Kitabı oku: «Der Kaiser von Portugalien»

Yazı tipi:

Selma Lagerlöf
Der Kaiser von Portugalien

Roman

Deutsch von Pauline Klaiber-Gottschau

Saga

Erster Teil

Das klopfende Herz

So alt Jan Andersson in Skrolycka auch immer wurde, nie wurde er müde, von dem Tag zu erzählen, an dem sein kleines Mädchen zur Welt kam.

In aller Frühe war er aufgebrochen, die Hebamme und noch andere Helferinnen zu holen; aber dann hatte er den ganzen Vormittag und noch eine gute Weile in den Nachmittag hinein auf dem Hauklotz im Holzschuppen gesessen und hatte gewartet, gewartet.

Draußen regnete es in Strömen, und auch Jan Andersson blieb nicht ganz verschont von dem Regenwetter, obgleich er sozusagen unter Dach saß. Es drang als Feuchtigkeit zwischen den undichten Wänden zu ihm herein und jetzt eben schleuderte der Wind auch noch eine ganze Sturzsee durch die türlose Schuppenöffnung.

»Ich frage mich eben, ob wohl irgend jemand meinen kann, ich freue mich über die Ankunft des Kindes?« murmelte er, und zugleich stieß er mit dem Fuß so heftig nach einem kleinen Holzscheit, daß es bis in den Hof hinausflog. »Das größte Unglück ist’s geradezu, das mir hätte widerfahren können. Als Katrine und ich heirateten, geschah’s nur, weil wir es überdrüssig geworden waren, noch länger als Knecht und Magd bei Erik in Falla aus und ein zu gehen. Wir taten’s, weil wir die Füße unter den eigenen Tisch setzen wollten, aber doch gewiß nicht, um Kinder zu bekommen.«

Er verbarg das Gesicht in den Händen und seufzte tief. Die Kälte und die Feuchtigkeit und das lange peinliche Warten hatte allerdings das ihre zu seiner schlechten Laune beigetragen, aber die eigentliche Ursache waren diese Unannehmlichkeiten keineswegs. Es war ihm vollkommen Ernst mit seiner Klage.

›Arbeiten‹, dachte er, ›arbeiten muß ich alle Tage vom Morgen bis zum Abend, aber bisher hatt’ ich dann wenigstens bei Nacht meine Ruhe. Nun wird das Kind wahrscheinlich recht viel schreien, und dann bekomme ich auch da keine Ruhe mehr.‹

Nach diesem Gedankengang überkam ihn noch größere Verzweiflung. Er nahm die Hände vom Gesicht und rang sie so heftig, daß die Gelenke krachten.

›Bis jetzt ist auch alles ganz gut gegangen, weil Katrine, gerade wie ich auch, auf Arbeit ausgehen konnte.

Aber jetzt muß sie ja daheimbleiben und das Kind warten.‹

Er starrte geradewegs in die zunehmende Dunkelheit hinein, mit einem Ausdruck, als käme schon die Hungersnot über den Hofplatz dahergeschlichen und wollte ins Haus eindringen.

»Ja, ja«, sagte er, und jetzt schlug er, wie um seine Worte zu bekräftigen, mit beiden Fäusten hart auf den Hauklotz. »Ja, ich sag’ nur soviel, wenn ich damals gewußt hätte, daß dies hier die Folge sein würde, als Erik in Falla zu mir kam und sagte, ich dürfe mir ein Haus auf seinem Grund und Boden bauen, und mir überdies auch noch alte Balken zum Bau überließ, wenn ich das damals gewußt hätte, so hätt’ ich alles miteinander ausgeschlagen und wär’ meiner Lebtage in der Stallkammer auf Falla geblieben.«

Das waren starke Worte, er fühlte es wohl; aber er hatte keine Lust, sie zurückzunehmen.

»Wenn es je geschehen sollte ...«, begann er wieder; denn er war nun soweit, sagen zu wollen, es wäre ihm gar nicht unlieb, wenn dem Kind auf irgendeine Weise etwas zustieße, ehe es das Licht der Welt erblickte. Aber er kam nicht dazu, diesen Gedanken auszusprechen; denn eben jetzt drang ein piepsendes Stimmchen durch die Wand an sein Ohr und da hielt er jäh inne.

Der Holzschuppen war mit dem Wohnhaus zusammengebaut, und als er hinhorchte, drangen die piepsenden Laute immer wieder zu ihm heraus. Jan Andersson wußte natürlich sofort, was das bedeutete, und nun blieb er lange ganz still sitzen, ohne ein Zeichen von Kummer oder Freude an den Tag zu legen.

Schließlich zuckte er leicht die Schultern und sagte: »Ja, jetzt ist’s also gekommen, und jetzt werd’ ich doch wohl in Gottes Namen ins Haus hinein dürfen und mich wärmen.«

Aber auch diese Erleichterung wurde ihm nicht so schnell zuteil, sondern er mußte abermals Stunde um Stunde warten.

Der Regen strömte noch immer mit gleicher Heftigkeit hernieder, der Wind nahm zu, und obgleich es erst gegen Ende August ging, war die Luft so rauh wie an einem Novembertag.

Und um das Maß vollzumachen, verfiel Jan Andersson nach einer Weile auf einen Gedanken, der ihn noch mehr bedrückte, als alles andere vorher.

Er fühlte sich allmählich mißachtet und zurückgesetzt. »Drei verheiratete Frauen sind außer der Hebamme bei Katrine drinnen«, sagte er halblaut. »Die hätten sich doch wirklich die Mühe machen können, oder wenigstens eine von ihnen, herauszukommen und mir zu sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.«

Er horchte nach der Hauswand hin und hörte, wie auf dem Herd Feuer gemacht wurde. Dann sah er die Frauen an der Quelle Wasser holen; aber keine schien ihn auch nur zu bemerken.

Da schlug er plötzlich die Hände vors Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her.

»Mein guter Jan Andersson«, begann er, »wo hapert’s denn eigentlich bei dir? Warum geht bei dir alles schief? Warum bist du immer so niedergedrückt? Ach, warum hast du denn nicht ein schönes junges Mädchen heiraten können, sondern nur die alte Stallmagd Katrine bei Erik auf Falla?«

Er war ganz aufgelöst vor Kummer. Zwischen den Fingern quollen ihm sogar ein paar Tränen hervor.

»Warum bist du im Dorf so wenig geachtet, mein guter Jan Andersson? Warum wirst du immer andern gegenüber zurückgesetzt? Du weißt, es gibt andere, die ebenso arm sind wie du und ebenso schwach bei der Arbeit, gerade wie du auch, aber keiner wird so übersehen wie du. Wo hapert’s denn nur bei dir, mein guter Jan Andersson?«

Das war eine Frage, die sich Jan Andersson schon oft gestellt hatte, aber immer vergeblich. Er hatte auch gar keine Hoffnung, daß er je die Antwort darauf finden würde, und wenn er alles in allem betrachtete, so haperte es vielleicht nirgends. Vielleicht war die richtige Erklärung, daß Gott und die Menschen ungerecht gegen ihn waren?

Als er bei diesem Gedanken angekommen war, nahm er die Hände vom Gesicht und versuchte, eine kecke Miene aufzusetzen.

»Wenn du je wieder in dein eigenes Haus hinein darfst, dann wirst du nicht einen Blick auf das Kind werfen, mein guter Jan Andersson«, sagte er. »Du wirst nur stillschweigend an den Herd gehen und dich wärmen.«

»Oder wie wär’s, wenn du jetzt auf und davon gingest — —«, fing er wieder an. »Du brauchst ja gar nicht länger hier sitzenzubleiben, jetzt, wo du weißt, daß alles überstanden ist. Wie, wenn du Katrine und den andern Weibern drinnen zeigen würdest, was du für ein Mann bist — — —«

Er wollte eben vom Hauklotz aufstehen, da erschien die Hofbäuerin von Falla unter dem Eingang des Schuppens. Sie verneigte sich gar zierlich und lud ihn ein, jetzt ins Haus zu kommen und sich das Kind anzusehen.

Wenn es nicht die Mutter in Falla selbst gewesen wäre, die diese Einladung vorbrachte, dann ist es nicht gewiß, ob Jan Andersson in seiner aufgebrachten Stimmung hineingegangen wäre. Aber mit ihr ging er natürlich, doch ohne irgendwelche Eile an den Tag zu legen. Er gab sich alle Mühe, die Miene und Haltung anzunehmen, die Erik in Falla hatte, wenn er auf dem Rathaus nach der Wahlurne ging, um seinen Wahlzettel hineinzulegen, und es gelang Jan Andersson jetzt auch ganz gut, ebenso feierlich und finster auszusehen wie jener.

»Bitte, Jan!« sagte die Mutter in Falla, und damit machte sie die Türe weit auf. Zugleich trat sie zur Seite und ließ Jan vorausgehen.

Jan sah auf den ersten Blick, wie fein und sauber alles in der Stube gemacht worden war. Die Kaffeekanne stand zum Abkühlen auf dem Rand der Herdplatte, und der Tisch am Fenster war mit Mutter in Fallas Kaffeetassen und einem schneeweißen Tuch gedeckt. Katrine lag im Bett, und zwei andere Frauen, die auch zur Hilfe da waren, drückten sich an die Wand, damit er einen freien Blick über alle Anordnungen haben könnte.

Dicht vor dem Kaffeetisch stand die Hebamme mit einem Bündel auf dem Arm.

Jan Andersson drängte sich unwillkürlich der Gedanke auf, daß es aussehe, als sei er hier bei dieser Sache einmal die Hauptperson. Katrine sah ihn mit einem freundlichen Blick an, wie wenn sie fragen wollte, ob er zufrieden mit ihr sei. Und alle die andern hielten auch ihre Augen auf ihn gerichtet, gleichsam Lob erheischend für alle die Mühe, die sie sich seinetwegen gemacht hatten.

Aber es ist nicht so leicht, frohen Herzens zu werden, wenn man einen ganzen Tag draußen gesessen und gefroren hat und schlechter Laune geworden ist. Jan konnte Erik in Fallas Miene nicht aus seinem Gesicht verbannen und blieb, ohne ein Wort zu sagen, mitten im Zimmer stehen.

Da machte die Hebamme einen Schritt auf ihn zu. Und die Stube war nur so groß, daß sie mit diesem einzigen Schritt ganz dicht zu ihm hinkam und ihm das Kind in die Arme legen konnte.

»Da kann Er ein kleines Mädchen sehen das überdies ein Prachtkind ist«, sagte sie.

Da stand nun der arme Jan und hielt zwischen seinen Händen etwas, das sich warm und weich anfühlte und in ein großes Tuch eingewickelt war. Das Tuch war so weit zurückgeschlagen, daß Jan das winzige, runzlige Gesichtchen und die verschrumpelten Händchen sehen konnte.

Er stand unsicher da und fragte sich, was denn die Frauenzimmer erwarteten, daß er mit diesem Ding, das ihm die Hebamme in die Arme gelegt hatte, anfangen werde, als er plötzlich einen Stoß erhielt, bei dem er und das Kind zusammenzuckten. Keines von den Anwesenden hatte ihm diesen Stoß versetzt, aber ob er von dem kleinen Mädchen zu ihm kam oder von ihm zu dem kleinen Mädchen, das konnte Jan nicht herausbringen.

Unmittelbar darauf fing das Herz in seiner Brust so heftig an zu klopfen, wie es noch nie geklopft hatte, und im selben Augenblick fror Jan nicht mehr und er fühlte sich nicht mehr verdrießlich noch bekümmert noch ärgerlich, sondern alles war wieder gut. Nur eines beunruhigte ihn noch: er konnte nicht begreifen, warum es dermaßen in seiner Brust hämmerte und klopfte, da er doch den ganzen Tag nicht getanzt hatte und auch nicht schnell gelaufen oder einen steilen Berg hinaufgeklettert war.

»Legt einmal Eure Hand hierher und fühlt!« sagte er zu der Hebamme. »Mir ist, als schlüge mein Herz so sonderbar.«

»Ja, Ihr habt tüchtig Herzklopfen«, sagte die Hebamme. »Habt Ihr das öfters?«

»Nein, ich hab’s noch nie gehabt«, versicherte Jan. »Noch niemals auf diese Weise.«

»Ist es Euch schlecht? Habt Ihr irgendwo Schmerzen?« fragte die Hebamme besorgt.

Nein, nein, es sei sonst alles in Ordnung.

Da konnte die Hebamme nicht verstehen, was ihm fehlen könnte, und sie sagte:

»Ich will Euch jedenfalls das Kind abnehmen.«

Aber da überkam Jan ein neues Gefühl. Das Kind, nein, das wollte er nicht hergeben.

»Nein, laßt mir das Kind!« sagte er.

Und in diesem Augenblick mußten die Frauen in seinen Augen etwas gelesen und aus seiner Stimme etwas herausgehört haben, das sie froh machte, denn die Hebamme verzog den Mund, und die andern brachen in lautes Lachen aus.

»Ei Jan, habt Ihr noch nie jemand so liebgehabt, daß Ihr seinetwegen Herzklopfen bekommen habt?« sagte die Hebamme.

»Nei—n«, antwortete Jan.

Und nun begriff er plötzlich, was ihm das Herz jetzt eben in Gang gesetzt hatte und warum es so stark klopfte. Und damit nicht genug, begann er auch zu ahnen, wo es bei ihm zeit seines Lebens gehapert hatte: denn einen Menschen, der sein Herz weder in Leid noch in Freude schlagen fühlt, kann man gewiß nicht für einen richtigen Menschen halten.

Klara Fina Gulleborg

Am nächsten Tag stand Jan in Skrolycka mehrere Stunden lang unter seiner Haustür mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm.

Auch das war eine lange Wartezeit; aber jetzt war alles ganz anders als gestern. Jetzt stand er hier in guter Gesellschaft und so wurde er weder müde noch verdrießlich.

Er konnte gar nicht beschreiben, welch ein wohliges Gefühl ihn überkam, während er unter der Tür stand und den warmen kleinen Körper an sich gedrückt hielt. Es kam ihm vor, als sei er bisher auch gegen sich selbst immer recht widerwärtig und bitter gewesen, denn jetzt auf einmal empfand er nur Glück und Wonne in seinem Herzen. Noch nie hatte er gefühlt, wie geradezu beseligt man sein kann, einzig und allein dadurch, daß man jemand so recht herzlich liebhat.

Jan hatte sich natürlich nicht ohne Absicht unter die Tür gestellt. Während er dastand, mußte eine gar wichtige Sache entschieden werden.

Schon seit dem frühen Morgen hatten die Eheleute versucht, für das Kind einen Namen zu finden. Sie hatten es aufs reiflichste hin und her überlegt, sich aber noch immer nicht für einen von all den vielen Namen entscheiden können.

Schließlich hatte Katrine gesagt:

»Jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als daß du dich mit dem Kinde auf die Türschwelle stellst und dann das erste Frauenzimmer, das vorüberkommt, nach ihrem Namen fragst. Den Namen, den sie dir angibt, müssen wir dann dem Mädchen geben, einerlei, ob er grob oder fein ist.«

Aber das Häuschen lag etwas abseits vom Wege, und es pflegte nicht oft jemand vorbeizukommen. Jan stand schon sehr lange unter der Tür, und noch immer war niemand vorübergegangen.

Auch an diesem Tag herrschte trübes Wetter; aber es regnete nicht, auch war es weder windig noch kalt, eher etwas schwül.

Wäre Jan nicht mit der Kleinen im Arm dagestanden, so hätte er sicherlich die Hoffnung auf einen Vorübergehenden schon längst aufgegeben und er hätte zu sich selbst gesagt:

»Mein guter Jan Andersson, vergißt du denn, daß du ganz entlegen am Duvsee in Askedalarna wohnst, wo es nur einen einzigen richtigen Bauernhof gibt und sonst nur noch einige kleine Kätnerhäuschen und Fischerhütten liegen? Wen gäbe es da wohl mit einem so vornehmen Namen, der dir für dein kleines Mädchen recht wäre?«

Da es sich aber jetzt um sein Töchterchen handelte, zweifelte Jan gar nicht an einem endlichen günstigen Ausgang. Er schaute nach dem Duvsee hinüber und wollte gar nicht sehen, wie verlassen und einsam dieser in seinem Bergkessel dalag. Es könnte doch sein, daß eine vornehme Dame mit einem schönen Namen von dem Duvnäser Hüttenwerk auf diese Seite des Sees herüberruderte. Jan war beinahe sicher, daß es nur um des kleinen Mädchens willen so gehen werde.

Das Kind schlief die ganze Zeit, er konnte also ganz ruhig unter der Tür stehenbleiben und warten, solange er Lust hatte. Schlimmer war es bei Katrine. Sie fragte ein ums andere Mal, ob denn niemand komme. Denn jetzt könne er wohl nicht länger mit der Kleinen draußen stehen.

Jan richtete seinen Blick auf den Storsnipa, der aus den Birkenwäldchen und Äckerchen in Askedalarna steil aufragte und wie ein Festungsturm Wache hielt, um alle Fremden fernzuhalten. Es hätte doch sein können, daß irgendeine vornehme Dame, die auf dem Berge gewesen war, um die schöne Aussicht zu betrachten, auf dem Rückwege die Richtung verfehlen und sich bis nach Skrolycka verirren würde.

Er beruhigte Katrine, so gut er konnte. Es fehle ihnen nichts, weder ihm noch dem Kinde. Da er nun so lange dagestanden habe, wolle er auch noch ein wenig länger warten.

Nirgends war ein Mensch zu sehen; aber Jan war fest überzeugt, daß ihm Hilfe zuteil werde, wenn er nur noch ein wenig wartete. Es konnte ja nicht anders sein. Er hätte sich auch gar nicht verwundert, wenn eine Königin in einer goldenen Kutsche durch Gebirge und Waldesdickicht dahergefahren gekommen wäre, um dem kleinen Mädchen in seinen Armen ihren Namen zu geben.

Wieder verging eine Weile; aber nun fühlte Jan den Abend herannahen, und da konnte er nicht länger draußen stehenbleiben.

Katrine konnte auf der Uhr im Zimmer sehen, wie spät es war, und sagte wieder, er solle jetzt hereinkommen.

»Hab nur noch einen Augenblick Geduld!« erwiderte Jan. »Ich glaube, ich kann dort drüben im Westen jemand herankommen sehen.«

Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trüb gewesen, aber in diesem Augenblick brach die Sonne durch die Wolken und ließ ein paar goldene Strahlen auf das Kind fallen.

»Ich verwundere mich nicht, daß du dir die Kleine ansehen willst, ehe du dich zur Ruhe begibst«, sagte Jan zu der Sonne. »Sie ist es wert, daß man sie ansieht.«

Die Sonne brach immer heller hervor und warf einen roten Schein auf das Kind und das ganze Häuschen.

»Aha, du willst wohl überdies Patenstelle bei der Kleinen übernehmen?« sagte Jan in Skrolycka.

Darauf gab die Sonne nicht unmittelbar Antwort; in rotgoldener Pracht leuchtete sie noch einmal hell auf, zog dann aber den Wolkenschleier wieder vor und verschwand.

Nun erklang Katrines Stimme aufs neue.

»Ist jemand dagewesen?« fragte sie. »Es war mir, als hättest du mit jemand gesprochen. Du mußt jetzt hereinkommen.«

»Ja, jetzt komm’ ich«, sagte Jan und trat auch sogleich herein. »Eine furchtbar vornehme Dame ist eben vorbeigegangen. Aber sie hatte es sehr eilig; ich konnte ihr kaum guten Tag sagen, da war sie auch schon wieder verschwunden.«

»Ach je, das ist doch recht ärgerlich, nachdem wir nun so lange gewartet haben! Du hast sie wohl gar nicht nach ihrem Namen fragen können?«

»Doch, sie hieß Klara Fina Gulleborg1), soviel hab’ ich aus ihr herausgebracht.«

»Klara Fina Gulleborg! Das ist doch wohl ein zu vornehmer Name für das Kind«, sagte Katrine, erhob dann aber doch keinen weiteren Widerspruch.

Aber Jan in Skrolycka war ganz bestürzt über sich selbst, weil er auf etwas so Großes verfallen war, die Sonne als Patin für sein kleines Mädchen zu nehmen. Ja, in dem Augenblick, wo man ihm das Kind in die Arme gelegt hatte, war er ein neuer Mensch geworden.

Die Taufe

Als das kleine Mädchen aus Skrolycka zum Pfarrer gebracht werden sollte, um die heilige Taufe zu empfangen, benahm sich Jan, ihr Vater, sehr dumm; es fehlte nicht viel, so hätte er von seiner Frau und von den Gevatterleuten heftige Schelte bekommen.

Erik in Fallas Frau wollte das Kind über die Taufe halten. Sie fuhr mit der Kleinen im Arm nach dem Pfarrhaus, und Erik in Falla ging selbst neben dem Wagen her und führte die Zügel; die erste Wegstrecke bis zum Duvnäser Hüttenwerk war so schlecht, daß man sie kaum einen Weg nennen konnte, und Erik auf Falla wollte vorsichtig sein, wenn er ein ungetauftes Kind im Wagen fuhr.

Jan in Skrolycka hatte der Abfahrt aufmerksam zugesehen. Er hatte das Kind selbst aus dem Hause herausgeholt, und niemand wußte besser als er, was für prächtige Leute das waren, die jetzt das Kind übernahmen. Erik in Falla war beim Fahren ebenso zuverlässig wie in all seinem anderen Tun, das wußte Jan sehr wohl, und die Mutter in Falla hatte selbst sieben Kinder geboren und aufgezogen, das wußte Jan auch; deshalb hätte er sich also nicht im geringsten beunruhigt zu fühlen brauchen.

Aber als die kleine Gesellschaft seinen Augen entschwunden war und er sich wieder an seine Grabarbeit auf Erik in Fallas Brachfeld gemacht hatte, da überkam ihn plötzlich eine furchtbare Angst. Wie, wenn nun Erik in Fallas Pferd durchging? Oder wenn der Pfarrer das Kind in dem Augenblick, wo es ihm von der Patin übergeben wurde, fallen ließe? Oder wenn die Mutter in Falla das Kind in so viele Tücher und Decken gehüllt hätte, daß es erstickt war, wenn sie mit ihm am Pfarrhaus ankämen?

Jan sagte sich selbst, es sei sehr unrecht, wenn er sich solche Sorgen mache, da er ja Erik in Falla und dessen Frau als Gevatterleute habe. Aber die Angst ließ ihn nicht los. Und plötzlich hielt er es nicht mehr aus; er stellte den Spaten weg und machte sich, wie er ging und stand, auf den Weg nach dem Pfarrhaus.

Er nahm den Richtweg über die Hügel und lief aus Leibeskräften. Und richtig, als Erik von Falla in den Wirtschaftshof der Pfarrei hineinfuhr, war Jan Andersson von Skrolycka der erste Mensch, den er erblickte.

Nun ist es ganz und gar nicht schicklich, daß Vater oder Mutter dabei sind, wenn die Kinder getauft werden, und Jan sah auch gleich die Unzufriedenheit der Gevatterleute, weil er nach dem Pfarrhof gelaufen war. Erik winkte ihn nicht zur Hilfe beim Pferd herbei, sondern spannte selbst aus, und die Mutter von Falla nahm das Kind hoch auf und ging, ohne ein Wort zu Jan zu sagen, die Anhöhe hinauf und in die Pfarrküche hinein.

Da die Gevatterleute Jan offenbar nicht sehen wollten, wagte er es nicht, näher herbeizukommen. Aber als die Nachbarsfrau an ihm vorbeiging, klang ein leises Piepsen aus dem Bündel heraus an Jans Ohr, und nun wußte er wenigstens eins: das Kind war unterwegs nicht erstickt.

Er fühlte wohl, wie töricht er sich benahm, weil er nun nicht schnurstracks wieder heimging; aber jetzt war er ganz fest überzeugt, daß der Pfarrer das Kind fallen lassen werde, und so konnte er nicht anders, er mußte dableiben.

Eine Weile wartete er auf dem Wirtschaftshof, dann ging er nach dem Wohnhaus und trat in den Flur.

Es ist so unpassend wie nur möglich, wenn der Vater des Kindes bei der Taufe mit zum Pfarrer kommt, namentlich, wenn er solche Gevatterleute für sein Kind hat, wie Erik von Falla und Erik von Fallas Frau. Als nun die Tür zu der Amtsstube des Pfarrers aufging, nachdem eben die heilige Handlung begonnen hatte, und Jan Andersson von Skrolycka sich in seinem schlechten Arbeitsanzug vorsichtig ins Zimmer hereinschob und also keine Möglichkeit mehr war, ihn wieder hinauszuschicken, da gelobten sich die beiden Gevatterleute in ihrem Herzen, sobald sie nach Hause kämen, Jan wegen seines unpassenden Benehmens ordentlich die Leviten zu lesen.

Alles ging bei der Taufe, wie es sich gehörte, ohne den kleinsten Zwischenfall, und Jan Andersson hatte durchaus keine Entschuldigung für sein Eindringen. Gerade vor Schluß der Handlung öffnete er die Tür wieder und schob sich sachte in den Flur hinaus. Er sah ja, daß alles ohne ihn wohl und gut ablief.

Nach einer kleinen Weile kam Erik in Falla mit seiner Frau auch auf den Flur heraus. Sie wollten wieder in die Küche gehen, wo die Mutter in Falla das Kind aus allen überflüssigen Tüchern herausgeschält hatte.

Erik in Falla ging voraus und machte seiner Frau die Küchentür auf; aber als er dies tat, stürmten zwei junge Katzen in den Flur herein, und gerade vor den Füßen der Mutter in Falla kugelten sie übereinander; dadurch stolperte die Mutter in Falla und war auf dem Punkt, zu Boden zu stürzen.

Sie kam in ihren Gedanken gerade noch so weit: ›Jetzt stürz’ ich mit dem Kinde hin, und es fällt sich zu Tode, und ich werd’ unglücklich zeit meines Lebens‹, als sie von einer kräftigen Hand erfaßt und aufrecht gehalten wurde.

Und als sie sich umsah, so war der Helfer in der Not niemand anders als Jan in Skrolycka, der im Flur geblieben war, ganz wie wenn er gewußt hätte, daß man ihn hier brauchen würde.

Aber ehe sich die Mutter in Falla wieder von ihrem Schrecken erholt hatte und etwas zu Jan sagen konnte, war er verschwunden. Und als sie mit ihrem Mann nach Hause gefahren kam, stand er wieder draußen bei seiner Grabarbeit.

Nachdem das drohende Unglück verhindert worden war, hatte er gefühlt, daß er nun ruhig nach Hause gehen konnte.

Aber weder Erik noch seine Frau sagten etwas zu ihm wegen seines unpassenden Benehmens. Statt dessen lud ihn die Mutter in Falla zum Kaffee herein, in dem erdigen, lehmbespritzten Anzug, in dem er da draußen auf dem herbstlich feuchten Brachfeld seine Arbeit verrichtete.

Das Impfen

Als das kleine Mädchen von Skrolycka geimpft werden sollte, hatte niemand etwas einzuwenden, daß ihr Vater Jan mitging, als er selbst die Absicht kundtat. Das Impfen sollte eines Abends Ende August vorgenommen werden, und als Katrine von Hause wegging, war es schon ganz dunkel. Sie war deshalb sehr froh, jemand bei sich zu haben, der ihr über die Zäune und Gräben und alle anderen Schwierigkeiten auf dem elenden Weg hinüberhalf.

Die Kinder sollten in Erik in Fallas Haus geimpft werden, und die Mutter in Falla hatte auf der Feuerstelle ein Riesenfeuer angezündet, das ihrer Meinung nach neben einem dünnen Talglicht auf einem Tischchen, wo der Küster seine Arbeit verrichten sollte, zur Beleuchtung vollständig ausreichte.

Die Leute von Skrolycka fanden es, wie alle die andern Anwesenden, ungewöhnlich hell im Zimmer, obwohl die Dunkelheit wie eine grauschwarze Mauer vor den Wänden stand und das Zimmer kleiner erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war. Und in dieser Dunkelheit konnte man einen Haufen Weiber unterscheiden mit Kindern, die nicht älter als ein Jahr waren und die noch auf dem Arm getragen, geschweigt und auf jede Weise versorgt werden mußten.

Die meisten waren dabei, ihre Kleinen aus den Tüchern und Umhüllungen herauszuschälen. Dann zogen sie ihnen die bunten Kattunkittelchen aus und lösten die Bänder, mit denen die Hemdchen zusammengebunden waren, damit nachher, wenn der Küster zum Impftisch rief, der Oberkörper des Kindes leicht entblößt werden konnte.

Es war merkwürdig still im Zimmer, obgleich so viele kleine Schreihälse hier beieinander waren. Das gegenseitige Anstarren schien ihnen offenbar Vergnügen zu machen und so vergaßen sie alles Lärmen und Schreien. Und die Mütter verhielten sich auch still, um besser hören zu können, was der Küster sagte, der die ganze Zeit über mit ihnen redete.

»Es gibt für mich wirklich nichts Angenehmeres, als wenn ich so zum Impfen umherziehe und mir dabei alle die hübschen Kinder betrachten kann«, sagte der Küster. »Nun wollen wir sehen, ob das ein feiner Jahrgang ist, den ihr hier bieten könnt.«

Der Mann war nicht nur der Küster, sondern auch der Schullehrer, und er hatte zeit seines Lebens in diesem Kirchspiel gewohnt. Er hatte schon die Mütter geimpft und unterrichtet, war Zeuge ihrer Konfirmation und ihrer Hochzeiten gewesen, und nun sollte er ihre Kinder impfen. Das war das erste, was die kleinen Weltbürger mit dem Manne zu tun bekamen, der später eine große Rolle in ihrem Leben spielen würde.

Der Anfang ließ sich günstig an. Eine Mutter nach der andern kam herbei, setzte sich auf den Stuhl neben dem Tisch und hielt ihr Kind so, daß der Lichtschein auf dessen nacktes linkes Ärmchen fiel. Und während der Küster immer weiter redete, setzte er die drei Schnitte in die glänzende weiße Haut, ohne daß das Kind einen Laut von sich gab.

Dann ging die Mutter mit dem Kind zum Feuer hin und hielt sich eine Weile in der Nähe der Flammen auf, um den Impfstoff eintrocknen zu lassen. Inzwischen dachte sie an das, was der Küster zu ihr und ihrem Kind gesagt hatte, nämlich, daß es groß und schön sei und dem Hofe zur Ehre gereichen und ebenso tüchtig werden solle, wie sein Vater und Großvater, ja vielleicht noch tüchtiger.

So ging es still und ruhig weiter, bis die Reihe an Katrine von Skrolycka war. Als sie mit dem Kinde herbeikam, schrie und wehrte sich die kleine Klara und schlug um sich. Katrine versuchte sie zu beruhigen, und der Küster sprach sanft und freundlich mit ihr, aber sie war und blieb von wilder Angst beherrscht.

Katrine mußte sie wieder wegtragen und versuchen, sie zu beschwichtigen. Darauf wurde ein großer starker Junge geimpft, der nicht einen einzigen Schrei hören ließ; aber als Katrine dann mit der Kleinen wieder herbeikam, erneute sich der vorherige Auftritt. Sie konnte das Kind nicht dazu bringen, so lange stillzuhalten, daß der Küster auch nur einen einzigen Schnitt machen konnte.

Außer der kleinen Klara war kein Kind mehr zum Impfen da, und Katrine war ganz außer sich, weil sich ihr Kind so schlecht aufführte. Sie wußte nicht, was sie tun sollte, als plötzlich Jan ganz rasch aus der Dunkelheit bei der Tür hervortrat.

Er nahm das Kind auf den Arm, und Katrine stand von dem Stuhl auf, um ihm Platz zu machen.

»Ja, versuch du, ob’s dir besser geht!« sagte sie mit leicht verächtlichem Ton in der Stimme, denn sie hielt den kleinen abgearbeiteten Knecht Erik in Falla, den sie geheiratet hatte, in gar keiner Hinsicht für besser als sich selbst.

Aber ehe Jan sich setzte, warf er die Jacke zurück, und nun zeigte es sich, daß er drüben in der Dunkelheit seinen Hemdärmel weit hinaufgekrempelt hatte. Er streckte den nackten Arm vor und sagte, er möchte selbst gern geimpft werden. In seinem ganzen Leben sei er erst einmal geimpft worden und er fürchte sich vor nichts so sehr wie vor den Pocken.

Als die kleine Klara den nackten Arm sah, wurde sie plötzlich ganz still und sah ihren Vater mit großen klugen Augen gespannt an.

Sie sah auch aufmerksam zu, wie der Küster die drei roten Striche in den Arm machte. Dann sah sie von dem einen zum andern und merkte da recht wohl, daß es dem Vater gar nicht schlecht erging.

Als Jan Andersson fertig war, wendete er sich an den Küster und sagte:

»Jetzt ist die Kleine ganz ruhig, nun könnt Ihr’s vielleicht noch einmal versuchen, Küster.«

Ja, der Küster versuchte es noch einmal, und diesmal ging es ausgezeichnet. Die kleine Klara saß die ganze Zeit mit derselben altklugen Miene da und stieß nicht einen einzigen Schrei aus.

Auch der Küster schwieg, bis er mit seiner Arbeit fertig war, dann sagte er:

»Wenn Ihr das nur getan habt, um das Kind zu beruhigen, Jan, dann hätten wir ja nur so tun können, als wollten wir — — —«

Aber da fiel Jan ein: »Nein, nein, Küster, das wär’ nicht gegangen. So ein Kind wie dieses gibt es gar nicht mehr. Dieser Kleinen kann man unmöglich etwas weismachen, was nicht wirklich so ist.«

Der Geburtstag

An dem Tag, da das kleine Mädchen ein Jahr alt wurde, war ihr Vater auf Erik in Fallas Brachfeld beim Umgraben.

Er versuchte sich klarzumachen, wie es früher gewesen war, als noch niemand da war, an den er bei seiner Arbeit auf dem Felde denken konnte, damals, als ihm auch noch nicht das Herz in der Brust klopfte, als er noch keine Sehnsucht verspürt hatte und nie beunruhigt gewesen war.

»Wie merkwürdig, daß ein Mensch auf diese Weise leben kann!« sagte er und verachtete sich dabei selbst. »Ja«, fuhr er fort, »das ist das einzige, worauf’s ankommt. Wenn ich so reich wär’ wie Erik in Falla, oder so stark wie Börje, der dort drüben seinen Acker umgräbt, so wär’ das gar nichts im Vergleich zu dem klopfenden Herzen in meiner Brust.«

Er sah zu Börje hinüber, der ein ungeheuer starker Mann war und ungefähr doppelt so viel Arbeit bewältigen konnte als er. Während nun Jan zu Börje hinübersah, fiel ihm auf, daß dieser heute lange nicht so weit gekommen war wie sonst.

Sie bekamen von Erik Stücklohn, und Börje übernahm immer mehr als Jan; aber beide wurden trotzdem immer ungefähr zur selben Zeit fertig. An diesem Tag aber war Börje merkwürdig langsam vorwärts gekommen, ja er hielt nicht einmal gleichen Schritt mit Jan, sondern war weit zurückgeblieben.

Aber Jan hatte auch seine ganze Kraft eingesetzt, um möglichst rasch zu seinem kleinen Mädchen heimzukommen. An diesem Tage sehnte er sich noch viel mehr nach ihr als sonst. Sie war abends meist schläfrig, und wenn er sich nicht beeilte, konnte sie möglicherweise schon fest eingeschlafen sein.

Als Jan fertig war, sah er, daß Börje sein Stück kaum halb fertig hatte. Das war in all den Jahren, die sie nun zusammen arbeiteten, noch nie vorgekommen, und Jan verwunderte sich auch so darüber, daß er zu Börje hinging.

Börje stand in dem Graben und plagte sich eben, eine hartnäckige Erdscholle herauszuheben. Er war auf einen Glasscherben getreten und hatte dabei eine tiefe Wunde im Fuß davongetragen. Es war ihm nicht möglich, den Stiefel anzubehalten, und man kann sich wohl denken, wie schrecklich es sein muß, wenn man mit einem verwundeten Fuß den Spaten in die Erde hineinzwingen soll.

»Solltest du nicht lieber aufhören?« fragte Jan in Skrolycka.

»Nein, ich muß durchaus heut fertig werden«, erwiderte Börje, »denn ich bekomm’ ja kein Korn von Erik in Falla, ehe das ausbedungene Stück fertig ist. Und wir haben daheim kein Roggenmehl mehr.«

»Na, gut’ Nacht also!« sagte Jan.

Börje gab keine Antwort. Er war so müde und abgemattet, daß er nicht mehr den gewohnten Abendgruß herausbrachte.

Jan von Skrolycka ging bis zum Rand des Ackers, aber dort hielt er an.

»Was macht’s dem kleinen Mädchen aus, ob du zu ihrem Geburtstag heimkommst«, sagte er zu sich. »Sie hat’s ebenso gut ohne dich; Börje aber hat sieben Kinder daheim und kein Essen für sie. Willst du sie hungern lassen, nur um heimzukommen und mit Klara Gulla zu spielen?«

Er ging zu Börje zurück, stellte sich neben ihn und arbeitete mit ihm weiter; aber da er schon vorher recht müde gewesen war, ging es nicht besonders schnell vorwärts, und es war schon beinahe dunkel, als die beiden endlich fertig waren.

›Jetzt schläft Klara Gulla schon lange‹, dachte Jan, als er endlich den letzten Spatenstich tat.

»Nun gut’ Nacht!« rief er zum zweiten Male Börje zu.

»Gut’ Nacht und Dank für die Hilfe!« erwiderte Börje. »Jetzt geh ich und hol’ mir gleich meinen Roggen. Ich werd’s dir schon ein andermal wettmachen, du kannst dich darauf verlassen.«

»Ich will keine Bezahlung dafür. Gut’ Nacht!«

»Willst du nichts für deine Hilfe haben? Was ist denn los, daß du so großartig bist?«

»Ach, ’s ist ... ’s ist heute der Kleinen ihr Geburtstag.«

»Was, und deshalb hast du mir hier beim Umschoren geholfen?«

»Ja, deshalb und auch noch aus einem anderen Grund. Na also, gute Nacht!«

Jan ging hastig fort, um nicht zu einer Erklärung über das »andere« verlockt zu werden; aber es brannte ihm auf der Zunge zu sagen: Heute ist nicht nur Klara Gullas Geburtstag, sondern es ist auch der meines Herzens.

Aber es war gut, daß er nicht dazu kam, dies zu sagen, denn Börje hätte sicher geglaubt, er sei verrückt geworden.

Der Weihnachtsmorgen

Als das kleine Mädchen ein Jahr alt war, nahm sie Jan Andersson am Weihnachtsmorgen mit in die Kirche zur Christmette.

Seine Frau meinte freilich, das Kind sei doch noch zu klein, als daß man es schon in die Kirche mitnehmen könnte, auch fürchtete sie, es könnte sich wieder so ungebärdig anstellen wie damals beim Impfen.

Aber Jan setzte seinen Willen durch, weil es ja nicht gegen die Sitte verstieß, wenn kleine Kinder mit zur Weihnachtsmette genommen wurden.

So machten sich die Leute von Skrolycka mit Klara Gulla am Weihnachtsmorgen schon früh um fünf Uhr auf den Weg. Es war bedeckter Himmel und so finster wie in einem Sack, aber die Luft war nicht kalt, sondern fast mild und dazu vollkommen still, so wie es dort in der Gegend Ende Dezember zu sein pflegt. Gleich zu Anfang ging es einen engen Pfad zwischen den Äckern und Gehölzen in Askedalarna entlang. Dann mußten die Wanderer dem steilen verschneiten Weg über den Snipahügel folgen, und erst dann kamen sie auf ordentliche Wege.

Das große zweistöckige Wohnhaus auf Falla hatte in allen Fenstern brennende Kerzen; es winkte den Leuten von Skrolycka zu wie ein Leuchtturm, und so konnten sie sich bis zu Börjes Haus hindurchfinden. Dort trafen sie mit ein paar Nachbarn zusammen, die sich am Abend vorher Fackeln zurecht gemacht hatten, mit denen sie sich nun den Weg erhellten; an diese schlossen sich die Leute von Skrolycka an. Jeder Fackelträger ging an der Spitze einer kleinen Schar. Die meisten schwiegen, aber alle waren frohen Mutes. Sie kamen sich vor wie die Weisen aus dem Morgenlande, die beim Scheine des Wundersterns dahinwanderten, um den neugeborenen König der Juden zu suchen.

Als die ganze Schar die Waldhöhe erreicht hatte, mußte sie an einem großen Steinblock vorbei, den einstmals ein Riese drunten in Frykerud an einem Weihnachtsmorgen nach der Svartsjöer Kirche geschleudert hatte, der aber zum guten Glück über den Kirchturm weggeflogen und hier auf dem Snipahügel liegengeblieben war.

Als die Kirchgänger sich jetzt dem Stein näherten, lag er wie gewöhnlich auf der Erde; aber alle wußten, daß er während der Nacht auf zwölf goldene Pfeiler gehoben worden war und daß der Troll darunter gesessen und getrunken und getanzt hatte.

Es war wirklich kein Vergnügen am Weihnachtsmorgen, an einem solchen Steinblock vorbeigehen zu müssen, und Jan sah eifrig zu Katrine hinüber, ob sie auch das Kind fest an sich gedrückt hielte. Katrine schritt sicher und ruhig fürbaß ganz wie gewöhnlich und unterhielt sich halblaut mit einer Nachbarin. Sie schien gar nicht daran zu denken, was das für ein gefährlicher Platz war.

Hier auf der Höhe standen uralte wetterfeste Tannen. Wenn man diese so im Fackelschein mit den großen Schneeklumpen auf den Zweigen wahrnehmen konnte, drängte sich einem unwillkürlich der Gedanke auf, daß mehrere von ihnen, die man vorher für Bäume gehalten hatte, nichts anderes waren als Trolle mit stechenden Augen unter den weißen Schneemützen und mit langen, scharfen Krallen, die aus den dicken Schneefäustlingen hervorstachen.

Das konnte man ja ertragen, solange sie sich ruhig verhielten, aber wie, wenn einer von ihnen den Arm ausstrecken und eines der Vorübergehenden an sich reißen würde? Für die Erwachsenen und alten Leute war es wohl nicht so gefährlich, aber eines hatte Jan doch immer gehört: die Trolle hatten eine besondere Liebe für winzig kleine Menschenkinder, je kleiner, desto besser!

Es kam ihm vor, als halte Katrine die kleine Klara gar zu sorglos. Ach, für die großen krallenbewaffneten Trollhände war es keine Kunst, ihr das Kind zu entreißen! Hier mitten auf dem gefährlichen Platz wagte es Jan indes nicht, Katrine das Kind aus den Armen zu nehmen. Gerade dadurch hätte sich das Trollpack am Ende zu rühren angefangen.

Schon fing es von dem einen Trollbaum zum andern an zu raunen und zu rauschen. Es knarrte droben in den Zweigen, wie wenn sie versuchen wollten, sich in Bewegung zu setzen.

Jan wagte die andern nicht zu fragen, ob sie das auch sähen und hörten, was er sah und hörte. Denn das hätte ja gerade die Frage sein können, die das Trollpack zum Leben erweckte.

In dieser Erwartung wußte er nur eins, was er tun könnte: er stimmte mitten im Walde ein Lied an.

Jan hatte eine schlechte Singstimme und er hatte auch im Beisein anderer noch nie gesungen. Es fiel ihm sehr schwer, den Ton richtig zu treffen, und er wagte deshalb nicht einmal in der Kirche mitzusingen; aber jetzt mußte er singen, mochte es gehen, wie es wollte. Er sah, daß die Nachbarn sich über ihn wunderten. Die vor ihm gingen, stießen einander an und schauten sich nach ihm um; doch das durfte ihn nicht hindern; er mußte weitersingen.

Gleich darauf flüsterte ihm indes eine der Frauen zu: »Wartet ein wenig, Jan, ich werd’ Euch helfen!«

Und dann stimmte sie mit der richtigen Melodie und dem richtigen Ton in das Weihnachtslied ein.

Es klang schön durch die Nacht zwischen den Bäumen. Die andern konnten nun auch nicht zurückbleiben, sondern stimmten ebenfalls mit ein.

»Gruß dir, du schöne Morgenstund’, durch der Propheten heil’gen Mund ist sie verkündet worden!«

Da ging es wie ein ängstliches Sausen durch die Trollbäume. Sie zogen die Schneemützen so tief herein, daß man nichts mehr von ihren bösen Trollaugen sah, und auch die ausgestreckten Krallen zogen sie unter Tannennadeln und Schnee zurück. Als der erste Liedervers verklungen war, konnte niemand mehr sehen, daß da oben auf der Waldhöhe etwas anderes zu sehen war, als gewöhnliche, ungefährliche alte Tannenbäume.

Die Fackeln, die den Leuten aus Askedalarna durch den Wald geleuchtet hatten, waren abgebrannt, als die Schar die Landstraße erreichte. Aber von da an ging es dank der erleuchteten Bauernhäuser weiter. Wenn ein Haus aus dem Gesichtskreis entschwand, gleich schimmerte ein anderes in geringer Entfernung auf. Die Leute hatten in alle Fenster Lichter gestellt, um den armen Wanderern den rechten Weg nach der Kirche zu zeigen.

Schließlich erreichten die Leute einen Hügel, von dem man die Kirche sehen konnte. Da stand sie vor ihnen: aus allen Fenstern strömte heller Lichterschein heraus, und sie sah aus wie eine riesengroße Laterne.

Als die Wanderer die Kirche sahen, blieben sie unwillkürlich stehen, der Anblick raubte ihnen den Atem. Nach allen den kleinen Häusern und niederen Fenstern, an denen sie vorbeigepilgert waren, kam ihnen die Kirche überwältigend groß und überirdisch hell vor.

Als Jan die Kirche erblickte, mußte er unwillkürlich an ein paar arme Leute in Palästina denken, die eine ganze Nacht unterwegs gewesen waren und ein kleines Kind bei sich hatten, ihren einzigen Trost und ihre einzige Freude. Sie kamen von Bethlehem und wollten nach Jerusalem, weil das Kind im Tempel zu Jerusalem beschnitten werden sollte. Aber sie mußten sich in dunkler Nacht dahinschleichen, weil es so viele gab, die dem Kindlein nach dem Leben trachteten.

Die Leute von Askedalarna waren in aller Frühe von Hause weggegangen, um vor denen anzukommen, die zur Kirche fuhren, aber in der Nähe der Kirche wurden sie doch von diesen eingeholt. Sie kamen mit schnaubenden Pferden und klingenden Schellen dahergefahren, jagten in sausendem Galopp dahin und zwangen die armen Fußgänger, sich auf den hohen Schneewall am Wegrand zu retten.

Jetzt hatte Jan das Kind auf dem Arm. Unaufhörlich mußte er den Fuhrwerken ausweichen. Er kam auf dem finsteren Weg nur sehr schwer vorwärts; aber vor ihm lag ja der strahlende Tempel, und wenn sie nur dorthin gelangen konnten, dann waren sie sicher und geborgen.

Jetzt erhob sich hinter ihnen lautes Schellengeklingel und Pferdegetrappel. Ein großer Schlitten mit zwei Pferden davor kam dahergefahren. Drinnen saß ein junger vornehmer Herr in schwarzem Pelz und hoher Pelzmütze mit seiner jungen Frau an der Seite. Er führte selbst die Zügel, aber hinter ihm stand der Kutscher mit einer lohenden Fackel in der hocherhobenen Hand. Die Flamme flackerte im Luftzug weit zurück und ließ einen langen Schweif von Rauch und sprühenden Funken hinter sich.

Jan stand auf dem Schneewall am Weg mit dem Kind im Arm. Es sah sehr gefährlich aus; sein einer Fuß sank plötzlich tief in den Schnee hinein, und er war am Umfallen. Da zog der kutschierende Herr heftig an den Zügeln, und rief Jan, den er vom Wege verjagt hatte, an.

»Gib das Kind her, dann fahre ich es in meinem Schlitten mit nach der Kirche!« sagte er freundlich. »Wo so viele Fuhrwerke unterwegs sind, ist es gefährlich, wenn man ein kleines Kind zu tragen hat.« Doch Jan antwortete:

»Ich dank’ schön, aber es geht ganz gut.«

»Wir werden die Kleine hier zwischen uns setzen, Jan«, sagte die junge Frau.

»Ich dank’ schön, aber es geht ganz gut.«

»Ach so, du wagst das Kind nicht aus dem Arm zu lassen«, sagte der Herr, und dann fuhr er lachend davon.

Die Wanderer zogen weiter; aber der Weg wurde immer gefährlicher und beschwerlicher. Schlitten folgte auf Schlitten. Im ganzen Kirchspiel gab es kein Pferd, das nicht am Weihnachtsmorgen unterwegs gewesen wäre, um Leute nach der Kirche zu fahren.

»Du hättest das Kind wohl mitnehmen lassen können«, sagte Katrine. »Ich fürchte, du wirst doch noch mit ihm hinfallen.«

»Hätt’ ich ihnen das Kind überlassen sollen? Du weißt nicht, was du sagst. Hast du nicht gesehen, wer es war?«

»Was wäre denn für eine Gefahr dabei gewesen, wenn wir’s mit den Hüttenbesitzern von Duvnäs hätten fahren lassen?«

Da hielt Jan Andersson von Skrolycka plötzlich an.

»Ist das der Hüttenbesitzer auf Duvnäs mit seiner Frau gewesen?« fragte er, und es sah aus, als sei er eben aus einem Traum erwacht.

»Gewiß ist’s die Herrschaft vom Hüttenwerk gewesen. Für wen hast du sie denn gehalten?«

Ja, wo war Jan mit seinen Gedanken gewesen? Was war das für ein Kind, das er die ganze Zeit über getragen hatte? Wohin stand ihm das Ziel seiner Reise? In welchem Lande war er jetzt eben gewandert?

Er strich sich mit der Hand über die Stirne und sah etwas verlegen aus, als er Katrine antwortete:

»Ich hab’ geglaubt, es sei der König Herodes vom Lande Juda und Herodias, seine Frau.«

Das Scharlachfieber

Als das kleine Mädchen in Skrolycka ungefähr drei Jahre alt war, bekam es eine Krankheit, die man wohl Scharlachfieber nennen könnte, denn sein ganzer Körper war dunkelrot und brannte wie Feuer, wenn man ihn anrührte. Die Kleine wollte nicht essen und konnte auch nicht schlafen, teilnahmslos lag sie in ihrem Bettchen und redete irre. Jan brachte es nicht über sich, von Hause wegzugehen, solange das Kind krank war. Tag um Tag blieb er in der Hütte sitzen, und es sah nachgerade aus, als würde Erik in Fallas Roggen in diesem Jahr ungedroschen bleiben.

Katrine war es, die das kleine Mädchen pflegte, die es wieder zudeckte, sooft es die Decke zurückwarf, und ihm ein wenig von dem verdünnten Heidelbeersaft zu trinken gab, den sie von der Mutter in Falla bekommen hatte.

Wenn die Kleine gesund war, wurde sie meistens von Jan versorgt; aber von dem Augenblick an, da sie krank wurde, wagte er nicht, ihr nahe zu kommen. Er hatte Angst, er könnte ihr schaden und würde sie nicht zart genug anfassen.

Aber aus dem Hause hinaus ging er nicht; still saß er in der Ecke am Ofen und starrte unverwandt zu der kleinen Kranken hinüber.

Das Kind lag in einem eigenen Bettchen, aber es hatte nur einen Strohsack unter sich und kein Betttuch. Dieses Liegen auf den groben werggarnenen Überzügen mußte für den kleinen zarten Körper, der geschwollen und durch den Ausschlag sehr empfindlich geworden war, sicherlich sehr schmerzhaft sein.

Und es war sonderbar, sooft Jan sah, wie sich die Kleine in ihrem Bettchen aufgeregt hin und her warf, mußte er an das Schönste denken, was er auf der Welt sein eigen nannte, nämlich an sein Sonntagshemd.

Er besaß nur ein einziges, das aus weißer glänzender Leinwand war und eine steife Hemdbrust hatte. Dieses Hemd war so schön gearbeitet, daß es für den Hüttenbesitzer auf Duvnäs gut genug gewesen wäre. Jan hielt es hoch in Ehren. Alle seine andern Hemden waren ebenso grob wie die Bettbezüge, auf denen die kleine Klara lag.

Aber es war sehr unrecht, wenn er jetzt an dieses Hemd dachte. Katrine würde ihm nie erlauben, es zu zerreißen, denn es war das Bräutigamshemd, das sie ihm selbst genäht hatte.

Katrine tat auch wirklich alles, was sie konnte. Sie hatte Pferd und Wagen von Erik von Falla entlehnt, hatte das Kind in Tücher und Decken gehüllt und war damit zum Doktor gefahren. Das war sehr brav von Katrine gewesen; aber der Besuch beim Doktor war ohne ersichtlichen Nutzen gewesen. Weder die große Arzneiflasche, die sie aus der Apotheke mitgebracht hatte, noch die andern Vorschriften des Doktors hatten irgendeinen Erfolg gehabt.

Und dann quälte Jan noch ein Gedanke: Wenn Eltern einmal so ein merkwürdiges Kind geschenkt wird wie die kleine Klara Gulla, dann müssen sie auch bereit sein, das Beste, was sie besitzen, für dieses Kind zu opfern. Sonst dürfen sie dieses Kind am Ende gar nicht behalten ...

Aber es war nicht so leicht, eine Frau wie Katrine dazu zu bringen, dies zu verstehen.

Während das Kind so krank dalag, kam eines Tages die alte Finnen-Karin ins Haus. Wie alle Finnen verstand sie sich auf die Krankheiten der Tiere, und sie war auch nicht zu Ende mit ihrer Weisheit, wenn es sich darum handelte, Gerstenkörner am Auge oder Wurm am Finger oder allerlei Geschwüre zu besprechen. Für andere Krankheiten jedoch wollte man nicht gerade seine Zuflucht zu ihr nehmen. Man hielt es gewissermaßen für unrecht, wenn man von einer Hexe für andere als kleine Leiden Hilfe verlangte.

Als die Finnen-Karin ins Zimmer trat, sah sie natürlich sofort das kranke Kind, und Katrine erzählte ihr auch, daß es das Scharlachfieber habe, aber weder sie noch Jan baten sie um einen guten Rat.

Die Finnen-Karin sah indes wohl, wie ängstlich und beunruhigt die Eltern waren, und als sie von Katrine mit Kaffee bewirtet worden war und ihr Jan ein Stück Rolltabak geschenkt hatte, sagte sie ganz von selbst:

»Diese Krankheit zu heilen, steht nicht in meiner Macht, aber ich will Euch lehren, wie Ihr selbst erkennen könnt, ob die Krankheit zum Leben oder Tod führt. Haltet Euch wach bis Mitternacht, dann macht aus dem Daumen und Zeigefinger Eurer linken Hand einen Ring und betrachtet da hindurch das Kind. Dann gebt wohl acht, was neben ihm im Bett liegt, und Ihr werdet erfahren, was Ihr zu erwarten habt.«

Katrine dankte ihr aufs herzlichste; denn es ist am besten, wenn man sich mit solchen Leuten gut stellt. Aber es fiel ihr keinen Augenblick ein, das zu tun, was ihr angeraten worden war.

Auch Jan legte kein Gewicht auf den Rat der Finnen-Karin. Er dachte an nichts anderes als an das Hemd. Wenn er es nur gewagt hätte wegen Katrine!

Aber er konnte sie unmöglich bitten, ihn das Bräutigamshemd zerreißen zu lassen. Er begriff sehr wohl, daß dem kleinen Mädchen dadurch nicht geholfen würde, und wenn es doch sterben mußte, dann war das Hemd rein weggeworfen.

Als es Abend wurde, ging Katrine um die gewohnte Zeit zu Bett, aber Jan hatte nicht die Ruhe, sich schlafen zu legen, sondern blieb wie gewöhnlich in seinem Winkel sitzen. Er sah, wie die kleine Klara sich in ihrem Bett vor Schmerzen wand, denn der Strohsack, auf dem sie lag, war zu grob und zu hart, und Jan dachte, wie herrlich es wäre, wenn er ihr ein kühles, weiches, glattes Lager zurechtmachen könnte! Das Hemd lag frisch gewaschen und ungebraucht in der Kleidertruhe. Zu wissen, daß es dort lag, tat Jan im Herzen weh; aber es wäre nicht recht gegen Katrine gewesen, wenn er ihr Geschenk zu einem Betttuch für das Kind verwendet hätte.

Aber wie es auch sein mochte, als die Uhrzeiger sich der Mitternachtstunde näherten und Katrine im tiefsten Schlafe lag, ging Jan zu der Kleidertruhe hin und nahm das Hemd heraus. Zuerst riß er die steife Brust ab, und dann teilte er den Rumpf in zwei Teile. Den einen schob er sachte unter den kleinen Körper des Kindes und den andern breitete er zwischen das Kind und die warme, dicke Decke, mit der es zugedeckt war.

Dann kauerte er sich wieder in seinen Winkel und wachte bei der Kleinen wie zuvor. Er hatte noch nicht lange so gesessen, als die Uhr zwölf schlug. Fast ohne sich dessen bewußt zu sein, was er tat, hielt er die Finger der linken Hand wie einen Ring vor die Augen und schaute nach dem Bett hinüber.

Und siehe! auf dem Bettrand saß ein kleiner nackter Engel Gottes. Er war von dem groben Strohsack zerkratzt und zerstochen und hatte sicher die Absicht gehabt, sich auf und davon zu machen. Aber jetzt drehte er sich um und befühlte das feine Hemd, strich mit beiden Händen über die Leinwand, und plötzlich schwang er die Beine über den Bettrand und legte sich wieder nieder, um weiter über das Kind zu wachen.

Aber an dem einen Bettpfosten kam zur gleichen Zeit etwas heraufgekrochen, was schwarz und unheimlich aussah, und als es merkte, daß der Engel Gottes im Begriff war fortzugehen, streckte es den Kopf über die Bettstatt herauf und grinste vor Freude darüber, daß es nun ins Bett hineinkriechen und sich an den Platz des Engels legen könnte.

Als es dann sah, wie der Engel Gottes seine Nachtwache wieder aufnahm, verrenkte es alle seine Glieder, als müßte es die gräßlichsten Höllenqualen erleiden, und dann zog es sich auf den Boden zurück.

Am nächsten Tag war die kleine Klara auf dem Wege der Besserung. Die Krankheit war gebrochen. Darüber war Katrine über die Maßen froh, und so hatte sie nicht das Herz, etwas über das zerrissene Bräutigamshemd zu sagen, obwohl man sich denken kann, daß sie meinte, sie habe doch einen recht verrückten Kerl zum Manne.

Der Besuch in dem Bauernhof

Als das kleine Mädchen von Skrolycka in ihr fünftes Jahr ging, nahm sie Jan Andersson an einem Sonntagnachmittag bei der Hand und sie wanderten miteinander dem Walde zu.

Sie gingen an schattigen Birkenwäldchen vorüber, wo sie sich sonst niederließen, sie gingen auch an dem Erdbeerhügel vorüber, ja sie gingen sogar, ohne anzuhalten, an dem kleinen sich dahinschlängelnden Bach, wo die Wäsche gewaschen wurde, vorbei.

Hand in Hand wanderten sie dahin, still und ernsthaft, wie um zu zeigen, daß ihnen etwas Feierliches bevorstand.

Sie verschwanden in östlicher Richtung im allertiefsten Walde; aber auch da hielten sie nicht an, sondern kamen schließlich über Loby auf einem bewaldeten Hügel wieder zum Vorschein.

Von da gingen sie über die Wegscheide, wo die Landstraße und die Dorfstraße sich kreuzten, und jetzt mußte es sich doch endlich zeigen, wohin sie zu gehen beabsichtigten.

Aber sie gingen nicht nach Nästa hinein und auch nicht nach Nysta, auch sahen sie sich weder nach Där-Fram noch nach På-Valln um.

Weiter und weiter wanderten sie das Dorf entlang. Nun erschien es fast unverständlich, wohin sie gehen wollten. Denn sie konnten doch unmöglich im Sinne haben, bei Björn Hindriksson in Loby einen Besuch machen zu wollen?

Wahr war allerdings, daß Björn Hindrikssons Frau die Halbschwester von Jans Mutter war; Jan war also wirklich mit den reichsten Bauern im Kirchspiel verwandt und hatte das Recht, Björn Hindriksson und seine Frau Oheim und Tante zu nennen. Aber bis jetzt hatte Jan getan, als wisse er gar nichts von der Sache, selbst mit Katrine hatte er kaum je von der so vornehmen Verwandtschaft gesprochen. Er war im Gegenteil Björn Hindriksson immer aus dem Weg gegangen. Nicht einmal auf dem Platz vor der Kirche pflegte er zu ihm hinzugehen, um ihn zu begrüßen und ihm die Hand zu geben.

Aber jetzt, wo Jan eine so merkwürdige kleine Tochter hatte, war er nicht mehr nur ein armer Taglöhner. Jetzt hatte er einen Schatz vorzuweisen und eine Blume, mit der er sich schmücken konnte. Jetzt war er reich mit den Reichen und mächtig mit den Mächtigen. Jetzt ging er geradenwegs auf Björn Hindrikssons großes Wohnhaus zu, um zum erstenmal in seinem Leben bei den vornehmen Verwandten einen Besuch zu machen.

Lange währte der Besuch im Bauernhof nicht. In weniger als einer Stunde ging Jan mit seinem kleinen Mädchen wieder über den Hofplatz nach der Pforte. Aber als Jan so weit gekommen war, hielt er an und schaute zurück, als hätte er Lust, noch einmal hineinzugehen.

Er hatte indes gar keinen Grund, zu bereuen, daß er hingegangen war. Nein, so war es nicht, er war mit der Kleinen in jeder Beziehung gut aufgenommen worden. Björn Hindrikssons Frau hatte das Kind gleich mit sich an den blauangemalten Schrank genommen, der mitten an der Längswand des Zimmers stand, und ihr einen Zwieback und ein Stück Zucker gegeben. Und Björn Hindriksson selbst hatte sie gefragt, wie alt sie sei und wie sie heiße. Dann hatte er den großen Lederbeutel aufgemacht, den er in seiner Hosentasche trug, und ihr ein blankes Vierschillingsstück geschenkt.

Jan war mit Kaffee bewirtet worden, und seine Stieftante hatte nach Katrine gefragt und sich erkundigt, ob sie eine Kuh oder ein Schwein hätten, ob ihr Haus im Winter sehr kalt sei und ob er auch von Erik in Falla so viel Lohn bekomme, daß sie von dem Verdienst leben könnten, ohne Schulden machen zu müssen?

Nein, an dem Besuch selbst war nichts, was Jan Kummer machen konnte. Nachdem er sich eine Weile mit Hindrikssons unterhalten hatte, sagten diese, sie seien zum Abend eingeladen und müßten in einer halben Stunde wegfahren. Da hatte Jan eingesehen, daß sie diese halbe Stunde brauchten, um sich fertig zu machen, und so war er aufgestanden und hatte sich verabschiedet.

Aber da war die Hausfrau rasch an den Speiseschrank gegangen und hatte Butter und Speck herausgeholt, auch einen kleinen Beutel mit Grütze und wieder einen mit Mehl gefüllt und dann alles in ein Tuch zu einem Bündel zusammengebunden, das sie Jan beim Abschied in die Hand gab und sagte, das sei ein kleines Geschenk für Katrine. Sie habe wohl eine kleine Belohnung verdient, weil sie zu Hause geblieben sei und das Haus bewacht habe.

Und dieses Bündel war es, das Jan jetzt viel Kopfzerbrechen verursachte.

Er wußte recht wohl, daß in diesem Bündel alles mögliche Gute und Prächtige war, lauter Sachen, an die die Leute in Skrolycka bei jeder Mahlzeit sehnsüchtig dachten; aber Jan hatte das Gefühl, als begehe er gleichsam ein Unrecht gegen das kleine Mädchen, wenn er diese Sachen annahm.

Nein, nein, er war nicht als Bettler zu Björn Hindriksson gekommen, sondern als einer, der seine Verwandten begrüßen will. Hindrikssons sollten die Sache nicht falsch auffassen, nein, das sollten sie nicht!

Er hatte an all dies schon gleich in der Stube gedacht, aber die Ehrfurcht vor Björn Hindriksson und seiner Frau war zu groß, und so hatte er nicht gewagt, das Bündel zurückzuweisen.

Nun ging er von der Pforte wieder zurück und legte das Bündel neben der Stallecke nieder, wo die Hausleute immer vorüberkamen und es bemerken mußten. Es tat ihm ordentlich weh, die Sachen zurückzulassen; aber seine kleine Klara war kein Bettelmädchen. Niemand sollte das Recht haben, von ihr und ihrem Vater zu glauben, daß sie herumgingen und bettelten.

Das Schulexamen

Als das kleine Mädchen sechs Jahre alt war, ging Jan in Skrolycka an einem Werktag nach dem Östenbyer Schulhaus, um das Schulexamen mitanzuhören.

Es war das erste Schulhaus im Kirchspiel, und alle Leute freuten sich darüber, daß sie nun ein Schulhaus hatten. Früher war dem Küster Svartling nichts anderes übriggeblieben, als mit seinen Schülern von einem Hof zum andern zu wandern.

Bis zum Jahr 1860, wo das neue Schulhaus fertig war, hatte er alle vierzehn Tage die Schulstube wechseln müssen, und nur zu oft hatte er mit seinen kleinen Schulkindern in einer Stube sitzen müssen, wo die Hausmutter das Essen kochte oder der Hausvater an der Hobelbank stand und schreinerte, während daneben alte Leute den ganzen Tag im Bett lagen und die Hühner ihre kleinen Ställe unter der Bank an der Wand hatten.

Es war allerdings trotzdem gut mit dem Unterricht gegangen, denn der Küster Svartling war ein Mann, der die Ordnung bei jedem Wetter aufrechterhalten konnte; aber es mußte doch ein herrliches Gefühl gewesen sein, als er in einem Zimmer unterrichten durfte, das zu nichts anderem verwendet werden sollte. Hier sollten die Wände nicht von Bettstellen und Geschirrschränken und Handwerkszeug eingenommen werden. Hier sollten keine verdunkelnden Webstühle vor den Fenstern, wo das beste Licht war, aufgestellt werden, und hier durfte keine Nachbarsfrau mitten in der Schulzeit hereinkommen, um einen Schwatz zu machen und Kaffee zu trinken.

Nein, hier konnte er die Wände mit Bildern aus der biblischen Geschichte und mit Tiertafeln und den Bildnissen der schwedischen Könige schmücken. Hier hatten die Kinder richtige niedere Schulbänke und Pulte und brauchten nicht mehr verzwickt hinter hohen Tischen zu sitzen, wo sie zuweilen mit der Nase kaum über die Tischplatte gereicht hatten. Und hier hatte Küster Svartling einen eigenen Katheder mit Regal und Fächern, wo er seine großen Zeugnisbücher unterbringen konnte. Und wenn er nun während der Unterrichtsstunden hinter diesem Katheder saß, sah er würdiger aus als je vorher in seinem Leben, wo er oftmals seine Stunden hatte auf dem Herde sitzend halten müssen, mit einem starken Feuer im Rücken und die auf dem Boden hockende Schar seiner Schulkinder vor sich. Hier hatte er einen festen Platz für die schwarze Tafel und Nägel daran für Wandkarten und Tabellen, die er nun nicht mehr gegen eine Schranktür oder das Kanapee zu lehnen brauchte, wie er es bisher hatte machen müssen.

Nun wußte er stets, wo er die Gänsekiele hatte, und konnte die Kinder lehren, gerade Striche und Bogen zu machen; nun würde sicherlich die ganze Gemeinde allmählich so schön schreiben lernen wie er selber schrieb. Und jetzt war es auch möglich, den Kindern beizubringen, daß sie alle miteinander aufstanden und in Reih und Glied wie die Soldaten das Schulzimmer verließen.

Aber so vergnügt auch alle über das Schulhaus waren, so fühlten sich doch die Eltern den Kindern gegenüber ein klein wenig befangen, seit diese angefangen hatten, dort zur Schule zu gehen. Es war, als seien die Kinder in einen neuen und vornehmen Zustand eingegangen, zu dem die Alten keinen Zutritt hatten. Aber es war eigentlich unrecht, dies so aufzufassen. Es war auf jeden Fall eine große Freude, daß die Kinder so viel Besseres zu genießen bekamen, als ihnen selbst zuteil geworden war.

An jenem Tage, wo Jan von Skrolycka zum Schulexamen ging, wanderte er den ganzen Weg Hand in Hand mit der kleinen Klara Gulla, wie sie immer taten, und sie unterhielten sich als gute Freunde und Kameraden.

Aber als Klara Gulla in die Nähe des Schulhauses kam und andere Kinder erblickte, die sich vor der Tür versammelt hatten, zog sie ihre Hand aus der des Vaters und ging auf die andere Seite des Weges hinüber. Und sobald sie an der Schule angekommen waren, ließ sie ihren Vater ganz stehen und gesellte sich zu einem Häuflein Kinder.

Während des Examens saß Jan in Skrolycka auf einem Stuhl in nächster Nähe des Katheders zwischen den vornehmen Herrschaften und den Mitgliedern der Schulbehörde. Jan war genötigt, da Platz zu nehmen, denn sonst hätte er von Klara Gulla, die unter den Kleinsten auf der ersten Bank rechts vom Katheder saß, nichts als den Nacken sehen können. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte er sich um alle Welt nicht so hoch hinaufgesetzt; aber wer der Vater einer solchen Tochter wie Klara Gulla war, brauchte sich nicht geringer zu dünken als irgend jemand anders.

Klara Gulla mußte von dem Platze aus, wo sie saß, ihren Vater sehen, es war nicht anders möglich; aber sie schenkte ihm keinen Blick, es war, als sei er für sie gar nicht vorhanden.

Dagegen hingen Klara Gullas Blicke an dem Lehrer. Er war jetzt eben dabei, die großen Kinder, die links vom Katheder saßen, abzufragen. Sie mußten lesen und auf der Landkarte Länder und Städte zeigen und an der Wandtafel rechnen, und der Lehrer hatte kaum Zeit, einmal zu den Kleinen auf der rechten Seite hinüberzuschielen. Es hätte also sicherlich nicht viel auf sich gehabt, wenn Klara Gulla einmal einen Seitenblick auf ihren Vater geworfen hätte; aber sie drehte auch nicht einmal den Kopf nach seiner Seite. Ein kleiner Trost war es dem Vater, daß alle andern Kinder es genauso machten. Alle saßen da und hefteten ihre hellen Äuglein auf den Lehrer. Und die kleinen Krabben taten, als ob sie es verstünden, wenn er einen kleinen Witz machte, denn dann stießen sie einander an und lachten.

Es war eine rechte Überraschung für die Eltern, die Kinder so artig zu sehen, wie sie sich während des Examens betrugen. Aber Küster Svartling war ein merkwürdiger Mann. Er konnte sie zu allem bringen, was er wollte.

Jan in Skrolycka seinerseits fing an, verlegen und ängstlich zu werden. Er wußte nicht mehr recht, ob es sein eigenes Töchterchen war, das dort saß, oder das Kind von jemand anderem. Und schließlich machte er sich von seinem Platz zwischen den Schulräten davon und setzte sich mehr in die Nähe der Türe.

Endlich aber waren die Großen hinreichend geprüft und nun kam die Reihe an die Kleinen, die kaum erst lesen gelernt hatten. Über große Kenntnisse verfügten sie noch nicht, aber einige Fragen sollten dennoch auch sie beantworten. Und so wurden sie über die Schöpfungsgeschichte abgefragt.

Erst mußten sie die Frage beantworten, wer die Welt erschaffen habe, und das brachten sie sehr gut fertig. Aber dann traf es sich so unglücklich, daß der Lehrer fragte, ob sie noch einen andern Namen für »Gott« wüßten.

Da blieben alle die kleinen Abc-Schützen stumm. Sie bekamen rote Wangen und runzelten die Stirnen, aber es war ihnen unmöglich, sich eine Antwort auf eine solche stumpfsinnige Frage auszudenken.

In den Bänken, wo die Großen saßen, begann ein Wedeln mit den Händen und ein Flüstern und Kichern. Aber die acht kleinen Anfänger kniffen den Mund zusammen und wußten kein Wort zu sagen, Klara Gulla nicht und keines der anderen Kinder.

»Es gibt ein Gebet, das wir alle Tage beten«, sagte der Lehrer. »Wie nennen wir da Gott?«

Jetzt kam Klara Gulla darauf! Sie begriff, der Lehrer wollte die Antwort haben, daß wir Gott auch Vater nennen, und so streckte sie die Hand in die Höhe.

»Wie heißen wir Gott sonst noch, Klara Gulla?« fragte der Lehrer.

Mit glühenden Wangen stand Klara Gulla in ihrer Bank auf, und ihr kleines Schwänzchen von Zopf stand im Nacken gerade hinaus.

»Wir heißen ihn Jan!« antwortete sie mit lauter und deutlicher Stimme.

Bei diesen Worten lief ein Kichern durch die ganze Schule. Die Herrschaften und die Schulräte und die Schulkinder, alle verzogen den Mund, und sogar der Herr Schullehrer sah bewegt aus.

Klara Gulla wurde dunkelrot, und Tränen traten ihr in die Augen. Aber der Lehrer stieß den Stock, mit dem er zu deuten pflegte, auf den Fußboden und rief: »Still!« Und dann sprach er einige Worte, um die Sache zu erklären.

»Klara Gulla hat wohl Vater sagen wollen«, sagte er. »Und sie hat statt dessen Jan gesagt, weil ihr eigener Vater Jan heißt. Aber wir brauchen uns über die Antwort des kleinen Mädchens gar nicht so sehr zu wundern, denn ich weiß nicht recht, ob noch ein Kind in der Schule ist, das einen so guten Vater hat wie sie. Ich habe ihn in Sturm und Regen vor dem Schulhause auf sie warten sehen, und bei Schneegestöber, wenn die Wege dicht verschneit waren, hat er sie in die Schule getragen. Man braucht sich deshalb nicht zu wundern, daß sie Jan sagt, wenn sie das Beste nennen soll, was sie kennt.«

Der Lehrer strich dem kleinen Mädchen freundlich übers Haar, und die Leute lachten und waren gerührt zu gleicher Zeit.

Klara Gulla saß auf ihrem Platz, schaute vor sich hin und wußte nicht, was sie anstellen sollte; aber Jan in Skrolycka war so glücklich wie ein König; denn nun war es ihm plötzlich wieder klargeworden, daß das kleine Mädchen noch immer ihm gehörte und keinem andern.

Die Wettprüfung

Es war eine merkwürdige Sache mit dem kleinen Mädchen in Skrolycka und seinem Vater. Fast hätte man meinen können, er und sein Töchterchen seien aus einem Stück geschnitten, so daß sie eines des andern Gedanken lesen könnten.

In Svartsjö gab es einen Schullehrer, der ein alter Soldat war. Er unterrichtete weit hinten im Kirchspiel und hatte kein Schulhaus wie der Küster, wurde aber von allen Kindern unendlich geliebt. Sie wußten sogar nicht, daß sie zu ihm in die Schule gingen, sondern meinten, sie kämen nur zum Spielen zusammen.

Zwischen den beiden Lehrern herrschte das allerbeste Einvernehmen; aber es geschah doch zuweilen, daß der jüngere den alten dazu zu bringen suchte, mit der Zeit voranzuschreiten, und daß er ihm die Lautiermethode und andere neue Moden beibringen wollte. Der Alte ließ das meistens mit Ruhe über sich ergehen, aber eines Tages wurde er doch ärgerlich darüber.

»Du bildest dir allzuviel ein, Svartling, weil du ein Schulhaus bekommen hast«, sagte er. »Aber ich sage dir, meine Kinder lesen genauso gut wie die deinen, obgleich ich nur in Bauernstuben unterrichte.«

»Jawohl, das weiß ich, und ich habe auch noch nie etwas anderes behauptet«, erwiderte der Küster. »Ich meine nur, wenn die Kinder etwas mit weniger Mühe lernen könnten ...«

»Nun, und was dann?« fragte der Alte.

Der Küster hörte seiner Stimme an, daß er verletzt war, und suchte nun zum Rückzug zu blasen.

»Du verstehst es jedenfalls, deinen Kindern das Lernen so leicht zu machen, daß sie sich niemals über eine Aufgabe beklagen.«

»Vielleicht mache ich es ihnen gar zu leicht? Vielleicht lernen sie bei mir nichts?« rief der Alte und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Was in aller Welt ficht dich heute an, Tyberg?« fragte der Küster. »Du nimmst mir ja alles übel, was ich sage.«

»Ja, du kommst auch mit gar zu vielen Anspielungen.«

Nun kamen andere Leute dazu, und als die beiden Schullehrer voneinander schieden, waren sie ebenso gut Freund wie je vorher. Aber als sich Tyberg allein auf dem Heimweg befand, stiegen des Küsters Worte wieder in ihm auf, und er wurde fast noch ärgerlicher als vorher.

›Warum soll dieser Guckindiewelt herkommen dürfen und behaupten, ich könnte meine Kinder mehr lehren, wenn ich mit der Zeit fortschritte?‹ dachte er. ›Er denkt wohl, ich sei zu alt, wenn er es auch nicht gerade heraussagen will.‹

Der Alte konnte seinen Ärger nicht überwinden, und als er heimkam, sprach er mit seiner Frau darüber.

»Mach dir doch nichts aus dem, was der Küster schwatzt«, meinte sie. »Die Jugend tut wichtiger, das Alter macht’s richtiger, sag’ ich immer. Ihr seid alle beide gute Schulmeister, du und der Küster.«

»Ja, was hilft es mir, wenn du es sagst?« antwortete ihr Mann. »Die andern glauben doch, was sie wollen.«

Ein paar Tage sah er so finster drein, daß er seiner Frau aufrichtig leid tat.

»Kannst du ihm nicht beweisen, daß er dir Unrecht getan hat?« fragte sie.

»Wie soll ich ihm das beweisen, was meinst du damit?«

»Ich meine, wenn du wirklich weißt, daß deine Kinder so viel können wie seine ...«

»Das weiß ich gewiß!«

»Ja, dann mußt du verlangen, daß eure Kinder einmal gemeinsam geprüft werden.«

Der Alte tat, als hätte ihm das, was seine Frau gesagt hatte, gar keinen Eindruck gemacht; aber ihre Worte gingen ihm doch lange im Kopfe herum, und nach einigen Tagen erhielt der Küster einen Brief, in dem ihm der Schullehrer vorschlug, die Kinder der beiden Schulen ihre Kräfte miteinander messen zu lassen.

Der Küster hatte nicht das mindeste dagegen; aber er wünschte, daß die Wettprüfung in der Weihnachtszeit vorgenommen werden solle; denn dann konnte man sie zu einer kleinen Festlichkeit für die Kinder stempeln und brauchte keine Erlaubnis von der Schulbehörde dazu.

›Es ist gar kein dummer Einfall‹, dachte der Küster. ›In diesem Vierteljahr werde ich mir Strafarbeiten ersparen können.‹

Und er hatte wirklich keine nötig. Es war unheimlich, wie in den beiden Schulen gelernt und gebüffelt wurde.

Am zweiten Weihnachtsfeiertage sollte die große Wettprüfung vor sich gehen. Das Schulzimmer war mit Tannenzweigen geschmückt, in denen alle Lichter strahlten, die in der Kirche von der Weihnachtsmesse übriggeblieben waren. So viele Äpfel waren vorhanden, daß es zu zweien für jedes Kind reichte, und es wurde sogar geflüstert, den Eltern und Vormündern, die zum Zuhören kämen, sollte Kaffee angeboten werden.

Allein das wichtigste war doch die große Wettprüfung. Auf der einen Seite des Schulzimmers saßen die Tybergskinder und auf der andern die Küsterskinder. Und jetzt handelte es sich für die Schüler darum, das Ansehen ihrer Lehrer zu verteidigen, denn Schullehrer Tyberg sollte die Küsterskinder abfragen und der Küster die Tybergskinder. Wenn die eine Schule eine Frage nicht beantworten oder eine Rechnung nicht herausbringen konnte, sollte sie der andern Schule vorgelegt werden. Und alle diese Fragen sollten zusammengezählt und danach entschieden werden, welche Schule die beste sei.

Der Küster durfte anfangen, und man merkte wohl, wie vorsichtig er zuerst zu Werke ging; aber als ihm dann klar wurde, mit was für wohlunterrichteten Kindern er es zu tun hatte, drang er immer schärfer auf sie ein. Es war einfach großartig, die Tybergskinder antworten zu hören, sie waren so sattelfest, daß sie keine einzige Frage unbeantwortet ließen.

Dann kam der alte Tyberg an die Reihe, die Küsterskinder zu prüfen.

Der Alte war jetzt nicht mehr ärgerlich, und da seine Kinder bereits gezeigt hatten, was sie leisten konnten, fuhr ihm der Schelm in den Nacken. Zu Anfang stellte er einige richtige Fragen an die Küsterskinder; aber lange vermochte er nicht ernsthaft zu bleiben, sondern er wurde bald ebenso lustig, wie er es in seiner eigenen Schule zu sein pflegte.

»Ich weiß wohl, daß ihr viel mehr gelernt habt als wir, die wir aus dem hintersten Winkel der Gemeinde kommen«, sagte er. »Ihr habt Naturlehre gehabt und alles mögliche andere. Jetzt möchte ich aber wissen, ob eines unter euch ist, das mir sagen kann, wie die Steine im Motalastrom sind?«

Nicht eines von den Küsterskindern hob die Hand in die Höhe; aber auf der andern Seite streckten sich alle Arme aus.

Da saßen sie auf der Küstersseite: Olof Olsson, der sich wohl bewußt war, den besten Lernkopf in der Gemeinde zu haben, und Hindrik Björnsson aus dem alten guten Bauerngeschlecht, und wußten kein Wort zu sagen; und da saß Karin Svens, das kluge Mädchen, das nicht einen einzigen Schultag versäumt hatte, und auch sie wunderte sich über die Maßen, wie alle die andern, und dachte, es sei doch sonderbar, daß ihnen der Küster nichts von der merkwürdigen Eigenschaft der Steine im Motalastrom gesagt hatte. Und da saß auch Klara Fina Gulleborg von Skrolycka, die ihren Namen von der Sonne erhalten hatte, und in ihrem Gehirn war es ebenso finster, wie in dem der andern Kinder.

»Dann bleibt nichts anderes übrig, als daß wir die andern fragen«, sagte der Schullehrer. »Aber es ist doch sonderbar, daß von so vielen pfiffigen Buben und Mädchen, wie hier sitzen, keines eine so leichte Frage beantworten kann.«

Gerade im letzten Augenblick drehte sich Klara von Skrolycka um und sah Jan an, wie sie zu tun pflegte, wenn sie sich nicht mehr zu raten und zu helfen wußte. Jan stand so weit weg von Klara Gulla, daß er ihr die Antwort nicht einflüstern konnte; aber als Klara Gulla in ihres Vaters Augen gesehen hatte, da wußte sie, was sie sagen mußte.

Schnell hob sie die Hand in die Höhe und stand sogar vor lauter Eifer auf.

Alle ihre Mitschüler und Mitschülerinnen drehten sich nach ihr um, und der Küster sah sehr vergnügt drein, weil er die Frage nun nicht an die andere Seite richten mußte.

»Sie sind naß!« schrie Klara Gulla, ohne zu warten, bis sie gefragt wurde, denn dazu war ja gar keine Zeit mehr.

Im nächsten Augenblick jedoch meinte sie, sie habe eine sehr dumme Antwort gegeben und die Sache für alle vollständig verdorben. Sie sank auf ihre Bank zurück und kroch beinahe unter den Tisch, damit ja niemand sie sehen könne.

»Ja, das war die richtige Antwort, Klara Gulla«, sagte der Schullehrer. »Es ist gut für euch Küsterschüler, daß wenigstens eines unter euch Antwort geben konnte, denn ihr seid nahe daran gewesen, geschlagen zu werden, so hochnasig ihr auch tut.«

Und nun erhob sich ein großes Gelächter unter den Kindern auf beiden Seiten und ebenso unter den Erwachsenen. Einige Kinder mußten aufstehen, um recht laut hinauslachen zu können, und andere legten sich mit dem Gesicht auf die Bank, und mit aller Ordnung war es aus und vorbei.

»Ich meine, wir schaffen jetzt die Bänke hinaus und tanzen um den Christbaum«, schlug der alte Tyberg vor.

Und so vergnügt waren die Kinder noch niemals in der Schule gewesen und auch später nie wieder.

Der Fischfang

Es war natürlich nicht möglich, daß irgendein Mensch das kleine Mädchen in Skrolycka ebenso liebhaben konnte wie sein eigener Vater. Aber soviel kann man doch behaupten: in dem alten Netzstricker Ola hatte die kleine Klara einen sehr guten Freund.

Die Freundschaft zwischen den beiden begann folgendermaßen: Klara Gulla war eines Tages auf den Gedanken gekommen, im Waschbach für die kleinen Forellen, die sich da im Wasser tummelten, sogenannte Fischstangen aufzupflanzen, das heißt, Stangen hineinzustecken, an denen die Leine mit der Angel hing. Dies gelang ihr besser, als man gedacht hätte. Schon am ersten Tage kam sie mit zwei Fischlein nach Hause.

Natürlich war sie sehr eifrig bei der Sache, und sie wurde gelobt und gepriesen von ihrem Vater und ihrer Mutter, weil sie schon jetzt, wo sie noch nicht älter als acht Jahre sei, Nahrung ins Haus schaffe. Und um sie noch mehr zu ermutigen, ließ Katrine sie selbst die Fische ausnehmen und braten, und Jan aß davon und sagte, einen solchen Fisch habe er in seinem ganzen Leben noch nicht gegessen. Und das war sicherlich die reine Wahrheit, denn der Fisch war so dürr und grätig, daß das kleine Mädchen selbst kaum einen Mund voll hinunterwürgen konnte. Trotzdem betrieb sie ihren Fischfang mit gleichem Eifer. Morgens stand sie schon ebenso früh auf wie ihr Vater. Sie nahm einen Korb an den Arm, um darin die Fische besser nach Hause tragen zu können, und für die abgenagten Angelhaken trug sie in einer kleinen Blechbüchse auch Würmer bei sich. Auf diese Weise ausgerüstet, schritt sie am Waschbach hinauf, der oft mit steilem Gefälle und langen Strecken von Stromschnellen von der Höhe herabgetanzt kam; dazwischen hatte er aber auch dunkle stille Hinterwasser und klare Stellen, wo das Wasser langsam und durchsichtig über Sand und flache Steine floß. Aber wer hätte gedacht, daß nach der ersten Woche Klara Gullas Glück beim Fischen mit einemmal ein Ende hätte! Zwar war der Köder beinahe von allen Angeln verschwunden, aber statt seiner hing kein Fisch daran. Sie versetzte ihre Fischgeräte aus den Stromschnellen ins Hinterwasser und aus dem Hinterwasser in die Wasserfälle und nahm andere Haken, allein es wurde nicht besser.

Klara Gulla fragte die Jungen von Börjes und die von Erik in Falla, ob sie in aller Herrgottsfrühe aufstünden und ihr die Fische von den Angeln nähmen. Aber die Jungen gaben ihr kaum Antwort auf eine solche Frage, denn keiner von ihnen hätte sich so erniedrigt, im Waschbach Fische fangen zu wollen. Dazu hatten sie doch den ganzen großen Duvsee. Für kleine Mädchen dagegen, die nicht ans Seeufer hinuntergehen durften, war es ja ganz nett, in den Waldbächen zu fischen.

Aber wie patzig auch die Jungen antworteten, Klara Gulla traute ihnen doch nur halb. Irgend jemand mußte doch die Fische von den Angeln nehmen; denn sie hatte richtige Angelhaken im Waschbach ausgelegt, nicht nur krummgebogene Stecknadeln.

Um endlich Klarheit in die Sache zu bringen, stand sie eines Morgens noch früher auf als Jan und Katrine und lief eiligst an den Bach. Als sie in dessen Nähe kam, verlangsamte sie erst ihren Gang, schlich sich dann mit winzigen Schrittchen immer näher und nahm sich dabei sehr in acht, daß sie nicht auf lose Steine trat oder in den Büschen raschelte.

Und denkt einmal! Ihr ganzer Körper erstarrte, als sie an den Rand des Baches kam und sah, daß sie recht gehabt hatte. Da stand ein Fischdieb genau an der Stelle, wo sie am vorhergehenden Morgen ihre Angelhaken ausgelegt hatte, und leerte diese ab.

Aber der Dieb war nicht, wie sie erwartet hatte, einer von den Jungen, sondern ein erwachsener Mann. Er stand tief übers Wasser gebeugt und zog eben einen Fisch herauf. Klara Gulla sah den Fisch aufblitzen, als der Dieb ihn von der Angel nahm.

Das kleine Mädchen war erst acht Jahre alt, aber es fürchtete sich niemals, und so lief es jetzt herbei und ergriff den Dieb auf frischer Tat.

»Ach so, Ihr seid es also, der mir meine Fische nimmt!« sagte sie. »Es ist nur gut, daß ich dazugekommen bin, damit die Dieberei ein Ende hat.«

Nun hob der Mann den Kopf, und Klara Gulla konnte sein Gesicht sehen. Und da war es der alte Netzstricker, der in einer der Waldhütten wohnte.

»Ja, die Fischgerätschaften gehören dir, das weiß ich wohl«, sagte er ganz ruhig, ohne ärgerlich und heftig zu werden, wie sich die Leute meistens geben, wenn man sie auf einem Unrecht ertappt.

»Aber wie könnt Ihr Euch unterstehen, etwas zu nehmen, was nicht Euch gehört?« rief das arme kleine Mädchen.

Da sah der Mann sie an, und diesen Blick konnte sie ihr Leben lang nicht vergessen. Es war ihr, als sähe sie in zwei offene, leere Abgründe, in deren Tiefe zwei halberloschene Augen lagen, in denen sich weder Leid noch Freude mehr widerspiegeln konnten.

»Ja, ja«, begann er. »Ich weiß, du bekommst von deinen Eltern alles, was du brauchst, und deshalb fischst du nur zum Vergnügen hier, aber bei mir zu Hause, da sind sie am Verhungern.«

Die Kleine wurde dunkelrot. Sie wußte nicht, wie es zuging, aber nun war sie es, die sich schämte.

Der Netzstricker sagte kein Wort mehr. Er hob seine Mütze auf, die ihm vom Kopf gefallen war, als er sich über die Angelhaken gebeugt hatte, und ging seines Weges.

Auch Klara Gulla sagte kein Wort. Am Ufer lagen ein paar Fische und zappelten, aber sie las sie nicht auf. Nachdem sie die Fische eine Weile betrachtet hatte, stieß sie mit den Füßen danach, daß sie ins Wasser zurückflogen.

Diesen ganzen Tag fühlte sich die Kleine mit sich selbst sehr unzufrieden, ohne daß sie wußte, warum. Sie war es doch nicht gewesen, die ein Unrecht getan hatte.

Klara Gulla konnte den alten Netzstricker nicht aus ihren Gedanken verbannen. Die Leute erzählten, er sei früher einmal reich gewesen. Sieben Höfe habe er gehabt, von denen jeder für sich allein soviel wert gewesen sei wie der von Erik in Falla. Aber auf merkwürdige Weise sei er um alle gekommen und jetzt vollständig verarmt.

Am nächsten Morgen ging Klara Gulla doch wieder an den Waschbach und sah nach ihren Angelhaken. Niemand war dagewesen und hatte sie geleert, und sie fand an jedem einen Fisch hängen. Sie machte die Fische von den Angeln los und legte sie in ihren Korb; aber sie ging damit nicht nach Hause, sondern geradenwegs zu der Hütte des Netzstrickers.

Als Klara Gulla mit ihrem Korb daherkam, stand der alte Mann vor der Hütte und hackte Holz. Sie blieb am Zauntritt stehen und sah den Alten an, ehe sie hinübertrat. Er war äußerst armselig und zerlumpt gekleidet; in solch einem Anzug hatte Klara Gulla ihren Vater noch nie gesehen.

Die Kleine hatte sagen hören, wohlhabende Leute hätten dem Alten angeboten, bis zu seinem Tode bei ihnen zu wohnen. Aber statt dessen war er zu seiner Schwiegertochter gezogen, die hier in Askedalarna wohnte, um ihr zu helfen, so gut er konnte. Sie hatte viele kleine Kinder, und ihr Mann war schon lange auf und davon gegangen, ohne je wieder von sich etwas hören zu lassen.

»Heute sind an allen Angeln Fische gewesen!« rief das kleine Mädchen, als sie auf dem Zauntritt stand. »Ach so«, erwiderte der Netzstricker. »Da kannst du dich ja freuen.«

»Ich will Euch gern alle Fische bringen, die ich fange, wenn Ihr mich nur allein fischen laßt«, sagte die Kleine.

Sie sprang vom Zauntritt herunter, kam zu ihm her, leerte ihren Korb neben ihn auf den Boden aus und erwartete, der Netzstricker werde selig sein und sie tüchtig loben, wie sie es von ihrem Vater gewöhnt war, der sich über alles freute, was sie tat oder sagte. Allein der Netzstricker nahm auch das ebenso gelassen hin wie alles andere.

»Behalt du nur, was dir gehört. Wir sind hier so ans Hungern gewöhnt, daß wir so ein paar kleine Fische wohl noch entbehren können.«

Es war etwas Eigenes mit diesem armen alten Mann. Klara Gulla konnte sich nicht eher zufrieden geben, als bis er sie ein bißchen liebgewonnen hätte.

»Ihr dürft die Fische von den Angeln nehmen und neue Köder anstecken. Ihr dürft alles miteinander nehmen«, bot sie an.

»Nein, ich will dir dein Vergnügen nicht rauben«, erwiderte der Alte.

Aber Klara Gulla rührte sich nicht von der Stelle, sie wollte und wollte nicht fortgehen, ehe sie eine Art entdeckt hatte, wie sie dem Alten eine Freude machen könnte.

»Ist’s Euch recht, wenn idi morgens herkomme und Euch abhole? Dann können wir die Angeln zusammen nachsehen und nachher die Fische teilen?« fragte sie.

Da stellte der Alte das Holzhacken ein. Er richtete seine sonderbaren, erloschenen Augen auf die Kleine, und der Schimmer eines Lächelns flog über sein Gesicht.

»Ja, jetzt hast du das Richtige getroffen«, sagte er. »Zu diesem Vorschlag will ich nicht nein sagen.«

Agrippa

Die kleine Klara Gulla war ein zu merkwürdiges Mädchen. Als sie noch keine zehn Jahre alt war, wurde sie sogar schon mit Agrippa Prästberg fertig.

Stellt man sich vor, wie dieser Agrippa aussah mit seinen gelben, rotgeränderten Augen unter den buschigen Brauen, mit der entsetzlichen Nase, die einen Höcker neben dem andern aufwies, mit dem dichten Stoppelbart, der ihm borstig um den Mund stand, mit den tiefen Runzeln auf der Stirne, mit dem langen hageren Körper und der zerlumpten Soldatenmütze auf dem Kopf, so muß man zugeben, daß sich jeder vor ihm fürchten konnte, der mit ihm zu tun bekam.

Eines Tages saß das kleine Mädchen ganz allein auf der breiten Steinstufe vor der Haustür und aß sein Butterbrot zum Abendessen. Da sah es einen großen Mann des Weges daherkommen, und es währte nicht lange, da erkannte die Kleine, daß es Agrippa Prästberg war.

Aber Klara Gulla verlor darum den Kopf noch lange nicht. Zuerst brach sie ihr Butterbrot mitten durch und legte die beiden Stücke aufeinander, damit sie keine Fettflecken machen konnten, und fuhr damit unter ihre Schürze.

Und auch dann lief sie weder davon, noch versuchte sie, sich ins Haus einzuschließen, denn einem solchen Menschen gegenüber hätte das doch nichts genützt, das wußte sie wohl, sondern sie blieb ruhig sitzen. Das einzige, was sie tat, war, daß sie das Strickzeug ergriff, das Katrine auf der Steinstufe hatte liegen lassen, als sie vor einer Weile fortgegangen war, um Jan das Abendbrot zu bringen, und so eifrig zu strikken anhub, daß die Nadeln laut klapperten.

Scheinbar saß sie ganz ruhig und zufrieden da, aber heimlich schielte sie nach der Gitterpforte. Und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht, Agrippa kam gerade darauf zu! Eben war er dabei, den Haken der Gittertür loszumachen.

Klara Gulla setzte sich auf ihrer Steinplatte zurecht und breitete ihre Röcke aus, denn jetzt war sie diejenige, die Haus und Heim zu bewachen hatte, das fühlte sie ganz deutlich.

Soviel wußte die Kleine natürlich wohl, daß Agrippa nicht stahl und auch nicht zuschlug, solange man ihm nicht »Greppa« nachrief oder ihm ein Butterbrot anbot. Auch blieb er niemals lange in einem Hause, wenn nicht das Unglück es wollte, daß sich eine von den großen Kastenuhren aus Dalarna im Hause befand.

Agrippa lief im Dorf herum und besserte die Uhren aus, und wenn er in ein Haus kam, wo er eine von den alten Kastenuhren entdeckte, dann ruhte er nicht, bis er das Uhrwerk herausnehmen durfte, um nachzusehen, ob ihm nicht etwas fehle. Und es fehlte immer irgendwo. Er sagte, er sei geradezu gezwungen, die Uhr vollständig auseinanderzunehmen. Nachher konnte es mehrere Tage dauern, bis er sie wieder zusammengesetzt hatte, und so lange mußte man ihm Unterstand gewähren und ihn füttern.

Das schlimmste an der Sache war aber, daß eine Uhr, die Prästberg in die Hände gefallen war, nachher niemals mehr so gut ging wie vorher. Mindestens einmal im Jahre mußte sie von Prästberg nachgesehen werden, sonst ging sie überhaupt nicht mehr. Der Alte gab sich wohl Mühe, seine Arbeit redlich und gewissenhaft zu vollbringen, aber es half alles nichts, die Uhr ging nicht mehr richtig.

Darum war es auf alle Fälle am besten, wenn man seine Uhr wohl vor ihm hütete. Das wußte Klara Gulla sehr genau; aber jetzt sah sie keinen Ausweg, die große Hausuhr zu retten, die drinnen im Zimmer tickte. Prästberg wußte, daß eine Uhr im Hause war, und lauerte schon lange auf eine Gelegenheit, sie näher zu untersuchen; aber sooft er sich früher gezeigt hatte, war Katrine zu Hause gewesen und hatte ihn verhindert, an die Uhr zu kommen.

Als der Mann am Hause angelangt war, blieb er vor dem kleinen Mädchen stehen, stieß seinen Stock hart auf den Boden und leierte herunter:

»Hier kommt Johann Utter Agrippa Prästberg, seiner königlichen Majestät und der Krone Trommelschläger. Hat im Kugelregen gestanden und fürchtet sich weder vor Engel noch Teufel. Ist hier jemand zu Hause?«

Klara Gulla brauchte keine Antwort zu geben. Der Alte ging ohne weiteres an ihr vorbei ins Haus hinein und richtete seine Schritte sofort nach der großen Kastenuhr.

Das Mädchen lief ihm eilends nach und versuchte ihm auseinanderzusetzen, wie gut die Uhr gehe. Sie gehe weder vor noch nach und brauche durchaus nicht nachgesehen zu werden.

»Wie kann eine Uhr recht gehen, die nicht von Johann Utter Agrippa gerichtet worden ist?« sagte der Alte.

Prästberg war so groß, daß er den Uhrkasten öffnen konnte, ohne auf einen Stuhl zu steigen. Im nächsten Augenblick war das Zifferblatt und das Werk herausgehoben und auf den Tisch gelegt. Klara Gulla ballte die Faust unter der Schürze und Tränen traten ihr in die Augen, aber es stand nicht in ihrer Macht, ihn zu hindern.

Prästberg hatte es sehr eilig zu ergründen, was der Uhr fehlen könne, ehe Jan und Katrine nach Hause kommen und sagen könnten, sie brauche nicht nachgesehen zu werden. Er hatte ein Bündel mit Werkzeug und Schmierbüchsen bei sich; schnell riß er es auf, verfuhr aber dabei so hastig, daß ein Teil des Inhalts auf den Fußboden hinunterfiel.

Klara Gulla erhielt den Befehl, alles, was hinuntergefallen sei, aufzulesen. Und wer Agrippa Prästberg je gesehen hat, begreift wohl, daß sie gar nichts anderes tun konnte als gehorchen. Sie kniete auf dem Boden nieder und reichte ihm eine kleine Säge und einen Meißel.

»Liegt sonst nichts drunten?« rief der Alte. »Du solltest froh sein, wenn du seiner königlichen Majestät und der Krone Trommelschläger einen Dienst erweisen darfst, du verflixte Häuslerdirn!«

»Nein, es liegt nichts mehr drunten, soviel ich sehe«, antwortete Klara Gulla; sie war so niedergeschlagen und unglücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Sie sollte doch für Vater und Mutter das Haus hüten, und nun ging es ihr so schlimm.

»Na und wo ist denn meine Brille?« fragte Prästberg. »Die muß auch hinuntergefallen sein.«

»Nein—n«, antwortete Klara Gulla. »Hier unten liegt keine Brille.«

Und mit einem Male regte sich eine leise Hoffnung in Klara Gullas Herzen. Wie, wenn er ohne die Brille nichts an der Uhr machen könnte, wenn er die Brille verloren hätte?

Gerade in diesem Augenblick entdeckte sie das Brillenfutteral. Es war hinter das Tischbein gefallen.

Der Alte kramte und suchte eifrig zwischen den alten Rädchen und Uhrfedern, die er in seinem Bündel hatte. Ach, vielleicht ging noch alles gut und er fand die Brille nicht!

»Es bleibt mir nichts anderes übrig, ich muß selbst auf den Boden knien und suchen«, sagte er. »Steh auf, Häuslermädel!«

Rasch wie der Blitz fuhr des Mädchens Hand hinter das Tischbein, ergriff das Brillenfutteral und stopfte es unter ihre Schürze hinein.

»Auf mit dir!« knurrte der Alte. »Ich trau dir nicht über den Weg! Was hast du denn da unter der Schürze? Heraus damit, sag ich dir!«

Die Kleine streckte rasch die eine Hand vor, die andere hatte sie während der ganzen Zeit unter der Schürze versteckt gehalten. Jetzt aber mußte sie diese auch zeigen, und so bekam der Alte das Butterbrot zu sehen.

»Pfui Kuckuck! Ich glaube gar, das ist ein Butterbrot!« rief Agrippa Prästberg und fuhr zurück, wie wenn ihm das Mädchen eine Kreuzotter entgegengehalten hätte.

»Ich war eben dabei, mein Butterbrot zu essen, als Ihr kamt, und da hab’ ich’s unter die Schürze gesteckt, weil ich weiß, daß Ihr Butterbrot nicht leiden könnt«, sagte die Kleine.

Nun kniete der Alte selbst auf den Boden; aber es war vergebens, es war nichts zu finden.

»Vielleicht habt Ihr die Brille dort liegen lassen, wo Ihr zuletzt gewesen seid«, sagte Klara Gulla.

Dasselbe hatte der Alte auch gedacht, obgleich er kaum glauben konnte, daß dem so sei.

Jedenfalls aber konnte er mit der Uhr nichts anfangen, weil er seine Brille nicht hatte. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Bündel wieder zu schnüren und das Uhrwerk wieder in den Uhrkasten hineinzusetzen.

Während er nun dem kleinen Mädchen den Rücken drehte, schmuggelte dieses rasch die Brille in das Bündel hinein.

Und da fand Agrippa seine Brille, als er auf den Herrenhof Lövdala, wo er zuletzt gearbeitet hatte, zurückgegangen war, um nach ihr zu fragen. Dort hatte er das Bündel aufgemacht, um zu zeigen, daß sie nicht drinnen sei, und das erste, was seine Augen sahen, war das Brillenfutteral.

Als er das nächstemal mit Jan und Katrine auf dem Kirchplatz zusammentraf, ging er zu ihnen hin.

»An Eurem kleinen Mädchen, Eurem behändigen kleinen Mädchen werdet Ihr noch viel Freude erleben«, sagte er.

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