Kitabı oku: «Nina und die Sphinxwelt»
Sarah Nicola Heidner
Nina und die Sphinxwelt
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Der Brand
Malans Geschichte
Die Sphinxen
In die Sphinxwelt
Herr Rammstein
Rammsteins Haus
Vorbereitungen
Aufbruch
Das Schwarze Loch des Westens
Das Gasthaus
Mr. X und Mrs. Y
Fiola und Andreas
Die Flaschenpost
Der Dschungel
Die Wüste
Der Berg der Furcht
Sebastians Suche
Das Gipfelkreuz
Der Gefangene
Cap
Die neue Muata
Der Brand
„Nina, komm frühstücken, wir sind spät dran!“, rief die immer gehetzte Mutter der zwölfjährigen Nina hoch in deren Zimmer.
„Wir haben noch ganze fünf Minuten!“, stöhnte diese genervt.
„Aber …“, begann ihre Mutter wieder.
„Ja, ich komme sofort“, seufzte Nina. Sie bückte sich und nahm ihre schwarz-weiß gefleckte Katze mit Namen Schneewittchen auf den Arm. „Komm, wir gehen jetzt frühstücken“, flüsterte das Mädchen und kraulte sein Haustier hinterm Ohr.
„Bist du auf dem Weg?“, ertönte die Stimme der Mutter von unten.
„Jaaaaa!“ Nina verdrehte die Augen und hüpfte mit Schneewittchen auf dem Arm die Treppe hinunter in eine gemütliche Küche mit Esstisch, an dem schon ihr Vater, ihre Mutter und ihr zweijähriger Bruder Tobias saßen. „Morgen!“, rief das Mädchen, setzte die Katze ab und nahm am Tisch Platz.
„Sonst bist du doch morgens nie so gut gelaunt“, gähnte Ninas Vater und schmierte Butter auf eine Scheibe Brot.
„Papa!“, sagte sie vorwurfsvoll. „Heute fahren wir doch auf Klassenfahrt an die Nordsee!“
„Stimmt ja“, brummte er und drückte Tobias das Butterbrot in die Hand.
„Marmada! Ich will Marmada!“, krähte der und zeigte auf die Erdbeermarmelade.
Nina reichte sie ihrem Vater, der das Butterbrot noch einmal an sich nahm und einen dicken Klecks Marmelade darauf strich.
„Jetzt seid ihr mich erst mal für zwei Wochen los“, verkündete das Mädchen und aß hastig ein Brot.
„Hast du auch genug warme Sachen eingepackt?“, erkundigte sich Ninas Mutter vorsorglich.
„Es ist Anfang Juni, Mama, nicht Dezember“, entgegnete Nina. Dennoch, der Einwand war berechtigt, denn sie fror eigentlich immer und überall, deshalb liebte sie den Sommer auch so sehr. Auf die Nordsee freute Nina sich trotzdem, sie hoffte nur, dass das Meer auch einigermaßen warm war.
„Und Regenjacken?“
„Hab ich auch. Und falls du vorhattest zu fragen: Ja, Badeanzug und Handtücher, Zahnputzsachen, T-Shirts, Sweatshirts, lange und kurze Hosen, Handy und Fotoapparat habe ich auch dabei.“ Hinter dem Rücken ihrer Mutter verdrehte sie die Augen in Richtung Tobias, der zu kichern begann und sein Brot auf den Tisch schleuderte.
„Dann ist ja gut“, seufzte die Mutter und half ihrem Mann, Tobias das Marmeladenbrot wieder in die Hand zu geben.
Der wiederum patschte darauf und rief: „Ustig, ustig!“
„Das mag lustig sein, Tobias“, sagte der Vater streng. „Dennoch sind es Lebensmittel, und mit denen spielt man nicht.“
„Ich denke, ich geh mal langsam nach oben“, überlegte Nina nach einem kurzen Blick auf die Küchenuhr. Da ihre Eltern immer noch mit Tobias beschäftigt waren, lief sie schnell ins Bad und wusch sich das Gesicht. Sie schaute in den großen Spiegel, der die gesamte vor ihr liegende Wand bedeckte. Ihr blickte ein schlankes Mädchen entgegen, das die schulterlangen, dunkelbraunen Haare zu einem flotten Zopf zusammengebunden hatte. Die Haarfarbe passte perfekt zu den haselnussbraunen Augen, die etwas zu groß für das Gesicht schienen. Es trug eine kurze, weiße Hose und ein knallbuntes T-Shirt.
Nina hatte sich schon fast ein Jahr auf die Klassenfahrt gefreut, eigentlich seitdem die Klasse angefangen hatte, sie zu planen, und war dementsprechend aufgeregt. Grinsend zwinkerte sie ihrem Spiegelbild noch einmal zu und lief dann nach unten. „Ich bin fertig!“, verkündete Nina, während sie durch die Küche in Richtung Garderobe lief, um sich ihre Jacke zu holen.
„Hast du schon die Zähne geputzt?“, fragte nun ihr Vater.
Nina schüttelte den Kopf.
„Dann aber los!“
„Von mir aus.“ Sie lief wieder nach oben ins Bad. Sie konnte nicht gut lügen und wollte es auch nicht. Als kleines Kind hatte sie abends immer behauptet, sie sei nicht müde, doch es hatte so albern geklungen, dass ihre Eltern sofort gewusst hatten, dass es gelogen war. Aus ihrem Mund kam grundsätzlich die Wahrheit, was auch der Grund dafür war, dass manche sie nicht mochten, denn sie sagte ebenso frei heraus, wie sie die neuen Klamotten ihrer Freundinnen fand.
Mit vier Mädchen aus ihrer Klasse machte sie jedoch fast immer etwas zusammen. Da waren Pia, die ein Jahr älter war als Nina, weil sie eine Klasse wiederholen musste, die pferdevernarrte Maria, die manchmal ein bisschen nervte, Mia und Jana. Mia und Jana ärgerten sich die ganze Zeit gegenseitig, was ungefähr so aussah:
„Blödmann!“
„Selber!“
„Gar nicht!“
„Immer dreimal mehr als du!“
„Gummimauer!“
„Ha, zu spät!“
„Stimmt nicht! Immer zehnmal mehr als du!“
„Ich hab’s zuerst gesagt.“
„Überhaupt nicht, Dummerchen!“
„Böse Hexe!“
„Mensch, du hast die Intelligenz eines Flohs!“
„Besser, als wenn man wie du gar keine hat!“
Die anderen mussten immer darüber lachen, was die beiden dann dazu brachte mitzulachen.
„Beeil dich, Nina!“, schreckte die Stimme ihrer Mutter sie aus ihren Gedanken. Sie war in der Tür erschienen und schaute ihre Tochter an. „Nicht träumen sollst du, Zähne putzen. Jetzt musst du nämlich wirklich bald los. Ich hole schon mal deinen Koffer.“
„Ja, gut. Er liegt unter meinem Bett.“ Jetzt griff das Mädchen endlich zu seiner Zahnbürste.
Eine Minute später wollte Nina sich noch von Schneewittchen verabschieden, doch die war verschwunden. Also rasten sie und ihre Mutter zur Bushaltestelle. Gerade als sie ankamen, schlossen sich vor ihren Augen die Türen des Busses. Sie winkten und riefen, doch der Bus fuhr davon.
„Na gut, dann fahr ich dich eben“, meinte Ninas Mutter. Sie rannten zum Haus zurück und setzten sich ins Auto. Nina schlug die Tür zu, und sie fuhren los. Während der Fahrt überholten sie sogar noch den Bus, und als sie vor der Schule hielten, stand dort erst die Hälfte der Klasse und von ihren Freundinnen war nur Mia da.
„Hi!“, begrüßten sie sich, während Ninas Mutter mit der Klassenlehrerin redete und dann schließlich winkend davonfuhr.
„Bist du auch so aufgeregt?“, fragte Mia, die hibbelig auf der Stelle herumhüpfte.
„Klar!“ Nina stellte ihren Koffer ab.
„Mann, ist der schwer“, meinte Mia, die ihn kurz hochhob. „Meiner ist viel leichter. Was hast du denn darin? Etwa Backsteine?“
„Meine Mutter musste mir noch tausend Sachen einpacken: die fünfte Taschenlampe, ein Nachtsichtgerät, Medikamente, mein Taschenmesser und Ähnliches.“ Nina verdrehte die Augen.
„Oh Gott, du Arme.“ Mia unterdrückte ein Lachen. Dann deutete sie an ihr vorbei, weil Jana erschien.
„Hi, Nina“, begrüßte das Mädchen sie.
„Hi.“ Nina nickte ihr zu, während sich Jana an Mia wandte.
„Hi, Zimtzicke.“
„Guten Morgen, Zitrone.“
„Wieso Zitrone?“ Verständnislos schaute Jana Mia an.
„Na, weil du so sauer bist wie eine Zitrone – also bitte Abstand zu mir!“
„Du bist so einfallsreich wie eine Spinne, die immer das gleiche Netz spinnt! So dämlich!“, rief Jana und schwang ihren Koffer.
Nina und Mia duckten sich.
„Immer dreimal mehr als du!“ Mia lachte, während Jana schnell antwortete: „Gummimauer!“
„Zu spät“, Mia seufzte theatralisch, „das tut mir jetzt aber leid!“ Plötzlich prustete sie los und Jana und Nina stimmten mit ein.
„Sind jetzt endlich alle da?“, fragte ihre Klassenlehrerin und blickte in die Runde.
Wolken zogen auf und Nina fröstelte. „Mensch, ist das kühl hier.“
„Du bist echt ’ne Frostbeule!“
Von hinten erschienen Maria und Pia. Sie schlugen die Hände zusammen und warteten, bis ihr langweiliger Mathelehrer sie durchgezählt hatte: „Zwei, vier, sechs, acht, zehn, zwölf, vierzehn, sechzehn, achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig, vierundzwanzig, sechsundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig. Ja, alle da, Madam.“
„Wieso nennt er sie bloß immer Madam?“, fragte Pia kichernd, während ihre Lehrerin, Frau Barinkson, in die Hände klatschte. „Schön, schön“, sagte sie und schaute zu ihrem Kollegen Malan, Ninas Englisch- und Sportlehrer, der zugleich auch noch ihr Lieblingslehrer war, und zu Herrn Pikk, ihrem Mathelehrer, der bei der Klasse reichlich unbeliebt war, was an seiner nervösen Art lag, aber auch dem Fach, das er unterrichtete.
„Gut, alle da. Jetzt fehlt nur noch der Bus.“
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der große Doppeldeckerbus endlich vor dem Schultor hielt und ein kleiner Mann mit einer Zigarette im Mundwinkel heraussprang.
„Sie sind zu spät“, sagte Frau Barinkson mühsam beherrscht und jede Silbe betonend. „Der Bus sollte um Punkt acht Uhr hier stehen!“
„Jetzt ischt’s eben ein bissel später geworden“, brummte der Busfahrer und zuckte mit den Schultern. „Also – wenn Sie’s so eilig hab’n, steig’n Sie jetzt ein oder net?“
„Der wankt ja sogar ein bisschen. Vielleicht ist er betrunken“, flüsterte Maria, während die fünf sich in die lange Schlange einreihten. „Guten Morgen“, grüßten sie Herrn Malan, als der an ihnen vorbeizog, um als Erster einzusteigen.
Er nickte ihnen lächelnd zu.
Pia, die sich als Erste eingereiht hatte, versprach, einen Sechsersitz freizuhalten.
„Das dauert ja noch ewig“, stöhnte Jana gerade, als sich die Schlange in Bewegung setzte.
Und doch ging es nun recht schnell. Sie verstauten ihre Koffer im Gepäckfach im Bauch des Fahrzeuges, schulterten ihre Rucksäcke und stiegen nacheinander in den Bus. Eine Hitzewelle schlug ihnen entgegen.
„Wir haben Sommer, nicht Winter“, murrte Jana, die hinter Nina stand. „Wie wär’s mal mit einer Klimaanlage?“
Es gab einen kleinen Stau, weil die Jungen sich nicht entscheiden konnten, wie sie sich aufteilen sollten, aber schließlich entschied es einfach Frau Barinkson. Dann fand Pia einen freien Platz für sich und ihre Freundinnen. Als sie sich in einer Sechserreihe auf einen Sitz fallen ließen, zogen sich alle außer Nina, die es im Bus nicht zu warm fand, die Jacken aus.
„Na, Mädels?“ Tom, einer der Obermachos, streckte ihnen die Zunge raus und ließ Abfall aus seinem Rucksack auf sie regnen. Leere Papiertüten, klebrige Kaugummis und faulige Äpfel prasselten auf ihre Köpfe. Schnell rannte er weg, doch Nina sprang auf und lief ihm nach, den Müll, den sie aufgefangen hatte, in der zur Faust geschlossenen Hand. Da sie ziemlich schnell rennen konnte, holte sie Tom nach wenigen Schritten ein, riss ihn an seinem T-Shirt zurück und stopfte den Müll in seinen Kragen.
„Iiiiihh!“, beschwerte der sich, doch Nina war schon wieder zurückgelaufen und die Mädchen lachten über Tom.
„Bitte ma herhörn!“, sagte der Busfahrer, als alle einen Platz gefunden hatten. „Isch bin der Herr Raschon. Im Bus kein Essen, kein Trinken, keine ’andys oder andere elektronischen Geräte. Kapito?“ Einen Moment lang paffte er seine Zigarette und verkündete dann: „Und kein lautes Geschwätz, das kann isch nämlich net ausstehen.“
„Der ist ja fast schlimmer als Herr Pikk“, sagte Maria augenrollend und deutete nach hinten, wo ihr Mathelehrer Platz genommen hatte. Er trug Anzug und Krawatte, hatte sich seine Brille bis auf die Nasenspitze geschoben und löste mal wieder Rechenaufgaben auf seinem Block.
„Aber auch nur fast! Die beiden unterscheiden sich in etwa wie Jana und Mia.“ Nina grinste.
Die Fahrt ging los und die frühe Morgensonne schien in den Bus. Nina blinzelte in die Helligkeit und lehnte sich zurück. Sie schloss die Augen und ließ die Sonne, die durch die Fenster schien, ihr Gesicht wärmen. Jetzt ging es auf Klassenfahrt! Zwei wundervolle Wochen Jungs ärgern und Faulenzen, Baden gehen, Volley-, Hand- und Fußball spielen lagen vor ihr – und natürlich Zeit zu quatschen, quatschen, quatschen. Außerdem hatte sie sich fünf Bücher mitgenommen, denn viel Programm stand nicht auf dem Plan, schließlich war Frau Barinkson nicht sehr fantasievoll. Nina freute sich aber nicht nur, weil sie auf Klassenfahrt waren, sondern auch wegen ihres dreizehnten Geburtstags in ein paar Tagen! Die Mädchen hatten deshalb – verbotenerweise – ganze Vorräte an Süßigkeiten in den Koffern verstaut.
„Wie lange fahren wir noch?“, fragte Jana.
„Das fragst du jetzt schon?“ Mia kicherte. „Also wirklich! Ohne Stau fahren wir, schätze ich mal, knappe zwei Stunden.“
„Oh nein!“, stöhnte Jana.
„Busfahrtmuffel“, kommentierte Mia.
„Wer’s sagt, ist’s selber!“, gab das Mädchen zurück.
„Nicht jetzt! Ich will schlafen“, stöhnte Maria, die sich zurückgelehnt hatte und die Augen geschlossen hielt, und Mia verkniff sich eine weitere Bemerkung.
Da es auch im übrigen Bus still war, schwiegen sie. Die Jungen spielten leise Karten, aber die meisten Klassenkameraden versuchten zu schlafen. Das frühe Aufstehen machte den Schülern zu schaffen.
Nun lehnte sich auch Nina nach hinten und schloss die Augen. Ihren Rucksack hatte sie neben sich gestellt. Wie die Jugendherberge wohl sein würde? Sie versuchte sich an die Unterkunft während der Klassenfahrt in der dritten Klasse zu erinnern. Ein großes Gebäude, mehrstöckig, mehrere kleine Anbauten, ein großer Garten …
Plötzlich machte es laut: „Miau!“
Einige drehten sich zu Nina um, denn es war ihr Rucksack, aus dem das Geräusch gekommen war. Schläfrig öffnete Tom sein rechtes Auge und linste zu den Mädchen herüber.
Wieder: „Miau!“
„Nina Steller!“, ertönte die unheilverkündende Stimme der Klassenlehrerin. „Herr Raschon, halten Sie bitte den Bus an!“
Der Busfahrer bremste und fuhr auf den Standstreifen der Autobahn.
Frau Barinkson stand auf, schritt zügig den Gang entlang und blieb vor Nina stehen. „Rucksack!“, verlangte sie.
Kleinlaut gab Nina ihr das Gewünschte. War Schneewittchen wirklich darin? Aber dann war sie wohl allein reingesprungen!
Frau Barinkson packte die Katze und hob sie aus dem Rucksack. „Miau“, machte Schneewittchen kläglich und zappelte.
„Zum Zurückfahren ist es jetzt zu spät. Aber das wird noch Folgen haben, Nina!“, versprach die Klassenlehrerin und drückte ihr die Katze in die Hand. Schneewittchen schmiegte sich zufrieden in Ninas warme Hände und schloss die Augen.
Der Bus setzte sich wieder in Bewegung. „Sie muss unbemerkt reingesprungen sein“, verteidigte sich Nina leise und zuckte mit den Schultern, als ihre Freundinnen sie halb überrascht, halb grinsend anschauten. „Mensch, was hast du mir da nur eingebrockt?“, fragte sie und streichelte ihrer Katze das Fell. Doch die schien sich gar nicht darum zu scheren, was für einen Aufruhr sie gerade veranstaltet hatte.
„Das schaffst auch wirklich nur du“, grinste Mia.
„Ich hätte Missi auch gern dabei.“ Maria schaute verträumt. „Ja, ich vermisse sie jetzt schon. „Ihr weiches Fell, das leise Wiehern …“
„Schon gut, Maria“, sagte Jana, die Pferde von ihnen am wenigsten ausstehen konnte. „Wir wissen es.“
Maria drehte sich beleidigt weg.
„Ich bin müde“, gähnte Pia. „Ich glaube, ich schlafe ein bisschen.“
„Ja, das mach ich auch“, stimmte Mia ihr zu.
Auch die anderen lehnten sich wieder zurück und schlossen die Augen. Nur Nina grübelte noch eine Weile. Ihr war schleierhaft, wie Schneewittchen in ihren Rucksack gekommen sein sollte. Sie hatte ihn doch zugemacht!
Später spielten sie – leise, weil Pia schlief – „Wahl, Wahrheit oder Pflicht“ und hörten erst auf, als Jana sich auf ihren Sitz stellen und „Alle meine Entchen“ singen musste.
„Sind wir denn hier im Kindergarten?“, empörte sich Frau Barinkson. Die gesamte Klasse lachte.
„Jana – sofort runter von dem Sitz!“
Verlegen grinsend beendeten sie das Spiel und entschuldigten sich bei Frau Barinkson. Nur Pia, die durch den Lärm aufgewacht war, brummte missmutig etwas vor sich hin und drehte ihren Kopf zum Fenster, um weiterzuschlafen.
Die nächste Stunde verbrachten sie mit verschiedenen Spielen wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“, die zwar auch nicht gerade ihrem Alter entsprachen, aber ein guter Zeitvertreib waren.
Irgendwann musste Nina wohl eingeschlafen sein, denn sie erwachte, als Mia ihr vorsichtig in die Seite boxte. „Wir stehen schon seit fast einer Stunde im Stau“, jammerte sie. Gähnend schaute Nina aus dem Fenster – tatsächlich.
Der Bus hatte angehalten, sie standen im Stau. Pia und Maria schliefen, nur Jana döste und kraulte dabei Schneewittchen, die, während Nina geschlafen hatte, wohl zu ihr auf den Arm gekrochen war. Neben dem Bus hupten Autofahrer wie wild und schrien aus den Fenstern, sie hätten es eilig.
Plötzlich traf Nina von hinten ein Papierkügelchen am Kopf. Sie hob es auf und drehte sich zu Tom um, der ihr zuzwinkerte.
„Haha!“, sagte sie tonlos und entfaltete das Blatt Papier. Als sie es gelesen hatte, weckte sie auf der Stelle ihre schlafenden Freundinnen.
„Was’n?“, stöhnte Jana genervt, aber die anderen hörten Nina aufmerksam zu, als sie laut vorlas: „Wir schlagen euch einen Tausch vor: Zehn Euro – und wir lassen euch in Ruhe. Wir kennen da zwei Damen und einen Herrn, die Nina nicht mögen. Wenn wir die zehn Euro innerhalb von drei Tagen nicht bekommen, könnte es sein, dass wir den dreien – natürlich nur aus Versehen – sagen, wo sie steckt.“ Sie machte eine kurze Pause und fügte dann lachend hinzu: „Na, das ist ja mal ein fantasievoller Scherz!“
Maria und Pia lachten schallend und Maria prustete: „Mensch, die sind echt besser geworden! Wisst ihr noch, letztes Jahr am Wandertag haben sie behauptet, ein paar Kühe hätten ihre Süßigkeiten gefressen und wir müssten ihnen neue kaufen.“
Mia nickte. „Zu viel Fantasie“, meinte sie.
Jana war gerade eingeschlafen.
Sogleich schrieben die Mädchen einen Brief zurück: „Ihr habt zu viel Fantasie. Zehn Euro – nein danke. Und wenn ihr wirklich jemanden kennt, der Nina etwas antun will, sind wir alle zusammen der Kaiser von China! Ihr seid echt nicht mehr ganz dicht! PS: Denkt an die Kühe!“
Pia faltete den Zettel und warf ihn in Richtung der Jungen, die ihn begierig öffneten. Anscheinend schienen sie nicht zufrieden zu sein, eine Reaktion kam aber auch nicht.
Den Rest der Fahrt verbrachten sie halb schlafend, halb redend und sie rätselten nebenbei, wie klug Schneewittchen war, wenn es ihr gelungen war, unbemerkt in den Rucksack zu springen.
Die Jugendherberge bestand aus vielen kleinen Bungalows, für jede Klasse einen. Nina und ihre Klasse wohnten in Haus zwölf und Nina, Mia, Pia, Jana und Maria teilten sich ein Zimmer. Sie warfen nur schnell die Koffer in die Ecken und trafen sich kurz darauf mit der ganzen Klasse auf dem Volleyballfeld. Sie teilten sich in Mannschaften ein und begannen zu spielen.
Am Abend gab es ein Lagerfeuer mit Stockbrot und um zehn Uhr mussten sie im Bett liegen. Dann aßen sie ein paar Süßigkeiten, schrieben SMS und schickten sie an die Jungen im Nebenzimmer, die sogleich antworteten. So ging es eine Weile hin und her, bis sie müde wurden und ihre Handys weglegten. Nina kraulte Schneewittchen, die zusammen mit ihr im Bett lag. „Wieso bist du bloß mitgekommen, hm?“ Erst begann Schneewittchen zu schnurren, dann wand sie sich aus Ninas Armen und raste zur Tür, die einen Spalt breit offen war, damit ein bisschen Licht vom Flur hereinfiel.
„Schneewittchen! Komm zurück!“, zischte Nina, aber die Katze war schon verschwunden. Unschlüssig stand Nina auf. „Jana? Mia? Pia?“, fragte sie leise. „Maria? Seid ihr wach?“ Aber es kam keine Antwort. Nina tastete nach ihren Hausschuhen, schlüpfte hinein, quetschte sich durch die Tür und durchquerte den Flur. Gerade als sie an der Tür zum Zimmer der Lehrer vorbeikam, hörte sie von dort gedämpfte Stimmen. Erstaunt drehte sie sich um. Eigentlich tat sie so etwas nicht, doch von einem Impuls gelenkt trat sie an die Tür, legte das Ohr an das milchig schimmernde Glas und lauschte.
„... die Neue …“, hörte sie eine tiefe Männerstimme sagen, die, wie Nina überrascht feststellte, Herrn Malan gehörte.
„... noch nicht so weit …“, war eine hohe Stimme zu hören.
„... keine Zeit mehr …“, sagte ihr Lehrer ruhig.
Die Frauenstimme flüsterte etwas, das das Mädchen nicht verstand.
„Nein!“, antwortete Herr Malan laut. „Dass kann nicht sein, Blyn. Du musst dich täuschen. Es kann nicht ihre Bestimmung sein …“
„Sch...!“, unterbrach ihn die Frauenstimme. „Ich kenne sie besser als du, erzähl keinen Unsinn.“
„Dann ist sie also nicht nur die Neue, sondern auch die Auserwählte.“ Herr Malan seufzte.
„Der wievielte ist heute?“
„Wie bitte?“, fragte Herr Malan, der anscheinend nicht zugehört hatte.
„Ich habe gefragt, welches Datum wir haben“, wiederholte die Frau mit einem leicht ungeduldigen Tonfall.
„Es ist der siebte Juni, wieso?“, antwortete Ninas Lehrer.
„Das tut nichts zur Sache.“
Nina war inzwischen wie erstarrt. Was ging dort vor? Wovon redeten die beiden? Und noch viel wichtiger: Wer war diese Frau?
„Dann hat sie ja nur noch … bist zum einundzwanzigsten, Jan, rechne mal bitte.“
„Du warst noch nie gut in Mathe.“
Nina konnte geradezu sehen, wie Herr Malan nett lächelte, so als wenn er in ihrer Klasse unbegabten Mathematikkünstlern wie ihr zum vierten Mal ein und dieselbe Sache erklären musste und dabei nicht die Geduld verlor. „Vierzehn Tage hat sie noch, Blyn. Und das sind ganze zwei Wochen.“
„Aber dann sieht das arme Kind ja seine Eltern nicht mehr, bevor … bevor es in die Welt eintaucht“, stöhnte Blyn.
„Leider“, sagte Herr Malan mit ernster Stimme, die Nina von ihm gar nicht gewohnt war.
Stühle wurden gerückt und Nina löste sich aus der Starre, stolperte nach hinten und rannte, während die Tür mit einem leisen Quietschen aufging, zurück in ihr Zimmer. Sie konnte das Gespräch nicht nachvollziehen. Aber sie ahnte, dass es nicht gut war, was die beiden besprochen hatten. Nina war froh, dass sie nichts mit all dem zu tun haben würde.
Sie konnte ja nicht wissen, wie sehr sie sich täuschte.
Schnell schlich sie in ihr Zimmer zurück, kletterte in ihr Bett und beschloss, morgen nach Schneewittchen zu suchen. Es dauerte lange, bis sie endlich einschlafen konnte, und dann träumte sie einen wirren Traum von Herrn Malan, der mit ihrer Katze sprach, die plötzlich Blyn hieß.
„Wir machen einen Ausflug“, verkündete ihre Klassenlehrerin, als sie sich nach dem Frühstück draußen auf der Wiese im Schatten einer großen Eiche – denn es war trotz der frühen Stunde sehr heiß – zusammengefunden hatten, „den Herr Malan organisiert hat.“
„Hätte mich auch gewundert, wenn sie das getan hätte“, flüsterte Jana und die anderen Mädchen kicherten.
„Girls …“, seufzte Dirk, einer der Jungen mit hoher Stachelfrisur, und verdrehte die Augen.
„Wir gehen zum Hafen und fahren von dort auf die nächstgelegene Insel, die wir in kleinen Gruppen erkunden werden.“
„Jippie!“, riefen Nina und Mia gleichzeitig und sprangen in die Luft.
Auch die übrigen Klassenkameraden freuten sich riesig.
„In einer halben Stunde geht es los, macht euch also schon einmal fertig und nehmt Wasser und Proviant mit!“, meldete sich Herr Malan zu Wort.
Als Nina ihren Lehrer sah, erinnerte sie sich wieder an die Ereignisse der letzten Nacht. Sie schauderte.
Doch Jana riss sie aus ihren Gedanken: „Komm, Nina. Machen wir uns fertig.“
„Und ich?“, protestierte Mia.
„Tut mir leid“, sagte Jana. „Mit Blondinen rede ich nicht.“
„Ich bin auch blond“, protestierte Nina.
„Aber nicht dämlich“, verbesserte Jana sie.
„Ich bin zehnmal klüger als du! Nimm dich lieber in Acht!“, warnte Mia.
„Was machen zwei Blondinen, die Strohballen hin und her werfen? – Gedankenaustausch! Soll ich dir auf dein Strohballenhirn spucken?“
„Nein, igitt! Ich spuck dich zuerst an!“
„Immer zehnmal mehr als du!“
„Gilt nicht!“
„Wohl!“, rief Jana laut.
Die beiden kabbelten sich den ganzen Weg von der Wiese bis hin zu ihrem Bungalow. Erst dort gaben sie endlich Ruhe.
„Cool!“, rief Maria. Sie, Jana, Pia, Mia und Nina standen nebeneinander an der Reling der großen Fähre, die sie zur benachbarten Insel bringen sollte, und der Fahrtwind zerzauste ihnen das Haar.
„Denkt ihr, wir sehen Delfine?“, fragte Pia und stellte sich auf die Zehenspitzen, um nach unten auf die Gischt blicken zu können.
„Brr!“, machte Nina, als ihr die Wassertropfen ins Gesicht klatschten.
„Dir ist doch jetzt nicht kalt?“, fragte Maria, denn alle trugen nur T-Shirts und Shorts und keiner außer Nina fror.
„Frostbeule“, meinte Jana, als Nina aufstand und in die Mitte des Sonnendecks ging, wo die ganze Klasse die Rucksäcke hingestellt hatte. Sie holte sich eine rote Strickjacke, zog sie an und kehrte wieder zu den anderen zurück, um den Wind und die frische Seeluft zu genießen.
Delfine sahen sie zwar nicht, aber als sie ankamen, durften sie in Gruppen den Strand erkunden. Sechs Jungen hatten sich die Erlaubnis geholt, die Stadt hinter den Dünen zu erkunden und waren bald verschwunden. Die Mädchen schlenderten eine Weile am Strand entlang, gingen dann aber auch in Richtung Stadt und ließen sich neben einem Holzweg, der zur Stadt führte, auf einer Wiese nieder. Sie legten sich ins trockene Gras und blinzelten in die Sonne.
„Wie schön kann das Leben sein!“, seufzte Jana und streckte sich. „Wäre da nicht noch diese Mia!“
„Na warte!“, rief Mia und eine Sekunde später wälzten sich die beiden auf dem Gras hin und her, sodass ihre Kleidung einen grünlichen Ton annahm.
Maria, Pia und Nina sahen lachend zu, wie mal Mia, mal Jana oben war und die beiden langsam, aber sicher, dem Strand immer näher kamen. Kurz darauf verfolgte Mia Jana über den Holzweg, und dann waren die beiden wieder am Strand verschwunden.
„Ich wette, bald landen die im Meer“, kicherte Pia.
„Ich hatte euch gewarnt“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihnen.
Die drei Mädchen fuhren herum und erblickten Tim, der zwischen zwei Frauen und einem Mann stand.
Nina schluckte, die Drohung im Bus hatte sie völlig vergessen! Die drei Fremden waren ganz in Schwarz gekleidet, mit dicken Regenmänteln und dunklen Kapuzen. Das wäre selbst ihr zu warm geworden! Sie schreckte zusammen, als ihr auffiel, dass alle an ihrem Gürtel ein langes Schwert trugen und in der Hand einen Dolch hielten.
„Was … was soll das?“, fragte Maria und sie versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.
„Schweig, Menschenmädchen!“, sagte der rechts stehende Mann mit einer so gefährlichen Ruhe in der Stimme, dass Pia einen Schritt zurücktrat und den Kopf senkte.
Maria tat es ihr gleich.
Nur Nina musterte die beiden Frauen und den Mann immer noch, ohne eine Spur von Angst zu zeigen. Natürlich fürchtete sie sich, doch sie hatte gelernt, das Ziehen in der Magengegend nicht zu beachten und die schlotternden Glieder zu verbergen. Außerdem war sie – aus welchem Grund auch immer – wütend auf diese Menschen, die hier so einfach aufgetaucht waren. Aber Hilfe war nicht in Sicht, die Lehrer waren weit weg und Jana und Mia waren inzwischen wahrscheinlich schon ins Meer gekugelt.
„So, ihr beiden“, sprach der Mann und trat auf Maria und Pia zu, die schnell noch einen Schritt zurück machten. „Ihr dreht euch jetzt um und kniet euch auf den Boden.“
Mit banger Miene blieben die beiden stehen.
„Wird’s bald!“, forderte die links stehende Frau. Ein paar Spitzen ihrer roten Haare lugten unter der Kapuze hervor und sie schob sie energisch wieder nach hinten.
Die zweite Frau hob den Dolch. „Hier soll niemand unnütz verletzt werden, Kinder. Also tut, was ich euch sage.“ Ihre Stimme klang kalt und fuhr den Mädchen wie Eis zwischen die Glieder.
Als Pia und Maria sich immer noch nicht dazu durchgerungen hatten, sich hinzuknien, hielt der Mann den beiden einen Dolch gegen den Rücken und zwang sie so auf die Knie. Die Frau mit den roten Haaren grinste höhnisch.
Nina hatte mit erstarrter Miene zugesehen, doch jetzt trat sie auf den Mann zu und ihre Wut gewann die Oberhand. „Spinnen Sie denn, uns einfach so anzugreifen? Wir haben Ihnen nichts getan!“, rief sie.
Doch ihre Reaktion war nicht sehr geschickt gewesen.
Der Mann beugte sich zu ihr herunter und sie konnte seine unnatürlich gelben Pupillen sehen. „Deine hübschen Freundinnen müssen sich angewöhnen zu gehorchen“, sagte er langsam und deutlich. „Dann tue ich ihnen auch nichts!“
Jetzt trat Tim vor. „Eigentlich dachte ich, Sie machen einen Scherz. Aber das geht wirklich zu weit. Sie haben uns versprochen, sie nur zu erschrecken. Sie – Sie haben gesagt, Sie wollten den Mädchen einen Streich spielen!“
Der Mann lächelte immer noch und winkte der Frau neben ihm zu, die daraufhin den Jungen mit seinem Dolch zu Boden zwang. „Liegen bleiben“, riet sie, „sonst bekommst du ihn hier zu spüren!“ Sie deutete auf seinen Dolch und grinste genauso grausam wie der Mann.
„Jetzt reicht’s“, sagte Nina und sie spürte, dass der Mann ihr nichts anhaben konnte. „Jetzt reicht’s endgültig!“ Sie wusste nicht, wieso sie es tat, doch sie hob ihre Hände und ließ ihrer Wut freien Lauf. Ihre Sicht war verschwommen. Vor ihren Augen tanzten rote Punkte. Dann wurde ihr kalt und sie begann zu zittern. Mit blauen Lippen fiel sie ins Gras. Sie wollte noch nach den Männern schauen, aber da wurde ihr schon schwarz vor Augen.
Sie erwachte auf der Wiese. Neben ihr lagen Rucksäcke und die drei Lehrer beugten sich besorgt über sie. „Wir haben schon von Tim, Pia und Maria gehört, was passiert ist“, sagte Herr Malan halb besorgt, halb wütend. „Wir werden mit der Jungenbande sprechen müssen.“
Nina zitterte. „K-K-Kalt!“, stotterte sie und sie spürte, dass sie wieder im Begriff war, das Bewusstsein zu verlieren. Pia stand besorgt und verängstigt neben ihr, während Maria eine Jacke aus ihrem Rucksack kramte und sie wie eine Decke über Nina ausbreitete.
„Woher hast du die Kette?“, wollte Frau Barinkson wissen, als Nina sich besser fühlte.
„Welche …?“ Das Mädchen sah an sich herunter. An seinem Hals hing eine wunderschöne, silberne Kette mit einem roten Anhänger in Form eines Feuers. Darauf stand ein großes N und Nina wusste, dass sie diese Kette noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Sie versuchte, die Kette abzumachen, doch sie klebte förmlich auf ihrer Haut. Gerade wollte sie etwas erwidern, als Jana und Mia auf sie zustürmten.
„Wie geht es dir?“, fragte Jana, während Mia sie stürmisch umarmte.
„Ganz gut. Nur etwas kalt ist mir“, sagte Nina und lächelte.
Die Lehrer zogen sich zurück und ließen die fünf allein.
„Mensch, wir haben uns solche Sorgen gemacht! Du warst total unterkühlt“, sagte Maria, als Jana die Kette auffiel, die um Ninas Hals hing.
„Sie war plötzlich da“, sagte Nina, die den Blick bemerkte. „Einfach so – schwupp! Ich weiß wirklich nicht, woher ich sie habe“, fügte sie hinzu. „Ich habe sie vorher noch nicht umgehabt, echt, Leute!“
„Na gut“, sagte Jana.
„Wir glauben dir ja. Aber komisch ist es trotzdem, oder?“, warf Mia ein.
„Auch schon bemerkt? Cool, Blitzmerkerin“, meinte Jana und zwinkerte.
„Blitzmerkerin, du Schlange? Weißt du eigentlich, wie fies Schlangen sind und wie dumm im Gegensatz zu Blondinen?“
„Oh nein!“, stöhnten Maria und Nina gleichzeitig.
„Bewahrt uns!“, flehte Pia.
Herr Malan kam wieder zu den Mädchen. „Könnt ihr diese Angaben bestätigen?“, fragte er. „Zwei große, schlanke Frauen, ein Mann. Alle schwarz und mit Regenmänteln bekleidet?“
„Sie hatten … Dolche bei sich.“ Pia erschauderte.
„Diese eine Frau“, fiel Nina ein. „Sie hatte rote Haare.“
„Gut.“ Herr Malan nickte ihnen dankend zu. „Wir werden natürlich sofort die Polizei verständigen, aber als Pia und Maria uns geholt haben, waren die drei schon verschwunden. Weiß jemand von euch, weshalb das Feuer ausgebrochen ist und wieso es so schnell wieder aus war?“, fragte er. „Das ganze Gras war versengt und Rauch hing in der Luft.“
„Feuer?“, fragte Nina verwirrt.
„Plötzlich hörten wir eilige Schritte“, sagte Maria, „und wir haben uns umgedreht. Anscheinend war Feuer ausgebrochen und der Mann und die Frauen liefen davon, ebenso die Jungs. Aber bevor Pia und ich etwas tun konnten, war es plötzlich weg – einfach so.“
Herr Malan nickte ernst. „Wir werden uns langsam auf den Rückweg zur Fähre machen. Die sechs Jungen sind gerade aus der Stadt eingetroffen.“
Die Mädchen verließen die Fähre als Erste und liefen voraus zur Jugendherberge und in ihr Zimmer.
Nina duschte sich, während die anderen noch einmal rausgingen und Federball spielten. Etwas später verschwanden nacheinander Jana, Mia, Pia und Maria im Badezimmer, während Nina nach Schneewittchen suchte, die sich anscheinend davongemacht hatte. Ob es ihr gut ging? Wo sie wohl war? Und was hatten bloß die beiden Frauen und der Mann von ihnen gewollt? Als sich Nina nach erfolgloser Suche unter die Eiche setzte, schnurrte es neben ihr und ein weiches Fellbündel sprang ihr in den Schoß.
„Schneewittchen!“, flüsterte Nina. „Was geht hier vor? Was wollten diese Frauen und der Mann? Worüber reden Herr Malan und Blyn – wer immer sie auch sein mag? Und was bedeutet diese Kette an meinem Hals?“ Nachdenklich berührte sie den Anhänger.
Die Katze sprang von ihrem Schoß und tauchte eine Minute später mit einem Blatt Papier im Maul wieder auf. Sie sprang erneut auf Ninas Schoß und hielt ihr das Blatt vor die Nase.
Nina nahm es und erkannte, dass es aus einem Buch herausgerissen worden war. „Warst du das? Böses Schneewittchen“, tadelte sie und runzelte die Stirn, als sie die Überschrift gelesen hatte. „Das Zeichen der Sphinxen?“, fragte sie. „Sind Sphinxen nicht diese Orakeldinger aus Ägypten?“ Sie erinnerte sich vage an eine Geschichtsstunde in der fünften Klasse, in der es irgendwie um Sphinxen gegangen war, aber dann hatte Jana ihr unbedingt von ihrem neuem Hobby, Volleyball, erzählen wollen und sie waren sogleich vom Thema abgekommen.
Gerade als Nina weiterlesen wollte, fragte jemand: „Mit wem sprichst du?“
Mist! Es war Jana, die frisch geduscht und mit nassen Haaren in die Nachmittagssonne blinzelte.
„Ich? Ähm … mit Schneewittchen“, sagte Nina ausweichend.
Die Katze miaute zustimmend und lief wieder weg.
„Was hast du da gemurmelt?“, fragte Jana misstrauisch.
„Etwas über Sphinxen … aber nur so. Allgemeinwissen, meine ich“, antwortete Nina hastig. „Geschichte … Ägypten … du weißt schon …“
„Aha.“ Jana zog die Brauen hoch, sagte aber nichts weiter.
Nina war froh darüber. Sie murmelte, sie müsse sich eine Sonnenbrille holen, und lief fort von ihrer Freundin. Als sie an dem Bungalow ihrer Klasse angekommen war, ging sie langsam auf ihr Zimmer zu und versuchte sich zu beruhigen. Die Fragen in ihrem Kopf ließen sie nicht los. Was ging hier vor? Wer hatte es auf sie abgesehen? Was hatte diese Kette zu bedeuten? Und – die wichtigste Frage, fand sie – von wem hatten Herr Malan und diese Blyn gesprochen? Es hatte sich nicht gut angehört. Und was war mit Schneewittchen? Sie benahm sich irgendwie komisch. Eigentlich hatte es eine stinknormale Klassenfahrt werden sollen, doch sie entpuppte sich als alles andere als normal!
Um ihren Freundinnen zu entgehen, schloss sich Nina auf der Mädchentoilette ein und las den Zettel, den Schneewittchen ihr gebracht hatte. „Sphinxen (aus dem Griechischen: ‚erwürgen‘ oder ‚mit einem Zauber festbinden‘ oder aber auch aus dem Ägyptischen: ‚das, was Leben empfängt‘) waren Statuen eines Löwen mit einem Menschenkopf, es waren aber auch Widder- und Falkenköpfe gebräuchlich. Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden Sphinxen von vorderasiatischen Völkern wie den Phönikern übernommen, häufig sind Sphinxen auf Wandmalereien geflügelt dargestellt. Auch die Griechen übernahmen Sphinxen mit Flügeln. Die Ägypter nannten Sphinxen auch ‚Hu‘.“
Nina runzelte die Stirn. Dieser Text hatte ihre Geschichtskenntnisse wieder wachgerufen, aber dennoch wunderte sie sich, warum Schneewittchen ihr das Blatt gebracht hatte.
Als sie in ihr Zimmer trat, sah Nina auf ihrem Bett einen weiteren Zettel liegen. Sie trat näher und las: „Deine Kette heißt Ignis. Ich hoffe, deine Rätsel sind damit gelöst. Malan.“
Nina schnaubte ärgerlich. Was dachte sich ihr Lieblingslehrer eigentlich? Sie wusste nicht, wer oder was Ignis war, und deshalb war natürlich keines ihrer Rätsel gelöst. Und was die Kette zu bedeuten hatte, war ihr auch nicht klar geworden. Nina beschloss, Herrn Malan beim Abendessen darauf anzusprechen. Wut kam in ihr hoch. Er gab ihr sogar noch ein zusätzliches Rätsel auf! Zornig stampfte sie aus dem Zimmer, das Papier zusammengeknüllt in ihrer Hand. Als sie aus der Tür des Bungalows trat, öffnete sie die Faust, die sie auf dem Weg nach draußen geschlossen gehalten hatte. Asche rieselte auf den Boden, doch von dem Zettel war keine Spur. Wo war der jetzt hin? Genervt schnaubte Nina auf.
Jetzt konnte sie auch noch auf sich selbst wütend sein. Zu gern hätte sie nachgesehen, ob auf der Rückseite des Zettels ebenfalls etwas gestanden hatte. Und nun war der Zettel verschwunden. Wie war das möglich? War er etwa aus ihrer Faust gefallen? Und wo kam die Asche plötzlich her?
Nina ging wieder zurück und sah sich suchend um. Doch von dem Papier keine Spur. Sie beschloss, die Sache zu vergessen. Es brachte nichts, darüber nachzudenken. Da ihre Freundinnen wahrscheinlich Fußball oder ein anderes Spiel spielten, legte sie sich auf ihr Bett und angelte sich ein Buch aus dem Koffer. Es war eine sehr spannende Geschichte. Gerade als darin die Polizei mit lautem Sirenengeheul in Richtung des beschriebenen Unfallortes raste, hörte Nina einen schrillen, durchdringenden Ton – Feueralarm!
Das Erste, was Nina spürte, war Angst. Was natürlich eine außerordentlich normale Reaktion war. Starr vor Schreck beobachtete sie, wie sich Feuer durch ihre Zimmertür fraß und in den Raum drängte. Flammen züngelten an der Holztür empor. Hitze breitete sich aus und löste kribbelnd Ninas Erschrockenheit. Ruhe bewahren, rief sie sich den ersten Punkt in Erinnerung, der auf der Brandbekämpfungsliste stand, die sie im Chemieunterricht durchgenommen hatten. Mit einem Satz war sie beim Fenster und öffnete es. Das Feuer hingegen hatte schon den Raum durchquert und war nur noch ein paar Zentimeter von ihr Schuhen entfernt!
„Bleib mir vom Leib!“, sagte Nina leise und versuchte bedrohlich zu wirken. Sie wusste selbst nicht, was mit ihr los war. Erst redete sie mit Schneewittchen wie mit einem erwachsenen Menschen, dann mit diesem Feuer. Sie schüttelte den Kopf und schwang sich hinaus aufs Fenstersims. „Zurück“, flüsterte sie noch einmal und war erstaunt, als das Feuer tatsächlich zurückwich und sich in einen leichten Ascheregen auflöste, der sich auf die Decken der Mädchen und den Fußboden legte. Etwas davon schwebte auch an ihr vorbei nach draußen. Nina seufzte vor Erleichterung und sprang aus dem Fenster auf die Wiese. Zu spät bemerkte sie, dass ihre ganze Klasse und die Lehrer sie fassungslos beobachteten. Zum Umkehren war es zu spät, und was sollte sie jetzt sagen? Sie wusste es selbst nicht und stand deshalb nur da, den Mund vor Erstaunen geöffnet. „Äh …“
Alle starrten sie an.
Und sie starrte zurück. Was nun?
„Was … was war das?“, fragte Herr Pikk und deutete auf Nina, die wie erstarrt unter dem Fenster stand, aus dem sie gerade gesprungen war.
„Sie hat das Feuer bekämpft“, sagte die fassungslose Frau Barinkson mit einem nicht zu deutenden Lächeln.
„Nein, nicht bekämpft, sie hat das Feuer beherrscht und weggejagt“, ergänzte Ulrike, eine Schülerin aus Ninas Klasse.
„Nina!“, sagte Herr Malan laut. „Nina, komm bitte mal mit.“
„Nein!“, kreischte Frau Barinkson und hob die Hände.
Nina wich bis zur kalten Steinwand des Hauses zurück. Was ging hier vor sich?
„Ich spreche mit ihr, Sie Flegel!“, zischte die Lehrerin wütend.
Malans Geschichte
Jetzt waren alle Blicke auf Frau Barinkson gerichtet.
„Aber, aber“, sagte Herr Pikk. „Was haben Sie gerade gesagt? Ich habe Sie nicht ganz verstanden.“ Er schien erschrocken zu sein, seine „Madam“ einen solchen Kraftausdruck gebrauchen zu hören.
„Zum Teufel mit Ihnen allen!“, schrie die Lehrerin. „Nina, komm mit! Sofort!“
Die jedoch beschlich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte.
„Geh nicht mit!“, zischte Herr Malan ihr aus den Mundwinkeln zu, nachdem er sich neben sie gestellt hatte. „Das dort ist nicht unsere Frau Barinkson.“
„Was? – Ich meine, was sagen Sie da?“ Nina verstand die Welt nicht mehr. „Aber das ist sie doch! Sehen Sie hin!“
„Vertraue nicht deinen Augen, sondern deinem Herzen! Es weist dir den Weg!“, entgegnete Herr Malan.
Nina schaute ihn verständnislos an, doch ihr Lehrer wandte sich ab. Das Mädchen seufzte tief und schaute auf die Schüler, die vor ihr standen und sie anstarrten. „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe“, stellte sie klar. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wahrscheinlich war es Zufall, dass das Feuer wieder verschwunden ist.“
Um den zweifelnden Blicken zu entgehen, schwang sie sich auf das Fenstersims, kletterte zurück in das Zimmer und schloss das Fenster. Sie durchquerte den Raum, ging durch den Flur und flüchtete in die Mädchentoilette, weil sie wusste, dass Jana, Mia, Pia und Maria sofort im Zimmer aufkreuzen würden, um sie auszuquetschen. Aber ihr wurde das alles zu viel. Sie hatte ein relativ normales Leben gehabt und konnte nicht damit umgehen, dass sich jetzt alles plötzlich auf den Kopf stellte.
Sie schloss sich in der erstbesten Kabine ein, lehnte sich gegen die Tür und dachte nach. Sie musste beim Abendessen mit Herrn Malan sprechen, unbedingt! Aber wie würde es weitergehen? Konnten all diese Dinge eine normale Ursache haben? Nina musste wissen, was hier vor sich ging. Also verließ sie die Kabine, ging an den Waschbecken vorbei und linste aus der Tür. Im Flur war niemand – die Luft war rein! Sie schlüpfte durch die Tür, ging zu der Stelle, an der sie am vorigen Abend das Gespräch von dieser Blyn und Herrn Malan belauscht hatte, und wollte gerade die Hand heben, um an die Tür zu klopfen, da hörte sie aus dem Raum hinter der Tür eine Stimme, die leise um Hilfe rief. Schnell öffnete Nina die Tür und sah, dass Frau Barinkson verschnürt auf dem Boden lag.
„Oh nein!“ Schnell lief das Mädchen zu seiner Lehrerin und befreite sie. „Geht es Ihnen gut?“, fragte Nina.
„Mich hat jemand zusammengeschlagen“, berichtete die Frau, als sie ihre Beine und Arme lockerte.
„Können Sie sich an den Angreifer erinnern?“, fragte Nina, doch Frau Barinkson schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte sie und schüttelte energisch den Kopf. Sie ging zum Fenster, blickte hinaus – und erstarrte. Das Kind trat neben sie und sah, was in diesem Moment die Lehrerin fassungslos die Hand vor den Mund schlagen ließ. Noch immer stand da draußen die Frau, die genauso aussah wie die Lehrerin neben Nina. Die falsche Frau Barinkson schimpfte gerade wütend mit Herrn Malan und deutete wild gestikulierend zu der anderen Seite des Hauses, wo das Fenster von Ninas Zimmer lag.
Ungläubig ließ Nina ihren Blick von der einen Frau Barinkson zur anderen wandern. Und kurz darauf wieder zurück – wie bei einem Tennismatch. Immer schneller ging ihr Blick zwischen den beiden Frauen hin und her. War denn jetzt gar nichts mehr normal? Was passierte hier gerade?
„Oh mein Gott!“, stöhnte die echte Frau Barinkson und hielt sich an einem Stuhl fest. Dann bedeutete sie Nina, ihr aus dem Raum zu folgen. Eine Minute später sahen die echte und die falsche Lehrerin einander an. Alle Schüler, Herr Pikk und Herr Malan starrten fassungslos auf das, was sich vor ihnen abspielte.
„Äh … Sie – Was fällt Ihnen eigentlich ein! Verschwinden Sie!“, forderte die echte Frau Barinkson und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ach ja?“ Die unechte Lehrerin lächelte kalt, schnippte einmal mit den Fingern und verwandelte sich in eine sehr schlanke Frau, deren ganzer Körper aus Schlangen zu bestehen schien. Angeekelt und voller Entsetzen wichen die Schüler zurück, nur Nina stand noch neben der echten Frau Barinkson, die fassungslos auf die Schlangenfrau starrte.
Die jedoch wandte sich dem Mädchen zu. „Komm“, sagte sie. „Komm mit, Nina.“
Doch in diesem Moment stellte sich Frau Barinkson vor ihre Doppelgängerin in Schlangengestalt. „Sie nehmen keine meiner Schülerinnen mit, verstanden?“, knurrte sie und wollte gefasst wirken, aber ihre Stimme schwankte leicht und ihre Finger zitterten. Die Schlangenfrau hob nur die Augenbrauen, sagte aber nichts.
Dann geschahen zwei Dinge fast gleichzeitig: Die Schlangenfrau stürmte auf die Lehrerin zu, doch diese warf sich unter den schützenden Baum. Herr Malan hob mit versteinertem Gesichtsausdruck die Hände in die Höhe, und wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt wurde die Schlangenfrau zu Boden geschleudert und verschwand dann spurlos. Alle starrten auf Herrn Malan und dessen Hände, denn er stand immer noch an derselben Stelle, hatte sich nicht vom Fleck bewegt und offenbar nur mit der Kraft seiner Hände die Schlangenfrau verschwinden lassen.
Er schaute die sprachlose Nina an, lächelte ihr zu und verschwand – ebenso wie die Frau kurz vor ihm.
„Magie“, krächzte Jonas, ein Schüler aus Ninas Klasse, „das ist Magie!“
„Quatsch!“ Frau Barinkson wirkte wieder gefasst. „Einbildung ist das, nichts als Einbildung.“ Sie schüttelte den Kopf und schien eher sich selbst als die Schüler überzeugen zu wollen. „Ihr geht jetzt zum Abendessen. – Pikk, kommen Sie bitte mit.“ Sie zeigte zum Haupthaus, in dem sich der Speiseraum befand.
„Und was ist mit Herrn Malan?“, fragte Pia.
„Ich weiß es nicht“, seufzte die Lehrerin. Und als sie sich kurz umdrehte, konnte Nina einen tiefen Schmerz in ihren Augen erkennen.
Den ganzen Abend über waren Herr Malan und die falsche Frau Barinkson natürlich das Thema Nummer eins. Nina hielt sich zurück, als die anderen wilde Vermutungen äußerten, was passiert sein könnte und ob Magie beziehungsweise keine Magie im Spiel gewesen war.
Nina verabschiedete sich früh und ging zu Bett. Ihr war einfach nur schlecht. Die Ereignisse jagten durch ihre Gedanken und sie fragte sich pausenlos, was hier überhaupt normal war. Als sie noch lange, nachdem auch ihre Freundinnen ins Bett gegangen waren, wach gelegen hatte, glitt sie schließlich in einen unruhigen Schlaf, in dem sie von Feuer, der Schlangenfrau und Herrn Malan träumte.
In der Nacht wachte sie mehrere Male auf, weil ihre Kette mit dem Namen Ignis heiß wurde und wie ein Feuer auf ihrem Hals brannte. Aber immer, wenn sie dann schlaftrunken ihre Hand auf den Anhänger legte, wurde dieser wieder kalt.
Am Morgen erwachte Nina wegen Jana, die ihren Namen rief. Schlaftrunken setzte sich das Mädchen auf und sah die anderen auf Mias Bett zusammensitzen und sich unterhalten. Schnell stand Nina auf, kletterte die Leiter zu dem Hochbett ihrer Freundin hinauf und setzte sich dazu.
„Merkwürdige Ereignisse …“, stellte Maria gerade fest.
„Ah, Nina.“ Pia lächelte ihr zu. „Weißt du, was da gestern los war?“
Als das Mädchen den Kopf schüttelte, fuhr Pia fort: „Nun, es schien irgendwie um dich zu gehen.“
„Ja“, sagte Jana, „genau!“
„Etwas ist mit dir! Und was war das eigentlich mit dem Feuer? Wir sind gestern nicht mehr dazu gekommen, dich danach zu fragen.“ Mia sah Nina prüfend an, doch die winkte ab.
„Da ist nichts. Alles Zufall“, sagte sie und sprach damit die Hoffnung aus, die tief in ihrem Herzen schlummerte. Mit dieser Schlangenfrau und womöglich noch schrecklicheren Kreaturen wollte sie nichts zu tun haben. „Ich habe Hunger. Bestimmt hat der Speisesaal schon geöffnet“, wechselte sie geschickt das Thema. „Lasst uns frühstücken gehen.“
Die anderen stimmten ihr zu, und so zogen sie sich Shorts und T-Shirts an und gingen ins Haupthaus. Dort stand das Buffet bereit. Sie holten sich Brötchen, Butter, Marmelade, Schinken und Käse und setzten sich an einen Sechsertisch, möglichst weit weg von Herrn Pikk und Frau Barinkson, die ganz in der Ecke an einem Vierertisch saßen und auf den leeren Teller neben sich starrten, den sie anscheinend für ihren Kollegen mit gedeckt hatten.
„Sie sehen so aus“, flüsterte Jana, nachdem sie die beiden eine Weile beobachtet hatte, mit vollem Mund, „als ob sie auf Herrn Malan warten würden!“
„Dass er weg ist, ist nicht witzig“, zischte Mia.
„Das war kein Scherz oder so was“, sagte Jana beleidigt.
„Hmpf“, machte Mia, die im Gegensatz zu Jana nicht mit vollem Mund sprach und deshalb nur einen Laut von sich geben konnte.
„Was haben wir heute für ein Datum?“, fragte Pia, die einem Streit der beiden aus dem Weg gehen wollte.
„Den neunten Juni“, antwortete Maria, die gerade den letzten Bissen ihres Brötchens in den Mund schob. „Da fällt mir ein, kommt mal mit! Nein, Nina, du bleibst hier. Wir müssen etwas wegen deines Geburtstags am Elften besprechen, also komm bitte nicht in unser Zimmer, ja?“
Nina nickte und sah zu, wie Jana mürrisch ihre Arme mit Brötchen und Schinken belud und ihren Freundinnen eilig aus dem Speisesaal folgte. „Ich war noch nicht fertig“, hörte Nina sie rufen, bevor die Tür des Speisesaals ins Schloss fiel.
Doch allein mochte Nina nichts mehr essen, und so räumte sie ihren Teller und die ihrer Freundinnen weg und setzte sich draußen unter die Eiche. Plötzlich nahm sie eine Bewegung hinter dem Bungalow ihrer Klasse wahr.
Sie kam leise hoch, duckte sich und schlich hinter das Haus. Und was sie dort sah, ließ sie ungläubig blinzeln. „Tobias, was zum Teufel machst du denn hier?“ Erst ihre Katze, dann ihr Bruder. Was – verdammt noch mal – ging hier vor!? Nina hätte es nicht gewundert, wenn jetzt auch noch ihre Eltern auftauchen würden.
„Toto muss A-a“, krähte der kleine Junge und zupfte an seiner Windel.
„Oh nein, Tobias, bitte nicht!“, stöhnte das Mädchen. „Komm mit, wir gehen jetzt zu Frau Barinkson, dann wechsle ich dir die Windeln und danach fährst du nach Hause zu Mama und Papa, ja?“
Tobias nickte.
„Wie bist du eigentlich hergekommen?“
„Gefogen.“
„Ja, ja, sicher, geflogen. Toller Scherz.“ Aber eigentlich musste Nina zugeben, dass Tobias’ Geschichte nach den letzten Ereignissen gar nicht mal so unvorstellbar klang. Sie nahm ihren Bruder auf den Arm und trug ihn zu Frau Barinkson.
Die schnappte nach Luft.
„Geht es Ihnen nicht gut?“, erkundigte sich das Mädchen vorsorglich.
„Nein, aber Herr Malan sagte etwas in der Art, dass, wenn dein Bruder hier auftaucht, irgendeine Reise beginnt.“
Nina runzelte die Stirn. „Welche Reise?“
„Das hat er nicht gesagt, nur dass du dich dann aufmachen musst, um irgendetwas zu retten.“
„Aha“, sagte Nina gedehnt und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie absurd das alles klang. „Wissen Sie, was das bedeutet?“, fragte sie, doch Frau Barinkson schüttelte nur den Kopf.
„Ich hoffe, er kann dir darauf eine Antwort geben, wenn er wieder da ist“, sagte sie.
„Toto A-a“, sagte Tobias jetzt fast weinerlich.
„Ja, komm. Wissen Sie zufällig, ob es hier Windeln gibt?“, fragte Nina ihre Lehrerin.
„Ich glaube, im Badezimmer in der untersten Schublade welche gesehen zu haben.“
„Danke!“, rief Nina und ließ sich von Tobias wegziehen. Sie nahm ihn auf den Arm und trug ihn zum Badezimmer, weil das schneller ging, und da sie gelernt hatte, wie man die Windeln wechselte, ging es ihr zügig von der Hand.
Zehn Minuten später saß sie zusammen mit ihrem Bruder unter der Eiche. Er spielte Hund und krabbelte auf allen Vieren aufgeregt um den Baum herum, während Nina über die merkwürdigen Dinge nachdachte, die sie auf dieser Klassenfahrt bisher erlebt hatte: ein Gespräch zwischen einer Frau namens Blyn und Herrn Malan, zwei Frauen und ein Mann, die sie umbringen wollten, eine Kette, die sich nicht abnehmen ließ. Nicht zu vergessen Schneewittchen, ein Stück Papier, auf dem Herr Malan ihr mitteilte, dass die Kette Ignis hieß, ein Zettel mit dem Zeichen der Sphinxen, was aber vielleicht auch zu den merkwürdigen Dingen rund um Schneewittchen gehörte, eine Schlangenfrau, die sich in Frau Barinkson verwandeln konnte und sich genauso wie Herr Malan in Luft aufgelöst hatte, eine rätselhafte Botschaft von Herrn Malan an Frau Barinkson und zu guter Letzt ihr Bruder, der einfach so aufgetaucht war. Sie hatte noch nie etwas wirklich Ungewöhnliches erlebt und diese Klassenfahrt schien den Rahmen alles Denkbaren zu sprengen. Herr Malan musste damit zu tun haben. Irgendwie hing ihr Lieblingslehrer in dieser Sache mit drin, dachte sie.
Da rief Tobias: „Da, der Mann! Er ist mit Toto gefogen!“
Ninas Kopf schoss herum. Auf der Wiese, etwa zehn Meter von ihr entfernt, stand Herr Malan in der frühen Mittagssonne und lächelte sie an.
„Herr Malan, da sind Sie ja!“, begrüßte ihn Nina und rannte, gefolgt von ihrem Bruder, auf ihn zu. „Ich habe jetzt sehr, sehr, sehr, sehr viele Fragen an Sie!“
„Nicht jetzt, Nina“, beschwichtige Herr Malan seine Schülerin und hob abwehrend die Hände. „Komm morgen früh um zehn in das Zimmer, an dessen Tür du gelauscht hast.“
„Woher wissen Sie …?“, fragte Nina, doch der Lehrer lächelte nur milde, drehte sich um und ging.
„He, lassen Sie mich hier nicht so stehen! Ich habe Fragen an Sie, verstanden?“ Wutschnaubend lief das Mädchen Herrn Malan hinterher, doch der hatte sich schon wieder in Luft aufgelöst. „Er ist ein Magier“, durchfuhr es Nina. „Er und die Schlangenfrau sind Magier!“
„Nein, is er nich“, widersprach Tobias. Anscheinend hatte das Mädchen in seinem Erstaunen laut gesprochen.
„Was nicht?“, fragte Nina.
„Kein Mackir“, sagte Tobias und lächelte. „Zu Toto er sag, sei ein Slinx.“
„Sehr lustig“, fauchte Nina. „Das ist kein Scherz, okay? Hier stimmt irgendetwas überhaupt nicht! Außerdem gehörst du nach Hause.“
„Ja, nach Ause“, pflichtete Tobias ihr bei und klatschte in seine Patschhändchen. „Ja, ab nach Ause, Ina.“
„Heute wird das nichts mehr. Bis morgen wirst du wohl hierbleiben müssen“, entschied Nina. „Am besten, wir rufen zu Hause an.“ Doch zunächst einmal lehnte sie sich gegen die Eiche und starrte in den wolkenlosen Himmel.
„Anufen?“, fragte Tobias.
„Hm“, brummte Nina. „Gleich.“ Doch irgendwann – sie spürte es und konnte doch nichts dagegen tun – glitt sie in die Welt der Träume.
Mia weckte sie wutschnaubend und verkündete, dass die Jungen Pias Fotoapparat geklaut hätten.
„Och Mensch! Kann man nicht mal in Ruhe schlafen?“, gähnte Nina und rappelte sich auf. Doch die Eiche war nicht gerade der perfekte Ort zum Schlafen gewesen, denn ihr Rücken schmerzte.
„Tobias schläft im Zimmer“, rief Mia, die schon vorgerannt war. „Wir haben ihn dort hingebracht. Ist doch okay, oder?“
„Klar. – Wer hat ihn geklaut?“, wollte Nina wissen und rannte Mia hinterher. „Also nicht Tobias, den Fotoapparat meine ich.“
„Alle zehn Jungen. Sie haben uns abgelenkt!“
Stöhnend lief Nina hinter ihrer Freundin her, quer über das gesamte Gelände der Jugendherberge und hinein in den Wald.
„Wo sind sie?“ Jana schaute sich suchend um.
Alle Mädchen hatten sich an einer Weggabelung eingefunden. „Ich habe keine – ah!“, kreischte Pia, denn einer der Jungen hatte sich von hinten an sie herangeschlichen und war ihr in den Nacken gesprungen. Jetzt lagen sie beide im Schlamm und lieferten sich eine Schlacht, bei der sie nach ein paar Sekunden an Erdferkel erinnerten.
„Gebt meine Kamera her, sofort!“, rief Pia und spuckte Schlamm auf den Boden.
„Wir helfen dir!“ Die Mädchen kamen hinzu, nur leider auch die Jungen, und die waren in der Überzahl. Nach etwa fünfzehn Minuten rückten die Jungen endlich den Apparat heraus und behaupteten, sie hätten ihn sich nur ansehen wollen.
Zurück in ihrem Zimmer stürzten die Mädchen nacheinander unter die Dusche. Danach schlichen sie ins Zimmer der Jungen, dessen Tür, wie Tobias, der inzwischen wieder wach war, netterweise für sie herausgefunden hatte, nicht verschlossen war, und klauten den Jungen alle Schuhe, die sie finden konnten.
„Oh, die stinken!“ Jana hielt sich die Nase zu, während sie zwei Paar Turnschuhe hin und her wedelte. „Wo verstecken wir sie?“, fragte sie mit zugeklemmter Nase, was sich ziemlich witzig anhörte.
„Am besten bei uns, oder?“ Jana hielt Jonas’ Schuhe so weit es ging von sich weg und verließ vor den anderen das Zimmer der Jungen.
„Nee, am besten im Mädchenklo“, schlug Pia vor und ging voraus.
Nina verließ das Zimmer der Jungen als Letzte, stellte die Schuhe ab und schloss die Tür, bevor sie den anderen hinterherrannte. Sie versteckten die Schuhe sorgfältig in verschiedenen Kabinen der Mädchentoilette und gingen danach wieder in ihr Zimmer.
„Das war super.“ Mia zwinkerte mit den Augen, warf sich auf ihr Bett, kramte ihr Tagebuch aus dem Koffer und begann darin zu schreiben. Jana und Pia begannen eine Schachpartie und Maria erklärte, sie würde jetzt ihr Pferdebuch weiterlesen, was niemanden außer sie selbst interessierte.
Nina seufzte und stand eine Zeit lang unschlüssig im Raum. Dann entschwand sie im Badezimmer, um sich den restlichen Dreck abzuwaschen, der sich trotz Duschens hartnäckig in ihren Haaren festgesetzt hatte.
Eine halbe Stunde später saß die Klasse im Hauptgebäude und aß zu Mittag. Nina war etwas hibbelig, weil sie es nicht erwarten konnte, Herrn Malan am nächsten Tag endlich all ihre Fragen zu stellen. Was hatte er noch mal gesagt? Zehn Uhr morgens in dem Raum, vor dem sie gelauscht hatte? Woher wusste er das? Und was wollte er ihr wohl sagen?
„Wir unternehmen heute einen Ausflug auf eine weitere Insel, die ihr euch nach eurem Belieben anschauen könnt“, verkündete Frau Barinkson, als sich alle Schüler nach dem Essen um sie versammelt hatten. „Wir fahren wieder mit einer Fähre, aber vorher erst ein paar Kilometer mit dem Bus. Macht euch also fertig und kommt dann zum Parkplatz, dort werden wir nämlich schon erwartet.“
Nach vierzig Minuten langweiliger Busfahrt, die die Mädchen damit zubrachten, sich gegenseitig zu fotografieren, kamen sie endlich am Hafen an und mussten sich in eine lange Menschenschlange einreihen, wo sie auf die Fähre warteten. Tobias war nicht mitgekommen, der Leiter der Jugendherberge hatte sich freundlicherweise bereit erklärt, ihn mit in sein Büro zu nehmen und ein bisschen mit ihm zu spielen.
„Guckt mal, ich sehe die Fähre!“ Maria hüpfte hoch und holte ihren Fotoapparat aus dem Rucksack, um ein paar Fotos zu machen.
Das Einschiffen ging endlos langsam voran und Nina begnügte sich damit, mit Jana über ihre Sommerferienpläne zu sprechen.
„Wir fahren nach Italien“, sagte Jana, während sie sich Schokolade in den Mund schob. „Ganze drei Wochen! Meine Eltern wollen sich Museen anschauen – mh, die Schokolade ist wirklich lecker, Luftschokolade, musst du auch mal probieren! –, doch ich habe darauf keine Lust und bleibe lieber am Strand. Das gibt bestimmt wieder Streit.“
„Und wir“, Nina nickte und nahm ein Stück Schokolade, „fliegen nach Spanien. Meine Eltern haben Verständnis dafür, dass ich keine Lust habe, in den Ferien ins Museum zu gehen. Zum Glück. Und ich glaube, Tobias würde es auch nicht sonderlich gefallen.“ Sie kicherte.
Frau Barinkson gab dem Mann an der Kasse die vorab gebuchten Tickets und die gesamte Klasse durfte die Fähre betreten.
„Wenn die Fähre nachher anlegt, treffen wir uns draußen, dort, wo Herr Pikk und ich warten!“, rief Frau Barinkson. Dann zog der Mathelehrer sie weg.
„Wer als Erstes an Deck ist, bekommt eine Tüte Gummibärchen!“, rief Mia, und sie rannten alle los, die Treppe nach oben.
„Erster!“, keuchte Nina und nahm die versprochene Tüte entgegen. Sie setzten sich auf die Plastikbänke und schauten auf das Meer, das sich weit und schön vor ihnen ausbreitete.
Doch plötzlich …
„Nina!“
Das Mädchen, das ganz in Gedanken versunken war, schreckte hoch. Verständnislos schaute Nina die anderen an, die fassungslos auf sie zeigten.
„Du brennst regelrecht!“, sagte Maria kopfschüttelnd.
Nina saß an sich herunter – es stimmte. Aber das Feuer wurde schwächer und erlosch schließlich gänzlich.
„Was geht hier vor?“, kreischte Mia hysterisch. „Das geht doch alles nicht mit rechten Dingen zu! Ich halte das nicht mehr aus! Was hast du mit der Sache zu tun?!“ Sie fuchtelte mit ihren Armen vor Ninas Nase herum.
Auch die Mitschüler starrten gebannt auf das Mädchen.
„Ich weiß es doch nicht!“, brüllte Nina zurück. „Was kann ich denn dafür? Hier passieren unnormale Dinge, klar! Aber ich weiß genauso wenig wie du!“
Herr Malan, der gerade in der Nähe stand, ging dazwischen. „Das war bestimmt Einbildung“, erklärte er sachlich. „Sonnenstrahlen werden gebrochen und wirken dann so, als würden Gegenstände in der Nähe brennen, was sie aber nicht tun.“
Ninas Freundinnen schienen sich mit der Theorie zufriedenzugeben, vor allem weil sie von einem Lehrer stammte, dem sie wegen seines umfassenden Wissens nur zu gern glauben wollten. Aber all die merkwürdigen Ereignisse – nein, da stimmte etwas nicht. Das war zumindest Nina klar. Und dass Sonnenstrahlen, wenn sie gebrochen wurden, Gegenstände oder Menschen aussehen ließen, als würden sie brennen, davon hatte sie noch nie etwas gehört. Ihre Freundinnen redeten unbefangen weiter, während Nina schweigend auf das brodelnde Wasser unter dem Kiel der Fähre schaute.
Als die Fähre anlegte und die Klasse sich zusammengefunden hatte, marschierten sie auf eine quietschbunte und lustige Bahn zu. Darin war es proppenvoll und sie mussten sich auf ihren Stehplätzen gut festhalten, damit sie nicht umfielen, als die Bahn losfuhr. Doch die Fahrt dauerte nur etwa zehn Minuten, dann fuhren sie in den Hauptbahnhof ein.
Frau Barinkson verkündete: „Jeder kann jetzt für drei Stunden machen, was er möchte. Um halb fünf treffen wir uns wieder hier.“
„Kommt, ab zum Strand“, kam Pia Nina zuvor und sie rannten hinter einigen Pferdekutschen entlang Richtung Meer.
„Los!“, sagte Maria, und auch sie, Jana, Mia und Nina liefen los.
Nach etwa fünf Minuten kamen sie an einen sandigen Weg, der einen Hügel hinaufführte. Rechts und links des Sandweges befanden sich weitere Hügel, die mit Gras und Sträuchern bewachsen waren. In dieser für die Gegend so typischen Dünenlandschaft machte der Weg eine Kurve, und jetzt sahen sie das Meer. Staunend verharrten die Mädchen ein paar Sekunden, doch dann machten sie sich auf und gingen in Richtung der bunten Strandkörbe. Sie zogen sich in einem Strandkorb um und liefen dann an die Wasserkante, um zu schwimmen und Muscheln zu sammeln.
„Kalt!“, sagte Nina und nahm ihren Fuß aus dem Wasser.
„Es geht“, meinte Maria, die ihren Zeh ins Wasser hielt.
„Das ist doch voll warm!“, freute sich Jana, die Wasserratte, und sprang mit einem lauten Platsch in die Nordsee.
„Iiihh!“, kreischten Mia, Pia und Nina, als das Wasser auf sie spritzte.
„Na warte!“ Schon war Maria ebenfalls im Wasser und kraulte hinter Jana her.
Die übrigen drei Mädchen einigten sich darauf, trotz dieses heißen Tages nur Muscheln zu sammeln. Sie schlenderten zehn Minuten lang am Strand entlang, und als Jana und Maria wieder aus dem Wasser kamen, setzten sich alle fünf in die Strandkörbe und aßen das, was sie mitgenommen hatten. Ihre Vorräte bestanden aus aufgeweichter Schokolade, Gummibärchen, Kaugummis, Chips, Flips und – echt klasse! – einem Apfel. Die drei Stunden am Strand vergingen ziemlich schnell, und als sie nach der Rückfahrt mit Fähre und Bus wieder in der Jugendherberge angekommen waren, aßen sie zu Abend und verbrachten den Rest des Tages in ihrem Zimmer mit Kniffel, Monopoly und anderen Spielen, die sie von zuhause mitgebracht hatten.
Am nächsten Morgen war Nina zu aufgeregt, um bis zu ihrem Termin um zehn Uhr zu warten. Entweder dachte sie an Herrn Malan oder an ihren Geburtstag am nächsten Tag, und deshalb fragte sie Frau Barinkson, die sie beim Frühstück traf, ob ihr Lehrer überhaupt wieder aufgetaucht war. Doch die schüttelte nur den Kopf und sagte etwas Ähnliches wie: er sei ein Narr und würde jedes Mal verschwinden.
Mia, Pia, Maria und Jana trafen sich wegen Ninas Geburtstag dieses Mal in der Stadt, während Nina um Punkt zehn Uhr an die Tür des Raumes anklopfte, an dem sie am ersten Abend gelauscht hatte. Doch niemand antwortete ihr, und so ging das verstimmte Mädchen wieder in sein Zimmer und kümmerte sich um Tobias, den der Herbergsvater gestern lachend wieder abgeliefert und dabei gemeint hatte, Nina hätte einen „ustigen“ Bruder.
Und was sollte sie jetzt tun? Tobias lag in Ninas Bett, hatte einen neuen Schnuller – diesen hatten sie gestern nach dem Strandbesuch auf der Insel gekauft – im Mund und schlief seit etwa dreißig Sekunden. Und sie selbst saß immer noch neben ihm und überlegte, wie sie ihn wieder nach Hause bekam. Als sie Frau Barinkson gefragt hatte, wie sie das bewerkstelligen solle, hatte die Lehrerin nur „Nicht jetzt!“ gemurmelt und sich wieder in ihr Buch über das Wattenmeer vertieft. Also war heute ein Tag zum Langweilen. Das Wetter war auch nicht gerade super. Dunkle Wolken waren aufgezogen und im Radio hatten sie Regen angekündigt. Hoffentlich wurde das Wetter bis morgen noch besser! Nina hatte wirklich keine Lust, ihren Geburtstag im Regen zu feiern!
Draußen kam ein kräftiger Wind auf und einige der tiefgrünen Blätter der Eiche wirbelten durch die Luft. Nina stand ein paar Minuten vor dem Fenster und starrte missmutig hinaus, dann legte sie sich auf ihr Bett und fing an zu lesen. Nach kurzer Zeit begann es zu donnern und zu blitzen, Regentropfen fielen erst langsam, dann immer schneller vom Himmel und klatschten lautstark gegen die Fensterscheibe. Schemenhaft konnte sie draußen vier Gestalten auf dem Weg zum Bungalow erkennen. Zehn Minuten später waren Mia, Pia, Maria und Jana geduscht, hatten ihre Geschenke versteckt und saßen auf ihren Betten.
Mia und Jana stritten sich mal wieder – sie hatten es erstaunlich lange ohne Streit ausgehalten, fand Nina –, dieses Mal ging es um das Mittagessen:
„Wir gehen nicht hin, wir haben noch genügend Süßigkeiten“, meinte Jana mit vollem Mund, weil sie dabei war, tonnenweise Chips in sich hineinzustopfen.
„Hörst du wohl auf!“ Wütend entriss Mia ihr die Chipstüte und warf sie von Janas Hochbett, auf dem sie beide saßen, nach unten, wo Nina sie auffing und auf den Tisch legte – nicht ohne selbst vorher noch einmal in die Tüte zu langen.
„Die sind für abends!“, fuhr Mia fort. „Außerdem gibt es gesunden Salat und Nudeln! Das tut dir gut, du wirst sehen!“
„Chill mal!“, sagte Jana genervt und verdrehte mit Blick auf Mia die Augen. „Wir sind hier auf Klassenfahrt, da kann man wohl mal etwas Süßes essen. Und es sind ja auch nur zwei …“
„Siehste! Ganze zwei Wochen! Wie soll bitte schön unser Vorrat reichen, wenn du alles allein wegfrisst? Und außerdem hast du richtig bemerkt, man kann ‚mal‘ etwas Süßes essen. Mal ist in Ordnung, doch du verwechselst anscheinend ‚mal‘ und ‚immer‘, kann das sein?“
Mia warf Jana ein Kissen an den Kopf. „Das ‚Fressen‘ nimmst du zurück, du dumme Salatkuh!“
„Die, die zum Mittagessen gehen wollen, die gehen, und die anderen lassen es sein“, unterbrach Pia sie genervt, hüpfte von ihrem Bett, schlüpfte in die Hausschuhe, zog sich die Regenjacke über und verließ, gefolgt von Nina, Mia und Maria, das Zimmer.
„Na schön“, brummte Jana, „na schön“, und folgte ihnen.
Am Nachmittag verzogen sich die Wolken und die Sonne kam heraus. Die Mädchen liehen sich beim Herbergsvater Tischtennisschläger und belagerten die Tischtennisplatte.
Den Rest des Abends verbrachten sie größtenteils gelangweilt. Sie waren alle nicht so richtig bei der Sache, egal ob sie Monopoly oder Tischtennis spielten, denn die Gedanken der Mädchen kreisten um die ungewöhnlichen Ereignisse der letzten Tage.
Schneewittchen war nicht wieder aufgetaucht, was Nina zwar Sorgen bereitete, aber da sie nichts daran ändern konnte, rannte sie nur die Gänge ein paar Mal suchend rauf und runter. Und Frau Barinkson um Hilfe bitten konnte sie auch nicht – die Lehrerin hatte sich wegen Schneewittchen schon genug aufgeregt.
Die Sphinxen
„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Freude, sei auch mit dabei“, sangen Mia, Pia, Jana und Maria im Chor. Tobias krähte: „Herzlichen Mückwunsch zum Burseltag, Ina!“
„Danke!“, lachte Nina, rollte sich aus dem Bett und nahm ihre Geschenke entgegen; ein gemaltes Bild von ihrem Bruder, zwei Bücher von Mia, eine Tasse mit ihrem Namen drauf von Pia, ein Computerspiel von Jana und zehn kostenlose Reitstunden – na klar – von Maria!
In diesem Moment hatte sie all die Sorgen der letzten Tage verdrängt und war rundum glücklich.
Die Mädchen zogen sich um, dann gingen sie mit Tobias im Schlepptau in Richtung Frühstücksraum. Als sie an dem Raum vorbeikamen, an dem Nina am ersten Abend gelauscht hatte, hörte sie Herrn Malans leise gemurmelte Stimme und drehte sich ruckartig um. Er war also wieder da?! Mit einem Mal war sie vollkommen ernst. „Ich komme gleich nach“, sagte sie zu ihren Freundinnen.
„Was willst du denn machen?“, fragte Jana misstrauisch.
„Ach, ich habe nur etwas im Zimmer vergessen“, sagte Nina betont gleichgültig.
„Sollen wir warten?“, fragte Pia.
„Nein, nein, nicht nötig“, lehnte sie ab und wartete, bis ihre Freundinnen zusammen mit Tobias um die Ecke verschwunden waren. Dann betrat Nina ohne zu klopfen den kleinen Raum mit einem runden Tisch und zehn Stühlen. Links saß Herr Malan und ihm gegenüber eine Frau mit blauen Augen und hellblonden Lockenhaaren, die ihr bis zur Schulter reichten. Sie erinnerte ein wenig an das Bild eines Engels, das Ninas Religionslehrerin einmal mitgebracht hatte, als sie über das Thema „Himmel“ und alles, was damit zu tun hatte, gesprochen hatten. Ob es wohl Blyn war?
„Ah, Nina. Wir haben dich schon erwartet! Setz dich doch“, sagte ihr Lieblingslehrer und klopfte auf den Stuhl, der rechts neben ihm stand.
Nina nahm Platz und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich höre.“
„Erst mal einem herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, fing die Frau an und reichte dem Mädchen die Hand.
„Genau, herzlichen Glückwunsch!“ Herr Malan kam dem Beispiel nach. „Nun, dein Geschenk bekommst du später. Du hattest Fragen an mich?“
„Ja“, sagte Nina. Sie beschloss, ihre Fragen offen zu stellen. „Ich habe Sie beide belauscht, Sie heißen doch Blyn, oder? Ich verstehe gar nichts mehr. So viel Merkwürdiges passiert und ich … ich weiß nicht mehr, was real ist und was nicht. Ich … verstehe das einfach nicht.“
Blyn und Herr Malan tauschten, wie Nina zu beobachten glaubte, einen unauffälligen Blick. Dann begann der Lehrer langsam zu erzählen: „Nun denn, es hat keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden. Also bringen wir es hinter uns: Du bist eine Sphinx, Nina – nein, unterbrich mich bitte nicht. Also, Sphinxen sind Orakeltiere in Ägypten, wenigstens waren sie das früher, wie du vielleicht weißt. Nun, es gibt aber unter allen Sphinxen nur eine, die die Orakelfragen stellt beziehungsweise gestellt hat. Das ist die Muata. Aber Sphinxen sehen anders aus als das Bild, das von antiken Sphinxen überliefert wurde. Über die Jahrhunderte haben sie sich verändert und sehen den Menschen jetzt sehr ähnlich. Allerdings haben sie von ihrem halben Löwenkörper noch etwas behalten – sie können sich in Katzen verwandeln.“
Nina war völlig durcheinander und wollte gern etwas fragen. Doch schon sprach Blyn weiter. „Du musst in diese Sphinxwelt, denn du bist die Auserwählte. Den Sphinxen ist vor … hm … vielen Jahren etwas Wichtiges gestohlen worden, nämlich die goldene Figur der ersten Muata, die vor Millionen Jahren lebte. Sie ist sehr wertvoll für die Sphinxen. Du bist aber nicht nur eine Sphinx, sondern auch eine Elementatorin. Das bedeutet, dass du mit einem Element kämpfen kannst, und zwar mit dem Feuer. Die letzte Elementatorin – das heißt, es war ein Elementator – lebte vor achttausend Jahren. Und nun bist du auserwählt und musst zur Sonnenwende, am einundzwanzigsten Juni – denn nur zur Sonnenwende gelingt diese Reise –, im Land der Sphinxen sein, wo du lernen wirst, dein Element zu beherrschen, um dann loszuziehen und die Figur zu suchen. Du bist jetzt dreizehn und hast genau das nötige Alter erreicht.“
„Moment! Sie spinnen doch!“, sagte Nina mit zittriger Stimme und strich sich nervös die Haare aus der Stirn. Wenn sie nicht bereits gesessen hätte, wäre sie sicher umgefallen. „Ich gehe zufällig noch zur Schule!“
„Es gibt dort auch Schulen, Nina“, sagte Herr Malan.
„Sind m-meine Eltern a-auch Sphinxen?“, stammelte sie.
„Nein. Das ist immer so, Nina: Es vererbt sich durch ein Auswahlverfahren, das niemand erklären kann. Deine Eltern sind keine Sphinxen, das wüsstest du sonst schon. Nun, denn“, sagte Blyn und stand auf, „du solltest dich auf den Weg machen, Nina. Du hast nur noch … Jan?“
„Zehn Tage“, seufzte Herr Malan und verdrehte mit Blick auf das Mädchen kopfschüttelnd die Augen. „Immer noch ’ne Niete in Mathe!“
Nina lächelte nicht.
„Selbst wenn ich glauben sollte, dass es Sphinxen gibt, wie finde ich denn in das Land der Sphinxen?“, fragte sie zögerlich.
„Es ist ganz einfach“, erklärte Herr Malan, der jetzt ebenfalls aufgestanden war. „Du nimmst ein Zelt mit und einige andere Dinge, die du von mir bekommst. Dann verbringst du eine Zeit lang unter sternenklarem Himmel. Irgendwann wird sich dein Schutzengel zeigen. Es gibt über zehntausend Engel“, sagte der Lehrer.
Engel! Sphinxen! Nina schwirrte der Kopf. Sie lehnte sich an die Wand. „Ich will aufwachen“, wisperte sie beschwörend. „Aufwachen aus diesem Albtraum!“ Sie kniff die Augen fest zusammen und öffnete sie wieder, aber an dem Zimmer hatte sich nur Blyn verändert, die belustigt dreinsah und krampfhaft versuchte, nicht loszulachen. Auch Herr Malan sah amüsiert aus, konnte dies aber etwas besser verbergen.
„Ich gebe dir einen Rucksack, in dem alles Nötige drin sein wird. Auch wenn er dir zu leicht und zu klein für all die Sachen vorkommen mag, solltest du mir vertrauen. Ich werde dich dorthin geleiten, wo du deine erste Nacht verbringen wirst.“
„Und Tobias?“
„Ich kümmere mich um deinen Bruder“, versprach Blyn.
„Ich gehe nirgendwo hin“, murrte Nina und verschränkte die Arme. Sollte es wirklich Sphinxen geben? „Wer sind Sie überhaupt?“
„Eine Sphinx, was sonst?“, grinste Blyn und sprang von ihrem Stuhl auf. Im Sprung verwandelte sie sich, und als ihre Hände und Füße die Erde berührten, waren es schon die Pfoten einer Katze.
„Nein!“, rief Nina erschrocken. „Das ist unmöglich!“ Denn vor ihr, auf dem Boden, hockte – Schneewittchen!
Ein leises, glucksendes Geräusch kam vom Fußboden.
Lachte ihre Katze etwa gerade? „Schneewittchen war all die Zeit – ein Mensch?“, flüsterte Nina fassungslos und drückte sich die Hände gegen die Schläfen, um nicht zu hyperventilieren. Mit einem letzten, belustigten Maunzen hob die Katze die Pfote und verschwand. „Sie hat mich die ganze Zeit beobachtet. Aber wieso? Warum beschattet mich die – die Sphinxwelt?“, fragte Nina halb wütend, halb ungläubig.
„Du sagst es so, als wäre es etwas Schlechtes“, stellte Herr Malan beleidigt fest. „Wir haben dich nur beschützt, vor diesen zwei Frauen und dem Mann zum Beispiel. Dummerweise war Blyn zu dem Zeitpunkt gerade nicht in deiner Nähe, sonst hätte sie für dich gekämpft.“
„Das waren auch Sphinxen?“
„Was sonst?“, bestätigte der Lehrer, als wäre es das Normalste der Welt.
„Ich gehe nirgendwo hin“, betonte Nina noch einmal. „Meine Eltern … Meine Freunde … Ich werde nicht weggehen!“
„Mach dir um deine Eltern keine Sorgen. Ich hole kurz deinen Rucksack“, sagte Herr Malan und überging somit ihren Kommentar. Dann sprang auch er vom Stuhl, verwandelte sich in eine Katze und huschte leise nach draußen. Nina überlegte, ob es die richtige Entscheidung sei abzuhauen, aber das würde wahrscheinlich nichts bringen, weil Blyn und Herr Malan sie doch finden würden. Sie war zwar ängstlich, aber ein wenig Neugier hatte sich nun doch eingeschlichen. Ob sie sich wohl auch in eine Katze verwandeln konnte? Es bestand ja noch die Möglichkeit, dass alles ein großes Missverständnis war und die Sphinxen jemand ganz anderen als sie benötigten, um diese Figur zu retten. Dass sie gar keine Sphinx war, sondern ein normaler Mensch.
Nina klammerte sich an diesen Strohhalm wie ein Ertrinkender und schloss die Augen. Ich werde eine Katze, murmelte sie halbherzig. Plötzlich spürte sie den Boden. Feine Fasern eines teuren, orientalischen Teppichs! Sie öffnete die Augen. Tatsächlich, sie war eine Katze! So groß wie Schneewittchen, nur mit weißem Fell und ihren eigenen, braunen Augen. Sie sah sich suchend um. Wo waren ihre Klamotten? Nina drehte sich im Kreis und entdeckte sie auf dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Wie riesig der nun aussah! Und wie scharf sie alles erkennen konnte!
Die Tür ging auf und im nächsten Moment spürte Nina, dass sie wieder ein Mensch war und auf dem Boden lag. „Haben Sie mich erschreckt!“, rief sie Herrn Malan entgegen, der durch die Tür gekommen war.
Er hielt ihr einen winzigen blauen Rucksack hin.
„Ich gehe trotzdem nicht!“ Nina schüttelte entschieden den Kopf und rappelte sich auf. „Ich habe alles: meine Familie, meine Freunde, ich gehe zur Schule. Also nein!“
Traurig schüttelte Herr Malan den Kopf. „Du verstehst nicht“, sagte er leise. „Du hast keine Wahl, Nina. Die Entscheidung liegt nicht bei dir, so leid es mir tut.“
Herr Malan eilte voran. „Ich habe mich entschieden“, brüllte Nina immer noch, fand es aber klüger, ihrem Lehrer zu folgen. Wer weiß, vielleicht verwandelte er sich auch noch in einen Menschen mit ebenso schrecklichen Schlangenhaaren wie die falsche Frau Barinkson und griff sie an. „Ich bleibe hier! Ich habe nichts mit den Sphinxen am Hut. – Hören Sie mir überhaupt zu?!“
Aber ihr Lehrer schien sie tatsächlich voll und ganz zu ignorieren und brachte sie immer weiter. Sie durchquerten die Stadt und liefen schließlich an ein paar Wiesen vorbei. Er hatte ihr deutlich gemacht, dass er ihren Eltern und Freunden etwas vorlügen würde, wovon Nina selbstverständlich gar nichts hielt, aber was sollte sie tun?
Endlich hielt er an einer kleinen Wiese an.
„Ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin!“, rief Nina wütend. „Ich will jetzt sofort zurück! Zu meinen Eltern! Ich fahre zurück!“
„Du hast keine Wahl“, sagte Herr Malan noch einmal leise und drückte ihr sanft die Schulter. „Im Rucksack ist ein Zelt“, erklärte er dann. „Der Schutzengel wird zu dir sprechen, wenn er bereit ist. Möge die Muata bei dir sein.“ Er nickte ihr zu, verwandelte sich in eine Katze und war bald zwischen den hohen Tannen verschwunden, die die Wiese säumten.
Nina schaute ihm eine Zeit lang hinterher. Sie konnte sich nicht bewegen, sondern zitterte vor Angst und Wut. Wie konnte er es wagen, ihr alles zu nehmen? Wie konnte es die Sphinxwelt wagen? Ihre Freunde, ihre Familie, alles weg! Tränen rannen ihr über die Wangen und sie setzte sich auf den kühlen Boden, dessen Feuchte durch ihre Kleidung drang. Ihr Leben hatte sich in den letzten Tagen von einem normalen Teenieleben zu einem Albtraum verwandelt.
Nachdem sich Nina etwas beruhigt hatte, öffnete sie den Rucksack, schaute hinein und fand ein rotes Knäuel. Seufzend holte sie es heraus und entknotete es. Es war ein einfaches Zelt, das schnell aufgebaut war. Nach zwei Minuten saß Nina im Zelt, in einen Schlafsack gehüllt, den sie ebenfalls im Rucksack gefunden hatte. Eine Weile verharrte sie, schaute nach draußen, dachte an ihre Eltern und daran, dass sie zurückwollte. Sie fühlte sich elend. Ihr ganzes altes Leben, wie sie es kannte und auch liebte, war von einem Tag auf den anderen Vergangenheit.
Vor ihr ragten zwei riesige Felsen auf. Nina sah nur ihre Spitze, der Rest verbarg sich hinter dem Rand der Wiese und reichte bis ganz unten, wo ein kleiner Fluss in einer Schlucht seine Bahnen zog.
Sie fühlte sich allein gelassen und vergessen. Was wäre, wenn kein Schutzengel sie haben wollte? Das war ja echt ein super Geburtstag! Was brachte es ihr eigentlich, dass sie eine Sphinx war? – Ein gefährliches Leben, nichts weiter, sagte eine leise und fiese Stimme in ihrem Kopf.
Sie schaute wieder in den Rucksack und fand ein Geburtstagsgeschenk. Es entpuppte sich als eine kleine Schatulle mit einem Zettel darin, auf dem geschrieben stand: „Du kannst alles schaffen, denk daran!“ Na super, Herr Malan, dachte Nina wütend. Sie pfefferte die Schatulle in die Ecke des Zeltes und tastete nach ihrer Kette Ignis. Sie brannte heiß und glühend auf ihrer Haut. Wieso – verdammt noch mal – konnte sie dieses Ding nicht einfach ablegen?
Missmutig kroch sie aus dem Schlafsack, verließ sie das Zelt, setzte sich auf einen Felsen und ließ ihren Blick über die Schlucht wandern. Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken zurückzugehen. Sie würde den idiotischen Sphinxen einen Strich durch die Rechnung machen! Doch wo sollte sie hin? Herr Malan erzählte Lügengeschichten über sie, und wenn sie dann wieder auftauchte, wusste sie nicht, was angeblich mit ihr geschehen war …
Sie drehte sich um und begutachtete ihr Zelt. Es war wirklich von einer sehr einfachen Machart. Ob es wohl einem Sturm standhalten würde? Seufzend ließ sie ihren Blick noch einmal über die Schlucht schweifen.
Dann hörte sie ein Geräusch. „Was machst du denn da?“, gluckste eine Stimme. „Wenn ich dich so ansehe, meine ich, deine Gedanken lesen zu können. Sie sagen: Spring ich oder spring ich nicht?“
Nina fuhr herum. Sie erkannte einen älteren Mann mit langem, silbernem Haar, der neben ihrem Zeltlager stand. „Was denken Sie sich eigentlich dabei, mich so zu erschrecken?“, fuhr sie ihn wütend an.
„Wenn du mich als Schutzengel nicht möchtest, dann sag es“, meinte der Mann lächelnd.
„Oh, äh …“ Verwirrt schüttelte Nina den Kopf. „Das meine ich nicht“, sagte sie schnell. „Wer sind Sie?“
„Ich heiße Unicus“, sagte der Mann mit dem silbernen Haar und lächelte leicht. „Aber nun zu dir, wie geht es dir?“
„Äh … gut, wieso?“ Misstrauisch schaute Nina ihn an.
Er winkte lächelnd ab. „Also, ich soll dir helfen … hm … also, du musst einfach meinen Namen sagen, wenn du in die Welt der Sphinxen gelangen möchtest. Die Tore öffnen sich aber erst um Mitternacht der Sonnenwende und schließen sich wieder bei dem ersten Sonnenstrahl. So ist es auch am einundzwanzigsten Dezember, der Wintersonnenwende. Nun, Nina“, Unicus räusperte sich, „wir müssen uns beeilen, denn zehn Tage, um bis zur Sphinxwelt zu kommen, sind wahrlich nicht viel.“
„Aber wieso können wir denn nicht, also ich weiß ja nicht, wo das ist, aber wie wäre es, wenn wir mit dem Flugzeug …“
„Wir?“ Unicus lachte. „Du willst ins Land der Sphinxen, nicht ich. Ich gebe dir nur den Hinweis, wo du hinmusst. Es ist an einem Ort, an dem früher die mächtigste Sphinx, die je gelebt hat, einen Teil ihrer Magie gespeichert hat. Sie lebte in Nordbayern, wenn sie nicht im Land der Sphinxen war, und hieß Elisabeth Salser.“
Er holte eine Karte aus der Tasche seiner langen, goldenen Jacke – die übrigens nicht sehr mit seinem silbernen Haar harmonierte – und rollte sie aus.
„Ist das – Pergament?“, fragte Nina und versuchte verzweifelt, nicht loszulachen.
Unicus sah sie stirnrunzelnd an. „Äh … ja“, sagte er ein wenig irritiert. „Die heutigen Schulen nutzen natürlich Papier.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, „aber Pergament ist immer noch das bessere Papier.“
„Ah ja“, machte Nina verständnislos.
„Auf jeden Fall“, Unicus deutete auf die Karte, „musst du hier lang.“ Er deutete auf einen rot eingezeichneten Weg, der einige Kilometer lang zu sein schien, auf das Symbol eines Flugzeuges und schließlich auf einen großen, grünen Punkt. „Das ist Stonehenge. In England, wie du sicher weißt. Du musst daran denken: Es ist der einzige Weg in die Sphinxwelt!“
„In Ordnung. Das da ist eine Straße?“, fragte Nina und deutete auf einen gestrichelten Weg.
Unicus nickte.
„Dann kann ich vielleicht einen Bus nehmen … wenn es dort eine Haltestelle gibt“, überlege Nina.
Unicus räusperte sich. „Ich müsste dann weiter. Hast du noch irgendwelche Fragen?“
Nina musste nicht lange überlegen. „Was können Sphinxen eigentlich?“
„Sie können sich telepathisch verständigen, also per Gedankenübertragung. Und sie sind geübte Schwertkämpfer und beherrschen Schwerter, wie du das Feuer beherrschst. Du wirst Schwerter noch besser schmieden können als die anderen Sphinxen, denn die haben immer Probleme mit dem Feuer. Deine Schwerter werden gut werden. Nun denn, ab nach England. Auf zu Stonehenge, Nina!“ Unicus hob den Zeigefinger. „Ich bin immer bei dir!“ Die letzten beiden Worte klangen noch nach, als Unicus schon verschwunden war – er war einfach weg.
Sphinxen waren also Künstler der Waffen. „Ich hasse Krieg und will keine verdammte Sphinx sein!“, schrie Nina, um ihrer Wut Luft zu machen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, schalt sie sich selbst. Sie war nun mal eine Sphinx – und dazu noch die Auserwählte – und konnte daran nichts ändern.
Also packte sie das Zelt zusammen, stopfte das ganze Zeug in ihren Rucksack, setzte ihn auf und begann schweren Herzens den Berg hinabzusteigen, etwas, wozu sie nicht die geringste Lust verspürte. Deshalb achtete sie auch nicht auf die wunderschöne Umgebung, die Pflanzen und den Ausblick, der sich ihr bot, und wenn sie später jemand gefragt hätte, wie der Berg, auf dem sie gerade wanderte, ausgesehen hatte, hätte sie die Frage wahrscheinlich nicht beantworten können.
Es dauerte nicht lange, da war Nina schon im engen Tal angekommen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war, wohin sie musste, geschweige denn, wo das nächste Dorf war! Und sie wusste auch nicht, was sie überhaupt erwartete. Nina biss sich auf die Lippe und blieb stehen. Vor sich sah sie nur einen flachen Hügel, der leicht aufwärts führte, und einen Weg durch die vielen grünen Wiesen und Gräser.
Auf einmal fiel ihr ein: Sie brauchte Geld! Hektisch wühlte sie in ihrem Rucksack und fand schließlich fünf Hundert-Euro-Scheine. Mensch, was ihre Freundin Jana für ein solches Abenteuer gegeben hätte! Der hätte so etwas Freude bereitet, während sie, Nina, noch nie der große Abenteurer gewesen war.
Nina nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack – Herr Malan hatte wirklich an alles gedacht –, trank etwas und aß zum Schluss noch ein Brot mit Frischkäse. Dann ging sie ständig blinzelnd weiter, da – oh Wunder, ein wichtiges Utensil hatte Herr Malan doch vergessen! – sie keine Sonnenbrille dabeihatte. Sie folgte dem sich öffnenden Tal, das verlassen vor ihr lag.
Wieso tue ich das eigentlich?, fragte sie sich mehr als einmal.
Als der Sonnenuntergang nahte, ließ sich Nina erschöpft auf einen Stein fallen und schloss für einen Moment die Augen. Dann baute sie ihr Zelt auf, kramte den Schlafsack aus ihrem Rucksack und schlüpfte hinein. Einschlafen konnte sie jedoch nicht. Was hätte sie dafür gegeben, eine ihrer Freundinnen bei sich zu haben!
Sie erwachte am frühen Vormittag. Träge rollte sie sich auf die andere Seite, bis ihr einfiel, wo sie sich befand! Rasch sprang sie auf, krabbelte aus dem Zelt und blickte sich hektisch um. Alles schien ruhig. Schnell packte sie ihre Sachen zusammen und schulterte den Rucksack.
Um die Mittagszeit erreichte sie endlich eine Stadt. Sie nahm ein wenig Geld aus ihrem Rucksack und erkundigte sich nach einem Bus in Richtung des Flughafens, der auf der Karte eingezeichnet war.
Die Sonne brannte heiß auf die Haltestelle nieder, an der sie mit etwa dreißig anderen Männern und Frauen auf den Bus wartete. Als sie endlich eingestiegen war, ließ sie den Kopf an die Fensterscheibe sinken und schloss die Augen. Was für ein Chaos! Hätte sie nicht – wie jedes normale Mädchen im Alter von jetzt dreizehn Jahren – eine ganz normale Klassenfahrt erleben und ebenso normal weiter zur Schule gehen können? Nein, natürlich nicht. Sie musste eine mühselige Reise bewältigen, um dann vor Stonehenge zu stehen und dort – wahrscheinlich – festzustellen, dass dies alles nur mit einem einfachen Trick zu erklären war, dass jemand die Katzen dressiert hatte und es gar kein bescheuertes Land der Sphinxen gab.
Sie hatte mal eine Fernsehsendung gesehen, bei der so etwas passiert war. Misstrauisch sah sie sich nach Kameras um, konnte aber keine erkennen.
Nach einer Weile hielt der Bus und etwa zehn Personen stiegen ein. Ein dicker Mann ließ sich neben Nina auf den Sitz fallen und grinste sie an. „Hallo, ich bin Werner, Werner Schmitz. Du schaust ja merkwürdig aus der Wäsche. Geht’s dir nicht gut?“
Nein, ich finde es nur etwas merkwürdig, von einem wildfremden Mann angequatscht zu werden, hätte sie am liebsten geantwortet, stattdessen sagte sie vage: „Ach, da ist dies und das.“
„Dir geht’s nicht gut, fehlt dir der Mut? Oder ist was mit dir? Sag’s mir!“, reimte Werner.
„Sind Sie Dichter?“, fragte Nina mit einem leicht spöttischen Unterton.
„Du!“
„Was du?“
„Du sollst ‚du‘ zu mir sagen! Und außerdem bin ich tatsächlich Dichter.“
„Ah ja, was für eine Überraschung!“, bemerkte Nina verwundert und versuchte sich das Lachen zu verkneifen. „Aber kein sehr guter“, murmelte sie dann noch so leise, dass der dicke Mann sie auf keinen Fall verstehen konnte.
„Hast du was gesagt?“, erkundigte er sich sofort.
„Nein, nichts“, beteuerte Nina schnell.
„Ich habe sogar ein Buch mit Gedichten geschrieben!“
Nina hüstelte spöttisch. War dieser Mann etwa verrückt? Vorsichtshalber rückte Nina so weit es ging von Werner weg zum Fenster und presste ihren Rucksack an sich. Vielleicht war er ja auch eine Sphinx – die waren doch allesamt verrückt!
„Müsstest du nicht in der Schule sein?“
„Klassenfahrt“, murmelte Nina leise. „Ach, Klassenfahrt!“, wiederholte Werner und schien ein neues Thema gefunden zu haben. „Früher, ja, das war lustig. Wir haben den Mädchen immer Zahnpasta an die Türklinke geschmiert und sie haben dafür Seife in unserem Zimmer verteilt. Wir haben uns köstlich amüsiert! Ja, und abends haben wir dann alle zusammen eine Party gefeiert, aber die Lehrer haben uns erwischt und wir haben Ärger bekommen. Und doch war es lustig. Und im Bus haben wir Papierkügelchen mit Nachrichten durch die Reihen geworfen, weil der Busfahrer stinkig war und uns aufgefordert hat, still zu sein. Und am Ende mussten wir dann jeder einen Bericht über die gesamte Klassenfahrt schreiben, das war vielleicht nervig. Und dann gab es auch noch Noten dafür! Als Entschädigung hat die Lehrerin uns eine Überraschung versprochen. Aber du kannst dir gar nicht denken, was das für ein Reinfall war! Wir waren in einem stinklangweiligen Museum über die Römer und sind fast eingeschlafen vor Langeweile, als einer der Jungen als Mutprobe den Feueralarm auslöste und wir nach draußen mussten. Die Feuerwehr kam, aber als sich herausstellte, dass kein Feuer brannte, durften wir wieder rein. Unsere Lehrerin war so aufgewühlt, dass wir frühzeitig nach Hause konnten! – Ist etwas?“
Nina schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. Wie konnte jemand so viel reden und nicht bemerken, dass er total nervte?
„Noch eine Stunde!“, brüllte der Busfahrer nach hinten.
„Siehst du, nur noch eine Stunde! Ich geh dann gleich zu mir nach Hause und werde weiter Gedichte schreiben. Der Sommer ist jetzt da, der Himmel ist schön klar, die Wolken sind aus Dunst, sehen aus wie Kunst.“
„Schön“, brummte Nina, um seinen Redefluss zu stoppen. „Ich schlafe jetzt.“ Sie schloss die Augen, aber Werner tippte ihr auf die Schulter und nickte Nina zu, die nun gezwungen war, ihn wieder anzuschauen. „Genauso wichtig wie …“
„Essen und Trinken.“ Sie verdrehte die Augen. „Das haben mir meine Eltern auch immer gesagt.“
„Ja, das kann nervig sein! Auch meine Eltern haben das immer gesagt. Und ich habe unter der Bettdecke gelesen, auch wenn das schlecht für die Augen war, also mach das nie, hörst du?“
Bist du mein Vater?, hätte Nina am liebsten gefragt, sie biss sich jedoch auf die Zunge und murmelte: „Nee.“
Doch Werner redete schon weiter. „Aber jetzt schreibt ihr abends doch nur noch SMS, oder? Das ist ja klar! Nur mit Smartphone beschäftigt, dem Fernseher, der Wii, dem Computer oder der PlayStation. Und keiner von euch denkt mehr an Bücher! Oder schaust du, wenn du etwas wissen willst, in der Bibliothek nach?“ Werner wartete ihre Antwort nicht ab und setzte seinen Redefluss fort: „Nein, natürlich nicht! Bücher sind viel zu umständlich, einmal bei Google was eingeben und abschreiben – fertig ist das Referat! Und die Schule wird immer unwichtiger! Dabei ist ein gutes Abitur für ein Studium und einen Beruf, der einem gefällt, sehr wichtig!“
„Ach nee“, sagte Nina ironisch. „Ich geh mal auf die Toilette!“ Sie drängte sich an Werner vorbei, stieg die drei Stufen hinunter und öffnete die kleine Tür zum WC. Sie trat ein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich stöhnend dagegen. Wie anstrengend konnten Menschen sein! Am liebsten würde sie die ganze restliche Fahrzeit hierbleiben, weit weg von der Quasseltante oder eher dem Quasselonkel Werner Schmitz! Doch das ging natürlich nicht. Nach fünf Minuten kehrte sie notgedrungen wieder auf ihren Platz zurück, schloss die Augen und versuchte das Gerede des Mannes auszublenden. Sie schaffte es sogar einigermaßen und schnappte nur die Worte „Politiker“, „Schulden“, „Schule“ und „Mathematik“ auf, also wechselte Werner mal wieder zwischen Tausenden von Themen hin und her.
Endlich hielt der Bus und Nina sprang auf, drängelte sich an Werner vorbei, der „Tschüss, war schön, dich kennenzulernen – äh, wie heißt du überhaupt?“ rief, und sprang aus dem Bus.
Als Werner, der ebenfalls den Bus verlassen hatte, neben sie trat, murmelte sie: „Nina. – Tschau!“ und blickte sich um. Sie hatten auf ihrem Weg zum Flughafen am Ende der Stadt angehalten. Laut Karte führte sie auf ihrer Weiterreise ein breiter Feldweg in die richtige Richtung.
Eine plötzliche Stichflamme vor ihrer Nase ließ Nina hektisch mit der Hand wedeln. Sie versuchte das Feuer zu verscheuchen. Wenn das jemand sah? Die anderen Reisenden waren jedoch schon weitergegangen und hatten nichts bemerkt. Schon tanzte das Feuer ein paar Meter nach vorn und schien darauf zu warten, dass Nina ihm folgte. „Die Leute …“, knurrte Nina und verdeckte die Stichflamme schnell mit ihrer Hand.
So führte das Feuer sie den Feldweg zurück in Richtung Innenstadt, durch kleine Gässchen und verwinkelte Straßen. „Ich hoffe, du zeigst mir später auch den Weg zurück“, brummte das Mädchen missmutig. Sollte es doch alles wahr sein?
Plötzlich hielt das Feuer an. Sie standen vor einem ordinären Einkaufsladen, der Mode für junge Leute anbot. „Was soll ich da? Klamotten kaufen?“, spottete Nina. Und tatsächlich führte das Feuer Nina in das Geschäft. Kinder und Jugendliche liefen durch den Laden und zogen ihre Eltern hinter sich her, die sich geduldig der Warteschlange vor den Umkleidekabinen zugesellten.
Das Feuer formte einen Pfeil, der auf die Rolltreppe wies, und verschwand danach. Zittrig folgte Nina der angezeigten Richtung und legte die Hand auf das Rolltreppengeländer. Ihr war, als würde sie in einen Strudel gesogen werden, und plötzlich stand sie in einem kleinen, dreieckigen Raum mit dunkelgoldenen Wänden, einem silbernen Sessel und Tausenden von Regalen mit ausgefallener Kleidung. Es gab Strumpfhosen, die lila-neongelb gestreift waren und mehr aus Löchern als aus Stoff zu bestehen schienen, knallbunte T-Shirts mit Sphinxen darauf, die sich in Katzen und wieder zurück verwandelten, und viele andere merkwürdige Kleidungsstücke.
„Wow!“, staunte Nina. Sie griff sich ein schwarzes, schmal geschnittenes T-Shirt, auf dem eine vergoldete Sphinx abgedruckt war, die sich bewegte! Dann nahm sie noch eine schwarze Leggings mit goldenen, auf und ab tanzenden Punkten aus einem Regal. Außerdem gefiel ihr eine schneeweiße Jacke. Auf einem Tresen erschien wie von Zauberhand das Bild eines dicken Buches. „Was soll ich denn damit?“, fragte Nina verwundert. Da ihr niemand antwortete und sich auch das Feuer nicht zeigte, suchte sie den ganzen Laden nach diesem Buch ab, konnte es aber nirgendwo entdecken. In ihrem Rucksack wurde sie schließlich fündig. Sie nahm das Buch heraus und legte es auf den Tresen, doch es verschwand in derselben Sekunde.
Nina warf einen Blick auf die Rolltreppe. „Und das hat es jetzt gebracht?“, murmelte sie, legte sich die neuen Kleidungsstücke über den Arm und berührte wie schon zuvor das Rolltreppengeländer.
In die Sphinxwelt
Sie kam relativ schnell in die nächste Stadt und fand den Flughafen. Ihr Flug war anscheinend schon gebucht worden, und so kam sie beim Check-In schnell voran. Während sie in einer kurzen Schlange stand, stellte sie sich vor, sie wäre normal, ganz normal. Sich vor einer Mathearbeit fürchten, mit ihren Freundinnen über Nagellacksorten streiten und all das tun, was Teenies in ihrer Freizeit so taten. Aber vielleicht wäre das doch langweilig, dachte sie schließlich.
Einen Koffer hatte sie nicht dabei, also machte sie sich gleich auf zur Flughafenkontrolle. Sie legte ihre Uhr und ihren Rucksack auf das Band und ging durch den Metallbogen.
Die Zeit bis zum Abflug vertrieb sich Nina mit Warten. Sie kaufte sich ein Käsebrötchen, trank eine Limonade und tigerte ungeduldig vor den großen Fenstern der Aufenthaltshalle hin und her. Noch eine Stunde! Wie sollte sie das aushalten?
In ihrem Rucksack fand sie das Buch „Das Land der Sphinxen – Alles, was man wissen muss.“ Damit setzte sie sich auf einen der Plastikstühle zwischen zwei Engländer und begann zu lesen.
Die beiden Männer neben ihr schienen sich sehr zu wundern, dass Nina mit einem Rucksack reiste, der so klein war, dass nicht einmal ein Din-A4-Blatt hineingepasst hätte. „Du warst doch die ohne Koffer“, sagte einer von ihnen auf Englisch zu Nina. „Hast du keine Sachen dabei?“
„Nur wenige“, sagte Nina vage und vertiefte sich in ihr Buch.
„Sobald junge Sphinxen in die Sphinxwelt gelangen, bekommen sie vom Bürgermeister der jeweiligen Stadt ihren geheimen Namen. Wer diesen von einem anderen kennt, verfügt über alle Macht über ihn.“ Na, das hörte sich ja toll an! Nina wusste nicht, ob sie das hier überhaupt wollte. Doch hatte sie eine Wahl? Ja, die habe ich!, sagte sie sich trotzig. Ich kann nach Hause zurückfahren! Doch insgeheim wusste sie, dass sie nichts selbst entscheiden konnte, und das hasste sie. Sie las weiter: „Sobald sie ihren neuen Namen bekommen, können sie Gedanken lesen. Vor allem wird diese Gabe unter den Sphinxen angewendet, unter Menschen ist es ebenfalls möglich, wenn auch mit Einschränkungen.“
Dann wurde endlich Ninas Flug aufgerufen. Mit schweißnassen Händen ging sie zum Schalter und reichte der Frau, die dort zuständig war, ihr Ticket, das sogleich eingescannt wurde. Nina war zwar schon geflogen, jedoch noch nie allein.
„Gute Reise!“, wünschte die junge Frau, während sie den hinteren Teil des Tickets abriss.
Nina nickte nur, dann ging sie mit den anderen Reisenden den Gang entlang zum Flugzeug. Im Flugzeug wünschten ihr die Flugbegleiterinnen mit ihrem aufgesetzten, geduldigen Lächeln ebenfalls eine gute Reise.
Nina hatte Glück, die Plätze neben ihr blieben frei. Auch sonst war das Flugzeug nicht so voll, wie sie erwartet hatte. Der Pilot stellte sich vor, dann zeigten einige Bildschirme an der Decke die Sicherheitshinweise. Nina schluckte. Das Flugzeug rollte auf die Startbahn, ein Signal wurde gegeben und sie fuhren nun immer schneller. Nina kniff ihre Augen zusammen und kauerte sich in ihren Sitz. Da spürte sie, wie das Flugzeug abhob, und erst jetzt öffnete sie ihre Augen wieder. Das Flughafengebäude unter ihr wurde immer kleiner, bis es ihr wie ein Legostein aus Tobias’ Sammlung erschien. Sie seufzte erleichtert auf, denn schon bald würde sie in Großbritannien sein.
Aber was dann? Sie müsste irgendwo übernachten, denn Stonehenge öffnete sich doch nur zur Sonnenwende, und die war erst in einer Woche! Und bisher hatte sie noch nie außerhalb des Unterrichts englisch gesprochen! Gut durchgeplant war das auf keinen Fall! Schließlich brauchte sie auch noch Devisen – englische Pfund! Wie kompliziert das alles war und wie gern sie jetzt auf dem Rückweg von der Klassenfahrt nach Hause gewesen wäre! Ihre Eltern würden sich die größten Sorgen machen, wenn Herr Malan sie anrief! Was er ihnen wohl erzählte? Und ob Tobias wieder zu Hause bei ihren Eltern war?
Nina holte ein Haargummi aus dem Rucksack, band sich die Haare zusammen und schloss die Augen. Nach knappen zwei Stunden landete ihr Flugzeug in England.
Das Wetter war sehr angenehm. Nicht so schwül, wie es in Deutschland gewesen war, eher erfrischend kühl.
Nina stand vor dem Flughafengebäude, starrte in den bewölkten Himmel und versuchte sich zu entscheiden, was sie als Nächstes tun wollte. Wo würde sie eine Unterkunft finden? Es war Nacht und somit dunkel. Außerdem war sie müde, weil sie zwar versucht hatte, im Flugzeug zu schlafen, dabei aber höchstens zweimal kurz eingenickt war.
Sie verließ das Flughafengelände, schlenderte die Straße entlang und schaute sich die Häuser an. Ein kleines, verputztes Haus erweckte ihre Aufmerksamkeit. Drinnen brannte eine Lampe, aber an der Wand entdeckte Nina die Zeitschaltuhr. Zudem quoll der Briefkasten über. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was sollte sie sonst tun? Nie, aber auch wirklich nie, hatte sie auch nur an so etwas gedacht. Das Feuer schien ihr helfen zu wollen, denn ohne dass sie etwas tat, verbrannte es leise ein Stück des Fensterrahmens, sodass sich das Fenster mühelos aufschwenken ließ. Ein wenig zögerlich kletterte Nina durch die Fensteröffnung und stand in einem großen Wohnzimmer, in dem sich rechts zwei Schränke, in der Mitte ein Fernseher und links ein großes Sofa befanden. Vorsichtig schaute sie sich um und prüfte, ob auch wirklich niemand im Haus war. Dann sank sie erschöpft auf das Sofa und schmiss den Rucksack vor einen der Schränke. Müdigkeit übermannte sie und ließ sie in einen traumlosen Schlaf gleiten.
Um acht Uhr am nächsten Morgen wachte sie auf, einigermaßen erholt, aber nicht in der Stimmung, etwas zu unternehmen. Sie versorgte sich mit Lebensmitteln aus dem Kühlschrank und legte zehn Euro hinein. Die sollten die Bewohner, wenn sie wiederkamen, in Pfund umtauschen. Schuldgefühle nagten an ihr, aber was sollte sie tun? Mittags duschte sie fast eine halbe Stunde lang, danach erkundete sie das Haus und schaute stundenlang fern. Abends ging sie früh schlafen.
Die nächsten Tage beschäftigte sie sich mit dem Lesen des Buches über die Sphinxwelt und mit stundenlangem Fernsehen. Vor dem Schlafengehen wünschte sie sich immer, es wäre nur ein Traum und sie würde gleich wieder bei sich zu Hause aufwachen.
Am zwanzigsten Juni buchte sie einen Touristenbus nach Stonehenge, indem sie zur nächsten Bushaltestelle lief und dort fragte, wo man Reisen zu dieser Sehenswürdigkeit buchen konnte.
Wieder zurück in der fremden Wohnung, tigerte sie hin und her, zog sich fünf Mal um und packte zum wiederholten Male ihre Sachen. Dann legte sie sich aufs Sofa, war aber viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Der Wind blies eine leichte Brise herbei und wehte den Geruch eines Lagerfeuers durch das geöffnete Fenster. Nina atmete tief ein, ohne die Augen zu öffnen. Wann würde sie je wieder etwas so Menschliches riechen?, fragte sie sich traurig. Plötzlich musste sie mit den Tränen kämpfen. Sie zog die Decke, die sie sich aus dem Schlafzimmer geholt hatte, bis zur Nasenspitze hoch und versuchte sich zu entspannen. Aber es sollte noch einige Zeit dauern, bis sie endlich in einen traumlosen Schlaf glitt.
Am nächsten Morgen beeilte sie sich, das Haus aufzuräumen. Dann machte sie sich auf den Weg. Sie ging die lange Straße entlang, bog in eine kleine Gasse ein, nahm die erste Abzweigung nach links und war auch schon an der Bushaltestelle. Der Reisebus stand bereits da, und nachdem Nina dem Fahrer ihre Fahrkarte gezeigt hatte, ließ sie sich auf den erstbesten Sitz plumpsen. Die Fahrt nach Stonehenge dauert nicht allzu lange und der Bus hielt vor einer Wiese. Die Mittagssonne glühte auf den Steinen und es verschlug Nina den Atem. Der blaue Himmel, davor die grauen Steine auf der hellgrünen Wiese, und die Sonne, die die Steine in ein schimmerndes Licht tauchten, das alles sah so unwirklich aus! Die anderen Reisenden schossen Fotos, ließen sich vor den Steinen fotografieren und picknickten auf der Wiese. Nina hielt sich etwas abseits, setzte sich ins Gras und seufzte tief.
Als der Bus am frühen Abend wieder losfuhr, versteckte sie sich, und da der Busfahrer nicht durchzählte, bemerkte er ihr Fehlen nicht. Bis zum Abend hielten weitere Busse an und brachten neue Touristen, die sich Stonehenge ansahen. Gelangweilt verfolgte Nina das Treiben.
Als es dämmerte, sahen die Steine mystisch aus. Hinter ihnen leuchtete die rötliche Sonne. Es wurde zehn Uhr, es wurde elf, es wurde halb zwölf. Fünf Minuten vor Mitternacht stand Nina auf. Ihr Mund war trocken. Würde es funktionieren? Wenn das alles nur ein gut geplanter Scherz war – was durchaus sein konnte –, wie kam sie dann zurück?
Sie berührte den Stein mit den Fingerspitzen. Er war eisig kalt. Erschrocken fuhr sie zurück.
Drei … zwei … eins … Ninas Stoppuhr piepste.
Wieder legte sie die Hand auf den Stein, und nun war er kochend heiß. Wie von Geisterhand und sehr langsam schrieben sich Worte auf den Stein: „Magus excitare relino novum mundus!“
„Magus excitare relino novum mundus“, flüsterte Nina. „Sagen Sie den Namen Ihres Schutzengels!“, erschien auf dem Stein. „Unicus“, sagte Nina mit rauer Stimme. „Unicus“, wiederholte sie lauter. Für ein paar Sekunden herrschte gespenstische Stille, dann schien ein heller Blitz den Himmel zu spalten und alles war so grell, dass sich Nina die Augen zuhielt. Es war, als würde sie von einem Strudel erfasst und in das Innere des Steins gesogen werden! Und dann fiel sie, immer tiefer, immer weiter nach unten … sie fiel mit geschlossenen Augen ins Schwarze. Erst als sie weich landete, öffnete sie vorsichtig die Augen.
Sie sah sich um. Wo war sie?
Vor ihr breitete sich eine Wiese aus, auf der wunderschöne Blumen wuchsen, die im Dunkel der Nacht bunt leuchteten. Neben ihr lag ein großer Stein. Sie berührte ihn mit der Hand – er war kochend heiß! „Der Fels Rupes – Willkommen in der Sphinxwelt“, stand auf ihm. Am Rand der Wiese sah sie die ersten beleuchteten Häuser einer Stadt, sie waren alle groß und prunkvoll, golden verziert, aber sonst ganz gewöhnlich. Schnell zog Nina ihre Sphinxkleidung an und ging dann langsam und mit wackeligen Knien über die Wiese. Was der lateinische Satz, den sie hatte sagen müssen, wohl bedeutete? Sie hatte in der Schule kein Latein gehabt, aber weil Maria und Pia Latein gewählt hatten, wusste sie, wie es ungefähr klang. Und was würde als Nächstes passieren? Ein Gedanke jagte den anderen und ihr wurde ganz schwindelig vor Angst.
Vor dem Ortseingang konnte Nina schemenhaft eine Gestalt erkennen. Sie näherte sich ihr stolpernd. Es war ein großer, kräftiger Mann mit Brille, der ihr die Hand entgegenstreckte. Nina schüttelte sie, während er sie begrüßte: „Hallo Nina, willkommen in unserem Dorf Malukan. In bin der Bürgermeister Jon Teffers.“
Nina nickte und unterdrückte ein Gähnen, es war schon so spät!
„Oh, tut mir leid, du musst sehr müde sein!“, rief Herr Teffers und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Entschuldige bitte. – Ich zeig dir das Haus, in dem du schläfst. Du teilst es dir mit den Mädchen, die in deiner Klasse sind. Du verpasst zwar unser Sonnenwendefest, aber ich glaube, so müde, wie du bist, würde es dir auch keinen Spaß machen.“ Herr Teffers machte eine kurze Pause und sprach dann weiter. „Morgen fällt deinetwegen die Schule aus und schon übermorgen gehst du mit den anderen Mädchen und Jungen in die siebte Klasse. Du hast einiges verpasst, aber du holst das Versäumte schon auf.“
Schule? Sollte sie nicht diese Figur suchen? Doch Nina kam nicht dazu zu fragen, denn in diesem Moment stoppten sie an einem gelben Haus, auf dessen rot gestrichene Eingangstür Kinder „W7“ gemalt hatten.
Der Bürgermeister klingelte, und als hätten sie darauf gewartet, öffneten etwa zehn Mädchen die Tür. Nina wurde begrüßt und mit Fragen bombardiert, doch Herr Teffers führte sie geschickt an ihren Klassenkameradinnen vorbei, zunächst durch die Küche mit dem Esstisch, dann durch den Aufenthaltsraum, bis sie in einem von drei Schlafzimmern angekommen waren. Nina ließ sich widerstandslos auf das nächstbeste Bett sinken und bekam nur noch verschwommen mit, dass nun auch die Mädchen das Zimmer betreten hatten und sie neugierig anstarrten. Dann jagte der Bürgermeister die Mädchen vor die Tür, verließ ebenfalls das Zimmer und schloss die Tür, damit Nina endlich schlafen konnte.
Draußen wurde in den nächsten Stunden die Sonnenwende gefeiert, wobei auch einige Raketen abgeschossen wurden. Von all dem bekam Nina nichts mit, auch nicht von dem anschließenden Ball, der von lauter Musik begleitet war. Sie schlief wie ein Stein. Und so erwachte sie – immer noch müde – erst am nächsten Morgen.
Ich habe das alles nur geträumt, dachte sie halb erleichtert, halb enttäuscht. Sphinxen, als ob es so etwas gäbe. Aber es war ein schöner Traum!
Dann hörte sie Stimmen und Schritte.
Und das sind meine Freundinnen. Wir sind zusammen auf Klassenfahrt und sie kommen, um mich zu wecken, dachte sie schweren Herzens. „Ich steh ja schon auf“, murmelte sie, öffnete die Augen und setzte sich auf.
Doch sie war nicht in dem Bungalow in ihrer Jugendherberge. Sie lag in einem großen Raum, der golden gestrichen war, in einem von zwei großen Himmelbetten. Erstaunt ließ sie sich wieder in das weiche Kissen sinken. Es war doch kein Traum gewesen!
Da schaute ein Mädchen zur Tür herein. Es war klein, schlank, hatte schwarze, streichelholzkurze Haare und grüne Augen. „Hi, ich bin Fiola!“ Das Mädchen, das aussah wie ein Topmodell, stürmte ins Zimmer, warf sich auf das Bett neben Ninas und grinste sie an.
„Hi, ich bin Nina“, stellte Nina sich vor und kletterte aus dem Bett. „Weiß ich doch“, grinste Fiola sie an. „Kommst du mit zum Frühstück? Danach könnte ich dir die Gegend zeigen!“
Nina nickte dankbar. Sie trug noch immer die Sphinxkleidung, kramte in ihrem Rucksack nach der Bürste und kämmte sich die Haare. Dann folgte sie Fiola die Treppe hinunter in die große Küche.
Auf dem Esstisch standen die eigenartigsten Speisen. Nina setzte sich neben Fiola, versuchte die neugierigen Blicke der anderen nicht zu beachten und deutete auf eine große Lakritzstange, die – in eine Käsescheibe eingewickelt – in einem Hotdog-Brötchen steckte. „Was ist denn das? Schmeckt das?“
Fiola kicherte. „Das ist eine unserer beliebtesten Mahlzeiten, Nina. Es nennt sich Lakritzbrötchen. Willst du eins probieren?“
Nina nickte und bekam von einem Mädchen auf der anderen Seite des riesigen Tisches die Schale mit den Lakritzbrötchen zugeschoben. Es schmeckte gar nicht mal so übel. Nina probierte noch diverse andere Speisen: Heuspiralen, Mangotannen und Radieschenbohnen, aber auch ganz normale Salamibrötchen und Tomaten, worüber sie sehr froh war. Die Getränke waren am besten! Limonade wurde in den witzigsten Varianten angeboten: mit Zimt, Honig, Lakritz, Keks, Pfeffer und Salz und in vielen anderen Geschmacksrichtungen. Zum Nachtisch gab es kleine Kekse, die wie Katzen geformt waren – liegend, stehend, sitzend, fauchend, knurrend oder lächelnd. Sie schmeckten nach Äpfeln und Keksen und nannten sich Katzenfutter.
Nach dem Essen räumten alle gemeinsam ab. Dann fragte die Mädchen Nina über ihre alte Schule aus – „Gab es da wirklich das Fach Kunst?“ –, über die Kinder – „Die können sich echt nicht in Katzen verwandeln?“ – und auch über Getränke und Speisen – „Ihr trinkt braune Limonade und esst Kartoffelstäbchen? Iii!“
„Cola und Pommes“, berichtigte Nina lachend und machte Anstalten, nach draußen zu gehen. Zum Glück ließen die Mädchen sie jetzt in Ruhe und Nina trat allein vor die Haustür. Dort war es angenehm warm.
„Heute gibt es Regen.“
Sie fuhr herum, denn sie hatte nicht bemerkt, dass Fiola hinter sie getreten war.
„Das sieht man an den Wolken“, erklärte das Mädchen.
Nina nickte nur und schaute in den Himmel. „Ist Regen gut?“, wollte sie wissen. Dort, wo sie herkam, war Regen meistens schlecht gewesen, und es hatte so oft geregnet, selbst im Sommer, dass sie den Regen leid war.
„Gut. Im Winter schneit und regnet es viel, aber im Sommer? Nichts. Soll ich dir das Dorf zeigen?“, fragte Fiola.
Nina nickte. „Gern.“
„Verwandle dich in eine Katze, dann erkläre ich dir alles. Es geht auch in Menschengestalt, aber als Katzen sind wir schneller.“
Nina war einverstanden und konnte es nicht erwarten, sich endlich zu verwandeln.
Fiola setzte zum Sprung an und wurde im Flug zur Katze. „Mach das lieber nicht“, warnte sie. „Das musst du erst lernen.“
Nina nickte ergeben, verwandelte sich und sprintete ihrer neuen Freundin hinterher. Ihre Pfoten spürte sie kaum auf dem Asphalt, so geschmeidig zischte sie an Fiola vorbei.
„Mensch, du bist ein Naturtalent“, staunte die und miaute.
Fiola zeigte Nina zuallererst die Schule – ein großes, gelb gestrichenes Haus mit mehreren kleineren Nebengebäuden. Dann liefen sie in die Mitte der Stadt zu einem großen Dorfplatz, neben dem im Rathaus der Bürgermeister anzutreffen war.
„Und wo lebt die Muata?“, fragte Nina, als sie den Blick über den Platz wandern ließ, in dessen Mitte eine große Statue der Muata stand, um dann die immer dunkler werdenden Wolken zu betrachten.
„Niemand weiß es, nur ihre Angestellten, Berater und so weiter sind eingeweiht. Aber die verraten nichts, wenn sie mal rauskommen. Die Muata bestellt nie Leute zu sich. Man munkelt, sie würde in einer Pyramide wohnen, andere denken an ein schönes Schloss oder an ein riesiges Hochhaus. Auf jeden Fall lebt sie abgeschieden irgendwo in der Wüste oder so, und natürlich haben viele versucht, sie zu finden, aber keiner hat es je geschafft.“ Mit verklärtem Blick ergänzte Fiola: „Sie leitet alles von ihrem Sitz aus, aber ihretwegen geht es uns gut. Wir verehren sie.“ Es sah so aus, als ob sie auch gern versuchen würde, die Muata zu finden. „Komm“, sagte sie und riss sich los, „lass uns zurückgehen. Bald ist hier deine Namensgebung.“
Nina schluckte. „Gut, kehren wir zurück. Und morgen gehe ich dann in die Schule?“
Fiola nickte.
Als Katzen stürmten sie durch die Straßen und begegneten dabei außergewöhnlich vielen Artgenossen.
Der Bürgermeister wartete schon ärgerlich auf sie. „Zu spät“, brummte er und beäugte die beiden Mädchen. „Na, dann kommt, wir müssen dich“, er schaute Nina an, „noch herrichten. Das übernimmst du …?“ Nun schaute er fragend zu Fiola.
„Fiola“, half ihm Fiola.
„Ach ja, ich bin schrecklich vergesslich, danke! Das Kleid hängt in ihrem Schrank, Fiola. Mach sie schick, es ist ein sehr wichtiger Tag für sie.“ Der Bürgermeister versprach, sie abzuholen, wenn es so weit war, und verschwand.
Nina folgte Fiola in ihr Zimmer. Aus einem der drei Schränke, die an der Wand standen, holte Fiola ein langes, dunkelblaues Kleid, das Nina gut stand, doch die rümpfte nur die Nase.
„Ich hasse Kleider!“, jammerte sie. „Kann ich nicht die Sphinxkleidung anbehalten?“
„Nee, das geht nicht.“ Fiola schüttelte den Kopf. „Ich musste ein viel schlimmeres Kleid tragen, als ich vor zwei Jahren ankam. Das war ein rotes Rüschenkleid mit drei Schleifchen, zwei an der Seite und einem am Hals, also sei lieber glücklich mit deinem.“ Fiola zwinkerte ihr zu. Dann holte sie ein Haargummi und eine Bürste aus ihrem Schrank. Sie half Nina beim Ankleiden und machte ihr einen schönen Zopf. „Tolle Haare hast du!“, sagte sie begeistert.
Nina murmelte etwas Unverständliches und drehte sich vor der Spiegelwand der Schränke hin und her.
„Oder willst du die Haare doch lieber offen tragen? – Ja, das ist besser.“ Kritsch betrachtete Fiola ihr Werk, entfernte das Haargummi und kämmte Ninas Haare gründlich durch.
„Ich glaube, es reicht“, knurrte Nina. Sie hasste einen solchen Aufwand, und außerdem hasste sie Kleider, auch wenn sie zugeben musste, dass dieses Kleid gar nicht mal so übel zu ihren haselnussbraunen Augen passte.
„Du siehst fantastisch aus“, schwärmte Fiola, als sie fertig waren.
„Aber in der Schule muss ich das nicht tragen, oder?“
„Um der Muata willen, nein, natürlich nicht!“, beruhigte ihre Freundin sie und lächelte bei der Vorstellung, Nina würde im Kleid in der Schule auftauchen.
„Und die Namensgebung? Was ist das?“, wollte Nina wissen.
„Du bekommst deinen geheimen Namen. Den darfst du niemandem verraten, sonst hätte derjenige alle Macht über dich.“
„Hört sich fantastisch an.“
Schon wieder hatte der Bürgermeister auf sie gewartet. Die Mädchen folgten ihm durch die ausgestorbene Stadt, Nina sollte noch sehen warum.
Alle – wirklich alle! – Bewohner des Dorfes hatten sich versammelt, und das waren weit über eintausend. Sie standen um den Marktplatz herum und versuchten, einen möglichst guten Blick auf das Geschehen zu erhaschen.
Herr Teffers führte Nina in die Mitte des Marktplatzes und stellte sich in die Menge.
Nina erkannte einige der Mädchen aus ihrem Haus und sah Fiola, die ganz vorn stand und den Daumen hochhielt. Sie lächelte zaghaft, als es plötzlich totenstill wurde. Das muntere Gequatsche verstummte und eine unangenehme Stille senkte sich über den Marktplatz. Unruhig schaute Nina sich um.
Herr Teffers trat auf sie zu und legte eine Hand auf ihren Arm. Die Menge hielt den Atem an. Nina spürte, wie er in ihre Gedanken eindrang, es war kein angenehmes, aber auch kein besonders unangenehmes Gefühl. Captura, dachte er, das ist dein geheimer Name. Pass gut auf ihn auf! Verschließe ihn in deinen Gedanken!
Dann verließ er ihre Gedanken wieder, zog die Hand zurück und schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Nina“, sagte er dann mit leiser Stimme, doch die Menschen johlten. Und Nina war es, als würde ihr Kopf explodieren. Plötzlich hörte sie die Gedanken von jedem Einzelnen, der hier stand, und es war, als würden tausend Stimmen gleichzeitig auf sie einprasseln.
„Du wirst lernen, damit umzugehen“, meinte Herr Teffers und nickte ihr zu. „Versuche die Stimmen auszublenden.“ Nina versuchte es, aber das Gemurmel blieb, es wurde nur etwas schwächer. Sie hatte das Gefühl, dass die Gedanken dann besonders laut waren, wenn derjenige, von dem sie kamen, ganz in ihrer Nähe stand. Sie würde hoffentlich sehr bald lernen, das Gedankenlesen zu kontrollieren!
Dann tänzelte Fiola auf sie zu. Sie dachte an Essen und reichte ihr eine Zimtlimo – Ninas Lieblingssorte – und Katzenfutter. „Komm, iss was. – Das ist doch wirklich irre, oder? Und ich bin deine Freundin!“, rief Fiola entzückt.
„Beste Freundin“, korrigierte Nina lachend und öffnete die Flasche. Auch die anderen Bewohner der Stadt bedienten sich an einem großen Buffet. Sie aßen, tranken und lachten, während Nina sich bemühte, die lauten Stimmen auszublenden. Sie musste Hände hier, Hände da schütteln, versuchte aber gar nicht erst, sich die Namen aller, die sich ihr vorstellten, zu merken. Dann ertönte Musik und die Menge teilte sich, sodass in der Mitte eine Tanzfläche entstand.
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