Kitabı oku: «Sprachwandel - Bedeutungswandel»

Yazı tipi:

Sascha Bechmann

Sprachwandel – Bedeutungswandel

Eine Einführung

A. Francke Verlag Tübingen

© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8463-4536-8

Inhalt

  Vorwort

  Hinweise zur Lektüre

 I Sprachwandel1 Was ist Sprache — und woher kommt sie?1.1 Brauchen wir Sprache und wenn ja, wozu?1.2 Warum sprechen wir so und nicht anders? — Eine sprachhistorische Spurensuche1.3 Weiterführende und vertiefende Literatur2 Was ist das Wesen der Sprache?2.1 Welche Sprachauffassungen gibt es?2.2 Welche Sprachauffassung ist die richtige?2.3 Ist Sprache das Ergebnis menschlicher Planung?2.4 Weiterführende und vertiefende Literatur3 Was ist Wandel?3.1 Warum verändern sich die Dinge in der Welt?3.2 Was ist Sprachwandel?3.3 Weiterführende und vertiefende Literatur4 Was sind die Prinzipien des Sprachwandels?4.1 Nach welchen Prinzipien wandeln sich Sprachen?4.2 Gibt es Sprachwandelgesetze?4.3 Weiterführende und vertiefende Literatur5 Was sind die Ursachen des Sprachwandels?5.1 Unter welchen Bedingungen wandeln sich Sprachen?5.2 Weiterführende und vertiefende Literatur6 Was sind die Folgen des Sprachwandels?6.1 Zurück in die Zukunft? — Sprachwandel gestern und heute6.2 Führt Sprachwandel zum Sprachverfall?6.3 Kann man Sprachwandel vorhersagen oder aufhalten?6.4 Weiterführende und vertiefende Literatur7 Noch Fragen? — Repetitorium und Übungen zum Sprachwandel7.1 Repetitorien und Übungsaufgaben7.2 Arbeitshilfe für Dozierende I: Fragenpool für Modulprüfungen7.3 Arbeitshilfe für Dozierende II: Seminararbeitsthemen

 II Bedeutungswandel8 Was ist die Bedeutung eines Wortes?8.1 Was ist das Besondere am Bedeutungswandel?8.2 Ist die Bedeutung eines Wortes ein Ding in der Welt?8.3 Ist die Bedeutung eines Wortes eine Vorstellung?8.4 Ist die Bedeutung eines Wortes eine (Gebrauchs-)Regel?8.5 Weiterführende und vertiefende Literatur9 Was sind die Prinzipien des Bedeutungswandels?9.1 Was sind Gebrauchsregeln?9.2 Wie verändern sich Gebrauchsregeln?9.3 Weiterführende und vertiefende Literatur10 Was sind die Ursachen und Verfahren des Bedeutungswandels?10.1 Bedeutungswandel und technischer Fortschritt — beste Freunde oder nur Bekannte?10.2 Mega geil oder erschreckend scharf? — die Mechanismen des Bedeutungswandels10.3 Weiterführende und vertiefende Literatur11 Was sind die Folgen des Bedeutungswandels auf der Wortebene?11.1 Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan — werden Wörter besser oder schlechter durch Bedeutungswandel?11.2 Von Asterix zu Obelix — verändert sich der Umfang eines Wortes durch Bedeutungswandel?11.3 Ist Abstrahierung ein universeller Effekt des Bedeutungswandels?11.4 Weiterführende und vertiefende Literatur12 Was sind die Folgen des Bedeutungswandels auf der Sprachebene?12.1 Führt Bedeutungswandel zu Mehrdeutigkeit?12.2 Verändert Bedeutungswandel das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten?12.3 Verändert Bedeutungswandel die Grammatik einer Sprache?12.4 Weiterführende und vertiefende Literatur13 Bedeutungswandel 2.0 — wohin geht die Reise?13.1 Frame-Semantik — was sind Frames und wie bestimmen sie die Bedeutung eines Wortes?13.2 Wie verändern sich Frames?13.3 Lassen sich die Frame-Semantik und die Gebrauchstheorie der Bedeutung miteinander verknüpfen?13.4 Weiterführende und vertiefende Literatur14 Noch Fragen? — Repetitorium und Übungen zum Bedeutungswandel14.1 Repetitorien und Übungsaufgaben14.2 Arbeitshilfe für Dozierende III: Fragenpool für Modulprüfungen14.3 Arbeitshilfe für Dozierende IV: Seminararbeitsthemen

  Abbildungsverzeichnis

  Tabellenverzeichnis

  Literaturverzeichnis

  (Grundlagen-)Literatur zur Vertiefung

  Glossar

  Sachregister

Vorwort

Nichts ist so beständig wie der Wandel.

HERAKLIT VON EPHESOS (etwa 520–460 v. Chr.)

Der gegenwärtige Zustand unserer Sprache gibt Anlass zu vielfältigen Betrachtungen, bisweilen ist er auch Auslöser solcher Ängste und Sorgen, die deutsche Sprache könne an Schönheit und Wohlklang verlieren. Mehr noch: Manche Menschen glauben, die Sprache werde durch uns Sprecher dem Verfall anheimgegeben, weil wir schändlich mit ihr umgingen. Nun, stimmt das? Verfällt unsere Sprache mehr und mehr zu etwas, was KomplexitätKomplexität und Schärfe verloren hat und in Zukunft nur noch basale Bruchstücke von alter sprachlicher Eleganz und Würde aufweist?

Sprache ist nicht statisch, sie ist dynamisch – ohne dass sie selbst aber in irgendeiner Weise lebendig wäre. Hier irren die Sprachpuristen, denn sie gehen von einem organischen Bild der Sprache aus, so wie es im 19. Jahrhundert populär wurde. Begriffe wie „SprachverfallSprachverfall“ oder auch „Wortschöpfung“ zeugen noch heute davon. „Lebendig“ ist eine Sprache im Grunde nur so lange, wie die Sprecher einer Sprache lebendig sind. Das Leben, also das Werden, Wachsen, Schrumpfen und Vergehen einer Sprache, ist stets gekoppelt an das Sein der Sprecher. So verwundert es kaum, dass auch der Wandel irgendwie an die Sprecher gebunden sein muss. Aber wie? Auf diese Frage sucht und findet diese Einführung Antworten.

Wenn Sie wissen wollen, wie das Sein und das Werden der Sprachen funktionieren, dann lesen Sie dieses Buch. Sie werden sehen, dass es eine lohnenswerte Reise ist durch die Welten der Sprachwissenschaft, bei der wir immer auch andere Wissenschaften streifen werden. So ist Sprachwandel durchaus auch ein Phänomen, das z.B. Soziologen ebenso interessiert wie Politologen und Kulturwissenschaftler, denn Sprachwandel findet auf allen Ebenen der Sprache und in allen Wirkungsbereichen statt. Kurzum, sprachliche Veränderungen lassen sich überall finden: im Internet, in sozialen Netzwerken, in der Literatur und in den Fachsprachen. Das Wesen des Wandels ist, dass er stetig und unaufhaltsam ist. Und es ist äußerst spannend, sich diesem Wesen Schritt für Schritt zu nähern. Dieses Buch soll Ihnen in Ihrem Studium Fahrplan und Kompass durch die oft undurchsichtigen (und wissenschaftsgeschichtlich alten) Fahrwasser der Sprachwandelforschung und der Historischen Linguistik sein.

Dieses Buch betrachtet Sprache als ein veränderliches System und es will zeigen, auf welche Weise Sprachen sich verändern und auf welchen Ebenen Wandel feststellbar ist. Aber: Dieses Buch ist keine Sprachgeschichte (des Deutschen oder einer anderen Sprache), sondern eine thematische Hinführung aus einer handlungstheoretischen Sichtweise.

Mit diesem Studienbuch wird eine Lücke geschlossen, die bislang in der Einführungsliteratur zu beklagen ist: Gegenwärtig existiert keine didaktisch auf die Erfordernisse der gestuften Studiengänge ausgerichtete Einführung in dieses klassische Themenfeld. Dies ist umso erstaunlicher, als dass Fragestellungen der historischen Linguistik noch immer zu den grundlegenden WissensbeständenWissensbestände in den linguistisch ausgerichteten Fächern zählen und in den Curricula fest verankert sind. Diachrone Betrachtungen von Sprache gehören ebenso wie neuere diskursanalytische Fragen auch heute noch zum Kernbestand der linguistischen Schule an allen deutschen Universitäten. Dabei stehen in der modernen Sprachwissenschaft nicht mehr in erster Linie die Prinzipien oder sprachlich universalen Gesetze des Sprachwandels im Fokus, dafür umso mehr Ansätze, die der neueren Pragmalinguistik zugeordnet werden können.

Zu den Hauptproblemen der Lehre in diesem Bereich zählt die Tatsache, dass die bislang zu diesem Thema verfügbare Literatur äußerst heterogen – und in vielen Fällen für das Selbststudium ungeeignet – ist. So stehen Studierende wie auch Lehrende vor dem Problem, Informationen aus unterschiedlichen Lehr- und Fachbüchern extrahieren und bündeln zu müssen. Die beiden Themengebiete Sprach- und Bedeutungswandel werden in zahlreichen sprachhistorischen Einführungen zwar aufgegriffen, geraten dort aber ins Hintertreffen; die Ausführungen sind oftmals verkürzt, was das Verständnis komplexer Sachverhalte erschwert. Auf der anderen Seite gibt es viele Fachbücher ohne didaktische Ausrichtung, die entweder auf einer hohen theoretischen Abstraktionsebene operieren oder das Thema in einer für Studienanfänger schwer überschaubaren Dichte und Breite behandeln. Sowohl theoretisch abstrakte als auch thematisch dichte Lehrbücher, wie etwa die hervorragende Sprachgeschichte des Deutschen von WEGERA und WALDENBERGER oder diejenige von NÜBLING et al., sind für das Bachelorstudium nur bedingt geeignet. Dasselbe lässt sich über diejenigen Bücher sagen, die lediglich Teilaspekte thematisieren. Auch sie taugen nur eingeschränkt für die Wissensvermittlung im Grundstudium.

Aus diesen Gründen ist dieses Studienbuch als leicht lesbare Einführung konzipiert, die sich sowohl für das Selbststudium eignet als auch als Grundlage für ein einsemestriges Grundseminar taugt.

Dabei wurde eine inhaltliche Zweiteilung des Buches umgesetzt, die sich bereits im Titel widerspiegelt: Die Bereiche Sprachwandel und Bedeutungswandel werden getrennt betrachtet, auch wenn der Bedeutungswandel als Spezialfall des Sprachwandels zu klassifizieren ist. Zum einen soll damit dem Umstand Rechnung getragen werden, dass in der akademischen Lehre das Thema Bedeutungswandel häufig isoliert betrachtet wird; zahlreiche Seminare befassen sich ausschließlich mit historisch-semantischen Fragestellungen. Zum anderen ist diese Zweiteilung sinnvoll, weil es sehr spezielle Erklärungsmodelle (insbesondere moderne gebrauchstheoretische Ansätze) gibt, die dem Bedeutungswandel einen eigenen Status zuweisen. Zwar kann der Bedeutungswandel im Speziellen nicht isoliert von einer Theorie sprachlichen Wandels im Allgemeinen gedacht werden, so dass die Kenntnis solcher Theorien für das Verständnis des Bedeutungswandels notwendig ist. Aufgrund der KomplexitätKomplexität semantischer Veränderungen und der dahinter stehenden Prozesse ist sie aber allein nicht hinreichend.

Zum Schluss erlauben Sie mir ein paar persönliche Worte. Mein großer Dank gilt Anke Peters aus der Germanistischen Mediävistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, deren geschultes Auge mir geholfen hat, das Manuskript zu diesem Buch möglichst frei von Tippfehlern an den Verlag geben zu können. Manche Sätze in diesem Buch sind erst durch sie in eine lesbare Form geschliffen worden. Zudem war mir ihr sprachhistorisches Wissen an vielen Stellen eine Hilfe.

Dieses Buch ist zudem der Ausdruck meiner eigenen wissenschaftlichen Prägung, für die ich meinem Lehrer und Doktorvater Rudi Keller dankbar bin. Er war es, der im Studium mein Interesse für linguistische Fragestellungen geweckt und später stets gefördert hat. Besonders seine Theorie zum allgemeinen Sprachwandel und seine Gedanken zum Bedeutungswandel bei deutschen Adjektiven haben mich früh in ihren Bann gezogen. Wenn man mich heute fragt, wie und warum ich Sprachwissenschaftler geworden bin, dann ist die Antwort leicht: Weil ich mich irgendwann dafür zu interessieren begann, wie das alles funktioniert. Das mit dem Wandel der Sprachen. Heute weiß ich: Sprache ist Gewordenes aus Gewesenem und so wird es auch in Zukunft sein. Als Sprecher befinden wir uns heute auf einer schmalen Entwicklungsstufe unserer Sprache. Wir stehen dabei in einer direkten Traditionslinie mit unseren Vorfahren. Und wir formen die Sprache durch unser Handeln zu dem, was sie einmal sein wird. Das finde ich unheimlich spannend. Sie auch? Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß bei der Lektüre.

Düsseldorf, im August 2016 Sascha Bechmann

Hinweise zur Lektüre

Bevor wir uns dem eigentlichen Kern des Sprach- und Bedeutungswandels zuwenden können, möchte ich noch einige Informationen zur Lektüre und zum richtigen Umgang mit diesem Buch voranschicken.

Dieses Studienbuch versteht sich als Arbeitsbuch und ist in erster Linie für das Selbststudium geschrieben. Ich habe versucht, Komplexes einfach darzustellen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Wissenschaftliche Unschärfe hier und da mögen mir meine Fachkolleginnen und -kollegen nachsehen. Denn: Für diese Leserschaft ist dieses Buch nicht geschrieben worden. Der Anspruch an dieses Buch lautet: Es kann weitestgehend ohne Vorwissen gelesen werden. Dass eine diesem Anspruch verpflichtete Einführung nicht möglich ist, ohne das ein oder andere zu verkürzen und zu simplifizieren, ist klar – und eher eine Stärke als eine Schwäche dieses Buches.

Selbstgesteuertes Lernen soll dazu dienen, einen möglichst nachhaltigen Lernerfolg zu erzielen. Die Leser werden dazu befähigt, sich die wesentlichen Inhalte selbstständig anzueignen. Dazu werden die Inhalte anschaulich und unter weitgehendem Verzicht auf (für das Verständnis unnötige) Fachterminologie vermittelt. Die hohe Kunst der fachsprachlichen Reduktion gerät bei basalen WissensbeständenWissensbestände unseres Faches aber an ihre Grenzen. Ich empfehle daher, vor der Lektüre eine Einführungsveranstaltung in die Sprachwissenschaft zu besuchen.

Als begleitendes Nachschlagewerk zu dieser Einführung empfehle ich Ihnen das „Lexikon der Sprachwissenschaft“ von HADUMOD BUSSMANN. Darin lassen sich alle nicht vermeidbaren Fachwörter nachlesen – es ist zudem ein unabdingbarer Begleiter durch Ihr sprachwissenschaftliches Studium. Dieses Lexikon ist nicht nur deshalb von unschätzbarem Wert, weil darin die wesentlichen Begriffe der Sprachwissenschaft präzise erklärt werden, sondern auch, weil sich eine reichhaltige Fülle an Literaturempfehlungen zu jedem Einzelaspekt finden lässt. Alternativ kann ich Ihnen das hervorragende linguistische Wörterbuch von THEODOR LEWANDOWSKI aus dem Jahr 1994 ans Herz legen, das aber leider nur noch antiquarisch zu beziehen ist. Wesentliche Begriffe, die heute zum Wissensbestand der Sprachwissenschaft zählen, fehlen zwar darin, dennoch ist es ein wertvolles Hilfsmittel.

Die vorliegende Einführung soll Ihnen als Kompass und als Richtschnur dienen, damit Sie erste (eigene) Wege durch das spannende und weite Feld des Sprach- und Bedeutungswandels finden können. Dafür benötigt es eine sinnvolle Struktur. Wie ein roter Faden ziehen sich deshalb einige Aspekte durch dieses Buch, die helfen sollen, sich zurecht zu finden. Dies sind im Wesentlichen folgende Elemente und Strukturen:

Wichtige Grundbegriffe sind im Text durch Fettdruck hervorgehoben. Die linguistischen Theorien und Modelle in diesem Buch sind an der konkreten sprachlichen WirklichkeitWirklichkeitsprachliche ausgerichtet. Anschauliche Beispielsätze und historisches Datenmaterial werden das Verständnis erleichtern. Zudem werden wissenschaftstheoretische Kernthesen in diesem Buch optisch hervorgehoben. An manchen Stellen werden Ihnen zudem bedeutende Vertreter einer Theorie oder eines Faches in einem kurzen Who is who vorgestellt.

Kernthesen und präzise Merksätze, die das Verständnis erleichtern, werden durch Textboxen optisch hervorgehoben. Die Boxen sind durch dieses SymbolSymbol markiert: [bad img format].

Alle Kapitel beginnen mit dem Abschnitt „Ziele und Warm-up“. Hier finden Sie eine kurze Erläuterung des Gegenstands des jeweiligen Kapitels sowie die avisierten Lernziele. Unter dem Aspekt Warm-up sollen intuitiv zu beantwortende Impulsfragen zum ersten Nachdenken über die dann folgende Thematik anregen. Sie erkennen das Warm-up an diesem SymbolSymbol: [bad img format].

Hinweise zu weiterführender Literatur zum Inhalt des vorangestellten Lehrstoffs runden jedes Kapitel ab. Dabei handelt es sich um eine Auswahl, die weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Exklusivität erhebt. In aller Regel werden hier nur diejenigen Werke empfohlen, die in einem unmittelbaren Bezug zu den Inhalten des Kapitels stehen. Erkennbar sind diese Literaturhinweise an diesem SymbolSymbol: [bad img format].

Beiden Teilen dieses Buchs ist mit Kapitel 7 und Kapitel 14 jeweils ein eigener Wiederholungs- und Übungsteil gewidmet (Repetitorium). Dort finden Sie kurze und prägnante Zusammenfassungen der Kapitel. Sie können die Repetitorien im Ganzen durcharbeiten – oder jeweils im Anschluss an die einzelnen Kapitel. Sie selbst bestimmen, wann und wie Sie Ihr Wissen festigen. Übungsaufgaben dienen der Selbstüberprüfung des Wissens und lassen sich ohne weitere Hilfsmittel in angemessener Zeit beantworten. Auf Lösungen kann und soll bewusst verzichtet werden, da Standardlösungen und -antworten nicht gewünscht sind. Vielmehr sollen die Fragen der Beschäftigung mit dem vermittelten Stoff dienen und sind so konzipiert, dass sie eindeutig zu beantworten sind. Sie erkennen die Übungsaufgaben an diesem SymbolSymbol: [bad img format]

Kapitel 7 und 14 bieten zudem Arbeitshilfen für Dozierende wie mögliche Klausurfragen zur zielgerichteten Überprüfung der Lernziele oder Vorschläge für Hausarbeitsthemen. Hinweise für Dozierende finden sich auch an anderen Stellen des Buchs und sollen Anregungen für die akademische Lehre liefern, sofern diese Einführung in der universitären Lehre verwendet wird.

Dem Textteil ist ein ausführliches Literaturverzeichnis angefügt. Es bildet die Beiträge zum Forschungsfeld in weiten Teilen ab, erhebt aber ebenfalls keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zusätzlich gibt es ein hilfreiches Verzeichnis mit Grundlagenliteratur zum Sprachwandel.

Das Studienbuch enthält im Anhang ein Sachwortverzeichnis, das den Zugriff auf wichtige Begriffe vereinfacht. Ein Glossar mit wichtigen linguistischen Grundbegriffen rundet den Band ab.

[bad img format]Hinweis für Dozierende:

Die Gliederung des Studienbuches in 14 Kapitel ermöglicht es Lehrenden, das Buch zur Grundlage eines einsemestrigen Seminars zu machen. Dabei kann jedes Kapitel Inhalt einer Sitzung sein und z.B. durch historisches Datenmaterial, Übungstexte, Originalarbeiten o.Ä. ergänzt werden. Hier empfehlen sich beispielsweise das umfangreiche Textkorpus zum Frühneuhochdeutschen (Bonner Frühneuhochdeutsch-Korpus; online verfügbar unter www.korpora.org/fnhd) oder das Korpus zur mittelhochdeutschen Sprach- und Literaturgeschichte der Universität Trier (Digitales mittelhochdeutsches Textarchiv; online verfügbar unter http://mhgta.uni-trier.de).

Die Inhalte der einzelnen Kapitel können im Hochschulunterricht in teilnehmerorientierten Sozialformen (Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Partnerarbeit, offene Moderation) gewinnbringend und aktivierend erarbeitet werden. Da Kapitel 7 und 14 der Wiederholung dienen, wäre es anzudenken, die Sitzungen 7 und 14 für Zwischen- und Abschlussprüfungen zu nutzen.

Der besseren Lesbarkeit halber werden Personenbezeichnungen in diesem Buch in der maskulinen Form genannt. Verstehen Sie dies bitte einzig unter dem Aspekt der sprachlichen ÖkonomieÖkonomie – die im Übrigen eine wichtige Bedingung für Sprachwandel ist. Auf einer Waage, die zwischen sprachlicher political correctness einerseits und guter Lesbarkeit von Texten andererseits pendelt, bevorzuge ich stets den Ausschlag zugunsten der Prägnanz.

I Sprachwandel

Sprachen sind bei Weitem das wichtigste Vehikel

kultureller Entfaltung und zugleich das wichtigste Element

nationaler, übrigens auch persönlicher, Identität.

Helmut Schmidt (1918–2015)

1 Was ist Sprache — und woher kommt sie?

Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiss nichts von seiner eigenen.

JOHANN WOLFGANG GOETHE (1749–1832)

[bad img format]Ziele und Warm-up

Der Begriff Sprachwandel begegnet uns nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch im Alltag (z.B. in den Medien). Besonders im Zusammenhang mit Stil und „gutem Ausdruck“ wird oft intensiv diskutiert, in welchem Zustand sich unsere Sprache befindet. Sprachwandel wird immer dann zum Thema, wenn Veränderungen auffällig werden. Solche Veränderungen werden gerne als Fehler oder zumindest als Abweichungen von der sprachlichen Norm interpretiert. Vor allem im Vergleich zu früheren Sprachzuständen werden diese Abweichungen als Wandel offensichtlich. Aber was ist das eigentlich, was sich da wandelt?

Ebenso, wie man nur verstehen kann, was ein Regenschirm oder eine Taschenuhr ist, wenn man weiß, was Regen, Schirm, Tasche und Uhr sind, kann man nur begreifen, was Sprachwandel bedeutet, wenn man weiß, was Sprache und Wandel eigentlich sind. Deshalb sehen wir uns in einem ersten Schritt den eigentlichen Gegenstand einmal genauer an, mit dem sich dieses Buch beschäftigt. Wir müssen uns zum Einstieg nämlich die Fragen stellen: Was ist Sprache? Und wozu haben wir sie eigentlich?

In diesem ersten Kapitel werden wir zunächst gemeinsam überlegen, welcher Gegenstand überhaupt zu betrachten ist, wenn vom Wandel in der Sprache die Rede ist. Diese Überlegungen werden wir dann im zweiten Kapitel mit der Frage verknüpfen, wie Sprache und Wandel miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Wir nähern uns also über die nachfolgenden Definitionen der Grundbegriffe dem Phänomen des allgemeinen Sprachwandels, das in diesem ersten Teil der Einführung im Fokus stehen soll. Zudem dienen die Ausführungen dazu, das spezielle Phänomen des Bedeutungswandels im zweiten Teil dieses Buches besser verstehen zu können.

Dazu kreisen wir in diesem Kapitel zunächst den Begriff Sprache ein. Beantworten Sie bitte zum Einstieg die folgenden Fragen und machen Sie sich gerne auch stichwortartige Notizen dazu:

 Was ist eine Sprache? Schlagen Sie die Definition in einem Lexikon nach!

 Wie viele Verwendungsweisen des Wortes Sprache fallen Ihnen ein? Gibt es eigentlich so etwas wie die Sprache?

 Können Sie denken, ohne zu sprechen?

 Sprechen Sie eine Fremdsprache? Was ist ähnlich und was ist völlig anders, als Sie es aus Ihrer Muttersprache kennen?

1.1 Brauchen wir Sprache und wenn ja, wozu?

Was Sprache ist, lässt sich eigentlich ganz leicht beantworten: Sprache ist all das, was übrigbleibt, wenn man weiß, was Sprache alles nicht ist. Sprache müssen wir uns also nur einmal wegdenken, dann sehen wir, was noch da ist und dann wissen wir, was Sprache ist. Klingt das plausibel? Nun, dann überlegen Sie doch einmal, was alles keine Sprache ist. Denken Sie sich die Sprache dabei einfach weg aus der Welt.

Vielleicht denken Sie jetzt an einen Baum oder an ein Fahrrad oder an viel abstraktere Dinge wie Ihren letzten Urlaub. Sie haben recht: All das ist keine Sprache. Aber Sie haben einen Fehler gemacht: Sie haben sich die Sprache nicht weggedacht, als Sie darüber nachgedacht haben, was alles keine Sprache ist. Aber das ist nicht Ihr Fehler, denn ich habe Sie vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Sprache lässt sich nämlich nicht wegdenken, denn zum Denken selbst brauchen Sie die Sprache. Ohne Sprache wären Sie nämlich gar nicht in der Lage, an einen Baum zu denken. Zumindest wüssten Sie nicht, dass man ihn Baum nennt. Dass man Dinge überhaupt benennt, wüssten Sie nicht. Sie wüssten noch nicht einmal, was Sie überhaupt wüssten. Denn: Sprache und Denken hängen untrennbar miteinander zusammen.

Unsere Denkweise prägt die Art und Weise, wie wir sprechen. Komplexe Gedanken erfordern komplexe sprachliche Ausdrucksmittel. Der Einfluss wirkt aber auch in der Gegenrichtung: Bringt man Menschen etwa neue Farbwörter bei, verändert das ihre Fähigkeit, Farben voneinander zu unterscheiden. Lehrt man sie, auf eine neue Weise über Zeit zu sprechen, so beginnen sie, auch anders darüber zu denken.

Man kann sich der Frage auch anhand von Menschen nähern, die zwei Sprachen fließend sprechen. Nachweislich ändern bilinguale Personen ihre Weltsicht je nachdem, welche Sprache sie gerade verwenden. Ein anderes Beispiel: Für Europäer, die von links nach rechts zu schreiben gewohnt sind, liegt früher links von später; Araber ordnen die Zeit hingegen von rechts nach links; für Aborigines liegt früher im Osten (vgl. BORODITSKY 2012).

Die Menschen sprechen in den vielen Ländern dieser Welt auf mannigfaltige Weise miteinander, und jede Sprache verlangt von ihren Benutzern ganz unterschiedliche kognitive Anstrengungen. Die kognitive Linguistin LERA BORODITSKY beschreibt das so:

Angenommen, ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Anton Tschechows Drama „Onkel Wanja“ auf einer Bühne in der 42. Straße New Yorks gesehen habe. Auf Mian, das in Papua-Neuguinea gesprochen wird, würde das Verb aussagen, ob das Stück soeben, gestern oder vor langer Zeit gespielt wurde. Das Indonesische dagegen gibt damit nicht einmal preis, ob die Aufführung bereits stattfand oder noch bevorsteht. Auf Russisch enthüllt das Verb mein Geschlecht. Wenn ich Mandarin verwende, muss ich wissen, ob Onkel Wanja ein Bruder der Mutter oder des Vaters ist und ob er blutsverwandt oder angeheiratet ist, denn für jeden dieser Fälle gibt es einen speziellen Ausdruck. (BORODITSKY 2012)

Was wir also Denken nennen, ist offenbar in WirklichkeitWirklichkeit eine komplexe Verschaltung linguistischer und nichtlinguistischer Prozesse. Demnach dürfte es wohl kaum Denkprozesse geben, bei denen die Sprache keine Rolle spielt. Ein Grundzug menschlicher Intelligenz ist ihre Anpassungsfähigkeit – die Gabe, Konzepte über die Welt zu erfinden und so abzuändern, dass sie zu wechselnden Zielen und Umgebungen passen. Sie sehen also:

[bad img format]Alles Denken ist Sprache und nichts ist ohne Sprache denkbar. Denn: „Ohne Sprache gibt es kein Denken!“ (DÖRNER 1998: 41) Und ohne Denken gibt es keine Sprache.

Dieser Gedanke ist auch für das Thema unseres Buches interessant. Veränderte Sprachmuster führen demnach auch zu veränderten Denkmustern und umgekehrt. Diesen Umstand bezeichnet man als Linguistischen DeterminismusDeterminismus. Etwas salopp formuliert ließe sich sagen:

[bad img format]Sprachwandel führt zu Denkwandel und Denkwandel führt zu Sprachwandel.

Aber beantwortet das bereits die Frage, was Sprache genau ist? Wenn wir darauf Antworten bekommen wollen, müssen wir uns ansehen, wie die Sprache in den Wissenschaften betrachtet wird. Wir müssen schauen, welche Auffassungen von der Struktur und Funktion von Sprache vorherrschen. Und wir müssen überlegen, wie die Verschiedenheit der Sprachen zu erklären ist. Diese letzte Frage können wir am ehesten mit einem Blick in die Sprachgeschichte klären.

Exkurs: Die Sapir-Whorf-Hypothese — oder: Wie bestimmt die Sprache unser Denken (und Handeln)?

Wenn man davon ausgeht, dass unser Denken über sprachliche WissensbeständeWissensbeständesprachliche in unserem Gehirn organisiert ist und wenn wir weiterhin davon ausgehen, dass wir uns mit unserem Denken in einem ständigen Austausch mit unserer Umwelt befinden, dann ist es plausibel anzunehmen, dass hier Wechselwirkungen bestehen zwischen dem Denken und der Sprache auf der einen und der Welt um uns herum auf der anderen Seite.

Die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese besagt, dass die Art und Weise, wie wir denken, durch die Bedingungen unserer Sprache, also durch die lexikalische und grammatische Struktur unseres Sprachsystems, determiniert wird. Nach dieser Auffassung ist es prinzipiell unmöglich, dass wir uns mit einem Menschen, der eine andere Sprache als wir spricht, so verständigen können, dass wir uns verstehen. Die Hypothese geht davon aus, dass es bestimmte Gedanken einer einzelnen Person in einer Sprache gibt, die von jemandem, der eine andere Sprache spricht, nicht verstanden werden können.

Zudem ist es nicht möglich, etwas zu denken, für das wir den Begriff nicht kennen — was wir nicht sprachlich konzeptualisieren können, können wir schlicht und einfach auch nicht denken.

So definiert bedingt die Fähigkeit, Sprache benutzen zu können, unsere Fähigkeit, denken und die Welt wahrnehmen zu können. Die Sapir-Whorf-Hypothese geht also davon aus, dass die semantische Struktur einer Sprache die Möglichkeiten der Begriffsbildung von der Welt entweder determiniert oder limitiert.

Wenn man diese Hypothese weiterdenkt, bewirken bewusste Eingriffe von außen (z.B. durch das ideologische Besetzen bestimmter Begriffe durch die Politik) eine Veränderung der Denkstrukturen, wodurch Sprachveränderungen (= geplanter Sprachwandel) über Denkveränderungen unmittelbare Auswirkungen auf die außersprachliche WirklichkeitWirklichkeit haben können. Viele Begriffe der Nazi-Ideologiesprache beispielsweise haben dazu geführt, dass Denkmuster durch z.B. EuphemismenEuphemismus so gesteuert wurden, dass das Denken zu konkretem Handeln führen konnte.

Gelenktes kollektives Sprachhandeln spiegelt sich demnach über den Prozess der Veränderung des Denkens bisweilen auch in konkretem Handeln wider.

Diese kontrovers diskutierte Annahme wurde von BENJAMIN WHORF aufgestellt, der sich auf den Sprachwissenschaftler EDWARD SAPIR berief und die Hypothese gemeinsam mit ihm vertrat. Ansätze zu einer Theorie des linguistischen Relativismus finden sich schon weit früher bei WILHELM VON HUMBOLDT. Die Sapir-Whorf-Hypothese führt neben den genannten Aspekten auch zu der Annahme von der grundsätzlichen Unübersetzbarkeit fremdsprachlicher Texte.

[bad img format]BENJAMIN LEE WHORF (1879—1941)

war zunächst Chemieingenieur und Experte für Brandschutz, bevor er amerikanische und indianische Linguistik mit dem besonderen Interesse für uto-amerikanische Sprachen bei EDWARD SAPIR studierte.

WHORF wurde (posthum) bekannt für seine Arbeiten zur Sprache der Hopi und für das nach ihm und seinem Lehrer SAPIR benannte linguistische Relativitätsprinzip (Sapir-Whorf-Hypothese).

Aus seinen Forschungen zur Hopi-Sprache leitete er ab, dass die Sprache, die ein Mensch spricht, den Weg seines Denkens maßgeblich beeinflusst: Die Struktur der Sprache beeinflusse die Wahrnehmung der Welt (s. Exkurs).

Auch wenn nach seinem Tod seine Darstellung der relevanten Aspekte der Hopi-Grammatik und andere Vorstellungen zu semantischen Aspekten der Hopi-Sprache widerlegt worden sind, blieben seine Gedanken zum Verhältnis von Sprache und Denken bis heute einflussreich — und werden in der Gegenwart kontrovers diskutiert.

1.2 Warum sprechen wir so und nicht anders? — Eine sprachhistorische Spurensuche

Derzeit werden auf der Welt etwa 6500 bis 7000 Sprachen gesprochen, wobei diese Festlegung nur annäherungsweise stimmt (vgl. SCHLOBINSKI 2014: 31). Sie ist deswegen vage, weil nicht ganz klar ist, was man eigentlich zu den Sprachen als eigenständige Form hinzuzählen darf und was nicht. So gibt es beispielsweise sprachliche VariantenVariante wie etwa das Schweizerdeutsch, bei denen man uneins ist, ob es sich nun um eine eigene Sprache handelt oder ob diese Sprachform lediglich als Ableger einer anderen Sprache betrachtet werden darf.

Am ehesten ist eine Grenzziehung dann möglich, wenn man den Aspekt der kulturellen oder gesellschaftlichen Identifikation durch Sprache ins Feld führt und diesen von den Ähnlichkeiten zu anderen Sprachen abgrenzt.1VariationSondersprache So ist das Deutsche ebenso wie das Spanische oder das Italienische ein kulturell und gesellschaftlich determinierendes Sprachsystem. Das bedeutet: Alle Sprecher dieser Sprache sind kulturell und gesellschaftlich miteinander verbunden. Insofern kennzeichnet Sprachen immer auch das Prinzip der Ausschließlichkeit. Das kennen Sie sicher auch: Menschen, die eine andere als unsere eigene Sprache sprechen, sind uns oft fremd, wohingegen wir uns häufig im Ausland freuen, auf Menschen zu treffen, die dieselbe Sprache sprechen wie wir. Man kann sagen: Gemeinsame Sprachen verbinden, weil sie auf gemeinsame Normen, Werte und Erfahrungen schließen lassen. Oder anders:

[bad img format]Gemeinsame sprachliche WissensbeständeWissensbeständesprachliche sind kognitiv und emotional verwoben mit gemeinsamen außersprachlichen WissensbeständenWissensbeständeaußersprachliche wie gemeinsame Werte, Normen und kollektive Erfahrungswelten. Daher wirken Sprachen identitätsstiftend, gruppenstabilisierend und zugleich ausschließend.

Da die Schweizer, um bei unserem Beispiel zu bleiben, eine eigene gesellschaftliche Identität (z.B. durch eigene Gesetze etc.) besitzen, wäre es nicht falsch, das Schweizerdeutsch als eigene Sprache zu bewerten. Nicht falsch, aber eben auch umstritten, weil die sprachsystematischen Eigenschaften des Schweizerdeutschen nahezu identisch sind mit denen des Deutschen. Hier sind es dann die Unterschiede, die dem Schweizerdeutschen einen Status als eigene Sprache zuweisen können.

Problematisch wird die Festlegung anhand kultureller und gesellschaftlicher Identifikation auch dann, wenn eine Sprache in zwei oder mehr kulturell völlig verschiedenen Gesellschaften gesprochen wird. Für das Französische ist das etwa der Fall, da es nicht nur in Frankreich, sondern auch in den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika, in Westafrika oder auch auf Haiti gesprochen wird. Hier ist die gemeinsame Identifikation über die Sprache auf den ersten Blick kein Kriterium, das definitorisch das Französische als Sprache verorten könnte. Doch der Schein trügt. Für Amtssprachen gilt: Sie sind nicht die Sprachen, die von den Bevölkerungen primär gesprochen werden – und es gibt häufig Unterschiede in der Sprachverwendung (z.B. phonetische). Zudem kommt es häufig zur Ausbildung eigener Sprachen durch Vermischungen von Muttersprache und Amtssprache, die man als Pidgin-Sprache bezeichnet. Solche Sprachen sind vereinfachte Behelfssprachen zur Verständigung zwischen Menschen, die unterschiedliche Muttersprachen sprechen (sogenannte lingua franca).

Eine andere Blickrichtung ergibt sich, wenn man allein die Unterschiede im Sprachsystem als Maßstab nimmt. Andere Sprachen besitzen andere Wortschätze, andere Grammatikregeln und teilweise andere Schriftsysteme. Aber auch hier gibt es oft mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst vermutet – besonders dann, wenn verschiedene Sprachen sich aus derselben Wurzel entwickelt haben. Das können wir leicht erkennen, wenn wir einen Blick auf das Englische werfen, das dem Deutschen zunächst nicht sehr ähnlich zu sein scheint, aber wie Deutsch, Niederländisch oder Schwedisch zu den germanischen Sprachen gehört. Dass das Englische als westgermanischer Zweig der indogermanischen Sprachen (s. Tabelle 1) dem Deutschen sehr nahe ist, können Sie erkennen, wenn Sie sich das deutsche und das englische Wort ansehen, das wir in beiden Sprachen verwenden, wenn etwas reichlich vorhanden ist. Im Deutschen sagen wir in solchen Fällen gerne, wir hätten genug von etwas. Im Englischen spricht man davon, dass etwas enough ist, beispielsweise enough to eat. Wenn man das englische Wort enough so ausspricht, wie es der deutschen KonventionKonvention entspricht und sich damit von der bekannten englischen Aussprachekonvention löst, liest man das Wort wie [əˈnuːk]. Setzt man nun vor das englische Wort ein g-, entsteht morphologisch das Wort genough, das lautlich als [ɡəˈnuːk] realisiert wird. Lautlich, semantisch und auch beinahe orthografisch entspricht dieses Wort unserem deutschen Lexem genug. Sie erkennen daran:

[bad img format]Die morphologische, lautliche, grammatische und/oder semantische Ausdifferenzierung von Sprachen ist und war immer das Resultat eines Sprachwandels.

Sehen wir uns ein anderes Beispiel für Sprachwandel im Deutschen an, das auf einer Sprachverwandtschaft beruht. Manchmal ist es so, dass Familienmitglieder sich etwas leihen. Wenn Sie Geschwister haben, kennen Sie das. Bei Sprachen ist das oft nicht anders, auch hier werden Elemente verliehen und wie bei Geschwistern oder Freunden leiht man sich etwas, was man selbst gut gebrauchen kann. Das deutsche Wort Keks ist ein gutes Beispiel für eine solche Leihgabe aus dem verwandten Englischen. Wie Sie wissen, gibt es im Englischen das ähnliche Wort cake, das Engländer und Amerikaner dazu verwenden, um auf einen Kuchen zu referieren. Unser deutsches Wort Keks ist etymologisch eine Übernahme des Wortes cake aus dem Englischen, wobei wir den Begriff interessanterweise im Singular in der Pluralform der Muttersprache verwenden. Weil uns das gar nicht bewusst ist – und weil die Pluralendung -s in unserem grammatischen System seltener vorkommt –, hängen wir an die Pluralendung -s noch unsere verbreitete Pluralendung -e an (ein Keks / zwei Kekse), wenn wir davon sprechen, dass wir mehr als ein Stück Gebäck auf unserem Teller haben.

Solche grammatischen Anpassungen von EntlehnungenEntlehnung an unser grammatisches System finden wir beispielsweise auch bei dem aus dem Italienischen kommenden Wort Scampi, die gerne fälschlicherweise als Scampis bezeichnet werden, wenn man nicht weiß, dass der Singular im Italienischen nicht Scampi, sondern Scampo lautet. Sie sehen: Einflüsse aus anderen Sprachen sind etwas völlig Normales und sie lassen sich durch Sprachverwandtschaften historisch oder geografisch fast immer erklären.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sich die einzelnen Sprachen aus einer Sprachvielheit mit weit zurückliegenden gemeinsamen sprachlichen Wurzeln durch sogenannte kulturell bedingte KonvergenzenKonvergenz zu Einheitssprachen als Standardvarietäten2Differenzierung von Sprachengemeinschaften entwickelt haben und nicht etwa umgekehrt. Eine solche konvergente Entwicklung von Sprachen, die sich aufgrund wechselseitiger BeeinflussungenBeeinflussung gegenseitig formen, lässt sich für die Gegenwartssprache beispielsweise am Balkansprachbund ablesen. Kennzeichen eines solchen Sprachbundes, der sich in unserem Beispiel aus slawischen und romanischen Sprachen zusammensetzt und zusätzlich noch durch Albanisch sowie Neugriechisch geprägt ist, ist eine wechselseitige Beeinflussung geografisch benachbarter Sprachen durch das Phänomen des SprachkontaktsSprachkontakt.

Für das Deutsche ist eine sehr komplexe und nicht in allen Zügen bekannte historische Klassifikation belegt, die zeigt, dass das heutige Deutsch aus einer Vielzahl von Dialekten entstanden ist, von denen einige, wie das Hessische oder das Pfälzische, heute noch existieren, wohingegen andere, wie das Altniederfränkische etwa, nicht mehr bestehen. In einer solchen historischen Klassifikation ist das Deutsche als eigenständige westgermanische Sprache noch nicht angelegt, sondern ist nur in Form seiner Dialekte integrierbar.

Aus dem germanischen Zweig des Indogermanischen sind in der historischen Entwicklung die folgenden 15 Einzelsprachen entstanden, die bis heute mehr oder weniger offensichtlich erkennbar sprachliche Verwandtschaften aufzeigen:


Westgermanisch Nordgermanisch Ostgermanisch
Deutsch-Niederländisch Deutsch Deutsch Jiddisch Luxemburgisch Pennsylvania Dutch Niederdeutsch Niederdeutsch Niederdeutsch Plautdietsch Niederländisch Niederländisch Afrikaans Anglo-Friesisch Friesisch Englisch Skandinavisch Dänisch Schwedisch Norwegisch Isländisch-Färöisch Isländisch Färöisch Gotisch Vandalisch Burgundisch (keine Sprachen erhalten)

Tabelle 1

Klassifikation der heutigen germanischen Sprachen (nach ROBINSON 1992)

Dass es heute in vielen Sprachen Verwandtschaften gibt, die durch eine gemeinsame Entwicklung bedingt sind, lässt sich gut durch einen Vergleich der Wortschätze geografisch benachbarter Sprachen erkennen. In der folgenden Übersicht über einige basale Wörter in germanischen Sprachen sind Begriffe aus dem Bereich der Verwandtschaftsbezeichnungen sowie einige Alltagsbegriffe zusammengestellt, die deutlich Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Dabei genügt schon ein rascher Blick, um den hohen Grad der Verwandtschaft der germanischen Sprachen insgesamt zu erkennen. Sie werden feststellen, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen diesen Grundbegriffen gibt. Die heutigen Unterschiede zwischen den verwandten Sprachen lassen sich dadurch erklären, dass viele Wörter erst nach der sprachhistorischen Ausdifferenzierung zu den heutigen germanischen Sprachen hinzugekommen sind. Diejenigen Begriffe aber, die zu den basalen sprachlichen WissensbeständenWissensbeständesprachliche gezählt werden können (wie etwa diejenigen in der nachfolgenden Übersicht), weisen bis heute signifikante Gemeinsamkeiten auf:3


Deutsch Althochdeutsch Luxemburgisch Niederländisch Afrikaans Altsächsisch Altenglisch Englisch Altnordisch Gotisch Germanisch Indogerm. Grundsprache
Vater fater - vader vader fadar fæder father faðir fadar fađer pətér
Mutter muoter - moeder moeder modar modor mother móðir - mōđer mater
Bruder bruoder Brudder broe(de)r broer brođar brođor brother bróðir broþar brōþer bhrater
Schwester swester Schwëster zus(ter) suster swestar sweostor sister systir swistar swester suesor
Tochter tohter Duechter dochter dogter dohtar dohtar daughter dóttir dauhtar duχter dhugə-ter
Sohn sunu - zoon seun sunu sunu son sunr sunus sunuz suənu
essen ezzan iessen, eessen eten eet etan etan eat eta itan etaną ed
Hund hunt Hond hond hond hund hund hound hundr hunds χundaz kuon
Wasser wazzar Waasser water water watar wæter water vatn vato watōr wódr̥
Feuer fiur Feier vuur vuur fiur fȳr fire fúrr fōr, fuïr Péh2ur
eins ein een(t) één een en an one einn ains aina oino
zwei zwa/ zwo/ zwei zwee twee twee twa/ two/ twe twa/ tu two tveir/ tvær twai/ twos twajina dwou
tragen beran droen baren beran beran bear bera bairan beraną bher-

Tabelle 2

Germanische Lexeme im synchronensynchron und diachronendiachron Vergleich

Neben den Gemeinsamkeiten innerhalb der west- und nordgermanischen Sprachen zeigt diese exemplarische Auflistung auch anschaulich die Ähnlichkeit der westgermanischen und nordgermanischen Sprachen zueinander. Eine Abweichung dieser beiden Sprachfamilien vom Gotischen ist daneben ebenso deutlich sichtbar wie die Beziehung des Germanischen zum Indogermanischen, wobei hier die Abweichungen selbstverständlich insgesamt größer sind, dennoch aber Familienähnlichkeiten erkennbar bleiben. Warum ist das so? Nun, das ist wie in einer großen und sehr alten Familie: Die Ähnlichkeiten zwischen Geschwistern sind oft verblüffend, wohingegen man Verwandtschaften zu längst verstorbenen Urahnen möglicherweise nur noch an wenigen Merkmalen wie etwa an großen Ohren oder einer krummen Nase ablesen kann. Und auch in einer anderen Hinsicht gleicht die sprachhistorische Betrachtung der Ahnenforschung: Von Familienmitgliedern, die heute leben oder die im 20. Jahrhundert gelebt haben, gibt es Fotos, Videos und zahlreiche andere Dokumente. So kann man ein Foto des verstorbenen Großvaters nehmen und daran vergleichen, inwieweit man diesem Ahnen ähnlich sieht. Bei Urahnen, die vor 500 Jahren gelebt haben, ist das schon schwieriger oder – wenn man keinem Adelsgeschlecht angehört und es keine Portraits der Urahnen gibt – unmöglich. Bei Sprachen, von denen wir keine Zeugnisse haben, wie es für das Urindogermanische der Fall ist, fällt es der Wissenschaft aus demselben Grund schwer, Vergleiche zu ziehen. Um das Urindogermanische rekonstruieren zu können, muss man bis etwa 3400 v. Chr. und noch weiter zurückgehen, denn etwa zu diesem Zeitpunkt haben sich die germanischen Sprachen getrennt.

Die Übersicht in Tabelle 2 zeigt aber nicht nur Gemeinsamkeiten zwischen den germanischen Sprachen, sondern sie kann uns auch ein Beispiel für einen Sprachwandel zeigen, der am heutigen Deutsch ablesbar ist. Wenn Sie sich beispielsweise schon immer gefragt haben, worin der Unterschied zwischen einem Eimer und einem Zuber begründet ist, dann müssen Sie in Tabelle 2 die Wörter für eins und zwei sowie für tragen ansehen und diese neuhochdeutschen Wörter mit der althochdeutschen Entsprechung vergleichen. Fällt Ihnen etwas auf? Sowohl der Eimer als auch der Zuber sind Behältnisse, die zum Tragen geeignet und gedacht sind, deshalb besitzen sie Henkel oder Tragegriffe. Der Unterschied besteht nun in der Anzahl der Henkel: Ein Eimer (aus ahd. ein und einer Ableitung von ahd. beran zu ahd. eimbar) ist ein Behälter, der nur einen Henkel besitzt; ein Zuber hingegen ist ein Gefäß, das an beiden Seiten Griffe hat (aus ahd. zwo und einer Ableitung von ahd. beran zu ahd. zubar oder zwibar).4 Sowohl bei nhd. Eimer als auch bei nhd. Zuber hat ein Sprachwandelprozess zu den heutigen Wortbedeutungen geführt: Durch den Vorgang der AssimilationAssimilation ist aus zwei Wörtern im Laufe der Zeit ein Wort entstanden, dessen Bedeutung man nur noch verstehen kann, wenn man a) weiß, dass es sich um ein zusammengesetztes Wort handelt und b) die Bedeutungen der ursprünglichen Wörter kennt.5

Wenn man sich die Entwicklungslinie des Deutschen aus dem germanischen Zweig des Urindogermanischen ansieht, dann werden Verwandtschaften zu anderen germanischen Sprachen – wie wir in Tabelle 2 erkennen konnten – offenkundig. Nun ist der germanische Zweig nicht der einzige Entwicklungspfad, der sich ausgebildet hat. Das Griechische, das Indo-Iranische, das Romanische, das Balto-Slawische, das Albanische, das Keltische, das Armenische und das Tocharische sind Sprachen, die neben dem Germanischen aus einer indogermanischen Ursprache entstanden sind (vgl. MCMAHON 1994: 3). Einige dieser Sprachen existieren nicht mehr, wie etwa das Tocharische, das ehemals im Tarimbecken (heutiges China) vom 5. bis ins 12. Jahrhundert gesprochen wurde. Andere Sprachen hingegen, wie die romanischen, werden noch heute gesprochen und es lassen sich Verwandtschaften nicht nur innerhalb der eigenen Sprachfamilie (z.B. zwischen dem Spanischen und dem Italienischen), sondern auch zwischen den Sprachfamilien (z.B. zwischen der germanischen und der romanischen Sprachfamilie) erkennen. Die folgende Übersicht zeigt Ihnen einige intra- und intersprachliche Gemeinsamkeiten (farblich hervorgehoben):


Englisch Französisch Deutsch
hand main Hand
milk lait Milch
son fils Sohn
book livre Buch
colour couleur Farbe
flower fleur Blume
knife canif Messer
river rivière Fluss
cat chat Katze
mother mère Mutter
three trois drei
night nuit Nacht
horse cheval Pferd
Child enfant Kind
black noir schwarz
cloud nuage Wolke

Tabelle 3

Intra- und intersprachliche lexikalische Gemeinsamkeiten und Unterschiede im englischen, französischen und deutschen Grundwortschatz (nach MCMAHON 1994)

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, welche Sichtweise die richtige sei, wenn man Einzelsprachen voneinander abgrenzen möchte, lässt sich sagen:

[bad img format]Die Ausdifferenzierung verwandter Sprachen zu eigenständigen Einzelsprachen und die Veränderungen ihrer Sprachsysteme sind kulturell bestimmte Prozesse. Dabei bleiben Ähnlichkeiten im Sprachsystem erhalten, die man durch eine sprachhistorische Brille erkennen kann — bei gleichzeitiger Entwicklung von sprachsystematischen Unterschieden.

Identifikation als gesellschaftliches Phänomen bewirkt eine kulturelle Einheit, die Auswirkungen auf das jeweilige Sprachsystem hat. Kulturelle Identifikation und Sprachsystem sind somit zwei Seiten einer Medaille. Differenzierte Einzelsprachen sind kulturell-gesellschaftliche und sprachsystematische Einheiten, bei denen ausdifferenzierte Wortschätze Resultat von kulturell-gesellschaftlichen Identifikationsprozessen sind. Mit anderen Worten: Das Schweizerdeutsch unterscheidet sich sprachsystematisch nur marginal vom Deutschen, aber die Unterschiede, die es z.B. im Wortschatz gibt, sind das Ergebnis einer kulturell-gesellschaftlichen Identifikation über einen Sprachwandelprozess.

Halten wir an dieser Stelle fest:

[bad img format]Sprachwandel findet nicht nur innerhalb von Einzelsprachen statt (systemimmanenter Sprachwandel); aus einer historischen Perspektive führte er auch unter bestimmten ökologischen Umständen (kulturelle RahmenbedingungenBedingungenRahmen-) zur Entstehung und Entwicklung von Einzelsprachen aus ursprünglich verbundenen Sprachfamilien (systemformender Sprachwandel).

1.3 Weiterführende und vertiefende Literatur

[bad img format]Als Einführung in das Forschungsfeld Sprache im Allgemeinen eignen sich MÜLLER 2009: 19ff. sowie 223ff. und SCHLOBINSKI 2014: 31ff.

Wenn Sie sich intensiver mit der Frage nach dem Gegenstand der Sprachwissenschaft befassen möchten, lesen Sie VATER 1999: 11–27 und ebenfalls MÜLLER 2009: 33ff. oder SCHLOBINSKI 2014: 15ff.

Für eine sprachhistorische Vertiefung empfehle ich Ihnen den sehr gut verständlichen und hervorragend illustrierten dtv-Atlas Deutsche Sprache (KÖNIG 2011). Lesenswert ist zudem die Deutsche Sprachgeschichte von GERHART WOLFF. Zudem lohnt jederzeit ein Blick in die umfangreiche (3 Bände) Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart von PETER VON POLENZ. Interaktiv und damit zum Lernen gut gestaltet ist die CD-ROM Interaktive Einführung in die Historische Linguistik von DONHAUSER 2007. Einen guten Überblick über die germanisch-deutsche Sprachgeschichte bekommt man bei SCHWEIKLE 2002.

Wenn Sie sich näher mit der Etymologie von deutschen Wörtern beschäftigen möchten, sollten Sie über die Anschaffung des Etymologischen Wörterbuches der deutschen Sprache von KLUGE nachdenken.

Eine sehr detailreiche Überblicksdarstellung über die Entwicklung der deutschen Sprache liegt seit 2014 mit UTZ MAAS’ Buch Was ist Deutsch? vor. Ein Blick in dieses Buch ist äußerst lohnenswert.

2 Was ist das Wesen der Sprache?

Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält. Schau’ alle Wirkenskraft und Samen, und thu’ nicht mehr in Worten kramen.

JOHANN WOLFGANG GOETHE (1749–1832)

[bad img format]Ziele und Warm-up

In diesem Kapitel wollen wir an unsere Überlegungen aus dem Eingangskapitel anknüpfen und uns noch ein wenig intensiver mit dem Wesen von Sprache befassen. Wir müssen zu einem angemessenen Sprachbegriff finden, damit wir verstehen können, auf welche Weise, also durch welche Prozesse und auf der Basis welcher Grundprinzipien, Sprachwandel abläuft.

Dazu ist es wichtig, dass wir uns mit SprachauffassungenSprachauffassung vertraut machen, die in der Forschung bekannt und akzeptiert sind. Sie werden sehen: Nicht jede Auffassung davon, was Sprache ist, taugt dazu, sprachliche Veränderungen zu erklären. Sie werden auch feststellen: Eine Sprachauffassung, die den Sprecher und dessen kommunikative Ziele mit in den Blick nimmt, kann auch sprachliche Veränderungen plausibel begründen. Deshalb sind die nachfolgenden Überlegungen nicht rein wissenschaftstheoretischer Natur, sondern sie helfen uns, Sprachwandel im Kern zu verstehen. Denn: Wenn wir wissen, wie etwas beschaffen ist, können wir auch leichter verstehen oder schlussfolgern, wie etwas funktioniert. Wie also ist die Sprache beschaffen und was ist sie? Darum geht es in diesem Kapitel.

Um in die Thematik einzusteigen, bitte ich Sie, die folgenden Fragen intuitiv zu beantworten:

 Was unterscheidet Ihre Muttersprache von anderen Sprachen, die Sie kennen?

 Haben Sie Haustiere? Können Ihre Tiere mit Ihnen sprechen?

 Wie unterscheidet sich die Sprache der Menschen von den Lauten der Tiere?

 Was ist die Funktion der menschlichen Sprache? Wozu verwenden Sie Ihre Sprache im Alltag?

 Woher wissen Sie, was sprachlich richtiges Handeln ist? Wer schreibt uns vor, wie wir zu sprechen und zu schreiben haben?

 Kann man auch ganz ohne Sprache kommunizieren? Finden Sie Beispiele.

2.1 Welche SprachauffassungenSprachauffassung gibt es?

Sprache ist grob gesagt ein „auf kognitiven Prozessen basierendes, gesellschaftlich bedingtes“ (BUSSMANN 2002: 616) Werkzeug, damit wir uns mit anderen Menschen, die dieselbe Sprache wie wir sprechen, verständigen können. Wie alle Werkzeuge unterliegt auch dieses im Laufe der Zeit historischen Entwicklungen. Es ist nie vollkommen und kann und wird sich im Laufe der Zeit verändern. Man geht davon aus, dass die Fähigkeit, Sprache in diesem Sinne als Werkzeug nutzen zu können, genetisch vorgegeben ist und auf neurophysiologischen Prozessen beruht. Sprache ist aber nicht einfach nur eine biologische Anlage, die wir Menschen haben und nutzen, sie ist zudem eine artspezifische Ausdrucksform, „die sich durch KreativitätKreativität, die Fähigkeit zu begrifflicher Abstraktion und die Fähigkeit zu metasprachlicher Reflexion von anderen Kommunikationssystemen unterscheidet“ (BUSSMANN 2002: 616). Mit anderen Worten: Sprache ermöglicht es uns, unsere Gedanken mit anderen Menschen zu teilen und anderen unsere Perspektive auf die außersprachliche Welt zu vermitteln. Zudem können wir über (die eigene oder fremde) Sprache sprechen, unser eigenes Sprechen kritisch beleuchten und auch das sprachliche Verhalten anderer bewerten (metasprachliche Reflexion).

Mit dem eigentlichen Wesen der Sprache ist es aber nun so eine Sache, denn dass sie ein Mitteilungsmittel sei und kulturell determiniert wird, ist keine historische, sondern eine eher moderne Sichtweise. Seit der Antike fragen sich Philosophen, was Sprache eigentlich für ein Ding sei, ob wir sie uns angeeignet hätten oder ob sie uns von Gott gegeben sei, wie Sprache unser Denken beeinflusse und vieles andere mehr. Aus diesen philosophischen Überlegungen haben sich im 19. Jahrhundert die Sprachwissenschaften herausgebildet. Gegenwärtig ist die Sprache ein Gegenstand, der neben Linguisten aber auch Biologen, Neurowissenschaftler, Soziologen und Wissenschaftler noch weiterer Disziplinen umtreibt.

Wenn man die auf den ersten Blick so simpel klingenden Fragen formuliert, was Sprache sei und wozu wir sie hätten, dann wird man unterschiedliche Antworten bekommen, je nachdem, wen man fragt. Biologen oder evolutionäre Psychologen würden das Phänomen wohl am ehesten mit den angeborenen und im Zuge der EvolutionEvolution entwickelten kognitiven und anatomisch-physiologischen Anlagen erklären wollen. Soziologen hingegen würden Sprache im Kontext zu gesellschaftlichen Strukturen und Systemen verorten. Und auch Sprachwissenschaftler sind sich nicht immer einig, was denn der Gegenstand ihres Faches eigentlich ist. Für das 20. Jahrhundert lassen sich etwa 30 SprachauffassungenSprachauffassung finden, die sich mehr oder weniger voneinander unterscheiden (vgl. ECKARD 2008). Diese Vielzahl an unterschiedlichen Herangehens- und Betrachtungsweisen liegt darin begründet, dass sie sich selbst durch Anlehnungen an zeitgemäße Theoriekonzepte anderer Disziplinen, wie etwa der Evolutionstheorie, legitimierten. ZEIGE (2001) weist darauf hin, dass es sich um Versuche handelte, „die nicht gegenständliche und darum schwer zu fassende Natur der Sprache in Anlehnung an andere Wissenschaften durch gegenständliche Analogien darzustellen“ (ZEIGE 2008: X).

In diesem Zusammenhang sei auf drei Phasen in der Entwicklung der modernen Sprachwissenschaft hingewiesen, die richtungsweisend für heutige moderne Sprachbetrachtungen gewesen sind. Zum einen ist dies die Hinwendung der Geisteswissenschaften im Allgemeinen und der Linguistik im Besonderen zu den Methoden der objektiven und empirisch erfolgreichen Naturwissenschaften. Ebenso wie es in den Naturwissenschaften möglich war, Phänomene exakt zu bestimmen, wollte man nun auch sprachliche Entitäten präzise und mithilfe von realem Datenmaterial analysieren können. Sprache war in der Betrachtung zuvor eher etwas Transzendentes gewesen; es ging weniger um konkrete sprachliche Phänomene als beispielsweise um den Zusammenhang von Sprache und WirklichkeitWirklichkeit.

Damit nun exakte Analysen möglich werden konnten, musste man von einer rein epistemischen Sprachbetrachtung zu einer materialistischen Betrachtungsweise übergehen. Diese Entwicklung war Fluch und Segen zugleich. Ihr ist es nämlich zuzuschreiben, dass organistische MetaphernMetapher bis heute in der Sprachbetrachtung zu finden sind. So spricht man noch heute vom Sprachwachstum, vom Aussterben bestimmter Dialekte oder vom Verfall einer Sprache. Dass es lebendige und tote Sprachen geben soll, entstammt diesem Denken. Sprache wird in dieser Sichtweise als ein „Ding mit ihm innewohnenden Lebenskräften“ (KELLER 2003: 25) eingestuft und dabei sowohl unangemessen verdinglicht als auch irreführend vitalisiert. Dass man zugleich begann, Sprache als System zu verstehen und einer medizinischen Sektion gleich die Einzelelemente genauer zu fokussieren, ist die positive Folge dieses Umdenkens, denn sie begünstigte die Erforschung sprachlicher Einzelphänomene.

Die zweite wichtige Zäsur in der Sprachbetrachtung wurde geprägt durch GUSTAV BERGMANN und wurde bekannt durch eine 1967 von RICHARD RORTY herausgegebene gleichnamige Anthologie mit dem Titel linguistic turn. Diese linguistische Wende in der Mitte des 20. Jahrhunderts bezeichnet Anstrengungen in der Philosophie, Literaturwissenschaft und Linguistik, sprachliche Vermittlungsformen genauer zu untersuchen, also nicht mehr allein den Text als sprachliches Gebilde zu analysieren, sondern – und das ist die große Leistung – die sprachlichen BedingungenBedingungensprachliche dahinter zu erforschen. Diese Entwicklung geht also mit einer verstärkten Hinwendung zur Sprache selbst, das bedeutet zu den Bedingungen der Verwendung und Bedeutung sprachlicher Äußerungen, einher. Viele Vertreter des linguistic turn hatten das Ziel, nicht mehr die Dinge an sich zu untersuchen, sondern die Phänomene hinter den Dingen, wie etwa die sozialen und kulturellen Bedingungen, unter denen Sprache entsteht und unter denen sie sich verändert. Auf diese Weise lässt sich auch Sprachwandel nicht mehr als Ding an sich betrachten, sondern Sprachwandel wird durch Prozesse des Sprachhandelns erklärbar. Die sogenannte linguistische Pragmatik als Lehre vom sprachlichen Handeln konnte sich erst im Zuge des linguistic turn entwickeln – sie kann uns heute wertvolle Hinweise darauf liefern, warum unser Sprachsystem so ist, wie es ist. Diese sprachpragmatische Arbeitsweise übernahmen zahlreiche Vertreter der linguistischen Fachgebiete, die Auswirkungen betrafen aber darüber hinaus auch die meisten anderen Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die dritte Entwicklung, die für die heutige SprachauffassungSprachauffassung von Bedeutung ist, bezeichnet man häufig als die Etablierung der sogenannten Bindestrich-Linguistiken in der Folge des linguistic turn. Gemeint ist damit die Annäherung der Sprachwissenschaft an angrenzende Disziplinen und die Öffnung für Methoden aus anderen Wissenschaftsbereichen. So gibt es heute eine Vielzahl an sehr spezialisierten Teildisziplinen innerhalb der sprachwissenschaftlichen Forschung, wie etwa die SoziolinguistikLinguistikSozio-, die Psycholinguistik, die Neurolinguistik oder die Textlinguistik. All diese Disziplinen kennzeichnen neue Dimensionen von Sprachbetrachtungsebenen, die konsequent von Theorien und Methoden ausgehen, die außerhalb der Sprachwissenschaft entstanden sind oder deren Techniken und Methoden größtenteils auf Nachbardisziplinen Bezug nehmen (vgl. WILDGEN 2010: 160).

Diese Bezugnahme auf andere Forschungsfelder und auf deren Methoden ist auch für die Sprachwandelforschung von Bedeutung. So geht ZEIGE davon aus, dass beispielsweise „die Erkenntnisse der psycholinguistischen Forschung das Verstehen von Verarbeitungsmechanismen und der mental-kognitiven Seiten von Sprache“ (ZEIGE 2011: XIX) erweitern können. Auch die SoziolinguistikLinguistikSozio- in der Tradition WILLIAM LABOVs kann Beiträge zu einem besseren Verständnis aus der Perspektive einer sozialen Strukturanalyse leisten, indem durch empirische Sozialforschung heute untersucht wird, wie Sprecher bestimmter sozialer Gruppen zu einer Veränderung des Sprachsystems beitragen. Gegenwärtige Untersuchungen zum sogenannten KiezdeutschKiezdeutsch oder zur Jugendsprache und damit verbunden Analysen zur Verbreitung und zur Wirkung dieser sozialen Varietäten auf das System der GemeinspracheGemeinsprache sind beispielsweise sehr aufschlussreich.

Was diese drei Phasen in der jüngeren Geschichte der Sprachwissenschaft so besonders macht, ist eine Hinwendung zur sprachlichen WirklichkeitWirklichkeitsprachliche und zu den Mechanismen sprachlichen Handelns. Wesentlich für die moderne Linguistik ist, dass der sprechende Mensch und die sprachlichen Funktionen in der Gesellschaft das Wesen der Sprache ausmachen. Seit dem Entstehen der modernen linguistischen Pragmatik wird der Tatsache, dass eine adäquate Sprachtheorie, die weder verkürzt noch hypostasiert, nur als sozialwissenschaftliche Theorie denkbar ist, in der Sprachwissenschaft sowie in den angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen verstärkt Rechnung getragen.

Wir können also über das Wesen der Sprache im Allgemeinen mit einem ersten Blick auf deren Veränderungen und den damit verbundenen Prinzipien festhalten:

[bad img format]Die Bestimmung der sprachlichen Struktur (= Sprache) sowie des sprachlichen Strukturwandels (= Sprachwandel) sind untrennbar verbunden mit den HandlungsmaximenMaximeHandlungs- und Handlungsroutinen der Sprecher in einer Sprachgemeinschaft. Diese Handlungsmaximen sind immer zweckgerichtet.

Die historische Sprachwissenschaft, die versucht, Sprachwandel zu erklären, ist von der beschriebenen Vielfalt der Betrachtungsmöglichkeiten nicht unbeeinflusst. Wenn man das Wesen des Wandels aus dem Wesen der Sprache ableiten möchte, muss man zunächst festlegen, welche SprachauffassungSprachauffassung man vertritt. Dabei gilt:

[bad img format]Je nachdem, welcher sprachwissenschaftlichen Schule man angehört, ist Sprache entweder ein natürliches, ein strukturalistisches, ein technisch-funktionales oder ein handlungstheoretisches Phänomen.

Wie jede andere Wissenschaft auch findet die Sprachwissenschaft ihren Gegenstandsbereich nicht einfach vor, sondern sie konstituiert ihn selbst. Diese Konstituierung geschieht aber nicht nach arbiträren, also nach willkürlichen Kriterien, sondern nach solchen, die in einer relevanten Hinsicht für Erkenntnisprozesse wesentlich sind. Vornehmlich sind es vier SprachauffassungenSprachauffassung, die Sprache als Gegenstandsbereich für die Wandelforschung konstituieren, wobei 2–4 sich als tauglich für Erklärungen erweisen, während 1 sich als untauglich erweist:

1 Sprache als Organismus

2 Sprache als komplexes Zeichensystem

3 Sprache als Werkzeug und Tätigkeit

4 Sprache als spontane OrdnungOrdnungspontane

Betrachten wir im Folgenden diese wesentlichen SprachauffassungenSprachauffassung einmal etwas genauer – das Verstehen des Gegenstandsbereichs ist wichtig, um nachvollziehen zu können, warum sich Sprachen wandeln. Denn: Wenn man nicht weiß, was sich wandelt, wird man auch nicht erkennen können, auf welche Weise das geschieht. Wir werden sehen, dass insbesondere die Festlegung von Sprache als spontane OrdnungOrdnungspontane uns dabei hilft, den Sprachwandel verstehen und erklären zu können. Lassen Sie uns also im Folgenden gemeinsam ein paar Fragen stellen und nach plausiblen Antworten suchen.

2.2 Welche SprachauffassungSprachauffassung ist die richtige?
2.2.1 Ist Sprache ein Organismus?

Die Frage danach, ob die Sprache etwas Lebendiges wie ein Organismus sei, enthält eine populäre MetapherMetapher. Metaphern sind dazu da, komplexe Sachverhalte bildhaft darzustellen, damit man sie besser verstehen kann. Nur leider sind Metaphern selten präzise, denn sie verdinglichen (hypostasieren) zu sehr. Die Organismus-Metapher im Zusammenhang mit dem Wesen von Sprache ist uns bereits begegnet. Es handelt sich dabei um eine SprachauffassungSprachauffassung, die auf den Prinzipien der Naturwissenschaft beruht. Sie ist entstanden in dem Bemühen, auch abstrakte geisteswissenschaftliche Phänomene exakt beschreiben zu wollen. Bedeutender Vertreter einer solchen Sichtweise ist der Indogermanist AUGUST SCHLEICHER. Seine Vorstellung kann man als organizistisch einstufen: Unterstellt wird eine Eigendynamik der Sprache, die durch den Sprachgeist als einer jeder Sprache immanente natürliche Kraft erklärt wird:

Die Sprachen sind Naturorganismen, die, ohne vom Willen des Menschen bestimmbar zu sein, entstanden, nach bestimmten Gesetzen wuchsen und sich entwickelten und wiederum altern und absterben; auch ihnen ist jene Reihe von Erscheinungen eigen, die man unter dem Namen „Leben“ zu verstehen pflegt. Die Glottik, die Wissenschaft der Sprache, ist demnach eine Naturwissenschaft; ihre Methode ist im ganzen und allgemeinen dieselbe wie die der übrigen Naturwissenschaften. (SCHLEICHER 1863: 6f)

Was diese vitalistische MetapherMetapher vom lebendigen Organismus auf den ersten Blick zunächst einmal sinnvoll und richtig erscheinen lässt, ist der beobachtbare Umstand, dass sich Sprache ständig wandelt. Aus der Dynamik von Sprachen könnte man schlussfolgern, dass in ihnen eine vitale Kraft steckt, dass Sprachen also leben. Die Entwicklung von Sprachen könnte man dieser Sichtweise folgend als eine Art EvolutionEvolution bezeichnen, als einen Prozess also, der zu einer steten Weiterentwicklung der Sprache beiträgt. Ein Blick auf die zuvor im ersten Kapitel umrissene historische Entwicklung des Deutschen aus einer indogermanischen Ursprache würde diese These greifbar machen: Wie anhand eines Familienstammbaums lässt sich die Entwicklung der deutschen Sprache zurückverfolgen. Mehr noch: Wir erkennen auch Verwandtschaften und können sogar abstufen, mit welcher Sprache das Deutsche enger und mit welcher es entfernter verwandt ist.

Nun hat diese Theorie einen entscheidenden Haken, weshalb eine organizistische Sprachbetrachtung in der Linguistik zwar in den letzten 150 Jahren intensiv diskutiert wurde und bis heute außerhalb der Sprachwissenschaften im Alltagsverständnis vom Werden und Wandel der Sprachen noch weit verbreitet ist, zur Erklärung des Sprachwandels aber nicht taugt. Der Haken liegt darin, dass eine solche Einschätzung dessen, was Sprache ist, den Sprecher mit seinen Handlungsmöglichkeiten außen vor lässt: „Der Wandel wurde [und wird in einer solchen Konzeption] als ein ausschließlich naturgesetzliches Phänomen angesehen“ (KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 126). Vernachlässigt man nun aber die Sprachbenutzer, müssten Sprachen auch aus sich selbst heraus lebensfähig sein; schließlich ist ein Organismus ein in sich geschlossenes System. Dies trifft auf Sprachen jedoch nicht zu.

[bad img format]AUGUST SCHLEICHER (1821—1868)

war ein deutscher Sprachwissenschaftler. Er gilt als Begründer der Stammbaumtheorie in der vergleichenden Sprachforschung und als Mitbegründer der Indogermanistik.

SCHLEICHER ging davon aus, dass sich die Prinzipien der Evolutionsbiologie, die im 19. Jahrhundert populär wurden, auch auf die Entstehung und die Entwicklung von Sprachen übertragen ließen. In Form eines Stammbaums rekonstruierte SCHLEICHER die Sprachen der indogermanischen Sprachfamilie aus einer indogermanischen Ursprache.

Seine Sprachphilosophie gründet auf der Annahme, die Methodik der Sprachwissenschaft müsse derselben Methodik folgen, welche auch die Naturwissenschaften anwenden.

Die Stammbaumtheorie gilt als richtungsweisende Leistung SCHLEICHERs für die Indogermanistik und ist noch heute von sprachhistorischem Wert.

Die Vorstellung, dass Sprache ein lebendiger Organismus sei, wurde insbesondere im 19. Jahrhundert von der Mehrzahl der Sprachwissenschaftler vertreten. Erst WILLIAM DWIGHT WHITNEY lehnte ein solches Konzept ab und vertrat die wesentlich plausiblere These, dass Sprache kein NaturphänomenPhänomeneNatur-, sondern ein sozial bestimmtes Konstrukt sei. Nicht verborgene vitalistische Konzepte im Sinne naturwissenschaftlicher Festlegungen bestimmen das Wesen der Sprache. Sprachen werden vielmehr geprägt durch die Sprecher, die Sprachen zu ihren Zwecken verwenden.

Diese neue und bis heute akzeptierte Sichtweise wirft allerdings dann ein Problem auf, wenn man die Rolle des Sprechers überbewertet. Sie könnte nämlich dazu verleiten, den Sprecher gewissermaßen zum Konstrukteur oder Schöpfer der Sprache und aller sprachlichen Veränderungen zu überhöhen. Dieser Eindruck ist falsch, weil man in einer Dichotomie gefangen ist, die nur NaturphänomenePhänomeneNatur- auf der einen und ArtefakteArtefakt auf der anderen Seite kennt: Entweder ist etwas ein natürliches Phänomen oder es ist vom Menschen gemacht. Was ist daran falsch? Nun, Sprache ist vom Menschen ‚gemacht‘, aber auf eine andere Art und Weise als beispielsweise ein Uhrwerk vom Menschen gemacht ist. Während das Uhrwerk das Ergebnis menschlicher Planung ist, ist die Sprache ungeplantes Ergebnis menschlicher Handlungen. Ich komme weiter unten auf diesen zentralen Gedanken noch einmal zurück.

Halten wir zunächst fest:

[bad img format]Sprache ist weder ein natürlicher Organismus noch das Resultat menschlicher Planung. Sprache ist das Ergebnis menschlicher Sprachverwendung. Dasselbe gilt auch für den Sprachwandel.

Folglich ist eine SprachauffassungSprachauffassung, die den Sprecher nicht berücksichtigt und stattdessen von Naturgesetzen ausgeht, für die Erklärung des Wesens und der Veränderungen von Sprache nicht nützlich. Stattdessen lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wie eine Sprache beschaffen ist, damit wir sie für unsere Zwecke nutzen können. Sehen wir uns also im Folgenden an, welche Eigenschaften es sind, die Wörter und Sätze zu geeigneten Mitteilungsmitteln für uns machen.

2.2.2 Ist Sprache ein Zeichensystem?

Mit der Frage, aus welchen Elementen Sprachen bestehen, werfen wir einen strukturalistischen Blick auf unseren Gegenstandsbereich. Zugleich ist die Überlegung, wie etwas beschaffen ist, untrennbar verknüpft mit dem Nachdenken darüber, wozu etwas da ist. Wenn wir beispielsweise wissen, wie die Anatomie des Herz-Kreislauf-Systems aussieht, können wir leicht beantworten, wozu wir dieses System haben und was es in unserem Körper macht.

Grob gesagt dient uns Sprache dazu, uns in der Gesamtgesellschaft, in der wir leben, untereinander möglichst ohne Missverständnisse verständigen können. Dazu verfügen alle Sprecher in dieser Sprachgemeinschaft über dieselben Wörter und Zeichen, also über dasselbe Lexikon und dieselbe Grammatik. Als Sprachforscher würde man sagen: Alle Sprachbenutzer können auf denselben gemeinsamen Zeichenvorrat zurückgreifen und kennen die Regeln, nach denen diese Zeichen miteinander verbunden werden. Man nennt die gemeinsam gesprochene Sprache einer Sprachgemeinschaft GemeinspracheGemeinsprache und grenzt sie von SondersprachenSondersprache ab, die nur von einigen Sprechern gesprochen und verstanden werden (z.B. Fachsprachen).

Dass es in WirklichkeitWirklichkeit gar nicht so etwas wie die eine Sprache gibt, die wir alle gemeinsam sprechen, wissen Sie sicher aus Ihrer eigenen Lebenserfahrung. Sie werden mit Ihrem Automechaniker anders sprechen müssen, als Sie das möglicherweise an der Universität mit Professoren für nötig halten: Das Variieren mit den Mitteln aus Ihrem sprachlichen Repertoire dient situationsbezogen der einfacheren und besseren Verständigung oder es dient sozialen Zwecken (z.B. dem Imponieren oder dem Vermitteln eines bestimmten Eindrucks von Ihrer Person). Insofern gibt es Schnittmengen, aber es gibt kaum den Fall, dass zwei Sprecher über exakt denselben Zeichenvorrat verfügen. Das gilt auch für die Regeln, nach denen diese Zeichen zusammengesetzt werden. Auch hier sind die Kenntnis und die Beherrschung von grammatischen Regeln ungleich ausgeprägt.

Das Sprachvermögen und insbesondere der Wortschatz der Menschen unterscheiden sich dabei je nach sozialer oder regionaler Herkunft und Bildung. Schätzungen zufolge umfasst die deutsche Sprache zwischen 300000 und 500000 Wörter – und sie wandelt sich ständig. Fast täglich gelangen neue Wörter in unsere Sprache und genauso schnell und häufig verschwinden Wörter, weil wir sie nicht mehr verwenden. Modewörter oder moderne Wortneuschöpfungen wie z.B. das im Jahr 2014 gewählte „Unwort“ des Jahres Lügenpresse sind solche transitorischen, also vorübergehenden Erscheinungen. Unmöglich ist es, den gesamten Wortschatz der GemeinspracheGemeinsprache zu beherrschen. Auch wenn Sie noch so gebildet sind, werden Sie vermutlich nicht mehr als 100000 Wörter kennen, wobei Sie noch lange nicht alle diese Wörter tatsächlich benutzen. Die Sprachwissenschaft geht davon aus, dass ein durchschnittlicher Erwachsener zwischen 8000 und 16000 Wörter aktiv gebraucht; die große Mehrheit der Sprachbenutzer kommt wohl mit rund 5000 Wörtern aus.

[bad img format]Menschliche Sprache ist ein komplexes System sprachlicher Zeichen, die zueinander in syntagmatischen und/oder paradigmatischen Beziehungen stehen und durch konventionelle grammatische Regeln syntaktisch miteinander verbunden sind.1

Unser Zeichensystem besteht in erster Linie aus Wörtern, die bestimmte Bedeutungen tragen. So hat das Wort Regenschirm in unserem Wortschatz eine Bedeutung, die sich in etwa so ausdrücken lässt: Verwende das Wort „Regenschirm“, wenn Du von einem Gegenstand sprechen willst, den wir in unserem Kulturkreis verwenden, um draußen im Regen nicht nass zu werden.2 Viele Begriffe haben ähnliche Bedeutungen, doch kann man den Begriff Regenschirm z.B. von den Wörtern Sonnenschirm oder Cocktailschirm abgrenzen. In aller Regel ist das für jeden Sprecher des Deutschen mühelos möglich, weil es sich um konventionelle BegriffeBegriffkonventionell handelt, die jeder kennt. Oder ein wenig technischer ausgedrückt: Jeder Sprachbenutzer kennt die Regeln, die für den Gebrauch des Wortes Regenschirm in unserer Sprachgesellschaft gelten – und er kennt damit die Bedeutung des Wortes.

[bad img format]Menschliche Sprache ist ein Netz aus sich überlagernden KonventionenKonvention. Sie ist dadurch dynamisch und trägt auf diese Weise das Potenzial zum Wandel in sich.

Wenn wir miteinander sprechen, dann bedienen wir uns einer sehr verzweigten Sprache, die aus einem mehr oder weniger großen Vorrat sprachlicher Zeichen besteht. Ein sprachliches ZeichenZeichensprachliches besteht – nach dem Schweizer Linguisten FERDINAND DE SAUSSURE – aus einer Ausdrucks- und einer Inhaltsseite. Bei sprachlichen Zeichen unterscheidet man also, ähnlich wie bei den zwei Seiten einer Medaille oder eines Geldstücks, zwischen zwei Ebenen: Auf der einen Seite steht die Lautäußerung, auf der anderen Seite befindet sich der Inhalt, der kommuniziert werden soll.

Abb. 1

Das sprachliche ZeichenZeichensprachliches (nach SAUSSURE)

Dabei liegt die Bedeutung eines Wortes nicht in dem sprachlichen ZeichenZeichensprachliches selbst, sondern wird ihm durch den Gebrauch zugewiesen – ähnlich wie der Wert eines Geldscheins nicht im Papier des Scheins steckt, sondern ihm durch eine KonventionKonvention zugeschrieben wurde. Der reine Materialwert dürfte bei einem 5-Euro-Schein derselbe sein wie bei einer 500-Euro-Banknote. Der 100-fach höhere Wert wird nicht über den Materialwert bestimmt. So besitzen sprachliche Zeichen aus sich selbst heraus auch keine Bedeutung, sie erlangen sie erst dadurch, dass man sie verwendet. Dieses Prinzip der Zuordnung sprachlicher Zeichen durch den Sprecher bezeichnet man als ArbitraritätArbitrarität. Doch bedeutet das nicht, dass jeder Sprecher jedes Wort willkürlich zur Benennung einer Sache verwenden kann. Das sprachliche Zeichensystem ist ein mehr oder weniger festes Regelwerk, das man beherrschen muss, um sich sprachlich verständigen zu können.

[bad img format]FERDINAND DE SAUSSURE (1857—1913)

war ein schweizerischer Sprachwissenschaftler. SAUSSURE gilt als der Begründer der modernen Linguistik und des Strukturalismus. Er entwickelte eine allgemeine Theorie der Sprache als Zeichensystem (Zeichentheorie) und zudem die Methode, solche Systeme strukturell analysieren zu können. Dabei ist die ihm zugeschriebene Zeichentheorie, die das sprachliche ZeichenZeichensprachliches mit seiner Ausdrucks- und Inhaltsseite bestimmt, eine Vorlesungsmitschrift, die seine Schüler CHARLES BALLY und ALBERT SECHEHAYE posthum 1916 unter dem Titel Cours de linguistique générale veröffentlich haben.

Zu Lebzeiten war SAUSSURE — wie es der Mode seiner Zeit entsprach — berühmt als Indogermanist. Als Strukturalist galt und gilt SAUSSURE erst nach seinem Tod.

Wie ein Zeichen im Allgemeinen interpretiert wird, hängt entscheidend von der Kultur ab, in der man lebt. Zeichen erlangen ihre Bedeutung nicht aus sich selbst heraus, sondern durch die Verwendungskonventionen, die für sie gelten. Damit Sie ein Verkehrsschild richtig deuten können, müssen Sie irgendwo gelernt haben, was das Zeichen im Straßenverkehr bedeutet. Ikonografische Zeichen, also Zeichen, die aufgrund einer direkten und sofort erkennbaren Abbildfunktion auf etwas verweisen, verstehen wir meist intuitiv. Eine durchgestrichene Zigarette etwa können wir rasch und in jedem Kulturkreis als Zeichen für ein Rauchverbot interpretieren. Dass aber bei uns Verbotszeichen immer rund sind und ein schwarzes Piktogramm auf weißem Hintergrund aufweisen sowie mit einem dicken roten Rand und einem roten Querbalken von links oben nach rechts unten versehen sind, ist konventionell bestimmt; die Bedeutung von Form und Farbgebung eines Schildes muss man lernen. Ansonsten könnte die durchgestrichene Zigarette beispielsweise auch bedeuten, dass Sie keine Zigaretten kaufen können. Sie benötigen also kulturelles Weltwissen, um Zeichen richtig deuten zu können – das gilt für außersprachliche Zeichen ebenso wie für Wörter. Und dieses Wissen unterscheidet sich oftmals ganz erheblich je nachdem, wo Sie sich gerade in der Welt befinden – und auch davon, zu welcher Zeit Sie leben.

[bad img format]Sprachwandel betrifft alle Elemente des sprachlichen und außersprachlichen Zeichensystems. Verwendungskonventionen sprachlicher Zeichen sind kulturelle Phänomene und unterliegen dabei immer auch dem Wandel: Was heute als konventionell korrekt gilt, kann morgen bereits falsch sein.

So ist in unserer heutigen Gesellschaft eine leichte Bräune ein Zeichen für Wohlstand. Vor 200 Jahren galt Blässe als so schick, dass man sogar mit Puder nachhalf. Sie sehen:

[bad img format]Zeichen sind aufgrund ihrer Interpretierbarkeit stets wandelbar. Das gilt für sprachliche und außersprachliche Zeichen gleichermaßen.

Wir Menschen haben unsere Sprache, um uns die Erfüllung unserer kommunikativen Ziele zu erleichtern. Dabei ist das Vorhandensein einer Sprache weder notwendig noch hinreichend für unsere menschliche Kommunikation: Wir können auch ohne Sprache kommunizieren und Sprache allein macht auch noch keine Kommunikation aus. Vielmehr ist es umgekehrt: Die Fähigkeit zur Kommunikation ist eine Grundbedingung für den Besitz einer menschlichen Sprache. Oder anders ausgedrückt: Wenn wir Menschen nicht die Fähigkeit und das Bestreben zur absichtsvollen BeeinflussungBeeinflussung unserer Mitmenschen besäßen, dann hätten wir auch keine Sprache. Diesen Umstand, der für unsere kommunikativen Handlungsmöglichkeiten sehr zentral ist, möchte ich im Weiteren näher erläutern.

Ich stelle dazu zunächst eine Behauptung auf und werde Ihnen dann zeigen, warum diese Sicht der Dinge angemessen ist:

[bad img format]Sprache ist nicht die Bedingung für Kommunikation, sie ist vielmehr eine evolutionäre Folge unserer kommunikativen Bemühungen.

Menschliche Sprache unterscheidet sich von tierischen Lauten dadurch, dass Lautäußerungen bei Tieren eher Ausdruck innerer Ereignisse sind und nicht der Kommunikation in unserem Sinn entsprechen dürften. Während unsere Sprache den Charakter der ZeichenhaftigkeitZeichen-haftigkeit trägt – wir also mit sprachlichen ZeichenZeichensprachliches absichtsvoll kommunizieren, um andere Menschen in der von uns gewünschten Weise zu etwas zu bringen –, sind tierische Laute eher als SymptomeSymptom zu deuten. Die Bedeutung sprachlicher Zeichen ist im Gegensatz zu Symptomen, die natürlich hervorgebracht werden, konventionell, also durch Übereinkunft definiert. Sprachliche Zeichen müssen daher bewusst oder unbewusst erlernt werden.

Auch bei uns Menschen gibt es zahlreiche SymptomeSymptom, wenn es darum geht, Krankheiten zu identifizieren. Eine laufende Nase etwa ist ein Symptom für einen Schnupfen. Symptome dienen aber nicht der Kommunikation. Sie werden weder absichtsvoll hervorgebracht noch sollen sie der BeeinflussungBeeinflussung dienen. „Symptome können ähnliche Effekte hervorrufen wie sprachliche ZeichenZeichensprachliches“ (KELLER 2003: 38), aber sie sind keine sprachlichen Zeichen.

Sprache, wie wir sie haben, ist ein System von Zeichen, das uns zur absichtsvollen Kommunikation dient, und es ist sehr plausibel anzunehmen, dass die Fähigkeit zur Kommunikation eine Bedingung dafür war, dass Sprache sich überhaupt entwickeln konnte. Tierischen Lauten hingegen fehlt das Zeichenhafte, das unsere menschliche Sprache ausmacht. Tierische Kommunikation basiert auf SymptomenSymptom und selbst Tierbesitzer, die oftmals behaupten, ihr Dackel oder ihre Katze „spreche“ mit ihnen, werden einräumen müssen, dass ein Schwanzwedeln oder ein Fauchen eher ein Symptom für einen inneren Vorgang in ihrem Tier als ein absichtsvoll ausgesendetes Zeichen zum Zweck der BeeinflussungBeeinflussung ist. Dass dies dennoch oft anders wahrgenommen wird, liegt daran, dass viele Herrchen menschliche Kommunikation in den symptomischen Handlungen ihres Tieres spiegeln. Der Linguist HEINZ VATER schreibt dazu: „[Ein Hund] kann – nach einem Ausspruch von Bertrand Russel – nicht mitteilen, dass seine Eltern arm, aber ehrlich waren“ (VATER 1999: 17).

Wenn wir also anerkennen, dass unsere menschliche Sprache a) ein komplexes Zeichensystem ist und b) dieses Zeichensystem auf absichtsvollem Gebrauch basiert, dann möchte man herausfinden, wie ein solches System, das zwischen SymptomenSymptom und SymbolenSymbol unterscheidet, entstanden ist. Wie ist aus einer tierischen Symptomsprache eine menschliche Symbolsprache, also ein komplexes System sprachlicher Zeichen geworden? Dazu gibt es in der Sprachphilosophie sehr viele kluge Ausführungen, die sich mit der Genese menschlicher Sprache beschäftigen. Viele davon sind lesenswert, aber sie sind oft sehr abstrakt. Die folgende Geschichte ist ein Märchen und soll auch als solches verstanden werden. Aber dieses Märchen enthält wichtige Gedanken darüber, welchen Nutzen die menschliche Sprache hat. Diese Aspekte sind zentral, wenn wir erklären möchten, auf welche Weise Sprachen entstanden sind und wie sie sich verändern können.3

Exkurs: Karlheinz, der Affenmensch — oder: Wie sind wir überhaupt zur Sprache gekommen? 4

Vor rund einer Million Jahren lebte in der Savanne Afrikas eine Horde Affenmenschen, also eine Gattung Lebewesen, die weder Mensch noch Affe war. Was diese Affenmenschen von den Menschen unterschied, war, dass sie keine Sprache hatten. Dennoch konnten sie sich untereinander verständigen, indem sie knurrten oder keiften, wenn sie verärgert waren oder wimmerten, wenn es ihnen schlecht ging. Diese Laute waren Ausdruck ihrer Gefühle. Wenn die Affenmenschen Angst hatten, dann schrien sie laut, auch um die anderen Familienmitglieder zu warnen.

In der Horde lebte ein Affenmensch mit Namen Karlheinz. Karlheinz war ein eher schmächtiger Bursche und sein Rang in der Gruppe war gering. Dafür war Karlheinz ziemlich clever — und eigentlich immer hungrig.

Jeden Abend, wenn die kleine Gruppe um ihr Feuer saß und die Beute des Tages verspeiste, war es Karlheinz, der stets als Letzter etwas zu fressen bekam. Die Lautesten und Stärksten in der Gruppe sicherten sich die leckersten Happen, so ging es tagein und tagaus. Karlheinz saß jedes Mal ein wenig abseits und wartete traurig darauf, die letzten Reste der Beute abzubekommen.

Eines Abends, die Gruppe saß wieder am Futterplatz zusammen und verzehrte ihre Beute, erblickte Karlheinz einen Tiger im Gebüsch unweit des Platzes. Sofort stieß er einen lauten Angstschrei aus, woraufhin die restlichen Affenmenschen sogleich von ihrem Fressen abließen und das Weite suchten. Der Schrei, den Karlheinz ausgestoßen hatte, war ein SymptomSymptom der bloßen Angst. Wie versteinert blieb er an seinem Platz sitzen, unfähig, sich zu rühren. Da erschien aus dem Gebüsch nicht etwa ein gefährlicher Tiger, sondern ein harmloses kleines Schweinchen, das mehr Angst vor Karlheinz hatte als er vor ihm. Karlheinz hatte sich geirrt.

Als Karlheinz nun sehr erleichtert sah, dass er jetzt der einzige am Futterplatz war, musste er grinsen. Das ganze schöne Fressen hatte er für sich allein, weit und breit war niemand zu sehen, der es ihm streitig machen konnte. Nachdem er sich den Bauch vollgeschlagen hatte, kam ihm eine zündende Idee: Warum sollte er das, was ihm versehentlich passiert war, nicht künftig willentlich tun?

Als am nächsten Abend wieder einmal kein Platz für ihn an der Futterstelle frei war, packte ihn der Mut und er imitierte haargenau den Schrei des Vorabends und wieder flüchteten alle anderen Affenmenschen — Karlheinz konnte sich erneut in aller Seelenruhe vollfressen.

Karlheinz fand Gefallen an seinem Trick und übertrieb es. Eines Tages wurde einer der anderen Affenmenschen misstrauisch. Statt zu fliehen, blieb er sitzen und als er sah, dass keine Gefahr drohte, hatte er die Täuschung durchschaut. Immer mehr Affenmenschen kamen dem Trick mit dem Schrei auf die Schliche und so verbreitete er sich rasend schnell. Jeder, der ihn kannte, wollte es selbst einmal ausprobieren. Natürlich ging das nicht lange gut. Als die stärkeren Affenmenschen dahinter kamen, war das Spiel vorbei — und Karlheinz musste wieder hungern und um Almosen betteln.

Eines Tages geschah etwas, was man als den ersten tatsächlich kommunikativen Akt im menschlichen Sinne bezeichnen kann: Einer der Chefs der Truppe, der es nie nötig gehabt hatte, den Angstschrei zu imitieren, um an Nahrung zu kommen, verwendete den Schrei, als ihm einer der Habenichtse zu nahe kam — nicht aber, um ihn zu täuschen, sondern um ihm ganz direkt zu verstehen zu geben, er solle schleunigst verschwinden. Dabei musste er den Schrei nicht einmal sonderlich gut imitieren. Ganz im Gegenteil: Es sollte erkennbar sein, dass es sich nicht um einen Schrei der Angst handelt, sondern um ein willentlich und absichtsvoll hervorgebrachtes Imitat. Die Bedeutung dieses sehr rudimentären ersten menschlichen Wortes könnte man frei übersetzen mit: Hau bloß ab, sonst gibt es was mit der Keule auf die Mütze! Bei Fußballspielen u.ä. Veranstaltungen lässt sich diese sehr archaische menschliche Kommunikation noch heute bisweilen beobachten.

Der Schrei war zu einem sprachlichen ZeichenZeichensprachliches geworden und die naturhafte Kommunikation hatte ihre Unschuld verloren. Der Schrei war nicht mehr länger Ausdruck, also ein SymptomSymptom von Angst, sondern zum Ausdruck eines Willens und damit zum Mittel einer kommunikativen Handlung geworden. Und so war es Karlheinz, der den Menschen über Umwege und aus Hunger die Sprache gebracht hat.

Auch wenn es sich bei dieser Geschichte nur um ein Märchen handelt, das in einem wissenschaftlichen Sinn keinen Anspruch auf Korrektheit erhebt, können wir doch eines daraus lernen:

[bad img format]Menschliche Kommunikation durch Sprache bedeutet, ein System konventioneller sprachlicher Zeichen mit einer bestimmten Syntax zu haben, mit dessen Hilfe man einem anderen Menschen zu erkennen geben kann, wozu man ihn bringen möchte.

Ob nun Karlheinz tatsächlich der Erfinder des ersten sprachlichen ZeichensZeichensprachliches war oder nicht, spielt dabei keine Rolle – aber es ist eine schöne Vorstellung.

Die Tatsache, dass wir auch ohne Sprache kommunikativ handeln können (z.B. durch Gesten oder durch unsere Kleidung), zeigt, dass Sprache nicht die Voraussetzung für menschliche Kommunikation ist, sondern dass menschliche Kommunikationsfähigkeit eine Voraussetzung für menschliche Sprache (als kommunikatives Zeichensystem) darstellt: „Kommunizieren unter Zuhilfenahme konventioneller Mittel, wie z.B. sprachlicher Zeichen, ist ein spezieller Fall von Kommunikation; wenngleich es heutzutage für uns die normale und überwiegend praktizierte Art und Weise zu kommunizieren ist“ (KELLER 2003: 77).

2.2.3 Ist Sprache ein Werkzeug?

Wir haben bereits erkannt, dass Sprache kein Organismus ist. Dennoch kann man mit gutem Recht behaupten, dass es sich um ein OrganonOrganon, also um ein Werkzeug handelt.1 Der wesentlichste Unterschied zwischen den Auffassungen von Sprache als Organismus und von Sprache als Organon besteht darin, dass die Sprache im letzteren Falle nicht als eigenständige Entität, die es auch unabhängig vom Menschen geben könnte, sondern als ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Kultur angesehen wird. Aber auch durch den Organon-Begriff darf man sich nicht in die Irre führen lassen: Sprachen dienen uns zwar zu bestimmten Zwecken, deshalb sind sie keine unabhängigen Organismen. Sie sind Werkzeuge, aber auch nicht im Sinne eines Hammers oder einer Zange, denn solche Werkzeuge sind vom Menschen mit Absicht erschaffen worden. Für Sprachen gilt das nicht.

[bad img format]Sprache erhält ihren Charakter als Werkzeug über den Gebrauch, nicht durch Planung.

Wie jedes Werkzeug ist auch die Sprache funktional; das bedeutet, dass sie sich zu bestimmten Zwecken nutzen lässt. Der Werkzeugcharakter wird dann deutlich, wenn man hinterfragt, wozu Sprache eigentlich da ist, also welche Funktion Sprache erfüllt.

Wenn Menschen miteinander kommunizieren, dann werden nicht nur Informationen übertragen. Ganz im Gegenteil: Wir wollen mit jeder Botschaft viel mehr ausdrücken als das, was wir sagen. Das konnten wir bei Karlheinz, dem Affenmenschen, bereits erkennen, der seine Laute mit einer bestimmten Absicht hervorgebracht hat, wodurch das SymptomSymptom vom SymbolSymbol erst unterscheidbar gemacht wurde.

Ein naiver Sprachbegriff würde davon ausgehen, dass Sprache dazu da ist, die Welt, so wie sie ist, abzubilden. Kommunikation wäre dann der Austausch von Informationen über die Welt. Wenn das so wäre, dann wäre Kommunikation sehr langweilig und es würde weit weniger miteinander gesprochen, als es in der Realität der Fall ist. Überprüfen Sie das einmal an Ihrem eigenen Sprachhandeln: Warum sprechen Sie mit anderen Menschen? Sie werden feststellen, dass Sie, wenn Sie abends mit Freunden zusammensitzen, nicht konsequent über ein oder zwei Themen sprechen. Vielmehr springen Ihre Gespräche immer hin und her – mit verteilten Gesprächsanteilen. Nach einem solchen Abend nehmen Sie sicher auch einige neue Informationen mit nach Hause. Viel wichtiger aber ist es, dass Sie durch Sprache in einem sozialen GefügeGefügesoziales eingebunden waren. Sie haben sich darstellen können, Sie haben Ihre Meinung positionieren können, Sie haben als Ratgeber fungiert u.v.m. Sie haben durch Ihr Sprachhandeln auf Ihre Umwelt eingewirkt und Ihre Rolle im sozialen Gefüge u.U. gefestigt. Ihr Sprechen hat sicher etwas bewirkt und wenn Sie in diesem Gespräch beispielsweise Ihrem besten Freund versprochen haben, ihm beim Reparieren seines Fahrrades zu helfen, dann haben Sie sogar aktiv durch Sprechen gehandelt: Jemandem ein Versprechen zu geben, ist eine sprachliche und zugleich eine soziale Handlung. Die Lehre von solchen sprachlichen Handlungen nennt man in der Sprachwissenschaft Pragmatik. Die Pragmatik geht, grob gesagt, von folgender Prämisse aus:

[bad img format]Sprachliches Handeln ist immer auch außersprachliches Handeln — und damit ein Werkzeug zur sozialen Interaktion.

Jetzt, da wir wissen, dass Sprache eine Handlungsfunktion besitzt und nicht etwa zur Spiegelung der Welt dient, können wir erkennen, dass Sprachwandel nicht dadurch bestimmt ist, dass sich die Welt verändert.

[bad img format]Nicht der Wandel der Welt führt zu einem Wandel der Sprache, sondern Veränderungen in den HandlungsmaximenMaximeHandlungs- von Sprechern. Diese Handlungsmaximen können durch einen Wandel in der Welt bestimmt sein, dies ist aber weder notwendig noch hinreichend für Sprachwandel.

Auch WILHELM VON HUMBOLDT ist dieser Auffassung, wenn er schreibt, „daß die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst“ (HUMBOLDT 1820/1963: 19f.).

Der Sprachpsychologe KARL BÜHLER hat ein OrganonOrganon-Modell entwickelt, das anschaulich zeigen kann, welche Funktion Sprache in der menschlichen Kommunikation erfüllt. In erster Linie ist BÜHLERs Modell ein linguistisches Modell für Kommunikation, denn die Sprache steht bei diesem Modell im Zentrum der Betrachtung. Die Idee BÜHLERs war es, das Sprachzeichen und die Sprache an sich in den Zusammenhang mit der konkreten Sprechhandlung zu setzen. Das Besondere daran: BÜHLER betrachtet Sprache als ein Gebilde der Handlung, erkennt also, dass Sprechen immer auch gleichzeitig Handeln bedeutet. Aus diesem Grund nennt er sein Kommunikationsmodell in Anlehnung an Platons Dialog „Kratylos“ das Organon-Modell.2Organon Die Sprache selbst ist für BÜHLER ein Werkzeug, mit dessen Hilfe man einem anderen Menschen etwas über die Dinge der Welt mitteilen kann.3

BÜHLER entwickelt sein Modell anhand des konkreten Schallphänomens, das entsteht, wenn wir sprachliche ZeichenZeichensprachliches hervorbringen. Das OrganonOrganon-Modell geht von einer wechselseitigen Beziehung zwischen Sender und Empfänger aus. Hinzukommt, dass es in diesem Modell eine Verbindung zu den materiellen Gegenständen selbst gibt. Es gibt somit eine RelationRelationen des Schallphänomens zum Sprecher (Sender), eine Relation des Schallphänomens zum Hörer (Empfänger) und eine Relation des Schallphänomens zu den Dingen oder Sachverhalten der Welt. Mit Sprache lassen sich in diesem Modell also Dinge und Sachverhalte darstellen. Und nun kommt der Clou: Das Schallphänomen ist für den Sprecher Ausdruck seines Erlebens und seiner Empfindungen, für die Gegenstände und Sachverhalte in der Welt eine symbolhafte Darstellung und für den Hörer ein Signal oder ein Appell, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten (und wenn es nur das Zuhören ist). Ausdruck, Darstellung und Appell sind somit die drei Funktionen, die sich für BÜHLER in jedem konkreten Sprechereignis zeigen. Das Modell selbst lässt sich wie folgt schematisch darstellen:

Abb. 2

Das OrganonOrganon-Modell (nach BÜHLER)

Die Sprache wird hier als ein Mittel, Werkzeug oder Instrument gesehen, durch das der Mensch mit seinen Mitmenschen kommuniziert, durch das er sie beeinflusst oder manipuliert. Diesen Tätigkeitscharakter finden wir schon bei HUMBOLDT, wenn er feststellt:

Sie selbst [die Sprache] ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia). […] Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als die Sprache ansehen. (HUMBOLDT 1836/1963: 418)

Halten wir also für den Augenblick zusammenfassend fest:

[bad img format]Sprache ist Mittel der BeeinflussungBeeinflussung anderer Menschen mittels sprachlicher SymboleSymbol.

Sprache ist also geknüpft an strategische HandlungsmaximenMaximeHandlungs-, die wiederum soziokulturell determiniert und damit dynamisch sind.

[bad img format]Sprachwandel ist somit ein Spezialfall soziokulturellen Wandels.

Dass Sprache Handeln ist und dass Handeln wiederum ein sozial bestimmtes Phänomen ist, welches bestimmten HandlungsmaximenMaximeHandlungs- verpflichtet und damit zweckgerichtet ist, wird auch anhand der im vorherigen Abschnitt besprochenen Unterscheidung zwischen SymptomenSymptom und SymbolenSymbol evident: Es ist ein gravierender Unterschied, ob jemand absichtsvoll ein Wort äußert oder ob er durch ein reflektorisches Husten Laute hervorbringt. Das Wort ist ein sprachliches ZeichenZeichensprachliches, das Husten nicht. Dasselbe gilt auch für nonverbale Zeichen: Wenn jemand zum Ausdruck seiner Verärgerung das Gesicht verzieht, dann kommuniziert er auf diese Weise und gibt seinem Gegenüber zu verstehen, dass er wütend ist (und eine bestimmte Reaktion erwartet). Das Verziehen des Gesichts ist ein kommunikatives, sprachliches Zeichen. Ein vor echtem Schmerz verzerrtes Gesicht hingegen ist ein Symptom, aber kein Zeichen. Wenn jemand den Laut eines Gähnens imitiert, ist das ein absichtsvoll hervorgebrachtes sprachliches Zeichen. Echtes Gähnen hingegen ist ein Symptom für Müdigkeit, das durch Sauerstoffmangel ausgelöst wird. Und ein tropfender Wasserhahn ist Symptom einer defekten Dichtung, aber im Gegensatz zu einer Hupe am Auto kein auditives Zeichen. Das Tropfen des Wasserhahns will (sofern es sich um einen Defekt handelt) niemanden zu einer bestimmten Handlung bewegen, das Hupen hingegen schon.

[bad img format]Die wesentliche Eigenschaft kommunikativ genutzter Zeichen besteht darin, dass wir sie in der Absicht nutzen, einem anderen Menschen etwas Bestimmtes zu erkennen zu geben. Sie dienen damit der direkten BeeinflussungBeeinflussung.

Sprache erleichtert uns also das Kommunizieren und für sprachlich kodierte Kommunikation, die mit Absicht hervorgebracht wird, ist Sprache auch zwingend notwendig. Nur durch ein absichtsvoll hervorgebrachtes Augenrollen oder durch Ihre Körpersprache können Sie keine komplexen Sachverhalte ausdrücken. Dafür benötigen Sie Sprache.

Diese Erkenntnisse und das Wissen über Sprache als komplexes Zeichensystem lassen Rückschlüsse auf den Prozess des Sprachwandels zu. Sprachwandel ist nämlich auf eine bestimmte Weise an kommunikative Absichten gekoppelt. Denn: Sprachliche Zeichen sind konventionelle Mittel zur Kommunikation. Und Kommunikation ist absichtsvolles Sprachhandeln. So gesehen ist der Sprachwandel eine Folge veränderten Sprachhandelns, was nicht heißen muss, dass diese Folge ebenfalls absichtsvoll entsteht.

[bad img format]Das absichtsvolle Sprachhandeln mithilfe komplexer sprachlicher Zeichen führt unter bestimmten Umständen zu einem unabsichtlichen Sprachwandel. Dabei gilt: Sprachwandel ist immer die Folge von Sprachhandlungen, aber Sprachhandlungen haben nicht immer Sprachwandel zur Folge.

Wir werden in Kapitel 3 noch näher auf diesen Zusammenhang eingehen. Zunächst möchte ich Ihnen zeigen, auf welche Weise ein so geordnetes und funktionales System wie die Sprache überhaupt entsteht und wie es zusammengehalten wird. Welche Akteure sind es, die Sprache zu dem machen, was sie ist?

2.3 Ist Sprache das Ergebnis menschlicher Planung?

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir schon sehr viel darüber, was Sprache ist und was sie nicht ist. Wir haben gesehen, wozu wir über Sprache verfügen und haben eine Idee davon, wie wir mit Sprache umgehen – und dass dieser Umgang unter bestimmten Umständen, die wir in den folgenden Kapiteln noch näher ansehen müssen, zu Veränderungen der Sprache führen kann. Zum Abschluss dieses Kapitels über Sprache sollten wir uns nun Gedanken dazu machen, welche Kräfte es sind, die Sprache als System hervorgebracht haben und es stabil halten.

Wir müssen zunächst festlegen, wer oder was eigentlich dafür sorgt, dass das komplexe System Sprache, so wie wir es gerade kennengelernt haben, stabil bleibt. Wer oder was formt die Sprache, so dass sie nicht auseinanderfällt? Und wieso ist dieses System dennoch offen für Veränderungen?

Eine plausible Sichtweise und Begründung dafür ist die Erklärung über das Konzept der spontanen OrdnungOrdnungspontane (vgl. KELLER 2003: 30ff.). Dieses Konzept taugt dazu, die Genese und den Wandel von Sprache zu beschreiben, weil es die Frage beantwortet, wie komplexe kulturelle Phänomene und Strukturen, zu denen auch die Sprache zählt, überhaupt entstehen (in Abgrenzung zu der bereits anhand von Karlheinz beantworteten Frage, wie die Elemente dieses Systems, die sprachlichen ZeichenZeichensprachliches also, in die Welt gekommen sind bzw. sein könnten).

[bad img format]Unter einer spontanen OrdnungOrdnungspontane versteht man das ungeplante Entstehen von Ordnung aus einem chaotischen Grundzustand.

Um das verstehen zu können, muss man zunächst wissen, dass Sprache ebenso ein soziales Phänomen ist wie Recht, Geld, Marktwirtschaft oder Religion. All diese sozialen Phänomene entstehen dadurch, dass durch unsichtbare Prozesse aus menschlichen Handlungen sichtbare Strukturen entstehen. Ich möchte Ihnen das anhand der Marktwirtschaft verdeutlichen: Das Prinzip von Angebot und Nachfrage führt dazu, dass Sie mit Geld, das Sie zur Verfügung haben, Dinge kaufen können, die ein anderer in seinem Besitz hat. Nehmen wir an, Sie benötigen dringend eine warme Hose, weil der Winter vor der Tür steht und Sie nur eine kurze Hose besitzen. Sie gehen dann zu einem Freund, von dem Sie wissen, dass er zwei Hosen besitzt – eine, die er selbst trägt und eine, die er Ihnen verkaufen könnte. Nun ist es so, dass Ihr Freund zwar zwei Hosen hat, dafür aber keine Jacke – und auch kein Geld, um eine Jacke zu kaufen. Eine zweite Jacke bietet aber ein anderer Bekannter gegen Geld an, der wiederum … Sie verstehen das Prinzip? Ihr Freund braucht Geld, um sich eine Jacke kaufen zu können – Geld, das Sie besitzen. Der einfachste Weg wäre nun, dass Sie Ihrem Freund Ihr Geld geben, für das er Ihnen seine zweite Hose überlässt, während er mit dem Geld die Jacke kauft usw. Das ist einfacher Tauschhandel und so etwas wie eine basale marktwirtschaftliche Struktur. Komplexere marktwirtschaftliche Systeme bilden sich, wenn beispielsweise Ihr Freund auf die Idee käme, seine Zweithose zu behalten und stattdessen Hosen als Massenware zu produzieren. So könnte er dann nicht nur Ihnen, sondern auch noch vielen anderen Freunden Hosen verkaufen – und er würde stinkreich.

Nun, was soll Ihnen das Beispiel verdeutlichen? Es zeigt, dass sich dann geordnete Systeme bilden, wenn eine Struktur erzeugt wird (Wert einer Hose in RelationRelationen zum Wert des Geldes), in der Menschen unabhängig voneinander zu deren Entstehung beitragen, weil sie alle mit dem gleichen Zweck oder mit demselben Ziel rationale Entscheidungen treffen. Kaufen und Verkaufen folgen dieser zweckorientierten Ordnung. Die Struktur, die dabei entsteht, bildet sich spontan – also ohne, dass Sie, Ihr Freund und alle anderen, die nach den Prinzipien der Marktwirtschaft handeln, diese Struktur hervorbringen oder aufrechterhalten wollen. Und doch bildet sie sich und ist stabiler, als wenn sich jemand diese Struktur ausgedacht hätte. Die Handlungszwecke erzeugen eine stabile Struktur, zumindest eine relativ stabile Ordnung. Wenn nämlich jemand auf die Idee kommt, mehr Hosen zu produzieren als nötig sind, um den Bedarf an Hosen zu decken, werden Hosen billiger und das System verändert sich – der Wert des Geldes steigt in Relation zum Wert einer Hose.

Die Struktur, die ich Ihnen anhand des Beispiels gezeigt habe, zeichnet sich durch Wahlhandlungen aus:

1 Jeder Beteiligte möchte möglichst warm angezogen sein.

2 Jeder Beteiligte gibt das, was er im Überfluss hat, gegen Bezahlung ab.

3 Jeder Beteiligte ist bereit, für Kleidung angemessen viel zu bezahlen.

Nun funktioniert diese Struktur nur, wenn alle drei Handlungsziele zugleich verfolgt werden. Würde man sein Handeln lediglich und ausschließlich nach Prämisse 1 ausrichten, müsste nicht zwingend so etwas wie Marktwirtschaft entstehen. Es wäre auch möglich, dass ein asoziales System entstünde, in dem Diebstahl zu Kleidung verhilft. Ein solches System wiederum wäre eher instabil, der Zustand wäre chaotisch und eben nicht geordnet.

[bad img format]Für soziale Phänomene wie Märkte oder Sprache gilt: Das „Verständnis der Erzeugungsweise von Strukturen [ist] konstitutiv für das Verständnis der Struktur selbst“ (KELLER 2003: 33).

Inwieweit lässt sich das bisher Gesagte auf Sprache beziehen? Wie alle anderen spontanen OrdnungenOrdnungspontane ist auch die Sprache durch KomplexitätKomplexität und durch weit verzweigtes Wissen gekennzeichnet und ihr Sein ist ebenso von Einzelhandlungen abhängig wie bei anderen spontanen Ordnungen. Dabei ist die Sprache als komplexes System eine unbeabsichtigte Folge sprachlichen Handelns, das aufgrund biologischer Anlagen möglich ist: Das Sprachvermögen ist biologisch determiniert und damit die Voraussetzung für Sprachhandeln. Aber Sprachvermögen allein schafft noch keine komplexe Sprache.

Wenn wir auf die Geschichte von Karlheinz zurückblicken, können wir feststellen, dass die (vermutete) Entstehung von Sprache eng zusammenhängt mit menschlichem Handeln und mit der Verfolgung von Einzelzielen – ebenso wie die Marktwirtschaft eng zusammenhängt mit rationalen HandlungsmaximenMaximeHandlungs-. Man könnte für spontane OrdnungenOrdnungspontane im Allgemeinen und für Sprache im Speziellen sagen:

[bad img format]Spontane Ordnungen (und deren Veränderungen) sind zwar das Ergebnis menschlichen Handelns, sie sind aber nicht das Ergebnis einer menschlichen Planung.

Behalten Sie diese Überlegungen zu spontanen OrdnungenOrdnungspontane im Gedächtnis. In Kapitel 3 werden wir uns noch einmal näher damit beschäftigen und die Frage stellen, auf welche Weise Sprache als spontane Ordnung entstehen kann und welchen Stellenwert menschliche Sprachhandlungen dabei einnehmen. Wir werden sehen, dass eben diese Sprachkonzeption der Schlüssel zur Erklärung des Sprachwandels sein kann.

Zunächst gilt es aber, den zweiten der beiden Grundbegriffe genauer zu beleuchten: den Begriff des Wandels.

2.4 Weiterführende und vertiefende Literatur

[bad img format]Wenn Sie sich intensiver mit der organizistischen SprachauffassungSprachauffassungorganizistische beschäftigen wollen, dann empfehle ich Ihnen die Lektüre von SCHLEICHER 1863 oder die Prinzipien der Sprachgeschichte von HERMANN PAUL von 1920. Beide Werke sind etwas in die Jahre gekommen, dennoch lesenswert und auch für Studienanfänger verständlich. Die Sprachgeschichte von PAUL ist online über das Projekt Gutenberg kostenfrei zugänglich.

Zur Vertiefung der Zeichentheorie nach SAUSSURE sollte die Lektüre seines Hauptwerks Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft selbstverständlich sein. Sie werden im Studium immer wieder damit in Berührung kommen.

Das Märchen von Karlheinz, dem Affenmenschen lässt sich nachlesen bei KELLER 2003: 37ff. Es wurde hier nur sehr verkürzt dargestellt. Bei KELLER findet sich eine sehr viel detailliertere Herleitung, die sowohl geistreich als auch unterhaltsam geschrieben ist.

Sprechen als menschliches Handeln (Sprache als Werkzeug und Tätigkeit) wurde in diesem Kapitel über das Organonmodell KARL BÜHLERs beschrieben. Hier lohnt ein Blick in die Originalschrift Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache (1934).

Um sich weiter mit dem Konzept von Zeichen im Alltag zu beschäftigen, empfiehlt sich die Lektüre von KELLER 1995a: 9ff.

Bei KELLER 2003 können Sie sehr ausführlich nachlesen, was spontane OrdnungenOrdnungspontane sind. Die Herleitungen sind allerdings für Studienanfänger sehr komplex.

3 Was ist Wandel?

Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss.

HERAKLIT VON EPHESOS (etwa 520–460 v. Chr.)

[bad img format]Ziele und Warm-up

Sprache ist ein taugliches Mittel zur Verständigung und wir nutzen sie täglich, um unsere kommunikativen Ziele zu erreichen. Damit Sprache auf diese Weise unseren Zwecken dienen kann, muss sie offen für Anpassungen sein. Denn: Unsere Ziele, die wir beim Sprechen verfolgen, ändern sich bisweilen. Dieser Umstand ist kulturell bedingt. Die Welt, in der wir heute leben, ist nicht mehr dieselbe Welt, die sie vor 100 Jahren einmal war. Technische Neuerungen machen Neubenennungen ebenso nötig wie beispielsweise veränderte Höflichkeitsformen oder kulturell bedingte Kommunikationssitten.

Das System Sprache, das aus komplexen Zeichen und Zeichenkombinationen besteht, muss diesen Anforderungen genügen. Als spontane OrdnungOrdnungspontane ist sie ein in sich stabiles Gebilde, sonst könnten wir uns nicht verständigen. Stabil bedeutet aber nicht starr. Im Gegenteil: Sprachen sind wahre Verwandlungskünstler. Über ihren Charakter als Werkzeuge und über ihre Beschaffenheit als spontane Ordnungen sind Sprachen dynamisch; sie wandeln sich mit ihren Sprechern.

In diesem Kapitel geht es also um Wandel. Dabei wollen wir zunächst Überlegungen zum Wandel im Allgemeinen anstellen und in einem nächsten Schritt diskutieren, was Sprachwandel ist und warum Sprachwandel im Speziellen stattfindet. In Kapitel 4 werden wir dann Theorien zum Wie des Sprachwandels, also zu möglichen Prinzipien besprechen.

Als Einstieg in diese Einheit sollen uns einige intuitiv zu beantwortende Fragen und Aufgaben dienen:

 Denken Sie einmal fünf oder zehn Jahre zurück: Was in Ihrem Leben hat sich in dieser Zeit alles verändert?

 Spielen Sie das Spiel „Tabu“: Versuchen Sie innerhalb von 15 Sekunden einem Freund in wenigen Sätzen zu erklären, was wir im Deutschen mit dem Begriff Wandel meinen! Vermeiden Sie dabei die Begriffe Zeit, früher, heute, anders, Veränderung und Zustand!

 Nennen Sie fünf Beispiele aus dem Alltag für Phänomene, die sich gerade wandeln oder gewandelt haben!

 Nehmen Sie ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand. Versuchen Sie einmal, das Phänomen Wandel mithilfe einer Skizze (Zeichnung etc.) darzustellen.

 Haben Sie schon einmal mit jemandem über Sprachwandel diskutiert? Worum ging es dabei und was war Ihre Position?

 Was unterscheidet Ihrer Meinung nach den Klimawandel vom Sprachwandel?

 Haben Sie ein aktuelles Beispiel für den Wandel in der Sprache?

3.1 Warum verändern sich die Dinge in der Welt?

Wenn Sie einmal alte Familienfotos durchstöbern, dann werden Sie feststellen, dass Ihre Eltern oder Großeltern auf diesen Bildern irgendwie seltsam aussehen. Die Kleidung kommt Ihnen wahrscheinlich altmodisch vor, möglicherweise finden Sie die Frisuren komisch und auch die Möbel, Tapeten oder sonstigen Gegenstände sehen befremdlich aus. In den 1980er-Jahren waren Dauerwellen bei Damen und auch bei manchen Herren sehr in Mode, in den 1970er-Jahren trug man weite Schlaghosen und enge T-Shirts. Man flieste in den 1960er-Jahren Badezimmer gerne grün oder altrosa und Tapeten mit schrillen Mustern waren der letzte Schrei. Heute kleiden wir uns nach einer anderen Mode, über die dann in 20 oder 30 Jahren Ihre Kinder und Enkel schmunzeln werden. Für unsere Kleidung gibt es heute eine andere KonventionKonvention und unsere Konvention, sich zu kleiden, unterscheidet sich von der in Russland, Japan oder etwa derjenigen in Mali.

Wahrnehmbare Veränderungen stellen wir auch bei vielen Alltagsgegenständen fest, besonders bei technischen Geräten wie Handys, Fernsehern oder Computern. Als der Verfasser dieses Buches mit seinem Studium begann, wogen Handys noch so viel wie ein Viertelliter Milch und man konnte mit ihnen nur telefonieren – und das maximal eine Stunde lang, dann war der Akku leer.

Sie sehen an diesen Beispielen: Die Welt um uns herum und auch wir selbst befinden uns in einem steten Wandel.

[bad img format]„Zukunft ist nie eine lineare Fortschreibung von Gegenwart, zugleich ist aber Gegenwärtiges immer als Gewordenes aus etwas Gewesenem zu begreifen und ist somit Resultat einer progressiven oder regressiven Entwicklung, also eines Wandels“ (BECHMANN 2013: 93).

Wandel, das ist grob gesagt die wahrnehmbare Veränderung einer Sache oder eines Zustandes über eine bestimmte Zeit hinweg, so dass Zeitdifferenz, Vergleich und Identität die entscheidenden Elemente des Wandels kennzeichnen. Dabei ist zum Beginn dieses Prozesses die Sache oder der Zustand oftmals ein anderer als zum Ende dieser Entwicklung. Es kommt also über eine zeitliche Differenz zu einer Identitätsveränderung, die durch den Vergleich zweier Zustände retrospektiv erkennbar wird (vgl. LÜDTKE 1980a: 4). Wandel als ein Phänomen, das neben der Sprache alle anderen soziokulturellen Sphären betrifft, lässt sich anhand dreier Parameter beschreiben:

1 Es gibt einen Ausgangszustand A.

2 Es gibt eine zeitliche Dimension Z.

3 Es gibt einen Endzustand E, der sich von A in bestimmten, wahrnehmbaren Punkten unterscheidet.

Für den morphologischen Wandel einer Sache, beispielsweise die Umformung eines Granitblocks durch Behauen und Schleifen zu einer steinernen Pyramide, lässt sich dieser Zusammenhang schematisch folgendermaßen skizzieren:

Abb. 3

Wandel durch Gebrauch

Nun muss ich gestehen: An dieser Skizze sind zwei Dinge falsch bzw. zu vereinfachend dargestellt, auch wenn die Parameter A, E und Z richtig benannt und für jeglichen Wandel derart miteinander verwoben sind. Zumindest ist die Zeichnung dann falsch, wenn sie auf den soziokulturellen Wandel übertragbar sein soll. Denn: Anders als bei einem Granitblock, den ein Steinmetz in eine bestimmte Form bringt, verfolgen Menschen bei kulturellem Wandel in aller Regel keinen Plan. Im Gegenteil: Der Wandel geschieht, ohne dass sie es wollen.

Ein schönes Beispiel für den Wandel einer Sache durch Gebrauch ohne Plan finden Sie in nahezu jeder größeren Kirche. Wenn Sie beispielsweise einmal nach Rom in den Petersdom fahren, können Sie einen solchen ungeplanten morphologischen Wandel erkennen. Dort gibt es eine Bronzefigur des heiligen Petrus, von der man sagt, es wäre segensreich, diese Figur zu berühren. Tausende Menschen täglich küssen und streicheln den rechten Fuß der Statue, wodurch über einen langen Zeitraum von fast 700 Jahren Bronze abgetragen wurde. Der ehemals fein ausgearbeitete Fuß dieser Figur ist heute nur noch eine glatte, runde Fläche, die man nur noch als Fuß interpretiert, weil sie sich an der Stelle der Figur befindet, an der für gewöhnlich ein Fuß zu finden ist. Von der Form her gleicht der Bereich eher einer Türklinke.

Nicht nur in dieser Hinsicht lässt sich die Skizze nicht auf soziokulturellen Wandel übertragen. Sie gilt nämlich nicht für spontane OrdnungenOrdnungspontane.

Für die meisten kulturellen Wandelphänomene, zu denen beispielsweise Kleider- oder Haarmoden und natürlich auch die Sprache gehören, gibt es streng genommen keinen fixen Endzustand E, weil dieser Endzustand E zugleich der Ausgangszustand A2 sein wird, den man zu einem späteren Zeitpunkt, den wir dann Endzustand E2 nennen können, als solchen ansehen wird. Der Endzustand E, E1, E2 usw. ist immer nur eine transitorische ZwischenstufeZwischenstufetransitorische.

[bad img format]Kultureller Wandel hat keinen fixen Anfangs- und Endpunkt, sondern ist ein Kontinuum. Ob man etwas als Wandel interpretiert oder nicht, hängt maßgeblich vom Zeitpunkt der Betrachtung ab.

Wandelphänomene sind somit transitorische PhänomenePhänomenetransitorische, also Zustände, die vorübergehen. Dabei wird der Wandel in seiner Prozesshaftigkeit oft erst dann wahrgenommen, wenn eine auffällige Veränderung stattgefunden hat, nicht (oder nur selten) aber in der Zeitspanne, in der Wandel tatsächlich passiert. So merken wir oft gar nicht, dass sich Trends verändern, weil wir selbst Teil des Veränderungsprozesses sind. Dass sich die Mode zwischen 1960 und heute verändert hat, erkennt man, wenn man eine Hose von 1960 neben eine Hose von 2016 legt und beide Kleidungsstücke miteinander vergleicht. Farbe, Schnitt und Material werden sich stark unterscheiden, so sehr, dass wir sagen können, die Mode habe sich gewandelt. Um das zu erkennen, benötigen wir aber erst einen ausreichenden zeitlichen Abstand.

[bad img format]Wandel zeigt sich in vielen Fällen aufgrund seiner Prozesshaftigkeit erst mit einigem zeitlichen Abstand.

Nun ist Ihnen sicher aufgefallen, dass ich in meinen Ausführungen zum Wandel bislang sehr vereinfache und Sie dürften bemerkt haben, dass meine Festlegungen sprachlich unpräzise sind. Bei kulturellen Phänomenen, zu denen Kleidermoden, Wirtschaftssysteme und auch die Sprachen gehören, ist es nicht angemessen zu sagen, dass sie es sind, die sich wandeln. Wie sollte das auch gehen? Eine Mode kann sich nicht wandeln. Eine Sprache auch nicht. Wenn Menschen in einer Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg dieselben Hosen und Jacken produzieren und anziehen, wandelt sich die Kleidermode kein Stück. Bei Sprachen ist das genauso. Wenn wir über einen Zeitraum Z exakt die gleiche Sprache verwenden, dann ist der Endzustand identisch mit dem Anfangszustand – es findet kein Wandel statt.

Für soziokulturelle Phänomene wie Märkte, Moden oder Sprachen gilt also:

[bad img format]Es sind nicht die Entitäten selbst, die sich wandeln, sondern es sind die Menschen, die diesen Wandel durch ihr Tun auslösen.

Das gilt insbesondere für spontane OrdnungenOrdnungspontane, wie wir sie im vorherigen Kapitel kennengelernt haben, denn solche Ordnungen sind ja schon in ihrer Genese an die Einzelhandlungen der Menschen in einer Gemeinschaft gebunden. Daher verwundert es nicht, dass auch die Veränderungen dieser Ordnungen auf menschliche Nutzung zurückzuführen sind.

Halten wir fest: Es sind nicht irgendwelche höheren Mächte, die soziokulturellen Wandel auslösen, sondern die Mitglieder einer Gesellschaft, in der diese Phänomene existieren. Und vermerken wir weiterhin: Wandel ist in diesen Fällen an Handlungen geknüpft, die wiederum als Wahlhandlungen bezeichnet werden können. Denn: Eine Hose mit einem anderen Schnitt anzuziehen und damit – wenn das viele andere Hosenträger auch tun – zum Wandel der Hosenmode beizutragen, ist eine rationale Entscheidung. Und sie ist zielgerichtet: Wir möchten nicht mit einer aus der Mode gekommenen Hose herumlaufen. Weil wir modern aussehen wollen, kaufen wir uns eine moderne Hose. Wir tun das, weil das alle (oder doch zumindest viele) so machen. Dass wir auf diese Weise dazu beitragen, dass die alte Hose aus der Mode kommt, ist gar nicht unser Ziel. Aber genau das passiert. Auch wenn wir als Tourist oder als Pilger im Petersdom die Figur des heiligen Petrus berühren, wollen wir uns so verhalten, wie es die anderen tun – und erhoffen uns, wenn wir gläubig sind, auch noch Seelenheil von unserem Tun. Der Heiligenfigur den Fuß zu verstümmeln, beabsichtigen wir hingegen nicht. Und wenn wir eine neue Redeweise übernehmen, weil alle anderen auch so sprechen, tragen wir zum Sprachwandel bei. Beabsichtigt haben wir es aber nicht. Und doch geschieht auch das.

Warum drückt man sich bei solchen Wandelphänomenen so unpräzise aus, wie ich es eingangs auch getan habe? Warum sagen wir, etwas habe sich gewandelt und nicht, jemand habe etwas gewandelt, obwohl das doch viel treffender wäre? Nun, das liegt daran, dass dieser Jemand nicht bestimmbar ist. Wenn man sagt, dass es schneit, zeigt sich dasselbe Problem – Es ist eine abstrakte Größe, die nicht greifbar ist. Bei soziokulturellem Wandel kann man nicht mit dem Finger auf einen Einzelnen zeigen und sagen „Der war es, der hat die Sprache gewandelt!“. Es ist nämlich jeder Einzelne an diesem Wandel aktiv beteiligt. Und doch trägt er keine ‚Schuld‘ am Wandel, denn er hat ihn sich nicht ausgedacht und planvoll herbeigeführt. Richtig wäre also, zu sagen: „Die vor uns, unsere Eltern und Großeltern, haben die Mode oder die Sprache gewandelt!“. Aber fragen Sie mal Ihre Großeltern, wie sie das getan haben und warum. Sie werden vermutlich nur ein Kopfschütteln oder Schulterzucken zur Antwort bekommen. Merken Sie sich bitte folgenden Grundsatz, der für alle Wandelphänomene in sozialen Systemen gilt:

[bad img format]Kein Wandeln ohne Handeln — nur Handeln führt zum Wandeln!

3.1.1 Wie verändern sich Kulturen?

Sozialer Wandel oder Kulturwandel zeigt sich überall dort, wo Menschen in einer Gemeinschaft leben und gemeinschaftlich zu Veränderungen beitragen, von denen sie in aller Regel als Einzelne profitieren. Viele kulturelle Errungenschaften dienen der Gemeinschaft, obwohl sie zunächst geschaffen wurden, um dem Einzelnen zu nützen. Dieses ParadoxonParadoxon lässt sich beispielsweise am technischen FortschrittFortschritttechnischer zeigen. Exemplarisch möchte ich das an der Erfindung des Autos erklären; die nachfolgenden Gedanken lassen sich aber sicher auch auf andere kulturelle Phänomene beziehen.

Nehmen wir einmal an, alle Erfinder seien faule Menschen. Erfinder seien so faul, dass sie den ganzen Tag überlegten, wie sie sich das Leben einfacher machen könnten. Und nehmen wir weiterhin an, Erfinder säßen die meiste Zeit des Tages herum und beobachteten fleißige Mitmenschen. Irgendwann ist einer dieser trägen Erfinder so faul gewesen, dass er nicht einmal mehr laufen wollte. Am liebsten wäre er getragen worden, aber er fand niemanden, der das für ihn getan hätte. Nun wusste dieser faule Erfinder, dass er sich mit einem Pferd und einer Kutsche hätte transportieren lassen können. Aber: Ein Pferd ist sehr langsam und muss regelmäßig gefüttert werden. Das wusste er aus Beobachtungen seiner Mitmenschen, die Pferde und Kutschen besaßen. Was er auch noch wusste: Es gab andere Erfinder, die Maschinen erdacht hatten, die mit Dampf angetrieben wurden. Er kannte das Prinzip von Kolben und Dampf und wusste, dass sich auf diese Weise auch Räder in Bewegung setzen ließen. Also erfand er einen Verbrennungsmotor und baute ihn geschickt in eine Kutsche ein, die jetzt ohne Pferd in der Lage war, den faulen Erfinder zu transportieren – viel schneller und viel bequemer als zuvor. Die Bequemlichkeit für den Erfinder einer Sache bedeutet immer auch eine höhere Bequemlichkeit für die Gesellschaft, wenn das erfundene Ding für jedermann nutzbar wird. Das gilt für elektrische Schraubenzieher, für Waschmaschinen und beispielsweise für USB-Sticks: „Reichtum und hochentwickelte Technologie sind die Folgen der Faulheit der Menschen“ (KELLER 2003: 52).

[bad img format]BERNARD MANDEVILLE (1670—1733)

war ein niederländischer Arzt und Sozialtheoretiker. In seinem Hauptwerk, der Bienenfabel, beschreibt er die Wirtschaft als Kreislaufsystem und stellt die provozierende These auf, dass nicht die Tugend, sondern das Laster die eigentliche Quelle des Gemeinwohls sei. Seine Argumentation folgt dabei folgendem Muster:

1 Kaufleute verfolgen ihre eigenen Interessen.

2 Kaufleute richten ihr Handeln nach dem optimalen Gewinn aus.

3 Der optimale Gewinn führt zu kollektivem Wohlstand in der Gesellschaft.

MANDEVILLE formuliert damit ein ParadoxonParadoxon, das auf dem menschlichen Wesen (1.), individuellen, kulturell bedingten HandlungsmaximenMaximeHandlungs- (2.) und kausalen Folgen von Einzelhandlungen (3.) basiert. Das nach ihm benannte Paradoxon basiert darauf, dass egoistisches Handeln zu positiven Effekten für die Allgemeinheit führt.

Technischer Fortschritt, die Bildung neuer Jugend-Subkulturen, die Rechtschreibreform, neue Gesetze und Verordnungen und auch Veränderungen der Sprache sind Phänomene des Kulturwandels und sie beruhen auf denselben Prinzipien, die ich gerade skizziert habe, wobei man Faulheit treffender mit Eigeninteressen bezeichnen kann.

[bad img format]Kulturwandel basiert auf Eigeninteressen und ist eine (positive oder negative) Folge der kollektiven Verwirklichung solcher Interessen. Das gilt auch für den Sprachwandel.

In der modernen Industriegesellschaft ist ein offensichtlich entscheidender Antrieb für Kulturwandel der technologische Fortschritt. Auch auf die Sprache wirkt sich dieser Fortschritt aus, wenn es beispielsweise darum geht, neue Dinge zu benennen. Dennoch ist der technische FortschrittFortschritttechnischer für Sprachwandel weder hinreichend noch notwendig. Das wesentlichste Handlungsmotiv ist vielmehr das des Verstandenwerdens. Das beschriebene vorrangige Eigeninteresse eines Sprechers in einer Sprachgemeinschaft ist BeeinflussungBeeinflussung und Verständigung, wobei – ähnlich wie beim Erfinder des Autos – Faulheit eine Rolle spielen kann, aber nicht spielen muss:

[bad img format]Sprachwandel entsteht häufig aus sprachökonomischen Gründen, folgt aber in jedem Fall kulturell bedingten HandlungsmaximenMaximeHandlungs- und kulturell zulässigen Handlungsmöglichkeiten.

Kultureller Wandel, der auf HandlungsmaximenMaximeHandlungs- als Begebenheiten innerhalb der Kultur zurückgeht, wird als endogener KulturwandelKulturwandelendogener bezeichnet. Entsteht hingegen ein Wandlungsprozess durch die Begegnungen mit anderen Kulturen, aus denen Teile übernommen und zu einer neuen Form abgeändert werden, spricht man von induziertem Kulturwandel.

Für Veränderungen kultureller und sozialer Entitäten gibt es verschiedene Mechanismen, von denen einige auch auf den Sprachwandel übertragbar sind. Diese Mechanismen basieren auf Einflussfaktoren, die auf den sozialen Wandel einwirken. Im Wesentlichen kann man als Einflussfaktoren auf den Kulturwandel die Prozesse Fortschritt, AdaptionAdaption (Anpassung an Umwelteinflüsse), DiffusionDiffusion und AkkulturationAkkulturation (Übernahme und Anpassung aus/an fremde/n Kulturen) sowie InventionInvention (Erfindung oder Einführung neuer Prinzipien, Werkzeuge oder Bräuche) identifizieren, wobei Fortschritt und Invention als endogene KulturwandelKulturwandelendogenerprozesse den induzierten Formen Adaption, Diffusion und Akkulturation gegenüberstehen (vgl. dtv-Atlas Ethnologie: 87ff.).

Abb. 4

Einflussfaktoren auf den Kulturwandel

Nun ist es so, dass kultureller Wandel unterschiedlich rasch vonstattengeht. Es gibt Prozesse, die schneller ablaufen und oft innerhalb einer Generation abgeschlossen sind und solche, die erst über einen langen Zeitraum zu Effekten führen. Im Prinzip kann man zwischen motiviertem und unmotiviertem Kulturwandel unterscheiden, wobei motivierter Kulturwandel zu schnellen Veränderungen führt, die aber weniger stabil sind als unmotivierte Veränderungen, die auf TradierungTradierung beruhen und damit langsam, aber beständig ablaufen. Dieser Zusammenhang gilt auch und insbesondere für den Sprachwandel:

[bad img format]Geplante Eingriffe in ein Sprachsystem (z.B. durch Orthografieregeln, Wortneuschöpfungen durch Werbung o.Ä.) sind oft nur von kurzer Dauer, wogegen sich langfristige Veränderungen über TradierungenTradierung ergeben. Tradierung führt als Prozess des Kulturwandels zu komplexen strukturellen Veränderungen (Prozess vs. Eingriff).

3.2 Was ist Sprachwandel?

Sprache und Sprachwandel hängen untrennbar miteinander zusammen. Ohne das eine ist das andere nicht denkbar. Weder gibt es Sprache ohne Sprachwandel noch gibt es Sprachwandel ohne Sprache. Das klingt banal und doch ist diese Wechselwirkung eine erste und wichtige Erkenntnis dieser Einführung. Man kann sagen: Das eine folgt unmittelbar aus dem anderen. Aber ist es nun die Sprache, die den Wandel bedingt oder ist es der Wandel, der die Sprache formt? Auf den ersten Blick ist das keine schwere Frage. Ohne etwas, das sich verändern könnte, gäbe es keine Veränderung. Es ist also plausibel anzunehmen, dass es zunächst die Sprache selbst ist, die die Bedingungen für ihren Wandel schafft. Und dennoch ist beides richtig: Einerseits haben Sprachen aufgrund ihres Wesens das Potenzial zur Veränderung. Und andererseits führt Sprachwandel – mit zeitlichem Abstand betrachtet – zu neuen Sprachen bzw. zu neuen Sprachzuständen.

Sprachwandel findet jederzeit und vor allem auf allen Makro- und MikroebenenMikroebene der Sprache und dabei auch ebenenübergreifend statt. Solange Sprachen aktiv gesprochen werden, müssen sie sich den kommunikativen BedürfnissenBedürfnissekommunikative ihrer Sprecher anpassen können. Aus linguistischer Sicht können wir verschiedene Dimensionen auf Wandelphänomene hin analysieren, wobei die Analyse davon abhängt, welche SprachauffassungSprachauffassung wir als „richtig“ anlegen. Dazu hatten wir in Kapitel 1 bereits hinreichende Gedanken formuliert: Je nach Blickrichtung auf den Gegenstandsbereich Sprache lässt sich unterschiedlich erklären, was Sprachwandel ist und wodurch er entsteht.

Um Sprachwandel also adäquat erklären zu können, müssen wir eine sprachhistorische Betrachtung anstellen, die vergleichend Sprachzustände zu unterschiedlichen Zeitpunkten darstellt, und gelangen darüber zu Hypothesen, worin die Unterschiede begründet sein könnten. Die „richtige“ SprachauffassungSprachauffassung hilft uns dabei. Eine systemlinguistische Analyse hilft zudem dabei, Familienähnlichkeiten zwischen Einzelsprachen erfassen zu können, wobei eine solche Betrachtungsweise eher theoretischer als analytischer Natur ist.

Sprachwandel lässt sich nicht nur durch eine Festlegung des Sprachsystems und seiner systemimmanenten Prinzipien fassen. Vielmehr können wir in das System selbst hineinblicken und feststellen, dass auch auf den MikroebenenMikroebene der Sprache selbst Veränderungen beschreib- und erklärbar werden. Die nachfolgende Abbildung zeigt, welche Dimensionen insgesamt beim Sprachwandel miteinander verwoben sind, wobei wir in Kapitel 1 bereits die Dimension des Sprachsystems beleuchtet haben und uns in diesem und den beiden folgenden Kapiteln insbesondere sprachpragmatischen Aspekten des Sprachwandels widmen werden. Eine Betrachtung der Dimension Semantik erfolgt aufgrund der Besonderheiten des Bedeutungswandels im zweiten Teil dieser Einführung.

Abb. 5

Dimensionen des SprachwandelsDimensionendes Sprachwandels

Sprachwandel als ein Sonderfall des soziokulturellen Wandels folgt denselben Prinzipien, wie wir sie im Abschnitt 2.1.1 kennengelernt haben. Die Einflussfaktoren, die für Kulturwandel im Allgemeinen gelten, bestimmen auch den Wandel von Sprachen.

[bad img format]Sprachwandel ist ein prozessuales Phänomen, das seinen Ursprung beim Einzelnen nimmt und durch Verbreitung als Systemwandel mit zeitlichem Abstand beobachtbar und beschreibbar wird.

Dabei gibt es für eine Betrachtung grundsätzlich zwei verschiedene Perspektiven: Wir können zum einen den Sprachzustand zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit bestimmen und diesen Zustand mit den Bedingungen vergleichen, die zu unserer Zeit gegeben sind. Eine solche historische Sprachbetrachtung zeigt Sprachwandel aus einer diachronendiachron Perspektive. Die sogenannte Historische Sprachwissenschaft ist auf eine solche diachrone Betrachtung ausgerichtet, indem sie (synchronesynchron) Sprachzustände vergleicht, um über die Unterschiede zu verschiedenen Zeitpunkten Prinzipien der Veränderung zu bestimmen.

Die zweite Möglichkeit der Sprachbetrachtung ist die synchronesynchron Betrachtung, die einen Sprachzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt ohne Einbeziehung der Vergangenheit analysiert. Synchrone Sprachbetrachtung hilft dabei, Sprache als System in der Gesamtheit zu erfassen. Sie liefert aus Sicht der Sprachwandelforscher hilfreiche Befunde darüber, welche Veränderungen innerhalb der Gesamtsprache zu einem bestimmten Zeitpunkt, beispielsweise im Jahr 2016, stattfinden. So kann man einzelne sprachliche Subsysteme oder Varietäten, wie etwa die Jugendsprache oder die Sprache in der Politik, genauer untersuchen und herausfinden, welche Einflüsse solche Subsprachen auf die GemeinspracheGemeinsprache haben. Gegenwärtig ist beispielsweise in der Jugendsprache festzustellen, dass der Elativ häufig durch das gebundene Morphem mega- ausgedrückt wird, wie beispielsweise in megalangweilig oder megaschön. Solche gruppenspezifischen Verwendungsweisen sind deswegen möglich, weil Varietäten über eigene sprachliche KonventionenKonvention verfügen und damit Alternativen zum etablierten Sprachgebrauch bereithalten. Man nennt die Möglichkeit, über kommunikative Alternativen verfügen zu können, das sprachliche RegisterRegistersprachliches, über das Sprecher einer Sprache verfügen.

[bad img format]Sprachwandel wird häufig durch konventionalisierten Gebrauch gruppensprachlicher RegisterRegister ausgelöst. Eine Verbreitung synchronersynchron Sprachphänomene kann u.U. zu diachronemdiachron Sprachwandel führen.

Zunächst einmal ist es so, dass abweichender Sprachgebrauch allein noch keinen Sprachwandel bewirkt. Das gilt natürlich insbesondere für den einzelnen Sprecher, der ein Wort oder einen Satz anders verwendet, als es die sprachliche KonventionKonvention vorsieht. Der Einzelne kann die Sprache nicht ändern. Sie können das ja einmal selbst testen: Verwenden Sie doch einmal ein Wort zur Benennung einer Sache, das es gar nicht gibt. Nennen Sie beispielsweise einen Stuhl doch künftig Glumpf. Ich wette, dass es Ihnen nicht gelingen wird, dass Sie die Sprache derart wandeln, dass irgendwann alle Sprecher des Deutschen Glumpf statt Stuhl sagen werden. Dazu benötigen Sie noch viele Mitstreiter, damit Ihnen das – zumindest in einer kleinen Gruppe – gelingen kann. Langfristigen Erfolg werden Sie mit diesem Unterfangen nicht einfahren können – es gibt nämlich gar keinen Grund für die Sprecher in der Sprachgemeinschaft, künftig Glumpf statt Stuhl zu sagen. Ganz im Gegenteil: Es wäre zum einen ein unnötiger kognitiver Aufwand notwendig, um die alte zugunsten der neuen Bezeichnung zu vermeiden. Und es wäre zum anderen mit einem hohen Risiko behaftet, diese sprachliche Neuerung konsequent umzusetzen: Es besteht die Gefahr, ständig nicht verstanden zu werden – und das ist das Letzte, was man sich als Sprecher wünschen wird.

Daran zeigt sich ein wesentliches Kriterium, das erfüllt sein muss, damit Sprachwandel ausgelöst und erfolgreich abgeschlossen wird:

[bad img format]Sprachwandel findet nur dann statt, wenn eine alternative oder neue Sprachverwendung nicht nur für den Einzelnen, sondern für jeden individuellen Sprachbenutzer von Vorteil ist; singuläre Sprachabweichungen führen nicht zum Sprachwandel, sondern sind sprachliche FehlerFehlersprachliche.

Anders sieht es aus, wenn Sie ein Ding erfinden, das Sie Glumpf nennen. In dem Maße, in dem sich das Ding verbreitet, wird auch der Begriff sich ausbreiten. Sie würden auf diese Weise das lexikalische Inventar durch Neubenennung erweitern.

Nach PETER VON POLENZ gibt es vier Faktoren, die einzeln oder im Zusammenspiel den Sprachwandel bestimmen und über eine BeeinflussungBeeinflussung der HandlungsmaximenMaximeHandlungs- der Sprachbenutzer Sprachwandel auslösen können:

Abb. 6

SprachwandelfaktorenSprachwandel-faktoren (nach POLENZ 1991a)

Welcher der genannten Faktoren auch maßgeblich den Sprachwandel auslöst, es ist in jedem Fall ein fortschreitender Prozess, der durchlaufen werden muss. Ohne eine bestimmte Abfolge und ohne Menschen, die an diesem Prozess beteiligt sind, finden InnovationenInnovation, sprachökonomische Bestrebungen, VariationenVariation und auch Evolutionen keinen Fluchtpunkt. Es stellt sich also die Frage: Welche Phasen werden beim Sprachwandel durchlaufen, damit über eine bestimmte Zeitspanne aus einem Ausgangszustand A ein Endzustand E wird, der durch die diachronediachron Brille betrachtet als Sprachwandel bezeichnet werden kann, bei dem sich eine ältere Sprachform von einer neuen Sprachform unterscheiden lässt?

3.2.1 Woher und wohin? — Nächster Halt: Sprachwandel

Wenn Sie sich auf eine Reise begeben, dann wissen Sie, dass eine Reise immer einen Anfangspunkt und ein Ziel hat, beispielsweise einen Bahnhof, an dem Sie einsteigen und einen anderen, an dem Sie aussteigen müssen. Jede Reise beginnt und endet irgendwo, egal, wie lang sie ist. Und jede Reise führt über verschiedene Orte, an denen man Halt machen und die man besichtigen kann. Wir wollen einmal eine solche Reise wagen und auf einen Zug aufspringen, den wir für unser Gedankenspiel den Sprachwandel-Express nennen wollen.

Wie jeder weiß, der einmal mit einem Zug gefahren ist, kommt man rascher zum Ziel, wenn der Zug ein Schnellzug ist und keine ‚Bimmelbahn‘. Der Sprachwandel-Express ist eher ein gemächlicher Zug. Eine Direktverbindung von A nach B gibt es nicht, sondern unser Zug wird insgesamt vier Mal anhalten. Für unsere Zwecke – wir möchten ja etwas lernen über den Sprachwandel und sind deswegen unterwegs – ist das praktisch, denn wir können an den Stationen aussteigen und uns ein wenig umsehen.

Der erste Halt ist zugleich der Ort, an dem wir – die interessierten Beobachter des Sprachwandels – den Zug besteigen. Diese erste Station unserer Reise nennen wir „Initialbahnhof“. Hier steigt neben uns ein Reisender ein, den wir der Einfachheit halber Herrn A nennen. Das Einsteigen an dieser Station wollen wir als InitialphaseInitialphase oder auch Innovationsphase bezeichnen.

Herr A hat nicht viele Freunde und er ist auch noch nie verreist. Herr A hat das Ziel, so lange mit dem Zug zu fahren, bis Herr A jedem anderen Reisenden im Zug bekannt ist. Herr A ist aber kein Mensch, Herr A ist ein neues Wort, das bisher noch niemand kennt. Herr A steigt also in den Zug und dieser setzt sich langsam in Bewegung. Mit uns und Herrn A befinden sich alle anderen Wörter einer Sprache in diesem Zug und Herr A muss nun versuchen, sich bei den anderen Wörtern bekannt zu machen. Dazu geht Herr A von Wagen zu Wagen und stellt sich den Mitreisenden vor. Das ist natürlich ein ganz schön mühsames Bestreben und nach einer Weile ist Herr A froh, dass der Zug ein zweites Mal hält. Die Strecke, die wir bisher zurückgelegt haben, nennen wir DiffusionsphaseDiffusionsphase. Nach einer kurzen Rast, bei der Herr A noch weitere neue Bekannte gewinnen konnte, folgt eine sehr schöne Strecke, die wir als ApprobationsphaseApprobationsphase bezeichnen wollen. Diese Strecke ist deswegen so schön, weil Herr A mittlerweile zunehmend von den anderen Wörtern akzeptiert wird. Sie sind nett und freundlich zu Herrn A, schließlich kennen sie ihn ja inzwischen und glauben, dass Herr A gut in ihre Gemeinschaft passt. Diese Strecke ist reizvoll, aber lang. Den nächsten Bahnhof, den wir erreichen, nutzen wir dazu, Herrn A allein weiterreisen zu lassen. Es ist der Bahnhof „Lexikalisierung“. Herr A hat jetzt eine Strecke vor sich, die wir NormierungsphaseNormierungsphase nennen wollen und die streng genommen gar keine Strecke, sondern ein Zustand ist. Wenn Herr A es sich nämlich nicht mit seinen Mitreisenden verscherzt, darf er ab dieser Phase als vollwertiges Mitglied der Reisegruppe weiterreisen. Mit einem weißen Taschentuch winken wir also dem Sprachwandel-Express hinterher. Wir konnten auf unserer Reise erleben, wie aus einem Neuling ‚ein alter Hase‘ geworden ist. Wir wissen jetzt, wie aus einer sprachlichen Neuerung eine eigenständige sprachliche VarianteVariante werden konnte. Die wesentlichen Stufen dieser Entwicklung lassen sich folgendermaßen darstellen (nach GROSSE/NEUBERT 1982: 10ff.):

1 InitialphaseInitialphase: Eine Neuerung gelangt durch innovative Sprachverwendung in das Sprachsystem, wobei entweder die Neuerung für sich allein auftreten oder neben eine bereits existierende Sprachform treten kann.

2 Diffusions- oder Verbreitungsphase: Die Neuerung wird durch frequente Verwendung im Sprachsystem verbreitet (mit oder ohne Auswirkungen auf eine bestehende Sprachform).

3 ApprobationsphaseApprobationsphase: Die Neuerung setzt sich mehr und mehr durch (und verdrängt ggf. eine bestehende Sprachform).

4 Normierung: Der Sprachwandel ist abgeschlossen, wenn die Neuerung zur Norm geworden ist. Eine bestehende Sprachform ist zu diesem Zeitpunkt entweder verschwunden oder es kommt zu einer Koexistenz.

Während die Phasen 1 und 4 den Anfangs- und Endpunkt markieren, kann man die Phasen 2 und 3 zusammenfassend auch als NeuerungsausbreitungNeuerungsausbreitung (HAAS 1998: 844) bezeichnen. In der folgenden Skizze wird dieser Prozess des Sprachwandels vereinfacht dargestellt:

Abb. 7

4-Phasenmodell des Sprachwandels

Wenn wir dieses Modell ein wenig spezifizieren und den Aspekt der FrequenzFrequenz, der für den Sprachwandel von entscheidender Bedeutung ist, mitberücksichtigen, ergibt sich die folgende differenzierte Darstellung:

Abb. 8

Erweitertes 4-Phasenmodell des Sprachwandels

In Abbildung 8 können wir erkennen, dass der Ausgangspunkt für Sprachwandel in einem abweichenden Wortgebrauch liegt. Nun darf man das nicht so verstehen, dass jeder sprachliche FehlerFehlersprachliche zum Sprachwandel führen würde. Im Gegenteil:

[bad img format]„Die allermeisten Fehler bleiben unbeachtete Eintagsfliegen.“ (KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 10)

Ein zweiter Blick auf Abbildung 8 zeigt, dass FrequenzFrequenz ein wesentlicher Motor für den Sprachwandel ist. Frequenz bedeutet: Viele Menschen verwenden dieselbe sprachliche Abweichung sehr häufig mit denselben Zielen. Wenn das geschieht, kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, dass sich die Abweichung etablieren kann. Ein wichtiger Grundsatz lautet daher:

[bad img format]Die systematischen Fehler von heute sind (bei hoher Ausbreitungsfrequenz) die neuen Sprachverwendungsregeln von morgen.

KELLER/KIRSCHBAUM (2003: 9) schreiben dazu: „Der neue Sprachgebrauch wird zunächst einmal als fehlerhaft angesehen“. Das ist auch der Grund, warum Sprachkritiker Angst davor haben, dass Veränderungen des Systems zu einem Verfall desselben führen. Denn: Verstöße gegen Normen werden intuitiv als Gefahr eingestuft, was in vielen Fällen gesellschaftlicher Normverletzungen auch berechtigt ist. Wenn Sie sich beispielsweise ab heute entscheiden, an roten Ampeln nicht mehr anzuhalten, ist Ihr Tun nicht nur egoistisch, sondern zugleich gefährlich. Beim Sprachwandel sieht das anders aus, denn sprachliche FehlerFehlersprachliche – wenn sie kumulativ auftauchen – führen zu Normänderungen, die keine Gefahr, sondern in manchen Fällen eine Bereicherung für das System darstellen. Die Sprachkritiker bedenken nicht, dass „systematisch auftretende Fehler mit der Zeit ihren Charakter als Fehler verlieren und zu neuen Regularitäten werden“ (KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 9).

3.2.2 Welche Sprachen wandeln sich (und welche nicht)?

Die Frage danach, welche Sprachen sich wandeln – oder richtiger: welche Sprachen durch das Handeln der Sprecher gewandelt werden –, hängt eng zusammen mit der Frage, ob es Sprachen gibt, die vom Wandel verschont bleiben. Ein Beispiel für eine Sprache, in der keine Wandelprozesse ablaufen, ist das IthkuilIthkuil. Warum diese – wie viele andere künstliche Sprachen – vom Sprachwandel verschont bleibt und wieso sich alle natürlichen Sprachen, die aktiv gebraucht werden, zwangsläufig wandeln müssen, möchte ich Ihnen an dieser besonderen Sprache zeigen.

Das IthkuilIthkuil ist eine konstruierte Sprache, die von niemandem gesprochen wird, die aber von JOHN QUIJADA in den 1970er-Jahren mit dem Ziel erfunden wurde, alle Prinzipien natürlicher Sprachen zu vereinen. Das Resultat ist mehr ein sprachphilosophisches Spiel als der ernstzunehmende Versuch, eine natürliche Sprache zu erschaffen (was QUIJADA auch nicht beabsichtigt hatte). Das Ithkuil ist eine künstliche Sprache, die absolut perfekt wäre, wäre sie eine natürliche Sprache. Mit einem Haken: Das Ithkuil ist so perfekt, das es zum Sprechen nicht geeignet ist.

Man kann mit einigem Recht behaupten, dass es sich bei dieser Kunstsprache um die wohl schwierigste Sprache der Welt handelt, weil es zugleich auch die wahrscheinlich komplexeste Sprache ist. Sie ist so komplex, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass man sie überhaupt erlernen kann. Das Deutsche ist – wie alle natürlichen Sprachen – ein überaus komplexes Zeichensystem, wie wir in Kapitel 1 erkennen konnten. Aber im Vergleich zum IthkuilIthkuil ist es eine eher einfache Sprache. Dabei ist das Deutsche gemessen an seiner grammatischen KomplexitätKomplexitätgrammatische auch insgesamt nicht so schwer zu erlernen wie andere Sprachen. Im Deutschen gibt es bekanntlich vier Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ) – nicht viel, wenn man sich die 15 Kasus des Finnischen vor Augen führt.

Doch im Vergleich zum IthkuilIthkuil ist das Finnische eine Kindersprache. Das Ithkuil verfügt über 81 Kasus, es gibt insgesamt 65 Konsonanten (darunter aspirierte Konsonanten, Ejektive und Knacklaute) sowie 17 Vokale und es besteht lexikalisch aus 16200 Stämmen, die aus 900 Wurzeln abgeleitet sind. Auch das Schriftsystem ist nicht mit dem der deutschen Sprache vergleichbar: „Im Schriftsystem ist lautliche und morphologische Information kodiert, die Schreibrichtung ist wie bei alten griechischen Inschriften bustrophedonal […], d.h. sie geht von links nach rechts und von rechts nach links“ (SCHLOBINSKI 2014: 35). Damit Sie sich ein besseres Bild von einer bustrophenodalen Schreibweise machen können, versuchen Sie einmal, den folgenden Text in englischer Sprache zu lesen:

THE ITHKUIL SCRIPT IS WRITTEN IN A HORIZONTAL BOUSTROPHEDON

TNEUQESBUS YREVE DNA TSRIF EHT HCIHW NI ,RENNAM (GAZ-GIZ ,.E.I)

ODD-NUMBERED LINE OF WRITING IS WRITTEN LEFT-TO-RIGHT, WHILE

-TIRW FO ENIL DEREBMUN-NEVE TNEUQESBUS YREVE DNA DNOCES EHT

ING IS WRITTEN RIGHT-TO-LEFT.

Die Schrift des IthkuilIthkuil, die man Içtaîl nennt, ist eine morpho-phonemische Schrift, eine Schrift also, die Angaben zur lautlichen Realisierung der Schriftzeichen enthält. Wenn man alle möglichen Kombinationen von Teilsymbolen zusammenrechnet, ergibt sich eine Summe von 3606 Schriftzeichen in der Ornamentalschrift das Ithkuil.

Der folgende Beispielsatz soll Ihnen die KomplexitätKomplexität vor Augen führen (die englische Übersetzung finden Sie unter dem Beispielsatz):1


Tram-mļöi hhâsmařpţuktôx.

On the contrary, I think it may turn out that this rugged mountain range trails off at some point.

Die Idee hinter der Erfindung des IthkuilIthkuil war, eine Sprache zu konstruieren, die absolut exakt ist und die all das ausschließt, was in natürlichen Sprachen zu Verständigungsproblemen führen kann.

Exaktheit einer Sprache führt aber zwangsläufig dazu, dass sie für Sprecher nicht taugt: Deren HandlungsmaximenMaximeHandlungs- beim Kommunizieren sind nämlich nicht auf völlige Vermeidung von Missverständnissen und auf sprachliche Präzision ausgerichtet, sondern auf die BeeinflussungBeeinflussung des Gegenübers. Damit das gelingen kann, muss eine Sprache offen sein für InnovationenInnovation, was gleichbedeutend ist mit einer Offenheit für sich wandelnde individuelle kommunikative StrategienStrategie.

Das IthkuilIthkuil hingegen ist ein komplexes und in sich geschlossenes System. Diese Sprache ist so perfekt, dass sie sich nicht verändern kann. Es gibt hier weder einen Grund noch eine Möglichkeit zur Veränderung. Wäre dies eine natürliche Sprache, dann würde jeder Sprecher ganz exakt dieselbe Sprache sprechen, VariationenVariation wären völlig ausgeschlossen. Damit wären weder der fehlerhafte Gebrauch von Sprache möglich noch innovative Wortverwendungen abseits der Norm, aus denen sich nicht selten neue sprachliche KonventionenKonvention ergeben, die man dann mit zeitlichem Abstand als Sprachwandel bezeichnen kann. Ein solches System wäre völlig unflexibel – und damit für sprachliches Handeln untauglich. Denn: Sprache haben wir eben nicht, damit wir uns präzise und exakt ausdrücken können. Sie dient uns nicht zur verlustfreien Übermittlung von Botschaften. Im Gegenteil: Sprachliche Kommunikation löst kein Transportproblem. Vielmehr dient sie uns als Mittel, unsere kommunikativen Ziele erreichen zu können. Damit das von Fall zu Fall individuell gelingen kann, muss Sprache offen und dynamisch sein. Eine geschlossene und statische Sprache wie das Ithkuil ist also zwar exakt, aber zum Kommunizieren nicht geeignet – ganz abgesehen davon, dass es wohl fast unmöglich wäre, eine solche Sprache zu erlernen.

Halten wir daher als Grundsatz für die Möglichkeit bzw. hypothetische Unmöglichkeit sprachlichen Wandels in einem Sprachsystem fest:

[bad img format]Je exakter und formalisierter eine Sprache ist, desto weniger Wandel ist möglich. Und: Je weniger Variationsmöglichkeiten ein sprachliches System bereithält, desto weniger eignet es sich als zweckrationales Mittel sprachlichen Ausdrucks.

Sprachen, die sich nicht eignen, werden erfunden, aber nicht gesprochen. Eine Sprache nicht zu sprechen ist die beste Möglichkeit, sie so zu bewahren, wie sie ist: Dadurch, dass niemand diese Sprache verwendet, ist sie statisch – sie verändert sich nicht.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass eine natürliche Sprache nie etwas Stabiles ist. Dies gilt für den individuellen Sprachgebrauch, vielmehr jedoch für die Sprache in ihrer Gesamtheit als System und die auf dieser Basis entstehenden Texte. Für natürliche Sprachen gilt daher:

[bad img format]Natürliche Sprachen sind exakt genug, damit Missverständnisse weitgehend ausgeschlossen werden und zugleich offen genug, um das Potenzial der Anpassung an veränderte Nutzungsbedingungen in sich zu tragen.

Das bedeutet: Sprachen, die verwendet werden, wandeln sich. Sprachwandel ist dabei ein Resultat der Sprachverwendung. Sprachwandel ist also ein deutliches Zeichen für die kommunikative Tauglichkeit einer Sprache; er ist kein Zeichen für Unvollkommenheit.

3.3 Weiterführende und vertiefende Literatur

[bad img format]Beiträge zum Themenfeld Wandel mit dem Schwerpunkt Sprachwandel gibt es zahlreiche. Hier eine Empfehlung auszusprechen ist schwer, denn Wandel als Grundbegriff wird in den einschlägigen Publikationen selten isoliert betrachtet, sondern entweder in seinen Grundzügen als bekannt vorausgesetzt oder nur am Rande thematisiert. Wenn Sie sich für den Wandel in sozialen Systemen interessieren, kann ich Ihnen die Schriften von WILLIAM F. OGBURN aus dem Jahr 1965 mit dem Titel Kultur und sozialer Wandel ans Herz legen. Darin enthalten sind viele kluge Gedanken, die sich auch auf den Wandel in der Sprache übertragen lassen.

Lesenswert ist der Beitrag von JAN WIRRER (2009) zum Wandel von Sprache, denn dort werden sowohl die Begriffe SynchronieSynchronie und DiachronieDiachronie anschaulich erklärt als auch die Prinzipien des internen und externen SprachwandelsSprachwandelexterner näher beleuchtet, die wir in diesem Kapitel unter dem Aspekt des endogenen und des induzierten KulturwandelsKulturwandelinduzierter nur angerissen haben.

Daneben empfehle ich Ihnen für einen raschen Überblick dazu, wie man Wandel in der Sprache definieren kann, die Lektüre von KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 7ff. sowie KELLER 2003: 30ff. und BECHMANN 2013: 77ff. Prinzipien des Kulturwandels werden hier anschaulich mit Sprachwandel in Verbindung gebracht.

Sollten Sie mehr über künstliche Sprachen wissen wollen, kann ich Ihnen raten, die Internetseite von JOHN QUIJADA (www.ithkuil.net) aufzusuchen und dort die Prinzipien des IthkuilIthkuil näher zu betrachten. Der Unterschied zwischen natürlichen und künstlichen Sprachen wird daran offenkundig.

4 Was sind die Prinzipien des Sprachwandels?

Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständiges und in jedem Augenblicke Vorübergehendes.

WILHELM VON HUMBOLDT (1767–1835)

[bad img format]Ziele und Warm-up

Nachdem wir im vorangegangenen Kapitel bereits erste Einblicke in das Wesen des Sprachwandels gewonnen haben, führt uns dieses Kapitel zu den Prinzipien des Sprachwandels. Nachfolgend werden Erklärungsmodelle diskutiert, die für ein Verständnis des Sprachwandels notwendig sind.

Im Mittelpunkt dieser Lektion stehen die Fragen nach der Erklärung für Sprachwandel im Allgemeinen, nach den Regeln und Gesetzmäßigkeiten, denen Wandel in der Sprache folgt und nach den HandlungsmaximenMaximeHandlungs- sowie den RahmenbedingungenBedingungenRahmen-, unter denen Sprecher durch ihr Sprachhandeln zum Sprachwandel beitragen.

Ziel dieser Einheit ist es, dass Sie wissen, auf welche Weise und durch welche Anlässe Sprachwandel entsteht. Als Lockerungsübung für den Einstieg beantworten Sie bitte die folgenden Fragen auf der Basis Ihres Wissens zu diesem Zeitpunkt:

 Warum können Sie als Einzelner keinen Sprachwandel herbeiführen, wenn Sie ein neues Wort erfinden?

 Unter welchen Umständen könnte es Ihnen gelingen? Was ist dafür nötig?

 Was ist das längste Wort, das Sie kennen? Was ist das kürzeste Wort, das Ihnen einfällt?

 Was passiert mit einem Wort, wenn es zu lang oder zu kurz wird?

 Stellen Sie sich bitte vor, Sie wollen ab sofort Gewichtheben trainieren. Skizzieren Sie anhand eines mathematischen Graphen (x- und y-Achse), wie sich die Steigerung des Gewichts im Verhältnis zur Zeit vermutlich abbilden lässt! Welche Kurve entsteht dabei?

4.1 Nach welchen Prinzipien wandeln sich Sprachen?

Sprachwandel passiert nicht einfach so. Dass Sprecher daran beteiligt sind, wissen wir bereits. Wir wissen auch, dass Sprachwandel einem Prozess folgt, wie wir ihn in Kapitel 3 anhand des Sprachwandel-Express’ definiert haben. Zur Erinnerung:

[bad img format]Am Anfang jedes Sprachwandels steht eine Normabweichung, die durch Übernahme und Verbreitung zu einem späteren Zeitpunkt die Normierung einer neuen sprachlichen Form zur Folge hat.

Die unter 3.2.1 beschriebenen Stadien des Sprachwandelprozesses sind dabei als kontinuierliche Verläufe und nicht (wie häufig angenommen) als Fixpunkte zu verstehen.

Sprachwandel stellen wir also mit dem Blick in die Vergangenheit fest. Sprachwandelforschung arbeitet somit diagnostisch, nicht aber prognostisch. Dabei ist unsere Betrachtung i.d.R. diachrondiachron: Wir untersuchen Sprache nicht in einem eng begrenzten Zeitraum, sondern analysieren einen Sprachaspekt innerhalb mehrerer ausgewählter Zeiträume oder wir vergleichen verschiedene Sprachentwicklungsstufen miteinander, beispielsweise die Entwicklung vom Althochdeutschen über das Mittelhochdeutsche zum Neuhochdeutschen, wie wir es mit einem historischen Blick in Kapitel 1 getan haben.

Ist Sprachwandel deshalb aber ein (rein) diachronesdiachron Phänomen? Wie hängen DiachronieDiachronie und SynchronieSynchronie prinzipiell zusammen? Und: Wie funktioniert der diachrone Sprachwandelprozess?

Beginnen wir auf unserer Suche nach Prinzipien des Sprachwandels also mit der Frage nach der SynchronieSynchronie in der DiachronieDiachronie.

Exkurs: SynchronieSynchronie und DiachronieDiachronie — zwei Seiten einer Medaille

Die Begriffe SynchronieSynchronie und DiachronieDiachronie bezeichnen unterschiedliche Ebenen der Sprachbetrachtung. Zurückzuführen sind die Termini auf FERDINAND DE SAUSSURE, der sie zur Untersuchung von Sprachen als geschlossene Zeichensysteme eingeführt hat. Sprachen als Systeme mit ihren beschreibbaren Einzelelementen (Zeichen) lassen sich bestimmen, wenn man die Zeichen des Systems (und die anderen Elemente) in RelationRelationen zueinander betrachtet. Eine solche relationale Betrachtung ist synchronsynchron, also auf der Achse der Gleichzeitigkeit angesiedelt. Synchronie bezeichnet somit einen fixen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt, wogegen Diachronie die Veränderung eines Sprachzustandes im Laufe der Zeit bezeichnet. Eine diachronediachron Betrachtung zielt also auf die Veränderungen im Laufe der Zeit ab (Sprachentwicklung), eine synchrone Betrachtung hingegen kann Zustände und Veränderungen eines Sprachsystems in der Zeit (also zu einer bestimmten Zeit) beschreiben (SprachstadiumSprachstadien).

Bei der Verwendung der Begriffe kommt es oft zu Missverständnissen. So ist eine vollständige Beschreibung von Sprachwandelphänomenen nur möglich, wenn man beide Betrachtungen vornimmt. SynchronieSynchronie und DiachronieDiachronie sind keine Gegensätze, sondern sie ergänzen sich: Da Sprachwandel zu jeder Zeit stattfindet, ist er prozessual. Sprachwandel ist damit ein synchronersynchron Prozess, denn es gibt bei gesprochenen Sprachen keine statischen Phasen, sondern eine permanente Entwicklung. Sprachwandel als synchroner Prozess ist also immer diachrondiachron. Die Begriffe Synchronie und Diachronie sind für Probleme des Sprachwandels nicht geschaffen: „Die Begriffe ,Zustand’ und ,Geschichte’ sind sehr verschieden von den Begriffen ,Stase’ und ,Dynamik’“ (KELLER 2003: 169). Richtig ist: „Eine Theorie des Wandels ist keine Theorie der Geschichte, sondern eine Theorie der Dynamik eines ,Zustandes’“ (KELLER 2003: 169).

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
500 s. 35 illüstrasyon
ISBN:
9783846345368
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar