Kitabı oku: «Die Bewusstseinsrevolution»

Yazı tipi:

SEBASTIAN SIEGEL

Die Bewusstseinsrevolution

SEBASTIAN SIEGEL

Die Bewusstseinsrevolution

Betrachtungen

über neue Menschlichkeit

und Werte

Übersetzt

aus dem Amerikanischen

von Joachim Faust

Giger Verlag

I. Auflage 2017

© Giger Verlag GmbH, CH-8852 Altendorf

Telefon 0041 55 442 68 48

www.gigerverlag.ch Lektorat: Monika Rohde Umschlagfoto: © Paul Smith Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln e-Book: mbassador GmbH, Basel Printed in Germany

ISBN 9783906872117

eISBN 9783907210543

Inhaltsverzeichnis

KAPITEL I

Das Schicksal, die Hand, die sich dir entgegenstreckt, und der Übermensch

Das Schicksal

Die Hand, die sich dir entgegenstreckt

KAPITEL 2

Maya und der Traum

Maya

Der Traum

KAPITEL 3

Das zweite Satori und sich selbst feiern lernen

Das zweite Satori

Sich selbst feiern lernen

KAPITEL 4

Die Anziehungskraft des Omegapunktes, der Lachs und die Hummel

Die Anziehungskraft des Omegapunktes

Der Lachs

Atem und Wiedergeburt

KAPITEL 5

Selbsthilfe, Lincoln und die Quelle des Glücks

Selbsthilfe

Lincoln und Depressionen

Glück

KAPITEL 6

Der Kannibale und die Evolution des Bewusstseins

Der Kannibale

Die Evolution des Bewusstseins

KAPITEL 7

Der Schwimmer, die Seele und der Regentropfen

Der Schwimmer

Die Seele

Der Regentropfen

KAPITEL 8

Die unsichtbare Kraft, Buddha im Gefängnis und der tanzende Shiva

Unsichtbar

Buddha im Gefängnis

Der tanzende Shiva

KAPITEL 9

Indra und die Ameisen und das Loslassen

Indra und die Ameisen

Loslassen

KAPITEL 10

Kali und der Weg nach Hause

Kali

Der Weg nach Hause

KAPITEL 11

Platons Höhle, Zhuangzis Traum und die Notwendigkeit der Poesie

Platons Höhle

Die schöpferische Kraft des Traums

Die Notwendigkeit der Poesie

KAPITEL 12

Das Neutrino, die Aufrichtigkeit und die sieben Schwestern

Das Neutrino

Aufrichtigkeit

Die sieben Schwestern

KAPITEL 13

Das torlose Tor, der Delfin, das Paradox und die Gezeitenströmung

Das torlose Tor

Der Delfin

Das Paradox

Die Gezeitenströmung

Literatur

Über den Autor

Stimmen zum Buch

Für meinen Vater Lee,

von dem ich zuerst lernte, wie wild und verrückt

das Leben ist

Für Alan Watts,

dessen Stimme zu mir sprach

Für Ken Wilber,

dessen Worte mich wiedererweckt haben

KAPITEL I

Das Schicksal, die Hand, die sich dir entgegenstreckt, und der Übermensch

Das Schicksal

Wenn du eine Reise vorhast, dann bestimmst du gewöhnlich zuerst dein Ziel. Ist es ein Hotel, das Meer, eine schöne Landschaft mit Feldern und Wäldern? Möchtest du Freunde besuchen, an einer Veranstaltung teilnehmen, ein besonderes Ereignis erleben, das du dir in deiner Vorstellung ausmalen kannst? Oder ist es dein eigentliches Ziel, dich zu verirren? Wenn das Reiseziel einmal bestimmt ist, dann legst du als Nächstes die Route fest. Erfahrene Reisende planen ihre Ferien, ihr Abenteuer, ihre Tour immer im Voraus. Dann fahren sie los, um Neues und Unerwartetes zu entdecken.

Das Beispiel der Reiseplanung zeigt, wie leicht die Neigung entstehen kann, ein Gefühl der Vorbestimmtheit zu entwickeln. Das betrifft auch unsere Lebensreise als Ganzes. Wenn wir an Schicksal denken, so meinen wir oft die Ahnung von etwas Unvermeidbarem, von etwas, was wir spüren und kommen sehen, und was einen endgültigen Charakter hat. Es besteht zwar kein Zweifel daran, dass Zielorientierung eine Schlüsselvoraussetzung dafür ist, um sich erfolgreich durchs Leben zu bewegen. Andererseits aber ist es eine Illusion zu glauben, dass wir garantiert an einem bestimmten Ort ankommen werden, und von dort auf die zurückgelegte Wegstrecke zurückschauen.

Im Englischen wird »Schicksal« meist als »destiny« wiedergegeben. Das Oxford Wörterbuch des Englischen (Oxford English Dictionary, OED) gibt dafür die folgende Definition: »Ereignisse, die einer bestimmten Person oder Sache in der Zukunft unbedingt zustoßen werden.« Das Wort ist mit dem deutschen Fremdwort »Destination« verwandt und kommt vom Lateinischen »destinare« … vorbestimmen, festlegen. »Destiny« ist also etwas, was schon festgelegt ist.

In diesem Begriff des Schicksals liegt aber eine doppelte Gefahr. Wenn ich einerseits zuversichtlich in die Zukunft schaue und etwas Gutes erwarte, so kann mich diese Sichtweise dazu verführen, zu zaudern und notwendige Handlungen aufzuschieben. Es passiert ja sowieso, da brauche ich nichts weiter für zu tun! Andererseits aber, wenn ich der Zukunft eher ängstlich entgegensehe und etwas Schlimmes erwarte, dann brauche ich auch nicht zu handeln, da jeder Versuch, das Unvermeidbare abzuwenden, ohnehin nutzlos wäre. Im Unterbewusstsein helfen wir dann vielleicht sogar dabei mit, das unerwünschte Ereignis hervorzubringen. Man nennt das oft eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Diese Einstellung erklärt auch die andauernde Faszination mit den »Prophezeiungen« des Nostradamus, die zuerst im Jahre 1555 veröffentlicht wurden. Seine Vorhersagen sind so geheimnisvoll und unpräzise formuliert, dass sie das Interesse und die Fantasie der Menschen nun schon seit Jahrhunderten beschäftigen. Gewöhnlich werden die Schriften des Nostradamus im Nachhinein so interpretiert, als hätten sie historische Ereignisse wie den Brand Londons (1666), die Französische Revolution (1789) und den darauf folgenden Aufstieg Napoleons »vorausgesagt«.

Hitlers Aufstieg und Fall soll zum Beispiel in den folgenden beiden Vierzeilern angekündigt worden sein:

Im tiefsten Westen von Europa,

wird von armen Leuten ein junges Kind geboren,

durch seine Sprache verführt es große Menschenmassen,

sein Lärm wird in den Reichen des Ostens anwachsen.

(Nostradamus: Centurien III, 35)

Bestien, wild vom Hunger, durchschwimmen den Fluss,

größere Teile des Heeres stellen sich gegen Hister,

Im eisernen Käfig wird sie der Große verschleppen,

wenn das Kind Deutschlands nichts beobachten wird.

(ebd. II, 24)

Andere Beispiele für Ereignisse, die hinterher in den Text hineininterpretiert wurden, sind der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki sowie die jeweiligen Attentate auf die beiden Kennedybrüder. Der Angriff auf das World Trade Center in New York am ii. September 2001 soll in den folgenden Zeilen vorhergesagt worden sein:

Erschütterndes Feuer aus der Mitte der Erde,

lässt die neue Stadt erbeben:

Zwei große Felsblöcke führen über lange Zeit Krieg,

dann wird Arethusa den neuen Strom rot färben.

(ebd. I, 87)

Manchmal wurde dieses »etwas in den Text hineinlesen« auch zu Propagandazwecken missbraucht. So entdeckte Joseph Goebbels’ Frau Magda zu Beginn des Zweiten Weltkriegs einen Nostradamus-Vierzeiler, den sie als Prophezeiung eines Sieges der Nazis auslegen zu können glaubte. Goebbels benutzte diese Information dann in einem Pamphlet, das in ganz Europa verbreitet wurde und dazu dienen sollte, andere Länder davon zu überzeugen, dass die nationalsozialistische Position gerechtfertigt war. Zur selben Zeit benutzten auch die Metro-Goldwyn-Mayer-Studios in Hollywood die Texte des Nostradamus mit dem Ziel, die amerikanische Kriegsmoral zu stärken.

Ein anderes Beispiel, das übrigens viel zur Popularität des Nostradamus beitrug, ereignete sich schon zu seinen Lebzeiten. Im Jahre 1555 traf er sich mit Katharina von Medici, der Frau des französischen Königs Heinrich II. von Orléans. Katharina war an Nostradamus’ Weissagungen über die Zukunft ihrer Familie und des Königreichs interessiert. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, des Königs, im Jahr 1559, als dieser an den Folgen eines Unfalls während eines Lanzenturniers starb, wurden die folgenden Zeilen als Prophezeiung interpretiert:

Der junge Löwe wird den alten besiegen,

auf dem Kampfplatz in einem einzigen Duell:

Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen ausstechen,

zwei Wunden werden eine, er stirbt einen grausamen Tod.

(ebd. I, 35)

Heinrich wurde von einem Grafen Montgomery getötet. Dieser war sechs Jahre jünger als der König und beide trugen Schilde, auf denen Löwen abgebildet waren. Montgo-merys ansonsten stumpfe Lanze zerschellte und verwundete den König an zwei Stellen: ein Splitter drang durchs Auge ins Gehirn und ein zweiter verletzte ihn an der Schläfe. Heinrich überlebte noch zehn Tage und starb eines qualvollen Todes. Kein Wunder eigentlich, dass diese Übereinstimmungen vom Standpunkt Katharinas wie eine Vorhersage aussahen.

Ebenso lässt sich vielleicht Nostradamus’ Lebensauffassung aus seiner Biographie erklären. Sowohl seine erste Frau als auch die beiden Kinder aus dieser Ehe wurden Opfer der Pest. Es ist durchaus vorstellbar, dass eine solche Erfahrung zu der Überzeugung führt, dass das Leben von der irrationalen Macht des Schicksals kontrolliert und bestimmt wird.

Eine ganz andere Auffassung hingegen vertritt Picasso. Stell dir vor, du bist, wie er, ein Wunderkind und wirst von früher Kindheit an für jedes Gemälde und jede Zeichnung in den höchsten Tönen gelobt. Ist es da nicht leicht verständlich, dass sich so der Glaube formiert, dass das Leben zu deinen Gunsten vorprogrammiert ist? Dennoch betont Picasso die Notwendigkeit, selbst aktiv zu werden. Er sagt: »Die Tat ist der Schlüssel zu jeglichem Erfolg.« Ähnlich äußert sich auch Mahatma Gandhi, einer der bedeutendsten Pazifisten aller Zeiten, dem es gelang, mit eiserner Disziplin, großer Vorausschau und Unnachgiebigkeit den Kurs der Geschichte zu verändern:

»In fast allen Fällen ist es letzten Endes unwichtig, was du tust. Wichtig ist aber, dass du es tust. Du musst das Richtige tun. Es gibt keinen Anspruch darauf, die Früchte deines Handelns zu ernten. Aber das kann niemals heißen, dass du aufgibst, das Richtige zu tun. Vielleicht wirst du die Früchte deines Handelns nie sehen. Aber wenn du nichts tust, dann gibt es niemals Früchte.«

Und über das Verhältnis zwischen Tun und Schicksal sagt Gandhi:

»Deine Überzeugungen werden zu Gedanken. Deine Gedanken werden zu Worten. Deine Worte werden zu Taten. Deine Taten werden zu Gewohnheiten. Deine Gewohnheiten verwandeln sich in Werte. Deine Werte sind dein Schicksal.«

Die Hand, die sich dir entgegenstreckt

Was also ist dann das Schicksal? Schicksal ist Potenzial. Schicksal ist Möglichkeit. Im Schicksal entfaltet sich der Kosmos auf mannigfaltige Weise durch dich. Kannst du fühlen, wie es in jedem Bereich deines Lebens eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten gibt? Kreativität wird dann viel wichtiger als Intellekt. Die Tatsache, dass es so viele mögliche Endresultate gibt, erlaubt es dir, verschiedene Handlungsweisen und Szenarien in der Vorstellung durchzuspielen. Es ist, als strecktest du deine Hand in Richtung Zukunft aus, unmittelbar in das Reich grenzenloser Möglichkeiten. Stell dir vor, wie deine Hand dort intuitiv eine zweite Hand findet, durch reines Erspüren, ohne dabei von den Augen geleitet zu werden. Diese zweite Hand streckt sich dir entgegen. Sie ist der Platzhalter all deiner Zukunftsmöglichkeiten, all dessen, was du in deinem Leben verwirklichen kannst.

Und in diesem Prozess veränderst du dich und ebenso verändern sich die Umstände. Deine Reichweite und deine Fähigkeiten wachsen, aber dein sich entfaltendes Du spürt, dass es weiterhin unzählige Chancen und Möglichkeiten gibt, alle mit einer unterschiedlichen Textur versehen – eine reiche Sammlung von Geschichten mit verschiedenen Enden. Alle diese Geschichten sind Avatare deiner Entwicklung. Die Ahnung dessen, wer und was du wirklich bist, wird zu einem dynamischen Hologramm. Mit jedem neuen Gedanken, und mehr noch, mit jeder neuen Tat trittst du in ein neues Intelligenzmuster ein. Keiner dieser Gedanken und keine dieser Taten sind besser oder schlechter. Sie sind nur verschieden. Die Evolution des Kosmos, ebenso wie deine persönliche Entwicklung, hat ihre eigene natürliche Bewegung. Diese Bewegung ermöglicht es dir zu wählen: Du hast die Wahl, dich dafür zu entscheiden, deine eigene Geschichte zu erzählen, und damit auch gleichzeitig die Geschichte der Welt, die Geschichte Gottes, des Geistes, der Ewigkeit … des Schicksals.


Die eher magische Weltsicht des Nostradamus steht also im Kontrast zu dem Gedanken, dass das menschliche Handeln Priorität hat, so wie es etwa in dem bekannten Sprichwort »Der Mensch ist seines Glückes Schmied« zum Ausdruck kommt. Dies darf aber keineswegs so missverstanden werden, als habe der Mensch allein alles unter Kontrolle und alles hinge nur von seinem Willen ab. Eine derartige reduktionistische Sichtweise wird leider allzu oft in Selbsthilfeprogrammen verbreitet, meist um die Hoffnung auf schnellen, materiellen Gewinn zu schüren, die aber dann von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Es stimmt zwar durchaus, dass aktives Handeln die Entwicklung vorantreibt. Dazu muss aber noch die Einsicht kommen, dass es noch andere, wesentliche Fähigkeiten gibt, die eine zentrale Rolle dabei spielen: die Fähigkeit zu sehen, zuzuhören, das eigene Potenzial sowie das Potenzial, das in den jeweiligen Umständen steckt, zu verstehen. Der erste Schritt beim Reifenwechsel ist die Erkenntnis, dass man eine Panne hat.

Ein Zitat, das besonders deutlich zum Ausdruck bringt, welche Rolle der Mensch selbst in seinem Schicksal spielt, stammt von dem schottischen Bergsteiger William Murray:

»Solange man sich nicht vollständig auf eine Sache eingelassen hat, gibt es immer Zögern, Unschlüssigkeit, die Möglichkeit sich zurückzuziehen, und dies hat mangelnde Wirksamkeit zur Folge. Für jede Initiative und für jeden schöpferischen Akt gilt eine elementare Wahrheit, die beachtet werden muss, wenn nicht zahllose Ideen und grandiose Entwürfe zugrunde gehen sollen: In dem Augenblick, in dem man sich unwiderruflich auf etwas einlässt, bewegt sich auch die Vorsehung. Plötzlich erscheint unerwartet Hilfe. Dinge passieren, die sonst nie passiert sind. Ein ganzer Strom von Ereignissen entspringt aus der Entscheidung und bringt alle Arten unvorhergesehener Ereignisse, Bewegungen und materielle Hilfen hervor, von denen man sich nicht hätte träumen lassen.«

(aus: W. H. Murray: Die schottische Himalaya Expedition)

Sich auf eine Sache bindend einzulassen, heißt auf der neuronalen Ebene zu handeln. In dem Moment, in dem man sich zu etwas verpflichtet, findet ein Feuerwerk von Nervenzellen statt. Neue, ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich und dieser Moment ist der erste, wahrnehmbare Impuls der Hoffnung. In diesem Augenblick wird uns klar, dass wir tatsächlich etwas verändern können.

Auch in der Bhagavad Gita ist die Notwendigkeit zu handeln eines der zentralen Themen, obgleich hier Handeln noch durch Kontemplation ergänzt werden muss. Die Welt, die in der altindischen Schrift beschrieben wird, ist eine Welt jenseits von Gut und Böse. Der Mörder ist nicht vom Ermordeten zu trennen und Handeln ist nicht auf einen Gewinn hin ausgerichtet. Die Maxime ist vielmehr: Gehe hinaus, tue, was immer du tust, aber tue es mit ganzem Herzen! Lass dich vollständig darauf ein, in den Worten Murrays. Und ebenso gilt, wie auch Gandhi sagt, dass eine Handlung nicht erst durch das Resultat bedeutungsvoll wird. Durch die Zuwendung der Gnade wird jede Handlung an sich bedeutungsvoll und wird eins mit dem Lebensprozess selbst.

Die Dinge geschehen, unabhängig davon, was du tust oder nicht tust. Muster entfalten und manifestieren sich. Das Leben erneuert sich beständig. Wenn das schon so ist, warum dann nicht einfach daran teilhaben? Du fühlst dann, wie der Atem durch dich hindurchfließt, zuerst ein und dann wieder aus – ebenso wie im weiteren, kosmischen Zusammenhang, der ewige Atem spürt, wie du durch ihn ein- und ausgehst und er sich durch dich zum Ausdruck bringt. Damit wirst du zum Teilnehmer an der Entfaltung alles Seienden, mit dem Atem und durch den Atem. Und genau in diesem Augenblick, wie auch sonst in jedem Augenblick, regst du die Bildung eines neuen Musters an. Dieses Muster dehnt sich aus: Sekunden werden zu Minuten, Minuten zu Stunden, Stunden zu Tagen. Tage werden Wochen, Wochen werden Monate und Jahre, und dadurch, dass du dich auf deine Handlung bedingungslos eingelassen hast, entsteht ein einmaliges Leben. Durch dieses Leben wird … alles Leben.

Die Leere, das Nichts, ist der Ursprung und das Ziel von allem. Es gibt etwas, was immer gleich bleibt und sich dennoch andauernd erneuert. Sowohl Aurobindo als auch Ramana Maharshi beschreiben diesen Sachverhalt sehr eindringlich in ihrenWerken über Einheit und Vielheit sowie über das Wesen des Ich. Alles kommt aus dem »Du«, dem Raum, in dem die Kollaboration an der Entstehung der Muster stattfindet, da wo jegliches Schicksal anwest. Aus dem Nichts entsteht Etwas und dabei hast du etwas mitzureden.

Joseph Campbell hat den Ausdruck »Follow your bliss – folge deinem Glücksgefühl« geprägt. In der chinesischen Philosophie gibt es die Begriffe des »Tao« – auf Deutsch »Sinn und Weg«, sowie des »Wu Wei« – »handle nicht gegen die Natur der Dinge«. Im tiefsten Sinn laufen alle diese Gedankengänge auf dieselbe Bedeutung hinaus: Das Wunder des Werdens liegt in der Hingabe an den Lebensprozess.

Handle, aber versuche nicht, etwas zu erzwingen. Lass los, wenn du festhalten willst. Verliere dich im Spiel. Dieses eine Leben, das du jetzt lebst, wird keine endgültige Erleuchtung bringen. Für jeden neuen Schüler wird ein neuer Lehrer benötigt, dessen Aufgabe das fortwährende Erwecken und Wiedererwecken ist und der selbst immer wieder und wieder neu erwachen muss.

Wie flexibel bist du, wenn es darum geht, die Dinge nahtlos immer neu zu sehen? Kannst du im Vollmond den Mann im Mond ausmachen? Sobald du den Mann siehst, schalte um und erblicke den Hasen. Und dann wieder zurück zum Mann.

Diese Fähigkeit, ein Muster zu erkennen, und dann zwischen diesem und einem anderen, im selben Hintergrund verborgenen Muster hin- und herzuwechseln, ist identisch mit der Erzeugung des Musters selbst. Dadurch, dass du es erkennst, fängt es von deiner eigenen Perspektive her an zu existieren. Durch den Akt der Wahrnehmung wird auch der weitere Kontext sichtbar, der sich aus dem Muster heraus erweitert.

Ein Beispiel für dieses Phänomen sind die Sternbilder am Himmel. Die Menschen sehen Bilder und Muster am Himmel. Sie geben ihnen Namen, bringen Mythen und Geschichten mit ihnen in Verbindung, erschaffen also eine reiche Welt von Bedeutungen um diese Bilder herum. Tatsächlich aber sind die Muster nur einzelne Sterne, die ohne bestimmte Beziehung zueinander ihr Licht ausstrahlen. Das heißt aber nicht, dass die Sternbilder nicht wirklich sind. Ganz im Gegenteil: Wir haben sie aus unserem eigenen Innern heraus geschaffen. Wir sind aus dem Nichts gekommen und wir haben die Mythen aus dem Nichts geschaffen – und dieses Nichts ist Alles, ist das Leben. Wenn du genauer hinschaust, kannst du vielleicht auf der Mondoberfläche, am sternenübersäten Nachthimmel, in den Wolken oder im Blattwerk eines Baumes ein neues Bild erkennen. Vielleicht wirst du dabei zum Vermittler eines uralten Mythos oder zum Schöpfer eines brandneuen. Wie dem auch sei, in jedem Fall bist du der Impulsgeber, du bist der Entscheidungsträger, du bist ein Aspekt, eine Ausdrucksform Gottes, den sonst niemand anderer für sich in Anspruch nehmen kann.

Auf diese Weise, also durch dieses Sehen und Erkennen, wird ein bestimmtes Schicksal hervorgebracht. Wir erhalten das, was wir sehen, und wir finden, was wir suchen. Dadurch, dass wir Muster erkennen und sie benennen, erneuern wir ein existierendes Intelligenzmuster. Die Art und Weise, wie wir leben, führt dazu, dass vorhandene Bedeutungsmuster aktiviert und konkretisiert werden. Zuerst bist du wie die Apertur eines optischen Gerätes, etwa die Blende einer Kamera. Du öffnest dich und wirst zum Interpreten dessen, was du siehst. Dann wirst du zu einem Wahrsager, einem Propheten, zum Erzähler dessen, was geschehen könnte, und schließlich zu jemandem, der Wirklichkeit manifestiert.

In seinem Buch Also sprach Zarathustra erörtert Nietzsche die Begriffe »Prophezeiung« und »ewige Wiederkehr«. Er spricht von den unendlich vielen Möglichkeiten, die aus derselben Quelle entspringen. Dies sind die unzähligen Avatare, die mit ein und demselben Pinsel gemalt worden sind, die unbegrenzte Anzahl von Inkarnationen, die eine ewigdauernde Welt bevölkern. Nietzsches Begriff des »Übermenschen« inspirierte mich zum Schreiben eines Texts für die Huffington Post, in der ich die Frage untersuche, welchen Spielraum für die Fähigkeit, Wirklichkeit zu manifestieren, die Menschen besitzen.

Bevor es Menschen gab, waren Protonen, Neutronen und Elektronen in Wechselwirkung und wurden zu Atomen. Atome verbanden sich miteinander und wurden zu Molekülen, die wiederum zu Bestandteilen lebendiger Zellen wurden. Das zeigt, wie schon in solchen frühen, vormenschlichen Zuständen das Prinzip des Begreifens sowohl Schwingung, Orchestrierung als auch Transzen-dierung zur Folge hatte. Daher die Frage an dich, als den Menschen, der du hier und jetzt bist: Wie wirst du schwingen, orchestrieren und transzendieren? Das Stellen dieser Frage und ihre Beantwortung ist der Prozess des Schicksals.

Um diesen Gedanken etwas weniger esoterisch auszudrücken, hier ein weiterer Versuch, deine Rolle in diesem Prozess zu beschreiben: Was kannst du tun, um dich bedingungslos deiner persönlichen Evolution zu verschreiben? Was fängst du mit deinem Leben an?

Ich habe mich niemals so unerfüllt gefühlt wie zu der Zeit, als ich keinerlei Zielrichtung hatte. Zwar ist es immer möglich, einzelne Momente des Glücks zu erleben, aber Erfüllung kommt nur, wenn du dich selbst herausforderst und über dein eigenes Potenzial hinauswächst. Nimm die Herausforderung an und teste deine Stärke. Entwickle neue Fertigkeiten – solche, die du immer intuitiv in dir spürtest, die aber in der Realität erst dann existieren, wenn sie hervorgebracht und ausgebildet werden.

Wir kennen alle den einfachen menschlichen Optimismus, den Glauben, dass morgen genau das passieren wird, wonach man sich schon immer gesehnt hat. Es wird aber nicht geschehen. Menschen, die wie Schafe werden, die nichts anderes mehr zu tun wissen, als einkaufen zu gehen, sich mit einfachen Vergnügungen abzulenken oder zu betäuben, solche Herdenmenschen werden schließlich zu lebendigen Schlachttieren, die nur noch Zerstreuung und Genuss in ihren Süchten kennen. Sie leben ihr Leben in einem Ödland.

Das wirkliche Glück, das du erstrebst, liegt jenseits des einfachen und wunderbaren Gefühls des Daseins. Dieses Glück basiert auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Es hängt davon ab, wie sehr du dich selbst herausfordern kannst. Es hängt davon ab, ob du die sich bietenden Gelegenheiten wahrnimmst, um deine selbst gesetzten Grenzen zu überschreiten und deine einzigartigen Anlagen zu entwickeln.

Wenn du vor etwas Angst hast, wenn etwas dich nervös macht, obwohl du innerlich weißt, dass du es schaffen kannst, dann gibt es nur eine richtige Wahl: Konzentriere dich, sei bereit, Opfer zu bringen, und erwecke den tief in dir ruhenden Willen, zu wachsen und zu reifen. Wer das Leben im Ödland wählen will, der wird von dieser Notwendigkeit fliehen, direkt in die erwähnte Schafherde. Dumme Witze und ein voller Terminkalender bieten Zerstreuung, aber nie Erfüllung. Du wirst zum Sklaven deiner kurzfristigen Wünsche, die verhindern, dass die Beschleunigung dich über das Gravitationszentrum der Normalität hinausträgt. Verstecke dich nicht vor der notwendigen Disziplin, die es dir erst ermöglicht, deinen eigenen Namen wirklich zu besitzen.

Wofür werde ich heute dankbar sein? Und was werde ich aus dem Gefühl dieser Dankbarkeit heraus vollbringen? Welchen Beitrag werde ich leisten? Und wie wird sich dieser heutige Beitrag mit dem morgigen verbinden, und mit dem Rest meines Lebens, sodass ich zu dem Helden werden kann, der ich eigentlich sein will? Und welche Situation will ich heute aufsuchen, die mir Angst macht? Welche Gelegenheit werde ich heute haben, die Kraft in mir zu entwickeln, um die Brücke zur anderen Seite meiner Existenz zu überqueren.

Es gibt diese Existenz, in der ich darum bitte, aus meiner scheinbaren Sicherheit herausgerissen zu werden, in der ich den Morgen noch vor Sonnenaufgang begrüße, mit einem unbändigen Willen aufzustehen, meine Mitmenschen zu begeistern und zu beflügeln, Lachen und Tränen zu verbreiten, die einerseits aus dem tiefsten erreichbaren Selbstgrund geschöpft sind, die andererseits aber auch mit der Anerkennung verbunden sind, dass ich mich endlich dem furchtbaren und gleichzeitig aufregenden Endpunkt hingegeben habe, dem Omegapunkt, der mich unwiderstehlich anzieht und zum Wachstum zwingt.

KAPITEL 2

Maya und der Traum

Maya

Das Wort »Maya« aus dem Sanskrit wird gewöhnlich mit »Illusion« übersetzt. Es bezieht sich auf etwas Magisches, eine Erscheinung, die nicht real ist. In der Vedischen Literatur Altindiens wird das Wort in einer Weise benutzt und diskutiert, die andeutet, dass die Welt wie ein Traum ist, ein Traum, der in gewisser Weise zwar greifbar, dabei aber gleichzeitig irreal und wechselhaft ist. Maya ist sowohl das Paradigma, auf dessen Grundlage du in der Welt handlungsfähig bist, als auch die Kette, die dich an die Welt fesselt. Die Dämonen, die in der hinduistischen Mythologie Illusionen erzeugen und den Menschen Streiche spielen, bedienen sich zu diesem Zweck der Kraft des Maya. Dabei sehen diese Dämonen oft so aus, als seien sie andere Wesen oder sogar Götter, die gleichsam ein Theaterstück aufführen oder ein bestimmtes Ergebnis erzielen wollen.

»Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«, sagt Faust in Goethes Drama, und wenn es dir auch so geht und du spürst, dass es in deinem Wesen zahlreiche Stimmen und Personen gibt, dann ist es am besten anzunehmen, dass keine von diesen realer ist als die andere. Und alle zusammengenommen funktionieren nicht besser und nicht schlechter, als dies bei anderen Menschen der Fall ist. Sie sind nur Spielmuster. Eine Illusion als wirklich zu akzeptieren, ist lediglich eine Form des Spieles. Wenn du aber die Illusion für den Grund des Seins hältst, dann führt das Spiel schnell zu Trug und Verblendung.

Ein Beispiel dafür ist der Prozess der Konditionierung, dem wir in der Regel von der frühen Kindheit an ausgesetzt sind und der dazu dienen soll, dass wir uns in der Welt zurechtfinden, indem wir die Regeln und Konventionen der Welt lernen. In Wahrheit sind diese Konventionen nichts anderes als Regeln für ein bestimmtes Spiel, das gespielt werden soll, und deren Einhaltung es dir erlaubt, mitzuspielen. Die Regeln sind letztlich nur ein schmückender Rahmen für das Spiel. Der Trick ist hier, dass man die Illusion als Spiel wahrnimmt und das Spiel als Illusion. So kann man an der konventionellen Welt in dem Bewusstsein teilnehmen, dass man schon aus dem Traum erwacht ist.

Wenn du dann am Ende deines jetzigen Lebens Rückschau hältst, dann wirst du nicht sagen müssen, dass du zu viel getan oder zu viel riskiert oder zu viel geliebt hast. Im Gegenteil. Falls du noch einmal die Chance hast, wiedergeboren zu werden, wirst du sagen, du musst noch mehr tun, noch mehr riskieren, noch mehr geben, noch mehr Kontakte knüpfen und Verbindungen herstellen, und noch mehr lieben. Das Spiel des Lebens will mit vollem Einsatz gespielt werden. Das heißt aber nicht, dass du dich erwartungsvoll an ein bestimmtes Ergebnis klammern sollst und dann verzweifelst, wenn du es nicht erzielen kannst.

Vom ersten Tag unseres Lebens an lernen wir die Illusion des Getrenntseins, die Illusion des Todes und die Illusion des Duftes von allem, was dazwischenliegt. Dadurch werden wir zum Mitschöpfer dieser Illusionen. Viele unserer inneren Impulse und Antriebe stehen im Widerspruch zueinander. Nehmen wir zum Beispiel den Trieb zur Anpassung, welchem der Trieb entgegensteht, herauszuragen und sich von der Masse abzuheben. Beide scheinen notwendig zu sein, aber beide stehen im Konflikt. Dieses Beispiel veranschaulicht ein wesentliches Paradox unseres menschlichen Lebens, unserer Teilnahme an der Illusion des Maya.

In eine Gemeinschaft eingegliedert zu sein, ist überlebensnotwendig. Diese Notwendigkeit, sich anzupassen und sich in die Gesellschaft sowie in soziale Gruppen zu integrieren, hat aber zur Folge, dass Menschen leicht Opfer von Gehirnwäsche werden, besonders wenn schwerfällige, bürokratische Strukturen in Regierung, Wirtschaftsunternehmen, Militär und bestimmten religiösen Organisationen im Spiel sind.

Was die Notwendigkeit zur individuellen Selbstverwirklichung angeht, so gibt es eine große Herausforderung bei der Steuerung dieses Impulses. Allzu oft führen Versuche, die eigene Autonomie zu stärken, Führungsqualitäten zu entwickeln und seine Individualität zum Ausdruck zu bringen, zu Ablehnung, Konfrontation und Entfremdung. Eine solche Reaktion kann durchaus ein Hinweis darauf sein, dass man beim Versuch, aufzufallen und sich hervorzutun, zu weit gegangen ist und ein schlechtes Urteilsvermögen bewiesen hat. In diesem Fall haben dann die gesellschaftlichen Normen die Funktion, eine negative Rückmeldung zu geben. Einerseits heißt das, dass man an die Normen der Mehrheit angepasst wird. Andererseits aber dient eine solche Reaktion also Barometer der persönlichen Entwicklung und unterstützt somit den eigenen Reifungsprozess.

Dann aber gibt es immer wieder Konflikte, die dadurch entstehen, dass jemand im Verlauf der Selbstverwirklichung allzu deutlich sieht, was in einer Gesellschaft wirklich los ist. Es wird deutlich, dass das Militär den Willen des Individuums zu brechen sucht, dass die Wahlen manipuliert werden, dass das Gesundheitswesen so organisiert ist, dass es krank macht und krank hält, dass die Medien eher Instrumente der Gehirnwäsche sind als echte Informationsquellen, und schließlich, dass die Religionen nur dann im Geschäft bleiben können, wenn es ihnen gelingt, den menschlichen Verstand im Zaum zu halten. Den Verstand, aber nicht die Seele …

Die Ironie liegt dabei darin, dass die genannten gesellschaftlichen Gruppen meist aus durchaus gutwilligen und hilfsbereiten Menschen bestehen. Die meisten Priester und Kleriker wollen dir wirklich den Weg in den Himmel zeigen. Beamte und öffentliche Bedienstete haben deinen Vorteil im Sinn und Ärzte wollen eigentlich, dass du gesund wirst. Journalisten sind vorwiegend daran interessiert, die Wahrheit herauszufinden, und die Mehrzahl der Politiker will die Welt wirklich verbessern. Das Problem liegt also nicht in der Schlechtigkeit der Menschen, sondern in den Dysfunktionen der Strukturen und Systeme, in die diese Menschen eingebettet sind.

Solche Strukturen schaffen Abhängigkeiten, und das ist eine Erkenntnis, mit der nicht so einfach umzugehen ist. Was tun, wenn man diese Wahrheit sieht? Entweder spielst du das Spiel wider besseres Wissen mit oder du leistest Widerstand. Die Stimme deiner tieferen Weisheit mahnt dich zur Vorsicht, im Wissen, dass etwas nicht stimmt. Das heißt nicht unbedingt, dass es einen klar identifizierbaren Gegner oder ein deutlich umrissenes Problem gibt. Also spielst du das Spiel mit und du fühlst die Wärme seiner einzelnen Bestandteile sowie deiner Mitspieler – eine Wärme, die echt und einladend ist. In der Folge wird deine Seele mit Bequemlichkeit erpresst und der Preis dafür ist die Betäubung deiner ursprünglichen und authentischen Stimme. Du wirst dazu verführt, eine Scharade der Normalität zu akzeptieren, und erntest dafür nur Apathie und Gleichgültigkeit. Es entsteht eine mechanische Puppe, die nach künstlichen Glücksgefühlen verlangt. Es entsteht der rhythmische Schlag einer seelenlosen Musik, die dich bis zur völligen Vergesslichkeit hypnotisiert. Es entsteht die zweidimensionale Verlockung der Technologie, die ein Happy End verspricht. Mit den Worten Terence McKennas: »Kultur ist nicht dein Freund.«

Das ist das Maya, von dem es zu erwachen gilt, und du bist der Einzige, der dich davon erwecken kann. Ein Koan im Zen-Buddhismus ist ein Rätsel ohne logische Antwort. Der Sinn eines Koans ist es zu zeigen, dass es niemals endgültige Antworten gibt. Im Leben geht es nicht um den Nettoprofit und es gibt auch keine Wissenschaft, die seinen Sinn auf eine einzelne Aussage oder Theorie reduzieren kann. Das Koan ist sowohl weise als auch humorvoll und diese Mischung kann dich aus der Scharade erwecken.

Große Kunst kann dieselbe Wirkung haben. Ein Lied, ein Gedicht, ein Gemälde oder eine poetische Sprache erlauben deinem Herzen, zu vernehmen, was deine Ohren nicht hören können, und deiner Seele, zu erblicken, wofür deine Augen blind sind. Das Paradox der Sprache liegt darin, dass sie uns beschränkt, aber gleichzeitig auch befreien kann. Die Aufgabe des Künstlers ist es also, eine Sprache zu verwenden, die das konventionelle Bewusstsein durchdringt und die üblichen Ausdrucksformen überwindet, so-dass du den Telefonanruf Gottes beantworten kannst. Das Licht der Morgendämmerung enthüllt sich und weckt dich aus dem Schlaf der Illusion.

Ein Bodhisattva ist eine Art von Buddha, der seine Erleuchtung und seine »Buddhaschaft« bewusst verschiebt und in den Zyklus des Lebens zurückkehrt, um andere bei ihrem Erwachen zu helfen. Der Teil deiner selbst, der den Ruf zum Erwachen erhört, und der bereit ist, andere zu erwecken und das Licht mit ihnen zu teilen, das ist der Bodhisattwa in dir. Sein Modus Operandi ist Mitgefühl und er kann in unzählig vielen Formen auftauchen. Er erscheint als Träumer, als Geliebter, als Künstler, als Heiler, Mutter, Arbeiter oder auch als Gärtner. Eines der bekanntesten Beispiele ist das des mythischen Bodhisattvas Avalokiteśvara, dessen Namen im Sanskrit so viel wie »Herr, der nach unten schaut« bedeutet.

Ein bestimmtes Thema kommt häufig in verschiedenen Kulturen und Schriften vor, unabhängig von Religion und Rasse. Es ist der Gedanke, dass Menschsein bedeutet, die Verantwortung für die Fortdauer des Lebens zu tragen. Beginnt nicht jeder Tag im Leben mit dem Erwachen? Wer oder was ist es in dir, der dich erweckt? Vielleicht ist es gerade jener »Herr, der nach unten schaut«, der tief in deiner Seele wohnt, an einem Ort, der jenseits deines gegenwärtigen Lebens liegt. Dort gibt es einen Brunnen des Wissens, der gleichzeitig innerhalb und außerhalb deiner selbst ist. Du bist in diesem Brunnen und er ist in dir. Dieser Brunnen ist der »Herr« und du bist dieser Brunnen. Er ist das Auge, das immer geöffnet ist, selbst wenn es geschlossen ist. Er ist der Atem, den du jetzt atmest, der dich in die Welt gebracht hat, und der auch dann fortdauert, nachdem du gegangen bist und aufgehört hast, ihn zu tragen. Er ist das Licht, das dir zuwinkt aus einer unauslöschlichen Quelle des Lebens jenseits deiner selbst. Deus factus sum – Ich bin zu Gott geworden. Du bist es.

Die Kosmologie ist die Erforschung und das Studium der natürlichen Ordnung des Universums oder des Multiversums, wobei die Theorie des Urknalls eine zentrale Rolle spielt. Schon Pythagoras verwendete das Wort »Kosmos« in Bezug auf das physikalisch beobachtbare Universum. Der Naturforscher Alexander von Humboldt publizierte ein Werk mit dem gleichen Titel, dessen Untertitel lautet: »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.« Schließlich benutzte auch der amerikanische Philosoph Ken Wilber in seinem Magnus Opus Eros, Kosmos, Logos (ebenso wie in dem kürzeren, leichter zugänglichen Eine kurze Geschichte des Kosmos) den Begriff »Kosmos«, der auch im englischen Original mit »K« geschrieben wird, und er bezieht sich dabei auf die gesamte Evolution allen Seins, einschließlich der Materie, des Lebendigen und des Geistigen. Wilber bezieht also die Evolution des Bewusstseins in seine Beschreibung des Kosmos mit hinein, im Gegensatz zu der Beschränkung auf die Materie in einem Buch wie Eine kurze Geschichte der Zeit des Physikers Stephen Hawking.

Wichtig ist hier folgender Gedanke: Jenseits des physischen Kosmos, der ohnehin schon spektakulär ist, gibt es eine prachtvolle, wunderbare Realität, aus der die physische Materie hervorspringt. Bewusst an dieser Realität teilhaben bedeutet, den Reichtum der physikalischen Wirklichkeit zu vermehren. Es gibt Geist und es gibt Gehirne, genauso wie es den Traum gibt und einzelne Träume. Aufzuwachen heißt nicht, dass etwas von dem Traum hinweggenommen oder dass der Traum reduziert wird. Aufzuwachen heißt, dass das Schauspiel des Lebens illuminiert wird und immer weitere Schichten des kosmischen Kontextes sichtbar werden.

Eines Nachmittags – ich war gerade kurz vorher nach Kalifornien gezogen – ging ich in einen Laden in South Central Los Angeles, um ein Getränk zu kaufen. Ich unterhielt mich mit dem Kassierer, der halb blind war. Da klingelte die Ladenglocke und ein Bekannter des Kassierers kam herein. »Was gibt’s Neues, was ist los«, begrüßte er diesen. Darauf der Kassierer: »Genau, das ist die Frage! Was ist los? Was ist wirklich los? Das möchte ich auch wissen.«

Und das ist in der Tat die Frage: »Was ist eigentlich wirklich los? Woher kommt die Wärme, die das Feuer wärmt, das es ihm seinerseits erlaubt, das Zimmer zu heizen? Wer oder was ist das »es« in »es regnet«? Beobachte einen Schwarm Vögel oder Fische. Erlebe, wie sich die Herzschläge von Mutter und Kind synchronisieren. Dann wirst du vom Spirit, vom Geist berührt, von dem ewigen Du, von der Einheit, die ist und die immer war. Der Geschmack und die Konsistenz des Samadhi – der tiefsten Versenkung jenseits allen Denkens – ist um dich herum. Es ist der Geschmack einer unendlich reichen Leere, der Geschmack eines gewaltigen Nichts, in dem alle Möglichkeiten unvermeidlich sind.

Luft schmeckt nach Wasser, Wasser schmeckt nach Milch und Milch schmeckt nach Honig. So wie in dem Laden in Los Angeles gibt es auch in dir einen Blinden und einen Freund. Manchmal muss der Freund den Blinden aufsuchen und ihn darum bitten, ihm zu helfen, die Welt anders zu sehen. Die Antwort auf das Rätsel liegt im Prozess des Erwachens selbst. Du brauchst es nicht auf einem Berggipfel im Himalaja zu suchen oder darauf zu warten, dass ein Guru es dir zuflüstert. Nein, du findest es im Laden an der Ecke, 24 Stunden am Tag geöffnet. Der Schlüssel ist immer schon in deiner Tasche.

Der Traum

Eine schöne Seite der Nichtdualität ist die Wiedergeburt der Dualität, die Freude des Auf-die-Welt-Kommens. Was in einem nicht linearen Traumzustand oder im Zustand meditativer Versunkenheit geschieht, kann wunderbar unbeschreiblich sein. Das Göttliche ist ohnehin nicht in Worten ausdrückbar. Aber auch das Greifbare, das Erfahren und Erleben bringen Wachstum, Schmerzen und viel Schönheit.

Du kennst diesen Moment, wenn du im völligen Wachzustand auf den Mond schaust, der die unsichtbare Sonne hell reflektiert, und du den Mann siehst und dann den Hasen, wenn dann urplötzlich diese Ahnung aus deinem Inneren aufsteigt und du das Selbst siehst, das ewige Selbst, das jenseits deiner selbst ist und alles Selbst durchdringt.

Die Wahrnehmung der Zeit ist ein Produkt der Evolution, ein im Entstehen begriffener, funktionaler Aspekt der linearen Organisationsweise des menschlichen Geistes. Ihr Zweck ist es, das Überleben in dieser relativen Welt zu ermöglichen. Das Sterben ist also nicht so tragisch, wie nicht wiedergeboren zu werden. Und da bin ich, da bist du – da ist die glorreiche Wiedergeburt von allem, genau dort im Licht des Mondes, der Tod und die Wiedergeburt, von Augenblick zu Augenblick. Es ist so, als folge man einem Stern, dessen Funktion es ist, dich gerade so weit in die Irre zu führen, dass du wiedergefunden werden kannst. Das genau ist der Telefonanruf Gottes.

Was die menschliche Kognitionsfähigkeit angeht, so ist die Ironie ja die Tatsache, dass der Verstand beständig versucht, etwas zu »fassen«, und zu be-«greifen«, was außerhalb seiner Reichweite liegt. Der Verstand ist eine außerordentliche Maschine, machtvoll, aber gleichzeitig beschränkt. Der Verstand ist allenfalls in der Lage, eine Straßenkarte zu erstellen, auf der die Pforten in eine andere Welt markiert sind. Jenseits dieser Pforten gibt es keine Straßen mehr, nur noch unbefahrenes Gelände. Erfahre die Gesamtheit der Existenz, indem du sie mit dir selbst füllst. Und da du selbst ein Teil dieser Existenz bist, füllt sie gleichzeitig auch dich. Alles ein und dasselbe.

Das Bewusstsein geht der Realität voraus. Die materielle Welt entsteht aus dem einen, einzigen Bewusstsein, aus dem nichtdualen So-Sein. Es wächst und entwickelt sich … um sich dann erneut selbst zu transzendieren. Die Physikalität der Existenz ist nur ein Aspekt dieses Entwicklungsprozesses. Und da ist es: Es deutet auf etwas hin, was im Jenseits liegt und gleichzeitig alles durchdringt. Genau hier, im tiefen Purpur eines Blütenblattes, dem Dunkelblau des weiten Ozeans, der Elektrizität, die freigesetzt wird, wenn man in ein lächelndes Auge schaut – genau hier, im Mondlicht.


Die Formeln der Physik können den Verstand durchaus in die Welt jenseits der Wahrnehmung hinausführen. Um allerdings die Majestät der himmlischen, ewigen und unsäglichen Weiten aufzuzeigen, braucht man die Ausdrucksmittel der Künstler und Dichter, die über den beschränkten Verstand hinausreichen. Solche Mittel sind die Poesie, das Filmemachen, die Kunst, die Mutterschaft und die Gartenarbeit. Oder einfach das Sich-selbst-Sein, sein eigenes wundervoll lächerliches Selbst. Der Traum geht weiter. Und du bist da, für immer.

KAPITEL 3

Das zweite Satori und sich selbst feiern lernen

Das zweite Satori

Als ich drei Jahre alt war, zog unsere Familie von Oxford in England nach Hawaii. Mein Vater trat eine Professorenstelle in Vergleichender Religionswissenschaft an, mit den Religionen Indiens als Spezialgebiet. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören seine Vorlesungen, in die ich mitgehen durfte. Eines Morgens sprach er über den Taoismus und über Zen. Sein Thema war der chinesische Begriff des Wu Wei – Handeln, ohne etwas zu erzwingen. Das Wort »Wu« bedeutet»nicht« oder »ohne«, und »Wei« kann mit »handeln« oder »tun« übersetzt werden. Der Begriff bezieht sich also sowohl auf das Nichthandeln als auch auf das Handeln im Einklang mit der Natur, ohne jeden Zwang.

Stell dir vor, du hältst die Blüte einer Blume in der Hand. Wenn dein Griff zu leicht ist, fliegen die Blütenblätter davon. Wenn er zu fest ist, zerdrückst du sie. Wu Wei, Handeln ohne Zwang, ist ein Beispiel für Anmut. Es veranschaulicht außerdem ein Paradox, das eigentlich jeder Aktivität innewohnt. Wenn du dich in einer Beziehung nicht genug deinem Partner zuwendest, läuft sie Gefahr, schwächer zu werden und zu zerbrechen. Wenn du hingegen deinem Partner nicht genug Raum lässt und sie oder ihn erdrückst, auch dann zerstörst du die Beziehung. Das gilt auch für unwillkürliche und unbewusste alltägliche Handlungen, wie eine Unterschrift leisten, küssen, schlucken, atmen, sexuelle Erregung, jemanden zu grüßen oder sogar beim täglichen Stuhlgang. Wenn du willst, dass eine Katze zu dir kommt, musst du ihr schmeicheln und gut zureden.

Mein Vater wollte dieses Paradox in seiner Vorlesung vor etwa zweihundert Studenten demonstrieren. Er nahm dazu ein Blatt Papier und zerknüllte es. Dann erklärte er, dass er nun versuchen werde, es in den Papierkorb zu werfen, der sich am anderen Ende der Bühne des Auditoriums befand. Er zielte genau, warf das Knäuel in Richtung Papierkorb und verpasste ihn, wie nicht anders zu erwarten war, um einen oder zwei Meter. Er hob das Papier wieder auf, ging an seinen Ausgangspunkt zurück und sagte: »Jetzt versuche ich es noch einmal, aber diesmal im Sinne des Wu Wei. Das heißt, ich muss mich nur völlig entspannt auf den Moment einlassen und präsent sein. Ob ich treffe oder nicht, ist dabei belanglos.« Dann drehte er sich herum und sagte: »Natürlich wird es wahrscheinlich nicht klappen, aber …« Und wie absichtslos warf er das Papierknäuel über seinen Rücken in Richtung Papierkorb hoch durch die Luft.

Hast du jemals das Gefühl, dass ein gerade vergangenes Ereignis unbedingt genauso eintreten musste, wie es passiert ist, dass es aber, falls es sich eine Million Mal wiederholen würde, in Millionen Varianten dieses Universums, jedes Mal eine leicht veränderte Version des Geschehens geben würde, allerdings mit genau demselben Ergebnis? Ähnlich wie am Beispiel des Schicksals und der Hand, die sich dir entgegenstreckt, gelingt es auch hier der lebendigen Schöpferkraft, eine Furche der Schönheit in den Acker der Zeit zu graben. Das ist die Natur der Schöpferkraft. Sie kann sich beim Backen eines leckeren Kuchens ausdrücken oder in der anmutigen Landung eines Vogels auf einem Zweig. Mit ihrer Hilfe werden Babys gezeugt und sie ist der Prozess, durch den sich der universale Geist manifestiert, in dir und durch dich.

Die Papierkugel landete im Papierkorb. Von den Studenten war kein Ton zu hören. Es war, als sei der Wurf einer ewigen Schleife der Unvermeidlichkeit gefolgt. Mein Vater reagierte verwundert auf diese Ironie: »Mein Gott, es ist wirklich passiert.« Er und ich hatten für einen Moment Blickkontakt. Das war mein zweites Satori.

Satori ist ein buddhistischer Begriff, der aus dem japanischen Wort »satoru – verstehen« abgeleitet ist. Der Ausdruck bezieht sich auf einen Moment des Erwachens, eines plötzlichen und totalen Verständnisses. Wenn der Boden eines Eimers durchfällt, verliert der Eimer das ganze Wasser auf einmal. Plötzlich verstehst du, so wie dich die Pointe eines Witzes trifft. Du verstehst, ohne darüber nachdenken zu müssen. Alles wird klar in diesem Augenblick, wie in einem Aha-Erlebnis. Es kommt plötzlich und unerwartet. Es ist, als werde ein elektrischer Schaltkreis geschlossen.

Wenn sich dieser eine Augenblick in unzähligen Variationen und in einer unendlich großen Anzahl von möglichen Universen wiederholen würde, dann wäre Satori die sofortige und unmittelbare Erkenntnis der einen Wahrheit, die gleichzeitig in all diesen Varianten sichtbar wird. Äußerlich nehmen alle Varianten eine andere Form an. Das Erwachen jedoch, also der Prozess, durch den der Geist sich selbst anerkennt, klingt durch alle auf identische Weise hindurch. Diese Erkenntnis ist das Satori.

Sich selbst feiern lernen

In der Grundschule und dann auch später auf dem Gymnasium fühlte ich mich stark zum Theater hingezogen. Mir gefielen sowohl die Aufwärmübungen als auch das Theaterspielen selbst, da beides mir erlaubte, tiefere Muster des Werdens zu entdecken. Die Übungspraxis in der Theaterwerkstatt bot mir zum allerersten Mal die Gelegenheit, so etwas wie eine gemeinschaftliche Meditation zu erleben. Wenn die üblichen Schranken fallen – Alter, Klassenunterschiede, Geschlecht, Rasse, Religion und Nationalität –, dann kann man sich selbst in einer Atmosphäre größerer Freiheit besser kennenlernen und man braucht weniger Angst davor zu haben, dass man von anderen verurteilt wird.

Charakteristisch für diese Atmosphäre ist, dass man sich einander unvoreingenommen begegnen kann. Oft wissen die Teilnehmer am Anfang nichts übereinander und können daher vorurteilsfrei miteinander umgehen. Es ist, als sei man die unausgesprochene Vereinbarung eingegangen, zusammen einen Raum für freien Selbstausdruck und Selbsterforschung zu schaffen. Hier sind die Beziehungen zueinander dynamisch, humorvoll, authentisch, intim und somit förderlich für persönliches Wachstum. Jeder erlaubt dem anderen, sich frei auszudrücken, ohne von kulturbedingten Vorannahmen eingeschnürt zu sein. Es wird dann möglich, sich einander mit aufrichtiger Neugier zu begegnen. Wäre es nicht wundervoll, wenn wir Menschen im Allgemeinen in der Lage wären, so miteinander umzugehen? Eine derartig energische und gleichzeitig einfühlsame Haltung wäre eine Methode, die zur gegenseitigen Befreiung führt. Wie viele intime und intensive Beziehungen könntest du zu ganz verschiedenen Menschen haben, wenn es auch im alltäglichen Leben eine solche unausgesprochene Vereinbarung gäbe wie im Theater.


Der deutsche Psychologe Fritz Perls machte die sogenannte Gestalttherapie populär. Ziel dieser Therapie ist es, die Bewusstheit zu schärfen. Dazu gehört es, die eigenen Gefühle besser zu erkennen, Empfindungen in dem Moment wahrzunehmen, in dem sie auftauchen, und größere Aufmerksamkeit darauf zu richten, was im zwischenmenschlichen Umgang von Augenblick zu Augenblick emotional passiert. Perls Grundidee war, dass jeder Mensch untrennbar von seiner Umwelt ist. In diesem Sinne sind Selbsterkenntnis, das Verstehen der Mitmenschen und das Verstehen des Kontextes, sowohl innerlich als auch äußerlich, Aspekte ein und desselben Prozesses. Es ist nicht verwunderlich, dass Perls sich auch besonders für die Schauspielkunst interessierte. In der Theaterpraxis gibt es viele Übungen, durch die man seine Kommunikationsfähigkeit verbessern kann, besonders was Kreativität und Spontaneität betrifft.

Eine der Theaterübungen, die Perls an die Gestalttherapie angepasst hat, heißt »leerer Stuhl«. Ein Patient oder Klient sitzt einem unbesetzten Stuhl gegenüber. Er stellt sich vor, dass jemand auf diesem Stuhl sitzt – das kann eine andere Person sein oder aber auch ein Teilaspekt des eigenen Ich. Die Übung besteht darin, dass der Klient dann mit der in der Fantasie vorgestellten Person kommuniziert. Dadurch, dass die andere Person oder die personifizierten eigenen Gefühle und Gedanken auf den leeren Stuhl projiziert werden, können Dinge ausgedrückt und näher untersucht werden, die ansonsten unterdrückt blieben. Im zweiten Schritt kann sich dann der Klient auf den leeren Stuhl setzen und die Rolle des anderen spielen. Der Effekt dieser Übung kann es sein, dass man widersprüchliche Teilaspekte in sich selbst versöhnt oder dass man seine Perspektive in Hinsicht auf die Beziehung zu einem anderen erweitert. Dieselbe Übung gibt es in verschiedenen Varianten, mit oder ohne Stuhl oder mit anderen Requisiten. In jedem Fall geht es darum, eine Erfahrung ins Hier und Jetzt zu bringen, um sie dann untersuchen und verarbeiten zu können. Genau das ist auch die Aufgabe des Schauspielers, wenn er oder sie eine Rolle verkörpert. Es ist auch die Aufgabe eines Menschen, der sich vollständig auf das Leben einlassen will.

Als ich klein war, las ich oft Comics aus Indien, in denen zahlreiche Menschen, Götter, Göttinnen, Krieger, Dämonen, anthropomorphe Wesen und Tiere vorkamen. Viele der Geschichten aus der vedischen und hinduisti- schen Tradition hatten ein Thema gemeinsam: die Fluidität, mit der verschiedene Wesen sich zwischen allen Daseinsebenen ein- und ausbewegen. Die Schöpfungskraft des Lebens drückt sich auf unendlich vielfache, wild kreative Weise aus. Somit bist du ein Avatar Gottes, der ursprüngliche Ausdruck einer Stimme, die niemals wieder auf exakt dieselbe Weise wiedergegeben werden kann, genauso wie eine mythologische Figur in einem Theaterstück, dessen Autor du bist und in dem du selbst mitspielst, als Schauspieler, dessen Aufgabe es ist, den gegenwärtigen Augenblick hervorzubringen. Du bist beides, das Geschöpf und der Schöpfer, der unentbehrliche Mitarbeiter an der Erschaffung neuen Lebens.

In dem Augenblick, in dem es dir klar wird, dass genau das deine Rolle ist, wird das Leben zu einem großen Abenteuer. Das, was du als Beitrag bringst, kann von keinem anderen gebracht werden. Niemand kann dich kopieren. Diesen Beitrag zu bringen, ist also nichts weniger als eine göttliche Aufgabe.

Martin Buber stellte die Teilnahme am Leben in den Kontext der Beziehung zwischen dem Ich und dem Du. Das Du ist dabei das Auge Gottes, der Puls allen Seins, die Heiligkeit der Schöpfung. So wie du der Chefkoch bist, der ein göttliches Mahl kocht, bist du das süße Salz, welches die Essenz des Mahles ausmacht. Und ebenso bist du der Dirigent des Symphonieorchesters und gleichzeitig der Musiker, der die erste Geige spielt. Und genau jetzt, in dem Augenblick, in dem du diese Worte liest, bist du das Christuskind, das im Begriff ist, geboren zu werden, und du bist auch die Hebamme, die bei seiner Geburt assistiert. Wenn du im Wald stehst, kannst du die Rinde eines Baumes bewundern, dem Wind zuhören, wie er die Äste verbiegt, die kühle Brise auf deiner Haut spüren und den Duft verborgener Blumen sanft und sacht in deine Nasenlöcher einlassen. Du spürst und empfängst und nimmst diesen Wald in dich auf und genauso spürt und empfängt und nimmt er dich auch in sich auf. Ihr kommt beide von demselben Nichts und bewegt euch durch dasselbe All. Du bist ich und du bist du, du bist verschieden und doch gleichzeitig ein und dasselbe.

An einem Sonntagabend, als ich ungefähr sieben Jahre alt war, veranstalteten mein Vater, mein Bruder und ich eine kleine Feier zu Hause in Hawaii. Die Orte, an denen mein Vater wohnte, waren immer durch einen bestimmten Geruch charakterisiert und mit einem speziellen Gefühl verbunden. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er in den Siebziger- und Achtzigerjahren so stark unter dem Einfluss von Indien stand, aber auf jeden Fall gab es immer brennende Räucherstäbchen, deren Geruch sich mit dem von Marihuana und Haschisch vermischte. Dazu indische Musik im Hintergrund, mit exotischen Akkorden, Trommeln, melodischen Gesängen. Gläser rochen nach Gin, Limonen, Tonic und Rotwein, Rasierwasser und Feuerzeugbenzin. Gerösteter Knoblauch, angebrannter Curry, Holzschnitzereien und ganze Stapel alter Bücher – alles Gegenstände, die seit Jahren von diesen Gerüchen durchtränkt worden waren.

An diesem Abend war es schon sehr spät, deutlich nach Mitternacht, und am nächsten Tag mussten wir früh aufstehen, um mit meinem Vater zur Uni zu fahren. Wir hatten den ganzen Abend Karten gespielt und schließlich schlug mein Vater vor, albern und verspielt wie immer, auf die Straße zu gehen, um den Planeten Mars am Himmel zu suchen. Gerade als wir den roten Planeten durch die nebligen Wolken scheinen sahen, fing ein tropischer Regen an. Wir rannten zum Haus zurück und als wir an der Tür ankamen, hörten wir das rhythmische Klopfen der schweren Regentropfen auf dem Dach unseres einstöckigen Hauses.

Natürlich hatte mein Vater wieder den Schlüssel vergessen und wir waren aus dem Haus ausgeschlossen. Das war nicht das erste Mal, aber vorher war ich immer klein genug gewesen, um durch die Hundetür ins Haus hineinzukriechen und die Haustür von innen zu öffnen. Jetzt war ich aber nicht mehr fünf, sondern sieben, und ich passte nicht mehr durch die enge Öffnung hindurch. Daher versuchte mein Vater, das Schloss mit seiner Kreditkarte aufzumachen. Der einzige Erfolg war, dass die Alarmanlage losdröhnte.

»Es darf doch nicht wahr sein, du machst wohl Witze!«, rief mein Vater. Das »du«, zu dem er sprach, war wohl er selbst, und das »es« war das »es« in »es regnet«. Der Regen stürzte weiter herab und wir waren schon völlig durchnässt. So standen wir vor unserem Haus, um ein Uhr nachts. Der Alarm war so laut, dass wir auf die Straße zurückgingen, bis an die Ecke des Nachbargrundstücks. Der Regen wurde noch stärker, fast wie ein Monsun. Mein Bruder, der ein paar Jahre älter war als ich, fragte: »Was machen wir denn jetzt?« Mein Vater war völlig wach und gegenwärtig und hatte keine Ahnung, was zu tun war. Plötzlich rief er: »Okay, jan ken po«, was so viel bedeutete wie »Spielen wir eine Runde Schere, Stein, Papier«. »Ich verstehe nicht«, sagte ich, als mein Bruder und er tatsächlich anfingen, zu spielen. »Komm, Sebastian, spiel mit, einfach nur so«, sagte mein Bruder. Und diese Begründung ist so gut wie jede andere.

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