte und die Krankenschwester, die meine Temperatur maß und mich in eine dicke Schicht von Bettdecken einwickelte.
Ich war im Dauer-Dämmerzustand, ehrlich gesagt konnte ich nicht sagen, wann ich gerade träumte und wann nicht. Richtig schlafen konnte ich allerdings auch nicht, denn das regelmäßige Pochen in meinem Kopf lenkte mich so dermaßen ab, dass ich mich auf nichts anderes konzentrieren konnte.
Irgendwann hörte ich, wie die Tür aufging. »Und dabei hatte ich heute so viel vor«, sagte eine bekannte Stimme – Merl. Er scherzte, aber ich hörte auch einen Ton Besorgnis heraus (wodurch ich selbst nicht gerade entspannter wurde).
»Tut mir leid, dass ich deine Trainingspläne durcheinander bringe«, murmelte ich mit aller Anstrengung.
»Ich will es dir einmal verzeihen«, sagte er und ich konnte fast sehen, wie Merl grinste.
Ich dämmerte wieder weg, und als ich das nächste Mal aufwachte, waren die Kopfschmerzen weg – einfach weg. Erstaunt setzte ich mich auf und schob den Waschlappen (der irgendwann einmal kalt gewesen war, jetzt aber die Temperatur meines Körpers angenommen hatte) von meinen Augen auf die Stirn, sodass ich etwas sehen konnte. Ich schwang meine Beine aus dem Bett und wollte aufstehen, doch das Zimmer drehte sich und ich musste mich wieder hinsetzen.
»Leg dich bloß wieder hin!«, Mary trat aus dem Badezimmer und drückte mich bestimmt wieder zurück in mein Bett.
»Aber – Mary, mir geht es wieder gut«, protestierte ich.
»Nichts da!«, sagte Bea, die auf ihrem Bett saß und Comics verschlang. »Deinetwegen haben wir heute frei – willst du dafür verantwortlich sein, dass ich mit Quandri Berge von Arbeit erledigen muss?«
Ich grinste und schloss die Augen. »Nein, natürlich nicht«, murmelte ich leise, wobei die letzten Worte wohl eher genuschelt waren, weil ich schon wieder wegdöste.
Als ich das nächste Mal aufwachte, fühlte ich mich kräftiger. Ich war alleine im Zimmer – Bea und Mary schienen beim Abendessen zu sein. Ich stand auf, warf mir meine rote Robe über und ging die Wendeltreppe nach unten in die Mensa. Yu Weiß warf mir einen besorgten Blick zu, erhob sich aber nicht vom Lehrertisch. Einen Vorteil hatte es auf jeden Fall, dass ich erst so spät zum Abendessen kam: Es gab keine Schlangen mehr. Ich nahm mir schnell einen Teller Nudeln und den Salat »Rotkutte«, den es eigentlich zu allem gab (keine Ahnung, was der mit Rotkutten zu tun hatte: Grünzeug, Paprika, Tomaten, Gurken und Käsestücke, übergossen mit einer grünlichen Kräutersoße) und setzte mich an unseren Stammtisch.
»Wie geht’s dir?«, fragten Mary und Bea gleichzeitig.
»Besser«, sagte ich und fing Merls fragenden Blick auf. Ich hob die Schultern – was wollte er? Merl wandte sich wieder seinen Kumpels zu und ich mich meinem Essen.
In der Nacht konnte ich nicht schlafen (kein Wunder, ich hatte ja den ganzen Tag verpennt) und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Isabells Mentor schlief tief und fest vor unserer Tür, sodass ich leicht an ihm vorbeikam. In den ersten paar Jahren, die ich hier war, hatte ich einen Lieblingsplatz entdeckt – das Dach. Dorthin zog ich mich immer zurück, wenn ich es mit den anderen Rotkutten nicht mehr aushielt. Ich lief durch die leeren Gänge zum Physiktrakt.
Im Physikraum stieg ich auf das Lehrerpult und öffnete die Falltür an der Decke, dann zog ich die Leiter nach unten und kletterte aufs Dach. Gerade nachts war es ein atemberaubender Ausblick: rechts von mir sah ich hinter ein paar Rotkuttenhäusern den dunklen Wald, der die Grenze zwischen dem Rot- und dem Schwarzkuttengebiet abgrenzte. Unter dem Dach konnte man schemenhaft den Hof erkennen. Sofort musste ich wieder an das Bild von Bea denken, wie sie dort auf dem Boden lag und ich erkannte, dass Mary eine Schwarzkutte war.
Ich zog mich die letzte Stufe auf das bewachsene Dach, umrundete einen der vielen Schornsteine und setzte mich vorne auf die Kante, sodass ich meine Füße baumeln lassen konnte. Ein leichter Wind wehte mir die Haare ins Gesicht und ließ die Bäume des Waldes leise rascheln.
In diesem Moment hörte ich ein Klappern – das Geräusch, dass die alte Leiter machte, wenn man aufs Dach stieg. Sofort war ich hellwach. Irgendwie spürte ich, dass dort niemand heraufstieg, den ich gerne hier oben hätte.
Erst dachte ich, es wäre Mary, die ihre Schwarzkuttenrobe angezogen hatte. Aber Mary war kleiner als diese Person und außerdem kamen sie zu sechst – Schwarzkutten! Mein panischer Blick glitt über das Dach, aber hier war nirgendwo ein Ausweg – ich saß in der Falle! Ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum und wie die Schwarzkutten hier hoch gekommen waren, aber es interessierte mich im Moment auch nicht. Dass sie nichts Gutes im Schilde führten, war mir auch klar, ohne ihre genauen Beweggründe zu kennen. Die Gestalten kamen näher, und ich sah in ihren Händen Schwerter aufblitzen, die das Zeichen der Schwarzkutten waren. Hektisch rannte ich an der Kante des Daches entlang und schrie um Hilfe, aber ich wusste, dass meine Stimme weder zu den Schlafräumen der Lehrer oder Schüler vordringen würde, noch zu den anderen Häuser der Rotkutten.
Alleine, ohne irgendwelche Magie oder Waffen, stand ich nun sechs Schwarzkutten entgegen (also fabelhafte Aussichten!). Mein Herz pochte vor Angst, aber äußerlich war ich ganz ruhig. Eine der Schwarzkutten trat näher auf mich zu und hielt mir sein Schwert direkt vor mein Gesicht.
»Mitkommen«, blaffte er mit einer dumpfen Stimme, die durch seine Kapuze gedämpft klang. Ich wusste nicht, was in diesem Moment mit mir passierte. Hilflos hoben sich meine Arme und ich trat ein paar Schritte zurück. Die Schwarzkutte machte einen Schritt auf mich zu und packte mich grob am Ärmel. Ich spürte, wie Panikwellen durch meinen Körper schossen, Kälte und Wärme, Leichtigkeit und Schwere. Dann brach die Welt zusammen (na ja, so fühlte es sich wenigstens an). Ich konnte nicht genau sehen, was passierte. Irgendwie schien die Luft zu rötlich zu glühen, während Regen und Sturm eingesetzt haben mussten. Ich konnte die Schwarzkutten nicht mehr sehen – aber irgendwie sah ich sowieso nur noch bunte Farbtupfer vor meinen Augen. Dann bebte die Erde und ich machte erschreckt einen Schritt nach hinten – über die Dachkante hinaus ins Nichts.
Der Flug nach unten kam mir merkwürdig langsam vor. Vor meinen Augen flimmerte es die ganze Zeit und als ich sanft unten auf dem Boden aufkam, knickten meine Beine unter mir weg. Ich sank dem Boden entgegen und hatte das Gefühl, jetzt ernsthaft verrückt zu werden. Meine Arme und Beine zitterten wie verrückt, als ich versuchte, mich wieder aufzurichten und an dem zwanzig Meter hohen Dach emporblickte. Wo war ich noch mal? Moment – da waren diese … diese Leute gewesen … Meine Gedanken wurden immer unklarer, und mein Gesicht donnerte heftig auf den Boden, als mir schwarz vor Augen wurde.
Ich erwachte mit dem Gesicht auf der Erde im Hof – genau dort, wo Mary und ich Bea hingelegt hatten.
Die Sonne war gerade dabei aufzugehen, und tauchte das Schülerhaus in ein gespenstisches Licht. Dann fiel mir wieder ein, dass ich auf dem Dach gewesen war. Vorsichtig stand ich auf und meine Erinnerungen kamen auf einen Schlag zurück: Das Flimmern in der Luft, der Regen, der Sturm, das Erdbeben. Hatten die anderen davon gar nichts mitbekommen? Und wo waren die Schwarzkutten? Verwirrt stolperte ich ins Schülerhaus und die Wendeltreppe nach oben in unser Zimmer – doch weder Bea noch Mary waren da. Ich machte auf dem Absatz kehrt und lief – nun ehrlich besorgt – die Treppe wieder nach unten. Da sah ich Licht in der Mensa, und als ich näher trat bemerkte ich, dass alle sich eingefunden hatten, wirklich alle. Die Mentoren saßen bei ihren Schülern, während die jüngeren Kinder mit ihren Freunden an Tischen zusammengekauert waren. Yu Weiß saß auf (!) einem der Tische und sprach ruhig und gefasst zu den anderen. Vorsichtig trat ich näher und sah, wie Bea und Mary mich zu einem Tisch winkten, an dem schon ein paar zehnjährige Mädchen in Nachthemden saßen und dem Weinen nahe zu sein schienen.
»Wo verdammt noch mal warst du?«, zischelte Bea mir zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich von dem Geschehenen halten, geschweige denn, wie ich es in Worte fassen sollte (ehrlich gesagt zweifelte ich wirklich an meinem Geisteszustand), also zuckte ich nur mit den Schultern und wandte mich Yu Weiß zu.
»Ja, es gibt selten Erdbeben, Ilse. Das ist aber kein Grund zur Besorgnis und sicher kein Vorbote zum Weltuntergang«, sagte er nachdrücklich zu einer jüngeren Schülerin, die sich klammheimlich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Sie klammerte sich verängstigt an ihre Freunde und schien nur bedingt beruhigt durch Yu Weiß’ Worte zu sein. »Meine Eltern sagen, dass Erbeben von den Göttern kommen«, murmelte sie.
»Nun, die Götter haben in allem ihre Finger mit drin«, sagte Yu Weiß sanft und richtete sich dann an alle, sodass das leise, unruhige Geflüster zwischen den Schülern erstarb. »Das Erdbeben und auch der Sturm sind kein Grund zu Sorge, meine Lieben. Ihr könnt wirklich wieder ins Bett gehen.« Die meisten Schüler erhoben sich, aber ich hörte, wie viele von ihnen ängstlich »Armet sei bei uns« murmelten. Das Erdbeben schien sie wirklich verschreckt zu haben. Mein Magen drehte sich um, als ich an das dachte, was auf dem Dach passiert war. Ich hatte keine Erklärung für so etwas – die Götter mussten ihre Finger im Spiel haben. Aber selbst ich wusste, dass Armet so etwas nicht geschafft hatte. Hylos, der Gott der Schwarzkutten, oder Lucis, die Göttin der Blaukutten, musste das Erdbeben verursacht haben.
Bea riss mich aus meinen Gedanken, indem sie mich am Handgelenk fasste und mit den Schülermassen aus der Mensa drängte.
Kaum waren wir in unserem Zimmer, platzte Bea heraus: »Wo warst du, Sofia? Wir haben uns solche Sorgen gemacht!«
Ich ließ mich auf mein Bett sinken und überlegte, was ich erzählen sollte. Ich sah meine beste Freundin nachdenklich an. Sie war immer für mich da. Bei der Frage ob ich Mary vertrauen könnte, war ich mir zwar noch sehr unschlüssig, aber sie kannte sich mit Schwarzkutten am besten aus. Wenn jemand eine Erklärung hatte, dann sie. Ich seufzte noch einmal und ließ mich auf mein Bett fallen.
»Ihr müsst versprechen, dass ihr das jetzt nicht weitererzählt«, ich sah Bea, die sich unter ihre Decke gekuschelt und Mary, die wie immer ein Buch in den Händen hatte, ernst an. Dann erzählte ich ihnen alles; angefangen von meiner Schlaflosigkeit und dem Besuch des Dachs, dem Klappern der Leiter und meiner Angst. Auch von dem Flimmern vor meinen Augen berichtete ich, auch wenn ich befürchtete, dass sie mich jetzt für noch verrückter hielten als vorher. Als ich geendet hatte, legte sich Schweigen über uns. Bea war ganz weiß im Gesicht, aber das war nichts gegen Marys ungesund grünliche Farbe. Die ehemalige Schwarzkutte ließ ihr Buch sinken, sodass es mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden fiel.
»Bei Armet«, stöhnte Bea irgendwann und brach damit das Schweigen.
»Was soll ich denn jetzt machen?!«, ich hob die Hände. »Keine Ahnung, was da passiert ist. Ehrlich – die kamen plötzlich auf mich zu. Ich hab es euch ja erzählt.«
Mary knabberte an ihrer Unterlippe, dann sah sie mich stirnrunzelnd an.
»Für das hier gibt es eigentlich nur zwei mögliche Erklärungen«, sagte sie langsam.
Bea und ich sahen sie abwartend an und ich bekam das Gefühl, dass Mary viel klüger war, als sie zugab.
»Erstens: Die Götter haben dich, warum auch immer, beschützt. Da Armet für so etwas zu schwach ist, müssen es Hylos oder Lucis gewesen sein. Aber warum sollte Hylos, der Gott der Schwarzkutten, so etwas tun? Jemanden gegen seinen eigenen Stamm beschützen? Bleibt also nur Lucis. Auch da stellt sich die Frage, weshalb sie dich beschützen sollte, wo du doch zu keinem von ihnen zu gehören scheinst«, sagte Mary ernst.
Ich schaute Bea verblüfft an und konnte nicht anders, als Mary für ihre schnellen Erkenntnisse zu bewundern. Bea anscheinend auch, denn sie schaute mich fassungslos an.
»Womit wir bei der zweiten Erklärung wären«, fuhr Mary fort. »Da Magie dich beschützt und die Schwarzkutten vertrieben hat, liegt es nahe, dass die Magie auch von dir ausgegangen ist. Die Dinge, die du uns beschrieben hast, waren Regen, Sturm, ein rotes Flimmern – ich nehme mal an, es handelte sich um Feuer – und ein Erdbeben, das wir alle gespürt haben. Auch wenn ich die Umstände nicht verstehe, Sofia: Das ist die Magie einer Blaukutte.«
Ich schaute sie fassungslos an und konnte dann ein hysterisches Lachen nicht unterdrücken. »Nein, Mary. Das ist unsinnig. Niemand bekommt die Magie erst so spät. Und außerdem, das was da aufeinandergestoßen ist, waren alle vier Elemente. Keine Blaukutte beherrscht alle vier, das können nur die Götter.«
Mary zuckte mit den Schultern. »Schon, aber wir können nichts ausschließen, Sofia. Außerdem – denk an dein Fieber und die Kopfschmerzen. Bei dir war es heftiger als bei allen Kutten, die ich kenne, aber das sind die Vorboten von Magie. Jede sechsjährige Kutte kann dir das bestätigen. Am klügsten wäre es, sich Yu Weiß anzuvertrauen. Er weiß sicher, was du machen kannst.«
Schon bevor sie geendet hatte, schüttelte ich wild den Kopf. »Niemals. Ich will nicht, dass er mich für geisteskrank hält. Das Erdbeben, okay, das haben alle mitbekommen. Aber Schwarzkutten auf dem Dach? Außerdem müsste ich erklären, weshalb ich auf dem Dach war – und wieso ich überhaupt weiß, wie man dort hinauf kommt. Und er müsste mir glauben, dass ich einen Fall über zwanzig Meter ohne einen Kratzer überstanden habe«, ich tickte mir an die Stirn. »Ich bin schneller als verrückt abgestempelt, bevor ich auch nur die ganze Geschichte erzählt habe.«
Bea gab mir Recht. »Das glaubt niemand, Mary. Selbst Yu Weiß nicht.«
Wir saßen ein paar Minuten ratlos da, dann ergriff Mary wieder das Wort.
»Leute, vielleicht sind wir einfach ein bisschen überdreht. Wir hatten wenig Schlaf. Wir sollten erst einmal schlafen, morgen sieht die Welt ganz anders aus.«
Ich wusste zwar nicht, ob ich ihr da Recht gab, aber so kamen wir auf jeden Fall nicht weiter, also löschten wir das Licht und eine tiefe Dunkelheit senkte sich über unser Zimmer.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte und an die weiße Decke starrte, (na ja, sie hatte ein paar Farbspritzer bekommen, als Bea und ich in der siebten Klasse meinten, eine Leinwand bemalen zu müssen) kamen mir die Erlebnisse von gestern wie ein Traum vor. Ehrlich gesagt konnte ich gar nicht mehr genau sagen, ob da überhaupt ein Flimmern in der Luft gewesen war. Und der Regen? Meine Augen hatten irgendwie verrückt gespielt. Ich seufzte tief und drehte mich zur Seite, sodass ich Bea sehen konnte. Sie saß auf ihrem Bett und zog sich ihre Robe über.
Bea lächelte mir leicht zu, aber ich wusste, wie verwirrt sie von den ganzen Dingen war, die gestern passiert waren. (Ich war es aber noch viel mehr, schließlich waren sie mir passiert.) Mary war anscheinend schon im Bad, denn ich hörte Wasser rauschen und einen echt schrecklichen Gesang, der dem meinem sehr nahe kam. Bea und ich schauten uns an – dann prusteten wir los. Wir wurden aber schnell wieder ernst.
»Was da gestern passiert ist – das, was du erzählt hast – das ist gruselig, Sofia. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Was auch immer da passiert ist, die Götter haben so oder so ihre Finger im Spiel. Und genau das beunruhigt mich«, sagte Bea. Ich nickte, sie sprach genau meine Gedanken aus.
»Keine Ahnung. Ich weiß nicht, was da geschehen ist.« Und ich wollte mich auch nicht daran erinnern. Ich lächelte Bea (wie ich hoffte aufmunternd) zu. »Lass uns erst einmal frühstücken. Vielleicht habe ich mir den Großteil auch eingebildet.« (Ehrlich gesagt hoffte ich es. Denn die Möglichkeiten, die Mary in Betracht zog, waren weit gefährlicher als ein gestörter Geisteszustand.)
Beim Training war ich nicht bei der Sache, was auch Merl schnell merkte. Als ich in einer Minute das fünfte Mal auf der Matte lag und mir den schmerzenden Kopf rieb, sah Merl stirnrunzelnd auf mich herunter. » Komm schon, Sofia! Streng dich ein bisschen an.«
»Was glaubst du, was ich mache?«, fragte ich hitzig und rappelte mich wieder auf. Wir nahmen wieder unsere Ausgangsstellung ein, und ich versuchte ihn in die rechte Seite zu treten, doch er wich mühelos aus, wirbelte einmal um mich herum und stieß mich von hinten auf den Boden.
Kaum hatte ich mich wieder aufgerichtet, trat er mir die Beine weg. »Schlecht drauf heute, wie?«, stichelte er.
Der Gestank der Matten war unerträglich. Ich stand wieder auf und warf Yu Weiß einen Blick zu, der gedankenverloren unter der Wand mit den Waffen saß. Vielleicht sollte ihm doch erzählen, was passiert war …
»Abgelenkt zu sein in einem Kampf ist wirklich das Schlechteste, was man machen kann«, sagte Merl und warf mich schon wieder zu Boden. Wütend funkelte ich ihn an. »Du machst das auch nur, weil es dir Spaß macht, oder?«, fauchte ich. »Vergiss es, okay? Du bringst mir nichts bei – du demütigst mich und stellst deine Stärken zur Schau. Mal ganz abgesehen davon, dass ich sowieso keine Ahnung habe, wer du bist, geschweige denn davon, warum ich diesen ganzen Scheiß überhaupt lernen muss!« »
Yu Weiß hob beschwichtigend die Hände, aber ich drehte mich einfach um und rannte aus dem Raum.
Auf dem Weg zu unserem Zimmer verrauchte mein Zorn, und ich kam mir ziemlich kindisch vor. Es lag eigentlich auch nur an meiner Anspannung, dass ich so überreagiert hatte. Ich konnte einfach nicht mit dem, was gestern Nacht passiert war, umgehen.
Die Flure waren verlassen, als ich mich auf den Weg zu unserem Zimmer machte (natürlich, die anderen hatten ja entweder Unterricht oder waren mit ihren Mentoren irgendwo im Haus verstreut). Ich rauschte gerade wütend (jetzt allerdings nicht mehr auf Merl, eher auf mich selbst) an der Mädchentoilette vorbei, als ich jemanden weinen hörte. Ich würde diese Stimme immer und überall erkennen, deshalb blieb ich stehen und spähte vorsichtig in die Toilette.
Isabell hing über dem Waschbecken und versuchte vergeblich, sich die verschmierte Schminke aus ihrem Gesicht zu wischen. Dabei wurde sie von immer mehr Schluchzern geschüttelt. Ich konnte es nicht mit ansehen, dennoch blieb ich wie erstarrt stehen. Ich hasste Isabell, ich hasste sie aus tiefstem Herzen, aber dennoch kostete ich diesen Moment nicht aus. Ich fragte mich wirklich, was Isabell so erschüttern konnte. Sie war, soweit ich es beurteilen konnte, ein sehr starkes, selbstbewusstes (und bescheuertes, idiotisches und egoistisches) Mädchen, das nichts so leicht aus der Bahn werfen konnte. Ich hörte Isabell schniefen und wurde mir bewusst, was ich da eigentlich tat. Ich würde auch nicht wollen, dass Isabell mich in einem Moment wie diesem beobachtete. So leise ich konnte huschte ich den Gang weiter in Richtung Wendeltreppe.
Im Zimmer legte ich mich ins Bett und versuchte zu schlafen, denn obwohl ich gestern nach dem ganzen Chaos hatte einschlafen können, war ich immer noch von einer bleiernen Müdigkeit besessen. Das Problem war nur, dass es nicht so ganz einfach war, mit tausenden schwirrenden Gedanken im Kopf einzuschlafen. (Das waren jetzt nicht nur das ganze Wirrwarr von gestern Abend, Beas Verletzung im Wald und Marys Auftauchen, sondern auch noch mein Ausbruch bei Merl und wie Yu Weiß darauf reagieren würde und Isabell, wie sie heulend auf der Mädchentoilette hockte – ehrlich gesagt ziemlich viel, worüber ich nachdenken musste, dafür, dass ich eigentlich einschlafen wollte). Letztendlich stand ich beim Klingeln auf (ohne auch nur die Augen zugetan zu haben) und lief als erste in die Mensa, sodass ich Bea und Mary einen Platz freihalten konnte.
Yu Weiß starrte mich die ganze Zeit vom Lehrertisch an, aber ich schaute nicht lange genug auf, um seinen Blick zu deuten. Dass Merl mich wütend anblitzte, bemerkte ich trotzdem. Zu meinem Erstaunen legte Mary das Buch, das sie gerade las, weg, als sie mit ihrem Tablett zu uns auf die Bank gerutscht kam.
»Ich habe noch mal über diese ganze Geschichte nachgedacht«, sagte sie so leise, dass nur Bea und ich es hören konnten. »Und ich denke, dass du noch mal dahin gehen solltest, wo diese ganze Magie sich entladen hat. Es kann ja auch sein, dass dort noch Spuren sind, die darauf schließen lassen, was passiert ist.«
Das war eine brillante Idee! Wenn die Götter ihre Magie in unserer Welt einsetzten, hinterließen sie immer so etwas wie goldenen Regen, der sich um den Ort rankte, wo die Magie aufgetreten war. Aber ich hatte Angst davor, nichts zu finden, was entweder hieß, dass Marys zweite Theorie stimmte, (was ich einfach nicht glauben konnte, weil es so unsinnig klang) oder dass ich verrückt war (was auch keine gute Alternative dazu war).
Bea nickte. »Sofia«, sagte sie zögerlich auf meinen erschreckten Blick hin, »ich glaube, Mary hat Recht. Du solltest nachschauen, ob Goldregen auf dem Dach ist – ob die Götter wirklich da waren.«
Ich stöhnte frustriert auf. »Kann nicht einer von euch hochgehen? Ernsthaft – ich glaube nicht, dass ich mich das traue.«
Mary schüttelte den Kopf. »Das ist deine Entscheidung, weil auch du es warst, der die Magie erschienen ist. Entweder du gehst und findest heraus, was passiert ist, oder du lässt es bleiben.«
»Jetzt muss ich mich sowieso erst mal bei Merl entschuldigen«, murmelte ich, um diese ganze Magie-Götter-Dach-Sache so weit wie möglich nach hinten zu schieben.
Als ich in den Trainingsraum kam, waren Yu Weiß und Merl schon da.
Letzterer schaute mich verärgert an und ich wich seinem Blick aus. »Wir können deinen Ausbruch nachvollziehen, Sofia«, sagte Yu Weiß verständnisvoll und ich kam zu dem Schluss, dass er mit »Wir« sich selbst meinte, weil Merl mich so wütend anstarrte, als wollte er mich mit seiner Willenskraft im Boden versenken.
»Du hast noch keine Erfahrung mit diesen Dingen, und deshalb wollen wir dir das langsamer beibringen. Merl wird dir die einzelnen Schritte langsam zeigen, bevor ihr wirklich gegeneinander kämpft«, sagte Yu Weiß und ließ sich wieder unter der Wand mit den ganzen Waffen nieder.
Tatsächlich zeigte Merl mir erst die ganzen Schritte, bevor er sie mich ausprobieren ließ. Allerdings warf er mich beim »Vorführen« teilweise so hart auf die Matte, dass mir die gesamte Luft aus den Lungen gepresst wurde (was dazu führte, dass ich am Ende der Stunde hechelte wie ein Hund).
»Es wäre einfach nett gewesen, wenn du es freundlicher gesagt hättest«, sagte er und lächelte mich fast freundlich an, nachdem er mich mal wieder auf den Boden geworfen hatte. »Frieden?«, er streckte mir die Hand entgegen.
Erleichtert griff ich nach seiner Hand und ließ mir hoch helfen. »Frieden!«
Die Trainingseinheit hatte mir geholfen, über meine ganzen Probleme hinweg zu sehen, aber als es klingelte, stürmte alles wieder auf mich ein. Und ich hatte Schuldgefühle, weil ich Yu Weiß nichts davon berichtete. Wenn (wenn!) ich nicht verrückt war, dann waren gestern Schwarzkutten in der Schule gewesen, was auf jeden Fall ein Grund zur Sorge wäre. Aber ich hatte keine Beweise – und selbst ich glaubte nicht mehr wirklich an das, was geschehen war. Ich seufzte und beschloss, systematisch an die Sache heran zu gehen. Mary hatte Recht, ich musste auf das Dach zurück.
Kapitel 4
Ich ging alleine aufs Dach, aber Bea und Mary bestanden darauf, im Physikraum zu warten, wegen des Angriffs der Schwarzkutten. Nach dem Abendessen schlichen wir uns zu den Physik- und Chemieräumen, aber noch nie war ich deswegen so aufgeregt gewesen wie jetzt. Ich zitterte, als ich auf das Lehrerpult kletterte und die Falltür öffnete.
»Viel Glück«, wisperte Bea, die sich mit Mary auf die Fensterbank gesetzt hatte. »Danke«, formte ich lautlos mit den Lippen, dann stieg ich die Stufen langsam nach oben. Das Erste, was ich bemerkte, als ich das Dach betrat, war die frische Luft. Sie strich sanft über mein Gesicht und ich atmete erleichtert ein. In den Physikräumen stank es immer nach Schwefel, Pilzsäuren und Kräutermischungen, sodass die Luft hier oben einfach erfrischend war.
Auf den ersten Blick sah das Dach aus, als hätte hier nie eine Art Kampf stattgefunden. Aber als ich mir den Boden näher ansah, erkannte ich, dass am Rand des Daches, genau dort, wo die Schwarzkutten und ich gestanden hatten, keine Pflanzen mehr wuchsen. Statt den kleinen, weißen Blumen und dem Moos, die auf dem Dach verteilt waren, konnte man hier nur das nackte, dunkle Dach sehen.
Ich seufzte tief und hatte das Gefühl, nie aus dem schlau zu werden, was gestern Abend passiert war. Aber was ich ganz sicher erkennen konnte war, dass hier nichts Goldenes war. Keine goldenen Tropfen auf dem Boden; noch nicht einmal unten im Hof oder im Himmel (ich vergewisserte mich mehrere Male, dass ich auch nichts übersehen hatte). Nachdem ich wirklich alles abgesucht hatte, musste ich mir eingestehen, dass die Götter die Magie anscheinend wirklich nicht verursacht hatten. (Und ehrlich gesagt kam ich immer mehr zu dem Schluss, dass ich verrückt sein musste.)
Resigniert stieg ich die Treppe wieder nach unten zu den Physikräumen. Auf Beas und Marys stumme Fragen hin schüttelte ich nur den Kopf.
»Dort, wo ich stand, ist kein Moos mehr«, erzählte ich flüsternd, während wir zurück in unser Zimmer huschten. »Aber nichts Goldenes.«
Ich weiß nicht genau, wie ich es schaffte, aber ich blendete das alles die nächsten Tage aus (mit »das alles« meine ich in diesem Fall die merkwürdige Nacht mit den Erdbeben, die Schwarzkutten und Isabells Geheule in der Mädchentoilette).
Dass ich Merl angefaucht hatte, hatte einen Vorteil – ich begann allmählich wirklich Kampfsport zu lernen. Allerdings auf die harte Tour, Merl ging nicht gerade zimperlich mit mir um. Immer, wenn ich hart auf der Matte landete, warf Yu Weiß mir einen mitleidigen Blick zu, sagte aber nichts. Merl erklärte mir vieles, erkundigte sich immer wieder, ob ich alles verstanden hatte und wurde nicht müde, mir komplizierte Bewegungsabläufe auch zehnmal zu erklären. Ich wünschte mir die Tage herbei, an denen wir nur Theorie geübt hatten. Merl und ich kämpften mit Schwertern und Dolchen, oder auch ganz ohne Waffen. In manchen Stunden musste ich wieder mit Pfeil und Bogen schießen, in anderen liefen wir die ganze Zeit durch den großen Raum und machten Krafttraining.
Bea und Mary hatten sicher entspanntere Stunden, allerdings bekamen sie umso mehr langweilige Hausaufgaben auf. Wir hatten bis zum Wochenende praktisch keine Zeit, uns mit etwas anderem als der Schule zu beschäftigen. Mir war das ganz recht – ich wusste immer noch nicht, was ich von dieser ganzen Sache halten sollte. Und dass die Götter auf jeden Fall nicht die Magie herbeigerufen hatten, machte mir auch zu schaffen.
Am Samstagmorgen machte Mary allerdings meine Hoffnungen darauf, dass sie den Vorfall vergessen hätte, zunichte, indem sie mich am frühen Morgen (soll ich noch mal betonen, dass Samstag war?!) wachrüttelte. »Sofia, wir müssen was unternehmen«, rief sie mir ins Ohr und weckte Bea.
»Wieso jetzt?«, grummelte ich und drehte mich auf die andere Seite. »Also wirklich, Mary. Es ist noch nicht einmal sieben Uhr! Wir können auch nach dem Mittagessen etwas unternehmen.«
Bea schien das genauso zu sehen wie ich, sie öffnete ein Auge, sodass sie auf ihren Wecker schauen konnte und stellte sich danach tot.
»Leute, wann können wir das sonst prüfen? Sofia, wir wollen doch herausfinden, wer oder was die Magie hat erscheinen lassen. Und wenn du es warst, können wir es noch mal versuchen. Aber dafür brauchen wir Ruhe – und die haben wir unter der Woche nicht.«
Mit einem Schlag waren Bea und ich hellwach. »Du glaubst also ernsthaft, dass die Magie von mir kam?«, ich musste fast lachen, so absurd klang das. »Mary, soll ich dich noch einmal darauf hinweisen, dass niemand alle vier Elemente beherrschen kann? Die Götter jetzt mal ausgenommen?«
»Ja, aber die Götter waren es ja nun mal nicht«, sagte Mary gereizt. »Ich ziehe doch nur alle Möglichkeiten in Betracht, die es gibt!«
»Mary hat Recht«, murmelte Bea und rollte sich aus dem Bett. »Heute haben wir genügend Zeit, es auszuprobieren.«
»Wisst ihr überhaupt, was ihr da machen sollt? Mit Magie habe ich nun wirklich keine Erfahrungen«, sagte ich und spielte auf meine Magielosigkeit an, nur um noch einmal zu betonen, dass die Magie nicht von mir kommen konnte.
Mary verdrehte die Augen. »Du vielleicht nicht, Sofia, aber Bea und ich können Magie seit Jahren kontrollieren. Auch wenn sie verschieden ist, es ist immer noch Magie.«
»Und was beherrschst du jetzt genau für eine Magie?«, wollte ich wissen. Mary hatte mir auf diese Frage noch nie eine richtige Antwort gegeben, und auch heute sagte sie nur: »Nekromantie. Sofia, zieh dich um, dann legen wir los. Dieser rosa Pferde-Schlafanzug ist ja wirklich ganz süß, aber für das, was wir vorhaben, gänzlich ungeeignet.« Verlegen krabbelte ich zu meinem Schrank und fischte ein paar rote Kleidungsstücke heraus.
Mary schloss unser Zimmer ab, vergewisserte sich, dass Isabells Mentor vor der Tür selig schlief und zog dann die Vorhänge zu. Im Zimmer war es jetzt so dunkel, dass ich Mary und Bea, die auf meinem Bett saßen, nur schemenhaft erkennen konnte. Ich stand ein bisschen verloren in der Mitte des Raumes (und kam mir ziemlich albern vor).
»Okay«, sagte Mary. »Sofia, du musst jetzt versuchen, alles loszulassen. Hm … das ist schwierig zu erklären. Entspann dich einfach, und versuch, Magie heraufzubeschwören.« Ich war kurz davor, albern loszukichern. Sie konnte ja nicht wissen, wie oft ich das schon versucht hatte – heimlich in meinem Zimmer, vor Ärzten, vor Lehrern, vor meinen Eltern, mit Isabell, mit Bea …
Trotzdem seufzte ich nur und versuchte mich zu entspannen, was allerdings nicht wirklich funktionierte. Ich streckte die Hände aus und redete mir ein, dass da jetzt gleich irgendwie Magie rauskommen würde (ich brauche wohl nicht zu betonen, dass ich nicht wirklich daran glaubte).
Als sie Sonne aufgegangen war, gaben wir es auf und Mary zog die Vorhänge wieder auf, sodass Tageslicht in den Raum strömte.
»Ich hab’s doch gesagt«, brummelte ich und warf mich auf mein Bett. »In mir ist kein Funken Magie.«
»Das kann sein«, stellte Mary fest, während sie die Tür wieder aufschloss.
»Es kann aber auch sein, dass du die Magie einfach nicht kontrollieren kannst. Oder denkst du, Sechsjährige können sagen: Jetzt lass ich mal diesen Gegenstand fliegen? «
»Am Anfang kommt die Magie, wann sie will«, stimmte Bea ihr zu.
»Toll«, sagte ich gedehnt. »Aber wenn es euch aufgefallen ist – ich bin nicht sechs! Und ich habe keine Magie. Also können wir uns bitte auf etwas konzentrieren, dass mehr Sinn ergibt?« Ich hatte keine Lust mehr, die ganze Zeit über meine Ich-Habe-Keine-Magie Geschichte diskutieren zu müssen, wo ich das Ganze doch am liebsten ausblenden wollte. Die beiden machten mir mit ihrem Gerede sinnlose Hoffnungen, die doch nur wieder zerstört werden würden.
»Gut«, sagte Mary ruhig. »Aber lass mich noch eine Sache ausprobieren.«
Nach dem Frühstück schickten Mary und Bea mich aufs Zimmer, während sie noch Crossiants aßen. Die Erinnerung an die Begegnung mit den Schwarzkutten wurde immer verschwommener, und ich bekam wirklich Zweifel wegen meiner Auffassungsgabe. Ich wollte gerade ins Bad gehen, als ich ein leises Kratzen hinter der Tür hörte. Erstarrt blieb ich stehen und sah, wie jemand die Klinke langsam herunterdrückte. Wie festgefroren blieb ich stehen, die Hand nach der Badezimmertürklinke ausgestreckt. Langsam öffnete sich die Tür und jemand schob sich in den Raum – eine Schwarzkutte! Ich reagierte panisch (was wohl nur nachvollziehbar ist, wenn man sich an das Ereignis auf dem Dach erinnerte).
Ich wich bis an die Wand zurück, dann schrie ich los und schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich, wie unsere Bettdecken brannten. Durch einen Windstoß (im Zimmer?!) wurde die Schwarzkutte ins Badezimmer geworfen. Die Tür des Badezimmers knallte laut zu, dann hörte ich, wie sich Dusche und Waschbecken selbstständig machten und Wasser sprühten.
Entgeistert ließ ich mich auf dem Boden nieder. Meine Gedanken wirbelten herum und ich wusste, dass ich Yu Weiß auf jeden Fall von den Schwarzkutten berichten musste. Aber erst mal sollte ich irgendjemanden holen. Mein Herz pochte wie wild und ich brauchte einige Zeit, bis ich mit zittrigen Beinen aufstehen konnte.
Ich war gerade auf dem Weg zur Tür, als Bea vorsichtig den Raum betrat, einen Blick auf die rauchende Bettwäsche warf und erschreckt aufkeuchte.
»Eine Schwarzkutte – hier im Zimmer!«, ich rüttelte sie an der Schulter, während ich losstammelte. »Plötzlich kam sie hier rein … und ich – ich hab gar nichts gemacht, aber dann sind die Bettdecken irgendwie in Flammen …«
»Sofia, das ist Mary. Sie hat ihre Schwarzkuttenrobe angezogen, um deine Magie zu prüfen«, unterbrach Bea mich zerknirscht. »Das war eine bescheuerte Idee – sorry. Aber jetzt müssen wir erst einmal Mary retten.«
»Bei den Göttern«, stöhnte ich halb erleichtert, halb wütend und wäre zusammengesackt, wenn Bea mich nicht gestützt hätte. Ich fühlte mich, als hätte ich gerade einen Marathonlauf hinter mir.
Bea öffnete die Tür zum Badezimmer, während ich nur auf dem Boden hockte und verzweifelt versuchte, nicht ohnmächtig zu werden. Dennoch riskierte ich einen Blick ins Bad – und bereute es. Mary saß auf dem Boden, ihre Haarspitzen waren angekokelt und ihr Arm stand in einem merkwürdigen Winkel ab – wahrscheinlich war sie ungünstig mit ihm aufgekommen, als der Wind (oder was auch immer) sie ins Badezimmer befördert hatte. Außerdem war sie klatschnass und zitterte. Wasser aus der Dusche und vom Waschbecken spritzte immer noch auf sie ein, und ich schüttelte wild den Kopf.
»Stopp, stopp«, murmelte ich, aber nichts passierte. Bea zog Mary aus dem Badezimmer und schloss die Tür hinter ihnen.
Ich blendete das Flimmern vor meinen Augen aus und sah Mary verängstigt an. »Sorry, Mary«, flüsterte ich.
Doch diese schüttelte nur den Kopf. »Jetzt wissen wir es«, sagte sie nur und zuckte schmerzhaft zusammen, als Bea ihren Arm berührte.
»Wo ist Isabells Mentor – dein Aufpasser?«, fragte ich sofort.
»Ich hab ihn abgelenkt und so getan, als würde ich in die Klassenzimmer rennen«, sagte Bea leise. Jetzt, wo Mary außer Lebensgefahr war, funkelte ich sie wütend an. »Seid ihr eigentlich noch ganz klar im Kopf?«, wollte ich fauchen, aber da ich so erschöpft war, klang es eher wie eine freundlich gestellte Frage.
Bea sagte nur: »Ja, danke der Nachfrage, aber darüber müssen wir später noch mal reden«, dann verfrachtete sie Mary nach draußen. »Was wollt ihr denn der Krankenschwester …?«, begann ich, doch Mary unterbrach mich. »Wir denken uns schon was aus. Unfall«, sagte sie.
»Ja klar, unter der Dusche …«, begann ich, doch die beiden waren schon verschwunden.
Erschöpft ließ ich mich auf mein Bett sinken und schloss die Augen. Ich konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Ich hatte Mary für eine Schwarzkutte (na ja, das war sie ja auch – für eine böse Schwarzkutte) gehalten und schon wieder hatte plötzlich alles verrückt gespielt. Und dieses Mal waren Mary und Bea dabei gewesen – ich war also nicht geisteskrank. Die Götter waren auch ausgeschlossen, da im Zimmer nichts Goldenes zu finden war (außer Beas Lieblingskessel, den sie für mehr als hundert Silbermünzen gekauft hatte).
Aber die Möglichkeit, die dann noch blieb, verursachte mir starke Kopfschmerzen. Konnte es wirklich sein, dass ich die Magie heraufbeschworen hatte? Okay, ich war ein totaler Freak. Jetzt war es amtlich. Entweder besaß ich keinen Funken Magie – oder so viel, wie niemand zuvor jemals besessen hatte, so viel, wie eigentlich unmöglich sein sollte. Ich hatte das Gefühl, gerade erst die Augen geschlossen zu haben, als Bea ins Zimmer kam, gefolgt von Mary, die ihren Arm in einer Schlinge trug und irgendein Schmerzmittel bekommen zu haben schien, (ich tippte mal auf Randerkraut, nur das hatte so eine starke Wirkung) denn sie grinste mich breit an.
»So – wenn auch mit einigen Verlusten«, sie deutete mit ihrer freien Hand auf den Arm in der Schlinge, »wissen wir jetzt, wer diese Magie verursacht hat – Du.«
Bea und sie starrten mich in einer Mischung aus Faszination und Verwirrung an, aber ich hob nur die Schultern. »Leute, ich habe keine Ahnung, was da passiert ist!«, sagte ich und hatte das Gefühl, mich zu wiederholen.
»Aber ich«, sagte Mary zufrieden. »Du kannst die Magie nicht kontrollieren – noch nicht. Aber sie hilft dir, wenn du angegriffen wirst – oder dich in Gefahr fühlst. Das heißt, dass sie da ist.«
»Ihr seid echt krank«, empörte ich mich und wollte gerade losschimpfen, doch Bea unterbrach mich: »Komm schon, Sofia. Es hat doch alles so geklappt, wie wir es wollten – abgesehen jetzt mal von Marys Arm. Wir wissen, dass du diese Magie ausgeübt hast. Allerdings erklärt das vieles nicht – Du bist anscheinend eine Blaukutte. Aber irgendwie auch nicht wirklich, weil du alle vier Elemente beherrschst. Und das ist eindeutig nicht normal.« (Na, das sollte ja nichts Neues für mich sein!) Von den ganzen Problemen schwirrte mir der Kopf, und außerdem war ich immer noch so fertig, dass ich es noch nicht einmal schaffte, aufzustehen.
»Und was mache ich jetzt?«, fragte ich und klang ziemlich verzweifelt. Eine Ironie des Schicksals übrigens (immerhin hat das Schicksal noch Humor), weil ich mir ja immer gewünscht hatte, Magie zu beherrschen. Aber so, wie es jetzt war, wollte ich es irgendwie auch nicht.
»Du musst es Yu Weiß sagen«, meinte Mary, aber ich schüttelte wie wild den Kopf.
»Sofia«, fuhr Bea mich an, »das ist gefährlich, wenn du die Magie in dieser Intensität und Vielfalt nicht beherrschst. Wenn junge Rotkutten mal aus Versehen ein Glas gegen das Fenster fliegen lassen, ist das nicht so schlimm. Aber du kannst zerstören und töten mit deiner Magie. Ehrlich gesagt will ich gar nicht wissen, was mit den Schwarzkutten passiert ist, die versucht haben, dich anzugreifen.«
Ich nickte, eingeschüchtert von Beas Ausbruch. Bea und Mary hatten Recht. Ich musste mich dem stellen und konnte nicht immer weglaufen.
Vor dem Mittagessen holte mich Merl zu einer »Extrastunde« ab.
Ich war nicht wirklich konzentriert (aber ganz ehrlich: das war auch mein gutes Recht bei allem, was heute passiert war), weshalb Merl ziemlich genervt von mir war.
»Verdammt, Sofia. Kannst du dir bitte ein bisschen Mühe geben?«, fragte er mit zusammengebissenen Zähnen, während er mir ein und dieselbe Übung mindestens das zwanzigste Mal vorführen musste, weil ich immer noch nicht begriffen hatte, wie es ging.
»Nein, heute nicht«, fauchte ich. »Sorry, aber ich hab im Moment genug Probleme und keine Lust, mich mit diesem komischen Taekgien auseinanderzusetzen!«
»Taekgyeon«, verbesserte Merl mich. »Das wir übrigens schon über eine Woche üben. Aber du solltest wissen, dass wir hier nicht zum Spaß trainieren.«
»Mir sagt ja niemand was!«, sagte ich anklagend und deutete auf den Platz unter der Armet-Statue, an dem normalerweise Yu Weiß saß. »Selbst mein eigener Mentor nicht!«
»Im Moment noch nicht. Du musst dich gedulden«, sagte Merl sanft.
»Oh, toll!«, sagte ich sarkastisch. »Das hilft mir natürlich auch, das Training noch ernster zu nehmen als sowieso!«
Merl schnaubte und zeigte mir die Stellung, die wir schon die ganze Stunde übten, noch einmal. Als er mich endlich entließ, hatte ich das Mittagessen verpasst. Als ich an der Mädchentoilette vorbeiging, hörte ich schon wieder so ein merkwürdiges Schniefen. Ich schaute vorsichtig rein, nur um mich zu vergewissern – und konnte es echt nicht glauben. Die selbstbewusste, starke (und egoistische dumme Kuh!) Isabell saß zum zweiten Mal innerhalb einer Woche im Mädchenklo und wischte sich verheult ihre verlaufene Schminke aus dem Gesicht. (Vielleicht sollte sie sich mal überlegen, nicht immer geschminkt herum zu laufen, wenn sie so etwas häufiger abzog.) Ich lief weiter und fragte mich wieder, was Isabell so aus der Bahn werfen konnte. Nicht, dass ich mir Sorgen um sie machen würde (niemals!), aber sie sah doch ziemlich entkräftet aus.
Mary war anscheinend auch bei einer Extrastunde mit ihrem Mentor Herrn Must, (da muss man sich eigentlich fragen, warum die Mentoren den Samstag nicht einfach zu einem normalen Unterrichtstag erklärten!) aber Bea saß noch unten in der verlassenen Mensa und hatte mir einen Teller Nudeln gesichert.
Dankbar drückte ich sie, dann setzte ich mich zu ihr an den Tisch.
»Hast du Yu Weiß gesehen?«, fragte ich sie und Bea nickte. » Er hat hier gegessen. Ich hab mich schon gefragt, warum Merl eine Extrastunde ohne deinen Mentor einschieben kann. Dafür, dass er so jung ist ... Er kann ja eigentlich noch kein ausgebildeter Mentor sein, oder?«
Ich dachte an die vielen Male, die Yu Weiß mich schuldbewusst angeschaut hatte, wenn ich auf der verschwitzten Matte lag. »Ich glaube, dass Merl mehr Macht hat, als eine normale Rotkutte«, sagte ich langsam.
»Wenn er überhaupt eine Rotkutte ist«, warf Bea ein. Wir redeten weder über meine Magie, noch über Marys gebrochenen Arm. Ich sah natürlich die verwirrten und teilweise auch verängstigten Blicke, die Bea mir zeitweilen zuwarf, wenn sie glaubte, dass ich es nicht sah, aber ich versuchte sie nicht zu beachten.
Denn ich glaube wirklich nicht, dass ich mich zu dem Zeitpunkt mit meinen Kräften hätte auseinander setzen können.
Den Sonntagmorgen hatten wir mentorenfrei (auch ohne Extrastunden!) und schlenderten ein bisschen in der Stadt herum. Bea zog uns zu ihrem Lieblingskesselladen, in dem sie auch ihren Goldkessel erstanden hatte (Quandri, die diese Woche mit dem Bewachen von Mary betraut worden war, blieb augenverdrehend vor dem Laden stehen und murmelte etwas wie »Vergeudung von vielversprechenden Fähigkeiten«).
Danach kauften wir Mary rote Kleidung und deckten sie mit einer weiteren roten Robe ein, was zwar nicht wirklich viel war, aber zu mehr reichte unser Geld nicht. Mary sah zwar nicht wirklich glücklich aus, als wir mit unzähligen Tüten aus dem Bekleidungsgeschäft kamen, aber ich war mir sicher, dass sie sich an die rote Farbe gewöhnen würde.
Es war schon ziemlich nervig, dass Quandri uns die ganze Zeit folgte, weil wir so über nichts wirklich reden konnten. Deshalb schwiegen wir die meiste Zeit des Weges oder unterhielten uns über Marys Schulstunden. Herr Must war sehr beeindruckt von ihrem Wissen und förderte Mary wo er nur konnte, weshalb sie ihn vergötterte. Als wir wieder im Schülerhaus ankamen, war es schon fast Zeit für die nächste Stunde und mein Magen verkrampfte sich vor Angst.
»Du schaffst das«, Bea umarmte mich noch einmal, bevor wir uns alle auf den Weg zu unseren Mentoren machten. Ich ging so langsam durch die Gänge, dass ich mir nicht sicher war, ob man es überhaupt als gehen bezeichnen konnte und überlegte die ganze Zeit, wie ich Yu Weiß die ganze Geschichte eigentlich erzählen sollte. Schließlich betrat ich den Trainingsraum, aber Yu Weiß war noch nicht da. Ich atmete durch und versuchte mich ernsthaft auf den Kampfsport zu konzentrieren – heute war Schwertkampf dran. Merl sagte nichts dazu, wenn mein Schwert mir aus der Hand flog und durch die Luft wirbelte, aber er verkniff jedes Mal ein bisschen mehr das Gesicht, um nicht lachen zu müssen (sodass er am Ende aussah, als hätte er lauter Falten). Yu Weiß kam ein paar Minuten später, setzte sich unter die Wand mit den Waffen und schaute uns nachdenklich zu. Je näher das Ende der Stunde rückte, desto nervöser wurde ich. Als es klingelte, fiel mir mein Schwert aus der Hand und ich hob es verlegen wieder auf. Merl schüttelte belustigt über meine Tollpatschigkeit den Kopf und hängte unsere Waffen an die Wand, dann verschwand er.
»Ähm …«, machte ich wenig hilfreich, als Yu Weiß aufstand und auf mich zukam. »Ja, Sofia?«
»Ich muss Ihnen etwas erzählen!«, platze ich heraus. Wir setzten uns auf die Matten, und ich stotterte mir was zusammen. Erst erzählte ich von meinem Aufenthalt auf dem Dach (und das ich schon vor Jahren den Weg nach oben gefunden hatte), dann von den Schwarzkutten und dem Erdbeben, dem Sturm, dem Regen und dem Feuer, meinen Sturz vom Dach und auch, wie ich es Bea und Mary erzählt hatte. Es tat gut, alles loszuwerden, auch wenn sich Yu Weiß’ Gesicht mit jedem Wort mehr verfinsterte. Dann berichtete ich von Marys List, dem Feuer an den Bettdecken, (die immer noch entsetzlich stanken) dem Windstoß, der sie ins Bad befördert hatte, dem Verrücktspielen des Wassers und schließlich auch (mit schuldbewusster Miene) von ihrem gebrochenen Arm.
»Die Götter können es nicht gewesen sein, nirgendwo war etwas Goldenes zu sehen«, schloss ich schließlich. »Also … also muss ich diese Fähigkeiten haben.«
Als ich geendet hatte, trat Schweigen ein. Yu Weiß sah mich mit einem tief bekümmerten Gesichtsausdruck an und seufzte tief.
»Was soll ich denn jetzt machen?!«, fragte ich verzweifelt und kämpfte mit den Tränen.
»Du gehst jetzt in dein Zimmer und ruhst dich aus«, sagte Yu Weiß eindringlich. »Wir müssen uns später noch einmal unterhalten. Ich werde erst einmal dafür sorgen, dass alle Ein- und Ausgänge der Schule bewacht werden und ich muss ihnen Bescheid sagen. Ich wusste ja, dass es passiert. Trotzdem …« Ohne ein weiteres Wort stand er auf und schritt zur Waffenwand. Dort nahm er ein paar Dolche, Schwerter und Pfeile und Bögen heraus und verließ vor sich hinmurmelnd den Raum. Geschockt blieb ich auf den Matten sitzen und starrte ihm hinterher, ohne ihn gefragt zu haben, wen er mit »ihnen« meinte.
Ich konnte doch nicht einfach in mein Zimmer gehen und so tun, als wäre nichts gewesen! Und was hatte er schon gewusst? Ich wurde nicht daraus schlau, was er gesagt hatte.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und die Gedanken über mich hereinbrachen, irgendwann konnte ich aufstehen und stolperte durch die Gänge und die Wendeltreppe hoch in unser Zimmer (an der griesgrämigen Quandri vorbei, die vor der Tür hockte). Bea und Mary warteten schon mit fragenden Gesichtern auf mich. Ich setzte mich auf mein Bett, rückte von der nach Rauch stinkenden Bettdecke ab und seufzte tief. »Eigentlich hat er gar nichts dazu gesagt«, gab ich zu und erzählte von unserem Gespräch.
Mary und Bea hatten auch keine Ahnung, was sie dazu sagen sollten. »Er hat gesagt, er muss sich mit dir noch einmal darüber unterhalten, dass heißt, er kommt noch einmal darauf zurück. Yu Weiß will sicher nur erst einmal die Schule sichern«, überlegte Mary und ich stimmte ihr zu. Natürlich wollte sich mein Mentor, der Schulleiter, erst einmal um die Bedrohung durch die Schwarzkutten kümmern. Aber von was wusste er Bescheid? Und wem wollte er sagen, was passiert war?
Weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen sollte, folgte ich einfach Yu Weiß’ Rat und blieb in meinem Zimmer.
Während Mary und Bea ihre Hausaufgaben hinter sich brachten, nahm ich mir wahllos Bücher von Marys Bett und begann sie zu lesen (wobei das meiste allerdings zu hoch für mich war, sodass ich es nach wenigen Seiten wieder weglegte). Danach schaute ich mich im Bad um. Bea, Mary und ich hatten es noch immer nicht ganz geschafft, alle Pfützen zu beseitigen, auch wenn das Wasser von der Dusche und des Waschbecken wieder nur herauskam, wenn man den Hahn aufdrehte (was mich im Moment jedenfalls beruhigte, ich konnte mich nicht auch noch mit spinnenden Wasserhähnen herumschlagen).
Beim Abendessen sah Merl mich die ganze Zeit beunruhigt an und ich hoffte, dass Yu Weiß ihm nichts von dem erzählt hatte, was ich ihm anvertraut hatte, auch wenn es auf mich so wirkte, als hätte er es gemacht. Warum sonst sollte Merl mich anstarren, als würde ich den »Rotkuttensalat« auf dem Kopf stehend essen?
Yu Weiß tauchte während des gesamten Abends nicht am Lehrertisch auf und ich suchte vergeblich auch noch mal im Trainingsraum und in seinem Büro nach ihm. Langsam machte ich mir wirklich Sorgen. Als ich im Bett lag und schon fast eingeschlafen war, hörte ich Mary und Bea wispern. Eigentlich wollte ich nur schnell einschlafen, aber als ich meinen Namen hörte, horchte ich auf.
»Ich hab keine Ahnung, warum Sofia so viel Macht hat. Aber es ist eindeutig zu viel. Sie weiß überhaupt nicht, wie man Magie benutzt, geschweige denn, wie man damit umgeht«, sagte Mary beunruhigt.
»Sofia ist anders, das ist sie schon die ganze Zeit«, flüsterte Bea. »Aber ich bin mir sicher, dass sie das hinkriegt.«
»Solange sie mir nicht noch mal den Arm bricht«, wisperte Mary.
Ich räusperte mich und die beiden verstummten.
»Bist du noch wach?«, fragte Bea, aber ich antwortete nicht.
»Gute Nacht, Bea«, flüsterte Mary, dann senkte sich endlich Stille über unser Zimmer.
Ich wusste nicht, weshalb, aber plötzlich erwachte ich mitten in der Nacht. Verwirrt öffnete ich die Augen, setzte mich vorsichtig auf und warf einen Blick durchs Zimmer. Der Mond schien herein, sodass alles in ein merkwürdig weißliches Licht getaucht war. Bea und Mary lagen schlafend in ihren Betten und auf dem Boden stapelten sich Bücher, (von Mary) Kessel und Kräutersalben (von Bea) und Keksdosen (von mir). Ich wollte mich gerade wieder hinlegen, als ich hörte, wie jemand die Wendeltreppe nach oben lief.
In Richtung der Schlafräume der Mädchen?! Mitten in der Nacht?! Ich beschloss aufzustehen und nachzusehen, doch ich hatte kaum die Beine aus dem Bett geschwungen, als sich die Tür zu unserem Zimmer leise öffnete. Ich wirbelte herum und entspannte mich, als ich Yu Weiß in der Tür stehen sah.
»Wir müssen los«, sagte er lautlos und deutete auf meinen Schrank. »Pack dir ein paar Sachen ein und komm nach unten in die Mensa.«
Verwirrt sah ich ihn an. »Wohin?«
»In das Schülerhaus der Blaukutten.«
»Was?!«, flüsterte ich entsetzt. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er mich tatsächlich hier wegbringen wollte. Ich lebte hier seit mehr als zehn Jahren und durch Bea war das Schülerhaus zu meinem zu Hause geworden. Außerdem waren Bea und ja, auch Mary – sie beide waren meine Freunde.
»Warum?«, wisperte ich. Yu Weiß verdrehte leicht genervt die Augen und winkte mir dann. Ich folgte ihm aus dem Zimmer und auf die Wendeltreppe, so dass wir weit genug von den Schlafräumen entfernt waren, um normal reden zu können.
»Du bist eine Blaukutte, Sofia, und auch noch eine besondere. Ich dachte, dir wäre klar, dass du nicht hierbleiben kannst?«, sagte Yu Weiß.
»Aber … meine Freunde. Das hier ist mein zu Hause«, sagte ich eindringlich.
Yu Weiß schaute mich ernst an. »Aber dein zu Hause kann dich nicht beschützen – im Moment nicht. Nicht vor Schwarzkutten und auch nicht vor dir selbst. Dir ist schon klar, dass du deine Freunde verletzen oder so töten kannst, wenn du nicht lernst, die Magie zu beherrschen?« Sein Vorwurf hing in der Luft; schließlich hatte ich Marys Arm gebrochen. (Aber ich wusste ja nicht, dass sie es war! Es hätte jede andere Schwarzkutte auf dieser Welt sein können, die mich hätte töten wollen – weshalb auch immer.)
»Aber …«, fing ich hilflos an, doch Yu Weiß schüttelte abschließend den Kopf. »Du kannst zurückkehren, Sofia«, sagte er. »Doch erst musst du lernen, deine Magie zu kontrollieren.« Ich wusste, dass er Recht hatte (das hatte er eigentlich immer). Aber dennoch sträubte sich alles in mir dagegen, das Schülerhaus der Rotkutten zu verlassen.
»Sofia«, Yu Weiß und schob mich sanft in Richtung meines Zimmers. »Ich werde ihnen erklären, dass du weg musst, aber glaub mir, es ist besser, wenn ihr keine Zeit habt, euch zu verabschieden.« Ich nickte. Da hatte er schon wieder Recht – nicht, dass es mir dadurch leichter fallen würde.
Ich warf mir meine rote Robe über und packte wahllos ein paar Kleidungsstücke in meinen Rucksack. Ansonsten gab es wenig Dinge, die ich mitnehmen wollte (von dem ganzen Zimmer samt Bea und Mary jetzt mal abgesehen). Ein paar Keksdosen und Bücher packte ich ein, dann warf ich noch einen Blick auf meine schlafenden Freunde. Nie, wirklich nie hätte ich gedacht, dass mein Leben sich so plötzlich ändern könnte.
»Danke«, flüsterte ich leise und konnte nicht verhindern, dass mir ein paar Tränen über die Wangen rollten. Entschieden wischte ich sie weg, dann schloss ich die Tür hinter mir. Ich würde zurückkommen, sagte ich mir immer wieder, als Yu Weiß mich nach draußen in die kalte Nachtluft führte. Trotzdem fühlte es sich an wie ein Abschied, als ich noch einmal zu dem großen Betonklotz hochblickte.
Eine Kutsche parkte ein paar Straßen weiter. Ich war erst wenige Male in meinem Leben mit einer Kutsche gefahren, aber dieses Mal erfüllte es mich nicht wie sonst mit Freude. Yu Weiß stieg ein, aber ich blieb draußen stehen und warf einen Blick auf die verlassenen Straßen. In manchen Häusern brannte Licht und ich dachte, dass meine Eltern wahrscheinlich auch noch wach wären und ihrer Arbeit nachhingen (sie waren praktisch süchtig danach). Ich seufzte tief. Der Gedanke an meine Eltern half mir gerade überhaupt nicht weiter.
Yu Weiß rief ungeduldig aus dem Inneren der Kutsche nach mir und ich stieg ein. Die Kutschte setzte sich sofort in Bewegung und ich zog die grünen Vorhänge zu – ich wollte das Schülerhaus einfach nicht noch mal sehen.
» Merl ist gestern Abend nach dem Essen schon vorgefahren, um alle auf deine Ankunft vorzubereiten«, sagte Yu Weiß nach ein paar Minuten endlosen Schweigens.
»Was?! Merl ist eine Blaukutte?« Okay, es war nicht wirklich abwegig, ich hatte mich schließlich schon von Anfang an über sein plötzliches Erscheinen und die Fähigkeit zu Kämpfen gewundert. Trotzdem – ich hatte die letzten Wochen mit einer Blaukutte gekämpft. Obwohl, ich war ja selbst eine. (Das vergaß ich immer.)
»Sind Sie auch eine …?«, fragte ich Yu Weiß zögerlich.
»Ich bin Direktor des Schülerhauses der Rotkutten«, sagte er nur. »Und dein Mentor.« (Ach ne! War ja nicht so, als ob mir das unbekannt wäre! Aber meine Frage beantwortete er wie immer natürlich nicht!)
»Ähm … Sie sagten Schülerhaus der Blaukutten«, sagte ich langsam und ärgerte mich darüber, dass Yu Weiß meine Frage überhaupt nicht beantwortet hatte. »Aber ich dachte, dass es nur ganz wenige Blaukutten gibt?«
»Das stimmt. Es gibt vielleicht dreißigtausend Rotkuttenschüler. Allein in deinem Schülerhaus sind über zweihundert Schüler. Bei den Schwarzkutten gibt es siebentausend Schüler, bei den Blaukutten hingegen gibt es nur etwa achthundert. In deinem Schülerhaus sind deshalb nur dreißig Schüler.«
»Dreißig? Von der ersten Klasse bis zu den Mentorenjahrgängen? Oh«, sagte ich leise und lehnte meinen Kopf gegen die Kutschenwand.
Ich musste wieder an Bea denken und konnte nicht glauben, dass ich sie und alles, was ich kannte und schätzen gelernt hatte, jetzt zurücklassen musste.
Ich hoffte nur, dass Yu Weiß Bea und Mary die ganze Geschichte so erzählte, dass sie der Wahrheit entsprach: Also dass ich nicht weg gewollt hatte.
Ich musste eingenickt sein (schließlich war es ja auch mitten in der Nacht!), denn als Yu Weiß mich wach rüttelte, hatte die Kutsche angehalten.
Draußen dämmerte es bereits, es schien früher Morgen zu sein. Wir stiegen aus, und ich konnte nicht anders, als zu staunen. In der Luft wirbelten überall kleine, blaue Magiefünkchen umher. Die Straße war frisch gepflastert und nirgendwo lagen Dreck, geschweige denn Pferdeäpfel herum. All die Villen, die die Straße säumten, sahen aus, als hätten sie hunderte Goldmünzen gekostet. Das Beeindruckendste aber war das Haus, vor dem wir standen (also ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob man bei dieser Größe noch von Haus sprechen kann).
Allein der Garten war schon riesig – und gepflegt (also der Teil, den man sehen konnte, denn zwei Wege führten um das Haus herum zum hinteren Teil des Gartens). Das Gras war gestutzt und die Blumen und Blüten beugten sich direkt über einen Schotterweg, der auf das Schülerhaus zuführte.
Das Schülerhaus war einfach nur riesig. Es sah aus wie ein großes Schloss mit unzähligen Türmen und kleinen Nebenanbauten. Außerdem war es aus einem rötlichen Stein gebaut worden, sodass es, wenn der Mond und die ersten Strahlen der Sonne darauf schienen, wunderschön glitzerte. Für diesen Moment hatte ich das Schülerhaus der Rotkutten, meine Magie und sogar Bea vergessen. Ich starrte einfach nur dieses fantastische Gebäude an und versuchte, den Anblick in mich aufzunehmen. Jedes Türmchen war für sich mit Gold verziert worden und wurde von bläulichen Magiefunken umschwebt.
»Erstaunlich, nicht wahr?«, fragte Yu Weiß. Ich war so auf das Gebäude fixiert gewesen, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, wie er neben mich getreten war. »Erstaunlich« traf es noch nicht einmal annähernd, aber ich nickte trotzdem zustimmend.
»Bist du bereit, Sofia?«, fragte er ernst.
»Ehrliche Antwort? Nein, nicht im Geringsten.« Ich folgte Yu Weiß in das Schülerhaus.
Kapitel 5
Die Eingangshalle war gigantisch. Der Boden glänzte vom Marmor und an der Decke hing ein riesiger, goldener Kronleuchter. Ich stöhnte lautlos auf, als ich um die dreißig Schüler an den Wänden lehnen sah, neben ihnen stand eine ganze Horde von Lehrern und Mentoren, wobei manche eher wie Kampftrainer als wie Humanisten aussahen mit ihren umgeschnallten Schwertern und Dolchen. Die meisten Schüler sahen sehr müde aus, aber es schien ja auch sehr früh am Morgen zu sein (und außerdem bezweifelte ich, dass ich nach ein paar Stunden Schlaf in der Kutsche besser aussah).
Yu Weiß schob mich vor die Menge und nickte ein paar Mentoren freundlich zu. Merl hob die Hand, blieb aber neben einem jüngeren Jungen stehen und schien sich mit ihm leise zu unterhalten.
Tatsächlich sah ich nur wenige Schüler in meinem Alter. Da waren Merl, zwei tuschelnde Mädchen und ein großer, kräftiger Junge, der abseits mit ein paar der jüngeren Schüler an der Wand lehnte und mich skeptisch musterte, ansonsten schienen alle jünger zu sein.
Einer der Mentoren trat auf mich zu und schüttelte erst mir, dann Yu Weiß die Hand. Er war schlaksig, groß, hatte eine getönte Brille in die hellen Haare geschoben und einen festen Händedruck. »Ich bin Ricklef Cordis, der Schulleiter des Schülerhauses der Blaukutten. Es freut mich, dass du bei uns bist, Sofia Winters«, sagte er höflich.
Fieberhaft versuchte ich mich an den Gruß der Blaukutten zu erinnern (Kuttenkunde war nicht gerade eines meiner Lieblingsfächer gewesen), aber schließlich erinnerte ich mich, legte zwei Finger meiner rechten Hand aufs Herz und verbeugte mich leicht. Erleichtert stellte ich fest, dass die übrigen Mentoren und Schüler mich ebenfalls auf diese Art begrüßten.
»Jeder bekommt einen Mentor zugewiesen, schon ab dem sechsten Lebensjahr«, erklärte Ricklef Cordis mir. »Bei dir ist das leider etwas komplizierter, da es niemanden gibt, der wie du alle Elemente beherrschen kann. Allerdings gibt es wenige, die von der Göttin mit zwei Elementen betraut worden sind. Kaschmir und ich werden dich lehren, deine Elemente zu beherrschen.« Ein kleiner Mann trat vor und führte den Blaukuttengruß durch. Angespannt tat ich es ihm nach und musterte meinen (zweiten) Mentor dann. Sein Gesicht war merkwürdig zerknautscht und Narben zogen sich quer darüber, aber er lächelte freundlich.
»Ich selbst werde dich neben zwei Elementen auch in Magietheorie und Geschichte unterrichten«, erklärte Ricklef Cordis. »Ehrlich gesagt, denke ich, dass du in diesen beiden Fächern, wie auch in der Übung mit den Elementen, viel aufzuholen hast.«
Es war eine höfliche Art mir zu sagen, dass ich im Moment eigentlich gar nichts konnte – na ja, immerhin war er ehrlich. Ich nickte leicht. »Nun denn. Ihr geht am besten alle wieder zum Unterricht«, sagte er zu den Schülern und Mentoren, die – einschließlich Kaschmir – aus der Eingangshalle verschwanden. Nur ein Mädchen blieb noch an der Wand stehen. Es war eines derjenigen in meinem Alter, mit abstehenden, roten Locken, das mir freundlich zuwinkte.
»Amanda Hock wird dich ein bisschen herumführen und dir dein Zimmer zeigen«, Ricklef Cordis wandte sich an Yu Weiß. »Yu, schön dich zu sehen. Du bleibst doch sicher zum Essen?«
Yu Weiß nickte und warf mir einen beruhigenden Blick zu (anscheinend wirkte ich ziemlich nervös). Die beiden Mentoren verschwanden aus der Eingangshalle in einen Flur.
»Hey, ich bin Amanda«, grinste sie mich an. »Ich kann übrings Feuer beherrschen.«
Ich lächelte gezwungen, als Amanda mich aus der Eingangshalle führte. Es schloss sich ein langer Flur an, von dem links ein Speisesaal abzweigte (der überhaupt nichts mit der Mensa im Schülerhaus der Rotkutten zu tun hatte). Lange Tische und Bänke waren ordentlich in Reihen aufgestellt und glänzten. An dem rechten Tisch hatten Yu Weiß und Ricklef Cordis Platz genommen, vor sich überladene Teller mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse (und damit meine ich nicht dieses einen Würgreiz hervorrufende »Gemüse« aus der Rotkuttenmensa, sondern frische Bohnen, Paprika, Weißkohl und Fenchel).
Vorne an der Fensterseite stand, ein bisschen erhöht, ein mit Tischtüchern verdeckter Tisch, auf dem dann wahrscheinlich das Buffet stand.
Yu Weiß lächelte uns freundlich zu, als Amanda mich wieder aus dem Speisesaal führte. Rechts vom Flur zweigte die Bibliothek ab. Tonnen von Büchern waren in engen Regalen aufgestellt und es roch angenehm nach altem Papier. Das würde Mary gefallen, dachte ich und sofort krampfte sich mir der Magen zusammen. Zwischen den Reihen waren Ledersessel und Sofas aufgestellt, und hinter einem Tresen winkte uns eine ältere Frau mit hochgestecktem, weißem Haar freundlich zu.
»Das ist Antonia, die Bibliothekarin. Die Bibliothek hat praktisch alle Bücher über Magie und anderes Wissen, nur ein paar alte sind in der Weserstraße 4 untergebracht und die Stadtbibliothek gibt es natürlich auch noch«, Amanda machte eine wegwerfende Handbewegung, als würden wir nicht über Millionen Bücher, sondern über das Wetter sprechen. Allerdings, überlegte ich, während ich ihr den Flur entlang folgte, wäre ich, wenn ich mit dem ganzen Schnickschnack hier aufgewachsen wäre, sicher auch ein bisschen arrogant. Man konnte ihr also keinen wirklichen Vorwurf machen.
Wir stiegen eine Treppe in den zweiten Stock hinauf, in dem sich die Schlafräume der Mädchen, Jungen und Mentoren befanden, aber Amanda führte mich zuerst in den dritten Stock, wo das Trainingszentrum lag. Kaum traten wir durch die Tür, waren wir mitten drin im Kampfgeschehen. Wir betraten eine Turnhalle, in der junge Schüler mit ihren Mentoren fochten; teilweise waren es Schwertkämpfe, manche kämpften aber auch ohne Waffen oder mit Stäben. Mit offenem Mund starrte ich Siebenjährige an, die ihren Mentoren die Beine wegtraten oder um sie herumwirbelten. Amanda zog mich weiter, ohne zu bemerken, wie erstaunt ich war.
Als nächstes betraten wir einen Waffenraum – und das war nicht zu vergleichen mit der Waffenwand in dem Trainingsraum der Rotkutten. Alles war übersäht mit Waffen; wirklich überall lagen Schwerter und Dolche, Pfeile und Köcher, Lanzen und Messer herum.
»Jedem Schüler gehört ein Regal«, sagte Amanda schulterzuckend und deutete auf eines am Anfang, auf dem »Hock, Amanda«, stand. Ein Schwert, eine handvoll Dolche und Messer und ein Köcher mit Pfeilen lagen sorgsam aufgereiht auf dem Regalbrett. »Ist noch ein bisschen wenig, ich kämpfe lieber ohne Waffen«, sagte sie entschuldigend. (Ich war mir sicher, dass ich sie anstarrte, als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank.) Nach der Turnhalle folgte eine Art überdachte Laufbahn, auf der Schüler ihre Runden drehten, mit lauten Rufen von ihren Mentoren angefeuert.
»Hinter dieser Laufbahn kommen die Übungsräume für das Erlernen der Elemente, aber da sollten wir jetzt nicht reingehen, falls gerade was schiefläuft«, sagte Amanda. »Sie sind feuerfest und dafür da, dass wir unsere Macht entfalten können, ohne dass wir irgendjemanden verletzen.«
Wir liefen durch die Laufbahn und die Turnhalle zurück zu den Treppen und betraten schließlich im vierten Stock das sogenannte »Erholungszentrum«. Heißer Dampf schlug mir entgegen, als wir die Tür öffneten. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit konnte ich nur die Umrisse der Becken erahnen.
»Das ist das Erholungszentrum, auch EZ genannt. Wir haben hier Bäder, Saunen, Whirlpools und so ‘nen Zeugs«, sagte Amanda wenig beeindruckt.
Als letztes zeigte sie mir die Schlafräume. Mein »Zimmer« war so groß wie die Mensa im Schülerhaus der Rotkutten. Ich hatte wirklich alles; ein großes Badezimmer mit allen möglichen Badewannen, ein riesiges Himmelbett, ein großes Bücherregal, ein Sofa, einen Tisch und ein Fenster, aus dem ich direkt auf die hintere Seite des Gartens schauen konnte.
»Das Zimmer rechts von dir ist frei, im Zimmer daneben wohne ich. Auf der anderen Seite, links neben dir, wohnt Merl«, sagte Amanda grinsend. »Cool, dass es noch ein Mädchen in meinem Alter gibt. Vanessa ist nämlich echt anstrengend. Das ist die etwas kräftigere mit den blonden Locken.«
»Ach«, sagte ich und ließ mich auf mein Himmelbett fallen. Ich sank so tief ein, dass ich mich erst mühsam wieder nach oben arbeiten musste.
»Die Bettwäsche ist blau, aber wenn du möchtest, kannst du auch andere Farben haben«, informierte Amanda mich. »Ich habe mir eigene herstellen lassen, mit einem Bild von Feuer und meinem Namen.«
»Ach«, machte ich noch einmal und konnte einfach nicht glauben, dass ich jetzt hier wohnen sollte. Es war so anders als das Schülerhaus der Rotkutten. Und wenn alle Schüler so waren wie Amanda – na dann gute Nacht.
»Willst du vielleicht erst einmal duschen und dich umziehen? Im Schrank hängt neue blaue Kleidung. In einer Stunde hole ich dich ab, okay?«
Ich nickte und war dankbar, als sie verschwunden war.
Ich zog mir eine Leggins und ein T-Shirt an, dann warf ich mir die Robe über und betrachtete mich im Spiegel. Es war ungewohnt, blaue Kleidung zu tragen. Aber es war ein sanftes blau, das mich beruhigte. In diesem Moment sah ich tatsächlich aus wie eine Blaukutte, auch wenn ich mich nicht wie eine fühlte.
Ich legte die blaue Kleidung auf den Waschbeckenrand, ließ die vier Badewannen erst einmal links liegen und sprang unter die Dusche. Ich war das eintönige, langsame Tröpfeln aus der Rotkuttendusche gewöhnt und quiekte erschreckt auf, als ein breiter Wasserstrahl auf mich niederschoss. Das Wasser war weich und warm und ich duschte länger als je im Schülerhaus der Rotkutten.
Ich hatte mir gerade die Haare gefönt, als es an der Tür klopfte. Schnell rannte ich aus dem Bad und öffnete.
Amanda grinste mich an. »Ich hätte nicht erwartet, dass du schon fertig bist«, gestand sie, während wir die Treppen nach unten in Richtung Speisesaal liefen. »Ich brauche in diesen Bädern immer Stunden!«
Sie betrachtete mich verstohlen, und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gedacht, dass ihr Blick bewundernd gewesen wäre. Das war lächerlich. Sie war doch die Blaukutte, die ihr Element beherrschen konnte, die kämpfen konnte, ich nur das Mädchen, das nie wirklich zu einem Stamm dazugehört hatte.
Nervös strich ich mir das Haar aus der Stirn, als wir den Speisesaal betraten. Die Mentoren saßen an den Tischen rechts, die Schüler auf der anderen Seite. An einem der Tische konnte ich Yu Weiß neben Ricklef Cordis und Kaschmir erkennen. Neben ihnen saß eine junge Frau mit blonden Haaren, die Amanda und mich freundlich anlächelte. »Likor, meine Mentorin«, erklärte Amanda mir. »Nett, aber im Unterricht knallhart.«
Ein paar der Schüler hatten schon ihre Teller beladen, aber manche schwatzten auch noch mit ihren Freunden. Das Mädchen mit den lockigen Haaren in meinem Alter saß neben Merl und dem Jungen, der einsam an der Wand gelehnt hatte. Sie winkte uns zu, und wir setzten uns zu ihnen an einen breiten Tisch.
»Hey! Ich bin Vanessa«, sie strahlte mich an. »Toll dich zu sehen. Ernsthaft – du kannst alle vier Elemente beherrschen?«
Ich nickte.
»Bei Lucis, Van! Nur weil sie die Macht aller vier Elemente von der Göttin bekommen hat, kann sie die Elemente noch nicht beherrschen. Keine Ahnung, wo die mit ihren Gedanken war«, murmelte der andere Junge und bedachte mich mit einem herablassenden Blick.
»Liam«, zischte Merl wütend und schaute mich entschuldigend an. »Er kommt nicht damit klar, dass es manche gibt, die mehr Elemente beherrschen als er.«
»Ohmeingott«, quietschte Vanessa, als Liam Merl anfunkelte, und bombardierte mich mit Fragen, wie das Schülerhaus der Rotkutten gewesen war. (Ich begann zu verstehen, was Amanda mit »anstrengend« gemeint hatte.)
Amanda rettete mich, indem sie meinte, dass wir uns dringend etwas zu Essen holen mussten. Das Buffet war wirklich unglaublich, auch wenn ich nur wenige der Speisen kannte, die dort auf edlen Goldrandtellern lagen (also man kann auch übertreiben!). Ich nahm mir einfach ein bisschen Nudelsalat, Gemüse und ein Stück Fleisch, dann setzte ich mich wieder neben Amanda.
»Warten wir mal deine erste Stunde ab, Sofia Winters!«, Liam spie meinen Namen geradezu aus.
»Ach halt doch deine Klappe!«, giftete Amanda. »Du bist doch sowieso nur neidisch!«
Als Liam aufgegessen hatte, verschwand er zu einem Tisch, an dem jüngere Schüler saßen, und wir alle seufzten erleichtert auf.
»Er ist ein ziemlicher Idiot. Du solltest ihn einfach ignorieren. Ich glaube, er hat Minderwertigkeitskomplexe, weil er sich immer gewünscht hat, etwas Besonderes zu sein«, Merl zuckte mit den Schultern und deutete auf die Mentoren.
»Die Mentoren der älteren Schüler sitzen übrigens alle an einem Tisch, während die der jüngeren sich zu ihren Schülern setzen«, erklärte er mir. »Der Große mit dem groben Gesicht, der neben Kaschmir sitzt, ist mein Mentor Salt. Bisweilen ist er ganz schön hartherzig. Yest, Liams Mentor, ist aber noch merkwürdiger – der kleine, mit dem weißen Bart und den vielen Falten im Gesicht. Er spricht praktisch nie ein Wort.«
»Der dicke Mann daneben ist mein Mentor Frost«, fügte Vanessa grinsend hinzu.
»Also«, sagte sie gedehnt. »Merl hat dich ja im Kämpfen unterrichtet. Aber was machen denn die anderen Rotkutten den ganzen Tag? Muss doch ein langweiliges Leben sein, wenn man nur Telekinese beherrschen kann! Lassen die nur Gegenstände fliegen?«, sie kicherte und ich verdrehte genervt die Augen.
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