Kitabı oku: «Nur Ja! heißt ja»

Yazı tipi:

Shaina Joy Machlus

Nur JA! heißt ja

Eine Anleitung zu sexuellem Konsens


Inhalt

Redaktionelle Vorbemerkung

Warnung

Widmung

Einleitung

1Geschlecht, Sex, Körper – Grundlagen

1.1Mehr als zwei Geschlechter

1.2Geschlecht – sozial und biologisch?

1.3Sexuelle Orientierungen

1.4Sex haben

1.5Zusammenfassung

1.6Körper und Privilegien

2Anleitung zu sexuellem Konsens

2.1Stell’ dir vor

2.2Was ist Konsens?

2.3Wer sollte Konsens einholen?

2.4Warum brauchen wir Konsens?

2.5Konsens als Instrument gegen die Vergewaltigungskultur

2.6Zur Rolle von Männlichkeit in Bezug auf Vergewaltigung und Vergewaltigungskultur

2.7Die Feinheiten beim Sex

2.8Wie stelle ich Konsens her? Wie hole ich Zustimmung ein?

2.9Wie gebe ich meine Zustimmung?

2.10Zusammengefasst

2.11Konsens und Begehren

2.12Zu Pornografie

3Konsens im Alltag

3.1Konsens jenseits von Sex

3.2Schulische Bildung zu Konsens

3.3Konsens und Familien

3.4Konsens und intersektionaler Feminismus

4Gesprächsbeispiele

Glossar

Dank

Im Notfall

Endnotenverzeichnis

Zum Weiterlesen

Redaktionelle Vorbemerkung

Shaina Joy Machlus hat das vorliegende Buch ursprünglich auf Englisch und mit Bezug auf den spanischen Kontext verfasst. Die vorliegende Übersetzung bemüht sich um Geschlechterneutralität und -inklusivität in der deutschen Sprache und um die Vermeidung diskriminierender Bezeichnungen, Metaphern und Konzepte.

Machlus ist um Begriffsarbeit bemüht. Um eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen, gibt es am Ende des Buches ein Glossar zum Nachschlagen. Die Begriffe und Definitionen darin sind nicht fest, sondern stets veränderlich und erweiterbar. Im Glossar enthaltene Begriffe sind bei erster Verwendung kursiv gekennzeichnet.

Zudem werden die Konzepte westlich und weiß durch Kursivsetzung als historisch und politisch bedingte Konstruktionen gesellschaftlicher Dominanz markiert. Positionsbeschreibungen, die jeweils die unterdrückte Perspektive bezeichnen, wie etwa die von Schwarzen Menschen oder Indigenen Gesellschaften, werden großgeschrieben. Bei der Schreibweise »beHindert« und »BeHinderung« soll durch das große H verdeutlicht werden, dass Menschen mit BeHinderungen ständig Hindernisse zu überwinden haben, durch die ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschwert wird. Das Sternchen, wie beispielsweise in Leser*innen, ist eine geschlechterinklusive Schreibweise, welche Raum für die Vielfalt an Geschlechtsidentitäten schafft und diese miteinbezieht.

Einfache Anführungszeichen kennzeichnen die Distanzierung der Autorin von der üblichen Vorstellung eines Begriffs.

In der vorliegenden Übersetzung wurde das Glossar um einige Begriffe erweitert. Zudem wurden dem Fließtext vereinzelte Beispiele aus dem deutschen Kontext beigefügt. Diese Ergänzungen sind in eckige Klammern gesetzt. Literaturangaben der Autorin, die nicht direkt im Fließtext zitiert wurden, sowie ergänzte deutschsprachige Literaturempfehlungen finden sich auf den letzten Seiten dieses Buches.

Warnung

Dieses Buch erwähnt und beschreibt sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Frauen und geschlechtlich nicht-konforme Menschen, Gewalt im Allgemeinen, Vergewaltigung, Diskriminierung, Rassismus und Sexismus.

Widmung

Nichts wird neu erfunden. Dieses Buch beruht auf der Brillanz und dem Mut verschiedener Frauen und geschlechtlich nichtbinärer Menschen, die mir fast alles beigebracht haben, was ich weiß.

Für Delilah, Jolene, Penny und für eine Zukunft, die ganz Eure ist! Tante Shay-Shay hat Euch lieb – bis zum Mond.

Einleitung

Bevor dieses Buch zum Buch wurde, war es ein Fanzine und davor ein Artikel. Doch zuallererst, und vielleicht am bemerkenswertesten, war es ein gefährlich leerer Raum. Ähnlich der leeren Seite, die ich gerade anstarre, während ich diese ersten Worte schreibe.

In der queeren Community, zu der ich in meiner Heimat in den USA gehörte, war Konsens ein ziemlich verbreitetes Konzept. Nachdem ich ein paar Jahre in Barcelona gelebt hatte, in feministischen Kreisen unterwegs war und ein wenig Recherche betrieben hatte, wurde mir klar, dass die Idee vom sexuellen Konsens – vom ausdrücklich einvernehmlichen Sex – in der spanischen Sprache keinen Platz gefunden hatte. Ich saß also in meiner kleinen Wohnung in Sant Antoni in Barcelona und blickte auf eine riesige klaffende Leerstelle. Der erste Artikel, den ich auf Spanisch über Konsens veröffentlichte, war ein Versuch, diese Lücke zu füllen. Er erwies sich jedoch lediglich als Reparaturversuch mit unzureichenden Mitteln: Der Artikel wurde kaum beachtet – es gab keinerlei Reaktionen darauf.


Der Misserfolg des Textes überzeugte mich erst recht von der Notwendigkeit, mit so vielen Leuten wie möglich über Konsens zu sprechen. Als Frau habe ich selbst zahlreiche Erfahrungen gemacht, in denen mein »Nein« nicht gehört wurde: Situationen, in denen die andere Person dennoch beharrlich blieb, was zu kleinen bis wirklich erschütternden Übergriffen führte. Ich hatte auch schon großartige sexuelle Begegnungen voller Erkundungen, in denen wir immer wieder unser gegenseitiges Einverständnis einholten. Diese Offenheit war auf die bestmögliche Weise bewegend. Die Gegensätzlichkeit dieser Erfahrungen machte mir deutlich, dass sexuelles Einvernehmen – sexueller Konsens – zu unglaublich gutem Sex führt. Dabei ist Konsens an sich wirklich unkompliziert. Er ist leicht zu verstehen und zu praktizieren. Zugleich verhindert Konsens nicht nur Vergewaltigungen, sondern er ermutigt und stärkt Menschen darin, Sex zu genießen.

Ich dachte also über verschiedene Möglichkeiten nach, wie ich die Wichtigkeit von Konsens im großen Stil an die Leute bringen konnte. Nachdem ich ein paar vage Nachrichten in den Chat meines Gemeinschaftsbüros geschickt hatte, ereilte mich das größte Glück: Petra Eriksson. Aus Gründen, die ich wahrscheinlich nie verstehen werde, erklärte sich Petra bereit, meinen Artikel zu etwas wunderbar Sichtbarem, Druckbarem und leicht Verständlichem zu machen. Wir trafen uns fast drei Jahre lang wöchentlich, um gemeinsam ein Fanzine zu gestalten. Nebenbei freundeten wir uns miteinander an. Aus dieser Begegnung und mit Unterstützung der herausragenden Lektorin Marta Delatte, der Übersetzerin Nuria Curran und dem kurzfristig eingesprungenen Zweitübersetzer Cristian Pallejà sowie mit Lucia Lijtmaer und Marisa Kurk entstand das Fanzine »La palabra mas sexy es… Sí« (dt. »Das sexyeste Wort ist … Ja«). Wir wollten, dass es von allen, überall und immer genutzt werden könnte, also stellten wir es auf consentzine.com kostenlos zum Herunterladen zur Verfügung. Dann warteten wir auf eine Reaktion.

Diesmal klappte es. Leider hing die erhöhte Aufmerksamkeit mit dem Gerichtsverfahren zusammen, das bezüglich der Gruppenvergewaltigung einer 18-jährigen Frau in Pamplona, Spanien, durch eine Gruppe Männer namens »La Manada« (dt. »Das Rudel«), stattfand. Das Gericht bezog sich bei seinem Urteil weder auf fundierte Quellen noch auf Gesetze zu Konsens (die es im spanischen Kontext auch kaum gab). So wurde geurteilt, dass das Schweigen der Frau bedeutete, sie habe zugestimmt, von fünf Männern oral, vaginal und anal penetriert zu werden. Aus diesem Grund suchten nun viele Menschen – jetzt mehr denn je – nach Informationen über Konsens. Und da es auf Spanisch so wenig Material gab, stießen sie auf unser Fanzine.

So auch eine Praktikantin der Verlagsgruppe Penguin/Random House, die zu beiden Präsentationen des Fanzines kam und es ihren Vorgesetzten zeigte. Es geschieht selten, dass eine einzige Person, in nur einem einzigen Moment, den Verlauf des Lebens einer anderen grundlegend verändert. Doch Clara tat genau das und ich bin ihr ewig dankbar für ihren beharrlichen Einsatz für dieses Projekt!

Mein Traum, ein Buch zu schreiben, wurde wahr. Es nahm schnell Form an, und nun dachte ich genauer über die Lesenden nach. Für wen war dieses Buch bestimmt? Mit Menschen zu sprechen, deren Meinung, Werte und Geschichten den eigenen ähneln, kann heilsam und enorm stärkend sein. Mir persönlich hat es dabei geholfen, mich von einigen meiner Traumata zu erholen. Doch je mehr Vorträge ich über Konsens hielt, die vornehmlich von Frauen mit ähnlichen Gedanken und Lebensgewohnheiten besucht wurden, desto bewusster wurde mir, dass ich mit meiner Botschaft eigentlich vor allem jene Menschen erreichen will, die anders denken als ich.

Ich versuchte also, dieses Buch auf eine Weise zu verfassen, dass sich so viele Menschen wie möglich damit auseinandersetzen könnten – auch wenn sie vielleicht nicht allem zustimmten. Das Buch ist so aufgebaut, dass ein Einstieg in den Text an jeder Stelle möglich ist und Lesende sich die Informationen heraussuchen können, die sie gerade am dringendsten brauchen. Ich träume davon, dass Menschen aller Altersgruppen, Hintergründe und Lebensweisen dieses Buch lesen und es einander schenken. Ich stelle mir vor, wie Partner*innen, im Bett auf Kissen gestützt, ihre Exemplare lesen; Eltern es ihren Kindern geben; Kinder es ihren Eltern geben; wie es in der sexuellen Bildung in Schulen zum Einsatz kommt; in den Wartezimmern von Ärzt*innen ausliegt; wie Fußballtrainer*innen es im Team verteilen; Oberschüler*innen in den Schulfluren darüber sprechen; abgegriffene Exemplare in besetzten Häusern und Behördengebäuden herumliegen. Damit will ich sagen: Dieses Buch soll eine Anleitung zum Konsens für alle sein. Es ist mit der Absicht geschrieben, einen geschützten Raum für alle Menschen zu bieten; egal, was dein Geschlecht ist; egal, welchen familiären Hintergrund du hast, was Rassismus und Klassenverhältnisse angeht; egal, welche Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen du mitbringst; egal, wie du sonst verortet und unterwegs bist: Es geht hier darum, dass du (ja, du!) es verdienst, wahrgenommen zu werden. Das Buch bietet einen unendlich weiten Raum, in dem alle Platz finden, die hereinkommen wollen. Doch das ist nur der Rahmen, der allererste Anfang eines Gesprächs über Konsens.


Durch ein breites Verständnis von Konsens kann so viel Leid beendet werden – und ich bleibe weiterhin zuversichtlich, dass die Mehrheit der Menschen daran interessiert ist. Aber bitte versteht meinen freundlichen Ton nicht als Naivität oder reine Nettigkeit: Ich bin wütend, schockiert und außer mir über den Zustand der Welt. Wie könnte irgendwer das nicht sein? Im Text stelle ich meiner eigenen Meinung Tatsachen aus zitierten Quellen und Beschreibungen in der dritten Person voran, um dem Material mehr Stichhaltigkeit zu verleihen – eine solide Grundlage, auf der wir uns bewegen können. Westliche Gesellschaften haben eine besonders dogmatische Perspektive auf wissenschaftlich fundierte ›Fakten‹. Obwohl ich nicht so begeistert von dieser institutionellen Verehrung bin, die so offensichtlich die Ideen jener ignoriert und entwertet, die sich eine höhere Bildung nicht leisten können oder wollen, erkenne ich an, dass es wichtig ist, eine stabile Wissensgrundlage zu haben, auf der wir die Debatte für ein Ende von Vergewaltigungen und Vergewaltigungskultur führen können.

Zu dieser Grundlage gehört eine gemeinsame Sprache, damit wir einander verstehen können – und das trotz verschiedener Bildungshintergründe, politischer Parteinahmen, unserer Klassenunterschiede und weiterer gesellschaftlich hergestellter Trennlinien. Am Ende dieses Buchs gibt es ein Glossar mit Begriffen und Definitionen. So sprechen wir dieselbe Sprache, egal ob eine Person hier zum ersten oder zum tausendsten Mal das Wort »cis« im Zusammenhang mit Geschlecht liest.

Das Buch ist ursprünglich für den spanischen Kontext verfasst worden, wo es eines der ersten Bücher war, die sich mit Konsens beschäftigen. Darin liegt sein Verdienst. Lücken warten darauf, gefüllt zu werden. Es erscheint also sinnvoll, von Anfang an zu versuchen, über Konsens auf eine Weise zu sprechen, die geschlechtsneutral, dekolonisiert, alle einbeziehend, antirassistisch, enthindernd (statt beHindernd), sex-positiv, nicht heteronormativ, nicht cisnormativ ist.

Trotz meiner Bemühung, aus einem intersektionalen Bezugspunkt heraus zu schreiben, habe ich auf dem Weg sicherlich viele Fehler gemacht. Gruppen von Menschen nicht auf dem Schirm zu haben und/oder ihnen nicht mit ausreichend Respekt zu begegnen, ist eine erschreckende und zugleich beinahe gewisse Wirklichkeit. Stolpern und Fallen ist wohl ein notwendiger Teil unseres Weges, wenn wir über Dinge sprechen wollen, die üblicherweise – oft wegen ihrer Komplexität – ungesagt bleiben. Diese Themen sind oft heikel und schwer kontrollierbar, doch genau deshalb müssen wir uns ihnen widmen. Ich möchte unbedingt daran mitwirken, eine passendere Sprache zu erarbeiten und Konzepte niederzuschreiben: das Wort »queer« selbstverständlicher zu benutzen, Vorstellungen von biologischem und sozialem Geschlecht zu hinterfragen und ausgiebig darüber nachzudenken, wie im Spanischen – und nun in der Übersetzung ins Deutsche – geschlechtsneutral geschrieben werden kann. Ich versuche, uns in unserer gemeinsamen Menschlichkeit miteinander zu verbinden.

In der spanischen Sprache ohne Geschlecht zu schreiben, ist eine besonders herausfordernde Aufgabe (fragt bloß Nuria, die den Text ins Spanische übersetzt und von Anfang an daran mitgeschrieben hat). Ich bin überzeugt, dass Sprache sich eines Tages dahin entwickeln wird, die wunderbare Vielfalt aller Menschen zu beherbergen – doch das ist ein fortwährender Prozess. Angesichts der vielen geschlechtlich nicht-konformen Menschen, denen wir einen Großteil der Theorien zu Konsens verdanken, halte ich diese Bemühung für umso notwendiger und wertvoller. Die literarische Welt amüsiert sich häufig und ungerechterweise über Menschen, die verschiedene Techniken dafür finden und ausprobieren. Hierzu zählen die Wortendungen x, i, e oder @ im Spanischen [oder die Sternchen, Unterstriche und weiteren geschlechterinklusiven Schreibweisen im Deutschen]. Doch dank dieser Leute, die mutig und unermüdlich verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, werden wir eines Tages zu einer Sprache gelangen, die für alle passt, die sie benutzen.

An manchen Stellen lässt es sich nicht vermeiden, die zwei üblicherweise vorausgesetzten Geschlechter zu benennen (z.B. wenn es um Vergewaltigungsstatistiken und Vergleichsdaten zwischen Männern und Frauen darin geht). Zudem kann es helfen zu verstehen, wie wir zu der jetzigen Situation gekommen sind. Auch wenn dadurch die Vorstellung von zwei einander gegenüberstehenden Geschlechtern [Zweigeschlechtlichkeit, Geschlechterbinarität] wiederholt wird, soll sie nicht unterstützt und verstärkt werden. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ich mit »Frauen« sowohl trans Frauen als auch cis Frauen meine und mit »Männer« sowohl trans als auch cis Männer, sofern ich es nicht anders angebe.

Trotz der literarischen Neuheit des Konsens-Konzepts in der spanischen Sprache wäre es albern, die Ideen in diesem Buch als neu oder als meine zu präsentieren. Im ganzen Buch gibt es Zitate von weiteren Autor*innen, um jenen Menschen volle Anerkennung zu zollen, die mein Herz und meinen Verstand mit dem Wissen gefüllt haben, das ich in diesem Text zusammenfasse. Durch die Arbeit dieser Menschen kann das Buch eine starke Waffe gegen Vergewaltigungskultur sein.

Die Bibliografie sollte als besonders hilfreiches Werkzeug betrachtet werden. Sie bietet allen eine Quelle, die mehr über die Themen dieses Buchs erfahren wollen. Die meisten aufgeführten Bücher müssen noch aus dem Englischen übersetzt werden, was nur geschieht, wenn Leute dies einfordern.

Abschließend möchte ich meine eigenen Privilegien anerkennen. Wir leben in einer Welt – in einem hierarchischen System – das bestimmte gesellschaftliche Konstruktionen anderen überordnet. Diese setzen sich mitunter aus Weißsein, beschränkten Vorstellungen von Attraktivität, Mobilität, Klasse, Nationalität, sexueller Orientierung, Glaube, Geschlecht und vielem mehr zusammen. Neben einer Reihe weiterer Privilegien, werde ich als weiße Person bevorteilt. Es wäre problematisch, die Tatsache auszulassen, dass ich aufgrund von gesellschaftlichen Vorteilen, für die ich nichts getan habe, überhaupt erst die Möglichkeit habe, dieses Buch zu verfassen. Dieses Buch ist aus einer Perspektive anglo-europäischer Privilegierung geschrieben, die ich aktiv aufzuarbeiten versuche.

Ich lasse mich anleiten von Menschen, deren Identitäten und Verortungen historisch und gegenwärtig weniger Privilegien erfahren: Schwarze Menschen, weitere Menschen ohne weiße Privilegien, trans Menschen, geflüchtete Menschen, Menschen, die beHindert werden etc. Jede wahrhaft soziale Bewegung – einschließlich der Bewegung zur Beendigung von Vergewaltigung – muss ihr zentrales Anliegen an jenen orientieren, die im Verlauf ihres Lebens gelernt haben, innerhalb und an den Rändern von Unterdrückungssystemen zu überleben. Deshalb ziehe ich es in diesem Buch sowie im Leben generell vor, Informationen aus an den Rand gedrängten Gemeinschaften zu beziehen. Ich hoffe, dieses Buch kann einen Beitrag zu einer umfassenderen intersektionalen Auseinandersetzung mit Gewalt und Ungerechtigkeit leisten. Wir brauchen dringend mehr Bezugnahmen auf das Wissen diverser Menschen, die über Konsens, über Vergewaltigungskultur und über Gewalt sprechen. Je mehr Stimmen und Perspektiven, desto besser. Dies ist nur ein Anfang und ich bin gespannt darauf, weiter zu lernen.


1Geschlecht, Sex, Körper – Grundlagen

Liebe*r Leser*in,

danke, dass du zu diesem Buch gegriffen hast. Bevor du weiterliest, möchte ich dir ein paar vorsorgliche Worte mitgeben.

Es ist nicht leicht, zu lernen und sich neuen Ideen zu öffnen. Bildung ist körperliche und emotionale Arbeit. Besonders, wenn gedankliche Muster entwirrt werden, die wir unser Leben lang gelernt haben. Diese neurologischen Pfade sitzen tief. Neue Nervenverbindungen im Gehirn zu schaffen, erfordert Übung und Geduld. Lernen kann schmerzhafte Gefühle hervorrufen und uns an traumatische Erfahrungen erinnern, die uns als solche nicht einmal bewusst waren. Lernen kann dazu führen, dass wir uns verwundbar fühlen; so als würden die Mauern zerstört, die wir zu unserem Schutz aufgebaut haben. Lernen kann alle möglichen Gefühle erzeugen. Wenn diese Gefühle aufkommen, ignoriere sie nicht und bestrafe dich nicht für sie. Erkunde lieber, wie du auf bestimmte Themen reagierst und warum; das ist ein wichtiger Teil der Reise. Scheue nicht davor zurück, dir professionelle Hilfe oder die Unterstützung eines geliebten Menschen zu holen, um diese Gefühle zu verstehen und ihnen Raum und einen Platz zu geben.


Schuldgefühle sind eine gewöhnliche Reaktion auf ungewohnte Konzepte, etwa wenn wir uns fragen: »Wie konnte ich das bloß nicht erkennen?« Etwas nicht zu wissen, bedeutet nicht, dass du dumm oder böse bist. Die Gegenüberstellung von dumm und klug oder von gut und böse ist sowieso falsch: Wir alle haben unterschiedliches Wissen und befinden uns an verschiedenen Punkten unseres Lernens und Wachsens. Du kannst nicht wissen, was du nicht weißt. Es ist unmöglich, Fragen zu stellen, wenn wir nicht einmal wissen, dass es da eine Frage zu stellen gibt. Wir können nur stetig nach Informationen suchen und unser Bestes tun, um uns weiterzubilden. Das Ergebnis ist die Mühe absolut wert, doch der Lernprozess ist kompliziert. Rechne also damit, dass du Fehler machst. Lasse die Angst davor, irgendetwas falsch zu machen, dich nicht davon abhalten, nach Wissen zu suchen und es anzuwenden. Nimm es nicht persönlich, entschuldige dich und erkenne an, wenn du einen Fehler gemacht hast – wachse weiter.


Menschen vermitteln und empfangen Information auf unterschiedliche Weise. Manchmal tun sie es mit Wut, mit Liebe, mit Frustration, mit Traurigkeit, mit Freude oder mit einer Mischung all dieser Gefühle. Sei offen für unterschiedliche Haltungen (selbstverständlich nicht für Gewalt) und erkenne, dass sie aus persönlichen Lebenserfahrungen hervorgehen. Würdige die Gefühle anderer, so wie du deine eigenen Gefühle würdigen würdest. Vergiss nie, dass das Ziel darin besteht, unsere jeweilige Menschlichkeit anzuerkennen.

Lernen ist eine mächtige Form des Aktivismus, zu der jede einzelne Person fähig ist. Vielleicht wird dieses Buch Teil des Prozesses sein, vielleicht nicht. So oder so freue ich mich über deine Stärke und dein Interesse, weiter zu lernen.

Liebe Grüße,

Shaina


1.1Mehr als zwei Geschlechter

Menschen wollen einander verstehen. Wenn wir mit einer anderen Person in Beziehung treten, können wir manchmal etwas über unseren eigenen winzigen Platz in dieser riesigen Welt lernen. Es ist also kein Wunder, dass uns das intensiv beschäftigt. Um es uns zu erleichtern, das eigene Menschsein zu verstehen, haben wir Schubladen geschaffen: Wenn du bist, kreuze dieses Kästchen an; wenn du hingegen bist, kreuze jenes Kästchen an. Dieses System beruft sich auf die Denkweise des »entweder oder«, denn es ist nicht erlaubt, beide Kästchen anzukreuzen. Ein weiteres Kästchen irgendwo dazwischen zu zeichnen, käme nicht in den Sinn und wäre unerhört. Dieses strenge System, diese Ordnung, wird als Binarität – als Zweiteilung – bezeichnet, weil es nur zwei Optionen gibt, zwischen denen wir uns entscheiden müssen.


Theoretisch hat eine Person, die in eine bestimmte Schublade gehört, bestimmte Eigenschaften zu erfüllen. Eine Person ist anfällig für eine bestimmte Krankheit; eine Person denkt auf dieses Weise; Personen lieben Personen. Diese vier Lücken beruhen auf einer Reihe gesellschaftlicher Vorannahmen, die als soziale Konstruktionen – als gesellschaftlich hergestellt – bezeichnet werden. Im Wesentlichen hat hier eine Gruppe von Menschen Entscheidungen darüber getroffen, wie eine Person sein sollte oder nicht sein sollte; und weil das für einige Leute in der Gesellschaft Vorteile brachte, stellten sie sicher, dass diese sozialen Konstruktionen in Kraft blieben. Im Ergebnis wird die Persönlichkeit und Identität von Menschen anhand dieser Kästchen bemessen und von ihnen geprägt, anstatt dass sie diese selbst formen (können).


Es ist logisch, dass ein einzelnes Kästchen nicht die Komplexität eines Menschen enthalten kann. Glücklicherweise zieht die Wissenschaft langsam nach und je mehr wir lernen, desto deutlicher wird, dass wir unendlich viele Kästchen brauchen würden, um Menschen darin zu erfassen. Um einander verstehen zu können, ist es tatsächlich am klügsten, wenn wir uns von der Vorstellung der Kästchen einfach komplett verabschieden. Die Forschung zeigt nicht nur, dass es kein ›normal‹ gibt, sondern dass die Starrheit dieses Systems verhindert, dass das lebendige Spektrum der menschlichen Existenz als solches wahrgenommen wird. Trotz der erdrückenden Beweislast beruhen angloeuropäische Gesellschaften auf diesen unangemessenen und vereinfachten Verallgemeinerungen. Sie verweigern sich weitgehend einer entsprechenden Verschiebung und haben vielleicht sogar ein bisschen Angst davor.

Diese Übervereinfachung durchzieht jeden Aspekt unseres Lebens. Eine besondere Rolle spielt sie in Bezug auf unser Geschlecht und unsere Sexualität. Je nachdem, welches Geschlecht einer Person zugewiesen wird, werden von ihr bestimmte Verhaltensweisen erwartet – von der Partner*innenwahl über sexuelle Praktiken bis hin zu Kleidung und Haarentfernung. Sogar wenn eine Person außerhalb dieser Schubladen lebt, ist es wahrscheinlich, dass die Welt sie weiterhin auf ein Stereotyp reduzieren will. Um uns von diesen Beschränkungen zu befreien, müssen wir diese Vereinfachungen zunächst verstehen: Wie sind sie entstanden und zu welchem Zweck wurden sie geschaffen?

Daher bietet ein Verständnis von Geschlecht – wie es bei der Geburt zugewiesen wird (engl. sex) und wie wir es leben (engl. gender) – sowie von sexueller Orientierung, von rassistischen Körpernormen usw. eine gute Grundlage, um nachvollziehen zu können, wie die gegenwärtige kulturelle Gemengelage entstanden ist. Diese Vorstellungen stellen aber weder die Zukunft noch unveränderliche Tatsachen dar.


1.2Geschlecht – sozial und biologisch?

In welchem Buch, das du gelesen hast, in welchem Film, den du gesehen hast, spielte Geschlecht keine Rolle für die Handlung? Ob in Sachtexten, Romanen, Dokumentar- oder Spielfilmen: Wir finden darin immer Spuren dieses Konzepts. So vieles in der – wenn nicht die gesamte – Geschichte der Menschheit wird entlang von Geschlecht erzählt. Die Theorien zum – ›biologischen‹ und sozialen – Geschlecht würden ein ganzes Bücherregal füllen, doch um es kurz zu halten, erklären wir hier im Schnelldurchlauf, wie wir zu unserem aktuellen Verständnis von Geschlecht gekommen sind. Vielleicht ist besonders interessant, wo wir es falsch verstanden haben.

Erinnere dich an deinen frühen Biologieunterricht. Da gab es vollkommene, nackte Personen, die zu vollkommen geformten Chromosomen passten. Das Konzept des ›biologischen Geschlechts‹, das bei der Geburt zugewiesen wird, wurde fast immer als wissenschaftliche Tatsache dargestellt und somit als etwas Eindeutiges und Wahres verstanden. Wir lieben die Wissenschaft, weil sie uns vermeintlich genau das liefert: etwas Stabiles. Aber diese Stabilität kann auch zu einer Starrheit führen, in der wenig Raum für Entwicklung bleibt.

So wie die Wissenschaft sich von der Theorie, die Erde sei eine Scheibe, weiterentwickelt hat, haben sich auch Vorstellungen vom bei der Geburt zugewiesenen ›biologischen Geschlecht‹ weiterentwickelt. Traditionell wurde das ›biologische Geschlecht‹ – oder vielmehr, das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht – als etwas Objektives und Unveränderliches erachtet. Die Wörter »männlich« und »weiblich« wurden hier direkt in Bezug auf Genitalien und Chromosomen benutzt. Mittlerweile haben wir gelernt, dass diese anfänglichen Vorstellungen von Genitalien, Fortpflanzungsorganen und Chromosomen faktisch nicht richtig sind. Das ›biologische Geschlecht‹ ist ein Spektrum; es ist beweglich und es kann sich verändern. Das menschliche Denken wollte etwas vereinfachen, das die Natur aber eher als Mosaik entworfen hat.

Um die Beweglichkeit des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts zu verstehen, müssen wir ein bisschen tiefer in die Biologie eintauchen – insbesondere hinsichtlich der Frage, inwiefern Genitalien und Chromosomen unveränderlich und miteinander verknüpft sind.

Lasst uns mit den Genitalien beginnen. Wenn ein Mensch geboren wird, oder bereits bei vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchungen, schaut sich die medizinische Fachkraft die Genitalien an und weist dem Kind ein ›biologisches Geschlecht‹ zu (deshalb sprechen wir auch vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht): »männlich«, wenn es einen Penis hat; »weiblich«, wenn es eine Vagina hat; und »intergeschlechtlich«, wenn es so genannte »uneindeutige Genitalien« hat – ein Überbegriff, der für alle Genitalien genutzt wird, die außerhalb der begrenzten Definitionen der westlichen Medizin von ›männlichen‹ und ›weiblichen‹ Genitalien liegt. Hierin liegt das erste Problem: Es hat immer Menschen gegeben, deren Genitalien nicht zu den Konstrukten der westlichen Medizin passten. Viele Menschen werden mit inneren oder äußeren Genitalien aller möglichen Formen, Größen und Kombinationen geboren. Expert*innen schätzen, dass 1,7 Prozent der Menschen mit ›intergeschlechtlichen‹ Merkmalen geboren werden, was etwa dem Prozentsatz der Menschen entspricht, die mit rotem Haar zur Welt kommen.1 Das ist eine enorme Zahl vollkommener Körper, denen nur zwei Optionen zur Auswahl gegeben wurden. Sie belegen die Notwendigkeit, die bisherigen Vorstellungen dessen zu hinterfragen, was einen ›männlichen‹ und/oder ›weiblichen‹ Körper ausmacht. Zudem sind die eindeutigen Vorstellungen von ›Penis‹ und ›Vagina‹ selbst Konstrukte. Die Genitalien eines jeden Menschen sind einzigartig – es gibt keine ›normale‹ oder durchschnittliche Form. Abgesehen von der unendlichen Bandbreite an Größen, Formen, Farben usw. hat jede Person das Recht, selbst frei zu benennen, was sie zwischen den Beinen hat – mit allen Wörtern, die dazu gewählt werden mögen. Was wie ein bloßer Akt der Zuweisung eines ›biologischen Geschlechts‹ eines Menschen erscheinen mag, ist jedoch eine folgenschwere Festlegung für das gesamte Leben dieser Person: Es beeinflusst beispielsweise, welche Chancen sie haben wird, wie sie von der Gesellschaft gesehen wird, wie sie medizinisch behandelt wird. Wenn es um so vieles geht, könnte man annehmen, dass die Zuweisung von Geschlecht ein genauer Prozess sei. Doch das Konzept der Zuweisung eines Geschlechts als männlich, weiblich oder intergeschlechtlich bezüglich bestimmter Genitalien ist keineswegs objektiv, denn innere und äußere Genitalien sind überaus vielfältig.


Doch was ist dann mit den Chromosomen? Auf die können wir uns doch sicherlich verlassen, um aus ihnen zwei fein säuberliche Schubladen abzuleiten? Vielleicht hast du in deinem Biologieschulbuch gelesen, dass 1923 das X- und das Y-Chromosom – bloß ein Haufen verschwommener Flecken in der Form von Kidneybohnen unter einem Mikroskop – entdeckt und als »Geschlechtschromosomen« bezeichnet wurden. Die grundlegendste Behauptung dieser Forschung war, dass Menschen, die XX-Chromosomen tragen, eine Vagina haben und Menschen, die XY-Chromosomen tragen, einen Penis haben. Ende der 1970er Jahre hatte die DNA-Revolution begonnen – im Vorlauf des Humangenomprojekts, das die Gesamtheit des menschlichen Genoms entschlüsseln wollte. Hierbei kamen weitere Forschungen zu dem Ergebnis, dass es viele Ausnahmen von der Theorie der zweiteiligen ›Geschlechtschromosomen‹ gibt. In Tests wurde gezeigt, dass es auch ›Frauen‹ gab, die XY-Chromosomen trugen, und Menschen mit Penis und Hoden, die XX-Chromosomen trugen – sowie eine endlose Zahl weiterer Kombinationen.

1990 wurde dann ein einzelnes Gen entdeckt, das nun tatsächlich für die Bestimmung der Genitalien verantwortlich sein sollte, die sich in einem Körper herausbilden. Das bedeutete, dass nicht das X- oder Y-Chromosom, sondern ein winziges Gen namens SRY auf dem Y-Chromosom das bestimmt, was als ›biologisches Geschlecht‹ bezeichnet wurde. Das SRY-Gen, oder die geschlechtsbestimmende Region auf dem Y-Protein, funktioniert wie ein Schalter, der die Erzeugung ›männlicher‹ Genitalien anregt. In ihrer frühen Entwicklung sind alle Föten ›weiblich‹, das ›Standard‹-Geschlecht eines jeden Menschen ist also ›weiblich‹. Wenn jedoch das SRY-Gen aktiviert ist, wird die Entwicklung der Hoden ausgelöst. SRY muss aktiviert sein, damit ›männliche‹ Genitalien entstehen können, aber wir verstehen noch immer nicht gänzlich, wie SRY aktiviert wird und welche Ereigniskette genau auf seine Aktivierung folgt, die zur Bildung von Hoden führt. Wir wissen aber, dass eine Person mit XY-Chromosomen, der das SRY-Gen fehlt, keine ›männlichen‹ Genitalien ausbildet, sondern ›weibliche‹.

2011 veröffentlichten Dr. David Zarkower und Dr. Vivian Bardwell in der Fachzeitschrift »Nature« eine Studie mit ziemlich verblüffenden Ergebnissen über ein weiteres Gen namens DMRT1, die Abkürzung für »Doublesex And Mab-3 Related Transcription Factor 1«.2 Bei Menschen und anderen Tieren drückt sich dieses Gen in Form von Hoden aus. In Versuchen mit Labormäusen werden erstaunlicherweise die Hodenzellen zu Gebärmutterzellen, wenn das DMRT1-Gen entfernt wird. Im Wesentlichen hatten die Zellen ihr Geschlecht geändert und die zuvor ›männliche‹ Maus bildete nun Uterus-Zellen. Diese Gene, die in Mäusen, Menschen und vielen anderen Tieren zugegen sind, scheinen die Fähigkeit zu haben, das ›biologische Geschlecht‹ eines Wesens zu verändern, indem sie die Entwicklung der Gonadenzellen beeinflussen.

Entscheidend für ein Verständnis der Fluidität – der Veränderlichkeit – des ›biologischen Geschlechts‹ ist die Tatsache, dass wir alle unser Leben lang die SRY- und DMRT1-Gene in uns tragen und dass diese Gene entweder aktiviert (exprimiert) oder deaktiviert (supprimiert) werden können. Stellen wir uns die Gene zum Beispiel als ein Auto vor, dessen Motor läuft und das bergab steht. Entweder musst du den Fuß auf’s Gas setzen (Genaktivierung und -expression) oder du trittst die Bremse (Geninaktivierung und -suppression). Wie beim Umgang mit dem Auto ist die Aktivierung oder Inaktivierung eines Gens ein aktiver Prozess; es gibt keinen Standardzustand. Wenn du den Fuß von der Bremse nimmst, wird der Wagen losfahren und so ähnlich ist es mit einem Gen. Somit haben alle ›weiblichen‹ Tiere das SRY- und DMRT1-Gen, aber sie werden dauerhaft supprimiert. Hört die Suppression auf – wie wenn du den Fuß von der Bremse nimmst –, wird der Genausdruck ermöglicht. Das bedeutet, dass der Zustand des Gens immer offen für Veränderung ist. Im Falle von DMRT1 ist es bei ›Männern‹ aktiv und bei ›Frauen‹ supprimiert. Hinzu kommt die Tatsache, dass Gene üblicherweise nicht zu 0 oder zu 100 Prozent exprimiert werden, sondern irgendwo dazwischen, wodurch ein endloses Spektrum an ›biologischen Geschlechtern‹ bei Menschen entsteht.

Ich schreibe hier von diesen ganzen wissenschaftlichen Erkenntnissen, um festzustellen, dass Menschen immer die Fähigkeit in sich tragen, ihr ›biologisches Geschlecht‹ zu verändern; wir alle tragen in unserer biologischen Verfasstheit ein viel breiteres und komplexeres Spektrum als ›männlich‹ oder ›weiblich‹. Die Fähigkeit, das ›biologische Geschlecht‹, z.B. Genitalien, zu verändern, ist nicht einzigartig, sondern tatsächlich bei Hunderten von Tierarten auffindbar. Die Theorie von zwei Geschlechtern, der Zweigeschlechtlichkeit, hat noch nie Sinn ergeben, denn auf der grundlegendsten Ebene hat es immer körperliche Ausnahmen von dieser Regel gegeben. Mittlerweile ist die Wissenschaft weit genug fortgeschritten, um auf molekularer Ebene zu erkennen, dass das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht aus objektiven Kategorien hervorgeht, sondern vielmehr aus einer gesellschaftlichen Entscheidung darüber, wie Menschen aussehen und sich verhalten sollen.

Neben den Genitalien werden auch viele weitere Eigenschaften mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht verknüpft. Von Frauen wurde aufgrund eines vermeintlich größeren Hippocampus – der Hirnregion, die für Emotionen und Sinne zuständig ist – angenommen, dass sie ein breiteres Gefühlsspektrum hätten und diese Gefühle besser ausdrücken könnten (d.h. Frauen seien emotionaler, weinten mehr, seien eifersüchtiger oder gehässiger). Eine Analyse von 76 publizierten Fachtexten mit einer Gesamtzahl von 6000 Testpersonen, die unter Leitung der Neurowissenschaftlerin Lise Eliot an der Rosalind Franklin University of Medicine and Science durchgeführt wurde, entlarvte diese Theorie und fand heraus, dass der Hippocampus bei Männern und Frauen gleich groß ist.3 Ähnliche Forschung zu Hirnfunktionen haben immer wieder dasselbe herausgefunden: Es gibt keinen merklichen Unterschied zwischen den Gehirnen von Menschen, die nach dem ›biologischen Geschlecht‹ in Männer und Frauen eingeteilt werden. Eliot sagt in einer Pressemitteilung zu den Ergebnissen der Studie:

»Geschlechtliche Unterschiede im Gehirn sind unwiderstehlich für jene, die stereotype Unterschiede zwischen Männern und Frauen nachweisen wollen. (…) Unsere Untersuchung verschiedener Datenreihen, wobei wir sehr große männliche und weibliche Testgruppen zusammenfügen können, ergibt, dass diese Unterschiede oft verschwinden oder gehaltlos sind.«4

Das heißt, Mathe, Naturwissenschaften, Kunst, Sport, Sprache, Logik, Mut, Leidenschaft, Freundschaft und alles andere, was unser Gehirn verarbeitet, sind nicht vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht einer Person abhängig. Mit der Widerlegung der Theorie von tatsächlichen körperlichen Unterschieden im Gehirn ist die Erzählung davon, dass Männer und Frauen ›von Natur aus‹ zu bestimmten Verhaltensweisen neigen, ein Märchen, das durch gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge geschaffen und durchgesetzt wurde.


Wohin gehört nun die Frage der Geschlechtsidentität?

Auf Grundlage anglo-europäischer Definitionen wird das biologische Geschlecht (engl. sex) bei der Geburt zugewiesen und das soziale Geschlecht (engl. gender) als selbstbestimmter verstanden. Wir verstehen heute, dass die beiden eigentlich dasselbe sind. Beide beschreiben Menschen auf der Grundlage gesellschaftlicher Konstrukte.

Gender ist im Englischen sowohl ein Nomen als auch ein Verb. Als Verb, »to gender«, bedeutet es, einer Person oder einem Gegenstand männlich oder weiblich konzipierte Eigenschaften zuzuschreiben. Zum Beispiel, wenn du das falsche Pronomen [z.B. »er« oder »sie«] für eine Person benutzt (das ist nie in Ordnung!), hast du diese Person falsch gegendert, ihr das falsche Geschlecht zugeschrieben. Als Nomen bezeichnet Gender, wie eine jede Person sich geschlechtlich selbst definiert. Dein Geschlecht ist eine Identität, die im Verhältnis dazu steht, wie du dich selbst siehst und wie du von anderen gesehen werden möchtest. Geschlechtsidentitäten und die Möglichkeiten, wie wir sie ausdrücken, sind im wörtlichen Sinne unendlich, weil sie so vielfältig sind wie die Menschen selbst. Eine Person kann ein Mann oder eine Frau sein, sie kann sich jenseits der Zweigeschlechterordnung verorten oder das Geschlecht wechseln, sie kann Geschlechtervorstellungen erweitern, bewegen und untergraben, mehrere Geschlechter haben, Weiblichkeit zelebrieren und vieles mehr. Du kannst eine Geschlechtsidentität haben oder eine Million. Dein Geschlecht kann dein ganzes Leben lang gleich bleiben oder sich verändern.


Es folgt eine kurze Liste mit einigen Geschlechtsidentitäten. Da die englischsprachigen Bezeichnungen auch im deutschsprachigen Kontext recht weit verbreitet sind, orientiert sich die Liste an den englischen Begriffen. Darüber hinaus gibt es weltweit zahllose weitere Geschlechtsidentitäten, die alle – wie auch die hier gelisteten – in bestimmten Kontexten verortet sind und überall unterschiedlich gelebt werden.

gender expansive/wörtlich: Geschlecht erweiternd, hier: geschlechtlich nicht-konformEine Person, die über die, in ihrer Gesellschaft vorausgesetzten, meist zweigeschlechtlichen, Konzepte von Geschlecht hinausweist, ihnen nicht entspricht. Unter diesen Menschen sind transgeschlechtliche, nicht-binäre, gender queere, androgyne Menschen sowie alle anderen, die die verallgemeinerten Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit (Frau/Mann) erweitern.

gender queerEine Person, die nicht einem bestimmten Geschlecht entspricht und damit Geschlechternormen überschreitet.

gender questioning/wörtlich: Geschlecht hinterfragendEine Person, die auf dem Weg ist, ihr Geschlecht zu finden oder eine Person, die dauerhaft das Konzept von Geschlecht infrage stellt, die keinem bestimmten Geschlecht entspricht und/oder mit Geschlecht nichts zu tun haben will.

gender fluid/geschlechtlich veränderlichEine Person, deren Geschlechtsidentität an eine Ebbe und Flut sozial konstruierter männlicher und weiblicher Eigenschaften erinnert. Ihr Geschlecht kann sich ständig ändern oder gleich bleiben. Eine geschlechtlich veränderliche Person beschränkt sich nicht auf die Zweiteilung von Frau und Mann.

nonbinary/nicht-binär, nichtbinärEine Person, die sich außerhalb der Zweiteilung von Mann/Frau bewegt, die sich keiner der beiden gegenüberstehenden Geschlechteroptionen zugehörig fühlt.

transgender/transgeschlechtlich5 bzw. trans oder trans*Eine Person, die ein anderes Geschlecht lebt, als ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. Zum Beispiel wurde einer trans Frau bei der Geburt das Geschlecht »männlich« zugewiesen, ihre Identität ist aber die einer Frau/weiblich. Beachte, dass Transgeschlechtlichkeit bzw. trans zu sein nichts mit der sexuellen Orientierung, also dem sexuellen Begehren, einer Person zu tun hat.

cisgender/cisgeschlechtlich bzw. cisEine Person, die das Geschlecht lebt, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. Zum Beispiel wurde einer cis Frau bei der Geburt das Geschlecht »weiblich« zugewiesen und ihre Identität ist die einer Frau/weiblich. Beachte, dass Cisgeschlechtlichkeit bzw. cis zu sein nichts mit der sexuellen Orientierung einer Person zu tun hat.

intersex/intergeschlechtlich bzw. inter oder inter*Es handelt sich um einen Überbegriff für Menschen, die mit einem Körper auf die Welt kommen, der Eigenschaften außerhalb der strengen Zweiteilung von männlich und weiblich aufweist. [Intergeschlechtliche Menschen können sich selbst als inter* identifizieren oder weibliche, männliche oder queere Geschlechtsidentitäten haben.]

MannEine Person, die typischerweise mit dem ›männlichen‹ Geschlecht verknüpft wird. Beachte: Sowohl trans als auch cis Männer können männlichen Geschlechts/Männer sein.

FrauEine Person, die typischerweise mit dem ›weiblichen‹ Geschlecht verknüpft wird. Beachte: Sowohl trans als auch cis Frauen können weiblichen Geschlechts/Frauen sein.

Mehr als zwei Optionen der Geschlechtsidentität zu haben, ist weder ein vorübergehender Trend oder eine neue Mode noch ist es kompliziert. Jenseits westlicher anglo-europäischer Gesellschaften hat es immer mehr als zwei Geschlechter gegeben. In Südasien sind »Hijras« seit Jahrhunderten als drittes Geschlecht anerkannt. In Indigenen Gesellschaften Nordamerikas bilden »Two-Spirit«-Menschen eine eigene Geschlechtsidentität, die nicht mit den Geschlechterbezeichnungen für Mann und Frau verbunden ist. In den Zapotekischen Kulturen Oaxacas in Mexiko gibt es die »Muxe« (oder »Muxhe«), eine traditionelle und breit akzeptierte dritte Geschlechtsoption. Die »Leitis« in Tonga und die »Fa’afafine« in Samoa sind dritte Geschlechter im südpazifischen Kulturkreis. Darstellungen und Schriften auf antiker Töpferware zeugen schon 2000–1800 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung von drei Geschlechtern. Angesichts der Komplexität von Menschen erscheint es sinnvoll, dass so viele Kulturen es nie für vernünftig hielten, alle Leute in nur zwei kleine Kategorien zu zwängen.

Während es stimmt, dass uns diese Kategorisierung potenziell helfen kann, einen kleinen Teil einer Person zu verstehen, stimmt es ebenso, dass diese Ordnung genutzt wurde und wird, um Menschen zu kontrollieren und zu diskriminieren. Das Konzept des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts ist besonders gefährlich, weil es als unveränderlich verstanden wird. Wenn eine Person bei der Geburt als ›männlich› ausgewiesen wird und später feststellt, dass sie ›weiblich‹ ist, ist die Wahrscheinlichkeit dennoch groß, dass sie ihr Leben lang von ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht geplagt wird. Anstatt als Frau medizinische Versorgung zu erhalten, strafverfolgt zu werden oder die öffentliche Toilette zu nutzen, kann es sein, dass sie weiter als männlich wahrgenommen und behandelt wird. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern in den meisten Fällen sogar gefährlich. Unsere sozialen, medizinischen und rechtlichen Systeme müssen dem Spektrum unserer Körper und unterschiedlichen Persönlichkeiten endlich gerecht werden, damit unser aller Wohlbefinden gewährleistet werden kann.

Die einzige Person, die entscheiden kann, ob du dich als männlich, weiblich, Mann, Frau, nicht-binär, gender queer, androgyn oder auf eine andere Art und Weise definierst, bist du selbst – in all deiner Schönheit und Vollkommenheit. Die Vorstellung, dass Menschen ›im falschen Körper geboren‹ sind, ist fehlleitend, denn es gibt keine richtigen oder falschen Körper. Wenn eine Person entscheidet, ihren Körper zu verändern oder ihn zu ergänzen, bedeutet das nicht, dass der Körper an sich richtig oder falsch ist. Beispielsweise entscheiden manche trans Menschen, ihren Körper zu verändern und andere entscheiden, das nicht zu tun (beide Entscheidungen gehen niemand anders etwas an!). Ob eine Person den Körper und die Genitalien behält, mit denen sie geboren ist, oder sich für eine chirurgische Veränderung entscheidet, nimmt oder gibt ihrem selbstbestimmten Geschlecht nicht mehr oder weniger Berechtigung. Wir alle verändern unser Äußeres, um uns mehr wie wir selbst zu fühlen: sei es durch Schminke, plastische Chirurgie, das Färben unserer Haare, eine Tätowierung, die Rasur, das Tragen von Strap-Ons oder von bestimmter Kleidung usw. Die Philosophin und Geschlechtertheoretikerin Judith Butler sagt in einem von Christan Williams geführten Interview:

»Es ist immer mutig, auf Transformationen zu beharren, die sich notwendig anfühlen. Wir alle – als Körper – sind in der aktiven Position, herauszufinden, wie wir mit und gegen die Normen leben können, die uns formen (…). Jede Person sollte die Freiheit haben, den Lauf des eigenen vergeschlechtlichten Lebens zu bestimmen.«6

Während sich die Geschlechtsidentität bei manchen Menschen verändert und bei manchen nicht, ist es ein Gebot der Höflichkeit, Menschen mit ihrem richtigen Geschlecht anzusprechen und mit den richtigen Pronomen über sie zu sprechen. Das bedeutet, niemanden »Frau/Herr«, »sie/er«, »Lady«, »Mann« o.ä. zu nennen, bevor wir das gewünschte Pronomen der Person erfahren haben. Es ist einfacher und höflicher, eine Person nach ihrem Pronomen zu fragen als es zu erraten und vorauszusetzen. Ein einfaches, »Hallo, ich heiße und mein/e Pronomen ist/sind . Und du?« funktioniert prima, besonders wenn du mit den Ich-Botschaften beginnst. Wenn du eine Antwort erhalten hast, stehen diese Pronomen nicht zur Debatte, sondern sollten respektiert und immer benutzt werden. Eine Person hat auch jedes Recht, dir ihr/e Pronomen nicht mitzuteilen – sei es, weil sie sich nicht sicher fühlt oder weil es etwas ist, das sie eher im Privaten hält.


Wenn es dich stresst, das Geschlecht einer Person nicht zu kennen, ist das eine gute Gelegenheit, dich zu fragen, warum das so ist. Was soll dir das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht oder die Geschlechtsidentität einer Person über ihre Persönlichkeit verraten? Was würde passieren, wenn das Kennenlernen nicht über vorgefertigte Annahmen und Konzepte von Geschlecht abliefe, sondern etwa anhand der Lieblingsfußballer*innen der Person, ihres politischen Engagements, ihrer phänomenalen Backkunst, ihrer unglaublichen Fähigkeiten im Kopfrechnen oder beim Schlagzeugspielen (oder auch anhand all dieser Dinge zusammen)? Ja, Geschlecht ist daran beteiligt, zu welcher Person wir werden, aber es muss keine wichtigere Information sein als andere. Und es muss keinen Einfluss oder Auswirkungen auf alle anderen Aspekte haben, die dich zu dem Menschen machen, der du bist.

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