Kitabı oku: «Taiga»

Yazı tipi:



Meiner Frau Sofja Maximowa gewidmet

INHALT

1 Die Passantin

2 Der Pianist

3 Der Erzieher

4 Auf Transport

5 Eine Nacht

6 Odyssee eines Arrestanten

7 Im Frühjahr

8 Die Flucht

9 Streckenpunkt 160

10 Im Schneegrab

11 Im Theater

12 Die Fürstentochter

13 Glück

14 Komisch

15 Der Aussätzige

16 Ein Sohn der Taiga

17 Der Albtraum

18 Blaubändchen

19 Der Hochstapler

20 Knjash-Pogost

21 Einsamkeit

22 Eine Frau in der Taiga

23 Kategorie drei

24 

25 Epilog – Gedanken an eine kürzliche Reise (Andrej Ljubimow)

26 Sergej Maximow – Leben und Werk (Christine Hengevoß)

27 Glossar

28 Editorische Notiz

DIE PASSANTIN

Ich hoffe, dass das Leben mit lebendigem Klang aufhört, plötzlich, ohne Stöhnen und elendes Gejammer.

Leskow

Zu Beginn des Frühjahrs wurde ich von der Außenstelle Roptscha in den Norden, an die Petschora geschickt. In Ust-Koshwa teilte mich die dortige Lagerleitung als Feldlaborant einer geologischen Expedition zu.

Als ich das Labor übernahm und die Analysenberichte durchstöberte, kamen ein paar Seiten aus dem Tagebuch des vertragsbeschäftigten Laboranten Michailow zutage, meines Vorgängers, der bei dem Versuch, einen der Bohrarbeiter zu retten, im Fluss ertrunken war. Die Seiten waren auf den 2. und 3. Februar 1940 datiert. Der Leiter der Expedition erzählte mir, dass Michailow kurz vor seinem Tod irgendwelche Papiere, offenbar ein Tagebuch, verbrannt habe. Zuerst dachte ich, die beiden Seiten vom 2. und 3. Februar seien zufällig übersehen worden, kam dann aber zu dem Schluss, dass Michailow sie bewusst nicht verbrannt hatte: Auf einer Ecke des ersten Blatts stand, mit Bleistift geschrieben, in der Handschrift des umgekommenen Laboranten: »Auf keinen Fall vernichten.« Der Tagebucheintrag für jene zwei Tage lautete folgendermaßen:

2. Februar

Der Schneesturm wütet schon den dritten Tag. Unsere winzigen Segeltuchzelte sind unter den gewaltigen Schneewehen kaum noch zu finden. In einem wohnt der Leiter unserer geologischen Expedition, Ingenieur Petrow, im zweiten hat man das kleine Feld­labor eingerichtet, hier sind auch die zwei Gesteinssammler und ich untergebracht. Im dritten wohnen die Arbeiter.

Es ist Abend. Das Eisenöfchen glüht rot. Laut knistern die Kiefernscheite, und die Glaskolben und -zylinder auf meinem Tisch glänzen trübe. Auf dem Zeltdach hört man den trockenen Schnee rascheln. Die 7-linige Petroleumlampe mit dem zerschlagenen Glas brennt schwach. Das Glas hat der Gesteinssammler Golowin einmal zerschlagen, während einer Alkoholpsychose.

Ich bin heute Abend allein. Der Expeditionsleiter, die Gesteinssammler und die Arbeiter sind seit drei Tagen unterwegs, um am Berg Ubys Schotterlagerstätten zu erkunden. Sie sollten gestern schon zurück sein, doch offenbar hat der Schneesturm sie aufgehalten.

Neben dem Arbeiterzelt war der Koch Iwan, ein Mordwine von der Wolga, damit beschäftigt, Holz zu spalten. Bei jedem Axthieb ächzte er und stieß saftige Flüche aus.

Ich drehte den Lampendocht weiter heraus, setzte mich näher an den glühenden Ofen, ließ die gekreuzten Arme auf die Knie sinken und verfiel in Nachdenken. Hell pfiff der Wind in den Baumzweigen über den Zelten, schlüpfte in das Blechrohr und schlug als schwarzer, teeriger Rauch aus dem Ofen. Durch die Öffnung zwischen der Zeltplane und dem Rohr wehte eine Handvoll Schneeflocken herein, überzog mich als silbriger Staub und verzischte auf dem glühenden Blech des Rohrs.

Iwan schlug die vollgeschneite Plane am Eingang zurück, betrat mit einem Armvoll Brennholz das Zelt, warf es auf den Boden und klopfte sich den Schnee ab.

»So ein Wetterchen aber auch, gottverdammich …«

»Tee aufgesetzt?«, erkundigte ich mich.

»Hab ich. Kocht gleich«, erwiderte er träge und verließ das Zelt, steckte aber im nächsten Moment den Kopf wieder herein und teilte mir erschrocken mit:

»Da schreit jemand in der Taiga …«

Eilig verließ ich hinter ihm das Zelt. Inmitten der weißen Pracht stand wie eine schwarze Mauer der Wald. Zwischen den schnell dahinschwebenden Wolken schimmerte die grüne Mondscheibe und tauchte gleichgültig immer wieder in das struppige Gewölk ein. Der Schneesturm wirbelte. Wir lauschten.

»U-u-u-u-a-a-ah!«, erklang aus der Taiga ein schwer definier­bares Rufen. Es war eine Frau, die da schrie, und offenbar aus ziemlicher Nähe.

»A-a-a-ah …!«

Ich lief schnell zum Zelt, setzte meine Schapka auf, zog mir die Wattejacke über und schob eine kleine Axt hinter meinen Gurt. Iwan zerrte zwei Paar Skier aus einem Schneehaufen, warf mir ein Paar hin, zog die Riemen der Bindung über seine Filzstiefel und meinte stockend:

»Sie schreit nicht weit von hier … am Fluss.«

Wir fanden sie etwa dreihundert Meter von unserem Lager entfernt, am Ufer der Koshwa, eines kleinen Zuflusses der kalten Petschora. Sie saß, an einen Baumstamm gelehnt, im Schnee. Ihr Kopf war in ein warmes Tuch gehüllt, unter dem große Augen mit taunassen Wimpern seltsam glänzten. Neben ihr lag ein prall gefüllter Reisesack.

»Ich bin vom Weg abgekommen …«, sagte sie mit tiefer, etwas heiserer Stimme. »Wer sind Sie?«

»Geologen, Prospektoren«, erwiderte ich. »Stehen Sie auf, sonst erfrieren Sie noch.«

Die Frau erhob sich.

»Meine Skier habe ich unterwegs stehen gelassen. So ein Schneesturm. Ist es weit bis zu euch?«

»Nein, ganz in der Nähe. Kommen Sie, wärmen Sie sich auf. Woher kommen Sie?«

Sie druckste, schwieg einen Augenblick, sagte dann leise:

»Aus Ust-Uchta. Ich bringe die Post, na und bin vom Weg ­abgekommen, bin fast erfroren. Ohne die Skier wird es schwierig …«

»Sie können meine haben«, bot ich ihr an. »Erst einmal aber müssen Sie trocken werden und abwarten, bis der Schneesturm vorbei ist.«

In meinem Zelt ließ sie sich kraftlos auf eine Pritsche sinken und streckte die frierenden Hände an den Ofen.

»Helfen Sie mir bitte beim Ausziehen … Meine Finger sind völlig erstarrt.«

Ich löste ihr Tuch, nahm ihr die Jacke ab und zog ihr die vereisten, hartgefrorenen Filzstiefel von den kleinen bloßen Füßen. Sie zog die Beine auf die Pritsche, umfing die Knie mit den Armen und begann, das Kinn darauf gestützt, unverwandt ins Feuer zu starren. Das krause schwarze Haar fiel ihr ungeordnet über die Schultern und warf seinen Schatten auf die glatte weiße Stirn. Auf ihren markanten, ein wenig aufgeworfenen Lippen lag ein unbestimmtes Lächeln, und auf den dichten Wimpern über den großen dunklen Augen glänzten Tropfen geschmolzenen Schnees, vielleicht auch Tränen. Die kurzen Ärmel der wollenen Bluse gaben den Blick auf ihre hübschen molligen Arme frei.

»Wie heißen Sie?«

»Irina. Und Sie?«

Ich stellte mich vor und bot ihr ein wenig von unserem Sprit an.

»Sehr gerne. Mir ist furchtbar kalt.«

Ich goss ein wenig leicht verdünnten Sprit in ein Messglas. Sie trank es aus, begann zu husten und sich zu schütteln. Wir lachten.

»Stark?«

»Ganz schön«, meinte sie und zeigte beim Lächeln ihre blitzenden weißen Zähne.

In der Nähe des Zelts flog mit lautem Flattern ein Vogel auf. Erschrocken zuckte Irina zusammen und sah mich an.

»Was war das?«

»Ein Auerhahn.«

»Nachts habe ich in der Taiga schreckliche Angst. Ohne Sie wäre ich wohl erfroren.«

Iwan kam mit dem kochenden Teekessel herein. In kleinen Schlucken tranken wir das heiße Wasser, das mit getrockneten Blättern der schwarzen Johannisbeere aufgegossen war, lauschten dem Tosen des Schneesturms und führten ein ruhiges Gespräch. Allmählich wurden wir fröhlicher. Iwan sang lustige mordwinische Lieder und trank ganz nebenbei meinen gesamten Vorrat an Sprit aus. Sein gutmütiges, pockennarbiges Gesicht fing an zu glänzen wie eine mit Eigelb bestrichene rosa Semmel. Irgendwann geriet er so in Fahrt, dass er anfing, uns umwerfend komische mordwinische Tänze vorzuführen, wobei er geschickt zwischen Pritsche, Tisch und Ofen manövrierte. Für eine volle Stunde vergaßen wir den Schneesturm und tauchten in eine gänzlich neue Welt ein. Wie wenig der Mensch doch braucht, um fast glücklich zu sein!

Dann verließ Iwan uns. Ich beschloss, Irina mein Zelt zu überlassen und im Zelt der Arbeiter zu übernachten. Wie immer, wenn Menschen für lange Zeit von der Außenwelt isoliert sind, befällt sie nach stürmischen Ausbrüchen der Fröhlichkeit schwerer Katzenjammer. Nach Iwans Weggang saßen wir etwa zehn Minuten schweigend, mit hängenden Köpfen da, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.

»Und morgen?«, fragte sie plötzlich.

Ich hob den Kopf: Der Sinn der seltsamen Frage war mir nicht klar. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und antwortete selbst:

»Morgen nehme ich meinen Rucksack und gehe im Frost durch die Taiga, hin zu … hin zu …«

Sie warf sich auf den Strohsack, den ich als Kopfkissen benutzte, und begann laut zu schluchzen.

»Was ist denn? Nicht doch, bitte, nicht …«

Ihre fülligen Schultern bebten vom Weinen. Ein Windstoß riss eine Zeltbahn los, warf einen Haufen Schnee ins Zelt und zerrte an der losen Plane. Ich ging hin und befestigte die Plane wieder. Irina erhob sich ein wenig und sah mich mit tränennassen Augen an.

»Sagen Sie doch: Wozu haben Sie mich heute in der Taiga gefunden? Wozu haben Sie mich gerettet? Ich hätte lieber erfrieren sollen … Lieber ein schnelles Ende … Warum haben Sie mich gerettet?«

»Warum? Darum, weil Sie geschrien haben«, erwiderte ich, versuchte die Ruhe zu bewahren und begann meine Pfeife zu stopfen.

Sie lächelte auf irgendwie kindliche Weise und wischte sich mit einem Tuch die Tränen ab.

»Das stimmt«, seufzte sie niedergeschlagen. »Wer will schon sterben? Auch ich will nicht sterben … Ganz und gar nicht …«

Sie verstummte nachdenklich.

Ich trat an den Ofen, hielt die Hand vor das glühend heiße Rohr und fragte leise, ohne Irina anzusehen: »Sagen Sie, warum belügen Sie mich?«

Sie änderte nicht einmal ihre Haltung, blickte mich nicht an, als habe sie diese Frage erwartet. Einen Moment lang dachte sie nach und sagte dann in ruhigem Ton:

»Weil ich Ihnen die Wahrheit nicht sagen kann …«

»Warum nicht? Aber was rede ich … verzeihen Sie … wie dumm von mir«, besann ich mich, als mir klar wurde, wie anmaßend meine Frage war. Ich spürte, dass ich mich irgendwie erklären musste, und fügte hinzu: »Wissen Sie, warum ich frage … Ich habe in Moskau gewohnt. Meine Kindheit und den größten Teil meines bewussten Lebens habe ich dort verbracht. Ich bin Ingenieur. Obwohl ich es aus gewissen Gründen vorziehe, als einfacher Laborant zu arbeiten. Aus denselben Gründen, aus denen ich die gottverlassene Taiga der Hauptstadt vorziehe. Und jetzt sind Sie da, und ich erkenne einen Menschen aus meinen Kreisen. Dieselbe Art zu reden, derselbe Moskauer Dialekt, dieselben Umgangsformen eines Intelligenzlers. Ich habe bemerkt, wie Sie Ihr Haar mit dieser schnellen, präzisen Bewegung richten, wie Sie sich bei Tisch verhalten. Kurz, Ihre Tarnung als Postzustellerin in der Taiga ist ungeschickt und wenig überzeugend. Und Sie müssen mir recht geben: Es ist doch ganz natürlich, dass ich mir die Frage stelle: Wer ist sie, diese Taiga-Postfrau mit dem Moskauer Dialekt? Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, aber …«

»Sie haben nichts Unangemessenes getan«, unterbrach sie mich. »Die Taiga befreit die Menschen von vielem, offenbar auch von der Höflichkeit.«

Ich schwieg.

»Und dann vergessen die Männer zum Beispiel auch, dass es auf der Welt Rasiermesser gibt.«

»Sie spielen auf meinen Bart an?«

»Nein … so allgemein.«

»Wissen Sie, der Bart schützt mich vor dem Frost.«

»Und auch vor etwas anderem …«

Sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ließ ihre Zahnreihen blitzen.

Ich schwieg erneut.

»Zum Beispiel ist es unmöglich, sich in Sie zu verlieben«, ließ sie nicht locker.

Oje, meine Neugier kommt mir teuer zu stehen, dachte ich und schickte mich in Gedanken zum Teufel.

»Nun schauen Sie sich doch mal an, wie Sie aussehen! Wie ein Waldschrat: lange Haare, roter Bart …«

»Nicht rot, kastanienfarben …«, versuchte ich zu scherzen.

»Kastanienfarben, kastanienfarben«, äffte sie mich nach. »Wenn ich sage: rot, dann ist er rot! Und, was interessiert Sie noch? Wollen Sie vielleicht wissen, wie alt ich bin?«

»Wozu? Sie glauben doch wohl nicht, dass ich anfange, mich zu rasieren?«

»Ist das jetzt eine Retourkutsche für meine ehrliche Meinung über Ihr Aussehen? Ich hätte sie für geistreicher gehalten … Aber trotzdem: Was glauben Sie denn, wer ich bin?«

»Ich werde darauf nicht antworten. Es ist Ihnen offenbar unangenehm, und ich möchte Ihnen Peinlichkeiten ersparen.«

»Aber ich bestehe darauf … und bitte Sie. Wer bin ich wohl?«

»Eine Passantin …«, sagte ich ruhig und zündete meine erkaltete Pfeife wieder an.

»Mehr nicht?«

»Mehr nicht. Wenigstens für mich.«

»Eine Passantin …«, wiederholte sie spöttisch und blickte mir mit Hass und Verachtung in die Augen.

»Eine Passantin …«

»… die die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule nicht bestehen würde«, fügte ich hinzu.

Sie sprang auf, in den dunklen Augen das Funkeln eines gehetzten Tiers.

»Ja!«, schrie sie. »Ich lüge! Hören Sie? Ich lüge! Ich bin keine Postfrau und war nie eine! Ich bin Ingenieur, genau wie Sie, nur mit dem Unterschied, dass ich … dass ich …« Sie hielt zurück, was ihr auf der Zunge lag, biss sich nervös auf die blutrote, aufgeworfene Lippe und fiel schwer atmend zurück auf die Pritsche.

»Im Übrigen«, fügte sie nach einer Weile hinzu, »geht es Sie auch gar nichts an, welcher Unterschied zwischen uns besteht. Für Sie bin ich ja nur eine … eine Passantin.«

Etwa fünf Minuten schwiegen wir. Ich ärgerte mich über mich selbst; sie tat mir leid. Ich erhob mich und beschloss, hinüber ins andere Zelt zu gehen. Außerdem begann auch das Licht der Lampe zu verglimmen – das Petroleum war verbraucht. Doch Irina kam mir zuvor.

»Ich würde gern schlafen.«

»Das ist auch das Beste«, sagte ich. »Legen Sie sich hier auf meine Pritsche. Hier haben Sie eine Decke, legen Sie Ihre Jacke noch darüber. Um den Ofen kümmere ich mich. Gute Nacht.«

Ich trat hinaus. Der Schneesturm fegte noch immer umher und rüttelte an den trockenen Fichten und Lärchen. Der Mond hatte sich versteckt, vom Fluss her war das abgehackte, nervenaufreibende Bellen eines Fuchses zu hören. Im Arbeiterzelt schnarchte Iwan trotz der entsetzlichen Kälte – der Ofen war ausgegangen. Ich blies in die Glut, legte Holz auf, und als das Feuer wieder fröhlich loderte, holte ich mir ein Buch und setzte mich an den Ofen, um zu lesen. Nach etwa zwei Seiten sah ich ein, dass ich den Sinn des Gelesenen nicht erfasste, legte das Buch beiseite und begann zu beobachten, wie sich die Birkenrinde im Feuer zusammenrollte. Träge hing ich irgendwelchen müßigen Gedanken nach: dachte mal an das eine, mal an das andere zurück. Wie lange ich so saß und nachdachte – ich weiß es nicht. Ich war wohl eingenickt und wachte von der Kälte wieder auf. Der Ofen war ganz ausgegangen. Mir fiel mein Gast wieder ein. Sicher war auch dort das Feuer längst erloschen.

Ich ging ins Freie. Der Schneesturm hatte sich gelegt, und am grünlich-blauen Himmel, der von grellen Sternen übersät war, hing stählern die Mondscheibe.

Vorsichtig schlug ich die Zeltplane zurück, trat ein und hockte mich vor den erloschenen Ofen. Ich fachte das Feuer wieder an und legte Birkenrinde auf. Sie krümmte sich, begann zu qualmen, loderte als knisternd-heiße Flamme auf und beschien das Zelt. Ich richtete mich auf und warf einen Blick zur Pritsche.

Irina lag auf dem Rücken unter der Decke und sah mich mit gerunzelter Stirn und irgendwie allzu angespannt an.

»Kommen Sie zu mir …«, sagte sie leise.

Ich ging hin und setzte mich zu ihr auf die Pritsche. Sie versenkte ihre Finger in meinem Bart und lächelte einfach, sanft, so wie Genesende lächeln.

»Was für ein lustiger lockiger Bart. Wie alt ist er?«

»Ein Jahr.«

»Und Sie?«, fragte sie, ließ die Hand sinken und knöpfte ohne Eile einen Knopf an meiner Feldbluse zu.

»Dreißig.«

»Haben Sie eine Frau?«

»Nein. Ich habe ein Mädchen geliebt, wir waren verlobt, aber dann … hat sie meinen Freund geheiratet.«

»Wie dumm von ihr!«, lachte sie. »Dabei sind Sie doch im Prinzip ein netter Kerl …«

Ich verspürte eine leichte Kälte in der Herzgegend und rückte unwillkürlich näher an sie heran, doch sie wehrte ab.

»Sagen Sie«, meinte sie irgendwie nachdenklich, »Sie haben doch bestimmt schon mal darüber nachgedacht, was den Menschen wirklich froh macht im Leben? Was meinen Sie«?

»Ich weiß nicht«, druckste ich. »Wahrscheinlich trägt vieles dazu bei: Wenn man die Arbeit mag, die Familie, Liebe …«

»O nein«, unterbrach sie mich seufzend. »Das ist es alles nicht. Wissen Sie, was das Wichtigste ist?«

»Nun?«

Sie stützte ihren Krauskopf auf die Faust, kniff die Augen leicht zusammen und sagte kurz und knapp:

»Die Freiheit.«

Wieder erklang in der Taiga das traurige Bellen des Fuchses. Die Birkenrinde war fast verbrannt, im Zelt wurde es dunkler und wellenförmig erleuchtete ein seltsamer rötlicher Widerschein die Zeltwände.

»Oh, wie sehr sie die braucht, Ihre … zufällige Passantin«, sagte Irina leise, mit gerunzelter Stirn, und plötzlich knirschte sie mit den Zähnen und umfasste ungestüm meine Schultern. Ich beugte mich zu ihr, küsste ihre warmen Lippen und spürte, wie mein Herz immer schneller schlug.

3. Februar

Ich weiß nicht, ob ich je wieder zu meinem Tagebuch zurückkehren werde. Wahrscheinlich nicht. Es hat keinen Sinn zu schreiben, es ist vergebens, warum soll ich noch etwas aufschreiben … ich habe den ganzen Albtraum durchlebt, der uns umgibt wie die Toten das Leichentuch. Ich habe den Preis der Freiheit erfahren.

Meinen gestrigen Eintrag ins Tagebuch habe ich um vier Uhr nachts geschrieben, nachdem ich Irina erregt, verstört, mit Freude, aber auch Unruhe im Herzen zurückgelassen hatte und wieder in mein Zelt gegangen war. Ich ahnte nicht, welch schreckliche Wahrheit sich mir zwei, drei Stunden später eröffnen würde.

Dies hier also ist mein letzter Eintrag, ohne langes Nachdenken und ohne jeden Kommentar:

Ich weiß noch, dass ich einschlief, eng an Irinas warmen Körper geschmiegt. Ich fühlte mich wohlig, kindlich-froh und einfach nur gut. Ich träumte von etwas Hellem, Gutem.

Als ich hingegen aufwachte, spürte ich vor allem Leere. Es war dunkel. Ich tastete mit der Hand und begriff: Da war niemand bei mir. Ich zuckte zusammen: Wo war sie denn?

Und am Fluss bellte, weinte die ganze Zeit der Fuchs.

Wie widerwärtig sein Geheul war!

Beim ersten Klang der geliebten Stimme war ich bei ihr.

»Warum schläfst du nicht?«

Sie saß in der Ecke am Ofen, in ihrer Lieblingshaltung: Ihre Hände umfassten die Knie, auf die sie den Kopf stützte. Ich legte ihr die Jacke um, küsste ihr Haar, ihre Stirn, die Augen …

»Hast du geweint?«

Sie presste sich mit der Wange an mich und sagte leise:

»Weißt du, mir ist so gut …«

Nach einem Augenblick des Schweigens fügte sie hinzu:

»Ich möchte dir etwas erzählen, davon, was der Mensch vor dem Tod empfindet …«

»Ach, lass doch!« Ich verzog das Gesicht. »Wirklich, das geht zu weit! Erzähl mir lieber von dir, schließlich weiß ich überhaupt nichts über dich!«

»Morgen! Versprochen! Vor dem Tod spürt der Mensch nur das süße Beben seines Herzens, in banger Erwartung des großen Mysteriums. Weiter nichts. Und Kälte. Komm, wir fachen das Feuer an.«

Innerhalb einer Minute hatte ich den Ofen eingeheizt. Ob es die Wärme war, oder das Licht – uns wurde es wieder leichter ums Herz. Irina erhob sich, dehnte sich und meinte auf ganz alltägliche Art:

»Lass uns noch ein bisschen schlafen.«

Plötzlich aber blickte sie mich erschrocken an und ergriff meine Hand:

»Hörst du das? Was ist das?«

Ich spitzte die Ohren, konnte aber nichts hören.

»Hörst du es?«

»Nein.«

Sie lächelte betreten.

»Mir kam es so vor. Ich bin so schreckhaft heute … Wann kommen eure Leute zurück?«

»Vielleicht morgen.«

»Früh?«

»Sie werden wohl kaum nachts unterwegs sein. Obwohl unser Chef seine Eigenheiten hat, bei dem muss man mit allem rechnen. Warum fragst du?«

»Ich denke, du solltest in dem anderen Zelt schlafen«, meinte sie mit gesenktem Blick.

»Was?«, rief ich erstaunt, nahm mich aber gleich wieder zusammen. »Entschuldige, ich verstehe nicht – warum?«

»Geh!«, befahl sie.

Ich umarmte und küsste sie, wie einen Nahestehenden, den man in ein paar Stunden wiedersieht – flüchtig und leicht.

Ich ging und setzte mich an mein Tagebuch. Die Nacht war tiefschwarz. Müde hörte ich mit dem Schreiben auf, ohne fertig geworden zu sein, legte den Kopf auf die Arme und begann, glückselig lächelnd, mir nach und nach alle Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen. Dann verschwamm alles.

Ich konnte die schweren Augen nur mit Mühe öffnen, hob den Kopf und sah mich um. Im Zelt war es trübe – die Morgendämmerung brach erst an. Draußen waren leise Stimmen und das Winseln von Hunden zu hören. Die Unseren sind zurück, dachte ich und warf mit einem Ruck die Zeltplane zurück, um hinauszugehen. Etwa dreißig Schritte entfernt erblickte ich vier uniformierte Männer mit Gewehren in den Händen, die sich auf Skiern dem Lager näherten. Ihre Hunde zerrten an den Leinen. Im selben Moment fiel ganz in der Nähe, fast neben mir, ein ohrenbetäubender Schuss.

Ohne mir schon klar darüber zu sein, was passiert war, nur meinem Instinkt folgend, stürzte ich zu Irinas Zelt, registrierte aber nebenbei, dass die vier Ankömmlinge wie auf Kommando in den Schnee fielen. Innen konnte ich zunächst nichts erkennen: Im Zelt schwebte ein fahler, bitterer Dunst. In der schreienden Stille war nur das Tröpfeln des Wassers zu hören, das auf dem Tisch aus einem umgeworfenen Glaskolben floss.

Mit dem Rücken gegen ihren aufgeschnallten Rucksack gelehnt, ließ Irina, halb auf der Pritsche sitzend, auf schreckliche, unnatürliche Weise den Kopf auf die Brust hängen. Das wirre schwarze Haar verdeckte ihr Gesicht. Die aufgeknöpfte Joppe gab den Blick auf die mir wohlbekannte blaue Wollbluse frei, die mit seltsamen dunklen Flecken bedeckt war. Die kleine Hand mit halb gekrümmten Fingern war zur Seite geworfen. An einem Fuß trug sie einen Filzstiefel. Der andere Stiefel lag auf der Erde neben ihrem angewinkelten, herabgerutschten nackten rechten Bein; mattweiß hob es sich kläglich und hilflos von der schwarzen Decke ab. Der große Zeh steckte im Abzugsbügel meines Jagdgewehrs, das mit dem Lauf auf den Rand des Labortisches gefallen war.

Mit angehaltenem Atem schob ich behutsam die krausen Haarsträhnen von ihrer Stirn.

Da war kein Gesicht. Nur etwas Entsetzliches, Unförmiges.

Ich weiß noch, dass ich vom Tisch ein Blatt Papier nahm, auf dem etwas mit Bleistift geschrieben stand, dass ich dieses zarte Blatt an meine Lippen führte und die Buchstaben küsste – die Spuren ihres Lebens. Wie im Traum nahm ich wahr, dass jemand hereinkam, hörte Iwans verstörte Stimme und eine andere, tiefe, ruhige, die Iwan erklärte:

»Aus dem Straflager entflohen … eine Politische …«

An dieser Stelle brach Michailows Tagebucheintrag ab. An die letzte Seite war ein Zettel angeheftet. Zuoberst stand in Druckbuchstaben: »Bodenanalyse Nr. 1937«, darunter, mit einem Bleistift, in der gleichmäßigen Schrift einer Frau, mit korrekt gesetzten Satzzeichen, Folgendes:

»Liebster, ich habe nur noch eine halbe Minute. Hunde und Suchtrupp sind ganz nahe. Das Wichtigste im Leben ist die Freiheit.«

Lange bewahrte ich diesen Zettel auf. Manchmal holte ich ihn hervor, las ihn immer wieder, und er rief keinerlei Empfindungen mehr in mir hervor. Bald schon hatte ich sowohl Irina als auch Michailow als auch den Zettel ganz vergessen.

Das Leben in der Taiga war farblos und langweilig. Im Winter, wenn nachts die Schneestürme tosten, spielten wir Karten und tranken Sprit. Im Chor sangen wir mit vom Frost heiseren Stimmen unser Lieblingslied über die Taiga.

»Wo der Schnee fliegt auf stürmischen Schwingen,

liegt im Norden, im fernen, ein Grab.

Frost und Taiga das Totenlied singen,

nur der Mond beugt sich bleich noch herab.«

Kalt ist es. Ach, wie kalt ist es auf dieser Erde!

DER PIANIST

An diesem Tag war es besonders heiß. Über dem aufgewühlten braunen Lehmboden flirrte die brütende Hitze. Mückenschwärme tanzten als Wolken über unseren Köpfen.

Ich arbeite an einer Pfahlramme. Der auf die Schnelle aus feuchtem Holz zusammengezimmerte Göpel steht auf dem Grund einer tiefen Schlucht, am Ufer des kleinen, aber kalten und schnellen Flüsschens Vuly-Sju-Iol. Von frühmorgens bis spätabends stemmen wir, neun abgerissene, hungrige Häftlinge, uns mit der Brust gegen die Schwengel der Rammwinde und gehen im Kreis, um den schweren eisernen Rammbär nach oben zu ziehen.

Die Rammwinde knarrt, das stählerne Seil spannt sich wie eine Saite, und wenn der Rammbär laut krachend auf den Rammpfahl fällt, wischen wir uns den Schweiß von der Stirn und versuchen auf jede erdenkliche Weise, das erneute Hochstemmen des herzlosen eisernen Ungetüms, das uns bis zur völligen Erschöpfung zermürbt, hinauszuzögern.

Der Zehnerleiter, ein kleines, pockennarbiges Männchen, sitzt auf einem Holzkloben, weist mit seiner Messlatte aus Kiefernholz auf die Sonne und mahnt immer wieder:

»Macht zu, Jungs, macht zu … Seht zu, dass ihr die Hälfte der Norm bis Mittag schafft!«

»Machen wir, machen wir, Golubtschik«, erwidert im selben Tonfall Jefimytsch, mein Nachbar am Schwengel, ein gekrümmter, schwindsüchtiger, ständig schwer hustender Alter, der, weil ihm die Brust wehtut, die vertrocknete Schulter auf den glattgescheuerten glänzenden Schwengel legt. »Wir geben alles, was wir können, Zehnerleiterchen, vielleicht geben wir dir bald auch unser bisschen Leben.«

Zehnerleiter Golubew kneift die scharfen Augen zusammen, sieht ihn an und sagt langsam:

»Du bist verdammt geschwätzig geworden, Jefimytsch, was brauch ich dein Leben, Freundchen, ich bin selbst nur Häftling.«

»Warum zum Teufel treibst du uns dann so an«, sagt daraufhin wütend Mitjka-Pan, ein alter Langfinger und Wiederholungstäter, und wendet ihm sein bleiches Gesicht zu. »Du hast kein Gewissen, du pockengesichtiger Deibel.«

Golubew lacht leise.

»Weswegen sitzt du, Pan?«, fragt er und gibt die Antwort gleich selbst. »Diebstahl! Und ich? Hab ich einen umgebracht? Oder beklaut? Oder hab ich mich gegen die Sowjetmacht gewendet, wie Jefimytsch da oder Serjoschka, oder Wsjewolod? Nehee, ich hab keine Gesetzesverbrechen nich gemacht … Wenn du’s genau wissen willst, Buchhalter war ich, im Kolchos, und da haben sie mich reingerissen … Hat einer fünf Fuhren Roggen aus dem Kolchosspeicher geklaut, und ich hatte die Verantwortung.«

»Du lügst doch, du Hund!« Mitjka-Pan spuckt aus. »Die hast du selbst stibitzt und die Schuld auf andre geschoben.«

Mitjka-Pan hat als Einziger von uns keine Angst vor dem Vorarbeiter. Und er ist auch der Einzige, über den sich der Zehnerleiter nicht bei der Lagerleitung beschwert, weil er nämlich Angst vor Mitjka hat. Mitjka weiß das und schmeißt die Arbeit öfter mal hin, packt sich gleich neben der Rammwinde in die Sonne, um zu schlafen. Golubew umkreist ihn und schreit rum, dass er ihn in die Isolationszelle bringt, Mitjka aber schließt die Augen, lächelt selig und verspricht gleichgültig:

»Ich brech dir gleich alle Rippen, pockengesichtiger Satan, wenn du nicht verschwindest und mich schlafen lässt.«

Am besten verstand ich mich mit Wsjewolod Fjodorowitsch. Er war Pianist von Beruf. Schon vor der Haft hatte ich Konzerte von ihm besucht, im Moskauer Konservatorium. Damals waren wir aber noch nicht persönlich miteinander bekannt. Er war ein kluger und begabter Mensch, siebenunddreißig Jahre alt, hochgewachsen, bedächtig in seinen Bewegungen, ein wenig linkisch. Mit einer großen runden Brille, durch die gütige, kluge Augen blickten, strahlte er Warmherzigkeit und Anstand aus. Er war sehr schweigsam und leistete gefügig und fleißig jede Art von Arbeit. Man hatte ihn zu drei Jahren verurteilt, zweieinhalb davon hatte er bereits »abgesessen«. Wofür er verurteilt worden war, wusste Wsjewolod, wie die meisten Politischen, selbst nicht.

In Moskau lebte noch seine alte Mutter. Er schrieb ihr Briefe und lebte nur für ein Ziel: zu ihr zurückzukehren und wieder als Pianist zu arbeiten. Letzteres wurde jedoch durch einen Umstand erschwert: Die körperliche Arbeit hatte seine Hände so grob und schwielig werden lassen, dass er sie, wie er selbst sagte, kaum noch bewegen konnte. Das bedrückte ihn außerordentlich und ließ ihn nächtelang kein Auge zumachen.

Wenn wir uns abends nach der Arbeit entkräftet auf die schmutzigen, verlausten Pritschen fallen ließen, zeigte er mir seine verkrümmten, rauen Finger und fragte nervös:

»Was meinen Sie, Serjosha, ob die noch wieder werden?«

Ich gab mir alle Mühe, ihm glaubhaft zu versichern, dass er, ja, natürlich wieder spielen würde, doch im tiefsten Innern zweifelte ich daran. Und wie zum Trotz musste er während der ganzen drei Jahre im Konzentrationslager die schwersten Arbeiten verrichten: Mal stand er mit dem Spaten in der Hand bis zu den Knien im fauligen Sumpfwasser, mal schob er die schwere, mit Erde beladene Schubkarre oder schleppte sieben Meter lange Balken aus dem Wasser.

Es gibt Menschen, die sind so wendig und gerissen, die reißen sich die ganze Haftzeit über kein Bein aus, wie es so schön heißt. Die sehen zu, dass sie eine Arbeit als Friseur kriegen, oder als Koch, Depotwärter, Verwalter … Andere hingegen schieben jahraus, jahrein die schwere Karre. Das sind ehrliche, bescheidene, dem Schicksal ergebene russische Menschen, die für nichts und wieder nichts ins Lager geraten sind. Solch ein Mensch war auch Wsjewolod Fjodorowitsch.

Ein Stoß ließ die Winde erbeben. Der Rammenführer Kolja, mit fünfzehn noch ein richtiger Junge, zog an dem Fallseil und zählte laut die Anzahl der Aufschläge. Die Sonne stieg immer höher, ihre heißen Strahlen brannten auf unseren kahlrasierten Köpfen. Am linken und rechten Flussufer, fünfzig Meter von uns entfernt, waren Erdarbeiter dabei, Zufahrten für eine künftige Brücke aufzuschütten. Ich blickte nach oben und sah, wie vor dem Hintergrund des blauen Himmels auf den Erdkegeln Menschen mit Schubkarren auftauchten, einer nach dem anderen, armschwingend die Karren umkippten und sie leer wieder hinunterschoben. Sie erinnerten an große Vögel, die an den Rand eines Abgrundes geflogen kamen und erschrocken zurückflatterten.

Ein wenig abseits saß im dichten Schatten wilder Johannisbeersträucher der Wachsoldat auf einem Baumstumpf. Den Kopf auf der Brust, gestützt auf das Gewehr, das er nicht aus den Händen ließ, schlief er friedlich. Er war morgens schon betrunken gewesen, und jetzt, gegen Mittag, war er völlig hinüber.

»He, Gruppenleiterchen!«, rief Mitjka-Pan Golubew zu.

»Was-willst-du-denn?«, fragte der faul und schnitzte weiter Muster in seine Messlatte.

»Was, wenn ich mal eben zu dem Wachkerl da geh, ihm die Flinte aus der Hand reiße und zack mit’m Lauf eins übern Schädel, und dann dir ’ne Kugel in’n Kopf und tschüss, ab in die ­Taiga …?«

»Kommst trotzdem nicht weit!«, erwiderte Golubew leise.

»Wieso?«

»Na weil hier Hunderte von Kilometern nur Taiga is, und Sümpfe und Mücken. Die nächsten Dörfer sind erst an der Wytschegda. Bevor du da hingekrochen kommst, bist du vor Hunger verreckt oder im Moor ersoffen.«

»Ich hab doch die Flinte. Kann Vögel schießen«, träumte Mitjka-Pan laut.

»Erstens hast du nur fünf Patronen, mehr kriegen die Wachmänner nicht. Zweitens kannst du überhaupt nicht schießen und wirst sie gleich am ersten Tag alle abfeuern. Nee, nee, du kommst hier nicht weg, Mitjka.«

»Teufel aber auch«, empörte sich Mitjka-Pan. »Die weiß schon, die Sowjetmacht, wo sie die Lagerchen für unsereins baut: nur Sumpf und Dickicht.«

»Was hast denn du gedacht? Du weißt doch, da sind Menschen … Kch-ch-che … Menschen …« Der Husten ließ den alten Jefimytsch nicht zu Ende reden.

Ich blickte zu Wsjewolod Fjodorowitsch. Er hielt den Kopf tief gesenkt, drückte mit Brust und Händen kräftig gegen den Schwengel und lächelte, die in der Sonne blitzende Brille auf der Nase, vor sich hin.

Rums! Der eiserne Rammbär fiel hinab.

Und wieder wickelte sich das Seil auf, wieder riss Kolja am Fallseil …

Rums!

Rums!

Rums!

Die Stöße kehrten als vielstimmiges Echo aus der Taiga zurück. Die Ramme arbeitete sich immer weiter in den Boden.

»Die Sterbegehilfin kommt!«, rief der kleine Rammenführer freudig. »Pa-ause, Jungs!«

»Pa-ause!«, flog der Ruf die Trasse entlang.

Am Ufer tauchte hinter den Kiefern eine kleine Prozession auf. Voran marschierte eine füllige Frau, hinter ihr gingen drei Männer mit Sperrholzkisten auf den Köpfen. Sie brachten das Mittagessen. Die »Sterbegehilfin« hatte diesen Spitznamen, weil sie eine Zeit lang als Sanitäterin beim Feldscher des Lagers gearbeitet hatte. Wegen eines Vergehens (sie hatte die Baldriantropfen aus dem Notfallkoffer ausgetrunken) wurde sie zuerst in die Wäscherei versetzt, dann hatte man Erbarmen mit ihr und beauftragte sie, den arbeitenden Häftlingen das Mittagessen auszutragen. Sie war eine junge und außergewöhnlich kraftvolle Frau.

Jeder von uns erhielt ein Stück stinkenden Dorsch und ein kleines Stück Brot.

»Gib uns doch noch ein Stück, Hexe!«, bat Mitjka-Pan.

»Das Cheflein hat noch was!«, entgegnete sie im Basston und kommandierte, an die Träger gewandt: »Los, weiter!«

Wir setzten uns ins Gras und begannen hungrig, Fisch und Brot zu verschlingen.

Wsjewolod Fjodorowitsch öffnete und schloss seine Hand.

»Hören Sie«, sagte ich. »Warum gehen Sie nicht zum Lagerleiter und bitten darum, dass man Ihnen eine andere Arbeit zuweist?«

Wsjewolod Fjodorowitsch lächelte traurig.

»Hab ich ja versucht.«

»Und?«

»Hat nichts gebracht.«

»Versuchen Sie’s doch einfach noch mal! Beharren Sie drauf!«

Er zuckte die Schultern.

»Es nützt ja doch nichts!«

»Was sind Sie nur für einer! Man muss drum kämpfen, sonst wird es natürlich nichts.«

Mitjka-Pan sah uns von der Seite an:

»Du solltest wirklich hingehen, Wsjewolod. Die Arbeit hier geht über deine Kräfte, ich sehe das. Hier gehst du kaputt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Hände sind doch das Wichtigste für einen Musiker. Ich hatte einen Kumpel, der konnte Bajan spielen, wie nix! Dann haben sie ihn bei Waldarbeiten eingesetzt, und er hatte keine Lust zu der Arbeit, hat sich selbst an der linken Hand drei Finger abgehackt. Wie er dann wieder spielen wollte, ging’s nicht, war nichts zu machen.«

Wir mussten lachen.

»Ich bin zwar ein Dieb«, fuhr Mitjka-Pan fort, »aber so ’ne Willkür kann ich nicht ausstehen. Jefimytsch zum Beispiel, der sollte auch von der Arbeit an der Ramme befreit werden … Nicht wahr, Jefimytsch?«

»Der Herr wird uns alle befreien«, sagte der Alte leise.

»Mitjka, Sie sind zwar ein Dieb, aber ein guter Mensch, besser als andere, die keine Diebe sind«, meinte Wsjewolod Fjodorowitsch. »Nur sollten Sie nicht dauernd mit dem Zehnerleiter streiten.«

»Den mach ich irgendwann einen Kopf kürzer«, versprach Mitjka-­Pan. »Hörst du, Zehnerleiterchen?«

»Ich höre dich«, erwiderte Golubew, während er seinen Dorsch vertilgte. »Pass nur auf, dass ich dich nicht zuerst zu fassen kriege … Los, Jungs, weiter geht’s!«

»Oh, du Blutsauger!«, rief Mitjka-Pan. »Gönn doch den Leuten wenigstens eine Atempause.«

Er sprang auf. Sein bis zum Gürtel zerrissenes Hemd entblößte eine kräftige tätowierte Brust und einen Bauch voller Narben, die von Messerstichen stammten. Die blauen Augen im bleichen Gesicht blitzten voller Wut und Hass. Eine Sekunde noch, und Mitjka-­Pan würde wahr machen, was er seit langem schon angedroht hatte; plötzlich aber wandte er sich auf dem Hacken um, ging als Erster zum Göpel und ergriff den Schwengel. Ich sah, wie seine Kaumuskeln sich spannten und bebten.

Am Abend konnte ich Wsjewolod Fjodorowitsch überreden, mit mir gemeinsam zum Leiter unseres Teillagers zu gehen.

Der Kommandant wollte uns zuerst partout nicht aus der »Zone« herauslassen, winkte dann aber doch ab und befahl einem Wachmann, uns zu begleiten.

Sulimow, der Lagerleiter, wohnte in einem kleinen Häuschen ein wenig abseits des Lagers, das von einem Stacheldrahtzaum umgeben war. Wir standen etwa fünfzehn Minuten im Eingangsbereich und warteten darauf, dass er uns empfing.

Dann traten wir ein.

Sulimow lag ausgestreckt auf einer Liege und gab seinem riesigen Schäferhund Zuckerstückchen. Der Kragen seiner Feldbluse mit den blutroten Kragenspiegeln war geöffnet, den Riemen hatte er abgelegt und die oberen Knöpfe seiner blauen Reithose geöffnet.

»Nun, was wollen Sie?«, fragte er, ohne uns anzublicken, und beschäftigte sich weiter mit seinem Hund.

Wir drucksten unentschlossen.

»Nun?«, fragte er erneut.

»Wissen Sie … verzeihen Sie …«, begann Wsjewolod Fjodorowitsch schüchtern.

»Nun?«

»Wir … ich bin, im Grunde genommen, aufgrund einer persönlichen Angelegenheit …«

»Nun?«

»Ich bin Pianist …«

»Ein bekannter Moskauer Pianist«, warf ich ein. Sulimow hob eine Augenbraue und warf mir einen schrägen Blick zu.

»Sie reden später … Nu-un?«

»Verstehen Sie, Bürger Lagerleiter«, fuhr Wsjewolod Fjodorowitsch fort. »Ich verrichte seit zwei Jahren ausschließlich körperliche Arbeit. Meine Hände … sehen Sie doch, was aus denen geworden ist.« Er streckte beide Hände nach vorn. »Wenn die Hände nicht mehr zu gebrauchen sind, dann … dann kann ich nicht mehr spielen, dann hab ich keinen Broterwerb, wenn ich aus dem Lager entlassen werde, ich kann nur das, etwas anderes kann ich nicht …«

»Nun, und … Runter mit dir!«, schnauzte Sulimow den Schäferhund an, der mit den Vorderpfoten auf den Rand der Liege gesprungen war. »So was aber auch, vergisst sich vor lauter Freude! Und, weiter?«

»Ich möchte Sie sehr bitten, mir eine andere Arbeit zu geben.«

»So, so«, sagte Sulimow scharf. »Und Sie, was wollen Sie?«

»Ich bin nur mitgekommen«, erwiderte ich. »Ich möchte nur bestätigen, dass die Arbeit an der Rammwinde tatsächlich zu schwer ist für ihn.«

»Und die Schubkarre wollen Sie beide nicht schieben?«, fragte Sulimow lächelnd. »Nach welchem Artikel sind Sie verurteilt?«

»Achtundfünfzig, Punkt zehn«, antwortete Wsjewolod Fjodorowitsch.

»Ah, ja … Nein, eine andere Arbeit habe ich für Sie nicht … Wie gesagt, die Karre kann ich Ihnen anbieten. Nicht gut genug?«

Wir schwiegen.

»Abführen!«, befahl Sulimow dem Wachmann.

Als Mitjka-Pan von unserem Misserfolg erfuhr, meinte er, am besten sei es, abzuhauen, wenn es im Lager nicht mehr auszuhalten sei. Er bot an, mit ihm gemeinsam zu fliehen. Wir lehnten ab.

Am folgenden Tag standen wir wieder an der Winde. Jefimytsch musste immer häufiger husten und sich für kurze Zeit neben der Ramme hinsetzen.

»Zeit für den Sarg, Jefimytsch, Zeit für den Sarg«, tröstete Golubew ihn.

»Weiß ich selbst, dass es an der Zeit ist«, bestätigte der Alte. »Nur will mich der Herr wohl noch nicht zu sich holen, ich weiß auch nicht warum.«

»Die Zeit zum Sterben kommt schon noch.« Der Gruppenleiter schnitzte weiter an seinem Stock. »Ich bin jetzt schon das achte Jahr hier, solche wie dich hab ich viele gesehen, die haben alle nach und nach den Löffel abgegeben.«

»Und wie viele davon hast du auf dem Gewissen, Golub?«, erkundigte sich Mitjka-Pan.

»Wer weiß«, entgegnete Golubew spöttisch.

Bis zum Mittag hatten wir drei Rammpfähle eingebracht. Nach dem Essen stiegen wir alle zum Fluss hinab und schleppten neue Pfähle zur Ramme hoch. Es hatte in der Nacht zuvor geregnet und das Wetter blieb den ganzen Tag über düster. Der nasse Boden wollte nicht trocknen.

Alle neun, einschließlich Kolja, schleppten wir einen schweren Balken hinauf. Vier neue Pfähle lagen schon oben. Mit einer solchen Last hochzusteigen, war sehr anstrengend. Wir alle spannten unsere letzten Kräfte an. Mitjka-Pan gab das Kommando.

»Gut … Gut so, Jungs! Ein bisschen noch … Jefimytsch, nicht aufgeben. Oder besser: Geh unterm Balken weg beiseite, zum Teufel, ist egal, schaffst ja eh nicht viel. Wsjewolod, die andere Schulter, sonst reißt’s dir die Birne ab, wenn wir ihn hinschmeißen … Iwan, tricks nicht rum, hoch die Schulter! Wir schleppen alle, also streng dich an! Ein gesunder Kerl, aber will sich auf unsre Kosten ausruhn, guck dir Jefimytsch an, der kratzt bald ab, aber schleppt mit. Vorsichtig, zum Teufel … Und abwerfen! Eins! Zwei! Drei!«

Der Balken flog von den Schultern.

Wsjewolod rutschte auf dem feuchten Lehm aus und stürzte mit weit ausgestrecktem Arm. Seine rechte Hand landete auf einem der Pfähle. Der Balken krachte herab und quetschte Wsjewolods Finger.

»Oh-och!«, stöhnte er auf. Es wurde still. Alle waren schockiert.

»Was guckt ihr so!«, brüllte Mitjka-Pan. »Hoch mit dem Balken!«

Wir ergriffen den Balken und hoben ihn etwas an. Ich zog Wsjewolods Hand heraus. Vier Finger waren zerschmettert. Unter den Nägeln trat langsam das Blut heraus. Die Hand schwoll zusehends und wurde blau. Wsjewolod lag schweigend, ohne den Kopf zu heben, auf der Seite. Seine Brille war heruntergefallen, und es war seltsam, sein Profil ohne Brille zu sehen.

»Serjosha!«, rief er leise. Ich beugte mich zu ihm.

»Es ist vorbei, ja? Ist die Hand ab?«

Ich schwieg.

Der Wachmann kam heran.

»Man sollte ihn … na … zum Feldscher schicken«, schlug er leise, schnaufend, vor und schob sein Käppi auf den Hinterkopf.

Auf der Aufschüttung ließen Häftlinge ihre Karren stehen und kamen herbeigerannt.

Wsjewolod Fjodorowitsch setzte sich auf. Er lächelte seltsam, ergriff mit der linken Hand die rechte und legte die verstümmelte Hand auf seine Knie.

»Spielen wirste wohl nicht mehr können«, meinte Mitjka-Pan betrübt.

Wsjewolod Fjodorowitsch sah mir in die Augen. Ich werde diesen schrecklichen, verwunderten Blick nie vergessen.

»Kannst du gehen?«, fragte der Wachmann. Wir stützten Wsjewolod Fjodorowitsch, und er erhob sich schwankend.

»Warum nicht?«, fragte er.

In Begleitung des zweiten Wachsoldaten und des Jungen Kolja ging er auf unsicheren Beinen zum Lager.

Ich blickte seiner gebeugten, hochgewachsenen Gestalt nach und dachte daran, dass es am besten wäre, oben auf die Rammwinde zu steigen und sich kopfüber hinabzuwerfen, um nicht mehr all dies endlose menschliche Leid auf der geduldigen russischen Erde mit anzusehen.

Im Herbst, an einem feuchten, nebligen Morgen, erschlug ­Mitjka-Pan mit einer Axt den Gruppenführer Golubew und floh in die Taiga.

DER ERZIEHER

Mittags begann es zu regnen. Die Fichten wurden dunkel und ließen traurig die zotteligen Zweige hängen; wie Tränen rollten einzelne helle Tropfen von ihnen herab. Graue Wolkenfetzen jagten ungeordnet am Himmel dahin und suchten sich an den Wipfeln der schlanken Fichten festzuhalten.

Kaum war die gesteppte Jacke des Gruppenleiters Rubljow in den Wacholderbüschen verschwunden, ließen wir wie auf Kommando die verhassten Schubkarren stehen und drängten uns im nächsten Moment um das noch glimmende Feuer. Der bewaffnete Wachsoldat sah uns mit zusammengekniffenen Augen zu und ging weiter seiner Lieblingsbeschäftigung nach – dem Jonglieren mit drei Steinchen. Seine Aufgabe war es, aufzupassen, dass die Häftlinge nicht wegliefen; ob sie arbeiteten oder nicht, ging ihn nichts an. Antreiber gab es im Lager auch ohne ihn zur Genüge: die Leiter der Außenlager, deren Helfer, Bauführer, Gruppenführer, Vorarbeiter, Kommandanten, Erzieher.

Wir streckten die vor Kälte steifen Hände ans Feuer, doch hielt der Moment der Glückseligkeit nicht lange an.

»Achtung! Grischka Filon!«, kommandierte der siebzehnjährige Taschendieb Som.

Aus dem Wald sprang ein kleiner, dünnbeiniger Mensch mit rötlich angelaufener Lederjacke in die Kiesgrube und schrie schon von weitem in dünnem Tenor:

»Ruhen wir uns aus, Bürger Häftlinge? Und wer macht die Arbeit? Der Heilige Geist?«

Grischka Filon war der Lagererzieher. Einst schwerer Junge und Mokruschnik, hatte er jetzt im Außenlager den Bereich Kultur und Erziehung unter sich.

Eine erstaunliche Erfindung, diese Erzieher!

Grischka Filon war Häftling, genau wie wir, doch hatten ihn fünfzehn Jahre in Gefängnissen und Lagern, mit kurzen Zwischenspielen in der Freiheit, gelehrt, wie man sich im Lager ganz schnell ein warmes Plätzchen sichert, daher auch sein Spitzname Filon, Nichtstuer. Die Arbeit des Erziehers ist eine der leichtesten im System der sowjetischen Zwangsarbeit. Ein Erzieher genießt viele Vorteile: Er arbeitet nicht körperlich, bekommt bestes Essen, ihm gebühren Ehre und Schmiergelder, und er hat bessere Chancen auf vorzeitige Entlassung. Diese »äußerst verantwortungsvolle« Stelle wurde nur mit »sozial nahestehenden Elementen« besetzt, wie die Tschekisten die Kriminellen nennen, auf keinen Fall aber (Gott behüte!) mit Politischen. Obwohl, einen Nachteil hatte dieser Posten: Wer einmal Erzieher war, wird in der Verbrecherwelt für vogelfrei erklärt, er gilt als Verräter, und eines schönen Tages wird er vielleicht umgebracht. Grischka Filon wusste das und machte sich bei den »Ganoven« lieb Kind.

Er war fünfunddreißig Jahre alt. Klein, mager, mit farblosen ­Augen, deren Blick unstet umherirrte, und weißem Speichel in den Mundwinkeln, wirkte er abstoßend. Nach dem Vorbild der Lagerleitung trug er hässliche grüne Reithosen, Chromlederstiefel, Feldbluse, Lederjacke sowie eine Mütze à la Genosse Stalin. Von seinen fünf Jahren hatte er drei schon abgesessen.

Über seinen letzten »Fall« sprach er oft und gern. Der »Fall« bestand aus folgender Begebenheit: Er hatte nachts in einer dunklen Gasse einer Frau aufgelauert, und da diese sich weigerte, ihm freiwillig und ohne Lärm ihren Pelzmantel zu überlassen, schnitt er ihr mit einem Rasiermesser die Nase ab und nahm ihr den Mantel dann doch weg …

Grischka Filon kam schnell zu uns heran, ergriff eine Schaufel und warf das Feuer kurzerhand auseinander.

»Aufwärmen wollt ihr euch?«, redete er, während er mit der Schaufel hantierte. »Aufwärmen? An die Schubkarre mit euch, da wird euch schon warm werden!«

»Aber Bürger Erzieher! Wir haben uns doch gerade erst kurz hingesetzt!«, kam es erregt von Nikolai Iwanowitsch Suschkow, einem Professor der Archäologie, der seinerzeit in Moskau mit äußerst interessanten Veröffentlichungen über Ausgrabungen in Buchara viel Aufsehen erregt hatte. Schwach, sehr krank, schob er gefügig drei Jahre lang die Schubkarre. Verurteilt hatten sie ihn aufgrund von »Nichtanzeige« – er hatte seinen Bruder nicht denunziert, einen der Sabotage angeklagten Ingenieur.

Grischka Filon warf das letzte brennende Scheit weit weg, stützte sich dann auf die Schaufel, ließ die fahlen Augen über uns schweifen und ergriff das Wort, bemüht, seiner Stimme einen belehrenden Ton zu verleihen:

»Ihr, Bürger, befindet euch sozusagen in einem Arbeitsbesserungslager des NKWD … äh … Das ist sozusagen keine zaristische Zwangsarbeit, sondern – äh – erzieherische. Die Sowjetregierung mit dem Genossen Stalin an der Spitze – äh – bestraft Verbrecher nicht, sondern erzieht sie um … Ihr seid sozusagen Volksfeinde, man vertraut euch nicht … und deshalb muss man euch umerziehen. Umschmieden, sozusagen …«

»Ich bin kein Volksfeind, ich bin Dieb«, rief Som dazwischen: »Schmeiß mich nicht in einen Topf mit den anderen, Filon!«

»Ich halte die Rede ja nicht dir, sondern den Politischen … Denkt dran, Bürger Häftlinge, nur durch Arbeit und Umerziehung könnt ihr in die Reihen der vollberechtigten Sowjetbürger zurückkehren … Und deshalb karrt so viel Erde wie möglich … Die Karr-Norm müsst ihr nicht nur erfüllen, ihr müsst sie übererfüllen!«

So bedrückend es auch war, der Rede des Erziehers zuzuhören – viele von uns fingen doch an zu grinsen.

»Was feixt ihr so?«, brüllte Filon. »Hier wird gearbeitet und nicht gelacht! Ich war selbst ein großer Ganove und Bandit, aber hier bin ich zum Menschen geworden … Die Norm müsst ihr erfüllen, die Norm!«

»Eure Normen, Bürger Erzieher, sind nicht zu schaffen.« Der Professor wiegte den Kopf.

»Was heißt – nicht zu schaffen? Natürlich, wenn du unserm Land nicht helfen willst, schaffst du auch die Norm nicht … Ich warne dich, Alter: Erfüllst du die Norm nicht, kommst du ins, sozusagen, Strafteillager. Kubik, Kubik, Kubik ist angesagt!«

Die Rede des Erziehers zog sich hin, und mit ihr auch die Ruhe­pause. Wir begannen sinnlose Fragen zu stellen, um den erneuten Kontakt mit unserer gemeinsamen Freundin, der Schubkarre, hinauszuzögern. Filon aber besann sich bald und schrie drohend:

»Jetzt reicht’s aber: Wie lange wollt ihr euch noch drücken? He, Alter, hoch mit dir! An die Arbeit!«

Ohne Eile begaben sich die Häftlinge an die Abbaustellen.

Som erhob sich und fing an zu singen:

»Karre, ach Karre, hab keine Angst …

bleib du nur ruhig, ich rühr dich nicht an …«

Er stieß die Schaufel mit Wucht in die blaue Tonerde.

»Knallt es im Sprengloch, knallt’s Ammonal,

zum Teufel, was will ich am Weißmeerkanal?«

Die täglichen zwölf Stunden harter körperlicher Arbeit zehrten an unseren Kräften, Rücken und Arme schmerzten unerträglich, die schwieligen Hände bluteten, die Schubkarren kippten immer wieder um, Hunger quälte uns.

Am Rand der Grube stand, als scharf konturierte Silhouette vor den zerrissenen Wolken, der kleine Mann mit den hässlichen Reithosen, die Hände in den Taschen der Lederjacke, sabberte an einer billigen Papirossa, und kraft eines paradoxen Gesetzes verkörperte dieses winzige Stück Niedertracht, das aus allen der Menschheit eigenen Schändlichkeiten zusammengeknetet war, jene Kraft, die Hunderttausende Menschen zwang, einen zusätzlichen Kubik­meter Erde zu erbeuten in der nebulösen Hoffnung auf »vorzeitige Entlassung« und baldige Rückkehr zu den Lieben, die irgendwo geduldig auf ihren Märtyrer warteten, und die sie zwang, ihre letzten Kräfte zu verausgaben, Blut zu spucken und die schwere Karre weiter, weiter, weiter zu schieben.

Am nächsten Tag weckte uns die eiserne Pufferplatte, die vor der Wache hing, früher als sonst. Es war noch ganz dunkel. Der monotone, kalte Klang erinnerte an Totenglocken.

Die gesamte Insassenschaft des Außenlagers, tausendzweihundert Mann, hatte brigadeweise vor den Zelten und Baracken anzutreten. Etwas lag in der Luft. Vor der Wache drängte sich die Lagerleitung.

Der Leiter des Außenlagers Gorjew konnte sich, sturzbesoffen, kaum auf den Beinen halten; nach dem Gelage vom Vortag war er offenbar noch nicht ausgenüchtert. Zwei kräftige Kerle mit blutig roten Kragenspiegeln an den Uniformmänteln stützten ihn behutsam.

»Ruhe!«, brüllte einer von ihnen. »Der Leiter des Außenlagers will ein paar Worte sagen!«

Gorjew machte eine schlappe Handbewegung, grinste dümmlich und gab mühsam ein »Bürg… brk… bürg… brk« von sich.

Da schnellte der flinke Grischka Filon aus dem Gefolge, sprang auf einen Baumstumpf und brüllte aus vollem Hals:

»Bürger Häftlinge! Heute ham wir einen Sondereinsatz … Is das klar? Heute müssen wir sozusagen, koste es, was es wolle, im Abschnitt fünfundachtzig den Zugang zur Brücke aufschütten und … sozusagen … den Zuch durchlassen. Dieser Auftrag für den heutigen Tach kommt von unserm Leiter aller Arbeits- und Erziehungslager des Ucht-Petschora-Bereiches, dem Genossen Jakow Moros. Ich meine, Genossen … äh … Bürger Häftlinge … die Partei, der Genosse Stalin und der Genosse Moros rufen uns auf, eine große Tat zu vollbringen! Das is was andres, als ein Schloss zu knacken oder einem Madamchen die Tasche zu klaun, sondern wir lassen sozusagen durch Arbeit und Umerziehung einen Zuch durch. Hurrah!«

»Hurrah!«, riefen die Männer mit den himbeerfarbenen Kragenspiegeln.

»Hurra!«, klang scheppernd eine einzelne Stimme aus der Menge der Häftlinge. Ein gebeugter Alter rief das, wankend vor Schwäche. Er wusste offensichtlich nicht mehr, was er tat.

Die in aller Eile errichtete Brücke über den Fluss Lun-Wosch war fertig. Rechts und links von ihr erhoben sich zwei lange, noch nicht vollständig aufgeschüttete Erdkegel.

Über die gesamte Länge der Brücke prangte ein grelles Spruchband: »Arbeit ist in der UdSSR eine Sache der Ehre, eine Sache des Ruhms, eine Sache der Tapferkeit und des Heldentums! (Stalin).«

Geschäftig teilten die Gruppenführer die Brigaden der Erdarbeiter ein; die Arbeit begann. Der Aushubbereich unserer Brigade befand sich an einem Hang, etwa hundert Meter vom linken Erdkegel entfernt. Ein Teil der Brigade arbeitete in einer großen Höhle am Rand der Abbaustelle.

Grischka Filon rannte umher, trieb uns mit schäumendem Mund an:

»Legt einen Zahn zu, Bürger! Der Genosse Moros kommt persönlich zur Brückeneinweihung … Es heißt, sie verkürzen allen die Haftstrafen … entlassen uns vorzeitig … Ein Orchester kommt auch noch.«

»Kukuschka«, die kleine Werksbahn, durchdrang die Taiga mit schrillen Pfiffen und brachte Schwellen und Gleise heran. Meter um Meter wurde die Strecke verlegt.

Verbissen schaufelte Professor Suschkow Sand auf die Karre, hob sie mit seinen schwachen Armen an, schob sie, hin und her schwankend, den glitschigen Pfad hinauf zur Aufschüttung. Ich sah, dass er am Ende seiner Kraft war.

»Lassen Sie das, arbeiten Sie langsam«, riet ich ihm.

»Aber wer weiß, vielleicht lassen sie uns ja wirklich früher raus«, entgegnete er, stoßweise atmend.

Bald darauf kam eine Blaskapelle. Die Musiker nahmen eilig auf einer Grasfläche unter Kiefern Platz und spielten einen schnellen Foxtrott:

»Mein süßes Mägdelein,

das ist so hübsch und fein …«

Ein Häftling rollte mitsamt seiner Schubkarre von der Aufschüttung und brach sich den Hals.

Professor Suschkow belud seine Karre, wollte sie anheben, ächzte und sackte plötzlich, sich den Bauch haltend, auf den Boden. Ich lief zu ihm, um ihm aufzuhelfen.

»Nicht!«, stöhnte er. »Das tut weh!«

Ein Feldscher kam, untersuchte den Professor und meinte gleichgültig zu den Sanitätern:

»Ein Bruch. Bringt ihn zum Lager.«

Die Menschen aber keuchten hintereinander die schmalen Steige hinauf, rollten hinab, stiegen wieder hinauf, griffen wieder zu Schaufel und Karre.

Dann kam Genosse Moros. Dick, mit einer guten Papirossa im Mund, ging er von Grube zu Grube, stieß die Spitze seines glänzenden Chromlederstiefels gegen das Erdreich und sagte zu den Häftlingen:

»Nun, wie ist der Boden?«

oder:

»Ziemlich klein, deine Karre, Freundchen.«

oder:

»Denkt dran, nur durch ehrliche, selbstlose Arbeit könnt ihr euch von den Schandflecken des Verbrechens reinwaschen.«

In solchen Momenten ähnelte er Grischka Filon in erstaunlicher Weise; sogar sein Mund schien sich, wie bei Grischka, mit Speichel zu füllen.

Nach der kurzen Mittagspause weigerten sich an die hundert Mann aufzustehen. Die Wachsoldaten schrien umher, schossen in die Luft, aber vergeblich. Sie zwangen eine Gruppe von etwa zwanzig Mann irgendwie auf die Beine und trieben sie zum Karzer des Außen­lagers. Ich konnte sehen, wie sie, den Blicken der Obrigkeit kaum entschwunden, ihren Fäusten und Gewehrkolben freien Lauf ließen.

»Mein süßes Mägdelein,

das ist so hübsch und fein …«

Som kam für einen Augenblick aus der Höhle, zwinkerte mir zu, zeigte auf die Menschen, die da verprügelt wurden, und meinte fröhlich:

»Umerziehung!«

Die Aufschüttung wuchs sichtlich an. Das Orchester spielte ohne Unterbrechung. Mit eingefallenen Augen blickten die Häftlinge wütend zu den Musikern und schimpften:

»Hoffentlich hören die Hunde bald auf zu spielen! Ist doch auch so schon kaum zu ertragen!«

Mit schrecklichem Getöse stürzte die Höhle ein und begrub acht Mann, darunter auch Som. Ich schaffte es gerade noch, einem riesigen Erdklumpen zu entkommen, der auf mich zurollte.

»Mein süßes Mägdelein,

das ist so hübsch und fein …«

Genosse Moros gestattete, eine halbe Brigade für die Bergung der Leichen abzustellen.

Von der Brücke aber schrie in roten Lettern laut das Spruchband: »Arbeit ist in der UdSSR eine Sache der Ehre, eine Sache des Ruhms, eine Sache der Tapferkeit und des Heldentums! (Stalin).«

Der Zug überquerte die Brücke erst am Abend.

***

Drei Tage wälzte ich mich krank auf meiner Pritsche.

Grischka Filon kam und brachte mir einen Brief von meinem Vater aus Moskau. Er drehte den Umschlag lange in den Händen, zog den Brief dann heraus, gab ihn mir und steckte den Umschlag in seine Jackentasche.

»Gib mir den Umschlag auch«, bat ich.

»Geht nicht. Irgendwie suspekt, muss ich prüfen …« Er ging weg.

Bald darauf wurde Grischka Filon aufgrund »vorbildlicher Arbeit« vorzeitig entlassen. Er war, glaube ich, der Einzige, der für den Bau der Lun-Wosch-Brücke eine solche Auszeichnung erhielt.

Ein halbes Jahr später. Der Skorbut hatte mir die Beine gekrümmt, ich kam knapp aus der Baracke hinaus. Schon lange hatte ich keine Nachricht von Zuhause mehr erhalten, und als mir der neue Erzieher – Woizechowski, vordem ein großer Hochstapler – einen zweiten Brief aushändigte, weinte ich fast vor Freude. In dem Brief schrieb mein Vater unter anderem:

»Gestern war ein Freudentag: Wir hatten Besuch von Deinem früheren Erzieher Semjon Michailowitsch Ogurzow. Wir haben Tee getrunken, und er hat uns viel von Dir erzählt. Dann sagte er, dass er morgen wieder ins Lager fährt, als Vertragsbeschäftigter. Wir baten ihn, ob er nicht so liebenswürdig sein und etwas für Dich mitnehmen könne. Er war gern bereit und meinte, dass Du etwas Anständiges zum Anziehen brauchst. (Warum hast Du uns das nicht geschrieben?) Wir haben ihm zwei große Koffer für Dich mitgegeben, mit Kleidung und Lebensmitteln. Hast Du sie erhalten?«

Ich begriff sofort, wozu Grischka Filon den Briefumschlag an sich genommen hatte.

Die Koffer hatte ich natürlich nicht bekommen, und würde sie auch nie erhalten. Es ging auch gar nicht um die Koffer. Schließlich war Semjon Michailowitsch Ogurzow einmal der Erzieher Grischka Filon gewesen und wusste ganz genau, was Häftlinge eines sowjetischen Konzentrationslagers brauchen. Vor allem brauchen sie Umerziehung – alles andere ist zweitrangig.

Dafür war Grischka Filon auch Erzieher, um das zu wissen!

AUF TRANSPORT

Der tiefe Frachtraum eines Lastschiffs. Man hört das Plätschern der Wellen gegen die Bordwand. Im Frachtraum befinden sich dreitausend Menschen. Hier und da brennt eine Petroleumlampe der Marke »Fledermaus« und wirft ihr schwaches Licht auf die kreuz und quer liegenden schlafenden Häftlinge. Es ist stickig, dämmerig, der Gestank nimmt einem die Luft. Neben mir sitzt Vater Sergij auf einer ausgebreiteten Joppe und murmelt halblaut vor sich hin. Er murmelt schon lange, leise und ruhig, in der immer selben Stimmlage. Wir befinden uns auf einem Gefangenentransport per Schiff nach Ust-Vym.

Im Bereich nebenan, hinter den Balken, die das Deck stützen, spielen die Kriminellen Karten. Sie ereifern sich, schreien und fluchen unflätig. Einen von ihnen kann ich sehr gut sehen. Er sitzt, mit dem Gesicht zu mir, mit bloßem Oberkörper da, beugt sich über die Kiste, die als Tisch dient und auf der eine Kerze flackernd ihr schwaches Licht verbreitet. Auf dem linken Auge ist er blind, das Gesicht ist voller großer Pickel. Offenbar hat er kein Glück im Spiel, er regt sich auf und schiebt die schmierigen Karten nervös hin und her.

»Schuss – Einwender … Schuss – Einwender …«

»Schuss!«, ruft sein Spielpartner, der mit dem Rücken zu mir sitzt, leise. Ich kann nur seine breiten Schultern und sein krauses Haar sehen.

Der Einäugige springt auf und zieht hastig, unter dem brüllenden Gelächter der beim Spiel zuschauenden Kriminellen, seine Hose aus.

»Zwanzig Rubel! Okay?«, fragt der Einäugige seinen Mitspieler und reicht ihm die Hose.

»Okay.«

»He, Senjka, gib auf!«, empfiehlt ein älterer Gauner dem Einauge. »Du verlierst sowieso!«

Aber der einäugige Senjka hört nicht auf ihn. Er zieht seine rutschende Unterhose hoch, setzt sich wieder, und das Spiel geht weiter. Aber nicht lange. Fünf, sechs Minuten später erneut brüllendes Gelächter – die Hose scheint verloren.

»Die kriegt Senjka nicht wieder«, meint einer fröhlich.

»Wart’s ab«, kontert der einäugige Ganove mürrisch und blickt sich nach allen Seiten um.

»Ich setze ein neues Tschackett.«

»Zeig her!«

»Na das da!«, erwidert Senjka und weist mit der Hand in den Bereich gegenüber.

Ich recke mich und blicke in die Richtung, in die Senjkas Hand weist, kann aber kein Jackett sehen. In dem Abschnitt liegen dicht an dicht schlafende Häftlinge; es ist dunkel dort, nur neben einem der Balken brennt ein Kerzenstummel; dort sitzt ein alter Mann mit weißem Bart und trinkt heißes Wasser aus einer Blechtasse. Das Gesicht des Alten kommt mir erstaunlich bekannt vor, aber mir fällt nicht ein, wo ich ihm begegnet sein könnte.

»Schuss – Einwender … Schuss – Einwender …«

»Los, Senjka, her mit dem Jackett!«

»Gleich gibt’s was zum Lachen!«

Senjka erhebt sich und steigt über die Schlafenden hinweg zu dem Alten. Ich spüre, dass da etwas Ungutes läuft, und spitze Ohren und Augen. Auch Vater Sergij hört auf zu murmeln.

»Was möchten Sie?«, fragt der Alte und hebt verwundert den Blick auf Senjka.

»Zieh dein Tschackett aus, Alterchen«, sagt Senjka und beugt sich zu dem alten Mann runter.

»Wieso das?«

»Was heißt hier wieso?«, wundert sich Senjka seinerseits. »Ich hab’s beim Kartenspiel verloren.«

»Ich bitte Sie! Dies ist mein Jackett!«

Die Schlafenden ringsum werden wach, heben die Köpfe, lauschen.

»Zieh’s aus, sag ich dir, Alter!«

»Na hören Sie mal … Das geht so nicht!«

»Los, du Scheusal! … Kontra dreckiger!«

Senjka holt aus und schlägt dem Alten mit vollem Schwung ins Gesicht, stößt ihn auf den nassen Holzrost und fängt an, ihm das Jackett vom Leib zu reißen. Alle sehen zu und schweigen; keiner will sich in die Sache einmischen.

»Nein … aber nein, das geht doch nicht, man kann doch nicht …«, sagt Vater Sergij und packt mich an der Schulter.

»Hilft mir denn keiner?«, schreit der Alte.

Wie auf Kommando springen etwa zwanzig Politische auf.

»Los, Kameraden! Das lassen wir nicht zu! Auf die Gauner!«

Wir stürzen zum Ort des Geschehens. Auch die Kriminellen springen auf. Matt blitzen in einigen Händen die Klingen. Gleich würde ein blutiges Handgemenge beginnen – doch die Kriminellen sind ein feiges Volk.

Als sie sahen, dass die Politischen in der Überzahl waren, räumten sie das Feld, ließen die Messer verschwinden und verzogen sich auf ihre Plätze. Der einäugige Senjka ließ von dem Alten ab, schwenkte eine Rasierklinge und trollte sich in seinen Bereich.

Der alte Mann lag schwer atmend auf dem Rücken und hielt die Augen geschlossen. Aus einer Wunde unterhalb seines Auges floss Blut: Senjka hatte ihm auf der Wange doch noch einen Schnitt versetzt. Ich half ihm, sich zu setzen, lehnte ihn gegen den Balken; jemand brachte Wasser. Die Wunde war nicht sehr tief, die Blutung konnte schnell gestoppt werden, und der Alte kam langsam wieder zu sich.

»Sie?!«, rief er verblüfft und blickte mich genau an. »Erkennen Sie mich denn nicht? Na ja, kann sein, ich hab ja jetzt einen Bart … Sacharow. Entsinnen Sie sich?«

***

Ich entsann mich sofort. Es war im Herbst gewesen, in Moskau, in der Butyrka. Die Untersuchung meines Falls war abgeschlossen und ich wurde aus der Untersuchungszelle in eine Gemeinschaftszelle verlegt. In der Zelle waren hundertsieben Menschen, obwohl sie für fünfundzwanzig ausgelegt war. Wir schliefen auf Doppelstockpritschen oder darunter oder auf speziellen »Nachttafeln« zwischen den Pritschen.

Am selben Tag brachte man gemeinsam mit mir, genauer gesagt ein paar Minuten nach mir, drei weitere Männer in die Zelle. Und so waren wir hundertelf Mann. Uns, die letzten vier, wies der Zellen-­Starosta die Schlafplätze unter den Pritschen neben der Tür zu; es gab eine Art Warteliste für die Pritschenplätze.

Ich freundete mich bald mit meinen neuen Bekannten an. Sie erwiesen sich als sehr interessante Menschen, vor allem zwei von ihnen: Oberst Duruntscha und Wesselowski. Beide waren frühere russische Emigranten aus Harbin. Nach dem Verkauf der Ostchinesischen Eisenbahn durch die Sowjetunion gingen sie jedoch gemeinsam mit zahlreichen »Rückkehrern« wieder nach Russland – zu ihrem Unglück, wie sich später herausstellte. In der ersten Zeit schien alles sehr gut zu laufen. Sie ließen sich an unterschiedlichen Orten nieder. Der Oberst der zaristischen Armee Duruntscha erhielt eine sehr anständige Arbeit in Woronesch: als Direktor eines großen Kinos. Dort in Woronesch fand auch sein Freund Wesselowski seinen sicheren Hafen (wo genau, weiß ich nicht mehr). Sie machten neue Bekanntschaften. Wesselowski freundete sich mit dem Mathematiklehrer Nikolai Nikolajewitsch Sacharow an, und zu dritt begannen sie, sich die langen Winterabende beim Préférence-­Spiel zu verkürzen.

Dann aber kam das Jahr 1936. Die erste Verhaftungswelle überrollte das Land im Frühjahr und ergriff neben vielen anderen alle »Harbiner«, darunter natürlich auch Duruntscha und Wesselowski. Ihnen folgte als »guter Bekannter« auch Lehrer Sacharow. ­Duruntscha und Wesselowski wurde § 58 Punkt 1 (Vaterlandsverrat), Punkt 4 (Verbindung zur Weltbourgeoisie), Punkt 10 (anti­sowjetische Agitation), und Punkt 11 (konterrevolutionäre Organisation) zur Last gelegt, Sacharow Punkte 10 und 11.

Die Untersuchung dauerte sieben Monate. Wesselowski und Sacharow ertrugen die qualvollen Verhöre nicht und unterschrieben alles, was der Untersuchungsrichter ihnen vorlegte. Duruntscha unterschrieb nur einen Teil, trotz der schrecklichen Folterungen und Misshandlungen. In der Gemeinschaftszelle trafen sie sich alle drei erstmals wieder. Bis dahin hatten sie in Einzelhaft gesessen.

Wir freundeten uns an. Ich erzählte ihnen von mir, sie mir von sich; oft berichteten sie von ihrer Zeit als Emigranten in Harbin und sprachen davon in den wärmsten Tönen. Sie berichteten auch über ihre »Strafsache«. Im Grunde genommen existierte gar keine Strafsache, wie bei uns allen. Ihr ganzes Vergehen beschränkte sich darauf, dass sie Emigranten gewesen waren. Und bei Wesselowski außerdem darauf, dass er irgendwo in Singapur oder Saigon einen Sohn hatte, der nicht in die UdSSR zurückkehren wollte. Diesen Sohn wollte der NKWD Wesselowski ganz und gar nicht verzeihen.

Der von Wuchs kleine, füllige, schon leicht ergraute Oberst Duruntscha war ein aufgeschlossener und gesprächiger Mensch, Wesselowski eher willensschwach. Er ertrug seine Haft nur schwer, dachte oft an seinen Sohn, und zweimal hörte ich ihn nachts weinen. Der gutmütige Sacharow ertrug alle Unbilden stoisch und ergeben.

Bald wurden wir wieder getrennt. Man verurteilte mich. Ich erhielt die mir vom Schicksal zugedachten fünf Jahre Freiheitsentzug und wurde direkt vom Gerichtsaal des Moskauer Stadtgerichts zum Durchgangsgefängnis gebracht. Dieses befand sich auf dem Innenhof der Butyrka, in der früheren Häftlingskirche.

Ich sah meine Harbiner Freunde nicht wieder, doch ihr Schicksal interessierte mich natürlich. Ich hatte mich oft bei »durchlaufenden« Häftlingen erkundigt, doch nie konnte mir einer etwas über sie sagen.

***

»Nikolai Nikolajewitsch! Mein Gott! Nicht zu fassen! Ich werde diesen Halunken zermalmen!«

»Gar nichts werden Sie! Lassen Sie es gut sein!«, winkte Sacharow ab und drückte sein blutiges Handtuch gegen die Wange.

»Tiere sind das, keine Menschen!« sagte ein intelligent aussehender Häftling. »Man sollte es der Wache melden!«

»Untersteh dich, du Aas!«, schrie der Partner des einäugigen Senjka. »Wir schlachten dich ab wie eine Kuh, du kommst im Lager nicht mehr an!«

»Das wollen wir doch mal sehen!«

»Hört auf … Was legt ihr euch mit ihm an!«, bat Sacharow leise.

Vater Sergij trat zu uns. Ich machte ihn mit Sacharow bekannte.

»Kommen Sie mit in unseren Bereich«, schlug Vater Sergij vor. »Bei uns ist es ruhig, die Leute sind alle in Ordnung.«

»Ja, mir ist es gleich … Aber vielleicht ist es wirklich besser so.«

Ich nahm Sacharows kleines Bündel und wir gingen hinüber zu uns. Die vom Lärm aufgewachten Häftlinge legten sich wieder schlafen. Die Gauner blickten uns böse nach und tuschelten.

»Was für ein niederträchtiges Volk«, schüttelte Sacharow deprimiert den Kopf. »Wie kommt solch ein Abschaum nur auf unsere russische Erde? Lesen Sie doch nur mal die ›Aufzeichnungen aus dem Totenhaus‹ oder andere Gefängniserinnerungen aus der Zeit vor der Revolution, solche Niedertracht findet man da nicht … Wie viel haben Sie gekriegt? Wie viele Jahre?«, fragte er plötzlich.

»Fünf. Und Sie?«

»Zehn …«

Mir fielen seine »Mittäter« wieder ein.

»Und wo sind Duruntscha und Wesselowski? Nicht hier auf dem Boot?«

»Nein … Nicht hier.«

»Hat man sie auf einen anderen Transport geschickt? Wie viel haben die beiden bekommen?«

»Die haben keinen Transport erwischt. Die hat es anders erwischt«, entgegnete Sacharow finster. »Man hat sie erschossen.«

Vater Sergij bekreuzigte sich. Der Kerzenstummel zischte kurz und erlosch. Es wurde völlig dunkel. Die Kriminellen hörten auf zu tuscheln und stimmten leise ein Gaunerlied an:

»Von weit her, aus Kolyma, Kolyma,

geht an dich, meine Liebste, ein Gruß …«

Das Wasser schlägt gegen die Bordwand, als wolle es uns in den Schlaf wiegen. Es ist feucht und finster, und es stinkt. Schweres, vielstimmiges Schnarchen … Im Herzen aber Trauer und Kälte.

EINE NACHT

Ich stehe vor einer kleinen Blockbaracke – dem Leichenhaus.

Es ist Herbst. Über mir hetzen zerzauste Wolken trübsinnig entlang und mir wird ganz beklommen zumute. Wie weiße Kerzen stehen kleine Birken da und lauschen der traurigen Totenmesse – dem leisen Rauschen der Taiga. In der Dämmerung schweben die letzten vereinzelten Blätter herab; trocken, gelb, fallen sie ohne Eile auf die feuchte Erde.

Das Leichenhaus befindet sich ganz am Ende des riesigen Außen­lagers, direkt neben dem Stacheldrahtzaun. Jeden Tag werden mehrere Leichen gebracht. Das aus dem Erdreich ausgehobene Leichenhaus erinnert an ein riesiges Massengrab. Die Leichen liegen Seite an Seite auf langen Holzrosten und warten teilnahmslos auf den Tag, an dem man sie auf ein klappriges Fuhrwerk wirft und das magere Pferdchen Sinotschka mit ihnen den Taigaweg entlang zum Fluss zuckelt, zur Sosnowaja Gorka, dem Kiefernhügel.

In eine zerschlissene Jacke gehüllt, werfe ich hin und wieder ­einen Blick auf die niedrige Tür des Leichenhauses und rauche Machorka. Hinter jener morschen Tür liegen Menschen, die ich noch vor ein paar Tagen lebend gesehen habe, wir haben miteinander geredet und von der Zukunft geträumt …

Rechts, vom Eingang aus gesehen als Dritter, liegt, völlig entkleidet, Maxim Sorokin, Student, mein alter Gefängniskumpel, ein flinker, lebenslustiger, kluger Bursche. Er ist am Skorbut verreckt. Direkt unter ihm, zusammengekrümmt, der alte Potapytsch, dessen Platz als Wächter des Leichenhauses ich heute eingenommen habe. Der Alte ist letzte Nacht auf den lehmigen Stufen vor der Tür zum Leichenhaus gestorben. Schwach war er, hat sich schon das neunte Jahr durch Gefängnisse und Lager geschleppt, jetzt hat sein Herz nicht mehr mitgemacht.

Es ist kalt. Fröstelnd setzte ich mich schlurfend in meinen alten Cordschuhen in Bewegung. Hunger quält mich. Ach, was gäbe ich für ein ordentliches Stück Brot! Schön mit Salz bestreut!

»Bald, schon bald sagt die hölzerne Uhr mir

knarrend mein zwölftes Stündlein an …«

Auch ich bin an der Grenze zur völligen Erschöpfung. Meine Augen sind eingefallen, die Arme hängen kraftlos herab. Schon seit Tagen war ich nicht mehr imstande, die Karre zu schieben, und sosehr die Zehnerführer und Vorarbeiter auch auf mich einschrien – ich konnte nur noch auf der Erde liegen, in den kalten Himmel starren und vom baldigen Ende träumen, mich innerlich von meinen Lieben verabschiedend, die ich fern von hier zurücklassen musste.

Aber, wie das Leben manchmal so spielt – in letzter Minute kam die Rettung. Unverhofft starb der alte Potapytsch, und sein Posten, von dem so einige Hundert Häftlinge träumen, wurde frei. Gottes Finger wies auf mich, und ein mitfühlender Vorarbeiter sorgte dafür, dass ich den Posten des Wächters bekam. Eine bessere Arbeit gibt es für einen Häftling nicht. Ich erhielt achthundert Gramm Brot täglich und wurde vor dem Schlimmsten bewahrt: der zermürbenden Arbeit mit der Schubkarre. Auch wenn für einen völlig ausgezehrten »Dochodjaga« wie mich achthundert Gramm Brot weiß Gott nicht viel sind. So eine Portion vertilgt man auf einen Schlag.

Die Taiga singt ihr seltsames Totenlied, die Nacht umgibt sie mit einem schwarzen Leichentuch, und eine nach der anderen erlöschen in der Dämmerung die weißen Birkenkerzen.

»Bald, schon bald sagt die hölzerne Uhr mir

knarrend mein zwölftes Stündlein an …«,

wiederhole ich für mich die immer selben Zeilen, während ich mich enger in meine löchrige Jacke wickle. Vor mir liegt eine lange Herbstnacht in Nachbarschaft zu den erstarrten Toten.

Ich höre im Lager, in einer der Baracken, die Gauner im Chor singen:

»Ach, einsam sitz ich in der Ze-elle,

schau aus dem Fenster meines Kna-asts …«

Ich kenne das Lied gut und fand es schon immer erschütternd, wie wenig Text und Melodie miteinander harmonieren. Der Text ist traurig, bedrückend, voller Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht, die Melodie aber fröhlich.

»Und heimlich fließen mir die Trä-änen

über die Wangen dü-ürr und bla-ass …«,

fliegt das Lied herüber, von fröhlichen Pfiffen begleitet.

Ich bleibe stehen und lausche. In das Lied stimmen hell klingende Frauenstimmen ein, offenbar hat die benachbarte Frauenbaracke es aufgegriffen.

»Die Wächter rufen mich noch a-an,

sie rufen einmal und noch ma-al,

dann drücken langsam sie den Abzu-ug,

und dann bin tot ich immerda-ar …«

Ein interessantes Volk, diese Gauner. Sie sind die Einzigen unter den Häftlingen, die im Lager ungefähr dieselbe Lebensweise beibehalten wie in der Freiheit. Sie versuchen sich möglichst gut zu kleiden, spielen Karten, klauen, trinken Kölnischwasser und denaturierten Sprit, lieben, sind eifersüchtig, streiten sich um die Frauen … Sie wissen genau, dass sie für Liebschaften in den Karzer kommen, und in was für einen! Einen Karzer, aus dem man kaum lebend herauskommt. Aber das hält sie nicht auf. Ich kann nicht recht begreifen, wie das zu werten ist: gut oder schlecht? Ist es »Liebe stärker als der Tod« oder ist es die Verzweiflung der Todgeweihten?

Das Lied verstummte, und es wurde völlig still – Friedhofsruhe. Hinter dem Stacheldraht ging trägen Schritts ein Wachposten vorbei und hustete leise. Ich hob ein paar trockene Zweige auf, packte sie auf den Erdboden und legte mich hin, um ein Nickerchen zu machen.

»Bald, schon bald sagt die hölzerne Uhr mir

knarrend mein zwölftes Stündlein an …«

Ich richtete mich auf und blieb sitzen. Tatsächlich, wer sagte denn, dass ich morgen nicht denselben Weg gehen würde, den Maxim Sorokin und Potapytsch gegangen waren? Man würde mich nackt ausziehen, meine Kleidung einem noch lebenden Häftling geben und mich neben die anderen Toten auf eines der glitschigen Gestelle legen.

Irgendwo in der Taiga rief eine Eule. Ich begann mir eine Zigarette zu drehen, doch ehe ich fertig war, vernahm ich an der Wand des Leichenhauses vorsichtige Schritte.

Ich hielt den Atem an und lauschte angespannt.

Ein paar Sekunden lang war es still, dann knackten wieder Zweige unter jemandes Schritten. Instinktiv ergriff ich meinen dicken Knüppel. Aus der Finsternis tauchten zwei diffuse Gestalten auf.

»Potapytsch!«, rief eine Männerstimme leise.

Ich erhob mich zu voller Größe.

Die Gestalten kamen schnell auf mich zu. Es waren ein Mann und eine Frau.

»Hier ist kein Potapytsch …«, erwiderte ich.

»Pst, leise!«, bat der Mann. »Wo ist er denn?«

»Gestorben, gestern.«

»Gestorben?«, fragte er verwundert. »Hörst du, Marussjka?«

»Schade um ihn … war ein guter Mensch, der Alte«, sagte die Frau gähnend.

Jetzt konnte ich sie genau sehen. Er – ein junger Bursche in weiter Hose, die er, wie bei den Dieben üblich, in die kurzen Stiefel gesteckt hatte. Sie – ein spitznasiges Mädchen in einer lagereigenen gesteppten Wattejacke. Unterm Arm trug sie etwas Großes, in Papier Gewickeltes. Ihn kannte ich flüchtig aus dem Lager. Ein Bahndieb, wegen seines hübschen Gesichts trug er den Spitznamen Petjka Krasjuk.

»Und – haben sie Potapytsch da reingelegt?« Marussja wies auf die Leichenkammer.

»Ja … Er liegt auch da.«

Jemand kam aus einer der Baracken, schlug die Tür hinter sich zu und ging laut fluchend weg. Meine Besucher duckten sich.

»Der Kommandant, der Lump, schnüffelt überall rum. Kaum zu glauben, sogar in Baracke drei.«

In dem Lichtstreifen zwischen den Baracken war die schwarze Silhouette eines Menschen vage zu erkennen. Als sie hinter der Ecke verschwunden war, erhob sich Petjka Krasjuk, schob seine Mütze nach hinten, kam ganz nahe an mich heran und flüsterte:

»Hör mal, du, äh, wie heißt du noch mal, jetzt bist du doch hier, für Potapytsch? Als Wächter?«

»Genau, als Wächter.«

»Dann hilf du uns … Die Sache ist die … Die Kommandanten fischen, nirgendwo kann man mal mit nem Weib hin … verstehst du … das ist so … in’n Karzer wegen so ’ner Gans hab ich keinen Bock … Und in der Baracke erwischen sie einen hundertpro. Also, du, äh, lass uns hier rein zu dir, verstehst du … Mit Potapytsch lief das wie geschmiert, und der hatte da auch sein Gutes von … Marussja, gib mal her.« Er nahm das Päckchen und schob es mir in die Hand. »Hier hast du ein Schwarzbrot, zwei Kilo … ja was glotzt du so? Verlier bloß nicht die Fassung …!«

Ich hatte begriffen, was sie von mir wollten, und konnte vor Verblüffung kein Wort herausbringen.

»Alles klar?«, fragte Petjka Krasjuk. »Abgemacht? Komm, Marussja.«

»Halt, stopp«, hielt ich sie zurück, »das kann ich nicht … gestatten.«

Drohend kam er mir näher und zückte das Messer, das er in der Tasche trug. Die Klinge blitzte schwach auf.

»Du willst nicht? Sei kein Dummkopf. Hier werde ich mich mit dir vielleicht nicht anlegen, aber morgen in der Baracke stech ich dich ab wie das letzte Stück Vieh. Klaro? Komm, Marussja!«

Leichtfüßig liefen sie die Lehmstufen hinab, öffneten die Tür und verschwanden im Leichenhaus.

Verwirrt stand ich da und hielt das Schwarzbrot; es brannte mir in der Hand.

Aus dem Leichenhaus erklangen das Kichern der Frau und Petjkas unterdrücktes Flüstern:

»Warte, ich zieh ihn an den Beinen weg, dann ist mehr Platz; hat sich breit gemacht, was!«

Ich setzte mich auf meinen Reisighaufen und schleuderte zum ersten Mal im Leben ein Brot auf die Erde.

Der Mond tauchte auf und erfüllte die Taiga mit schwachem, milchig-blauem Licht. Die Birken begannen wieder zu leuchten, als sei ein weiterer Toter hinzugekommen. Durchdringend wie ein Klageweib rief die Eule. Ein leichter Wind raschelte über das trockene Gras hinweg und trug die braunen Blätter mit sich; die hundertjährigen Fichten schwangen ihre zotteligen Zweige wie schwere Weihrauchwedel.

Die Geheimnisse von Leben und Tod verbanden sich zu einem dämonischen, disharmonischen Akkord.

ODYSSEE EINES ARRESTANTEN

Ich liege im Lazarett des Außenlagers Rom-Ju. Vor einer Stunde hat mir ein kleiner, fröhlicher Feldscher freimütig erklärt, dass meine Tage wohl gezählt seien und ich es nicht mehr lange machen würde. Ich merke auch selbst, dass es schlecht um mich steht. Außenlager 3 hat mir den Rest gegeben.

Die kleine Nachtlampe brennt und beleuchtet die hölzernen Pritschen mit ihrem trüben Licht.

Es ist ein Uhr nachts. Hinter der Zeltwand rauscht leise die Taiga und singt uns allen die Totenmesse.

Vielleicht bringen sie mich morgen schon auf den Friedhof von Rom-Ju. Mein kurzes Leben – unsinnig und unnütz. Sterben mit zweiundzwanzig!

Mit schrecklicher Klarheit denke ich an den Beginn meiner Häftlingskarriere zurück.

Ljubjanka 2

Mein Herz schlug heftig, als ich in Begleitung zweier NKWD-­Leute vor dem Eingang der Ljubjanka 2 aus dem Auto stieg. Gleich würde ich an zwei statuengleichen Wachposten vorbei durch die Tür gehen, in jenes berüchtigte Gebäude, über das in jeder Moskauer Familie im Flüsterton alles Mögliche erzählt wurde.

Es war April, ein klarer, warmer Aprilmorgen. Langsam begann es hell zu werden. Die Durchsuchung hatte die ganze Nacht gedauert, und die Gesichter der beiden Beamten erschienen morgendlich unangenehm-bleich. Hier und da waren die ersten Passanten zu sehen. Zwei von ihnen, die gerade am Eingang vorbeigegangen waren, blieben für einen kurzen Moment stehen, als sie unser herankommendes Auto bemerkten, warfen einen erschrockenen, teilnahmsvollen Blick auf mich und eilten sogleich weiter: Es war nicht ratsam, sich lange vor Gebäuden wie der Ljubjanka 2 aufzuhalten.

Ljubjanka 2 war das ehemalige Gebäude der Versicherungsgesellschaft »Rossija«, das die Bolschewiki in ein ausgeklügeltes Gefängnis verwandelt hatten. Es steht mitten im Herzen Moskaus, direkt im Zentrum gegenüber der früheren Mauer von Kitai-Gorod. Den vergleichsweise angenehmen Empirestil, in dem das Haus erbaut worden war, hatte man durch die drei oberen Etagen sozialistischer Geschmacklosigkeit verhunzt, die, wenn ich nicht irre, schon unter Jagoda aufgestockt wurden. Ihm waren die Mauern der Besitztümer seines Vorgängers Menschinski wohl zu eng.

Dieser »staatliche Horror« also erwartete mich.

Eine schwere, bluttriefende Atmosphäre umgibt dieses Golgota. Nur aus den Augenwinkeln schauen die Menschen in seine Richtung, wagen es kaum, den verschüchterten Blick zu heben. Begegnet ihnen auf dem Platz einer der weit ausholend, frech voranschreitenden Tschekisten mit blutroten Kragenspiegeln und einer dicken Aktentasche voller »Rechtsfälle«, fragen sie sich: Vielleicht ist er es? Mein künftiger Peiniger, oder der meines Vaters, meines Bruders, meiner Mutter? Vielleicht ist er es, der den Abzug des Revolvers drücken und mit einem Genickschuss das Leben eines hilflos zur Mauer gewandten Menschen, eines meiner Lieben oder irgendwann einmal auch mein eigenes beenden wird?

Wir gehen durch die Vorhalle, durch immer neue Türen, steigen fünf, sechs Stufen hinab und betreten einen großen Raum ohne Fenster. Grelle, große matte Lampen. Hinter einer niedrigen, bis zur Gürtellinie reichenden Absperrung Tische voller Papiere und Akten. Unzählige Papiere und Akten auch in den Wandregalen, die fast bis zur Decke reichen. Uniformierte Tschekisten rascheln mit Papieren, blättern und suchen. Mit ausgebreiteten Armen steht ein wenig abseits der Absperrung ein völlig nackter Mann mit Hornbrille und bebender Unterlippe. Ich werde zu ihm geführt, man befiehlt mir, mich nicht zu rühren, und ich kann auf seinem Körper die für nervösen Schüttelfrost typische Gänsehaut sehen.

Ein Rotarmist, oder Popka, wie man in den Gefängnissen der gesamten Sowjetunion jene kleinen Henker nennt, die die Häftlinge durchsuchen, bewachen, eskortieren – tastet den Nackten unter den Achselhöhlen ab und fährt mit der Hand in seine Leisten­gegend.

»Haben Sie spitze Gegenstände bei sich?«

»Wie kann ein nackter Mann spitze Gegenstände bei sich haben?«, fragt die »Hornbrille« gereizt.

Man befiehlt mir, mich ebenfalls zu entkleiden. Die schwitzenden Hände fahren über meinen Körper auf der Suche nach spitzen Gegenständen, und auch ich bekomme, wie mein Leidensgenosse, eine Gänsehaut.

Dies ist die sogenannte Leibesvisitation.

Es gibt zwei Sorten von Bewachern. Die einen sind Rotarmisten, die ihren aktiven Wehrdienst in den Truppen des NKWD ableisten, Menschen, bei denen man spürt, dass sie diese Dinge notgedrungen tun und von denen man oft einen mitfühlenden Blick erhascht.

Die andere Sorte sind die Popkas – »kleine Ärsche« aus Berufung, gewissermaßen aus »Liebe zur Kunst«. Stumpfe, äußerst beschränkte Menschen ohne Beruf, denen die Arbeit in Gefängnissen und Lagern nicht nur einen guten Verdienst, sondern auch ein gewisses Vergnügen beschert. Zu dieser Sorte von Bütteln gehören wahrscheinlich auch die Ermittler. Zu dieser Kategorie gehörte auch der Popka, der mich untersuchte. Er führte die Leibesvisitation ausnehmend gründlich durch. Nicht eine Stelle meines Körpers blieb unabgetastet.

Die NKWD-Agenten, die mich verhaftet und hergebracht hatten, gingen fort, zufrieden, mich los zu sein. Der Popka warf mir meine Kleidung wieder zu, nicht ohne vorsorglich die Hosenschnallen und, warum auch immer, einige Knöpfe abgeschnitten und die Taschen entleert zu haben. Auch meinen Gürtel bekam ich nicht wieder. All diese Dinge werden den Menschen aus einem einzigen Grund weggenommen: um sie der Möglichkeit zu berauben, sich in der Zelle das Leben zu nehmen. Doch sind diese Mühen vergeblich: Wer wirklich vorhat, das verfluchte Leben zu beenden, nimmt einfach Anlauf und stößt mit voller Wucht und gesenktem Kopf gegen die Steinmauer des Gefängnishofs oder der Zelle. Ich wurde in einen angrenzenden Einzelraum geführt und an einen Tisch gesetzt. Man händigte mir einen Häftlingsfragebogen aus, wo ich außer den üblichen Fragen nach Namen, Geburtsjahr und so weiter alle meine Verwandten bis zur zehnten Generation beschreiben sollte. Die Frage nach meiner Zugehörigkeit zur Weißen Armee war für mich nicht zutreffend, da ich das Pech hatte, dass ich erst mit der Machtübernahe der Bolschewiki geboren wurde und zum Zeitpunkt meiner Verhaftung noch keine zwanzig Jahre alt war. Zweifelnd strich ich diesen Abschnitt durch. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, nach der schlaflosen Nacht funktionierte mein Kopf schlecht.

Der Bogen ist ausgefüllt, ich unterschreibe. Ein neuer Popka führt mich die endlosen Korridore auf Parkettböden und Teppichläufern entlang. An den Übergängen von einem Korridor zum nächsten blitzen in den Ecken kleine rote Äuglein auf; wir treten wohl mit den Füßen auf irgendwelche unterm Teppich befindlichen Knöpfe, die Entgegenkommenden signalisieren, dass wir uns nähern. Kommt uns tatsächlich jemand entgegen, und ist ebenfalls ein Häftling dabei, packt die Begleitwache einen von uns sofort an der Schulter und dreht ihn mit dem Gesicht zur Wand. Eine Waffe tragen die Wachleute der Ljubjanka in der Regel nicht, zumindest nicht über der Kleidung.

Wir steigen ins Untergeschoss hinab. Ein kurzer Korridor mit links und rechts gelegenen Zellen, der sogenannte »Hundezwinger«. In der Mitte ein Diensthabender in weichen Filzpantoffeln, die er direkt über den Stiefeln trägt, um lautlos zu den Guck­löchern an den Türen schleichen und nachsehen zu können, wie sich die Häftlinge verhalten. Gleich links befindet sich eine Zelle mit Dusche. Ich entkleide mich erneut, um zu duschen.

Nass werde ich den Korridor entlanggeführt. Mit einer Hand halte ich die Hose fest, an der Gürtel und Knöpfe fehlen. Vor Zelle Nr. 4 bleiben wir stehen. Der Diensthabende steckt den leise klirrenden Schlüssel ins Schloss und fragt, mein Formular vor der Nase, im Flüsterton (in der Ljubjanka geschieht alles im Flüsterton – alles ist geheim! Überall ist es still, außer in den Unter­suchungsräumen und in den tiefsten Kellern):

»Name?«

Ich nenne meinen Namen. Der Schlüssel klickt, ich betrete die Zelle. Die Tür schlägt hinter mir zu. In der winzigen Zelle befinden sich drei am Fußboden festgeschraubte Eisenbetten. Ein Souterrainfenster mit dickem Gitter, das auf den Innenhof hinausgeht; von außen ist eine Blende angebracht, die nur den Blick auf ein Fetzchen vom Himmel frei lässt. Die auf den Betten liegenden Gestalten setzen sich sogleich auf. Einer, ein orientalischer Typ mit verbundenem Kopf, richtet den bohrenden Blick seiner fiebrigen Augen auf mich. Der andere, ein fülliger Mann von etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, mit einer seriös wirkenden Glatze, sieht mich blinzelnd an und erkundigt sich halblaut:

»Haben sie Sie schon verhört?«

»Noch nicht«, erwidere ich.

Ich warf meinen kleinen Rucksack auf die freie Liege, setze mich und stütze den Kopf auf die Hände. Wenn ich nur wüsste, worin mein Verbrechen bestand!

Die beiden Häftlinge ließen mich, den Neuen »aus der Freiheit«, einen Augenblick zu mir kommen und stürzten sich dann begierig auf mich. Ich meinerseits erfuhr, dass es sich bei dem »Orientalen« um einen gewissen Kopylow handelte, Volkskommissar für Industrie auf der Krim, vormals Kommandeur einer Roten Division, die im Kaukasus agiert hatte. Auf seiner khakifarbenen Feldbluse waren von der früheren Erhabenheit nur noch drei Löcher für die von der Regierung verliehenen Orden geblieben. Auf meine Frage, wo denn die Orden jetzt seien, meinte Kopylow mit schiefem Grinsen, die habe man bei der Verhaftung abgeschraubt. Er saß seit einer Woche und wurde meines Wissens aller fünfzehn Punkte des berüchtigten Artikels 58 beschuldigt: sowohl des Vaterlandsverrats als auch der Spionage, der Unterminierung, der Sabotage …

Der Zweite war der Dichter Pjotr Parfjonow, Autor des bekannten Liedes »Durchs Gebirge, durch die Steppe«. Nach Parfjonows Verhaftung war die Autorenschaft auf geheimnisvolle Weise auf S. Alymow übergegangen, der sich in Freiheit befand und Loblieder auf den großen Stalin sang.

Dem Dichter wurde konterrevolutionäre und antisowjetische Agitation vorgeworfen.

»Wer hat Ihren Haftbefehl unterzeichnet?«

»Jagoda«, erwiderte ich.

»Dann sieht es schlecht für Sie aus«, tröstete mich Parfjonow.

Kopylow schob seinen Kopfverband zurecht und sagte mit heiserer Stimme:

»Ich warne Sie lieber rechtzeitig, junger Mann: Die Unter­suchung ist eine ernstzunehmende Sache. Vor allem halten Sie stand, unterschreiben Sie nicht jeden Blödsinn, den Ihnen der Untersuchungsrichter vorlegt, ziehen Sie niemand anderes mit rein. Halten Sie sich! Sehen Sie, was die mit mir gemacht haben?« Er zeigte auf seinen Kopf. Dann hob er seine Feldbluse an, und ich erblickte gleichmäßige blaue Striemen, die sich vom Bauch zur linken Brust zogen.

Auf dem Hof kommt im Stechschritt die Ablösung vorbei. Wider­hallend erklingt: »Wir dienen dem werktätigen Volk!« Wachwechsel.

Meine Zellengenossen können es beide nicht fassen, warum man mich, den Neuen, in eine Gemeinschaftszelle gesetzt hat. Vor dem ersten Verhör muss man in der Regel in eine Einzelzelle. Und tatsächlich, ihre Ankündigung, dass man mich doch noch in eine Einzelzelle bringen würde, bewahrheitete sich. Bald rührte sich etwas auf dem Korridor, und eine gereizte Stimme sagte:

»Wie kannst du denn … Sag bloß, du weißt das nicht …«

Der Popka kam herein und befahl mir, mich schleunigst fertig zu machen. Ich verabschiedete mich von Kopylow und Parfjonow und verließ die Zelle. Den Ersteren sollte ich nicht wiedersehen; erst acht Monate später, als ich in einer Zelle der Butyrka saß und mich durch Klopfzeichen mit einem Kameraden verständigte, erfuhr ich, dass Kopylow »zum Mond gefahren« war. Parfjonow begegnete ich im Gefängniskrankenhaus. Später erzählte man mir, dass man auch ihn erschossen habe.

Man führte mich in den Korridor und versetzte mich nach Einzelzelle Nr. 8. Kopylow rief ihnen nach: »Die Hochschule hat er schon absolviert! Ihr kommt ein wenig zu spät!«

Sie drohten ihm.

Die Zelle war klein, ohne Fenster. Irgendwo über mir glimmte trüb ein verstaubtes Lämpchen. Erschöpft zwängte ich mich in den Gang zwischen Wand und Eisenbett und fiel auf das Eisennetz.

Am Ende des Korridors hämmerte jemand verzweifelt gegen seine Tür und schrie: »Ich kann nicht mehr! Lasst mich raus, um Himmels willen, ich habe eine Frau und Kinder! Ich bin doch kein Verbrecher! Ich habe nichts getan, niemanden umgebracht, niemanden ausgeraubt!!«

Möglicherweise wurde seine Tür geöffnet, die Stimme erklang lauter: »Mein Ehrenwort, ich bin kein Verbrecher! Was macht ihr?! Au, meine Hand, meine Ha-and! Lasst sie …!« Offenbar hatte man ihm die Hände verdreht und den Mund gestopft.

Wieder herrschte Stille.

Ich war schrecklich müde. Aber (und auch das hat Methode in der Ljubjanka: den Menschen keinen Schlaf zu lassen) zehn Minuten später wurde ich wieder abgeholt.

Ich gehe zum ersten Verhör.

Ein Fahrstuhl. Fünfter Stock. Raum 517.

Wir haben April 1936. Zur gleichen Zeit werden im selben Gebäude die für einen grandiosen Prozess von staatstragender Bedeutung vorgesehenen Sinowjew und Kamenew und ihre vierzehn »Mittäter« verhört.

Das Verhör

Ein gut ausgestattetes, großes Arbeitszimmer. Gleich rechts neben der Tür ein weiches Ledersofa, links ein hoher Eichenschrank, der fast bis zur Decke reicht, direkt am Fenster zwei zusammengeschobene solide Schreibtische, die sich im glänzenden Parkett spiegeln; das vergitterte Fenster geht auf den Innerhof der Ljubjanka hinaus. Auf den Tischen Tintenfässer und massenweise »Beweisstücke« gegen mich: Handschriften, Fotos, Briefe, die man bei mir während der Durchsuchung konfisziert hat.

Am rechten Schreibtisch sitzt der Ermittler, ein gedrungener Mensch mittleren Alters in einer Uniform mit Schulterriemen. Er runzelt die dichten Brauen, während er meine »Beweisstücke« betrachtet. Nachdem er kurz zu mir aufgesehen hat, blättert er weiter in den Papieren. Auch der Assistent des Ermittlers, ein junger Bursche, der am zweiten Tisch sitzt, unterbricht seine Beschäftigung, die Reinigung eines brünierten Brownings, nicht.

Auf ein Zeichen des Ermittlers hin verließ der Popka den Raum und schloss hinter sich leise die Tür. Ich stand, die Hand auf der Lehne eines freien Sessels, und wartete. Gleich würde sich alles klären und natürlich würden sie mich nach Hause entlassen. Ich war doch kein Verbrecher, ich hatte ein reines Gewissen. Hier lag einfach ein ungeheuerliches Missverständnis vor.

Etwa zehn Minuten vergingen. Irgendwoher, vielleicht vom Ljubjanskaja-Platz, drangen dumpfes Autohupen und der mir nur zu gut bekannte vielstimmige Stadtlärm zu uns.

»Nehmen Sie die Hand vom Sessel«, verlangte der Ermittler mit leiser Stimme.

Gehorsam nahm ich sie herunter, obwohl ich mich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten konnte. Wollte er mich etwa nicht auffordern, mich zu setzen?

Der Ermittler warf seine Feder plötzlich hin, lehnte sich zurück und blickte mir lange unverwandt, prüfend in die Augen.

»Nu-un?«, sagte er dann gedehnt.

»Wem und welchen Umständen ich meine Verhaftung auch zu verdanken habe, Genosse Ermittler …«, sprach ich ihn an, wie ich es im Umgang mit Sowjetbürgern gewohnt war.

»Ich bin dir kein Genosse!«, brüllte er dazwischen, hieb mit der Faust auf den Tisch und fügte dann leiser hinzu: »Wofür hat man dich verhaftet? Immer dieselben Ausreden! Hier, unterschreib!«

Er gab mir ein Papier. Ich lese:

»Anklage wird erhoben wegen Verletzung des Artikels 58 Punkt 8, 10 und 11 des Strafgesetzbuches der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik.« Das bedeutete die Begehung terroristischer Handlungen gegen die Führer der Partei der Bolschewiki, konterrevolutionäre Tätigkeit und antisowjetische Agitation. Ein hübsches Sträußchen! Wenn das alles bestätigt würde, wäre mir der »Mond« sicher. Darunter stand: »Gelesen.« Nun gut, wenn nur das zu bestätigen ist, unterschreibe ich. Der Ermittler reißt mir das Blatt eilig aus der Hand und legt mir einen ganzen Stapel vollgeschriebener Blätter vor, die vor Fehlern nur so strotzten.

»Protokoll der Voruntersuchung in der Strafsache Nr. …«, stand auf dem Titelblatt. Seite eins begann folgendermaßen:

»Frage: Gestehen Sie, Mitglied einer konterrevolutionären terroristischen Studentenorganisation Moskaus zu sein?

Antwort: Ich gestehe. Zu unseren Zielen gehörte …«

Dann folgte in meinem Namen auf zwanzig oder dreißig Seiten eine Aufzählung aller geplanten Verbrechen.

»Nein, das kann ich nicht unterschreiben«, sagte ich und legte das »Protokoll« auf den Tisch.

»Warum?«, erkundigte er sich mit vorgespielter Verwunderung.

»Weil es nicht stimmt, ich bin in keiner solchen Organisation.«

Er sprang auf, beugte sich über den Tisch und brüllte mir, vor Erregung schäumend, ins Gesicht:

»Ne-ein?! Und, soll ich dir hundert Zeugen anführen? Ihr seid alle verhaftet, alle haben sie gestanden, sind alle hier, hie-er! Hier kann sich keiner rausreden! Wir kennen jeden eurer Schritte! Wo warst du am 5. Januar? In Makarows Wohnung! Worüber habt ihr gesprochen? Darüber, dass die sowjetische Studentenschaft die beste Plattform für die Konterrevolution darstellt … und dann, warst du nicht mit Freunden auf Sauftour im Metropol und hast die Gedichte des weißen Banditen Gumiljow rezitiert? Und bist nicht am 13. Februar mit dem Dichter Vira aus der Redaktion der ›Mursilka‹ gekommen und hast auf dem Roten Platz aufs Leninmausoleum gezeigt und einen antisowjetischen Witz erzählt? Na? So war’s doch? Wir wissen alles!«

Im ersten Augenblick brachte mich ihr Wissen um die Einzelheiten meines Lebens völlig aus der Fassung, doch dann wurde mir klar, dass er im Grunde nur reine Fakten wusste: wo ich hingegangen war, mit wem was ich getan hatte; die Inhalte meiner Gespräche hingegen waren entweder erfunden oder völlig entstellt.

Ein paar Fragen folgten, dann bot der Ermittler an:

»Setzen Sie sich doch. Möchten Sie rauchen? Nein? Schade. Soll ich was zum Essen bringen lassen?« Er streckte die Hand zu einem Knopf an der Wand aus. »Auch nicht? Schade. Nutzen Sie die Chance zu rauchen oder zu essen, es ist vielleicht Ihre letzte! Wenn Sie gestehen, sieht die Sache natürlich anders aus: zwei, drei Jährchen, die sitzen Sie ab und schon sind Sie wieder vollberechtigter Bürger der Sowjetunion. Wenn Sie aber … Im Übrigen wollen Sie sich doch nicht von Ihrem jungen Leben verabschieden …«

Ich genoss es, im Sessel zu sitzen – es war so bequem! Mir drehte sich ein wenig der Kopf, und bei aller Aufmerksamkeit verwirrten sich meine Gedanken.

»Soo-o.« Der Ermittler wühlte in meinen Fotos umher, sein Blick blieb für einen Moment am Gesicht einer Filmschauspielerin hängen, dann zeigte er mir ein anderes Bild.

»Erkennen Sie den?«

Der Mann, dessen Bild der Ermittler in der Hand hielt, war ein Ingenieur, ein hervorragender Kenner der Literatur und Freund der Jugend. Er pflegte zu unseren literarischen Abenden zu kommen, und manchmal fanden sie bei ihm in der Wohnung statt.

Der Ermittler teilte mir mit:

»Er ist der direkte Anführer eurer Organisation. Er ist Oberst, hat enge Beziehungen zu einem Feindesstaat. Sie sind sein Zuarbeiter bei sich in der Hochschule, Makarow in der Hochschule für Architektur, und Korin im Bergbauinstitut. Kontakt hatte er außerdem mit Woronski und Sosnowski, erbitterten Volksfeinden. Die Namen sind Ihnen hoffentlich bekannt?«

»Ich glaube nicht, dass er ein Konterrevolutionär ist.«

»Er glaubt es nicht! Ooh, was für eine falsche Schlange!«

Er hob sein Bein, trat mir geschickt gegen die Brust, und ich flog mitsamt dem Sessel um und stieß mir den Kopf am Fußboden. Mir drehte sich alles, die Decke verschwamm vor meinen Augen, doch ein paar Sekunden später erhob ich mich bereits langsam auf die Füße.

Schwankend stand ich da und versuchte das Geschehene zu begreifen.

»Wenn du nicht wie ein Mensch mit uns reden willst, können wir uns auch anders unterhalten«, drohte der Ermittler schwer atmend. »Wir werden mit dir nicht viel Federlesens machen, Gesindel. Vielleicht noch einen Prozess anstrengen? Wir knallen dich ab wie einen Hund.«

»Erledige ich«, sagte der Assistent dienstbeflissen, trat an mich heran und hielt mir die Mündung des Brownings an die Schläfe.

»Unterschreibst du?«

Meine Schläfe erstarrt unter dem kalten Stahl. Binnen eines Atemzugs laufen vor meinem inneren Auge Bilder meines fernen Zuhauses und meiner Lieben ab, kurze, unbedeutende Episoden aus meinem Leben. Einen Augenblick nur, und schon bin ich wieder in der schrecklichen Gegenwart. Gleich, jetzt gleich würde ich sterben. Vielleicht sollte ich unterschreiben? Oder doch gleich … ohne lange Qualen. Dann auf einmal ein Gedanke: Und wenn es nur Methode ist, ein Spiel? Sie können mich doch nicht einfach umbringen, ohne die erforderlichen Sanktionen! Außerdem brauchen sie mich noch, für das »Verfahren«.

»Naa-a?«, sagte der Assistent gedehnt.

»Halt! Nicht schießen!« Der Ermittler tat so, als wolle er seinen Kumpel zurückhalten.

Der Helfer stieß mit der Mündung des Revolvers gegen meine Schläfe und ging zur Seite. Der Ermittler lächelte genussvoll, tauchte seinen Federhalter in die Tinte und streckte ihn mir hin:

»Hier, unterschreib und geh schlafen. Essen lass ich dir kommen. Ruh dich aus. Hier … nimm!«

»Ich kann nicht«, presste ich mit Mühe heraus.

Ein heftiger Faustschlag ins Gesicht riss mich erneut von den Füßen. Ich wollte aufstehen, doch der Lederstiefel des Ermittlers drückte mich auf den Boden. Sie traten mich mit Füßen, bemüht, die empfindlichsten Stellen zu treffen. Ich krümmte mich, biss die Zähne zusammen und schützte mit den Armen meinen Kopf. Sie zerschlugen mir Nase und Mund, aus denen das salzige, klebrige Blut in Strömen floss … »Der Mensch – das klingt stolz.«

Leise erzittert der Fahrstuhl, der mich irgendwohin nach unten bringt.

Die Gegenüberstellung

Ich sitze auf meinem Eisenbett in der Einzelzelle; der Gefängnisarzt entfernt meinen Kopfverband. Beim letzten Verhör hat der Ermittler mir mit dem Revolvergriff den Kopf aufgeschlagen.

»Wie viele müssen Sie denn so am Tag verbinden?«, frage ich den Arzt.

Er schweigt beharrlich. Das macht mich wütend.

»Was hat das eigentlich für einen Sinn: verprügeln, dann kurieren, und nach zwei Tagen wieder verprügeln? Da können sie einen doch lieber gleich totschlagen …«

»Nicht reden«, sagt er leise, aber bestimmt.

Als der Verband ab ist, streut der Arzt ein Pulver auf die Wunde und teilt mir mit, ein Verband sei nicht mehr nötig. Ich protestiere, doch er nimmt die Binde und geht raus. Das Schloss klickt.

Ich falle auf die Eisenpritsche und schließe die Augen.

Ein ganzer Monat qualvoller, Körper und Seele zermürbender Verhöre liegt hinter mir. Zweimal verlor ich im Arbeitszimmer des Ermittlers das Bewusstsein, und man trug mich in die Zelle zurück. Auch in der Gummizelle war ich. So nennen sie den Karzer, in den sie ungehorsame Untersuchungshäftlinge eine Zeit lang einsperren. Wände und Fußboden dieser Zelle sind mit Gummi beschlagen. Kein Lichtstrahl, absolute Finsternis. Es ist stickig, kein Laut zu hören. Der Arrestant sitzt im Dunkeln und spürt um sich herum nur diesen klebrigen, wie blutverschmierten Gummi. Er kann noch so viel schreien, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen – niemand reagiert. All das wirkt sich entsetzlich auf die Psyche aus; zwei Tage des Aufenthalts in dieser Zelle genügen, und der Häftling beginnt mit den Fäusten gegen die Gummitür zu schlagen und zu schreien, er sei bereit, jedes beliebige Protokoll zu unterschreiben, jede beliebige Selbstdiffamierung. Alles hier ist bedrückend und führt dazu, dass die Nerven bis zum Gehtnichtmehr angespannt sind: die Stille, die Dunkelheit, der ununterbrochene Kontakt mit dem klebrigen kalten Gummi des Fußbodens und der Wände; man hat das Gefühl, die gesamte Zelle sei voller Blut. Wenn man dann herauskommt, brennt das Licht unerträglich in den Augen, die nicht mehr daran gewöhnt sind, und man läuft, wenn man unter Aufsicht den Korridor entlanggeht, wie ein blindes Kätzchen gegen die Wände.

»Poch-poch. Poch-poch-poch-poch …«, klopfte es beharrlich aus der Nachbarzelle. Ich begann die Sprache der Gefängniswände schon ein wenig zu verstehen, konnte sie aber noch nicht nach dem Gehör aufnehmen und übermitteln. In den grauen Putz meiner Wand war das Klopfalphabet als Tabelle eingeritzt: je fünf Buchstaben horizontal und sechs vertikal. Das ist das Ljubjanker System. In der Butyrka ist es umgekehrt: sechs horizontal und fünf vertikal. Das Klopfen hatte mir mein Nachbar beigebracht, der in jeder verhörfreien Sekunde fünfmal entlang der Wand klopfte und, offenbar auf dem Bett stehend, sechsmal von der Decke bis zum Boden, bis ich begriff, wie es ging. Ich ritzte die Tabelle in meine Wand und begann Klopfzeichen mit ihm auszutauschen.

Ein Popka kam. Er befahl mir mitzukommen. Ich wunderte mich. Die Verhöre fanden sonst nachts statt, jetzt aber war Tag. Vielleicht sollte ich entlassen werden? Immer, selbst wenn die Lage noch so schlimm ist, blitzt bei einem Häftling im Stillen der Gedanke an die Freiheit auf, wenn er Schlüssel im Schloss vernimmt.

Aber nein. Schon war ich wieder im Untersuchungsraum. Der Ermittler saß am Schreibtisch und telefonierte:

»Sei mir nicht böse, Galotschka, ich schaffe es nicht zum Mittag … Wie? … Zum Abendessen? Zum Abendessen bin ich auf jeden Fall da. Versteh doch, hier ist eine Unmenge zu tun. Ja! Ruf Grigorjew an, es soll uns zum Sonntag zwei Karten fürs Bolschoi-Theater besorgen, für den ›Stillen Don‹, der hat Beziehungen, der besorgt sie. Bis dann, Galotschka!«

Der Ermittler legte den Hörer auf, lehnte sich im Sessel lässig zurück, sah mich an und hieß mich sitzen. Ich nahm Platz.

»Wie geht’s dem jungen Leben?«

»Geht so«, passte ich meinen Ton dem seinen an.

»Sehen Sie nur, draußen ist Frühling, Mai, Blumen, Mädchen. Sie aber sitzen und werden weiter sitzen, bis Sie gestehen.«

»Das ist unlogisch. Wenn ich irgendwas gestehe, sitze ich noch länger.«

»Unsinn! Das hier ist die Geheime Politische Abteilung des NKWD und nicht irgendeine Literaturkneipe. Hier geht alles nach Gesetz. Also, wie war Ihre Beziehung zu Dubow?«

»Gut.«

»Keine offenen persönlichen Rechnungen?«

»Nein.«

»So aufschreiben?«

»Können Sie.«

»Unterschreiben Sie!«

Ich unterschreibe.

»Jetzt nehmen wir eine Gegenüberstellung vor«, teilt mir der Ermittler lächelnd mit und drückt einen Knopf, der sich seitlich an seinem Schreibtisch befindet.

Aha, deshalb also wurde mir der Verband abgenommen.

Ich bin sehr aufgeregt, nehme meinen Herzschlag wahr. Gleich würde ich meinen Kommilitonen sehen, mit dem mich eine langjährige gute Freundschaft verbindet. Ich bin mir sicher, dass er nicht gegen mich aussagen wird, doch ein Treffen mit ihm unter solchen Umständen geht mir zu Herzen. Ungeduldig schaue ich auf die Tür.

In Begleitung eines Wachsoldaten betritt der bleiche Dubow den Raum; mit zitternden Händen knetet er seine Mütze und schaut den Ermittler erschrocken an, als würde er mich gar nicht sehen. Aufgrund des tadellos weißen Hemdkragens, der Krawatte und seines glattrasierten Gesichts begreife ich, dass er in Freiheit ist.

»Bürger Dubow«, sagte der Ermittler, »in Ihren Angaben haben Sie ihn (der Ermittler wies auf mich) letztens als Volksfeind beschrieben. Bestätigen Sie dies in seiner Anwesenheit.«

»Ja … ja«, stotterte Dubow verlegen.

»Was heißt hier ja, ja?«, unterbrach ihn der Ermittler wütend. »Berichten Sie ihm und mir ausführlich von seinen konterrevolutionären Aktivitäten!«

»Ja, ein Volksfeind«, fing Dubow an und verstummte. Sein tränenerfüllter Blick begegnete meinem, senkte sich schnell und erstarrte auf meiner nackten Schulter, die durch das zerrissene Hemd zu sehen war. Ich begriff, dass sich vor mir ein zuvor eingeübtes Theaterstück abspielte.

»In diesem Fall werde ich Sie daran erinnern«, sagte der Ermittler. »Hören Sie zu.«

Er begann eine umfangreiche Aufzählung meiner »Verbrechen« vorzulesen. Ein Großteil davon waren meine »Pläne, innerhalb der Moskauer Studentenschaft einen terroristischen Stoßtrupp gegen die Führer der kommunistischen Allunionspartei der Bolschewiki zu organisieren«. Diese Zeugenaussage endete ungefähr so: »In meiner Verantwortlichkeit eines ehrlichen sowjetischen Studenten erkläre ich, dass wir es mit einem ideologischen, heimtückischen und überzeugten Volksfeind zu tun haben.« Es folgte die Unterschrift.

Der Sprachstil, die stümperhaften Wendungen machten mir sofort klar, dass dies alles der Ermittler selbst formuliert hatte (Dubow war ein sehr gebildeter Mensch), und dass von Dubow nur die Unterschrift stammte. Ganz offensichtlich hatte man ihn vor ein Ultimatum gestellt: Entweder du unterschreibst oder du wirst selbst in der Ljubjanka sitzen. Dubow hatte natürlich Ersteres gewählt. Selbstverständlich musste er auch unterschreiben, das Ganze vertraulich zu behandeln.

Noch ein Detail: Auf den Seiten, die die Zeugenaussage meines Kameraden enthielten, befanden sich zwischen den Zeilen große Leerstellen. Diese Leerstellen würde der erfinderische Ermittler später mit selbst gebasteltem »Material« ausfüllen. Als Dubow das Dokument unterschrieb, konnte er das natürlich nicht wissen.

»Sehen Sie!«, sagte der Ermittler triumphierend. »Sogar Ihr bester Freund sagt Ihnen ins Gesicht, dass Sie ein Feind der Sowjetmacht sind. Sie aber wollen das nicht gestehen. Wie dumm von Ihnen! Dubow, unterschreiben Sie bitte Ihre Angaben. Und Sie, was sagen Sie zu Ihrer Rechtfertigung?«, wandte er sich wieder an mich.

Ich schwieg nachdenklich. Das hatten sie geschickt eingefädelt! Meine Rechtfertigung konnte ich nicht einmal mehr mit Rachegefühlen begründen: Ich hatte schließlich unterschrieben, dass ich mit Dubow keine Rechnung offen hätte. Und ich würde es auch nie fertigbringen, derart dreist zu lügen. Doch wie sonst konnte ich mich rechtfertigen?

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
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322 s. 5 illüstrasyon
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9783963114489
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