Kitabı oku: «Boat People»


Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel „The Boat People“ im Verlag McClelland & Stewart, Toronto, Kanada.
Das Buch wurde gefördert vom Canada Council for the Arts, der Verlag dankt hierfür. We acknowledge the support of the Canada Council for the Arts. Nous remercions le Conseil des arts du Canada de son soutien.

Deutsche Erstausgabe 2020
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten.
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de Copyright © 2018 by Sharon Bala Translated from the English language: THE BOAT PEOPLE First published in Canada by: McClelland & Stewart, a division of Penguin Random House Canada Limited, Toronto
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
Lektorat: Elisabeth Müller, Friedberg (Hessen)
Umschlagabbildung: © Boyan Dimitrov – shutterstock.com
ISBN 978-3-96311-269-0
Printed in the EU
Dieses Buch ist für meine Eltern,
Mohan und Swarna Bala.
Inhaltsverzeichnis
WIE ES ANFING
INSCHALLAH, MR. GIGOVAZ
FROH, HIER ZU SEIN
TERORISTEN RAUS!
EIN GUTES LAND
VERHANDLUNGEN
FAMILIENGESCHÄFT
NEBENVORSTELLUNG
RAMAS LIED
DIE NATUR DER DINGE
GODFATHER
NEUE WELT
LASS DAS VERGANGENE RUHEN
RECHT UND ORDNUNG
WAS WISSEN DIE?
THALI
RUHE UND FRIEDEN
EIN EIGENES LAND
ZURÜCK IN DIE HÖLLE
TRAUST DU UNS DENN NICHT?
WAS KANN MAN DA MACHEN?
DER GLÜCKLICHSTE TAG
AUFTRAG
JEOPARDY
WARUM SIND SIE HIER?
DER DUMME
WILLKOMMEN IM WINTER
MOTTENKUGELN
FEINDLICHE AUSLÄNDER
AUGENZEUGEN
SALOMON
GANESCHA SCHLÄGT RAD
SCHATZGRÄBER
MUSTERMIGRANT
BESITZURKUNDE
FARBE BEKENNEN
WAHRHEIT ODER LÜGE
DIE ÄRZTIN
RICHTER, SCHÖFFE, HENKER
KEIN RECHT AUF UNSER LAND
EIN AFFRONT
LIONS UND TIGERS
EIN FREIES LAND
WEITERKÄMPFEN
NOTPOLSTER
EINES TAGES
ALTER KÖDER
ICH WILL SPRECHEN UND GEHÖRT WERDEN
ANMERKUNGEN DER AUTORIN
DANKSAGUNG
Wir mögen auf verschiedenen Schiffen gekommen sein, aber jetzt sitzen wir alle im selben Boot.
— Martin Luther King Jr.
WIE ES ANFING
Juli 2009
Mahindan lag flach auf dem Rücken, als die Schreie losgingen. Mit angewinkeltem Arm bedeckte er die Augen. Er hörte das Pfeifen, den dumpfen Aufschlag von Granaten, die Hilferufe der Sterbenden. Kugeln und Raketen, die Welt stand in Flammen.
Dann ein anderes Geräusch. Es kam kreischend durch das Getöse, so dass es eine ewige Sekunde lang nichts gab, nur ihn und seinen Sohn und die Bombe, die sich mit todbringendem Schrei in hohem Bogen durch den Himmel bohrte, direkt auf sie zu. Sosehr er sich anstrengte, Mahindan bekam die Augen nicht auf. Seine Glieder waren fest an den Boden geheftet, tonnenschwer. Er versuchte, sich zu bewegen, zu schreien, aufzuspringen und wegzulaufen. Die Erde dröhnte. Die Bombe explodierte und spuckte eine Wolke glühender Metallfetzen in die Luft. Das Zelt war zerrissen, mittendurch. Mahindan war hellwach, mit einem Schlag.
Sein Herz hämmerte wild. Gepackt von rasender Angst setzte er sich auf und blinzelte in die Dunkelheit. Er hörte, wie jemand fauchte und prustete, merkte dann aber, dass er es selber war. Das Pfeifen fliegender Granatsplitter ließ nach, und er kehrte zurück in die Gegenwart, zur Kokosmatte unter sich, zurück in den Rumpf des Schiffes.
Da schnarchten und schnüffelten sie, da gab es die kleinen Nachtgeräusche von fünfhundert schlafenden Körpern. Tief unten das monotone Surren der Schiffsmotoren. Instinktiv griff er nach Sellian, seinem Sohn, fand ihn fest an seine Seite gedrängt, dann legte er sich wieder hin. Der Schweiß stand ihm im Nacken. Immer noch raste sein Puls. Er roch die säuerliche Ausdünstung seiner eigenen Haut, den rohen Tiergestank der Körper um ihn herum. Der Mann auf der Matte neben ihm schlief mit offenem Mund. Er schnarchte laut wie ein dröhnendes Motorrad, so nah, dass Mahindan den ausgestoßenen warmen Atem fast spüren konnte.
Er legte die Hand auf Sellians Rücken und fühlte, wie er sich hob und senkte. Allmählich wurde sein eigener Atem ruhiger und bewegte sich schließlich im gleichen Rhythmus. Er strich seinem Jungen durch das feine, seidige Haar, den weichen Schopf eines Kindes, dann streichelte er seinen Arm, fühlte die raue Haut, die langen, dünnen Kratzer, die verkrusteten Insektenbisse. Sellian war ein schmächtiges Kind, sechs Jahre alt und kaum einen Meter groß. Wie wenig Platz dieses Kind einnahm, so in sich zusammengerollt, den Daumen im Mund. Wie verletzlich sein Leben doch war, wie prekär sein Überleben, eigentlich ein Wunder.
Mahindans Augen hatten sich dem Dunkel angepasst und konnten nun Umrisse und Formen erkennen. Das klapprige Geländer beiderseits der Leiter. Lampen, aufgereiht an einem Elektrokabel. Außerhalb des Bullauges war es noch stockdunkel.
Behutsam, um Sellian nicht zu wecken, stand er auf. Vorsichtig stieg er über die auf dünnen Matten zusammengedrängten Körper, duckte sich unter den in schwankenden Hängematten reglos Schlafenden, tastete sich von einer Seite des Schiffs zur anderen bis hin zur Leiter. Es war heiß und drückend, die Luft zum Ersticken.
Hemas Zopf lag lang und dick auf dem schmutzigen Boden. Mahindan bückte sich, hob ihn auf und legte ihn im Vorübergehen sanft auf ihren Rücken. Ihre beiden Töchter schliefen neben ihr auf derselben Matte. Sie lagen einander zugewandt auf der Seite, Kopf an Kopf, Knie an Knie. Ein paar Meter weiter kam er zu dem Mann mit dem amputierten Bein und wandte die Augen ab.
Bei Tag ging es laut her auf dem Schiff, aber jetzt hörte er nur, wie das Elektrokabel gegen die Wand schlug, wie sie alle atmeten, ein und aus, und immer dieselbe verbrauchte, dieselverpestete Luft.
Ein Junge schrie im Schlaf auf, und als Mahindan sich umschaute, sah er, dass Kumurans Frau ihr alptraumgeplagtes Kind beruhigte. Mahindan hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest und stieg die Leiter nach oben aufs Deck. Dort angekommen, sog er das frische Aroma von Salz und Meer tief ein und fühlte sich unversehens leichter. Hoch über ihm knarrte der Mast. Mahindan blickte auf zu den Sternen und dem Appam-Halbmond, der warm am Himmel glühte. Beim Gedanken an Appam – leckeren Teig, frisch gebacken, direkt vom Feuer – meldete sich sein Magen mit hohl knurrender Anklage.
Es war dunkel, aber er kannte sich aus auf dem Schiff. Am Heck stand in ordentlicher Reihe ein Dutzend Plastikeimer. Er kauerte sich vor einem dieser Eimer hin und schöpfte mit beiden Händen das lauwarme, von Zweigen und Seetangbrocken verschmutzte Wasser, um sich Gesicht und Nacken zu erfrischen. Dabei spürte er, wie der Dreck auf seiner Haut kratzte.
Das Schiff – ein sechzig Meter langer, alter und schludrig für fünfhundert Passagiere umgebauter Frachter – schepperte durch das ruhige Wasser und stöhnte unter der Last von allzu schwerer menschlicher Fracht. Mahindan hielt sich an der Reling fest und strich mit einem Daumen über den abblätternden Rost.
Ein paar Leute waren nach draußen gekommen, schattenhafte Gestalten, die auf beiden Ebenen des Decks stumme Wacht hielten. Wochen oder auch Monate waren sie schon auf See, Sonnenauf- oder Sonnenuntergang waren kaum noch zu unterscheiden. Die Tage verbrachten sie an Deck unter einer Plane, die sie vor der Sonne schützen sollte, während der Boden unter ihnen brannte. In stürmischen Nächten, wenn das Schiff wild schwankte und schlingerte, flüchtete Sellian sich in Mahindans Schoß, und ihre Mägen kollerten hilflos im Gewühl des wutschäumenden Ozeans.
Aber der Kapitän hatte gesagt, sie seien bald da, und schon seit Tagen hielt ein Mann rund um die Uhr im Ausguck oben auf dem Mast Ausschau nach Land.
Mahindan lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling und ließ sich hinabgleiten, bis er auf dem Deck saß. Kraftlosigkeit, wann immer er an die Zukunft dachte; Horror, wenn die Erinnerungen kamen. Er gähnte und drückte das Kinn gegen die angezogenen Knie, dann schlang er die Arme darum, um sich zu wärmen. Wenigstens waren sie hier auf dem Schiff sicher vor den Angriffen. Ruksala, Prem, Chithras Mutter und Vater. Er dachte an die Toten und schlief ein.

Menschenauflauf und Möwengeschrei rissen ihn aus dem Schlaf. Ein Junge rannte das ganze Schiff entlang und rief nach seinem Vater. Appa! Appa! Mehr Leute waren aufs Deck gekommen, und alle riefen sie laut und aufgeregt durcheinander.
Der Mann, den sie Ranga nannten, stand an der Reling neben ihm und starrte hinaus. Mahindan war entsetzt, ihn neben sich zu sehen.
Das Land ist nah, sagte Ranga.
Mahindan suchte angestrengt die ununterbrochene Linie des Horizonts ab. Nicht weit von ihm stand ein junger Mann auf dem Geländer und beugte sich weit hinaus. Eine ältere Frau rief: Sei vorsichtig!
Nach so langer Zeit sind wir nun endlich angekommen, sagte Ranga. Er grinste Mahindan an und fügte hinzu: Ohne Sie wäre ich nicht hier.
Das hat nichts mit mir zu tun, sagte Mahindan. Jeder nutzt seine Chance.
Mahindan hielt seinen Blick auf den Horizont gerichtet. Zuerst sah er in großer Entfernung einen Nadelkopf, doch als er unverwandt weiter hinsah, trat das ersehnte Bild in Erscheinung: violett-braunes Land und blaue Berge, die geisterhaft im Hintergrund emporragten. Als ein bewaldeter Berghang in Sicht kam, gesellte sich auch der Zeitungsmensch zu ihnen. Mahindan hatte schon mehrere Male ein paar Worte mit ihm gewechselt, aber er konnte sich nicht an seinen Namen erinnern. Jemand hatte gesagt, er habe vor seiner Flucht für eine Zeitung in Colombo gearbeitet.
Wir werden aufgegriffen, sagte der Zeitungsmensch. Amerikaner oder Kanadier, wer schnappt uns zuerst?
Uns schnappen?, gab Ranga mit kreischender Stimme zurück.
Aber jetzt kamen die Leute aufs Deck geströmt und drängelten sich zur Reling, jeder wollte das sehen. Der Zeitungsmensch wurde weggestoßen. Auch Mahindan wich zur Seite, er war froh, von diesem Ranga fortzukommen.
Stimmen und Körper überall. Frauen flochten sich hastig das Haar über einer Schulter. Männer stocherten mit den Armen in ihre T-Shirts. Die meisten waren barfuß. Gedränge von allen Seiten. Das Schiff knackte und Mahindan merkte, wie es sich unter der Last der zusammenströmenden Menschenmasse seitlich neigte. Schulter an Schulter standen sie auf beiden Ebenen des Decks, fielen einander ins Wort, Kinder hielten den Atem an. Was sie da sahen – die Bäume, die Berge, das Stückchen Strand – alles schien unmöglich groß, völlig unwirklich nach all den Tagen und Nächten, in denen es nur Meer und Himmel und das Schiffsgerumpel gegeben hatte. Die Alpträume von verrostetem Stahl waren nun endlich vorbei, wurden in den Ozean ausgespien.
Sellian kam angerannt, quetschte sich zwischen Beinen hindurch, presste eine Faust vors Auge. Appa, du bist mir weggelaufen!
Wie sollte ich weglaufen?, sagte Mahindan. Hast du geglaubt, ich bin ins Meer gesprungen? Er hob seinen Sohn auf den Arm: Guck mal, dort! Wir sind da.
Die Wolken brannten orangefarben. Mahindan blinzelte. Die Leute riefen durcheinander und gestikulierten erregt. Seht doch, da!
Sie sahen einen Schlepper und ein größeres, schlankes Schiff mit einem hohen weißen Fahnenmast. Mit aufragendem Bug schoss es auf sie zu. Der Wind breitete die Flagge aus, rot und weiß, majestätisch am flammenden Himmel. Sie sahen das Ahornblatt, und ihr Schiff erbebte unter unbändigem Freudengeschrei.
Der Kapitän schaltete die Motoren ab und sie trieben ruhig dahin. Von oben kam ein hackendes Geräusch. Mahindan erblickte einen Helikopter, der mit seinen Rotorblättern den Himmel zerschnitt und auf seiner Unterseite ein rot aufgetragenes Ahornblatt trug. Jetzt waren schon drei Boote da und umringten das Schiff. Eine Willkommensparty. Die Leute an Deck winkten mit beiden Händen. Die rot-weiße Flagge schlug entschieden zurück.
Mahindan hielt seinen Sohn fest auf dem Arm. Sellian zitterte, ob vor Angst oder vor Freude, das konnte er nicht sagen. Bald bebte auch Mahindan am ganzen Leib. Seine Achselhöhlen wurden feucht. Die Zähne schlugen ihm aufeinander.
Ihr neues Leben. Nun fing es an.
INSCHALLAH, MR. GIGOVAZ
Gigovaz’ Subaru stand mit laufendem Motor vor dem Eingang des Wohnhauses, als Priya um vier Uhr morgens aus ihrem Apartment herunterkam. Ein Streifenwagen der Polizei war herangefahren und hatte sich danebengestellt, beide Fahrer hatten die Fenster heruntergekurbelt, wie die Typen in einer Polizeiserie.
Priya stand unter der verschlissenen grünen Markise und zog kräftig an der Tür, um sicher zu sein, dass sie richtig zu war. Dann ging sie zur Bordsteinkante. Der Wind trieb den Regen schräg über das Pflaster, so dass die Tropfen in kleinen weißen Spritzern vom Asphalt zurücksprangen. Die Polizei fuhr weg, als sie in Gigovaz’ Auto einstieg.
Nette Gegend, sagte er.
Priya wusste nicht, was sie antworten sollte, und schwieg, während sie ostwärts die Hastings entlangfuhren, vorbei an zusammengeschobenen Einkaufswagen und leeren Geschäften, an zusammengedrängt in Hauseingängen schlafenden Gestalten. In der einen Hand hielt sie ihren Thermobecher, mit der anderen mühte sie sich ab, den Sicherheitsgurt zu schließen.
Gigovaz hatte das Radio auf einen Sender für leichte Unterhaltungsmusik eingestellt.
Avishai Cohen, sagte er.
Der Name sagte Priya nichts, aber weil sie Gigovaz keinen guten Morgen entboten hatte, sagte sie: Sehr schön.
Er drehte die Lautstärke hoch und Priya war erleichtert, dass kein Small Talk von ihr erwartet wurde. Der Regen trommelte in gleichmäßigem Rhythmus aufs Autodach. Innen roch es nach abgestandenem Kaffee und nassem Hund. Einwegbecher lagen vollgestopft mit Big-Mac-Tüten herum, eine verschlissene Decke war über den Rücksitz ausgebreitet worden, auf dem Armaturenbrett lag eine feine Staubschicht, auf dem Boden eine Plastiktüte mit zur Hälfte zerkrümeltem Hundekuchen. Priya saß zum ersten Mal in Gigovaz’ Auto und war in keiner Weise überrascht.
Als sie an Richmond vorbei nach Süden fuhren, ließ der Regen nach. Containerschiffe und Baukräne kamen in Sicht, goldene Lichttupfen drangen durch den Nebel. Im Radio kündigte ein melodischer Dreiklang die Nachrichten an. Top-Story: die Flüchtlinge.
Das Schiff wurde zwölf Seemeilen vor der Vancouver-Insel von uns aufgegriffen, berichtete ein Sprecher der Königlichen Kanadischen Berittenen Polizei. Die Migranten wurden in Gewahrsam genommen, eine gründliche Durchsuchung des Schiffs ist zurzeit im Gang.
Der Nachrichtensprecher warf ein: Das Schiff führte keine Flagge und keine Registrierungsnummer – ein Zeichen dafür, so die Küstenwache, dass es unbemerkt in Kanada habe landen wollen.
Gigovaz schaltete das Radio aus. Ein Riesenfrachter mit hunderten von Leuten, sagte er. Ich bin sicher, die wollten sich klammheimlich einschleichen.
Am Fährhafen wurden sie in die Schlange hinter einen blauen Camry gewinkt. Eine kanadische Flagge war an dessen Antenne geheftet und wehte leicht in der Brise. Der Himmel hatte sich zu einem milden Grau verfärbt, es war richtig Morgen geworden. Der Parkplatz war fast leer, nur ein paar Pendler waren an diesem Feiertag, einem Mittwoch, unterwegs. Gigovaz leierte das Fenster nach unten, um den Seitenspiegel abzuwischen. Priya machte dasselbe auf ihrer Seite, trocknete dann die Hand an ihrem Rock ab und unterdrückte ein Gähnen.
Heute hätte man ausschlafen sollen, Pulled Pork und Pancakes essen und vom Kitsilano-Strand aus das Feuerwerk des Nationalfeiertags anschauen – ohne Flüchtlinge, ohne Gigovaz und ohne diese Fahrt zur Vancouver-Insel, mitten in der Nacht.

Gigovaz war total abgedriftet, als Priya ihn auf einer Sitzung der ganzen Belegschaft zum ersten Mal wahrnahm. Die Partner von Elliot, McFadden, and Lo beglückwünschten sich bei einer Power-Point-Präsentation anlässlich fünf stolzer Zahlenreihen. Priya stand an die Hinterwand gelehnt und versuchte, ihre eingezwängten Zehen zu ignorieren, wobei ihr eine eidesstattliche Erklärung durch den Kopf ging, die sie auftreiben musste. Da bemerkte sie ihn. Gigovaz saß zusammengesackt in seinem Sessel, das Kinn auf der Brust, an den Fingern baumelte eine Kaffeetasse. In der Gesellschaft tadellos sitzender Nadelstreifenanzüge und scharf gespitzter Schreibstifte gab er eine konturlos schwammige Gestalt ab, die in weichen Falten nach allen Seiten überschwappte.
McFadden sagte: Die in Rechnung zu stellenden Stunden sind um 47 Prozent gestiegen, und erntete dröhnenden Applaus. Gigovaz fuhr erschrocken hoch, und Priya starrte unwillkürlich in ein verschlafen schielendes Augenpaar. Sie wandte sich ab und klatschte mit, aber blickte möglichst unauffällig kurz darauf noch einmal zu ihm hinüber. Gigovaz musterte sie immer noch.
Nach der Sitzung folgte er ihr in den Aufzug und bat sie, ihm die Silben ihres Nachnamens auszusprechen.
Raja, sagte sie.
Raja, wiederholte er.
Ein paar andere Personen waren im Aufzug, aber die sagten kein Wort.
Say-kar.
Say-kar.
An.
Rajakaran, sagte er.
Raja-se-kar-an, korrigierte sie ihn.
Sie fand ihren eigenen Namen ziemlich dumm. Die einzelnen Silben verloren durch die Wiederholung ihre Bedeutung, klangen peinlich.
Sie sind Sri-Lankerin?, fragte er.
Ich bin Kanadierin, sagte sie und hob den Kopf ein wenig höher.
Gigovaz verdrehte eine zerknitterte Hand in der Luft und sagte: Ja, ja. Aber Ihre Familie kommt ursprünglich aus Sri Lanka, nicht wahr?
Der Aufzug hielt an und eine Person stieg aus.
Ja, sagte sie. Sie waren zehn Etagen von ihrem Schreibtisch entfernt, und alle Knöpfe auf der Schalttafel leuchteten.
Tamilen?, fragte er.
Ja.
Sie biss sich auf die Lippen und presste die Hände zusammen.
Gigovaz war Senior Counsel, also einer der ranghöheren Anwälte in der Firma, aber an seinem Kragen war auch ein Schmierfleck von Schokolade. Man wusste nicht so recht, wie man sich in seiner Gegenwart verhalten sollte. Noch eine einzige blöde Frage, und Priya würde aussteigen und die Treppen nach oben gehen.
Sie sind Jurastudentin im letzten Jahr? Und bevor sie antworten konnte, fragte er, ob sie Flüchtlingsrecht belegt habe.
Die Tür ging auf und sie traten beiseite, damit eine Frau sich von hinten zwischen ihnen durchquetschen konnte.
Ich spezialisiere mich auf Körperschaftsrecht, sagte Priya.
Mit IFPA haben Sie sich nicht befasst?, fragte er.
IFPA. Sie wusste nicht mehr, was dieses Akronym genau bedeutete, und reimte sich zusammen: Immigrations-Flüchtlings-und-Noch-was-Akt.
Wir haben Scheidungsrecht gemacht.
Wer ist Ihr Tutor?
Joyce Lau. Fusionierung und Erwerb.
Joyce Lau trug ihr Haar in einem Knoten zusammengesteckt und fuhr einen Audi. Sie war der jüngste Senior Counsel in der Geschichte der Firma, und Priya hatte für diesen Job fünf Kommilitonen ihres Jahrgangs aus dem Feld geschlagen.
Gigovaz strich sich übers Kinn. Joyce Lau, sagte er. Beachtlich, beachtlich.
Als sie Priyas Etage erreichten, stieg Gigovaz mit ihr aus und steuerte direkt auf Joyces Büro zu. Packen Sie Ihre Sachen, Miss Rajakaran, sagte er. Sie ziehen um in die siebte Etage.

Kochend vor Wut betrat Priya die Fähre. Sie verwünschte ihre Hautfarbe, sie verwünschte den Augenblick, in dem sie bei der Kanzleisitzung noch einmal zu Gigovaz hinübergeschaut hatte. Als sie Joyce Lau gefragt hatte, warum Gigovaz nicht jemanden haben wollte, der sich im Einwanderungsrecht auskennt, hatte Joyce nur die Achseln gezuckt und geantwortet: Peter will Sie haben. Niemand hatte sich zum Praktikum bei Gigovaz eingetragen, und jetzt hatte er Priya auf diese hinterhältige Art und Weise eingefangen.
Die Motoren sprangen an, der ganze Schiffskörper begann zu vibrieren, rüttelnd und knackend setzte die Fähre sich in Bewegung. Gigovaz legte die Hände ineinander, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und dozierte über die Relevanz der Glaubwürdigkeit. Die Wahrheit ist belanglos, sagte er. Entscheidend ist, ob die Kläger den Anschein geben, die Wahrheit zu sagen.
Er hatte seine Professorenstimme aufgelegt, gelehrt und herablassend. Du bist nicht mein Mentor, dachte Priya.
Gigovaz sah auf seine Armbanduhr. Wahrscheinlich werden die jetzt gerade von den Einwanderungsbeamten ausgefragt.
Moment mal. Die werden ohne uns befragt?, wollte Priya wissen. Haben sie kein Recht auf einen Anwalt?
Es gibt keine Anklage gegen sie, sagte Gigovaz. Technisch gesehen haben sie keinerlei Rechte.
Über ihnen klapperte eine Heizungsöffnung. Die Fähre zerteilte das Wasser und schob sich nach vorn in ein glattes, graues, vernebeltes Nichts. Touristen an Deck fröstelten in ihren Regenmänteln und schossen unnütze Fotos.
Vor zehn Jahren sind fünfhundert Flüchtlinge aus China gekommen, fuhr Gigovaz fort. Vier Schiffe innerhalb von zwei Monaten. Meine Klienten vom ersten Schiff waren schnell abgefertigt und ins Land entlassen, mit Krankenversicherung, Wohnzuschlägen, Arbeitsvermittlung, dem ganzen sozialen Willkommenspaket. Ein paar Monate später kamen die Anhörungen vor der Flüchtlingskommission. Die übliche Routine.
Priya fragte sich, wie schnell dieser Fall hier durchgebracht werden kann. In einem Monat, höchstens. Er erwartete bestimmt nicht von ihr, dass sie bis zum Abschluss des Ganzen für ihn arbeiten wird.
Gigovaz dozierte immer noch: Aber was, glauben Sie, passierte, als ein Schiff nach dem andern aufgekreuzt ist? Plötzlich waren die Asylsuchenden Kriminelle. In Prince George wurde ein Gefängnis wiedereröffnet, nur um sie erst mal aufzunehmen. Dann kamen die endlosen Haftüberprüfungen und Zulassungsanhörungen. Monat für Monat zog sich das hin. Um alles und jedes mussten wir kämpfen. Übrigens war das in demselben Jahr, in dem wir fünftausend Menschen aus dem Kosovo ausgeflogen haben.
Das Flüchtlingsgesetz ist also ganz schön launisch, dachte Priya. Umso wichtiger wäre es, einen Experten hinzuzuziehen. Dann aber hätte er niemanden, dem er seine Weisheit predigen könnte.
Dieses eine muss man begreifen, sagte Gigovaz, im Einwanderungsgesetz können die Richtlinien und ihre Ausführung weit auseinanderklaffen. Er löste die Hände aus ihrer Umklammerung und hielt ihr diesen Abstand demonstrativ vor Augen. Wenn es um Flüchtlinge geht, hat unser Land eine gespaltene Persönlichkeit.
Dreihundert Menschen an Bord eines Schiffes, das rund um die Welt im Kollisionskurs auf Kanada zuschaukelt. Sie wurden gesichtet, sagte Gigovaz. Geheimdienste, Satelliten, Sichtungsberichte aus internationalen Häfen. Wochenlang haben sie allesamt gewartet. Jetzt sind die Leute hier.
Und was wird aus ihnen?, fragte Priya. Ich meine, werden sie bleiben dürfen?
Eine Lautsprecheransage wies die Passagiere noch einmal an, ihre mitgeführten Haustiere in den Autos zu lassen. Gigovaz fixierte den Lautsprecher an der Decke, bis die geisterhafte Stimme verstummte.
Mein allererster Klient war ein Rohingya. Wissen Sie, wer die Rohingya sind?
Als Priya kopfschüttelnd verneinte, erhob Gigovaz seine Zeigefinger, die wie zwei Kirchtürme nach oben wiesen, und dann brachte er die Spitzen zusammen.
Das ist eine Minderheit in Myanmar – Muslime in einem buddhistischen Land. Staatenlos und unterdrückt. Ibrahim Mosar. Er hatte keine rechte Hand mehr. Brandflecken von Zigaretten auf der ganzen Brust.
Priya zuckte zusammen und Gigovaz sagte: Ich war heißblütig und ungehalten wie jeder andere junge Flüchtlingsanwalt, und hier war mein Klient, ruhig und gelassen. Inschallah, Mr. Gigovaz, sagte er immer. So Gott will.
Que será, será, sagte sie. Vermutlich eine Möglichkeit, sein Schicksal zu akzeptieren.
Wir tun unser Bestes, sagte Gigovaz. Unsere Klienten tun ihr Bestes. Alles andere liegt an …
Er hob seine Hände so, als balancierte er eine Servierplatte.
Allah?, fragte sie.
Dem Entscheider, sagte Gigovaz. Er griff blind mit einer Hand unter seinen Sitz. Sie näherten sich dem Fährhafen.
Und was ist aus Ibrahim geworden?, fragte Priya.
Gigovaz war aufgestanden und hielt seine Aktentasche in der Hand. Der Antrag wurde abgelehnt. Sie haben ihn zurückgeschickt.
FROH, HIER ZU SEIN
Die Einwanderungsbeamten verteilten Bananen und Wasser und sammelten Ausweispapiere ein. Mahindan hatte alles in seinem Koffer, in einer versiegelten Plastiktüte – Geburtsurkunden, Personalausweise, Sellians Impfbescheinigung. Er stand im Menschengewirr, hielt Sellian an der Hand und wartete, bis man ihn aufrief. Plötzlich gab es ein wildes Gedränge, Ranga humpelte mit Höchstgeschwindigkeit heran, winkte ihm zu, als wären sie alte Freunde. Als einer der Aufsichtsbeamten seine Papiere anforderte, blickte Ranga hilfesuchend zu Mahindan hinüber, zog dann aber einen zerfledderten Ausweis aus seiner Tasche. Mahindan wandte sich irritiert ab.
Als er an der Reihe war, übergab Mahindan stolz seine Papiere, wohl wissend, wie sorgfältig er sich auf diesen Moment vorbereitet hatte. Dieses eine hatte er jedenfalls richtig gemacht. Sie nahmen ihm auch den Koffer ab. Als aber Sellian anfing zu weinen, erlaubte ihm der Beamte mit den blauen Augen, die kleine Ganescha-Figur herauszunehmen, und er klopfte Sellian mit der Hand im lila Handschuh freundlich auf die Schulter. Mahindan starrte traurig auf seinen zerbeulten alten Hartschalenkoffer mit den stabilen Schnappverschlüssen aus Messing und den ärmlichen Schätzen darin – ein Hochzeitsalbum, Chithras Sterbeurkunde, seine Haus- und Garagenschlüssel. Das war alles, was von seinem Hab und Gut übrig geblieben war. Aber er sagte sich, dass er etwas besaß, das viel kostbarer war. Sicherheit. Hier. Hier konnte man atmen.
Männer und Frauen wurden getrennt und angewiesen, sich in geordneten Reihen aufzustellen. Den Erwachsenen wurden Handschellen und Fußfesseln angelegt. An der Sorgfalt, mit welcher der Sicherheitsbeamte die beiden Enden der Schellen und Fesseln zusammenfügte, um ja nicht in die Haut zu kneifen, erkannte Mahindan, dass der Mann dies ungern tat.
Nur auf kurze Zeit, versicherte Mahindan seinem Jungen, zu unserer eigenen Sicherheit.
Es gab nicht genügend Tamil-Dolmetscher, und die Schutzmasken, die die Kanadier trugen, machten es schwer, ihren Gesichtsausdruck zu lesen. Mahindan konzentrierte sich auf die Augen und war überrascht von all den Farben, den Schattierungen von Blau, den grünen Flecken, den unterschiedlich tiefen Brauntönen. Die einzigen weißen Menschen, die er bisher gesehen hatte, waren Arbeitskräfte der Vereinten Nationen, und an die wollte er jetzt nicht denken.
Mahindan hatte sich Kanada immer als ein Land der Weißen vorgestellt, aber jetzt bekam er auch dunkle Augen zu sehen, Chinesen und Japaner und Schwarze und andere, die vielleicht aus Indien oder Bangladesch stammten. Es war ein Ort für alle.
Ranga machte sich an ihn heran. Endlich sind wir in Sicherheit, sagte er und kratzte gedankenlos an einer langen Narbe, die ihm quer über eine Wange lief.
Mahindan sah ihn finster an und wich ihm aus. Jedes Mal, wenn er und Sellian sich auf dem Schiff umdrehten, stand er da mit seinem gelähmten Bein. Direkt hinter ihnen, wenn sie bei der Essensausgabe standen und ihre Ration holten; direkt neben ihnen, wenn er zur Nacht seine Schlafmatte ausrollte.
Ein Polizist bellte irgendetwas in sein Funkgerät. Ein Rot-Kreuz-Helfer redete nachdrücklich mit den Händen. Mahindan hörte unvertraute Laute, harte, gutturale Konsonanten, die flach, einer nach dem andern, aufklatschten. Irgendwann würde das auch seine Sprache sein. Englisch. Eine neue Sprache für ein neues Zuhause.
Sein Großvater hatte Englisch gesprochen. Er war zum Studium nach London gegangen und hatte als Beamter in Colombo gearbeitet, bis Singhalesisch zur alleinigen Amtssprache erklärt wurde und damit seine Beamtenlaufbahn endete. Es war der alte Koffer seines Großvaters, den sie ihm jetzt weggenommen hatten.
Beamte und Freiwillige in Gummistiefeln und Uniformen verständigten sich laut rufend mit angegriffenen Stimmen und überanstrengten Gesten. Möwen kreisten kreischend über ihren Köpfen. Dieser Wirrwarr erinnerte Mahindan an ihre Gefangennahme in Sri Lanka. Das war am Ende des Krieges, als die sri-lankische Armee die Tamilen zusammengetrieben hatte. Es gab allerdings einen Unterschied: Hier hatten sie nichts zu befürchten, und selbst Sellian sah sich die fremde Landschaft und die Reihen von Bussen eher neugierig als verängstigt an.
Mahindan glaubte, dass sie bald einsteigen würden. Er stand bei den Männern und versuchte vergeblich, von Ranga wegzukommen. Die Schlangen wurden immer länger. Mahindan nickte einer Familie zu, die er aus dem Gefangenenlager kannte. Diese Leute aber bemerkten ihn nicht, oder sie vermieden den Augenkontakt absichtlich. Als sie in Sri Lanka an Bord gingen, hatte es ihn überrascht, so wenige seiner Kunden auf dem Schiff anzutreffen. All die endlosen Tage auf dem Meer, und sie hatten kein einziges anderes Schiff gesehen. Vielleicht war es das Beste für ihn, dass sie nicht hier waren; es war gut, sich von allem zu lösen. Trotzdem fragte er sich: Sind sie an Land zurückgelassen worden? Ist ihr Schiff gekentert? Sind sie im Meer ertrunken? Er merkte, wie seine Zähne anfingen zu klappern. Um sich wieder zu fangen, fokussierte er seine Gedanken auf Sellian. Wir sind in Sicherheit.
Seit einigen Stunden schon waren sie an Land, aber immer noch schwankte in seinen Beinen das Meer. Bei dem Gedanken an die ersten schlimmen Tage auf dem Schiff, an die sturmgepeitschten Wellen, an die penetrante Übelkeit tagein, tagaus, schwor er sich: Nie wieder.
Er hätte sich gern hingehockt, um die schmerzenden Fußsohlen zu entlasten, aber die Fesseln machten es unmöglich. Alle schwiegen, selbst die Kinder schafften es, dank Essen und Trinken, sich still zu verhalten. Hoffnung lag in der Luft.
Sellian reichte ihm ein Saftpäckchen. Möchtest du, Appa?
Nein, Baba, sagte Mahindan. Trink du es aus.
Lila Saft schoss durch den Strohhalm. Sellian sog in kurzen, hastigen Zügen, seine Augen schossen nach links und rechts. Mahindan betrachtete ihn liebevoll und erleichtert. Er schlurfte seitwärts nach rechts, legte seine gefesselten Hände auf die Schulter seines Sohnes, beugte sich zu ihm und küsste ihn auf den Kopf. Sellian schmiegte sich an den Vater. Der konnte vor Erregung und Freude kaum die Tränen zurückhalten. Sie hatten alle und alles verloren, aber Sellian lebte, er war unverletzt, und jetzt waren sie hier. Sellian war hier.
Am ersten Bus wurden die Türen geöffnet. Ein Ordnungsbeamter winkte die Frauen heran, und sie tappten mühsam mit gefesselten Füßen und Händen nach vorn. Die Kinder hielten sich an den Blusen und Hosen ihrer Mütter fest. Die Männer sahen schneidig aus, richteten in Bereitschaft ihre Reihe präzise aus, konnten den nächsten Schritt in die Freiheit kaum erwarten.
Der Aufseher überblickte die Menschenmasse, und als er Sellian sah, winkte er ihm.
Appa, was sagt der?
Ich weiß nicht, Baba.
Der Aufseher gab beiden ein Zeichen: halt für Mahindan, komm her für Sellian. Mahindan konnte den Gesichtsausdruck des Mannes nicht deuten. Immer wieder sagte er dasselbe kurze Wort, dann kam er ungeduldig auf sie zu und schnappte Sellian am Oberarm.
Appa!
Nein! Das ist mein Sohn! Die Kette zwischen seinen Füßen rasselte, Mahindan verlor das Gleichgewicht und fiel nach vorn. Die Männer vor und hinter ihm brüllten auf, und Ranga versuchte, ihn mit gefesselten Händen aufzufangen. Als Mahindan wieder auf den Beinen war, sah er, wie der Aufseher Sellian über die Schulter geworfen hatte und wegschleppte. Einige Frauen, die noch nicht im Bus waren, wandten sich um und schrien ihn auf Tamil an, er solle den Jungen loslassen. Sellian wehrte sich aus Leibeskräften und trommelte mit den Fäusten auf den Rücken des Mannes. Das Saftpäckchen fiel zu Boden und die Flüssigkeit bildete eine lilafarbene Lache auf dem Asphalt.
Eine laute Stimme durchschnitt den Aufruhr. Mahindan sah, wie die Krankenschwester, die seinen Blutdruck gemessen hatte, auf den Entführer zueilte. Sie sprach Englisch mit der Stimme einer Tamil-Mutter, die rügt und keinen Widerspruch duldet. Ihr Kinn schoss nach vorn, der Zeigefinger stieß zu. Der Mann fuhr mit der flachen Hand über den Hinterkopf und setzte Sellian schließlich wieder ab.
Sellian rannte zu seinem Vater zurück, und Mahindan hockte sich im Klammergriff seiner Fesseln mühsam zu ihm hinunter. Heftig keuchend und mit aufgerissenen, verweinten Augen klammerte Sellian sich mit beiden Händen an seinen Arm, presste das Gesicht an den Vater. Mahindan spürte Sellians festen Griff, wie leicht er aufgebrochen werden konnte.
Wo werden wir hingebracht?, fragte er die Krankenschwester auf Tamil.
Er wusste, dass ein großes, weites Land vor ihnen lag, aber wenn er versuchte sich vorzustellen, wie das aussehen mochte, kamen ihm nur vage Erinnerungen an Geschichten, die der Großvater über England erzählt hatte. Schafe und hohe Gebäude, Polizisten, die anstelle von Gewehren Schlagstöcke trugen.
Die Krankenschwester trug keine Schutzmaske. Auf Mahindans Frage wichen ihre Augen seitlich aus und die Mundwinkel gingen nach unten. Aber als sie antwortete, sprach sie laut, so dass alle Männer in der Schlange es hören konnten: Normalerweise gibt es in der Nähe ein paar Unterkunftsräume. Aber wenn so viele auf einmal kommen … gibt es nur einen Ort mit genügend Betten.
Mahindan fühlte sich zum Narren gehalten. Freien Menschen legt man keine Handschellen und Fußfesseln an.
Die Schwester wandte sich mit weicherer Stimme wieder an Mahindan. Wo die Frauen hinkommen, gibt es Einrichtungen für Kinder.
Chithra war bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Sellian kannte nur Mahindan, der von Anfang an Vater und Mutter für ihn gewesen war. Kein Tag war vergangen, an dem Mahindan nicht für seinen Sohn gesorgt hatte. Bei dem Gedanken, ihn weggehen zu lassen, ihn allein in einen Bus einsteigen und zu einem unbekannten Ort fahren zu lassen, drehte sich ihm das Herz um.
Sellian fing an zu weinen. Appa! Lass mich nicht allein! Lass mich nicht allein!
Das schnürte Mahindan die Kehle zu. Hatte er eine Wahl? Er musste stark sein, um seines Sohnes willen.
Alles ist gut, Baba, sagte er. Willst du nicht mit den andern Kindern spielen? Und sieh mal, alle diese netten Tanten hier werden sich um dich kümmern. Es ist nur auf kurze Zeit.
Die Schwester nahm Sellian bei der Hand. Siehst du den kleinen Jungen dort? Kennst du ihn?
Sellian schluckte und nickte und wischte sich mit dem Handrücken die verschmierte Nase ab. Mahindan sank das Herz, als er sah, wer das war – Kumurans Sohn. Er sagte zu Sellian: Du kennst doch den Jungen, nicht?
Ich werde seine Mutter bitten, nach dir zu schauen, sagte die Schwester. Es tut mir leid, sagte sie zu Mahindan, als sie sah, wie Sellian die Arme um den Hals seines Vaters schlang. Das kommt nicht oft vor, ein Schiff mit so vielen Leuten … Jeder tut sein Bestes.
Wir sind ja so froh, hier zu sein, sagte Mahindan und hielt seinen Sohn noch fester im Arm. Ganeschas Elefantenrüssel bohrte sich in seinen Hinterkopf.
Der Aufseher gab eine Anweisung.
Komm her, Kindchen, sagte die Schwester zu Sellian.
Sei schön lieb, sagte Mahindan, zeig Appa, wie tapfer du sein kannst.
Sellian bemühte sich, das Schluchzen zu unterdrücken, da kam der Schluckauf. Er wurde weggeführt und konnte nur noch den Kopf umdrehen und über die Schulter zurückschauen. Mahindan Brust zog sich zusammen. Die meisten Frauen waren jetzt im Bus und starrten aus den Fenstern. Die Männer starrten auf ihre Füße. Mahindan spürte, wie Kumurans Frau ihn mit ihrem harten, unversöhnlichen Blick fixierte. Er bemühte sich mit aller Kraft, ein ruhiges und zuversichtliches Gesicht zu zeigen. Als er Sellian noch einmal ansah, sah er Chithras Augen, ihre großen Vorderzähne.
Sellian verschwand im Bus und die Türen schlossen sich zischend. Angst und Entsetzen überfluteten Mahindan wie ein Tsunami das Land. Die Welle kam unaufhaltsam anschwellend auf ihn zu. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er das Heck des davonfahrenden Busses, aber alles, was er sah, war Dunkelheit.
TERORISTEN RAUS!
Priya war bei einem Besuch des Marinemuseums schon einmal auf der Basis der kanadischen Streitkräfte in Esquimalt gewesen. Sie konnte sich daran erinnern, wie ihr Bruder sie an den Zöpfen gezogen hatte, um sie zu ärgern. Ob ihre Eltern dabei gewesen waren, wusste sie nicht mehr. Es war durchaus möglich, dass die Erinnerung sie trog.
Gigovaz’ Auto wurde von einem Sicherheitsoffizier durch den Checkpoint gewinkt, und sie fuhren auf das Gebäude zu, wo die Flüchtlinge verhört werden sollten. Das war ein grauer Klotz auf einer schmalen Landzunge, begrenzt von Wald und Meer. Die Sonne war voll aufgegangen, der Himmel komplett wolkenlos, die Erde trocken.
Auf dem Parkplatz standen die Kleintransporter von Radio und Fernsehen, Kameraleute liefen mit geschulterten Geräten herum, Reporter blätterten in ihren Notizblöcken. Gegenüber vom Gebäude wurde ein Podium errichtet, und ein junger Mann hantierte an einem Schild, das vor einem Rednerpult hing.
Wer gibt hier eine Pressekonferenz?, fragte Gigovaz.
Minister Blair, antwortete der Mann.
Öffentliche Sicherheit, erklärte Gigovaz seiner Assistentin. Nicht Einwanderung. Interessant, meinen Sie nicht auch?
Der Weg zum Eingang war beiderseitig mit Planen abgeschirmt. Ein halbes Dutzend Leute standen in einer Reihe da, schwenkten selbstgefertigte Plakate und skandierten Sprüche. Ein Mann mit Jacke und Logo eines Fernsehsenders schwenkte seine Kamera von rechts nach links. Gigovaz ging an ihm vorbei, sah und hörte nichts. Priya las, was auf den Plakaten stand. Schickt das illegale Pack zurück! Teroristen raus! Sie hätte die Leute gern auf den Rechtschreibefehler hingewiesen.
Sie kamen ins Gebäude, aber das war menschenleer. Allein am Empfangstresen saß eine Frau mit Haarknoten und Bowler-Hut. Sie gab ihnen ihr Namensschild und Priya hängte es sich gleich um den Hals. Auf einer Seite stand ein blaues V, auf der anderen Seite sah sie ihren Namen und ihr Gesicht. Es war ihr ID-Foto aus der Kanzlei. Vor einem Monat war es aufgenommen worden. Sie hatte auf einem Hocker im Postraum gesessen, und ein Typ mit Nackenmatte hatte sie angewiesen, nicht zu blinzeln. Auf dem Foto sah sie verängstigt und gekünstelt aus.
Wo sind sie denn alle?, fragte Priya.
Nach Ihnen, sagte Gigovaz mit übertriebener Geste seiner linken Hand und zog mit der rechten eine schwere Tür auf.
Menschen- und Motorenlärm schlug ihnen entgegen, Hubschrauber dröhnten über ihren Köpfen und Krankenwagen warteten mit leerlaufendem Motor. Sie waren jetzt hinter dem Gebäude und blickten auf einen weiteren Parkplatz, der mit weißen Zelten übersät war. Dahinter konnte man das Meer sehen, den Hafen, die gelben Kräne, die hölzernen Docks. Priya musterte die Schiffe und sah den Frachter. Er war riesig – an die siebzig Meter lang – mit weißem Rumpf, einer blauen Kabine am Heck und an den Seitenwänden abwärtslaufenden Roststreifen.
Die Zahl der Flüchtlinge war überwältigend. Die Schlangen, die von jedem Zelt, jedem Tisch ausgingen, die sich umeinanderwanden und gegenseitig überkreuzten, machten es unmöglich zu erkennen, wo eine Schlange aufhörte und eine andere anfing. Männer, Frauen, Kinder, Menschen jeden Alters, heruntergekommen und abgezehrt, frierend in Decken gehüllt, obwohl es Sommer war.
In dieser Menschenmenge bemerkte Priya eine Frau mit einem verbundenen Auge, ein Kind, das gestützt auf einen kleinen Stock daher humpelte. Sie war verwundert, wie wenige Verletzte es gab, aber dann ging ihr auf, dass hier ja die Überlebenden waren. Ankunft der Stärksten.
Menschen strömten nach allen Seiten. Ein uniformierter Beamter hielt Gigovaz und Priya an, um zwei Frauen in Krankenhausbekleidung vorbei zu lassen. Freiwillige Helfer in roten Hemden transportierten Kisten mit der Aufschrift H2O. Fast alle trugen Mund- und Nasenschutz. Über dem Gewimmel hing eine Aura von Chaos und Bürokratie. Priya entzifferte die Akronyme: Canada Border Services Agency, Canadian Forces, Victoria General Hospital, Royal Canadian Mounted Police – Grenzschutz, Militär, Krankenhaus, Polizei.
Gigovaz bearbeitete im Gehen sein BlackBerry mit beiden Daumen. Halten Sie Ausschau nach Sam, sagte er.
Mensch, Ort oder Sache?, hätte sie gern gefragt.
Sie kamen vorbei an einem Zelt mit einem seitlich aufgedruckten Roten Kreuz. Ein handgeschriebenes Schild verkündete: Zutritt nur mit Schutzmaske. Die Eingangsklappe war hochgeschlagen und Priya sah braune Glieder, Blutdruckmanschetten und Turnschuhe. Eine Krankenschwester kam mit vorgebeugtem Kopf herausgerannt, so als suchte sie einen verlorenen Ohrring. Sie war von Kopf bis Fuß in einen durchsichtigen gelben Plastikumhang gehüllt. Ein Mann in kurzärmeliger Arztbekleidung folgte ihr. Er trug eine Chirurgenkappe, Latexhandschuhe und Schutzbrille. Über die Schultern baumelte ein Stethoskop. Tief durchatmen, sagte er und legte der Schwester eine Hand auf den Rücken.
Priya versuchte, aus dem Stimmengewirr Tamil herauszuhören, hier und da vielleicht ein Wort aufzufangen. Aber die Akzente waren durchdringend spitz, und sie hatte bei ihren Eltern nur die weichere Version der Sprache gehört.
Ein Mann im Rollstuhl hielt einen Plastikbeutel fest im Schoß, ein Bein war nur noch ein Stumpf. Hinter ihm eine Frau mit zwei Mädchen an der Hand. Die eine hatte lange Zöpfe, die andere kurzgeschnittenes struppiges Haar, als hätte sie selber Messer angelegt. In der Wolke von Chili-Pulver, Körpergeruch und Urin, die die drei vor sich her schoben, musste Priya den Atem anhalten. Das geschorene Mädchen starrte sie im Vorbeigehen über die Schulter an. Getroffen von der Anklage in ihrem Blick, wäre Priya beinahe nach hinten umgekippt. Da fiel ihr Gigovaz ein, und dem wollte sie nicht in die Arme fallen; sie drehte sich um, aber er war schon weg. Als sie ihn am Eingang eines der größeren Zelte erblickte, drängte sie sich, erleichtert wegzukommen, so schnell es ging durch die Menge.
Wir können fünf Erwachsene mit minderjährigem Anhang übernehmen, sagte Gigovaz zu einem dunkelhäutigen Mann mit schwungvollem Schnurrbart.
Der Schnurrbärtige hielt ein Klemmheft und einen dicken gelben Ordner in den Händen.
Sam Nadarajah, stellte er sich Priya vor. Ich komme vom Tamilischen Bund.
Gigovaz sagte, auf Priya weisend: Meine Jurastudentin.
Priya Rajasekaran, warf sie schnell ein, damit Gigovaz ihren Namen nicht wieder verstümmelte. Der Ton, mit dem er meine Jurastudentin gesagt hatte, gefiel ihr gar nicht.
Ein Beamter kam mit einer Gruppe sri-lankischer Männer aus dem Zelt und trieb sie vor sich her. Gigovaz, Sam und Priya traten schnell beiseite.
Das können doch nicht nur dreihundert Leute sein, sagte Gigovaz.
Sam klemmte das Schreibbrett zwischen die Beine und versuchte, den Ordner aufzumachen. Sein Schreibstift fiel zu Boden. Er sagte: Es sind mehr, als wir erwartet hatten.
Priya hob den Stift auf.
Romba nandri, dankte Sam ihr auf Tamil, und Priya hörte seinen weichen Akzent.
Gerne, sagte sie auf Englisch.
Wie es im Augenblick aussieht, sind es fast vierhundert, erklärte er Gigovaz. Vielleicht fünfhundert. Wir wussten, wie groß das Schiff ist, aber wir dachten, es wären höchstens dreihundert. Keiner hatte mit so vielen gerechnet.
Haben Sie meine Klienten ausgewählt?, sagte Gigovaz. Hat die Einwanderungsbehörde ihre Aussagen schon entgegengenommen?
Ärztliche Untersuchungen, Auswertung und Verfahren, Aussagen und Berichte, alles ist in Gang. Wir wissen aber nicht … das kann eine Weile dauern. Sam sah Priya an und fügte hinzu: Wir haben nicht genug Dolmetscher, und das macht alles so langsam. Können Sie, vielleicht …
Gigovaz scrollte schon durch seine Texte. Das ist in Ordnung, sagte er. In der Zwischenzeit kann ich noch einiges erledigen. Wo brauchen Sie sie?
Im großen Krankenzelt, sagte Sam. Da ist nur eine Schwester, die Tamil spricht.
Priya wollte etwas sagen.
Es wird Stunden dauern, bis wir unsere Klienten sehen, sagte Gigovaz und blickte nicht von seinem BlackBerry auf. Sie können sich schon noch nützlich machen.
Das Blut schoss Priya ins Gesicht. Aber ich …
Kommen Sie, sagte Sam, ich werde Sie vorstellen. Das wird eine große Erleichterung für die Leute sein.
Moment mal! Priyas Stimme kam schrill und wie abgewürgt heraus. Ich kann nicht, sagte sie. Ich spreche kein Tamil.
Gigovaz sah auf: Was?
Tut mir leid.
Ich dachte, Sie wären Tamilin.
Ich verstehe hier und da ein paar Sätze. Aber ich kann nicht übersetzen. Ich kann kein Gespräch führen.
Beide Männer starrten sie an.
Sie haben nie danach gefragt, sagte sie und erschrak über ihre weinerliche Stimme.
Gigovaz schnaubte frustriert. Wie sollen wir uns mit unseren Klienten verständigen?
Ich bin davon ausgegangen, dass wir einen Dolmetscher bekommen, sagte Priya. Das ist nicht meine Schuld, dachte sie.
Sam sagte: Okay. Kein Problem. Wir holen gerade ein paar Leute vom Tamilischen Bund. Ich werde Ihnen jemanden zuteilen.
Sam wurde gerufen, und er verabschiedete sich mit hastigem Händedruck. Ich schreibe Ihnen dann, sagte er zu Gigovaz. Schön, Sie kennengelernt zu haben, Priya.
Ich freue mich, dass wir zusammenarbeiten, sagte sie auf Tamil. Die ungewohnten Laute verhedderten sich auf ihrer Zunge, das war ihr peinlich. Sie hätte einfach auf Englisch goodbye sagen sollen.
Während Priya noch mit Sam sprach, war Gigovaz schon gegangen, und sie musste ihm wieder mal nachlaufen.
EIN GUTES LAND
Sie kamen an einen hohen, oben mit Stacheldraht verstärkten Maschendrahtzaun. Zwei Wachtposten schoben das Tor auf und gaben den Blick frei auf ein weitläufiges Gefängnisgelände, das von einem achtstöckigen Gebäude mit blaugetönten Fenstern beherrscht wurde. Mahindan war erleichtert, als sie zurückfuhren und vor einem kleineren, freundlicher aussehenden Haus anhielten.
Er stieg mit den anderen mühsam aus dem Bus und wartete, bis ihnen die Fesseln von Händen und Füßen abgenommen wurden. Der Mann mit den Schlüsseln vermied jeden Augenkontakt. Das Gebäude, in das man sie führte, sah aus wie aufgeblasen, ein Riesenballon, der der Erde entstiegen war. Im Innern herrschten rechteckige, präzise Geometrie und blendend weiße Helligkeit. Alles war auf Hochglanz poliert, auch der Fußboden.
Das erinnerte ihn an eine Raumstation in einem alten Stanley-Kubrick-Film, den er zusammen mit Chithra im Kino gesehen hatte, als sie noch nicht verheiratet waren. Voller Spannung hatten sie in der Dunkelheit verfolgt, wie der teuflische Computer auf dem Raumschiff lebendig wurde. Im entscheidenden Augenblick, als er einen der Astronauten in den Raum stieß, schlug ein Mann, der hinter ihnen saß, mit den Beinen aus, so dass Chithra in ihrem Sitz nach vorn flog und vor Schreck laut aufschrie. Mit Schaum vor dem Mund schlug der Mann um sich, der Film musste unterbrochen werden, bis man ihm ein Schlüsselbund zwischen die Zähne gestopft hatte. Mahindan und Chithra waren mit dem Bus nach Hause gefahren, ohne das Ende gesehen zu haben.
Ist das wirklich ein Gefängnis?, fragte Ranga. Mahindan gab keine Antwort. Er trat etwas näher an den Zeitungsmenschen heran, der vor ihm stand.
Dann ging es in Einzelreihe, einer hinter dem andern, unter langen, über ihren Köpfen hängenden Leuchtröhren in einen endlosen Korridor, vorbei an Türen rechts und links, durch deren viereckige Sichtfenster Mahindan Doppelstockbetten und Waschbecken sehen konnte.
Er fragte sich, wie es wohl im Frauengefängnis aussah, und er machte sich Sorgen, wie Sellian ohne ihn zurechtkam. Neun Monate lang, seit dem Tag, als sie auf den Lastwagen der Vereinten Nationen aus Kilinochchi fliehen konnten, waren sie unzertrennlich gewesen. Jetzt fühlte sich Mahindans Hand, die Sellian immer gehalten hatte, entsetzlich leer an.
Die Männer wurden in einen Waschraum geführt, wo sie sich gruppenweise waschen konnten. Als Mahindan an der Reihe war, knöpfte er das Hemd auf und zog so heftig am Gürtel, dass Hose und Unterhose sich mit einem Zug lösten. Seit Monaten hatte er die Sachen nicht wechseln können. Sie abzustreifen war, als schälte er sich aus einer schmutzigen Hautschicht heraus. Feuchter, modriger Gestank stieg ihm in die Nase.
Splitternackt stand er da, fühlte sich entblößt und erleichtert zugleich. Jetzt, wo es ans Waschen ging, merke er erst richtig, wie viel Dreck sich überall an seinem Körper festgesetzt hatte – in den Ohren, unter den Fingernägeln, in der Gesäßspalte. Kräftig rieb er sich die Arme ab und hatte kleine Dreckklümpchen an den Fingern, den Schweiß und den Staub von Monaten.
Der Aufseher zeigte auf einen Abfalleimer, und Mahindan warf alles hinein: Hemden, Hosen, Schuhwerk alles. Die Sandalen versanken darin und er hoffte, man würde alles verbrennen.
Er bekam ein Handtuch und ein Stück Seife und trottete, zusammen mit elf anderen Männern, in einen gefliesten offenen Raum. Der Fußboden war nass. An der Wand waren auf Brusthöhe große runde Drehscheiben und Haken für die Handtücher angebracht. Mahindan hockte sich hin, aber es gab keinen Eimer und keinen Wasserhahn.
Das Wasser kommt aus der Decke, rief der Zeitungsmensch von der anderen Seite des Waschraums. Alle standen sie mit dem Gesicht zur Wand und dem nackten Rücken den anderen zugekehrt. Ganz oben über seinem Kopf entdeckte Mahindan den Wasserhahn. Mit dieser kanadischen Waschvorrichtung konnte er überhaupt nichts anfangen.
Ihr müsst an der Scheibe drehen, rief der Zeitungsmensch. Mahindan hörte es regnen, drehte sich um und sah den Zeitungsmenschen unter einem Wasserfall stehen, sah, wie er sich mit der Seife kräftig die Achselhöhlen rieb, so als hätte er das schon oft getan.
Mahindan trat zur Seite und drehte vorsichtig an der Scheibe. Das Wasser schoss aus dem Hahn. Er streckte die Hand aus und fühlte, wie warm es war.
Ihr müsst euch drunterstellen, rief der Zeitungsmensch.
Mahindan sah, wie die anderen der Anweisung folgten, und tat es auch. Er hielt die Luft an und trat unter das herabströmende Wasser. Es schlug hart auf ihn ein und er musste schlucken, um nicht aufzuschreien. Alles, was er jetzt hörte, war der Wasserstrahl – laut, unangenehm, feindselig.
Er seifte sich ein, bis es schäumte – Monate von Blut und Krieg rannen schlammig schwarz in den Abfluss in der Mitte des Raumes. Die Schrecken von Sri Lanka wurden weggewaschen mit kanadischen Wassern, verschwanden in kanadischen Abflussrohren.
Er seifte sich die Haare kräftig ein, Schaum triefte ihm vom Bart. Der Aufseher rief irgendetwas, dann kam von weit her und von Wasser überströmt die Stimme des Zeitungsmenschen: Beeilt euch mal, draußen warten noch mehr.
Mahindan stand auf einem Fuß und säuberte sich die Zehen. Er rubbelte die Seife von den Fingernägeln. Es war anstrengend, das alles unter dem peitschenden Wasser und mit geschlossenen Augen zu bewerkstelligen. Er dachte an die Eimer auf dem Schiff – und den Luxus des einfach aus der Wand strömenden sauberen Wassers hier. Wie viel besser es doch in diesem neuen Land war, trotz der unangenehmen Wäsche im Stehen.
Notdürftig mit ihren Handtüchern bedeckt, wurden sie in einen Ankleideraum geführt. Mahindan fühlte sich wohl wie nie in seiner eigenen, glatt geschrubbten, um einige Töne helleren Haut. Einer nach dem andern mussten sie sich an eine Messleiste an der Wand stellen und dann die Füße in eine Metallvorrichtung setzen. An einem Schalter reichte ein Mann in Uniform jedem ein Bündel durch die Fensteröffnung: graue Hose, grüner Pullover, Turnschuhe.
Mahindan bewunderte die langen weißen Schnürsenkel mit ihren durchsichtigen Plastikröhrchen an beiden Enden. Er zog die Schuhzunge hoch und schlüpfte mit dem Fuß in den bequemen, warmen Schuh. Er fädelte die Schnürsenkel ein, betrachtete das Etikett an der Ferse und war überrascht, dass es keine Schuhe von Bata waren.
Noch nie hatte er solche Schuhe getragen und fragte sich, ob Sellian so etwas Ähnliches bekommen hatte, ob er auch diese komische Körperwäsche im Stehen über sich hatte ergehen lassen müssen, ob sie ihm Angst eingejagt hatte, ober er geweint hatte. Der Gedanke an Kumurans Frau löste ungute Gefühle in ihm aus, er wusste nicht, wie diese Frau mit seinem Jungen umgehen würde. Die Erinnerung daran, wie Sellian unter Schluckauf die Tränen zurückgekämpft hatte, schnürte ihm die Brust zu. Aber Sellian und der Sohn dieser Frau sind ja befreundet, sagte er sich. Und außerdem war es auf kurze Zeit. So als hätte er den Jungen in ein Internat geschickt.
Internat, sagte er sich noch einmal. Machten die Eltern sich den ganzen Tag Sorgen, wenn ihre Kinder in so einem Internat waren? Nein, das taten sie nicht.
Der Aufseher gab ihnen ein Zeichen, alle drehten sich wie auf Kommando um und sahen: zwölf Männer in derselben Uniform, mit tropfenden Bärten und nass auf der Stirn klebenden Haaren.
Sie brachen in ein ohrenbetäubendes Gelächter aus. Mahindan bog sich vor Lachen, krümmte sich in rasenden Zuckungen. Nach allem, was er durchgemacht hatte – dem schreienden Baby an der Brust der toten Mutter, dem zerfetzten Zelt, den Monaten auf dem Meer –, nach all dem waren sie nun hier. In einem Land, wo es Regen im Haus gibt und für jeden den gleichen grünen Pullover. Mahindan stützte sich auf einer Seite ab, richtete sich auf und sah, wie der Aufseher sie ratlos anstarrte.
Dann ging es zurück in den langen Korridor. Ihre Gummisohlen quietschten auf dem Linoleum. Sie hielten vor jeder Tür an, und je drei wurden hineingewiesen. Einige der Männer lachten noch vor sich hin. Mahindan strich mit der Hand über seinen Pullover, spürte den Arm im Ärmel, die weiche Baumwolle auf der Haut. Ich bin kein Tier, dachte er. Und zum ersten Mal seit langem fühlte es sich an wie die Wahrheit.
Er kam in eine Zelle zusammen mit Ranga und dem Zeitungsmann. Drei schmale Betten aus Metall, eins doppelstöckig, eins einzeln, mit grauen Decken und weißen Kopfkissen. Die Wände waren aus Beton.
Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, nahmen sie ihre Betten ein. Mahindan kletterte auf das obere Bett und rollte sich seitlich darauf. Seine Beine brummten vor Erleichterung und Erschöpfung. Jetzt merkte er, wie weh sie ihm taten. Der ganze Körper gab nach, überließ sich hemmungslos und total dem Bett. Die Tür schlug zu.
Die Zelle war, wie bei einer öffentlichen Toilette, oben offen. Mahindan starrte auf die Belüftungsrohre über seinem Bett, bis sie in seinen Augen verschwammen. Er hörte die gedämpften Schritte der Männer draußen im Korridor, er hörte, wie seine Zimmergenossen sich in ihren Betten umdrehten, er hörte das Rascheln des Bettzeugs, das Knarren des Bettgestells. Es war das Knirschen des Schiffes, das Rauschen der Palmenwedel über ihm. Eine Kokosnuss fiel zu Boden, und Mahindan war eingeschlafen.

Das Zelt schwankte. Mahindan fuhr zusammen. Er schlug die Augen auf und spürte eine Hand an seinem Schultergelenk.
Ein paar Rechtsanwälte sind gekommen, sagte Ranga.
Mahindan setzte sich schnell auf. Sellian! Jetzt würden sie erfahren, wie es weitergeht. Er und seine Zimmergenossen folgten dem Wärter. Sie liefen hintereinander, Mahindan bildete den Schluss, vor ihm der hinkende Ranga.
Mahindan versuchte, seine Träume ins Gedächtnis zurückzurufen. Es kamen vage Bilder, eher gefühlt als gesehen, und es überraschte ihn, dass er einige als angenehm empfand. Es waren Erscheinungen von blauer Seidenstickerei, von purpurnen Fäden, vom weiblichen Duft von Sandelholz.
Über ihnen hing ein schwarzes Schild mit roten Lettern. Mahindan betrachtete die exotischen Buchstaben, geradlinig und eckig. Das war Kanada – sauber und ordentlich. Ein gutes Land für einen Neuanfang.
Er bedauerte, seine Zelle mit Ranga teilen zu müssen, mit dieser Klette von einem Menschen, die sich ihm gleich am Anfang angeheftet hatte und einfach nicht abzuschütteln war. Aber das würde bald vorüber sein. Es war nur auf kurze Zeit, hatte die Schwester ja gesagt. Gut war hingegen, dass der Zeitungsmensch Englisch sprach. Mahindan konnte ein paar Worte von ihm aufgreifen, später würde er Englisch lernen, Arbeit bekommen, eine kleine Wohnung finden.
Sellian war ein heller Kopf. In der Schule würden sie ihm Englisch beibringen und abends könnten sie zusammen üben. Mahindan griff instinktiv nach Sellians Hand, aber die war nicht da.
Sie gingen auf drei Leute zu – einen großen weißen Mann und zwei dunkelhäutige Frauen. Die Rechtsanwälte. Eine Hoffnung leuchtete in ihm auf. Die konnten ihm bestimmt etwas über Sellian sagen.
Eine der Frauen führte das Wort. Ihr Tamil war fließend und akzentfrei. Sie war die Dolmetscherin vom Tamilischen Bund. In Kanada leben tausende von Tamilen, erklärte sie ihnen. Hunderttausende. So viele Tamilen, dass sie ihre eigene Organisation gegründet haben, die sie offiziell vertritt. Was für ein Glück, dachte Mahindan. Er hätte einen Fahrschein ohne Rückfahrt irgendwohin gekauft, nur um aus diesem gottverlassenen Land herauszukommen, aber jetzt zu sehen, dass er an einen Ort gekommen war, wo so viele Landsleute von ihm lebten, das war der reinste Glücksfall.
Die Dolmetscherin erklärte ihnen, dass Kanada von ihrem Schiff gewusst und es seit Wochen erwartet hatte. Die Ankunft war vorausgesagt worden. Mahindan sah darin ein günstiges Omen. Eine Gottheit hatte ihnen den Weg bereitet, hatte diese Tamilen in einem fremden Land dazu bewegt, ihnen zu helfen.
Der Zeitungsmensch stellte sich ihnen vor als Prasad. Das war alles geplant?, fragte er, mit den Leuten in Sri Lanka, die unsere Schiffsreise arrangiert haben?
Nein, sagte sie. Die Regierung hat das Schiff über ihr Satellitensystem entdeckt.
Wozu brauchen wir Rechtsanwälte?, wollte Ranga wissen. Er saß etwas abseits von der Gruppe, schräg der Tür zugewandt, so als wollte er jeden Moment aufspringen und weglaufen.
Das ist so, sagte die Dolmetscherin: Nach kanadischem Recht haben Sie keinerlei Status. Um hier bleiben zu dürfen, brauchen Sie zuallererst die Anerkennung als Flüchtlinge. Und das ist ein bisschen kompliziert.
Aber wir sind doch Flüchtlinge, oder?, fragte Ranga. Was sollten wir sonst sein?
Was denken sich diese Leute eigentlich?, ging es Mahindan durch den Kopf. Haben wir uns denn auf das klapprige Schiff gewagt und unser Leben aufs Spiel gesetzt, um irgendwo Ferien zu machen?
Die Dolmetscherin sagte, dass das alles sehr kompliziert sei, weil es ja juristische Definitionen und bürokratische Vorschriften gebe. Aber sie sollten sich keine Sorgen machen, der Tamilische Bund hatte Rechtsanwälte angeheuert, die alles klarstellen würden. Mahindan sah, wie Prasad nickte, und das beruhigte ihn ein wenig. Natürlich würden sie Formulare ausfüllen müssen. Die Kanadier mussten ihre eigenen, speziellen Verfahren befolgen. Gott sei Dank hatten sie Rechtsanwälte, die sie durch die Formalitäten schleusen würden.
Der große Mann hatte offensichtlich die Leitung. Mahindan konnte es an der Art und Weise erkennen, wie er lässig und breitbeinig dasaß, mit seinem ungekämmten grauen dünnen Haar, das nach allen Seiten abstand, und seinem Zweitagebart.
Die andere Rechtsperson war eine jüngere Frau von Ende zwanzig, schätzte er. Sie saß kerzengerade und hochkonzentriert auf ihrem Stuhl, so als erwartete sie, jeden Moment aufspringen und etwas äußerst Kompliziertes ausführen zu müssen. Sie hatte gleich am Anfang oben auf ihrem Block etwas notiert und dann den Stift weiter bereitgehalten, so dass etwas Tinte aufs Papier auslief. Mahindan war enttäuscht, nicht seine vertraute Tamil-Schrift zu sehen.
Er fragte nach Sellian und sah, wie die beiden Frauen etwas besprachen; er sah, wie ihre Gesten denen des großen Mannes glichen; er hörte, wie ihre Stimmen denen der Offiziere ähnelten, die ihr Schiff geentert hatten. Die Dolmetscherin trug ein goldenes Piercing im rechten Nasenflügel. Die Anwältin trug einen eng am Hals anliegenden Thali-Anhänger. Die beiden Frauen sahen aus wie Tamilen, gaben sich aber wie Kanadierinnen.
So wird das mit Sellian sein, dachte Mahindan: ein Tamile und gleichzeitig ein Kanadier. Er wird sich kleiden wie sie, er wird sich bewegen wie sie, und Kanada wird sein Land sein.
Das Frauengefängnis ist nicht weit entfernt von hier, sagte die Dolmetscherin. Ich werde einen Besuch für Sie arrangieren.
Er braucht mich in seiner Nähe, sagte Mahindan. Er ist sehr ängstlich.
Er dachte an Kumurans Frau, an den Hass in ihren Augen. Die ganzen Wochen auf dem Schiff hatten sie kein einziges Mal miteinander gesprochen, obwohl die Jungen hin und wieder zusammen gespielt hatten. Würde die sich an seinem Jungen rächen? Würde sie ihn misshandeln?
Die Frau, die sich um meinen Sohn kümmern soll, sagte Mahindan, ist ihm völlig fremd.
Er wird von Frau Savitri Kumuran beaufsichtigt?, fragte die Dolmetscherin.
Mahindan zuckte zusammen und lehnte sich zurück. Nein, ihr Name …
Die Dolmetscherin besprach sich mit den Anwälten, und Mahindan versuchte bestürzt, das, was er wusste, mit dem, was gesagt worden war, in Einklang zu bringen.
Ja, sagte die Dolmetscherin. Es ist Mrs. Kumuran. Das Gute ist, dass Sie dieselben Anwälte haben. Wir werden demnächst mit ihr sprechen. Hören Sie. Wir sind nicht in Sri Lanka. Sie haben mein Wort, dass der Junge in sicheren Händen ist. Er hat inzwischen Essen bekommen und ist gewaschen worden. Über Ihren Sohn, sagte sie mit seitlicher Kopfbewegung, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.
Irgendetwas an der Art, wie sie das sagte, und an der Bestimmtheit, die aus ihrem Gesicht sprach, flößte ihm Vertrauen ein, er glaubte ihr. Wir sind in Kanada, dachte er. Vergiss die Frau. Auf dieses Land kann ich bauen.
Wie lange sollen wir im Gefängnis bleiben?, fragte Ranga und streifte mit einer Hand flüchtig über die Narbe auf seiner Wange.
Mr. Gigovaz antwortete auf Englisch. Er richtete sich emphatisch gestikulierend an alle.
Der erste Schritt sei, ihre Identität nachzuweisen. Die Regierung würde ihre Papiere prüfen. Es gäbe viele Formulare, die sie ausfüllen müssten. Man würde sorgfältig überprüfen, wer das Gefängnis verlassen dürfe. Darauf folge eine Anhörung, um festzustellen, ob sie Flüchtlingsstatus beantragen dürften. Und dann käme eine weitere Anhörung, ob der Flüchtlingsstatus ihnen gewährt werden könne. Das war das Prozedere, und es würde eine lange Zeit in Anspruch nehmen. Niemand könne voraussagen, wie lange es dauern wird.
Kann mein Sohn nicht hier unterkommen?, fragte Mahindan. Er ist noch klein … gerade mal sechs Jahre.
Sie müssen schon Geduld haben, sagte Mr. Gigovaz. Frauen und Kinder werden vorrangig behandelt.
Das alles klang kompliziert und ermüdend. Mahindan konnte den Unterschied zwischen der einen Anhörung und der nächsten nicht begreifen. Die ganze Zeit waren sie in Sri Lanka auf der Flucht gewesen, dann kamen sie ins Gefangenenlager, und immer ging es nur darum, am Leben zu bleiben und rauszukommen. Er hatte sich kaum Gedanken darüber gemacht, was passieren wird, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft. Nur diese vage Vorstellung hatte er gehabt: Sie würden das Schiff verlassen und frei ihrer Wege gehen. Jetzt aber schien ihre Ankunft wieder nur ein Anfang zu sein. Sein Optimismus trübte sich angesichts der Aussicht auf einen erneuten langen Weg.
Die Dolmetscherin musste die Enttäuschung im Raum gespürt haben. Machen Sie sich doch bitte keine Sorgen, sagte sie. Sie sind in ein gutes Land gekommen. Hier sind Sie gut aufgehoben.
VERHANDLUNGEN
April 2002
Los!, rief Chithra. Sie sprangen von ihren Sitzen und rannten den staubigen Weg entlang. Als Mahindan einem Hund ausweichen musste, überholte Chithra ihn mit ihren bimmelnden Fesselglöckchen.
Der Aprilhimmel leuchtete tiefblau, die Reisfelder waren saftig grün. In weiter Ferne trotteten Elefanten daher.
Mahindan holte sie am Staubecken ein. Eine Herde Wasserbüffel kühlte sich am flachen Rand ab, die Kolosse warfen sich ins Schilfdickicht und spritzten wild um sich.
Aiyo!, rief sie und prustete und lachte. Hättest beinah jemandes Ammachi über den Haufen gelaufen!
Poodi visari, scherzte er zurück. Nichts als Ärger.
Mahindan liebte ihr gemächliches Samstagsritual. Morgentee mit Milch in einem schattigen Eckchen. Idli, wenn die Mischung von Reis und Linsen über Nacht ausgegoren war. Dann der wöchentliche Gang auf den Markt. Später zu seinen Eltern, wo es ein großes Mittagsmahl für die ganze Familie gab, wo die Frauen kochten und die Männer über Politik sprachen und Zoten rissen. Mit gefüllten Mägen ging es zurück nach Hause, um dort den heißesten Teil des Tages zu verschlafen. Sein Leben lang würde Mahindan diese schläfrigen Nachmittage, das Surren des Deckenventilators, das gedämpfte Licht durch das Moskitonetz, als Bilder von Glück, von erfüllter Zufriedenheit im Gedächtnis tragen.
Sie überquerten den Spielplatz hinter dem hinduistischen Mädchen-College, wo zwei Frauen ein Transparent mit der Aufschrift Willkommen Zurück aufhingen. In der Nähe des Eingangs zog ein Mann ein erschreckendes rotes Schild mit Totenkopf und zwei darunter gekreuzten Knochen aus der Erde. Es war vier Jahre her, dass die Tamil Tigers die Garnison der sri-lankischen Armee aus Kilinochchi vertrieben hatten, aber ihre Abschiedsgeschenke – Landminen und Minenfallen – wurden immer noch gefunden und beseitigt.
Mahindan und Chithra parkten ihre Fahrräder in einer Seitenstraße und gingen zu Fuß auf den Markt. Fahrradrikschas warteten auf Fahrgäste, geparkte Motorräder auf ihre Besitzer. Menschen liefen geschäftig mit ihren Einkaufssachen und Kindern vorbei, alle grüßten freundlich und winkten in entspannter Wochenendheiterkeit einander zu.
How machan?
Komm doch heute Abend zu uns. Die Jungs spielen wieder Cricket.
Meenakshi! Wie oft muss ich dir sagen, dass du nicht auf das Ding klettern sollst!
Die Betreiberin des Internet-Cafés stand angelehnt an die Hintertür ihres Ladens. Sie war uralt, ihr Gesicht übersät mit Pockennarben und zerfurcht von zu viel Betelgenuss. Die in ein Betelblatt gewickelte Arecanuss, an der sie mit energischem Unterkiefer kaute, wölbte ihre rechte Wange. Als sie den Mund aufmachte, konnte Mahindan ihre geröteten Zähne und die Lücken dazwischen sehen.
Wie läuft’s mit dem Internet?, sagte er.
Sie drückte einen Finger in Chithras Bauch. Noch keine Babas? Dann mit anzüglichem Grinsen zu Mahindan: Zwei Jahre verheiratet. Weißt du eigentlich, was man da machen muss?
Je älter die Jungfer, desto länger die Nase, zischte Chithra, als die Alte sie nicht mehr hören konnte.
In ihrem Freundeskreis waren Mahindan und Chithra die Ersten gewesen, die geheiratet und einen Hausstand gegründet hatten. Ein Kind wollten sie vorerst noch nicht haben, die politische Lage war zu unsicher. Aber seit den Feuerpausen im Dezember und jetzt dem endgültigen Waffenstillstand im Februar wurde dieses Thema wieder aktuell.
Die Frauen wollten ihre Babys zur gleichen Zeit haben, und er konnte sich nichts Besseres vorstellen, als die Kinder in einem Schwarm von Cousins und Kusinen aufwachsen zu sehen, wo jede Tante auch eine Mutter und jeder Onkel auch ein Vater war. Chithra wollte mindestens vier Kinder haben, drei Jungen und ein Mädchen. Man muss schon eine gute Anzahl haben, sagte sie. Um jeden Verstorbenen zu ersetzen.
Der Markt war ein heruntergekommenes Gelände. Die Läden und Verkaufsstände waren dicht zusammengedrängt, die Käufer mussten schreien, um gehört zu werden, die Verkäufer taten ihr Bestes, sie alle zufriedenzustellen. Kinder und Hunde krochen ihnen zwischen den Beinen herum. Über dem ganzen Trubel dröhnte das rhythmische Klack-Klack der Hackmesser, mit denen die Männer Kothu zubereiteten. Um die Hüften hatten sie ihre Sarongs gebunden und stellten ihre Bäuche zur Schau. So standen sie da und zerschnitten Roti über heißen Platten, Rauchwolken vermischten sich mit Schweiß und Fliegen, mit den Gerüchen von gebratenem Gemüse und Chili-Pfeffer.
Mahindan konnte sich gut daran erinnern, wie der Markt während der Militärbesatzung ausgesehen hatte. Noch unverheiratet, hatte er bei seinen Eltern gewohnt und seine Mutter auf den Markt begleitet, vorgeblich um ihr die Taschen zu tragen. Die meisten Stände waren in diesen Tagen leer gewesen. Die wenigen Einwohner, die nicht geflohen waren, eilten mit gesenktem Blick ein und aus, möglichst schnell an den bewaffneten Patrouillen vorbei. Jedes Mal, wenn Mahindan und seine Mutter einem dieser Soldaten näher kamen, krallte sie sich ein wenig fester in seinen Arm.
Jetzt aber platzte der Markt förmlich aus den Nähten, und das Geschäftsgewimmel schwappte in die Seitenstraßen über. Hühner in engen Käfigen erwarteten ihr Schicksal. Girlanden hingen von den Dachbalken der Läden herab. Chithra ging schnurstracks auf einen Fischstand zu und Mahindan blieb hinter einem Lieferjungen stecken, der sein Fahrrad mit einem Büschel aus hunderten von reifen Bananen beladen hatte und es mühsam durch die Menschenmasse schob.
Chithra sah sich die Makrelen an, prüfte mit zwei Fingern ihre Festigkeit. Die Fische lagen wie ein glänzendes Band aus schillernden Schuppen und schwarz glänzenden Augen aufgereiht auf einem stabilen Holztisch. Anchovis und Sardinen wurden in Plastikeimern feilgeboten.
Der Fischer trug einen Sarong, seine wohlbeleibte Frau einen blauen Polyester-Sari. Sie nahmen die Fische in ihre bloßen Hände, hielten ihren Kunden zur Begutachtung eine gelbe Flosse oder ein riesiges Auge unter die Nase. Die Frau hatte sich einen Behälter mit Garnelen wie ein Wickelkind um den Bauch gebunden. Mit der freien Hand zählte sie dem Kunden das Wechselgeld ab.
Jetzt bin ich dran, sagte Chithra und schubste einen Mann zurück, der sich vordrängeln wollte.
Der Mann gab Mahindan einen vorwurfsvollen Blick. Der verbiss sich das Grinsen und zuckte nur mit den Achseln, was so viel heißen sollte wie: Was kann ich da schon machen?
Der Fischer legte Chithras Makrele auf die Waage. Dreihundert Rupien.
Nein?!, rief sie halb fragend laut aus. So viel?
Aber sehen Sie doch, wie frisch die ist. Der Fischer steckte einen Daumen in die rosa Kiemen und wies mit der anderen, halb geballten Hand beschwörend gen Himmel: Dieser Bursche ist vor ein paar Stunden noch lustig herumgeschwommen.
Chithra hob den Kopf und stemmte eine Hand in die Hüfte. Ah, aber das ist ja ein Winzling von einem Fisch, sagte sie. Wie wär’s mit zweihundert?
Packpapier kam auf den Tisch. Der Fisch wurde eingewickelt.
Zweihundert, sagte der Fischer. Wie kann ich denn für so wenig verkaufen?
Ich bin eine arme Frau, ich muss mein Geld zusammenhalten, sagte Chithra.
Alle müssen ihr Geld zusammenhalten, sagte er. Zweihundertfünfzig.
Sie gab ihm das Geld, ehe er es sich noch anders überlegen konnte, und der Fischer schüttelte grinsend den Kopf. Ihr Frauchen ist ganz schön clever, versicherte er Mahindan.
Als sie zum Gemüsestand kamen, sagte Chithra, dass sie Kool machen wollte, eine Fischsuppe. Sie kauften grüne Bohnen, Spinat, Maniok, Karotten, Kürbis und eine weiße Aubergine. Die Paprikaschoten gefielen ihr nicht.
Die sind nicht frisch genug, erklärte sie der Frau.
Zwei für den Preis von einer, gab die Frau zurück. Haben Sie meine Eier gesehen?
Mahindan wollte sie gerade daran erinnern, dass sie keine Eier mehr hatten, aber Chithra warf schnell ein: Wir brauchen keine Eier.
Nur zwanzig Rupien, sagte die Frau.
Beladen mit ihren Einkäufen gingen sie weiter. Chithra musste über die Eier lachen.
Wie schön, alles billiger zu bekommen, frotzelte er.
Wieso billiger? Die Aubergine war viel zu teuer.
Alle betrieben das gleiche Spielchen. Sie warfen den Preis wie einen Ball hin und her, haderten über angebliche Makel, nur, um Druck auszuüben.
Wie können Sie so viel verlangen?
Können Sie nicht ein bisschen runter gehen?
Weiter runter geht’s nicht, Sir. Absolut nicht.
Sie schlenderten durch die Süßwarengeschäfte, wo es nach Rosenwasser und zuckersüßem Sirup duftete. An den Fleischerläden gingen sie vorbei. Der Mann, der kleine Statuen und Öllampen verkaufte, war gut im Geschäft. Alle heiraten, sagte Chithra.
Im Trockenwarenladen schaufelte Mahindan roten Reis aus einem zwei Fuß hohen Fass. Chithra wog Palmyra-Wurzelmehl ab. Am Ladentisch bekamen sie Cashewnüsse und Rosinen.
Können Sie da nicht was machen?, fragte Chithra, und eine extra Handvoll wurde ihr stillschweigend dazugegeben.
Mahindan fand diese Verhandlungen immer etwas peinlich. Wenn Chithra richtig loslegte – bei einer größeren Summe war sie ganz in ihrem Element –, ging er nach draußen und drehte ein paar Runden. Chithra ihrerseits konnte seine Empfindlichkeit nicht verstehen.
Als sie noch nicht lange verheiratet waren und Mahindan einmal allein auf den Markt gehen musste, weil Chithra krank und mit Bauchschmerzen darniederlag, war sie entsetzt, als er zurückkam. Achtzig Rupien für ein Kilo Reis! Dreihundert für ein Kilo Orangen? Wie viel dann für die Eier? Sie fasste sich an die Stirn und jammerte: Aiyo! Die werden dich dein Leben lang über den Tisch ziehen. Diese Gauner lachen sich ins Fäustchen, wenn sie dich sehen: Hier kommt der Dumme, der gestern aus dem Ei gekrochen ist.
Wie wäre es wohl, wenn es feste Preise gäbe? Das wollte Mahindan in seiner Autowerkstatt ausprobieren. Als er das Geschäft von seinem Vater übernommen hatte, stellte er unverzüglich eine Preisliste mit der Erklärung auf, dass diese Preise unverhandelbar seien. Sein Vater hielt das für hellen Wahnsinn, aber schon nach einem Jahr hatten seine Kunden sich an seine Festpreise gewöhnt.
Ihr letzter Stopp war bei dem Töpferladen, der sich hinter dem Markt befand.
Wie findest du diesen hier? Chithra hielt ihm einen Wasserkrug mit dickem Bauch und langer dünner Tülle hin: orangefarbene Terrakotta mit rotem geometrischem Muster. Sie könnten ihn zu Hause gründlich mit kochendem Wasser ausspülen, drei Mal, und dann für ihr Trinkwasser benutzen.
Wie du willst, sagte Mahindan.
Chithra war durchaus wählerisch bei der Anschaffung kleinerer Haushaltsgegenstände. Was sie an Hausrat besaß, sollte zusammenpassen, aber nicht gleichförmig sein. Noch schwebte sie in dem jungen Glück, Herrin ihres Hauses zu sein.
Sie standen hinter einer jungen Frau, die einen ähnlichen Krug kaufte. Der Ladeninhaber nannte einen Preis und sie bezahlte ihn anstandslos. Er wickelte den Krug in Zeitungspapier, und sie machte ihm dafür ein Kompliment. Sie sprach mit einem unbestimmbaren Akzent. Sie trug kurze Jeans und ein rotes T-Shirt. Ihr Haar war glatt zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Australien, schätzte Mahindan. Obwohl er wusste, dass Leute aus England und Amerika zurückgekehrt waren. Auch aus Kanada.
Das ganze Land hatte so lange den Atem angehalten, und jetzt endlich, seit dem von Norwegen vermittelten Waffenstillstand, schien es, als ob sie alle wieder ausgeatmet hätten. Bauern gingen auf ihre Reisfelder zurück, Familien nahmen die Vorhängeschlösser von ihren verlassenen Häusern ab. Menschen, die vor Jahrzehnten ausgewandert waren, schickten ihre erwachsenen Kinder zurück und überfluteten den tamilischen Norden mit westlichem Geld.
An der Hauptverkehrsstraße entstand ein neues Stadtzentrum. Das Krankenhaus war neu gebaut worden, Postamt und Busbahnhof waren voll betriebsfähig. Wiederaufbau und Instandsetzungen – all die Bauarbeiten, die begonnen hatten, als die Tigers vor vier Jahren die Armee vertrieben, wurden jetzt mit neuem Optimismus wieder in Angriff genommen.
Sehr beliebt heutzutage, sagte der Ladeninhaber, als er sie bediente. Er wickelte den Krug in Zeitungspapier und sagte: Dreihundert Rupien.
Hundertfünfzig, sagte Chithra mit fester Stimme. Ich bin keine von diesen Ausländerinnen.
Kaum hatten sie den Laden verlassen, rief sie jemand von irgendwoher.
Braut und Bräutigam!, sagte Chithra.
In einer Wolke von Eau de Cologne rauschte Ruksala heran, ihr zur Seite der getreue Rama. Die jungen Frauen beschnupperten sich flüchtig an den Wangen, erst rechts, dann links.
How machan?, begrüßte Mahindan seinen Cousin mit einem kräftigen Schlag auf den Rücken. Alles fertig für Freitag?
Rama nickte lebhaft. Ja, ja, alles fertig. Wir kommen gerade von Kumurans Laden. Du weißt doch, dass er den von seinem Vater übernommen hat?
Ich habe davon gehört, sagte Mahindan.
Girlanden, Essen, alles bestellt und vorbereitet?, fragte Chithra. Die Musiker?
Ruksala hakte sich bei Chithra ein, und zu viert gingen sie weiter, die Frauen voran, die Männer hinterher. Jetzt gibt es nichts mehr zu tun, außer zu entspannen, sagte Ruksala.
Und was ist mit der Öllampe, habt ihr euch entschieden?, fragte Chithra.
So, sagte Mahindan und schlang den Arm um die Schultern seines Cousins. Deine letzte Woche als Junggeselle.
Die letzte Woche, bestätigte Rama, der beim Gehen die Füße leicht nach außen kehrte. Rama gehörte zu den jungen Männern, die von der Ehe nur profitieren konnten. Von dem Ansehen, das er gewann, wenn er seine Frau vorstellte. Bei diesem Gedanken fragte Mahindan sich, ob andere seine eigene Ehe nicht auch so sahen.
Mahindan und Chithra packten ihre Einkäufe in die Fahrradkörbe und schoben die Räder neben sich her. Sie ließen das Gedränge im Stadtzentrum hinter sich und überquerten ein offenes Stück Land hinter dem Amman Kovil. Das war ein im dravidischen Stil erbauter Tempel mit einem pyramidenähnlichen Turm und einer von feinen Gravuren und Skulpturenreliefs bedeckten Fassade. Wie ein großer Teil von Kilinochchi, war auch der Tempel verdeckt durch ein Baugerüst aus Bambusholz. An Werktagen arbeiteten dort die Maler schwer daran, den Skulpturen ihren Glanz zurückzugeben.
Hast du gehört, dass Shangam wieder zurück ist?, sagte Rama.
Ach ja? Die Tigers haben ihn nach Hause geschickt?, sagte Mahindan.
Er kommt heute Abend an den See.
Samstagabends versammelte sich das junge Volk zum Sonnenuntergang am See. Flaschen mit hausgemachtem Palmwein gingen von Hand zu Hand. Chelva spielte Gitarre, und sie sangen alte Beatles-Songs. Oder Jeyanthi brachte ihren CD-Spieler mit und legte Tamil-Rap auf. Angefeuert vom Alkohol, tanzten sie wie wild, bis einer von ihnen, mit Sicherheit Rama, stolperte und ins Wasser fiel und die Mädchen in simuliertem Entsetzen aufkreischten.
Wir müssen für Shangam ein nettes Mädchen finden, sagte Ruksala. Jetzt, wo wieder Frieden ist.
Wer weiß, wie lange, sagte Chithra.
Die Sonne schien durch die Bäume und zeichnete diagonale Schatten auf die Erde. Affen baumelten an ihren Schwänzen und hielten gestohlene Früchte in den Pfoten. Ein Hund schnüffelte sich durch einen Abfallberg.
Ein Mann und eine Frau donnerten auf einem Motorrad vorbei, beide mit Schutzhelm, und Chithra zischte verächtlich durch die Zähne. Sie meinte, dass es Wahnsinn sei, wenn einmal Ausgewanderte in ihre unsichere Heimat zurückkehrten.
Warum sollen wir unsere besten Leute an andere Länder verlieren?, sagte Ruksala.
Chithra denkt nur an die steigenden Preise auf dem Markt, frotzelte Mahindan, der dem Gespräch über Krieg und vorübergehenden Frieden einen Riegel vorschieben wollte.
Aber schon sagte Rama: Die Verhandlungen werden was bringen. Man sieht doch, was die Europäer für Kosovo getan haben.
Mahindan und Chithra sahen sich kurz an. Sie hatten keine Ahnung, was in Kosovo vor sich ging, oder wo genau Kosovo auf der Landkarte zu finden war. Mahindan zog die Augenbrauen hoch, so als wollte er sagen: Was hast du uns denn da wieder aufgetischt.
Abwarten, sagte Rama. Dieser Waffenstillstand ist gerade mal der Anfang.
In den letzten zehn Jahren hatte die LTTE – Liberation Tigers of Tamil Eelam – den Norden Tamil Eelam mit der Hauptstadt Kilinochchi beherrscht. Hier sprachen sie alle dieselbe Sprache, verehrten dieselben Götter. Die Tamilen hatten ihre eigene Polizei, ihre eigenen Banken und Geschäfte. Die Tigers hatten eine Oase errichtet, in der die von der Regierung auferlegten Quoten und Sprachgesetze, all die Maßnahmen, mit denen die tamilische Minderheit entrechtet werden sollte, nichts ausrichten konnten. Jetzt mussten die Singhalesen es nur noch offiziell bestätigen: die Insel teilen und den Tamilen ihr eigenes Land geben.
Die Singhalesen werden uns nie in Ruhe lassen, sagte Chithra. Das werden die mit ihren Schutzhelmen und Sonnenbrillen niemals begreifen.
Rama aber setzte auf Kompromiss: Selbstverwaltung und keine Trennung. Tamil Eelam als autonome Provinz innerhalb eines vereinigten Sri Lanka. Er sagte: Wer finanziert denn die Regierung? Norwegen. Der größte Geldgeber.
Und jetzt, wo Norwegen beide Seiten zusammengebracht hat, sagte Ruksala, müssen die Singhalesen und etwas abgeben.
Es war schon immer so: auf der einen Seite Rama und Ruksala mit ihren von globalen Medien und internationalen Pandits geprägten Argumenten, auf der anderen Seite Chithra mit ihrem instinktiven Zynismus. Mahindan versuchte, sich aus diesen Debatten herauszuhalten. Was geschehen würde, würde geschehen. Wozu diese Diskussionen? Damit erreichte man ja doch nichts.
Eine Schlangenbrut, diese Singhalesen, sagte Chithra. Norwegen oder nicht, die finden schon einen Trick, die Verhandlungen platzen zu lassen. Sie sah sich um und fügte leise hinzu: Wenn nicht die, dann Prabhakaran. Unseren Kerlen traue ich auch nicht.
Krieg ist nicht gut fürs Geschäft, sagte Rama. Schlechte Ökonomie. Die Norweger werden eine Lösung finden.
Ruksala war anderer Meinung: Die Singhalesen sind mit ihrem Krieg am Ende, glaube ich. Die haben ja gesehen, dass sie gegen unsere Jungs nicht ankommen. Die sind klug genug, uns nicht weiter zu bekämpfen.
FAMILIENGESCHÄFT
Niemand schien über ihr Kommen informiert worden zu sein. Man führte sie zu einem fensterlosen Raum, der nicht mehr war als eine im letzten Moment eilig geräumte Besenkammer. Die Schubladen der Aktenschränke standen offen, darin hingen noch vereinzelte Ordner. Ein Computermonitor war da, auch eine Tastatur, aber keine Maus. Die herausgezogenen Netzteile lagen wirr verstreut herum.
Ihr neues Büro, erklärte Kelly von der Personalabteilung, schaute auf ihre Uhr und trippelte eilig zu einem Meeting.
Grace hörte das Summen in ihrer Handtasche. Eine SMS von Fred Blair: Viel Glück für heute! Sie werden glänzen. Grace schickte ihm ein Smiley zurück. Danke. Bisher alles ok.
Auf der Suche nach einer Steckdose kroch sie unter den Schreibtisch. So ein schäbiges Büro war nicht unbedingt ein schlechtes Vorzeichen. Diese Sache hier würde sie schon in den Griff bekommen.
Der Computer brauchte ein Passwort. Am Schreibtischtelefon sah sie ein Post-it mit einer zehnstelligen Zahl.
In Ottawa war gerade Mittag, und der Mann, der ihren Anruf entgegennahm, schien beim Sprechen zu kauen. Sorry, sagte er. Ihre Anstellung bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsbehörde ist hier nicht gemeldet.
Grace Nakamura, sagte sie und buchstabierte ihren Namen. Ich bin das neue Mitglied der Prüfungskommission in der Zweigstelle Vancouver. Heute ist mein erster Tag.
Sie müssen das Formular H46 ausfüllen, sagte er. H46, nicht H46 A. Haben Sie Zugang zum Intranet?
Grace starrte auf den leeren Bildschirm und das Rechteck für das Passwort. Nicht ohne Passwort, sagte sie.
Füllen Sie das Formular aus, bitten Sie jemand von Ihrer Personalabteilung, es uns herzufaxen, dann können Sie in fünf bis sieben Geschäftstagen Ihre Arbeit aufnehmen.
Und was soll ich eine ganze Woche lang ohne Computer anfangen?
Grace versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, ob es damals, als sie bei Fred angefangen hatte, auch so gewesen war. Aber das war zwanzig Jahre her, da gab es noch keine Intranets und keine E-Mails.
H46 A, sagte sie und griff nach einem Stift. Aber sie fand kein Papier. Sie schrieb es auf ihren Handrücken.
H46, sagte der IT-Mann.

Schließlich kehrte Kelly von der Personalabteilung zurück, um auf die Toilette zu gehen und Grace den anderen Kollegen vorzustellen. Grace gab jedem die Hand und wusste, dass sie unmöglich ihre Namen behalten konnte. Es wurde viel geredet von einem Mann namens Mitchell Hurst, der gerade von seinem einjährigen Sabbatical zurückgekehrt war.
Elternzeit?, fragte Grace.
Mitchells Kinder sind an der Universität, sagte Kelly. Nein, er hat sich ein Jahr freigenommen, um beim UNHCR zu arbeiten.
Es war 10 Uhr am Vormittag, und Kelly hatte sie schon mit Dutzenden von Akronymen beworfen. Grace fragte nicht, was dieses bedeutete.
Mitchell engagiert sich für das globale Hilfswerk. Ich wette, dass das Rote Kreuz ihn uns bald abziehen wird. Und dann geht er nach Kenia und hebt Brunnen aus. Eigentlich schade. Er ist einer der besten Leute, die wir haben.
Als sie an seinem leeren Büro vorbeigingen, blieb Grace eine Weile stehen. Über dem Türpfosten hing eine Girlande aus einem Ein-Dollar-Laden, darunter stand in bunt glänzenden Plastik-Lettern Willkommen zu Hause. Ein Rucksack war lässig über den Bürostuhl geworfen, darauf ein Fahrradhelm. Grace war versucht, den Tacker zu schnappen, der aufrecht auf seinem Schreibtisch stand. Sie legte die Hände auf dem Rücken zusammen und ging weiter, um Kelly einzuholen.
Den Rest des Vormittags hörte sie sich die Stimmen ihrer neuen Kollegen an. Ab und zu schnappte sie Mitchells tiefe Bassstimme auf, die kräftig und freundlich immer wieder sagte: Danke, ja, schön, wieder hier zu sein. Sie wünschte sich Gesellschaft und hätte gern die nächsten acht Wochen übersprungen, um dort zu sein, wo sie alle beim Namen kennt und mit ihnen über das Wochenende plaudern kann.
Sie hatte erwartet, an ihrem ersten Tag zum Lunch eingeladen zu werden, aber als es halb zwei wurde und niemand in ihr Büro gekommen war, ging sie zu einem Deli direkt gegenüber und kaufte sich ein Sandwich zum Mitnehmen.
Grace hatte schon immer die ersten Tage gefürchtet, den Moment, wo sie mit ihrem Tablett in der Hand vom Eingang der Kantine aus die voll besetzten Tische nach einem anonymen Sitzplatz absuchte. Aber diese Kantine hier war fast leer: ein halbes Dutzend runde Tische und eine einzige Person – ein ihr unbekannter Mann, gebeugt über eine Zeitung, die er auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Auf einer Seite war ein Farbfoto zu sehen, das zeigte, wie Menschen unter dem Schutz großer Regenschirme von der Landungsbrücke eines Schiffes abgeführt wurden. Die Überschrift verkündete in marktschreierischen Großbuchstaben: MIGRANTEN – PRIME MINISTER SETZT AUF HARTEN KURS.
Sie sind doch der berühmt-berüchtigte Mitchell Hurst, sagte Grace und zog einen Stuhl heran.
Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar, graumelierte Schläfen und ein von Sommersprossen gebräuntes Gesicht. Während er mit dem Daumennagel eine Apfelsine attackierte, sah er missmutig zu ihr auf. Berühmt-berüchtigt?
Na ja, ich … ich habe sehr viel von Ihnen gehört, sagte Grace. Warum nur hatte sie so etwas Blödes gesagt?
Sie machte einen zweiten Anlauf: Sie sind gerade zurückgekehrt. Brunnenbau in Kenia?
Brunnen in Kenia? Seine Augenbrauen gingen ungnädig nach oben. Wer hat Ihnen denn das erzählt?
Scheiße, dachte sie. Zweimal daneben.
Kopfschüttelnd löste Mitchell die Schale von der Apfelsine. Bangkok, sagte er. Weit weg von Kenia. Und Flüchtlinge, keine Brunnen.
Ach ja. Bei dem … Sie suchte nach dem Akronym.
Dem Büro des UN-Hochkommissariats für Flüchtlingshilfe, sagte Mitchell. Ich war Berater in Sachen Umsiedlung. Nargis hat für Arbeit gesorgt.
Grace traute sich nicht zu fragen, warum es Flüchtlinge in Thailand gab oder wer Nargis war. Aber ihre Unwissenheit entging ihm nicht.
Der Zyklon Nargis?, sagte er. Die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte von Myanmar.
Klar, sagte sie. Wir haben hier davon gehört.
Blödsinn, erwiderte sein Blick auf diese Lüge. Er halbierte seine Apfelsine, legte die beiden Hälften auf eine Papierserviette und wandte sich der Zeitung zu.
Grace wickelte ihr Sandwich aus. Den Prosciutto mit Birne, der im Glaskasten vom Deli so appetitlich ausgesehen hatte, fand sie jetzt widerlich. Er hatte sie nicht einmal nach ihrem Namen gefragt. Und das war der Mann, den das ganze Büro so umschwärmte?
Ich bin Grace Nakamura, sagte sie.
Als er schließlich von seiner Zeitung aufblickte, starrte sie ihm direkt in die Augen.
Er verzog keine Miene, so als merkte er gar nicht, wie stoffelig er sich benahm. Als wäre es ihm völlig egal.
Ich habe heute angefangen, sagte sie.
Ich weiß. Die Regierung hat uns wieder mal jemanden geschickt. Wo waren Sie vorher – Grenzdienst? Justizministerium?
Ministerium für Verkehr und Infrastruktur, sagte sie. Ich war Einsatzleiterin.
Natürlich waren Sie das. Er blätterte weiter in seiner Zeitung und würdigte sie auch jetzt keines Blickes.
Grace hatte von zu Hause eine Tüte Weintrauben mitgebracht. Sie steckte sich eine Traube in den Mund, aß die Kerne mit und wünschte, sie wäre im Deli geblieben.
Die Kantine hatte ein Spülbecken, eine Mikrowelle und dazwischen eine schmale Ablage. An einem Pinnbrett hing ein Unterschriftenblatt für den Küchendienst, daneben eine schematische Darstellung des richtigen Hebens von Gewichten. Einen kurzen Moment lang vermisste sie ihren alten Job, die unbestrittene Autorität, mit der sie bei den Meetings den Laserpointer geschwenkt und die Minister beraten hatte.
Aber dann dachte sie an den Anruf von Fred, und wie stolz sie gewesen war, als ihr alter Mentor – der in die Bundesregierung gewählt worden war und in Ottawa einen Kabinettposten innehatte – ihr diese neue Chance anbot. Und außerdem war ihre Anstellung hier befristet. Nach den drei Jahren würde sie aufsteigen – zu Größerem und Besserem.
Mitchell faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Er lehnte sich zurück, aß ein Stück Apfelsine und beobachtete sie teilnahmslos. Er trug einen Anzug, schien aber zu der Sorte Mensch zu gehören, die sich in Wanderschuhen und mit Tilley-Hut wohler fühlte. Um Augen und Mund zogen sich feine Linien. Sie schätzte, dass er auf die fünfzig zuging, also nur ein paar Jahre älter als sie war. Aber er hatte die herablassende Art eines Dienstälteren. Eingebildeter Affe, dachte sie. Obwohl sie nicht wusste, worauf er sich etwas einbilden konnte.
Mitchell steckte sich ein zweites Stück Apfelsine in den Mund und kaute langsam, methodisch. Grace brach den Augenkontakt ab und sah über seine Schulter hinweg. Jemand hatte sich eine Suppe mitgebracht; der Geruch von Chowder hing noch eine Weile in der Luft. Am Kühlschrank klebte ein Zettel mit der Information, dass er freitagabends ausgeleert wurde. Grace hörte Schritte im Korridor, aber niemand kam, sie zu befreien.
Und Sie?, fragte sie schließlich. Sind Sie schon lange bei der Einwanderungsbehörde?
Neun Jahre, sagte er.
Und davor? Sie lächelte dünn und machte ein Friedensangebot: Brunnen in Kenia?
Einwanderungsgesetz, sagte er. Zehn Jahre lang. Und davor Jurastudium.
Und was hat Sie hierher verschlagen?, fragte sie.
Meine Mandanten, sagte er. Ich konnte sehen, wie willkürlich der ganze Prozess ist, wie viel von den Entscheidern abhängt, wie viele von denen ohne jegliche Qualifikation und völlig unvorbereitet zu diesem Job kommen. Meiner Meinung nach.
Diesen letzten Satz hatte er in einem Ton hinzugefügt, den sie nicht deuten konnte. War er sarkastisch gemeint? Dann wickelte er die Apfelsinenschale in ein Stück Alufolie, knüllte das Ganze zu einem Ball zusammen und warf ihn im hohen Bogen zum anderen Ende der Kantine. Er landete im Abfalleimer. Ein perfekter Wurf.
Na dann viel Glück, Grace Nakamura, sagte Mitchell und stand auf. Jede Entscheidung ist ein Wendepunkt im Leben eines Menschen. Ehrlich gesagt, als Rechtsanwalt konnte ich besser schlafen.
Grace schraubte ihre Limoflasche auf. Es machte nichts, dass sie kein Jurastudium absolviert hatte. Dieser Job verlangt einen gesunden Instinkt, hatte Fred gesagt. Alles Übrige kann man lernen. Sie hatte die Prüfung gemacht wie alle anderen. Sie hatte das Recht, hier zu sein, nicht weniger als Mitchell Hurst.

Später am Nachmittag kamen die Entscheider zu einer Sitzung zusammen. Die Vorsitzende war eine sehr große Frau mit einem aufgebauschten Rock. Ich habe dieses Meeting einberufen, um Sie über das Frachtschiff aus Sri Lanka zu informieren.
Fünfhundertdrei Migranten: 297 Männer, 181 Frauen, 25 Minderjährige. Alle werden einen Asylantrag stellen. Das ganze Land wusste bereits von der Ankunft dieses Schiffes. Am Tag zuvor hatte es überall in den Schlagzeilen gestanden und wurde im Fernsehen gezeigt, das im Hintergrund lief, als Grace und die Kinder bei den Nachbarn dem Feuerwerk zuschauten und Steve unterwegs war, Raketen zu kaufen. Aber Grace wusste, dass mehr dahintersteckte, als offiziell berichtet wurde.
Fred hatte sie telefonisch schon in Kenntnis gesetzt. Die Regierung hatte Geheiminformation erhalten, sagte er. Die Hälfte der Leute an Bord hatte Verbindung zur LTTE, einer Gruppe von Separatisten, besser bekannt als die Tamil Tigers, die seit mehr als zwanzig Jahren Krieg gegen die Regierung von Sri Lanka führten. Verlierer eines Kriegs in Übersee, die jetzt nach Kanada flohen, um ihre Wunden zu lecken und sich neu zu gruppieren.
Kanada hat den Ruf, weichmütig zu sein, hatte Fred gesagt. Wir müssen die Welt eines Besseren belehren. Ich baue auf Sie, Grace. Das ganze Land baut auf Sie.
Grace fragte sich, warum die Vorsitzende von all dem überhaupt nichts erwähnte – von den Geheimdienstberichten, von den Tamil Tigers und ihrem langjährigen internationalen Waffenhandel, von den Wohltätigkeitsfassaden in anderen Ländern, hinter denen sie ihre Gelder wuschen, von Freds Verdacht, dass sie Kanada als Basis für neue Anschläge in Sri Lanka benutzen wollten.
Damit werden wir voll und ganz beschäftigt sein, sagte die Vorsitzende. Diese Fälle haben Priorität.
Grace überlegte, ob sie etwas sagen sollte. Außer ihr waren noch sieben andere Kollegen da, und sie alle würden die gleiche Entscheidungsbefugnis darüber haben, wer im Land bleiben durfte und wer abgeschoben wurde.
Die Haftüberprüfungen beginnen am Montag, sagte die Vorsitzende. Räumen Sie alles vom Tisch.
Grace glaubte, gehört zu haben: Räumen Sie alle vom Schiff. Sie musterte die Anwesenden. Alle hielten ihre Augen auf die Vorsitzende gerichtet, außer Mitchell, der etwas in seinen Notizblock schrieb. Er sah auf und sie sah weg. Die waren alle schon länger hier als sie, aber sie musste doch etwas sagen, wenn …
Unser Rechercheteam hat diese Nationalen Dokumentationspakete zusammengestellt, sagte die Vorsitzende. Sie stand zwischen zwei Türmen schlanker blauer Ordner und legte demonstrativ die rechte Hand auf den rechten Stapel, die linke auf den linken. Diese werden Sie auf den jüngsten Stand bringen.
Grace nahm einen Ordner und gab den Stapel erleichtert weiter.

Grace zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg barfuß aus, die Pumps baumelten an ihren Fingern. Kumi, eine Hand schützend über die Augen gelegt, stand in der Haustür und blinzelte missmutig in die Sonne. Für einen kurzen Moment glaubte Grace, ihre Mutter habe neugierig auf ihre Rückkehr und ihren Bericht über den neuen Job gewartet. Mit freudig erhobener Hand winkte sie ihr zu. Hallo Mom, wie geht’s?
Doch als sie zur Tür kam, wollte Kumi nur wissen, wo der Karton mit den Urkunden und Kontoauszügen war. Wo ist der Karton?
Im Hausflur stand eine große Obstschale, in der Kumis verlegte Besitztümer gesammelt wurden: Lesebrille, Armbanduhr, ihr Notfallarmband, eine im Kühlschrank verlegte Haarbürste. Heute war die Schale leer. Kumi hatte einen guten Tag.
Auf dem Karton war noch das rote Klebeband, redete Kumi weiter, machte die Haustür zu und lief ihrer Tochter hinterher ins Haus. Die ganze Dachkammer habe ich in der letzten halben Stunde durchsucht.
Vor einigen Jahren hatte Kumi eines Morgens vor dem Spiegel gestanden und ihr eigenes Gesicht nicht erkannt. Die Diagnose kam schnell: Alzheimer, zweites Stadium. Nachdem sie im April einen Toaster in Brand gesetzt hatte, ließ sie sich endlich überreden, ihr Apartment aufzugeben und bei Grace einzuziehen. In der Dachkammer wurden Kumis alte Kartons aufbewahrt – Milchkisten vollgestopft mit Fotoalben, Überseekoffer mit Aktenordnern, Sachen, die jahrzehntelang aufgehoben und nicht berührt worden waren. Die Mutter hatte die Berge bestimmt nur kurz überblickt und war, als sie das Auto in der Auffahrt hörte, mit streitbar auf die Hüften gepressten Händen nach unten gekommen.
Der Karton muss da oben sein, sagte Grace, bückte sich und hob ein Paar Straßenschuhe von Steve auf, die auf dem Teppich herumlagen.
Und weißt du, was deine Töchter die ganze Zeit getrieben haben? Kumi verfolgte Grace auf Schritt und Tritt. Videospiele!
Die Mädchen saßen auf dem Fußboden, einen knappen Meter vor dem Flachbildschirm an der Wand. Sie starrten nach oben wie Bittsteller zum Altar. Auf dem Bildschirm raste ein zweidimensionaler Mann wild durch die Straßen von New York, während ein Polizist mit der Pistole auf seine Autoreifen zielte. Die Mädchen umklammerten ihre Gamecontroller und trommelten mit den Daumen auf den Knöpfen herum.
Meg riss die linke Schulter hoch. Nein, nein, nein!, kreischte sie. Idiot!
Der Polizist rammte rückwärts in eine Backsteinmauer und flog mitsamt Auto in einem roten Feuerball durch die Luft.
Oh! Brianne schnippte mit dem Zeigefinger in Richtung Bildschirm. Dich hat’s ewischt!
Grace klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Küchentresen. Und das habt ihr beiden den ganzen Tag so getrieben?
Meg antwortete mit einem lässigen Wedeln der Finger. Brianne schnaubte nur. Sie wandten sich nicht um.
Grace sah die Pferdeschwänze der beiden Mädchen und ihre dünnen Halswirbel, die sich wie zwei knubbelig nach unten laufende Linien auf ihren Rücken abzeichneten. Sie hängte ihre Kostümjacke über einen Stuhl. Kommt her und helft mir beim Abendessen, sagte sie.
Brianne beugte sich nach vorn und zog mit dem linken Daumen am Joystick. Nachher, sagte sie.
Was entweder bedeutete: wenn wir mit dem Spiel hier fertig sind, oder: fünf Minuten nach überhaupt nicht.
Die haben nichts Besseres zu tun? Kumi schwirrte wie eine lästige Fliege um Grace herum.
Auf dem Tresen in der Mitte der Küche lag eine Box mit süßem Knabberzeug, daneben eine leere Milchpackung mit offenem Ausguss.
Morgen kommt die Reinigungskraft, rief Grace in Richtung Fernseher, habt ihr euer Zimmer aufgeräumt?
JA!, kreischte Meg.
Toll, sagte Brianne.
Grace schnürte sich eine Schürze um und wischte den Tresen ab. Sie war sich nicht sicher, ob diese beiden Reaktionen die Antwort auf ihre Frage waren.
Kinder brauchen Grenzen, sagte Kumi. Und Verantwortung. Du musst ihnen eine nützliche …
Wozu brauchst du diese alten Kisten?, fragte Grace und machte dabei den Kühlschrank auf.
Die Hauptbücher und die Kontobücher, sagte Kumi. Ich will wissen, wie viel das Geschäft wert war.
Grace wühlte im Gemüsefach. Welches Geschäft?
Was meinst du, welches Geschäft? Das Familiengeschäft! Das Geschäft deiner Großeltern!
Graces Großeltern hatten vor dem Krieg einen Waschsalon gehabt. Als Kind hatte Grace Klavierunterricht von einer Frau in Gastown bekommen. Jedes Mal wenn sie die Powell Street entlangfuhren, hatte Kumi auf ein nichtssagendes Gebäude gezeigt und gesagt: Das hat uns gehört, ehe die Regierung es uns gestohlen hat. Und Aiko, Graces Großmutter, widersprach ihr mit sanfter Stimme: Nein, nein. Wie viel Gutes dieses Land doch für uns getan hat.
Grace hockte vor dem Kühlschrank und sah zu ihrer Mutter hoch, die hinter der Tür halb verdeckt war. Mal ganz langsam, sagte sie. Das Geschäft gibt es nicht mehr, Mom. Schon lange nicht mehr.
Ja, ja, sagte Kumi. Aber die Kontobücher. Die haben wir noch.
Wirklich?
Na klar, sagte Kumi. Dicke Bücher, in denen jede Transaktion verzeichnet ist. Wir hatten immer gute Kunden, und auch nicht nur Japaner. Sie sprach und lief dabei hin und her, und Grace musste in dieser kleinen Küche um sie herumtanzen, um zum Spülbecken zu kommen. Denk doch mal, wie viel das Geschäft wert wäre, wenn wir es heute verkaufen würden, sagte Kumi und legte den Zeigefinger auf den Daumen. Und der Wert des Grundstücks! Das Land hat uns gehört! Wir haben doch den Grundbuchauszug und können das beweisen.
Mom. Grace legte ihrer Mutter die Hände auf die Schultern. Pass auf.
Es war für Kumi nicht ungefährlich, gleichzeitig zu laufen und zu reden. Wenn sie sich über etwas aufregte, vergaß sie oft alle Vorsicht.
Kumi verzog das Gesicht, aber sie blieb stehen. Sie hielt sich am Tresen fest und sagte: Zufrieden?
Danke. Grace ging zur Spüle. Sie fragte sich, woher denn dieses plötzliche Interesse gekommen war. Ihre Großmutter hatte, als sie noch am Leben war, nie über den Krieg gesprochen, auch nicht über ihr Leben davor. Auch ihre Mutter hatte, außer ein paar gelegentlichen Nörgeleien an der Powell Street, nie davon gesprochen.
Grace werkelte unter dem fließenden Wasser und sagte laut: Du machst dir unnötig Gedanken. Das Land gehört jetzt jemand anderem.
An der Powell Street standen jetzt Kleinbrauereien und Kaffeeröstereien, moderne Apartments und bezahlbare Sozialwohnungen. Keine Spur mehr von der japanischen Gemeinde, die einst hier geblüht hatte.
Es geht ums Prinzip, sagte Kumi.
Der Fernseher ging aus und die Mädchen kamen hereingepoltert. Grace wies auf den Geschirrspüler und sagte: Bitte ausräumen. Zu ihrer Mutter sagte sie: Lass das mal. Das bringt nichts.
War es Langeweile?, überlegte sie. Der Alzheimer hatte Kumi alle ihre Lieblingsbeschäftigungen gestohlen – Kreuzworträtsel, Sudoku, Stricken –, und wenn sie las, konnte sie nur noch den anspruchslosen Plots in mittelmäßigen Romanen folgen.
Meg riss den Geschirrspüler auf, der sich mit einer wuchtigen Heißluftwolke entlud. Die Zwillinge waren schon immer sehr klein gewesen, kaum sechs Pfund bei der Geburt, und in der Grundschule immer die Kleinsten. Aber in den letzten sechs Monaten hatten sie sich gestreckt. Sie waren jetzt groß und langgliedrig und hatten ihre zusätzlichen fünfzehn Zentimeter noch nicht richtig unter Kontrolle. Sie schritten aufreizend langsam zwischen Geschirrspüler und Küchenschränken hin und her, immer nur mit einem Teller, und leerten die beiden Spülkörbe so umständlich wie nur möglich.
Wie war euer Tag heute?, fragte Grace.
Schön.
Habt ihr irgendwas gemacht? Und nicht nur vor dem Fernseher gehockt?
Wir waren draußen, sagte Brianne.
Wo wart ihr?
Weiß nich’, sagte Brianne. Im Park. Um den Block rum. Einfach rausgegangen.
Habt ihr heute nichts anderes gemacht?
Nichts, sagte Megan.
Die Unterhaltung versandete und Grace wünschte, sie hätte die Mädchen einfach bei ihren Videospielen gelassen. Das war ihre Rache dafür, dass sie sie gezwungen hatte, ihr zu helfen.
Steht mal gerade, sagte Grace.
Die Mädchen beugten sich immer nach vorn. Über den Computer, über das Videospiel, über ihre eigene Brust, als wollten sie sie schützen.
Wollt ihr denn aussehen wie zwei bucklige Hexen?, fragte Grace.
Die Mädchen machten noch größere Buckel und alberten der Mutter erst recht was vor. Sie schlugen mit den Armen um sich, gingen tierisch grunzend aufeinander los, sprangen mit wild ausschlagenden Beinen in der kleinen Küche herum.
Schluss jetzt mit diesem Unsinn!, schnauzte Grace sie an. Oder wir kriegen nie was zu essen.
Is’ mir doch egal. Meg richtete sich auf und warf ihr Haar zurück.
Brianne knallte die Schranktür zu, Grace zuckte erschrocken zusammen.
Kumi war aus der kleinen Küche verjagt worden und lief jetzt mit großen Schritten am Esstisch auf und ab, wobei sie mit einer Hand über die Stuhllehnen fuhr.
Alles wurde im Stillen gemacht, sagte Kumi. Die meinten, sie würden uns schützen.
Können wir uns später darüber unterhalten?, fragte Grace.
Kumi hielt mitten im Schritt inne. Später? Es gibt kein Später. Jetzt ist es Zeit aufzurechnen, was die uns angetan haben.
Bei den Worten was die uns angetan haben zuckte Grace erneut zusammen.
Denk doch an Obaachan, sagte Grace. Der Gedanke an die Großmutter würde hier vielleicht helfen. Die hätte das nicht gewollt.
Die haben uns alles weggenommen. Unsere Häuser, unsere Arbeit, unsere Würde. Kumi zog einen Stuhl heran und setzte sich mit hängenden Schultern seitlich darauf. Unsere Kindheit.
Wer hat alles weggenommen?, fragte Meg.
Ganz richtig. Ihr Mädchen solltet euch auch daran beteiligen.
Ich denke nicht …
Woran beteiligen?, fragte Brianne und machte den Geschirrspüler zu.
Kommt, Mädchen, sagte Kumi. Ihr könnt mir in der Dachkammer helfen.
NEBENVORSTELLUNG
Priya und Gigovaz wurden an der Rezeption der Einwanderungs- und Flüchtlingsbehörde von einer jungen Frau begrüßt. Das war Charlika Jones, die Dolmetscherin vom Tamilischen Bund, die sie vor einer Woche in Esquimalt kennengelernt hatten. Sie trug schulterlanges Haar und ein goldenes Nasenpiercing. Mollig kompakt und geradeheraus in ihrer Art, sagte sie ihnen sofort, dass sie sie Charlie nennen sollten, sie habe den Namen ihres Ex behalten. Zu mehr hätte er nicht getaugt.
Priya schätzte, dass sie ungefähr gleichaltrig waren. Charlie sprach sowohl fließend Kanadisch als auch authentisch Tamil. Sie gehörte zu der Generation der dritten Kultur, die ihre Identität problemlos wechseln konnte wie ein Paar Schuhe. Wenn Charlie nach Sri Lanka fährt, dachte Priya, reden die Leute sie nicht auf Englisch an, wie sie das bei mir tun.
Die Lobby dieses Regierungsgebäudes war eine extravagante Art-déco-Show mit geschliffenen Glastüren, Marmorwänden und mehrfarbigen Terrazzo-Fliesen mit Sonnenmotiv. Das war die Art von Bauwerk, bei dem das Budget zugunsten des ersten Eindrucks weit überzogen worden war. Die Räume, in denen die Haftüberprüfungen abgehalten wurden, waren garantiert schmucklos und bedrückend.
Es war viertel vor zehn, und ihre Klienten sollten zu ihrem ersten Termin erscheinen. Der Tamilische Bund hatte Gigovaz in Esquimalt neun Namen gegeben: fünf Erwachsene und vier angehörige Minderjährige. Neun willkürlich ihnen zugeordnete Menschen. Neun von 503 Asylsuchenden, die das Pech hatten, in ein Land zu kommen, das gerade schlecht gelaunt war. Priya hatte beim Frühstück die Nachrichten gehört. Kanada ist ein souveräner Staat, hatte Minister Blair gesagt. Wir werden unsere Grenzen vor Gangstern und ausländischen Kriminellen schützen, und vor denen, die es darauf abgesehen haben, unsere Großzügigkeit zu missbrauchen.
Sie warteten auf den Bus des Justizvollzugs, der mit ihren Mandanten auf dem Weg hierher war. Gigovaz hielt sich seine Zeitung, die Globe and Mail, vors Gesicht, Charlie hatte sich einen Einwegbecher mit Kaffee geholt. Priya hatte nichts zur Hand und versuchte krampfhaft, beim unumgänglichen Small Talk die Finger stillzuhalten.
Schönes Wochenende gehabt?, sagte sie.
Wir hatten am Samstag unsere Jahresvollversammlung. Charlie verdrehte die Augen. Ein Haufen Sri-Lanker, die fünf Stunden lang hin und her quatschen mussten. Aber danach haben wir anständig einen gehoben.
Arbeitest du in Vollzeit für den Tamilischen Bund?
Nein, nein, ich bin freischaffend. Für die mache ich Jobs, wenn sie mich brauchen, manchmal für Geld, meistens ohne. Meine Kosten bestreite ich mit meiner ASL-Arbeit.
Zeichensprache?
Du weißt doch, Simultandolmetscher auf Konferenzen? Charlie nickte stolz, was heißen sollte: Ja, das bin ich! Dann fügte sie hinzu: Der Tamilische Bund ist ein guter Verein. Du solltest mal zu den Partys kommen.
Priya zögerte ein wenig. Vielleicht. Im Augenblick hält mich die Arbeit hier auf Trab.
In Priyas Familie herrschte das unausgesprochene Gebot, geselligen Umgang mit anderen Sri-Lankern zu vermeiden. Als Priya einmal beiläufig den Tamilischen Studentenverein erwähnte, sagte ihr Vater: Lass dich bloß nicht auf das alles ein.
Auf was alles?, fragte sie.
Politik, sagte er düster. Wir sind jetzt hier. Halte dich da raus.
Wenn die Familie ab und zu mal den Tempel besuchte, dann gingen sie nach der Puja sofort weg, blieben nie bis zum Potluck. Priyas Mutter meinte, die Sri-Lanker seien ein engstirniges Volk. Alles ist bei denen gleich Konkurrenz, regte sich Ma immer wieder auf. Welcher Ehemann macht mehr Geld, meiner oder deiner? Welcher Sohn ist Doktor, meiner oder deiner? Und wenn du happy bist – was geht mich das an.
Ihre Eltern hatten sich stattdessen mit anderen Einwanderern befreundet – mit den Nowaks, den Dhaliwals und den Wangs nebenan. Und bei Priya hatte das ein vages Misstrauen gegen andere Sri- Lanker hinterlassen. Jahrelang hatten sie extra dafür bezahlt, ihre Privatnummer aus dem Telefonbuch herauszuhalten. Die mysteriöse Erklärung ihres Vaters war: Ich will keinen Ärger.
Priya und Charlie hielten den Haupteingang im Auge, wo eine Sicherheitsbeamtin Ausweise prüfte und die Taschen durchwühlte. Sie sah ein bekanntes Gesicht, einen Reporter von einem lokalen Nachrichtensender. Er war kleiner als sie.
Charlie war ungehalten: Die Skandalpresse, die darf rein, und wenn ein wohltätiger Bürgerverein kommt, der keinen Profit daraus schlägt, der darf ihnen nicht in die Karten gucken.
Die Haftüberprüfungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Charlie musste in der Lobby warten, als Priya und Gigovaz ihre Mandanten, einen nach dem andern, hereinholten. Für die Anhörungen hatten sie einen anderen Dolmetscher, einen neutralen Dritten, der von der Einwanderungsbehörde eingesetzt worden war.
Ist das normal?, fragte Charlie. Dass man Flüchtlinge festnimmt?
Priya erwartete, dass Gigovaz diese Frage beantworten würde. Das war sein Ressort; sie selber war ja nur sein Trabant. Aber er sagte nichts. Er gab vor, nichts gehört zu haben. Da musste sie selber antworten: Das liegt eigentlich nicht in meinem Fachbereich, aber soweit ich die Sache richtig verstehe, ist eine Festnahme nicht die Norm.
Was wird denn dann hier gespielt?, fragte Charlie. Diese Leute sind aus einem Gefangenenlager geflohen, um hierher zu kommen. Die Männer, na ja, okay, die werden separat in einem Gefängnis untergebracht, aber die Frauen und die Kinder mit richtigen Kriminellen zusammen einzusperren! Das ist unmenschlich! Wie schnell könnt ihr die da rauskriegen?
Gigovaz hielt sich immer zurück, wenn er Zeitspannen angeben sollte. Sie müssen schon Geduld haben, hatte er seinen Klienten vor einer Woche gesagt. Und zu Priya: Meine Fälle sind gewöhnlich in ein paar Monaten abgewickelt. Aber wenn so viele Leute auf einmal kommen? Und wenn der politische Wille gegen sie ist?
Wie lange dann?, wollte Priya wissen.
Jahre, räumte er ein. Es könnten Jahre werden. Woraufhin sie erleichtert spekulierte, dass er wohl nicht von ihr erwarten würde, bis zum Ende ihres Praktikums hier mitzumachen. Wenn ihre Klienten aus der Verwahrung entlassen werden, glaubte sie, würde auch sie wieder frei sein.
Jetzt sagte sie zu Charlie: Wenn diese Anhörungen heute zu unseren Gunsten ausgehen, könnten sie Ende nächster Woche raus sein.
Nicht zu früh jubeln, warf Gigovaz düster ein, faltete die Zeitung zusammen und schlug sich damit auf den Oberschenkel.
Priya verzog das Gesicht, noch ehe sie gewahr wurde, dass Charlie sie beobachtete. Es war typisch für Gigovaz, ihr erst das Reden zu überlassen und sie dann bloßzustellen, wenn sie sich vertan hatte.
Das Verfahren verläuft typischerweise so, erklärte er Charlie und kehrte Priya den Rücken zu: Sagen wir mal, Sie kommen als Flüchtling am Flughafen an. Als Erstes brauchen Sie eine Genehmigung, Asyl zu beantragen. Das nennt man Zulassungsfähigkeit, und die wird gewöhnlich routinemäßig abgestempelt. Gewöhnlich. Wenn Sie kein bekannter Krimineller sind, oder nicht schon einmal abgeschoben wurden, dann entscheidet jemand an der Grenze – Einwanderungsbehörde oder Grenzschutz –, dass Sie Asyl beantragen können. Das dauert ein paar Stunden, in einigen Fällen ein paar Wochen. Während dieser Zeit wird Ihre Zulassungsfähigkeit überprüft und Sie sind, gewöhnlich, auf freiem Fuß.
Die richtige Hürde, sagte Gigovaz, kommt Monate später bei den Anhörungen durch die Flüchtlingskommission. Zwei oder drei Entscheider quetschen die Antragsteller nach jedem, auch dem geringsten Detail ihrer Story aus. Dieses Gremium trifft die letzte Entscheidung.
Über den unbefristeten Aufenthaltstitel, sagte Charlie und nickte verständnisvoll.
Der unbefristete Aufenthaltstitel. Gigovaz streckte einen Arm nach oben und griff in die Luft. Der hängt da oben.
Bist du hier geboren?, fragte Charlie. Priya nickte und Charlie fuhr fort: Wir sind gekommen, als ich drei war. Als Einwanderer. Wir hatten Glück. Sie wandte sich Gigovaz zu: Sie sagen immer gewöhnlich.
Gigovaz zog sich am Ohr und ließ langsam die Luft ab. Mehr als fünfhundert Antragsteller, und die Regierung drängt auf Abschiebung. Wir müssen Argumente für die Zulassungsfähigkeit beibringen, was nicht die Norm ist, nein gar nicht. Und bei so vielen Fällen, wie wir sie heute durchboxen müssen, um die Leute allererst aus der Sicherungshaft zu holen, wird es Monate dauern, bis wir Termine für die Anhörungen zur Zulassungsfähigkeit bekommen.
Ihr erstes Ziel ist es, die Leute aus dem Knast herauszubekommen?, fragte Charlie.
Nicht unbedingt, sagte Gigovaz. Die können immer noch in Sicherungshaft sein, wenn die Zulassungsanhörungen anfangen. Das ist schon passiert.
Sondierung der Häftlinge, Überprüfung der jeweiligen Zulassungsfähigkeit, dann die eigentlichen Zulassungsanhörungen bei der Flüchtlingskommission: eine lange Reihe von Entscheidungen, und jede davon mit dem Potenzial für Absage und Abschiebung. Priya hatte Charlies Worte noch im Ohr: Wir hatten Glück. In einem Anflug von Hoffnungslosigkeit, und für den Bruchteil einer Sekunde, tat auch Gigovaz ihr leid, dass es sein Beruf war, durch diesen juristischen Morast waten zu müssen.
Gigovaz deutete auf die Zeitung, die er gelesen hatte – Priya sah in der Überschrift die Wörter illegal und Schiff – und sagte: Achten Sie darauf, was die Presse daraus macht. Souveränität? Blair hat den Grenzschutz instruiert, uns im Namen der öffentlichen Sicherheit mit allen möglichen Scheinargumenten zu traktieren.
Gigovaz hatte Priya beauftragt, die relevanten Artikel aus den Zeitungen auszuschneiden. Sie hasste diese Arbeit. Reporter, die keine Ahnung von den Gesetzen hatten, und schlimmer noch das Online-Getwitter. Allein beim Anblick von Fred Blair – wie er die Augen verdrehte und finster stierte, wenn er verkündete: Irgendwo muss die Grenze gezogen werden – ballte sie die Faust. Zwanzig Jahre Zollhausinspektor, und jetzt hält er sich für den obersten Hüter der öffentlichen Sicherheit.
Aber die Einwanderungsbehörde ist ein unabhängiges Amt. Es ist nicht die Regierung. Es handelt im Rahmen des Gesetzes, und seine Beamten treffen die Entscheidungen. Priya konnte Gigovaz’ Zynismus nicht teilen.
Diese ganze Angelegenheit ist zur Nebenvorstellung geworden, sagte Gigovaz. Blair zieht das alles so lange wie nur möglich hinaus.
Wissen die denn nicht, sagte Charlie, wie traumatisch Gefängnishaft ist? Posttraumatisches Belastungssyndrom, Depression …
Wir werden die psychologischen Gutachten als mildernde Faktoren beibringen, sagte Gigovaz. Aber ob Mitgefühl beim Urteil der Entscheider eine Rolle spielt, das bleibt dahingestellt.
Wo werden sie nach ihrer Entlassung unterkommen?, fragte Priya.
Einige haben Verwandte hier, meistens in Toronto, sagte Charlie, die immer noch finster dreinschaute. Wir versuchen, sie in Pensionen unterzubringen. Und es gibt Leute, die ihnen separate Zimmer in ihren Kellerwohnungen zur Verfügung stellen. Außerdem haben Flüchtlinge auch Anspruch auf finanzielle Unterstützung, aber die reicht nicht aus, um einigermaßen durchzukommen, nicht in Vancouver.
Priya fühlte sich von all dem zutiefst beschämt, von dem guten Willen und der Solidarität so vieler Menschen, die bereit waren, Fremde aufzunehmen, und das aus einem Gefühl der, was … ethnischen Zusammengehörigkeit? … der Diaspora?
Charlie zeigte auf die Drehtür. Da kommen sie.
Voran die beiden Frauen in identischem Outfit und nummerierten Sportschuhen. Priya hatte sie vor einer Woche im Gefängnis in Burnaby gesehen.
Savitri Kumuran war einunddreißig Jahre alt, eine Witwe und Mutter von zwei toten Kindern in Sri Lanka und einem sechsjährigen Sohn, der bei ihr war. Bei ihrem Interview mit Gigovaz war sie ruhig geblieben, hatte klare Antworten gegeben. Sie und ihr Mann hatten einen Juwelierladen in Sri Lanka. Zu Hause, sagte sie verträumt. Damals zu Hause.
Aber danach hatte Gigovaz Priya erklärt: Diese Frau ist depressiv. Wenn wir sie nicht bald hier herausbekommen, ist sie am Ende.
Heute war ihr dichtes Haar im Nacken zu einem langen Zopf zusammengeflochten, der in schweren Wellen den Rücken herunterhing. Ihre Haut war für eine Tamilin überraschend hell, und mit den hohen Wangenknochen und dem Grübchen im Kinn war sie eine natürliche Schönheit. Sie hielt eine Hand ausgebreitet am unteren Rand des Halses. Priya betrachtete ihren leeren, gequälten Gesichtsausdruck und dachte: Diese Frau ist zwei Jahre älter als ich.
Die zweite Frau war Hema Sokolingham. Sie war achtunddreißig und ebenfalls Witwe. Nervös und verängstigt hatte sie während ihrer ersten Befragung Gigovaz’ Augen gemieden und ihre Antworten an Priya und Charlie gerichtet. Sie war mit ihren zwei Töchtern nach Kanada gekommen. Diese beiden, wie auch die anderen Minderjährigen, blieben von den Befragungen und Anhörungen verschont.
Wie steht es mit Hema?, hatte Priya gefragt. Wie sind ihre Aussichten?
Aber Gigovaz sagte nur achselzuckend: Da ist etwas, was sie uns nicht sagen will.
Charlie beugte sich vor und flüsterte: Siehst du das? Die sind angekettet wie Sklaven.
Sind die Fesseln nötig?, fragte Gigovaz den Wachtposten.
Als ihr die Handschellen abgenommen wurden, massierte Hema sich die Gelenke. Thank you, sagte sie sehr leise auf Englisch. Ihr Haar hing in einem langen Zopf den Rücken herunter; sie hatte schiefe Zähne.
Charlie strich Hema über den Arm und fragte auf Tamil: Nalamaa? Wie geht’s?
Dann kamen die Männer: Prasad, Mahindan und Ranga, alle – auf Gigovaz’ Geheiß – glattrasiert. Ein dunkelhäutiger Mann mit Bart, der um Asyl bettelt? Nicht unter meiner Regie.
Das Aussehen der fünf Flüchtlinge hatte sich seit der ersten Begegnung vor einer Woche merklich verändert. Sie erschienen frisch und ausgeruht, die Augen waren klar, die Fingernägel geschnitten und sauber. Priya fragte sich, ob das richtig war. Würden die Entscheider diese Flüchtlinge nicht mit mehr Mitgefühl behandeln, wenn sie sie so sähen, wie sie selber sie gesehen hatte, als sie dreckig und zerschlagen in Esquimalt vom Schiff geführt wurden?
Prasad schüttelte ihnen kräftig die Hand und sprach sie auf Englisch an. Good morning, good morning. Very nice to see you.
Die anderen blieben etwas weiter zurück, reckten die Hälse nach der gigantisch hohen Decke und schlurften mit den Schuhsohlen über die Fliesen, als wollten sie deren Qualität testen.
Prasad war der Einzige, der von dem umgebenden Luxus unbeeindruckt blieb. Schließlich hatte er als studierter Journalist in Colombo gearbeitet und sprach fließend Englisch. Gigovaz hatte gleich zu Priya gesagt: Das ist unser bester Kandidat. Unser Mustermigrant.
Um sie herum liefen Büroarbeiter, vertieft in ihre Smartphones und Zeitungen. Wie eine Reisegruppe, schoss es Priya durch den Kopf, und Gigovaz ist der Reiseleiter. Prasad bombardierte sie mit Fragen. Wie lange hatte Kanada von dem Schiff gewusst? Warum waren sie ihnen nicht entgegengekommen, warum hatten sie ihnen nicht schneller Hilfe geschickt?
Mahindan und Savitri lösten sich aus der Gruppe und steckten ihre Köpfe zusammen. Mahindan war offensichtlich erregt und bekam seine zitternde Hand nicht unter Kontrolle. Savitri zog nur die Schultern hoch und wandte ratlos die Handflächen nach oben. Was ist mit den beiden?, dachte Priya. Aber sie wusste ja, dass Savitri sich um Mahindans Sohn kümmern sollte. Hatte man inzwischen einen Besuch arrangiert? Priya empfand ein leises Schuldgefühl, hatte sie diese Sache doch nicht weiterverfolgt. Im gleichen Atemzug aber kam auch die Irritation: Sie war nicht als Sozialarbeiterin hier.
Ranga humpelte hinüber, klopfte Savitri leicht auf die Schulter und massierte, während er zu ihr sprach, sein Bein. Er war in einem Dorf in Mannar Obst- und Gemüsehändler gewesen. Eines Nachts war sein Gemüsestand beschossen und total vernichtet worden. Als ich am Morgen dahin kam, war alles weg, hatte er ihnen erzählt, dem Erdboden gleich gemacht. Was konnte ich da tun? Ich war am Ende.
Der will wissen, was Mr. Gigovaz neulich gesagt hat, sagte Charlie. Über ihre Ausweise.
Wir geben ihre Namen nicht an die Regierung von Sri Lanka weiter, sagte Priya schnell. Wenn Sie noch Familienangehörige in Sri Lanka haben, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, dass denen etwas passiert.
Ranga wollte noch etwas sagen, aber Gigovaz sah auf seine Uhr und verkündete, es sei Zeit hineinzugehen. Mr. Mahindan, Sie sind der Erste. Ms. Jones wird den anderen hier draußen Gesellschaft leisten.
Wie erwartet, war der Anhörungsraum ein trüber, fensterloser Kasten mit quadratischen, in die Styropor-Deckenfliesen eingelegten Leuchtkörpern. Vier lange Tische waren zu einem Quadrat zusammengestellt, an jedem Sitzplatz war ein Mikrofon angebracht. Der Raum hatte etwas unterirdisch Beklemmendes an sich, wie eine enge Kellerwohnung.
Als sie eintraten, verdrehte sich eine Herde Reporter die Köpfe nach ihnen. Die Besetzung war komplett: die Reporter, eine Stenotypistin, ein Schnellzeichner und ein weißblonder Mann mit dünnem Schnurrbart, den Gigovaz als den Dolmetscher vorstellte. Er saß neben Mahindan und hatte zwei dicke Wörterbücher, einen Notizblock und einen Schreibstift vor sich liegen, alles im rechten Winkel zur Tischkante.
Auf ihren Gegenpart weisend, sagte Gigovaz: Amarjit Singh von der Grenzschutzagentur.
Der Grenzschutz – die für die Bewachung der äußeren Landesgrenzen verantwortliche Instanz, die offiziellen Rausschmeißer. Priya hatte sich am Abend zuvor hingesetzt und sich die Namen aller Beteiligten eingeprägt.
Eine Uhr tickte träge an der Wand. Sie warteten auf den Entscheider. Es gab acht Entscheider, und wen von ihnen ein Antragsteller an einem gegebenen Tag zugeordnet bekam, entschied das Los.
Wir haben eine Neue, sagte Gigovaz, Grace Nakamura.
Ist das gut oder schlecht?, fragte Priya.
Er runzelte die Stirn und knurrte: Von der Regierung eingesetzt, handverlesen von Blair.
Die Reporter hatten ihre Smartphones in einer Box neben dem Wachtposten ablegen müssen. Ihre Augen hielten sie fixiert auf Mahindan und kritzelten gelegentlich etwas in ihre Notizblöcke. Die Namen der Antragsteller durften nicht veröffentlicht werden. Die Reporter mussten ihre Beiträge mit größter Umsicht formulieren. In der von der Haftanstalt bereitgestellten Kleidung, einem grünen Pullover und einer grauen Jogginghose, saß der Migrant mit auf dem Schoß geballter Faust am Anhörungstisch.
Am anderen Ende des Raumes ging eine Tür auf, und die erwartete Person trat ein. Sie trug einen schneidigen Hosenanzug und hatte ihr Haar straff zu einem Knoten gesteckt. Ein Wachtposten folgte ihr, schloss die Tür und stellte sich, die Hände in den Hosentaschen, davor auf.
Nakamura hatte den besten Platz im Haus – einen Sessel mit hoher Rückenlehne und gepolsterten Armlehnen. Sie war klein von Statur, aber sie beherrschte den Raum mit der Präsenz einer weit größeren Person. Auch ohne erhöhten Sitz, ohne Robe oder Hammer, strahlte sie richterliche Strenge aus. Aber sie ist keine Richterin, und das ist kein Gericht, sagte sich Priya. Dies ist eine Anhörung der Verwaltung, allerdings in der zwielichtigen Grauzone zwischen Bürokratie und Gesetz.
Nakamura sprach in ihr Mikrofon: Die Sitzung wurde einberufen zur Haftüberprüfung für Mr. … Sie schaute in ihre Papiere und kämpfte sich konzentriert, mit leicht gerunzelter Stirn, durch den Namen, Mr. Poom…am…ba…lam Ma…hindan. Zuerst aber die Aufnahme der Anwesenheit, sagte sie dann.
Der Dolmetscher hieß Nigel Blacker. Nakamura bat ihn und Mahindan zu bestätigen, dass sie sich verständigen konnten, worauf die beiden ein paar Worte wechselten. Priya fiel auf, wie eigenartig es doch war, so ein perfektes Tamil ungezwungen und natürlich aus dem Mund eines blonden Mannes zu hören. Was er und Mahindan sich sagten, verstand sie nicht.
Als sie noch bei Elliot, McFadden, and Lo war, hatte Joyce Lau die Fusion von Henley und SunEx abgewickelt. Anderthalb Wochen davor hatte Priya die Checkliste für die erforderlichen Genehmigungen abgehakt. Warum war sie jetzt hier? Charlie hatte ein viel größeres Recht darauf, in diesem Raum zu sitzen als sie.
Nakamura sagte: Wir beginnen mit Ms. Singh von der kanadischen Grenzschutzagentur.
Singh lehnte sich nach vorn und drückte auf den roten Knopf ihres Mikrofons. Der Minister für öffentliche Sicherheit ist der Meinung, dass die Identität des Antragstellers nicht etabliert ist.
Gigovaz wartete, bis Blacker das übersetzt hatte, und sagte dann: Mein Klient hat umfassenden Nachweis seiner Identität vorgelegt …
Singh schnitt ihm das Wort ab und richtete sich an Nakamura: Außerdem befürchtet der Minister, dass dieser Migrant versuchen wird, das ordentliche Aufnahmeverfahren durch Untertauchen zu umgehen.
Aus welchem Grund?, fragte Gigovaz.
Es gibt Indizien dafür, dass das Schiff Teil einer Schlepperaktion war. Wenn das der Fall ist, läuft jeder von Bord Gefahr, dass er gezwungen wird, sich weiteren Anhörungen zu entziehen.
Mahindan verfolgte mit angespannt hin und her schnellenden Augen den Wortwechsel zwischen Singh und Gigovaz. Dann hörte er aufmerksam der Übersetzung von Blacker zu. Dabei wechselte seine Miene abrupt zwischen erschrocken, gespannt, hoffnungsvoll und hilflos.
Priya hätte sich gern zu ihm gebeugt und ihn beruhigend an den Arm gefasst, wie Charlie es mit Hema getan hatte, aber sie wagte es nicht. Stattdessen beobachtete sie fasziniert den Dolmetscher. Blacker nahm die Haltung der Person an, die gerade gesprochen hatte, und gab dann seine Übersetzung im Ton und mit der Gestik dieser Person wieder. Was war seine Story? Was steckte hinter diesem Wikinger mit seinem akzentfreien Tamil, seinen perfekt vibrierenden R’s?
Gigovaz sagte: Ich fordere den Minister auf, Beweise zu erbringen. Ohne diese bleibt es ein Gerücht.
Uns sind an Bord aufgenommene Fotos zugekommen, sagte Singh. Daraus ist ersichtlich, dass an dem Schiff extensive Renovierungen vorgenommen wurden. Es war zum Beispiel nachgerüstet mit Sanitäranlagen für eine lange Seereise. Das alles legt nahe, dass es sich um eine breit angelegte kriminelle Unternehmung handelte.
Priya hatte die Fotos im Beweismaterial gesehen. Sie hatte die verrostete Toilette gesehen: einen etwas erhöht montierten Aluminiumtrichter mit beidseits angebrachter Trittfläche – ein primitives Gestell, umrandet von orangebraunem Rost und notdürftig in ein winziges Gehäuse eingebaut.
Nakamura erhob ihre Stimme. Fünfhundert Menschen auf einem nachgerüsteten Frachtschiff. Wer hat das alles organisiert, wenn nicht ein Ring von Schmugglern?
Mit Verlaub, sagte Gigovaz, das sind alles nur Indizien. Wir müssen uns an die Regel der primären Beweismittel halten.
Nakamura runzelte ärgerlich die Stirn und Priya presste die Finger zusammen. Was Gigovaz gesagt hatte, war richtig. Singh hätte keine Mutmaßungen in den Prozess einbringen dürfen. Dieser ganzen Sitzung haftete etwas Informelles und Ungehöriges an.
Gigovaz räusperte sich und machte einen zweiten Anlauf. Anstatt herumzurätseln, was sein könnte, sollten wir uns mit dem konkret vorliegenden Beweis befassen. Mr. Mahindan hat seine Geburtsurkunde vorgelegt, seinen Personalausweis aus Sri Lanka, Schulzeugnisse, Heiratsurkunde und auch die Sterbeurkunde seiner verstorbenen Ehefrau. Er kooperiert bereitwillig beim Nachweis seiner Identität.
Mit wiedergewonnener Fassung wandte Nakamura sich Singh zu. Sind die Dokumente der Migranten verifiziert worden?
Das juristische Hin und Her kam unendlich langsam voran. Jeder sprach immer nur ein oder zwei Sätze, um auf die Übersetzung zu warten. Während Blacker übersetzte, wurde rundum geflüstert. Die Reporter kritzelten eifrig in ihre Notizblöcke. Wie sie von einer Seite des Raumes her geschlossen den Prozess verfolgten, kamen sie Priya vor wie eine Jury.
Die Luft im Raum war trocken, im Hintergrund summte die Klimaanlage. Priya sah, wie Mahindan schluckte. Er machte, ohne zu sprechen, den Mund auf und zu. Sie schrieb etwas auf ihren Block und schob ihn Gigovaz zu. H2O? Gigovaz schrieb zurück: Wasserspender, Lobby.
Wie läuft’s?, fragte Charlie, als sie Priya herauskommen sah.
Sie und die anderen hatten Sitzplätze in einem kleinen Warteraum gefunden und unterhielten sich vertraulich auf Tamil. Priya war überrascht, sie so entspannt, fast fröhlich zu sehen. In der Nähe stand ein gelangweilter Gefängniswärter. Ich weiß nicht, sagte Priya. Langsam.
Wenn sie die Verhandlungen opponierender Anwälte verfolgte, hatte Priya ein gutes Gespür dafür, wer die Oberhand hatte. Aber für eine quasi-gerichtliche Sitzung wie diese hier fehlte ihr das Barometer, um den Stand der Dinge abzulesen. Ich kenne mich in Fusionen und Aufkäufen aus, dachte sie. Aber von dem hier verstehe ich überhaupt nichts.
Es war kurz vor elf. Joyce führt jetzt ihre CEOs in den Konferenzraum, dachte sie. Dort standen Glaskrüge mit kaltem Wasser, Kaffee wurde hereingebracht und serviert. Priya wäre jetzt auch dort, wenn sie damals bei dieser blöden Sitzung Gigovaz nicht so angestarrt hätte. Sie würde jetzt die Broschüren austeilen, dann mit überschlagenen Beinen auf ihrer Stuhlkante sitzen und sich Notizen machen, während Joyce den Vorsitz über die Vermählung der beiden größten pharmazeutischen Konzerne des Landes führte.
Sitzen viele Richter da drin?, wollte Prasad wissen.
Nur ein Entscheider, sagte Priya. Das ist kein richtiger Gerichtssaal, die sitzen alle nur in einer Art von Viereck. Nicht ganz so einschüchternd.
Charlie gab das Gehörte weiter an ihre Schützlinge, während Priya sich über den Wasserspender beugte, zwei Pappbecher füllte und diese im Vorbeigehen hochhob. Ich bringe Wasser rein, sagte sie. Es ist richtig trocken da drin.
Als sie wieder in den Raum kam, sprach Singh gerade: Wir untersuchen hunderte von Fällen. Natürlich geht da die Identitätsüberprüfung langsamer voran als gewöhnlich.
Priya stellte die beiden Becher vor Mahindan ab. Sie zog ihren Stuhl so lautlos wie möglich zurück.
Mr. Mahindan sitzt unter Freiheitsentzug im Gefängnis, sagte Gigovaz; sein sechsjähriger Sohn lebt bei ihm völlig fremden Frauen. Wir dürfen die psychologischen Folgen der Inhaftierung und der Trennung nicht außer Acht lassen, besonders im Falle des Kindes.
Der Antragsteller ist Staatsangehöriger eines Landes, wo in den letzten drei Jahrzehnten bekannte Terroristen Bürgerkriege angezettelt haben, sagte Singh. Der Minister drängt darauf, dass wir mit aller gebotenen Sorgfalt und Umsicht vorgehen, um die Souveränität unserer Nation zu schützen.
Souveränität. Wieder dieses Wort. In hohen Tönen, wie aus einer Hundepfeife.
Nakamura erhob eine Hand. Sehr gut, meine Entscheidung ist getroffen. Mr. Gigovaz, ich halte Ihre Bedenken für voreilig. Dieser Mann und seine Gruppe sind erst letzte Woche hier angekommen. Verzögerungen sind zu erwarten. Der Migrant wird in der Haft bleiben, wir werden seinen Fall nächste Woche noch einmal überprüfen. Bringen Sie bitte den nächsten Antragsteller herein.
RAMAS LIED
November 2002
Chithra und Ruksala legten ihren Ultraschalltest auf denselben Termin, so dass sie sich alle den Vormittag freinehmen und zusammen bei Mahindan und Chithra Mittag essen konnten: übrig gebliebene String Hoppers mit Eiercurry und extra scharfem Pol Sambol. Sie aßen mit den Fingern, und der Deckenventilator blies ihnen das Haar durcheinander.
Die LTTE hat jetzt genug von der Regierung, sagte Ruksala und fischte ein Ei aus dem Currytopf.
Der Waffenstillstand war aufgehoben worden. Die Tigers hatten die Verhandlungen abgebrochen, und selbst Ruksala glaubte, dass das nun endgültig war. Ihr Cousin Shangham hatte seine Uniform wieder angezogen und war kampfbereit zurückgegangen, aber Prabhakaran, der Führer der LTTE, sagte, dass das nicht genug sei. Sie brauchten mehr Kämpfer. Jede patriotisch gesonnene Familie müsse wenigstens einen schicken.
Da braut sich was zusammen, sagte Rama.
Was?, fragte Chithra mit hochgehaltener Sambol-Schale.
Aber Mahindan schüttelte kaum merklich den Kopf, und Rama gab keine Antwort. Stattdessen machte er sich Luft über die Vertretungslehrer in der Schule. Unausgebildete Kasper, die kaum addieren können und sich mühselig durch eine Algebrastunde schlagen, sagte Rama und pochte mit den zusammengefügten Fingerspitzen auf seinen leeren Teller.
Ruksala beugte sich zu ihm und warf einen String Hopper – ein Bällchen aus Reismehlnudeln – auf seinen Teller. Was können die Tigers schon mit Schulen anfangen, sagte sie. Je eher die Jungs und Mädels da raus sind, desto eher können sie mitkämpfen. Eine Sünde, nicht?
Die Hälfte der Unterrichtsmaterialien für Physik und Chemie ist kaputt und nicht mehr zu reparieren, sagte Rama.
Als Vergeltungsmaßnahme für den Rückzug der Tigers vom Verhandlungstisch hatte die Regierung den LTTE-kontrollierten Gebieten Embargos auferlegt. In den Häfen wurden die Schiffe festgehalten, an den Straßenkontrollpunkten die Fahrzeuge, um jede Kiste und jeden Kofferraum zu durchsuchen. Das führte dazu, dass in diesen Regionen kaum noch etwas zu bekommen war, sei es Milch oder eine Verlängerungsschnur.
Ich kriege für die Werkstatt fast gar nichts mehr, sagte Mahindan und wandte die leicht geballte linke Hand nach oben. Bremsflüssigkeit, Motorenöl … fast unmöglich!
Allerdings war das Dieselembargo von Vorteil für Mahindan. Der Preis hatte sich über Nacht verdoppelt, und alle wollten ihre Motoren auf Kerosin umbauen lassen. Die Fahrer bliesen dann mit einem Rohr ein paar Tropfen Benzin hinein, und wenn die Motoren angesprungen waren, liefen sie auch mit dem billigeren Treibstoff. Das war eine übelriechende Arbeit für Mahindan, aber sie brauchten das Geld, ganz besonders jetzt, wo das Baby bald kam.
Und seht doch mal, was in den Krankenhäusern los ist, sagte Ruksala finster. Ich werde mir wahrscheinlich eine Hebamme nach Hause holen.
Chithra schlug sich an die Stirn. Bloß das nicht! Denk doch mal nach, was da alles passieren kann.
Mahindan dachte für sich, dass das gar keine schlechte Idee sei. Ihr Krankenhausbesuch am Vormittag war nicht sehr ermutigend gewesen. Patienten lagen auf Tragen in den Korridoren, die Entbindungsstation war zur Hälfte mit Plastikplanken abgesperrt. Die Renovierungen, die von der UNICEF finanziert wurden und während des Waffenstillstands begonnen hatten, waren auf ungewisse Zeit eingestellt worden. Das Embargo hatte den Preis für einen Sack Zement von 600 auf 6 000 Rupien hochgetrieben.
Sie hatten zwei Stunden warten müssen, und dann war kein Arzt gekommen, sondern eine Krankenschwester in Ausbildung. Letzten Monat sind gleich zwei Ärzte gegangen, erklärte sie ihnen, während sie mit dem Zeigefinger die Gewichte an der Personenwaage zurechtschob. Ein großer Teil des Krankenhauspersonals – allen voran die Ärzte, die ihr Geld von der Regierung bekamen – war nach Trincomalee und Batticaloa abgewandert: in mehrheitlich tamilische Regionen, in denen die LTTE keinen festen Fuß gefasst hatte und die deshalb auch nicht von den MiGs der Armee überflogen wurden.
Selbst als sie es endlich in den Untersuchungsraum geschafft hatten, mussten sie warten, bis das Ultraschallgerät gebracht wurde. Chithra saß zitternd vor Kälte in ihrem Papierumhang, und Mahindan hatte die halbleeren Medikamentenschränke hinter ihr gesehen.
Wie viele Frauen haben jetzt schon ihr Baby zu Hause bekommen?, fragte Ruksala, riss einen String Hopper auf und tränkte ihn mit Currysoße. Ich denke ernsthaft darüber nach.
Mahindan zog die Augenbrauen hoch und blickte zu Rama, der nur die Achseln zuckte. Er sagte: Zwanzig Ärzte für eine Bevölkerung von wie vielen? Hundertfünfzigtausend? Das reicht nicht.
Man kann’s ihnen nicht verübeln, dass sie weggehen, sagte Chithra und fischte ein paar Kardamomkapseln aus ihrem Curry. Manchmal will ich auch hier weg.
Wohin?, fragte Ruksala, ehe sie sich den nächsten Happen in den Mund steckte.
Keine Ahnung, sagte Chithra. Sie strich sich abwesend mit der freien Hand über den Bauch. Kaum drei Monate schwanger, und diese Geste war ihr schon zur Gewohnheit geworden, wenn sie über schwierige Dinge sprach. Mit dem Baby … Ich weiß nicht … Wenn es nur irgendwo Sicherheit gäbe.
Indien?, sagte Rama. Da bleibst du nur in so einem Lager hängen.
Mahindan drückte Chithras Schulter. Sie hatte angefangen, vom Weggehen zu reden, als sie erfuhren, dass sie schwanger war.
Es macht keinen Sinn, irgendwohin zu gehen, sagte Mahindan. Wir haben hier unser Haus und unsere Arbeit und unsere Eltern.
Wir nehmen unsere Eltern mit, sagte Chithra. Sie legte ihre Hand auf den Tellerrand und lehnte sich zurück.
Mahindan streckte die Finger nach einem kleinen Happen String Hopper und Curry aus. Dann geht es uns wie allen Vertriebenen und wir ziehen ohne ein festes Zuhause hierhin und dorthin. Willst du das deinem Baby antun?
Trinco und Batti. Das sind noch tamilische Gebiete, sagte Chithra.
Ruksala nahm den Deckel vom Wasserkrug, hielt den Krug am schmalen Hals und füllte ihre Metallbecher mit Wasser auf. Embargos und Bombardierungen, sagte sie. Das haben wir alles schon einmal überlebt.
Mit dem Unterschied, dass jetzt Kinder dazukommen, sagte Chithra. Als das Feuer eingestellt wurde, habe ich mir was vorgemacht und geglaubt … aber jetzt …
Jetzt sind wir wie unsere Eltern geworden, sagte Ruksala. Und in zwanzig Jahren, wer weiß? Unsere Kinder werden wahrscheinlich genau dieselben Gespräche führen.
Das darfst du nicht so sagen! Chithra schlug auf den Tisch. Mit bebenden Lippen legte sie eine Hand über die Augen.
Die Hormone, dachte Mahindan. Die Schwangerschaft hatte Chithra, die sonst immer so stark war, reizbar und weinerlich gemacht.
So schlimm ist das ja gar nicht, sagte Rama beruhigend. Nur eine Bombe, und niemand wurde verletzt.
Wir haben uns daran gewöhnt, nicht?, fügte Mahindan hinzu und strich Chithra über den Rücken. Solange unsere Region in den Händen der Tigers bleibt, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.
Aiyo, tut mir leid. Ruksala reichte Chithra über den Tisch die Hand. Chithra schniefte hörbar und wehrte Ruksalas Hand ab. Mrs. Ramamoorthy im Büro sagt, dass Männer rekrutiert werden.
Bauarbeiter, erklärte Mahindan, arbeitslose Kerle, die nichts Besseres zu tun haben.
Mahindan ärgerte sich über Chithras Chefin. Diese Frau stopfte ihr den Kopf mit unnötigen Ängsten voll. Während der ganzen Besatzungszeit, als die singhalesischen Soldaten die Straßen patrouillierten, war Chithra erhobenen Hauptes und mit ihrem bis zu den Hüften schaukelnden Zopf an ihren anzüglichen Blicken vorbei gegangen. Mahindan war jedes Mal erschrocken, wenn sie ihm erzählte, was ihr passiert war. Wie sie zum Beispiel einem Soldaten den Marsch geblasen hatte, als er einem alten Mann auf den Leib rücken wollte. Chithra sagte immer: Ich kann nicht in Angst leben.
Jetzt gab er ihr ihre Worte zurück. Angst bringt nichts, Chithra.
Besser hier bleiben als im Osten leben, fügte Ruksala hinzu. Unter der LTTE sind wir sicher, das muss man schon sagen. In Kilinochchi kann man sich frei und ohne Furcht bewegen, auch allein in der Dunkelheit. Aber im Osten, unter der Regierung? Frauen werden dort im eigenen Haus attackiert.
Ich weiß nicht. Chithras Augen wanderten zu einem Gecko, der mit dem Kopf nach unten an der Decke hing. Sie schob ihren Stuhl zurück, ohne die Hand zu rühren, die flach und fest auf ihrem leeren Teller lag.
Mahindan wusste, dass sie in Gedanken bei ihrem Termin im Krankenhaus war: als die Schwester endlich das Ultraschallgerät ins Zimmer brachte und der Schalter nicht anging, weil kein Diesel im Generator war.
Diese Embargos bringen uns noch um, sagte Chithra.
Sie standen vom Tisch auf und gingen hinters Haus, um sich an der Pumpe die Hände zu waschen und den Mund auszuspülen.
Wir haben schon mal mit Embargos gelebt, sagte Mahindan. Wir werden sie jetzt auch überleben. Er schüttelte das Wasser von den Händen und blinzelte in die Sonne.
Sie gingen wieder hinein. Apropos Embargos – eine komische Geschichte, sagte Rama und schob seine Brille auf dem Nasenrücken nach oben. Vorige Woche bin ich auf dem Rückweg von Anuradhapura beinah auf der singhalesischen Seite steckengeblieben.
Bewegungsfreiheit war auch etwas, das sie seit dem Ende des Waffenstillstands verloren hatten. Die je von der Regierung und von der LTTE kontrollierten Gebiete waren jetzt durch Stacheldraht und einen meilenbreiten Streifen Niemandsland voneinander abgetrennt. Wer von der einen Seite auf die andere kommen wollte, musste die Kontrollposten der Armee und der Tigers passieren.
Und ob ihr’s glaubt oder nicht, sagte Rama, um sechs machen die Typen alles dicht und fahren für die Nacht nach Hause. Auf der A 9 musste ich Tempo zulegen und habe die ganze Strecke lang geschwitzt. Und nicht nur die Zeit lief mir aus, auch das Benzin. Er unterstrich das mit seitlicher Kopfbewegung und erzählte weiter: Bin gerade noch am Schlagbaum angekommen, und die Soldaten mussten sich natürlich das Motorrad anschauen, ob ich nicht irgendwas Verbotenes einschmuggeln wollte.
Chithra schnaufte.
Der Kerl hat mich schief angeglotzt und sich die Batterien aus meiner Taschenlampe rausgenommen.
Mahindan verschluckte sich an einem Stückchen Toffee. Nein, das gibt’s doch nicht!
Rama äffte den Soldaten mit drohendem Zeigefingerfinger nach: Die wollen wir doch nicht den Rebellen schenken.
Was für ein Unsinn, sagte Ruksala. Die Tigers beziehen ihre Munition und Raketenwerfer aus Nordkorea, trotz diesem sinnlosen Embargo. Und diese Dussel regen sich auf wegen ein paar AA-Batterien.
Rama lachte vor sich hin. Wenigstens hat der Typ halbwegs Tamil gesprochen. Das erste Mal, dass mir ein Soldat begegnet ist, der es wenigstens versucht hat.
Mahindan schaute auf die Uhr und sagte: Ah! Gehen wir zum Tempel?
Mahindan und Rama hatten gerade noch Zeit für eine Puja, ehe sie zur Arbeit zurückmussten. Die beiden Frauen, die sich den ganzen Tag freigenommen hatten, sagten, dass sie zu Hause bleiben und ein Nickerchen machen wollten. Danach wollten sie Tee trinken, alte Liebesromane verschlingen und zum Spaß die unzüchtigen Passagen laut rezitieren. Mahindan hoffte, dass ein Nachmittag mit ihrer besten Freundin Chithra aufheitern würde.
Als sie den Weg herunterradelten, sagte Rama: Ich wollte es Ruksala nicht erzählen, aber auf unserer Seite ist mir auch etwas Komisches passiert. Der Mann hat sich meinen Personalausweis angesehen und mich über meinen Beruf ausgefragt. Welches Fach ich unterrichte? Wie viele Jahre schon? An welcher Schule?
Mahindans Gesicht verdüsterte sich. Er musste manchmal auch durch die Kontrollpunkte, wenn er, was nicht oft geschah, zu den Großhändlern im Süden fuhr. Machst du dir Sorgen?, fragte er.
Gewöhnlich fragen einen die Singhalesen aus. Unsere Leute winken mich einfach durch, wenn sie sehen, dass ich Tamile bin.
Aber sie haben dich durchgelassen, nicht?
Ja, ja. Die Sache ist bestimmt harmlos. Aber sag Ruksala nichts davon.
Der Murugan-Tempel war ein schlichtes Gebäude mit einer überdachten Kolonnade und einem wunderschönen Sandsteinturm, der von oben bis unten mit Schnitzereien und Skulpturen verziert war. Auf der linken Seite befand sich ein freistehender Glockenturm, unter dem der Tempeljunge das gestraffte Seil hielt. Als sie sich näherten, ertönte die riesige Messingglocke, und sie beeilten sich, die Schuhe auszuziehen, die Hemden abzustreifen und ihre Füße unter den Wasserhähnen zu waschen.
Im dunklen Tempelinneren schlug ihnen der berauschende Duft von Kampfer und Sandelholz entgegen. Mit freiem Oberkörper und gekreuzten Beinen saßen Mahindan und Rama mit anderen Männern im Kreis auf dem Fußboden, vor ihnen Messingschalen mit Obst und Blumengirlanden. Das innere Heiligtum war Murugan geweiht, der obersten Gottheit des Tempels. Von seinem Thron aus überschaute er die Gläubigen, während der Priester Sanskrit-Verse anstimmte. Mahindan faltete die Hände, schloss die Augen, entspannte und überließ sich dem Weihrauch und dem vertrauten rhythmisch beschwörenden Gesang.
Seit ihre Frauen schwanger waren, kamen er und Rama in der Mittagspause ein oder zwei Mal in der Woche zum Tempel. Mahindans Gebete waren immer dieselben: eine gesunde Schwangerschaft, eine unkomplizierte Entbindung, ein kluges Kind. Es hatte sich so eingespielt, dass Chithra vor dem Einschlafen ihr Nachtgewand hochzog und Mahindan den Mund auf ihren Bauch legte und ein närrisches, selbstausgedachtes Liedchen sang. Wenn Chithra dann lachte, spürte er das Vibrieren in ihrem Bauch und stellte sich vor, wie das Baby darin umherschwamm, wie es Ammas Lachen von innen und Appas Schmachtgesang von außen hörte. Wir lieben dich, sagte er dem Baby jeden Abend. Wir lieben dich so sehr.
Das Wunder, welches Chithras Körper vollbrachte, war nicht zu fassen: Jeden Tag wurden Hände und Füße, Wimpern und Fingernägel etwas länger. All die winzigen Einzelheiten, die sich ins Dasein entfalteten.
Wem wird das Baby ähneln? Wird es so schallend lachen wie Ammachi? Tante Nilas fotografisches Gedächtnis bekommen? Ganze Abende füllten sie mit glückseligen Spekulationen, stundenlang malten sie sich ihre werdende Familie aus. Fast konnten sie darüber die Wirren der Außenwelt vergessen.
Der Priester war rund wie ein Fass. Seine Stirn war gezeichnet von drei mit weißer Asche gezogenen Linien und einem gelben Sandelholztupfen mit rotem Kumkum in der Mitte. Weiße Streifen liefen ihm vom einen Arm zum andern Arm quer über den breiten Brustkorb. Auf einem Tablett balancierte er eine Öllampe und schwenkte die Flamme vor dem Thron des Murugan hin und her, sang Mantras, auf dass die Gottheit herabsteige und diese Statue mit ihrer heiligen Macht erfülle. Zu seiner Linken schlug der Tempeljunge einen Gong.
Mahindan fiel in einen Trancezustand. Seine Lippen bewegten sich kaum. Die Verse waren so tief in ihm verwurzelt, dass sie sich wie von selbst formten. Wie viele werdende Väter waren schon vor ihm hierher gekommen, um dieselben Gebete zu sprechen? Er empfand eine tiefe innere Ruhe und nahm seinen Platz in der uralten Bruderschaft ein.
Eine sichere Entbindung. Ein gesundes Baby. Sein Vater musste dieselben Gebete gesprochen haben und vor ihm sein Großvater, in den Tempeln von Colombo. An Orten, wohin sein eigenes Kind eines Tages, wenn Freiheit herrscht, vielleicht zur Andacht gehen wird. Seine größte Hoffnung für sein Baby war: ein Leben unbehelligt von Krieg.
Es gab ein Foto von Mahindans Großvater aus der Zeit, als er stellvertretender Leiter der Abteilung für landwirtschaftliche Bewässerung war. Auf diesem Bild sieht man Appappa in westlicher Kleidung mit Jackett und Schlips, einer dicken, schwarzgerahmten Brille und glatt zurückgekämmtem Haar. Damals besaß die Familie einen Bungalow in Colombo 7, sie hatten Dienstpersonal und vollständige Essbestecke. Wenn es nicht den Terror von 83 gegeben hätte, wären sie jetzt vielleicht noch in der Hauptstadt.
Aber Mahindan wollte gar kein Dienstpersonal haben, und auch kein Haus in Colombo. Das Essen schmeckte ihm besser, wenn er es mit den Händen aß. Er liebte seine Arbeit und das einfache Leben mit Chithra, er liebte die Familie, die sie jetzt gründeten. Aber er wünschte seinen Kindern mehr und bessere Möglichkeiten. Möglichkeiten, die sein Großvater hatte, ehe die Singhalesen von Neid getrieben Quoten einführten, die die Rechte der Tamilen immer weiter beschnitten.
Der Priester ließ die Öllampe sinken und die Männer verneigten sich kniend vor der Gottheit. Mahindan bat mit zu Boden gewandtem Gesicht: Lass diese Nöte enden. Als die heilige Flamme ihm dargeboten wurde, stand er auf, berührte die Öllampe mit den Händen, schöpfte mit schneller Geste den heiligen Rauch und fächelte ihn über Gesicht und Kopf. Unartikulierte Bitten schwirrten ihm durch den Kopf. Für mein Kind. Für mein Kind.
Die Sakramentschale wurde herumgereicht, und Mahindan tauchte den Mittelfinger in die rote Kumkum-Paste, drückte sich einen Punkt auf die Stirn und verrieb den Rest auf beiden Seiten des Halses. Als die Puja beendet war, lud der Priester sie zum Mittagessen im hinteren Tempelraum ein.
Willst du dableiben? Rama war immer für eine Mahlzeit zu haben. Er schaute auf die Uhr und sagte: Wir haben noch etwas Zeit.
Mahindan fasste sich unwillkürlich an den roten Punkt auf der Stirn. Er war unruhig, ihm war gar nicht nach Geselligkeit.
Komm, sagte Rama, du musst deinen Kopf freikriegen.
Sie schritten mit zusammengelegten und zur Stirn geführten Händen den inneren Kreis des Tempels ab und verbeugten sich vor jeder Gottheit in ihrer je eigenen Nische. Als sie zu Ganescha kamen, blieb Rama stehen. Er ließ die Hände auf die Brust sinken.
Ooooooommmmmm.
Rama hatte eine schöne Stimme. Tief und klangvoll, schien sie aus dem innersten Kern seines Seins zu strömen. Mahindan stimmte ein, und gemeinsam hielten sie die heilige Silbe, bis sie anschwoll und den Raum füllte und sich mit dem Kampfer und Weihrauch mischte.
Ooooooommmmmm.
Mahindans Herz schlug kräftig und regelmäßig. Sein Körper kribbelte, jedes Chakra belebte sich, wurde aufnahmebereit.
Ooooooommmmmm.
Om. Ganzheit. Vollkommenheit. Alles. Sie hielten den Ton, bis ihnen der Atem ausging und Mahindan spürte, wie der Nachhall das Ohr jeder Gottheit im Tempel berührte, auch das Ohr des Murugan im Innersten des Heiligtums.
Da begann Rama zu singen. Om Gam Ganapataye Namaha. Seine Stimme war fest und sicher. Der Klang des Gan vibrierte weit hinten in seiner Kehle. In einem anderen Leben mochte er ein Brahmane gewesen sein. Om Gam Ganapataye Namaha. Mahindan stimmte ein, und mit den Füßen den Rhythmus schlagend, vereinten sie sich in einem Wechselgesang, dessen langsam ausgehauchtes Om Mahindan von Mal zu Mal beruhigte.
Om Gam Ganapataye Namaha. Mahindan hörte, wie seine Stimme sich beim Singen ausdehnte, kräftiger und sicherer wurde. Die Unruhe schwand, sein Geist war still und klar, sein Körper ein reines Gefäß für die heiligen Klänge. Om Gam Ganapataye Namaha. Er war eins mit Rama, eins mit aller Kreatur. Eins mit der Gottheit.
Sie beendeten ihre Meditation mit drei abschließenden Oms. Dann wandte Mahindan sich seinem Cousin zu, strahlte ihn an.
Besser?, fragte Rama.
Weißt du, Machan, sagte Mahindan, das ist für mich immer Ramas Lied.
Lord Ganeschas Lied, nicht meins, sagte Rama. Hör jetzt auf mit dem dummen Gerede. Wir müssen zurück zur Arbeit.
Aber sie nahmen sich Zeit und blieben noch eine Weile an dem heiligen Ort unter der Obhut der Gottheiten. Rama sang ganz leise noch ein Lied aus dem Thiruvasagam. In weltvergessenem Wohlgefühl zog Mahindan sein Hemd aus der Gesäßtasche und steckte die Arme in die Ärmel.
Vor dem Tempel befand sich eine lange Kolonnade, von deren unterer Decke Girlanden aus Orangenblüten in der Brise schaukelten und ihren Duft verströmten. Rama sang jetzt die beschwingten Verse und trommelte auf seinen Oberschenkeln den Rhythmus dazu.
Komm her, Täubchen, rief er und schlenderte mit nach außen gekehrten Füßen durch die Kolonnade.
Die Tempelglocke schlug und Mahindan, der immer noch mit seinen Hemdknöpfen beschäftigt war, schaute nach oben. Rama blieb urplötzlich stehen. Vor dem Tempel, auf der anderen Straßenseite, stand ein Lastwagen, auf dessen Ladefläche eine Gruppe finster dreinschauender junger Männer saß. Daneben standen zwei bewaffnete Kommandanten in Tarnuniform.
Mahindan blieb völlig ruhig. Das Dunkel des Tempels war direkt hinter ihm. Ich könnte jetzt noch zurücklaufen und verschwinden, dachte er. Die Kommandanten winkten ihnen scheinbar freundlich zu, doch Mahindan wurde übel vor Schreck, als er Arun erkannte. Mahindan war klar, dass sie nicht in die Kolonnade kommen würden. Aber Rama konnte dort auch nicht versteinert stehenbleiben.
Die Glocke schlug ein zweites Mal und Mahindan sah, wie ein Teenager mit beiden Händen wild am Strick zog. Das war keiner von den asketischen, zartgliedrigen Tempeljungen. Die Hosenbeine hatte er über die Knöchel hochgerollt, das offene Hemd flatterte um ihn herum.
Rama ging, als wäre er hypnotisiert, auf die Kommandanten zu. Schuldgefühl zwang Mahindan, ihm barfuß über die Kieselsteine zu folgen, die sich scharf in seine Fersen bohrten. Er und Rama waren zusammen mit Arun in die Schule gegangen. Schon als Kind hatte Arun sich ein Vergnügen daraus gemacht, seine Schulkameraden zu drangsalieren. Er gehörte zu der Sorte Mensch, die für den Krieg lebt. Als die Rekrutierungen begannen, war er der Erste gewesen, der sich einschrieb, noch ehe er die Schule abgeschlossen hatte.
Mr. Ramachandran, Sri-Lehrer, rief Arun über die laut tönende Glocke hinweg. Seit Jahren hatten sie ihn nicht gesehen, und er hatte inzwischen sein linkes Ohr verloren. Wir bringen dir eine Einladung, sagte er. Im Namen des Führers.
Der Junge unter dem Glockenturm kicherte. Mahindan, der die halbe Kolonnade hinuntergelaufen und nur noch wenige Schritte hinter Rama war, sah seine gläsernen Augen, sein unsicheres Gebaren. Er hatte den Glockenstrick losgelassen und hielt mit beiden Händen einen Cricket-Schläger, den er wie einen Krückstock auf den Boden setzte.
Mir? Ramas schrille Stimme verriet seine Erregung. Mahindan konnte sehen, wie sein Rücken bebte, auch sein feingliedriges, ungeschütztes Genick. Aber ich bin doch ein … ein … Lehrer … meine Schüler …
Jeder Dummkopf kann Mathe geben, sagte Arun. Tamil Eelam braucht dich für eine höhere Sache.
Eine höhere Sache, gackerte der betrunkene Junge. Er ging, den Schläger schwingend, auf Mahindan zu.
Die gefangengenommenen Männer auf dem Lastwagen starrten stumpf geradeaus. Mahindans Blickfeld verschwamm, ihm wurde schwindelig und er musste stehenbleiben, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sie hatten die Kolonnade passiert und waren jetzt gnadenlos der Sonne ausgesetzt und dem heißen Boden, der ihnen die Füße verbrannte.
Was ist los mit dir, Machan? Arun ging auf Rama zu und schlug ihm leicht auf den Rücken. Du bist doch Lehrer, nicht? Du musst uns helfen, diesen singhalesischen Kerlen eine Lehre zu erteilen.
Mahindan musste hilflos zusehen, wie sein Cousin abgeführt wurde, vorbei an ihren Fahrrädern, die sie zusammen mit den Sandalen im kühlen Schatten einer Palmyrapalme hingeworfen hatten.
Währenddessen hatte der andere Kommandant mit geschultertem Gewehr dagestanden und zugeschaut. Jetzt ließ er das Gewehr sinken und fasste Mahindan am Arm.
Bist du auch Lehrer?, fragte er freundlich. Er war älter als Arun und hatte offensichtlich nichts dagegen, dass Arun den Befehl führte.
Mahindan merkte, wie er nach vorn geschubst wurde. Noch hatte er Ramas Gesang in den Ohren. Om. Gam. Ganapataye. Namaha.
Seine Knie fingen an zu zittern. Kaum konnte er das Wort Nein herausbringen. Da kam ihm, wie ein Geschenk Gottes, eine Idee. Me… Mechaniker, stammelte er. Ich … bin … Autos, Busse, Lastwagen … Ich …
Sein Mund war total ausgetrocknet. Er glaubte, an seinen eigenen Worten zu ersticken, stattdessen hustete er.
Ich repariere sie … in meiner … meiner … (Husten) …Werkstatt.
Du kannst Motoren umbauen?, fragte Arun.
Von Diesel auf Kerosin? Er spürte Erleichterung, und mit ihr kam der Mut. Ja. Das mache ich dieser Tage für alle. Motoren, Bremsen, neue Reifen … alles. Das kann ich machen.
Er hörte, wie ihm die Worte aus dem Mund sprudelten, und er hasste sich dafür.
Arun winkte seinen Komplizen zur Seite, und Mahindans Arm war wieder frei. Gott sei gelobt! Er wollte auf die Knie fallen.
Lass den Mechaniker laufen, sagte Arun. Er gab Rama einen heftigen Stoß, so dass er auf den Laster zustolperte. Einsteigen! Mach schon!
Rama versuchte, sich auf den Laster zu hieven, kam aber nur zur Hälfte hoch und rutschte rückwärts wieder auf den Boden. Seine Beine gaben nach. Mahindan wandte sich voller Scham ab und sah aus dem Augenwinkel, wie Arun ihn brutal nach oben bugsierte.
Sag es Ruksala, rief Rama, und seine Stimme brach.
Mahindan konnte Ramas Blick nicht standhalten. Das mache ich.
Wo ist deine Werkstatt?, fragte Arun, und Mahindan, der sich hilfsbereit zeigen wollte, erklärte ihm den Weg. Er versuchte, nicht auf das gekräuselte Stückchen Haut zu schauen, wo Aruns Ohr hätte sein müssen.
Gut, einen Automechaniker zu haben, sagte Arun und setzte sich auf den Fahrersitz. Dann steckte er die Hand aus dem Fenster, schlug zweimal ungeduldig auf die Tür und rief dem Jungen: Na mach schon, du Idiot!
Er schaltete den Motor an. Der Junge lehnte sich schwer auf seinen Schläger und blickte zu Boden.
Dann kommst du eben allein nach, rief Arun.
Die Tür auf der Beifahrerseite wurde zugeschlagen und Rama hob die Hand.
Mahindan tat das Gleiche, und für einen kurzen Moment hielten sie sich fest im Blick. Dann fuhr der Lastwagen ab.
Der betrunkene Junge schwankte und torkelte nach vorn. Er sah sehr jung aus, und verängstigt. Alles, was Mahindan spürte, war sein heftig schlagendes Herz, und Erleichterung. Ihre Blicke trafen sich in dem Moment, als der Junge den Mund aufriss und sich erbrach.
DIE NATUR DER DINGE
Priya hatte den Schlüssel zu ihrem Elternhaus. Sie ging hinein, streifte die Sandalen ab und riss sofort ein Fenster auf. Das Haus roch nach verbranntem Knoblauch und gebratenen Zwiebeln. Ihr Vater und Rat waren im Wohnzimmer und spielten Schach. Appa hatte gerade den schwarzen Läufer aufgenommen und musterte, seinen nächsten Zug erwägend, mit angestrengten Augen durch die Brillengläser das alte, ramponierte Schachbrett. Eine Büroklammer ersetzte die weiße Dame. Rat hatte sie in der Mitte des Bretts so hingelegt, dass sie den schwarzen Springer herausfordernd anstarrte.
Priyas Vater war klein von Statur, keine ein Meter siebzig groß, hatte schlanke Glieder und einen Bauch so rund wie ein Basketball. Als Ma noch lebte, neckte sie ihn gern damit, dass er im fünften Monat schwanger sei. Zwei graue Haarbüschel standen ihm drahtig vom kahlen Kopf ab. Priya küsste ihn flüchtig auf die Wange und sagte: Hallo, Appa. Sie wusste nicht warum, aber seit Mas Tod nannte sie ihn so. Vorher war er immer Dad gewesen.
Ihr älterer Bruder war ein gutes Stück größer, seine Haut war dunkler, das Haar kurzgeschoren, die Gestalt schlaksig und locker. Er war von der Arbeit direkt hierher gekommen und saß breitbeinig hingelümmelt in einem Lehnstuhl, den Schlips hatte er über die Armlehne geworfen.
Priyanke, sagte er.
Sie antwortete mit militärischem Salut. Lingaratnam.
Als er elf Jahre alt war, hatte Rat verkündet, er wolle Michael genannt werden. Ich hasse meinen Namen! Ihr habt ja keine Ahnung, was die mich in der Schule alles schimpfen.
Ma war in Tränen ausgebrochen, Appa wurde ungnädig. Aber zu seinem achtzehnten Geburtstag hatten sie die Formulare nach Hause gebracht und es offiziell gemacht. Aber Priya nannte ihn nach wie vor immer nur Rat.
Im Fernseher hinter ihnen lief ein Dokumentarfilm: Zwei Affen, jeder in seinem eigenen Käfig, reagierten auf eine Person, deren blau behandschuhte Finger wiederholt im Bild erschienen.
Die Natur der Dinge?, fragte Priya.
Rat legte einen Finger auf den Mund und überschaute das Schachbrett.
David Suzukis wohlbekannte Stimme erklärte: Die Kapuzineraffen tauschen einen Stein gegen eine Gurkenscheibe. Solange beide dieselbe Belohnung bekommen, gehen sie diesen Tauschhandel immer wieder gern ein.
Ich habe gesehen, dass deine Firma was mit diesem illegalen Schiff zu tun hat, sagte Rat.
Appa knurrte unwirsch, und als Priya hinschaute, sah sie, wie Rats Turm Appas Läufer schlug. Nicht illegal, korrigierte ihn Priya. Es ist völlig legal, an der Landesgrenze anzukommen und einen Asylantrag zu stellen. Die Regierung lässt viele falsche Anschuldigungen vom Stapel, um die Sache zu vernebeln. Sie hörte, wie Gigovaz’ Wort vernebeln aus ihrem Mund kam und sagte nichts weiter.
Rat hob abwehrend die Hände: Ich sage ja nur, was ich aus den Nachrichten habe.
Ja, Reporter plappern jede erlogene Behauptung der Regierung einfach nach, sagte Priya.
Na, und was ist die wahre Geschichte dieser Schiffsflüchtlinge?, fragte Rat. Und was hat deine Firma damit zu tun?
Priya, sagte ihr Vater, ohne den Kopf zu heben. Geh mal und hilf deinem Onkel.
Onkel Romesh lebte, seit er vor Jahren nach Kanada gekommen war, bei ihnen als dritter, nachsichtiger Elternteil, der eher gütig als streng war. Schon als Kind hatte Priya die Distanz zwischen ihrem Vater und ihrem Onkel gespürt, eine Kälte, die sie nicht begreifen konnte. Nachdem sie einmal eine scharfe Auseinandersetzung zwischen den beiden miterlebt hatte, fragte sie: Kannst du Onkel Romesh denn nicht leiden? Appa hatte nur gesagt: Doch, doch. Er ist mein Bruder.
Aber als Ma krank wurde, hatte sie Priya aufgetragen: Romesh darf auf keinen Fall weggehen.
Weggehen?, hatte Priya daraufhin gefragt und bei sich gedacht, dass die Chemotherapie dem Kopf ihrer Mutter zugesetzt haben musste. Wohin könnte Onkel denn gehen wollen?
Du darfst nicht zulassen, dass dein Vater ihn wegschickt, hatte Ma gesagt und Priya dabei das Handgelenk gedrückt. Romesh ist hier genauso zu Hause wie wir.
Doch was immer Ma befürchtet hatte, es trat nicht ein. Als sie krank war, führte der Onkel den Haushalt. Danach hatte er eine Trauerzeit von sechs Monaten eingeräumt, doch dann brachte er Ordnung in ihren Tagesablauf. Am Montag spielten er und Appa Euchre im Vietnamesischen Gemeinschaftszentrum. Am Mittwoch gab es Cricket mit ein paar Freunden aus Bangladesch. Und jeden Abend stärkten sie sich vor dem Schlafengehen mit einer Episode aus der Fernsehreihe Schatten der Leidenschaft, die sie auf dem Videorecorder aufzeichneten. Der Verlust hatte die beiden Brüder so eng verbunden, wie Ma, als sie noch lebte, es nie vermocht hätte, und die Distanz, die Priya gespürt hatte, schien zu verschwinden.
Onkel Romesh war in der Küche. Er trug einen Sarong und ein kariertes Hemd mit aufgerollten Ärmeln. Die Arbeitsfläche war mit Mehl bestäubt. Neben einer offenen Flasche Kokosöl stand ein Messbecher mit Wasser. Der Onkel kämpfte mit einem hart geratenen Teigklumpen, den er auszurollen versuchte. Nebenbei verfolgte er eine Call-in-Radiosendung.
Mas Kochbuch lag aufgeschlagen da. Priya blätterte eine Seite weiter, das Papier war abgenutzt und fast durchsichtig, wie eine Zwiebelschale. Die akkurate Handschrift ihrer Mutter verzierte die Ränder. Ihre Notizen hatte sie auf Englisch geschrieben, aber die Buchstaben hatten noch die kunstvollen Rundungen der tamilischen Schrift. Priya strich behutsam über die verblassten Schriftzeichen.
Godamba Roti?, sagte sie. Gar nicht so einfach.
Der Onkel klatschte den Teig auf den Metzgerblock. Unmöglich!
Der Radiomoderator gab seine Meinung über das G8-Gipfeltreffen kund. Priya versuchte, die irritierende Stimme zu ignorieren, und ging zum Onkel hinüber. Kauf es das nächste Mal doch einfach schon fertig.
Er legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie leicht. Wie geht es dir, mein Schatz? Wie läuft die Arbeit?
Mein Chef ist ein Säufer, sagte Priya.
Wenn Ma noch am Leben gewesen wäre, hätte sie gesagt: Tschi, tschi … so was darfst du nicht sagen. Aber Ma war nicht mehr da, und es gab niemanden mehr, der sie zurechtwies.
Ich dachte, du hättest ein gutes Verhältnis zu deinem Chef. Der Onkel machte eine Schranktür unter dem Spülbecken auf und warf den Teig in den Komposteimer.
Priya nahm einen Reiskocher aus dem Schrank und erklärte ihm, wie es sich mit Gigovaz und ihrer neuen Arbeit verhielt. Sie maß den Basmati ab und schüttete Wasser aus dem Messbecher darüber. Der Onkel gab mit einem Löffel noch etwas Kurkuma hinzu und rollte eine Handvoll Kardamom, Nelken und Curryblätter in ein Seihtuch. Priya hatte ihm diesen Trick beigebracht. Ma hatte einfach alle Gewürze in den Reis geworfen, und beim Essen mussten sie dann die Gewürzreste herauspicken. Priya und Rat maulten dann immer darüber, besonders wenn sie versehentlich auf eine Kardamomschote bissen und den bitteren Geschmack auf der Zunge hatten. Und Ma wies sie zurecht, wenn sie aufmucksten. Wussten sie denn nicht, dass es Kinder in Äthiopien gab, die hungern mussten?
Der Onkel hatte von dem Schiff gehört. Fünfhundert Menschen!, sagte er. Nicht vorzustellen! Und jetzt stecken sie die Männer ins Gefängnis, nicht? Mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: Gut, dass sie dich haben.
Warum flüstern wir eigentlich?, fragte Priya belustigt. Onkel konnte manchmal abergläubisch sein wie ein altes Weib. Als Ma krank war, hatte er das Wort Krebs kein einziges Mal über die Lippen gebracht.
Na ja, sagte er und nickte in Richtung Wohnzimmer. Lass sie ihre Sendung hören.
Meine Klienten hätten es viel leichter mit Leuten, die wissen, was sie tun, sagte sie.
Gigovaz hatte ihr ein Buch über Flüchtlingsrecht geliehen, und sie kam nur langsam damit voran. Es war unfair gewesen, ihr diesen Auftrag zu geben, und das machte ihr schwer zu schaffen. Ihre ganze berufliche Laufbahn war über den Haufen geworfen worden – nur wegen ihrer Hautfarbe.
Bisher habe ich immer nur Formulare ausgefüllt, sagte sie. Sklavenarbeit.
Zunehmend regte sich in Priya der Verdacht, dass sie nur zu Gigovaz’ Vorteil da war. Er gerierte sich als Professor und hörte sich gern reden. Es entging Priya nicht, mit welchem Stolz er sie als meine Jurastudentin vorstellte. Die Art und Weise, wie er mit seiner ungeduldigen, fleischigen Hand gestikulierte, machte sie wahnsinnig. Er hatte immer noch nicht gelernt, ihren Namen richtig auszusprechen.
Im Radio erging sich ein Anrufer in philosophischen Erörterungen. Er sprach mit leicht südasiatischem Akzent und machte das runde W jedes Mal zu einem schlanken V. Der Onkel drehte den Wasserhahn auf, und in einer ihrer Gesprächspausen hörten sie, was der Anrufer sagte: Es gibt zwei Wege für den Einwanderer. Den schweren Weg, den ich gegangen bin: Englisch lernen, eine Hochschulbildung erwerben und Berufserfahrung sammeln. Und dann den leichten Weg: Terrorist werden und Flüchtlingsstatus beantragen.
Ah! Der Onkel fuhr zusammen und zog seine Hand aus dem laufenden Wasser.
Abfangen und abschieben, so würde ich das machen, pflichtete der Moderator dem Anrufer bei.
Priya schaltete das Radio aus. Warum hörst du dir diese Station an?
Aus dem Wohnzimmer kam Rats schadenfrohes Gelächter.
Dankbar für diese Ablenkung, steckte Priya ihren Kopf durch die Tür. Sie wollte jetzt nicht mehr über ihre Arbeit sprechen. Auf dem Bildschirm warf ein Affe eine Gurkenscheibe auf den Wissenschaftler, schlug auf die Stangen ein und rüttelte wild am ganzen Käfig.
David Suzuki erklärte: Kapuzineraffen werden böse, wenn sie einen ungerechten Vorteil wittern. Sie sind zufrieden mit der Gurke, bis sie sehen, dass ein anderer Affe Trauben bekommt.
Rat, der immer noch kicherte, schaltete die Sendung auf Pause und stand auf. Was gibt’s zu essen?, fragte er, rieb sich den Bauch und ging in die Küche.
Priya gab ihm einen Puff in die Magengrube. Bei dir wächst da drin wohl auch was Kleines?
GODFATHER
Die Decke in der Dachkammer war undicht geworden. Grace hielt die Leiter fest und Steve kam wieder herunter. Er trug Tennisweiß und eine Baseballkappe.
Wieder mal die Abdichtung, sagte er und sprang von der letzten Sprosse. Ich wusste doch, dass die Leute aus Burnaby geschludert haben.
Unmöglich, diese Dachdecker, sagte Grace.
Sie trugen die Leiter in die Garage und hingen sie horizontal an zwei Nägeln auf.
Das muss unbedingt repariert werden, sagte Steve. Ein paar Balken haben schon Moder angesetzt.
Sie gingen durch die Hintertür zurück ins Haus. Der große Familienkalender lag offen auf dem Küchentresen. Grace blätterte ein paar Seiten nach vorn und sagte: Okay, die kommende Woche kann ich nicht, aber die danach wäre schon möglich. Da kann ich mich bestimmt mal eine Stunde aus dem Büro verdrücken.
Super. Steve nahm sich ein Glas aus dem Schrank.
Und diese Woche? Wenn ich einen Dachdecker finde, könntest du da?
Nein, diese Woche kann ich nicht. Er machte das Gefrierfach auf und holte sich mit der bloßen Hand ein paar Eiswürfel heraus.
Grace sah plötzlich einen Termin, den sie vergessen hatte. Die Mädchen haben am Donnerstagnachmittag ihre Geigenprüfung, sagte sie. Und noch ehe Steve etwas sagen konnte, fügte sie hinzu: Du bist dran.
Ich habe eine Sitzung nach der anderen, sagte er. Du weißt ja, wie das bei den Musikern läuft. Du musst vorher da sein, obwohl die nie pünktlich anfangen, und dann musst du immer mit dem Verkehr rechnen. Dann ist der halbe Tag weg.
Ich habe diesen Job erst vor einem Monat angefangen. Wie sieht das aus, wenn ich mir jetzt schon freinehme?
Und ich habe meine freien Tage alle schon weg, sagte Steve und goss sich Limonade ins Glas.
Grace fühlte sich schuldig. Er hatte recht. Die letzten Monate war sie mit Kumis Umzug beschäftigt gewesen und hatte sich nicht um die Familie kümmern können. Steve hatte immer wieder einspringen müssen. Aber als er jetzt aus der Küche ging, so als sei die Sache abgemacht, wurde sie böse. Und alles andere, ist das nichts?, wollte sie sagen. Die auswärtigen Spiele, wenn er einfach weg war und sie alles allein stemmen musste, die vielen Male, die sie früher von der Arbeit nach Hause fahren musste, oder nicht länger bleiben konnte, obwohl Kumi als Elternersatz da war, weil die Mädchen ihre Mutter brauchten.
Es klingelte an der Haustür, und Grace schlug den Kalender zu. Die Mädchen konnten mit dem Bus zu ihrer Musikprüfung fahren, und der Dachdecker musste eben warten. Beim nächsten Regen sollte Steve einen Eimer hinstellen.
Fred hatte eine Hand am Ohr, als Grace die Tür aufmachte. Die können Sie mir per Kurier nach Hause schicken, sagte er. Ich bin dann da.
Grace bat ihn herein und führte ihn zum hinteren Teil des Hauses. Er folgte ihr, immer noch telefonierend.
Die Abhörgeräte und die Vollmacht, sagte er. Ja, beides.
Sie gingen durch die Flügeltür nach draußen. Grace war barfuß und spürte die Hitze der Steinplatten auf der Terrasse. Die Nachmittagssonne stand noch hoch und warf ein angenehmes Licht über die grüne Rasenfläche mit den vom Aufsitzmäher ordentlich gezeichneten Spuren. Grace machte den Sonnenschirm über dem Terrassentisch auf. Über die Ligusterhecke hinweg konnte sie die schrägen Dächer der Nachbarhäuser sehen, ihre Schornsteine und die Kegel der immergrünen Ziersträucher. Im eigenen Garten standen die Pfingstrosen in voller, schwer herabhängender Blütenpracht.
Auf dem Tisch stand ein beschlagener Krug mit Limonade. Während Fred sein Telefonat abschloss, füllte Grace zwei Gläser. Sie bedauerte, dass ihre Mutter nicht zu Hause war, dass sie mit den Zwillingen ins Schwimmbad gegangen war.
Kumi war enttäuscht gewesen, als Grace den Job bei Fred angenommen hatte. Administrative Assistentin, hatte sie mit abfällig verzogener Miene gesagt, als Grace strahlend mit dem Arbeitsangebot nach Hause kam. Du wirst diesem Herrn den Kaffee servieren und das Telefon hüten. Bist du dafür zur Uni gegangen?
All die Erfolge, Beförderungen und Gehaltserhöhungen ihrer Tochter konnten Kumi nicht beeindrucken. In ihren Augen war Grace immer noch nichts weiter als eine Sekretärin. Aber wenn sie Fred jetzt sehen würde – einen Kabinettsminister in ihrem Haus –, vielleicht würde Kuni dann begreifen, welches Ansehen mit Graces Arbeit verbunden war.
Das letzte Mal war Fred kurz nach Weihnachten hier gewesen, unmittelbar vor seiner Rückkehr nach Ottawa zur nächsten Legislaturperiode des Parlaments. Wochenlang hatte Grace ihn nur kurz sehen können: imposant hinter einem Rednerpult oder im Unterhaus beim Angriff auf die Opposition. Als Privatperson, ohne seine Nadelstreifenpanzerung und Krawatte, wirkte er geschrumpft, unbeholfen in seinen Khakis und den kurzen Ärmeln.
Fred schaltete sein BlackBerry aus und legte es auf den Tisch. Sorry. Er beugte sich zu ihr und küsste sie flüchtig auf beide Wangen. Sie hatte diese altmodische Gepflogenheit schon immer charmant gefunden.
Immer noch der Krieg gegen Godfather?
Acht Tote im Prince Regent Hotel, und der beruft sich auf das Grundrecht und erhebt Einspruch gegen seine Auslieferung!
Am vergangenen Wochenende hatte es vor dem ersten Hotel der Stadt eine Schießerei gegeben. Rivalisierende Drogenbanden, und drei unschuldige Touristen waren ins Kreuzfeuer geraten. Die Zwillinge waren zu der Zeit am Strand gewesen und Grace hatte zwei angsterfüllte Stunden am Telefon ausharren müssen. Steve fand ihre Reaktion total übertrieben.
Die sind doch an der English Bay, weit weg von der Schießerei.
Vielleicht haben sie sich anders entschieden, sagte Grace. Wir wissen doch nicht, wo die Kinder sind.
Sie hatte auf dem Rand des Kaffeetischs dicht vor dem Fernseher gesessen und im Wirrwarr des Geschehens nach ihren Kindern gesucht.
Die haben doch keinen Grund, in der Stadt zu sein, hatte Steve gesagt und den Fernseher ausgemacht. Du musst nicht immer gleich das Schlimmste befürchten.
Fred fand nicht, dass Graces Reaktion übertrieben gewesen war. Schmuggler, organisierte Verbrecherbanden, Biker und die Sikh-Gangs … Wenn Sie bloß die Hälfte von dem wüssten, was mir bei meiner Arbeit alles begegnet.
Als Kinder haben wir draußen gespielt, bis die Straßenlampen angingen, sagte sie.
Das hat damit angefangen, dass wir dachten, wir müssten die Leute wohl oder übel aufnehmen, fuhr Fred fort. Facharbeiter und Einwanderer, das ist das eine. Aber sehen Sie doch dieses Monster, den Godfather, diesen Schweinehund. Hat sechs Morde in Auftrag gegeben und zwei Unschuldige gleich mit umgebracht, sagte Fred. Und jetzt spielt er sich als Opfer auf. Irgend so ein wohlmeinender Einfaltspinsel in der Einwanderungsbehörde hat ihm vor zwanzig Jahren sein Märchen abgenommen, und jetzt haben wir den Schlamassel.
Fred blinzelte in die Sonne, nahm die Brille ab und holte seine Sonnenbrille aus der Brusttasche. Apropos, wie laufen die Dinge in Ihrem neuen Job? Haben Sie die Leute alle auf Vordermann gebracht?
Es läuft gut.
Er schüttelte den Kopf. Die machen die öffentliche Sicherheit zur Farce. Das muss sich ändern. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie einen neuen Ton einführen.
Grace sah ihr Spiegelbild auf seinen Brillengläsern. Na ja, ich muss noch einiges lernen …
Sie waren schon immer ein kluger Kopf.
Aber ich stoße bald an meine Grenzen. Grace zog sich ihre Sonnenbrille vom Kopf und setzte sie richtig auf. Einen ganzen Monat war sie schon dabei, und immer noch fühlte sie sich wie ein Hochstapler. Bei den Sitzungen ging es immer nur um Verbreitung von Informationen, besprochen wurde nichts. Erfordernis des Nexus, reales gegen spekulatives Risiko – sie kam mit dem Juristenjargon einfach nicht zurecht. Aber ihre Kollegen traten alle so sicher und selbstbewusst auf; sie um Hilfe zu bitten, käme einem Eingeständnis ihres eigenen Versagens gleich.
Ich habe ein Buch zum Flüchtlingsgesetz, und das hat sich als sehr nützlich erwiesen.
Bei einigen ihrer Kollegen hatte sie dieses Buch gesehen und es sich dann selber gekauft. Aber die Lektüre war ein schwerer Brocken.
Fred winkte ab. Sie brauchen das alles gar nicht, sagte er. Vertrauen Sie ihrem Instinkt. Präzedenz- und Fallrecht, was hat uns das gebracht? Eingeschmuggelte Straftäter, die unseren Sicherheitsbehörden nichts als Kopfschmerzen bereiten.
Grace musste an die Schießerei vor dem Prince Regent Hotel denken und ihre Panik, bis die Mädchen unversehrt zur Haustür hereingekommen waren.
Fred sagte: Diese Leute bekommen einen Fuß in die Tür, leben sich ein und können dann nicht abgeschoben werden. Maulwürfe, Wanzen …, wenn Sie nur wüssten, wie viel dieser russische Gangster den Steuerzahler kostet. Aber die Polizei und der Grenzschutz, das sind die wahren Helden. Die sind jeden Tag draußen an der Front.
Der automatische Rasensprenger ging an und Grace nahm die Gelegenheit wahr, unter dem Schutz ihrer Sonnenbrille wegzuschauen und wegzuhören. Fred vergaß manchmal, dass er nicht hinter einem Mikrofon stand.
Von Fred hatte Grace ihren ersten Job bekommen. Vor zwanzig Jahren, lange vor Steve und den Zwillingen, hatte Fred ihr seinen Tageskalender und den Anrufbeantworter anvertraut, auch beim Abfassen von Berichten und Diskussionsvorlagen hatte er sie zu Rat gezogen. Als die Stelle eines Politikanalysten frei wurde, hatte er für ihre Beförderung alle Hebel in Bewegung gesetzt. Es hatte andere, bessere Kandidaten gegeben, fand Grace. Aber Fred hatte ihr erklärt: Für diesen Job braucht man keinen Master. Als Fred aus der Provinzpolitik in die Landespolitik aufstieg, war sie bereits Einsatzleiterin und seine rechte Hand.
Und als sie sich einmal um die Weihnachtszeit über Langeweile beklagt hatte, bot Fred ihr eine Abwechslung an: einen Arbeitsvertrag auf drei Jahre bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsbehörde. Betrachten Sie es positiv als Versetzung, sagte er. Als Sprungbrett nach oben. Die haben mit einem Riesenrückstau unbearbeiteter Fälle zu schaffen und suchen gerade nach einem zusätzlichen Mitarbeiter. Ich kenne niemanden, der besser dafür geeignet wäre als Sie.
Grace dachte an Mitchell und was er über ihre Qualifikation zu sagen hätte.
Kennen Sie einen Mitchell Hurst?, fragte sie.
König der Gutmenschen, sagte Fred. Hat er Ihnen Schwierigkeiten bereitet?
Nein, sagte Grace nachdenklich und wusste nicht, woher der Impuls gekommen war, Mitchell zu schützen. Er war … in Ordnung. Alle waren mir gegenüber sehr zuvorkommend.
Hurst gehört zur alten Schule. Die Liberalen haben überall Leute wie ihn eingesetzt, Linke, die sich vom Gefühl, nicht vom Verstand leiten lassen.
Fred wollte über das Schiff sprechen. Eine Feuerprobe, sagte er. Wie hat die Vancouver Sun es genannt?
Grace rollte mit den Augen. Das „Traumschiff“?
O ja, diese Terroristen haben große Träume.
Auf der anderen Seite der Hecke sprang jemand laut platschend ins Schwimmbecken. Zwei Kinder kreischten ausgelassen. Am Freitag hatte Grace eine Haftüberprüfung eines Mannes durchgeführt, dessen Kind in einem Frauengefängnis untergebracht war. Sein Anwalt sprach von ungebührlicher Härte, und das hatte Grace einen kleinen Stich gegeben. Aber dann hatte sie daran gedacht, wie oft sie Überstunden im Büro eingelegt hatte, wie oft sie zu Konferenzen gefahren war, als die Mädchen noch klein waren. Derartig kurze Abwesenheiten waren nur kleine Episoden in viel längeren Familiengeschichten. Der Mann und sein Sohn hatten den Rest ihres gemeinsamen Lebens noch vor sich, und wenn ihr Fall sich als legitim erwies, würden sie den in Kanada verbringen. Wenn Grace aber die komplexe Entscheidungsfindung überdachte – wie konnte sie ehrliche Aussage von erlogener Geschichte unterscheiden, nach welchen Kriterien, abgesehen von der Intuition? – dann explodierte etwas in ihrem Kopf, und die Gedanken schossen in allen Richtungen durcheinander.
Fred klopfte nachdrücklich mit dem Zeigefinger an sein Glas. Die ganze Welt schaut auf uns, sagte er, auf jeden Schritt, den wir tun. Und das ist gerade mal die Spitze des Eisbergs.
Wie meinen Sie das?
Es ist schwierig, verlässliche Informationen aus diesen Ländern zu bekommen, aber wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass noch mehr Schiffe kommen werden. Wer weiß, wie viele Illegale noch. Das ist ein Test für uns, sagte Fred. Ein falscher Schritt, und wir werden von Schnorrern überrannt.
Vor ihrem inneren Auge sah Grace einer Flotte rostiger Frachtschiffe auf dem Indischen Ozean, die alle auf ein Signal warteten. Fünfhundertdrei Menschen auf einem zwanzig Meter langen Schiff. Nichts war unmöglich. Panik fuhr ihr heiß durch die Glieder, aber sie vertrieb sie mit dem Gedanken, dass sie nichts falsch gemacht hatte. Noch nicht.
Fred sagte, das eigentliche Problem liege in der Durchlässigkeit des Systems, und dem konnte sie nur zustimmen. Das ist eine große Grauzone, sagte sie. Die fehlenden Ausweise zum Beispiel. Diese Leute kommen ohne irgendwelche Papiere und meinen, wir müssten ihnen glauben? Da kann uns jeder was erzählen.
Und denen, die Papiere dabeihaben, kann man auch nicht trauen, sagte er. Wir müssen davon ausgehen, dass die Hälfte der Leute an Bord der LTTE angehört.
Wie meinen Sie das?
Da ist einiges auf dem Schiff gefunden worden. Ausweisdokumente. Ich bin sicher, dass die Grenzschutzagentur die bei den Anhörungen auf den Tisch legt.
Wirklich? Grace dachte an den Migranten mit dem kleinen Sohn. Er war mit einem Berg von Dokumenten gekommen. Sie hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass das alles Fälschungen sein könnten.
Diese Leute sind nicht die, als die sie sich ausgeben, sagte Fred. Die LTTE benutzt Zivilisten als Deckung, hinter der sie ihre Leute einschleust. Sie dürfen nicht vergessen, Grace, dass diese Terroristen die Selbstmordanschläge erfunden haben. Indien hatte versucht, einen Waffenstillstand zu vermitteln, und wie haben die Tigers ihnen gedankt? Rajiv Ghandi haben sie in die Luft gejagt. Die sind zu allem fähig. Wenn auch nur einer von denen bei uns reinkommt …
Grace blieb die Spucke weg. Das hatte sie nicht geahnt, als sie diesen Job annahm. Es ging nicht einfach darum, rechtmäßige von unrechtmäßigen Antragstellern zu unterscheiden; die wirkliche und zurzeit akute Gefahr lag darin, versehentlich einen gefährlichen Täter durchzulassen.
Fred sagte: Grundsätzlich gilt: Rechtmäßige Flüchtlinge müssen ihren Status schon vor ihrer Ankunft beim Hochkommissariat in ihrem eigenen Land beantragen. Unsere Familien sind über diesen langwierigen legalen Weg hierher gekommen.Warum sollte es jetzt anderen erlaubt werden, die Formalitäten zu überspringen und sich einfach vorzudrängeln?
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