Kitabı oku: «Codename: Ghost (Jameson Force Security Group Teil 5)»
Sawyer Bennett
Codename: Ghost (Jameson Force Security Group Teil 5)
Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Joy Fraser
© 2020 by Sawyer Bennett
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und
Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
Englischer Originaltitel: „Code Name: Ghost (Jameson Force Security Book 5)“
Covergestaltung: © Mia Schulte/Sabrina Dahlenburg
Coverfoto: © Shutterstock8
ISBN eBook: 978-3-86495-506-
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-505-1
Alle Rechte vorbehalten. Dies ist ein Werk der Fiktion. Namen, Darsteller, Orte und Handlung entspringen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv eingesetzt. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorkommnissen, Schauplätzen oder Personen, lebend oder verstorben, ist rein zufällig.
Dieses Buch darf ohne die ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin weder in seiner Gesamtheit noch in Auszügen auf keinerlei Art mithilfe elektronischer oder mechanischer Mittel vervielfältigt oder weitergegeben werden. Ausgenommen hiervon sind kurze Zitate in Buchrezensionen.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Autorin
Kapitel 1
Malik
Ich ziehe die Decke fester um mich und versuche, ein Zittern zu unterdrücken. Am blauschwarzen Licht um mich erkenne ich, dass die Nacht gekommen ist, doch ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, auf die Tageszeiten zu achten.
Ich weiß nur, dass ich seit Monaten in dieser Holzhütte bin, deren Ritzen mit Lehm ausgestopft sind. So viel weiß ich genau, aber nicht, wie viele Hütten es gibt.
Die Hütte ist lediglich ein Bretterverschlag auf dem steinharten Wüstenboden. Dieser ist eine geologische Besonderheit, genannt Wüstenasphalt. Steine und Sand sind fast wie Asphalt verdichtet. Einer der Gründe, warum ich annehme, mich in der syrischen Wüste zu befinden, was jedoch nicht allzu viel aussagt, da über fünfzig Prozent dieses Landes aus Wüste bestehen.
Meinen Entführern genügt es nicht, mich in dieser Hütte gefangen zu halten. Irgendwann vor meiner Ankunft haben sie ein 3 x 3 Meter großes Loch in den Boden gegraben und einen Stab in der Mitte befestigt, an dem ich nun angekettet bin. Im Stehen reicht mein Kopf kaum bis an die Decke. Selbst auf Zehenspitzen kann ich nicht mehr sehen als das Dach der Hütte. Es gibt keine Tür, nur ein Fenster ohne Scheiben oder Klappläden. Ich bin wie ein Hund angekettet. Ich frage mich oft, warum sie mich in ein Loch gesperrt haben, und die einzige Erklärung ist, dass es Teil der Folter ist. Ich muss sagen, dass es scheiße ist, weder den Himmel noch die Sonne zu sehen oder ihre Wärme zu spüren.
Die Nächte werden langsam recht kalt, weshalb ich annehme, dass in Syrien der Winter beginnt. Ich schätze, dass es nachts so um die 5 °C Grad wird. Die beiden kratzigen Wolldecken, die man mir gegeben hat, kommen dagegen nicht an. Ich kann nachts nicht schlafen, friere zu sehr und fühle mich elend, sodass ich mich mehr tagsüber ausruhe, wenn es wärmer ist.
Ich erhebe mich von meinem Lager, das nur aus den zusammengefalteten Wolldecken besteht und so weit wie möglich vom Nachttopf entfernt liegt. Nicht, dass das eine Rolle spielt. Meinen Geruchssinn habe ich schon lange verloren, was in diesem Fall ein Gottesgeschenk ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich stinken muss. Ich trage noch dieselben Klamotten, in denen ich gefangen genommen wurde, abgesehen von den Stiefeln, die sie mir weggenommen haben. Schwarze Arbeitshose, langärmeliges schwarzes Thermohemd und Baumwollsocken. Die sind steif und unbeweglich, durchtränkt von Schweiß, Blut und Urin, nach Monaten der Gefangenschaft.
Allerdings nicht von meinen Tränen.
Nicht ein Mal in meiner Gefangenschaft haben sie meine Tränen bekommen.
Steif bewege ich mich durch das Loch im Boden, halte die dicke Kette an meinem Knöchel fest, um nicht darüber zu stolpern. Ich gehe auf die Zehenspitzen und versuche, etwas zu sehen, doch es ist sinnlos. Es gab eine Zeit, da hätte ich mich mühelos aus diesem Loch stemmen können, aber jetzt fehlt mir die Kraft. Sie wurde aus mir herausgeprügelt und -gehungert. Außerdem ist da noch das Problem der Kette um meinen Knöchel.
Als ich geschnappt wurde, war ich nicht erleichtert, noch zu leben. Mir war klar, in den Händen des Feindes zu sein – höchstwahrscheinlich der ISIS –, was bedeutete, auf dem Weg in den Foltertod zu sein. Zusätzlich trauerte ich heftig um meine verlorenen Teamkameraden.
Schnell bin ich gefesselt worden, habe einen Sack über den Kopf gezogen bekommen und bin gefühlte Stunden von dem kurzen Feuergefecht weggefahren worden, in das wir geraten waren. Ich habe immer noch das qualvolle Stöhnen der Männer in den Ohren, die erschossen wurden.
Was als Nächstes kam, ist zu erwarten gewesen. Ich gehörte zur Special-Forces-Einheit der Marines, bevor ich der Privatarmee Jameson Force Security beitrat und das SERE-Training mitmachte.
Survival. Evasion. Resistance. Escape.
Überleben. Flucht. Widerstand. Ausbruch.
Ich bekam nicht die Gelegenheit, meine Überlebens- und Ausbruchsfähigkeiten zu testen. Sie warfen mich direkt in den Widerstandsteil, als sie mir den Sack vom Kopf nahmen und mit der Folter anfingen, damit ich drauflos plauderte.
Gern würde ich behaupten, ich hätte der Folter tagelang widerstanden, aber das wäre nicht die Wahrheit. Der menschliche Körper kann nur bis zu einer gewissen Grenze mithalten, doch im Grunde lag es daran, dass ich einfach nicht die Informationen hatte, die sie haben wollten. Ich gehöre ja nicht mehr dem aktiven Dienst an. Als sie begriffen, dass ich einer privaten Sicherheitseinheit angehöre und in die Hände des Feindes gefallen bin, änderte sich ihr Interesse an mir.
Bevor sie mich verlegten, sagten sie, dass ich wertvoll sein könnte, um beim Austausch von Spionen mit anderen Ländern benutzt zu werden. Oder sie könnten mich vielleicht brauchen, um eine gute alte Enthauptung ins Internet zu stellen, was sich dann viral verbreiten würde, wie die meisten solcher Videos.
Sie stülpten mir wieder einen Sack über, fuhren mich stundenlang durch die Gegend und warfen mich in dieses Loch, in dem ich seit weiß Gott wie lange hocke. Es ist schwer, den Zeitraum im Auge zu behalten, besonders in den letzten paar Wochen, seit ich immer schwächer werde. Ich schlafe viel. Und morgens und abends bin ich oft wie benebelt, und die Zeit verläuft zu gleichförmig, um sie zu begreifen.
Ob ich bei guter Gesundheit bin, ist denen nicht wichtig. Ich bekomme zu essen, aber nicht regelmäßig. Meine Rippen stehen hervor und meine Knie sind knochig. Meistens bringen sie mir Reis, manchmal ein schales und trockenes Gebäck, das sie Ka’ak nennen. Ab und zu mal etwas Ziegenfleisch. Wasser bekomme ich genug, aber es schmeckt rostig. Ich muss mich dazu zwingen, es zu trinken. Mein Urin ist so braun wie das Wasser, was bestimmt bedeutet, dass ich langsam sterbe.
Diese Tatsache habe ich inzwischen akzeptiert.
Ich lasse mich auf meiner Decke nieder, lehne mich an die kalte, schmutzige Wand und wickele die andere Decke enger um mich. Mit geschlossenen Augen denke ich an meine Familie. Ich wette, dass meine Eltern und Geschwister jeden Winkel nach mir absuchen. Und mit Sicherheit nutzt mein Boss Kynan McGrath jeden seiner Regierungskontakte, um dasselbe zu tun. Ohne Zweifel hat mich noch niemand aufgegeben, so wie ich mich selbst. Sie werden nicht ruhen, bis sie Klarheit über meinen Verbleib haben. Das tut mir leid für sie, denn mich zu finden, gefangen in einem Loch mitten in der syrischen Wüste, ist, wie eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen.
Ich bin unauffindbar.
Ich höre Stimmen draußen, aber ich verstehe kein Arabisch. Schon gar nicht kann ich Dialekte unterscheiden. Ich kann nur sagen, dass ich immer zwei Bewacher habe, die sich alle paar Tage abwechseln. Einer ist normalerweise immer wach und der andere pennt auf dem Boden der Hütte. Manchmal höre ich ein Fahrzeug kommen und wieder fahren, wahrscheinlich, um die Wachen zu wechseln und Lebensmittel zu bringen.
Nie reden sie mit mir, und zwar nicht unbedingt, weil sie kein Englisch können, sondern weil ich ein Niemand für sie bin. Nur ein Gefangener, den sie in dem Loch lassen müssen. Sie empfinden mich nicht als Bedrohung, also ignorieren wir uns einfach gegenseitig. Ich glaube, sie müssen mich nur ansehen, um zu merken, dass ich vor langer Zeit schon sämtliche Fluchtpläne aufgegeben habe.
Schritte stapfen über den Wüstenasphalt. Jemand betritt die Hütte und das Gesicht eines Mannes erscheint über mir. Bill starrt mich an.
Nun ja, nicht wirklich. Ich kenne deren Namen nicht, aber da ich diese Männer täglich sehe, habe ich ihnen meine eigenen Namen gegeben.
Bill ist der netteste meiner Bewacher, doch das bedeutet nicht viel. Nur, dass er mir den Behälter mit meinem Essen nicht zuwirft, sondern sich an den Rand kniet und ihn mir reicht, damit nichts ausschwappt. Außerdem ist er der Einzige, der mich ab und zu aus dem Loch holt, aber ich glaube, nicht, weil er ein Herz hat. Er lässt mich nur raus, damit ich in die Wüste kacken oder pissen kann anstatt in den Eimer, den er am Ende auskippen muss.
Diesmal hat er kein Essen dabei, sondern winkt mir nur wortlos zu, ob ich raus will, um mich zu erleichtern.
Diese Chance lasse ich nie aus, ob ich rausmuss oder nicht, also nicke ich schnell.
Bill ist ein starker Mann und weiß, dass ich es mit ihm nicht mehr aufnehmen kann. Er schwingt das Gewehr auf seinen Rücken und legt sich am Rand des Lochs auf den Bauch. Wenn er einen Befehl ruft, den ich nicht verstehe, weiß ich, dass ich meine Hände zusammenlegen soll, damit er sie mir fesseln kann. Ich trete unter ihn, halte die Hände hoch, falte die Finger zusammen, sodass er ein Seil um meine Handgelenke wickeln kann.
Wenn das getan ist, springt er in das Loch und öffnet die Klammer um meinen Knöchel, die an der dicken Kette hängt. Stumm faltet er die Hände zur Räuberleiter zusammen, und ich stelle – wie schon so oft – einen Fuß hinein, sodass er mich hochhieven kann. Er ist stark und kann mich direkt hinauskatapultieren. Meine Landung ist hart und presst mir die Luft aus den Lungen. Bill ist genauso fit wie groß und springt mühelos hinter mir aus dem Loch.
Grob packt er mich am Arm und zerrt mich auf die Beine. Er schubst mich grob und befördert mich aus dem Eingang in die Nachtluft. Es ist frostig, aber gleichzeitig erfrischend. Ich erlebe einen kurzen Moment der Klarheit und eine Welle der Kraft. Sollte ich ihn angreifen? Versuchen, ihm die Waffe abzuringen? Ich blicke zu seinem Partner, meinem anderen Wärter, den ich Mortimer genannt habe. Er sitzt neben einem kleinen Feuer und nagt an einem Knochen mit knorpeligem Fleisch. Wahrscheinlich Ziege. Ich würde töten für einen Bissen, doch ich weiß, dass ich keinen bekommen werde.
Unerwartet schubst mich Bill erneut. Ich stolpere vorwärts und falle auf ein Knie. Über die Schmach, mich nicht wehren zu können, bin ich lange hinaus. Es ist mir egal, dass ich nicht einmal die Kraft habe, stehen zu bleiben, wenn mich jemand stößt.
Bill brüllt etwas auf Arabisch und zerrt mich wieder auf die Füße. Mortimer antwortet etwas und die beiden lachen. Ich starre Bill an und frage mich, ob er eine Familie hat und warum er solche Dinge tut. Wird er gut dafür bezahlt? Glaubt er an die Ziele, die meine Entführer anstreben?
Wieder sagt er etwas zu mir, das ich in einer Million Jahre nicht verstehen werde. Genauso verstehe ich das zischende Geräusch nicht, das ich höre.
Plötzlich explodiert sein Kopf in einer Wolke aus Blut, Knochen und Hirn.
Mortimer flucht scharf. Zumindest glaube ich das, und dann höre ich noch ein zischendes Geräusch und sein Kopf explodiert ebenfalls.
Beide Männer fallen auf den Wüstenasphalt, Bill mir direkt vor die Füße. Erstarrt sehe ich zu, wie Blut aus dem herausläuft, was von seinem Kopf übrig ist, und wie die Pfütze auf meine dreckigen Socken zukommt. Sie glänzt im Mondlicht und sieht beinahe schön aus.
Und dann begreife ich.
Ich bin frei.
Ich sehe auf, blinzele in die Nacht, doch der Schein von Mortimers Lagerfeuer macht es unmöglich, viel zu sehen.
„Hände hoch“, befiehlt eine amerikanische Stimme am Rand der Dunkelheit.
Ohne zu zögern, hebe ich die gefesselten Hände und sehe mich um.
Und dann treten Schatten aus der Schwärze. Meine Teamkameraden von Jameson. Tank und Merritt, mit einer Handvoll anderer Männer, alle in Tarnkleidung und bis an die Zähne mit Gewehren und Granaten bewaffnet.
Im Juni waren Tank und Merritt zusammen mit mir auf einer Mission, um Geiseln zu befreien, als wir in eine Falle gerieten. Bis jetzt hatte ich keine Ahnung, ob sie überlebt haben. Mir wird schwindelig, als mir bewusst wird, was ich hier sehe. Ich hatte sämtliche Hoffnungen aufgegeben, dass dies je geschehen wird.
Plötzlich steht mein Freund Cage Murdock vor mir und meine Beine geben nach. Er schlingt die Arme um mich und hält mich aufrecht. Tank und Merritt kommen näher, um mich genauer zu betrachten, während die anderen Männer die Überreste von Bill und Mortimer untersuchen.
„Ich habe dich, Kumpel“, versichert mir Cage. „Keine weiteren Wächter, oder?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich habe immer nur zwei gesehen.“
Tank sieht sich um und nickt zu der Hütte, in der ich gefangen war. „Wir beobachten alles seit ein paar Tagen. Haben auch sonst niemanden gesehen, aber wir müssen sichergehen.“
„Wir sind sicher“, murmele ich, obwohl ich mir momentan über gar nichts sicher bin.
„Gut“, antwortet Cage und lächelt, tätschelt nicht sehr hart meine Schulter. „Das bedeutet, wir können deinen Arsch nach Hause bringen. Ich wette, das gefällt dir, was?“
Ich knirsche mit den Zähnen und weiß, dass meine Antwort niemals gut genug wäre. Stattdessen gebe ich der Wüste, was ich monatelang zurückgehalten habe.
Ich lasse meinen Tränen freien Lauf.
Kapitel 2
Anna
Es ist erstaunlich, wie effizient ich geworden bin, Avery und mich morgens fertig zu machen. Nicht, dass es besonders schwer wäre, ein vier Monate altes Baby zu versorgen. Ich bade sie abends, sodass ich morgens hauptsächlich die Windel wechseln muss, ihr das niedlichste Outfit anziehe, das ich unbedingt habe kaufen müssen, und sie stillen. Letzteres dauert am längsten, aber es ist auch das Schönste. Fast meditierend sehe ich meiner Tochter zu, wie sie sich ihren Lebenssaft von mir holt.
Danach dusche ich schnell und betrachte Avery in ihrem Maxi-Cosi durch die Duschtür. Dann föhne ich mir die Haare, lege etwas Make-up auf und bin nach anderthalb Stunden aus der Tür, bringe Avery zu meiner Mutter und fahre zur Arbeit.
Ich muss daran denken, wie anders alles wäre, wenn die Umstände anders wären. Zum Beispiel wie viel einfacher, würde ich meiner Mutter nachgeben und zu ihr ziehen, damit sie sich um uns beide kümmern kann. Sie versteht einfach nicht, wie wichtig mir meine Unabhängigkeit ist.
Oder wie viel leichter es wäre, Avery zu versorgen, wenn Jimmy noch bei mir wäre.
Mein Ehemann ist vor sechs Monaten in Syrien umgekommen, als eine Mission schiefging. Jimmy ist der Typ Mann gewesen, der darauf bestanden hätte, sich ebenfalls um Avery zu kümmern. Er hätte Windeln gewechselt und sie morgens angezogen, da ich ja diejenige bin, die sie stillt. Doch auch da wäre er dabei gewesen. Er hätte sich neben mich auf die Couch gesetzt, mich in seine starken Arme genommen und sie genauso verträumt angesehen wie ich, denn sie ist unser kleines Wunder.
Zumindest glaube ich, dass er so gewesen wäre.
Die Zeit vernebelt den Menschen den Verstand, genau wie das Schicksal, schwanger mit dem ersten Kind zur Witwe zu werden. In Wahrheit hatten Jimmy und ich uns erst zwei Jahre gekannt, bevor er gestorben ist. Wir waren beide in der Army und lernten uns kennen, als wir in Ft. Bragg, North Carolina, stationiert waren. Es war eine wilde Romanze, eine versehentliche Schwangerschaft und eine schnelle Heirat. Manch einer mag sagen, dass ich gar nicht voraussagen könne, wie Jimmy als Vater gewesen wäre, denn ich kannte ihn kaum, aber das stimmt nicht. Jimmy war die Art Mensch, der Avery und mich sein ganzes Leben lang abgöttisch geliebt hätte. Nur weil er uns genommen wurde, bevor er das beweisen konnte, heißt das nicht, dass ich diese Tatsache nicht weiß.
Trotz allem will ich eins beweisen: dass ich die starke und unabhängige Frau bin, die Jimmy so bewundert hat. Das hat ihn an mir sofort angezogen. Obwohl er kein Problem damit hätte, dass ich mich auf meine Mutter stütze – was ich mit Sicherheit nach seinem Tod auch getan habe –, würde er von mir erwarten, dass ich Avery ein Vorbild dafür bin, dass man auch mit Schicksalsschlägen im Leben fertig werden kann. Und das versuche ich, indem ich einen Schritt nach dem anderen gehe und weitermache.
Täglich sage ich mir selbst: Du schaffst das, Anna.
Doch heute, während ich Avery im Auto festschnalle, habe ich meinen schwachen Moment. Einmal jeden Tag gebe ich mich der Trauer, dem Selbstmitleid und den Tränen hin. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich das loswerden kann, aber der Moment dauert meist nicht lange. Manchmal ist es nur ein dumpfer Schmerz in meiner Brust und ein Brennen der Tränen in den Augen, wenn ich an Jimmy denke.
An anderen Tagen kann ich mich nicht zurückhalten. Während Avery babymäßig vor sich hin plappert und eine Rassel in ihrer winzigen Faust hält, rollen mir warm die Tränen über die Wangen. Es tut weh, das heftige Schluchzen zu unterdrücken, das sich den Weg freimachen will. Ich sacke gegen den Türrahmen, atme durch und verfluche den Himmel, dass er mir den Ehemann und Avery den Vater genommen hat. Kurz gebe ich mich dem Selbstmitleid hin, denn es ist verdammt schwer, eine junge Witwe und alleinerziehende Mutter zu sein. Das habe ich nicht verdient.
Dann fällt mein Blick auf Avery und sie sieht mich nachdenklich an. Ihr Blick ist stechend, und ich glaube, sie weiß, dass ihre Mutter einen schwachen Moment hat. Mit dem Handrücken wische ich die Tränen fort, schniefe durch die Nase und lächele mein kleines Mädchen an. Sie antwortet, indem sich ihre kleinen Mundwinkel heben und sie grinst. Sie schwingt die Rassel und stößt einen kleinen Quietscher aus, der eines Tages sicher ein wunderschönes Kichern werden wird.
Und schon ist mein Moment vorbei.
Ich beuge mich vor und küsse Avery auf die Stirn, ziehe an ihren Gurten, um sicherzugehen, dass sie festsitzen, und wiederhole mein Mantra.
„Du schaffst das, Anna.“
*
Ich gehe am zweiten Stock vorbei, wo sich mein Büro befindet, und hoch in die Gemeinschaftsküche im vierten. Dort gibt es den besten Kaffee und meistens bringt irgendjemand etwas vom Bäcker mit.
Ich arbeite erst seit ein paar Monaten bei Jameson Force Security. Es war Jimmys Job und ich war nur die Ehefrau. Seine Erfahrungen bei der Army haben ihn für den Auftrag als Spezialist für die private Sicherheitsfirma prädestiniert. Er wurde für einen Auftrag, den unsere Regierung der Firma erteilt hatte, eingeteilt. In Syrien Helfer retten, die als Geiseln genommen worden waren.
Meine Rolle ist weit weniger heldenhaft, doch ich bin für sie wie geschaffen. Bei der Army bin ich im Büro tätig gewesen, was mich als Assistentin des Bosses qualifiziert. Kynan McGrath und seine Frau Joslyn haben mir nach Jimmys Tod sehr geholfen. Ständig haben sie sich nach mir erkundigt, mich besucht und mir versichert, dass sie für immer für mich und meine Tochter da sein werden.
Das habe ich nicht unbedingt gewollt, aber Kynan hat nicht gezögert, als ich ihn um eine Arbeitsstelle bat. Ich brauchte etwas, was mir das Gefühl gab, etwas wert zu sein. Seltsamerweise war es genau das, was ich brauchte, für die Firma zu arbeiten, in deren Auftrag mein Mann ums Leben kam.
Jameson ist eine interessante Firma. Sie wurde in Vegas von Kynans bestem Freund Jerico Jameson gegründet. Vor ein paar Jahren hat er sie an Kynan verkauft. Der verlegte das Hauptquartier nach Pittsburgh, damit er an der Ostküste war und näher an der Regierung in D.C.
Die Firma wickelt eine breite Spannweite an Sicherheitsservices ab. Wir haben Technik-Teams, die einfache Sachen wie das Installieren von Haus-Alarmsystemen übernehmen, bis hin zu Teams, die sogar in gefährliche Länder gehen und Menschen retten. Letzteres tun wir erstaunlich oft, denn die sprichwörtlichen Hände unserer Regierung sind oft gebunden, wenn es darum geht, wohin sie ihre Truppen schicken kann. In solchen Fällen, wenn etwas erledigt werden muss, und zwar vollkommen inoffiziell und geheim, heuern sie Privatfirmen an. Ich bin ein bisschen stolz, zu sagen, dass sie sich meistens an Jameson wenden.
Mom kann nicht verstehen, wieso ich bei der Firma arbeite, bei der mein Mann umgekommen ist. Ich habe versucht, es ihr zu erklären, doch sie wird es nie nachvollziehen können. Jimmy hat seinen Auftrag nicht vollenden können. Er hat sein Leben gegeben, als er etwas sehr Wichtiges tat. Das Leben Unschuldiger retten. Wenn ich dieser Firma irgendwie helfen kann, ihre Ziele zu erreichen, habe ich das Gefühl, Jimmy zu helfen, seine Mission zu Ende zu bringen.
Außerdem ist Jimmy nicht das einzige Opfer gewesen. Sein Teamkamerad Sal Mezzina wurde ebenfalls getötet. Und vielleicht noch schlimmer: Sein anderer Teamkamerad, Malik Fournier, war in Gefangenschaft geraten und monatelang festgehalten worden.
Vor zwei Wochen ist Malik jedoch befreit worden. Ich kann gar nicht in Worte fassen, welche Bürde das von meinen Schultern genommen hat.
Aus irgendeinem Grund bin ich sehr in die Suche nach Malik verstrickt worden. Monatelang hatte Jameson Hunderttausende Dollars in geheime Reisen nach Syrien investiert. Wir bezahlten Informanten, verstießen gegen die Wünsche unserer Regierung, von Befreiungsversuchen abzusehen, und durchsuchten das ganze Land nach ihm. Erst nachdem Kynan eine Million Dollar für brauchbare Informationen über Maliks Aufenthaltsort – tot oder lebendig – aussetzte, bekamen wir endlich einen soliden Beweis seiner Gefangenschaft.
Kynan traf die mutige Entscheidung, unser Team zu schicken, das Malik vor seinen Entführern rettete – die Mithilfe unserer Regierung vermeidend oder besser gesagt die Behinderung, denn die müssen immer nach bestimmten Regeln vorgehen.
Diese Nachricht hat mich glücklicher gemacht, als ich seit einer ganzen Weile war. Ich hatte das Gefühl, dass Jimmy und Sal ihre leitenden Hände über unserem Team hatten, das Malik erfolgreich nach Hause gebracht hat.
Seit zwei Wochen befindet sich Malik in Montreal und erholt sich bei seiner Familie. Da seine Mutter Amerikanerin ist und sein Vater Franko-Kanadier, besitzt er beide Staatsbürgerschaften. Sicherlich würde jeder an seiner Stelle eine Weile zu Hause bleiben wollen, um sich von den Strapazen zu erholen. Doch Kynan sagte, dass er bald wieder zur Arbeit komme, und ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen. Ich muss mich selbst davon überzeugen, dass Wunder geschehen können und dass Jimmys Tod vielleicht doch nicht ganz umsonst war.
Wie erwartet liegt eine Schachtel voller Donuts auf dem Tresen der großen Küche, die in den Gemeinschaftsraum übergeht. Auf dieser Etage befinden sich ein paar kleine Apartments, in denen unsere alleinstehenden Kollegen wohnen. In der Küche finden große Team-Essen statt, Zusammenkünfte, und der Aufenthaltsbereich ist wie ein großes Wohnzimmer, ausgestattet mit bequemen Sofas, Fernsehsesseln und einem riesigen Fernseher. Hier veranstaltet Kynan immer eine umwerfende Superbowl-Party, wurde mir erzählt.
Ich schaue auf meine Uhr und sehe, dass ich noch fünfzehn Minuten bis zu meiner Morgenbesprechung unten mit Kynan habe, in der wir seine Termine und Aufgaben für den Tag durchgehen. Ich nehme mir eine Tasse Kaffee, einen Ahornsirup-Donut, setze mich an die Kücheninsel und checke mein Handy. Schon hat Mom mir drei Fotos von Avery geschickt, die ich mir eine Weile ansehe, während ich dabei meinen Donut futtere.
Der frühere Lastenaufzug hält im vierten Stock und die Tür gleitet auf. Ich sehe nicht einmal von meinem Handy hoch, da ich annehme, es wäre Kynan, der sich Kaffee und einen Donut holen will.
„Hi, Kynan“, sage ich und blättere zum ersten Foto von Avery zurück, auf dem sie eine kleine Spuckeluftblase vor den Lippen hat. „Sieh dir das an.“ Ich hebe den Kopf, drehe ihm das Handy zu, und dann bleibt mir der Mund offen stehen wegen des Mannes, der aus dem Aufzug tritt. Er hat eine große Militärtasche über der Schulter.
Malik Fournier.
Wir haben uns erst ein Mal gesehen. An dem Abend vor dem Einsatz, doch die Unterschiede zwischen diesem Mann und dem, der jetzt vor mir steht, sind mehr als deutlich.
Malik war ein großer Mann, und das trifft auf seine Höhe immer noch zu. Doch als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er muskulös. Ein straffes Paket, und er schien genau zu wissen, wie er seine Kraft einsetzen kann. Der Mann vor mir ist viel dünner, auch wenn er in den letzten zwei Wochen bei seinen Eltern sicherlich gut zugenommen hat. Seine Wangen sind leicht eingefallen und seine Augen haben Ringe. Vielleicht dauert es länger als zwei Wochen, um den Schlaf aufzuholen, den er sicherlich in der Gefangenschaft nicht bekommen hat.
Ich weiß, dass es ihm schlecht ergangen ist, denn ich habe Cage nach allen schrecklichen Details ausgefragt, als er nach der Rettung wieder in Pittsburgh war. Erst hat er sich geweigert, aber dann nachgegeben. Weil Cage ein sehr guter Freund geworden ist und besser als jeder andere weiß, wie sehr ich in Maliks Rettung verstrickt war, um endlich inneren Frieden zu finden und über Jimmys Tod hinwegzukommen.
Cage hat mir alle Details erzählt. Nachdem er damit fertig war, wünschte ich, er hätte es nicht getan. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand so etwas überleben kann.
Und dennoch … ihn jetzt vor mir zu sehen, noch nicht wieder ganz der Alte und doch so stark, dass er die Gefangenschaft überlebt hat, trifft es mich so, wie ich es erwartet habe. Es ist wie Balsam für meine Seele, zu wissen, was für ein Wunder es ist, dass er überlebt hat. Obwohl es Jimmys Tod nicht leichter zu akzeptieren macht, nimmt es mir definitiv einen Teil der Trauer und ersetzt sie durch echte Freude, dass Malik das Unmögliche geschafft hat.
Wir sehen uns eine Weile an, dann blickt Malik auf das Handy.
„Süßes Kind.“
Kapitel 3
Malik
Natürlich ist es ein süßes Kind. Es ist das Produkt von Jimmy und Anna, die ein ungewöhnlich schönes Paar waren. Ich habe Anna erst ein Mal vor dem Einsatz getroffen, bei einem Jameson-Treffen auf ein paar Drinks am Abend, bevor wir abgeflogen sind. Ich habe mit Jimmy fast einen Monat gearbeitet und trainiert, seine Frau vorher aber noch nicht kennengelernt.
Ich weiß alles über das kleine Mädchen, das mich vom Display auf Annas Handy ansieht. Von dem Moment an, als ich von meinen Kameraden befreit wurde, konnte ich nicht aufhören, Fragen zu stellen. Cage musste mir wiederholt jedes schmerzvolle Detail, das er über Jimmy und Sal wusste, erzählen, und ich verglich es mit meinen eigenen Erinnerungen. Wie sie gestorben sind und wie ihre Leichen geborgen wurden. Sal ist an einer Schusswunde in die Hauptschlagader verblutet und Jimmy starb an einem Genickschuss.
Die Schuld an den beiden Toden erdrückt mich, und ich kann nichts tun, um diesen Schmerz zu lindern. Vielleicht interessieren mich Anna und ihr Baby Avery deshalb so sehr. Wie übersteht eine Frau es, ihren Ehemann zu verlieren und täglich seine Tochter zu sehen? Als ich vor ihr stehe und sie mich gelassen und willkommen heißend anlächelt, kann ich mir vorstellen, dass es ein anstrengender Akt sein muss.
Ich fühle mich ein bisschen unwohl.
In den letzten zwei Wochen habe ich viel nachgedacht. Erst habe ich mich hauptsächlich ausgeruht. Dann jede Menge gegessen, um meinen Körper wieder aufzubauen. Bei meinen Eltern zu Hause in Montreal zu sein, war genau, was ich brauchte, denn meine Familie steht sich sehr nah und kennt mich ganz genau. Sie umsorgten mich nicht übertrieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sehr meine Eltern und Geschwister getrauert und sich gesorgt haben mussten, doch sie machten keinen Wirbel um mich, weil sie wussten, dass ich das gehasst hätte.
Meine Geschwister kamen einzeln, um mich zu besuchen. Max und Lucas sind professionelle Eishockey-Spieler und kamen vorbei, als sie in Ottawa spielten. Meine Schwester Simone und ihr Mann Van – ein früherer Hockey-Spieler bei den Cold Fury – kamen für eine Woche, doch genau wie meine Brüder hingen sie nicht die ganze Zeit an mir und betrauerten die Tatsache, dass ich fünf Monate lang ein Gefangener im Mittleren Osten gewesen bin. Van und ich spielten zusammen viel auf der Xbox und Simone kochte mir all meine Lieblingsgerichte. Meine Eltern sahen mich oft nachdenklich an, doch das konnte ich ihnen nicht verübeln. Sicherlich konnten sie genauso wenig glauben, dass ich überlebt habe, wie ich selbst.
Doch dann wurde es Zeit, wieder nach Pittsburgh zu fliegen. Zu meinem Job. Erst da äußerten meine Eltern ihre Meinung und ihre Bedenken. Zwar begründeten sie es mit Worten wie Vielleicht solltest du dich noch eine Weile ausruhen, doch ich wusste, dass sie Angst hatten, dass ich auf die nächste gefährliche Mission gehen und sterben würde.
Das verstehe ich vollkommen, aber sie wissen auch eine andere Sache über mich. Ich laufe nicht vor meinen Ängsten davon und verstecke mich nicht hinter Was-wäre-wenn. Ich stelle mich den Dingen, und der einzige Weg, Syrien hinter mir zu lassen, ist, mir Pittsburgh und meinen Job vorzunehmen.
Allerdings machte ich einen kleinen Umweg und flog erst nach New York zu Sals Familie. Er war nicht verheiratet und hatte keine Kinder, also wurde es ein trauriger Besuch bei seinen alternden Eltern, die sich erstaunlich gleichgültig über seinen Tod gaben. Sie waren ziemlich überrascht, mich vor der Tür stehen zu sehen, ließen mich aber freundlich rein. Einen ganzen Nachmittag sprachen wir über Sal. Zwar habe ich ihn nicht allzu gut gekannt, doch ich hätte mein Leben für ihn riskiert. Sie haben mich nicht danach gefragt, was genau geschehen ist an dem Abend, als ich gefangen wurde, was gut so war. Ich habe meinen Bericht noch nicht abgegeben und hätte sowieso keine Details verraten dürfen. Und ich war froh, ihnen nicht erzählen zu müssen, dass es meine Schuld war, dass er und Jimmy sterben mussten.
Ich betrachte das Foto von Jimmys Tochter Avery und frage mich, ob es einmal so weit kommen würde, dass sie erfährt, welche Rolle ich beim Tod ihres Vaters gespielt habe. Anna wird ihr vielleicht alles erzählen, oder auch nicht, und bisher weiß ich noch gar nicht, was Anna genau darüber weiß. Da sie hier arbeitet, ist sie ein bisschen anders und wird wahrscheinlich manche Dinge eher für sich behalten.
Bevor ich Kynan nicht Bericht erstattet habe, kann ich ihr sowieso nicht sagen, was ich in der Wüste alles getan habe. Momentan muss ich meine Trauer und das schlechte Gewissen unter Verschluss halten.
Mein Blick schweift von Avery zu Anna. Sie ist eine unglaublich hübsche Frau mit goldenem Haar und ungewöhnlich blaugrauen Augen, die je nach Lichteinfall die Farbe zu ändern scheinen. In der Bar, in der wir an dem letzten Abend abhingen, hielt ich sie für kornblumenblau, doch in dem Neonlicht der Küche scheinen sie fast silbern mit einem Hauch Himmelblau zu sein.
„Also, du arbeitest jetzt hier, was?“ Die lahmste Begrüßung, die es überhaupt gibt. Ich weiß, dass sie hier arbeitet, denn ich habe Cage gefragt, weil ich wissen musste, ob ich sie zerstört habe, als ich ihren Mann sterben ließ.
„Ja.“ Sie lacht leise, streicht sich Haare hinters Ohr und legt das Handy ab. Ihr Ausdruck wird trauriger und sie senkt kurz den Blick. „Ich musste einfach ein Teil hiervon werden, nachdem …“ Ihre Worte hängen schwer in der Luft, und in meiner Kehle bildet sich ein Kloß. „Das klingt bestimmt albern, oder?“ Sie sieht mich wieder an und versucht, gelassen zu lächeln.
„Nein, gar nicht“, versichere ich ihr und denke mir, jetzt kann ich auch gleich sagen, was gesagt werden muss. Ich räuspere mich. „Hör zu, Anna, das mit Jimmy tut mir furchtbar leid. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es für dich sein muss.“
Ich wappne mich für Tränen und bin überrascht, als ihr Ausdruck weicher wird, ihre Finger mit dem Handy spielen und sie den Blick senkt.
„Für dich war es auch hart. Ich freue mich wirklich, dass du wieder da bist. Das macht alles ein bisschen …“
Sie bricht ab, als ob sie nicht sicher wäre, was das alles zu bedeuten hat. Ich kenne das Gefühl. Den Verlust der Richtung und die Frage, was zum Geier sich das Schicksal dabei gedacht hat, diese Umstände zu erschaffen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sie den Kopf und sieht mich wieder an. Obwohl ich diese Frau nicht kenne, sind wir durch das Geschehen in der Wüste miteinander verbunden. Es fühlt sich wie ein wichtiger Moment an, und ich habe keine Ahnung, wie ich darauf eingehen soll.
Anstatt etwas Vages zu sagen oder das Gespräch in harmlosere Gefilde zu leiten, sprudelt die brutale Wahrheit aus mir heraus. „Es fällt mir schwer, mit dir zu reden.“
Anna blinzelt erstaunt und runzelt dann die Stirn.
Ich schüttele den Kopf und halte eine Hand hoch. „Es ist nur, weil … ich lebe noch und Jimmy ist tot. Ich hoffe, du weißt, dass ich sofort meinen Platz mit Jimmy tauschen würde, wenn ich die Möglichkeit hätte, alles noch einmal zu machen.“
Anna richtet sich alarmiert kerzengrade auf. „Das würde ich nie von dir verlangen. Von niemandem. Und du darfst nicht so denken. Sei dankbar, dass du am Leben bist. Das musst du feiern, Malik. Ich tue es jedenfalls.“
Tja, das ist leichter gesagt als getan. Arme Anna, die mit dem Tod ihres Mannes und der Erziehung ihres Kindes allein fertig werden muss. Sie wird nie verstehen, warum ich niemals über Jimmys Tod hinwegkommen werde.
Auf ihre Worte hin bringe ich ein Lächeln zustande, unterstütze es noch durch ein leichtes Kopfnicken und hoffe, dass es reicht, um sie von Trauer und Schuld abzulenken.
Dann nicke ich Richtung Flur hinter der Küche, wo sich die privaten Apartments befinden. „Ich werde eine Weile hier wohnen. Kynan hat mir gerade den Schlüssel gegeben, also richte ich mich mal eben häuslich ein.“
In meinem Ton schwingt etwas Endgültiges mit, was anzeigt, dass das Gespräch jetzt beendet ist.
Nickend greift Anna nach ihrem Kaffee. „Okay, klar. Ich wollte dich nicht aufhalten und muss jetzt auch nach unten an die Arbeit. Der Boss ist ziemlich fordernd und so.“
Anna nimmt sich ihre Handtasche, noch einen Donut und ihre Kaffeetasse. Noch ein Lächeln, das ich mit einem kurzen Heben meines Kinns beantworte, und sie ist fort.
Seltsamerweise war dieses Gespräch, auch wenn es mir schwergefallen ist, das ehrlichste seit meiner Befreiung. Ein Teil von mir wünscht sich mehr davon.
*
Mich in meinem neuen Apartment einzurichten, dauert ganze fünf Minuten. Ich muss nur meine Klamotten in die Kommode legen und in die Küchenschränke schauen, um festzustellen, was an Lebensmitteln da ist.
Als ich nach Pittsburgh gekommen bin, um bei Jameson zu arbeiten, habe ich keine Zeit gehabt, mich nach einer Bleibe umzusehen. Ich habe auf der Couch eines alten Marines-Kumpels gepennt, der am Rand der Stadt wohnt. Und dann bin ich sofort für die Mission in Syrien eingeteilt worden, wo Geiseln befreit werden sollten. Ich hielt es nicht für eine zu schnelle Veränderung, von den Marines zu einer Befreiungsmission im Mittleren Osten überzugehen. Ehrlich gesagt, kam es mir eher wie ein alter Hut vor.
Jetzt weiß ich nicht, was die Zukunft für mich bereithält, aber für den Moment ist es die Arbeit bei Jameson, und das Angebot für dieses Apartment ist eine praktische Sache. Ich hätte mit demselben Mitbewohner von vorher zusammenziehen können, will aber diesmal lieber allein sein.
Ich bin hier, um das sprichwörtliche Pferd wieder zu besteigen und ein wertvolles Mitglied des Teams zu sein. Es ist wichtig, hier erfolgreich zu sein, denn bisher habe ich nur versagt, was mehr über mich aussagt, als ich akzeptieren kann.
Ein Klopfen an der Tür lässt mich zusammenzucken. Vor allem, weil ich fünf Monate in einem Erdloch gehaust habe. Das Konzept von geschlossenen Türen und Privatraum ist mir ein bisschen fremd geworden.
Ich gehe durch das kleine Wohnzimmer zur Tür und öffne sie schwungvoll. Kynan steht davor. Ich bitte ihn wortlos herein, indem ich zur Seite trete.
„Hast du dich schon eingerichtet?“, fragt er beim Eintreten.
„Fertig und zu allen Schandtaten bereit.“ Ich schließe die Tür und verriegele sie. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Vorsicht. Vielleicht auch nur aus purer Freude, eine richtige Tür zu haben, die man abschließen kann.
Kynan geht zur Couch und setzt sich, nickt zu dem Sessel, der ihm gegenüber steht. Das Apartment ist zwar klein, aber gemütlich ausgestattet. Die Möbel sind hochwertig. Zierleisten an den Decken in jedem Raum und die Küchengeräte sind top. Es ist die schönste Wohnung, in der ich je allein gelebt habe. Ich setze mich mit dem Hintern vorn auf die Kante, falte die Hände vor mir, lege die Ellbogen auf die Knie und sehe Kynan erwartungsvoll an.
„Debriefing morgen früh um 08:00“, sagt er direkt.
Ich nicke und halte seinen Blick. Zwar ist es das Letzte, was ich will, noch einmal alles durchzugehen, was geschah, aber es ist nun mal ein wichtiger Teil jeder Mission. So lernen wir aus unseren Fehlern, dokumentieren alles offiziell und verbergen das, was nicht öffentlich werden und nicht mal an die Regierung gelangen darf, die uns beauftragt hat.
„Kein Problem“, sage ich. „Danach werde ich meinen schriftlichen Bericht auch schnell fertig haben.“
Kynan nickt, reibt sich das Kinn und sieht mich prüfend an. „Corinne wird dabei sein.“
Ich beiße die Zähne zusammen. „Das gehört nicht zum Standardablauf.“
„Vielleicht nicht beim Militär, aber das hier ist meine private Firma“, antwortet er, ohne den Tonfall zu verändern.
Verfickt noch mal.
Corinne Ellery ist die Psychologin für Jamesons Mitarbeiter. Bevor ich den Job hier angenommen habe, musste ich mich von ihr testen lassen. Ich bin nicht blöd … er will, dass sie dabei ist, um zu beurteilen, wie ich mit der Gefangenschaft umgehe.
„Zusätzlich“, fährt Kynan fort, und ich spüre, dass noch mehr kommt, was mir nicht gefallen wird, „wirst du für eine Weile bei Corinne in Therapie gehen. Bis sie bestätigt, dass du wieder am aktiven Dienst teilnehmen kannst, wirst du zum Schreibtischhengst.“
„Du willst mich wohl verarschen“, schnaube ich. „Ich brauche keinen Irrenarzt und bin voll in der Lage, wieder normal zu arbeiten.“
„Verleugnung.“
Mehr sagt er nicht. Nur dieses eine Wort, und er glaubt, dass es mich völlig beschreibt.
„Ich will nichts leugnen“, knurre ich. In dem Versuch, mich nicht darüber aufzuregen und zu beweisen, wie gesund ich bin, lehne ich mich bequem in den Sessel zurück und versuche, entspannt zu wirken. „Ich bin gut erholt, nehme an Gewicht zu und bin innerlich total im Reinen mit dem, was mir passiert ist.“
„Und was ist mit dem, was Jimmy und Sal passiert ist?“
Ich kann meine körperliche Reaktion nicht verbergen. Unfreiwillig zucke ich zusammen und verziehe das Gesicht. Ich spüre es und weiß, dass er es sieht. Es ist dasselbe, wie wenn jemandem die Rippen gebrochen wurden und er hartnäckig behauptet, fit für den Dienst zu sein, aber wenn man ihm den geringsten Pikser verpasst, klappt er schmerzerfüllt vorn über und verrät seine Schwäche.
Er gibt mir keine Gelegenheit, mich zu verteidigen, sondern erhebt sich lediglich. „Wenn du weiter für Jameson arbeiten willst, musst du bei Corinne in Therapie gehen, bis sie bestätigt, dass du dich mit deinen Gefühlen über die Gefangenschaft und dem Versagen der Mission adäquat auseinandergesetzt hast. Mir ist egal, ob es dir gefällt oder nicht, ich will nur, dass du es tust. Ich kann es kaum erwarten, dich wieder im vollen Dienst zu sehen. Wenn du es nicht willst, dann gebe ich dir eine nette Abfindung, wir schütteln uns die Hände und gehen getrennte Wege. Das sind deine einzigen beiden Optionen.“
Gottverdammt, der Mann ist knallhart. Dennoch kann ich nicht anders, als ihn zu respektieren. Das Militär hat sich nie sehr um die mentale Gesundheit gekümmert, was ich meistens nicht gut fand. Komisch, wie sich die Dinge ändern können, wenn es um mich selbst geht.
Etwas über zwei Wochen ist es her, dass mein Flugzeug in New York gelandet ist. Ich erwartete meine Familie am Gate. Und sie war auch da. Meine Eltern und meine drei Geschwister. Doch auch Kynan stand bei ihnen, was mich überraschte. Auf seine Art zeigte er mir, dass ich zu seiner Familie gehöre. Er blieb nur so lange, bis er mir eine brüderliche Umarmung gegeben und mir auf den Rücken geschlagen hatte, und noch ein paar Minuten, während ich mit meiner Familie aus dem Terminal ging. Draußen verließ er uns und versprach, mich freudig wieder bei Jameson zu erwarten, sobald ich dazu in der Lage wäre. Später erfuhr ich, dass er meine Eltern in einem teuren Hotel untergebracht hatte, damit wir etwas Zeit miteinander verbringen konnten, bevor unser Flug nach Hause ging.
Der Mann kümmert sich – daran besteht kein Zweifel.
Und ich habe etwas zu beweisen, also ist es keine Option, Jameson zu verlassen.
„Gut“, sage ich zögerlich. Ich stehe auf und reiche Kynan die Hand. Er schüttelt sie und sein Ausdruck wirkt stolz.
„Ich weiß, dass es schwer ist, sich dem Scheiß zu stellen“, sagt Kynan, nachdem er meine Hand losgelassen hat. Er geht zur Tür und ich folge ihm. „Aber glaube mir, du musst das verdauen, und die gesündeste Weise ist, mit einem Profi darüber zu reden.“
„Verstanden.“
„Also dann, bis morgen beim Debriefing“, sagt er und klopft mir auf die Schulter. „Ich bin wirklich froh, dass du wieder bei uns bist, Malik. Du bist ein wichtiges Mitglied unseres Teams.“
Nachdem Kynan gegangen ist und ich die Tür hinter ihm verschlossen habe, lehne ich mich dagegen und denke an Corinne Ellery. Sie ist ein kluges Köpfchen. Eine exzellente Ärztin. Wie viel ich ihr wohl vormachen kann? Mit anderen Worten, wie wenig kann ich sagen, dass sie mich trotzdem wieder gesundschreibt?
Kapitel 4
Anna
Es klopft an meiner Tür. Mit einem schnellen Blick auf Averys Stubenwagen, den ich in die Küche geschoben habe, gehe ich durchs Wohnzimmer, um zu öffnen.
Wie erwartet steht Cage mit einem Sechserpack Bier in einer Hand und einem Teddybären in der anderen vor der Tür. Kurz lächelt er mich an, und sein Blick geht an mir vorbei in die Küche, wo er den Stubenwagen sieht.
„Da ist ja mein Mädchen“, schnurrt er mit funkelnden Augen. Er drückt mir das Bier in die Hand und steuert direkt auf Avery zu.
Die meisten Frauen wären beleidigt, wenn ein Mann zum Essen kommt und sie dann wegen eines niedlichen Babys ignoriert. Doch so ist es nicht zwischen Cage und mir. Wir sind nur Freunde, und das wird auch immer so bleiben.
Allerdings gute Freunde. Wir sind uns unglaublich nah gekommen, und ich weiß nicht wirklich, warum. Er hat seine Kumpels, vor allem die Jungs bei Jameson, und seinen besten Freund Bodie, der in der Jameson-Filiale in Vegas arbeitet. Ich habe meine Freundinnen und meine beste Freundin Delaney aus der Highschool, die immer noch in Pittsburgh lebt. Wir treffen uns ein paarmal im Monat auf einen Drink, und sie war mir eine enorme Unterstützung, als Jimmy gestorben war. Ich habe Bettruhe halten müssen, weil der Stress mir Krämpfe und Blutungen verursacht hatte. Dank Mom und Delaney habe ich während der ganzen Trauerzeit und Schwangerschaft konstante Hilfe gehabt.
Also ja, wir haben unsere eigenen Freundeskreise, aber wir haben auch einander.
Vielleicht fühlt er sich mit mir verbunden, weil ich in der Army war. Cage war in der Navy. Schon immer habe ich gute Beziehungen zu Männern aufbauen können, wohl weil ich keine allzu mädchenhafte Frau bin. Zwar kann ich mich gut zurechtmachen, aber ich fühle mich genauso wohl in Jeans und Flanellhemd bei einem Bier. Auch kann ich mit Waffen umgehen, was irgendwie ein Vorteil für eine Freundschaft mit dem männlichen Geschlecht zu sein scheint.
Wer weiß das schon, aber in den vergangenen fünf Monaten waren Cage und ich oft zusammen und sind uns nähergekommen. Außerdem ist Cage total begeistert von Avery. Er wird einmal ein gutes Vorbild für ihr Männerbild in ihrem Leben sein.
Wir versuchen, einmal pro Woche zusammen zu essen. Normalerweise gehen wir irgendwo in ein Restaurant, bevor ich Avery von Mom abhole, aber da mein Geschirrspüler undicht ist, habe ich Cage gebeten, ihn sich anzusehen, und ihm dafür ein Abendessen bei mir angeboten. Ich kann gut kochen, also ist es ein fairer Tausch.
„Was immer du gekocht hast, es riecht fantastisch“, sagt Cage über die Schulter hinweg. Er beugt sich über den Stubenwagen. Ohne zu zögern, hebt er Avery heraus, schnüffelt an ihrem Kopf und inhaliert ihren Babyduft. „Verdammt, sie riecht auch fantastisch. Warum riechen Babys nur immer so gut?“
Lachend gehe ich zum Ofen und werfe einen Blick auf die Enchiladas. Sie brauchen noch ungefähr zehn Minuten. Ich nehme zwei Bier aus dem Sechserpack und stelle die restlichen in den Kühlschrank.
Ich öffne das Bier. „Sie ist frisch gebadet, natürlich riecht sie gut. Wieso bist du eigentlich nie da, wenn ich ihr die Windel wechsele? Dann wüsstest du, dass Babys nicht immer gut riechen.“
Cage blickt Avery an, die in seinen Arm geschmiegt ist. Mit ihren großen blauen Augen sieht sie ihn an. Er grinst. „Deine Mom erfindet Sachen, oder? Ich wette, deine Kacka riecht nach Lollipops und Regenbögen, nicht wahr?“
Ich verdrehe die Augen und reiche ihm ein Bier. „Oh mein Gott. Erzähle ihr nicht so einen Mist.“
„Weil sie mich auch so gut versteht“, antwortet er scherzhaft.
„Nein, aber du wirst dir angewöhnen, ihr Blödsinn zu erzählen, und ich muss dann ein Vermögen für eine Therapie ausgeben, um den ganzen Scheiß aus ihr rauszubekommen.“
Cage schnaubt und geht an den Küchentisch, an den nur zwei Personen passen. Dieses kleine Apartment ist nichts Besonderes, aber momentan alles, was ich brauche. Es hat nur ein Schlafzimmer, das ich zu Averys Kinderzimmer erkoren habe. Ich schlafe auf der ausziehbaren Couch im Wohnzimmer. Mom versteht nicht, warum ich unbedingt mein eigenes Apartment brauche, doch ich konnte einfach nicht wieder nach Hause ziehen. Das erschien mir als ein großer Rückschritt auf meinem Weg in die Eigenständigkeit. Aber ich konnte nicht mehr in dem Haus bleiben, das ich mit Jimmy gemietet hatte, als wir hergezogen sind und er den Job bei Jameson angenommen hat. Das Leben, das ich mit ihm geführt habe, war einfach anders als mein jetziges, und alles in dem kleinen Haus erinnerte mich qualvoll daran, dass ich diesen Traum nun nie mehr leben werde.
Cage stellt sein Bier auf den Tisch und ignoriert es, weil er von Avery total eingenommen ist. Ich lehne mich an die Arbeitsplatte und betrachte die beiden einen seligen Moment lang. Ich liebe es, wenn sich jemand mit meiner Tochter beschäftigt. Dann fühle ich mich normaler, denn das tue ich ebenfalls ständig. Aber ehrlich, sie ist einfach das niedlichste Baby überhaupt.
Ich zucke zusammen, als die Uhr am Ofen piepst, stelle mein Bier ab und sehe nach den Enchiladas. Der Käse ist leicht gebräunt und blubbert, was genau richtig ist. Ich nehme sie heraus, stelle sie auf den Herd, drehe die Hitze ab und lasse das Essen etwas ruhen.
Ich greife nach meinem Bier und erwähne nebenbei: „Heute habe ich Malik gesehen.“
Er nimmt den Blick nicht von Avery. „Ja, ich habe gehört, dass er wieder da ist, ihn aber noch nicht gesehen.“
„Er wohnt in einem der Apartments.“
„Sicher hatte er heute sein Debriefing.“ Cage lächelt Avery an. „Aber ich bezweifle, dass Kynan ihn direkt wieder einsetzt. Nicht nach allem, was der Mann durchgemacht hat.“
Ich kenne die Details, weil ich Cage gnadenlos ausgequetscht habe. Über das unzumutbare Loch, in das Malik geworfen worden ist, die frostigen Temperaturen, das Halb-Verhungertsein und die Einsamkeit. Mir dreht sich fast der Magen um, wenn ich daran denke.
„Hast du die Männer getötet, die Malik entführt haben?“ Nach diesem Detail habe ich ihn noch nicht gefragt.
Damit erlange ich Cages Aufmerksamkeit. Er sieht mich an, zögert jedoch nicht mit der Antwort. Er weiß, dass ich mit solchen Informationen umgehen kann. Schließlich habe ich Kynan gebeten, mir auch zu erzählen, wie Jimmy gestorben war, und er sagte mir, so viel er konnte, ohne die Geheimhaltungsstufe zu verletzen.
„Ich habe keine Ahnung, wer ihn entführt hat, aber ja, wir haben die Kerle umgebracht, die ihn bewacht haben. Alle haben wir nicht erwischt, weil sie die Wachen alle paar Tage abgelöst haben.“
„Gut“, antworte ich leise und sehe Avery an, die in Cages Armen liegt. Es fühlt sich ein bisschen wie Rache für Jimmy an, dass zumindest einige, die für seinen Tod verantwortlich sind, nun ebenfalls tot sind. Und auch um Maliks willen, da die Kerle es verdient haben, weil sie ihn so behandelt haben.
„Meinst du, Malik ist okay?“, frage ich.
Er sieht mich eine Weile an, bevor sein Blick wieder auf Avery fällt und er sie sanft hin und her wiegt. „Ich glaube, er ist ein Typ, der damit umgehen kann. Immerhin hat er Special-Forces-Erfahrungen. Er wurde für solche Sachen trainiert. Allerdings müssen wir natürlich alle schwer daran arbeiten, über so etwas wegzukommen.“
Ich senke das Kinn und mein Magen krampft sich zusammen bei dieser Andeutung. „Musstest du auch schon mal über so etwas wegkommen?“
„Ja“, antwortet er, was mir noch mehr im Magen wehtut. Er blickt zwischen Avery und mir hin und her. „Vor fast zwei Jahren war ich mit Bodie auf einer Mission. Ich wurde angeschossen …“
„Was?“, rufe ich dazwischen.
Cage fordert mich mit seinem Blick auf, den Mund zu halten. Er nickt zu Avery, die in seinen Armen döst. Mit leiser Stimme und keinem Zögern, es mir zu erzählen, fährt er fort. „Wir wurden beide geschnappt. Glücklicherweise versorgten unsere Entführer unsere Wunden ziemlich gut. Die Regierung hat schnell ein Team aus CIA- und SEAL-Agenten zusammengestellt und wir wurden nach weniger als vierundzwanzig Stunden gerettet. Das war also nichts im Vergleich zu Maliks Geschichte.“
„Spiel das nicht herunter …“
„Tue ich nicht“, versichert er und sieht mich wieder an. Er steht auf, geht zum Stubenwagen und legt die schlafende Avery hinein. Dann kommt er zu mir und legt seine Hände auf meine Schultern. „Aber für so etwas werden wir trainiert. Wir alle wissen, was passieren kann und welchen Preis wir vielleicht zahlen müssen. Und jeder, den Kynan ins Team nimmt, hat etwas in sich, was ihm hilft, darüber hinwegzukommen. Vielleicht ist es die Akzeptanz, dass das Schicksal ein Arschloch sein kann. Wir können es nicht kontrollieren. Oder vielleicht haben wir etwas, was normale Leute nicht haben. Ich kann es nicht beschreiben. Im Endeffekt aber glaube ich, dass Malik damit fertig werden wird.“
Mir ist nicht bewusst gewesen, wie besorgt ich um Malik bin, bis ich Cages beruhigende Worte höre. Erleichtert atme ich tief aus und frage mich, ob Jimmy auch dieses Etwas in sich hatte. Die wahre Akzeptanz, dass der Tod nun mal kommt, wenn er kommt, oder einfach eine innere Stärke, die man nicht erklären kann.
Daran würde ich gern glauben. Er war so stark und zuversichtlich. Glaubte voll an seinen Beruf. Er war durch und durch ein Beschützer, nicht nur von mir und seinem ungeborenen Kind, sondern des Friedens generell. Er hat nicht eine Sekunde gezögert, diesen Auftrag anzunehmen. Auch wenn er mir versprach, auf sich aufzupassen, musste ihm klar gewesen sein, dass er einer von denen sein könnte, die nicht mehr zurückkommen.
Ich schüttele den Kopf, um mich aus diesen Gedanken zu holen, und lächele Cage zittrig an. „Wie wäre es, wenn wir jetzt essen und uns über etwas Schöneres unterhalten?“
Lachend nimmt er sein Bier und stößt damit an meins. „Darauf stoßen wir an.“
Unter meinen Anweisungen legt Cage die Teller, Servietten und Bestecke auf den Tisch. Nachdem ich die weichen Enchiladas aufgetan habe, setzen wir uns, und die schlafende Avery liegt in ihrem Stubenwagen neben uns.
„Ich habe Neuigkeiten zu berichten“, sagt Cage und gabelt sein Essen auf.
Das Zögern in seiner Stimme zeigt an, dass es ihm schwerfällt.
„Ach ja?“ Ich halte mit meiner Gabel inne und konzentriere mich ganz auf ihn.
Er grinst leicht, was mit seiner Unsicherheit konkurriert. Das macht mich erst recht neugierig.
„Worum geht es?“ Ich zerteile meine Enchilada in zwei Stücke.
„Ich treffe mich mit jemandem.“
Mein köstliches, käsiges Essen ist vergessen und ich sehe ihn an. „Du triffst dich mit jemandem?“, wiederhole ich dümmlich, denn das ist einfach noch nie da gewesen. Es scheint gegen Cages Ethik zu verstoßen. Er ist ein Playboy, ein bekannter bunter Hund. Er hasst die Vorstellung von Monogamie und glaubt, wahre Liebe ist etwas für Spießer.
Leicht verlegen sieht er mich an. „Es ist noch frisch, aber wir sind schon ein paarmal miteinander ausgegangen …“
„Ein paarmal?“, entkommt es mir erstaunt. Cage ist ein strikter Einmal-und-fertig-Typ. Er gibt sogar damit an, nie mit derselben Frau zweimal ausgegangen zu sein.
„Fünfmal“, stellt er klar. „Wir sind schon fünfmal ausgegangen. Ich habe sogar schon ihren Bruder kennengelernt.“
Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück und sehe meinen Freund an, als wäre ihm ein Geweih gewachsen.
„Was denn?“, fragt er mich leicht ärgerlich. „Dass ich mich mit jemandem regelmäßig treffe, ist doch nicht außerhalb der Realität.“
„Doch, wenn du dich so vehement gegen Monogamie und Beziehungen wehrst.“
„Was soll ich sagen?“ Er isst ein Stück Enchilada, kaut und schluckt. „Sie ist anders.“
„Wie heißt sie?“ Ich kann das Misstrauen nicht aus meiner Stimme verbannen, denn ich glaube immer noch, dass er mich nur veräppelt.
„Jaime“, antwortet er mit verzücktem Gesicht.
Heilige Scheiße, er ist total verschossen.
An dieser Stelle würde ihn jeder gute Freund damit aufziehen, aber ich möchte ihn nicht verschrecken. Ich will mehr darüber wissen. „Erzähl mir von ihr.“
Er grinst albern und schiebt sich noch einen Bissen in den Mund. Mit einem Schluck Bier spült er ihn hinunter. „Sie ist toll. Du würdest sie mögen. Sie ist total geerdet und gar nicht anspruchsvoll. Auch wenn sie jedes Recht dazu hätte, denn sie ist einfach großartig.“
Ich lausche Cage, wie er poetisch über die Frau dahinschmilzt. Während wir essen und Bier trinken, höre ich alles über Jaime, die auf jeden Fall mehr von Cage ergattert hat als nur seine Aufmerksamkeit. Ich frage mich, ob er ernsthaft verliebt ist. Hoffentlich. Ich erinnere mich an das Gefühl für Jimmy. Cages verträumten Ausdruck zu sehen und den Respekt, den er für Jaime hat, lässt mich wieder an das Wunder der Liebe glauben.
„Sie klingt echt toll“, sage ich, als ihm langsam das Lob über sie ausgeht.
„Das ist sie“, sagt er niedergeschlagen. „Aber es gibt ein Problem.“
„Was denn?“
„Als wir uns das erste Mal getroffen haben, habe ich ihr erzählt, dass ich ein Gebrauchtwagenverkäufer bin. Und jetzt denkt sie, das wäre mein Beruf.“
Ungläubig öffne ich den Mund. „Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Warum zum Geier hast du das gemacht?“
Cage zuckt mit den Schultern und sein Gesicht wird rosa. „Weil … weil ich immer die Erwartungen der Frauen niedrig halten will, verstehst du? Wenn ich eine Frau treffe, dann erfinde ich immer irgendeinen Beruf. Meistens einen völlig uninteressanten, langweiligen, sodass sie sich nicht zu sehr für mich begeistert. Dann kann ich später leichter wieder gehen, ohne dass sie der geilen Vorstellung des großen bösen Sicherheitsexperten nachtrauert.“
Ich starre ihn an. „Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.“
„Hey!“ Er tut beleidigt. „Das hat immer super funktioniert. Außer jetzt. Ich mag Jaime wirklich. Ich will sie weiter treffen, aber ich habe Angst, dass sie mich abserviert, wenn sie erfährt, dass ich sie die ganze Zeit belogen habe.“
„Aber du musst ihr die Wahrheit sagen.“ Ich deute mit dem Finger auf ihn. „Wenn sie dich wirklich auch mag, dann wird sie dir verzeihen.“
„Ich weiß nicht so recht“, antwortet er skeptisch. „Außerdem wird das Ganze eh nicht lange halten, oder? Ich bleibe ja nie dauerhaft.“
„Außer, dass du mir die ganze Zeit vorgeschwärmt hast, wie sehr du sie magst“, gebe ich zu bedenken.
„Fuck“, murmelt er und steht auf. „Ich brauche noch ein Bier. Vielleicht kannst du mich dann überzeugen, das Richtige zu tun.“
Kapitel 5
Malik
Nachdem ich aus meinem Apartment gegangen bin, schließe ich es ab und stecke den Schlüssel ein. In der Gemeinschaftsküche treffe ich niemanden, aber es riecht nach frischem Kaffee. Doch den ignoriere ich, denn nach der Morgendusche hatte ich bereits meine eigene Tasse für den Tag.
Soweit ich weiß, wohnen hier zurzeit sonst nur noch Cage und Merritt, die ich beide noch nicht gesehen habe, seit ich wieder da bin. Ich war die meiste Zeit in meinem Apartment, weil ich nichts Besseres zu tun hatte.
Die Jameson-Apartments liegen im vierten und obersten Stock eines renovierten Lagerhauses im Hill District von Pittsburgh. Von außen ist das Gebäude heruntergekommen und voller Graffiti. Von innen ist es eine ganz andere Nummer.
Neben den Apartments, der Küche und dem Unterhaltungsbereich gibt es im vierten Stock auch ein erstklassiges Fitnessstudio und einen Dachgarten.
Man kann das Haus auf zwei Wegen verlassen. Mit dem originalen Lastenaufzug mit der schmiedeeisernen Tür, der eine halbe Ewigkeit nach unten rumpelt, oder über die schwebende Treppe. Sie ist aus aufgearbeitetem Holz, hat ein Eisengeländer und hängt an Stahlseilen, sodass sie wie frei schwebend aussieht.
Ich nehme die Treppe, gehe in den zweiten Stock, wo sich alle Büros und administrativen Leute befinden. Auch hier hat Kynan bei der Ausstattung nicht gespart. Die Wände bestehen aus den Original-Backsteinen wie von außen, sind jedoch sandgestrahlt worden, bis sie ihre ursprüngliche Schönheit wiederhatten. Auf dem Boden liegt Parkett mit Teppichen in einzelnen Bereichen, und an der Decke verlaufen die eisernen Träger und geben dem Ganzen den Industrie-Look. An einem Ende des zweiten Stocks gibt es lederne Sessel mit Alutischen, wo Mitarbeiter arbeiten oder spontane Meetings abgehalten werden können.
Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich Büros hinter Glasscheiben und davor stylishe Schreibtische aus Stahl und Holz. Das Großraumbüro wird nicht durch Stellwände unterteilt, was zu einer gemeinschaftlicheren Atmosphäre beiträgt.
Ich trete von der Treppe und biege scharf rechts ab Richtung eines Büros hinter einer Glasscheibe, auf deren Türschild steht: Dr. Corinne Ellery.
Sie ist eine nette Frau und auf jeden Fall eine Augenweide. Ich schätze, dass sie in den Dreißigern ist. Sie hat dichtes braunes Haar und trägt es meist als Knoten am Hinterkopf. Sie hat eine Brille, die sie klug aussehen lässt, aber da sie einen Doktortitel hat, wird sie es wahrscheinlich wirklich sein.
Gestern habe ich mich mit ihr und Kynan beim Debriefing getroffen. Dieses fand im großen Konferenzraum im zweiten Stock statt, das Kynan mit digitalen Karten auf einem großen Bildschirm unterstützt hat, damit wir die Mission nachvollziehen konnten.
Ich hielt keine Details zurück, nicht mal die schmerzlichen an den Stellen, wo ich glaube, versagt zu haben. Da Kynan noch andere Quellen hat, bin ich sicher, dass ich ihm nichts Neues sagen konnte über die Falle, in die wir geraten waren, und wie wir mit all dem umgegangen sind.
Jameson war zusammen mit einem internationalen Rettungsteam beauftragt worden, in Syrien Helfer aus der Geiselnahme zu befreien. Ein normaler Bürger wäre überrascht, wie oft Regierungen – auch die unsrige – private Sicherheitsfirmen anheuern, um bei Einsätzen zu helfen. Jameson ging mit einem Fünferteam rein. Jimmy Tate, Sal Mezzina, Merritt Gables, Tank Richardson und ich. Wir haben mit den Special-Forces-Teams in England und Australien gearbeitet, denn die Geiseln kamen aus diesen Ländern. Auch wenn keine Amerikaner dabei waren, spielte es keine Rolle, ob Jameson den Auftrag annehmen würde. Wenn die Bezahlung gut ist und die Risiken überschaubar sind, helfen wir Menschen auf der ganzen Welt.
Das Debriefing hat eine Stunde gedauert. Dr. Ellery hörte schweigend zu, während Kynan den Bericht durchging und mich mit Fragen bombardierte. Ich musste ihm ein paar Sachverhalte anhand der syrischen Karten erklären. Er führte mich durch jeden Schritt vom Basiscamp bis zur Entführung.
Natürlich fiel es mir nicht leicht, über den Moment zu reden, als Jimmy und Sal getroffen wurden, doch sicher war es auch für Kynan schwer, das Ganze noch einmal hören zu müssen.
Danach sprachen wir über meine Gefangenschaft. Obwohl das sicherlich der Teil war, der besonders Dr. Ellery interessierte, hörte sie nur gelassen zu, ohne sich Notizen zu machen. Kynan löcherte mich hartnäckig über alle Details.
„Wohin haben sie dich gebracht?“
„Ich weiß nicht, ich hatte die ganze Zeit einen Sack über dem Kopf, aber die Fahrt hat ungefähr zwei Stunden gedauert.“
„War es eine Stadt oder irgendwo außerhalb?“
„Ein kleines Dorf, glaube ich, anhand der Tiergeräusche, und es herrschte kaum Verkehr. Ich konnte nie aus dem fensterlosen Raum schauen, in dem sie mich untergebracht haben.“
„Wie sah es da drin aus?“
„Holzboden, gerissene Wände, ein Tisch mit zwei Stühlen in der Mitte. Ein Tisch an einer Wand mit einer Wasserkanne. Sie tranken davon, boten mir aber nichts an.“
Und so ging es weiter, bis Kynan ans Eingemachte kam.
„Wie haben sie dich gefoltert und wie oft?“, fragte er, ohne den Tonfall zu verändern. Es ging ihm nur um die Informationen, aus denen er etwas zu erfahren hoffte.
„Mehrmals am Tag, ungefähr neun Tage lang, soweit ich jetzt noch sagen kann. Schlafentzug die ganze Zeit, Hungern, laute Musik, Elektroschocks und Prügel.“
Kurz und bündig und emotionslos ratterte ich es herunter. Ich hatte trainiert, Folter durchzustehen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann gab jeder auf. Und das war auch keine Schande. Wichtig war, es ihnen nicht zu leicht zu machen, ihnen die am wenigsten schädigenden Infos zu geben oder bei dem Versuch zu sterben, und währenddessen über den Feind herauszufinden, was man nur konnte. Darin war ich erfolgreich gewesen, hauptsächlich, weil ich nicht viel wusste, was ich hätte verraten können. Glücklicherweise glaubten sie mir und hörten auf, mich zu foltern, schafften mich durch die Wüste in ein Loch, bis ich ihnen irgendwann auf andere Weise nützlich werden könnte.
Dann fragte Kynan nach der Kommunikation, wann die Wachen gewechselt hatten und ob ich noch etwas anderes in Erfahrung bringen konnte. Ich sagte ihm alles, was ich wusste, und wurde nicht einmal ungeduldig, als er manchmal dieselbe Frage zweimal stellte. Es war eine übliche Taktik, um meine Aufrichtigkeit zu testen und mir zu helfen, weitere Erinnerungen zu wecken.
Am Ende bedankte er sich bei mir und wiederholte, dass ich jetzt Dienst am Schreibtisch haben würde, bis die Therapie bei Dr. Ellery vorbei sei. Dann würde sie mich gesundschreiben.
Und jetzt gehe ich in ihr Büro.
Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und sieht auf ihren Computer. Hinter ihr befinden sich Regale voller Fachbücher über Psychiatrie. An einer Wand stehen zwei gemütliche Sessel mit einem Tisch mit einer Lampe dazwischen. Ich bin froh, dass sie nicht diese klischeehafte Couch hier stehen hat.
Dr. Ellery meidet das Neonlicht des Industriegebäudes. Stattdessen hat sie überall Lampen stehen, die für ein beruhigendes Glühen sorgen. Ihr Büro ist das Einzige mit Rollos an den Scheiben. Wahrscheinlich, damit sie für Privatsphäre sorgen kann. Nicht, dass es mich interessieren würde. Ich nehme an, dass es sowieso nicht lange ein Geheimnis bleiben wird, dass ich zum Seelenklempner muss, bevor ich wieder in den aktiven Dienst darf. Das finde ich in keiner Weise peinlich.
Ich will nur verdammt noch mal nicht drüber reden müssen.
Darin besteht ein Unterschied.
Als ich an die Glastür klopfe, wendet sie mir ihren Blick zu. Lächelnd winkt sie mich herein. Die Tür schwingt hinter mir von allein wieder zu.
„Hi, Malik“, sagt sie freundlich und deutet auf einen der Besuchersessel.
Sie erhebt sich, nimmt sich Block und Stift vom Schreibtisch und kommt zu mir herüber. Die Sessel drehen sich, finde ich heraus, als sie sich mit ihrem zu mir dreht.
„Schön, dass du gekommen bist.“
„Wir wissen beide, dass ich keine andere Wahl habe“, sage ich locker, in dem Versuch, etwas Humor in die Sache zu bringen. Es hört sich flach an, aber sie lächelt trotzdem.
„Nun ja, das stimmt nicht ganz. Du hättest dich auch dagegen entscheiden können. Eine Ausrede vorbringen. Dich krankmelden. Oder dir einen neuen Job suchen.“
Kapitulierend senke ich den Blick. „Verstanden, Dr. Ellery.“
„Corinne“, sagt sie. „Wir duzen uns hier alle.“
Überrascht blinzele ich. „Ich wollte eigentlicht, dass du mich Mr. Fournier nennst.“
Sie beugt den Kopf leicht zurück, lacht und nickt. „Sinn für Humor. Gefällt mir. Und ist ein gutes Zeichen. Menschen, die nach einem Trauma noch lachen können, hilft die Therapie meistens gut.“
„Also so nennen wir das wirklich, ja?“
Corinne zuckt mit den Schultern. „Nenn es, wie du magst, aber wir beide werden uns viel unterhalten. Ich muss herausfinden, ob du mit dem Trauma fertig wirst …“
„Das tue ich.“
Sie ignoriert meinen Einwurf. „Auf eine gesunde und produktive Weise. Auf eine Art, die ich für ausreichend halte, dich wieder in dein Team zu lassen. Es geht nicht nur um deine geistige Gesundheit, sondern auch um Sicherheitsbelange.“
Wenn ich darüber nachdenke, muss ich gestehen, dass es Sinn ergibt. Trotzdem will ich nicht darüber reden. Denn das kostet Zeit und öffnet Wunden, die ich lieber schnell zuheilen lassen würde. Dennoch habe ich keine andere Wahl. Nicht, wenn ich weiter bei Jameson arbeiten will.
„Na gut.“ Theatralisch gebe ich nach, mache es mir auf dem Sessel bequem und lege ein Bein über mein Knie. „Dann lass uns anfangen.“
„Sehr gut“, antwortet sie mit einem strahlenden Lächeln und hält ihren Stift über den Block. „Heute wird es erst mal langweilig sein. Hintergrundinformationen … Wo bist du aufgewachsen, wie ist die Beziehung zu deinen Familienangehörigen, warum hast du diesen Beruf gewählt und so weiter.“
„Verstanden.“ Das ist wohl der leichte Teil.
Sie legt einen Arm auf ihre Sessellehne. „Erzähl mir von deiner Familie, Malik. Du hast die Staatsbürgerschaften der USA und Kanada?“
Ich nicke. „Mein Dad ist Franko-Kanadier und Arzt. Meine Mom ist Amerikanerin und Rhetorik-Coach. Ich wurde in Montreal geboren und großgezogen und habe zwei Brüder und eine Schwester.“
„Das wievielte Kind bist du?“
„Warte …“ Ich verziehe das Gesicht, denn ich bin schlecht im Geburtstagemerken und solchen Sachen, aber ich liebe meine Geschwister und bekomme das hin. „Max ist der Älteste, er ist neunundzwanzig. Dann kommt Lucas mit achtundzwanzig. Dann ich mit sechsundzwanzig und als Letztes meine Schwester Simone. Sie ist unser Baby mit dreiundzwanzig.“
„Ich erinnere mich daran, als du das erste Mal bei Jameson warst und wir eine Besprechung im Konferenzraum hatten … Cage ist ausgeflippt, als er erfahren hat, dass deine Brüder für die Cold Fury spielen, weil das sein Lieblingshockeyteam ist.“
Darüber muss ich lachen. Cage ist zum Brüllen komisch gewesen bei dem Meeting, als ich vorgestellt wurde und er erfuhr, dass ich zwei berühmte Brüder habe. „Ja, Max und Lucas spielen bei den Cold Fury.“
Sie neigt den Kopf leicht zur Seite. „Hast du auch Hockey gespielt?“
„Ja. Max und Lucas würden sagen, dass ich auch ein Profi hätte werden können, aber das ist einfach nicht meine Leidenschaft. Ich wollte zu den Marines und nichts konnte mich davon abbringen.“
„Ein Franko-Kanadier, der zum US-Militär wollte, interessant.“
„Das liegt mir im Blut. Mein Großvater war ein Marine und als Kind liebte ich seine Geschichten.“
Auf diese Weise geht das Gespräch weiter, alles über meinen Hintergrund. Sie stöbert in meinem Privatleben herum und fragt mich, ob ich mal eine ernste Beziehung hatte. Die Antwort fällt negativ aus. Nicht, weil ich etwas dagegen hätte, sondern aus Zeitmangel. Irgendwie habe ich nie Freizeit. Bei der Arbeit in der Spezialeinheit der Marines und jetzt bei Jameson konnte ich mich nicht einmal mit jemandem verabreden. Ganz zu schweigen von der fünfmonatigen Gefangenschaft.
Zu meiner Überraschung ist die Stunde schneller vorbei, als ich es merke. Ich bin geradezu erschrocken, wie schnell die Zeit rast. Habe ich doch angenommen, diese Sitzung wäre die reinste Folter, aber im Gegenteil, mit Corinne kann man ganz locker reden.
Doch mir ist klar, dass das, was noch auf mich zukommen wird, nicht so leicht werden wird.
Bevor Corinne mich entlässt, gehen wir an den Schreibtisch zu ihrem Kalender und machen den nächsten Termin aus. Am liebsten würde ich gleich morgen weitermachen, denn wenn ich die Therapie beenden muss, bevor ich wieder in den aktiven Dienst darf, dann will ich es so schnell wie möglich erledigen.
„Morgen wäre gut“, sage ich daher.
Sie beugt sich über ihren Kalender, eins dieser dicken Bücher, und ich bin erstaunt, dass es kein digitaler ist. Sie grinst. „Wie wäre es mit Montag?“
Ich runzele die Stirn. „Aber das ist erst in vier Tagen.“
„Korrekt.“ Sie sieht zu mir hoch. „Da gibt es etwas, was man Wochenende nennt. Als ich diese Stelle angenommen habe, habe ich Kynan gesagt, dass ich nie am Wochenende arbeite.“
„Aber was ist mit morgen? Freitag?“
Corinne richtet sich auf, nickt verständnisvoll, doch erklärt mir, warum sie es langsamer angehen lässt. „Du brauchst Zeit zwischen den Sitzungen, um alles zu verarbeiten und zu entspannen.“
Ich knurre frustriert und nicke zu ihrem Kalenderbuch. „Und wann am Montag?“
„Um acht?“
„Okay“, brumme ich.
Anscheinend amüsiert sie das, denn sie lacht. „Hab Geduld, Malik. So ist es besser für dich. Und wer weiß, wenn du das Ganze komplett offen und ehrlich angehst, kann ich dich vielleicht ganz schnell davon befreien.“
Leichter gesagt als getan. Ich weiß genau, dass sie mich mit meinen Schuldgefühlen konfrontieren will. Aber darauf einzugehen bedeutet, dass ich für diesen Job nicht geschaffen bin, was ich nicht hinnehmen kann. Doch eventuell kann ich sie davon überzeugen, dass es mir gut geht.
Corinne schreibt mich in einen freien Termin und geht mit mir an die Tür. Mit der Hand auf meiner Schulter hält sie mich zurück. Ich bin gezwungen, mich zu ihr umzudrehen.
„Du glaubst es vielleicht jetzt noch nicht, aber ich bin davon überzeugt, dass wir beide gut zusammenarbeiten werden. Du wirst ruckzuck wieder im aktiven Dienst sein.“
Gott, das hoffe ich.
Ich nicke, bringe ein Lächeln zustande und gehe aus der Tür.
„Hi, Malik.“
Sofort erkenne ich Anna Tates Stimme. Sie kommt aus dem Lastenaufzug und hat einen recht großen Karton dabei, der anscheinend nicht schwer ist, aber unhandlich. Sie trägt einen schmalen, braunen Tweed-Rock, einen cremefarbenen Pullover, der sich viel zu gut an ihre Formen schmiegt, und hochhackige Lederstiefel. Ihr goldenes Haar fällt in lockeren Wellen um ihre Schultern. Sie sieht modisch und jung aus und hat ihr ganzes Leben noch vor sich. Gar nicht wie eine Witwe. Sie wirkt eher wie eine schöne Frau auf dem Höhepunkt ihres glücklichen Lebens.
Ohne weiter nachzudenken, eile ich auf sie zu und nehme ihr den Karton ab, denn so wurde ich erzogen. Erst lässt sie nicht los und unsere Blicke treffen sich.
„Es geht schon“, sagt sie und zieht ein wenig daran.
„Ist es etwas streng Geheimes?“ Ich lasse nicht los.
„Nein.“ Sie runzelt die Stirn.
„Dann erlaube mir bitte, ihn für dich zu tragen.“ Ich nehme ihn ihr aus der Hand und ignoriere ihren besorgten Blick, dass ich vielleicht nicht kräftig genug bin, um den Karton zu tragen.
Das finde ich süß von ihr und rührend.
„Ich habe fast schon wieder meine alten Kräfte zurück“, erkläre ich. Sie wird leicht rot. „Ich meine, ich kann noch keine Autos anheben oder so etwas, aber heute beginne ich mit dem Krafttraining, sodass auch das bald wieder klappt.“
„Oh, das ist schön.“ Anna lächelt und ihre Röte verschwindet. „Denn Kynan hat mir ein Projekt aufgetragen und möchte, dass du mir dabei hilfst. Eine Menge Kartons sind im vierten und müssen alle nach unten geschafft werden.“
„Ein Projekt?“, frage ich neugierig. Sie geht zu den verglasten Büros. Ich erkenne Kynans Büro, aber er ist nicht da. Anna geht in das direkt neben seinem. Es ist viel kleiner als das des Bosses, doch strategisch gut platziert, damit sie direkt bei ihm ist, sollte er sie brauchen.
„Dozer hat eine Matrix-Datenbank programmiert, die sämtliche Informationen der letzten Fälle speichern soll, damit er sie mit Algorithmen und anderer IT-Magie filtern und Vorhersagen für künftige Fälle machen kann. Du und ich haben die glorreiche Aufgabe, auszusuchen, welche Daten relevant sind, und sie ins System einzugeben.“
Ohne Scheiß. Dozer habe ich kennengelernt, als ich hier zu arbeiten anfing, und er war dabei bei dem Treffen an dem Abend, bevor ich nach Syrien geflogen bin, als wir alle ein paar Drinks zusammen hatten. Er ist so etwas wie superschlau. Gerüchte besagen, dass Kynan ihn der NASA abspenstig gemacht hat, also kann ich nicht behaupten, dass mich dieses Projekt erstaunt.
Anna deutet auf den Boden. „Stell den Karton einfach irgendwo hin. Da sind noch fünf weitere Kartons, die hierher müssen, also gehen wir und holen sie.“
„Ich werde sie holen“, sage ich und wende mich der Tür zu.
„Nett“, antwortet sie. „Danach führe ich dich als Willkommensgeschenk zum Mittagessen aus und wir besprechen, wie wir das Projekt zusammen stemmen werden.“
Ich bleibe geistig an dieser Einladung hängen, denn sie kommt mir seltsam vor. Das hier ist eine Büroumgebung und ich bin nicht an diese Lass-uns-zusammen-essen-gehen-Sache gewöhnt. Und schon gar nicht möchte ich mich bei einem Salat mit der Witwe des Mannes unterhalten, der wegen mir gestorben ist.
Ich blicke über meine Schulter, und Anna kniet neben dem Karton und wühlt darin herum. Sie bemerkt nicht, dass es mir unangenehm ist. Irgendwie vermindert das die Enge in meiner Brust, die sich immer einstellt, wenn ich auf Anna treffe.
Mein Magen knurrt und mir fällt ein, dass ich heute nichts gefrühstückt habe, und ich denke mir, ein Mittagessen wird nicht schaden.
Kapitel 6
Anna
„Ich muss mich bei dir bedanken“, sagt Malik und seufzt, bevor er herzhaft in sein Sandwich beißt.
„Und warum?“ Ich nehme mein Sandwich in die Hand, unsicher, wie ich hineinbeißen soll, denn mein Mund geht nicht so weit auf.
„Weil du mich nicht in ein Restaurant gebracht hast, in dem es nur Salate und Smoothies gibt“, antwortet er, nachdem er geschluckt hat.
Ich grinse. Mein italienisches Sandwich ist dick belegt mit Primanti’s Pastrami, viel Krautsalat und knusprigen Pommes. „Das klingt irgendwie sexistisch.“
„Nein, gar nicht.“ Er runzelt die Stirn. „Am ersten Tag, als ich wieder hier war, hat Kynan mich in so eins geführt. Natürlich bin ich zurzeit für jede Art Essen dankbar, aber verdammt, Salat ist einfach nicht mein Ding. War es noch nie.“
Ich lache und betrachte mein Sandwich. „Ich liebe Primanti’s. Eins meiner Lieblingslokale, aber ganz bestimmt nicht für erste Dates geeignet.“
Malik schnaubt und nickt zustimmend. Er nimmt noch einen großen Bissen, und etwas Krautsalat bleibt in seinem Mundwinkel hängen. Ich widerstehe dem Drang, hinüber zu greifen und ihn mit dem Finger in Maliks Mund zu befördern. Ich bin nicht sicher, woher dieses Gefühl kommt. Es hat nichts mit Anziehung zu tun. Ist aber auch nicht wirklich mütterlich. Ganz bestimmt nicht schwesterlich. Aber definitiv auf Zärtlichkeit gegründet, für diesen Mann, der so viel durchgemacht und überlebt hat. Er verdient Hunderte Primanti-Sandwiches, wenn er sich das wünscht.
Vielleicht habe ich ihn zu lange angestarrt, denn Malik nimmt seine Serviette, wischt sich den Mund ab und kaut immer noch an seinem letzten Bissen. Ich kämpfe weiter mit der Ecke meines Sandwiches und genieße die Geschmacksexplosion in meinem Mund.
„Du bist aus Pittsburgh, oder?“, fragt Malik.
Ich nicke und trinke einen Schluck Cola Light. „Geboren und aufgewachsen. Mit achtzehn bin ich weggezogen, wusste aber immer, dass ich zurückkommen werde. Hier ist meine Heimat.“
„College?“ Er nimmt noch einen Bissen und ist zufrieden damit, mir zuzuhören.
„Ja. In Ohio am Bowling Green. Aber nach einem Jahr bin ich raus und zur Army gegangen.“
Malik atmet erstaunt scharf ein. Daraufhin bekommt er einen Hustenanfall, weil er sich anscheinend das Essen in die Luftröhre gesaugt hat. Er trinkt etwas, räuspert sich und sieht mich verwundert an. „Warum hast du das College für die Army geschmissen?“
Ich zucke mit den Schultern und ziehe eine Fritte aus meinem Sandwich. „Ich fand das College cool und so, aber ich wusste einfach nicht, was ich einmal werden wollte. Es wurde Zeit, mich für eine berufliche Orientierung zu entscheiden, aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Es fühlte sich wie die reinste Zeit- und Geldverschwendung an. Also entschied ich mich dafür, es mit dem Militär zu versuchen, und am Ende habe ich es geliebt.“
Malik schüttelt den Kopf und ich erkenne Respekt in seinen Augen. „Das ist einfach … wow. Beeindruckend, dass du dich getraut hast, deinem … nun ja, deinem Instinkt zu folgen. Respekt dafür, dass du zum Militär gegangen bist.“
Mike streckt mir seine Faust entgegen. Ohne darüber nachzudenken, stoße ich mit meiner gegen seine.
„Warum bist du zu den Marines gegangen?“, frage ich.
Während er mir von seiner Familie und ihrer gemischten Herkunft erzählt, kann ich mein Sandwich weiteressen. Die amerikanische Mutter verliebte sich in Montreal und Maliks Vater, und sie entschlossen sich, dort ihre Familie zu gründen. Alle Jungs der Fourniers spielten Hockey, aber Malik war nicht so begeistert davon wie seine Brüder Max und Lucas. Mich berührte es, dass Malik lieber in die Fußstapfen seines Großvaters trat und zu den Marines ging, um ein Land zu verteidigen, in dem er nicht einmal aufgewachsen war, zu dem er aber immer noch eine Verbindung spürte.
„Trotzdem fehlt mir das Hockeyspielen manchmal“, sinniert Malik. „Als ich im aktiven Dienst war, habe ich manchmal in der lokalen Mannschaft gespielt, wenn es eine gab.“
„Und bist du für das Team deiner Brüder?“, frage ich neckend. „Oder bist du für ein anderes?“
„Solange meine Brüder bei den Cold Fury sind, ist das mein Nummer-eins-Team.“
Bei der Wärme und Liebe in seiner Stimme wird mir warm auf der Brust. Als Einzelkind ist mir die Beziehung zwischen Geschwistern fremd, doch ich finde es schön, wie er strahlt, wenn er über seine Familie spricht. Sicherlich hat er sich als Gefangener nach ihr gesehnt.
Doch das wäre ein zu schweres Thema, auch wenn ich gern mit ihm über seine Zeit in Syrien sprechen würde. Fast fühlt es sich so an, als wenn seine Qualen mir helfen würden, über den Verlust von Jimmy hinwegzukommen. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass das, was in Syrien geschehen ist, Malik irgendwie wichtig für mich macht.
Stattdessen halte ich das Gespräch unbeschwert. „Okay. Ich würde gern wissen, wie sehr Cage dich wegen deiner Brüder belästigt hat.“
Malik neigt den Kopf in den Nacken und lacht herzhaft. Trotz der noch eingefallenen Wangen vom monatelangen Hungern strahlen seine haselnussbraunen Augen puren Humor aus, was ihn sehr gut aussehen lässt. Ich fand ihn schon immer gut aussehend, aber im Moment ist er richtig schön. Als ich ihn im Juni zum ersten Mal gesehen habe, waren seine Haare superkurz, doch während der Gefangenschaft sind sie gewachsen. Sicherlich hatte er auch einen dichten Bart, als sie ihn fanden, den er sich abrasiert hat, doch das längere Haar hat er gelassen und es ist nun wellig. Es kräuselt sich um seine Ohren und reicht ihm fast bis zum Kragen.
Ich bin so in seine attraktive Erscheinung vertieft, dass ich leicht zusammenzucke, als er wieder spricht.
„Der Kerl ist schwer von den Cold Fury begeistert. Da er aus North Carolina ist, ist er ein Wahnsinnsfan.“
Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, wovon er redet, und merke, dass ich einen anderen Mann anstarre, der nicht mein Ehemann ist. Ich schäme mich dafür. Meine Wangen werden heiß. Innerlich entschuldige ich mich sofort. Es tut mir leid, Jimmy. Sehr leid.
„Weißt du“, fährt Malik fort, ohne meine Schuldgefühle zu bemerken, „nachdem ich befreit worden bin, war das Erste, was mich Cage im Flugzeugtransporter nach Deutschland fragte, ob ich ihm Tickets für ein Cold-Fury-Spiel besorgen könnte. Ich habe ihm gesagt, wenn er mir nachher einen Cheeseburger bringt, besorge ich ihm so viele Tickets, wie er will.“
Malik lacht bei der Erinnerung, aber dass er einen Cheeseburger wollte, nachdem er monatelang nur Dreck und schales Wasser bekommen hatte, trifft mich tief. Ich spüre, wie mir die Wärme aus den Wangen läuft.
Malik muss etwas bemerkt haben.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“
Hastig schüttele ich den Kopf. „Nein, gar nicht. Ich glaube, das mit dem Cheeseburger war einfach eine krasse Erinnerung daran, wie schlimm es für dich gewesen sein muss.“
Ohne es zu müssen, gibt sich Malik alle Mühe, die Sache herunterzuspielen. Grinsend hält er sein Sandwich hoch. „Was der Grund ist, warum ich zum Mittagessen keinen Salat will.“
„Verstanden“, sage ich leise und hoffe, dass mein Lächeln nicht vor Mitleid trieft. Hoffentlich zeigt es nur, dass er in mir eine Freundin hat, die ihm, so gut sie kann, helfen möchte.
Für mich ist es eine Ehrung von Jimmys Andenken. Es repräsentiert den Triumph, dass Malik es geschafft hat und die Schweine, die meinen Mann umgebracht haben, nicht gewinnen.
Da das Thema ein bisschen zu ernst geworden ist, lenke ich das Gespräch auf das Datenbank-Projekt. Ich drehe mich um und hole aus meiner Handtasche, die über dem Stuhl hängt, den Notizblock.
„Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?“, fragt Malik.
Innerlich erbebe ich, da ich ahne, dass jetzt eine Frage über Jimmy kommt. Ich spreche immer gern über meinen Mann, den ich immer noch liebe, und es ist mir wichtig, zu Malik immer offen und ehrlich zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass Malik ebenfalls um Jimmy und Sal trauert und wahrscheinlich etwas Solidarität brauchen kann.
Ich sehe ihm in die Augen. „Du kannst mich alles fragen. Über alles.“
Etwas geschieht zwischen uns. Ich erkenne Erleichterung in seinem Blick und ein bisschen Furcht, dass ich gerade eine Tür für ihn geöffnet habe. Hauptsächlich sehe ich das Wissen, dass wir beide etwas miteinander teilen, was kaum ein anderer verstehen würde.
„Wie geht es dir? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, nachdem …“
Er hält inne, ohne den Satz zu beenden. Es bestätigt, dass der Verlust von Jimmy und Sal wohl genauso einen Einfluss auf ihn hat wie die Gefangenschaft. Er fängt eben erst mit seiner Erholung an. Ich tue das schon seit ein paar Monaten. Vielleicht kann ich ihm etwas geben.
Hoffnung.
„Am Anfang war es wirklich schwer“, gebe ich zu. „Mein Körper ist nicht gut mit dem Stress und der Trauer zurechtgekommen, sodass man mir für den Rest der Schwangerschaft Bettruhe verordnen musste.“
Malik zieht mitfühlend die Augenbrauen zusammen. Er legt die Ellbogen auf den Tisch, beugt sich vor und vergisst sein Essen.
„Die Geburt war schwer ohne Jimmy“, sage ich in einem Anflug von schonungsloser Offenheit. Darüber habe ich bisher mit niemandem so direkt gesprochen. „Immerhin waren wir zusammen bei der Geburtsvorbereitung. Er sollte mein Helfer sein. Ich sollte während der Wehen seine Hand drücken und fast brechen.“
Malik lächelt bei der Vorstellung und nickt. Stumm fordert er mich auf, alles zu erzählen, denn ich habe seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Gern würde ich behaupten, dass Averys Geburt ein freudiges Ereignis voller Glück war, aber das war es nicht. Ich war so furchtbar traurig, dass Jimmy nicht da war. Ehrlich gesagt, wollte ich sie nach der Geburt nicht einmal in den Arm nehmen. Es bringt mich fast um, das zuzugeben.“
„Verständlich“, sagt Malik.
Ich nicke. „Ja. Irgendwann habe ich das verstanden. Meine Mom ließ mir aber keine Wahl. Sie trat an Jimmys Stelle. Sie hat Avery als Erste gehalten. Und sie hat Avery auf meine Brust gelegt. Mich gezwungen, sie zu halten. Und … Malik, es war, als ob sich ein Ventil geöffnet hätte, als ich sie schließlich angesehen habe. Ich hatte erwartet, in diesem magischen Augenblick in eine Kopie von Jimmys Gesicht zu sehen, aber seien wir mal ehrlich … alle Babys sehen gleich aus mit ihren verbeulten Gesichtern.“
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