Kitabı oku: «Berg and Breakfast»
Zum Buch:
Auf, in die Alpen! Genüsslich wandern, wellnessen, Ski fahren oder Gipfel erklimmen: Es könnte so schön sein, wenn nicht überall Touristen wären. Entlegene Berggebiete wiederum leben von ihnen. Mahlknecht stellt sich in ihrem Essay diesem Dilemma. Sie analysiert die unstillbare Sehnsucht nach dem Reisen – ohne erhobenen Zeigefinger: Welchen Widrigkeiten des Alltags versuchen wir zu entfliehen? Wie geht es denen, die dort leben, wo andere Urlaub machen? Lässt sich heute noch ethisch vertretbar reisen?
Es liegt an uns, den Tourismus der Zukunft mitzugestalten!
» amüsant, pointiert, anregend
» erhellende Einsichten, kluge Denkanstöße
» notwendige Reflexionen, die uns alle betreffen
Selma
Mahlknecht
BERG
AND
BREAK- FAST
Ein Panorama
der touristischen
Sehnsüchte
und Ernüchterungen
Mit Illustrationen von Armin Barducci

Inhalt
Vorwort: Berge um uns, Berge in uns
oder: Der erbärmliche Anblick der Alpen
Alpenblick
Mythos Berg
1Magical Mystery Mountain
oder: Thronen wie Gott in Frankreich
2Der Gipfel der Läuterung
oder: Petrarca besteigt einen Berg und erfindet den Alpinismus
3Der Gipfelsturm als Schwergeburt
oder: Gondeln gilt nicht!
4Einrichten und zurichten
oder: Der dressierte Berg
5In und aus der Welt
oder: Sieh, das Ferne liegt so nah
Wilder Kaiser
Menschen auf Reisen
1Bei den Ägyptern hätte es das nicht gegeben
oder: Reisen als moralischer Imperativ
2In der Maske des Touristen
oder: Arm der Mensch, der Urlaub nötig hat
3Der überforderte Überforderer
oder: Herr und Frau Tantalos unterwegs
4Qualitätstourismus für Qualitätstouristen
oder: Der Gast als Feudalherr
5Ein Bild von einem Urlaub
oder: Ausstrahlung to go
Goldene Gans
Arbeit am Gast und Gastarbeit
1Tourismus als Bauerntheater
oder: Geteiltes Leid ist doppelte Freude
2Tourismus als Motor der Emanzipation
oder: Am Beispiel meiner Großmutter
3Sloweninnen im Dirndl
oder: Arbeit am Gast als Gastarbeit
4Der gastronomische Blick
oder: Genug ist nicht genug
5Die Riesenmaschine
oder: Von Wurzeln und Pilzen
Tyroler Hof
Im Schatten der „Piefke-Saga“
1Wer braucht die Piefkes?
oder: Das Erbe einer Kultserie
2Wo deutsche Eichen stehen
oder: Der Tourismus als Retter des „Deutschtums“ in Südtirol
3Identitätssuche zwischen Vereinnahmung und Abgrenzung
oder: Sag mir, wer ich sein soll, und ich sag dir, wer ich bin
4Raus aus der Touristenfalle!
oder: Der (Alb)Traum vom Leben, wo andere Urlaub machen
5Fifty Shades of Alpine Living
oder: Von Zombies und Raufußhühnern
Panorama
Die weiteren Aussichten
1Der perfekte Sturm
oder: Die Corona-Pandemie und ihre Folgen
2Das Ende der Scham
oder: Von Heuschrecken und Hamsterkäufern
3Wollt ihr den totalen Urlaub?
oder: The Algorithm of Life
4Touricultura Oeconomica
oder: Die Mär vom sanften Tourismus
5Viertelstundenstädte und Halbjahrestouristen
oder: Nie wieder Urlaub!
Nachwort: Berge versetzen
oder: Die Angst ums Schnitzel
Zu guter Letzt
Dank
Die Autorin
Gottfried Benn, Reisen
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?
Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an –
ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.
Über dieses Buch
Der Tourismus ist ein ewiges Dilemma. Seine Widersprüche, seine Doppelbödigkeit, seine Präpotenz fordern heraus. Es ist leicht, ihn zu verdammen. Aber es ist schwer, ihm gerecht zu werden. Dieses Buch unternimmt den Versuch, ihn zu umzingeln. Auf fünf Pfaden nähere ich mich diesem kuriosen Ungetüm, das manchmal zahm und harmlos wirkt und manchmal alles zu verschlingen scheint. Ich untersuche den Mythos Berg, frage danach, warum Menschen auf Reisen gehen, schaue mir die Seite der Gastgeber an und erkunde, was es bedeutet, dort zu leben, wo andere Urlaub machen. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf die nächsten Entwicklungen der Tourismusindustrie, die gerade erst begonnen haben und dabei sind, Fahrt aufzunehmen.
Am Ende jedes Themas stelle ich eine Expertin oder einen Experten vor, die als Forschende und/oder als Praktiker jahrelange Erfahrungen auf dem von mir zuvor behandelten Gebiet gesammelt und ihre Einsichten im Rahmen eines Gesprächs mit mir geteilt haben. Ihre Stimmen bilden eine Ergänzung, manchmal auch einen Widerspruch zu meinen eigenen Überlegungen und Überzeugungen – und weiten damit den Blick auf andere Perspektiven.
So wird dieses Buch selbst zur Reise, zu einer Tour d’Horizon über ein schier unerschöpfliches Thema mit seinen Glanzpunkten und Abgründen.
Um festes Schuhwerk wird gebeten.
Vorwort
Berge um uns, Berge in uns oder: Der erbärmliche Anblick der Alpen
Vielleicht ist Sesshaftigkeit ein Irrtum. Vielleicht liegt tief in unserem Erbgut verankert ein Gen-Baustein, der uns unstet macht, rastlos, zu Wanderern. Einer, der uns immer dann, wenn wir stillzustehen drohen, als Unruhe ins Herz sticht, als unbestimmte Sehnsucht nach dem Anderswo.
Ich komme aus den Bergen. Wie viele, die aus den Bergen kommen, bin ich ein Heimweh-Mensch. „Ihr Südtiroler, ihr habt ein ganz besonderes Heimweh“, hat einmal ein Wiener Mitstudent zu mir gesagt. Vielleicht ist es aber gar nicht Südtirol, wonach wir Heimweh haben. Vielleicht sind es einfach die Berge. Denn Heimweh, das können auch die Menschen in Graubünden, wo ich seit vielen Jahren lebe, sehr gut. „Heimweh-Bündner“, das ist ein Wort, das in der ganzen Schweiz verstanden wird. Wir Heimweh-Bergler gelten als besonders sesshaft, tief verwurzelt, bodenständig – im günstigen Fall. Die Kehrseite ist eine gewisse Unflexibilität, Starrköpfigkeit, Rückwärtsgewandtheit, die uns nachgesagt wird. Wir stehen mit beiden Beinen fest im heimischen Misthaufen, wortwörtlich und im übertragenen Sinn, so stellen sich das viele vor.
Dabei wird eines übersehen: Wer in den Bergen lebt, muss sich bewegen. Von einem Dorf zum nächsten, von einem Tal ins nächste, hin zu den Städten, wo die Bildungseinrichtungen, die Arbeitsplätze, die Krankenhäuser sind. Das romantische Bild vom knorrigen Hutzelmännchen, das auf dem Balkon seines Bergbauernhöfchens sitzt und Pfeife schmauchend ins Alpenglühn schaut, ist nicht von vorgestern, sondern von vorvorgestern und hat wahrscheinlich sogar damals nicht immer gestimmt. Als Kind aus Plaus, in den Achtzigerjahren ein 300-Seelen-Dörfchen, musste ich mich früh ans Wandern gewöhnen. Der Bus brachte uns Kinder zuerst nach Naturns, dann nach Meran in die Schule. Die Universität besuchte ich in Wien. Das Wieder-Heimkommen dauerte länger und länger. Das Ankommen gelang irgendwann nicht mehr. Empfand ich mich als Migrantin? Nein, denn jeden Aufenthalt, sogar den über mehrere Jahre, verbuchte ich als „vorläufiges Nicht-zu-Hause-Sein“. Fünf Jahre Wien. Zwei Jahre Chur. Neun Jahre Zernez. Allesamt gefühlte Zwischenstationen, obwohl ich mittlerweile nicht mehr weiß, zwischen was.
Das Heimweh bleibt. Wonach? Ist es überhaupt noch ein „Heim“weh? Oder ist es schleichend in dieses unbestimmte Fernweh übergegangen, das uns zu Reisenden macht, zu Suchenden? Denn wer reist, begibt sich auf die Suche. Nach dem Unbekannten, sagen die einen. Nach dem Versprochenen, sagen die anderen. Nach dem Anderen, auf jeden Fall. Doch das Andere, das wir in der Fremde suchen, braucht, um uns zu beglücken, auch ein Quantum Vertrautes. Unser jeweiliger Aufenthaltsort ist ein Spiegel, in dem wir uns selbst sehen wollen – eingebettet in einen anderen Rahmen. Wer bin ich, wenn ich in der Welt bin?
Sehr treffend heißt ein Buch des italienischen Journalisten Marco D’Eramo daher „Die Welt im Selfie“: Die Schauplätze wechseln, werden zu austauschbaren Hintergründen. Das Ich ist der Angelpunkt, um den sich die Welt dreht. Was nach einer narzisstischen Behauptung klingt, ist in Wahrheit eine bittere Erkenntnis: Viele brechen auf, um sich selbst zu entfliehen. Doch die Flucht aus der Welt endet immer in der Welt – und das Ausbrechen aus dem Ich wirft das Ich auf sich selbst zurück.
In diesen scheinbaren Widersprüchen bewegen wir uns, wenn wir auf Reisen gehen. Vielleicht ist deshalb das Ankommen schwierig, und vielleicht ist das die Quelle des Wehs, ob nach dem Heim oder nach der Ferne. Wer bin ich also, wenn ich in der Welt bin? Die Konstante. Die Unentrinnbarkeit des eigenen Ichs ist gleichzeitig kränkend und tröstlich. Geborgenheit finden wir letztlich nur in dem, was Bestand hat.
Für uns Menschen der Alpen ist der Inbegriff des Beständigen: der Berg. Unverrückbar und unübersehbar behauptet er sich im Landschaftsbild, gibt Orientierung, Ausrichtung, Halt. Man kann ihn ersteigen oder unterwandern, ihn stürmen oder ihm den Rücken kehren. Bezwingen kann man ihn nie. Möglich, dass wir ihn damit zu unserem Alter Ego mystifizieren, zum Unentrinnbaren, Schicksalshaften. Möglich, dass wir deswegen nicht von ihm loskommen, wir Bergler nicht, aber auch alle anderen nicht, die die Sehnsucht in die Berge führt.
Wer über den Tourismus in den Alpen schreibt, muss daher bei ihnen beginnen, bei den Bergen. Denn die Alpen, das hat schon Loriot festgestellt, bieten einen ganz erbärmlichen Anblick, wenn man sich die Berge wegdenkt.


ALPENBLICK
Et eunt homines mirari alta montium et ingentes fluctus maris et latissimos lapsus fluminum et oceani ambitum et gyros siderum, et relinquunt se ipsos.
(Und es gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu sehen und die gewaltigen Fluten des Meeres und die breit dahinfließenden Ströme und die Weite der Ozeane und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.)
Augustinus, Confessiones X, 8
1
Magical Mystery Mountain
oder: Thronen wie Gott in Frankreich
Über Jahrtausende der Menschheitsgeschichte hinweg waren Berge vor allem eins: hinderlich. Sie versperrten den Weg, machten das Reisen umständlich und mühsam, zu einer beschwerlichen, gefährlichen Angelegenheit. Davon kann nicht nur die Gletschermumie Ötzi ein tiefgefrorenes Liedlein singen. Wie viele Elefanten starben bei Hannibals Überquerung der Alpen? Freilich, irgendwie musste man drüber, wenn man von Norden nach Süden, von Süden nach Norden wollte, Handel treiben, frohe Botschaften bringen, sich zum Kaiser krönen lassen oder auf irgendeine andere Weise sein Glück versuchen. Angesichts schlecht befestigter Saumpfade, rascher Wetterwechsel und unbefriedigender Gasthausdichte dürfte sich das Verkehrsaufkommen auf den Bergpässen allerdings in Grenzen gehalten haben.
Doch nicht nur für Reisende waren Berge herausfordernd. Auch für die Sesshaften war das Dasein an den steilen Hängen, auf denen ein paar Ziegen herumsprangen und nicht viel wuchs, ein ständiger Kampf. Freilich enthielt mancher Berg auch wertvolle Erze, Edelmetalle und Salz, die man auszubeuten trachtete – für die zahllosen Kinder und Erwachsenen, die man tief in die Eingeweide des Berges schickte, um dort Eisen, Silber, Salz und dergleichen abzubauen, blieben jedoch meist nur ein karges Auskommen und ein zerschundener Körper.
Waren des Berges Tiefen düster und gefährlich, so waren des Berges Höhen erst recht lebensfeindlich. Am angenehmsten lebte es sich auf halber Höhe über den Sümpfen des Tales und unter der zerklüfteten Ödnis der Felsen, wo Steilacker, Wald und Weide noch einiges hergaben und der Berg frische Wasserquellen, Schutz vor äußeren Bedrohungen und schöne Aussichten bot. Über der Waldgrenze, in der Nähe der Gipfel wohnten die Winde und der ewige Winter, dorthin verirrte sich kaum ein Mensch. Kein Wunder, dass man in den schroffen Felsen dämonische Wesen vermutete, Riesen, Zwerge, Geister, die mit den Menschen Schabernack trieben, sie in die Irre führten, in Abgründe stürzten, aber manchmal auch reich beschenkten.
Berge bergen – Geheimnisse, Schätze, das Göttliche. In ihrer Geborgenheit konnte man sich sicher fühlen, fern aller irdischen Verblendungen, dem Ewigen nahe. Vom holden Musenhort des Parnass zu den entfesselten Hexentänzen des Blocksbergs ist es freilich nur ein kleiner Schritt. Die Nymphen, Faune, Geister und Dämonen, die man in den Höhen vermutete, waren im gleichen Maße bezaubernd und beängstigend wie die belebte Natur, der man sie zuordnete. Über allen Wolken aber, dem Blick der Menschen entrückt, weilten die Unsterblichen. Der Berggipfel als Sitz der Götter ist eine Vorstellung, die nicht nur die alten Griechen kannten. Kann es einen majestätischeren Thron geben, von dem aus man auf die Welt hinabblickt? Wo aber die Götter thronen, da ist für den Mensch kein Aufenthalt. Heilige Berge galten (und gelten teilweise bis heute) als unbetretbar, verboten, zumindest den Uneingeweihten. Für Rituale und Zeremonien konnte man die mystischen Orte aufsuchen, aber auch dann nur nach sorgfältiger Vorbereitung und nur, wenn man wahrhaftig würdig war. Eremiten lebten ihr asketisches Leben in Berghöhlen, Klosterbrüder zogen sich in die steinerne Wüste zurück, um Gott zu schauen, doch unbedarfte Laien, oft vor allem Frauen, mussten dem heiligen Bezirk fernbleiben.
Bis heute gibt es weltweit Pilgerstätten auf Bergeshöhen, die unzählige Heil und Heilung Suchende anziehen. Längst ist aus der persönlichen spirituellen Reise selbst in entlegenen Winkeln der Erde eine durchorganisierte und kommerzialisierte Industrie geworden, Wanderhändler und Rastlokale verkaufen bis knapp vor der Erleuchtung Wegzehrung, Ausrüstung, rituelle Gegenstände. Doch auch jenseits dieser sakralen Bezirke umgibt die Berge eine Aura des Majestätischen, Weihevollen, Überirdischen. Instinktiv fühlen wir, dass wir uns in eine entrückte, magische Sphäre begeben, wo das Göttliche gegenwärtig ist, bereit, zu segnen oder zu zerschmettern. Der Mensch schrumpft angesichts der Naturgewalt zum Stäubchen zusammen, den Elementen ausgeliefert, dem Unberechenbaren. Er erlebt sich als unbedeutend und endlich, zugleich aber auch als in etwas viel Größeres eingebunden – eine geradezu transzendente Erfahrung. An seine Grenzen zu gehen, einen Teil der Kontrolle abgeben zu müssen, sich einer höheren, ungreifbaren Macht auszuliefern und sich zugleich auf eine Art zu spüren, wie es im sicheren Bereich der eigenen Komfortzone nie möglich wäre, darin liegt denn auch ein beträchtlicher Teil der Faszination, die uns in die Berge treibt.
Das Gefühl, dem Heiligen zu begegnen, ist auch heute noch tief in uns verwurzelt, und es schwingt jedes Mal unausgesprochen mit, wenn wir über die Berge sprechen. Dabei kann man die freizeittauglich gemachten Berge unserer Zeit nicht mit den schroffen, abweisenden Gebirgen vergangener Tage vergleichen. Wer heute in Turnschuh und T-Shirt losmarschiert, der kann sich auf bequeme Seilbahnen und wanderfreundliche, gesicherte Wege freuen, ausgeschildert und mit Zeitangaben versehen. Es winken Einkehrmöglichkeiten und Unterstände, und für den schlimmsten Fall steht der Helikopter der Bergrettung bereit. Aus dem gefährlichen, strapaziösen Geschäft der Bergüberquerung ist betreutes Wandern geworden. Sogar im Himalaja führt ein Schritt für Schritt vorbereiteter Weg mit Seilen, Leitern, Sauerstoffflaschen aufs Dach der Welt, und die Minuten des Gipfelsiegs sind gezählt und durchgetaktet, damit alle Wandergruppen rechtzeitig abgefertigt werden können.
Haben die Berge dadurch ihre Aura, ihre Magie verloren? Sind sie durch das Gewusel der Wanderwütigen entweiht, gar geschändet? Immer wieder hört man diesen Vorwurf von unterschiedlichen Seiten. Schon der Dichter Rainer Maria Rilke klagte, „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“.
Schulden wir den Bergen mehr Ehrfurcht? Sind wir überheblich geworden? Haben wir aus der Naturgewalt einen Lunapark gemacht? Der sprichwörtliche Wanderer in Flipflops ist zur Ikone des Leichtsinns geworden, mit dem wir uns dem Berg nähern. Kann ja nichts schiefgehen, irgendwer holt uns da schon raus.
Doch ein Restrisiko bleibt. Noch immer kann man sich im Gebirge Arme, Beine und den Hals brechen, noch immer kann man sich verirren, vom Steinschlag getroffen werden, abstürzen, erfrieren. In der Todeszone des Everest steigt man an Leichen vorbei, und auch der stolze Preis von mehreren Zehntausend Dollar für die Teilnahme an der Expedition gibt keine Garantie auf eine sichere Rückkehr. Nein, es ist weder schiere Vergnügungssucht noch eine Laune, die den Menschen in die Berge treibt. Es gibt bequemere Wege von Norden nach Süden, es gibt angenehmere Arten des Zeitvertreibs, es gibt risikoärmere Sportarten.
Warum also faszinieren uns die Berge, warum streben nach wie vor und immer mehr Menschen den Gipfeln zu? Wegen des Naturerlebnisses? Der schönen Aussicht? Oder weil es zur Sucht wird, nach und nach? Alle diese Gründe mögen eine Rolle spielen. Trotzdem glaube ich, dass der Hauptantrieb nach wie vor derselbe ist: Wir gehen in die Berge, um dem Göttlichen zu begegnen – und uns selbst.
Zum Beweis rufe ich in den Zeugenstand: Francesco Petrarca und Dante Alighieri.

2
Der Gipfel der Läuterung
oder: Petrarca besteigt einen Berg und erfindet den Alpinismus
Francesco Petrarca, der große italienische Dichter des 14. Jahrhunderts, ist wohl den meisten zusammen mit Dante Alighieri und Giovanni Boccaccio als Teil der toskanischen Poeten-Triade des „Aureo Trecento“ bekannt. Er ist Autor zahlreicher Sonette, deren Form nach ihm benannt ist und von denen sich viele um eine ins Mythische überhöhte Schönheit namens Laura ranken. Petrarca gelingt es dabei meisterlich, die Natur als Kulisse seiner Seufzer, als Sichtbarwerdung seiner inneren Turbulenzen zu inszenieren.
Es ist ein wiederkehrender Topos der Literatur, dass Phänomene der Natur als Spiegel- bzw. Gegenbild einer seelischen Befindlichkeit dargestellt werden. Es ist daher oft nicht zu entscheiden, ob ein Dichter in seinen Werken von einer tatsächlichen Naturbeobachtung ausgeht oder aus einer Seelenstimmung das Naturbild entwirft. Meistens ist das für das Verständnis des literarischen Textes auch unerheblich. Verba volant und Papier ist geduldig – dass man Worte oft nicht wörtlich nehmen muss, ist uns bewusst. Wir rechtfertigen ja selbst sachliche Ungenauigkeiten gerne mit dem Begriff der „dichterischen Freiheit“ und nehmen diese auch in eigener Sache reichlich in Anspruch, wenn wir von unseren Abenteuern erzählen.
Wie verhält es sich nun mit einer der berühmtesten Episoden aus Petrarcas Leben, nämlich der selbsterklärten Erstbesteigung des 1.909 Meter hohen Mont Ventoux in Südfrankreich? In einem in lateinischer Sprache verfassten und von Experten auf 1352/53 datierten Brief an seinen Freund Dionigi di Borgo San Sepolcro schildert Petrarca diese Expedition, die er um das Jahr 1335 herum zusammen mit seinem jüngeren Bruder Gherardo durchgeführt haben will. Dabei gerät alles zum Omen, zur symbolisch aufgeladenen Begebenheit. Der Berg ist sturmumtost, der Weg steil und steinig. Gherardo, der jüngere, unbeschwerte Wanderer, der sich früh für ein geistliches, Gott zugewandtes Klosterleben entschieden hat, steigt leichtfüßig voran. Francesco, gedankenschwer und an weltliche Güter gefesselt, kommt nur mühselig vorwärts. Immer wieder muss er innehalten und seine Kräfte sammeln. Dennoch gelingt den Brüdern gemeinsam der Aufstieg zum Gipfel. Dort angelangt, schlägt der Dichter sein geliebtes Buch „Confessiones“ aus der Feder des Kirchenlehrers Augustinus auf, auf das er offensichtlich auch auf der Bergtour nicht verzichten wollte. Die Fügung – oder Petrarcas Erfindungsgeist – will es, dass das Buch sich an einer Stelle öffnet, an der zu lesen ist: Et eunt homines mirari alta montium et ingentes fluctus maris et latissimos lapsus fluminum et oceani ambitum et gyros siderum, et relinquunt se ipsos.
Übersetzt lautet der Satz: „Und es gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu sehen und die gewaltigen Fluten des Meeres und die breit dahinfließenden Ströme und die Weite der Ozeane und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“ Nun bedeutet „relinquere“ freilich nicht wörtlich „vergessen“, sondern genaugenommen „verlassen“ oder „zurücklassen“. Damit knüpft das „relinquunt“ an das „eunt“ vom Satzanfang an: Die Menschen gehen fort (um Berge, Ströme, Ozeane usw. zu betrachten) und verlassen dabei sich selbst.
Im Kontext seiner Bergbesteigung kommt Petrarca also zum Schluss: Das letzte Ziel der Reise kann nicht die Selbstvergessen- heit, das Außer-sich-Geraten, das Nicht-bei-sich-Sein des Reisenden sein, vielmehr muss der Weg, um vollendet zu werden, letztlich ins Innere zurückführen. Nur so wird das Naturerlebnis zu einer geistig erfüllenden Erfahrung transformiert.
Doch hat Petrarcas Bergabenteuer überhaupt stattgefunden? Oder ist der Aufstieg zum Gipfel einfach nur eine sehr anschauliche Metapher für die innere Suche nach dem Göttlichen? Ich habe es schon geschrieben: Das ist schwer zu entscheiden. Tatsache ist: Manchen gilt Petrarca aufgrund seiner Reisebeschreibung als „Vater der Bergsteiger“ und gar als „Erfinder des Alpinismus“. Ob zu Recht oder Unrecht, spielt dabei nicht einmal eine Rolle. Viel wesentlicher ist, welche Weltanschauung sich darin offenbart, wenn ein geradezu metaphysisches Erlebnis zur Geburtsstunde einer Bewegung mystifiziert wird. Der Bergsteiger ist somit nicht etwa jemand, der einfach gerne aufwärts über Stock und Stein geht und am Ende von oben runterschaut. Seine Wanderung ähnelt jener legendären ersten Bergbesteigung Petrarcas, wird zur spirituellen Reise, die im Idealfall zur Begegnung mit dem Göttlichen, zur Katharsis führt – vorausgesetzt, man hat ein gutes Buch dabei.
Bergsteigen zur Seelenläuterung? Ist das nicht etwas hoch gegriffen?
Man muss nicht weit suchen, um einen weiteren Beweis für diese These zu finden. Petrarcas zeitlicher Vorgänger Dante Alighieri ist den meisten mit seiner „Divina Commedia“ ein Begriff. Weniger bekannt ist, dass dieses zwischen 1307 und 1321 entstandene Werk sich keineswegs in der als autobiographisch dargestellten Schilderung einer Reise ins Inferno erschöpft. Der gewaltige Höllentrichter, in den Dante mit seinem Begleiter Vergil im ersten Teil hinabsteigt, findet im zweiten Teil der Commedia seine Entsprechung in einem ebenso großen Berg, dem Purgatorio oder Fegefeuer, den Dante hinaufsteigen muss. Dieser „Läuterungsberg“ führt über sieben „Terrassen“, die jeweils eine reinigende Aufgabe haben, hinauf zum irdischen Paradies: Dort angelangt und von der Last aller Sünden befreit, kann Dante im dritten Teil zu den Sternen fliegen.
Die Ähnlichkeiten zwischen Dantes fiktionaler Besteigung des „Läuterungsbergs“ und Petrarcas angeblicher oder tatsächlicher Besteigung des Mont Ventoux sind unübersehbar. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich Petrarca zur Schilderung seiner Katharsis nicht einer offensichtlich erfundenen Natur bedienen muss – an die Stelle der rein symbolischen Landschaft tritt eine reale Landschaft, die symbolisch aufgeladen wird. Indem er seine Geschichte im Gegensatz zu Dante im Bereich des Möglichen ansiedelt, öffnet Petrarca neue Deutungsspielräume. Vor allem stellt er es uns frei, seine Reise nachzuvollziehen und uns selbst auf den Weg zum Mont Ventoux zu machen. Er ist damit vielleicht tatsächlich der erste alpinistische Influencer.
So oder so: Wir können festhalten, dass bereits im Mittelalter, Jahrhunderte vor dem Aufkommen des Alpinismus, der Erzählrahmen für das Bergerlebnis abgesteckt war. Und dieser Rahmen gilt bis heute: Wer sich den schroffen Felsen stellt, den eisigen Höhen, dem majestätischen Massiv, der begibt sich auf eine spirituelle Reise, in der Muskelkraft und körperliche Fitness nur eine Nebenrolle spielen. Gefordert sind die mentale Stärke, mithin der Charakter und die Persönlichkeit, die im Zuge des Bergerlebnisses eine Transformation, möglicherweise sogar eine Läuterung durchlaufen und das Göttliche erfahren. So erzählen wir es uns wieder und wieder, und ich vermute, dass vielleicht nicht alle, aber doch die meisten, die mit Funktionsjacken und moderner Ausrüstung die gesicherten Wege hinaufwandern, diesem inneren Drehbuch folgen. Kommen sie tatsächlich geläutert zurück? Sie wollen es zumindest glauben. Und auch im Alpen-Tourismus ist nichts so mächtig wie der Placebo-Effekt.
3
Der Gipfelsturm als Schwergeburt
oder: Gondeln gilt nicht!
Wie wir etwas erleben, hängt stark davon ab, wie wir davon erzählen. Das scheint zunächst paradox, doch wenn wir uns klarmachen, dass Erlebnisse einerseits im Vornhinein phantasiert und andererseits im Nachhinein mystifiziert werden, ergibt das durchaus Sinn. Nur sehr selten stürzen wir uns wirklich blindlings in ein Abenteuer; im Großteil der Fälle haben wir tradierte Vorstellungen bei der Hand, die uns einen Leitfaden darüber geben, wie wir das Durchzumachende bewerten sollen. Meistens werden uns diese Vorstellungen in Form von – eben nachträglich mystifizierten – Bildern geliefert, die uns das Unfassbare des Noch-nicht-Erlebten zumindest visuell fassbar machen sollen. Imagination – in diesem Wort steckt der Begriff „Imago“ für Bild – ist hier der Schlüssel. Wir imaginieren, was uns bevorsteht, und wenn wir es dann erleben, versuchen wir, das vorgeformte Bild mit dem tatsächlich Erlebten in Einklang zu bringen.
Das gilt, wie wir gesehen haben, auch und gerade für unsere Vorstellung, was Bergsteigen bedeutet. Ob wir uns die angebotenen Bilder aneignen wollen oder nicht, hängt wiederum von der Vereinbarkeit des eigenen und fremden Bildrepertoires ab.
Ein Aha-Moment in dieser Hinsicht war für mich eine Diskussion mit einem befreundeten Ehepaar, das kurz vor der Geburt seines ersten Kindes stand. Ich fragte arglos nach, ob die Frau in Erwägung ziehe, den Geburtsvorgang durch schmerzlindernde Mittel zu unterstützen. Die geradezu empörte Reaktion kam für mich völlig unerwartet. Niemals käme sie auf so eine abstruse Idee, wurde ich belehrt. Eine Geburt sei wie Bergsteigen. Nur wenn man aus eigener Kraft zum Gipfel gelangt sei, könne man die Aussicht wahrhaft genießen. Wer die Seilbahn nehme, könne die tiefere Bedeutung des Aufstiegs nicht nachvollziehen. Liebe Leserinnen und Leser, ihr seht: Wir waren wieder bei Petrarca.
Ich wandte – nun freilich schon deutlich eingeschüchtert – ein, dass man die Geburt des Kindes doch nicht als Höhe- und Endpunkt des Weges betrachten könne, da der Weg hier doch eigentlich erst anfange. Und an eine Seilbahn (im Sinne einer medikamentösen Unterstützung des an seine Grenzen stoßenden Körpers) sei von da an nicht mehr zu denken. Das wollten unsere Freunde nicht gelten lassen. Die Geburt, beharrten sie, sei der Gipfel und basta.
Ich sagte nichts mehr. Allerdings war ich doch sehr beeindruckt, was die Macht eines Bildes ausrichten konnte. In meinem Kopf ging es freilich weiter. Ich stellte mir vor, wie die frischgebackene Mutter mit ihrem Neugeborenen auf dem Gipfel steht, sturmumtost, abgekämpft, erschöpft. Und jetzt? Lang kann man sich auf einem Berggipfel nicht aufhalten, um das Panorama zu genießen, man muss auch wieder runter. Das war in der Geburt-als-Gipfelsturm-Phantasie allerdings nicht vorgesehen. Mich erstaunt bis heute, dass diese löchrige Metapher tatsächlich so wirkungsvoll war, dass mit ihr im Hintergrund der Einsatz von Schmerzmitteln unter der Geburt als völlig inakzeptabel angesehen wurde.
Was hat das nun mit dem Thema des Bergtourismus zu tun? Doch einiges.
Wenn das Gebären eines Kindes mit dem Besteigen eines Berges verglichen werden kann, gilt das dann auch umgekehrt? Ist der Gipfelsturm eine Art Geburt?
Mit Petrarca könnte man sagen: ja, zumindest im Sinne einer spirituellen Wiedergeburt. Wobei, und das zeigt mein obiges Beispiel auch, es eine wesentliche Rolle spielt, wie man an das Ziel gelangt. Da gibt es nämlich offensichtlich einen richtigen und einen falschen Weg. Der falsche Weg, symbolisiert durch die Seilbahn, zerstört das Ziel oder genauer: den Genuss des Am-Ziel-angelangt-Seins. Wir lernen: Der wahre Genuss stellt sich erst ein, wenn er durch Schmerzen, Opfer, Mühsal errungen wurde. Erst dann weiß man eigentlich, was man an der Aussicht hat.
Man möchte einer angeblich so spaßorientierten Freizeitgesellschaft wie der unseren gar nicht eine derartige masochistische Entsagungsmoral zutrauen. Und doch haben wir sie bis ins Mark verinnerlicht, tradiert über Generationen, und uns klingt der mahnende Tonfall der Mutter im Ohr, wenn es da heißt: Erst die Arbeit, dann das Spiel. Und Arbeit ist sauer, hart und kräftezehrend, sonst gilt sie nicht. Außerdem: Schmeckt das Brot nicht noch einmal so gut, wenn man es im Schweiße seines Angesichts errungen hat?
Mein ewiger Widerspruchsgeist wäre geneigt zu antworten: keineswegs. Wie wir aber gelernt haben, ist das die falsche Antwort. Wer sich an den Gipfel gondeln lässt, hat das Ziel verfehlt. Denn, das wissen wir ja auch, nicht das Ziel ist das Ziel, sondern der Weg (aber nur, wenn er möglichst steil und steinig ist).
Hier zeigt sich eine zutiefst christliche Besonderheit: Der Weg zur Verzückung, zur Ekstase, zur Erleuchtung führt über beschwerliches, gefährliches Gelände, er ist entbehrungsreich und schweißtreibend. Mogeln gilt nicht. Wer mogelt, ist ein Tourist. Und das will nun wirklich keiner sein (dazu später mehr). Der echte Reisende geht überallhin zu Fuß. Wenn er dann mit zerschlissenen Schuhen und kaputten Kniegelenken hinab ins Tal blickt, darf er als Märtyrer der wahren Pilgerfahrt Zeugnis ablegen über die Größe der Natur, das Wunder der Schöpfung und die Metaphysik des Hühnerauges. Sein Leiden legitimiert erst seinen Genuss, sein Opfer macht ihn erst zum Eingeweihten. Alle anderen können nicht mitreden. Oder würden Sie einem Extrembergsteiger zuhören, der noch alle Fußzehen beisammen hat? Na also.
Ich hingegen halte es lieber mit Siddhartha Gautama, genannt der Buddha. Der gelangte nämlich zur Erleuchtung, indem er sich an einem Flussufer unter einen Baum setzte. Einfach so.

4
Einrichten und zurichten
oder: Der dressierte Berg
Der Berg als Mysterium und Sitz des Heiligen mag beeindrucken, seine Unzugänglichkeit auf manche anziehend wirken, doch in seiner wilden und ungezähmten Form bleibt er für die meisten ein unnahbarer Sehnsuchtsort. Wo nur schmale Pfade neben Abgründen in die Höhe führen, wo Erdrutsch, Steinschlag und Ungemach drohen, lassen sich keine wandernden Massen anlocken. Anders gesagt: Es nützt den Berglern nichts, wenn ihre Berge schön und imposant sind, solange sie nicht auch zugänglich und gastfreundlich werden. Aber da kann man ja ein bisschen nachhelfen. Der Mensch ist ein Meister darin, sich die Natur nach seinem Bedarf einzurichten – und nicht selten wird aus dem Einrichten ein Zurichten.
Im Fall des Berges beginnt das Einrichten zunächst mit dem Eliminieren von Gefahren und Unannehmlichkeiten, erschöpft sich aber keineswegs darin. Sind die steilen und schmalen Wege erst einmal geebnet und kinderwagentauglich, rutschgefährdete Hänge gesichert, potenziell gefährliche Tiere unschädlich gemacht (sprich: ausgerottet), geht der Spaß erst los. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, um die Wanderer, Erholungssuchenden, Abenteurer und Adrenalinjunkies gleichermaßen in die Berge zu locken. Atemberaubende Luftbilder urtümlicher Felsformationen sorgen für die Sehnsucht, den Rest erledigen Planierraupe, Bagger und Beton.

Der eingerichtete Berg mit breiten, gut gesicherten Wegen, mit Beschilderungen, Kletterhaken, Drahtgeländern, Aussichtspunkten und Gipfelkreuzen, mit Ruhebänklein, Unterständen und Gaststätten, mit Kinderspielplätzen, Seilbahnen, Skiliften, Abfahrtspisten und Rodelbahnen, Bike-Trails, abgesprengten Kuppen, umgepflügten Gletschern, künstlichen Seen und Beschneiungsanlagen, mit Konzertbühnen, Erlebnispfaden und anderen Attraktionen, garniert mit Plastik- oder Holzskulpturen jener alpinen Tierwelt, die vor dem Trubel längst Reißaus genommen hat, hat mit seinem Urzustand in etwa so viel gemein wie ein überzüchteter Mops mit einem Wolf. Der Vergleich mag zunächst irritieren. Wenn wir uns aber vor Augen halten, dass den meisten von uns ein Mops um ein Vielfaches lieber ist als ein Wolf, auch wenn der Mops mit seiner plattgedrückten Schnauze kaum noch Luft bekommt, dann passt das Bild wieder. Die wildromantische Vorstellung des Ungezähmten und Ursprünglichen ist genauso lange attraktiv, bis die unberechenbare und bedrohliche Seite der Wildnis zum Vorschein kommt. Kein Wunder, dass wir unsere sehr eigene Vorstellung davon haben, was Natur ist (oder vielmehr: zu sein hat). Knopfäugig, sanft und schön, harmonisch und friedvoll soll sie – darf sie! – sein. Was in dieses Bild nicht passt, wird passend gemacht. Gämsen, Steinböcke, Murmeltiere ja, Wölfe und Bären nein – hier wiederholt sich im Großen, was im Kleinen genauso zu beobachten ist. Bienen und Schmetterlinge sind uns willkommen, Wespen und Stechmücken müssen weichen. Wir sehen: Die vielfach beklagte „Disneylandisierung“ der Alpen hat nicht erst mit dem Aufstellen riesiger Sport- und Spaßanlagen begonnen.
Hier ergibt sich eine kognitive Dissonanz, mit der wir interessanterweise sehr gut zurechtkommen. Einerseits wünschen wir uns unberührte Landschaften und authentische Naturerlebnisse. Andererseits identifizieren wir erst die eingerichtete Landschaft überhaupt als authentisch. Verbuschte und verwaldete Almen gelten uns als ungepflegt und verwahrlost – und die Möglichkeit, beim Wandern einem Bären zu begegnen, begrüßen wir nicht als einmaliges Naturerlebnis, vielmehr denunzieren wir die „politisch korrekte“ Fahrlässigkeit einer abgehobenen Tierschützerlobby.
Wer hier konsequent weiterdenkt, erblickt im zugerichteten Berg eben jene dressierte Natur, die wir gemeinhin überhaupt erst als akzeptabel anerkennen. Zwar kommen die Murmeltiere noch nicht auf Befehl aus den Löchern, aber wir arbeiten daran. So wird der Berg erst im Moment seiner Verkrüppelung und Unkenntlichmachung zum Wander- und Sportparadies, und vielleicht liegt darin das Wesen der Paradiese überhaupt. Die Inszenierung tritt an die Stelle des Echten – und erst in der Inszenierung erfüllt sich das Glücksversprechen. So entzückend der Anblick echter Schneeflocken auch sein mag, wer zum Skifahren in die Berge fährt, erfreut sich an der perfekt präparierten Piste auch dann, wenn das Material dafür aus der Kanone kommt. An den Anblick weißer Bänder auf gelbbraunen Berghängen haben wir uns zunehmend gewöhnt. Und Hand aufs Herz: Echter Schnee ist gar nicht so toll. Er fällt unkontrolliert auch dahin, wo man ihn nicht haben will, er muss aufwendig geräumt werden, und am Ende gibt es eine Lawine. Dann doch lieber menschengemachter Schnee, der punktgenau dort eingesetzt wird, wo er Spaß macht. Blöd nur, dass es durch den Klimawandel immer wärmer wird. Doch mit ein paar technischen Innovationen bekommen wir auch dieses Problem noch in den Griff. Vielleicht gelingt uns sogar der Durchbruch zum schmelzsicheren Kunstschnee für das Skivergnügen im Hochsommer. Es wäre naiv zu glauben, dass derlei Angebote aufgrund ihrer Absurdität bei den Kunden nicht ankämen. Sobald etwas machbar ist, wird es gemacht. Und je länger es gemacht wird, desto mehr verliert es seine Ungeheuerlichkeit. Am Ende siegen Gewohnheit, Bequemlichkeit und Trägheit.
So entsteht eine unaufgelöste und unauflösbare Diskrepanz zwischen unserer Mystifizierung des Berges einerseits und unserem Wunsch nach Zugänglichkeit, Kontrolle und Sicherheit andererseits. Wir möchten unsere Kinder an das Naturerlebnis heranführen – am liebsten auf buggytauglichen Wegen, die sich direkt von der Seilbahnstation sanft geschwungen zum Gipfel schlängeln. Und warum sollten Menschen mit Gehbehinderungen oder verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit vom Genuss der Bergwelt ausgeschlossen werden? Hier meldet sich auch unser Sinn für soziale Gerechtigkeit – die Berge sind für alle da! Zugleich spüren wir, dass hier geschummelt wird. Ich schrieb es bereits: Gondeln gilt nicht. Dumpf drückt uns hier das Gewissen. Die Authentizitätssurrogate, die uns als Ersatz für das unwiederbringlich Zerstörte geboten werden, geben uns vielleicht ganz kurz einen Stich. Eigentlich, ahnen wir, müsste das doch anders laufen. Man müsste sich den Berg verdienen. Aber dann zerstreut unser Hedonismus sämtliche Bedenken. Wozu sind denn die Seilbahnen da, wenn nicht, um genutzt zu werden? Und wir schinden uns im Alltag doch schon genug. Da darf es in der Freizeit auch einmal gemütlicher zugehen. Und außerdem sind wir auf Urlaub. Da gelten sowieso andere Regeln.
Doch dazu mehr im nächsten Kapitel.
5
In und aus der Welt
oder: Sieh, das Ferne liegt so nah
Der Berg vor der Haustür taugt nicht zum Urlaubstraum. Sehnsucht erzeugt nur das Ungreifbare. Die greifbare Welt um uns hingegen verschwimmt allzu leicht zu stumpfgrauem Alltag, dem wir auf allen Wegen des Geistes zu entfliehen trachten. Das gewohnte Umfeld unserer eigenen vier Wände, unseres Arbeitsplatzes, unserer täglichen Wege wäscht sich rasch zur trüben Kulisse des Gegebenen aus, in der wir uns halb blind bewegen, während unsere Phantasie in gleißenden Farben Sehnsuchtsorte imaginiert. Und noch nie wurde uns geistige Abwesenheit so leicht gemacht wie heute. Zu den bisherigen Angeboten zur Realitätsflucht in Form von Büchern, Zeitschriften, Film und Fernsehen gesellen sich die digitalen Medien, die uns auf unzähligen Kanälen Abwechslung, Spaß und aufregende Entdeckungen versprechen. Sie ermöglichen uns, auf Bürostühlen, Plüschsofas, hinter Schulbänken oder in Zugabteilen sitzend ganz woanders zu sein. Wir müssen nicht mehr warten, wir müssen Langeweile nicht mehr aushalten. Der Ausweg liegt wortwörtlich auf der Hand. Die dreidimensionale Realität unseres Körpers tritt hinter der zweidimensionalen des Displays zurück – denn diese hält den Schlüssel zu unserem Inneren. Emotional verpackte Inhalte, durch das Getöse der digitalen Echokammern verstärkt, peitschen uns auf, wir lassen uns im Strom der Timeline von einem Stimulus zum nächsten treiben und sind für Minuten oder sogar Stunden völlig aus der Welt. Und das ist gut so: Denn die analoge Welt rund um uns ist mühselig, trist, unerfreulich. Auch das gehört zu den mantrahaft wiederholten Glaubenssätzen der digitalen Community: Das Glück ist immer anderswo, vorzugsweise in der Natur, fern von den Menschen, am liebsten dort, wo grade die Sonne untergeht. Denn: Das Glück ist fotogen. Deswegen versprechen erhabene Aussichtspunkte, schneebedeckte Gipfel, bizarre Landschaften, uralte Bäume, kristallklare Seen, liebliche Meeresbuchten ein besonderes Glückserlebnis. Zur Not tun es auch menschengemachte Sehenswürdigkeiten, der Eiffelturm, der Schiefe Turm von Pisa, die Chinesische Mauer. Oder eine abenteuerliche Hängebrücke in Oberbayern. Wer diese Orte aufsucht, kann für Minuten die Trennung zwischen Körper und Geist überwinden und in wenigen magischen Augenblicken ganz in der Welt und also ganz bei sich sein. Kein Wunder, dass zahllose Reiseratgeber uns regelrechte Abhaklisten zur Verfügung stellen, auf denen wir die genauen Koordinaten für die seltene Unio mystica von Welt und Ich erfahren. Die ansprechenden Bilder werden zur Projektionsfläche unseres Traums von Selbstverwirklichung: Nur dort, wo die Sonne in lodernden Farben über der Serengeti aufsteigt, können wir endlich sein, was wir nie waren: wir selbst.
Jetzt müssen wir nur noch hin. Aber das ist heute kein Problem mehr. Noch nie waren wir so mobil, noch nie war die Welt so klein. Wenn Rio de Janeiro ruft, ist nicht die Anreise das Problem, sondern die Auswahl des richtigen Bikinis. Selbst die entlegensten Winkel des Planeten sind innerhalb weniger Stunden, höchstens Tage, zu erreichen. Und die touristischen Hotspots gehören ohnehin zum Kurzurlaub-Repertoire des sich für kosmopolitisch haltenden Westeuropäers. Das Shopping-Wochenende in London, das Champagner-Frühstück in Paris, der Junggesellenabschied auf Malle, selbst ein dreitägiger Abstecher nach New York, um beim traditionellen Entzünden der Lichter auf dem Weihnachtsbaum des Rockefeller Centers dabei zu sein, all das fühlt sich fast so normal an wie ein Tagesausflug in die nähere Umgebung.
Durch die Corona-Pandemie hat diese Realität freilich Risse erhalten. Vielen von uns wurde erstmals bewusst, wie außergewöhnlich unsere als grenzenlos wahrgenommene Reisefreiheit ist. Während wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass anderen die Ausreise (oder häufiger: die Flucht) aus ihren Herkunftsländern verwehrt bleibt (oder wenn schon nicht das, so zumindest die Einreise in unser Land), nehmen wir ebenso selbstverständlich für uns in Anspruch, nach Belieben unsere Reiseziele bestimmen zu können – und zu erschwinglichen Konditionen hintransportiert zu werden. Während ich diese Zeilen schreibe, ist die Welt eine andere geworden. Im April 2020 lebten 91 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit geschlossenen oder zum Teil geschlossenen Grenzübergängen. Und auch am Beginn des Jahres 2021 gelten je nach Herkunftsland, je nach Reiseziel drastische Beschränkungen.
Der Unmut ist groß. Wozu hat man denn überhaupt Urlaub, wenn man nicht wegfahren darf? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wenn wir nicht mehr verreisen dürfen, wohin es uns behagt, können wir das Versprechen nicht mehr einlösen, wenigstens in den Ferien wir selbst und damit endlich in der Welt zu sein.
Denn so richtig in der Welt sind wir erst, wenn wir aus der Welt sind.
Im Porträt
Der Mensch ist ein Fußgänger
Dominik Siegrist, Professor für naturnahen Tourismus an der „OST Ostschweizer Fachhochschule“
Es gibt viele Routen von Wien nach Nizza. Eine davon, vielleicht die beschwerlichste, führt über die Alpen. Mehr als 1.800 Kilometer ist sie lang. Dominik Siegrist hat sie gleich zweimal bewältigt: zu Fuß. Mehr als 80.000 Höhenmeter aufwärts hat er dabei jeweils hinter sich gebracht. Die „Fortbewegung aus eigenen Körperkräften“, wie er es nennt, fasziniert ihn. „Ich benötige kein Fahrzeug dafür, nicht einmal ein Fahrrad, geschweige denn einen Motor. Ich kann einfach gehen. Das finde ich etwas Faszinierendes, dass man mit Gehen eigentlich überall hinkommt. Es braucht einfach mehr Zeit.“
Vier Monate hat seine letzte Alpendurchquerung im Jahr 2017 gedauert, ein Kompagnon und zweihundert Menschen haben ihn dabei dauernd oder etappenweise begleitet. In seinem Buch „Alpenwanderer“ dokumentiert Siegrist dieses Projekt, das auf whatsalp. org auch im Internet zu finden ist. Es handelte sich dabei keineswegs um eine sportliche Herausforderung, bei der irgendwelche Rekorde angepeilt wurden, wie ein Blick auf die Routenplanung zeigt. Vielmehr boten zahlreiche Ruhetage und kürzere Etappenabschnitte die Gelegenheit, sich mit einem Gebiet und seinen Besonderheiten vertieft auseinanderzusetzen oder Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Das ist der gemeinsame Tenor von Siegrists zahllosen Wanderungen, die sich wie ein Spinnennetz über die gesamten Alpen ziehen: Sie sind Spurensuchen und Bestandsaufnahmen, Schulung und Sensibilisierung in einem. Schritt für Schritt den Wandel der Landschaft, die kontrastierenden Realitäten, die Konflikte und Probleme zu erfassen und daraus nicht nur persönliche, sondern gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen, ist dem Schweizer ein zunehmend dringlicheres Anliegen.
Bereits als Student der Geographie hatte er sich mit den großen Fragen wie etwa der Verteilungsgerechtigkeit zwischen dem globalen Norden und Süden beschäftigt: „Mich interessierten damals die großen Dimensionen und ich dachte, wir müssen die riesigen Probleme auf übergeordneter Ebene lösen und die politischen Systeme verändern.“ Später wollte Siegrist zumindest im Kleinen zur Veränderung beitragen. Über Jahre hinweg arbeitete er mit seiner Firma AlpenbüroNetz und später als Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA mit zahlreichen Partnern im Alpenraum an neuen Lösungen für Tourismus, Landwirtschaft und Sozialleben. „Ich habe nicht Skigebiete oder Resorts beraten, mich hat der natur- und kulturnahe Tourismus interessiert. Auf die Industrialisierung der Alpen habe ich mich beruflich weniger eingelassen, außer dass ich gewisse Großprojekte immer wieder kritisiert habe.“ Die Industrialisierung der Alpen – damit meint Siegrist den intensiven Tourismus, die Stauseen und die Urbanisierung. Zwar erkennt er deren wirtschaftliche Bedeutung für die Alpenregionen an, doch dem Immermehr-und-immergrößer erteilt er eine Absage.
Wer auf Massentourismus setze, solle nicht vorzutäuschen versuchen, das kleine idyllische Bergdorf zu sein – beides zugleich vertrage sich schlecht: „Diese alten Orte mit ihren intakten Dorfkernen, wie es sie beispielsweise im Unterengadin gibt, präsentieren sich heute beinahe wie Museen, aber sie sind auch sprechende Zeugen einer vergangenen Epoche. Das Ziel sollte es sein, diesen Gemeinden ihre Alltagskultur zu erhalten, indem dort weiterhin eine altersmäßig gut durchmischte Bevölkerung ansässig sein kann.“ Wenn aber die Zweitwohnungen überhandnähmen, seien diese Orte tot. Läden, die Post und die Schule würden dann in die nächstgrößeren Zentren verlagert und die Menschen müssten sich jeden Tag in ihr Auto setzen.
„In der Schweiz ist die ganze Landfläche durch die Zweitwohnungen aufgefressen worden, sodass die Hotellerie gar keine Möglichkeiten mehr hat, sich zu entwickeln. Die Leute gehen in der Schweiz in ihre Zweitwohnung in die Ferien und nicht in die Hotels. Da hat man es auch verpasst, einen Riegel vorzuschieben und zu sagen, man möchte für die Hotellerie die Zukunftschancen erhalten. Dabei ist ein Hotel, wenn es gut geführt ist, ein Betrieb, der wirklich auch Wertschöpfung bringt für eine Region. Und eine Zweitwohnung, die dann auch noch elf Monate leer steht, bringt keine Wertschöpfung, hat die Landressourcen aufgebraucht, kostet die Gemeinde viel wegen der Erschließung – da gibt es auch Studien dazu. Wenn man wenigstens Hotels hätte und einen gescheiten Tourismus, der auf den Hotels basiert – aber in vielen Tourismusgemeinden in der Schweiz hat man ja kaum mehr Hotellerie.“
Siegrist geht es nicht darum, den Massentourismus zu verteufeln. Vielmehr sieht er darin eine Industrie, wie es diese in anderen Gebieten auch gebe. „Orte mit Intensivtourismus haben einen anderen Charakter, der durchaus auch seinen speziellen Charme haben kann. Ich denke an die Pseudo-Alpenarchitektur mit ihren siebenstöckigen Jumbo-Chalets und holzverkleideten Après-Ski-Einrichtungen. Das finde ich fast schon wieder schön, weil es so absurd ist.“ Ehrlicher sei es allerdings, wenn sich diese Tourismushochburgen auch tatsächlich als Städte präsentieren würden, mit einer zeitgemäßen Architektur: „Wieso nicht auch mit Hochhäusern? Mir schweben urban gestaltete Quartiere mit guten Hotelbetten und qualitativ hochwertigen Ferienwohnungen vor. Natürlich bewirtschaftete Ferienwohnungen und nicht kalte Betten, die die längste Zeit im Jahr leer stehen.“
Siegrist fügt hinzu, dass solche Tourismusstädte durchaus klimaneutral gebaut und betrieben werden können. Er verweist auf Destinationen wie Serfaus in Tirol oder Flims-Laax in Graubünden, die gerade versuchten, Schritte in diese Richtung zu machen. Er erinnert an das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. „Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass wir vollständig aus den fossilen Energieträgern Öl, Gas und Kohle aussteigen müssen. Es wird also kein Motorfahrzeugverkehr mit Benzin- und Dieselfahrzeugen mehr geben, Öl- und Gasheizungen werden verschwunden sein, wir müssen auf Flüge mit fossilem Kerosin verzichten sowie auf eine klimaverträglichere Ernährung mit deutlich weniger Fleisch umsteigen, und auch ein Ende des Verschleißes von Konsumgütern ist unverzichtbar.“
Doch was heißt das für den Tourismus in den Alpen? Gerade die Bergregionen sind von den Folgen des Klimawandels bereits heute besonders stark betroffen: „Ich vermisse die Reflexion seitens der Tourismusverantwortlichen über dieses Problem. Ich habe den Eindruck, dass sie einfach darauf warten, was von der Politik kommt, und gleichzeitig darauf hinwirken, dass der Wandel möglichst lange hinausgezögert wird.“ Stattdessen solle der Tourismus jedoch proaktiv auf die Herausforderungen zugehen und mit seinen eigenen Beiträgen aufzeigen, dass Netto-Null auch in dieser Branche möglich sei.
Es sei nicht zu bestreiten, dass der Schweizer Bergtourismus in einer wirtschaftlich schwierigen Phase stecke. Der starke Schweizer Franken mache den Betrieben seit Jahren zu schaffen und gerade der wichtige deutsche Markt sei schon lange vor Corona eingebrochen. Dennoch findet es Siegrist problematisch, dass Teile des Schweizer Tourismus nun auf den asiatischen Markt setzten. Allein 2018 hätte die eine Million Gäste aus China mit ihren Fernflügen deutlich mehr Treibhausgase verursacht als der gesamte Autoverkehr in der Schweiz. „Ist das in der heutigen Zeit überhaupt noch vertretbar?“
So werde der Schweizer Tourismus seinen notwendigen Beitrag zum Klimaschutz jedenfalls nicht leisten können. Siegrist erinnert an eine alte Faustregel, nach der man sich so viele Wochen an einem Ort aufhalten solle, wie man Tausende Kilometer dorthin zurückgelegt habe. „Also wenn jemand aus Japan 10.000 Kilometer in die Alpen fliegt, sollte er sich mindestens zehn Wochen hier aufhalten. Wenn sich alle an diese Faustregel halten würden, könnte man die weltweiten Flugreisen bereits auf ein Fünftel von heute reduzieren.“
Siegrist skizziert einen Netto-Null-Alpentourismus. Das werde ein Tourismus sein, der mit deutlich weniger Mobilität auskomme, nicht nur in der Luft, sondern auch auf der Straße. Der öffentliche Verkehr werde eine viel größere Bedeutung erhalten als heute, wo der Individualverkehr noch dominiere. „Eisenbahn- und Autoverkehr werden in erster Linie elektrisch abgewickelt werden, der Bus- und LKW-Betrieb werden möglicherweise auf Basis von klimaneutral produziertem Wasserstoff erfolgen. Hotels, Freizeitanlagen und Gebäude werden vollständig mit erneuerbaren Energiequellen beheizt sein. Und auch sonst werden wir darauf achten müssen, dass wir mit unseren Ressourcen viel schonender umgehen als heute. Die Bilder von Müllhalden am Saisonende mit nicht mehr gebrauchten Skiern werden dannzumal der Vergangenheit angehören.“ Um die zusätzlich benötigte elektrische Energie zur Verfügung zu haben, müssten wir in erster Linie die Solarenergie in Kombination mit neuen Techniken der Energiespeicherung nutzen.
Der Tourismus in den Alpen werde sich aber auch insgesamt stark wandeln. Die heutige Ski-Monokultur werde in differenzierte Tourismusformen übergehen. Die Ursachen dafür seien vielfältig und lägen auch in der allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Die steigenden Temperaturen seien nur ein Grund dafür. „Besonders in der warmen Jahreszeit dürften touristische Aktivitäten, die nicht auf große Infrastrukturen in der freien Landschaft angewiesen sind, mittelfristig zum Mainstream werden. Dies wird generell zu einer Ökologisierung des Alpentourismus führen.“
Ein neues touristisches Bewusstsein breche sich mehr und mehr die Bahn, auch befeuert durch die Corona-Pandemie: „Für die meisten Menschen ist es zum ersten Mal diese existenzielle Grunderfahrung, dass nicht alles so bleibt, wie es war. Es sind nicht unbedingt die Einschränkungen durch den Staat, sondern es ist die Pandemie an und für sich, die Tatsache, dass dieses Virus existiert und uns alle bedroht. Diese Erfahrung verändert die Menschheit.“ Wohin das gehe? „Ich glaube nicht, dass dadurch nun auf einmal die große Weltverbesserung eintritt, mit der Klima und Umwelt gerettet werden. Aber die mit Covid-19 zusammenhängenden seelischen Erfahrungen bringen für uns alle schon weitreichende Folgen mit sich. Wir erkennen nun, dass wir trotz Spitzenmedizin und Hochtechnologie ziemlich verletzlich bleiben. Und dass sich unsere Gesellschaft und Wirtschaft verändern müssen, wenn sie solchen und ähnlichen Krisen künftig resilienter begegnen wollen. Da denke ich nicht nur an weitere Pandemien, sondern auch an die sich verschärfende Klimakrise.“
Von schwammigen Marketingbegriffen und Alibi-Aktionen für einen falsch verstandenen „sanften Tourismus“ hält Siegrist freilich nichts. Eine wirklich nachhaltige Entwicklung müsse einlösen, was sie verspreche. Er verweist auf die von der UNO definierten siebzehn Ziele, den Sustainable Development Goals oder SDGs, die auch für den Tourismus gelten. Statt vom „sanften“ oder „nachhaltigen“ Tourismus spricht er daher lieber vom natur- und kulturnahen Tourismus, für den klare Definitionen vorlägen. Dabei gehe es um für den Tourismus so wichtige Bereiche wie Strategie und Positionierung, Angebotsentwicklung, Mobilität, Schutz von Natur und Landschaft, Kommunikation und Marketing sowie regionale Wertschöpfung.
Der im Corona-Sommer 2020 boomende Outdoor-Tourismus habe bei vielen Gemeinde- und Tourismusverantwortlichen die Einsicht reifen lassen, dass ein funktionierendes Besuchermanagement unabdingbar sei. Das könne ein taugliches Werkzeug zur Entlastung von Naturgebieten und zur gleichzeitigen Verbesserung der Angebotsqualität sein: „Konkret geht es um gute Angebote, um Information und Lenkung der Besucher durch Wegweiser und bauliche Vorkehrungen, falls nötig bis hin zu Verboten.“ Als wirksames Mittel der Besucherlenkung erweise sich auch immer wieder die Schließung von Bergstraßen für den touristischen Durchgangsverkehr.
Also doch lieber zu Fuß gehen? Für Dominik Siegrist, den Alpenwanderer, keine Frage. „Mir und ganz vielen Menschen macht zu Fuß gehen Spaß. Wandern ist eine ganz ursprüngliche Form der Bewegung. Die Menschen sind die längste Zeit in ihrer Geschichte zu Fuß gegangen. Und auch heute noch ist der Mensch ein Fußgänger.“
Ganz so schnell werden wir allerdings noch nicht kollektiv zu Fuß in den Urlaub gehen. Der Wandel hin zur Nachhaltigkeit brauche Zeit, das ist Siegrist klar, auch wenn er gleichzeitig darauf hinweist, dass wir dafür eigentlich nicht mehr viel Zeit hätten. Und noch etwas sei entscheidend: „Wir Menschen kommen sowieso nur in eine wünschbare Zukunft, wenn jede und jeder von uns einsieht, dass es keinen Weg gibt, der an der nachhaltigen Entwicklung vorbeiführt. Wenn uns der Staat einfach vorschreibt, ihr müsst jetzt dies und das tun, wird das nicht funktionieren. Die Politik hat die Aufgabe, geeignete Rahmenbedingungen zu setzen, aber unser Bewusstsein müssen wir selber verändern.“
Der partizipative Ansatz, den Siegrist verfolgt, ist mit mühsamen, oft langwierigen Prozessen verbunden. Und obwohl er am Konzept der kleinen Schritte festhält, räumt er auch ein, dass er mittlerweile wieder zur Überzeugung seiner Studentenjahre zurückgekehrt sei: „Nach drei Jahrzehnten solch minutiöser Arbeit bin ich wieder an dem Punkt – nicht zuletzt auch durch die Klimadiskussion angeregt – dass ich sagen muss, wir schaffen es nicht mit diesen kleinen Veränderungen. Wir müssen in absehbarer Zeit den Turnaround im Großen schaffen, sonst wird unsere Zukunft ganz, ganz schwierig.“
Am Ende unseres Gesprächs frage ich ihn, was er verändern würde, wenn er einen Zauberstab hätte. „Dass unsere Welt, in diesem Fall vor allem der Tourismus, nicht mehr so stark vom Geld getrieben ist. Wenn uns dieser Systemwechsel gelingt, können ganz viele Dinge ganz von allein anders laufen. Dann darf der Boden nicht mehr spekulativ verwertet werden, es werden vielleicht Projekte realisiert, bei denen andere Werte als die Gewinnmaximierung im Vordergrund stehen. Dann gibt es nicht mehr den Druck nach immer mehr Wachstum im Tourismus und weniger Bedarf von Investoren nach Erschließung unberührter Berglandschaften. Der Mensch mit seinen ureigensten Bedürfnissen steht dann wieder mehr im Zentrum. Denn das Reisen ist für uns alle etwas Grundlegendes, einst, heute und in Zukunft. Aber nicht Marketing und finanzieller Gewinn dürfen der Maßstab sein, sondern die Reisenden selbst. Ich würde den Zauberstab in diese Richtung lenken.“


WILDER KAISER
Nicht irdisch ist des Thoren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gährung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne,
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh’ und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
Goethe, Faust, Prolog im Himmel
1
Bei den Ägyptern hätte es das nicht gegeben
oder: Reisen als moralischer Imperativ
Für die Ägypter des Altertums gab es nur eine wichtige Reise, eine Reise, auf die das ganze Leben zulief: die Reise ins Jenseits. Auf diese galt es sich vorzubereiten, denn um auf dieser Reise zu bestehen, musste man ein sehr detailliertes Zeremoniell einhalten. Der Bestattungsritus auf heimatlichem Boden spielte hierbei eine zentrale Rolle. So gab es für die Ägypter dieser Zeit keine schlimmere Vorstellung als jene, fern der Heimat zu Tode zu kommen und nicht standesgemäß bestattet zu werden. Trotz des regen Handels, den sie mit Nubiern, Sumerern, Phöniziern und anderen Völkern trieben, waren die Ägypter also stets darauf bedacht, sich nicht zu weit von ihrer Heimat zu entfernen, um die wichtigste, größte Reise ihres Lebens nicht zu gefährden. War also ein Ägypter unterwegs, so geschah es sozusagen dienstlich. Neue Handelsrouten zu erschließen und neue Märkte zu erobern, wie man das heute ausdrücken würde, war wichtig und das damit verbundene Unterwegssein eine notwendige Begleiterscheinung. Das wahre Glück jedoch, das glaubten diese Menschen fest, lag in der Heimat, dem Schwarzen Land.
Mit dieser Einstellung waren die Ägypter nicht allein. Vielen Kulturen galt das unstete Umherschweifen, das Vagabundieren und In-der-Welt-Herumkommen als Zeichen eines zweifelhaften Charakters. Gewiss, Herrscher hatten ihre Herrschaftssitze, zwischen denen sie sich bewegten wie auf einem Schachbrett, Scholaren ihre Klöster und später Universitäten, und Missionare nahmen weite Wege auf sich, um ihre Botschaft an die entlegensten Zipfel der Erde zu bringen. Immer aber war das Reisen Mittel zum Zweck und nicht selbst schon das Ziel. Irgendwohin zu fahren, um zu erleben, wie es ist, dort zu sein, das wäre den meisten Menschen vergangener Tage reichlich absurd erschienen.
Die erste „Hybridform“, die schon Ansätze des modernen Tourismus zeigte, war wahrscheinlich die Pilgerreise. Auch hier reiste man noch nicht um des Reisens willen, aber doch schon aus spirituellen, nicht ökonomischen Gründen. Der Besuch eines entlegenen Heiligtums, das einen ganz besonderen, regional verwurzelten Segen verspricht, geht noch auf die Zeiten zurück, in denen man an lokale Gottheiten, etwa besondere Quellgeister, Orakel und dergleichen, glaubte. Meist waren (und sind) die Heiligtümer mit einer einzigartigen Naturerscheinung verbunden, etwa mit Bäumen, Gewässern oder – wie schon erwähnt – Bergen. Die Aura des Heiligtums und die darin gewärtigte Präsenz der lokalen Gottheit gelten als heilsam, reinigend, beglückend oder zumindest tröstend. Auch in der modernen Tourismusbranche ist die Pilgerfahrt von großer Bedeutung (manche Quellen sprechen sogar davon, dass über die Hälfte aller Reisen weltweit diesen Zweck verfolgen). Den Katholiken fällt vielleicht die Wallfahrt nach Rom oder Lourdes ein, im Islam gibt es das Gebot der Pilgerreise nach Mekka (der Hadsch), den Hindus gilt der Ganges als heilig, mehrere daran gelegene Städte und vor allem die Stadt Varanasi sind alljährlich das Ziel von Millionen Pilgern. Ich vermute außerdem, dass selbst in der hedonistischsten Vergnügungsreise noch ein Körnchen Wallfahrt steckt. Unsere Sehnsucht nach Heilung, Reinigung, Beglückung oder Trost besteht nach wie vor. Und geschäftstüchtige Unternehmer haben diese Sehnsucht schon immer zu ihrem Vorteil auszubeuten gewusst. Tatsächlich ist der Weg zum Seelenheil zuweilen ein recht teurer Spaß – den exklusiven Zugang zur schamanischen Schwitzhütte im Wald muss man sich erst einmal leisten können.
Wer heute an das Reisen denkt, assoziiert es aber meist nicht zuerst mit dem Heiligen, sondern mit Bildung. Das ist insofern bemerkenswert, als Bildung ein kontroverser Begriff ist, der immer wieder andere Interpretationen erfährt und oft nur als Mittel zum Zweck gilt. In diesem Fall müsste man an fahrende Gesellen denken, wie es sie heute nur noch selten gibt, doch der wandernde Müllersbursche oder das tapfere Schneiderlein aus dem Märchen waren keine Reisenden im heutigen Sinne, sondern eher migrantische Fachkräfte. Das ist also nicht gemeint, wenn man landläufig feststellt, dass Reisen bildet. Geht es also darum, dass man sich besser merken kann, dass Berlin an der Spree liegt, wenn man in Berlin eine Spreefahrt unternommen hat? Auch nicht zwingend. Viele wollen mit diesem reichlich diffusen Satz einfach nur ausdrücken, dass es uns guttut, die oft allzu ausgetretenen Pfade eines vorgeformten Denkens und Lebens zu verlassen und zu sehen, dass es anderswo anders zugeht – und daher auch für uns ein anderes Leben möglich wäre. Das mit eigenen Augen zu sehen, ist gewiss erhellend. Trotzdem irrt, wer glaubt, nur durch Reisen allein zu einem besseren, dem Daheimgebliebenen gar in irgendeiner Form überlegenen Menschen werden zu können. Durch die oberflächliche Begegnung mit anderen Kulturen, Lebens- und Denkmodellen, geographischen und politischen Realitäten allein ist noch nicht viel getan. Erst durch eine echte Auseinandersetzung, ein vertiefendes Durchdringen und Verarbeiten des Erlebten können neue Einsichten entstehen. Ansonsten war man einfach nur in Thailand (und wie viele waren einfach nur in Thailand!). Ich bin mir daher nicht sicher, ob es für die Entwicklung von Geist und Persönlichkeit wirklich nötig ist, durch die Welt zu reisen. Ich schrieb es bereits: Zur Erleuchtung gelangt man im Zweifelsfall auch einen Steinwurf von zu Hause entfernt unter einem Baum am Fluss.
Trotzdem ist unbestritten, dass der moderne Tourismus eine kulturelle Errungenschaft ist, die auch einem aufklärerischen Gedanken von Freiheit und Gleichheit entspringt. Von den Kavalierstouren adeliger Sprösslinge im 17. Jahrhundert bis zum Strandurlaub an der Adria war es allerdings ein weiter Weg. Es bedurfte vieler kleiner Schritte, bis das Reisen „an und für sich“ nicht mehr das Vorrecht einer wohlhabenden Elite war, sondern nach und nach zumindest in weiten Teilen Europas so gut wie alle Schichten der Gesellschaft erreichte und zum Massenphänomen wurde. Der Urlaub sollte gerade den Arbeitern zur Entspannung und Wiederherstellung ihrer „Nervenkraft“ dienen, damit sie danach wieder umso tüchtiger malochen konnten, so jedenfalls ein Leitgedanke der nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“, die in den Dreißigerjahren als Pendant der faschistischen Opera Nazionale Dopolavoro entstanden war und unter anderem Ausflüge und Wanderungen organisierte. Adolf Hitler wird in diesem Zusammenhang mit einer noch hintersinnigeren Formulierung zitiert. Der Arbeiter solle sich in Freizeit und Urlaub ausreichend erholen können, denn: „Nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.“
Dass die Bevölkerung nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Welt nach der „wahrhaft großen Politik“ erst recht Erholung nötig hatte, steht auf einem anderen Blatt.
Heute haben wir das Prinzip des „Urlaubs für alle“ verinnerlicht. Die kleine Auszeit am Wochenende, die Erholungsreise in die Berge oder ans Meer sind keine Privilegien mehr, sondern gehören wie Fernseher, Waschmaschine oder Kühlschrank zur Grundausstattung – nur die Ausführung variiert. Mit eben diesem scheinbar „gerechten“ und „gleichmachenden“ gesellschaftlichen Anspruch nicht nur auf Urlaub, sondern auf Urlaubsreisen werden denn auch Schnäppchenangebote wie die viel kritisierten Billigflüge oder Pauschalreisen verteidigt. Nur durch sie, wird argumentiert, hätten auch die kleinen Leute eine Chance auf den ihnen zustehenden Ferienspaß auf Mallorca oder das Shoppingerlebnis in London. Der günstige Preis stoße die Tür zur Welt auch jenen auf, die ansonsten nur ein bescheidenes Leben führen könnten. Das mache ihn zum großen Ermöglicher von Partizipation – und damit zum unabdingbaren Kernelement einer „Demokratisierung“ des Reisens. Die Erzählung, dass wir nur durch Discountangebote, die ein unablässiges Kaufen und Konsumieren bis in die bedrängtesten Lebensverhältnisse hinein sicherstellen, unser System und den sozialen Frieden aufrechterhalten, gehört zu den – zunehmend bröckelnden – Mythen des Kapitalismus. Mehr und mehr wächst unser Bewusstsein dafür, dass sagenhaft günstige Preise nicht die realen Kosten eines Produktes oder Angebots abbilden. Diese werden von anderen getragen – häufig von ausgebeuteten Erntehelfern und Arbeiterinnen am anderen Ende der Welt. Oder von der Umwelt. Die Rechnung dafür bekommen wir derzeit häppchenweise serviert.
Zudem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass auch der Massentourismus unserer Zeit noch weit davon entfernt ist, ein wahrhaft universelles Phänomen zu sein, ganz im Gegenteil, hier zeigt sich die wachsende globale und soziale Ungleichheit besonders deutlich. Tourismus ist nicht demokratisch. Und es gibt kein Menschenrecht auf Reisen.
Die Lust darauf ist allerdings weiterhin groß und wird weltweit immer größer. Die Tourismusindustrie wächst nach wie vor rasant, und eine Rückkehr zur Reiseskepsis vergangener Tage ist nicht absehbar – ganz im Gegenteil. Der durch die Corona-Pandemie forcierte Stillstand nährt erst recht den Wunsch nach Kompensation und weiter Welt.
Dabei gibt es vieles, das gegen das Reisen spräche. Zu den persönlichen gesundheitlichen und sonstigen Risiken (verdorbene Lebensmittel, exotische Krankheiten, wilde Tiere, Raub, Entführungen), den physischen und psychischen Strapazen und finanziellen Belastungen kommt in der heutigen Zeit mehr und mehr auch der Preis für die Umwelt ins Spiel. Der Tourist ist, ob er es will oder nicht, ein Turbo-Konsument. Bereits seine Anreise ist ressourcenintensiv, dazu kommen sein Aufenthalt im Hotelzimmer oder Apartment, seine Restaurantbesuche, seine Nutzung öffentlicher und privater Anlagen und Einrichtungen – die Liste ist endlos und lässt sich nicht kleinreden. Im Urlaub die Umwelt zu schonen, geht im Grunde nur, wenn man zu Fuß losgeht. Dass man dabei nicht weit kommt, könnte durchaus als Vorteil betrachtet werden – statt an fernen Orten den Einheimischen die schönsten Plätzchen streitig zu machen, begnügt man sich mit dem Guten, das so nah liegt. Vernünftiger und nachhaltiger wäre es jedenfalls. Den alten Ägyptern hätte das sofort eingeleuchtet. Für uns aber ist es komplizierter.
Erstens weil, wie wir als von den sozialen Medien Gestählte wissen, Vernunft kein Argument ist. Nie.
Zweitens weil Reisen heute nicht nur ein Wert an sich ist, sondern der Wert an sich. Und das durchaus in einem moralischen Sinne: Wer reist, ist gut. Wer nicht reist, ist irgendwie verdächtig. Unsere Weltanschauung hat also seit den alten Ägyptern eine Hundertachtzig-Grad-Wende erfahren (wenn auch nicht ganz – aber dazu komme ich noch).
Wenn uns ein junger Mensch nach seiner Ausbildung, der Matura oder einer Enttäuschung erzählt, er wolle jetzt einfach mal eine Auszeit nehmen, um zu reisen, finden wir das prinzipiell toll. Raus in die Welt, mal was anderes sehen, seinen Horizont erweitern, Fremdsprachen lernen – super. Und auch für Erwachsene gilt der Traum von der Weltreise, dem großen Auf- und Ausbruch, etwa nicht als pubertär, unreif oder gefährlich, sondern als erstrebenswert, romantisch, mutig. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die Dinge ja nie so sind, wie sie sind, sondern so, wie wir uns davon erzählen, dann ist dieser Wandel in der allgemeinen Wahrnehmung doch erstaunlich. In unserer Zeit ist das Reisen kein halsbrecherisches Wagnis mehr, das man raubeinigen Abenteurern überlässt. Es ist zum moralischen Imperativ geworden, dem sich kaum jemand entziehen kann. Wer das Privileg hat, reisen zu dürfen, hat zugleich auch die Pflicht, reisen zu wollen. Nur wer die Welt gesehen hat, darf mitreden. Reisen wird zuweilen sogar zum Ersatz für die großen verbindenden Erzählungen, die uns gesellschaftlich einen. Heute kann man nicht mehr davon ausgehen, dass die griechischen Mythen oder die Geschichten der Bibel Allgemeingut sind. Aber jeder weiß, was ein Urlaub am Meer ist, und wenn er noch nicht selbst in Venedig war, so kennt er zumindest dessen Mythos. Die Nähe zur religiösen Reise ist hier unübersehbar.
Reisen dient also zu einem guten Teil auch dem Abhaken mystifizierter Orte des kollektiven Bewusstseins. London, Paris, New York werden zu unseren gemeinsamen Referenzrahmen, sie gesehen zu haben, erhebt uns in den Kreis jener, die Bescheid wissen. Ob es uns dann da gefallen hat oder nicht, ist völlig sekundär. Auch das snobistische Achselzucken „Ach, London war nichts Besonderes“ gehört zum Spiel. Es geht daher letztlich gar nicht so sehr darum, eine möglichst schöne, möglichst horizonterweiternde Erfahrung zu machen, sondern darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die beispielsweise kollektiv von Venedig enttäuscht ist. „Been there, done that“, eine englische Redewendung für das Allzuvertraute, bis zum Überdruss Durchgekaute, ist daher auch eine Art Medaille, die man sich umhängen kann. „Paris? Habe ich hinter mir. Teuer. Dreckig. Und überall Franzosen. Furchtbar.“
Heilung finden, Neues lernen, mitreden können – ist der Reisende also doch der bessere Mensch?
Dazu sollten wir uns zwei Dinge vor Augen halten: Der große Philosoph Immanuel Kant bewegte sich als junger Mann im vergleichsweise engen Umkreis seines Geburtsortes Königsberg, den er im fortgeschrittenen Alter trotz mehrerer Rufe an diverse Universitäten überhaupt nicht mehr verließ. Das hat ihn nicht davon abgehalten, einer der einflussreichsten Denker seiner Zeit zu werden.
Und zweitens: Bei aller Verklärung des Reisens zum ultimativen Bildungsgut und Merkmal des weltoffenen Menschen sollten wir nicht vergessen, wer und was die Reisenden sind, wenn sie unterwegs sind: nämlich Touristen.
2
In der Maske des Touristen
oder: Arm der Mensch, der Urlaub nötig hat
In seiner als „Besichtigung des touristischen Zeitalters“ bezeichneten Essay-Sammlung „Die Welt im Selfie“ weist Marco D’Eramo darauf hin, dass niemand ein Tourist sein wolle. Tatsächlich hat es den Anschein, als empfänden manche das Etikett des Touristen fast schon als Schandmal, als Abwertung. So lautet denn auch der Titel eines launig geschriebenen Buches des Journalisten Dirk Schümer „Touristen sind immer die anderen“.
Umso bemerkenswerter, dass sich einer der wortwörtlich welterfahrensten Autoren, dessen literarisches Werk eine profunde Auseinandersetzung mit den Dimensionen des Reisens in Zeit und Raum darstellt, ganz uneitel selbst als Tourist bezeichnet: In „Geständnisse eines Touristen“ nennt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr als Attribute des Tourist-Seins „Ahnungslosigkeit, Sprachlosigkeit, leichtes Gepäck, Neugier“ – für den großen Erzähler gut genug, um sich damit identifizieren zu können. In unseren alltäglichen Sprachgebrauch allerdings ist die Poesie dieser Deutung schwer zu integrieren.
Dort ist der Tourist ewiger Störfaktor, notwendiges Übel, verdrießliche Begleiterscheinung der Freizeit- und Dienstleistungsökonomie. Durch Touristen werden die schönsten Fleckchen vermüllt und besudelt, die Promenaden vollgekotzt, die Blumen zertrampelt, Denkmäler beschmiert und Naturschätze gestohlen. Touristen tragen tonnenweise Steine vom Wanderurlaub in den Bergen oder Sand und Muscheln von exotischen Traumstränden nach Hause, ihr Kofferraum quillt über vor Steinpilzen und Pfifferlingen, vor Äpfeln und Kastanien, unerlaubt gesammelt und gepflückt. Touristen verursachen Staus, verstopfen Zugwaggons, überrennen die Wanderwege, Touristen sind anspruchsvoll und undankbar, Touristen tappen in die Touristenfalle. Als Tourist ist man einerseits eine Landplage, andererseits immer der Geschröpfte. Und Touristen sind sehr verletzlich – ihre Naivität und Gutgläubigkeit wird ihnen immer wieder auch zum Verhängnis. Entsprechend sehen Touristen in den Einheimischen entweder diensteifrige Untergebene oder unverschämte Abzocker, wenn nicht gar Schlimmeres. Als Einheimischer wiederum hat man für Touristen nichts als Verachtung übrig. Niemand weiß, warum Touristen überhaupt existieren, wenn doch jeder weiß, dass Touristen das Letzte sind.
Indem der Begriff „Tourist“ durch seine negative Auf- und Überladung zunehmend zur Abstraktion wird, mit der sich niemand identifizieren mag, wird der Tourist zum bequemen Sündenbock, dem man alle unerwünschten Nebenwirkungen des Tourismus anlasten kann. Hinter diesem Wort verschanzt, lässt sich leicht auf andere mit dem Finger zeigen. Touristen, das sind „die“. Man selbst, so kann man es auch bei D’Eramo lesen, nimmt für sich hingegen in Anspruch, ein „Reisender“ zu sein, quasi der Citoyen unter den Proleten, der Kenner unter den Ignoranten, der Schwan unter den Enten. Der Reisende will die Welt entdecken, mit Menschen aller Herren Länder in Kontakt treten, seinen Horizont erweitern und ganz nebenbei noch ein bisschen Entwicklungshilfe durch private Wirtschaftsförderung kleiner Familienbetriebe leisten. Der Reisende reist also aus noblen Beweggründen, seine Absicht ist lauter, seine Weste weiß, sein Gewissen rein.
Touristen hingegen müssten ständig ein schlechtes Gewissen haben, weil sie durch ihre Existenz öffentliche Verkehrsmittel überlasten, Preise in die Höhe treiben, die Umwelt zerstören, kurz, die Menschheit ein Stück näher an den Abgrund bringen.
Da Touristen aber immer die anderen sind und man selbst nie mitgemeint ist, hat am Ende niemand ein schlechtes Gewissen und alles bleibt beim Alten.
Erlauben Sie mir, an dieser Stelle eine Klammer zu öffnen: Denn so ganz stimmt das nicht. Seit einiger Zeit gibt es das Wort „Flugscham“, und wo es ein Wort gibt, gibt es irgendwann auch einen dazu passenden Inhalt. Flugscham ist das diffuse schlechte Gewissen des Reisenden, der sein Reiseziel auf dem Luftweg erreicht. „Diffus“, weil man die Scham auf alle Mit-Flugreisenden verteilen kann, und das bisschen, das dann noch für einen selbst übrig bleibt, mit zahlreichen mildernden Umständen gegenrechnet („aber dafür esse ich ja kein Fleisch“, „aber dafür hab ich ja keine Haustiere“, „aber dafür fahre ich immer mit dem Fahrrad“), bis faktisch nur noch ein Hauch Restscham übrig bleibt, mit der man den Urlaub dann doch noch ganz gut genießen kann.
Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auch die Worte „Klamottenscham“, „Schnitzelscham“ und „Kaffeescham“ erfunden sind, und sobald alle Varianten der Scham durchdekliniert sind, kann man sie dann als „Konsumscham“ zusammenfassen, eine Weile medienwirksam kollektiv darunter leiden, bis man sie irgendwann stillschweigend in eine allgemeine „Existenzscham“ überführt, wo sie dann als neues Lebensgefühl einer aufgeklärten Mittelschicht zum guten Ton gehört wie Burn-out und Reizdarmsyndrom. Klammer zu.
Ich überspringe daher alle Stufen der Scham und knüpfe ganz schamlos an die Feststellung an, dass angeblich keiner ein Tourist sein will. Ich glaube das nämlich nicht. Die Unterscheidung zwischen „Reisenden“ und „Touristen“ klingt zwar einleuchtend, aber was den „Reisenden“ letztlich tatsächlich vom „Touristen“ trennt, ist in erster Linie die Rhetorik. Die hedonistische, auf frivole Genüsse fixierte, oberflächliche Touristin ist genauso wie der kosmopolitische, weltoffene Reisende ein Klischee, das für reißerische Meinungsmache oder eine trügerische Selbstabsolution taugen mag, aber als Abbildung der Realität unzureichend ist. Den Ballermann-Wochenendsäufer und die kultivierte Uffizien-Besucherin verbindet mehr, als sie trennt, zumindest wenn es ums Reisen geht: Auf den ersten Blick freilich sind der Schaden und das Ungemach, die durch Ersteren entstehen, beträchtlicher. Unsere gesittete Kulturreisende verschmutzt und zerstört nicht, sie pöbelt nicht herum – und ist damit sehr viel eher Repräsentantin der Mehrheitstouristen. Aber beide, Exzess-Urlauberinnen und Kulturtouristen, sind im Grunde Konsumenten eines Angebots, an dem sie selbst keinen produktiven Anteil haben. Ihre Sphäre bleibt jene der Unterkünfte, Restaurants, Kultureinrichtungen, Parks, Transportmittel und Geschäfte. Nur im Ausnahmefall sehen sie ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis von innen, mit Behörden, Institutionen oder Arbeitgebern, dem kleinteiligen Leben der Einheimischen, mit ihrer häuslichen Realität, ihren Ärgernissen, Nöten und Sorgen kommen sie kaum oder gar nicht in Berührung. Was es wirklich bedeutet, hier zu leben, zu arbeiten, zur Schule zu gehen, Steuern zu bezahlen, sich mit Ämtern herumzuschlagen, eine Frau, ein Mann, ein Kind zu sein, homosexuell zu sein, sich etwas aufzubauen, Traditionen jenseits fotogener Prozessionen und Zurschaustellungen zu pflegen, Kultur zu schaffen, sich im Gemeinwesen einzubringen, all das entzieht sich der kurzfristigen Besucherin zwangsläufig und kann auch durch angelesenes Wissen nur unzureichend kompensiert werden. Dazu müsste man längerfristig, zumindest über Monate, in die jeweilige Realität eintauchen, die Sprache lernen und Teil der Gesellschaft werden. Man wäre dann zwar nach wie vor eine „Fremde“ – aber wäre man noch eine Touristin?
Oder anders gesagt: Es ist ein Wesenszug des Reisens, dass man seinem Urlaubsort mehr nimmt, als man gibt. Dass manche Arten des Reisens ausbeuterischer, oberflächlicher und schädlicher sind als andere, ist zwar zutreffend, aber das Prinzip bleibt gleich: Man ist in erster Linie Verbraucher von Ressourcen, Infrastruktur, Kultur und Natur, hat aber keinen eigenen kreativen oder produktiven Anteil daran. Man ist ein Fremdkörper, der sich in ein Umfeld einkauft, zu dem er abgesehen von Geld nichts beiträgt. Freilich ist der finanzielle Aspekt kein unwesentlicher. In direkter Umkehr des berühmten Diktums von Hans Magnus Enzensberger, der in den Siebziger jahren geschrieben hat „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, ist zweifellos auch richtig, dass der Tourist Natur und Kultur zu bewahren hilft, indem er sie konsumiert. Zahllose Naturreservate und Kulturschätze existieren überhaupt nur noch wegen ihrer touristischen Verwertbarkeit und sind im Falle eines Ausbleibens der Touristen akut bedroht.
Es sind solche Paradoxa, die zu sprachlichen Wortklaubereien wie der vom Touristen und vom Reisenden führen und damit scheinbar die Widersprüche des Tourismus an sich überwinden. In der Sache selbst freilich ändert sich wenig. Wo „Reisender“ draufsteht, ist am Ende doch wieder nur „Tourist“ drin. Es handelt sich also bei dieser auf den ersten Blick so differenzierten Wortwahl um nichts anderes als wohlfeilen Etikettenschwindel. Was nämlich in der Debatte um „Touristen“ und „Reisende“ gänzlich außer Acht gelassen wird, sind jene, die den Tourismus überhaupt erst ermöglichen: die Inhaberinnen von Beherbergungsbetrieben und Restaurants, die Betreiber von Bergbahnen und Skiliften, kurz, alle, die touristische Infrastrukturen bereitstellen und betreuen und damit den Rahmen vorgeben, in welchem sich die Urlauber bewegen. Interessanterweise wird in Touristikerkreisen häufig weder von „Touristen“ noch von „Reisenden“ gesprochen, sondern von „Gästen“. Aus diesem Wort ergibt sich sehr viel stärker die gegenseitige Abhängigkeit: Gäste sind auf Gastgeber angewiesen. So schreibt der Publizist Florian Rötzer in „Sein und Wohnen“, einem Buch mit historischen, linguistischen und philosophischen Betrachtungen über das „Ge-Wohnte“, sehr zutreffend: „Zum Gastsein gehört essentiell, eingeladen zu sein und sich in Räumen zeitweise niederzulassen, auf die man keinen Anspruch hat.“
Daraus folgt, dass Gastgeber durchaus von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und ihren Gästen klare Verhaltensregeln vorgeben könn(t)en. Wenn dies nicht passiert, gehen die Exzesse der Gäste zu einem guten Teil auch auf die Kappe der Gastgeber, die diese Ausschweifungen aus Profitsucht befördert oder zumindest nicht verhindert haben.
Belassen wir es daher beim Begriff „Tourist“ und einigen wir uns darauf, dass damit einfach jeder gemeint ist, der sich auf Reisen begibt. Ja, das betrifft auch euch, liebe Leserinnen und Leser. Keine Angst, da ist nichts dabei. So verhasst Touristen auch im Allgemeinen sind, Hand aufs Herz: Es ist doch auch schön, ab und zu nichts anderes sein zu müssen als das. Es ist sogar so, dass es geradezu befreiend wirkt, sich für die Dauer eines Urlaubs aus dem ewigen Anspruchsdenken auszuklinken, dem man sein Dasein im Alltag unterwirft. Nicht umsonst kommt das Wort „Urlaub“ von „Erlaubnis“. Und eine „Erlaubnis“ hat man im doppelten Sinne: Man hat einerseits die Erlaubnis, seiner Arbeit, seinem Alltag fernzubleiben. Und andererseits gibt man sich damit selbst die Erlaubnis, sein gewohntes Ich gegen ein touristisches auszutauschen: „relinquunt se ipsos“ – sie verlassen sich selbst, wie es bei Augustinus heißt. In vielen Fällen fühlt sich das touristische Ich, das sich nach Verlassen des Alltags-Ichs manifestiert, sogar wie eine authentischere Version seiner selbst an. Endlich kann ich sein, wer ich wirklich bin. Im Urlaub trägt man die bunten Socken, das Hawaiihemd, das zu tief ausgeschnittene Kleid, mit denen man sich in seinem alltäglichen Habitat lieber nicht sehen lässt. Im Urlaub probiert man sich aus, riskiert etwas, bestellt auf der Speisekarte das Gericht, das man nicht entziffern kann. Man darf das jetzt, denn man ist geschützt hinter der Maske des Touristen. Und hinter dieser Maske geht man noch weiter. Man benimmt sich auch mal so richtig daneben. Betrinkt sich, zertrampelt Blumenbeete, verwüstet Hotelzimmer, gerät in einen Zustand der Enthemmung. Und wenn man dann – ernüchtert – zur Kasse gebeten wird, beteuert man: He, das war nicht ich. Das war der Tourist, der von mir Besitz ergriffen hat (und sehr plötzlich will man nichts mehr davon wissen, dass diese Erscheinungsform irgendetwas mit einem „wahren Ich“ zu tun haben könnte).
Wir sehen also: Der Status als Tourist fungiert als Tarnkappe, als Zaubermantel, als Krampusverkleidung. Man wirft sein Alltags-Ich ab, schlüpft in die neue Rolle, spielt mit der dunklen Seite der Macht. Niemand wird davon erfahren. Als Tourist bin ich unsichtbar, anonym, eine Zimmernummer. Selbstverständlich kann ich mich auch als Zimmernummer dafür entscheiden, meinen Anstand zu wahren. Diese Option hat man ja eigentlich immer. Betrachten wir aber die vielen Schlupflöcher, die wir geschaffen haben, um uns Ausnahmen zu genehmigen und uns mehr oder weniger mit offizieller Erlaubnis gehen lassen zu können, müssen wir einräumen, dass wir oft schlicht mit dem ständigen „Bravsein“ überfordert sind. Her also mit dem Wochenende und dem nächsten Alkoholexzess, her mit der Fastnacht oder dem Krampuslauf, her mit der Touristenmaske. Übrigens: Sogar ein Auto kann als derartige „Maske“ fungieren. Nicht umsonst spricht man davon, dass man wieder einmal ordentlich „Gas geben“ möchte. Die leider allzu oft tragischen Folgen sind bekannt.
Meistens kommt es freilich nicht ganz so schlimm. Oft genügt uns ein kleines Gefühl von Freiheit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit, und wir sind wieder bereit, auf die alten Gleise des Wie-es-sich-gehört zurückzukehren. Die kleine Grenzüberschreitung bringt ein prickelndes Gefühl in unsere taub gewordenen Gliedmaßen zurück, wir spüren uns wieder, fühlen uns wieder lebendig.
Letztlich stellen Touristen mit ihren Entgleisungen nicht dem Reisen ein schlechtes Zeugnis aus, sondern dem Alltag, dem sie entfliehen. Wer in seinem Arbeits- und Privatleben, in seinen freundschaftlichen und familiären Beziehungen Erfüllung, Freude, Bestätigung, Geborgenheit erfährt, der lechzt auch nicht nach befreienden Masken, hinter denen er kompensieren kann, was ihm fehlt.
Man könnte also festhalten: Arm der Mensch, der Urlaub nötig hat. Und erst recht arm der Dienstleister, der den Urlaub verwirklichen soll, den einige Menschen nötig haben.

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