Kitabı oku: «Basketball: Die größten Legenden»

Yazı tipi:

Für Henri

Allgemeiner Hinweis:

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir uns entschlossen, durchgängig die männliche (neutrale) Anredeform zu verwenden, die selbstverständlich die weibliche mit einschließt.

Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder der Autor noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, Haftung übernehmen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

SEBASTIAN FINIS


DIE GRÖSSTEN LEGENDEN

Porträts, Geschichten und Skandale in der NBA


Basketball – Die größten Legenden

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Details sind im Internet über <https://portal.dnb.de/> abrufbar.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie das Recht der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form – durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren – ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, gespeichert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

© 2021 by Meyer & Meyer Verlag, Aachen

Auckland, Beirut, Dubai, Hägendorf, Hongkong, Indianapolis, Kairo, Kapstadt, Manila, Maidenhead, Neu-Delhi, Singapur, Sydney, Teheran, Wien

Member of the World Sport Publishers’ Association (WSPA)

Druck: CPI - Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-8403-7740-2

eISBN 978-3-8403-3755-0

E-Mail: verlag@m-m-sports.com

www.dersportverlag.de

INHALT

Einleitung

1 Stephen Curry: Der milchgesichtige Attentäter

2 LeBron James: Größer als Basketball

3 Dirk Nowitzki: Schützen-Revolutionär als Riese

4 Kobe Bryant: Die schwarze Mamba

5 Steve Nash: Nichts ist unmöglich

6 Allen Iverson: Die Antwort ist Kampf

7 Kevin Garnett: Das große Ticket

8 Shaquille O’Neal: Eine Liga für sich

9 Dennis Rodman: Vom Obdachlosen in die Hall of Fame

10 Michael Jordan: Es kann nur einen geben

11 Charles Barkley: Das Schwergewicht mit Flummisohlen

12 Hakeem Olajuwon: „The Dream“

13 Earvin „Magic“ Johnson: Einstein in kurzen Hosen und Sneakers

14 Larry Bird: Der Hinterwäldler aus French Lick

Anhang

1 Literaturverzeichnis

2 Bildnachweis


EINLEITUNG

Ein Buch über NBA-Legenden zu schreiben, gleicht einem Sonntagsbrunch mit All-you-can-eat-Buffet im Riz Carlton. Es beginnt mit großem Hunger, danach loderndem Feuer und schließlich „Ich habe Bock auf das Buchprojekt!“.

Dann hast du die Qual der Wahl. Du stehst vor dem Buffet und weißt nicht, welchen Leckerbissen du zuerst probieren sollst. Erst der Couscous-Quinoa-Salat mit Roter Beete oder gleich die warmen Schoko-Brownies mit Vanilleeis? Über wen zuerst schreiben? Körperfreak LeBron oder Moppel Charles Barkley? Und was überhaupt auf den Teller schaufeln? Auch „böses“, frittiertes Essen, die Pommes, Kroketten und Schnitzel? Auch Isiah Thomas, Bill Laimbeer und Dennis Rodman porträtieren?

Nach anderthalb Stunden und fünf Gängen zum Buffet bist du schließlich so vollgefressen wie ein Löwe nach einem Gnu. Du würdest gerne noch mehr Köstlichkeiten probieren, aber es ist einfach kein Platz mehr im Bauch. Du hast schon so viele Legenden in Stein gehauen, dass die vom Verlag vorgegebenen 300 Buchseiten erreicht sind. Was nun? Das Manuskript kürzen? Kapitel von bereits porträtierten Spielern streichen, um eine weitere Legende ins Buch aufnehmen zu können? Auch Spieler unterbringen, die noch aktiv sind, wie Curry und James?

Diesen und noch viel mehr Herausforderungen habe ich mich bei diesem Buchprojekt gestellt. Herausgekommen ist eine (lies: meine) Liste mit 14 NBA-Legenden, von denen zum Zeitpunkt des Schreibens nur zehn in der Hall of Fame sind. Wieso habe ich mich ausgerechnet für diese entschieden, obwohl doch bereits mehr als 200 Spieler in der Ruhmeshalle der NBA verewigt sind?

Meine Liste ist subjektiv, sympathiegetrieben und orientiert sich nicht daran, wie viele NBA-Titel oder individuelle Auszeichnungen und Rekorde ein Spieler erreicht hat. Bei der Auswahl war mir wichtig, nur die Spieler zu porträtieren, die ich selbst noch in ihrer aktiven Karriere spielen gesehen habe, um nicht alte Storys zu kopieren, sondern Geschichten zu erzählen, Momente zu schildern, die ich mit eigenem Auge gesehen habe als sie passiert sind.

Im Zuge des Dream Teams 1992 begann ich als Zwölfjähriger damit, intensiv die NBA zu verfolgen. Somit fehlen in meinem Buch herausragende Legenden, wie Wilt Chamberlain, Kareem Abdul-Jabbar, Bill Russell und viele andere, da sie ihre Sneakers bereits an den Nagel gehängt haben, als ich noch in die Windel gemacht oder noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hatte.

Ich erlebte stattdessen die Hochphasen von Michael Jordan und Charles Barkley bis hin zu LeBron und Steph. Dazwischen tummelten sich eine Menge interessanter Charaktere, über die es spannende Anekdoten zu berichten gibt, wie von Rodman, Shaq, Garnett, Iverson, Nash, Kobe und Dirk. Selbst Magic und Bird, die die Ära vor Jordan prägten, habe ich noch live spielen sehen.

Große Abstriche musste ich bei meiner Auswahl aber natürlich schon machen. Meine damaligen Lieblinge Shawn Kemp und Reggie Miller, von denen ich so ziemlich jede Sammelkarte von Upper Deck bis Fleer Ultra besitze, habe ich ebenso wenig ins Buch aufgenommen, wie mein späteres Idol Vince Carter, der in vier Dekaden in der NBA aktiv war. Auch wirst du dich vielleicht fragen, warum Pippen, Duncan oder Yao Ming fehlen. Gerne hätte ich auch all die mit ins Buch genommen. Aber die Seitenzahl ist eben begrenzt.

Hier ist nun meine subjektive Liste mit den im Buch porträtierten NBA-Legenden. Die Reihenfolge habe ich asynchron nach deren Eintritt in die NBA sortiert:

1.Stephen Curry (2009)

2.LeBron James (2003)

3.Dirk Nowitzki (1998)

4.Kobe Bryant (1996)

5.Steve Nash (1996)

6.Allen Iverson (1996)

7.Kevin Garnett (1995)

8.Shaquille O’Neal (1992)

9.Dennis Rodman (1986)

10. Michael Jordan (1984)

11. Charles Barkley (1984)

12. Hakeem Olajuwon (1984)

13. Magic Johnson (1979)

14. Larry Bird (1979)

Ich habe das Buch während der Saison 2019/20 geschrieben, der mit 355 Tagen längsten und denkwürdigsten in der Geschichte der NBA. Viele Anhänger reden auch von einem „Scheißjahr“. Es begann mit Kobes Tod am 26. Januar, gefolgt von der pandemiebedingten Unterbrechung der NBA-Saison am 11. März für viereinhalb Monate. Weiter ging es mit dem zu Tode geknieten George Floyd am 25. Mai, im Zuge dessen die gesamte NBA auf soziale Gerechtigkeit aufmerksam machte.

Am 30. Juli wurde der Spielbetrieb in der „Disney Bubble“ von Orlando fortgesetzt, mit 22 Mannschaften, die in einer Halle ohne Zuschauer, unter einer gewöhnungsbedürftigen Atmosphäre für die Spieler und Fans am Bildschirm zuhause, den Meister ausspielen. Die NBA-Bubble wird als Plattform für die „Black Lives Matter“-Bewegung genutzt – von Namen auf den Spielertrikots, die durch Botschaften ersetzt werden, bis hin zu den Stars als Lautsprecher über die Medien.

Einen Monat später streiken die Spieler, nachdem mit Jacob Blake ein weiterer Schwarzer von Polizisten erschossen wurde. Bittersüß endet die Saison am 11. Oktober mit einer Meisterfeier der Los Angeles Lakers – ohne großen Jubel und Trubel. Neben Tragödien, Pandemie und Aktivismus ist nun diese Unterhaltungslektüre entstanden. Möge sie dich in einer schwierigen Phase deines Lebens motivieren und stärken. „Always turn a negative situation into a positive situation.“ (Michael Jordan)


Berlin, 29. Oktober 2020

Legende für die Spielerstatistiken (Prime-Stats*):

PPS = Punkte pro Spiel

RPS = Rebounds pro Spiel

APS = Assists pro Spiel

BPS = Blocks pro Spiel

SPS = Steals pro Spiel

FW% = Feldwurfquote

3P% = Dreipunktequote

*der erfolgreichste Karriereabschnitt bzgl. der Individualstatistiken

1
STEPHEN CURRY: DER MILCHGESICHTIGE ATTENTÄTER


„Erfolg ist kein Unfall, Erfolg ist eine Entscheidung. Er entsteht aus Glauben, unerschütterlicher Leidenschaft und unermüdlichem Antrieb.“


Jahre: seit 2009
Position: Point Guard
Größe: 1,91 m
Team: Golden State Warriors
Meisterschaften: 3 (2015, 2017-18)
MVP-Titel: 2 (2015-16)
Trikotnummer: 30
Spitzname: Steph, Chef Curry, Baby-faced assassin
Allstar-Spiele: 6+
Hall of Fame: noch nicht
Prime-Stats: 27,3 PPS, 5,1 RPS, 6,2 APS, 43,3 3P% (2016-19)

Madison Square Garden, New York, 27. Februar 2013. Der 24-jährige Stephen Curry dribbelt schnell wie eine Gazelle auf Speed an seinem Gegenspieler Raymond Felton vorbei – Crossover durch die Beine, Handwechsel, Dribbling hinterm Rücken und Boom – an der Dreierlinie drückt Curry kalt wie ein Sniper ab, gegen zwei Mann, vier Hände von Felton und dem zur Hilfe eilenden Tyson Chandler im Gesicht. Butterweich fällt der Ball durch den Ring, nichts als Netz. Seine Bewunderer taufen ihn „Baby-faced assassin“, den milchgesichtigen Attentäter. Kann es ein Zufall sein, dass „How to Get Away with Murder“ zu seiner Lieblingsserie werden würde?

Am Ende des Abends hat Curry elf von dreizehn Dreier gegen die New York Knicks versenkt, 85 Prozent Trefferquote von Downtown – Rekord im Madison Square Garden. Die Statistiken des Scharfschützen: 54 Punkte, 7 Assists, 6 Rebounds, 3 Steals. Kein anderer Spieler vor ihm hat jemals mehr als 50 Punkte erzielt, indem er mehr als zehn Dreier getroffen hat. Das Spiel gegen die Knicks macht den in seinem vierten NBA-Jahr spielenden Curry zu einer weltweiten Berühmtheit. Gleichzeitig leitet er den Beginn der Drei-Punkte-Ära in der NBA ein. Sie wird als „Der Steph-Effekt“ und als „Drei-Punkte-Revolution“ bezeichnet.

Stephen Curry ist für viele der größte Shooter der NBA-Geschichte! Ihm wird zugeschrieben, dass er das Basketballspiel revolutioniert hat, indem er Mannschaften auf der ganzen Welt, von der Schule bis in die NBA, inspiriert, den Dreipunktewurf regelmäßig als Waffe zu nutzen. Curry ist der Michael Jordan der Drei-Punkte-Ära. Für den Distanzwurf zeigt Curry das, was Air Jordan für den Slam Dunk geleistet hat.

Bevor Curry angefangen hat, die Lichter der NBA-Arenen auszuschießen und reihenweise Kinnladen herunterklappen zu lassen, war der Wurf hinter der 7,24 Meter entfernten Dreipunktelinie eher eine gelegentliche, besondere Art und Weise zu punkten. Natürlich hat es „Catch & Shoot“-Spieler gegeben, aber Currys Erfolg hat die Liga elektrisiert, das physische Spiel unter dem Korb aufzugeben und stattdessen das temporeiche, Räume schaffende Spiel und den „Dreier-Style“ anzunehmen.

Seit Curry lassen immer mehr NBA-Teams den Dreier als beliebte Option in ihr Angriffskonzept einfließen oder kopieren die Spielweise der Golden State Warriors. Junge Spieler eifern Curry nach, imitieren dessen Wurfreichweite. Über die Jahre hat das zu immer mehr guten Distanzschützen in der NBA geführt, während das Oldschool-Spiel in der Zone verdrängt worden ist. Allerdings hat Curry unrealistische Standards gesetzt: Denn seine Reichweite ist einzigartig!

Curry nimmt regelmäßig Würfe aus neun bis elf Metern Entfernung zum Korb und steht damit mehr als zwei bis vier Meter hinter der Dreipunktelinie. Das ist etwa so als würde man eine 1-Euro-Münze in einen Eierbecher in zwei Meter Entfernung schnipsen. Von hundert Versuchen trifft Curry 54-mal ins Loch, der Rest der Liga nur 22-mal.

Aber Curry wirft nicht einfach nur, er zaubert, er tanzt. Er macht Würfe mit elitärem Ballhandling aus dem Dribbling heraus und oft mit einem extrem schnellen Release, von überall auf dem Feld, mit einem oder mehreren Verteidigern gegen ihn.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Highschool-Coaches sich in einer Position befinden, in der sie einige Jungs auf dem Boden halten und sichergehen müssen, dass sie verstehen, am Wurf zu arbeiten. Das braucht Zeit“, erklärt Curry, der als Youngster seinen Stil nach Point Guard Steve Nash und Scharfschütze Reggie Miller modelliert hat. „Am College habe ich keine wilden Würfe genommen. Ich musste mich hocharbeiten, mich als Spieler entwickeln und beweisen, dass ich konstant aus großer Entfernung treffen kann. Und ich brauchte die Zustimmung des Trainers. Andererseits hätte ich auf der Bank gesessen.“

Während viele Kids nach Currys Fertigkeitsniveau streben, müssen Trainer bei ihren Talenten klarstellen, dass Currys Spiel auf den „Fundamentals“, also den Grundlagen, aufgebaut ist. Zudem ist Ballbewegung [lies: passen, passen, passen] der Schlüssel zum Teamerfolg, mit dem die Golden State Warriors mit „Chef Curry“ als Anführer zwischen 2015 und 2019 mit ihren fünf Finalteilnahmen in Folge den Goldstandard gesetzt haben.

Stephen Curry ist nicht nur der beste Dreipunkteschütze aller Zeiten, er ist der beste „tiefe“ Dreipunkteschütze aller Zeiten. Er bewegt sich hinter der Dreierlinie in einem immer wachsenden Bogen, versenkt Langdistanzwürfe so sauber, dass das Netz wegschnappt wie frische Wäsche durch eine Brise. Ein Highlight ist die schiere Absurdität seiner Würfe und die Quote, mit der er die am weitesten entfernten von ihnen trifft.

„Stephens Hand-Augen-Koordination ist so gut, wie ich sie noch bei niemandem zuvor gesehen habe“, sagt sein Trainer bei den Warriors, Steve Kerr, der als Spieler selbst ein hervorragender Dreipunkteschütze zu Zeiten Michael Jordans bei den Chicago Bulls war.

Curry hat gewaltige Kraft in seinen Handgelenken, um seine perfekte Wurfform beizubehalten, wenn er aus zwölf bis fünfzehn Metern abdrückt. In der Geschichte der NBA hat kein Spieler Reichweite, Vielzahl und Effizienz von der Dreipunktelinie so gut kombiniert wie Curry. Sein Schuss ist so tödlich, dass er zum effizientesten Scorer des Planeten wurde. Seine Reichweite und Effizienz hat den Spieleentwicklern von „NBA 2K“ Kopfzerbrechen verursacht, da Currys Fähigkeiten nicht auf dem Bildschirm repliziert werden können. Obwohl Curry zum Zeitpunkt des Schreibens noch als Spieler aktiv ist, ist er bereits jetzt einer der Größten aller Zeiten.

WIE ES DAZU KAM

Stephen Currys familiärer Hintergrund ebnet seine Heldentaten der Gegenwart. Sein Vater Dell ist selbst eine Legende in der NBA. In seinen 16 Profijahren, von denen er zehn bei den Charlotte Hornets verbrachte, nennt Stephens Dad immerhin den Titel „Bester sechster Mann der Liga 1994“ als größten individuellen Triumph sein Eigen und war wie der Sohn Dreipunkte-Spezialist.

Als Stephen Curry am 14. März 1988 geboren wird, spielt Vater Dell als 23-Jähriger eine Saison bei den Cleveland Cavaliers, sodass Stephen in Akron, Ohio, zur Welt kommt – übrigens im gleichen Krankenhaus wie LeBron James, der zu seinem größten Konkurrenten in den NBA-Finals werden würde. Nach nur einer Saison in Cleveland wird Curry Senior zu den Charlotte Hornets getradet, sodass Sprössling Steph in North Carolinas größten Stadt seine Kindheit verbringt.

Während heute Curry-Highlights die YouTube-Szene bestimmen, ist der Mini-Curry bereits in den 1990ern im Fernsehen zu sehen, in einer Burger-King-Werbung mit seinem Vater. In dem Werbespot fragt Stephen seinen Dad, was es braucht, um „solch ein großartiger NBA-Spieler wie du zu werden?“.

„Du musst es wirklich wollen, du musst es schmecken, du musst es riechen und du musst wirklich hungrig danach sein!“, antwortet sein Dad, worauf der kleine Stephen sagt: „Ich bin wirklich hungrig. Können wir zu Burger King gehen?“

Damals ist die NBA-Karriere von Stephen Curry noch eine Utopie. 20 Jahre später würde er seinen Vater nach nur wenigen Jahren in der NBA in allen statistischen Kategorien überholt haben – mit der Trikotnummer 30 wohlgemerkt, um seinen Dad zu ehren. Wenn man ehrlich ist, hätte Curry keinen Finger krumm machen müssen, hat er doch schon als Kind für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Dennoch lodert von Beginn an Feuer im Körper des Millionärssohns.

Seit Steph fünf Jahre alt ist, spielt er Basketball. Oft nimmt Vater Dell seine Söhne, Stephen und dessen zwei Jahre jüngeren Bruder Seth (er hat es ebenfalls in die NBA geschafft!), mit zu seinen Spielen, wo die Kids beim lockeren Einwerfen der Profis mit auf die Körbe ballern. Während ihr Wurf anfangs einer Kugelstoßbewegung ähnelt, lernt der Curry-Nachwuchs schnell das harmonische Zusammenspiel des gesamten Körpers vom Fuß bis zu den Fingerspitzen, welches beim Wurf entscheidend ist, zu verbessern. Vorbilder rennen schließlich genug über das Parkett, wie zum Beispiel Tyrone „Muggsy“ Bogues, der neun Jahre mit Dell bei den Hornets spielt. Der mit 1,60 Meter kleinste NBA-Spieler aller Zeiten wird zu Stephens Lieblingsspieler.

„Mein Vater spielte zwar zu dieser Zeit in der NBA, aber die besten Basketballspiele, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere, waren die zwischen meinem kleinen Bruder Seth und mir auf unserem Hinterhof-Basketballplatz in Charlotte“, berichtet Stephen Curry. „Wir spielten stundenlang, oft bis weit in den Abend hinein mit einer hellen Lampe, die auf den Platz leuchtete, bis unsere Mutter aus dem Fenster schrie, damit wir hereinkommen. Diese Spiele würden ziemlich hitzig werden, aber das war die Norm für Brüder, die so nah wie wir waren.“ 2019 würden Steph und Seth zum ersten Brüderpaar in der NBA-Historie werden, welches in den „Conference Finals“ gegeneinander antritt: Steph mit Golden State und Seth mit den Portland Trail Blazers – für beide geht damit ein Traum in Erfüllung, auch für ihre Eltern Sonya und Dell, die jedes Spiel der beiden von der Tribüne mitverfolgen. Stephen gewinnt das Bruderduell mit einer überragenden Leistung (36,5 Punkte, 8,3 Rebounds, 7,3 Assists) und die Warriors die Serie 4-0. „Das war die coolste Erfahrung, die ich je gegen ihn hatte und das auf solch einer großen Bühne“, strahlt Steph nach Spiel zwei und lobt seinen jüngeren Bruder. „Er war großartig heute. Jede Minute, die er gespielt hat, war er in der Verteidigung eine Pest, hat drei wichtige Würfe im vierten Viertel getroffen, genau zur richtigen Zeit. Für unsere Eltern ist die gesamte Serie die Hölle, weil sie uns beide den Erfolg wünschen. Aber heute hat es perfekt funktioniert: Seth hat gut gespielt und wir haben gewonnen.“

Die ganze Familie Curry ist sich sehr nah, auch in der Schule. Mutter Sonya, die nebenbei bemerkt eine herausragende Volleyballerin am College war, gründet 1995 eine christliche Montessori-Schule in Huntersville, North Carolina, als Stephen in die erste Klasse kommt. Alle drei Curry-Kinder, neben Steph und Seth auch Tochter Sydel, würden diese Schule besuchen. „Unsere Mutter war Schulleiterin, unsere Tante war unsere Lehrerin und unsere Großmutter war die Köchin“, erzählt Steph. „Mein Bruder, meine Schwester und ich waren gesegnet, so große Einflüsse in unserem Leben zu haben und ich kann ehrlich sagen, dass meine Mutter und mein Vater die Besten waren.“ Die Kinder werden christlich erzogen, besuchen jeden Mittwoch den Jugendbibelunterricht und gehen sonntags in die Kirche zum Gottesdienst.

„ER IST ETWAS BESONDERES“

„Ich wollte in die Fußstapfen meines Vaters auf das Hartholzparkett treten und hatte während meiner Highschool-Zeit Virginia Tech im Visier“, berichtet Curry über seine Zukunftspläne als Heranwachsender. „Leider waren die Hokies und andere Collegeprogramme nicht an mir interessiert.“

Es sind riesige Fußstapfen, in die Stephen Curry bei den Virginia Tech Hokies treten möchte. Sein Vater Dell ist dort eine Legende, Teil der „Hall of Fame“, zweitbester Scorer und bester Balldieb mit den meisten Steals der Schulgeschichte. Parallel zu seinen vier Jahren auf dem Basketballcourt feierte Curry Senior mit den Hokies auf dem Baseballfeld Erfolge und wurde schließlich in beiden Sportarten in die Profiligen, MLB und NBA, gedraftet.

Obwohl der Sohn die athletischen Gene seines Vaters in sich trägt, bekommt Stephen zu dessen großer Enttäuschung kein Sportstipendium von Virginia Tech angeboten. Gleiches gilt für alle anderen namhaften Collegeprogramme in den Vereinigten Staaten. Der schmächtige Körperbau der 72,5 Kilogramm schweren „Zahnlücke“ lässt die Hochschulen an der Physis des Curry-Nachwuchses zweifeln. Einzig das Davidson-College mit Bob McKillop als Cheftrainer wirbt um Curry seit er in der zehnten Klasse ist. „Der Coach erklärte seine Vision für meine Karriere bei Davidson und wie er mir helfen konnte, meine Ziele zu erreichen“, erinnert sich Curry.

Schon bevor Curry sein erstes Spiel mit den Davidson Wildcats absolviert, prognostiziert Coach McKillop: „Wartet ab, bis ihr Steph Curry seht. Er ist etwas Besonderes.” Mit der Rekrutierung von Curry beweist McKillop ein goldenes Händchen eines verkannten Talents. Curry schlägt auf dem Davidson-College ein, wie ein Punch von Muhammad Ali gegen Joe Frazier. In seinem ersten von drei Jahren wird er zweitbester Punktesammler unter allen „Freshmen“ des Landes. Einzig Kevin Durant von den Texas Longhorns, mit dem er später zwei NBA-Meisterschaften gewinnen sollte, erzielt mehr Punkte als College-Neuling.

Noch bevor Curry in seinem zweiten College-Jahr seine erwachsene Größe von 1,91 Meter erreicht, schafft er seinen ersten Dunk. Am 21. März 2008 sorgt Curry in der ersten Runde des NCAA-Turniers gegen Gonzaga für Aufsehen, als er 30 Punkte in der zweiten Halbzeit erzielt und Davidson nach einem 11-Punkte-Rückstand zum Sieg führt. Curry beendet das Spiel mit 40 Punkten und acht von zehn Dreiern – ein historischer Erfolg auch für sein College, das zuletzt 1969 einen Sieg beim NCAA-Endturnier einfahren konnte.

Zwei Tage später würde Curry dieses Kunststück wiederholen. Gegen den großen Favoriten Georgetown gelingen ihm in der zweiten Halbzeit 25 Punkte; er holt den 17-Punkte-Rückstand seines Teams im Alleingang auf und sorgt für den Comeback-Sieg des Jahres. Mit einem weiteren Erfolg gegen Wisconsin, bei dem er 33 Punkte beisteuert, führt Curry das unscheinbare Davidson-College schließlich in die „Elite 8“, der besten acht im Turnier verbliebenen Hochschulen. Am 30. März 2008 stellt Curry mit seinem 159. Dreier der Saison einen neuen Rekord auf. Drei Jahre bleibt er bei den Davidson Wildcats und beendet seine College-Karriere als Topscorer seiner Schule.

DIE NBA RUFT

Im Juni 2009 wird er an siebter Stelle von den Golden State Warriors in die NBA gedraftet. Als Rookie gelingen dem abgezockten 21-jährigen Milchbubi fünf Spiele mit mindestens 30 Punkten und 10 Assists; er zieht in dieser Statistik mit Michael Jordan gleich. Im letzten Saisonspiel gegen die Portland Trail Blazers setzt Curry noch einen drauf: 42 Punkte, 9 Rebounds, 8 Assists. Wem das auch als NBA-Neuling gelang? Oscar Robertson im Jahre 1961. Curry beendet die Saison mit 166 erfolgreichen Dreiern – die meisten aller Zeiten eines Rookies.

Und so geht die Karriere weiter. Curry entwickelt sich vom unterschätzten Hänfling zum Superstar, mit grandiosen Wurfquoten von der Freiwurflinie bis hin zum Logo. Er und sein kongenialer Partner im Backcourt, Klay Thompson, verdienen sich seit 2012 den Spitznamen „Splash Brothers“, weil sie regelmäßig gemeinsam ihre Gegner mit hagelnden Dreiern sezieren. In jener Saison bricht Curry den Rekord für die meisten Dreier in einer Saison, der bis dahin von Ray Allen gehalten wurde.

Mit der Verpflichtung von Steve Kerr als neuem Headcoach zur Saison 2014/15 spielen die Warriors ein noch schnelleres Tempo und Curry erhält mehr Freiheiten beim Wurf. Das Team entwickelt sich zu einem Titelkandidaten. Für das All-Star-Spiel im Februar erhält Curry die meisten Stimmen und gewinnt den Dreierwettbewerb. Zwei Monate später bricht er seinen eigenen Rekord mit den meisten Dreiern in einer Saison. Die Warriors beenden die Spielzeit mit 67 Siegen und nur 15 Niederlagen und Curry wird zum MVP der Liga gewählt. In der Folge trifft Curry die meisten Dreier aller Zeiten in den Playoffs und die Warriors werden zum ersten Mal seit 40 Jahren NBA-Champion.

HISTORISCHE SAISON

Im Jahr darauf können sich Curry und die Warriors sogar noch steigern. Curry wird der erste Spieler seit Michael Jordan im Jahre 1989/90, der 118 Punkte in seinen ersten drei Saisonspielen erzielt, inklusive 53 Punkte gegen die New Orleans Pelicans im dritten Spiel. Die Warriors schreiben am 24. November 2014 Geschichte, indem sie als erste Mannschaft mit 16:0-Siegen in die Saison starten. Ihren Rekordlauf können sie sogar auf 24:0-Siege bis zum 11. Dezember ausbauen. Ein paar Tage später macht Curry sein sechstes Triple Double mit 23 Punkten 14 Rebounds und 10 Assists in einem Sieg gegen die Sacramento Kings. Während des Spiels gegen die Kings wird Curry von seinem Bruder Seth zum ersten Mal in ihren NBA-Karrieren verteidigt.

Am 3. Februar trifft Curry elf Dreier (davon sieben im ersten Viertel!) und macht 51 Punkte (davon 36 in der ersten Halbzeit!) bei einem Sieg gegen die Washington Wizards. Im gleichen Monat trifft Curry gegen die Orlando Magic zehn Dreier und macht erneut 51, sein drittes 50-Punkte-Spiel der Saison. Im folgenden Spiel, nur zwei Tage später, schlagen die Warriors die Oklahoma City Thunder in Verlängerung dank eines Dreiers von Curry mit 0,6 Sekunden auf der Uhr. Curry macht 46 Punkte und sein Siegwurf ist sein zwölfter Dreier im Spiel.

Es ist keine Überraschung, dass Curry am Ende der Saison seinen eigenen Rekord mit den meisten Dreiern erneut bricht. Kein Spieler vor ihm hat jemals in der regulären Saison 300 Würfe von der Dreipunktelinie getroffen; Curry hat nach dem letzten Saisonspiel sogar 402 Dreier eingenetzt!

Sein Erfolg von Downtown zahlt sich auch für die Gemeinschaft aus. Seit 2012 spendet Curry im Kampf gegen Malaria für jeden erfolgreich verwandelten Dreipunktewurf drei mit Insektiziden behandelte Moskitonetze an die „Nothing But Nets“-Kampagne der „United Nations Foundation“.

Mit seinem Scharfschützen im Rücken werden die Warriors das erste Team in der NBA-Historie mit 73 Saisonsiegen (bei nur neun Niederlagen) und überflügeln damit den 1995-96er Chicago Bulls 72-10-Rekord. Saisonübergreifend gewinnen die Warriors 54 Heimspiele in Serie in der Oracle Arena. Mit 30,1 Punkten pro Spiel wird Curry Topscorer der Saison und noch viel bemerkenswerter: Er wird der erste einstimmig gewählte Liga-MVP! Er erhält alle 130 Stimmen von Sportjournalisten aus den USA und Kanada. Mit den Warriors erreicht Curry erneut die NBA-Finals, unterliegt jedoch dem Vorjahresfinalisten Cleveland mit 3:4, geschwächt mit einer Bänderdehnung im rechten Knie.

Wieder genesen, bricht Curry gegen New Orleans gleich in der zweiten Woche der folgenden Saison mit 13 Treffern von der Dreierlinie den NBA-Rekord mit den meisten jemals getroffenen Dreiern in einem Spiel. Eine unglaubliche Leistung mit kurioser Vorgeschichte: Drei Tage vor dem Dreierhagel wirft Curry gegen die L. A. Lakers nur 0 von 10 von der 7,24-Meter-Marke, was das Ende seines zwei Jahre andauernden Rekordlaufes von 157 Spielen in Folge mit mindestens einem Dreier pro Spiel bedeutet hat.

Durch die Playoffs 2017 fliegen die Warriors wie eine Concorde von Paris nach New York in drei Stunden. Kein Team vor ihnen hat die Playoffs mit 12:0-Siegen bestritten, dreimal haben die Warriors ihre Besen ausgepackt: Sweep! Sweep Sweep! In den Finals gegen die Cleveland Cavaliers verlieren sie nur einmal. Es ist der zweite Titel in drei Jahren. Neu mit an Bord des schnellsten Passagierflugzeugs der Welt ist Superstar Kevin Durant.

Die Warriors-Organisation weiß aber, wer ihr Franchise-Player ist: Stephen Curry. Im Sommer unterschreibt er eine Vertragsverlängerung über fünf Jahre und 201 Millionen US-Dollar. Curry ist damit der erste Spieler in der NBA-Geschichte, der einen „Supermax“-Vertrag im Wert von über 200 Millionen Dollar erhält. Curry ist sein Geld wert. Er führt die Warriors zum vierten Mal in Folge bis in die NBA-Finals und zum vierten Mal in Folge heißt der Gegner Cleveland Cavaliers. 4:0 fegen die Warriors LeBron & Co. in die Schaufel, am Ende sind die Spiele nicht einmal knapp. MVP der Finalserie wird aber nicht Curry, sondern Durant. Viele meinen die Auszeichnung hätte andersherum ausfallen sollen. „Am Ende des Tages lasse ich nicht eine MVP-Trophäe meine Karriere definieren“, gönnt Curry Durant den Award. „Drei Titel … Wo auch immer uns das in der Konversation in der Geschichte der NBA hinstellt … Ich bin dreifacher Champion!“ Und das in vier Jahren. Eine Golden-State-Dynastie, die mit Stephen Curry begonnen hat …

DER ULTIMATIVE EINMALIGE

Es gibt nur acht Spieler, die drei NBA-Titel und zwei Liga-MVP-Awards gewonnen haben. Die Liste liest sich wie das absolute Who’s who der NBA-Geschichte: Kareem. Russell. MJ. Magic. Bird. Duncan. LeBron. Selbst Fans, die das Gegenteil von Hardcore sind, brauchen ihre vollen Namen nicht, um zu wissen, um wen es sich handelt – auch nicht für den letzten in der Liste: Steph.

„Er ist schon jetzt einer der Größten aller Zeiten“, sagt Steve Nash, der ebenfalls zweimal in Folge den MVP-Titel gewinnen konnte, im Jahr 2018 als Curry erst 30 Jahre alt ist. „Er ist der ultimative Einmalige. Er ist die Evolution des Basketballs. Es hat sich vor unseren Augen entwickelt.“

Curry ist sehr beliebt, vor allem unter jungen Fans, aber er genießt nicht den Respekt, den jemand mit seiner Statur von 84 Kilogramm auf 1,91 Meter verlangen sollte. Es gibt viele Beispiele, aber um eines hervorzuheben: Der Gegenwind, der ihm ins Gesicht bläst, als er 2016 der erste einstimmige MVP, der „Wertvollste Spieler der Saison“, wird. Gary Payton sagte dazu, es sei respektlos gegenüber Größen wie Michael Jordan. Tracy McGrady findet, das sei ein Zeichen dafür, dass die Liga verwässert. Finalgegner LeBron James unterstützt Currys Triumph, stellt aber die Bedeutung „wertvoll“ in Frage.

„Es gibt Staubschichten auf seinem Platz im Zeitgeist“, weiß Nash. „Die Leute assoziieren ihn nicht mit Größe, weil er das Spiel nicht physisch dominiert. Er tanzt. Dafür zahlt er eine Steuer. Er zahlt eine Steuer für seine großartigen Teamkollegen.“

Currys Platz in der Geschichte hat zwei wichtige Säulen, von denen eine unbestreitbar und die andere in Grau gehüllt ist. Er wird allgemein als der größte Schütze anerkannt und seine Brillanz hat einen Weg gefunden, die Form des Basketballparketts zu verändern. Mit Curry haben sich einige der Grundlagen des Spieles geändert. „Wilt Chamberlain, Kareem und die großartigen Bigmen wie Russell haben das Spiel von innen verändert. Steph hat das Spiel von außen verändert“, sagt Jack McCallum, Autor des Buches „Golden Days“. „Er ist ein wandelndes Stück Geschichte. Aber es gibt immer noch einen gewissen Widerstand gegen ihn.“

Curry hat Kevin Durant bereitwillig einen Sitzplatz in der ersten Reihe der Achterbahnfahrt der Warriors in eine Dynastie angeboten. Er hat sein Wort gehalten, Platz für einen weiteren Superstar im Team zu machen, sich zu beugen. Dieser Akt und die Fähigkeit, dabei weiter zu brillieren, sind für Currys Status genauso wichtig, wie all die Würfe aus neun Metern Entfernung. In gewisser Hinsicht ist das genauso historisch.

„Seine Bereitschaft, sich für KD zu opfern, ist eine der großen Geschichten in der NBA-Historie“, sagt der sechsfache Champion Scottie Pippen. „Wenn du einen Verstand für das Spiel hast, weißt du, dass es Opfer braucht, um groß zu sein. Alle Größen müssen etwas opfern. Sonst kannst du nicht gewinnen. Wenn Jordan den Ball in seine Hände bekommen hat, hat er den Korb attackiert und gepunktet. Er hat gewonnen, indem er scort. Für mich hat das bedeutet, nicht so viel werfen zu können. Aber ich glaube, nicht das hat meiner Größe im Wege gestanden. Steph gibt seinen Platz für KD auf. Aber das macht ihn nicht weniger großartig. Er sollte als einer der besten Guards, die das Spiel je gesehen hat, betrachtet werden.“

Curry wird dafür kritisiert, keine Finals-MVP-Trophäe zu haben. Er wird dafür kritisiert, kein großer Verteidiger zu sein. Er wird dafür kritisiert, Basketball mit einem Lächeln zu spielen. „Er spielt mit Freude, er trainiert mit Freude, aber er hat eine starke, ernsthafte Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Nash. „Er ist ein Gelehrter.“

Stephen Curry ist vieles. Er ist der beste Schütze in der Geschichte des Basketballs, hat das Spiel verändert, Center eliminiert. Er ist der einzige einstimmige MVP, hält den Rekord für die meisten Siege in der regulären Saison und er ist auch die Seele der letzten Dynastie in der NBA.

2
LEBRON JAMES: GRÖSSER ALS BASKETBALL


„Träume, als ob du ewig leben würdest und lebe, als würdest du heute sterben.“


Jahre: seit 2003
Position: Point Forward
Größe: 2,06 m
Teams: Cleveland Cavaliers (2003-10, 2014-18), Miami Heat (2010-14), Los Angeles Lakers (ab 2018)
Meisterschaften: 4 (2012-13, 2016, 2020)
MVP-Titel: 4 (2009-10, 2012-13)
Trikotnummer: 23 (Cleveland, Los Angeles), 6 (Miami)
Spitznamen: King James, LBJ, The Chosen One, Bron-Bron, L-Train, The Akron Hammer
Allstar-Spiele: 16+
Hall of Fame: noch nicht
Prime-Stats: 28,5 PPS, 7,5 RPS, 7,0 APS, 50,2 FW% (2006-13)

Walt Disney World Resort in Orlando, Florida, 12. Oktober 2020. LeBron James ist der Bubble-König! Nach 100 Tagen isoliert wie bei Big Brother platzt die Blase in Disney World mit den Los Angeles Lakers als NBA-Champion und King James als deren Anführer. Mit zwei goldglänzenden Pokalen im Arm führt der nun viermalige Meister und Finals-MVP auf dem Parkett ein Freudentänzchen auf.

Längst sind die Errungenschaften und Rekorde von James dicker als ein Dickens-Roman. Ein Beispiel auf Seite 723 in „Große Erwartungen“: Er ist der erste Spieler, der mit drei verschiedenen Mannschaften Meister und Finals-MVP werden konnte (2012 & 2013 mit Miami, 2016 mit Cleveland, 2020 mit Los Angeles) und er hat mehr Playoff-Spiele und -Minuten auf dem Buckel als jeder andere Akteur vor ihm – wohlgemerkt mit 35 Jahren noch weit vom Karriereende entfernt.

Vergleiche mit Michael Jordan machen die Runde wie Corona beim Après-Ski in Ichgl. Wer ist „der Größte aller Zeiten“? Jordan hat bei seinen sechs Finalteilnahmen sechs Meisterschaften geholt und die Liga mit den Chicago Bulls in den 1990er-Jahren dominiert. James dagegen prägt die NBA bereits über einen viel längeren Zeitraum – mit seinen zehn Finalteilnahmen kann Jordan nicht mithalten. Auch auf James‘ 260 Spiele in den Playoffs kommt Jordan nicht ansatzweise.

Und eine weitere James-Statistik stellt His Airness in den Schatten: 500 Punkte, 150 Rebounds und 150 Assists in den Playoffs – sechsmal hat das LeBron James in der entscheidenden Saisonphase geschafft und damit seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Dem einzigen Spieler in der Geschichte, dem diese Statistik zumindest einmal gelang, war Larry Bird in den Playoffs 1987. James hat das wie gesagt sechsmal vollbracht!

Während Jordan in seiner Ära als unkaputtbare Punktemaschine und mit seinem Killerinstinkt brilliert hat, dominiert James mit seinen Allroundqualitäten und als mannschaftsdienlicher Spieler. LBJ oder MJ – für viele Fans und Profis in der NBA ist die Debatte um den größten Basketballer der Geschichte eine Glaubensfrage, die sich angeregt debattieren, aber nicht abschließend beantworten lässt.

Seit James seine vierte Meisterschaft gewonnen hat, ist die Debatte jedoch heißer als die Glut des Playoff-Runs der Miami Heat. Für James‘ Coach bei den Los Angeles Lakers, Frank Vogel, steht nach seinem ersten Titel mit den Lakers fest: „Er ist der größte Spieler, den das Basketball-Universum jemals gesehen hat.“ LeBrons Co-Star Anthony Davis kommt bei der Frage derweil ins Schlingern. „Ich bin aus Chicago, also liebe ich Jordan. Es ist schwierig, ihn zu schlagen. Man muss Fakten schaffen. Aber LeBron hat mit diesem Titel definitiv ein weiteres Argument auf seine Seite gebracht.“ Ähnlich sieht es NBA-Legende Magic Johnson, mit dem James aufgrund seiner Spielübersicht zu Beginn seiner Karriere verglichen wurde. „LeBron James ist auf einem guten Weg“, würdigt Magic, der seinerzeit als Gesicht der Liga von Jordan enterbt wurde. „Wenn er noch eine Meisterschaft gewinnt, also seinen fünften Titel holt, werden Michael und er auf einer Ebene sein.“

Der Protagonist selbst hält sich bei der Beurteilung seines Legendenstatus‘ zurück: „Das ist keine Frage oder Debatte für mich“, blockt James den Hype. „Ich habe einfach meine Art und Weise wie ich spiele und wie ich ein Team anführe. Wir nennen das Barbershop-Talk.“ Klatsch und Tratsch, während der Bart vom Barbier frisiert wird … „Wer der beste Basketballer aller Zeiten ist, könnt ihr diskutieren. Ihr wisst, wie sehr ich Michael Jordan liebe. Wegen ihm trage ich die Nummer 23. Als ich mein erstes Paar Jordans bekommen habe, war ich überglücklich. Ihr könnt also diese Debatten selbst führen.“

Während in Skype-Videocalls, bei Twitter & Co. über James und Jordan diskutiert wird, liegt LeBron nach drei kräftezehrenden Monaten in der Bubble von Orlando und dem Gewinn seiner vierten Meisterschaft mit sich zufrieden, mit Zigarre im Mund und aufgesetzter Skibrille zum Schutz vor Champagner-Duschen auf dem Boden und telefoniert mit seiner Mutter Gloria. „Nach alldem, was du durchgemacht hast und was ich gesehen habe, gibt es nichts, was mich aufhalten kann“, teilt er ihr via Face-Time mit. „Ich hoffe, ich mache dich weiter stolz, Mom.“

„ICH HABE DROGEN, WAFFEN UND TÖTUNGEN GESEHEN“

Gloria James wuchs mit ihrer Großmutter, ihrer Mutter, zwei Brüdern und, wie sie sagt „jedem anderen, der eine Bleibe brauchte“ in einer Wohnung in Akron, Ohio auf. Sie ist 16 Jahre alt, als sie LeBron am 30. Dezember 1984 zur Welt bringt. LeBrons leiblicher Vater Anthony McClelland ist ein ehemaliger Häftling mit einem umfangreichen Vorstrafenregister, der kein Interesse daran hat, ein Elternteil zu sein, geschweige denn Unterhaltszahlungen zu leisten.

Glorias Großmutter stirbt im folgenden Jahr, ihre Mutter sechs Monate später. Allein muss sie sich nun um ihren Sohn und ihre beiden Brüder kümmern. „Das, was ich durchgemacht habe, wünsche ich niemandem, nicht meinem schlimmsten Feind“, sagt sie. Das häusliche Leben der Familie James ist chaotisch und oft ein Kampf.

Gloria ringt während eines Großteils von LeBrons Kindheit mit persönlichen Problemen. Sie tingelt zwischen Einzelhandels- und Buchhaltungsjobs, ist aber nicht in der Lage, einen festen Job zu finden. Sie und LeBron ziehen von Wohnung zu Wohnung. LeBron hat davon gesprochen, dass er sechsmal in einem Jahr umziehen musste. Mutter und Sohn lernen alle versickernden Viertel von Akron kennen, einer Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern, die weniger als eine Stunde südlich von Cleveland liegt.

Trotz ihrer Mängel arbeitet Gloria hart daran, eine liebevolle Mutter zu sein und LeBron vor der Armut und Gewalt auf den Straßen zu schützen. Das ist keine leichte Aufgabe und manchmal ist die Wahl ihrer Freunde rätselhaft. Als LeBron zwei Jahre alt ist, beginnt sie eine Beziehung mit Eddie Jackson, einem Konzertveranstalter, der 1990 wegen Kokainhandels im Knast landen würde. Trotzdem baut LeBron eine Verbindung zu Jackson auf, sagt „Papa“ zu ihm, und Gloria mag es, einen Mann um sich zu haben, der bereit ist, als Vaterfigur zu dienen.

Schon früh zeigt LeBron enorme Instinkte für Basketball. Gloria schenkt ihm einen Miniatur-Korb und -Ball als er ein Kleinkind ist und LeBron amüsiert sich stundenlang mit dem Spielzeug. LeBron hat auch die Gene, die notwendig sind, um ein gut gebauter Athlet zu werden. Mutter Gloria misst zwar nur 1,65 Meter, aber sie hat Verwandte, die viel größer sind.

Die Strapazen des nomadischen Lebensstils der Familie James fordern ihren Tribut als LeBron in die Grundschule kommt. Beschämt von seinem Zuhause, tut er sich schwer, Freunde zu finden und sich auf die Schule zu konzentrieren. Er findet einen Ausweg für seine Emotionen im Sport. Basketball und American Football sind seine Favoriten.

Als Achtjähriger verpasst LeBron 100 von 162 Schultagen. „Ich habe Drogen, Waffen und Tötungen gesehen; es war verrückt“, sagt er. Während ihr Sohn aufwächst, zeigen Gerichtsakten in Akron, dass Gloria damit beschäftigt ist, ein Vorstrafenregister zu sammeln: Missachtung des Gerichtes, Ruhestörung, unerlaubtes Betreten eines Grundstückes. Insgesamt sieben Tage verbringt sie im Gefängnis. „Es gab nie Drogen“, sagt sie zu ihrer Verteidigung.

DIE NEUE FAMILIE

LeBron entwickelt sich derweil zu einem hervorragenden Athleten. Neben seiner natürlichen Schnelligkeit und Kraft findet er sich auf dem Basketballcourt und Footballfeld zurecht wie kein anderer seines Alters. Sein Held ist Michael Jordan und er gestaltet sein Spiel nach dem seines Idols. LeBron mag es, zum Korb zu ziehen und Sprungwürfe zu nehmen, aber er hat vor allem ganz besondere Freude daran, den Basketball an seine Teamkollegen zu verteilen.

Im American Football spielt LeBron in der Regel Receiver, also Passempfänger. In seinen ersten sechs Spielen gelingen ihm 19 Touchdowns. Sein Coach ist Frankie Walker, ein Mann der bald einen tiefen Einfluss auf sein Leben haben würde. Am Ende des Schuljahres erfährt Walker, dass sein junger Star, der nun ein Viertklässler ist, regelmäßig in der Schule fehlt. Um ein Haar schmeißt LeBron alles hin. Damit konfrontiert er Gloria, die zugibt, dass ihr Sohn ein stabileres Wohnumfeld guttäte. Die beiden Erwachsenen einigen sich darauf, dass LeBron zu Walker und seiner Familie zieht.

LeBron gewöhnt sich schnell an seine neue Umgebung. Walker und seine Frau Pam haben drei Kinder, Chanelle, Frankie Jr. und Tanesha. Jeder im Haushalt, einschließlich LeBron, bekommt eine tägliche Hausarbeit zugewiesen. Die Struktur wirkt Wunder. Als Fünftklässler erhält LeBron eine Anwesenheitsauszeichnung seiner Schule. „Mein Leben hat sich verändert“, erinnert sich LeBron. „Ich hatte einen Unterschlupf und genug zu essen. Ich werde nie vergessen, was die Walkers für mich getan haben, besonders Frank. Er bekommt nicht die Anerkennung, die er verdient, weil er sehr zurückhaltend ist, aber er war der Erste, der mir einen Basketball gab und der Erste, der ein echtes Interesse zeigte.“

Walker wirkt sich positiv auf LeBrons Basketballspiel aus. Unter anderem bringt er dem Jugendlichen bei, wie man mit der linken Hand wirft. Walker sagt, dass es unmittelbar offensichtlich war, dass sein Pflegesohn sportliches Talent hat. „Das erste Mal, dass ich ihm einen Basketball gab, war in meinem Hinterhof“, blickt Walker zurück. „LeBron hat nie zuvor richtig gespielt, abgesehen davon, herumzutollen. Ich habe ihn gegen meinen Sohn Frank Eins-gegen-eins spielen lassen. Frank hat ihn geschlagen, aber ich konnte sehen, dass LeBron etwas Besonderes hatte.“ Schon bald lässt Walker LeBron organisierten Basketball spielen. „Seine Gabe ist, dass du ihm etwas beibringen kannst und er das neu Gelernte, nach ein-, zweimal zeigen, schnell umsetzen kann. Bei anderen Kindern dauert es viel länger. Das ist sein Geschenk.“ Das und seine Ballhandling-Skills, sein Basketball-IQ, seine Stärke und Größe.

Nach 18 Monaten nimmt Gloria LeBron zurück. Doch als finanzielle Probleme auftreten, kehrt LeBron zu den Walkers zurück. Schließlich erarbeiten sie eine Vereinbarung, um Gloria zu helfen, ihre Miete zu bezahlen. Walker und seine Frau wollen sicherstellen, dass LeBron immer einen Platz in der Gegend von Akron hat, die er sein Zuhause nennen kann.

Seine Freundschaft mit Frankie Jr. ist für LeBron ein weiteres Plus, mit den Walkers zu leben. Die beiden spielen mit vier anderen Jungs – Dru Joyce III, Sian Cotton, Willie McGee und Romeo Travis. Zusammen formen sie ein großartiges Team auf dem Basketballfeld. LeBron und Dru, die Point Guard spielen, werden enge Freunde. Als LeBron zwölf Jahre alt ist, verbringt er den Großteil des Sommers mit der Joyce-Familie.

DIE FABELHAFTEN FÜNF

Es dauert nicht lange, bis LeBron und seine Crew sich in Akron herumsprechen und Anerkennung erlangen. Sie entwickeln eine besondere Chemie zueinander. Auf dem Feld ist LeBron seinen Freunden haushoch überlegen. In der achten Klasse ist er 1,83 Meter groß, kann auf allen fünf Positionen spielen und hat einen sechsten Sinn für das Spiel.

„Es gab Kinder aus dem ganzen Land und er war bei weitem der beste Spieler“, erinnert sich LeBrons Coach Dru Joyce Sr., der Vater seines Freundes, an ein nationales U14-Turnier in Florida 1999. „Er hat absolut dominiert.“ Mindestens eine internationale Sportagentur streckt bereits jetzt ihre Fühler nach dem Basketball-Wunderkind aus, das in Akron in aller Munde ist.

Zu diesem Zeitpunkt treffen LeBron, Joyce, Cotton, McGee und Travis – die selbsternannten „Fab Five“ (dt. die „fabelhaften Fünf“) eine Entscheidung. Sie sehen sich als Gesamtpaket und versprechen sich, ihre Basketballkarrieren gemeinsam fortzusetzen. Das Quintett geht ab der neunten Klasse auf die Saint Vincent-Saint Mary High School (SVSM), einer privaten Gemeindeschule in Downtown Akron. SVSM, die vor allem für ihre traditionelle akademische Exzellenz bekannt ist, ist dabei ein neues Vermächtnis aufzubauen, mit einem vorangehenden LeBron.

Im Dezember 1999 bestreitet LeBron sein erstes Spiel für SVSM und erzielt 15 Punkte. Innerhalb von drei Monaten führt er seine Schule zur Staatsmeisterschaft in Ohio – nicht schlecht für eine kleine katholische Institution mit wenig basketballerischer Erfolgsgeschichte. Im nächsten Jahr wiederholt LeBron, jetzt ein 1,98 Meter großer 14-Jähriger – mehr Mann als Junge – den Triumph mit einer zweiten Staatsmeisterschaft vor 17.000 Zuschauern im Finale. Er wird im März 2001 zu Ohios „Mr. Basketball“ ernannt.

In diesem Sommer wird LeBron mit mehreren NBA-Spielern nach Chicago eingeladen, um an Trainingsspielen mit seinem Held Michael Jordan teilzunehmen, der sich auf seine Rückkehr zum Sport vorbereitet. Die Erfahrung lehrt LeBron, dass er mit den besten mithalten kann. Es wird gemunkelt, dass LeBron seinen Namen auf die Liste des NBA-Draft stellen würde, bis klar wird, dass kein Spieler ausgewählt werden kann, solange er nicht die Highschool abgeschlossen hat.

Der millionenschwere Vertrag müsste noch ein Jahr warten, obwohl ihm als Entschädigung das nächstbeste zugesprochen wird: das Titelbild von Amerikas größtem und besten Sportmagazin Sports Illustrated. „The Chosen One“, kündigt die Titelzeile an, „Der Auserwählte“. Der Artikel im Innenteil beginnt mit einer Beschreibung eines Treffens zwischen dem Teenager LeBron und Jordan. „Der Moment fühlt sich aufgeladen an, sogar ein wenig historisch“, heißt es darin und stellt sogar einen Vergleich mit Präsidenten der USA an. „Erinnern Sie sich an das Foto des Teenagers Bill Clinton mit JFK?“

DIE LEBRON-INDUSTRIE

Der Hype um den Schüler kennt keine Grenzen mehr. Ein Kamerateam des Sportsenders ESPN verfolgt jeden Schritt von LeBron. Er wird nicht mehr nur mit Jordan, sondern aufgrund seiner Passfähigkeiten auch mit Magic Johnson verglichen. Im Basketballmagazin SLAM bekommt der 16-Jährige eine eigene Kolumne. Michael Jordan lädt ihn zu einem exklusiven Training ein.

NBA-Teams und Werbepartner scharren mit den Hufen wie „Frederik der Große“ mit einer Überdosis Hüttrauch. Nike und Adidas sind in einem erbitterten Kampf um LeBrons Unterschrift. Berichten zufolge könnte das endgültige Angebot 20 Millionen US-Dollar erreichen. Nach den Regularien der Schulbehörde darf LeBron jedoch keine Geschenke über 100 Dollar annehmen, geschweige denn Geld fürs Basketballspielen. Die Regeln verbieten aber nicht, dass andere Kapital aus ihm schlagen können. LeBrons Mutter Gloria, die ihr Leben lang Geldsorgen hat, nutzt die Gelegenheit. Sie tauscht LeBron-Erinnerungsstücke gegen den Einlass in die örtliche Bingohalle ein. Menschen versteigern auf Ebay LeBron-Artikel von Autogrammen ab 100 Dollar bis hin zu SVSM-Trikots für 185 Dollar.

Das wirkliche Geld wird mit der „LeBron-Industrie“ jedoch woanders gemacht, im „Pay-per-View-Fernsehen“: Die Heimspiele der SVSM Fighting Irish werden in 14 Ohio-Countys übertragen, für acht Dollar pro Spiel, sowie im Kabelfernsehen. ESPN verzeichnet die zweithöchste Zuschauerzahl aller Zeiten, wenn es ein SVSM-Spiel landesweit ausstrahlt, erreicht 1,67 Millionen Haushalte und generiert Millionen mit Werbeeinnahmen.

Um die Ticketnachfrage zu decken, werden die SVSM-Heimspiele in der Arena der University of Akron mit 5.700 Sitzplätzen ausgetragen. Zur Einordnung: Der Deutsche Meister 2019 FC Bayern Basketball hatte weniger Zuschauer im Schnitt! Und wir reden hier nicht von ausgefeiltem Profisport, sondern unbelecktem Amateur-Schulsport. Selbst NBA-Stars wie Kobe Bryant oder Shaquille O‘Neal sind bei Spielen vor Ort, um das nationale Basketball-Phänomen LeBron, die Kreuzung aus MJ und Magic, live zu sehen. Viele Monate bevor LeBron einen Cent für sein Basketballspiel verdient, wird er von allen Seiten hofiert wie ein NBA-Superstar.

In den Vereinigten Staaten gibt es 100.000 Highschools. 25.000 haben ein Basketballteam. Jedes Team hat 15 Spieler im Kader, was bedeutet, dass es 375.000 Schüler gibt, die jedes Jahr organisierten Basketball spielen. Davon werden 3.600 gut genug sein, um vier Jahre eine kostenlose Ausbildung zu genießen, die mit einem College-Basketball-Stipendium einhergeht. Aber für eine kleine Minderheit ist das College nur eine Station auf dem Weg zum größeren Preis: ein Platz in der NBA, Amerikas Profiliga. Rund 50 Kinder, die heute spielen, können damit rechnen, eine anständige Karriere als Profi machen zu können. Von diesen 50 werden möglicherweise zehn All-Stars – eine ausgewählte Gruppe von Athleten, die ihre eigenen Signature-Schuhe haben, für alkoholfreie Getränke werben und sich in ein Leben zurückziehen, das sich wie ein langer, fauler Sommer in der Dominikanischen Republik anfühlt. Und dann gibt es „The One“, den Highschool-Basketballer dieser Generation, der zu einer kulturellen Ikone wird: LeBron James.

„DER AUSERWÄHLTE“

Dass der 18-Jährige LeBron direkt von der Highschool in die NBA gehen wird, ist so klar wie das Meerwasser auf Bora Bora. Der NBA-Draft 2003 wird bekannt als die „LeBron Lottery“. Die Cleveland Cavaliers gewinnen das große Los mit dem ersten Pick. „Der Auserwählte“ soll der Retter der Franchise werden. Noch ist „The Chosen One“ nicht einmal alt genug, um auf seiner eigenen Draft-Party einen Drink zu ordern.

Wegen LeBron stehen die ehemals miesen Cavaliers gleich 13 Mal im Sendeplan der nationalen TV-Anstalten. Alle sehen die seltene Kombination aus Point-Guard-Skills und muskelbepackter Athletik, die ihn zum Magic Johnson der WWW.-Generation machen. Es ist sein Trikot, das sich die Kids zum Preis von bis zu 400 Dollar kaufen und es so zum zweitbeliebtesten der Liga (nach Jordans) machen. Und es ist LeBron, den Nike, Sprite und Upper Deck für 90, 12 bzw. 6 Millionen Dollar unter Vertrag nehmen.

Den fetten Schuhvertrag, die Werbespots, den Hype, das Talent, das Geld, den Hummer von General Motors, die Autogrammjäger, die Medienmeute – schon vor seinem ersten Spiel als Profi hat LeBron all das, was im NBA-Alltag die Stars von den Rollenspielern unterscheidet. Er ist das neue Gesicht der NBA, bevor klar wird, für welchen Verein er überhaupt spielen würde.

Alles hängt davon ab, wie LeBron mit seinem neuen Superstar-Dasein und den riesigen Erwartungen umgeht – und mit einem Medienhype, neben dem Yao Mings Rookiesaison wie ein entspanntes Schaumbad bei Kerzenlicht aussieht. Der aufsehenerregende Hype um seine Person gehört zu ihm, seit er sich rasieren muss. Eigentlich kann LeBron in der NBA nur verlieren.

Allen Unkenrufen zum Trotz hält LeBron dem Erfolgsdruck stand. Nicht nur, dass er mit Führungsqualitäten überzeugt, Rückschläge steckt er weg wie Kleingeld. „Er hat einen Airball geworfen, ihm wurde in die Fresse gedunkt, doch es hat ihn kein bisschen aus dem Spiel gebracht“, zeigt sich Gegenspieler Sean Colson nach der ersten Begegnung mit James beeindruckt. „Das ist ungewöhnlich für einen Rookie. Das zeigt seine Charakterstärke.“

Neben seinem Allroundspiel mit Punkten, Rebounds und Assists sind die Reife und Disziplin des 18-Jährigen mindestens genauso beeindruckend. Denn er hat den amerikanischen Traum im Zeitraffer gelebt. Innerhalb weniger Jahre wurde aus einem kleinen Jungen, der mit seiner Mutter von Wohnung zu Wohnung zog, ein Multimillionär.

Sein NBA-Körper ist kein Zufall, sondern das Resultat langer Stunden im Kraftraum, eingeschoben zwischen Training, Interviews und Hausaufgaben. Noch kein Highschooler vor ihm war körperlich so bereit für die NBA wie James. Mit seinen 2,03 Meter und 108 Kilogramm sieht er schon mit 18 aus wie ein gestandener Power Forward. Dass einer mit solchen körperlichen Merkmalen und frisch von der Highschool kommend als Rookie den Job als Point Guard übernimmt, ist einzigartig.

Was LeBron ebenfalls einmalig macht, ist jedoch nicht nur sein Körper und sein Game, sondern die Umstände, unter denen er lebt, spielt, trainiert. Jeder will ein Stück vom King. Er hat Medienanfragen und Sponsorentermine wie kein anderer NBA-Profi. James hat den Hype gesehen und überlebt und er spielt trotz Erfolgsdruck angesichts riesiger Erwartungen eine Fabelsaison.

„Ich dachte, die Erwartungen an ihn wären so riesig, dass er sie im Leben nicht erfüllen könnte“, sagt selbst Liga-Boss David Stern. Wer schon als Highschooler von Magazin-Titelseiten der ganzen Welt ins Gesicht lächelt, wer schon vor dem ersten NBA-Korbleger von „King“ über „Messias“ bis „Next MJ“ jeden Ehrentitel hört, der kann eigentlich nur scheitern. Und doch hat James gewonnen. „Ich lag wohl falsch“, schiebt Stern nach.

Weder Kobe Bryant, Tracy McGrady, Al Harrington oder Kevin Garnett, die wie LeBron den direkten Weg von der Highschool in die NBA gegangen sind, können mit den Statistiken von James mithalten. James schockt die NBA in seiner ersten Saison mit 20,9 Punkten, 5,5 Rebounds und 5,9 Assists – die kompletteste Rookiesaison seit Michael Jordan – und der war drei Jahre auf dem College und demnach drei Jahre älter. LeBrons Repertoire ist größer als Paris Hiltons begehbarer Kleiderschrank. Er ist der jüngste Spieler, der je die 40-Punkte-Marke knackte. Die ganze Stadt Cleveland profitiert von ihrem neuen Superstar und dem „LeBron-Effekt“.

LeBron geht oft und gern in die Zone. Sein erster Schritt ist in dieser Sparte das Beste, was die Welt zu bieten hat. Seine Kombination aus Geschwindigkeit und Kraft erlaubt es ihm, Kontakt mit dem Gegenspieler aufzunehmen, während er trotzdem per Dunk oder Leger zum Erfolg kommt. Lediglich der Schuss aus der Ferne ist von allen Offensivwaffen in James‘ Arsenal die schwächste.

Schon im dritten NBA-Jahr überbietet der König die 30-Punkte-Marke im Saisondurchschnitt (31,4) und wird Zweiter des MVP-Votings (hinter Steve Nash). Ein Jahr später führt er seine Cavaliers bis ins NBA-Finale – im Conference-Finale gegen Detroit liegt Cleveland bereits 0-2 zurück, gleicht aus und übernimmt in Spiel fünf die Führung dank der 48 Punkte von LBJ – 25 davon in Serie, also ohne dass ein Teamkollege gepunktet hätte.

„THE DECISION“

„Ich habe mich entschieden, meine Talente nach South Beach zu tragen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich der frisch gekürte MVP LeBron James im Sommer 2010 in einer inszenierten Fernsehansprache nach sieben Jahren in Cleveland und wechselt zu den Miami Heat – bekannt als „The Decision“, die Entscheidung. James begründet seinen Wechsel damit, dass Gewinnen das Einzige für ihn wäre, was zählen würde, und er in Miami die besten Chancen sähe, die Meisterschaft zu holen.

Was folgt, ist ein Shitstorm, der sein Image verwüstet wie Hurrikan Katrina den US-Staat Louisiana. LeBron James ist in Cleveland verhasst, doch auch überall sonst wegen des schlechten Stils seines Abganges. Cavalier-Trikots mit der Nummer 23 werden auf den Straßen verbrannt. Häme, Spott und Hasstiraden prasseln auf ihn ein. Er wird zum meist verabscheuten Athleten in Amerika. Selbst NBA-Legenden wie Michael Jordan und Magic Johnson kritisieren sein würdeloses Fortgehen, statt als „The Man“ mit Cleveland die Championship zu gewinnen.

„Während meiner ersten sieben Jahre in der NBA war ich immer der Beliebte“, sagt LeBron in Retrospektive. „Auf der anderen Seite zu sein, sie nennen es die dunkle Seite oder den Bösewicht, war eine enorme Herausforderung für mich. Es war eine Situation, in der ich mich nie zuvor befunden haben. Ich habe lange gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Es hat sich nicht gut angefühlt. Der Hass hat mich im Grunde zu jemandem gemacht, der ich nicht war. Wenn du hörst, auf einmal der ‚Bösewicht‘ zu sein, musst du jetzt der Bösewicht sein. Und ich fing an, mich darauf einzulassen. Ich fing an, das Basketballspiel auf einem Level zu spielen oder in einem Geisteszustand, in dem ich noch nie zuvor gespielt hatte. Wütend! So spiele ich eigentlich nicht Basketball.“

In Miami bildet LeBron zusammen mit seinen Kumpels Dwyane Wade und Chris Bosh zwei weitere Top5-Draftpicks des Jahrgangs 2003, die „Big Three“. Auf der Willkommensparty prophezeit James den Heat-Fans eine neue Dynastie und mehrere Meisterschaften, was auf dem Rest des Kontinentes mit Argwohn empfangen wird.

James sollte nicht ganz recht behalten, zumindest nicht so großspurig, wie er es angekündigt hat. Zwar erreicht das Superteam der Miami Heat viermal in Folge die NBA-Finals (den ersten Anlauf verliert er gegen Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks), aber es springen nur zwei Meisterschaften dabei heraus. Von einer Dynastie kann hier keine Rede sein. Dennoch überzeugt LeBron auf dem Parkett als bester Spieler der gesamten Liga und gibt seinen Zweiflern wenig Futter.

DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS

Nach vier Jahren verlässt James die Heat wieder und schließt sich erneut den Cleveland Cavaliers an. Offensichtlich hat ihn all die Jahre in Miami ein schlechtes Gewissen geplagt. Er möchte sich mit seiner Heimat versöhnen und ihr eine Meisterschaft schenken.

Während LeBrons vierjähriger Abwesenheit haben die Cavs allerdings mehr Spiele verloren als jede andere Franchise. Das Vorhaben LeBrons gleicht der Besteigung des Mount Everests ohne Atemmaske. Mit der Rückkehr des Königs wird der Reset-Knopf gedrückt und er bekommt Unterstützung in Form der beiden All-Stars Kyrie Irving und Kevin Love.

LeBron führt sein neues, altes Team 2016 schließlich zur lang ersehnten Meisterschaft. Vier Jahre in Folge würden die Cavs in den Finals den Golden State Warriors gegenüberstehen; LeBron schafft es einmal Steph Curry & Co. den Schneid abzukaufen. Er führt die Cavaliers in Punkten (29,7), Rebounds (11,3), Assists (8,9), Steals (2,6), Blocks (2,3) und gespielten Minuten (41,7) an. Die Wiedergutmachung von „King James“ ist Balsam auf die geschundene Cavaliers-Fanseele.

LeBron ist auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Er kann auf allen fünf Positionen auf dem Feld spielen, offensiv wie defensiv – auf All-Star-Niveau! Niemand sonst kann das für sich beanspruchen.

DER ANTI-TRUMP

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wer ist der größte Basketballer aller Zeiten? Was LeBrons von Michael Jordans aktiver Spielerkarriere unterscheidet, ist sein politisches Engagement, sein Kampf um die Würde der Schwarzen und soziale Gerechtigkeit. James nutzt seinen Status als Superstar und die Bühne der NBA-Finals, um als Lautsprecher in der „Black-Lives-Matter-Bewegung“ zu fungieren, politische Gesten zu zeigen, Worte und Gedanken zu formulieren, die Millionen erreichen. Er ist sich seiner Vorbildfunktion bewusst.

James kümmert sich schon um das „Leben der Schwarzen“, bevor es populär wurde. Er trägt einen Hoodie, um an Trayvon Martin zu erinnern und trägt nach Eric Garners Tod „I can‘t breathe“-T-Shirts. Während Colin Kaepernick für immer in Erinnerung bleiben wird, weil er seine NFL-Karriere durch friedliches Knien während der Nationalhymne geopfert hat, verdient LeBron James Amerikas Dankbarkeit und Respekt dafür, dass er seine Unterstützung und seinen Ruf riskiert hat, um die damals umstrittene Idee zu unterstützen: „Schwarze Leben zählen“.

LeBrons politische Einflussnahme wächst so groß, dass sich selbst der Präsident der Vereinigten Staaten über die sozialen Medien an ihn wendet und ihn als „Hasser“ bezeichnet, dessen Durst nach Gleichheit (nach Donald Trumps Rhetorik) MAGA-liebende Fans abgetörnt habe, also Anhänger von Trumps Slogan „Make America Great Again“. Seit den frühesten Tagen der Trump-Regierung hat sich James gegen die rassistisch spaltende Rhetorik des Präsidenten in den sozialen Medien gestemmt und getwittert: „Hass hat es in Amerika immer gegeben. Ja, das wissen wir, aber Donald Trump hat es gerade wieder in Mode gebracht!“

In vielerlei Hinsicht repräsentiert James den Anti-Trump. James‘ größter Vorwurf gegen Trump bezieht sich auf das Wahlrecht für alle Amerikaner, insbesondere für Schwarze und farbige Gemeinschaften, die vom Präsidenten und seinen Verbündeten zur Unterdrückung der Wähler ins Visier genommen wurden. James hat sich dafür stark gemacht, dass 20 NBA-Teams ihre Arenen während der bevorstehenden Wahlen als Wahllokale zur Verfügung stellen.

James zeigt seine breite Brust gegen konservative Kritiker, die behaupten, dass NBA-Spieler einfach „die Klappe halten und dribbeln“ sollten. Stattdessen nutzt James seine Starpower, Ressourcen und Plattform, um zu aktiver Bürgerbeteiligung aufzurufen, die Millionen jungen Menschen, die zu ihm als Vorbild und Inspiration hinaufschauen. Dass eine solche Führung in einigen Bereichen negativ gesehen werden könnte, sagt mehr über unsere polarisierten Zeiten aus als über die Qualität von James‘ persönlichem und politischem Beispiel.

Indem James seine Stimme gefunden hat, um auf die Notwendigkeit Amerikas aufmerksam zu machen, die Menschlichkeit der Schwarzen anzuerkennen, hat er einer ganzen Generation von tausenden Athleten und Prominenten dabei geholfen, ihre eigene Stimme zu finden.

In dieser Hinsicht ist LeBrons wichtigstes Vermächtnis – trotz seiner grenzüberschreitenden sportlichen Brillanz – das, was sich abseits des Basketballcourts abspielt. Sein Engagement für Stimmrechte, hervorragende Bildung und Antirassismus macht ihn zu viel mehr als einen NBA-Champion, Finals-MVP und eine außerweltliche Berühmtheit.

„King James“ ist zur Ikone der sozialen Gerechtigkeit geworden. Er repräsentiert in Perfektion diese historische Chance in Amerika. Aufgrund von LeBron James verstehen viele andere schwarze Athleten, dass die NBA und andere professionelle Sportligen ohne ihr Talent nicht existieren würden und dass Gerechtigkeit das ist, wie öffentliche Liebesbekundungen im besten Fall aussehen.

„ICH WILL AUCH VERDAMMTEN RESPEKT“

Nach dem Gewinn seiner vierten Meisterschaft im Team der Los Angeles Lakers fordert James auch die Anerkennung auf sportlicher Ebene ein: „Wir wollen einfach Respekt. Rob (Pelinka, Lakers-Manager) will Respekt. Coach Vogel will Respekt. Unsere Organisation will Respekt, Laker-Nation will Respekt. Und ich will auch verdammten Respekt. Das Gefühl, etwas beweisen zu müssen, hat mich angetrieben die vergangenen eineinhalb Jahre. Es gab immer etwas Zweifel.“

Letzten Endes sind ihm aber seine Appelle gegen Rassismus und sein engagiertes Bemühen, Menschen zum Wählen zu animieren, das Wichtigste. „Basketball als Spiel wird mich überleben“, sagt er. Es werde neue Spieler geben, neue Stars. Das könne er nicht beeinflussen. „Wie ich mich bewege, wie ich laufe, was ich predige, worüber ich rede und wie ich die nächste Generation inspiriere, das ist das, was mir am meisten bedeutet.“ Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis LeBron James als der „Größte Basketballer aller Zeiten“ in die Annalen eingeht. Nichts kann ihn aufhalten.

3
DIRK NOWITZKI: SCHÜTZEN-REVOLUTIONÄR ALS RIESE


„Als Kind dachte ich, Basketball ist ein Spiel für Frauen.“


Jahre: 1998-2019
Position: Power Forward
Größe: 2,13 m
Team: Dallas Mavericks
Meisterschaften: 1 (2011)
MVP-Titel: 1 (2007)
Trikotnummer: 41
Spitzname: Dirkules, Dirty, German Wunderkind, Dunking Deutschman
Allstar-Spiele: 14
Hall of Fame: noch nicht
Prime-Stats: 24,5 PPS, 8,8 RPS, 47,9 FW%, 38,5 3P% (2002-11)

Dallas, 9. April 2019. Die Saison der Dallas Mavericks ist seit einigen Monaten bedeutungslos. Das Team spielt heute sein letztes Heimspiel gegen die Phoenix Suns. Es geht sportlich um nichts mehr, aber die Fans tummeln sich schon drei Stunden vor Spielbeginn vor der Arena. Dirk Nowitzki hat sein Karriereende noch nicht offiziell verkündet, aber alles deutet darauf hin und ist darauf vorbereitet. Vor der Arena herrscht ein Stimmungsmix aus Festival und Museum. Überall sind Plakatständer zu sehen, die alle einen unterschiedlichen Nowitzki-Meilenstein aus einer anderen Ära zeigen: Es gibt den kopfrasierten Dirk im alten navyblauen Trikot, den lockenfliegenden Dirk im weißen Heimtrikot und den Spitzbart-Dirk bei seiner ersten Finalteilnahme.

An jeder Straßenlaterne hängen Fahnen mit seinem Gesicht, sein Karrierewerk in Zahlen und Bildern: MVP 2007, Meister und Finals-MVP 2011, Platz 6 der ewigen Punkteliste, 14-maliger All-Star, Mannschaftskapitän, großartigster Athlet in der Sporthistorie von Dallas. Es fühlt sich wie eine Party und Wiedervereinigung an – alle Dirks sind da!

Als erster Spieler in der Geschichte der NBA ist er seit 21 Jahren für denselben Klub aktiv. Auf einem Banner an der Front der Arena hängt, so hoch wie ein vierstöckiges Haus, Nowitzki als Riese, darunter der Slogan: 41.21.1. Er steht für seine Trikotnummer 41, seine 21 Saisons bei einem einzigen Klub.

Hinter Nowitzki liegt eine belastende Saison, eine Folter mit Schmerzen. Nach einer Knöcheloperation vor einem Jahr wollte das obere Sprunggelenk nicht richtig ausheilen. Es kamen Entzündungen hinzu, die Genesung gestaltete sich kompliziert und lang. Die ersten 26 Spiele der Saison sitzt Nowitzki im Anzug am Spielfeldrand und schaut zu, wie der Slowene Luka Doncic, die nächste Generation, sein Nachfolger, die Dallas Mavericks anführt.

Während die Jungspunde ihr Können auf dem NBA-Parkett unter Beweis stellen, rackert der 40-jährige Deutsche im Hintergrund an seiner Fitness, um noch einmal zurückkehren zu können. Alle zwei Tage lässt er sich Nadeln in die verspannten Muskeln stechen, wird massiert, von den Physiotherapeuten gebogen und mobilisiert.

Nach einem Kraftakt gelingt ihm die Kehrtwende. Es reicht für 15 Minuten Einsatzzeit und 6,5 Punkte pro Spiel. Bei jeder Auswärtspartie wird ihm viel Liebe und großer Respekt für seine famose Laufbahn entgegengebracht. Jeden Tag, jeden Moment versucht Nowitzki auf seiner Zielgeraden bewusst wahrzunehmen: das Quietschen der Sneakers auf dem Parkett, das Geräusch, wenn der Ball ohne Ringberührung durch den Korb flutscht, die Albernheiten in der Kabine mit den Teamkollegen, die Menschen im American Airlines Center vom Security bis zum Nacho-Verkäufer, die Interviews mit Journalisten von China bis Texas, die Flüge in Mark Cubans privater Boing 767 zu den 29 NBA-Standorten in ganz Amerika, die Grand-Hotels, die verschiedenen Spielstätten.

Sein Karriereende hat sich Nowitzki jedoch anders vorgestellt: leise und unbemerkt wollte er die NBA-Bühne verlassen, ohne viel Trara und Brimborium, einfach „Tschüss, das war‘s!“ sagen.

Doch sein finaler Auftritt in heimischer Halle wird zu einem emotionsgeladenen Liebesfilm, „Wie ein einziger Tag“ mit Nowitzki als Ryan Gosling in der Hauptrolle – dafür hat die Führungsetage der Mavericks bei der Abendplanung im Vorfeld gesorgt.

In der Arena geht die Party weiter. Sie platzt aus allen Nähten, 21.041 Nowitzki-Pappgesichter (diese Zahl kann kein Zufall sein) auf jedem Sitzplatz warten darauf, vor die Antlitze der Fans gehalten zu werden. Energie und Hochspannung prägt die Atmosphäre am Ort des Geschehens, die Arena ist lauter als bei Spiel 7 in den Playoffs. Das Spiel geht los, Sprungball, erster Angriff Dallas, Doncic passt auf Dirk, Sprungwurf im Zurückfallen aus der Mitteldistanz, Swish, nichts als Netz. Nowitzki erzielt die ersten zwei seiner insgesamt 30 Punkte – Saisonbestleistung!

Nowitzki steht in der Mitte des Spielfeldes, bereit nach einer Auszeit im zweiten Viertel weiterzuspielen. Ein Video auf dem wohnzimmergroßen Multimediawürfel unter der Hallendecke ist gerade vorbei, welches Nowitzkis Gemeindearbeit hervorhebt, besonders seine Besuche im Kinderkrankenhaus von Dallas an den Feiertagen. Die Bewegtbilder enden und die Zuschauer entladen ihre Gefühle. Der große Blonde ringt mit den Tränen; als er weint, weinen alle in der Halle.

Der Lärm in der Halle zieht sich konstant durchs Spiel. Dirk berührt den Ball? Jubel. Dirk holt einen Rebound? Gebrüll. Dirk wird gedoppelt? Zornige Buhrufe. Dirk ist auf der Bank? „We want Dirk“-Rufe. Dirk macht einen Korb? Komplettes Ausrasten auf den Rängen. „Es war eine Playoffs-, Final-Atmosphäre“, sagt Nowitzki nach dem Spiel im vollgepackten Presseraum der Mavericks. „Jedes Mal, wenn ich reingekommen und den Ball berührt habe, habe ich die Fans gehört und sie haben mich getragen. Ich war schon nach zwei Minuten müde. Ich habe die ganze Saison über nicht so viel geworfen und so viele Moves gemacht. Ich habe dem Coach nach 2,5 Minuten signalisiert, ausgewechselt zu werden, aber ich habe mich heute ganz gut gefühlt.“

Neben seinen 30 Punkten greift Nowitzki 8 Rebounds und verteilt 4 Assists. 30+8+4 ergibt seine Trikotnummer 41 – statistisch gesehen hätte das letzte Heimspiel von Nowitzkis Karriere nicht besser enden können. Nowitzki spielt wie in seiner Prime eine Dekade früher. So möchte und wird er von den Mavericks-Fans in Erinnerung gehalten werden.

Nach der Partie, die die Mavericks 120-109 gewinnen, leitet eine Lasershow eine Zeremonie ein, von der Nowitzki keinen Schimmer hat. Auf dem Videowürfel läuft ein Zusammenschnitt von Nowitzkis Karrierehighlights und ein Interview, in dem er seine fünf Lieblingsspieler als Heranwachsender auflistet. Plötzlich erscheinen seine Kindheitsidole Charles Barkley, Scottie Pippen, Larry Bird, Shawn Kemp und Detlef Schrempf im Spotlight des Centercourts. Nowitzki ist überwältigt, es ist die perfekte Überraschung.

OPTIMALE ANLAGEN

Es ist keine Überraschung, dass aus Dirk Nowitzki ein Sportler wird. Er bekommt das Bewegungstalent in die Wiege gelegt und Pippen, Bird & Co. würden später als Poster in seinem Kinderzimmer hängen. Vater Jörg war in den 1960er-Jahren ein wurfgewaltiger Handballer in der Bayernauswahl. Mutter Helga war Basketballnationalspielerin, erzielte im Verein einmal 52 Punkte und damit mehr als die gegnerische Mannschaft insgesamt. Dirk bringt die Athletik des Vaters und das Ballgefühl der Mutter gleichermaßen mit, eine Doppelgabe der Natur, die auch seine vier Jahre ältere Schwester Silke auszeichnet. Als Basketballerin wird sie ähnlich erfolgreich wie die Mutter.

Als Kinder sind Silke und Dirk immer mit dabei, wenn die Eltern ihrem Hallensport nachgehen. „Am Anfang haben wir sie in der Tragetasche in die Halle mitgenommen und auf der Bank abgestellt“, erinnert sich Helga Nowitzki. Andauernd ist die vierköpfige Familie in der Freizeit irgendwo in einer Halle oder auf einem Sportplatz zu finden. „Schon mit ein oder zwei Jahren war ich fast täglich in der Turnhalle oder auf dem Sportplatz und bin irgendwelchen Bällen hinterhergerannt“, lacht Dirk.

Im selben Haus in Würzburg wie die Nowitzkis wohnt im Untergeschoss Jörg Nowitzkis Schwester mit Familie. Die Kinder Holger und Bettina Grabow sind ebenfalls sportlich und verbringen viel Zeit mit ihrem Cousin Dirk und ihrer Cousine Silke. Das Spielfeld der vier Kinder, zu denen sich weitere aus der Nachbarschaft gesellen, ist eine geteerte Fläche hinter dem Haus, gut geeignet als wetterfester Platz für Fußball, Volleyball, Handball und auch für Basketball.

Dirk ist der Jüngste, ein stiller bedächtiger Junge, ein Beobachter. Silke, die große Schwester, kümmert sich um ihn und setzt sich für ihn ein, wenn die älteren Kinder ihn nicht mitspielen lassen wollen, was oft der Fall ist. Auf dem Hinterhof wird er jedoch schnell ein gleichwertiger Spielkamerad.

Zum Kinderspielplatz kommen bald die Sportanlagen der Turngemeinde Würzburg hinzu, bei der Dirks Vater Handball spielt. Turnen, Handball, Tennis, Basketball – überall machen Dirk, seine Schwester und die Grabow-Geschwister mit. Die beiden Elternpaare kutschieren die Kinder dauernd von Halle zu Halle, Sportplatz zu Sportplatz, Training zu Training, Spiel zu Spiel.

Bereits mit vier Jahren, 1982, ist Dirk bei der Kinderspielgruppe der TG Würzburg aktiv, turnt, schlägt Purzelbäume, spielt Fangen oder Völkerball. Drei Jahre später spielt die Gruppe Tennis. Nach wenigen Wochen wird Nowitzki Vereinsmeister und gehört zu den besten acht Tennisspielern in Bayern und dessen Auswahlkader.

„BASKETBALL IST WEIBERSPORT“

Als Entdecker des Basketballjahrhunderttalents gilt Jürgen Meng, Lehrer für Sport und Geschichte am Röntgen-Gymnasium, auf welches Dirk Nowitzki 1988 wechselt. Meng sucht Spieler für die Basketball-Schulmannschaft, die er betreut und fragt den begabten Zehnjährigen, ob er mitspielen will. Dirk ist zunächst skeptisch, sagt jedoch zu, weil es ihm generell schwerfällt, zu irgendetwas Nein zu sagen. „Für mich war Basketball ein Weibersport“, erklärt er, der Sport der Mutter und der Schwester, nichts im Vergleich zum Handball, einem Sport für Männer. „Ich habe in erster Linie mitgespielt, weil es bei Turnieren immer einen Tag schulfrei gab und die Schule keine Auswahlmannschaften im Tennis oder Handball hatte.“

„Ihm war der Basketballsport anfangs überhaupt nicht vertraut“, weiß Meng. „Aber Dirk war ein Bursche, der für seine Größe ein erstaunliches Bewegungstalent und enorm viel Ballgefühl in den Händen hatte. Seine Bewegungen wirkten schon damals rund und geschmeidig.“ Zudem ist er schon als Kind einen Kopf größer als der größte Klassenkamerad. Doch erst als Vater Jörg am Ende des Teerplatzes hinter dem Haus eine Stange in den Boden rammt und daran einen Korb schraubt, greift Dirk häufiger zum Basketball.

Tennis und Handball bleiben indes lange Zeit seine Hauptleidenschaft. Dirks Eltern, die mit ihrem Sohn an den Wochenenden von einem Tennisturnier zum nächsten touren, haben zahlreiche Auseinandersetzungen mit dem Direktor des Röntgen-Gymnasiums, weil dieser den aufstrebenden Tennisstar von Bayerns Auswahlmannschaft für dessen Turniere nicht vom Unterricht freistellen will. Wegen der Randlage Würzburgs in Bayern muss Dirk freitags so frühzeitig zu den Spielen aufbrechen, dass er Unterrichtsstunden versäumt. Oft muss der Ministerialbeauftragte des Kultusministeriums eingeschaltet werden, damit der Direktor des Gymnasiums dem Ersuchen um Unterrichtsbefreiung nachkommt. Er tut es nur zögernd, auch angesichts von Dirks Schulnoten.

Unabhängig davon fühlt sich Dirk in den grauen Granitmauern der Schule als Außenseiter. „Ich kannte dort anfangs niemanden, da fühlte ich mich verloren, gerade wenn es zu komischen Situationen kam wegen meiner Größe“, erinnert sich Nowitzki (dessen Cousin und bester Freund Holger Grabow besucht eine andere Schule). „In der fünften, sechsten Klasse war ich bereits fast so groß wie manche Lehrer. Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut.“

Der lange Lulatsch tut sich schwer, das Gymnasium und den Sport in Einklang miteinander zu bringen. Im Sport fällt ihm der Erfolg leicht, auf der Schulbank hat er Probleme und gute Noten halten sich in Grenzen.

BLUT GELECKT

Acht Jahre spielt Dirk für die Schulmannschaft des Röntgen-Gymnasiums. Bereits in seinem zweiten Schuljahr 1989/90 erreicht er beim Schulsportwettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ das bayerische Landesfinale. „Dieser Erfolg hat Dirk viel bedeutet und seinen Ehrgeiz in Sachen Basketball geweckt“, glaubt sein Lehrer Meng. „Ich denke, dass er durch die ersten Erfolge bei ‚Jugend trainiert für Olympia‘ Blut geleckt hat. Er hat es sichtlich genossen, in einer Mannschaft zu spielen, noch dazu vor Zuschauern. Das war ein großer Reiz, dem ihn der Individualsport Tennis einfach nicht geben konnte.“

Durch den Basketball findet Nowitzki immer mehr Freunde an der Schule. „Die Basketballer waren ein verschworener Haufen“, weiß Meng. „Die Älteren haben sich um die Jüngeren gekümmert, teilweise Nachhilfe gegeben, wenn es bei denen schulisch nicht lief. Sie waren eine Clique innerhalb der Schule.“

Sein größtes Erfolgserlebnis hat Nowitzki als 14-Jähriger, bereits 1,96 Meter groß, im Frühjahr 1993. Er gewinnt mit dem Röntgen-Gymnasium zunächst die bayerische Meisterschaft und spielt dann mit seiner Schule beim Bundesfinale in Berlin mit. Dort reicht es zwar nur für Platz sechs, aber Dirk ist der überragende Spieler des Turniers.

DJK WÜRZBURG

Meng vermittelt das Talent in die Nachwuchsabteilung der DJK Würzburg und kümmert sich darum, dass der junge Nowitzki für Jugend- und Juniorenauswahlmannschaften vom Unterricht freigestellt wird – sehr zum Unwillen des Lehrerkollegiums.

Im Alter von zwölf Jahren geht Dirk erstmals zum Training der D-Jugend der DJK und tritt dem Verein bei. „Er hat Dinge, die man ihm gezeigt hat, im Prinzip sofort umsetzen können“, erkennt sein dortiger Jugendtrainer Pit Stahl, Jurastudent, der mit Dirk zuvor schon beim Streetballzocken auf dem Teerplatz Bekanntschaft gemacht hat. „Seine rasche Auffassungsgabe in der Kombination mit Spielwitz – das hat mir gezeigt, was in ihm steckt.“

Als Zwölfjähriger misst Dirk schon 1,84 Meter und überragt seine Teamkollegen. Dennoch lässt Stahl seinen neuen Schützling als Aufbau- und Flügelspieler agieren, um seine Spielübersicht zu fördern, statt ihn direkt unter den Korb zu stellen. „Ich habe ihn gezwungen, draußen zu spielen“, sagt Stahl. „Er musste den Ball bringen oder auf den Positionen zwei oder drei spielen.“ Nowitzki entwickelt so Fertigkeiten, die ihn später zu einem kompletteren als jeden anderen Spieler mit seiner Größe machen würden.

Von Beginn an ist Nowitzki als neuer Basketballvereinsspieler der Beste seines Teams und gewinnt den bayerischen Meistertitel in der D-Jugend, den höchsten Titel dieser Altersklasse. Erfolg spornt an. Von da an geht er zweimal in der Woche zum Basketballtraining der DJK. Aber gleichzeitig spielt er bei der Turngemeinde noch immer Handball und Tennis – und gehört auch dort zum Auswahlkader des Freistaates Bayern.

DAS ENTSCHEIDENDE JAHR 1992

Dirk ist mittlerweile in der achten Klasse. Da die schulischen Belastungen immer größer werden, muss er erkennen, dass drei Sportarten im Verein nicht mehr unter einen Hut zu bekommen sind. Er muss sich entscheiden.

Eine Handwurzelvermessung verrät, dass seine Wachstumsfugen noch weit offen sind. Der untersuchende Arzt prognostiziert, dass er mindestens 2,07 Meter groß werde (am Ende würden es sogar noch sechs Zentimeter mehr werden).

Mit Tennis hört Nowitzki als erstes auf. Denn er leidet unter seiner Größe, war er doch immer ein, zwei Köpfe größer als seine Kontrahenten, was ihm sehr peinlich ist. Er wird verspottet, fremde Eltern zweifeln an seinem Alter.

Beim Basketball jedoch fühlt er sich mit seiner Größe wohl, da sie ihm von Vorteil ist. Seit er dribbelt, passt und wirft, statt mit einem Schläger auf Bälle zu dreschen, ist „Größe“ für ihn kein Thema mehr.

Eine schriftliche Leistungsanalyse des Bayerischen Tennisverbandes tut ihr Übriges: „Koordination – Note 3; Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Flexibilität – Note 4“. Unterm Strich notiert Verbandstrainer Ralph Apfel über Dirk: „Für eine kontinuierliche Verbesserung lässt seine Einsatzbereitschaft momentan zu wünschen übrig.“ Für Nowitzki stellt die Benotung kein Zwischenzeugnis dar; er empfindet sie als Abschlusszeugnis und verabschiedet sich vom Tennis.

Bleibt noch der Handball, wo er im Verein von seinem Vater trainiert wird. Als er ihm eines Tages im Jahr 1992 eröffnet: „Ich will Basketballer werden“, versteht Vater Jörg die Welt nicht mehr, zumal er viel Zeit und Geld in die Ausbildung seines Nachwuchses als Tennis- und Handballspieler gesteckt hat. „Ich war im Glauben, dass aus Dirk mal ein großer Handballspieler wird“, sagt Jörg Nowitzki enttäuscht. Hätte er werden können, findet auch Basketballcoach Pit Stahl: „Wer so ein Bewegungstalent ist, der hätte es im Handball sicherlich auch in die Weltspitze bringen können. Es war für Dirk damals nicht einfach, sich für Basketball zu entscheiden.“

Schon damals glaubt Stahl, Dirk könne einmal besser werden als Toni Kukoc – zu jener Zeit der beste Europäer, der kurz vor einem Wechsel zu den Chicago Bulls steht, mit denen er dreimal NBA-Champion werden würde. Stahl sollte mit seiner Vorahnung recht behalten.

Mit dem Basketballvirus infiziert, fällt Dirk 1992 unbewusst eine Lebensentscheidung. Mit gerade einmal vierzehn Jahren hätte er nicht im Entferntesten daran denken können, dass er später einmal Sport zu seinem Lebensinhalt machen würde. Sein Vater Jörg sieht eh vor, dass sein Sohn irgendwann einmal dessen Malerbetrieb, der schon dem Großvater gehörte, übernimmt. Dirk Nowitzkis Entscheidung für Basketball vollzieht sich intuitiv, ohne Kenntnis der Konsequenzen.

Zu seiner Faszination für das orangefarbene Leder tragen auch die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona bei. Gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden starrt der 14-Jährige abends gebannt auf den Fernseher, um dem Dream Team zuzuschauen, welches überlegen die Goldmedaille gewinnt. Dirk ist beeindruckt von der Dominanz eines Michael Jordan, Scottie Pippen, Charles Barkley, Larry Bird & Co., wie sie mit ihren Gegnern spielen, wie mit „Mensch, ärgere dich nicht“-Figuren.

Ein Spieler imponiert Nowitzki ganz besonders: Scottie Pippen. „Er war ein Allrounder“, registriert Nowitzki. „Der konnte einfach alles auf dem Feld. So wie er wollte ich auch mal werden.“ Seit Olympia verfolgt er auch die NBA. „Mein Zimmer habe ich im Laufe der Zeit mit lauter Spielern aus der NBA tapeziert.“ Pippen, Barkley, Bird, Detlef Schrempf und Shawn Kemp sind dabei.

FAST FORWARD

27 Jahre später sind es genau die oben genannten Spieler, die ihm am 9. April 2019 „die letzte Ehre“ in Dallas erweisen. Charles Barkley erinnert sich an seine erste Begegnung mit Nowitzki, als dieser 18 Jahre alt ist, und in einem Showmatch in Deutschland zwischen NBA-Stars und einer deutschen U22-Auswahl gegen den fünfzehn Jahre älteren „Sir Charles“ antritt. Neben Barkley stehen auch Pippen und Jordan im Team der „Nike Hoops Heroes“. Gegen seine Idole ist Nowitzki hochmotiviert, erzielt 25 Punkte allein in der ersten Hälfte, dunkt über Barkley. Am Ende sind es 52 Nowitzki-Punkte gegen die NBA-Stars!

„Wer zur Hölle bist du?“, fragt Barkley nach der Partie sichtlich beeindruckt den jungen Deutschen. Er würde zur Armee gehen, erwidert Nowitzki, „die Wehrpflicht ruft“. „Junge, du kannst nicht zur Armee gehen, so wie du spielst“, kontert Barkley verblüfft. „Du musst ans College gehen, am besten zur Auburn University, wo ich auch war.“

Nachdem Barkley herausfindet, dass Nowitzki keine College-Angebote hat, ruft er Nike an, um alles über Nowitzki in Erfahrung zu bringen und erbittet: „Sagt ihm, er bekommt von mir alles, was er braucht, um nach Auburn zu gehen.“ Barkley hätte sich gewünscht, dass Nowitzki in seine Alma-Mater-Fußstapfen tritt. Dazu sollte es aber nicht kommen. Nowitzki absolviert seine Wehrpflicht in der Bundeswehr. „Dirk ist der netteste Mensch aller Zeiten“, würde Barkley über Nowitzki nach seinem letzten Heimspiel mit den Dallas Mavericks sagen.

Nach Barkley spricht Scottie Pippen auf dem Court der Mavericks zu Nowitzki. „Du warst eine Inspiration für mich“, sagt der sechsmalige NBA-Champion mit den Chicago Bulls. „Ich liebe Basketball und ich mag es, wenn Menschen das Spiel auf die richtige Art und Weise spielen. Du hast das Spiel auf die richtige Art und Weise gespielt. Du hast Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, nicht nur in Deutschland. Du hast mich begeistert. Ich habe es genossen, dir nach meinem Rücktritt zuzuschauen. Du bist einer der Besten.“

Detlef Schrempf, der vor Nowitzki der beste deutsche Spieler in der NBA war, ist nach Barkley, Pippen, Bird und Kemp der letzte von Nowitzkis fünf Idolen, der auf dem Parkett am 9. April 2019 das Wort ergreift. „Ich bin sehr stolz auf dich“, sagt der zweimalige beste sechste Mann der NBA. „Was du für Basketball bedeutet hast, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt, ist unglaublich und eine Freude zu sehen. Ich bin froh, dass du kamst, als ich aufgehört habe. Denn wir brauchten dich in Deutschland. Was viele hier nicht wissen, du hast erstaunliche Dinge für den europäischen und deutschen Basketball geleistet.“

DIRKS MENTOR

Diese erstaunlichen Dinge, zu denen Nowitzki in der Lage war, sind zu großen Teilen Holger Geschwindner zu verdanken, dem Kapitän der deutschen Olympiamannschaft von 1972. Am Ende seiner Sportkarriere hat der studierte Mathematiker und Physiker eine berufliche Existenz als selbstständiger Projektentwickler aufgebaut, aber weiterhin in seiner Freizeit im Basketballverein Eggolsheim gespielt.

Bei einem Spiel von Geschwindners Mannschaft in Schweinfurt im Jahr 1994 ist die Halle bei ihrer Ankunft noch von Jugendlichen besetzt. Ihm fällt sofort „ein langer, dürrer blonder Kerl“ auf, „einerseits ohne Technik, andererseits machte er schon vieles richtig, was ein guter Basketballer können muss. Ein außergewöhnliches Talent schon auf den ersten Blick“. Es ist Nowitzki, der für die Würzburger B-Jugend ebenfalls ein Auswärtsspiel in Schweinfurt hat.

Geschwindner ist von dem 15-Jährigen derart beeindruckt, dass er ihn nach dem Spiel anspricht und ihm anbietet, ihn zu trainieren. Die Eltern sind einverstanden und der Projektentwickler Geschwindner macht sich daran, sein größtes Projekt zu entwickeln, ein ganz privates, das Projekt Nowitzki. Sein Plan: In sieben Stufen möchte er ihn zum perfekten Basketballspieler formen.

Ein- bis zweimal pro Woche fährt Geschwindner zunächst von seinem Wohnsitz im fränkischen Ort Peulendorf bei Bamberg, wo er den Flügel eines alten, ockergelben Schlosses bewohnt, die rund 100 Kilometer nach Würzburg, um mit Nowitzki ein Individualtraining durchzuführen. „Ich konnte in den ersten Trainingseinheiten meinen Augen nicht trauen“, erinnert sich Geschwindner. „Ich konnte sehen, dass er einmal einer der Besten aller Zeiten werden konnte, wenn er das richtige Training erhielt. Nach einigen Wochen sagte ich zu ihm, dass ich dringend mit seinen Eltern sprechen müsse.“

Nach elterlicher Erlaubnis steigert Geschwindner den Trainingsaufwand und reist zwei- bis dreimal wöchentlich nach Würzburg und versucht Nowitzki alles in Sachen Basketball beizubringen, was er als ehemaliger athletischer, wurfstarker Allroundspieler mit der Erfahrung aus 150 Länderspielen und mehr als 600 Bundesligaspielen weiß. „Gleich im ersten Jahr mit Holger machte ich Riesenschritte, obwohl er bei mir quasi bei Null anfing“, erinnert sich Nowitzki. „Er stellte erst meine Wurfbewegung komplett um, aber das half mir entscheidend weiter. Mein Respekt vor ihm wurde immer größer, auch wenn ich teilweise affige Übungen machen musste.“ Die Beziehung der beiden wird über die Jahre immer intensiver. Geschwindner wird persönlicher Trainer, Mentor und engste Bezugsperson für Nowitzki.

Nach einem Jahr stellt ihm Geschwindner die Frage: „Willst du dich mit den Weltbesten anlegen oder hier in Deutschland der Held sein? Reicht dir Letzteres können wir sofort aufhören zu trainieren. Denn das kann eh niemand mehr verhindern. Willst du dich mit den Besten anlegen, dann musst du jeden Tag trainieren.“

Nowitzki weiß nicht, was er sagen soll und erbittet sich Bedenkzeit. Zwei Tage später eröffnet der 16-Jährige, der bereits bei den Herren in der Zweitliga-Mannschaft mitspielt: „Ich habe mich entschieden. Ich will jeden Tag trainieren!“

Fortan fährt Geschwindner täglich nach Würzburg, um seinen großen blonden Diamanten zu schleifen. Er wird auch zum Co-Trainer der von Pit Stahl trainierten Männermannschaft. Die DJK Würzburg wird zur Talentschmiede des deutschen Basketballs mit Dirk Nowitzki, Robert Garrett, Demond Greene und Marvin Willoughby – allesamt spätere Nationalspieler.

Nach der Saison, in der spielfreien Zeit, ackern er und seine Würzburger Kollegen weiter im einwöchigen Sommertrainingscamp von Geschwindner im Ruder- und Segelverein am Starnberger See. Die Jungs pennen auf dem Boden auf einer Isomatte im Schlafsack im Gemeinschaftsraum (Geschwindner: „Da gibt es keinen Unterschied zwischen Nachwuchsspielern und NBA-Star“), stehen um 7 Uhr auf, machen Morgengymnastik, essen Frühstück, rudern im Achter 13 Kilometer hin und zurück, essen Mittag, absolvieren am Nachmittag Techniktraining mit Ball und spielen abends Fünf-gegen-fünf. Jedes Jahr ist Nowitzki beim Starnberger Bootcamp am Start, auch als er bereits in der NBA spielt.

Starnberg ist lediglich der Einstieg in Nowitzkis knüppelhartes Sommertrainingsprogramm. Denn weiter geht es in Rattelsdorf, in der Nähe von Geschwindners Wohnsitz, wohin Nowitzki über einen Zeitraum von anderthalb Monaten jeden Tag eine Stunde fährt, seit er mit 18 den Führerschein hat, „in meinem alten, roten Golf 2, bei dem wir die Schiene des Fahrersitzes nach hinten verlängern mussten, damit ich darin überhaupt Platz finde“, so Nowitzki. Jeden Mittag um 12.15 Uhr trifft er sich mit Geschwindner in einer alten Schulturnhalle und trainiert mit ihm zwei bis zweieinhalb Stunden. „Wir geben fünf, sechs Wochen richtig Gas, sieben Tage die Woche wird trainiert“, sagt Nowitzki. „Gegen vier, halb fünf bin ich dann wieder zuhause und trainiere dann abends noch allein: Stepper, Radfahren oder etwas laufen.“ Die Halle in Rattelsdorf wird zur Werkstatt für den Feinschliff von Deutschlands wertvollstem Sportexport in die USA.

FLAMINGO

„Viel spielen und die Lampen von der Decke schießen“, lautet eines von Geschwindners Leitmotiven. In jeder Trainingseinheit nimmt Nowitzki mehrere Hundert Würfe aus allen Winkeln und Entfernungen – von links, von rechts, von vorne. Geschwindner korrigiert Fußstellung, Armwinkel und Fingerhaltung. Das Basketballspiel kalkuliert er durch wie die Projekte für Seilbahnen oder Brennöfen, mit denen er beruflich zu tun hatte. Körpergröße, Armlänge sind ihm wichtig zur Ermittlung der optimalen Wurfbewegung, des Wurfwinkels, der Flugkurve des Balles. Ballbeschleunigung, Fehlertoleranz – Geschwindner errechnet wie Nowitzki zu werfen hat, um den „perfekten Wurf“ zu erreichen – herauskommt ein Einfallswinkel von 32 Grad.

Was Geschwindner seinem Lehrling beibringt, sind oft Dinge, die nicht in einem Lehrbuch stehen. Er nutzt unorthodoxe Trainingsmethoden, die für Augendreher sorgen. Dazu zählen auch Konditionsdrills mit Laufen im Handstand, Froschsprünge mit Bleiweste oder Würfe mit Medizinball auf den Korb. Auf seiner Visitenkarte steht: „Institut für angewandten Unfug“. Die Kommunikation im Training zwischen Lehrer und Schüler erfolgt meist non-verbal. Viele Worte fallen nicht, Handzeichen genügen.

Über all die Jahre perfektioniert Nowitzki seinen Wurf. Es gibt keinen Spieler in der NBA mit seiner Länge von 2,13 Meter, der einen vergleichbaren Wurf besitzt. Der „Flamingo“, einem einbeinigen Sprungwurf mit Drehung im Zurückfallen, wird zu seinem Markenzeichen. „Ich habe es nie geschafft, deinen Fadeaway zu blocken“, sagt der sprunggewaltige Shawn Kemp, eines von Nowitzkis Kindheitsidolen, nach Nowitzkis Abschiedsspiel in Dallas ins Mikrofon. „Für all die Jahre in Dallas geblieben zu sein, beim selben Team, bei derselben Familie, bei denselben Menschen, das spricht für sich selbst. Dass die Mavericks-Organisation über all die Jahre mit dir zusammengearbeitet hat, sagt viel über dich aus. Du hast nicht nur eine Meisterschaft nach Dallas geholt, du bist ein Champion!“

Während Kemp „einer der besten Dunker aller Zeiten“ (Nowitzki) wurde, wird Dirk zu einem der besten Schützen der NBA. „Ich habe meinen eigenen Dream Shake – zumindest die weiße Version davon“, sagt Nowitzki über seinen Flamingo-Fadeaway in Anspielung an den bekannten Move von Legende Hakeem Olajuwon. Nowitzki trifft Sprungwürfe aus dem Halbfeld genauso sicher wie Freiwürfe.

Als Erster „Sevenfooter“ revolutioniert er die NBA, indem er auch von der Dreipunktelinie trifft, wie ein Stier ins rote Tuch. Durch Nowitzki wird die Position „Stretch Four“ salonfähig, bei der sich die Position vier des Power Forwards entfernt vom Korb an der Dreierlinie anbietet, statt sich am Zonenrand aufzustellen.

„GERMAN WUNDERKIND“

Noch als Jugendlicher sichert sich Nowitzki einen Stammplatz in der Männermannschaft der DJK Würzburg und auch in der Junioren-Nationalmannschaft hat Nowitzki Erfolg. Wozu eigentlich der ganze Stress mit der Schule, dem Gymnasium, wo er doch mit Basketball später Geld verdienen konnte?

In der elften Klasse hagelt es im Halbjahreszeugnis Fünfer in Mathe, Physik, Deutsch und Englisch. Versetzung gefährdet. Nowitzki will die Schule hinschmeißen. Krisenstimmung! Genauso wie Nowitzkis Familie besteht Geschwindner darauf, dass das Abitur hermuss – sonst, Dirk, Ende der Zusammenarbeit. Geschwindner sorgt dafür, dass Nowitzki neben all dem vielen Training Nachhilfeunterricht bekommt und das Abi schafft.

Dirk ist 18 als der Bundestrainer Vladislav Lucic ihn in die A1-Nationalmannschaft beruft. Anfragen kommen von deutschen Top-Vereinen, aus Berlin, Leverkusen, Bonn und Bamberg, genauso wie von europäischen Spitzenteams wie Barcelona und Mailand.

Im Herbst 1997 schnürt er die Militärstiefel für den Grundwehrdienst. Anschließend genießt er als Mitglied der Sportförderkompanie in Mainz nun alle Freiheiten, seinen Sport zu treiben.

In einer Nacht- und-Nebel-Aktion fliegt Nowitzki mit Geschwindner Ende März 1998 mitten im Aufstiegskampf der Würzburger in die USA nach Texas. Weder die Eltern noch die Mitspieler wissen davon. Grund der Reise: Der „Nike Hoop Summit“ in San Antonio, ein jährlich am Rande der College-Meisterschaft stattfindender Vergleichswettbewerb zwischen den zehn größten Talenten an amerikanischen Highschools und einer Weltauswahl, zu der Nowitzki gehört. „Das Ganze war eine wilde Aktion, aber alles ist perfekt gelaufen“, erzählt Nowitzki.

Er und Geschwindner fliegen nicht gleich nach San Antonio, sondern nach Dallas, wo sich die Weltauswahl ein paar Tage vorher trifft, um sich auf das Spiel vorzubereiten. Auf Nowitzki wartet ein junger Mann, den Nike mit der Betreuung der Ausländer beauftragt hat. Es ist Donnie Nelson; er ist unter seinem Vater Don Nelson Assistenztrainer bei den Dallas Mavericks. Diese Begegnung sollte für Nowitzki wegweisend werden. „Hoffentlich kann dieser höfliche, freundliche Junge auch mit dem Ball umgehen“, erinnert sich Donnie Nelson an das erste Aufeinandertreffen. „Die nettesten Kerle sind oft die schlechtesten Spieler.“

Donnie und sein Vater sehen in den folgenden Trainingstagen, dass sich 2,13 Meter und elegante Ballführung nicht ausschließen müssen. Sie sehen, wie schnell sich Nowitzki mit dem Ball zwischen den Körben bewegt. „Dirk war der am besten ausgebildete 18-Jährige, den ich je gesehen habe“, sagt Nowitzkis späterer Trainer bei den Dallas Mavericks, Don Nelson, und denkt sich: Hoffentlich erkennt hier in Amerika niemand dieses Talent!

Doch es kommt anders. Das Aufeinandertreffen der Weltauswahl mit den US-amerikanischen Highschoolspielern wird zu einer Demonstration von Nowitzkis spielerischem Potenzial. Dabei sitzen Spieleragenten, NBA-Scouts und Coaches auf der Tribüne. Die Weltauswahl droht zu verlieren, ehe die Stunde des großen Blonden schlägt. Nowitzki beeindruckt im Angriff mit Dreipunktewürfen, ebenso wie mit Dribblings, Pässen und Dunks. Er erzielt 33 Punkte, mehr als alle anderen, und holt sich 14 Rebounds. Die internationale Auswahl siegt 104:99. „Uns ist es in erster Linie darum gegangen, den Amis zu zeigen, dass auch wir aus dem Rest der Welt Basketball spielen können“, bleibt Nowitzki bescheiden. „Und ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.“

„Junger Deutscher überrennt US-Boys“, verkündet anschließend die amerikanische Sportpresse. In den folgenden Tagen spricht man nur noch vom „German Wunderkind“. Das Videoband von Dirk Nowitzkis Galavorstellung sieht danach fast jeder NBA-Trainer. Einer von ihnen ist Larry Bird, zu dieser Zeit Trainer der Indiana Pacers: „Wenn man nach den Aufnahmen geht, glaubt man, er ist der Beste, den es je gab“, kommt das Lob von höchster Stelle, damals Nowitzkis Vorbild.

Lange vor Nowitzki spielte Larry Bird in der NBA; er beendete seine Karriere, als Dirk 14 war. „Larry Legend“ war in den 1980ern eine große weiße Scoring-Maschine mit traumhaft sicherem Wurf und Zucker-Pässen. Früher war Bird eines von Nowitzkis Idolen, später würde er mit ihm verglichen werden. „Das Spiel ist wegen dir besser geworden“, würdigt Bird seinen Nachfolger Nowitzki nach dessen letztem Heimspiel mit den Dallas Mavericks, 21 Jahre nach dem Duell der Weltauswahl mit den US-Boys. „Was ich jungen Spielern immer rate: Verlasse das Spiel besser als du es vorgefunden hast, damit das Spiel für immer weiterleben kann.“ Nowitzki hat das Spiel besser hinterlassen und es floriert wie nie zuvor.

COLLEGE, EUROPA ODER NBA?

Nach dem Schaulaufen in San Antonio flattern bei den Nowitzkis Angebote von Collegestipendien ein, wie Tauben auf dem Markusplatz. Auch NBA-Klubs haben Interesse. Der Anrufbeantworter blinkt unentwegt. Geschwindner übernimmt die Rolle des Managers, sortiert die Offerten und wägt mit Nowitzki ab.

Trotz des Hypes um seine Person kann sich Nowitzki mit einem sofortigen Wechsel in die NBA zunächst nicht anfreunden. Sein Wunsch ist das US-College. „Vielleicht gehe ich nach zwei Jahren am College oder einigen Spielzeiten bei europäischen Spitzenklubs in die NBA“, sagt er. „Aber jetzt schon? Nein, das glaube ich nicht.“

Nachdem Nowitzki mit Geschwindner zuvor bereits die University of California in Berkeley besucht hat, fliegen beide im Mai 1998 erneut in die USA, um sich ein Bild von zwei weiteren Hochschulen zu machen, der University of Kentucky und Stanford. „Beide gehören zu den zehn besten Colleges in den USA“, schwärmt Nowitzki. „Mir fiel es schwer, deren Verlockungen zu widerstehen.“

Doch nach zahlreichen Überlegungen, Abwägen der Pros und Cons und Plus-Minus-Listen streichen Nowitzki und Geschwindner die Collegeprogramme aus ihren Plänen. Einer der Gründe, der bei der Entscheidungsfindung mit hineinfließt, sind die besonderen Bedingungen, die Elitehochschulen wie Berkeley und Stanford an ein Sportstipendium knüpfen. Nowitzkis Abiturnoten können diese nicht erfüllen.

Geschwindner meldet Nowitzki stattdessen zum NBA-Draft an – wohl wissend, dass er sich damit den Weg an ein College für immer verbaut. Seit dem Auftritt mit der Weltauswahl sind die Dallas Mavericks scharf auf Nowitzki. In einem Dreiecksgeschäft hinter verschlossenen Türen mit den Milwaukee Bucks und den Phoenix Suns sorgen sie schließlich dafür, sich die Rechte an Nowitzki zu sichern.

DIE PERFEKTE INSZENIERUNG

Kurz nach dem Draft stellen sich Donnie und Don Nelson Geschwindner und den Nowitzkis in Würzburg vor. Dabei wissen sie noch nicht einmal, ob der junge Deutsche überhaupt gewillt ist, nach Dallas zu kommen. In der Tat zögert Nowitzki mit einer Zusage. Er erbittet sich Bedenkzeit. Und auch Nowitzkis Eltern sind skeptisch. Mutter Helga möchte ihren Sohn nicht an Amerika verlieren und Vater Jörg sieht seinen Sohn lieber in seinem Malergeschäft. Dennoch sind sie und Holger Geschwindner freundliche Gastgeber. Geschwindner organisiert im Alten Schloss von Peulendorf, in dem er wohnt, ein Grillfest mit Bratwurst und Bier. Die Nelsons werden in Geschwindners Schloss einquartiert und sehen am nächsten Tag die touristischen Attraktionen des Frankenlandes, wie das Weltkulturerbe Bamberg. Deutschland wie aus dem Bilderbuch für die Amerikaner.

Doch die Zeit für Kontakte mit potenziellen NBA-Kandidaten läuft aus. Nowitzki muss sich innerhalb von weniger als einer Woche entscheiden. Denn die „Players Association“, welche die Interessen der NBA-Profis vertritt, hatte sich mit den 30 Klub-Eignern nicht auf ein neues Tarifabkommen einigen können, auf ein sogenanntes „Collective Bargaining Agreement“. Es ist bereits der 24. Juni und am 1. Juli würde die Liga in ein Koma verfallen, in einen vertraglosen Zustand. Dann würde es nicht mehr möglich sein, Vertragsverhandlungen zu führen und eine Saison zu starten.

Wohl wissend ob des Zeitdruckes haben die Nelsons bei ihrer Flugbuchung gleich zwei Rückflugtickets von Frankfurt nach Dallas mehr reserviert – für Nowitzki und Geschwindner – First Class versteht sich. 32.000 Dollar lassen sich die Nelsons die Operation kosten: eine Zukunftsvision. Am Flughafen in Dallas wird Nowitzki mit kreischenden Fans, die Schilder mit seinem Vornamen in die Luft recken, und Journalisten empfangen – eine Atmosphäre wie bei der Ankunft eines Pop-Idols (Später würde sich herausstellen, dass die vermeintlichen Fans alle möglichen Mitarbeiter der Mavericks und Teil einer Inszenierung sind; Claqueure, die zum Flughafen beordert wurden, um ein Verhandlungsklima zu schaffen).

Nowitzki und Geschwindner werden hofiert und auf einer Sightseeing-Tour durch Dallas chauffiert. Für die offizielle Präsentation des gedrafteten Spielers durch die Mavericks wird er mit einem Sakko ausstaffiert. Mit auf dem Podium nimmt Steve Nash als Neuankömmling in Dallas Platz. Er war Bestandteil des Dreiecksgeschäftes zwischen Dallas, Milwaukee und Phoenix. „Dass er mir später auf dem Weg in meine Profikarriere half wie sonst nur noch Holger und dass er mein bester Freund in der NBA werden sollte, das ahnte damals keiner von uns“, sagt Nowitzki. „Er wäre auch ein guter Freund geworden, wenn ich ihn im Supermarkt kennengelernt hätte.“

Selbst auf der Pressekonferenz und den anschließenden Fragen der Reporter legt sich Nowitzki noch nicht fest, was seine Zukunft betrifft. Noch ist er nicht zu 100 Prozent überzeugt, den Sprung in die stärkste Liga der Welt zu meistern.

Der Schlussakt der Mavericks-Inszenierung findet bei einem Barbecue auf dem Anwesen von Coach Don Nelson statt. Dirk Nowitzki betritt eine Welt, wie sie in amerikanischen Hochglanzmagazinen als Inbegriff von Wohnkultur präsentiert wird. Zu den geladenen Gästen zählen die Spieler der Mavericks. Alle sind sie zur Seelenmassage des deutschen Ehrengastes geladen worden, darunter der bekannteste Maverick Michael Finley. Ihnen fällt die Rolle zu, den Klub und dessen Coaches zu loben und Nowitzki endlich das ersehnte Ja-Wort zu entlocken. Als die Party vorbei ist, liegen Nowitzki und Geschwindner über die Zukunft sinnierend allein im Pool. „Ich bin bereit für die Mavericks zu spielen“, sagt Nowitzki schließlich. „Aber ich brauche dich.“ Es ist der Beginn von 21 Jahren beim gleichen Klub, den Dallas Mavericks.

VOM GERMAN WUNDERKIND ZUM SUPERSTAR DIRKULES

Neun Jahre nach dem zögerlichen Bekenntnis für die Dallas Mavericks ist Nowitzki der wertvollste Spieler der gesamten NBA, was mit dem besten Spieler der Welt gleichbedeutend ist. Schon Jahre davor ist er der beste Ausländer. In den Playoffs 2003 gelingen ihm 46 Punkte in einem Spiel – ein neuer Vereinsrekord. Im Jahr darauf trifft er acht Dreipunktewürfe und überbietet den Vereinsrekord mit 53 Punkten in einem Spiel. 2006 gewinnt er den Dreipunktewettbewerb des All-Star-Wochenendes. Er ist der erste Europäer in der Geschichte der NBA, der ins „All-NBA-First-Team“ (2005-2007, 2009) gewählt wird, zu den Top 5 der NBA.

Mit seiner Fähigkeit als 2,13-Meter-Riese, den Ball traumwandlerisch sicher von jenseits der Dreierlinie im Korb zu versenken, setzt er neue Maßstäbe in der NBA, er revolutioniert sie. Nowitzki ist derjenige, der zukünftigen Athleten seiner Größe als Vorbild dient, Spielern wie Kevin Durant oder Kristaps Porzingis.

In der Saison 2005/06, nach einem Karrierebestwert von 26,6 Punkten pro Spiel, führt Nowitzki die Mavericks zum ersten Mal in der Geschichte der Franchise ins Finale. Vorausgegangen ist in der zweiten Playoff-Runde gegen die San Antonio Spurs eine der spannendsten Serien in der Geschichte der NBA. „Das haben alle so gesehen, selbst Tim Duncan, und der war damals schon zehn Jahre in der Liga“, sagt Nowitzki. „Dass er diese Serie als die mit Abstand beste seiner Karriere bezeichnete, obwohl seine Spurs am Ende gegen uns verloren hatten, empfinde ich noch heute als großes Kompliment. Als Sportler lebst du für solche Spiele.“

Die Serie zwischen Dallas und San Antonio in den Playoffs 2006 sollte als die „Schlacht um Texas“ in die Annalen der NBA eingehen. Sie geht über die volle Distanz von sieben Spielen. Die entscheidende Partie findet in San Antonio statt, vor 19.000 ohrenbetäubenden Fans. 32 Sekunden vor dem Ende liegen die Spurs 104:101 in Führung. Nowitzki bekommt den Ball, wirft, trifft und wird dabei gefoult. Bonusfreiwurf! Nowitzki swisht den Ball durchs Netz und gleicht aus; er rettet die Mavericks in die Verlängerung. Diese gewinnt Dallas dann klar.

Die Schlacht von Texas ist geschlagen, die Serie gewonnen, der Favorit, der NBA-Champion des Vorjahres, in dessen eigenem Haus aus dem Wettbewerb geworfen. 37 Punkte steuert allein Nowitzki beim 119:111-Erfolg bei. Die „Dallas Morning News“ krönen Nowitzki zum „Basketball-König in Texas“ und das Konkurrenzblatt „Star Telegram“ schreibt, die Serie habe Nowitzki schon jetzt zu einer Mavericks-Legende gemacht. Das „D“ in „Big D“ würde nun nicht nur als Synonym für Dallas stehen. Jetzt war Nowitzki selbst Big D, der große Dirk, Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft.

In den Western Conference Finals stehen die Mavericks den Phoenix Suns um dessen Star-Aufbau Steve Nash gegenüber, der zum zweiten Mal in Folge zum Spieler des Jahres gekürt worden war. Nach vier Begegnungen steht es 2:2. Spiel fünf, welches in Dallas stattfindet, ist richtungsweisend. Nowitzki muss gegen seinen Freund Nash gewinnen, sonst droht das Playoff-Aus für Dallas. Denn nach einem Sieg in Dallas würde Nashs Mannschaft ein einziger Erfolg in eigener Halle zum Einzug ins Finale reichen.

Mitte des letzten Viertels führen die Suns mit sieben Punkten. „Ich habe unsere ganze Saison davonschwimmen sehen. Die großartige Saison, die großartigen Playoffs bis dahin – alles schien den Bach runterzugehen“, fürchtet Nowitzki. „Wir mussten die Suns stoppen, und ich wollte alles tun – alles, was uns doch noch zum Sieg verhelfen konnte.“

Im entscheidenden Spielabschnitt dreht Nowitzki auf. 15 Punkte erzielt er in nur vier Minuten in einer atemberaubenden Aufholjagd. Im Alleingang macht er den Rückstand wett. Am Ende heißt es 117:101 für die Mavericks und 50 Punkte stehen allein auf Nowitzkis Konto. Zwei Tage später holen sich die Mavericks in Phoenix auch noch den fehlenden Sieg, um sich die Krone im Westen aufzusetzen. Endlich Finale!

Vor den NBA-Finals gegen den Sieger des Ostens, den Miami Heat mit Shaquille O’Neal und Dwyane Wade, baut sich in Dallas ein Hype auf, den es zuletzt in den 1990er-Jahren gegeben hat als das Footballteam der Cowboys dreimal den Super Bowl gewinnen konnte. „So einen Hype wie in diesen Tagen hatte ich vorher noch nicht erlebt: jeden Tag nach jedem Training eine Pressekonferenz, andauernd Fotoshootings. Ich versuche immer, die Playoffs zu genießen, aber dieser Rummel war zu viel.“

Voller Respekt äußert sich Superstar O’Neal im Vorfeld der Finals über seinen Kontrahenten Nowitzki: „An ihm werden künftig die Spieler seiner Körpergröße gemessen werden. Man wird sie fragen, ob sie so spielen können wie Dirk, ob sie aus jeder Distanz werfen können. Meinen Kindern werde ich sagen, sie sollen sich ihn ansehen.“

Vier Siege benötigen die Mavericks, um am Ende die Meisterschaftstrophäe in die Höhe zu recken. Und es sieht alles danach aus. Spiel eins und zwei gewinnen die Mavericks klar in eigener Halle. Die Stadt verfällt in einen Siegestaumel. Nur noch zwei Siege und der größte Triumph ist Realität. Vorfreude auf den Titel. Nichts kann mehr schiefgehen. In Spiel drei führen die Mavericks sechs Minuten vor Spielende mit 13 Punkten Vorsprung. Der Sieg ist nur noch Formsache. Doch Dwyane Wade, der 23-jährige Shooting Guard der Miami Heat, spielt sich in den verbleibenden Minuten in einen Rausch und dreht das Spiel zugunsten von Miami. Wade erzielt 22 Punkte in den letzten sechs Minuten gegenüber nur sieben von Dallas. Am Ende hat er 42 plus 13 Rebounds. Miami geht in Führung. 3,4 Sekunden vor Schluss hat Nowitzki die Chance mit einem Freiwurf die Verlängerung zu erzwingen, doch er verfehlt den wichtigsten Freiwurf seiner Karriere – und das obwohl er ein todsicherer Freiwurfschütze ist. Noch vor den Playoffs hat Nowitzki einen Klubrekord mit 60 verwandelten Freiwürfen in Folge aufgestellt mit einer Trefferquote von über 90 Prozent in der Saison. In Spiel drei der Finals versagen ihm jedoch die Nerven.

In Spiel vier setzt Wade (36 Punkte) seinen Lauf fort; den Mavericks gelingen nur sieben Punkte im gesamten vierten Viertel und sie gehen mit einer Differenz von 24 Zählern unter. Blowout. Plötzlich ist die Serie ausgeglichen. Es steht 2:2. Das Momentum ist nun aufseiten der Heat, nachdem die Mavericks schon den Champagner kaltgestellt hatten. Hauteng geht auch Spiel fünf an die Heat (101:100 nach Verlängerung), Wade spielt erneut überragend (43 Punkte) und Nowitzki kickt frustriert den Ball unter die Hallendecke. Nach einem 0:2-Rückstand führt Miami die Serie nun 3:2 an.

„Im Finale gegen die Miami Heat waren wir nicht mehr dieselbe Mannschaft“, ärgert sich Nowitzki. „Die Erfolge über San Antonio und Phoenix hatten so viel Kraft gekostet, emotional und physisch, dass wir im Finale nichts mehr zuzusetzen hatten.“

Doch Dallas hat noch Hoffnung. Die nächsten beiden Spiele würden in eigener Halle stattfinden. Spiel sechs findet am Tag nach Nowitzkis 28. Geburtstag statt. Mit aller Macht will er den Sieg erzwingen. Nowitzki und die Mavericks starten glänzend in die Partie, doch dann versagen die Kräfte. „Wir schaffen es einfach nicht, das Spiel sechs erfolgreich über die Runden zu bringen – trotz des Vorsprunges, den wir zwischendurch bereits hatten“, ist Nowitzki enttäuscht. Angeführt von Wades 36 Punkten erobert Miami die Führung zurück und gewinnt mit drei Punkten Vorsprung, obwohl Nowitzki mit 29 Punkten und 15 Rebounds seine letzten Reserven mobilisieren kann.

Es reicht am Ende nicht. Miami gewinnt das vierte Spiel in Folge und wird NBA-Champion, während Dallas seinen traurigsten Tag erlebt. „Es wird dauern, bis sich die Enttäuschung gelegt hat; es wird ein langer und grausamer Sommer“, sagt Nowitzki nach dem Spiel und fügt später hinzu: „So kurz vor dem ersehnten Triumph einzubrechen, am Ende mit leeren Händen dazustehen, war frustrierend. Das tat noch lange weh.“ In der Tat würde es fünf Jahre dauern bis Nowitzki das Finaltrauma gegen die Miami Heat überwindet.

AUF EINER EBENE MIT JORDAN, MAGIC UND BIRD

Obwohl die vergangene Saison ein bitteres Ende genommen hat, halten die Dallas Mavericks an Nowitzki als unangefochtenen Führungsspieler fest. Im Sommer 2006 gibt ihm Klubbesitzer Mark Cuban – zwei Jahre bevor sein Vertrag ausläuft – eine Verlängerung bis zum Jahr 2011, die Nowitzki für die drei zusätzlichen Jahre ein Einkommen von 60 Millionen US-Dollar garantiert – die Höchstsumme, die ein Klub nach den Regularien der NBA für Spieler ausgeben kann. Sein zukünftiges Jahreseinkommen in Höhe von 20 Millionen Dollar machen Nowitzki zum Spitzenverdiener in der NBA. „Nowitzkis Beitrag zum Erfolg der Mannschaft ist unermesslich“, begründet Cuban die Vertragsverlängerung. Sie ist ein Zeichen, dass die Mavericks ihn als Eckpfeiler einer Meisterschaftsmannschaft ansehen.

Nowitzki rechtfertigt seinen Marktwert, indem er seine Mavericks durch die Saison führt wie ein Sprinter der Deutschen Bahn von Berlin nach München fährt. 67 Siege gelingen in der regulären Spielzeit 2006/07 – nur fünf weniger als der Rekord der Chicago Bulls elf Jahre zuvor – inklusive der zwölf Siege hintereinander im Herbst, 13 kurze Zeit später und dann sogar 17 – eine der längsten Erfolgsserien in der Geschichte der NBA. Dabei spielt Nowitzki überragend. Er wirft und trifft mit beeindruckender Sicherheit: 90 Prozent Trefferquote bei Freiwürfen, 50 Prozent bei Würfen aus dem Feld und 40 Prozent von der Dreipunktelinie. Er tritt damit dem elitären „90-50-40“-Klub bei, als einer von nur fünf Spielern in der Liga-Historie. Nowitzki gilt als Favorit auf den MVP-Titel. Er wäre der erste Europäer, dem diese Ehre zuteil würde.

Als bestes Team der Western Conference treten die Dallas Mavericks in den Playoffs gegen die an Nummer acht gesetzten Golden State Warriors an. Statistisch betrachtet der leichteste Gegner in der ersten Runde – noch nie hat eine Nummer eins der Setzliste gegen eine Nummer acht verloren, seit Einführung des „Best-of-7“-Modus in der ersten Playoff-Runde.

Das Problem ist nur, dass Don Nelson, der langjährige Trainer der Mavericks, nun Coach der gegnerischen Mannschaft ist und Nowitzki besser kennt als irgendjemand sonst in der NBA. Diesen Vorteil macht sich der erfahrene Trainer mit einer simplen Taktik zunutze. Wann immer Nowitzki den Ball bekommt, wird er in der Verteidigung von zwei oder drei Männern attackiert. Die Taktik geht auf. Die Mavericks verlieren die Serie 2:4 und damit sterben all ihre Hoffnungen und Erwartungen als haushoher Favorit auf den Meistertitel.

Lediglich acht Pünktchen kann Nowitzki im letzten Spiel erzielen und es hagelt Kritik: „Die Mavericks werden nie eine Meisterschaft gewinnen, solange Dirk Nowitzki ihr bester Spieler ist“, schreibt die „Dallas Morning News“, die Nowitzki ein Jahr zuvor noch zum „König von Texas“ gekürt hat. „Unsinn“, kontert Klubbesitzer Cuban. „Das Ausscheiden wird Dirk eine Weile wehtun, aber er bleibt unser Mann.“

Zwölf Tage nach der Schmach erhält Nowitzki die höchste individuelle Auszeichnung, die einem Basketballspieler zuteil werden kann, der Auszeichnung zum MVP der Saison, die wie der Oscar für den besten Hauptdarsteller jedes Jahr verliehen wird. Nowitzki reiht sich damit in der Ahnengalerie des Basketballs neben Größen wie Air Jordan, Magic Johnson, Larry Bird oder seinem Freund Steve Nash ein. Nachdem Nowitzki die MVP-Trophäe übergeben wurde, sagt er mit nachdenklichem Ton: „Es fällt mir schwer, mich glücklich zu fühlen, so wie die Saison zu Ende gegangen ist. Ich habe mir nie viel aus persönlichen Auszeichnungen gemacht, mir geht es immer um die Mannschaft, denn Basketball ist ein Mannschaftssport – ich will eine Meisterschaft gewinnen.“

Danach verlässt er Dallas, will Abstand gewinnen von Ruhm und bitteren Niederlagen in der härtesten Liga der Welt. Geschwindner geht mit ihm auf einen Trip in die Einsamkeit: fünf Wochen Australien und Neuseeland. Doch eine Auszeit vom Leben im Fokus der Öffentlichkeit bekommt er selbst auf dem höchsten Punkt im australischen Outback nicht; auf dem Ayers Rock fragen ihn Touristen nach Autogrammen.

DER TRAUM VON OLYMPIA

Seit Nowitzki mit 18 Jahren das Trikot der deutschen Herren-Nationalmannschaft trägt, jagt er einem Traum hinterher: einmal bei den Olympischen Spielen dabei sein, einmal mit all den anderen Weltstars des Sportes zusammen ins Olympiastadion einlaufen.

Über zehn Jahre betreibt er Raubbau am eigenen Körper, um dieses Ziel zu erreichen. Jedes Jahr absolviert er hundert Spiele und mehr in der NBA, spielt Turniere mit der Nationalmannschaft, dazwischen das Training mit Holger Geschwindner, das teilweise härter ist als jedes Spiel, dazu das ganze Jahr über die Fliegerei – das ist ein Mammutprogramm. Dennoch hält er dem Deutschen Basketball Bund die Treue, weil das Erlebnis Olympia sein Fixstern ist.

Bei seiner ersten Europameisterschaft 1999 in Frankreich verpasst er als 21-Jähriger die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Sydney 2000 nur knapp um einen Rang (Platz 7). Bei der EM 2003 in Schweden verhindert ein vorzeitiges Aus gegen Italien die Teilnahme am Olympia-Turnier von 2004 in Athen. Olympia 2008 in Peking ist seine dritte Chance – vielleicht seine letzte.

Mit zwölf Nationen kämpft er wenige Wochen vor den Olympischen Spielen im dafür vorgesehenen Qualifikationsturnier in Athen um eine von drei noch übrigen Olympia-Tickets. „Das wird die wichtigste Woche meiner Karriere“, sagt Nowitzki im Vorfeld. Mit durchschnittlich 26,6 Punkten pro Partie ist Nowitzki überragender Korbjäger des Turniers. Am Ende des Turniers läuft es für die Deutschen auf das „wichtigste Spiel im DBB-Trikot“ (Nowitzki) hinaus. Deutschland muss gegen Puerto Rico gewinnen, um bei Olympia dabei zu sein. „Do or die!“, gewinne oder flieg nach Hause.

Mit 32 Punkten, neun Rebounds, drei Assists und zwei Blocks führt Topscorer Nowitzki Deutschland zum 96:82-Sieg und setzt mit der erfolgreichen Olympiaqualifikation einen Meilenstein in der Geschichte des deutschen Basketballs.

Eine zentnerschwere Last fällt von Nowitzkis Schultern, ein Traum wird wahr. „Ich bin überglücklich. Bei Olympischen Spielen dabei zu sein, ist das Größte im Leben eines Sportlers“, strahlt Nowitzki, nachdem er seinen Freudentränen, das Gesicht unter einem Handtuch verborgen, hemmungslos freien Lauf gelassen und den Moment der Glückseligkeit allein in der Stille der Kabine genossen hat. „Mich hat‘s emotional zerlegt“, gesteht er.

„Ich bin furchtbar stolz auf die Jungs“, jubelt auch Bundestrainer Dirk Bauermann. „Das war eine Leistung des Herzens und ein großer Sieg für den deutschen Basketball. Das ist Dirks Lohn für die zwölf Jahre, in denen er die Knochen für Deutschland hingehalten hat.“

Emotional zerlegt es Nowitzki noch ein zweites Mal, als das Aushängeschild des deutschen Basketballs vom Deutschen Olympischen Sportbund zum Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier in Peking auserwählt wird. „Das ist eine Riesensache, ich freue mich wahnsinnig“, sagt Nowitzki. Dem einzigen Weltstar in der deutschen Olympiamannschaft läuft es „eiskalt den Rücken runter“, als er am 08.08.08 das 438 Athleten starke deutsche Team vor 91.000 Zuschauern, stolz die Fahne schwenkend, ins „Vogelnest“ genannte Olympiastadion von Peking führt – mit einem Dauerlächeln im Gesicht und den im gekürzten Blondschopf ausrasierten olympischen Ringen auf dem Haupt. „Es war gigantisch“, jauchzt der überall im Blickpunkt stehende Nowitzki, der das bunte Treiben im olympischen Dorf, das Abhängen mit Sportlern aller Nationalitäten und seine Besuche anderer Wettbewerbe in vollen Zügen genießt. Davon hat er immer geträumt. Die Basketballspiele selbst geraten zur Nebensache.

Seinen letzten Auftritt mit der Nationalmannschaft hat Nowitzki bei der Europameisterschaft 2015 in Berlin – nach 153 Länderspielen. Zu seinen größten Erfolgen zählen neben der Olympiateilnahme die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 2002 in den USA sowie die Silbermedaille bei der Europameisterschaft 2005 in Serbien-Montenegro.

CATCH ME IF YOU CAN

Auch in seinem Privatleben schwebt Dirk Nowitzki im Jahr 2008 im siebten Himmel. Die Glücksgefühle der Olympischen Spiele von Peking setzen sich mit seiner neuen großen Liebe fort. Schon im Frühling vor den Spielen gesteht Nowitzki in der Öffentlichkeit, dass er verliebt sei. Seine neue Freundin ist die Brasilianerin Christian Trevino und mit 1,80 Meter als Gefährtin eines Basketballspielers auch angemessen groß.

In einem Hotel in Houston lernt Nowitzki die sieben Jahre ältere Trevino das erste Mal persönlich kennen, nachdem er mit ihr schon seit drei Jahren per E-Mail und SMS in Kontakt steht. Bei ihrem ersten Treffen funkt’s zwischen den beiden. Sie werden ein Paar. Zu Weihnachten 2008 stellt er sie seinen Eltern in Würzburg vor. Zum Fest der Liebe schenkt er ihr einen Yorkshire-Terrier namens „Luna“. An Silvester folgt die Verlobung, bei der Nowitzki seiner zukünftigen Ehefrau einen Ring im Wert von 250.000 US-Dollar ansteckt. Im folgenden Sommer soll die Hochzeit stattfinden.

Anfang des Folgejahres möchte Nowitzkis Anwalt Robert Hart einen Ehevertrag aufsetzen. Schon vor der Hochzeit soll Trevino über fünf Millionen Dollar erhalten. Die dafür notwendigen Papiere möchte (oder kann) Nowitzkis Verlobte jedoch nicht beibringen. Nowitzki wird stutzig und beauftragt einen Privatdetektiv, die Vergangenheit und Familienverhältnisse seiner zukünftigen Frau zu erforschen. Unter dem Namen Christian Trevino findet dieser nichts.

Am 6. Mai 2009, wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit, stürmt ein Sondereinsatzkommando des FBI Nowitzkis Sechs-Millionen-Villa im noblen Dallas-Stadtteil Preston Hollow und nimmt seine Frau fest. Ihr werden Fußketten angelegt und sie wird abgeführt.

In den folgenden Tagen kommen schmutzige Details über das Vorleben der gebürtigen Brasilianerin ans Tageslicht. Sie ist eine per Haftbefehl gesuchte Betrügerin, die mindestens zehn verschiedene Pseudonyme benutzt. Neben Christian Trevino, wie Nowitzki sie kennt, trat sie im Laufe ihrer kriminellen Karriere in „Catch me if you can“-Manier unter anderem als Christy Briana Nobles, Debra Johnson, Shana Mancini, Deborah Jackson oder Kristi Westerhauf auf. In Wirklichkeit heißt sie Cristal Taylor.

1997 wurde sie das erste Mal verurteilt, fünf Jahre auf Bewährung wegen Dokumentenfälschung und Scheckbetrug in vier Fällen. 2004 soll Taylor eine Zahnarztrechnung über 11.000 Dollar mit einer nicht gedeckten Kreditkarte bezahlt haben. Es folgten weitere Verurteilungen aufgrund von Diebstählen und Dokumentenfälschung. Die Lizenz für einen Strip-Club wollte sie mit einem gefälschten Führerschein beantragen. Die ehemalige Stripperin ist dreifache Mutter von Kindern im Alter von 15, 18 und 20 Jahren. Nowitzki wusste von alldem nichts.

Amerikanische Medien bezeichnen sie als „Goldgräberin“, eine Frau, die nur auf Geld aus ist. Einer ihrer Ex-Männer wirft ihr vor, ihn mit Schulden von 330.000 Dollar in den Bankrott getrieben zu haben. Und der frühere Football-Profi Tony Banks berichtet, Taylor habe nach einer Beziehung mit ihm versucht, durch Gerüchte sein Leben zu zerstören.

Dirk Nowitzki ist das nächste Opfer. Als all die kriminellen Einzelheiten seiner Verlobten öffentlich werden, steckt er mit seinen Dallas Mavericks mitten im Playoff-Kampf gegen die Denver Nuggets. „Es ist offensichtlich, dass ich derzeit durch eine schlimme Periode in meinem Privatleben gehe“, sagt er zu den sich auf ihn stürzenden Journalisten. „Ich will mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu der Situation äußern und will mich auf den Basketball konzentrieren.“

In den folgenden Tagen kanalisiert Nowitzki all seine Wut auf das Basketballparkett, während sich die Medien in der Story des Jahres suhlen. Im Playoff-Halbfinale der Western Conference gegen die Nuggets ist er in den nächsten drei Spielen mit durchschnittlich 36,3 Punkten und 13 Rebounds Topscorer und bester Rebounder. Das Schweigen über sein Privatleben führt indes zu Spott in der Klatschpresse aufgrund des maskulinen Aussehens seiner Verlobten. „Jeder hat einen anderen Geschmack“, würde Nowitzki später dazu sagen. Peinliche Privatvideos machen zudem die Runde. Nowitzkis Vater wird zitiert mit den Worten, dass sein Sohn unter „Geschmacksverwirrung“ gelitten habe.

Aus dem Gefängnis heraus behauptet Taylor, dass sie von Nowitzki in der vierten Woche schwanger sei. Damit will sie Nowitzki zur Zahlung einer Kaution in Höhe von 20.000 Dollar bewegen. „Wir stehen allem, was diese Frau von sich gibt, skeptisch gegenüber“, äußert sich Nowitzkis Anwalt Robert Hart dazu. Vorsichtshalber beantragt Nowitzki aber das alleinige Sorgerecht für das ungeborene Kind.

Den Kontakt zu Taylor bricht Nowitzki sofort nach der Inhaftierung ab; die Verlobung löst er auf; er wechselt seine Handynummer, um nicht mehr belästigt zu werden. Seit Nowitzki mit den Verstrickungen in der Unterwelt seiner ehemaligen Lebensgefährtin zu tun hat, ist aus Gründen der Sicherheit ein eigener Bodyguard sein ständiger Begleiter.

„Am Anfang habe ich die ganze Gefühlspalette durchgemacht“, blickt Nowitzki auf das schwärzeste Kapitel seines Lebens zurück, „ich war abwechselnd traurig, frustriert und wütend.“ Nach dem frühen Playoff-Aus gegen die Denver Nuggets macht er mit seiner Schwester Silke auf Kreta Urlaub und genießt den Rückhalt seiner Familie in Würzburg. Vier Monate später wird auch der letzte Bluff von Cristal Taylor durchschaut: Der von Nowitzki geforderte Schwangerschaftstest ist negativ.

„Sie war eine interessante Frau“, sagt Nowitzki. „Witzig, überhaupt nicht langweilig. Und jeder, der sie getroffen hat, hat gemerkt, wie intelligent sie ist. Ich habe schlechtes Urteilsvermögen an den Tag gelegt. Und das war’s. Das Leben geht weiter. Eine Familie zu gründen, das ist eines meiner letzten großen Lebensziele, bevor ich 40 bin. Irgendwann möchte ich meine eigenen Kids rumrennen sehen.“

Dieses Lebensziel sollte sich für Nowitzki mit 35 Jahren im Juli 2013 erfüllen, als seine Tochter Malaika geboren wird. 2015 und 2016 kommen die Söhne Max und Morris hinzu. Seit 2010 ist Nowitzki mit der Schwedin Jessica Olsson liiert, einer Schwester der Fußballer Martin und Marcus Olsson. Am 4. August 2012 heiraten Olsson und Nowitzki in einer traditionell afrikanischen Zeremonie, weil Jessicas Mutter aus Kenia stammt.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
16 aralık 2025
Hacim:
374 s. 25 illüstrasyon
ISBN:
9783840337550
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar