Kitabı oku: «TEXT + KRITIK 232 - Wolfgang Welt», sayfa 2

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Bei dem hier erstmals abgedruckten Text handelt es sich um die Transkription einer Lesung, die am 10. Dezember 1987 im Rahmen der SWF-Sendung »Literatur und Musik«stattfand. – Transkription: Martin Willems.

Zur Entstehungsgeschichte: »Wenig später rief ein Redakteur vom Südwestfunk an. Sie machten im Hörfunk eine Reihe ›Literatur und Musik‹, eine Stunde. Autoren stellten einen unveröffentlichten Text vor und spielten zwischendurch Musik ihrer Wahl. Ob ich das auch machen könnte? Was kommt dabei rum? Pro Textminute hundert Mark, das war ein guter Kurs. Mach ich. Ich ruf Sie dann noch mal an, wegen des Studios. Ich schrieb schon mal den Text. Ich hatte ja nichts in der Schublade liegen. Ich erzählte die Geschichte, wie ich in Amsterdam an einem Quiz teilgenommen hatte und dabei besoffen war. Dann wählte ich die Platten aus. Rock ’n’ Roll.« Wolfgang Welt: »Doris hilft«, Frankfurt/M. 2009, S. 131.






Sascha Seiler

»Die grüne Welle reiten« Gespräch mit Phillip Goodhand-Tait

Sascha Seiler: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Treffen mit Wolfgang Welt?

Phillip Goodhand-Tait: Wolfgang hielt sich in London auf, es muss 1976 gewesen sein. Er hatte sich gerade eine Vinylschallplatte gekauft, die auf dem Label Dick James Music – kurz DJM – erschienen war, es war mein Album »Songfall«. Als er auf dem Cover sah, dass das Büro von DJM in der New Oxford Street nur ein paar Schritte vom Plattenladen entfernt war, wo er das Album erstanden hatte, dachte er sich, er könnte ja mal spontan vorbeischauen und vielleicht ein Interview mit mir klarmachen. Ich glaube, er schrieb damals schon als freier Autor für Musikmagazine. Als er vor der Rezeptionistin stand, sagte er nur, er wollte sofort Phillip Goodhand-Tait treffen! Zufällig war ich gerade für eine Fotosession und ein paar Presseinterviews im Gebäude. Wolfgang war erstaunt, dass ich tatsächlich sofort greifbar war, und ich signierte ihm das Album. Wir kamen ins Gespräch und entdeckten unsere gemeinsame Liebe zu Buddy Holly. Als er mir erzählte, dass sein Freundeskreis ihm einfach nicht glauben wollte, dass Buddy Holly tot sei, weil Coral Records ständig neue Alben von ihm auf den Markt brachte, sah ich das als großartige deutsche ›Version‹ des berühmten ›Day the music died‹-Zitats aus Don McLeans Song »American Pie« an …

Wie war Ihr erster Eindruck von ihm?

Wir sind beide vom Sternzeichen Widder, ich bin jedoch sieben Jahre älter als Wolfgang. Mein erster Eindruck war, dass er ein sehr redegewandter junger Mann war, der ein gutes Englisch sprach und, was sehr selten ist, einen äußerst trockenen Humor sein Eigen nannte. Ich glaube, er war der einzige Deutsche, der mich jemals zum Lachen gebracht hat. Dabei erzählte er niemals einen Witz! Es waren eher seine leisen Reflexionen, die mich amüsierten. Er war auch sehr smart gekleidet, das fiel mir bei unserem ersten Treffen auf, ein gutaussehender junger Mann in einem Trenchcoat und einem Poloshirt. Wir wurden zusammen auf dem Soho Square fotografiert, der war in der Nähe des DJM-Gebäudes und wurde oft als Hintergrund für PR-Fotos verwendet. Das Bild, in Schwarz-Weiß, erinnerte uns immer an die Aufnahme zweier Spione während des Kalten Krieges!

Er war ja schon lange vorher Fan Ihrer Musik. Erinnern Sie sich daran, was er an Ihren Songs so inspirierend fand?

Auf besagtem »Songfall«-Album etwa begeisterte ihn die Knappheit und Einfachheit der Kompositionen. Er mochte den Song »Leon« ganz besonders, weil es die Geschichte eines Musikers auf Tour erzählt. Aber natürlich waren meine Neuarrangements von Buddy Hollys »Everyday« und dem Everly-Brothers-Song »When Will I Be Loved« seine anderen Favoriten. Mein eigenes Stück »New Moon Tonight« interessierte ihn wiederum, weil da die Zeile »I fell under a spell of an early rock and roller« enthalten war. Wie ich bereits erwähnte, war sein Englisch ja sehr gut und er hat bei Songs sehr auf die Texte geachtet. Ein Songtext wie »Processed« hat ihn politisch sehr angesprochen. Er war ja Sozialdemokrat.

Wie hat sich Ihre Freundschaft weiter entwickelt?

Das erste Treffen danach, an das ich mich erinnere, war bei einem Konzert, Backstage. Es muss auch noch 1976 gewesen sein, als ich als Vorgruppe von 10cc auf Deutschland-Tournee war, ich bin mir aber nicht mehr sicher. Wolfgang hat mir auf jeden Fall immer seine veröffentlichten Artikel und später auch seine Romane geschickt. Da ich aber nicht des Deutschen mächtig bin, hat er hin und wieder Randnotizen auf Englisch hinzugefügt. Natürlich war ich auch sehr daran interessiert, einen Musikjournalisten in Deutschland zu kennen, und er hat mich ja auch wirklich oft erwähnt. Ich habe ihm im Austausch auch immer meine Aufnahmen geschickt, aber insgesamt haben wir doch verschiedene Leben gelebt. Als er einmal in England war, habe ich ihn in unser Haus im New Forest eingeladen, meine damalige Frau mochte Wolfgang sehr gerne, sie konnte auch etwas Deutsch. Ich erinnere mich daran, wie wir am Kamin saßen, tranken und viel gelacht haben. Drogen haben wir beide nicht genommen, einem Drink waren wir aber niemals abgeneigt.

An welche weiteren besonderen Momente erinnern Sie sich noch?

Er hat mir Bochum nähergebracht. Besonders gerne erinnere ich mich daran, als wir bei seiner Mutter in der winzigen Küche an einem alten schwarzen Ofen im Haus an der Hauptstraße 51 saßen, sie hatte Eintopf gekocht, aß aber nicht mit, sondern saß ruhig in der Ecke, während Wolfgang in seinen Hosenträgern wie der Herr des Hauses wirkte. Das Essen war übrigens sehr lecker. Soweit ich weiß, war es ja ein Haus, das einst für Grubenarbeiter gebaut worden war, es war sehr dunkel und funktional. Wolfgang hat sich ja um seine Mutter gekümmert, bis sie starb, und zog dann in eine modernere Wohnung – nun ja, modern ist relativ – ein paar Hausnummern weiter. Immer wenn ich in Bochum war, traf ich mich mit Wolfgang, seinem Bruder Jürgen und dessen Frau sowie seiner Schwester Gabi. Wir aßen zusammen oder schauten Fußball. Von ihm lernte ich den Ausdruck »Fahrstuhlmannschaft«, mit dem er den VfL Bochum beschrieb. Auch war er ein sehr nützlicher Beifahrer. Immer wenn ich am Steuer saß, brach er in Begeisterungsstürme aus, wenn wir mehr als eine grüne Ampel nacheinander geschafft haben. Er nannte es: ›Die grüne Welle reiten‹, als wäre man am Strand in Hawaii und nicht in Köln oder sonstwo.

War Ihnen denn bewusst, dass Sie immer wieder Teil seiner autobiografischen Romane waren? Mehr noch: Sie spielen ja eine recht große Rolle.

Ich habe Wolfgang immer hundertprozentig vertraut, wahrhaftig über mich zu schreiben. Ich wusste, dass er meine Musik liebte, warum sollte ich also etwas dagegen haben, dass mein Name in seinen Romanen auftaucht? Während seiner Zeit in der Klinik habe ich nicht verstanden, was mit ihm los war. Richtig herausgefunden habe ich das erst, nachdem er wieder entlassen worden war, und es hat mich sehr schockiert zu erfahren, was er alles durchleben musste. In meinen Briefen ermutigte ich ihn darin, weiterzuschreiben. Ich sah es als eine mögliche Zukunftsperspektive für ihn, aber natürlich war mir nicht bewusst, dass jenes Wegsperren den jungen, hübschen Mann gebrochen hatte, den ich einst kannte.

Als dann also sein erster Roman veröffentlicht wurde, schickte er mir ein Exemplar und wies mich auf die Stellen hin, in denen es um mich ging. Ich habe das auch immer als Dankeschön für meine Ermunterungen angesehen, die ihm in harten Zeiten Mut gemacht haben. Wie hart diese Zeiten tatsächlich gewesen sind, habe ich aber erst mitbekommen, als ich ihn wieder mal in Bochum besucht habe. Wir hatten die Idee, eine Lesung aus seinem Roman »Peggy Sue« mit Live-Musik von mir zu verbinden, vor allem natürlich mit Buddy-Holly-Songs. Ich habe später sogar ein Album mit jenen Songs produziert. Als ich ihn lange Zeit später wieder mal in Bochum traf, waren die 1990er Jahre lange vorbei. Unsere Leben hatten sich radikal geändert. Er war jetzt Schriftsteller und ich hatte die Musik größtenteils für eine Karriere als Fernsehproduzent hinter mir gelassen. Ich schrieb praktisch keine Songs mehr, aber dann kam Wolfgang und weckte wieder meine Inspiration …

Wolfgang Welts Bücher sind nun bei Weitem keine Bestseller, aber im Segment der Pop-Literatur sind sie in Deutschland nicht nur populär, sondern werden mitunter sehr geliebt. Konnten Sie auch ein erstarktes Interesse an Ihrer Musik im Zuge seiner Texte erkennen, vor allem nachdem er zum Suhrkamp-Autor wurde?

Ich habe da einen ganz guten Überblick, weil ich auf meiner Website alle meine Alben zwischen 1965 und 1996 anbiete. Und nach Großbritannien kommen die meisten Käufer tatsächlich aus Deutschland, deutlich mehr als etwa aus Frankreich oder den Niederlanden, wo ich in der Vergangenheit genauso präsent war. Ich könnte mir schon vorstellen, dass Wolfgangs Thematisierung meiner Person und meiner Kunst einen Publicity-Effekt für mich hatte. Das und sicherlich auch unsere gemeinsamen Performances.

Haben Sie mitbekommen, wie seine Krankheit schlimmer wurde?

Während seiner letzten Jahre haben wir uns noch einmal in Bochum getroffen, um gemeinsam aufzutreten. Diese Lesungen seiner Texte mit meiner Musik waren immer sehr populär und manchmal wurden sie sogar im WDR übertragen. Bisweilen konnten wir offen darüber sprechen, was mit ihm passierte. Ich glaube, dass es die Behandlung war, die ihn so zerstört hat. Er wurde in einem kleinen Raum gehalten wie in einer Gefängniszelle; die Langzeitfolge davon war, dass er nicht mehr ruhig stehen konnte. Wenn er zum Beispiel auf den Zug wartete, lief er immer in einem kleinen Quadrat auf und ab, als würde er die Wände einer kleinen Zelle ablaufen. Und da waren da noch die Medikamente, die er nehmen musste; sie waren wichtig für ihn, vertrugen sich aber nicht mit seiner Vorliebe für »Moritz-Fiege«-Bier. Es war insgesamt keine angenehme Erfahrung, den körperlichen Zerfall dieses einst so virilen Journalisten aus den 1970er Jahren zu beobachten. Aber sein Geist war stets wach und er nahm das Leben von seiner lustigen Seite, auch wenn er nun als Nachtwächter des Schauspielhauses arbeitete. Wobei das Theater das zweitwichtigste in seinem Leben war, nach dem Schreiben natürlich, und ich sah auch, wie beliebt er bei seinen Arbeitskollegen war.

Sie erwähnten bereits, dass Sie des Deutschen nicht mächtig sind. Sicherlich würden Sie aber gerne Wolfgangs Bücher mal lesen.

Wolfgangs Romane wurden ja nie übersetzt, das stimmt. Ich wollte ihm zu Lebzeiten allerdings bei der Suche nach einem englischen Verleger behilflich sein. Ich habe einen Übersetzer in Salisbury daraufhin damit beauftragt, ein Probekapitel aus »Peggy Sue« zu übertragen. Aber die Übersetzerin war eher hochkulturell geprägt und sie fühlte sich von dem Text regelrecht beleidigt, sodass sie sich weigerte, ihn weiter zu übersetzen. Also gab ich das Kapitel einer Bekannten, die beider Sprachen mächtig war, und fragte sie, was denn das Problem mit dem Text sein könnte. Sie musste über den Inhalt und die ganze Situation laut lachen, wollte mir aber partout nicht sagen, warum. Ich bekam den Eindruck, dass das ganze wohl für zu ›schmutzig‹ oder verwegen gehalten wurde, und gab dann auf. Erst Jahre später, in den 2000er Jahren, bat ich Wolfgang, mir seine Werke doch mal zusammenzufassen. Es war wie eine Art Interview, ich machte mir viele Notizen. Am Ende verstand ich, warum meine Übersetzerinnen da nicht so kooperativ waren. Und das war noch vor »Fischsuppe«!

Dazu kommt sicherlich, dass die Romane ein sehr deutsches Setting haben und ich mir nicht sicher bin, ob eine Übersetzung so viel Sinn ergeben würde. Aber vielleicht würden sie ja im Kontext der britischen Kitchen-Sink-Tradition funktionieren.

Sollte man die Werke verfilmen, nur rein spekulativ, würde ich sie weiterhin in Deutschland spielen lassen und möglicherweise englische Untertitel hinzufügen, und das Ganze würde bei uns funktionieren. Wolfgangs Humor würde in England gut verstanden werden, aber das deutsche Setting wäre natürlich trotzdem elementar. Wir hatten mal diese TV-Serie hier, »Auf Wiedersehen, Pet«, die von 1983 bis 2004 lief und sehr populär war. Es war eine englische Produktion und handelte von Leuten aus der britischen Arbeiterklasse, die in Deutschland arbeiteten.

Nach seinem Tod haben Sie einen Song für Wolfgang Welt geschrieben, der auch auf der Ausstellung verkauft wurde …

Davor hatte ich schon ein Lied namens »If I Had To Write The Book« geschrieben, in dem es darum geht, wie es sich anfühlt, eine Biografie zu schreiben. In dem Song geht es um einen alten Typen, im Grunde um mich, der sich an Etappen und Menschen seines Lebens erinnert und darüber, wie man die Fakten für sich neu arrangiert, damit es besser aussieht als es vielleicht war. Der Song war beeinflusst von Wolfgang, der niemals das Negative versteckte, um sich selbst in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Nicht viele Schriftsteller sind mutig genug, so ehrlich und rücksichtslos gegen sich selbst zu sein. Wolfgang hatte die Gabe, dem Unglück den Stachel zu ziehen, indem er in gewissen Situation das Humorvolle betonte – vor allem in jenen, über die er keine Kontrolle ausüben konnte. Nach »If I Had To Write The Book« schrieb ich »Wolfgang« und sang beide Stücke vor einem kleinen Publikum im Theater unter Tage. Wolfgang war auch dabei, er kommentierte sie aber nicht, obwohl ich sie ihm gewidmet hatte. Er war ja ein sehr bescheidener Mensch. Nach Wolfgangs Tod habe ich die letzte Strophe des Songs aktualisiert. Im Original wurde ja bereits unsere gemeinsame Geschichte erzählt, es brauchte nun aber ein neues Ende. Ich denke, es ist für mich einfacher, die Gedanken über meinen Freund in einem Lied auszudrücken. Letztlich sind die meisten Antworten auf Ihre Fragen in diesen vier Minuten zusammengefasst.

Wolfgang


The first time I saw Wolfgang he had bought some of my music

He held my disc tightly so I knew he wouldn’t lose it

We talked of Buddy Holly, and posed in Soho Square

For a photo, that made us look like Cold War spies meeting there

We met again in Germany and shared a beer or two

Wolfgang wrote for the magazines and gave me good reviews

I toured and made more records but the times were changing fast

The only thing we both believed was that the music it would last

So the ’80s and the ’90s left us both out in the cold

Wolfgang they say was crazy, and I was indisposed

I said »Wolfgang you’re a writer and these times will soon be gone«

He started writing in the night time at the theatre in Bochum

The last time I saw Wolfgang he was certainly no neater,

Still joking with the guys, backstage at the theatre,

He signed his latest book as the Bochum bars moved on,

A Bermuda triangle bratworst then he took the night train home

OPTIONAL ENDING:

Whenever I’m thinking of Bochum,

I’ll probably have a beer for him again

That’s where Wolfgang set his words in motion

And memories of Wolfgang never end.

(So here’s to Wolfgang, my old friend)

Rolf Parr

Im Stakkato pop-kultureller Bewegungszyklen Wolfgang Welts autofiktionales Schreibprojekt
1 Ruhrgebietsliteratur?

Wolfgang Welts Texte sind als ein bedeutendes Stück Ruhrgebietsliteratur charakterisiert worden,1 er selbst als Ruhrgebietsautor, als »Chronist« des »Bochumer Niedergangs«2 und als der »größte Erzähler des Ruhrgebiets«.3 Das erstaunt insofern, als Welt in und mit seinen Texten kein kohärentes Bild des Ruhrgebiets entwirft, keine konsistente Topografie entwickelt und auch keine semantisch überdeterminierte literarische Topologie Bochums im Sinne Jurij M. Lotmans,4 nicht einmal eine Sicht des Ruhrgebiets aus Perspektive der Bochumer Wilhelmshöhe, auf der Welt den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Zwar werden in »Peggy Sue« (1986),5 »Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe« (1982),6 »Der Tick« (2001),7 »Der Tunnel am Ende des Lichts« (2006),8 »Doris hilft« (2009)9 und »Fischsuppe« (2014)10 gelegentlich Bochumer Straßennamen (Brambauer Straße, Brückstraße, Dördelstraße, Ferdinandstraße, Herner Straße, Kohlenstraße, Rottstraße, Saladin-Schmidt-Straße, Uni[versitäts]-Straße, Viktoriastraße, Wittener Straße), bekannte Orientierungsmarken (Bergbaumuseum, Bermuda-Dreieck, Dönninghaus, Opel-Berg, Ruhr-Universität, Zeche Bruchstraße, Zeche Germania), einzelne Ortsteile (Harpen, Huestadt, Langendreer, Weitmar, Werne) und an Bochum angrenzende Städte sowie solche in der näheren Umgebung (Dortmund, Hamm, Herbede, Herdecke, Wanne-Eickel, Witten) genannt, doch bleiben diese konkreten geografischen Hinweise mit Blick auf die pure Textmenge der rund 800 Druckseiten, die Welts autofiktionales Schreibprojekt insgesamt umfasst, eher marginal; dies zudem, da alle diese Marker kaum in Beziehung zueinander gesetzt werden, sodass nicht einmal für die mit dem Ruhrgebiet vertrauten Leser eine Art mental map aus Welts Texten entnommen werden kann.11

Schon eher – wenn auch hier nur mit Einschränkungen – ist dies bei den von Welt mit sehr viel größerer Regelmäßigkeit aufgerufenen Szenekneipen und Veranstaltungsorten der Fall, gibt es doch kaum eine Seite, auf der nicht vom Alten Bahnhof (Bochum-Langendreer), von Appel, Café Ferdinand, Clochard, Dellmann, Ehrenfelder Stübchen, Gaststätte Heemann, Grannys Rock Café, Intershop, Klimbim, Haus König, Café Konkret, Mandragora, Monopol, Rotthaus, Sachs, Spektrum, Sputnik, Treffpunkt, Tucholsky, U-Bo, Zacher und der Zeche Prinz Regent die Rede ist.

Als weitere Ebene lokaler Ankerpunkte kommen Plattenläden, Buchhandlungen und regionale Musikredaktionen hinzu (ALRO, Buchhandlung Janssen, ELPI, »Guckloch«, »Marabo«, Universitätsbuchhandlungen Brockmeyer und Schaten, Ubu), und schließlich werden lockere Bezüge zum Ruhrgebiet dadurch hergestellt, dass die Namen von Autoren und literarischen Gruppierungen aus dem Ruhrgebiet genannt werden: Max von der Grün, Frank Göhre, Wolfgang Körner, Jürgen Lodemann und – sich davon abgrenzend – der »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt«.12

Sind dies noch weitgehend lokale beziehungsweise regionale Marker, die Welts ruhrgebietskundige Leser punktuell wiedererkennen können,13 so sorgt die Nennung von Handels- und Restaurantketten (Horten, Karstadt, McDonald’s, Tchibo) sowie von überregionalen Musik- und Szenezeitschriften (»Bravo«, »Musikexpress«, »Rock Session«, »Sounds«, »Spex«, »Überblick«) für die mit dem Ruhrgebiet nicht vertrauten Leser nötigen Realismuseffekte. Aber auch hier gilt, dass daraus keine semantisch-topologisch gegeneinander abgegrenzten Räume entstehen, etwa ›Szene‹ versus ›Einkaufszonen-Mainstream‹, also Räume, zwischen denen sich die Protagonisten von Welts Texten grenzüberschreitend bewegten, gehören doch beispielsweise Tchibo-Filialen in den verschiedensten Städten durchaus zur innersten Welt des Ich-Erzählers. Wie wenig auf diese Weise zu einem kohärenten und durch den Leser nachvollziehbaren Bild des Ruhrgebiets beigetragen wird, lässt sich zudem daran festmachen, dass das Aufrufen von Straßennamen, Stadtteilen und Kneipennamen für Bochum und Umgebung kaum anders erfolgt als für Frankfurt am Main, München, London und Paris.

Zu Beginn von »Peggy Sue« scheint Welt noch selbst gesehen zu haben, dass für die nur angerissenen Lokalitäten und Musikmagazine Erläuterungen nötig sind, was noch einmal unterstreicht, dass das literarisch entfaltete Set von Schauplätzen nicht unbedingt schon für sich spricht. So heißt es gleich zu Beginn des Romans: »Wir waren also mal wieder im Spektrum und ich schilderte ihr, was das für’n Scheiß im Laden sei, aber was wollte ich machen.«14 Einen Absatz weiter kommt dann – im belehrenden Ton eines lokalen Reiseführers – die Erläuterung für Leser ohne intimere Kenntnisse der Ruhrgebietsszene: »Das Spektrum ist eine sogenannte Szene-Kneipe. Es hat einen viereckigen Tresen, und an den Wänden hängen Vergrößerungen von Guy Peellaerts [Peellaerts, R. P.] berühmten ›Rock Dreams‹. (…) Bochum ist ein Dorf. Zu einer bestimmten Uhrzeit scheint sich hier alles zu versammeln, bis es dann zwei Stunden später zu einer anderen Kneipe geht, die zu der Uhrzeit angesagt ist.«15 Auf derselben Seite findet man dieses Verfahren noch einmal, wenn es zunächst in wörtlicher Rede heißt: »Das sind die Verleger vom Marabo«, und dann im wiederum nächstfolgenden Absatz: »Das Marabo ist ein Stadtmagazin, das zu der Zeit wie ähnliche Zeitschriften in anderen Ballungsräumen, zu florieren anfing.«16

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