Kitabı oku: «Anna das Mädchen aus Dalarne»
Selma Lagerlöf
Anna das Mädchen aus Dalarne
Die Reise nach Karlstadt
1
Was man auch gegen Thea Sundler einwenden mag, das eine muß man zugeben, sie verstand es besser als irgend jemand, Karl Artur Ekenstedt zu behandeln.
Denkt man zum Beispiel an Charlotte Löwensköld, so hatte auch diese versucht, ihn zu veranlassen, nach Karlstadt zu fahren und sich mit seiner Mutter zu versöhnen. Aber um ihn dazu zu bewegen, hatte sie ihn an alles erinnert, was ihm die Mutter gewesen war, und zuletzt hatte sie es tatsächlich versucht, ihn damit zu erschrecken, daß er nicht mehr so gut werde predigen können wie bisher, wenn er undankbar gegen seine Mutter sei.
Das war ganz so, als wollte sie, daß er wie der verlorene Sohn kommen und flehen sollte, wieder in Gnaden im Elternhaus aufgenommen zu werden. Aber in der Geistesverfassung, in der er sich damals befand, war das nichts für ihn, der so große Erfolge mit seinen Predigten gehabt hatte und von der ganzen Gemeinde hochgeschätzt wurde.
Thea Sundler griff es ganz anders an, als sie ihn veranlassen wollte, wieder nach Karlstadt zu reisen. Sie fragte ihn, ob das wahr sei, was sie von der lieben Tante Ekenstedt gehört habe, nämlich, daß diese verlange, man sollte sie auch für die kleinste Kleinigkeit, womit man sich gegen sie vergangen habe, um Verzeihung bitten? Aber wenn sie es bei andern so genau nehme, so sei sie wohl auch selbst willig und bereit … Ja, Karl Artur mußte zugeben, daß sie so sei. Im selben Augenblick, wo die Mutter einsehe, daß sie sich vergangen habe, sei sie auch bereit, es wiedergutzumachen und sich zu versöhnen.
Da erinnerte ihn Thea an damals, wo die liebe Tante Ekenstedt im schlimmsten Tauwetter die gefährliche Reise nach Upsala unternommen hatte, nur damit er sie um Verzeihung bitten könne. Und sie wunderte sich darüber, daß er, ein christlicher Pfarrer, einen weniger versöhnlichen Sinn habe als ein gewöhnliches weltliches Menschenkind.
Karl Artur begriff nicht so recht, wo sie hinauswollte. Er starrte sie nur unverwandt an.
Aber Frau Sundler sagte, diesmal sei es die liebe Frau Oberst Ekenstedt gewesen, die sich gegen ihn vergangen habe, und wenn sie so gerecht sei, wie er behaupte, dann könne er ja nicht daran zweifeln, daß sie es jetzt bereute und sich von ganzem Herzen danach sehne, ihn um Verzeihung zu bitten. Aber sie könne ja nicht zu ihm kommen, weil sie krank sei, und darum sei es seine Pflicht, zu ihr zu reisen.
Das war etwas ganz anderes, als womit ihm Charlotte gekommen war. Das hieß nicht, als verlorener Sohn zu den Eltern heimzukehren, sondern bei ihnen als Sieger einzutreten! Nun fuhr er nicht hin und flehte um gnädige Vergebung, sondern er erteilte sie. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie sehr ihm das zusagte und wie dankbar er Thea war, die ihn auf diesen Gedanken gebracht hatte.
Kaum war er am Sonntag aus der Kirche zurück und hatte bei Thea gegessen, als er sich auch schon auf die Reise nach Karlstadt begab. Ja, er war so eifrig, daß er die ganze Nacht hindurch fuhr. Er hielt sich mit dem Gedanken wach, wie schön es sein werde, wenn er bei der Mutter angelangt sei. Niemand vermochte eine derartige Begegnung so schön zu gestalten wie seine Mutter.
Um fünf Uhr in der Frühe kam er in Karlstadt an; er ging aber nicht sofort nach Hause, sondern zuerst in den Gasthof. Über die Gesinnung seiner Mutter ihm gegenüber kamen ihm nicht die geringsten Zweifel, aber der seines Vaters war er nicht so ganz sicher. Es war durchaus nicht unmöglich, daß der Vater ihn nicht hereinlassen würde, und dem wollte er sich im Beisein des Kutschers nicht aussetzen.
Der Wirt des Gasthofs stand auf der Hausstaffel und erkannte Karl Artur sofort als alten Karlstädter. Er hatte vielleicht ein Vöglein davon pfeifen hören, daß zwischen ihm und seinen Eltern ein Zerwürfnis entstanden sei, weil der junge Pfarrer ein Mädchen aus Dalarne heiraten wolle. Darum sprach, er vorsichtig und teilnehmend mit Karl Artur; aber dieser sah so ruhig und zufrieden aus und antwortete so munter, daß der Wirt anfing zu glauben, das Gerücht von einer Uneinigkeit sei aus der Luft gegriffen.
Karl Artur verlangte ein Zimmer, wusch sich und kleidete sich sehr sorgfältig an. Als er wieder herauskam, trug er den Pastorenrock In Schweden tragen die Pfarrer den ganzen Sonntag über den Pastorenrock, den »Lutherrock«, einen langen zugeknöpften Gehrock und kleine Beffchen, über den in der Kirche der nur über den Rücken herabfallende Talar getragen wird. Anm. d. Ü., die kleinen Beffchen und den hohen schwarzen Hut. Er hatte sich in seine Amtstracht gekleidet, um der Mutter gleich zu zeigen, in welch frommer und priesterlicher Gesinnung er gekommen war.
Der Wirt fragte ihn, ob er frühstücken wolle, allein er lehnte ab, denn er wollte den glücklichen Augenblick, in welchem er und seine Mutter einander in die Arme fallen würden, nicht länger hinausschieben.
Rasch ging er durch die Straßen dem Klarelfstrande zu. In ihm war dieselbe große und freudige Erwartung wie zu jenen Zeiten, wo er als Student von Upsala in die Ferien nach Hause gekommen war.
Aber plötzlich blieb er stehen und sah so verstört aus, als hätte er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Er war dem Elternhause ganz nahe gekommen und sah, daß alle Türen und Fensterläden fest verschlossen waren. Im ersten Erstaunen fiel ihm ein, der Wirt hätte am Ende seinen Eltern Nachricht gesandt, daß er gekommen sei, und sie hätten das Haus verschlossen, um ihn nicht hereinzulassen. Er wurde feuerrot vor Zorn und machte sofort kehrt, um wieder abzureisen.
Aber es dauerte nicht lange, da mußte er über sich selbst lachen. Es war ja kaum sechs Uhr, und um diese Zeit war das Haus immer fest verschlossen. Das war doch zu lächerlich von ihm! Wie war er nur auf den Gedanken gekommen, die Läden seien verriegelt und die Türen verschlossen, damit er nicht herein könne! Er ging zurück zur Gartentür und nahm auf einer Gartenbank Platz, um abzuwarten, bis das Haus erwache. Jedenfalls aber konnte er nicht umhin, es für ein schlechtes Zeichen anzusehen, daß die Heimat so fest verschlossen war, als er ankam. Mit seiner Fröhlichkeit war es aus. Die große Zuversicht, die ihn die Nacht hindurch aufrechterhalten hatte, war verflogen.
Er betrachtete die schönen Blumenbeete und die gepflegte Rasenfläche. Und er betrachtete das große und schöne Haus. Und dann dachte er an sie, die über das alles herrschte und die so sehr geschätzt und gefeiert war, und er mußte sich selbst sagen: es ist unmöglich, daß sie mich um Verzeihung bittet. Es fehlte nicht viel, daß er weder sich noch Thea mehr verstehen konnte. In Korskyrka hatte er gemeint, es sei eine natürliche und selbstverständliche Sache, daß seine Mutter Reue empfinde, aber hier sah er seine Torheit ein.
Schließlich war er davon überzeugt, daß er seines Weges gehen wollte. Ja, schon stand er auf. Er hatte es eilig, von hier wegzukommen, ehe ihn irgendein Mensch gesehen hatte.
Aber als er bereits an der Gartentür stand, kam ihm der Gedanke, es sei vielleicht der allerletzte Besuch, den er in seiner Heimat mache. Wenn er jetzt gehe, dann sei es, um niemals wiederzukehren.
Er wanderte an der Hausecke vorbei und gelangte unter die großen schönen Bäume am Flußufer. Ja, hier würde er also niemals mehr lustwandeln und die herrliche Aussicht genießen! Lange betrachtete er das Ruderboot, das heraufgezogen am Strande lag. Seit er fort war, kümmerte sich wohl niemand mehr darum; aber siehe da, es war geteert und gestrichen, ganz wie damals, als er noch darin zu rudern pflegte!
Er eilte hin zu einem kleinen Gartenbeet, das er gehegt hatte, als er noch ein Kind war, und er fand auch dieses genau wie damals und mit ganz den gleichen Gemüsen bepflanzt, die er dort gezogen hatte. Und er begriff, es war die Mutter, die dies veranlaßt hatte. Sie war es, die dafür sorgte, daß das kleine Spielgärtchen erhalten blieb. Es waren mindestens fünfzehn Jahre vergangen, seit er es selbst bearbeitet hatte. Unter dem Astrachanbaum suchte er nach unreifen Äpfeln und steckte einen in die Tasche, obwohl er noch grasgrün und viel zu hart zum Hineinbeißen war. Und von den Johannis- und Stachelbeeren naschte er, obwohl sie schon alt und überreif waren.
Er wandte sich dem Wirtschaftsgebäude zu und fand einen Schuppen, in dem er immer einen kleinen Spaten, einen Rechen und eine Schiebkarre stehen gehabt hatte. Er guckte hinein. Wirklich, alle drei Gegenstände befanden sich noch am selben Platz, wo er sie verlassen hatte. Niemand hatte sie fortschaffen dürfen.
Nun war es gewiß sehr spät geworden, und er mußte sich beeilen, wenn er ungesehen wegkommen wollte. Aber immer gab es noch etwas, das er gerne zum letztenmal sehen wollte. Alles hatte einen ganz neuen Wert für ihn bekommen. Ich wußte gar nicht, wie lieb mir das alles ist, dachte er.
Zu gleicher Zeit mußte er aber über seine eigene Kindlichkeit lächeln. Es wäre ihm unlieb gewesen, wenn ihn Thea Sundler jetzt gesehen hätte, die vor ein paar Tagen die heldenmütigen Worte, mit denen er sich von Eltern und Heimat lossagte, so sehr bewundert hatte. Schließlich kam ihm der Verdacht, das, was ihn hier festhalte, sei die geheime Hoffnung, jemand könnte ihn sehen und ihn hineinlassen. Aber als er sich das klarmachte, faßte er einen raschen Entschluß und ging seines Weges.
Er war am Ende des Sandweges angelangt und stand an der Gartentür, als er in dem verschlossenen Wohnhaus ein Fenster öffnen hörte.
Nun konnte er es nicht lassen, er mußte sich umdrehen. Das Fenster des Schlafzimmers seiner Mutter war geöffnet worden, und seine Schwester Jaquette beugte sich heraus, um die frische Morgenluft einzuatmen.
Im nächsten Augenblick hatte sie ihn auch schon entdeckt, und sofort nickte sie ihm zu und winkte ihm. Und gegen seinen Willen tat er dasselbe. Er nickte und winkte wieder und deutete auf die verschlossene Haustür. Da verschwand Jaquette vom Fenster, und nach wenigen Minuten hörte er Schloß und Riegel klirren. Die Tür ging auf, die Schwester erschien auf der Schwelle und streckte ihm beide Hände entgegen.
Er schämte sich vor Thea und vor sich selbst, denn in diesem Augenblick glaubte er nicht, die Mutter werde ihn um Verzeihung bitten. Nein, er hatte in der Heimat nichts mehr verloren, aber er konnte es nicht lassen, er lief auf Jaquette zu, erfaßte ihre Hände, zog sie an sich und war herzensfroh darüber, daß sie ihm aufgemacht hatte. Unwillkürlich traten ihm die Tränen in die Augen.
Jaquette war überglücklich. Als sie ihn weinen sah, umarmte und küßte sie ihn. »Karl Artur, Karl Artur, Gott sei Dank, daß du gekommen bist!«
Er war vollständig überzeugt gewesen, man werde ihn nicht ins Haus hineinlassen. Nun überraschte ihn dieser freundliche Empfang so sehr, daß er nur stotternd fragen konnte: »Sag, Jaquette, ist die Mutter wach? Kann ich mit ihr sprechen?«
»Gewiß kannst du mit der lieben Mutter reden. Es ist ihr in den letzten Tagen besser gegangen, und heute nacht hat sie wirklich gut geschlafen.«
Sie ging vor ihm her die Treppe hinauf, und er folgte ihr etwas langsamer nach. Niemals hätte er glauben können, daß er sich so glücklich fühlen würde, wieder daheim zu sein! Er legte die Hand auf das glatte Treppengeländer, nicht um sich darauf zu stützen, sondern um es zu streicheln.
Als er die Treppe hinaufgekommen war, erwartete er nichts anderes, als daß jemand kommen und ihn davonjagen werde. Allein nichts dergleichen geschah. Da ging ihm ein Licht auf. Der Vater hatte augenscheinlich der Familie von dem großen Zerwürfnis gar nichts mitgeteilt. Nein, nein, er hatte das ja gar nicht tun können, weil die Mutter krank war!
Ja, so mußte es zusammenhängen, das war klar. Und nun ging Karl Artur mit mehr innerer Ruhe weiter.
Wie schön war es hier in den Zimmern! Dieser Ansicht war er zwar schon immer gewesen, aber doch nicht so entschieden wie heute. Die Möbel standen nicht nur so an den Wänden herum wie anderwärts. Hier innen war es angenehm und behaglich. Sie, die hier wohnte, hatte allem ihr Gepräge aufgedrückt.
Die beiden Geschwister hatten nun den Salon und das Kabinett durchschritten und waren an der Schlafzimmertür angelangt. Hier machte Jaquette ihrem Bruder ein Zeichen zu warten, während sie allein in das Schlafzimmer glitt.
Er strich sich über die Stirn und suchte sich zu erinnern, warum er hierhergekommen war. Aber er konnte an nichts anderes denken, als daß er zu Hause war und seine Mutter sehen würde.
Dann kam Jaquette wieder heraus und holte ihn. Als er seine Mutter sah, die bleich, mit verbundenem Arm und verbundener Stirn im Bette lag, war ihm das wie ein Stoß vor die Brust, und er warf sich am Bett auf die Knie. Sie stieß einen Freudenruf aus, faßte ihn mit dem gesunden Arm um den Hals, zog ihn zu sich heran in einer langen Umarmung und küßte ihn.
Sie schauten einander in die Augen und waren überglücklich. In diesem Augenblick gab es nichts, was sie trennte. Alles war vergessen.
Das hatte sich Karl Artur vorher nicht klargemacht, wie schwach und gebrechlich die Mutter jetzt war, und er konnte seine Rührung kaum beherrschen. Sehr zärtlich erkundigte er sich nach ihrem Zustand. Da war es unmöglich, daß sie nicht merkte, wie sehr er sie liebte. Aber dies war das beste Heilmittel für die Kranke, und sie zog ihn noch einmal an sich.
»Es hat gar nichts zu bedeuten. Jetzt ist alles wieder gut. Ich weiß gar nicht mehr, wie die Schmerzen gewesen sind.«
Aus dieser Antwort ersah er, daß sie ihn noch genauso liebte wie früher. Ja, nun war ihm alles wiedergegeben, was er schon als verloren betrauert hatte. Das merkte er jetzt genau. Er durfte sich wieder als der Sohn dieses prächtigen Hauses fühlen. Es blieb ihm nichts mehr zu wünschen übrig.
Allein während er sich am glücklichsten fühlte, überkam ihn plötzlich eine seltsame Unruhe. Er hatte das nicht erreicht, weswegen er ausgezogen war. Seine Mutter hatte ihn nicht um Verzeihung gebeten, und es sah auch gar nicht so aus, als ob sie es zu tun gedächte. Eine starke Versuchung überkam ihn, sich gar nicht um eine Verzeihung zu kümmern. Aber dies war eben doch eine sehr wichtige Sache für ihn. Wenn seine Mutter einsah, daß sie ihm unrecht getan hatte, dann bekam er ja eine ganz andere Stellung hier im Hause, und die Eltern würden gezwungen sein, in der Frage seiner Heirat mit Anna Svärd nachzugeben.
Nachdem ihn die Mutter so wohl empfangen hatte, fühlte er sich außerdem ganz sicher und auch ein wenig übermütig. Es wird am besten sein, wenn ich diese Frage gleich aus der Welt schaffe, dachte er. Es ist nicht sicher, ob Mutter an einem anderen Tag ebenso mild und zärtlich sein wird.
Bis jetzt hatte er auf den Knien gelegen, nun aber stand er auf und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett.
Es machte ihn etwas verlegen, daß er jetzt mit seiner Mutter ins Gericht gehen sollte. Aber da kam ihm ein Einfall, der ihn ganz vergnügt machte. Er erinnerte sich an früher: wenn er oder die Schwester etwas Unrechtes getan hatte, wegen dessen die Mutter eine Bitte um Verzeihung erwartete, dann hatte sie allezeit den Übeltäter mit den Worten angeredet: »Nun, mein Kind, hast du mir nichts zu sagen?«
Um nun auf eine leichte Weise auf das heikle Thema zu kommen, runzelte Karl Artur die Stirn und erhob den Zeigefinger, lächelte aber dazu, damit die Mutter begreifen sollte, daß er lustig und scherzhaft gestimmt sei, und sagte:
»Nun, liebe Mutter, hast du mir nichts zu sagen?«
Seine Mutter schien durchaus nichts zu begreifen. Sie lag still da und schaute fragend zu ihm auf.
Die arme Schwester dagegen, die seither ganz glücklich danebengestanden und die freudige Begrüßung zwischen Mutter und Bruder mit angesehen hatte, sah nun höchst erschrocken aus und hob verstohlen die Hand, um ihn zu warnen.
Allein Karl Artur war ganz fest überzeugt, seine Mutter werde über seinen Einfall entzückt sein und ihm in demselben Tone antworten, sobald sie seine Meinung erfaßt habe. Er wollte sich nicht warnen lassen, sondern fuhr in seiner Rede fort:
»Du hast wohl bemerkt, Mutter, daß ich am Donnerstag etwas ärgerlich war, weil du den Versuch gemacht hattest, mich und meine Braut zu trennen. Ich hätte niemals gedacht, daß meine liebe Mutter so unfreundlich gegen mich sein könnte, und ich war so verstimmt, daß ich auf und davon ging mit der Absicht, dich nie wiederzusehen.«
Die Frau Oberst lag immer noch still da. Karl Artur konnte nicht die geringste Spur von Zorn oder Mißbilligung an ihr wahrnehmen.
Die Schwester dagegen wurde immer unruhiger. Sie schlich sich näher heran und kniff ihn vom Fußende des Bettes her fest in den Arm.
Er begriff wohl, was sie meinte, aber er war seiner Sache vollkommen sicher. Viel besser als Jaquette wußte er, wie die Mutter genommen werden mußte, und so fuhr er wie vorher fort:
»Ja, liebe Mutter«, sagte er, »als ich am Freitag früh den Vater verließ, versicherte ich ihm, daß ich nie wieder in diese Mauern zurückkehren würde. Aber nun bin ich doch wieder hier, und ich möchte wohl wissen, ob du, die klügste Frau in Karlstadt, verstehst, warum ich wiedergekommen bin?«
Hier machte er eine Pause. Er war überzeugt, da er nun so viel gesagt hatte, werde die Mutter von selbst fortfahren. Aber das tat sie nicht; sie schob sich nur ein wenig höher auf das Kopfkissen hinauf und hielt die Augen so beharrlich auf ihn gerichtet, daß es ihn fast peinlich berührte.
Unwillkürlich stieg der Gedanke in ihm auf, ob nicht vielleicht der Verstand seiner Mutter durch die Krankheit geschwächt worden sei. Sie konnte doch sonst halbausgesprochene Dinge verstehen; wenn sie das jetzt nicht tat, so mußte er eben weitermachen.
»Ja, Mutter, es war wirklich meine Absicht, dich niemals wiederzusehen; als ich dies aber einer Freundin mitteilte, fragte sie mich, ob nicht meine Mutter es gewesen sei, die immer verlangt habe, daß man sich für das kleinste Versehen bei ihr entschuldige. Und dann fragte sie mich weiter, ob nicht auch meine Mutter selbst …«
Weiter kam er nicht, denn Jaquette unterbrach ihn wieder. Sie schüttelte jetzt seinen Arm geradezu.
Doch in diesem Augenblick brach die Frau Oberst ihr langes Schweigen.
»Nein, Jaquette, störe ihn nicht«, sagte sie. »Laß ihn weiterreden.«
Als die Mutter das sagte, durchfuhr Karl Artur ein leiser Verdacht, ob sie am Ende doch nicht so ganz zufrieden mit ihm sei, aber er schob ihn gleich wieder weit von sich weg. Sie konnte ihn doch nicht für hart und lieblos halten, das war unmöglich. Größere Schonung konnte sie doch nicht verlangen.
Nein, die Mutter hatte Jaquette nur verbieten wollen, ihn einmal ums andere zu stören. Und jedenfalls hatte er jetzt schon zuviel gesagt, da war es am besten, er sprach sich ganz aus.
»Diese Freundin war es auch, die mich jetzt hierhergeschickt hat. Sie sagte, es sei meine Pflicht, zu meiner Mutter zu reisen, da diese ja nicht zu mir kommen könne. Erinnerst du dich, liebe Mutter, wie du damals nach Upsala gereist bist, damit ich Gelegenheit hätte, dich um Verzeihung zu bitten? Meine Freundin sagte mir, sie sei überzeugt, du werdest einsehen, daß du …!«
Nein, daß es so schwer war, mit seiner Mutter ins Gericht zu gehen! Diese Worte klebten ihm förmlich an der Zunge. Er stammelte, und er hustete, und schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als zu schweigen. Da flog ein leichtes Lächeln über das Gesicht der Frau Oberst, und sie fragte, wer denn die Freundin sei, die so gute Gedanken über sie hege.
»Thea war's, Mutter.«
»War es nicht Charlotte, die meinte, ich sehne mich nach dir, um dich um Verzeihung bitten zu können?«
»Nein, nicht Charlotte war's, sondern Thea.«
»Ich bin froh, daß es nicht Charlotte war«, sagte die Frau Oberst.
Dabei schob sie sich noch etwas höher auf das Kissen hinauf und versank in Schweigen. Auch Karl Artur sagte nichts mehr. Er hatte seiner Mutter nun gesagt, was er wünschte, wenn auch nicht mit so großer Beredsamkeit, wie es notwendig gewesen wäre. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten.
Mittlerweile betrachtete er seine Mutter. Sicherlich kämpfte sie einen schweren Kampf mit sich selbst. Dem eigenen Sohne gegenüber ihr Unrecht anzuerkennen, das ging nicht so mit einem Male.
Doch nun stellte sie eine andere Frage. »Du hast deinen Pastorenrock angezogen?«
»Ich wollte dir damit zeigen, in welcher Gemütsstimmung ich gekommen bin.«
Ein neues Lächeln huschte über das Antlitz der Mutter, und Karl Artur erschrak, denn es war böse und spöttisch.
Doch plötzlich kam ihm das Gesicht hier auf den Kissen vor, als sei es in Stein gemeißelt. Die Worte, die er erwartete, kamen nicht. Angst erfaßte ihn, es könnte seiner Mutter am Ende nicht möglich sein, zu bereuen und abzubitten.
»Mutter!« rief er und legte in seine Stimme so viel Ermahnung und Erwartung, als ihm möglich war.
Da ging eine Veränderung mit der Kranken vor. Das Blut schoß ihr ins Gesicht; sie richtete sich im Bett auf, hob den gesunden Arm in die Höhe und schüttelte ihn vor seinem Gesicht.
»Nun ist es genug!« rief sie. »Gottes Geduld ist zu En–« Sie konnte nicht mehr. Das letzte Wort erstarb matt und undeutlich. Die Augäpfel drehten sich nach oben, so daß nur noch das Weiße zu sehen war, und die Hand fiel schlaff auf die Decke nieder. Jaquette rief laut um Hilfe und rannte aus dem Zimmer. Karl Artur warf sich über die Mutter. »Was ist dir? Mutter! Mutter! Aber nimm es doch nicht so schwer!« Er küßte sie auf Mund und Stirne, wie wenn er Leben in sie hineinküssen wollte.
Als er so über sie gebeugt lag, fühlte er plötzlich einen harten Griff im Nacken. Jemand hatte ihn am Rockkragen gefaßt, und als ob er ein kraftloser junger Hund wäre, wurde er von einer starken Hand zum Zimmer hinausgetragen und auf den Boden geschleudert.
Zugleich hörte er seinen Vater mit furchtbarer Stimme sagen: »Ach so, du bist wiedergekommen! Du kannst dich wohl nicht zufriedengeben, bis du sie ganz umgebracht hast!«
2
Als die Uhr an demselben Montagmorgen acht Uhr schlug, klingelte es bei Bürgermeisters, und die alte verständige Jungfer, die den Haushalt leitete, eilte in den Flur, um zu öffnen.
Der da draußen stand, war Karl Artur Ekenstedt; aber die Jungfer dachte bei sich, wenn sie nicht seit so vielen Jahren in Karlstadt gelebt hätte und ihr Karl Artur nicht schon als Junge und auch als erwachsener junger Mann bekannt gewesen wäre, hätte sie ihn jetzt nicht wiedererkannt. Sein Gesicht war blaurot, und die schönen Augen waren so vorgequollen, daß es aussah, als wollten sie aus ihren Höhlen treten.
Da die Jungfer schon so lange bei Bürgermeisters im Dienst war und eine gewisse Erfahrung in den einschlägigen Dingen gesammelt hatte, dachte sie, der junge Ekenstedt sehe aus wie ein Mörder, und sie hätte ihn am liebsten gar nicht ins Haus hereingelassen. Da er aber doch der Sohn des Oberst Ekenstedt und der guten Frau Oberst war, blieb ihr nichts anders übrig, als ihn hereinzulassen und ihn zu bitten, Platz zu nehmen und auf den Herrn Bürgermeister zu warten. Dieser mache seinen gewohnten Morgenspaziergang, er frühstücke aber um acht, und bis dahin werde er jedenfalls zurück sein.
Wenn sie indessen schon über den Anblick des jungen Mannes erschrocken war, so wurde sie keineswegs ruhiger, als sie sah, wie er an ihr vorbeiging, ohne zu grüßen oder ein Wort zu sagen, gerade wie wenn er ihre Anwesenheit gar nicht bemerkt hätte.
Sicherlich war da etwas nicht so, wie es sein sollte. Alle Kinder der Frau Oberst waren ja sonst immer höflich und freundlich. Diesem Sohn hier mußte ein großes Unglück zugestoßen sein. Er ging vom Flur geradewegs in das Zimmer des Bürgermeisters hinein, und die Jungfer sah, daß er sich in dem Schaukelstuhl niederließ. Aber er blieb nicht lange darin sitzen. Gleich darauf trat er an den Schreibtisch und begann in den Papieren des Bürgermeisters zu fingern.
Sie mußte ja in die Küche hinaus und auf die Uhr sehen, damit die Eier zum Frühstück des Bürgermeisters nicht zu hart würden, und dann mußte sie auch für den Kaffee sorgen. Aber sie mußte dabei doch immer an den jungen Ekenstedt denken. Alle Augenblicke lief sie ins Zimmer hinein, um einen Blick auf ihn zu werfen.
Jetzt wanderte er da auf und ab. Bald war er am Fenster und bald an der Tür, und die ganze Zeit redete er laut mit sich selbst.
Ist es verwunderlich, daß sie Angst bekam? Die Frau Bürgermeister war mit den Kindern bei Verwandten auf dem Lande, und die anderen Dienstboten waren beurlaubt. Die Jungfer war allein in der Wohnung, und die ganze Verantwortung lag auf ihr.
Was sollte sie nur mit dem, der da drinnen im Zimmer des Bürgermeisters herumlief und aussah, als habe er den Verstand verloren, anstellen? Wie, wenn er etwas von den wichtigen Dokumenten, die auf dem Schreibtisch lagen, vernichtete? Und doch konnte sie auch nicht ihre Arbeit im Stiche lassen, um ihn zu beaufsichtigen.
Da kam der alten verständigen Jungfer ein Gedanke, und sie fragte Karl Artur, ob er nicht ins Eßzimmer kommen und in der Wartezeit eine Tasse Kaffee zu sich nehmen wolle? Karl Artur sagte nicht nein, sondern ging sofort mit ihr. Und darüber war sie außerordentlich froh, denn solange er am Kaffeetisch saß, konnte er doch keinen Unfug anstellen.
Er setzte sich gerade auf den Platz des Bürgermeisters, und die Kaffeetasse, die die Jungfer eingeschenkt hatte, trank er in einem Zuge aus, ohne sich darum zu kümmern, daß der Kaffee kochend heiß war. Dann griff er selbst nach der Kanne, die sie auf den Tisch gestellt hatte, schenkte sich noch eine Tasse ein und trank auch diese aus. Er nahm weder Zucker noch Sahne, goß nur den brühheißen Trank in sich hinein.
Als er die zweite Tasse ausgetrunken hatte, mußte er wohl bemerkt haben, daß die Jungfer auf der anderen Seite des Tisches stand und ihn betrachtete, denn er wandte sich jetzt zu ihr und sagte:
»Sie haben sehr guten Kaffee für mich gekocht. Das ist sehr gut von Ihnen. Es ist gewiß das letztemal, daß ich überhaupt Kaffee bekomme.«
Dies sagte er überaus leise, sie konnte die Worte gerade noch verstehen. Es hatte den Anschein, als wolle er ihr ein großes Geheimnis anvertrauen.
»Ach, Sie bekommen wohl auch guten Kaffee bei der Pröpstin in Korskyrka«, erwiderte die Jungfer.
»Jawohl, den bekäme ich schon«, antwortete er, indem er dabei in ein leichtes albernes Lachen ausbrach. »Aber sehen Sie, ich komme nun nie mehr dorthin.«
Daran war nichts Sonderbares. Die jungen Geistlichen wurden ja bald dahin, bald dorthin geschickt. Die Jungfer fühlte sich etwas beruhigter. »Ich glaube, in den Pfarrhäusern, wohin Sie, Herr Magister, auch immer kommen mögen, macht man überall guten Kaffee«, sagte sie.
»Meinen Sie denn, es gäbe auch im Gefängnis guten Kaffee?« fragte er mit noch leiserer Stimme. »Dort wird es sicherlich mit Kaffee und Kuchen aus sein.«
»Aber Sie sollen doch nicht ins Gefängnis? Warum denn um alles in der Welt?«
Er wendete sich fast ganz von ihr weg. »Ich will auf diese Frage keine Antwort geben«, sagte er.
Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder dem Eßtisch zu. Er strich Butter auf ein Stück Brot, legte Käse darauf und aß wie ein Ausgehungerter, biß gierig große Stücke ab und schluckte, fast ohne zu kauen. Die Jungfer fing an zu glauben, er sei nur ganz ausgehungert, sonst fehle ihm nichts. Sie ging in die Küche und holte die für den Bürgermeister bestimmten Eier. Karl Artur verschlang die beiden Eier wie nichts und griff dann aufs neue nach Brot und Butter. Und mitten unter dem eifrigen Essen fing er wieder zu sprechen an:
»Es sind heute sehr viele Tote in der Stadt unterwegs.«
Das sagte er sehr gelassen und gleichgültig, wie wenn er gesagt hätte: »Es ist schönes Wetter heute.« Aber die Jungfer konnte sich doch eines kleinen Schreckens nicht erwehren, und das mußte er gemerkt haben.
»Meinen Sie, was ich sage, sei sonderbar? Ja, es ist wohl etwas Sonderbares daran, daß ich die Toten sehe, das glaub' ich selbst auch. Soviel ich weiß, ist das früher niemals bei mir vorgekommen, nein, niemals, erst nach dem, was ich heute früh um sieben Uhr erlebt habe.«
»Ach so«, sagte die Jungfer.
»Ja, sehen Sie, da bekam ich einen schweren Herzkrampf. Ich wollte von Hause in die Stadt gehen, aber ich konnte nicht, ich mußte mich am Lattenzaun unseres Gartens festhalten. Da sah ich den Dompropst Sjöborg mit seiner Gattin daherkommen. Sie kamen ganz genauso wie gewöhnlich, wenn sie am Sonntag bei uns zu Mittag aßen. Sie wußten natürlich schon, was ich getan hatte, und sagten zu mir, ich solle hierher zum Herrn Bürgermeister gehen, meine Missetat bekennen und verlangen, daß ich gestraft werde. Ich erwiderte zwar, das sei unmöglich, aber sie bestanden eigensinnig darauf.«
Karl Artur unterbrach sich, goß sich eine neue Tasse Kaffee ein und trank sie sofort aus. Er betrachtete die Jungfer mit prüfenden Blicken, wie um zu sehen, auf welche Weise sie das aufnahm, was er ihr eben berichtet hatte.
Aber die Jungfer sagte nur ganz ruhig: »Es gibt viele Menschen, die Tote gesehen haben, deshalb brauchen Sie, Herr Magister, doch nicht …«
Man sah es Karl Artur an, wie er sich über diese Antwort freute.
»Das glaube ich sicher auch. Ich bin vollständig wie sonst, bis auf dieses einzige.«
»Ja gewiß«, sagte die Jungfer. Sie hielt es fürs beste, ihm zuzustimmen und gleichgültig auszusehen; aber sie wünschte allmählich dringend, der Bürgermeister möchte nach Hause kommen.
»Ich widersetze mich ihrem Willen nicht«, sagte Karl Artur. »Aber ich bin ja noch bei vollem Verstand, und so weiß ich, daß mich der Herr Bürgermeister nur auslachen wird. Ich habe eine schwere Schuld auf meinem Gewissen, das leugne ich nicht, aber es ist ja nichts, wofür ich festgenommen und verurteilt werden kann.«
In demselben Augenblick schloß er die Augen und bog sich zurück. Das Stück Brot, das er in der Hand hielt, fiel auf den Boden, sein Gesicht verzerrte sich, wie wenn er furchtbare Schmerzen hätte; aber der Anfall ging merkwürdig rasch vorüber.
»Es ist ein Herzkrampf«, sagte er. »Ist es nicht sonderbar; er überfällt mich, sobald ich sage, daß ich es nicht tun könne.«
Er stand vom Tisch auf und ging wieder im Zimmer auf und ab.
»Ich soll es tun«, sagte er, und jetzt hatte er vollständig vergessen, daß die Jungfer neben ihm stand und ihm zuhörte. »Ich will es tun, ich werde dem Bürgermeister sagen, daß ich etwas getan habe, wofür er mich strafen kann. Ich werde ihm sagen, ich hätte den Tod eines Menschen verursacht. Es wird mir schon etwas einfallen. Ich muß sagen, ich hätte es mit Absicht getan.«
Er trat wieder zu der Jungfer. »Denken Sie, nun ist es vorbei«, sagte er und sah ganz froh aus. »Es geht vorüber, sobald ich sage, ich wolle meine Strafe büßen. Ich bin so glücklich.«
Die alte verständige Jungfer hatte jetzt keine Angst mehr vor ihm. Tiefes Mitleid hatte sie ergriffen. Sie faßte seine Hand und streichelte sie. »Aber Sie verstehen doch wohl, Herr Magister? Sie dürfen nicht die Schuld auf sich nehmen für etwas, was Sie nicht getan haben.«
»Doch«, sagte er. »Ich weiß, das ist das richtige. Und ich will gerne sterben. Ich will meiner Mutter zeigen, daß ich sie geliebt habe, und ich werde sehr glücklich sein, wenn ich sie dort im Jenseits treffen darf, nachdem alles gesühnt ist.«
»Aber das wird nie geschehen«, sagte die Jungfer. »Ich werde mit dem Herrn Bürgermeister sprechen.«
»Nein, das werden Sie nicht tun«, versetzte Karl Artur.
»Warum sollte mich ein Richter nicht verurteilen können? Ich habe ja gemordet, obgleich ich weder Messer noch Schießwaffe benützt habe. Jaquette weiß, wie es zugegangen ist. Glauben Sie nicht, daß Härte und Lieblosigkeit gefährlicher sind als Stahl und Blei? Mein Vater weiß es auch, er kann es bezeugen. Ich kann wohl verurteilt werden, ich bin nicht unschuldig.«
Die Jungfer wurde der Antwort überhoben. Zu ihrer großen Freude hörte sie Schritte die Treppe heraufkommen.
Sie lief in den Flur hinaus und hoffte, dem Bürgermeister da noch ein warnendes Wort zuflüstern zu können; aber Karl Artur folgte ihr dicht auf den Fersen. Er hatte wohl die Absicht, sofort mit seinem Bekenntnis herauszurücken, fand aber nicht gleich die richtigen Worte.
»Ach so, du bist wieder hier«, sagte der Bürgermeister. »Es war ja auch zu traurig mit der Frau Oberst.«
Zugleich reichte er Karl Artur die Hand; doch dieser hielt seine rechte Hand hinter dem Rücken. Er richtete die Augen auf die Wand, und mit etwas zitternder, aber doch deutlicher Stimme sagte er: »Ich komme, Sie zu bitten, mich festnehmen zu lassen. Ich habe meine Mutter getötet.«
»Ach, zum Kuckuck!« rief der Bürgermeister. »Die Frau Oberst ist ja wohl gar nicht tot! Ich traf soeben den Doktor …«
Karl Artur wankte zurück. Die Jungfer glaubte, er werde fallen, und breitete die Arme aus, ihn aufzufangen. Aber er gewann doch das Gleichgewicht wieder. Dann riß er seinen Hut an sich, und ohne ein weiteres Wort stürzte er auf die Straße hinaus. Der erste Mensch, den Karl Artur erblickte, war der alte Hausarzt der Familie. Eilig lief er auf ihn zu und rief: »Wie geht es meiner Mutter?«
Der Doktor sah ihn mißbilligend an. »Gut, daß ich dich treffe, du Nichtsnutz! Daß du dich nicht unterstehst, jetzt wieder nach Hause zu kommen! Was ist denn in dich gefahren? Setzt dich hin und hältst einer Kranken eine Strafpredigt!«
Karl Artur brauchte nicht noch mehr zu hören. Mit Eilschritten lief er von dem Doktor weg, schnurstracks dem elterlichen Hause zu. Als er näher gekommen war, sah er seine verheiratete Schwester, Eva Arcker, an der Gartentür stehen.
»Eva!« rief er. »Ist es wahr? Mutter lebt?« – »Ja«, sagte sie leise. »Der Doktor meint, sie werde am Leben bleiben.«
Rasch wollte er die Tür aufreißen. Er dachte an nichts weiter, als hineinzustürmen, sich seiner Mutter zu Füßen zu werfen und sie um Erbarmen anzuflehen. Aber Eva hielt ihn zurück.
»Du darfst nicht hinein, Karl Artur. Ich stehe hier schon lange, um dich abzufassen. Es ist ein sehr schwerer Schlaganfall gewesen. Die liebe Mutter kann nicht mir dir sprechen.«
»Ich warte, solange es auch dauern mag.«
»Nicht nur der lieben Mutter wegen darfst du nicht hinein«, sagte Eva mit leicht gerunzelter Stirne, »auch des lieben Vaters wegen. Der Doktor sagte, Mutter werde nie mehr ganz gesund werden. Und nun kann Vater deinen Anblick nicht ertragen. Wir wissen nicht, was geschehen könnte, wenn du mit ihm zusammentreffen würdest. Reis zurück nach Korskyrka, das ist das Beste, was du tun kannst.«
Diese Worte seiner Schwester ärgerten Karl Artur. Er war überzeugt, daß sie sowohl des Vaters Zorn als auch die Gefahr für die Mutter, falls die Eltern ihn sähen, übertrieb.
»Du und dein Mann, ihr habt mich immer bei Vater und Mutter ausstechen wollen«, sagte er. »Ihr versteht es, einen günstigen Augenblick zu benützen. Wohl bekomm's!«
Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging davon.
3
Es ist ja so bei uns Menschen, daß es uns nicht lieb ist, wenn etwas zerbricht. Ja, selbst wenn es nur ein irdener Topf oder ein Porzellanteller ist, lesen wir die Scherben zusammen, legen sie aneinander und versuchen sie zusammenzukitten, um das Stück wieder ganz zu machen.
Etwas in dieser Art war es, womit Karl Artur Ekenstedt während seiner Rückreise nach Korskyrka beschäftigt war.
Jedenfalls aber tat er das nicht den ganzen Tag hindurch, denn man darf nicht vergessen, daß in der vorhergehenden Nacht kein Schlummer in seine Augen gekommen war und daß er auch infolge der vielen aufregenden Ereignisse die ganze vergangene Woche hindurch nicht genügend geschlafen hatte. Jetzt aber kam der Körper mit seiner unbeugsamen Forderung, und so schlief Karl Artur trotz der rüttelnden Postkutschen, in denen er fuhr, und trotz all dem Kaffee, den er beim Bürgermeister in sich hineingegossen hatte, während des größten Teiles des Heimwegs.
Aber während der kurzen Zeit, wo er wach war, versuchte er, Teile und Stücke von sich selbst aufzulesen, damit der Karl Artur Ekenstedt, der erst vor wenigen Stunden denselben Weg gefahren war und der drinnen in Karlstadt in viele Scherben zerschellt war, wieder ganz werden und aufs neue gebraucht werden könnte!
Der eine oder andere denkt vielleicht, es sei ja nur ein erbärmlicher irdener Topf zerbrochen, und es lohne sich kaum der Mühe, Arbeit und Kitt auf ihn zu verwenden. Aber man muß Karl Artur doch entschuldigen, wenn er selbst nicht dieser Ansicht sein konnte, sondern glaubte, es sei eine Vase aus echtem Porzellan mit kostbarer Handmalerei und reicher Vergoldung, die zu Schaden gekommen war.
Auf irgendeine Weise kam es ihm bei seiner Flickarbeit zustatten, an Schwester Eva und ihren Mann zu denken, sich über sie zu erregen und sich aller Gelegenheiten zu erinnern, bei denen sie Proben ihres Neides gezeigt und sich über die Ungerechtigkeit der Mutter beklagt hatten.
Je mehr er an den alten Groll dachte, den Eva ihm gegenüber hegte, desto überzeugter wurde er, daß sie nicht die Wahrheit gesprochen hatte. Es stand gewiß nicht so gefährlich mit der Mutter, wie Eva hatte durchblicken lassen, und daß der Vater so aufgebracht gegen ihn sein sollte, das war gewiß nur eine Finte, die Eva und Arcker sich ausgedacht hatten. Sie hofften, sie könnten diese seine letzte Dummheit – die ja auch unbegreiflich groß war – benützen, um ihn für alle Zeit von dem Elternhause fernzuhalten.
Gerade als er bei dem Schluß angekommen war, daß alles aufs beste verlaufen wäre, wenn ihn Eva nicht fortgewiesen hätte, überfiel ihn das Schlafbedürfnis, und er schlief ununterbrochen, bis die Postkutsche vor einem Wirtshause anhielt.
Ein andermal, als er wach war, dachte er an Jaquette. Gegen sie wollte er nicht ungerecht sein; sie war nicht neidisch wie Eva. Sie war liebenswürdig, und sie hatte ihn gern. Aber war sie nicht recht einfältig? Wenn sie ihn bei der wichtigen Unterredung mit der Mutter nicht gestört hätte, würde er zwar wohl ungefähr dasselbe gesagt haben, aber sicherlich auf andere Weise. Es fällt einem nicht leicht, die Worte gut zu setzen, wenn die ganze Zeit jemand hinter einem steht, der einem am Arme zieht und einem zuflüstert, man solle sich in acht nehmen.
Es war ihm von großem Nutzen, als er an Jaquette dachte und sich sagte, wie dumm und unbegabt sie sei. Aber bald schlief er auch dabei wieder ein.
Mit einem gewissen Widerstreben dachte er bisweilen auch daran, daß Thea Sundler ebenfalls ihren Teil zu seinem Unglück beigetragen hatte. Sie war ja doch seine beste Freundin. Es gab ja niemand, auf den er sich in dem Maße verlassen konnte wie auf Thea; aber sie hatte vielleicht doch nicht genügend von der Welt gesehen, um ein sicherer Ratgeber zu sein. Darin hatte sie sich jedenfalls getäuscht, wenn sie meinte, die Mutter warte darauf, ihn um Verzeihung bitten zu können. Und wenn es auch nur von der großen Wertschätzung kam, die ihm Thea zuteil werden ließ und die allein ihr das Urteil getrübt hatte, so war sie doch immerhin die Veranlassung zu einem großen Unglück gewesen. Die Mutter hätte jetzt tot und er wahnsinnig sein können. Er war ja schon gut auf dem Wege dazu.
Im übrigen mochte er nicht an den Besuch beim Bürgermeister und an die Unterredung mit der Jungfer denken. Es war ihm, als müsse er darüber aufs neue in Scherben brechen, und dann mußte ja die ganze Arbeit des Zusammensetzens wieder von vorne angefangen werden.
Und abermals, während der wachen Augenblicke, kam er auf einen neuen Gedanken. Vielleicht gerade weil er dabei ein solches Entsetzen und so großen Kummer an den Tag gelegt hatte, könnte ihm das zu einer Hilfe werden. Seine Mutter würde schon davon reden hören und dann verstehen, wie lieb er sie hatte. Sie würde gerührt werden, sie würde nach ihm schicken, und sie würden sich miteinander versöhnen.
Ja, er wollte an diesen Abschluß glauben. Jeden Tag wollte er Gott bitten, es auf diese Weise endigen zu lassen.
Wenn man sich so unehrerbietig ausdrücken darf, dann war Karl Artur wieder ganz gut zusammengekittet, als er abends gegen elf Uhr in Korskyrka eintraf. Er wunderte sich selbst darüber, daß er diese furchtbare Gemütserschütterung doch einigermaßen gut überstanden hatte. Schläfrig war er aber immer noch, und als er vor dem Tor der Propstei ausstieg und den Kutscher bezahlte, freute er sich schon darauf, sich nun in einem Bett ausstrecken und sich sattschlafen zu können.
Als er sich nach dem Seitenflügel wandte, kam indes das Mädchen mit dem Bescheid, im Eßzimmer warte ein warmes Abendessen auf ihn. Er wäre freilich am liebsten gleich zu Bett gegangen, aber das war doch sehr freundlich von der Pröpstin; sie hatte wohl gedacht, nachdem er den ganzen Tag gereist sei, könnte ihm eine richtige Mahlzeit notwendig sein, und so ging er mit dem Mädchen hinein.
Das hätte er indes doch wohl nicht getan, wenn er nicht gewußt hätte, daß sich niemand im Hause befand, der ihn über seine Reise ausfragen könnte. Die Alten waren natürlich längst zu Bett gegangen, und Charlotte war ja nicht mehr da.
Als er über den Flur ging, wäre er beinah über eine dicht neben der Tür stehende Kiste, oder was es sonst sein mochte, gefallen. »Ach, nehmen Sie sich in acht, Herr Magister!« sagte das Dienstmädchen. »Dies sind Frau Schagerströms gepackte Sachen. Wir haben den ganzen Tag über allerlei in Stroh verpackt und in Tücher eingenäht.«
Trotzdem fiel es Karl Artur nicht ein, daß Charlotte von Groß-Sjötorp hergefahren sein könnte, und noch weniger, daß sie vielleicht in der Propstei übernachte. Ganz ruhig ging er ins Eßzimmer und setzte sich zu Tisch.
Eine lange Weile blieb er ungestört und hatte also gut Zeit, sich sattzuessen. Als er aber die Hände zum Tischgebet faltete, hörte er Schritte auf der Treppe. Es waren schwere, schleppende Schritte; Karl Artur dachte, es sei die Pröpstin, die von seiner Reise hören wollte, und so konnte er nicht davonlaufen, was er freilich am liebsten getan hätte.
Im nächsten Augenblick ging die Tür auf, und es kam jemand herein. Ach, es wäre schon schlimm genug gewesen, wenn die Pröpstin unter der Tür gestanden hätte; aber nein, es war Charlotte! Das war das schlimmste, was ihm widerfahren konnte. Er war nicht umsonst fünf Jahre mit ihr verlobt gewesen – er kannte sie! Ach, welchen Auftritt würde es nun geben, wenn sie erfuhr, daß die Mutter einen Schlaganfall gehabt hatte! Sie würde ihn abkanzeln. Obgleich er furchtbar müde war, würde er sie stundenlang anhören müssen. In aller Eile beschloß er deshalb, spöttisch höflich gegen sie zu sein, was er ja in der ganzen letzten Zeit schon getan hatte. Das war immer die beste Art, sie in angemessener Entfernung von sich zu halten.
Ehe er aber etwas sagen konnte, war Charlotte schon tiefer ins Zimmer hereingekommen, und die beiden Talglichter auf dem Tische beleuchteten nun hell ihr Gesicht. Und da sah Karl Artur, daß sie ganz verweinte Augen hatte und todesblaß war. Es mußte ihr etwas Furchtbares widerfahren sein.
Das nächstliegende war für ihn, zu denken, sie fühle sich wegen ihrer Heirat tiefunglücklich. Aber andererseits sah es ihr gar nicht ähnlich, das so offen zu zeigen. Und der gewesene Bräutigam war wohl der letzte, dem sie einen Einblick in diese Sache gewährt hätte. Ach ja, ganz richtig! Vor ein paar Tagen hatte Karl Artur gehört, daß Charlottes Schwester, Frau Dr. Romelius, lebensgefährlich erkrankt sei. Nun glaubte er zu verstehen, was eingetroffen war.
Charlotte nahm einen Stuhl und setzte sich an den Eßtisch. Mit einer sonderbar harten und ausdruckslosen Stimme begann sie zu sprechen, so wie man es tut, wenn man sich vorgenommen hat, unter keinen Umständen in Tränen auszubrechen. Sie sah Karl Artur nicht an, man hätte meinen können, sie redet laut mit sich selbst.
»Vor einer Stunde ist Hauptmann Hammarberg hier gewesen«, begann sie. »Er war in Karlstadt und ist heute morgen etwas später als du von dort abgereist. Aber er fuhr mit zwei Pferden und traf viel früher hier ein. Er sagte, er sei auf der Straße an dir vorbeigefahren.«
Karl Artur rückte seinen Stuhl vom Tisch zurück. Wie ein scharfer Stich durchfuhr es ihn vom Kopf bis hinunter ins Herz.
»Als er an der Propstei vorbeifuhr, sah er die Fenster im Studierzimmer noch erleuchtet«, sprach Charlotte ebenso umständlich und eintönig weiter. »Da meinte er, der Propst sei noch nicht zu Bett gegangen. Er stieg aus, denn er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Propst zu berichten, wie sich sein Vikar heute in Karlstadt aufgeführt hat. Er erzählt solche Sachen sehr gerne.«
Stich auf Stich fuhr Karl Artur vom Kopf hinab und durchs Herz. Alles, was er den Tag hindurch zusammengelesen und zusammengekittet hatte, war wieder am Auseinanderfallen. Jetzt würde er hören, wie seine Mitmenschen seine Handlungen beurteilten.
»Wir hatten die Haustür nicht geschlossen, weil wir dich jeden Augenblick zurückerwarteten, deshalb konnte er ungestört ins Studierzimmer eintreten. Aber der Oheim war eben zu Bett gegangen, und darum traf er diesen nicht an, sondern mich. Ich saß am Schreibtisch und schrieb Briefe, denn ich hätte nicht an Schlaf denken können, ehe ich gehört hatte, wie es dir in Karlstadt ergangen war. Jetzt erfuhr ich es von Hauptmann Hammarberg, und ich glaube, es war ihm eine größere Freude, es mir berichten zu können, als dem Oheim.«
»Und du, Charlotte, hast ihm natürlich mit nicht geringerem Genuß zugehört«, fiel ihr Karl Artur ins Wort.
Charlotte machte eine leicht abwehrende Bewegung. Dieser kleine Ausfall war keiner Antwort wert. Das war nur etwas, wonach Leute greifen, die in großer Not sind, sich aber trotzdem überlegen zeigen wollen. Sie fuhr in ihrem Bericht fort:
»Hauptmann Hammarberg blieb nicht lange da. Er ging seines Weges, sobald er erzählt hatte, daß du deiner Mutter eine Strafpredigt gehalten habest und sie darauf einen schweren Schlaganfall bekommen habe. Ja, und von deinem Besuch beim Bürgermeister sprach er auch. Ach, Karl Artur, Karl Artur!«
Als Charlotte das alles gesagt hatte, war es aus mit ihrer Beherrschung. Sie drückte das Taschentuch auf die Augen und schluchzte.
Aber nun ist es ja so mit uns Menschen, daß es uns nicht lieb ist, wenn jemand über uns weint. Und ebensowenig erfreut uns der Gedanke, ein anderer habe gerade vorhin einen komischen Bericht darüber gehört, wie dumm und lächerlich wir uns benommen haben. Deshalb konnte Karl Artur die Äußerung nicht unterdrücken, da Charlotte jetzt mit einem anderen verheiratet sei, brauche sie sich seinet- und seiner Familie wegen keinem großen Kummer hinzugeben.
Auch diesen Ausfall würdigte Charlotte keiner Antwort. Es war ja nur natürlich, daß er nach einem Verteidigungsmittel griff. Das war nichts, worüber sie sich zu ärgern brauchte.
Statt dessen kämpfte sie ihre Tränen nieder, um dem Ausdruck verleihen zu können, was sie ihm schon die ganze Zeit hatte sagen wollen.
»Als ich das alles erfuhr, war ich zuerst entschlossen, heut abend nicht mehr mit dir darüber zu sprechen. Du wolltest am liebsten allein sein, das begriff ich. Aber da ist etwas, das ich dir ohne Aufschub sagen muß. Ich werde mich kurz fassen.«
Er zuckte die Schultern und sah ergeben und unglücklich aus. Sie saßen ja hier im selben Zimmer; er war gezwungen, sie anzuhören.
»Ach, alles miteinander ist ja meine Schuld, das mußt du wissen«, sagte Charlotte. »Ich habe ja Thea überredet – deine ganze Karlstädter Reise – ich, ich war's – du wolltest nicht, aber ich wollte – und wenn nun deine Mutter stirbt, so bin ich es und nicht du …«
Sie kam nicht weiter. Sie fühlte sich nur furchtbar unglücklich und schuldbewußt.
»Ich hätte geduldig sein sollen«, fuhr sie fort, sobald sie einigermaßen wieder Herr ihrer Gemütsbewegung und ihrer Sprache geworden war. »Ich hätte dich nicht so rasch hinschicken sollen. Du trugst noch Groll gegen deine Mutter im Herzen, du hattest ihr noch nicht verziehen. Deshalb ging es so, wie es gegangen ist. Aber ich hätte verstehen sollen, daß es so nicht gelingen konnte. Alles, alles, alles ist meine Schuld!«
Zugleich stand sie auf und ging eine Weile im Zimmer auf und ab, wobei ihre Hände ihr Taschentuch zerknüllten. Schließlich blieb sie vor Karl Artur stehen. »Das solltest du wissen, das wollte ich dir sagen. Alles miteinander ist meine Schuld.«
Er erwiderte kein Wort; er streckte nur die Hände aus und ergriff eine der ihren, die er festhielt.
»Charlotte!« sagte er nur sehr leise und mild. »Ach, wie viele Unterredungen haben wir in diesem Zimmer, an diesem Eßtisch miteinander gepflogen. Hier haben wir uns gestritten und uns gescholten, aber hier haben wir auch viele frohe Stunden verlebt. Und jetzt ist es das letztemal!«
Sie stand neben ihm und begriff nicht, was das bedeutete. Er streichelte ihre Hand und sprach freundlicher mit ihr als seit Jahren. »Du bist immer edelmütig gewesen und hast mir helfen wollen. Es gibt keinen so edlen Menschen wie dich, Charlotte.«
Vor lauter Verwunderung war sie verstummt; sie konnte ihm nicht einmal widersprechen.
»Ich habe nur immer deinen Edelmut zurückgewiesen, habe dich nicht verstehen wollen, Charlotte. Und doch kommst du heut abend zu mir und willst alles auf dich nehmen.«
»Ja, aber es ist doch auch so«, entgegnete sie.
»Nein, Charlotte, es ist nicht so. Sag nichts mehr! Meine eigene Selbstgerechtigkeit ist's, meine Härte. Du hast nur das Beste gewollt.«
Er legte den Kopf auf den Tisch und weinte. Aber er ließ ihre Hand nicht los, und sie fühlte, wie seine Tränen darauf tropften.
»Charlotte!« sagte er. »Ich komme mir wie ein Mörder vor. Für mich gibt es keine Hoffnung.«
Mit ihrer freien Hand strich ihm Charlotte übers Haar, aber sie sagte immer noch nichts.
»In Karlstadt wurde mir so weh ums Herz, Charlotte. Ich glaube, ich war wahnsinnig. Später, während der Heimfahrt, versuchte ich es von mir wegzuschieben. Aber ich verstehe, daß das nicht geht. Ich muß es auf mich nehmen.«
»Karl Artur!« sagte Charlotte. »Wie war es denn? Wie kam es? Ich habe es nur von Hauptmann Hammarberg gehört.«
Karl Artur hatte Charlotte noch niemals so sanft und mütterlich reden hören. Er konnte ihr nicht widerstehen und begann sofort mit seiner Erzählung. Und er dachte, er tue Buße, indem er nichts verschleierte, nichts entschuldigte.
»Charlotte!« sagte er schließlich. »Warum war ich so verblendet? Was war es nur, das mich verleitete?«
Darauf gab sie keine Antwort. Ihr Herz war voll Erbarmen. Sie hüllte ihn darein und milderte den Schmerz seiner Wunde. Keines von beiden dachte daran, wie seltsam es war, daß sie auf diese Weise vertraulicher miteinander redeten, als sie es jemals vorher getan hatten. Sie bewegten sich auch gar nicht. Er blieb die ganze Zeit am Tische sitzen, und sie stand über ihn gebeugt. Sie sprachen über alles, und er fragte sie, ob sie glaube, er könne auch fernerhin noch Pfarrer bleiben.
»Vor Hauptmann Hammarberg und dem, was er über dich sagen wird, brauchst du keine Angst zu haben!«
»Ich denke dabei nicht an Hauptmann Hammarberg, Charlotte, sondern ich fühle mich so ganz erbärmlich und verworfen. Niemand kann wissen, wie ich mir vorkomme.«
Charlotte wollte darauf nicht antworten, aber sie sagte: »Sprich morgen mit dem Oheim Forsius! Niemand ist so weise und fromm wie er. Und er sagt vielleicht, du passest jetzt besser zum Pfarrer als vorher.«
Das war ein guter Rat; er schenkte ihm Ruhe. Und so war es mit allem, was Charlotte sagte; es tat ihm wohl. Er fühlte keine Neigung zu Widersetzlichkeit, kein Mißtrauen.
Zum Schluß drückte er einen leichten Kuß auf ihre Hand.
»Charlotte, ich will nicht von dem reden, was einst war, aber laß mich dir das eine sagen: ich verstehe mich selbst nicht. Warum hab' ich mich von dir getrennt, Charlotte? Nein, ich will mich nicht entschuldigen, aber es ist, als würde ich getrieben, das zu tun, was ich nicht will. Warum hab' ich meine Mutter dem Tod in die Arme getrieben? Warum hab' ich dich verloren, Charlotte?«
Ein heißer Kampf spiegelte sich in Charlottes Antlitz wider. Sie ging in die dunkelste Ecke des Zimmers. Ach, sie hätte ihn über die Ursache wohl aufklären können, allein sie wollte nicht. Dies war ein heiliger Augenblick. Nichts, was nach Rache aussehen konnte, sollte ans Tageslicht kommen.
»Lieber Karl Artur, in wenigen Wochen ziehe ich von dannen«, sagte sie. »Schagerström und ich wollen meine Schwester Marie Luise nach Italien begleiten, damit sie Heilung für ihre kranke Brust findet und nicht von ihren Kinderlein wegsterben muß. Vielleicht hat deshalb alles so kommen müssen.«
Als Charlotte das gesagt, trat sie näher zu dem Manne hin, den sie geliebt hatte, und strich ihm noch einmal mit der Hand übers Haar. »Gottes Geduld hat kein Ende«, sagte sie. »Ich weiß, daß sie nie aufhört.«
Pferd und Kuh, Magd und Knecht
1
Wer war sie, daß sie zu Glück und Erhöhung vor allen andern Hausiererinnen auserwählt war?
Allerdings, eines war sicher: sie war sehr gewandt im Geldverdienen und dabei überaus sparsam; nie gab sie einen Heller unnötig aus, und schlau und verschlagen war sie auch; sie konnte die Leute dazu bringen, nicht allein das zu kaufen, was sie brauchten, sondern auch das, was sie nicht brauchten. Aber trotzdem meinte sie nicht, sie habe es verdient, über alle ihre früheren Kameradinnen erhöht zu werden.
Ja, wer war sie, daß ein hochgestellter Mann die Augen auf sie geworfen hatte?
Jeden Morgen, wenn sie erwachte, sagte sie zu sich selbst: »'s ist 'n Wunder, jawoll. Ja, 'n Wunder, 'n genauso groß' Wunder wie die in der Bibel, und 's müßt' in der Kirch' verkündigt werden.«
Zugleich faltete sie die Hände und bildete sich ein, sie sitze in der Kirche. Sie sah die Leute rings um sich her, und ein Pfarrer stand auf der Kanzel. Es war ganz wie in einem gewöhnlichen Gottesdienst, nur daß der Pfarrer einen ungewöhnlichen Text gewählt hatte. Er redete von nichts als von den armen Dalmädchen, die im Lande umherwanderten und Handel trieben und die so vielen Gefahren und Beschwerlichkeiten ausgesetzt seien. Wie jemand, der genau Bescheid weiß, berichtete er, wie schlimm sie in schlechten Räumen untergebracht seien, wie gering der Verdienst sei und wie oft sie sich nicht einen Bissen Essen gönnten, nur um den armseligen Erwerb, den sie nach Hause bringen wollten, nicht noch zu schmälern. Aber jetzt sei der Pfarrer froh, seinen geliebten Zuhörern mitteilen zu können, daß Gott in seiner Gnade sich einer dieser müden Wanderinnen angenommen habe. Sie brauche nun nicht mehr in Wind und Wetter auf den Landstraßen herumzuziehen; sie werde einen Pfarrer heiraten und auf einem Pfarrhof wohnen, wo es Pferd und Kuh, Magd und Knecht gebe.
Als die Predigt so weit gediehen war, wurde es hell und licht in der Kirche. Alle freuten sich darüber, daß so ein armes Mädchen zu Ehren und Wohlstand kommen sollte. Die, die in der Nähe von Anna Svärd saßen, nickten ihr lächelnd zu.
Anna Svärd bekam rote Wangen vor Verlegenheit; aber es wurde noch schlimmer, denn jetzt wendete sich der Pfarrer auch noch direkt zu ihr hin und redete sie mit ein paar Worten an: »Wer bist denn du, Anna Svärd, daß du vor allen anderen Hausiererinnen von Dalarne ausgewählt worden bist und so hoch hinaufgestellt wirst? Es ist nicht dein eigenes Verdienst, lauter Gnade und Barmherzigkeit ist es. Bedenk es wohl und vergiß die andern nicht, die sich weiter abschinden müssen, um das nötige Geld zu Kleidern und Kost 'rauszuschlagen.«
Ja, dieser Pfarrer predigte überaus schön. Anna Svärd wäre am liebsten den ganzen Tag im Bett liegengeblieben, um ihm zuzuhören. Aber als er das von den anderen Mädchen in Dalarne sagte, traten ihr die Tränen in die Augen – sie warf die Decke zurück, falls sie wirklich unter einer Decke lag und nicht nur unter einem alten Sack oder einem verbrauchten Stück von einem alten Bodenläufer, und sprang aus dem Bett. »Dummkopf!« rief sie. »Willst woll greinen und hast dir doch alles selbst z'sammeng'reimt!«
Das einzige, was sie tun konnte, um den früheren Kolleginnen zu helfen, war, daß sie sich jetzt gleich, mitten im September, auf den Heimweg machte und von den Herbstmärkten, die jetzt da und dort stattfanden, wegblieb. Das war eine Entsagung, aber sie wollte die Jahrmärkte jetzt den alten Nebenbuhlerinnen überlassen. Sie wollte denen nicht im Wege stehen, die sich niemals mit einem wirklichen Herrn verheiraten würden. Dabei dachte sie an die Ris-Karin, die wie sie selbst aus Medstuby war, und an die Annstu-Lisa sowie an viele andere, die mit diesen beiden froh sein würden, wenn sie nicht mit ihnen auf dem Jahrmarkt stand und ihnen die Kunden wegschnappte.
Wenn sie nun heimkam, ja, dann würde vielleicht kein Mensch begreifen, warum sie so verrückt gewesen war und die Jahrmärkte nicht besucht hatte. Und sie selbst würde auch nicht sagen können, woher das kam. Aber sie fühlte sich gezwungen, etwas für den lieben Gott zu tun, nachdem sie selbst so viel von ihm bekommen hatte. Dagegen lag kein Hindernis vor, daß sie sich, ehe sie Karlstadt verließ, einen neuen Vorrat von Waren anschaffte. Und ebensowenig verbot ihr irgend etwas, in jedes Haus, an dem sie vorbeikam, hineinzugehen, um von ihren Waren loszuschlagen. Wenn aber dann der Handel abgeschlossen war, sie sich auch schon den Ranzen auf den Rücken geschnallt hatte und nun mit der Hand auf der Türklinke zum Gehen bereitstand, konnte sie es nicht lassen, den Kopf nach der Stube zu drehen und von dem Wunder, das ihr widerfahren war, Zeugnis abzulegen.
»Seid jetzt halt alle mit'nander recht schön bedankt«, sagte sie. »Ich komm' jetzt nimmer, ich heirat' bald.« Wenn ihr dann die Bewohner des Hauses eiligst ein paar Worte der Anteilnahme sagten und fragten, wer denn der Mann sei, den sie bekomme, fuhr sie mit großer Feierlichkeit fort:
»'s ist 'n Wunder, jawoll, und 's müßt' in der Kirch' verkündigt werd'n. Wer ist denn d' Anna Svärd, daß ihr so 'n Glück passiert? Denkt euch, ich heirat' 'nen Pfarrer und krieg 'nen Pfarrhof mit Pferd und Kuh, Magd und Knecht.«
Sie war überzeugt, daß die Leute über sie spotteten, wenn sie gegangen war; aber daraus machte sie sich nichts. Sie mußte sich dankbar erzeigen, sonst konnte das Glück wieder von ihr genommen werden.
Einmal kam sie auf einen Hof, wo sie die Hausfrau nicht dazu bewegen konnte, etwas zu kaufen, obgleich diese eine reiche Witwe war und ihr Geld selbst verwaltete. Da fiel ihr ein, zu sagen, an diesem Tage dürfe die liebe Frau sich nicht weigern, etwas zu kaufen, denn dies sei das letztemal, daß sie mit diesem Anliegen komme. Dann schwieg sie und sah geheimnisvoll aus. Die geizige Hausfrau wurde neugierig und konnte es nicht lassen, zu fragen, warum Anna ihre Handelschaft aufgeben wolle.
Und da erzählte das schöne Dalmädchen, es sei ein großes Wunder. Ja, ein ebenso großes Wunder wie irgendeines, von dem in der Bibel zu lesen stand. Eine andere Aufklärung gab sie indes nicht, und so mußte die Hausmutter noch weitere Fragen stellen.
Anna Svärd aber kniff die Lippen zusammen und war so ganz und gar die alte Anna Svärd, daß die geizige Hausfrau sich sowohl mit einem seidenen Tuch als auch mit einem Haarkamm versehen mußte, ehe sie erfuhr, daß Gott die arme Hausiererin in ihrer Niedrigkeit angesehen habe, daß sie einen Pfarrer heiraten werde und in einem Pfarrhof wohnen würde, wo es Pferd und Kuh, Magd und Knecht gebe.
Als Anna Svärd von diesem Hofe weiterwanderte, dachte sie, dies sei ein guter Kniff gewesen und sie werde ihn noch öfter anwenden. Sie tat es dann aber doch nicht, denn sie fürchtete, es könnte ihr Unglück bringen. Man soll das Heilige nicht mißbrauchen.
Statt dessen geschah es gelegentlich, daß sie den kleinen Mädchen in den Häusern ein Bröschchen mit einem Stein aus farbigem Glas ganz ohne Bezahlung als ein Geschenk zusteckte. Noch niemals war es ihr eingefallen, etwas zu verschenken. Es war ein kleines Gegengeschenk für den lieben Gott.
Ja, wer war sie, daß das Glück von allen Seiten her auf sie zuströmte? Warum nur waren die Leute in den Häusern so eifrig im Einkaufen? Kam es daher, weil sie von den Jahrmärkten weggeblieben war und diese ihren alten Kameradinnen überlassen hatte? Während ihrer ganzen Wanderung das Klarelftal entlang war es ebenso. Heißa! Sobald sie ihren Ranzen öffnete, kam groß und klein dahergelaufen, als meinten sie, Anna Svärd habe ihnen Sonne und Sterne zu bieten. Ehe sie ihren halben Weg zurückgelegt hatte, war zu ihrer Verwunderung ihr Warenvorrat fast erschöpft.
Eines Tages, als sie nur noch ein Dutzend Hornkämme und ein paar Banddocken im Vorrat hatte und sich darüber ärgerte, daß sie von Karlstadt her nicht doppelt so viele Waren hatte tragen können, traf sie mit der alten Ris-Karin zusammen. Das alte Weib kam aus dem Norden. Ihr Sack war stoppevoll, und mürrisch und unfreundlich war sie selbst, weil sie schon ein paar Tage nichts mehr verkauft hatte.
Da kaufte Anna Svärd der Ris-Karin alle die Waren ab, die diese daherschleppte, und die Neuigkeit, daß sie einen Pfarrer heiraten werde, gab sie der Alten als Dreingabe.
Anna Svärd dachte nun, den Heidehügel, wo sie ihren Handel abgeschlossen hatten, werde sie nie vergessen. Das war wirklich das lustigste, was sie auf der ganzen Heimreise erlebt hatte. Die Ris-Karin war ebenso purpurrot geworden wie die blühende Heide, und zum Schluß hatte sie noch eine Träne herausgepreßt. Als Anna Svärd Karin weinen sah, fiel ihr ein, wie sie selbst ohne alles eigene Zutun vor allen anderen Hausiererinnen erhöht worden war, und da bezahlte sie etwas mehr für die Waren, als sie ausgemacht hatten.
Wenn Anna Svärd bisweilen auf einem hohen Hügel stand, stellte sie sich mit dem Rücken gegen einen Zaun, damit sie eine Stütze für den Ranzen hatte, und folgte mit den Augen den Zugvögeln auf ihrem Flug nach dem Süden. Wenn sich niemand in der Nähe befand, der sie auslachen konnte, rief sie den Vögeln zu, sie sollten den Bewußten grüßen, und sie wünschte, auch Flügel zu haben, damit sie zu ihm fliegen könnte. Ja, wer war sie, daß sie vor vielen anderen erwählt, daß ihr Herz aufgetan worden war und sie nun anfing, die uralte Sprache der Sehnsucht und der Liebe zu sprechen?
2
Anna Svärd war nun endlich so weit gekommen, daß sie ihren Heimatort Medstuby vor sich liegen sah. Da blieb sie stehen und sah vor allem nach, ob das Dorf noch wohlbehalten auf seinem alten Platze am Dalelf stehe, ob die Gehöfte noch ebenso dicht zusammengebaut und noch ebenso nieder und grau seien, ob die Kirche noch auf der kleinen Landzunge südlich vom Ort liege, genau wie sonst auch, und ob die Birkenhaine und die Tannengehölze nicht etwa während ihrer Abwesenheit von der Erde weggefegt worden seien, sondern noch ganz wie vorher dalägen.
Aber nachdem sie sich von dem allem überzeugt hatte, sah es aus, als gehe es ihr wie so vielen andern, die, gerade wenn sie dem Ziele nahe sind, sich so ermattet fühlen, daß sie kaum mehr weiterkommen. Sie mußte einen Pfahl aus einem Zaun herausbrechen und sich wie auf einen Stock darauf stützen; aber trotz dieser Hilfe konnte sie sich nur Schritt für Schritt auf dem Wege weiterschleppen. Der Rucksack drückte sie; sie mußte tief gebückt gehen, und der Atem wollte ihr versagen. Immer wieder mußte sie stehenbleiben, um sich zu verschnaufen.
So langsam es aber auch vorwärts ging, schließlich erreichte sie doch das Dorf. Sie hatte vielleicht gehofft, ihrer Mutter, der alten Berit, zu begegnen oder irgendeiner andern guten Bekannten, die ihr tragen helfen würde. Aber sie traf keinen Menschen unterwegs.
Der eine und der andere erblickte sie aber doch in ihrer Ermattung, und diese fragten sich sofort, wie es wohl der Mutter gehen werde, wenn nun, wie es den Anschein hatte, die Tochter so krank und elend heimkomme. Denn Mutter Svärd war eine arme Soldatenwitwe ohne Geldmittel und ohne ein eigenes Häuschen, und sie hätte ihre beiden Kinder niemals aufziehen können, wenn ihr Schwager Jobs-Erik, der ein vermögender Mann war, sie nicht in einer zwischen dem Stall und der Scheune eingeklemmten kleinen Kammer hätte wohnen lassen. Berit war sehr geschickt in allerlei Arbeiten sowie auch im Weben; sie war einer von jenen vielseitig gewandten Menschen, ohne die man in einem Dorfe nicht auskommen kann. Aber sie hatte auch Tag und Nacht im Geschirr sein müssen, um die zwei Kinder durchzubringen, und jetzt war sie nahezu aufgerieben. Sie hatte nun wohl auf Erleichterung gehofft, seit die Tochter mit dem Hausierhandel begonnen hatte. Wenn es jetzt nur nicht zu schlimm für sie stand! Es war kein gutes Zeichen, daß Anna zur Unzeit heimkam. Ja, die Armen, denen ging es doch immer schlecht!
Anna Svärd tastete sich durch Holzstöße, Balkenstapel und Arbeitsgeräte, die zwischen den vielen Gebäuden des Jobshofs aufgehäuft waren, hindurch und erreichte so die Stallkammer. Die Mutter war ausnahmsweise daheim. Sie saß mitten im Zimmer an ihrem Spinnrad. Man wird verstehen, wie sehr sie erschrak, als die Tür aufging und die Tochter tief gebückt und sich auf einen Zaunpfahl stützend hereinkam. Und Anna Svärd tat auch gar nichts, um zu verhindern, daß die Mutter nicht einen Todesschreck bekam. Sie sagte ganz leise guten Tag, wie wenn sie das Wort kaum herausbringen könnte; ja, sie seufzte und schnaufte und wendete das Gesicht weg, um der Alten nicht in die Augen sehen zu müssen.
Ach, was sollte die alte Berit denken? Sie war ja gewohnt, die Tochter so frisch ausschreiten zu sehen, wie wenn sie von keiner Last etwas wüßte. Jetzt ahnte sie das schlimmste, und hastig schob sie das Spinnrädchen zurück.
Noch immer seufzend und hart schnaufend, ging Anna Svärd zum Tisch unter dem Fenster hin und stellte ihren Ranzen darauf. Als sie die Riemen vom Rücken gelöst hatte, rieb sie sich mit der Hand das Kreuz. Sie versuchte sich aufzurichten, aber es ging durchaus nicht. Ebenso krumm und gebückt, wie sie in die Kammer hereingekommen war, trat sie an den Herd und setzte sich auf den Herdrand.
Ja, was sollte Mutter Svärd denken? Der Ranzen der Tochter war noch ebenso voll wie im letzten Frühjahr, als sich Anna auf die Wanderschaft begab. Hatte sie den ganzen Sommer hindurch gar nichts verkauft? War sie krank gewesen, hatte sie sich auf irgendeine Weise zugrunde gerichtet? Die alte Frau geriet in solche Angst, was sie wohl zu hören bekommen würde, daß sie nicht zu fragen wagte.
Aber Anna Svärd mußte der Ansicht gewesen sein, die Mutter könne die große Neuigkeit nicht auf die richtige Weise aufnehmen, wenn sie sich nicht noch erbärmlicher und unglücklicher vorkomme als jemals vorher; sie fragte darum mit kläglicher Stimme, ob nicht die Mutter, die wohl ausgeruht habe, ihr den Gefallen tun und den Ranzen aufschnallen wolle.
O doch, Mutter Svärd wollte sich so gefällig erweisen, als sie irgend konnte; aber ihre Hände zitterten, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie mit all den Knoten und Schnallen zurechtkam und in den Ranzen hineingreifen konnte. Aber als sie das tat, ach – obgleich die alte Berit schon mancherlei erlebt hatte, so mußte sie einsehen, daß es ihr diesmal fast vor den Augen schwindelte. Denn was sollte sie von all dem denken, was sie aus dem Ranzen herauszog? Sie sah weder etwas von Holzknöpfen noch von seidenen Tüchern, noch von Nadelbriefen. Das erste, was ihr in die Hand kam, war ein kleiner Schinken, und darunter lag eine große Tüte brauner Bohnen und eine ebenso große Tüte gelber Erbsen. Sie sah nichts von einer Banddocke, nichts von einem Nähring, nichts von einem Stück Kattun, nichts, nichts von dem, was eine Hausiererin in ihrem Kramsack haben sollte, sondern nur Reis und Hafergrütze, Kaffee und Zucker, Butter und Käse!
Die Haare wollten ihr zu Berge stehen. Sie kannte doch ihre Tochter; diese gehörte nicht zu denen, die mit Leckereien daherkommen. Anna mußte den Verstand verloren haben, oder was konnte denn sonst mit ihr los sein?
Mutter Svärd war schon im Begriff, zu ihrem Schwager hinüberzulaufen, damit er herausbringe, wie es sich verhielt. Aber glücklicherweise warf sie vorher noch einen Blick nach dem Herd, und da sah sie, daß die Tochter sie anlachte. Nun begriff sie; Anna hatte nur Spaß mit ihr getrieben, und sie dachte, eigentlich müßte sie die Tochter hinauswerfen. Aber auch das wollte sie nicht tun, ehe sie ordentlich Bescheid bekommen hatte, wie alles zusammenhing; denn daß Anna spielen und scherzen wollte, das war nicht weniger ungewöhnlich, als daß sie sich verschwenderisch zeigte.
»Für wen hast denn alles mit'nander ein'kauft?«
»Für dich, Mutter.«
Mutter Svärd hatte bis jetzt glauben wollen, die Waren seien für Nachbarinnen bestimmt, die ihre Tochter gebeten hätten, ihnen solche feinen Lebensmittel mitzubringen. Jetzt schwindelte ihr wieder beinahe.
»Närrin!« sagte sie. »Meinst, ich glaub', du werd'st dich meinetwegen z'tot schleppen?«
»Ach, Mutter, ich hab' aufm Heimweg alles verkauft, und da war's mir doch z'dumm, mit dem leeren Ranzen 'rumz'laufen. Ich hab' eben alles n'einstopfen müssen, was ich g'kriegt hab'.«
Aber die alte Berit, die gewohnt war, ihr Mehl mit gemahlenem Stroh und Rinde zu vermischen, und der es selten so gut ging, daß sie Milch zu ihrer Wassergrütze hatte, konnte sich mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben. Sie setzte sich neben ihre Tochter auf den Herdrand und nahm deren Hand in die ihrige.
»Jetzt sag mir aber, was dir g'schehen ist.«
Nun endlich mußte Anna die Mutter genügend vorbereitet gefunden haben. Und da hielt sie mit der großen Neuigkeit nicht länger hinter dem Berge.
»Ja, siehst, Mutter, 's ist 'n Wunder, 'n genauso groß' Wunder wie die in der Bibel und 's müßt' in der Kirch' verkündigt werd'n.«
3
Mutter und Tochter waren darüber einig, daß der erste, der die große Neuigkeit erfahren sollte, niemand anders als Jobs-Erik sein müsse.
Er war nicht allein ihr nächster Verwandter, sondern Anna Svärd hatte von jeher bei ihm einen Stein im Brett gehabt, und er hatte oftmals gesagt, wenn die Nichte sich nur einen Bräutigam anschaffe, dann wolle er ihr eine große Hochzeit ausrichten.
Früh am Nachmittag gingen die beiden zu ihm; sie fanden ihn am Herde sitzen, wo er eben die Asche des ärmlichen Bärenmooses, das er anstatt Tabak rauchte, aus seiner Pfeife herausklopfte. Um diese Zeit, wenn von den jungen Männern, die auf Arbeit südwärts gezogen waren, noch keiner wieder daheim war, konnte man in ganz Medstuby auch nicht ein Päckchen Tabak auftreiben.
Anna Svärd sah gleich, daß der Oheim schlechter Laune war, aber sie ließ sich dadurch weder abschrecken noch sich selbst die gute Laune verderben. Sie dachte nur, wenn er erst die große Neuigkeit zu hören bekomme, werde er schon wieder froh werden.
Jobs-Erik war groß und stattlich, mit dunklem Haar, regelmäßigen Zügen und tiefblauen Augen. Anna Svärd war ihm sehr ähnlich, sie hätte gut seine Tochter sein können. Die Ähnlichkeit lag aber nicht nur im Äußeren. Jobs-Erik war in seiner Jugend auch als Hausierer durchs Land gezogen. Er war gerade wie Anna schlau und verschlagen gewesen und hatte viel Geld verdient. Als seine eigenen Kinder erwachsen waren, hatte er sie denselben Weg einschlagen lassen wollen; aber keines von ihnen hatte Lust zu dem Geschäft gezeigt. Anna Svärd dagegen hatte sowohl die rechte Lust als auch die rechte Anlage dazu gehabt. Der Oheim prahlte bei jeder Gelegenheit mit ihr und lobte sie auf Kosten seiner eigenen Kinder.
Als sie aber diesmal bei ihm eintrat, war wahrhaftig nicht die Rede von Lob und Prahlerei.
»Bist du denn ganz verrückt?« rief ihr der Oheim entgegen. »Hast du alle die großen Herbstmessen im Stich gelassen?«
Anna aber, die ein so großes Wunder hatte erleben dürfen und vor allen andern armen Hausiererinnen zu Glück und Erhöhung ausgewählt worden war, ja sogar von allen den andern Dalmädchen, die gleichzeitig mit ihr in Medstuby aufgewachsen waren, meinte, es gehe nicht an, daß sie mit der Nachricht von ihrer Verlobung so einfach herausrückte, wie wenn man gesegnete Mahlzeit sagt. Nein, sie hielt es für nötig, auch den Oheim erst etwas vorzubereiten, damit die Neuigkeit so aufgenommen würde, wie sie es verdiente.
Deshalb sagte sie noch nichts von ihrem Erlebnis, sondern antwortete nur, sie sei vom Wandern überaus müde geworden und habe sich nur nach Hause gesehnt.
»Man darf nie müd werd'n«, sagte Jobs-Erik, und dann fing er an zu erzählen, was er einst ausgehalten und wieviel er verdient habe.
Anna Svärd hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen; als er dann endlich schwieg, versuchte sie ihn auf das, was kommen mußte, ein wenig vorzubereiten. Sie zog ein Päckchen Tabak aus ihrer Tasche und bat ihn, damit vorliebzunehmen.
Aber nun verhielt es sich so, daß Jobs-Erik Anna Svärd eine kleine Summe vorgestreckt hatte, als sie vor drei Jahren mit dem Hausierhandel anfing. Bis jetzt war sie jeden Herbst zu dem Oheim gekommen, hatte ihm erzählt, wie groß ihr Verdienst gewesen war, und ihm auch einen Teil des entlehnten Geldes zurückbezahlt. Jetzt aber kam sie nicht mit Geld, sondern mit einem Päckchen Tabak. Gewiß war das hochwillkommen, aber Jobs-Erik sah trotzdem, als er den Tabak in Empfang nahm, ganz sauer drein.
Anna Svärd kannte indes den Oheim ebensogut wie sich selbst, als sie ihm den Tabak übergab. Sie hatte dem Oheim noch nie ein Geschenk gemacht. Er dachte, vielleicht sei der Handel schlecht gegangen, und wenn sie nun mit einem Geschenk kam, habe sie wohl kein Geld zum Bezahlen.
Er schob das Päckchen zwischen den Fingern hin und her, ohne auch nur danke zu sagen.
»Wollt' dir gern auch mal was schenk'n, weil du mir damals zum Anfang g'holfen hast«, sagte Anna; und mit einem neuen Versuch zu der feierlichen Mitteilung fuhr sie fort: »Ich wer's Geschäft aufgeb'n müssen.«
Noch immer wog der Oheim das Päckchen in der Hand. Es sah aus, als beabsichtige er, es ihr ins Gesicht zu schleudern. Wollte sie mit dem Geschäft aufhören? Er begriff gar nichts; aber daß sie kein Geld für ihn hatte und er auch künftig keines von ihr bekommen würde, das begriff er.
»Denn siehst, ich werd' heiraten«, fuhr Anna Svärd fort. »Und d' Mutter und ich haben g'meint, du müßt'st z'erst erfahr'n.«.
Jobs-Erik legte das Päckchen aus der Hand. Jetzt war es ganz aus mit seiner Hoffnung, jemals die Schuld bereinigt zu bekommen. Aber nicht genug damit, sondern er sollte vielleicht auch gezwungen werden, der Nichte die Hochzeit auszurichten. Er räusperte sich, wie wenn er etwas sagen wollte, hielt sich aber zurück. Der alten Mutter Svärd tat der Schwager geradezu leid. Alles Böse der Welt schien mit einem Male über ihn hergefallen zu sein. Sie wollte ihn wissen lassen, wie das mit der Heirat zusammenhing, und sagte:
»Niemals hätt' ich glaubt, als du sie mit dem Kramsack auf'm Rücken fortg'schickt hast, daß sie so 'nem großen Glück entgegengeht. Sie soll 'nen Pfarrer drunten im Wärmland heirat'n, kriegt 'nen Pfarrhof, wo's Pferd und Küh, Knecht' und Mägd' gibt.«
»Ja«, sagte Anna Svärd, indem sie schamhaft die Augen niederschlug, »'s ist grad, als ob ich armer Tropf 'nem größeren Glück entgegenging als sogar der Jobs-Erik.«
Aber der Alte schien von dieser Nachricht nicht so übermäßig ergriffen zu sein. Er schaute von der Mutter auf die Tochter, und sein Mund verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. »Ach so, 'nen Pfarrer!« sagte er. »Nix weiter? Als die Nichte so großartig 'reinkam und mir Tabak g'schenkt hat, hab' ich g'meint, sie müßt zum wenigsten mit 'nem Prinzen verlobt sein.«
»Bester Schwager!« sagte Berit. »Wirst doch woll nit denk'n, sie treib' ihr'n Spaß mit dir?«
»Nee, ich glaub' nit, daß sie ihr'n Spaß mit mir treibt«, sagte er. »Aber d' Leut drunt'n im Land sind grausig lustig und g'spaßig, das weiß jeder, der dort Handel trieben hat. Und ich verwunder' mich auch gar nit drüber, daß das junge Ding sich beschwindeln läßt. Aber du und ich, Berit, wir dürf'n den Verstand nit verlier'n. Geh in d' Küch und laß dir 'nen guten Imbiß für d' Anna herrichten, und dann schick sie gleich morgen fort. In zwei Monat, aber kein Tag früher, darf sie z'rück sein.«
Mutter und Tochter standen ganz erschreckt auf und gingen nach der Tür. Aber da blieb Anna Svärd stehen und sagte zögernd: »'s Geld, was ich dir noch schuldig bin, hab ich heut mitbracht. Aber vielleicht willst's nit vorm Dezember in Empfang nehm'n?«
Da warf ihr der Oheim einen Blick zu, der ihr durch Mark und Bein ging.
»Pfui«, sagte er. »Ist 's so weit mit dir kommen, daß du 'n Jobs-Erik für'n Narren hältst? Geh nicht hin und heirat', Kind! Halt fest am Handel! Du könnt'st dabei so reich werden, daß du ganz Medstuby kaufen könnt'st!«
4
Als Mutter und Tochter von Jobs-Erik in ihre Kammer zurückgekehrt waren, wollte Anna, sie sollten jetzt zu der Mutter Ingeborg im Rishof gehen, sie sollte die nächste sein, die von dem großen Wunder Bescheid erhielt. Aber davon wollte die alte Berit nichts hören.
Allerdings lag der Rishof dicht beim Jobshof, und allerdings hatte die nachbarliche Freundschaft niemals öffentlich einen Bruch erlitten, so daß die Leute etwas davon wußten; aber sie war doch immerhin nicht so gut, wie sie hätte sein sollen.
Mutter Ingeborg war Witwe, und obgleich sie den besten Hof in Medstuby zu eigen hatte, ging es ihr doch recht sorgenvoll, weil kein Mann auf dem Hofe war und sie für alle Außenarbeit gedingte Leute haben mußte. Ihr einziges Streben und Trachten ging dahin, den Hof so lange zu halten, bis ihre Söhne erwachsen wären, denn dann würden ja alle Schwierigkeiten von selbst verschwinden. Und wer ihr zu diesem Ziele verhalf, das war in allererster Linie ihre Schwester Karin. Der ganze Ort wußte, daß sie das Geld für die Löhne und Steuern ins Haus schaffte. Aber die Ris-Karin hatte kein so großes Glück mehr beim Handel gehabt, seit Anna Svärd mit dem Ranzen auf dem Rücken umherzog. Und es war den Leuten vom Rishof wohl anzumerken gewesen, daß sie gegen die Leute des Jobshofs feindselig gesinnt waren, vor allem gegen Anna und ihre Mutter.
Als nun Mutter Svärd mit diesen Bedenken herausrückte, sagte indes die Tochter, es sei nun an der Zeit, dieser Feindschaft ein Ende zu machen, und gerade deshalb wolle sie hinüber zu Ris-Ingeborg. Die Mutter könne ja zu Hause bleiben, wenn sie keine Lust dazu habe, aber sie selbst werde jedenfalls hingehen.
Nun ja, sie setzte ihren Willen durch, und Mutter Svärd ging mit. Sie dachte, sie könne am Ende doch von Nutzen sein.
Anna Svärd war ganz bestürzt, als sie auf dem Rishof in die große Stube hineinkam. Sie war in den letzten Jahren nicht mehr auf dem Hofe gewesen, und so hatte sie vergessen, wie schön es da war. Jede Fläche an der Wand, die nicht von den Schränken oder der hohen Standuhr verdeckt wurde, war mit biblischen Malereien geschmückt. Mitten auf der Leinwand sah sie Joseph, der in einer vierspännigen Kutsche mit Kutscher und Diener seinem Vater Jakob entgegengefahren kam, und über dem breiten Fenster zeigte sich eine kleine Jungfrau Maria, die sich vor dem in goldstrotzender Uniform und einem Dreispitz auf dem Kopfe dicht vor ihr stehenden Engel des Herrn verneigte. Anna Svärd nahm sowohl das erste wie das andere Bild für eine gute Vorbedeutung. Es war ihr lieb, wenn sie an solche Menschen erinnert wurde, denen durch Gottes Wundermacht aus ihrer Niedrigkeit herausgeholfen worden war.
Mutter Ingeborg auf dem Rishof war eine schöne und friedliebende Frau. Sie gehörte zu denen, die es verstehen, alles schön um sich herum zu gestalten. Fast immer war sie mit einer zierlichen Handarbeit beschäftigt. Jetzt eben saß sie am Tisch und hatte einen Fausthandschuh, den sie mit kleinen Blättern benähte, über die Hand gezogen.
Es lag vielleicht etwas Zurückhaltung in ihrem Benehmen, aber von dem abgesehen, empfing sie die alte Berit und deren Tochter ganz wie sonst. Sie ging ihnen entgegen, gab ihnen die Hand und forderte sie auf, sich auf der Bank unter dem Fenster niederzulassen. Dann setzte sie sich wieder an den Tisch und nahm ihre Arbeit von neuem auf.
Zuerst herrschte eine Weile vollkommenes Schweigen, und Anna dachte, nun überlegte Ingeborg wohl, ob die beiden Gäste erwarteten, zum Kaffee eingeladen zu werden. Aber das kam ihr gewiß gar nicht gelegen. Sollte sie die zum Kaffee einladen, die ihrer Schwester den Verdienst wegnahmen?
Nachdem eine passende Zeit verstrichen war, begann Anna das Gespräch, indem sie erzählte, sie sei auf dem Heimwege mit Karin zusammengetroffen, und so habe sie gemeint, sie wolle im Rishof hereinschauen, um Grüße von Karin zu bestellen und zu berichten, daß diese frisch und gesund sei.
»'s mir sehr recht, daß sie g'sund ist«, sagte Ingeborg, »'s Wichtigst' von allem ist G'sundheit.«
»Ja, die ist für alle notwendig«, beeilte sich Mutter Svärd zu bekräftigen; »ganz besonders für den, der auf der Landstraß' 'rumstreifen muß.«
»Da hast du recht, Berit«, stimmte Ingeborg zu.
Danach trat eine Pause in dem Gespräch ein, und Anna dachte, nun frage sich Ingeborg wieder, ob sie den beiden Gästen Kaffee anbieten müsse. Aber dazu konnte sie sich nicht überwinden. Sie war ja nur mit einem Gruß von der Schwester gekommen. Zum Kaffeeanbieten gehört mehr.
Darauf sagte Anna Svärd, sie wäre nicht so mitten am Nachmittag gekommen und hätte Ingeborg in der Arbeit gestört, wenn sie nicht noch etwas anderes als nur einen Gruß zu bringen hätte. Als sie sich trafen, sei Karin von Norden her gekommen mit ihrem Ranzen noch ganz voller Waren, während sie, Anna, von Süden her schon alle ihre Waren verkauft gehabt habe. Deshalb habe sie Karin ihren ganzen Vorrat abgekauft, und als sie sich trennten, sei Karin eiligst nach Karlstadt aufgebrochen, um sich neuen Vorrat zu kaufen, ehe sie sich nach den Jahrmärkten begab.
Die beiden Schwestern, Karin und Ingeborg, hatten das gemeinsam, daß sie blaurot im Gesicht wurden, wenn sie erregt waren. Und jetzt hörte Ingeborg zu mit einem Gesicht so rot wie ein blühender Heidehügel. Sonst aber merkte man ihr nicht an, ob sie von der Nachricht besonders ergriffen war. Nur mit ein paar Worten sagte sie, es sei ja gut, daß Karin Anna getroffen und ihre Waren an sie habe verkaufen können,
»'n größeres Glück war's aber doch woll für Anna, daß sie sich auf 'm Heimweg wieder Vorrat kaufen konnt'«, warf Mutter Svärd ein.
Es fiel nicht leicht, das Gespräch in Gang zu erhalten. Wieder trat Schweigen ein, und Anna Svärd dachte in ihrem Herzen, nun überlegte Ingeborg, ob sie den Gästen nicht doch Kaffee anbieten müßte. Aber sie hatte keine rechte Lust dazu. Das Mädchen vom Jobshof war ja doch nur gekommen, um damit zu prahlen, daß sie der Alten vom Rishof hatte aushelfen können. Nein, sie konnte sich nicht entschließen, dieses Mädchens wegen den Kaffeekessel aufzusetzen.
Doch nun erklärte Anna, daß sie nicht nur deswegen auf den Rishof herübergekommen sei. Denn seht, bei dem Kaufe hatte sie etwas dazubekommen, das nicht ihr gehörte. Die beiden Händlerinnen hatten nicht so genau nachgesehen, sondern einfach alles, was in Karins Ranzen war, herausgenommen und es in Annas hineingesteckt. Aber am nächsten Tag, als Anna ihre Waren in einem Bauernhaus ausbreitete, siehe, da steckte ein Fünftalerschein in einem seidenen Tüchlein.
Zugleich griff Anna in die Tasche und zog den Fünftalerschein heraus. Sie strich ihn glatt und legte ihn auf den Tisch vor Ingeborg hin. Da wurde die Frau vom Rishof noch röter im Gesicht als vorher.
»Aber 's ist doch fast nit möglich, daß d' Schwester so nachlässig mit 'm Geld umgeht?« sagte sie. »Sie läßt doch gar nie 'nen Fünftalerschein offen im Ranzen lieg'n. Es g'hört ihr vielleicht gar nit.«
»Ja, 's wäre möglich«, erwiderte Anna. »Der Fünftalerschein hat vielleicht schon vorher in dem seid'nen Tuch g'legen. Ich glaub' fast auch, daß sie gar nix davon gewußt hat.«
Jetzt endlich legte Ingeborg ihre Arbeit weg. Sie schaute Anna verwundert an.
»Aber wenn du meinst, Karin wiss' nix von dem Schein, dann hätt'st ihn ja b'halten können. Du hatt'st ja alles kauft, was in dem Ranzen war'.«
»Mir aber g'hört er jedenfalls nit«, versetzte Anna Svärd. »Und ich möcht' dich bitten, ihn aufz'heben, bis d' Karin heimkommt.«
Darauf erwiderte Ingeborg nichts, und Anna Svärd dachte, nun frage sie sich abermals, ob sie nicht doch gezwungen sei, den Gästen Kaffee anzubieten, sowenig sie auch die beiden leiden könne.
Kaum hatte Anna diesen Gedanken zu Ende gedacht, als Ingeborg sich auch schon entschlossen hatte.
»Ich möcht' euch gern mit Kaffee aufwart'n«, sagte sie. »Aber zu meiner Schand' muß ich g'stehn, daß ich gar kein' echten Kaffee im Haus hab'; 's wird nur so 'ne Malz-Zichorienbrüh' werd'n.«
Damit stand sie auf und ging in die Küche. Der Kaffee kam dann auch nach einiger Zeit herein, und es wurden eine und auch zwei Tassen getrunken, aber Ingeborg war und blieb fortgesetzt zurückhaltend. Sie bewirtete die Gäste zwar mit dem Besten, was sie hatte, aber sie tat es widerwillig, das bemerkten die beiden wohl.
Erst als alles vorüber war, machte Anna ihrer Mutter ein kleines Zeichen, und nun begann die Alte sofort.
»Anna ist 'n bißchen genierlich, es selbst zu sag'n«, fing sie an. »Aber 's ist was Wunderbares g'schehen. Sie soll drunten im Wärmland 'nen Pfarrer heiraten.«
»Was sagst!« rief Ingeborg. »Soll sie heiraten? Dann wird sie woll nit …«
Sie stockte, weil sie sehr zartfühlend war. Sie wollte nicht merken lassen, daß sie gleich daran dachte, welchen Vorteil das für sie selbst haben könnte.
Aber Mutter Svärd antwortete auf die nur halb ausgesprochene Äußerung. »Ne«, sagte sie, »d' Anna wird nimmer mit'n Kramsack 'rumziehen. Sie kriegt 'nen Pfarrhof und Pferd und Kuh, Magd und Knecht.«
Ingeborg lächelte mit dem ganzen Gesicht. Das war eine herrliche Nachricht.
Sie stand auf und verneigte sich. »Ja, aber um's Himmels willen, warum hast's denn nit gleich g'sagt? Traktier ich 'ne künftig' Pfarrfrau mit Malzkaffee! Bleibt doch da, ich will gleich untersuch'n, ob ich nit doch irgendwo noch 'ne Tüte richtig'n Kaffee liegen hab'. Setzt euch, setzt euch, bitte, bitte!«
Die Frau Schultheiß
Als Anna Svärd einige Wochen daheim gewesen war, ging sie eines Tages mit ihrer Mutter nach dem Hofe des Amtsvorstandes Schultheiß Ryen, der eine kleine Strecke nördlich von Medstuby lag, und da baten sie um eine Unterredung mit der Frau Schultheiß. Sowohl Jobs-Erik als auch Ris-Ingeborg wußten von dieser Absicht und billigten sie. Ingeborg war jetzt ihre beste Freundin, und sie war eifrig darauf aus gewesen, daß Anna und ihre Mutter nach dem Schulzenhof gingen, wenn sie es nicht geradezu gewesen war, die den ganzen Plan ins Werk gesetzt hatte.
Mutter und Tochter kamen also auf den Schulzenhof; sie gingen durch die Küche ins Haus, was die alte Berit durchaus wollte, obgleich Anna meinte, eine künftige Pfarrfrau müßte eigentlich durch die Vordertür eintreten. Von der Küche wurden sie in die Küchenstube geführt, wo die Frau Schultheiß eben die auf einem großen Klapptisch ausgebreitete Wäsche zählte. Sie zog die Augenbrauen ein wenig hinauf, als die beiden eintraten, und sah nicht besonders erfreut aus. Die Geschichte, daß Anna Svärd einen Pfarrer heiraten werde, hatte sie natürlich auch schon gehört, und sie war klug genug, zu erraten, was die beiden Frauen von ihr wollten. Aber deshalb nahm sie sie selbstverständlich doch freundlich auf. Sie begrüßte sie, gab ihnen die Hand und bat sie, sich zu setzen, damit sie in aller Ruhe ihre Wünsche vorbringen könnten.
Mutter Svärd sollte das Wort führen, so war es im voraus bestimmt worden. Ris-Ingeborg hatte gesagt, so sei es am passendsten, und sie hatte die Mutter außerdem ermahnt, nicht zu viele Umschweife zu machen, sondern geradeswegs auf die Sache loszugehen. Anna Svärd saß also still dabei und hörte zu, während die alte Berit sagte, sie seien gekommen, um zu fragen, ob nicht Anna zu einer Art Ausbildung einige Monate auf den Schulzenhof kommen könnte. Sie solle einen Pfarrer drunten in Wärmland heiraten, und da müsse sie doch lernen, wie es in einem Herrenhause zugehe.
Frau Ryen war klein und beweglich; sie hatte kleine, scharfe Augen, war aber sonst durchaus nicht häßlich, sondern sah sehr liebenswürdig aus. Sie war außerordentlich lebhaft und konnte nie ganz still sitzen. Solange Berit redete, zählte sie nebenbei eine Beuge Handtücher durch. Sie verzählte sich nicht ein einziges Mal, sondern legte Dutzend um Dutzend auf die Seite. Und obgleich sie nur mit einem Ohr zugehört hatte, war sie gleich mit der Antwort parat.
»Ich habe schon von dieser Heirat reden hören«, sagte sie. »Aber die Sache gefällt mir nicht, und ich will nichts damit zu tun haben.«
Kann man sich verwundern, daß die beiden Gäste außerordentlich überrascht waren und kein Wort mehr hervorbrachten? Nun waren sie seit Annas Heimkehr die ganze Zeit vollauf damit beschäftigt gewesen, von Hof zu Hof zu gehen, um Kaffee zu trinken und das zu verhandeln, was zu Werbung und Hochzeit gehört. Wohin sie auch gekommen waren, überall hatten die Leute gesagt, dies sei das Vergnüglichste, was sie seit langer Zeit gehört hätten, und es sei eine Ehre für Medstuby, wenn ein Mädchen vom Orte zur Pfarrfrau erhöht werde. Ja, einige hatten geradeheraus gesagt, früher hätten sie sie nicht leiden können, weil sie Jobs-Erik allzu ähnlich sei und nur ans Geld gedacht habe. Jetzt aber sei sie wie ein umgedrehter Handschuh, nun sei sie so fröhlich und vergnügt, wie ein junges Mädchen sein solle. Wieder andere hatten sich hauptsächlich daran gehalten, daß Berit auf ihre alten Tage eine Heimat bei der Tochter haben werde. Aber überall hatte dieselbe Befriedigung geherrscht. Und nun kam die Frau Schultheiß, ja, die Frau Schultheiß selbst daher und sagte, sie wolle nichts mit dieser Heirat zu tun haben!
Frau Ryen sah, wie niedergeschlagen die beiden dasaßen, und da meinte sie wohl, sie müsse eine kleine Erklärung abgeben.
»Es ist nicht das erstemal, daß ein schönes Mädchen einen vornehmen Herrn heiratet«, sagte sie. »Aber solche Heiraten fallen selten gut aus. Du, Berit, solltest meiner Ansicht nach Anna raten, den Gedanken an diese Heirat aufzugeben.«
Als Frau Ryen das gesagt hatte, war es, als erwache Anna Svärd wie aus einem Traume. Während der letzten Tage waren die jungen Männer und die Mädchen aus Dalarne, die zur Sommerarbeit auswärts gewesen waren, allmählich wieder nach Medstuby zurückgekehrt. Von den jungen Mädchen, die fortgewesen waren, hatten einige Gartenarbeit übernommen gehabt, andere hatten in Stockholm die Leute über den Nordstrom hinübergerudert, viele hatten in den Brauereien Flaschen gespült; aber überall hatten sie immer nur die tägliche Arbeit gehabt, sonst hatten sie nichts erlebt. Als sie nun hörten, was einem alles draußen in der Welt begegnen konnte, da glänzten ihre Augen, und Anna mußte einmal ums andere erzählen, wie der junge Pfarrer auf der Landstraße auf sie zugekommen war, was er gesagt hatte und was sie gesagt hatte. Die jungen Dalburschen aber hatten den Bericht auf andere Weise aufgenommen. Bis jetzt hatten sie durchaus kein Wesen aus Anna gemacht, jetzt aber sagten sie, sie könnten nicht begreifen, wo sie ihre Augen gehabt hätten. Kaum war Anna mit einem von ihnen allein, als er auch schon herausstieß, falls den Pfarrer dort drunten in Wärmland der Reukauf ankomme, brauche sie sich deshalb nicht zu grämen. Der hier auf der Dorfstraße an ihrer Seite gehe, sei bereit, ihr vollen Ersatz zu bieten.
Aber hier kam nun die Frau des Schulzen daher und sagte, sie solle nicht an eine Heirat mit einem vornehmen Manne denken. Sie war wohl zu gewöhnlich für ihn. Ja, das meinte die Frau Schultheiß wohl.
Anna sagte kein Wort. Sie stand nur von der Bank auf, und Mutter Berit tat dasselbe. Die Frau Schultheiß schüttelte ihnen ebenso freundlich die Hand wie bei ihrer Ankunft und begleitete sie auch hinaus. Ob sie das tat, weil sie meinte, die Dienstboten brauchten es nicht zu sehen, wenn die beiden niedergeschlagen und entmutigt fortgingen, oder ob sie es aus einem andern Grunde tat, wußten die Gäste nicht; aber sie geleitete sie durch den Saal und den Flur, wodurch sie des Weges durch die Küche enthoben wurden.
Als Anna mit der Mutter auf der Landstraße dahinwanderte, dachten beide, dies sei das schlimmste, was ihnen geschehen konnte, nämlich die Weigerung der Frau Schultheiß. Wenn es die Pröpstin gewesen wäre, die ihnen einen solchen Bescheid gegeben hätte, dann hätte es nichts bedeutet. Aber seht, die Frau des Schultheißen war überaus hochgeachtet in Medstuby. Die Leute richteten sich in allem nach ihr. Wenn sie sah, daß ein Bursche und ein Mädchen füreinander paßten, dann verheiratete sie sie einfach miteinander, und damit war die Sache erledigt. Und wenn die Männer auf zwei benachbarten Höfen in Streit gewesen waren und darum prozessieren wollten, flugs war die Schultheißin da und zwang sie zu einem Vergleich.
Eigentlich hatte es ja gar nichts zu bedeuten. Frau Ryen hatte weder über Anna noch über deren Mutter Gewalt, jedenfalls aber meinte Anna jetzt, wenn die Frau Schultheiß nicht wolle, daß sie einen vornehmen Herrn heirate, dann sei auch die ganze Sache abgetan und erledigt.
All die Schwermut, die Anna durch ihre harten Kinderjahre im Gemüt saß, wollte aufs neue über sie herfallen; aber sie mußte doch bald genug wieder zurückweichen, denn am selben Tage noch bekam Anna einen Brief. Sie konnte ihn zwar nicht lesen, aber sie wußte ja, von wem er war. Sie trug ihn uneröffnet in der Tasche und dachte an ihn, der ihn geschrieben hatte.
Seine eigenen Eltern hatten ja auch gemeint, sie sei nicht gut genug für ihn, aber er hatte ihnen männlich widerstanden, und er würde es wohl auch mit der Frau Schultheiß in Ordnung bringen.
Am andern Morgen tat sie ganz dasselbe, was andere in Medstuby taten, wenn sie mit Briefen belästigt wurden: sie ging zum Kantor Medberg und bat ihn, ihr den Brief vorzulesen.
Der Kantor hielt sich eben im Schulzimmer neben der Küche auf. Da hatte er einen überaus großen Tisch, der die halbe Stube einnahm, und rings um den Tisch herum saßen kleine Burschen, die lesen lernten, ja geradezu Gedrucktes in Büchern!
Der Kantor nahm den Brief, schnitt vorsichtig das Siegel auf und warf einen Blick auf die Unterschrift. Diese war deutlich und klar, da war nichts dagegen zu sagen, und mit lauter Stimme las er alles vor, was in dem Briefe stand.
Es fiel ihm nicht ein, die Kinder hinauszuschicken; diese blieben sitzen und lauschten den schönen Liebesworten, die der Bräutigam schrieb. Es ist nicht unmöglich, daß der Kantor dachte, es sei nützlich für die Jungen, wenn sie hörten, wie leicht er über einen geschriebenen Text Herr wurde. Es hätte sich nicht gelohnt, wenn Anna ihn gebeten hätte, er solle warten und ihr den Brief ein andermal vorlesen, denn er hätte sie dann womöglich gleich aufgefordert, ihres Weges zu gehen und ihren Brief selbst zu lesen.
Während der Kantor vorlas, wollte Anna nur an das denken, was in dem Briefe stand; sie konnte es aber doch nicht lassen, dabei die Jungen zu beobachten. Selbstverständlich hatten diese ihren Spaß dabei. Mit feuerroten Gesichtern und aufgeblasenen Wangen saßen sie da auf ihren Stühlen und kämpften mit der Lachlust.
Seit dem Besuch auf dem Schulzenhof war Anna innerlich beunruhigt. Mit der früheren Freude und Sicherheit war es vorbei. Warum sollte sie sich verwundern, wenn die Jungen lachten? Sie war es ja nicht wert, daß der Bräutigam so an sie schrieb.
Ein paar Tage lang wartete sie und fragte sich nur, was sie antworten solle. Sie wollte ihm sagen, sie sei zu der Überzeugung gekommen, daß sie nicht für ihn passe und daß seine Eltern sehr recht gehabt hätten, er dürfe nicht mehr an sie denken.
Als sie fertig war und in Gedanken einen langen Brief aufgesetzt hatte, ging sie wieder zum Kantor Medberg. Sie war diesmal vorsichtig und kam am Nachmittag, wo die Jungen nicht da waren. Sofort ließ sich der Kantor an dem großen Tisch nieder, um nach ihrem Diktat zu schreiben, und es schien auch ganz gut zu gehen. Er ließ sie sagen, was sie wollte, und unterbrach sie nicht. Der gute Kantor führte die Feder mit Kraft und Nachdruck, und der Brief war im Handumdrehen fertig.
Danach las er ihr ihn vor; aber da mußte sie sich doch ein wenig verwundern. Seht, Kantor Medberg hatte in seinem Leben viele Liebesbriefe geschrieben, und was ein solcher eigentlich enthalten sollte, das wußte er besser als so ein Mädel, das noch nicht weiter gekommen war als bis zu dem ersten Brief. Und er kümmerte sich beim Schreiben nicht darum, was so ein armes, unerfahrenes Wurm ihm diktierte. Er hatte also so angefangen:
Es freue die Briefschreiberin zu hören, daß sich der Bräutigam bei guter Gesundheit befinde, was das Allerbeste von allem Guten sei, und darüber verbreitete er sich die ganze erste Seite lang. Alsdann sprach er davon, wie unsäglich sie sich nach ihm sehne, jeder Tag sei so lang wie ein Monat, jeder Monat wie ein Jahr. Und auch dieses schmückte er noch lang und breit aus. Zum Schluß versicherte er, der Bräutigam könne sich auf Treue verlassen, und ermahnte ihn zugleich, sie nicht im Stich zu lassen, denn dann würde sie viele kummervolle Nächte haben, so viele »als wie Nüss' am Baume sind oder Blätter an der Lind', wie der Sand am Meeresgrund, wie die Sterne ohne Zahl an dem hellen Himmelssaal«.
Als Anna den Kantor fragte, warum er nicht das geschrieben, was sie ihm diktiert habe, fragte er sie dagegen, ob sie glaube, er wisse nicht, wie ein Liebesbrief geschrieben werden müsse? Es gehe durchaus nicht an, einen Unsinn zu schreiben, wie sie ihn zusammengesetzt habe. Sie solle nur nicht vergessen, daß es ein Pfarrer sei, an den sie schreibe.
Damit mußte sie sich zufriedengeben; der Brief wurde zusammengefaltet, versiegelt und so, wie er war, abgeschickt. Aber was würde der Bräutigam denken, wenn er ihn erhielt? Anna Svärd fühlte ihre Unwürdigkeit und Niedrigkeit stärker als je vorher.
Zum drittenmal ging sie zum Kantor Medberg und fragte ihn, ob er ihr Unterricht im Lesen und Schreiben geben wollte. Er verhehlte ihr nicht, daß er sie für zu alt hielt, um so schwere Künste noch zu erlernen; doch Anna überredete ihn, sie doch einen Versuch machen zu lassen. Nun sollte sie am nächsten Vormittag zur gleichen Zeit wie die kleinen Bürschchen kommen.
Auf diese Weise kam es, daß Anna Svärd einige Wochen später an dem großen Tisch des Kantors mit dem Gänsekiel in der Hand und Papier vor sich nach Vorschrift schrieb: »Morgenstund' hat Gold im Mund.«
Es war eine verzweiflungsvolle Arbeit. Sie hielt den dünnen Gänsekiel mit ihrer ganzen Kraft fest, drückte die Spitze so stark auf, daß die Tinte in kleinen Tropfen aufs Papier spritzte, und zeichnete große, wunderliche Krakelfüße anstatt Buchstaben.
Auch in anderer Weise war es eine verzweiflungsvolle Arbeit. Denn sie hatte ja kein anderes Ziel im Auge, als dem Verlobten, sobald sie sich die schwer erworbene Gelehrsamkeit angeeignet hatte, zu schreiben, daß sie seiner unwürdig sei und daß er sich Anna Svärd aus dem Kopfe schlagen solle.
Aber obgleich sie sich für eine so traurige Sache anstrengte, könnte doch niemand sagen, sie habe nicht ihr Bestes getan. Sie setzte ihre ganze Kraft ein, wie wenn es sich darum gehandelt hätte, eine Tonne Roggen aufzuheben. Jedes Wort kostete sie eine fürchterliche Anstrengung, und sie mußte die Feder weglegen und sich verschnaufen, ehe sie ein neues begann.
»Die Feder muß lose und mit geraden Fingern gehalten werden«, sagte der Kantor. Aber sie fühlte, der Gänsekiel ließ sich nicht festhalten, wenn sie ihn nicht so zwischen die Finger preßte, daß die Knöchel an der Hand weiß hervortraten. Schließlich war sie der ganzen Sache vollkommen überdrüssig, und sie wollte schon auf und davon gehen, als die Tür sich öffnete und die Frau Schultheiß in das Schulzimmer hereintrat. Sie war ganz wie sonst, eifrig und beweglich, und gekommen, um mit Kantor Medberg die Angelegenheiten des Dorfes zu besprechen. Als sie nun Anna Svärd mitten unter den kleinen Jungen sitzen und so eifrig schreiben sah, daß die Tinte um die Feder spritzte, wurde ihr großes Interesse geweckt.
»Ach so«, sagte sie, »wie ich sehe, hast du dir die Pfarrfrau noch nicht aus dem Sinn geschlagen.«
Anna Svärd erwiderte nichts, aber der Kantor murmelte ein paar Worte, sie könne ja keine Pfarrfrau werden, wenn sie nicht wenigstens schreiben gelernt habe, sonst werde sie dieser Auszeichnung wohl verlustig gehen müssen.
Die Jungen grinsten aufs neue; aber die Frau Schultheiß warf ihnen einen Blick zu, der sie plötzlich ernst machte. Dann beugte sie sich über Anna vor und betrachtete deren Papier, wo die Schriftzeilen nach allen Seiten hinausstrebten wie die Pfähle an einem eingestürzten Gartenzaun.
»Was schreibst du da?« fragte die Frau Schultheiß. »Laß mich sehen! Morgenstund' hat Gold im Mund. Wart ein wenig! Gib mir die Feder!«
Sie lachte, neigte sich über den Tisch vor und überlegte mit dem Gänsekiel an den Lippen.
»Wie heißt dein Bräutigam? Ja so, Karl Artur. Schau her, dann wirst du sehen!« Und mit großen, runden Buchstaben setzte sie den Namen aufs Papier.
»Kannst du lesen, was ich geschrieben habe? Hier steht ›Karl Artur‹. Versuch es, diesen Namen zu schreiben. Du wirst sehen, es geht, wenn du ihn liebhast.« Hierauf drückte sie Anna die Feder wieder in die Hand, und dann nahm sie den Kantor mit in die Küche, um allein mit ihm zu reden.
Anna starrte den schönen Namen an, den Frau Ryen geschrieben hatte. Sie wollte ihn ganz nach Vorschrift schreiben, aber sie brachte es durchaus nicht zustande. Da warf sie die Feder weg.
Nach einer Weile kam Frau Ryen mit dem Kantor wieder in die Schulstube herein.
Da drinnen war es grabesstill. Die Jungen grinsten nicht mehr, aber sie beschäftigten sich auch nicht mit dem Abc-Buch. Sie beugten sich alle weit über den Tisch vor, um etwas Merkwürdiges zu betrachten, womit Anna beschäftigt war.
Lächelnd und glücklich arbeitete diese mit eifrigen Fingern. Als der Kantor mit Frau Ryen eintrat, versteckte sie ihre Handarbeit, an der sie nähte, unter dem Tisch.
»Her damit! Zeig es mir!« gebot Frau Ryen.
Und da bekamen alle ein Wunderwerk zu sehen. Anstatt Gänsekiel und Tinte hatte Anna aus ihrer Tasche Nadel und Faden genommen sowie einen kleinen Lappen, in den sie die Buchstaben hineingenäht hatte. Und siehe, sie waren ebenso wohlgeformt wie die der Frau Schultheiß; und in ihrer Freude darüber, daß sie den Namen des Geliebten sticken konnte, hatte sie ihn mit einem kleinen Blumenkranz umgeben.
Frau Ryen betrachtete die Arbeit und legte dann den Finger an die Nase, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie etwas Wichtiges überlegen mußte.
»Ei, sieh mal an! Liebst du ihn doch so sehr?« sagte sie. »Das wußte ich nicht. Ich glaubte, du Kind dächtest nur an den Pfarrhof und an den Frauentitel. Du kannst morgen bei mir einziehen, dann will ich versuchen, einen ordentlichen Menschen aus dir zu machen.«
Die Hochzeit
1
An einem Samstagnachmittag stand Anna Svärd auf der Veranda des Schulzenhofes und sah einem Schlitten entgegen, der in langsamer Fahrt durch die Allee daherkam. Es war Winter und bitterkalt, aber sie fühlte die Kälte nicht. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ihre Wangen glühten. Sie wußte, wer in dem Schlitten saß – er, dem sie mit den Zugvögeln Grüße geschickt hatte.
Anna Svärd befand sich nun schon vier Monate zur Ausbildung auf dem Schulzenhof, und sie war da in einer richtigen Schule gewesen. Frau Ryen hatte sie gelehrt, darauf Achtung zu geben, wie sie selbst ging und stand, wie sie aß und trank, wie sie sprach und antwortete, wie sie grüßte und sich verabschiedete, wie sie lachte und hustete, wie sie nieste und gähnte und noch tausend andere Dinge. Niemand hätte verlangen können, daß aus Anna Svärd in so kurzer Zeit eine richtige Dame geworden wäre, aber Anna hatte doch gelernt, Unterschiede zu sehen. Wenn sie jetzt nach Medstuby hineinkam, merkte sie, daß es in der Kammer ihrer Mutter nach dem Stall und der Scheune roch, daß Jobs-Erik den Tabakssaft auf den Zimmerboden spuckte, sie hörte, daß ihr Bruder bei jedem Wort fluchte und daß der Werktagspelz ihrer Mutter vor Schmutz starrte. So etwas war ihr früher nie aufgefallen; jetzt verursachte es ihr ein gewisses Unbehagen.
Vor allem aber war sie sich ihrer eigenen Fehler und Mängel bewußt geworden, und als sie jetzt den Schlitten mit ihrem Bräutigam daherfahren sah, war es nicht lauter Freude, die sie fühlte, denn möglicherweise gefiel sie ihm gar nicht mehr, wenn er sie zwischen gebildeten Leuten sah. Schultheißens hatten zwei Töchter – nun ja, diese hatten allerdings Stubsnasen und ganz helles Flachshaar; aber wie konnten sie sich bewegen! Welch leichten Gang hatten sie, und wie schön klang es, wenn sie redeten! Und wie zierlich waren sie gekleidet! Wenn Anna doch nur die Mittel gehabt hätte, sich auch städtische Kleider anzuschaffen! Aber zu ihrem großen Kummer trug sie immer noch ihre Volkstracht. Eine Pfarrfrau in Wärmland konnte doch nicht so bunt wie ein Grünspecht herumgehen!
Außerdem wußte sie gar nicht recht, warum der Bräutigam kam, und das beunruhigte sie auch. Vielleicht kam er geradezu hergereist, um die Verlobung aufzulösen.
Gleich nach Weihnachten hatte er zwar die nötigen Papiere geschickt, damit sie in der Kirche aufgeboten werden konnten. Und die Leute sagten, wenn ein Paar in der Kirche dreimal aufgeboten worden sei, dann sei es so gut wie verheiratet. Aber auch das gab ihr keine Sicherheit.
Alle Leute in Medstuby hatten sich über das Aufgebot gefreut. Jobs-Erik zum Beispiel hatte nicht so recht an die Hochzeit glauben wollen. Aber am dritten Sonntag hatte der Oheim feierlich erklärt, er werde ihr die Hochzeit ausrichten. Ein dreitägiges Fest sollte es werden, wie man noch nie eines gesehen habe, mit Speisen und Getränken in Hülle und Fülle, mit Spielleuten und Tanz und Scherz und Kurzweil bis tief in die Nacht hinein. Denn wenn seine Nichte eine so gute Heirat mache, müsse die Hochzeit auch danach sein. Eine der Schultheißentöchter hatte in Annas Namen an den Bräutigam geschrieben und ihm Jobs-Eriks Versprechen mitgeteilt; aber merkwürdigerweise war auf diesen Brief nur die Antwort eingelaufen, daß er Anna selbst besuchen werde. Hatte er vielleicht seine Verlobung bereut, als er erfuhr, daß man schon von der Hochzeit redete? Oder was sollte dieser Besuch bedeuten? Nein, Anna kam nicht zu einer richtigen Lösung dieser Fragen, denn der Schlitten hatte jetzt den Hügel hinter sich und fuhr in den Hof herein. Nun würde sie ihn also wiedersehen, und das war herrlich! Wie es nun gehen mochte, schön und gut war es, daß sie ihn wiedersah.
Als er aus dem Schlitten stieg, stand nicht nur Anna Svärd auf der Hausstaffel, nein, auch der Schultheiß und die Frau Schultheiß hatten sich auf den Stufen aufgestellt, um den Gast zu begrüßen. Nun trat er zu ihr, schlang die Arme um sie und wollte sie küssen. Aber sie wurde ganz verlegen und entzog sich dem Kuß. Sie konnte sich doch nicht von ihm küssen lassen, wenn die andern dabei waren und zusahen! Im nächsten Augenblick fiel ihr allerdings ein, wie es bei den Herrschaften Brauch und Schick war: Da küßte man sich in Gegenwart anderer, und nun ärgerte sie sich über sich selbst, weil sie sich dumm benommen hatte.
Sobald Karl Artur sich seines Pelzmantels entledigt hatte, gingen alle miteinander ins Eßzimmer, wo der Kaffeetisch mit den feinsten Tassen des Hauses und mit vielen leckeren Kuchen gedeckt war. Anna bekam ihren Platz neben ihrem Bräutigam. Sie hatte ja jetzt schon jeden Tag mit der Schultheißenfamilie Kaffee getrunken und wußte also, wie sie sich zu benehmen hatte. Aber einmal ums andere vergaß sie das Gelernte. Ohne daran zu denken, goß sie ihre Tasse so voll, daß der Kaffee überfloß, und ihr Stück Zucker steckte sie in den Mund und schlürfte den Kaffee hindurch. Sie benahm sich, wie wenn sie mit Mutter Svärd und Ris-Ingeborg Kaffee tränke, und plötzlich warf ihr die Frau Schultheiß einen Blick zu, worüber sie sich an dem Kaffee fast verschluckte.
Wieder ärgerte sie sich über sich selbst, tröstete sich aber damit, daß dies nichts zu sagen habe. Immerhin stand doch nicht alles so, wie es sollte, das fühlte sie wohl. Ihr Bräutigam war nicht so gegen sie wie bei ihrem letzten Beisammensein. Ach, er war sicherlich nur gekommen, um die Verlobung aufzuheben!
Während man Kaffee trank, hörte Anna eifrig zu, und sie erkannte wohl, wie gebildet und ausgesucht er sich mit der Schultheißenfamilie unterhielt. Wie leicht und gewandt wurden von beiden Seiten liebenswürdige Dinge gesagt! Karl Artur dankte der Familie für alles, was sie in diesen vier Monaten an seiner Braut getan habe, und Frau Ryen erwiderte, er sei ihnen durchaus keinen Dank schuldig; im Gegenteil, eher müßte sie sich bedanken, denn Anna sei sehr tüchtig und habe sich im Haushalt außerordentlich nützlich erwiesen.
Alle miteinander, sowohl die Frau Schultheiß als auch der Herr Schultheiß mitsamt den Töchtern, sahen, seit der Bräutigam angekommen war, viel freundlicher aus und sprachen mit sanfteren Stimmen. Sie hatten wohl nicht erwartet, daß er so war, wie er sich jetzt zeigte. Vielleicht hatten sie sich eingebildet, er sei bucklig oder einäugig. Sicherlich hatten sie geglaubt, er müsse irgendeinen Fehler haben, wenn er ein armes Dalmädchen heiraten wolle.
Und das konnte Anna ihnen wohl verzeihen, denn auch sie hatte nicht mehr gewußt, wie schön und in allen Teilen vollkommen er war. Sie fragte sich, ob die andern wohl den hellen Schein sähen, der auf seiner Stirn lag. Und eine Wohltat war es, daß seine Augenlider so schwer waren und er sie meist gesenkt hielt, denn sonst hätte man nur immer regungslos in diese tiefen, wundervollen Augen hineinschauen wollen. Es sah aus, als fühle sich der Bräutigam höchst behaglich bei der Schultheißenfamilie. Der Kaffeetisch war abgeräumt, aber er blieb noch eine ganze Weile in eifriger Unterhaltung sitzen. Nicht allein der Schultheiß und seine Frau, sondern auch die beiden Töchter mischten sich in das Gespräch. Anna meinte, sie nähmen ihr den Bräutigam vollständig weg, und mit jeder Minute wurde ihr trauriger und sonderbarer zumut.
Ja, zu denen g'hört er, dachte sie. Aus mir macht er sich nix mehr. Jetzt sieht und merkt er, daß ich nit für ihn pass'. Jetzt bin ich für ihn und für die andern gar nicht mehr vorhanden.
Doch ja, jetzt drehte er sich zu ihr um. Er schlug die Augen auf und warf ihr einen Blick zu, den sie genauso empfand, wie wenn die Sonne plötzlich hinter einer Wolke hervorbricht. Er sagte, er möchte jetzt gern ins Pfarrhaus gehen, ob es nicht sehr weit entfernt sei? – Nein, weit sei es gerade nicht; er müsse nur die Dorfstraße entlang gehen und sich dann links wenden. Es liege eine kleine Strecke nördlich von der Kirche entfernt.
Anna sagte das ziemlich unfreundlich; alle Anwesenden merkten es und sahen sie verwundert und mißbilligend an. Aber sie konnte nicht anders antworten, obgleich sie ganz genau wußte, daß es dem Bräutigam vollkommen ernst war; denn eigentlich hätte er doch, anstatt ins Pfarrhaus zu gehen, ihre Mutter und andere Verwandte aufsuchen sollen.
»Ich dachte, du werdest mir den Weg zeigen«, sagte er.
»O ja, das kann ich woll«, versetzte sie.
Sie wollte sich nicht weigern, denn jetzt wollte er offenbar allein mit ihr reden, um Schluß zu machen. Aber sie konnte nicht freundlich und glücklich aussehen; das Herz lag ihr wie ein toter Klumpen in der Brust, denn er war ja in allem so ganz anders geworden. Die andern, die ihn früher nicht gesehen hatten, konnten freilich nicht merken, wie verändert er war.
Aber es wurde noch schlimmer. Als er schon im Begriff war, hinauszugehen, um seinen Pelzmantel anzuziehen, fiel ihm plötzlich etwas ein. Und da bat er den Schultheiß und seine Frau, ein paar Worte allein mit ihnen reden zu dürfen. Jawohl, sie seien bereit dazu. Sie nahmen ihn in die Amtsstube, während Anna und die Töchter im Eßzimmer zurückblieben. Keines von ihnen sprach ein Wort, aber Anna schien es, als sähen sie sie recht mitleidig an. Sie hätte ihnen gerne gesagt, sie wisse wohl, um was es sich handle, und sie werde es schon verwinden. Es sei gar nicht so schlimm für sie, denn sie könne ja wieder ihren Ranzen auf den Rücken nehmen, falls nichts aus der Heirat werde.
Schultheißens sahen ganz bekümmert und ernst drein, als sie wieder ins Eßzimmer zurückkamen, und das konnte Anna wohl verstehen. Nun hatten sie sie hier im Hause gehabt und sich alle Mühe gegeben, ihr gute Manieren beizubringen, und nun hatten sie erfahren, wie unnötig das alles miteinander gewesen war.
Als Anna und ihr Bräutigam auf die Landstraße hinausgekommen waren, gingen sie so weit wie möglich voneinander entfernt; aber es war erst Ende Februar, und so hatte die Sonne den hohen Schneewällen noch nichts anhaben können; diese lagen noch unberührt an beiden Seiten des Weges da. Der Fahrweg dazwischen war sehr schmal, und es fiel Anna schwer, sich so weit von ihrem Bräutigam entfernt zu halten, wie sie wünschte.
Die Tage waren indes schon recht lang geworden, und es herrschte jetzt noch helles Tageslicht. Eine schmale Mondsichel schaute vom bleichen Himmelsgewölbe herab. Anna meinte, die Sichel dort droben sehe gefährlich scharf und feingeschliffen aus. Ach, das ist wohl die Sichel, mit der mein Glück abgemäht werden soll!
Anna war an Kälte gewöhnt und machte sich sonst nichts daraus, ob es auch noch so kalt war. Aber so bitterkaltes Wetter wie an diesem Abend hatte sie noch nicht erlebt. Bei jedem ihrer Schritte knirschte der Schnee laut unter ihren Füßen, 's ist nit verwunderlich, daß d'r Schnee jammert, dachte sie. 's tut ihm weh, weil alle die Schritt', die auf ihm 'rumtret'n, so kummervoll sind.
Schließlich erreichten sie den Pfarrhof, und da erst brach Karl Artur das Schweigen. »Nun erwarte ich von dir, Anna, daß du dich dem nicht widersetzt, um was ich den Pfarrer bitten will. Du wirst wohl begreifen, daß ich es so einzurichten versuche, wie es für uns beide am besten ist.«
Nein, sie werde gewiß keinen Widerstand leisten, darüber könne er ganz beruhigt sein. Er solle es ganz nach seinem eigenen Wunsche einrichten.
»Ich danke dir für dieses Versprechen«, sagte er.
Hierauf gingen sie in das Studierzimmer des Pfarrers und fanden ihn da an seinem Schreibtisch sitzen. Es war ja Samstagabend, und er war wohl bei seiner Predigt. Er warf auch den beiden, die eben hereinkamen und ihn störten, durchaus keine freundlichen Blicke zu. Der Bräutigam stellte sich vor, und als der Pfarrer hörte, daß es ein Amtsbruder war, der ihn zu besuchen kam, da setzte er gleich ein anderes Gesicht auf.
Anna Svärd war an der Tür stehengeblieben und verhielt sich ganz still, während die beiden Pfarrer die üblichen Reden austauschten. Aber nach einer kleinen Weile trat der Bräutigam zu ihr, nahm sie bei der Hand und stellte sich mit ihr vor dem Pfarrer auf.
»Herr Oberpfarrer«, sagte er, »ich weiß, Ihre Zeit ist sehr besetzt, und ich will daher nicht zögern, Ihnen das vielleicht etwas eigentümliche Anliegen vorzutragen, weswegen ich hierhergereist bin. Es wird Ihnen gewiß nicht schwerfallen, Herr Oberpfarrer, sich in die Gefühle der Liebe und Sehnsucht eines jungen Mannes hineinzuversetzen. Erst am Tage vor meiner Abreise kam mir der Gedanke, welch ein Glück es wäre, wenn ich nicht allein nach Korskyrka zurückkehren müßte, und dieser Gedanke entzückte mich. Aber war eine Möglichkeit vorhanden, ihn in die Tat umzusetzen? Das kleine Heim, das ich für mich und meine Gattin ausersehen hatte, war fast fertig. Gute Freunde versprachen mir, die Maler und Schreiner anzutreiben, damit wir Ende nächster Woche einziehen könnten. Diese Sache braucht also kein Hindernis zu sein.«
Anna Svärd sah, daß des Pfarrers Gesicht einen ganz abweisenden Ausdruck angenommen hatte. Er war gewiß fest entschlossen, Einwendungen zu machen, allein der Bräutigam ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Am letzten Dienstag fuhr ich ab und hätte eigentlich schon am Donnerstag oder Freitag in Medstuby eintreffen sollen, doch ein widriges Schicksal warf alle meine Berechnungen über den Haufen. Ermattete Pferde, dem Trunk verfallene Wagenführer, Eisgang auf den Flüssen haben mein Eintreffen hier bis zu diesem Nachmittag unmöglich gemacht. Aber, Herr Oberpfarrer, soll all dies wirklich diese mir so lieb gewordenen Hoffnungen vernichten können? Der hauptsächlichste Einwand wäre gewesen, daß meine Braut sich schon auf die große Hochzeit gefreut habe, die der Oheim auszurichten versprochen hat. Ich kann diese ihre Freude wohl verstehen. Aber nicht einen Augenblick habe ich daran gezweifelt, daß sie auf ein Gastmahl verzichten will und sofort mit mir ziehen wird. Und so frage ich Sie nun, Herr Oberpfarrer, ob Sie uns morgen nach Schluß des Gottesdienstes in der Kirche trauen wollen?«
Der Pfarrer zögerte ein paar Augenblicke mit der Antwort. Er kannte seine Gemeinde und wußte wohl, wie viele sich schon auf das große Gastmahl freuten, und so fürchtete er, man werde ihn tadeln, wenn er die Änderung billige.
»Meine lieben jungen Freunde!« sagte er. »Wollt ihr nicht den Rat eines alten Mannes befolgen und von dieser Anordnung abstehen? Sie, Herr Magister, werden verstehen, daß hier bei uns von dieser Heirat sehr viel geredet worden ist. Man erwartet nicht, sie werde so ganz unbemerkt und überstürzt vor sich gehen. Man hofft auf ein großartiges Fest.«
Der Bräutigam machte eine abwehrende Bewegung. »Lassen Sie mich vollkommen aufrichtig sein, Herr Oberpfarrer. Sie wissen wohl ebensogut wie ich, was eine großartige Hochzeit heißen will. Völlerei, Schwelgerei, Schlägerei, Unzucht. Die ursprüngliche Veranlassung zu meiner Reise war, dem Gedanken an eine solche Art Fest von Anfang an Einhalt zu gebieten, und ich sehe keinen anderen Ausweg, dieses Ziel auf beste und passendste Weise zu erreichen, als durch den Plan, den ich Ihnen zu entwickeln eben die Ehre gehabt habe.«
Der Pfarrer sah zur Zimmerdecke empor und in der Stube umher, wie wenn er nach einem Ausweg suchte, um diesem eigensinnigen jungen Amtsbruder zu entrinnen. Schließlich fiel sein Blick auf Anna Svärd. Da hellte sich sein Gesicht auf, er meinte offenbar, nun den Ausweg gefunden zu haben.
»Herr Magister Ekenstedt, Sie haben mich noch nicht wissen lassen, wie sich Ihre Braut zu diesen meiner Ansicht nach etwas überstürzten Plänen stellt«, sagte er.
Doch Karl Artur antwortete sofort ohne alles Zögern: »Ehe ich in dieses Zimmer eingetreten bin, hat mir meine Braut versprochen, meine Anordnungen gutzuheißen.«
Mit dem besten Willen konnte Anna Svärd hier eine wenn auch noch so kleine Bewegung des Erstaunens nicht unterdrücken, und das sah der Pfarrer. »Aber du, Anna, bist du dir auch vollständig klar über diese Anordnungen?« fragte er, indem er sich direkt an die Braut wandte.
Tiefe Röte überzog ihr Gesicht. Eines war ihr während der Unterredung jedenfalls ganz klar geworden: Karl Artur wollte sich wirklich mit ihr verheiraten. Sie brauchte keine Angst zu haben. Er hatte sie nicht zu gewöhnlich und bauernmäßig gefunden, er wollte sie nach wie vor zu seiner Frau machen.
Aber gleichzeitig war sie unzufrieden und beunruhigt. Warum hatte er nicht vor allen Dingen sie gefragt, ob sie bereit sei, ihn gleich morgen zu heiraten?
Er hat mich nit gradso lieb wie ich ihn, dachte sie; wenn er mich lieb hätt', würd' er z' allererst mich g'fragt hab'n, wie ich 's haben möcht'.
Wenn sie sich aber auch im tiefsten Innern verletzt und benachteiligt fühlte, so war das eine Sache für sich. Etwas anderes war es, den Bräutigam dem Pfarrer gegenüber nicht im Stich zu lassen, und so sagte sie: »Du wirst woll verstehen, lieber Herr Propst, daß ich bereit bin, ihm in die weit' Welt 'nausz'folgen, wohin 's auch immer gehen mag.«
»Nun, Herr Magister, wenn es sich so verhält, dann steh' ich Ihnen natürlich zur Verfügung«, schloß der Pfarrer.
Inhaltsverzeichnis
Die Reise nach Karlstadt
1
2
3
Pferd und Kuh, Magd und Knecht
1
2
3
4
Die Frau Schultheiß
Die Hochzeit
1
2
Das neue Heim
In der Morgenstunde
Die Erscheinung in der Kirche
Der Sonntagshut
1
2
3
Der Besuch
Das Paradies
1
2
3
4
Der Sündenfall
1
2
Der Schrank
Das Kartenspiel
1
2
3
Die Begegnung
1
2
Der Unglücksfall
1
2
Mamsell Jaquette
Annstu-Lisa
Der Zigeunerbaron
Die Baronin
Der Jahrmarktspfarrer
Die Fahrt
Die Heimfahrt
Der Ehering
Impressum
2
Die Frau Schultheiß saß in ihrer guten Stube mit dem Finger an der Nase, wie sie zu tun pflegte, wenn sie mit irgend etwas zurechtkommen wollte.
Sie hatte Anna Svärd tatsächlich liebgewonnen, und es hatte ihr leid getan, daß das junge Mädchen um die stattliche Hochzeit, auf die es gehofft hatte, kommen sollte. Auch hatte Frau Ryen schon am Samstagabend alle Leute, sowohl die in ihrem eigenen Hause als auch die in Medstuby, in Bewegung gesetzt, um ihr bei der Sache zu helfen. Der Brautstaat, der im Jobshof aufbewahrt wurde, war nachgesehen und aufgeputzt worden, und am Sonntagvormittag war Ingeborg vom Rishof mit ihrer Schwester auf den Schulzenhof gekommen und hatten Anna Svärd nach altgewohnter Sitte in den Brautstaat gekleidet. Der Hochzeitszug, der sich auf dem Hügel vor der Kirche versammelt hatte, war dank den Anstrengungen der Frau Schultheiß recht groß und ansehnlich geworden. Zwei Spielleute waren beim Einmarsch in die Kirche an der Spitze geschritten. Der Schultheiß, Kantor Medberg, Jobs-Erik, Kirchenälteste und Schöffen mit ihren Frauen waren dicht hinter dem Brautpaar gegangen. Dalburschen und Dalmädchen in ihren Festgewändern hatten den Zug beschlossen. Alles miteinander war schön und festlich gewesen. Die allerlängsten Vorbereitungen hätten kaum ein besseres Ergebnis haben können.
Ein Hochzeitsessen im Jobshof hatte allerdings nicht stattfinden können, dafür aber hatte die Frau Schultheiß ein kleines Festmahl bei sich daheim gerichtet. Glücklicherweise hatte sie sich schon im voraus auf ein Zusammensein des Bräutigams mit seinen neuen Verwandten vorbereitet gehabt, so daß sich die Sache ziemlich leicht ausführen ließ. Die Gäste waren ja außerdem lauter kluge Leute, die wohl verstanden, daß es sich nicht um eine üppige Gasterei handeln konnte. Wenn sie aber gewußt hätte, wie langweilig diese Mahlzeit verlaufen würde, ach, dann hätte sie wohl ihre gute Absicht nicht ins Werk gesetzt! Alle, die zu dem Fest kamen, waren sonst recht gesprächige Leute, aber an diesem Abend wußte keines etwas zu sagen. Frau Ryen selbst tat, was sie konnte, und ihr Mann nebst den Töchtern taten auch ihr Bestes. Sogar der Bräutigam strengte sich an, das Gespräch im Fluß zu erhalten; aber es lag etwas Drückendes in der Luft. Die Leute dachten vielleicht an die großartige Hochzeit mit all ihrem Staat und ihrem Vergnügen, deren sie verlustig gegangen waren. Was die Braut betrifft, so unterließ sie es vollständig, irgend etwas zu sagen. Den ganzen Abend hindurch saß sie, die dichten Augenbrauen finster zusammengezogen, still da und starrte immer geradeaus. Sie sah aus wie eine Angeklagte, die auf ihr Urteil wartet.
Dieser Ehestand fängt wirklich nicht gut an, dachte die Frau Schultheiß. Ich möchte wohl wissen, worüber Anna Svärd nachgrübelt. Kann sie wohl darum so niedergedrückt aussehen, weil ihr die große Hochzeit im Jobshofe nicht ausgerichtet werden durfte?
Um die Zeit schneller vergehen zu lassen, hatte sich Frau Ryen an Magister Ekenstedt gewandt und ihn gefragt, ob er nicht eine kleine Rede halten wolle. Er war auch gleich ihrem Wunsche nachgekommen, und jetzt eben hörte sie auch zu. Er sprach gut und fließend; aber Frau Ryen konnte sich nicht verhehlen, daß seine Worte sie erschreckten. Was sagt er denn da? dachte sie. Dieser junge Mann wagt sich bestimmt auf ein Eis hinaus, das nicht fest genug ist, ihn zu tragen.
Sie verwunderte sich immer mehr. Was, um Himmels willen, bedeutet denn das? dachte sie wieder. Will er sein Leben als Jesu Nachfolger in Armut verbringen? Und hat er sich, um dieses durchzuführen, eine Frau gesucht, die von gleicher Gesinnung sei wie er, die den Reichtum verachte wie er auch, die verstehe, daß es kein größeres Glück gäbe, als unter den Mitmenschen die Werke Gottes zu tun?
Frau Ryen, die nur allzugut wußte, daß die junge Braut während der ganzen Zeit ihrer Verlobung von einem Pfarrhof mit Pferd und Kuh, Magd und Knecht geträumt hatte, meinte, es gehe ihr ein Mühlrad im Kopfe herum.
Das ist ein schreckliches Mißverständnis, dachte sie. Anna Svärd weiß von all dem gar nichts. Was soll nur daraus werden?
Je länger sie zuhörte, desto besser verstand sie, was für eine Art von Menschenkind sie vor sich hatte. Meine liebe Anna Svärd ist einem Schwärmer in die Hände gefallen, dachte sie. Er hat sich eine Frau aus dem Bauernstande gewählt, um jemand neben sich zu haben, der an Arbeit gewöhnt ist und das Hauswesen selbst versorgen kann. Er gehört zu jenen jungen Menschen, die nach Bauernart leben wollen. Vornehm zu sein, ist nicht mehr modern.
Sie ließ ihre Blicke von einem zum andern der Tischgenossen schweifen. Was dachte wohl Jobs-Erik, der nie einen Heller unnötig ausgab? Was dachte die alte Berit, die auf Leben und Tod mit der Armut gekämpft hatte? Was dachte Ris-Ingeborg, die jeden Abend mit den Sorgen um ihren Hof einschlief? Und was mochte die junge Frau selbst über diese Verkündigung denken, sie, die drei Jahre lang mit dem Kramsack auf dem Rücken durchs Land gezogen war?
Sie alle sind doch jedenfalls ebenso erschrocken wie ich, dachte sie. Aber sie sitzen ganz gelassen da und tun, als ob es gar nichts Besonderes wäre.
Da ging ihr plötzlich ein Licht auf. Ach, diese Leute nahmen den jungen Pfarrer ja gar nicht ernst! Dieses Reden vom Segen der Armut war etwas, das zu seinem Amt gehörte. Es war eine schöne Rede und erbaulich zu hören; aber keiner von allen den Zuhörern glaubte auch nur einen Augenblick, der Bräutigam werde selbst so leben wollen, wie er predigte. Warum sollten sie sich beunruhigen? Sie wußten ja wohl, daß es arme Pfarrer gab, und keines der Anwesenden bildete sich ein, ein so junger Pfarrer werde schon eine fette Pfarrei bekommen haben; aber trotzdem würde er sicherlich seiner Frau einen größeren Wohlstand bieten können, als diese bisher gewohnt gewesen war. Er war ja besserer Leute Kind, und solche sterben in Schweden niemals Hungers.
Frau Ryen, die ihrerseits begriff, daß es dem Bräutigam ernst war und daß das Leben, das auf seine Frau wartete, hart und anstrengend sein würde, fragte sich, wie sie sich verhalten solle.
Diese beiden Menschen sind ja kaum miteinander zusammengewesen, dachte sie. Und da Anna nicht schreiben kann, haben sie einander auch nicht durch Briefe kennenlernen können. Sie kennen einander noch ebensowenig wie damals, wo sie sich auf der Landstraße trafen. Wäre es nicht klug, der Braut die Augen zu öffnen? Sie ist ein prächtiges Menschenkind, obgleich sie nicht auf der Seite des Entsagens steht. Kann ich sie in ihren Ehestand treten lassen, ohne ihr einen Wink zu geben, was ihrer wartet?
Wie lange sie auch überlegte, schließlich beschloß sie doch, sich nicht in die Sache zu mischen. Wenn die beiden nicht schon Mann und Frau gewesen wären, hätte sie ein Eingreifen für ihre Pflicht gehalten; aber so wie es stand, fand sie es am klügsten, die Eheleute einander selbst zu überlassen.
Als das Festmahl vorüber war, die Gäste abgezogen waren und Frau Ryen mit ihren zwei Töchtern die Braut ins Gastzimmer geleitet hatte, wo das Brautbett bereitstand, kam der junge Ehemann selbst zu der Hausfrau und bat sie um eine Unterredung.
Nach dieser Unterredung, die wenigstens eine halbe Stunde dauerte, ging Frau Ryen in ihr Schlafzimmer und holte ihre Bibel vom Nachttischchen. Mit dieser unter dem Arm ging sie die Treppe hinauf und in das Gastzimmer, wo ihre beiden Töchter Anna Svärd eben von all dem Brautstaat befreit hatten und ihr nun ins Bett halfen.
Frau Ryen sah auf den ersten Blick, daß Anna Svärd noch immer mit dicht gerunzelten Brauen und unergründlichem Blick irgendeinem furchtbaren Unglück entgegenzustarren schien. Als sie nun die Frau Schultheiß mit der Bibel unter dem Arm eintreten sah, nickte sie mehrere Male bedeutungsvoll, wie wenn sie sagen wollte: Nun bekomm' ich doch recht. Auf dies hab' ich schon den ganzen Abend gewartet.
Die Frau Schultheiß beeilte sich durchaus nicht. Sie putzte das Licht, schickte die Töchter zu Bett, setzte ihre Brille auf und blätterte in ihrer Bibel. Als sie die gesuchte Stelle gefunden hatte, sagte sie zu Anna, es seien da einige Verse, die sie ihr jetzt, wo sie in die Ehe trete, gern vorlesen möchte.
Anna Svärd setzte sich im Bett auf und faltete die Hände. Ganz sicherlich fand sie das Vorlesen aus der Bibel höchst unnötig. Es sollte ja gewiß nur eine Einleitung zu etwas Schwerem sein, das ihr nun mitgeteilt würde, und sie wäre am liebsten des Wartens überhoben gewesen.
Frau Ryen fing an, aus dem dreizehnten Kapitel des ersten Briefes an die Korinther vorzulesen:
»Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht.
Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden.
Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit.
Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.«
Frau Ryen, die vielleicht an ihren eigenen Hochzeitsabend dachte, las die wunderbaren Worte mit gerührter Stimme, und Anna Svärd wurde unwillkürlich mit fortgerissen. Was da vorgelesen wurde, war wie aus ihrem eigenen Herzen heraus gesprochen. Noch nie hatte sie etwas aus der Bibel gehört, was so richtig und wahr gewesen wäre.
Als Frau Ryen geendet hatte, wiederholte Anna Svärd den letzten Vers vor sich hin.
»Willst du es vielleicht noch einmal hören?«
»Ja«, antwortete die Braut, und sie sagte das Wort nur flüsternd, so gerührt war sie.
Jetzt waren ihre Brauen nicht mehr so stark gerunzelt, und ihre Augen sahen weniger starr aus. Frau Ryen fing an zu hoffen, daß sie sich ihres Auftrages ohne allzu heftigen Widerstand entledigen könnte.
Sieh, sieh, dachte Frau Ryen, Anna Svärd ist weit davon entfernt, dumm zu sein. Sie hat vorhin ihres Mannes Rede mit angehört und versteht vielleicht schon, wie alles zusammenhängt.
Nachdem sie die schönen Worte über die Liebe noch einmal vorgelesen hatte, legte sie die Bibel weg.
»Wenn es sich nun zeigen sollte, daß nicht alles so für dich wird, wie du erwartest, dann denk an diese Worte!« sagte sie.
Die tiefen, schwermütigen Augen richteten sich auf Frau Ryen. Diese Äußerung konnte vielleicht nur als eine passende Ermahnung an eine neuverheiratete Frau gemeint sein. Aber sie konnten auch eine Einleitung zu dem Schrecklichen sein, das kommen mußte. Und die Frau Schultheiß beeilte sich auch, eine Erklärung zu geben.
»Siehst du, Anna, ich meine, wenn man jemand mit der rechten Liebe liebhat, dann kümmert man sich nicht darum, wie man es in weltlicher Beziehung bekommt. Pferde und Kühe, Mägde und Knechte, sie sind's ja nicht, die man heiraten soll.«
Frau Ryen fand Anna Svärds Benehmen höchst sonderbar. Eine Andeutung, wie die eben ausgesprochene, hätte ja die schrecklichste Unruhe bei ihr hervorrufen müssen. Aber Anna sagte weder ein Wort, noch machte sie eine Bewegung. Frau Ryen mußte also nach weiteren Erklärungen greifen.
»Mein Kind, du darfst nicht denken, ich mische mich ungebeten in deine Angelegenheiten. Eben vorhin, nachdem du schon hier heraufgegangen warst, kam dein Mann zu mir und redete ganz offen mit mir darüber, wie ihr es in Zukunft haben solltet. Ich fragte ihn, ob du wirklich all dies wüßtest, und er antwortete mir, du habest es vom ersten Augenblick an gewußt.«
Diesmal drangen wirklich ein paar Worte über Anna Svärds Lippen. »Was hätte ich denn wissen sollen?« fragte sie. Aber der Ton ihrer Stimme war vollständig gleichgültig. Das Entsetzliche, worauf sie wartete, hatte offenbar damit nichts zu tun.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.