Kitabı oku: «Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern. Geschlechterrollen, Sexismus, Patriarchat, und Feminismus: Ein Buch über die Sozialisierung von Männern.»

Yazı tipi:

Sebastian Tippe

TOXISCHE
MÄNN
LICH
KEIT

Erkennen, reflektieren, verändern


Für Jamie und Laurin!

1. Auflage 2021

© 2021, edigo Verlag GmbH, Köln

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

www.edigo-verlag.de

ISBN 978-3-949104-01-5

eISBN 978-3-949104-04-6

Umschlaggestaltung: Irina Rasimus, Köln

Umschlagfotos: © Guenter Albers, Mix and Match Studio, Olivier Le Moal/shutterstock

Satz: Silvia Kretschmer, Düsseldorf

Druckherstellung: oeding print GmbH, Braunschweig

Die Zertifizierung mit dem V-Label garantiert ein 100 % veganes Druckprodukt.

Alle Bestandteile, wie Papiere, Farben, Lacke und Klebstoffe sind frei von tierischen Inhaltsstoffen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Christina Mundlos

1.Einführung in das Thema

1.1Einleitung

1.2Die soziale Konstruktion von Geschlecht

2.Wo zeigt sich toxische Männlichkeit?

2.1Männer als Gewalttäter

2.2Männer im öffentlichen Raum

2.3Männer am Arbeitsplatz

2.4Männer und Sexualität

2.5Männer in der Familie und Partnerschaft

2.6Männer und ihre Gesundheit

2.7Zusammenhang von Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus

3.Wie kann toxische Männlichkeit abgebaut werden?

3.1Selbstreflexion

3.2Männer als Gewalttäter

3.3Männer im öffentlichen Raum

3.4Männer am Arbeitsplatz

3.5Männer und Sexualität

3.6Männer in der Familie und Partnerschaft

3.7Männer und ihre Gesundheit

3.8Forderungen

3.9SHESPECT – Unterstützung für Frauen bei Hate Speech und Sexismus e. V.

3.10Gruppe „Toxische Männlichkeit – erkennen, reflektieren und verändern“

3.11Feministische Jungenarbeit

3.12Methodenbeispiele

4.Erfahrungsberichte

5.Perspektive

6.Literaturverzeichnis

„Toxische Männlichkeit, die mit Gewaltbereitschaft, Dominanzgehabe und Kriegstreiberei einhergeht, ist nicht die Natur des Mannes, sondern, wie wir heute aus der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung wissen, Ergebnis des Missbrauchs von Männern durch das Patriarchat, denn nicht nur Frauen werden durch das Patriarchat missbraucht, sondern auch viele Männer. Es ist Zeit, dass wir uns gemeinsam von den patriarchalen Gehirnwäschedogmen befreien.“

Kirsten Armbruster. Autorin, Naturwissenschaftlerin & Patriarchatskritikerin

„Männer gewinnen ihre Menschlichkeit zurück, wenn sie sich vom traditionellen beschränkenden Männerbild befreien, und können sich dann aufs Neue mit sich selbst verbinden, mit anderen Männern, mit Frauen, mit ihrem Partner, mit Kindern und mit der Welt.“

Jens van Tricht, Autor von „Warum Feminismus gut für Männer ist“, Gründer von Emancipator, Aktives Mitglied der ‚Steering Committee‘

„Frauen leben im Durchschnitt fünf Jahre länger als Männer. Allein dieser Umstand sollte eigentlich Argument genug dafür sein, sich auch aus männlicher Sicht mit dem Zusammenhang von Fürsorge, Care-Arbeit und Selbstsorge zu beschäftigen. Die durchschnittlich kürzere Lebenserwartung von Männern ist ein Problem, das wir angehen könnten, würden wir uns trauen, das aktuelle Männlichkeitsbild schon bei der Erziehung von Kindern infrage zu stellen. Es setzt auf Unabhängigkeit, Abenteuer und Coolness und vermittelt schon kleinen Jungen: Sei alles, bloß kein Mädchen! Empathie und Rücksichtnahme dagegen sei weiblich, so vermittelt nicht nur Werbung, die sich um Babynahrung oder Erkältungsmedizin dreht. Langfristig führt dieses Rollenbild dazu, dass Männer meinen, Schmerzen aushalten zu müssen bzw. nicht zugeben zu dürfen, dass sie infolge (zu) spät zu fachärztlichem Personal gehen, höhere Risiken eingehen und deshalb mehr Unfälle haben im Straßenverkehr und bei gewaltvollen Auseinandersetzungen. Anstatt Jungen andere Wege der Konfliktbewältigung oder des positiven Gefühlsausdrucks zu eröffnen, ihnen zu ermöglichen, Schwäche, Unsicherheit und Trauer zu zeigen, werden sie darin bestätigt, ein „echter Kerl“ zu sein“.

Almut Schnerring, Autorin von „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ sowie „Equal Care: Über Fürsorge und Gesellschaft“

„Das Patriarchat schadet allen Menschen – Frauen und Männern. Männer sind vordergründig Profiteure der einseitigen Machtverteilung. Das müssen sie auch reflektieren und lernen, sich zurückzunehmen, um sich von den Ideologien des Patriarchats zu befreien. Denn: Das traditionelle Bild des starken, ewig-potenten, erfolgreichen Mannes engt den Handlungsspielraum von Männern extrem ein. Nach wie vor fehlen für Jungen männliche Vorbilder, die ein vielseitiges Bild von Männlichkeit zeigen – zwischen den Abziehbildern des Superhelden und den angeblichen Opfern des Feminismus, die sich vor allem unter Väterrechtlern und Maskulisten zeigen. Dazu braucht es das Wissen um unsere vorpatriarchale Herkunft und unsere soziobiologische Veranlagung. Menschen haben nur aufgrund von Kooperation und Empathie in einer mutter- und damit lebenszentrierten (matrifokalen) Lebensweise so lange überleben können. Die massiven Probleme der heutigen Zeit wurzeln in der Entstehung des Patriarchats: Der Erkenntnis von Vaterschaft im Rahmen der Viehzucht vor ca. 6.500 Jahren. Dieser Zeitraum ist ein Wimpernschlag unserer Evolution, hat aber gereicht, uns an den Rand unserer Selbstzerstörung zu führen. Daher gehört auch Vaterschaft in der bis heute verherrlichten (sic!) und ideologisch verinnerlichten Form gehörig hinterfragt, damit wir wirklich tragfähige Konzepte des Zusammenlebens und Überlebens entwickeln können. Die heute noch auf wenigen Orten der Welt existenten matrifokalen Lebensgemeinschaften zeigen: Auch Männern geht es deutlich besser in dieser eigentlich unserer Veranlagung entsprechenden Lebensform. Gewalt – insbesondere geschlechtsspezifische Gewalt – existiert nicht, wenn Frauen wirtschaftlich dominieren. Die Menschen sind insgesamt glücklicher.“

Rona Duwe, Patriarchatskritikerin

Vorwort von Christina Mundlos

Toxische Männlichkeit durchzieht unsere Gesellschaft in sämtlichen Bereichen. Die Auswirkungen spüren Frauen täglich. Egal, ob sie auf dem Bürgersteig ausweichen müssen oder die Beförderung nicht bekommen, ob sie vergewaltigt, belästigt oder gestalkt werden, ob sie ihre eigenen Bedürfnisse verdrängen und die aller anderen befriedigen müssen, ob sie mal wieder zum Hepeating des Kollegen applaudieren sollen oder massiv von Altersarmut bedroht sind. Ich selbst habe so gut wie alle der toxischen Verhaltensweisen von Männern, die im Buch beschrieben werden, schon erlebt. Viele davon mehrfach täglich. Diese Zustände sind eben nicht nur strukturell bedingt, sondern werden täglich von Millionen von Männern mit ihrem Alltagshandeln hergestellt und bestätigt. Wir könnten hier von DOING TOXIC MASCULINITY sprechen.

Dieses Buch ist ein Wegweiser für Männer, die Unterstützung brauchen bei der Suche nach all ihren toxischen und sexistischen Verhaltensweisen und der Veränderung dieser. Insbesondere der erste Teil bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte toxischer Männlichkeit. Im zweiten Teil geht es dann ans Eingemachte: Männer werden zu einer „Entgiftungskur“ aufgefordert, die es in sich hat. An schlechten Tagen befürchte ich, dass man das Gift vermutlich nur noch mit einem sehr großen Bunsenbrenner wegflammen kann. An guten Tagen setze ich auf den Einfluss der wenigen radikalfeministischen Männer wie Sebastian Tippe. Das vorliegende Buch ist daher ein sehr guter Anfang. Schlussendlich zeigen die vielfältigen Erfahrungsberichte von Frauen und Männern, dass toxische Männlichkeit mitten unter uns ist.

Es mag für Männer ein heilsamer Schock sein, wenn ihnen beim Lesen des Buches und der Auseinandersetzung mit dem Ausmaß toxischer Männlichkeit das Lachen vergeht. Leserinnen sollten aber gewarnt sein: Es empfiehlt sich nicht unbedingt, das Buch am Stück zu lesen, denn die Fülle an Benachteiligungen und das Ausmaß der Gewalt gegen unser Geschlecht kann sehr aufwühlen und belasten. Auch wenn viele Aspekte toxischer Männlichkeit bekannt sind, ist es bedrückend und frustrierend, sich mit allen gleichzeitig zu befassen. Ich habe bereits selbst sieben Bücher über Sexismus und Diskriminierungen geschrieben und musste beim Lesen pausieren, da das gesamte Bild, das aus den einzelnen Puzzle-Teilen entsteht, erschreckend ist. Deshalb ist dieses Buch so bitter nötig. Sebastian Tippe hält mit seinem Buch Männern den Spiegel vor und bietet damit einen Blick auf die negativen Einflüsse von toxischer Männlichkeit auf unsere Gesellschaft, die die meisten wohl lieber verdrängen möchten.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch von vielen Männern gelesen UND beherzigt wird. Auch, wenn vielleicht die weiblichen Leserinnen überwiegen werden. Männer werden von Sebastian Tippe zum Umdenken ermutigt. Frauen könnte die Lektüre dazu anregen, ihre angestaute Wut in feministische Aktivitäten zu kanalisieren. Zudem kann es entlastend wirken, dass sich ein Mann hier derart deutlich solidarisch mit Frauen positioniert. Schließlich bleiben feministische Statements von Männern oftmals Lippenbekenntnisse – spätestens, wenn es um die eigenen Privilegien geht. Das wird beispielsweise auch am Thema Pornografie und Prostitution deutlich. Selten sind Männer bereit, auf das Privileg zu verzichten, einen Frauenkörper kaufen und benutzen zu können. Tippe positioniert sich aber auch hier klar und bereichert sein Buch mit einem Bericht von Huschke Mau.

Darüber hinaus sind vor allem auch die Tipps und Methoden für die Mädchen- und Jungenarbeit sehr wertvoll und sollten daher bei SozialarbeiterInnen, Schulen und Jugendämtern Beachtung finden.

Das Buch stellt einen sehr wichtigen Beitrag dar für die Problematisierung und das Aufbrechen der schädlichen typisch männlichen Verhaltensweisen.

Christina Mundlos

1. Einführung in das Thema
1.1 EINLEITUNG

Toxische Männlichkeit – der Begriff ist in aktuellen Diskursen über übergriffiges Verhalten von Männern und (sexuelle) Gewalt gegen Frauen durch Männer in den sozialen Netzwerken, in journalistischen Artikeln, aber auch in anderen Formaten wie in Podcasts, im Radio oder TV angekommen und wird kontrovers diskutiert. Seit der #metoo-Bewegung, die ihren Anfang mit dem Weinstein-Skandal Mitte Oktober 2017 nahm und eine weltweite Bewegung anstieß, im Rahmen derer Mädchen und Frauen erstmals öffentlich das enorme Ausmaß sexueller Belästigungen und sexueller Übergriffe/Vergewaltigungen sichtbar machten, werden patriarchale Strukturen, strukturelle Benachteiligungen von Frauen und Sexismus sowie Gewalt durch Männer mehr und mehr thematisiert.

Die Firma Gillette präsentierte 2019 einen Werbeclip mit dem Titel „We Believe: The Best Men Can Be“, der problematische Anteile männlicher Sozialisation aufzeigt. Auffällig sind die enormen Gegenreaktionen auf den Clip und die Kommentare in den sozialen Netzwerken von Männern, die sich vehement gegen die Kritik an dem Konstrukt „Männlichkeit“ wehren. Der Begriff „Toxische Männlichkeit“ wird von vielen als Angriff gegen sie selbst, ihre „Männlichkeit“ und ihre Identität verstanden und als „Kampfbegriff“ abgetan. Es wird in den aktuellen Diskursen deutlich, dass Männer sich als pauschaler Vergewaltiger an den Pranger gestellt fühlen. Vergewaltigungen stellen ein extremes Ausmaß des Kontinuums von toxischer Männlichkeit dar, denn natürlich sind nicht alle Männer Vergewaltiger. Das Kontinuum beginnt sehr viel früher und sehr viel differenzierter: bei alltäglichen Denk-, Verhaltens- und Präsentationsweisen. Und diese schaden nicht nur Frauen und anderen durch Männer diskriminierten Menschen, sondern auch ihnen selbst.

Es entsteht aktuell nach und nach ein gesellschaftliches Bewusstsein (mit enormen Gegenbewegungen) für alltägliche Situationen, in denen Männer toxisches Verhalten zeigen, bis hin zu der Erkenntnis, dass neben der Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen, Gewalt gegen Frauen inklusive den Themen Prostitution, Pornografie, „Pick-Up-Artists“ und Incels, Amokläufe, Religionen, rassistisch und antisemitisch motivierte Gewalt, Massentierhaltung, Klimazerstörung sowie Regierungsoberhäupter wie Donald Trump, Wladimir Putin oder der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un Symptome einer patriarchalen Welt und toxischer Männlichkeit sind.

Das Thema, das in der Soziologie und in der Geschlechter- und Frauenforschung kein neues ist, erhitzt nun die Gemüter unter dem Label „Toxische Männlichkeit“.

Die gewaltigen Gegenreaktionen auf das Video von Gillette und andere öffentliche Infragestellungen von Männlichkeit sind erschreckend: Der Clip vom 14. 01. 2019 wurde bis Anfang 2021 rund 36 Millionen Mal angesehen und erhielt auf YouTube 800.000 Likes gegenüber 1,6 Millionen Dislikes. Ähnliche Erwiderungen waren zu beobachten, als Hannover als erste große Stadt Deutschlands in ihren Behörden genderneutrale Sprache einführte und somit vom generischen Maskulinum abwich, bei dem bisher Mädchen und Frauen mitgemeint sein sollten, ohne jedoch explizit genannt zu werden. Offensichtlich fühlen sich Männer bedroht, wenn Männlichkeit und die Vorstellungen von Männlichkeit thematisiert und kritisiert werden. Seit dem antisemitisch motivierten Attentat in Halle (Saale) vom 9. Oktober 2019, bei dem der Täter unter anderem dem Feminismus die Schuld an seiner Situation gab, um somit sein Handeln zu legitimieren, werden zudem verstärkt die Parallelen zwischen rechten, antisemitischen und antifeministischen Einstellungen auch abseits des Hörsaals und wissenschaftlicher Literatur diskutiert.

Sehr deutlich wurde die Angst von Männern um ihre Vormachtstellung, als die 16-jährige Klimaaktivistin und das Gesicht der Fridays-For-Future-Bewegung Greta Thunberg ihre Rede auf der UN-Klimakonferenz in New York am 24. September 2019 hielt und die weltführenden Politiker und Politikerinnen fragte, wie sie es wagen könnten, die Welt zu zerstören („How dare you?“). Greta Thunberg wurde daraufhin im Netz beleidigt aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters, ihres Aussehens, ihrer Größe, ihrer Herkunft, ihrer Zöpfe – die in Verbindung mit der NS-Zeit gebracht wurden – oder ihres Asperger-Syndroms. Es wurden in den sozialen Netzwerken Vergewaltigungs- und Ermordungsfantasien gepostet und eine ihr nachempfundene Puppe mit einer Schlinge um den Hals wurde an einer Brücke in Rom aufgehängt. Die Angriffe gegen Greta Thunberg sind persönlich, und sie kommen vor allem von Männern.

Als im Jahr 2020 die Corona-Krise die Welt in einen Ausnahmezustand stieß, wurden patriarchale Strukturen deutlicher denn je: Das Erziehungs-, Betreuungs-, Pflege- und Gesundheitssystem sowie der Einzelhandel mit Nahrungsmitteln werden auch in der Krise fast ausschließlich von Frauen gestemmt. Diese ermöglichen erst, dass das gesellschaftliche Leben und die notwendigen Versorgungen und Betreuungen aufrecht erhalten werden – und dies, während Frauen völlig unterbezahlt sind. Parallel waren es ebenfalls Frauen, die flächendeckend ehrenamtlich kostenlos Masken nähten und ihre Arbeit, wenn möglich, ins Home Office verlegten, während sie sich zeitgleich um die Kinder kümmerten und ihnen Hausunterricht erteilten. Der Großteil der Väter ging wie gewohnt der Lohnerwerbstätigkeit nach – auf der Arbeitsstelle oder ebenfalls im Home Office, nur meist ohne sich um die Kinder zu kümmern, sie zu fördern und zu beschulen. Teilweise verlegten Väter ihr Home Office sogar in Hotels anstatt nach Hause. Die patriarchale Gesellschaft ließ zudem viele Frauen, die ohnehin hilflos und ungeschützt waren, allein zurück. Darunter fallen vor allem Mütter, Alleinerziehende – also ebenfalls in der Regel Mütter – sowie beispielsweise Prostituierte. Erschreckend waren zudem die gewaltige Zunahme von häuslicher Gewalt durch Männer sowie Femizide. Das Corona-Virus legte den Finger in die Wunde und offenbarte die hässliche Fratze des Patriarchats.

Ich möchte mit Hilfe des vorliegenden Buches zur Auseinandersetzung mit all den Problemen männlicher Sozialisation ermutigen. Durch Reflexionsprozesse können sehr viele der problematischen Verhaltens- und Denkmuster durchbrochen und verändert werden. Ausschlaggebend dafür ist die Einsicht, dass das eigene Männlich-geworden-Sein problematische Anteile besitzt und es sich lohnt, diese näher zu betrachten und an ihnen zu arbeiten, um sie mit neuen Handlungs- und Denkoptionen zu überschreiben. Dies ist anstrengend und erfordert sehr viel Reflexion und Durchhaltevermögen. Eine Gesellschaft auf Augenhöhe ohne patriarchale Strukturen und ohne Gewalt durch Männer ist aber nur erreichbar, wenn männliche Geschlechterstereotype aufgebrochen und dekonstruiert werden. Dies führt nicht nur zu einer gleichberechtigteren und gewaltfreieren Gesellschaft, sondern auch dazu, dass die Lebenserwartung von Männern steigt. Es muss dabei jedoch nicht erst bei erwachsenen Männern, sondern bereits im Erziehungs- und Bildungssystem angesetzt werden.

Ich möchte alle Männer und Jungen, pädagogischen Fachkräfte, Erziehende, Feministinnen und Feministen, Politikerinnen und Politiker sowie Interessierte dazu einladen, sich mit Hilfe des vorliegenden Buches der eigenen toxischen Anteile (und denen der anderen) bewusst zu werden, um daran zu arbeiten, diese zu verändern, Privilegien soweit wie möglich abzulegen, das patriarchal geprägte gesellschaftliche System zu hinterfragen, andere Männer zu sensibilisieren und Frauen im Kampf um Gleichberechtigung zu unterstützen.

Wir (Männer) werden niemals nachfühlen können, was es bedeutet, auf allen Ebenen strukturell benachteiligt und permanent sexualisiert und objektiviert zu werden. Der erste Schritt für uns ist daher die Anerkennung von toxischer, mit Privilegien einhergehender Männlichkeit im patriarchalen und kapitalistischen System. Es ist ein Anfang, wenn wir beginnen, Frauen zuzuhören, ohne uns angegriffen zu fühlen, ihre Realität nicht infrage stellen und sie auf dem Weg zu einer gleichberechtigen Gesellschaft begleiten.

Es wird sicherlich frustrierende Momente geben, Momente, bei denen sich Lesende angegriffen fühlen, bei denen beschriebene Zustände abgestritten werden und gesagt wird, dass dies so nicht zutreffen würde. Es ist wichtig, sich für die Veränderungsprozesse Zeit zu nehmen. Die Erfahrungsberichte von Männern und Frauen sowie von Expertinnen und Experten sollen auf diesem Weg unterstützen.

Anmerkung: Ich verwende im vorliegenden Buch zum einen geschlechtsneutrale Bezeichnungen, zum anderen spreche ich aber ebenso explizit von Männern und Frauen. Dies ist wichtig, um die gesellschaftliche patriarchale Schieflage, die an Geschlechterzuschreibungen geknüpft ist, benennen zu können. Zudem werden jegliche Statistiken (Gehalt, Gewalt usw.) nach der gesellschaftlichen Dichotomie erhoben.

Auch, wenn das Ziel ist, die Verknüpfung von biologischen Aspekten (die nicht immer eindeutig sind, jedoch existiert eine bimodale Verteilung von Clustering-Eigenschaften) und der Annahme, wie sich Menschen verhalten sollen, was sie leisten können, wen sie lieben dürfen etc., aufzulösen, so leben wir aktuell in einer binär-eingeteilten Gesellschaft, deren Machtmechanismen eben durch die Aufteilung Mann – Frau funktionieren. Diese müssen klar benannt werden, um sie dekonstruieren zu können.

Ein in der Zukunft liegendes Ziel ist es, Zuschreibungen an Geschlechter abzubauen, wohlwissend, dass es Menschen gibt, die Kinder gebären können und andere mit Penis, die einen Beitrag zur Zeugung leisten. Das Problem ist nicht, dass wir sie Mann und Frau nennen, sondern dass wir ihnen bestimmte Fähigkeiten zuschreiben und eine ganz spezielle Performance von ihnen erwarten.

All diese Vorstellungen von Geschlechtern führen nur zu eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten und Diskriminierung, Benachteiligung und Gewalt, jedoch nicht zu einer individuellen friedfertigen Entfaltung.

Ich wünsche auf dieser nicht einfachen Reise alles Gute.

Sebastian Tippe,

Hannover 2021

1.2 DIE SOZIALE KONSTRUKTION VON GESCHLECHT

Es gibt klare gesellschaftliche Erwartungen daran, wie „typische“ Männer und Frauen auszusehen haben, wie sie sich zu verhalten haben, was sie dürfen oder eben nicht dürfen und wozu sie fähig oder nicht fähig sind. Dieser Annahme liegt zu Grunde, dass bestimmte Attribute und Fähigkeiten naturgegeben an ein bestimmtes Geschlecht – entweder Mann oder Frau – gekoppelt und damit unveränderlich seien. Diese biologistische Argumentation ist mittlerweile wissenschaftlich hinreichend widerlegt. Aus der Soziologie und Geschlechterforschung ist bekannt, dass alle Menschen prinzipiell die gleichen Fähigkeiten besitzen oder erlernen können und vermeintliche biologische Unterschiede – von der Fortpflanzung abgesehen – kaum eine Rolle spielen. Carol Hagemann-White (1988, S. 224) verweist auf den „[…] erfolgreichen Nachweis, in der empirischen Forschung wie in der beruflichen und politischen Praxis, dass Mädchen und Frauen in der Tat über alle Fähigkeiten und Verhaltensweisen verfügen, die es bei Männern gibt“.

Geschlecht ist eine soziale Kategorie

Geschlecht wird daher im Folgenden nach Helga Bilden (vgl. 1991, S. 279 – 301) oder Raewyn W. Connell (vgl. 2000, S. 54 ff.) als soziale Konstruktion verstanden. Hagemann-White (1988, S. 229) konstatiert zudem: „Die Zweigeschlechtlichkeit ist zuallererst eine soziale Realität.“ Das bedeutet, dass alle Fähigkeiten, Kompetenzen, Denkmuster und Verhaltensweisen ausschließlich sozialisationsbedingt sind. Nicht die Biologie erschafft Männer und Frauen, sondern unsere Vorstellung davon erschafft sie. Das bedeutet aber auch, dass diese sozialen Kategorien veränderbar sind. Daraus folgt, dass auch toxische Männlichkeit sozial konstruiert und dementsprechend verändert werden kann und ablegbar ist. Bereits 1949 konstatierte Simone de Beauvoir (vgl. 2000 [1949]), dass Frauen nicht als Frauen geboren, sondern zu ihnen gemacht werden. Durch die Erkenntnis, dass nicht der menschliche Körper, also biologische Aspekte, sondern das soziale Miteinander unsere Geschlechteridentität produziert und reproduziert, entwickelten Candace West und Don H. Zimmermann 1987 das Konzept des Doing Gender (vgl. 1987, S. 125 – 151). Auch die Autorin Verena Brunschweiger (2013, S. 28 f.) schreibt dazu: „[…] hier ist alles fragil, veränderbar, man spricht auch vom „Doing Gender“, was den Konstruktionscharakter der Geschlechteridentität herausstellt: jede Handlung hat Einfluss darauf, nichts ist starr und unveränderlich, Männer und Frauen machen sich beständig durch ihre Alltagspraktiken zu als männlich oder weiblich erkennbaren Personen (oder werden dazu gemacht).“ Es wird dabei auch von Geschlechterrollen gesprochen. Der Berliner Autor Jochen König (2015, S. 41) führt dies wie folgt aus: „Dabei besagt der Begriff zunächst einmal nur, dass das, was eine Person in ihrer Unterhose mitbringt, noch nicht abschließend festlegt, wofür sich diese Person interessiert, was sie gut oder weniger gut kann und welche Rolle sie innerhalb einer Partnerschaft, innerhalb einer Familie und innerhalb der Gesellschaft zu erfüllen hat. […] Vieles ist ausgehandelt und wird tagtäglich neu verhandelt. Es lohnt sich also allemal, von Gender zu sprechen, von sozialen und nicht biologischen, eindeutig determinierten Geschlechterrollen.“

Die Vorstellung des Rollenspielens hilft dabei, die Konstruktion von Geschlechterstereotypen zu verstehen, wobei diese viel weitreichender ist: Rollen können leicht wieder abgelegt werden, doch Sozialisation ist in unsere Persönlichkeit, in unser Denken und Handeln eingeschrieben, und es bedarf weitaus umfassender Veränderungsprozesse, um sich davon zu lösen.

Darüber hinaus sind vermeintlich biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen zum einen nicht so groß, wie die meisten Menschen glauben, zum anderen sind diese auch gar nicht so eindeutig. Zudem sind innerhalb einer Geschlechtergruppe die Unterschiede viel größer als zwischen ihnen. Ein Beispiel dafür ist die Körpergröße von Menschen: Der durchschnittliche Unterschied zwischen Männern und Frauen beträgt 14 cm – Frauen sind in Deutschland durchschnittlich 1,66 m groß gegenüber 1,80 m bei Männern (vgl. Laenderdaten.info). Die Spannbreite zwischen großen und kleinen Frauen und zwischen großen und kleinen Männern hingegen ist um ein Vielfaches größer. Auch der Autor Jens van Tricht (vgl. 2019, S 71 – 75) verweist in seinem Buch „Warum Feminismus gut für Männer ist“ darauf, dass die Schnittmenge der Gemeinsamkeiten viel größer ist als die Unterschiede, die Unterschiede innerhalb jeder Geschlechtergruppe aber größer sind.

Geschlecht wird im englischsprachigen Raum anders als im deutschen – wenngleich eine solche Differenzierung auch in Deutschland zunimmt – unterteilt in Sex und Gender. Sex bezeichnet hierbei das biologische Geschlecht, während Gender die Geschlechtsidentität, also das soziale Geschlecht beschreibt sowie die damit verbundenen vermeintlichen Fähigkeiten, Kompetenzen, Präsentations- und Verhaltensweisen.

Anzumerken ist, dass das biologische Geschlecht unterschiedliche Ausprägungen aufweist: Brodda und Wellner (vgl. 1979, S. 93 – 126) weisen darauf hin, dass es neben den äußeren Geschlechtsmerkmalen weitere Aspekte zur Geschlechtsbestimmung, wie den Hormonspiegel, die Chromosomen, die inneren wie auch die äußeren Geschlechtsorgane gibt – die für den Großteil der Gesellschaft eine Zugehörigkeit ermöglichen, jedoch nicht für alle. Es ist sinnvoll, von einem bimodalen Clustermodell auszugehen, auf das beispielsweise die Philosophin Kathleen Stock (vgl. 2019) verweist: Eine Vielzahl unterschiedlicher physiologischer Merkmale bringen insgesamt betrachtet zwei Verteilungen hervor, woraus sich die Zeugungs- und Fortpflanzungsmöglichkeit ergibt. Dabei existieren unterschiedliche Ausprägungen, wobei es auch Menschen gibt, die nicht dem bimodalen Cluster entsprechen (intersexuelle Menschen).

Stock schreibt (2018): „Sex is not a spectrum. It’s a bimodal distribution of clustering properties with predictable, causally explicable outliers.“ Weiter führt Stock (2019) wie folgt aus: „That is, it’s determined by possession of most or all of a cluster of particular designated properties – chromosomal, gametic, hormonal and morphological – produced via endogenous biological processes. The vast majority of us have all of the designated properties for a given sex; a smaller number have most; a tiny number – much smaller than typically reported – have some of both. “

Intersexuelle Menschen sind biologisch nicht eindeutig dem einen oder dem anderen Geschlecht zuzuordnen.

Der Bundesverband Intersexuelle Menschen e. V. definiert Intersexualität wie folgt: „Der Begriff Intersexualität bezeichnet biologische Besonderheiten bei der Geschlechtsdifferenzierung. Intersexuelle Körper weisen deshalb Merkmale vom weiblichen und vom männlichen Geschlecht auf. Es handelt sich also um Menschen, deren geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an, hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen, der Hormonproduktion und der Körperform nicht nur männlich oder nur weiblich ausgeprägt ist, sondern scheinbar eine Mischung darstellt.“ (Bundesverband Intersexuelle Menschen e. V.)

Hagemann-White (vgl. 1988, S. 229) weist darauf hin, dass es nicht darum geht, Körperlichkeit zu unterschätzen, aber eine Bewusstseinsschärfung im Hinblick auf die sozial konstruierte Dichotomie wichtig ist. Auch weist sie darauf hin, dass nicht alle Frauen ihre Regel bekommen oder Kinder gebären können.

Eine gesellschaftliche Veränderung muss dahingehend weiter vorangetrieben werden, dass biologische Geschlechter nicht an Verhaltens-, Denk- und Präsentationsmuster geknüpft sind. Geschlechterrollen müssen dekonstruiert werden mit dem Ziel, dass sich Menschen unabhängig von ihrer Biologie und den damit einhergehenden Zuschreibungen frei entwickeln können. Dabei müssen Erwartungen an das vermutete Geschlecht aufgelöst werden.

Aktuelle neurowissenschaftliche Untersuchungen der Professorin Gina Rippon (vgl. Rippon 2019) zeigen zudem, dass die Gehirne von Männern und Frauen kaum Unterschiede aufweisen. Männliche Gehirne sind größer, da Männer ohnehin durchschnittlich größer als Frauen sind. Jedoch kann an einem Gehirn nicht erkannt werden, ob es zu einem Menschen mit Penis oder einem Menschen mit Vulva gehört. In einem Interview konstatiert Rippon (Spencer 2019): „There’s nothing which I have found that would allow you to compare two brain images and say, ‚well that’s a man and that’s a woman‘. It’s not physically possible to say there is a male or female brain.“

Die Erkenntnis, dass unsere Gehirne identisch sind, ist höchst interessant – auch im Hinblick auf trans Menschen, wie Rippon weiter erklärt: „I have had transgender individuals or individuals wishing to transition asking if we can scan them – for instance, a man saying can you prove I have a female brain so I have a case for my transition. It doesn’t work at that level.“

Diese Ergebnisse bestätigen den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Soziologie und Geschlechterforschung, dass das, was wir unter sozialen Geschlechterrollen verstehen, eine soziale Kategorie darstellt und somit veränderbar ist. Dies bedeutet, dass auch toxische Anteile überschreibbar und veränderbar sind.

Rippon erklärt zudem, dass das soziale Miteinander auch soziale Wirklichkeiten konstruiert, die dann wiederum Auswirkungen auf unser Gehirn haben: „If you have an expectation of somebody, what we now know is it will change how the person views themselves, it will change the experiences the world exposes them to, like giving boys and girls different toys to play with, and it will change the attitudes that people have of those individuals. The type of games you play will change your brain. We know that from judo and juggling to violin and keyboard playing. By definition, moving the body differently according to the demands of the skill you are acquiring will change the brain. So not playing football will have a direct effect on the brain. But making sure we are doing the right things to stay part of our social group is also an important driver.“ Es wird, wie Rippon weiter ausführt, ein Zusammenhang zwischen vermeintlich männlichen und weiblichen Gehirnen und geschlechtsspezifischen Fähigkeiten hergestellt, um eine Vormachtstellung von weißen Männern zu konstruieren: „The idea of the gendered brain comes from the 19th century, says Prof Rippon, and it was used to prove the superiority of ‚white, upper class men‘ and justify their actions.“

In diesem Zusammenhang der biologischen Betrachtung ist die Erkenntnis bemerkenswert, dass auch Männer Milchdrüsen besitzen. Sie sind nicht so ausgeprägt wie die von Frauen, können aber theoretisch Milch produzieren (vgl. Fem 2019a). Unter Zugabe von Hormonen kann die Milchproduktion bei Männern (und Frauen) ausgelöst werden. Dies wird induzierte Laktation genannt (vgl. Seelig). Diese Erkenntnis stellt das Verständnis von Frauen, die ihre Kinder mit Muttermilch versorgen können, und Männern, die dies nicht können, auf den Kopf. Daraus resultiert auch die Frage, ob es zu einem anderen früheren Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte gängig war, dass Männer ebenso ihre Kinder mit Milch versorgten wie Frauen, ihre Milchdrüsen aber im Laufe der Jahrtausende verkümmerten, da die Aufgabe des Stillens ausschließlich auf Frauen übertragen wurde und sich der Körper der Männer dementsprechend veränderte.

Auch aktuelle archäologische Funde widerlegen unsere Vorstellung, dass Männer ausschließlich Krieger und Frauen schon immer für Kinder zuständig waren. Beispielsweise wurde eine 1878 in einem Grab gefundene Leiche – aufgrund der beigefügten Waffen als männlich zugeordnet – 2017 nach 139 Jahren als weiblich identifiziert und somit als eine Anführerin der WikingerInnen (vgl. Patalong 2017). Die Patriarchatskritikerin, Naturwissenschaftlerin und Doktorin Kirsten Armbruster weist darauf hin, dass Männer in der Steinzeit eben nicht die familienernährenden Jäger gewesen sind, wie es jedoch die gängige Auffassung ist (vgl. Armbruster 2013, S. 30). Vielmehr ist heute bekannt, wie es Armbruster beschreibt, dass Frauen „vor der Sesshaftigkeit durch das Sammeln von wildwachsenden Pflanzen, Nüssen, Früchten und durch das Stellen von Fallen für Kleintiere für den größten Teil der Nahrungsbeschaffung zuständig waren.“ Die menschliche Geschichte, die durch einen männlichen patriarchalen Blick dokumentiert und interpretiert ist, muss daher neu bewertet werden.

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1985, S. 200) schreibt: „Wir messen die Leistung und die Gesinnung, die Intensität und die Ausgestaltungsformen des männlichen und des weiblichen Wesens an bestimmten Normen solcher Werte; aber diese Normen sind nicht neutral, dem Gegensatz der Geschlechter enthoben, sondern sie sind selbst männlichen Wesens.“

Ich möchte an dieser Stelle noch ein interessantes Beispiel aus einem Gespräch mit einem Bekannten zur sozialen Konstruktion von Geschlecht anfügen. Mein Bekannter sagte zu mir: „Es ist völlig klar, aus welchem Grund Polizisten fast ausschließlich Männer sind.“ Ich fragte erstaunt nach seiner Begründung. Er erklärte mir: „Das kommt aus der Geschichte der Menschheit. Männer mussten früher in der Steinzeit ihre Frauen und Kinder beschützen, weil sie halt biologisch stärker sind. Daher sehen auch heute noch Menschen instinktiv Männer als Beschützer – und Frauen eben nicht. Daher sind Polizisten männlich. Wir suchen uns automatisch diejenigen, von denen wir erwarten, dass sie uns beschützen können.“

Diese abenteuerliche Erklärung ist leider keine Einzelmeinung, sie zielt auf besagte vermeintliche biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen ab und blendet die soziale Konstruktion und auch die Wandlungsfähigkeit von Geschlecht völlig aus.

Geschlechterstereotype

Kinder werden bereits vor der Geburt in Schubladen gesteckt. „Was wird es denn?“ ist eine der Fragen, die werdenden Eltern – vor allem Müttern – sehr häufig gestellt wird. Schon zu diesem Zeitpunkt werden Geschlechterstereotype produziert: „Es ist so unruhig und wild, es wird wohl ein Junge“, ist eine häufig verwendete Floskel. „Dein Kind scheint so ruhig zu sein. Das wird bestimmt ein Mädchen.“

Kinder kommen ohne eine Geschlechteridentität auf die Welt. Sie wissen nicht, wie sich ein „richtiger Junge“ oder ein „richtiges Mädchen“ in unserer Gesellschaft zu verhalten haben und was von ihnen erwartet wird. Zu diesem Zeitpunkt stehen ihnen noch alle Möglichkeiten und Chancen einer freien Entwicklung offen. Die Prägung durch geschlechterstereotype Vorstellungen beginnt bereits, bevor das Kind auf die Welt kommt: Kinderzimmer werden in rosa und blau eingerichtet, und es wird blaue und rosa Kleidung gekauft – dies ist für das Kind jedoch völlig irrelevant. Interessant ist, dass bis weit in das 20. Jahrhundert hinein rosa die Farbe der Jungen (vgl. Süddeutsche Zeitung 2012) und blau die der Mädchen (vgl. Heine 2011) gewesen ist. Der Kapitalismus spielt dabei eine wichtige Rolle: Familien, die mehr als ein Kind bekommen, kaufen Kleidung bei unterschiedlichen Geschlechtern mehrfach: einmal in blau und einmal in rosa. Aber auch die Arten der Spielzeuge unterscheiden sich: Jungen bekommen sehr viel häufiger technische und aktive Spielzeuge geschenkt (zum Beispiel Autos), während Mädchen eher passive Spielzeuge (beispielweise Puppen) geschenkt bekommen, die sie sehr früh in die Care-Rolle zwängen.

Michael Meuser, Professor der Soziologie der Geschlechterverhältnisse von der TU Dortmund, (vgl. Döge, Meuser 2001, S. 15), schreibt zum Thema Aktivität vs. Passivität: „Soziale Unterschiede sind nach der Unterscheidung männlich/weiblich codiert. Der weiblichen Welt des Innen und des Passiven steht die männliche des Außen und des Aktiven gegenüber. Alle sozialen Beziehungen werden im geschlechtlichen Code erfasst.“ Es ist hilfreich, sich das einmal bildlich vorzustellen: Wir nehmen zwei Schubladen und schreiben auf die eine „Junge“ und auf die andere „Mädchen“, die anderen unzähligen Schubladen lassen wir abseits liegen und ignorieren sie. Dann werfen wir dort bereits vor der Geburt Vieles hinein: In die eine Kiste werfen wir Action-Figuren, Waffen, blaue Strampler, die Jahreskarte für den Karateverein neben einen Fußball, einen Freifahrtschein für übergriffiges Verhalten, die Bewerbung für die Ausbildung als KFZ-Mechaniker oder Manager und eine Karte, auf der steht: „Um uns und um unsere Gefühle brauchen und sollten wir uns nicht so sehr kümmern“. In die andere Schublade werfen wir den pinken Strampler, Puppen, Küchenspielzeug, Glitzer, Schminke, ein Pony, Kleider, die Bewerbung als Erzieherin und schreiben „fürsorglich, liebevoll, empathisch und allzeit bereit“ auf eine Karte. Diese Schubladen sind eigentlich keine Schubladen, sondern ein Gefängnis, beziehungsweise ein Korsett, in dem Menschen ihr Leben lang herumlaufen. Auch existieren für die meisten Menschen nur diese beiden Schubladen, die kaum verlassen werden können. Wer aus diesen Schubladen ausbricht, wird sanktioniert. Trägt der Junge ein Kleid, schminkt sich oder geht mit lackierten Fingernägeln in die Schule, bekommt er dies augenblicklich negativ zu spüren. Tritt ein Mädchen selbstbewusst auf, sagt seine Meinung und spielt gerne Fußball, dann wird ihm das Mädchensein abgesprochen. Wobei auch hier Unterschiede in der Bewertung gemacht werden: Sagt eine Frau auf der Arbeit ihre Meinung, ist sie unbequem und zickig, macht dies ein Mann, dann ist er durchsetzungsstark und eine Führungspersönlichkeit. Benennt ein Mann seine Gefühle, wird er als „Mädchen“ verhöhnt.

Ich möchte dazu ein Beispiel aus meiner Arbeit aus den stationären Hilfen zur Erziehung nennen: In der Wohngruppe lebte ein Mädchen. Wir nennen sie hier einmal Pia. Pia spielte sehr gerne Fußball. Sie trainierte oft, unter anderem mit Jungen. Sie spielte in einem Verein und wollte an Turnieren teilnehmen. Pia war zudem sehr selbstbewusst, ließ sich nicht unterkriegen, hatte des Öfteren mit Jungen körperliche Auseinandersetzungen, verstand sich mit den meisten anderen Mädchen der Wohngruppe nicht besonders gut, und sie hatte eine etwas tiefere Stimme, als wir es von Mädchen gewöhnt sind. Daraufhin gab es hitzige Diskussionen des pädagogischen Fachpersonals in Teamsitzungen. Es wurde versucht, Pia in die Schublade „Mädchen“ zu zwängen, doch sie schien nicht in diese zu passen. Somit kamen die pädagogischen Fachkräfte zu dem Schluss, dass es einen ganz einfachen Grund für das „merkwürdige Verhalten des Mädchens“ geben müsste: Sie war eigentlich ein Junge. Ein Mädchen im falschen Körper. Diese Situation macht deutlich, wie schwer es Menschen fällt, sich von den Vorstellungen von Geschlechterstereotypen zu lösen. Einem Mädchen wird eher das Weiblich-Sein abgesprochen, als dass es akzeptabel ist, dass sie einfach Interesse an Fußball hat, aus Geschlechterzuschreibungen ausbricht und sich nicht unterordnet, sondern selbstbestimmt ihre Meinung und Interessen vertritt.

In der aktuellen Diskussion wird deutlich, dass der biologische Anteil, den ein Mann für eine Befruchtung leistet, enorm gering ist. Zudem ist unsere Gesellschaft auf das Modell Kleinfamilie geeicht. In populär-wissenschaftlichen und rechten Publikationen wird argumentiert, dass Jungen ein männliches Vorbild benötigen würden, um ein „richtiger Mann“ zu werden. Damit werden gleichgeschlechtliche Paare und Alleinerziehende diskriminiert; es wird ihnen die Fähigkeit zu einer liebevollen und guten Erziehung abgesprochen. Dabei zeigen Studien ein ganz anderes Ergebnis: Christina Mundlos (2017a, S. 153) schreibt bezugnehmend auf die Ergebnisse der Studie „Gender Role Differences in College Students from One- and Two-Parent-Families“: „Bei einer amerikanischen Studie, in der Jugendliche untersucht wurden, die in Ein-Eltern-Haushalten aufwuchsen, stellte sich heraus, dass diese Kinder weniger stark zu geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen neigten. Mädchen wurden als unabhängiger beschrieben und Jungen als sensibler, als dies in traditionellen Familien mit Mutter und Vater der Fall war. Wenn Kinder also nicht in einer herkömmlichen Mutter-Vater-Struktur aufwachsen, gibt es für sie keinen Grund anzunehmen, es gäbe Eigenschaften, die eher weiblich oder eher männlich wären. Ganz selbstverständlich erleben sie ja in ihrer eigenen Familie, dass ein Geschlecht alle Aufgaben und Funktionen abdecken kann. Dass Kinder sich also weniger stark genötigt sehen, in eine gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrolle passen zu müssen und alle ihre charakterlichen Anteile ausleben können, kann als Vorteil gesehen werden – ganz sicher aber stellt es keinen Nachteil dar.“

Definition Sexismus

In diesem Zusammenhang ist der Begriff Sexismus wichtig. Er ist omnipräsent und Teil patriarchaler Denkstrukturen. Sexismus beschreibt nach Dietrich Becker-Hinrichs und Renate Wanie (vgl. 1991) die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die von einem ungleichen sozialen Status von Männern und Frauen ausgeht.

Mundlos (2017b, S. 36) schreibt: „Sexismus erfolgt individuell, kulturell oder institutionell; es geht um (negative) Bewertungen von Personen aufgrund ihres Geschlechts; diese Bewertungen bewirken (auch wenn dies nicht unbedingt die Intention sein muss), dass der ungleiche Status von Männern und Frauen aufrechterhalten wird.“

Beispielsweise ist die Annahme sexistisch, dass Frauen, einfach weil sie Frauen sind, „in die Küche gehören würden“ – es wird suggeriert, dass die Arbeit in der Küche eine reine „Frauensache“ wäre und Frauen daher keine Karriere machen könnten. Es ist jedoch nicht automatisch sexistisch, eine Frau in Unterwäsche abzudrucken, wenn die Unterwäsche damit beworben wird – doch kann auch diese Darstellung sexistisch sein, wenn damit das Schönheitsdiktat reproduziert wird. Es ist aber sexistisch, wenn das beworbene Produkt überhaupt nicht damit in Zusammenhang steht, die Frau aber in Unterwäsche abgebildet wird. Ein Beispiel wäre hier das Bewerben eines Motorrads mit einer Frau in Unterwäsche. Sexistische Werbung kann auf unterschiedlichen Plattformen gemeldet werden. Beispiele hierfür sind die Seiten des deutschen Werberats, abrufbar über www.werberat.de, sowie die Seite werbemelder.in. Zudem kann sexistische Werbung auf der Seite der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e. V. eingereicht werden (www.frauenrechte.de/unsere-arbeit/themen/frauenfeindliche-werbung/der-zornige-kaktus). Jedes Jahr wird der Negativ-Preis, der „Zornige Kaktus“ verliehen.

Das Erkennen der Verschränkungen von Sexismus, patriarchalen Strukturen und männlicher Sozialisation/toxischer Männlichkeit ist entscheidend für das Verständnis dafür, wie die hierarchischen gesellschaftlichen Machtstrukturen funktionieren und Mädchen und Frauen benachteiligen, objektivieren, sexualisieren und den Weg für Gewalt an Frauen ebnen. Dies wird durch das Durchdringen und Verstehen der folgenden Kapitel Stück für Stück aufgeschlüsselt und greifbarer.

Definition Diskriminierung

Es muss unterschieden werden zwischen der rechtlichen Definition von Diskriminierung und der soziologischen (vgl. Mundlos 2017b, S. 31 f.): Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes definiert Diskriminierung nach der Formel: „Diskriminierung = Benachteiligung + geschützte Diskriminierungskategorie + kein sachlicher Grund“. Mundlos (ebd.) verweist auf die Problematik, „dass diese Definition mit einem speziellen rechtlichen Bezugsrahmen arbeitet. Denn es handelt sich hierbei nur im Falle einer Benachteiligung aufgrund einer der vom AGG als geschützt beschriebenen Diskriminierungskategorien auch um eine Diskriminierung im juristischen Sinne. Es wird also lediglich die Frage beantwortet, was der Gesetzgeber aus rechtlicher Sicht als Diskriminierung erachtet. Diese Begriffserklärung ist daher keine überzeitliche und kulturell unabhängige Definition.“

Mundlos (ebd.) verweist auf die soziologische Definition des Wörterbuchs der Soziologie (2002): „[Diskriminierung] ist eine Ungleichbehandlung aufgrund bestimmter sozialbedeutsamer (Kollektiv-)Merkmale, wie rassisch-ethnische, nationale, religiöse Zugehörigkeit, Köpermerkmale (Hautfarbe, Behinderung), Geschlecht, Alter, soziale oder regionale Herkunft. […] [Negative Diskriminierung ist] die Benachteiligung sozialer Kategorien durch die Einschränkung oder Verweigerung von Zugängen (z. B. zur politischen Macht, zu Bildungseinrichtungen, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt […]).“

Ich schließe mich der Auffassung an, dass die weiter gefasste Definition sinnvoll ist, um alle Formen von Benachteiligungen und Diskriminierungen zu erfassen. Beide Definitionen sind zwar wichtig, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass eine unter die Kriterien der Antidiskriminierungsstelle fallende Diskriminierung ebenfalls von der soziologischen Definition erfasst wird. Problematisch wird es für Betroffene, wenn sie rechtlich gegen Diskriminierungen vorgehen wollen, die jedoch nicht vom AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) abgedeckt sind.

Definition von Männlichkeit

Um patriarchale Strukturen und toxische Männlichkeit besser verstehen zu können, ist es hilfreich, männliche Sozialisation und ihre Entstehung zu betrachten. Hegemoniale Männlichkeit und damit verbundenes toxisches männliches Verhalten hat seinen Ursprung im Patriarchat. Das Patriarchat entstand, wie Armbruster (vgl. 2013, S. 12) konstatiert, im Metallzeitalter (Kupfersteinzeit/Chalkolithikum) im Zuge des Pflugackerbaus (4.500 Jahre v. u. Z.) sowie der Pferdedomestikation (4.000 Jahre v. u. Z.). Das Männerbild, wie wir es heute kennen, entstand am Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung – die Trennung zwischen Lohnerwerbstätigkeit und Haushalt sowie Kindererziehung gab es in Bezug auf die Geschlechter in dieser Zeit nicht. Männer und Frauen arbeiteten, wie es Mundlos (vgl. 2013, S. 21) beschreibt, als sogenannte Produktionseinheit bei der Bewirtung des Hofes und des Landes zusammen. Dies änderte sich im Zuge der Industrialisierung und des Hochkapitalismus. Es entstand das aktuelle, das traditionelle Männerbild. In diesem Zuge verschob sich auch die Familienzusammenstellung von der Groß- zur Kleinfamilie. Die entstandene Trennung von Lohnerwerbstätigkeit und Haushaltstätigkeiten sowie Care-Arbeit nahm damit eine entscheidende Wende, die bis heute unsere Gesellschaft bestimmt, Frauen damit in finanzielle und rechtlich abhängige Positionen drängt und Männer emporhebt – und gleichzeitig toxische Männlichkeit nährt, produziert und reproduziert.

Armbruster (2010, S. 18) fasst unsere patriarchale Gesellschaft wie folgt zusammen: „Tatsache ist, dass die Erde in der heutigen Zeit, bis auf ein paar Alibifrauen, von Männern geführt wird. Diese geschlechtsspezifische Einseitigkeit, in Form einer patriarchal-männlichen Dominanz, führt zu einer Schieflage unserer Gesellschaft. Und diese patriarchal-männliche Dominanz finden wir ja in der heutigen Gesellschaft wirklich überall. Überall auf der Welt sind Patriarchen in Führungspositionen: In den Theologien, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Kriegsführung. Das Kapital liegt fast ausschließlich in den Händen von patriarchalen Männern, patriarchalen Männern gehört das Land. Und das Ergebnis von dieser patriarchal-männlichen Dominanz ist, dass das menschliche Leben, und das vieler anderer Spezies auf der Erde massiv bedroht ist. Probleme, wie ein von Menschen verursachter Klimawandel mit all seinen Auswirkungen, eine Versorgung mit sauberem Wasser, weltweit ein zu hohes Bevölkerungswachstum, viele Kriege militärischer und wirtschaftlicher Art, unser Finanzdesaster, das durch übermäßige Gier und damit verbundene Spekulationen ausgelöst wurde: All das sind Probleme, die uns hinlänglich bekannt sind und, wenn wir weiter hingucken, wissen wir auch, dass diese Probleme eben durch diese, heute weltweit herrschende, patriarchal männliche Dominanz bedingt sind.“ Guido Zurstiege (vgl. 2001, S. 201) schreibt: „In einer patriarchalen Gesellschaft ist es eben normal, Mann zu sein“.

Um nun Männlichkeit und männliche Sozialisation zu definieren, zu verorten und greifbar zu machen, ist zunächst bedeutsam, dass es nicht die eine Männlichkeit gibt. Männlichkeit beschreibt ein Kontinuum von möglichen sozialisationsbedingten Denk-, Verhaltens- und Präsentations-/Performancemustern. Bestimmte Muster sind jedoch übergeordnet feststellbar – beispielsweise ein überdurchschnittliches Konkurrenzdenken, der Wettkampf unter Männern oder die Abwertung von Frauen. Männlichkeit entsteht im Sozialisationsprozess durch unterschiedliche Aspekte. Einer dieser Aspekte besteht in der Abgrenzung: Männlich zu sein bedeutet auf der einen Seite nicht schwach und auf der anderen Seite stark zu sein (vgl. Heimvolkshochschule: Alte Molkerei Frille 1988, S. 65 ff.). Da Weiblichkeit gesellschaftlich als schwach bewertet wird (wir kennen die Formulierung des angeblich starken und schwachen Geschlechts) bedeutet dies für die Jungen, nicht weiblich sein zu dürfen oder so zu wirken. Der französische Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu (vgl. 1997, S. 215) konstatiert, dass Männlichkeit immer in Abgrenzung gegenüber Frauen und anderen Männern verstanden werden muss, wobei Männer diejenigen sind, die gegenüber Frauen dominieren wollen. Schnerring und Verlan (2014, S. 119) schreiben dazu: „‚Warmduscher‘, ‚Weichei‘, ‚Schwächling‘, ‚Muttersöhnchen‘ – Jungen lernen früh, dass es wichtig ist, sich von dem, was als weiblich gilt, zu distanzieren.“

Jungen spalten sehr früh grundlegende und wichtige Eigenschaften ab, die heute als vermeintlich weiblich gelten: Fürsorge, Selbstfürsorge, liebevoller Umgang, Empathie sowie ein gesunder Zugang zu den eigenen Gefühlen und der Umgang damit (vgl. Tippe 2019d). Jungen nutzen Bewältigungsstrategien wie Aggressionen und richten sie gegen andere, indem beispielsweise Hilflosigkeit abgespalten und auf andere übertragen wird (Externalisierungsprozesse) – die anderen werden zum Sündenbock gemacht (vgl. Schnerring/Verlan 2014, S. 121, bezugnehmend auf Böhnisch). Jungen verlernen (oder lernen erst gar nicht), „sich zu öffnen und mitzuteilen“ (ebd.). Aus den Erwartungen an die männliche Geschlechterrolle können fehlende Empathiefähigkeit und fehlender Kontakt zu anderen resultieren, sowie Bewältigungsstrategien wie Action, Handeln, Kontrolle und Gewalt als Lösungsstrategie anstelle von emotionalem und kommunikativem Austausch (vgl. ebd.)

Dieter Baacke (1993, S. 845) schreibt: „[…] und gleichzeitig entsteht eine Furcht des Mannes vor der Verbindung der Frau als einer Fremden, die durch Empfängnis und Gebären unmittelbaren Bezug zur Natur hat. Damit bleiben der Frau die Ursprünge menschlicher Emotionen zugänglich, während der Mann früh lernt, diese zu unterdrücken und die Beschäftigung mit sich selbst und dem eigenen Körper zu vermeiden durch Externalisierung. Der Gebärneid des Mannes gegenüber der Frau wird kompensiert durch Intelligenzleistungen, Rationalität, Veräußerung der spontanen Antriebe in die Organisation gesellschaftlicher Zustände in Form von Machtausübung und Gewalt.“ Böhnisch und Winter (Baacke 1993) konstatieren, dass der Ausdruck von Gefühlen als weiblich eingeordnet wird, was insofern problematisch ist, da Jungen Gefühle unterdrücken und somit nur einen mangelnden Selbstbezug erworben. Es wird daraus resultierend kein gesunder Umgang mit Ablehnung, Frustration oder Misserfolg erlernt. Weitere Komponenten der männlichen Sozialisation bestehen darin, dass Jungen kein Opfer sein dürfen und auch nicht „anders“ sein sollen – zum Beispiel transsexuell oder queer –, dass Jungen nicht hilflos wirken und nicht behindert/beeinträchtigt sein sollen sowie nicht homosexuell sein oder so wirken dürfen (vgl. Mannigfaltig e. V. 2007, S. 49).

In der pädagogischen Jungenarbeit wird bezüglich männlicher Sozialisation meist auf den Teilaspekt der Abgrenzung zu Weiblichkeit verwiesen. Es wird dabei völlig ausgeblendet, dass es für Jungen und Männer sehr lukrativ ist, in einer patriarchalen Gesellschaft männlich zu sein und männlichen Geschlechterstereotypen zu entsprechen, da sie allein durch das Vorhandensein eines Penis und ihrer männlichen Präsentation Privilegien erhalten, die Frauen verwehrt bleiben.

Jungen lernen, dass sie über Mädchen und Frauen stehen, aber auch über homosexuellen, transsexuellen, transgender, queeren, nonbinary oder intersexuellen Menschen sowie Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, vermeintlich Schwachen wie wohnungslosen oder körperlich unterlegenden Menschen etc. und allen, die nicht dem „männlichen Ideal“ entsprechen. Dazu gehören auch die soziale oder regionale Herkunft, das Alter oder das Gewicht. Sie eignen sich an, dass ein „richtiger Mann“ vor allem stark und hart ist, sich nimmt, was er will und immer weitermacht, selbst dann, wenn er eigentlich nicht mehr kann, dass es nicht so wichtig ist, sich um sich selber und die eigenen Bedürfnisse und Gefühle oder die anderer kümmern. Sie wollen unfehlbar, unbesiegbar, aber niemals hilflos oder überfordert, immer der Beste sowie permanent erfolgreich sein und das Sagen haben. Ihnen sollen die Frauen zu Füßen liegen, und sie wollen besonders und überragend sein, die Kontrolle haben und (sexuell) leistungsfähig sowie zeugungsfähig sein.

Selbst gesetzte Ziele sollen durch einen festen Willen auch unter ungünstigen Bedingungen erreicht werden – dahinter steht die problematische Annahme, dass jeder Mann ein „echter Kerl“ werden kann oder es selber verschuldet hat, wenn er dieses Ziel nicht erreicht (vgl. Meuser 2001, S. 229).

Der Autor Jens van Tricht (2019, S. 19 f.) stellt geschlechterspezifische, sozial konstruierte Stereotype einander gegenüber:


Männlich Weiblich
hart weich
rational emotional
stark schwach
kompetitiv verbindend
überzeugen verstehen
arbeiten versorgen
penetrieren empfangen
sprechen zuhören
wissen fragen
tun sein
Macht Ohnmacht

Jungen lernen ihre als unmännlich geltenden Unsicherheiten und Emotionen zu verdrängen und zu ignorieren. Die daraus resultierenden Ambivalenzen sind ein perfekter Nährboden für Gewalt, Wut, Aggressionen und Gewalt gegen sich selbst und gegen andere.

Jens van Tricht (2019, S. 113 ff.) schlüsselt den Teilaspekt der permanenten sexuellen Bereitschaft von Männern im patriarchalen Geschlechterkontext, bei dem sich mehrere der genannten Aspekte männlicher Sozialisation miteinander verschränken, wie folgt auf: „Der bloße Besitz eines Penis reicht vielen Männern noch nicht. Er muss auch eine Erektion bekommen können. Und mit besagter Erektion müssen Männer schließlich etwas tun. Sex haben, und zwar nicht einfach irgendeinen Sex, sondern Heterosex. Und damit sind wir noch nicht am Ende der Forderungen. Es muss schon richtiger Beischlaf sein, also mit Penetration. Alle anderen Formen des Heterosexes werden doch in erster Linie als ‚Vorspiel‘ für das eine, das richtige, das wirklich Männliche gesehen. Und damit nicht genug, denn auch wenn gevögelt wird, müssen Männer darin eine aktive Rolle spielen. Ein Mann wird nicht gevögelt. Ein Mann vögelt! […] Männlichkeit als Konstrukt, als Performance, als Idee, der wir alle dauernd Gestalt, Inhalt und Bedeutung verleihen, ist eng mit dem gesellschaftlichen Verständnis von (Hetero-)Sexualität verbunden. Männer bekommen, was Frauen und Sex betrifft, eine simple Botschaft mit auf den Weg: Wenn du mit einer Frau zusammen bist, musst du immer Lust haben. Wenn du Lust auf Sex hast, musst du immer einen Steifen bekommen. Wenn du einen Steifen hast, muss immer penetriert werden. Und dafür braucht ein Mann dann – in vielen Fällen – eine Frau. Aber was tun, wenn er zwar Lust auf Sex hat, sie aber nicht? Keine Lust auf Sex zu haben, wird dann zu einem Problem gemacht, da Lust auf Sex zu haben schließlich die (männliche) Norm ist.“

Dabei steht die männliche Befriedigung im Zentrum, aber nicht die Befriedigung der Frau oder eine gleichberechtigte befriedigende Erfahrung. In den Kapiteln über Männer und Sexualität wird dies weiter vertieft.

Schnerring und Verlan (2014, S. 119) konstatieren: „Ein Zusammenspiel von Bildern in Werbung und Fernsehprogramm, Spielzeugauswahl, Aufschriften auf T-Shirts, Kommentare beim Essen und vieles mehr halten das Klischee des starken Mannes am Leben. Die Verbreitung verzerrter und unrealistischer Männermodelle führt dazu, dass mit einem gesunden Männerkörper fast ausschließlich Fitness, Kraft und Ausdauer verbunden werden, eben alles was hart macht.“ Dies erklärt, warum Jungen und Männer sich durch Begriffe wie „Schlappschwanz“ abgewertet fühlen: Wer Erwartungen an die männliche Geschlechterrolle nicht erfüllt, ist somit unmännlich und erhält dementsprechende Bewertungen. Wenn du dich nicht so und so verhältst, dann bist du unmännlich und somit nicht potent. Sport spielt daher für viele Jungen eine wichtige Rolle. Sie gehen oftmals sportlichen Aktivitäten nach und besuchen ab einem gewissen Alter Fitnessstudios oder nutzen, wenn sie beispielsweise noch nicht alt genug sind oder sich dies nicht leisten können, Geräte zu Hause. Die eigene Gesundheit steht dabei selten im Vordergrund.

Guido Zurstiege (2001, S. 213) schreibt dazu: „Am Beispiel der Bedeutung des Sports für die Zurschaustellung von Männlichkeit tritt dieses Spannungsverhältnis besonders deutlich zu Tage. Denn auf der einen Seite bieten sich mit der Darstellung sportlicher Aktivitäten neue Gelegenheiten, den männlichen Körper in Szene zu setzen. Auf der anderen Seite bietet jede Form der sportlichen Betätigung ebenso ausreichend Gelegenheit, Leistung und Leistungsfähigkeit – zwei wesentliche Komponenten traditioneller Männlichkeit – zu demonstrieren.“

Jungen verfolgen das Ziel, dem männlichen „Idealbild“ so nahe wie möglich zu kommen. Damit versuchen sie, Unsicherheiten zu verstecken und zu kompensieren, sie versuchen, sich dadurch sicher und selbstbewusst zu fühlen, die Kontrolle – auch über den eigenen Körper – zu haben, das Gefühl, durch körperliche Überlegenheit andere Menschen einschüchtern und notfalls auch durch Körperkraft besiegen zu können. Zudem ist der Begriff des Körperpanzers hier entscheidend: Der Aufbau von Muskulatur fungiert als Schutz und versteckt das dahinterliegende unsichere Ich der Jungen und Männer. Auch hier verlaufen die „Ideale“ und Sozialisationen von Jungen und Mädchen diametral zueinander: Während Jungen Körpermasse aufbauen, um stark und unangreifbar zu erscheinen und viel Raum einzunehmen, sollen Mädchen besonders dünn sein, wenig, klein und unsichtbar und möglichst wenig Raum einnehmen. Ergänzt wird dies dadurch, dass Jungen und Männer häufig Kampfsporttechniken erlernen sowie Waffen besitzen und diese auch benutzen.

Jungen haben eine durch die Umwelt und durch die Medien geprägte Sehnsucht danach, besonders und außergewöhnlich zu sein. Ein Held. Diese Sehnsucht verschränkt sich mit dem kaum zu erreichenden männlichen „Idealbild“, welches sie permanent versuchen zu erreichen, sowie mit den selbst gemachten Opfererfahrungen. Denn: Jungen und Männer sind selbst häufig Opfer von Gewalt – fast ausschließlich durch andere Jungen und andere Männer. Daraus ergibt sich für sie die Ambivalenz, nicht so zu sein, wie sie glauben, sein zu müssen, selbst aber Ohnmachtserfahrungen zu erleben. Um diese Ohnmachtserfahrungen zu überwinden, werden viele Jungen selbst Täter und leben so in einem ambivalenten Spannungsverhältnis zwischen Täter- und Opfererfahrung.

Die wenigsten Männer entsprechen jedoch dem männlichen „Idealbild“. Trotzdem profitieren die meisten Männer von den patriarchalen Strukturen hegemonialer Männlichkeit. Dieses Phänomen nennt Connell (vgl. 1995) die „patriarchale Dividende“. Einhergehend mit der Vorstellung, besonders und außergewöhnlich sein zu wollen, werden dazu ganz im Sinne patriarchaler Machtverhältnisse Zuschauerinnen benötigt, „die dem Mann das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen, dem er sich angleichen soll und will“ – Virginia Woolf spricht dabei von „schmeichelnden Spiegeln“ (vgl. Bourdieu 1997, S. 203).

An dieser Stelle möchte ich von einem persönlichen Erlebnis berichten, um zu verdeutlichen, wie Jungen und Männer Weiblichkeit abwerten, um sich selber aufzuwerten: Als ich zusammen mit einem Hilfstrainer vor einigen Jahren Training gab, beschimpfte mein Kollege bei einem Aufwärmspiel die jugendlichen Jungen, wenn sie einen Gegenpunkt zuließen, mit den Worten: „Ihr Pussies!“ Auf Grund der dargelegten Mechanismen männlicher Sozialisation wird dabei deutlich, aus welchen Gründen diese Formulierungen als Beleidigung für Jungen funktionieren: Der Trainer spricht den Jungen durch seine sexistische Zuschreibung ihre vermeintliche Männlichkeit ab, mehr noch betitelt er sie bei Misserfolg als weiblich und als weibliches Geschlechtsorgan. Gleichzeitig bedeutet dies, dass nur der Sieg männlich sein kann, da der Misserfolg mit Weiblichkeit assoziiert wird. Dies trifft die Jungen tief in ihrer Angst und Unsicherheit, nicht so zu sein, wie es von ihnen erwartet wird: nämlich männlich und vor allem nicht weiblich, da Weiblich-Sein mit Schwach-Sein gleichgesetzt wird. Dies hat natürlich nicht nur für die Jungen, sondern auch für die Mädchen einen nachhaltigen negativen Effekt – vor allem, da sie täglich mit Zuschreibungen und Stereotypen konfrontiert werden. Dabei entsteht bei den Jungen die Angst, sozial ausgegrenzt und abgelehnt zu werden, woraufhin sie sich oft noch übergriffiger, aggressiver und rücksichtsloser verhalten.

Was ist toxische Männlichkeit?

Toxische Männlichkeit beschreibt problematische Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen, die sozialisationsbedingt an die traditionelle Männerrolle gekoppelt und eng mit patriarchalen Strukturen und hegemonialer Männlichkeit verknüpft sind und mit denen Jungen und Männer anderen und/oder sich selbst kurzfristig, mittelfristig oder auch langfristig schaden, andere diskriminieren, ausschließen und benachteiligen.

Die bereits vorgestellten Aspekte männlicher Sozialisation bereiten den Nährboden für toxisches Verhalten von Jungen und Männern oder sind bereits toxisch. Zunächst eine gute Nachricht: Da Geschlecht vor allem eine soziale Kategorie ist, kann toxische Männlichkeit, also problematische Denk-, Verhaltens- und Präsentationsweisen, aufgrund männlicher Sozialisation auch verändert werden.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass ein Teil toxischer Männlichkeit der übergriffige und gewalttätige Umgang mit anderen ist: Aus der Unterdrückung von Emotionen und dem daraus resultierend nicht gelernten Umgang mit diesen sowie aus dem häufigen Fehlen von gewaltfreien Lösungsstrategien resultieren Wut, Frustration und Ohnmachtsgefühle. Aus der Kombination mit Aggressionen und dem Wunsch, der männlichen Rolle zu entsprechen, Privilegien zu erhalten, die andere nicht haben dürfen, um sich selber aufzuwerten sowie alles Unmännliche abzustoßen, resultieren Übergriffe und Gewalt gegen Frauen sowie gegen alle anderen.

Zudem richten sich die Aggressionen auch gegen die Männer selbst und gegen andere Männer. Vermeintlich männliche Attribute, wie Härte, andere Menschen einschüchtern, Wettkampf, sich vergleichen und sich täglich mit anderen messen sowie ein stetiges Konkurrenzdenken, stehen im Mittelpunkt. Ziel für Männer ist es, permanent der Beste zu sein, Kontrolle zu gewinnen und diese zu behalten, nicht nachzugeben und keine Fehler einzugestehen. Dies wird versucht zu erreichen durch Leistungsfähigkeit, Belästigung und Grenzen ignorierendes Verhalten, Abwertung anderer, Raumaneignung, (sexuelle) Gewalt, risikoreiches Verhalten, Objektivierung und Sexualisierung, Bedrohung und Einschüchterung auch durch das Unterbrechen von Frauen, die eigene Präsentation als Allwissender oder das Ausgeben der Ideen von Frauen als die eigenen.

Guido Zurstiege (2001, S. 202) schreibt: „Einen Schritt weiter gehen einige Vertreter sowohl der angloamerikanischen als auch der deutschen Männerforschung, die die momentan vorherrschende Männerideologie als schädlich für alle Männer ansehen.“

Toxische Männlichkeit ist zu unterteilen in strukturelle sowie in individuelle Aspekte:

Strukturell bedeutet, dass die patriarchalen Strukturen hegemoniale Männlichkeit produzieren und somit Männer in allen Lebensbereichen bevorzugen, während Frauen strukturell benachteiligt werden.

Frauen verdienen weniger als Männer und erhalten ferner seltener die Möglichkeit, in eine Führungsposition zu gelangen oder werden am Arbeitsplatz diskriminiert, beispielsweise weil sie Kinder haben oder welche bekommen könnten.

Individuell bedeutet, dass Männer individuell übergriffig werden, Frauen (und andere marginalisierte Gruppen) abwerten, andere (sexuell) belästigen und benachteiligen, gewalttätig werden, sich nicht um sich und ihre körperliche und psychische Gesundheit kümmern, Raum einnehmen, der ihnen nicht zusteht oder (Ex-)Partnerinnen mit Kindern, Care-Arbeit und Haushalt alleine lassen. Es steht die individuelle Entscheidung und Tat des Einzelnen im Fokus.

Individuelle und strukturelle Anteile bedingen sich dabei gegenseitig und existieren in einer Wechselwirkung: Patriarchale Strukturen erschaffen eine hegemoniale, toxische individuelle Männlichkeit, jedoch sind es wiederum eben diese individuellen Anteile von Männern und die daraus hervorgehenden bewussten Entscheidungen – beispielsweise Männer in Einstellungsverfahren zu bevorzugen und Frauen zu benachteiligen –, die strukturelle patriarchale Bedingungen (re-)produzieren. Durch gesellschaftliche Vorstellungen und die tägliche (Re)Produktion von Geschlechterstereotypen, eingebettet in eine patriarchale Gesellschaft, wird männliches Verhalten, das dazu dient, Ambivalenzen und Unsicherheiten auszuhalten und zu kompensieren und von den mit Männlichkeit einhergehenden Privilegien zu profitieren, toxisch.

Simmel (1985, S. 201 in Döge/Meuser 2001, S. 11 f.) bringt es auf den Punkt: Er verweist auf den Zusammenhang zwischen Herren und Sklaven in Bezug auf Geschlechterverhältnisse. Es gehört „zu den Privilegien des Herrn, dass er nicht immer daran zu denken braucht, dass er Herr ist, während die Position des Sklaven dafür sorgt, dass er seine Position nie vergisst.“

Da toxische Männlichkeit Denk- und Verhaltensmuster von Männern negativ prägt und einen enormen gesellschaftlichen Schaden anrichtet, wird dringend eine psychologische und therapeutische Auseinandersetzung mit dem Thema benötigt. In den USA veröffentlichte im Jahr 2018 der nordamerikanische Psychologenverband „American Psychological Association“ (APA) erste Richtlinien für die Auseinandersetzung mit problematischen männlichen Geschlechterstereotypen (vgl. APA 2018). „Die Psychologen warnen darin: ‚Beschränkte Vorstellungen von Männlichkeit, die Aggressivität, Homophobie und Frauenfeindlichkeit betonen, können Jungs dazu veranlassen, einen Großteil ihrer Energie in schädliches Verhalten umzulenken, wie Mobbing, Spott gegenüber Homosexuellen oder sexuelle Belästigung – und nicht in gesunde schulische und außerschulische Aktivitäten.‘ Männlichkeit sei dann schädlich, so die Psychologen, wenn sie die eigene Stärke überhöht, Frauen und andere Männer, die nicht den Rollenklischees entsprechen, hingegen abwertet. Die Geschlechterforschung hat dafür den Begriff ‚toxische Männlichkeit‘ geprägt, was letztlich meint, dass die Art und Weise, wie Männlichkeit definiert und ausgelebt wird, allen schadet: Frauen, der Gesellschaft – aber vor allem auch Männern selbst. Männlich zu sein heißt in diesem Weltbild: keine Schwäche zeigen, Emotionen im Griff haben. Wut ist erlaubt, Fürsorge und Verletzlichkeit haben wenig Platz, stattdessen muss Männlichkeit immer wieder neu unter Beweis gestellt werden, körperlich und geistig, im ewigen Kräftemessen des Leistungskapitalismus – im Job wie im Privaten. Ein Mann muss risikobereit sein, mutig und stark.“ (Dörr 2019)

Robert Connell (vgl. 2000, S. 98) hat das Verhalten von Männern gegenüber anderen in vier Kategorien eingeteilt: Hegemonie (Männer, die Zugang zur patriarchalen Macht besitzen – dies sind in der Regel weiße heterosexuelle Männer), Unterordnung (Männer, die die hegemoniale Männlichkeit untergraben könnten, wie Männer mit vermeintlich weiblichen Eigenschaften oder homosexuelle Männer), Komplizenschaft (Männer, auch wenn sie nicht der aktuellen Norm männlicher Vorstellung entsprechen, profitieren von der patriarchalen Dividende – sie gehen aber daraus resultierend teilweise Kompromisse mit Frauen ein) sowie Marginalisierung (Männer, die zwar vom Patriarchat profitieren, selber aber auch Diskriminierungen beispielsweise aufgrund ihrer Hautfarbe erleben (Schwarze Menschen/People of Color).

Der Begriff „Toxische Männlichkeit“

Der Begriff, der heute in feministischen und soziologischen wie psychologischen Kontexten Bestandteil akademischer Auseinandersetzungen bezüglich geschlechterspezifischen Verhaltens und Gewalt ist, hat seine Idee in der mythopoetischen Männerbewegung der 1980er- und 1990er-Jahre. Terry A. Kupers führte den Begriff der toxischen Männlichkeit in einem an TherapeutInnen und PsychologInnen gerichteten Aufsatz ein, um die problematischen Verhaltensweisen von Männern im System von Gefängnissen zu benennen (vgl. Kupers 2005, S. 713 – 724).

Der Begriff toxisch kommt aus dem Englischen und bedeutet giftig. „Toxische Männlichkeit“ beschreibt also eine „giftige Männlichkeit“. Giftig impliziert hierbei, dass Männlichkeit für andere, aber auch für den Mann selbst giftig ist. Schädliches und tödliches Gift ist per se nicht Teil des Menschen/des Mannes (oder der gesellschaftlichen Strukturen), es entsteht durch männliche Sozialisation und durch patriarchale Strukturen – und kann ausschließlich durch aktives Handeln abgebaut werden, da das Gift der Sozialisation und der patriarchalen Strukturen permanent wirkt und sich nicht eigenständig zersetzt. Der Begriff der toxischen Männlichkeit ist eine „zielführende Krücke“, unter der alle problematischen Denk- und Verhaltensweisen toxischer Männlichkeit subsumiert und mittlerweile allgegenwärtig im öffentlichen Diskurs thematisiert werden. Durch den Begriff wurde ein schwer zu fassendes Problem diskutierbar und thematisierbar – es wurde fassbar.

Es wird in dem Zusammenhang von schädlichem Verhalten von Männern auch von „toxic masculinity“ gesprochen oder auch von „kritischer Männlichkeit“. Während ersteres die englische Original-Bezeichnung darstellt, ist der Begriff „kritische Männlichkeit“ ebenfalls nur ein Oberbegriff und stellt wie toxische Männlichkeit nur eine Krücke dar. Denn: Die Männlichkeit an sich kann niemals kritisch sein, höchstens der Umgang mit ihr. Aber auch hier geht es darum, durch Begrifflichkeiten nur schwer fassbare soziologische Erkenntnisse in Worte zu fassen, damit sie in die Öffentlichkeit transportiert und thematisiert werden können. Jedoch fehlt hier aus semantischer Sicht die Benennung der problematischen Anteile männlicher Sozialisation, der für andere Menschen und die Männer selber schädlich ist. Semantisch sinnvoller wäre beispielsweise die Formulierung „kritische Männerforschung“.

Es wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob es eine nicht toxische Männlichkeit überhaupt geben kann. Das grundsätzliche Problem besteht vor allem darin, dass bestimme Fähigkeiten nur dem einen oder nur dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden. Durchsetzungsfähigkeit ist beispielsweise zunächst keine problematische Eigenschaft, doch durch die Zuschreibung an Männer wird sie Frauen abgesprochen, beziehungsweise werden durchsetzungsstarke Frauen als unangenehm und hysterisch bewertet, Männer hingegen als selbstsicher und zielorientiert. Toxisch wird das Verhalten, wenn beispielsweise Durchsetzungsfähigkeit als Mittel eingesetzt wird, durch welches andere Menschen oder der Mann selber kurz-, mittel- oder langfristig zu Schaden kommen, andere benachteiligt oder patriarchale Strukturen (re)produziert werden.

2. Wo zeigt sich toxische Männlichkeit?

Toxische Männlichkeit zeigt sich in allen Lebensbereichen – individuell sowie strukturell. Damit einzelne Aspekte im vorliegenden Buch schneller gefunden werden können, sind die Bereiche untergliedert in:

•Männer als Gewalttäter

•Männer im öffentlichen Raum

•Männer am Arbeitsplatz

•Männer und Sexualität

•Männer in der Familie und Partnerschaft

•Männer und ihre Gesundheit

Diese Einteilung wird auch im Kapitel mit den Lösungsansätzen für den eigenen Umgang mit toxischer Männlichkeit für eine einfachere Orientierung beibehalten.

2.1 MÄNNER ALS GEWALTTÄTER

Gewalt ist ein männliches Phänomen. Bedingt durch die männliche Sozialisation und patriarchale Strukturen sind es fast ausschließlich Männer, die gewalttätig werden – gegenüber anderen Männern, gegenüber allen marginalisierten Menschen und gegenüber Frauen. Zu beachten ist, dass sich das Risiko, Gewalt zu erfahren, erhöht, wenn sich unterschiedliche Diskriminierungsformen miteinander verschränken und somit potenzieren (Intersektionalität1). Beispielsweise potenziert sich das Risiko einer Frau, Gewalt zu erleben, wenn sie zudem Schwarz und lesbisch ist und eine Beeinträchtigung hat.

Häusliche Gewalt und Femizide

Die Zahlen der kriminalstatistischen Auswertung des Bundeskriminalamts (vgl. 2018) zur Gewalt in Partnerschaften sind erschreckend: 2017 wurden 138.893 Menschen statistisch erfasst, die in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, gestalkt, bedroht oder getötet wurden. Darunter waren 113.965 Frauen (82 %). Im Jahr 2018 stieg diese Zahl auf 114.393 an (vgl. Suhr 2019). Die Dunkelziffer wird laut ExpertInnen um einiges höher sein.

Die Bundesfamilienministerin Giffey verwies zudem auf die hohe Zahl an getöteten Frauen: 147 Frauen sind 2017 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2018b), also an ca. jedem zweiten bis dritten Tag eine Frau. 2018 ermordeten Partner oder Ex-Partner 122 Frauen (vgl. Suhr 2019). 2019 starben durch männliche (Ex-)Partner 135 Frauen (vgl. One Billion Rising 2019). Die Zahl der Femizide sowie häuslicher Gewalt ist Anfang 2020 noch einmal im Kontext der Ausgangsbeschränkungen aufgrund des Corona-Virus gestiegen. Es ist wichtig zu benennen, dass die Gewalt sich nicht nur auf die Partnerin erstreckt, sondern meist auch Kinder mit einschließt – selbst beim Femizid töten die mordenden Männer oftmals auch ihre Kinder oder versuchen dies. Es ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Zahlen viel höher sind. Wenn Totschlag dazu gerechnet wird, dann tötet allein in Deutschland jeden Tag ein Mann eine Frau.

Anmerkung: Viele Männer ermorden ihre Ex-Partnerin, da sie es nicht ertragen, dass sich ihre ehemalige Partnerin von ihnen getrennt hat – nach der Devise: „Es wird sich nicht von Männern getrennt, sondern Männer trennen sich von Frauen.“ Männliche Geschlechtervorstellungen spielen hierbei eine große Rolle: Männer müssen die Macht in allen Lebensbereichen, so auch in der Partnerschaft und Familie innehaben. Sie entscheiden, ob und wann eine Beziehung vorbei ist. Trennen sich Frauen von ihrem Partner, kollidiert dies mit dem „männlichen Kontrollanspruch“, was in den schlimmsten Fällen darin endet, dass Männer ihre Ex-Partnerin ermorden – nach dem Motto: „Wenn ich sie nicht haben kann, dann darf sie auch niemand anderes haben.“

All dies sind dann Fälle, die in der Presse als Familiendrama oder Beziehungstat deklariert werden, um patriarchale Strukturen und Gewalt an Frauen zu verschleiern und zu verharmlosen. Im Januar 2020 wurde verkündet, dass die Deutsche Presse-Agentur (DPA) verharmlosende Begriffe, die den Opfern eine Mitschuld suggerieren, nicht mehr verwenden wird: Darunter fallen die Begriffe Beziehungsdrama, Familientragödie, Familiendrama und Ehetragödie. Froben Homburger (DPA-Nachrichtenchef) twitterte (Frauensicht.CH 2020): „Drama und Tragödie rücken Mord und Totschlag in die Nähe eines schicksalhaften Geschehens, in dem Opfer- und Täterrolle zu verschwimmen scheinen: Ist der Täter nicht auch irgendwie Opfer (etwa einer zerrütteten Beziehung) – und hat das Opfer daher nicht auch Anteil an der Tat?“ Auch Begriffe wie Sex-Täter oder Sex-Attacken werden verboten, da durch die Verwendung dieser Begriffe vermittelt wird, dass sexualisierte Gewalt etwas mit Sex und natürlichen Bedürfnissen zu tun habe, wodurch verschleiert wird, dass es sich dabei um Gewalt handelt. Es stellt sich die Frage, was ein „Sextäter“ getan hat? Hat er Sex gehabt? Es wird deutlich, dass die Gewalt an Frauen durch derartige Formulierungen unsichtbar gemacht wird.

Ein weiterer Aspekt, der die Täter bei Gewalt gegen Frauen unsichtbar macht, ist die Verwendung des Passivs: Es wird in den Medien geschrieben, dass Frauen von Männern getötet, angegriffen oder vergewaltigt werden – jedoch nicht, dass Männer Frauen getötet, angegriffen oder vergewaltigt haben. Die Täterschaft wird durch das Passiv relativiert und heruntergespielt – die Wirkung auf Lesende ist eine andere als bei der Verwendung des Aktivs.

Sexuelle Gewalt

Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. 2004, S. 29) wurde fast jede siebte Frau (13 %) in Deutschland bereits vergewaltigt, hat eine versuchte Vergewaltigung erlebt oder sexuelle Nötigung – einige davon mehrfach. 40 % der befragten Frauen gaben an, sexuelle oder körperliche Gewalt seit ihrem 16. Lebensjahr erfahren zu haben, 58 % sexuelle Belästigung, 42 % psychische Gewalt und 25 % körperliche oder sexuelle Gewalt (oder beides) durch den aktuellen oder Ex-Partner. Täter bei sexueller Gewalt sind bis zu 99 % männlich und weniger als 1 % weiblich, bei sexueller Belästigung sind 97 % männlich und 2 % weiblich (vgl. TERRE DES FEMMES b). 94 % aller Vergewaltigungsopfer sind Mädchen oder Frauen (vgl. Britzelmeier 2016). Die vermeintlich hohen Zahlen von Falschbeschuldigungen liegen gerade einmal bei 3 % (vgl. TERRE DES FEMMES b).

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. 2018a) konstatiert, dass bei Vergewaltigungen und sexueller Nötigung in Partnerschaften die Opfer zu fast 100 % Frauen sind. Amnesty International kommt zu dem Ergebnis, dass jede fünfte Frau körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt hat (vgl. Van Aaken 2001). Davon angezeigt wird aber laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. 2004, S. 19) nur ein Bruchteil – in Deutschland beträgt die Zahl der Anzeigen gerade einmal 8 %. Da viele Frauen mehrfach vergewaltigt werden, bedeutet dies, dass weniger als 5 % aller Sexualstraftaten überhaupt angezeigt werden, nur jede 13. der überhaupt bekannten und angezeigten Vergewaltigungen endet mit einer Verurteilung (vgl. TERRE DES FEMMES b). Das sind weniger als 1 %. Bei einer EU-Umfrage sagten 77 % der Befragten aus, dass der Täter kein Unbekannter gewesen war (vgl. Britzelmeier 2016).

Das Ausmaß ist viel höher

Diese Zahlen spiegeln bei Weitem nicht das wirkliche Ausmaß der (sexuellen) Gewalt gegen Frauen wider. Es fehlen Vergewaltigungen im Kontext von Prostitution, von Pornografie sowie von Gewalt unter der Geburt. Es fehlen Situationen, die beispielsweise durch K.-o.-Tropfen oder unter Narkose herbeigeführt wurden und die im Nachhinein für Frauen oftmals gar nicht einordbar sind, da sie sich nicht richtig an das Erlebte erinnern können. Auch fehlen detaillierte Erinnerungen an Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit, die meist weitestgehend abgespalten wurden. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 in Deutschland als Straftatbestand eingestuft wird und 2004 (!) den rechtlichen Status des Offizialdelikts2 erhielt (vgl. Mundlos 2013, S. 176). Viele ältere Generationen von Frauen sind damit aufgewachsen, dass sie „eheliche sexuelle Pflichten“ zu erfüllen hätten und ordnen dies bei Befragungen auch dementsprechend ein. Geprägt durch Pornografie ist das heutige Sexualleben viel gewalttätiger als noch vor 20 Jahren. Junge Mädchen berichten, dass Analsex, Cumshots3 oder Deep Throats4 beispielsweise zum „Standard-Programm“ gehören und von ihnen erwartet werden. Ebenso, dass Frauen von Männern gewürgt werden oder dass Männer, ohne dass Frauen dies wissen, kurz vor dem Samenerguss heimlich das Kondom abziehen (Stealthing). All diese Formen von sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen sind nicht in den Befragungen und Fragebögen berücksichtigt. Die Soziologin Mundlos schlägt vor, dass Frauen am Ende ihres Lebens unter Berücksichtigung einer eindeutigen Definition von sexueller Gewalt befragt werden. Die Definition muss den Frauen vorher mitgeteilt werden. So kann ein valides Ergebnis erzielt werden. Nur dann ist es möglich, tatsächliche Zahlen zu sexueller Gewalt zu erheben.

Abschließend ist anzumerken, dass auch die Zahlen zu sexueller Belästigung fragwürdig sind. Es wird keine Frau geben, die noch keine sexuelle Belästigung und keinen Sexismus erlebt hat. Das wäre ungefähr so, als wenn behauptet würde, dass nur ein gewisser Prozentsatz Schwarzer Menschen Rassismus erfahren hätte.

Gewalt in der Corona-Krise

Die Professorin für Global Health der technischen Universität München (TUM) Janina Steinert und die Doktorin Cara Ebert vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung führten im Kontext der Corona-Krise vom 22. 04. – 08. 05. 2020 bezüglich des Vormonats (Zeitraum der strengsten Kontaktbeschränkungen) eine repräsentative Online-Befragung mit 3.800 Frauen im Alter von 18 bis 65 Jahren durch und kamen zu folgenden Ergebnissen: 3,1 % der befragten Frauen gaben an, mindestens einmal körperliche Gewalt durch beispielsweise Schläge erlebt zu haben, es gab in 6,5 % der Haushalte körperliche Bestrafungen der Kindern, 3,6 % der Frauen gaben an, vergewaltigt worden zu sein, 3,8 % der Frauen berichteten, von ihrem Partner bedroht worden zu sein, 2,2 % der Frauen durften nicht ohne die Erlaubnis des Partners das Haus verlassen, bei 4,6 % der Frauen regulierten die Partner ihre sozialen Kontakte – auch online (vgl. Ebert/Steinert 2020). Erschreckend ist, dass diese Zahlen die Ergebnisse von nur einem einzigen Monat sind! Zudem zeigt es die Dimensionen toxischer Männlichkeit. Um das Ausmaß der Zahlen zu verdeutlichen: Wenn die Vergewaltigungszahlen auf 12 Monate hochgerechnet werden, würde das unter den Corona-Umständen bedeuten, dass innerhalb eines Jahres 43,2 % aller Frauen, also fast jede 2. Frau, vergewaltigt wurde. Wenn sich Familien in Quarantäne befanden, erfuhren 7,5 % der Frauen körperliche Gewalt und 10,5 % der Kinder – verbale Konflikte erlebten 30,59 % der Frauen. Wenn Familien finanzielle Sorgen hatten, erfuhren 8,4 % der Frauen Gewalt und 9,8 % der Kinder – 33,16 % hatten verbale Konflikte. Wenn ein Erwachsener in Kurzarbeit war oder die Lohnerwerbstätigkeit verlor, erfuhren 5,6 % der Frauen und 9,3 % der Kinder Gewalt; wenn einer der Erwachsenen depressiv war oder Angst hatte, erfuhren 9,7 % der Frauen und 14,3 % der Kinder körperliche Gewalt – 43,12 % gaben an, dass sie verbale Konflikte erleiden mussten. In Haushalten mit Kindern unter zehn Jahren erfuhren 6,3 % der Frauen und 9,2 % der Kinder Gewalt – verbale Konflikte erlebten knapp 39,09 % der Frauen. Eine hohe Anzahl an Frauen gab zudem an, dass sie Angst vor ihrem Partner hat (vgl. ebd.).

Schutz für betroffene Frauen: Frauenhäuser und Schutzwohnungen

Um Frauen und ihre Kinder zu schützen, die von ihrem (Ex-) Partner häusliche Gewalt erlebt haben, werden Frauenhäuser benötigt. Die Bundesregierung hat sich mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention dazu verpflichtet (vgl. Schlapeit-Beck 2018). Jedoch existieren in Deutschland nur 350 Frauenhäuser und 40 Schutzwohnungen, sodass beispielsweise am Stichtag im März 2018 in drei Bundesländern nicht ein freier Platz für betroffene Frauen zur Verfügung stand. Zudem sind nur 10 % der Frauenhäuser behindertengerecht. 1.500 Familienzimmer fehlen bundesweit. Finanzierungen müssen jährlich beantragt werden und sind nicht kostendeckend, es besteht kein Anspruch auf Fördermittel durch Land und Kommune, Eigenleistungen der Träger durch beispielsweise Spenden werden vorausgesetzt. Frauen mit Einkommen müssen Sozialleistungen beantragen oder sich verschulden, da die Plätze teurer sind als ein durchschnittliches Einkommen. Zudem wird eine Aufnahme für betroffene Frauen oftmals problematisch, wenn sie kein Anrecht auf Sozialleistungen haben und die Aufenthaltsdauer durch Kostenträger begrenzt wird (vgl. ebd.). Da Frauen Opfer von Männern werden, oftmals stark traumatisiert sind und Frauenhäuser Schutzorte für betroffene Frauen darstellen – sie sind für Außenstehende nicht einsehbar und auch die Adressen sind geheim – müssen diese Schutzräume auch ausschließlich Frauen vorbehalten bleiben.

Täglich werden vor allem in sozialen Netzwerken hitzige Debatten darüber geführt, ob auch trans Frauen in die Schutzräume von Frauen gelassen werden sollten. Dies ist in keiner Weise empfehlenswert. Zum einen haben trans Frauen in ihrer Kindheit eine männliche Zuschreibung und somit auch männliche Sozialisation erfahren, zum anderen ist der Großteil der trans Frauen biologisch männlich. Dies kann betroffene Frauen, die Gewalt durch Männer – und speziell bei sexueller Gewalt auch durch den Penis – erfahren haben, retraumatisieren und ihnen ihre Schutzräume nehmen. Darüber hinaus wäre, wenn biologische Männer in die Schutzräume von Frauen dürften, dieser auch für trans Frauen kein Schutzraum mehr. Transsexuelle Menschen sind unbestreitbar ebenfalls von Diskriminierung und Gewalt betroffen, doch müssen für sie eigene Schutzkonzepte geschaffen werden, damit der Schutzraum von Frauen nicht verloren geht. Andernfalls könnten von Gewalt betroffene Männer ebenfalls im Frauenhaus aufgenommen werden. Dies verdeutlicht, dass der Sinn von Frauenhäusern dadurch ad absurdum geführt werden würde.

Strafvollzug

Die Zahlen zu Häftlingen bestätigen das Geschlechterbild: Inhaftierte Straftäter sind fast ausschließlich männlich (Statistisches Bundesamt 2019a):


Das bedeutet zudem, dass Männer und toxische Männlichkeit den Staat und somit alle Steuerzahlenden bezüglich der Inhaftierungskosten enorm viel Geld kosten. Beispielsweise waren im Jahr 2018 nur 5,75 % der Inhaftierten Frauen und 94,25 % der Inhaftierten Männer.

Die Kosten für einen Häftling unterscheiden sich nach Bundesland, nach der Schwere der Tat sowie den daraus resultierenden Haftbedingungen. Ein Häftling kostet beispielsweise laut dem Ministerium für Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen (vgl. 2018) in NRW durchschnittlich 135,65 Euro pro Tag, Schwerverbrecher in der Sicherheitsverwahrung kosten 450 Euro pro Tag (vgl. Tunk 2018). Dies bedeutet, dass bei einem Tagessatz von 135,65 Euro ein Häftling in NRW über 4.000 Euro pro Monat und 49.512 Euro pro Jahr kostet. Schätzungen gehen davon aus, dass der Vollzug in Deutschland den Staat in etwa 4 Milliarden Euro pro Jahr kostet (vgl. ebd.). Noch gar nicht berücksichtigt sind die Kosten für Opferentschädigungen, Therapiekosten, Gerichtskosten sowie generelle Justizkosten im Kontext der Straftat, Kosten für die Arbeit der Polizei sowie anfallende Kosten für Unterhaltsvorschüsse. Außerdem fehlen dem Staat durch Strafgefangene bis zu einer Milliarde Euro Sozialeinnahmen und Steuern. Das Fazit ist daher sehr alarmierend: Toxische Männlichkeit belastet unsere Gesellschaft und den Frieden unserer Welt auf allen Ebenen und kostet zudem noch enorm viel Geld.

Gewalt unter der Geburt

Die erste, oftmals traumatische Gewalterfahrung erleben Menschen bereits bei ihrer Geburt. Das freudige Erlebnis wird zu einem gewaltvollen. Die Soziologin und Feministin Mundlos hat dieses Thema, bei dem patriarchale Strukturen durch Gewalt an gebärenden Frauen überdeutlich sind und doch permanent unsichtbar gemacht werden, 2015 enttabuisiert und in die Öffentlichkeit gebracht. Es handelt sich dabei zum einen um strukturelle, aber auch um die individuell ausgeübte Gewalt des geburtshilflichen Personals. Es ist sehr bezeichnend, dass Krankenhäuser mit vaginalen Geburten ein Minusgeschäft machen, jedoch das in der Regel nicht notwendige Schneiden am Körper der Frau dazu führt, dass Krankenhäuser Geld verdienen.

Geburtshilfliches Personal verübt dabei an Frauen psychische Gewalt (die Gebärende wird angeschrien, ausgelacht, beleidigt, bedroht/unter Druck gesetzt) und physische Gewalt (Eingriffe ohne Aufklärung, ohne Einwilligung oder gegen den ausdrücklichen Willen der Gebärenden, medizinisch unnötige Interventionen, heimliche Gabe von Wehenmitteln ins Badewasser, Kneifen und Ohrfeigen der Gebärenden, gewaltsames Auseinanderdrücken der Beine, permanente vaginale Untersuchungen, Fixieren, falsches Kristellern und in dem Zusammenhang Springen auf den Bauch der Gebärenden (beispielsweise von einer Leiter) (vgl. Mundlos 2015)).

Die Soziologin geht von mindestens 40 – 50 % aller Geburten aus, bei denen Gewalt gegen die Gebärende angewendet wird. Das bedeutet, dass bei 1,6 Geburten pro Gebärende das Risiko für die einzelne Frau, Gewalt zu erleben, bei durchschnittlich 80 % liegt. Bei einer Online-Umfrage des Stern aus dem Jahr 2019, an der über 10.000 Frauen teilgenommen haben, gaben 56 % der befragten Frauen an, Gewalt unter der Geburt erlebt zu haben, 91 % gaben an, nicht oder nicht genügend über Eingriffe aufgeklärt worden zu sein (vgl. stern TV 2019). Dies stellt ebenfalls Gewalt dar. Würde eine medizinische Fachkraft bei einer Untersuchung jemanden, ohne die Erlaubnis der Patientin/des Patienten einzuholen und ohne sie/ihn aufzuklären, plötzlich ihr/sein Bein aufschneiden, dann erfüllte dies den Tatbestand der Körperverletzung. Unter der Geburt wird dieses Grundrecht täglich verletzt. Gewalt unter der Geburt ist eine der Säulen des Patriarchats: Gewalt gegen Frauen, gegen ihre Gebärfähigkeit, gegen ihren Körper und ihre Sexualität und gegen das Kind. Gebärende sind durch Gewalt unter der Geburt häufig traumatisiert. Aber auch die Kinder und Väter werden traumatisiert. Zudem tragen viele Frauen und Kinder körperliche, oft lebenslange Schädigungen davon. Dies bedeutet, dass mindestens jeder zweite Mensch bereits bei der eigenen Geburt patriarchaler Gewalt ausgesetzt gewesen ist, die ihn oftmals ein Leben lang prägt – und oftmals wissen die späteren Erwachsenen nicht einmal, dass sie eine traumatische Geburt erlebt haben und psychische Folgen ein Resultat von Gewalt unter der Geburt sind.

Mundlos hat am 25. 11. 2019, dem Tag gegen Gewalt an Frauen/Tag gegen Gewalt unter der Geburt (Roses Revolution Day), einen Brandbrief zum Thema Gewalt unter der Geburt an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gesendet. Unterschrieben haben: Der Bundesrat werdender Hebammen, die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen, die Gründerin & Vorstandsvorsitzende von Medica Mondiale e. V, (Mädchen-)Beratungsstellen, Hebammen, Hebammenschülerinnen, Doulas, TherapeutInnen, der Deutsche Fachverband der Hausgeburtshilfe, Vorstandsmitglieder von Greenbirth e. V., Polizeibeamte, die Geschäftsführerin des Institut für psychosoziale Gesundheit, Initiative gerechte Geburt und viele weitere Vereine und Personen (vgl. Mundlos 2019). Sie erläutert im Brandbrief unter anderem die Ursachen für Gewalt unter der Geburt, die Auswirkungen und die Häufigkeit sowie die Verantwortung, die Deutschland in Bezug auf die Durchsetzung „der Rechte von Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt hat, die sich aus der Istanbul-Konvention, der CEDAW, der Resolution des Europarats vom 3.10.2019 und dem Nationalen Gesundheitsziel zwingend ergeben.“ (ebd.).

Sie nennt explizite Forderungen an die Bundesregierung:

•Anerkennung der Existenz von Gewalt gegen Gebärende seitens der Bundesregierung

•Bedarfsgerechte Vergütung in der Geburtshilfe statt Fallpauschalen – analog zur Pflege

•Einrichtung von Landespräventionsstellen „Gewaltfreie Geburtshilfe“ in jedem Bundesland

•Einrichtung einer koordinierenden Bundespräventionsstelle „Gewaltfreie Geburtshilfe“

•Bildung einer Bundeskommission zur Verhütung von Gewalt in der Geburtshilfe.

Im Brandbrief werden die umzusetzenden Ziele und die genauen Inhalte/Aufgaben differenziert erläutert. Auch die WHO sowie Human Rights in Childbirth weisen seit Jahren auf die Gewalt hin, die Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett erleben.

Genitalverstümmelungen von Mädchen

Eine weitere entsetzliche Form der Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist die Genitalverstümmelung, auch FGM (Female Genital Mutilation) genannt.

Dabei werden die weiblichen Geschlechtsteile verletzt, indem sie teilweise oder ganz entfernt werden, um die sexuelle Lust von Frauen zu verhindern (vgl. Desert Flower Foundation). Die Verstümmelung, meist ohne Betäubung und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, wird in der Regel vor der Pubertät bei Mädchen zwischen vier und acht Jahren mit einer Schere, Rasierklinge, einem Messer oder einer Glasscherbe (meist nicht desinfiziert) durchgeführt, aber auch vermehrt bei Säuglingen. Es gibt vier unterschiedliche Formen der Genitalverstümmelung: Bei Typ Drei wird den Mädchen die Klitoris und die Schamlippen herausgeschnitten, anschließend werden die Schamlippenstümpfe zusammengenäht, sodass nur ein kleines streichholzgroßes Loch zum Urinieren und für das Menstruationsblut gelassen wird (vgl. ebd.).

Zu den gesundheitlichen Schädigungen schreibt die Desert Flower Foundation (ebd.): „Weibliche Genitalverstümmelung hat gravierende gesundheitliche (physische und psychische!) Auswirkungen. Unmittelbar nach dem Eingriff kann es zu schweren Blutungen, Entzündungen, Tetanus, Blasenlähmung oder Blutvergiftung kommen – Folgen, die nicht selten tödlich enden. Auch HIV/AIDS kann über nicht gereinigte Instrumente übertragen werden. Neben dem psychischen Trauma, das der Eingriff hinterlässt, und dem Verlust sexueller Empfindung, klagen die Opfer langfristig oft über Schmerzen beim Urinieren und während der Menstruation. Das Sitzen oder Gehen kann durch das Scheuern der Kleidung an den Narben oder auftretende Druckstellen zur Qual werden. Zysten, Abszesse, Infektionen der Blase und Inkontinenz können auftreten. Auch Unfruchtbarkeit gehört zu den möglichen Langzeitfolgen. Der Geschlechtsverkehr wird häufig als schmerzhaft empfunden. Bei der Geburt eines Kindes kann es zu verstärkten Blutungen und Geweberissen kommen. Die Geburt kann länger dauern als üblich, Kaiserschnitte sind häufig.“

Laut der Desert Flower Foundation, bezugnehmend auf die WHO, sind weltweit 200 Millionen Mädchen und Frauen von FGM betroffen, in Europa leben eine Million betroffene Mädchen und Frauen. Vor allem werden Mädchen in Nordost-, Ost- und Westafrika beschnitten, sowie im Nahen Osten und in Südostasien. Die Praktik wird aber auch durch Menschen ausgeführt, die nach Europa, Kanada, Australien, Neuseeland und in die USA eingewandert sind und in derem Kulturraum FGM weiter verbreitet ist. Auf ihrer Homepage weist die Foundation darauf hin, dass alle 11 Sekunden ein Mädchen auf der Welt beschnitten wird und jedes dritte durch den Eingriff stirbt.

In Deutschland sind ca. 70.000 Mädchen – plus Dunkelziffer – von Genitalverstümmelung betroffen, in Somalia sind es laut TERRE DES FEMMES e. V. 98 % aller Mädchen, in Eritrea 83 % (vgl. Tagesspiegel 2019).

Brustbügeln

Eine weitere Perversion ist das sogenannte Brustbügeln. Es ist in Westafrika (Togo, Ghana, Benin, Nigeria, Guinea, Äquatorialguinea) und vor allem in Kamerun verbreitet. Das Brustbügeln richtet sich gegen Mädchen und Frauen, gegen ihren Körper, ihre Weiblichkeit und ihre Sexualität. Es stellt Gewalt sowie Menschenrechtsverletzungen dar (vgl. TERRE DES FEMMES 2016). Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e. V. schreibt: „Dabei werden jungen Mädchen, wenn ihr Brustwachstum einsetzt, im Feuer erhitzte, heiße Steine, Stößel oder Holzspachtel über die Brüste gerieben. Oft müssen die Mädchen zusätzlich ein enges Elastikband um die Brust tragen, das gerade noch genug Platz zum Atmen lässt. Ziel ist, das Brustwachstum der Mädchen zu unterdrücken oder aufzuschieben, damit diese möglichst lange unattraktiv für Männer bleiben.“

Studien über die Häufigkeit gibt es bisher kaum – nur in Kamerun wurden im Auftrag der GIZ und in Zusammenarbeit mit dem „Institut pour la Recherche, le Développement socioéconomique et la Communication” (IRESCO) in den Jahren 2006 und 2013 zwei Studien zum Thema durchgeführt. Waren im Jahr 2006 noch 23,8 % der Mädchen in Kamerun betroffen, so ist die Zahl bis 2013 auf 11,8 % gesunken. Dies ist vor allem auf Aufklärungskampagnen vor Ort zurückzuführen. […] Allerdings schwanken die Zahlen innerhalb Kameruns stark: So sind im Norden Kameruns nur 7 % der Mädchen und Frauen betroffen, während es rund 53 % in der Littoral-Region rund um Douala sind.“ (ebd.) Wie die Frauenrechtsorganisation weiter ausführt, sind die psychischen und physischen Folgen und Schäden für die Mädchen und Frauen enorm: „Neben den starken Schmerzen während der Prozedur selbst sind auch die kurz- und langfristigen Folgen des Brustbügelns für die Mädchen und Frauen schwerwiegend. Narben, Zysten und Abszesse in der Brust, Infektionen und Fieber, starker Juckreiz, Anomalien der Form, ungleichgroße Brüste, eine Verkleinerung des Volumens und Hängebusen sind häufige körperliche Folgeschäden. Außerdem können viele Betroffene später nicht mehr oder nur mit großen Schwierigkeiten stillen. Dies bringt die jungen Mütter zusätzlich in eine wirtschaftlich schwierige Lage, da Babyfläschchen und insbesondere Milchpulver in Westafrika nur sehr schwierig und teuer zu bekommen sind. Besonders gravierend sind die psychischen Folgeschäden, oftmals posttraumatische Belastungsstörungen. Betroffene Frauen berichten von Panikattacken und einem verminderten Selbstwertgefühl bis hin zum Selbsthass. Sie verstecken ihren Körper und möchten nicht berührt werden. Das führt häufig zu Problemen in der Partnerschaft.“ (ebd.) Die Gründe sind, wie TERRE DES FEMMES e. V. konstatiert, patriarchal geprägt: Es geht um Kontrolle über die sexuellen Beziehungen der Mädchen und um einen vermeintlichen Schutz vor Übergriffen, Vergewaltigungen und Frühschwangerschaften. „Letztlich sind es also die Mädchen, die für die Angst vor männlichen Übergriffen mit der Verstümmelung ihrer Brust zahlen müssen.“

Die Jagd

Das Bild des (männlichen) Jägers ist ein archaisches, wobei es dieses – wie es in den gesellschaftlichen Köpfen verankert ist – so nie gegeben hat. Das Bild des Jägers ist Teil toxischer Männlichkeitsvorstellungen und findet sich in vielen Bereichen wieder: Von der Tierjagd bis hin zu der toxischen Formulierung „Jagd nach Frauen“, wobei in diesem Kontext perverserweise der Zusammenhang zum Töten von Tieren durch die Formulierung „Jagd nach Frischfleisch“ hergestellt wird. Dies ist eine Weiterführung toxischer männlicher Einstellungen und Verhaltensweisen und reiht sich in Vergewaltigungen und Femizide ein. Weitere aus der Tierjagd entlehnte Formulierungen, die ebenfalls auf Frauen angewendet werden, sind: „Beute machen/Beute erlegen“ oder „auf die Pirsch gehen“. Der Begriff „Stalking“ stammt ursprünglich ebenfalls aus der Jägersprache und steht dort für das Jagen oder auch Hetzen. Die männliche Zuschreibung beim Töten – ähnlich wie es in allen Bereichen von Kampf, Krieg und Mord der Fall ist – schlägt sich auch in den Zahlen der Jagdscheine nieder: Kurz vor der Jahrtausendwende waren 99 % aller Tierjagenden mit einer offiziellen Erlaubnis Männer, im Dezember 2019 lag der Anteil immerhin noch bei 93 % Männern (vgl. Jagdverband e. V. 2019).

2.2 MÄNNER IM ÖFFENTLICHEN RAUM

Männer nehmen auf vielfältige Art und Weise Raum ein, der ihnen nicht zusteht. Oft wird aggressives oder wildes, raumaneignendes Verhalten von Jungen automatisch dem männlichen Geschlecht zugeordnet. „Boys will be boys“ oder im Deutschen: „So sind Jungen halt“/„Jungs bleiben Jungs“ suggeriert, dass Jungen bestimmte Verhaltensweisen aus biologischen Gründen zeigen, weil sie eben Jungen sind. Dabei werden jedoch die Faktoren und das Wissen um männliche Sozialisation und deren Konstruktion völlig ignoriert. Diese wird täglich durch das soziale Umfeld, Bildungseinrichtungen oder durch die Medien produziert und reproduziert und ist bereits im Kindergarten beobachtbar. Mädchen wird gesagt, dass sie nicht so wild sein sollen, dass sie sich nicht dreckig machen und auf ihr Kleid aufpassen sollen. Sie werden bereits in jungen Jahren auf ihren Platz verwiesen: Nicht laut sein, sich keinen Raum nehmen, nicht wild sein, nicht kämpfen. Aber sie sollen auf ihr Äußeres achten. Jungen hingegen wird genau diese Rolle, die Mädchen nicht haben dürfen, die ihnen aberzogen wird, zugeschrieben. Ausbrechen dürfen die Kinder aus diesen Zuschreibungen nicht. Umso älter sie werden, desto härter fallen die Sanktionen aus.

Manspreading/raumaneignendes Verhalten

Im Zusammenhang mit dem Begriff Manspreading wird auch von Raumaneignung gesprochen. Um dieses Verhalten zu beobachten, reicht es, sich in eine Straßenbahn zu setzen. Während Frauen versuchen, möglichst unsichtbar zu sein und wenig Raum einzunehmen, also mit überschlagenen oder eng aneinander liegenden Beinen zu sitzen und die Hände und Arme eng am Körper zu halten, sitzen Jungen und Männer oft breitbeinig auf ihren Sitzen und nehmen viel mehr Platz in Anspruch, als ihnen zusteht, wodurch sie anderen hingegen ihren Raum wegnehmen, sie damit belästigen und stören. In Österreich haben die Wiener Linien eine Kampagne gestartet, um auf Manspreading in öffentlichen Verkehrsmitteln hinzuweisen und dafür zu sensibilisieren (vgl. DER STANDARD 2019).

Am 22.11.2019 postete die Siegerin des Eurovision Song Contest Lena Meyer-Landrut auf Instagram (vgl. 2019) ein Foto, auf dem sie breitbeinig auf einem Stuhl sitzt. In der rechten Hand hält sie ein Handy ans Ohr, während sie sich mit der anderen Hand in den Schritt greift. Dazu postete sie: „Du hast dicke Eier (du bist mutig). Du muschi! (Du Feigling). Was ist das für ein Sprachgebrauch, das männliche Geschlecht als stark und positiv zu bezeichnen und das weibliche als schwach?! Ich finde, das können wir mal aus unseren Köpfen löschen, oder es girls erlauben zu sagen: ‚ich hab dicke Eier.‘ ♥“

Manspreading ist bei weitem nicht das einzige Verhalten, bei dem sich Jungen und Männer mehr Raum nehmen, als ihnen zusteht. Ich möchte drei Beispiele nennen, um raumaneignendes Verhalten zu verdeutlichen, welche ich im Jahr 2019 selbst erlebt habe:

1. Ich saß mit meiner Lebensgefährtin im Flugzeug. Bereits beim Boarding fiel uns eine Gruppe von mindestens elf jungen Männern auf, die sehr laut waren und durch die sich unterschiedliche Mitreisende gestört fühlten. Als wir im Flugzeug saßen, änderte sich dies nicht, ganz im Gegenteil wurden die Männer, die direkt in den Reihen vor uns saßen, immer lauter. Sie tranken selbst mitgebrachten Alkohol, schrien durch das Flugzeug und beleidigten andere Gäste. Als eine weibliche Mitarbeiterin der Fluggesellschaft sie darauf ansprach, machten sich die Männer über sie lustig. Andere Fluggäste fühlten sich ebenfalls gestört. Mehrere wendeten sich an die Verursacher. Diese jedoch pöbelten als Reaktion die Mitreisenden höchst aggressiv an. Die Situation drohte zu eskalieren. Ich ging daraufhin in den hinteren Teil des Flugzeuges, um Hilfe beim Flugpersonal zu erbitten, hatte aber gleichzeitig auch die Sorge, dass die Männer dies mitbekämen und sie gewalttätig gegen mich, meine Lebensgefährtin oder andere werden würden. Ohne Hilfe würde die Situation auf jeden Fall eskalieren. Die weiblichen Flugbegleiterinnen hielten mittlerweile bewusst Abstand zu den alkoholisierten Männern. Ich bewunderte die Mitarbeiterin, die die Gruppe von angetrunkenen und aggressiven Männern anfangs angesprochen hatte. Ich hätte mich dies nicht getraut. Ein Mitarbeiter sprach die Männer schließlich an. Er drohte ihnen an, dass das Flugzeug im nächstgelegenen Flughafen zwischenlanden würde, sie dann von Bord gehen müssten und auch die Polizei informiert werden würde. Die Gruppe von Männern wurde kurzzeitig leiser, bestellte beim Personal Alkohol, den sie anstandslos erhielten und machte sich lauthals über die Aussage des Stewards lustig. Mittlerweile beschwerten sich immer mehr Gäste. Es folgte eine Ansage per Lautsprecher vom Piloten, der die Aussage des Stewards wiederholte. Die Männer waren nun insgesamt etwas ruhiger. Absurd wurde es noch einmal nach dem Auschecken. Am Taxi-Stand vor dem Flughafen standen an die 100 Menschen in einer Reihe. Da bemerkten wir die Männer aus dem Flugzeug, die ungeniert an den Wartenden vorbeigingen, um einen Mitarbeiter des Flughafens anzusprechen, der daraufhin hektisch weglief und für die Gruppe einen Van/ Taxi besorgte, damit sie vor allen anderen abfahren konnten.

2. Am Strand badeten TouristInnen und spielten kleine Kinder. Plötzlich kam eine Gruppe von ca. 20 jugendlichen Männern, die nun begannen, Sprint-Serien im seichten Wasser den Großteil des Strandes hinunter zu laufen. Damit belästigten sie andere Badegäste, spritzten Kinder permanent nass, liefen direkt zwischen Pärchen durch, die gerade ins Wasser gingen und rannten beinahe ein ca. einjähriges Kind um. Dies hinderte sie jedoch nicht daran, ihr Verhalten auch die kommenden 20 Minuten fortzuführen.

3. Eine Gruppe von jungen Männern (allem Anschein nach Bodybuilder) verhielt sich sehr auffällig, da sie offen und ungeniert auf die Brüste von allen Frauen starrten, die oben ohne am Strand lagen. Zwischenzeitlich gingen sie ins Wasser, um mit einem harten Volleyball im Bereich, in dem Badegäste badeten und Kleinkinder spielten, Schmetterbälle auszuführen. Alle Badegäste mussten dann zwangsweise den großräumigen Bereich im Meer meiden, um sich nicht in Gefahr zu begeben. Hätten sie eines der Kinder oder auch Erwachsene getroffen, dann hätte dies aufgrund der enormen Härte des Balles sicherlich zu einer Verletzung geführt.

Diese drei Beispiele stehen repräsentativ für unzählige Situationen, die ich in allen Lebenskontexten regelmäßig beobachte oder von denen mir berichtet wird. Sie sind das Ergebnis männlicher Sozialisation. Es gibt natürlich viele weitere Beispiele: Männer, die auf den Boden spucken, die mit lauter Musik ihrer Musik-Box durch die Innenstadt oder U-Bahn rennen, Männer, die im öffentlichen Raum laut schreien und (spielerisch) kämpfen und somit andere Menschen stören und belästigen – oder auch ängstigen.

Um auf „Boys will be boys“ zurückzukommen: Es ist eine sehr einfache Antwort auf problematisches, aggressives und wildes Verhalten zu sagen: „Jungen sind halt so“. Damit wird die Möglichkeit ausgeblendet, Geschlechterstereotype und deren Konstruktion zu hinterfragen und das eigene Verhalten zu ändern sowie eine Verhaltensänderung von anderen, wie beispielsweise den eigenen Kindern, zu bewirken.

Manspreadingwalk

Das patriarchale Muster des Manspreadings setzt sich auch beim Gang von Männern fort: Jungen gehen bereits im Kindergartenalter breitbeinig, als ob sie etwas zwischen ihren Schenkeln hätten, und setzen ihre Füße mit den Spitzen nach außen gedreht möglichst weit auseinander auf. Spätestens ab dem Jugendalter ist der Manspreadingwalk flächendeckend zu beobachten.

Mansplaining

Die Schriftstellerin Rebecca Solnit veröffentlichte 2003 auf der Webseite www.tomdispatch.com einen Essay (Men explain things to me; facts didn’t get in their way), in dem sie von einer Situation aus dem Jahr 2003 berichtete. Dieser Text wurde auch in ihrem Buch „Men explain things to me“ publiziert. Sie berichtet von einem Erlebnis auf einer Party. Der Gastgeber dieser Feier, ein älterer wohlhabender Mann, sprach sie an, da er gehört hatte, dass sie Autorin ist. Solnit berichtete, dass sie kürzlich ein Buch über Eadweard Muybridge veröffentlicht hatte. Der Gastgeber unterbrach sie und fragte, ob sie von dem erst kürzlich erschienen Muybridge-Buch gehört habe, wartete ihre Antwort nicht ab, und hielt ihr einen Vortrag über das Buch. Solnit sowie ihre Freundin versuchten ihm immer wieder mitzuteilen, dass Solnit die Autorin des Buches sei, was erst nach mehreren Versuchen gelang. Die Wortschöpfung Mansplaining stammt laut Solnit nicht von ihr, ihr Essay sei aber eine Initialzündung gewesen. Mansplaning steht für das Verhalten von Männern, Frauen die Welt zu erklären, vor allem, da sie davon ausgehen, dass sie sowieso mehr wissen würden als Frauen.

Whataboutism und Derailing

Weitere Formen übergriffigen und sexistischen Verhaltens in der Kommunikation sind Whataboutism und Derailing. Beim Whataboutism lenken vor allem Männer von der eigentlichen Diskussion/der Kritik ab, indem sie auf vermeintlich andere Missstände verweisen, wodurch Frauen diskreditiert, die Argumente jedoch nicht widerlegt werden. Berichten beispielsweise Frauen davon, dass sie am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden, dann reagieren Männer nicht selten mit der Antwort, dass sie auch einen Mann kennen, der ebenfalls schon sexuell belästigt wurde, Männer ja auch diskriminiert werden und sie mindestens genauso stark von Sexismus und Benachteiligung betroffen seien wie Frauen. Somit wird vom eigentlichen Thema abgelenkt, dieses negiert und kleingeredet. Beim Derailing ist es das Ziel, die Kommunikation entgleisen zu lassen – im Netz beispielsweise durch die Verwendung von Fake-Profilen, die sich gegenseitig unterstützen, um eine Mehrheit vorzutäuschen, und rhetorische Mittel wie Totschlagargumente oder Strohmannargumente einsetzen, um ganz bewusst eine Eskalation herbeizuführen.

Hepeating

Hepeating (Wortmischung aus „he“ („er“) + „repeating“ („wiederholt“)) beschreibt eine Technik, bei der Männer Gedanken und Ideen von Frauen aufgreifen, um sie dann als die eigenen auszugeben und dafür die Anerkennung und das Lob oder gar die Beförderung zu kassieren. Diese manipulative Technik ist äußerst perfide, wenn bedacht wird, dass die Leistungen und Ideen von Frauen permanent belächelt und nicht ernst genommen werden. Der Begriff wurde von der Physikerin Nicole Gugliucci (vgl. Windmüller 2017) auf Twitter vorgeschlagen: „Meine Freunde haben ein Wort kreiert: hepeated. Wenn eine Frau eine Idee äußert, die dann ignoriert wird, aber wenn ein Mann das Gleiche sagt, finden es alle toll.“ Im Jahr 2017 wurde ihr Beitrag bereits 65.000 Mal geteilt und 208.000 Mal gelikt (vgl. ebd.). Der Internet-Clip „Der Mietmann – ein Garant für Erfolg“ visualisiert Hepeating. Die Protagonistin des Videos bemerkt an ihrer Arbeitsstelle, dass Männer ihre Aussagen ignorieren, wiederholt jedoch ein Mann ihre Worte, wird er dafür gefeiert. Daher mietet sie sich einen Mann, der dann alles, was sie sagt, wiederholt. Die Mitarbeiter nehmen sie daraufhin wahr und reagieren auf sie (beziehungsweise auf das, was ihr Mietmann sagt) – zudem wird sie befördert.

Marginalisierung weiblicher Expertinnen am Beispiel Corona

Es ist leider nicht ungewöhnlich, dass wir von männlichen Experten Probleme und Lösungen erklärt bekommen – durch die Medien entsteht der Eindruck, als gäbe es gar keine weiblichen Expertinnen. Besonders auffällig und öffentlich thematisiert wurde dies in der Corona-Krise. Zwei Studien der MaLisa Stiftung beschäftigten sich mit Geschlechtergerechtigkeit in der Corona-Krise und kamen zu folgenden Ergebnissen (vgl. Berggren/Prommer/Stüwe 2020): Im Fernsehen waren 78 % männliche Experten zu sehen, in Online-Berichterstattungen wurden 93 % männliche Experten erwähnt und weibliche nur zu 7 % (Forscherinnen wurden nur zu 5 % genannt, Virologinnen nur zu 4 %). In den untersuchten Online-Medien kamen 70 % Männer und 30 % Frauen vor. Im medizinischen Bereich waren es fast ausschließlich Männer, die zu Wort kamen, obwohl rund die Hälfte der ÄrztInnen weiblich ist (2018 gab es 45 % Ärztinnen und im Bereich Virologie, Infektionsepidemiologie und Mikrobiologie waren 45 % Frauen). Von den befragten ärztlichen Fachkräften und Forschenden mit Leitungsfunktion waren jedoch nur 5 % Frauen, 95 % der Befragten waren also männlich. Bei VirologInnen ohne Leitungsfunktion lag der Frauenanteil bei gerade einmal 27 %, also waren 73 % männlich, bei VirologInnen mit Leitungsfunktion waren nur 7 % weiblich und 93 % männlich. 94 % aller Befragten im Bereich Epidemiologie und Infektionsforschung waren ebenfalls männlich und nur 6 % waren Frauen. Interessant ist auch, zu welchen Themen männliche und zu welchen Themen weibliche ExpertInnen befragt wurden: Zu dem Thema Soziales wurden 69 % Männer und nur 31 % Frauen befragt, beim Thema Politik wurden 76 % Männer und nur 24 % Frauen befragt, zum Thema Kultur waren es 80 % Männer und nur 20 % Frauen, beim Thema Pflege wurden 83 % Männer und nur 17 % Frauen befragt, beim Thema Medizin waren es ebenfalls 83 % Männer und 17 % Frauen, zum Thema Wirtschaft genauso. Nur beim Thema Bildung gab es eine Annährung: 55 % der Befragten waren Männer und 45 % Frauen. Es wird deutlich: Es sind Männer, die als Experten in Erscheinung treten und in der Öffentlichkeit stehen, obwohl es ebenso oder besser qualifizierte Frauen gibt. Doch erhalten diese nicht die Möglichkeit, ebenfalls als Expertinnen aufzutreten. Daher muss davon ausgegangen werden, dass nicht unbedingt die besten ExpertInnen in der Öffentlichkeit gehört und wahrgenommen werden, da die meisten der qualifizierten Frauen dort gar nicht präsentiert sind.

Sprache

Frauen werden in der deutschen Sprache durch die Verwendung des generischen Maskulinums unsichtbar gemacht, also die Benutzung der männlichen Form für alle5. Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung und unsere Realität, sie prägt und konstruiert diese. Studien zeigen, dass sich Mädchen und Frauen nicht angesprochen fühlen, wenn Berufe männlich konnotiert sind. Sie erlernen diese Berufe seltener und trauen sich meist nicht zu, diese erlernen zu können. Bettina Hannover, Psychologin und Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin, führte mit ihrem Kollegen Dries Vervecken zwei Studien mit 591 Kindern (sechs bis zwölf Jahre) aus deutschen und belgischen Klassen durch (vgl. Vervecken/Hannover 2015, S. 76 – 92) und kommt zu folgendem Ergebnis (Diversitymine 2015): „Unsere Ergebnisse zeigen: geschlechtergerechte Sprache verstärkt die Zuversicht von Kindern, in traditionell männlichen Berufen erfolgreich sein zu können. […] Mit der systematischen Verwendung solcher Sprachformen – zum Beispiel durch Lehrkräfte und Ausbildende – kann also ein Beitrag dazu geleistet werden, mehr junge Leute für eine Karriere in diesen Berufen zu motivieren.“ In dem Musik-Video „Sichtbar sein“ (vgl. Lu Likes 2018) wurde die Problematik, dass Mädchen und Frauen durch die Verwendung des generischen Maskulinums unsichtbar gemacht und nicht angesprochen werden, visualisiert und vertont.

Ein interessantes Gedankenexperiment dazu bietet folgende, im Internet kursierende Geschichte (Hennemann 2012): „Ein Vater fährt mit seinem Sohn zum Fußballspiel, doch mitten auf einem Bahnübergang bleibt ihr Wagen stehen. In der Ferne hört man schon den Zug pfeifen, verzweifelt versucht der Vater, den Motor anzulassen, aber vor Aufregung schafft er es nicht. Das Auto wird vom Zug erfasst. Ein Rettungswagen jagt zum Unfallort und holt die beiden ab, doch der Vater stirbt noch auf der Fahrt ins Krankenhaus. Der Sohn lebt, muss aber sofort operiert werden. Er wird in den OP-Saal gefahren, wo schon die diensthabenden Chirurgen warten. Als sie sich jedoch über den Jungen beugen, sagt jemand vom Chirurgenteam mit erschrockener Stimme: ‚Ich kann nicht operieren – das ist mein Sohn!‘“

Die Geschichte irritiert, nicht wahr? Wie kann der tote Vater seinen Sohn operieren? Die Lösung ist einfach und simpel: Gar nicht. Es ist die Mutter, die ihn operieren soll. Durch die Verwendung des generischen Maskulinums – aber auch durch das Bild, dass gutes medizinisches Fachpersonal männlich sei – gehen wir beim Lesen davon aus, dass es sich hierbei um einen männlichen Chirurgen anstatt um eine Chirurgin handeln muss.

Objektivierung/Sexualisierung

Frauen werden vielfach objektiviert und auf „weibliche Reize“ reduziert und sexualisiert, sei es in Filmen, Serien, Videospielen, Zeitschriften, Hörspielen, Comics oder in der Werbung. In kaum einem Film fehlt beispielsweise die obligatorische Duschszene, in der die Frau nackt zu sehen ist, häufig gleich zur Einführung der Figur, was jedoch für die zu erzählende Geschichte völlig unerheblich ist. Es wird die Botschaft übermittelt, dass Frauen vor allem eins sind: Zu benutzende (Sex-)Objekte, aber keine Menschen auf Augenhöhe. All dies hat natürlich Auswirkungen auf unser Denken und unser Handeln, beeinflusst unsere Sicht auf Frauen und unterstützt die hierarchischen Unterschiede der Geschlechter. Dies ist ein perfides Werkzeug des Patriarchats und zeigt sich in allen Lebensbereichen, bis hin zur Pornografie und Prostitution in ihren extremsten Ausprägungen.

Dick Pics

Viele Männer scheinen als einen Volkssport anzusehen, was jedoch nichts anderes ist als sexuelle Belästigung: Das ungefragte (!) Versenden von Dick Pics, also Fotos vom meist erigierten Penis, an Frauen – ob über Dating-Plattformen wie Tinder, bei Facebook, WhatsApp oder per E-Mail. Mittlerweile zeigen immer mehr Frauen Männer an, die ihnen ungefragt derartige Fotos senden, und machen die Täter namentlich öffentlich. Jede zweite Frau zwischen 18 bis 24 Jahren hat bereits ungefragt ein Penis-Foto erhalten (vgl. EMMA 2019). Ein aktuelles Vorbild ist Inge Bell (stellvertretende Vorstandsvorsitzende bei TERRE DES FEMMES e. V.), die juristisch gegen den Täter vorging, der ihr im Jahr 2017 ungefragt über Facebook sechs pornografische Fotos – unter anderem von seinem erigierten Penis – gesendet hatte (vgl. ebd.). Inge Bell gewann und der Täter wurde bestraft.

Unter www.dickstinction.com kann in Deutschland eine Strafanzeige gegen Täter, die Dick Pics verschicken, gestellt werden.

Schwangerschaftsabbruch

In der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche ist es höchst erstaunlich (oder eben nicht), dass es vor allem Männer sind, die in der Öffentlichkeit darüber diskutieren und im Bundestag darüber abstimmen wollen, was Frauen mit ihrem Körper machen. Es ist Teil toxischer Männlichkeit, über Frauen und ihre Körper zu bestimmen. Da aus biologischer Sicht einer der großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern die Gebärfähigkeit ist, sitzt der Gebärneid von Männern sehr tief. Es passt nicht zur hegemonialen Männlichkeit, dass Männer kein Leben gebären können. Also versuchen sie, Frauen Beschränkungen, Verbote und Hindernisse aufzubürden, so dass es am Ende doch wieder Männer sind, die über eine mögliche Geburt oder einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

Erklärung der Paragrafen:

•§ 218 StGB (vgl. Strafgesetzbuch § 218) beschreibt das Strafmaß bei einem Schwangerschaftsabbruch. Für die durchführenden Personen, im Gesetz „Täter“ genannt, bedeutet dies eine Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren – wenn die Schwangere den Schwangerschaftsabbruch selber vornimmt, bedeutet dies für sie eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.

•§ 219 StGB (vgl. Strafgesetzbuch § 219) beschreibt die Möglichkeit der Beratung für „Schwangere in einer Not- und Konfliktsituation“, die auch Grundlage für einen Schwangerschaftsabbruch darstellt: „[…] [dass] ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, dass sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt.“

•§ 219a StGB (vgl. Strafgesetzbuch § 219a) beschreibt das Strafmaß bei öffentlichen Hinweisen darauf, dass Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden können: „[Wer] […] anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekanntgibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Aktuell wurde der Paragraf 219a in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Im Fokus der Medien stand Kristina Hänel, selbst Fachärztin für Allgemeinmedizin und Notfallmedizinerin (vgl. Wikipedia: Kristina Hänel). Es liefen drei Ermittlungsverfahren gegen Hänel, beim dritten wurde sie vom Amtsgericht Gießen am 24. 11. 2017 wegen des Hinweises darauf, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, zu 40 Tagessätzen in Höhe von je 150 Euro verurteilt. Hänels Berufung wurde vom Landgericht Gießen verworfen, worauf sie in Revision ging. Nachdem das Oberlandesgericht Frankfurt am Main das Urteil am 03. 07. 2019 aufhob, da der § 219 im März 2019 zu Hänels Gunsten geändert worden war, verurteilte das Landgericht Gießen Hänel im Dezember 2019 erneut, diesmal zu 25 Tagessätzen zu je 100 Euro (vgl. ebd./Spiegel Panorama 2019). Es folgten öffentlich geführte Debatten um die Abschaffung des § 219. Die Änderung des Paragrafen führte dazu, dass ärztliche Fachkräfte nun darüber informieren dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, jedoch dürfen sie keine weiteren Informationen veröffentlichen. Dies wird öffentlich kritisiert, da Mädchen und Frauen weiterhin keine Informationen über Schwangerschaftsabbrüche erhalten können. Kristina Hänel setzt sich weiterhin für die Streichung von § 219a ein (vgl. Fischer 2019). Sie hat das Erlebte als Tagebuch dokumentiert und als Buch veröffentlicht (vgl. Hänel 2019).

Die Sicht von betroffenen Frauen scheint in der Politik, wenn überhaupt, nur eine völlig untergeordnete Rolle zu spielen. Es wird nicht danach gefragt, was die ungewollte Schwangerschaft mit den Frauen macht, was das für sie und ihr Leben bedeutet, welche Opfer und Einschränkungen sie hinnehmen müssen und was dies für Konsequenzen mit sich bringt, es wird nicht nach den Wünschen und Sorgen der betroffenen Frauen gefragt, stattdessen wird eine gegenteilige Studie geplant (Spiegel Gesundheit 2019): „Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geplante und vom Kabinett bewilligte Studie zu den psychischen Folgen von Abtreibungen würde mit einem Etat von fünf Millionen Euro der teuerste Forschungsauftrag des Ministeriums der letzten zehn Jahre.“ Das Geld, das an anderer Stelle für Frauen und ihre Gesundheit dringend benötigt wird (beispielsweise für Beratungsstellen für Betroffene von Gewalt unter der Geburt, für Forschung zu Krankheiten, die fast ausschließlich Frauen betreffen wie Lipödem, Endometriose etc.), wird somit in eine völlig sinnlose Studie gesteckt. Dabei sollte nicht die Frage sein, welche psychischen Folgen eine Abtreibung mit sich bringt, sondern die, welche psychischen Konsequenzen es für Frauen hat, wenn sie nicht abtreiben dürfen. Es wird wie in allen Bereichen über Frauen und ihre Belange hinweg entschieden – und dabei war es mal wieder ein toxisch eingestellter Mann, der dies getan hat.

Alice Schwarzer (2019, S. 6) schreibt: „Er ist der mit den Smarties. Der Mann, der während der Debatte um die Freigabe der „Pille danach“ anno 2014 uns Frauen erklärt hat, dass so eine Pille schließlich kein Smartie sei. Da war er noch der „gesundheitspolitische Sprecher“ der CDU/CSU. Inzwischen ist er Gesundheitsminister und holt als solcher jetzt ganz groß aus: Er hat sich vom Kabinett fünf Millionen Euro gewähren lassen für eine Studie, die etwas untersuchen soll, was weltweit in den vergangenen Jahrzehnten schon zig Mal untersucht und eindeutig beantwortet wurde. Auch wenn er persönlich die Antwort nicht wissen kann, so sollte er doch als Minister die Ergebnisse der internationalen Studien zu seinen Fragen kennen.“

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