Kitabı oku: «An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen»

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Sibylle Biermann-Rau

An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen

Eine Anfrage

calwer Paperback

Sibylle Biermann-Rau

An

Luthers Geburtstag

brannten

die Synagogen

Eine Anfrage

Calwer Verlag Stuttgart

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung

der Calwer Verlag-Stiftung

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über

http://dnd.ddb.de abrufbar.

2. Auflage 2014

ISBN (eBook) 978–3–7668–4312–8

ISBN 978–3–7668–4204–6

© 2012 by Calwer Verlag Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlags.

Typografie, Satz und Herstellung:

ES Typo-Graphic Ellen Steglich, Stuttgart

Umschlaggestaltung: Karin Sauerbier, Stuttgart

E-Mail: info@calwer.com; Internet: www.calwer.com

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Vorwort

I „Von den Jüden und ihren Lügen …”

(Martin Luther, 1543)

Luthers antijüdische Äußerungen

Exkurs: Begriffsklärung Antijudaismus und Antisemitismus

Die Berufung auf Luthers Judenfeindschaft in der Zeit des Nationalsozialismus

Veröffentlichungen außerhalb der Kirche

Veröffentlichungen innerhalb der Kirche

II „Wir haben von D. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf”

(Generalsuperintendent Otto Dibelius, 1933)

Hitlers Machtübernahme und die evangelische Kirche

Exkurs: Bekennende Kirche im Überblick

Kirchliche Reaktionen auf die Ausgrenzung der Juden (1933–1935: 1. Phase)

Vielfältige Reaktionen aus dem Jahre 1933 – Kirchenleitungen, Deutsche Christen, Vorläufer der Bekennenden Kirche

Bekennende Kirche ab 1934

Kirchliche Reaktionen auf die Entrechtung der Juden (1935–1938: 2. Phase)

Die Denkschrift von Elisabeth Schmitz 1935/1936

Die Denkschrift an den Führer 1936 und die Bekennende Kirche

Exkurs: Zur Biografie von Elisabeth Schmitz

III „An Luthers Geburtstag brennen in Deutschland die Synagogen”

(Landesbischof Martin Sasse, 1938)

Kirchliche Reaktionen auf die Reichspogromnacht 1938

Deutsche Christen und Bekennende Kirche

Proteststimmen einzelner evangelischer Christen – Elisabeth Schmitz, Helmut Gollwitzer und andere Prediger (Immer, von Jan), Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer

IV „Gewiss fällt es der Evangelischen Kirche nicht ein, dem Staat bei seinem Kampf gegen den unheilvollen Einfluss des Judentums in die Arme zu fallen …”

(Landesbischof Theophil Wurm, 1939)

Kirchliche Reaktionen auf das Ausstoßen der Juden (1938–1941: 3. Phase)

Äußerungen aus dem Frühjahr 1939

Äußerungen ab Kriegsbeginn, Herbst 1939

Ein Zeichen am Fuße der Wartburg: Institut zur „Entjudung von Kirche und Christentum“

Kirchliche Reaktionen auf die Vernichtung der Juden (1941–1945: 4. Phase)

Deutsche Christen und Deutsche Evangelische Kirche

Bekenntniskreise

„Stunde Null“ 1945: Bilanz und Fragen

V „… nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt”

(Stuttgarter Schuldbekenntnis, 1945)

Die evangelischen Bekenntnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit: EKD 1945, Sozietät 1946, Bruderrat 1947

„Nachträge“ zur Judenfrage: Bruderrat 1948, EKD 1950

VI „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!” (Paulus)

Wegbereiter einer Neuorientierung im Verhältnis zwischen Christen und Juden bis 1978/1980

Personen im Dialog: Albrecht Goes, Martin Buber, Helmut Gollwitzer, Schalom Ben Chorin, Eberhard Bethge, Pinchas Lapide

Initiativen zur Verständigung und Versöhnung

Rheinischer Synodalbeschluss 1980 – Mitverantwortung und Schuld am Holocaust

Umdenkprozess in der evangelischen Kirche bis heute

Konsequenzen für die Gemeindepraxis

Gottesdienst und Bildungsarbeit

Kirchliches Gedenken an die Reichspogromnacht

Umgang mit Synagogen

VII „Luthers Judenfeindschaft ist ein Irrweg” – Ein Beitrag zum Luther-Reformationsjubiläum bis 2017?

Bewertung von Luthers Judenfeindschaft

Kirchliche Ansätze zu einer kritischen Sicht von Luthers Judenfeindschaft

Von der Notwendigkeit einer Absage an Luthers Judenfeindschaft durch die Evangelische Kirche in Deutschland

Nachwort Psalm 126

… in der Übersetzung Martin Luthers

… in der Übersetzung Martin Bubers

Anmerkungen

Literatur

Bildnachweis

Vorwort

zur ersten Auflage

Es begann mit einer Frage nach dem Gottesdienst, den ich am 9. November 2008 in unserer Friedenskirche zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor siebzig Jahren gehalten habe. Eine 72-jährige Frau kommt auf mich zu: „Ja, stimmt das wirklich mit dem Judenhass von Luther?“ Und: „Haben Sie mir da etwas zum Nachlesen?“

Ich finde nichts Geeignetes und stelle schließlich ein paar Kopien zusammen. Durch Gespräche mit anderen verstärkt sich mein Eindruck, dass in unseren Gemeinden nicht sehr viel bekannt ist über Luthers Judenfeindschaft und ihre Wirkungsgeschichte im Dritten Reich sowie über die Reaktionen in der evangelischen Kirche auf die Judenpolitik der Nationalsozialisten. Haben die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und die vielen Bücher zu diesem Thema nur wenige Interessierte erreicht?

Dabei geht es um eine zentrale Frage, die für uns als Christen in Deutschland eine brennende bleiben muss, auch wenn wir sie nie abschließend werden beantworten können:

Warum konnte diese Zerstörung jüdischen Lebens geschehen inmitten eines christlichen Kulturvolks, inmitten eines Landes, das sich zugute hält, das Land Luthers und der Reformation zu sein?

Als Nachgeborene – Jahrgang 1955 – steht es mir nicht zu, das Verhalten der Kirchen und vieler Christen im Dritten Reich selbstsicher zu verurteilen. Aber ich frage mit Erschrecken: „Warum?“ Diese „Warum“-Frage bricht immer wieder in mir auf, seit ich 1974 mit Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste zwei Wochen in der heutigen Gedenkstätte von Auschwitz war – und auch dann, als im November 2008 Mieciu Langer in unserem Kirchenraum seine persönliche Geschichte des Holocaust erzählte.

2008 war beim 70-jährigen Gedenken an die Reichspogromnacht viel zu hören vom Schweigen der evangelischen Kirche und vom Widerstand der Bekennenden Kirche gegen den Nationalsozialismus. Wenn man genauer hinschaut, dann kann man aber wahrnehmen, dass es in der evangelischen Kirche insgesamt sogar auch ausdrückliche Zustimmung zur Judenpolitik der Nationalsozialisten gegeben hat, selbst noch zur Reichspogromnacht.

Sicher wurde in der Bekennenden Kirche überwiegend geschwiegen, aber nicht nur aus Angst, sondern auch aus Überzeugung, denn bei den evangelischen Christen in Deutschland bis weit hinein in die Bekennende Kirche gab es eine verbreitete tief sitzende antijüdische Einstellung. Und diese konnte sich unter anderem auf Luther berufen. Er selbst hatte seinerzeit sogar zur Zerstörung der Synagogen geraten.

Auch wenn die Bekennende Kirche nicht in die allgemeine Begeisterung für den nationalsozialistischen Staat eingestimmt hat, richtete sich ihr Widerstand nicht gegen das Unrechtsregime, sondern vor allem gegen nationalsozialistische Übergriffe auf die Freiheit von Kirche und Theologie, und Solidarität gab es nur gegenüber getauften Juden. Nur wenige einzelne Personen aus den Kreisen der Bekennenden Kirche haben gegen die Judenverfolgung protestiert und Juden geholfen, aber sie wurden weitgehend alleingelassen und blieben ohne Rückendeckung in ihrer Kirche. Zu ihnen gehörte auch die bis vor kurzem unbekannte Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz.

Das mündet in die Frage: Wie verarbeitet die evangelische Kirche nach 1945 ihr Verhalten gegenüber den Juden während der Zeit des Nationalsozialismus?

Es dauerte Jahre, bis die mangelnde Solidarität mit den Juden als Schuld erkannt wurde. Und es brauchte Jahrzehnte, bis in Theologie und Kirche eine inhaltliche Abkehr vom traditionellen Antijudaismus vollzogen wurde.

Eine prägnante und verbindliche Distanzierung von Luthers Judenfeindschaft durch die Evangelische Kirche in Deutschland steht noch aus.

Als die Evangelische Kirche in Deutschland am Reformationsfest 2008 – nur wenige Tage vor dem Gedenken an die Reichspogromnacht vor siebzig Jahren – eine Lutherdekade ausruft, die bis zur fünfhundertjährigen Wiederkehr des Thesenanschlags am 31.Oktober 2017 dauern soll, sucht man vergeblich nach einem entsprechenden Wort.

Aber wie können wir heute in Deutschland Luther feiern, ohne seine furchtbaren Äußerungen zu den Juden als Irrweg zu erklären?

All diese Fragen haben mich nicht losgelassen. Und so ist daraus nun ein Buch geworden. Darin geht es um Luther, den Protestantismus und die Juden vor und nach 1945.

Inhalt des 1. Kapitels sind Luthers judenfeindliche Äußerungen, die im Dritten Reich eine nicht unbedeutende Rolle spielten.

Im Zentrum der Kapitel II-IV steht die von den Nationalsozialisten so genannte Reichskristallnacht, die aber nicht ohne den Zusammenhang der 12-jährigen nationalsozialistischen Judenpolitik dargestellt werden kann. Diese Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 markiert zeitlich ungefähr die Mitte des Dritten Reichs, und in den Zerstörungen dieser Nacht „kristallisiert“ sich der Antisemitismus der nationalsozi-alistischen Ideologie. Die brennenden Synagogen, die zerbrochenen Fensterscheiben, die auf die Straßen geworfenen Möbel, das war für alle in Deutschland sichtbar und hat sich als Bild für die Gewalt gegen Juden eingeprägt.

Und in der Reaktion der Christen auf die Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser „kristallisiert“ sich der Antijudaismus der kirchlichen und gerade auch der lutherischen Tradition. Wenn seit Jahrhunderten die Tempelzerstörung als göttliche Bestrafung der Juden gepredigt wird, ist der ausbleibende Protestschrei der „Protestanten“ gegen die Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser nicht überraschend.

In den Kapiteln V-VII wird der Weg der evangelischen Kirche in Deutschland nach 1945 aufgezeigt bis zur Erkenntnis der Mitverantwortung, bis zur Überwindung der „christlichen“ Judenfeindschaft und bis zur nötigen Distanzierung von Luthers entsprechenden Schriften und Predigten.

Schließlich geht mein herzlicher Dank an alle, die die Entstehung dieses Buches ermutigend begleitet haben. Er gilt Prälat i. R. Paul Dieterich, der das Manuskript nicht nur begutachtet, sondern die Arbeit durch wichtige Impulse bereichert hat. Ebenso Pfarrerin i. R. Dietgard Meyer, die als Zeitzeugin und frühere Freundin von Elisabeth Schmitz die entsprechenden Passagen kritisch und konstruktiv gegengelesen hat. Ausdrücklich möchte ich auch der Calwer Verlag-Stiftung und namentlich Andrea Scholz-Rieker als Lektorin für ihre hilfreiche Unterstützung danken.

Und nicht zuletzt haben viele aus dem Freundeskreis und der Familie durch ihr Interesse das Schreiben gefördert, ganz besonders Brigitte Wendeberg. Bei unzähligen Tischgesprächen und aufgrund ihres intensiven Manuskriptlesens hat sie mir darüber hinaus wertvolle Rückmeldungen gegeben. All das hat dazu beigetragen, dass das Buch auch für Nichttheologen verständlich bleibt.


Albstadt-Ebingen, im November 2011Sibylle Biermann-Rau

Vorwort

zur zweiten Auflage

Die Resonanz auf dieses Buch macht eine zweite Auflage nötig. Sie ist im Wesentlichen unverändert, sodass der Seitenumbruch weitgehend beibehalten werden konnte. Druckfehler wurden beseitigt und ein paar Formulierungen präzisiert, ebenso wie einige Anmerkungen und das Literaturverzeichnis.

Eine inhaltliche Änderung bezieht sich auf den Brief von Elisabeth Schmitz vom 15.11.1938 (S. 158f. und Anmerkung 229): Andreas Pangritz/Bonn machte mich darauf aufmerksam, dass entgegen seiner bisherigen Annahme Schmitz unmittelbar nach der Reichspogromnacht nicht Gollwitzer, sondern Pfarrer von Rabenau kontaktiert und ihm diesen Brief geschrieben hat.


Albstadt-Ebingen, im November 2013Sibylle Biermann-Rau

I

„Von den Jüden und ihren Lügen …”

(Martin Luther, 1543)

Der Philosoph Karl Jaspers schreibt 1963: „Was Hitler getan hat, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“1 Tatsächlich verkündigt Martin Luther in seinen letzten Lebensjahren Judenhass und rät zu Verfolgungsmaßnahmen wie Synagogenzerstörung, Zwangsarbeit, Vertreibung der Juden aus ihren Häusern und aus dem Land.

Man kann Luther nicht allein die Wirkungsgeschichte seiner Worte anlasten, aber man kommt auch nicht um die bittere Erkenntnis herum, dass Luther sich in seinen späteren Jahren in einer Schärfe gegen die Juden ausgesprochen hat, die noch für führende Nationalsozialisten Anlass war, sich auf ihn als „Patron der Judenverfolgung“ zu berufen.2

Luthers Judenfeindschaft ist allerdings nichts Neues, sie ist bei den Christen im ganzen Mittelalter verbreitet. Die Lage der Juden ist damals überall in Westeuropa von Elend und Vertreibungen gekennzeichnet.3

Den Juden wird vor allem vorgeworfen, sie würden Menschen vergiften und Brunnen, und das sei der Grund für die Pestepidemie. Aber auch Hostienschändung, Ritualmord und Gotteslästerung werden ihnen zur Last gelegt … und nicht zuletzt die Schuld am Tod Jesu Christi. Der Grund für den Hass auf die Juden und den Wunsch, sie loszuwerden, liegt aber auch darin, dass viele Menschen bei den Juden Schulden haben und die handwerklich-gewerblichen Städter in den Juden unerwünschte Konkurrenten sehen.

Nach der Zeit der „spontanen“ lokalen Judenverfolgungen mit Plünderungen und Mord werden im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert die Juden aus den meisten deutschen Reichsstädten, Herrschaftsgebieten und Bistümern vertrieben. Gegen Bezahlung finden sie noch Schutz in manchen der vielen Länder im Deutschen Reich und in Dörfern. Hunderte von Synagogen sind bereits vernichtet. Judenfeindschaft und Judenhass werden in der mittelalterlichen Kirche auch durch Universitäten, Schulen, Schriften und Predigten in der Bevölkerung verbreitet.4 Das ist die Situation, die Luther vorfindet.

Luther äußert sich in allen Phasen seines Wirkens zur Judenfrage, in Vorlesungen über die Psalmen u.a., in vielen Predigten, Briefen und Tischreden und in seinen großen sogenannten „Judenschriften“ („Dass Jesus ein geborener Jude sei“/„Wider die Sabbather“/„Von den Jüden und ihren Lügen“/„Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“/„Von den letzten Worten Davids“).

Das Thema steht für den Reformator nicht am Rande und ist auch nicht auf die genannten Sonderschriften beschränkt, sondern vielmehr im „Grundmuster der Theologie Luthers“ verankert.5

Im Folgenden geht es vor allem um die Äußerungen Luthers aus seinen letzten Jahren, die von Judenfeindschaft und Judenhass geprägt sind (s. S.17ff.). Diese sollen zunächst – bis auf kurze Überleitungen – unkommentiert wiedergegeben werden. Eine Bewertung von Luthers Judenfeindschaft, die in der theologischen Diskussion durchaus unterschiedlich ausfällt, erfolgt erst an späterer Stelle (s.S. 292ff.).

Dieses Vorgehen erscheint mir möglich und auch sinnvoll, denn die meisten, die Luthers Worte seit Jahrhunderten hören und lesen, haben nicht den theologischen Hintergrund, um diese einzuordnen. Luthers Worte wirken zunächst so, wie sie dastehen. Und so werden sie gerade auch in den Veröffentlichungen aus der Zeit des Nationalsozialismus innerhalb und außerhalb der Kirche mit Berufung auf Luthers Autorität zitiert (s.S. 44ff.).

Luthers antijüdische Äußerungen

Auch wenn es dabei vor allem um die Äußerungen aus den späten Jahren 1538 bis 1546 geht, soll Luthers Einstellung zu den Juden in den fünfundzwanzig Jahren zuvor angedeutet werden6.

1514 stellt sich Luther im sogenannten Reuchlin-Streit mit einem Gutachten auf die Seite des Humanisten Johannes Reuchlin. Dieser hatte sich gegen die Forderung des getauften Juden Johannes Pfefferkorn ausgesprochen, jüdische Schriften zu verbrennen.7

1523 erscheint Luthers Schrift: „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei!“ Es ist „Die Wahrnehmung der Juden als Menschen“8 Darin heißt es:

„Darum will ich aus der Schrift erzählen die Ursachen, die mich bewegen zu glauben, dass Christus ein Jude sei von einer Jungfrau geboren, ob ich vielleicht auch von den Juden einige möchte zum Christenglauben reizen. Denn unsere Narren die Päpste, Bischöfe, Sophisten und Mönch, die groben Eselsköpfe, sind bisher so mit den Juden verfahren, dass, wer ein guter Christ gewesen wäre, hätte wohl mögen ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Grobiane gesehen den Christenglauben regieren und lehren, so wäre ich eher eine Sau geworden als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts anderes kundgetan, als sie zu schelten und ihr Gut zu nehmen. Wenn man sie getauft hat, hat man keine christliche Lehre oder Leben an ihnen bewiesen, sondern nur der Päpsterei und Möncherei unterworfen. […]

Wenn die Apostel, die auch Juden waren, so mit uns Heiden gehandelt hätten, wie wir Heiden mit den Juden, es wäre nie jemand Christ unter den Heiden geworden.

Haben sie so brüderlich an uns Heiden gehandelt, so sollen wir wiederum brüderlich an den Juden handeln, ob wir nicht einige bekehren möchten … Und wenn wir uns gleich hoch rühmen, so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi, wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn. […] Ich hoffe, wenn man mit den Juden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie säuberlich unterweist, so sollten von ihnen viele rechte Christen werden.“9

In dieser Schrift entfernt sich Luther etwas vom traditionellen kirchlichen Antijudaismus des Mittelalters und schlägt auch in Bezug auf die Juden neue Töne an. Er sieht sogar eine christliche Mitschuld am jüdischen „Unglauben“.

In dieser Schrift, so die EKD-Studie III (s.S. 269), teile Luther zwar das allgemeine Urteil der Kirche seiner Zeit, das jüdische Volk stehe unter dem Zorn Gottes, weil es den in seinen eigenen heiligen Schriften geweissagten Jesus nicht als Messias anerkannt habe. „Er verweist jedoch auf die jüdischen Wurzeln des Christentums, wendet sich gegen Diskriminierung von Juden und jüdischen Lebensformen und redet stattdessen einer liebevollen Zuwendung der Christen zu Juden das Wort, ja er plädiert sogar für ihre Integration in die Gesellschaft. Er hofft, dass dadurch die Juden bereit werden, die christliche Botschaft zu hören und anzunehmen.“10

Luthers freundlicher Ton ist also durchaus zweckgerichtet. Er will die Juden gewinnen, sich zur Kirche der Reformation zu bekehren. Die neue Wertschätzung der Schrift, auch des Alten Testaments, könnte den Juden den Zugang zum Christentum erleichtern, hofft Luther.

Umgekehrt setzen auch die Juden ihrerseits große Hoffnungen auf Luther.11 Diese werden genährt durch Luthers Studium des Alten Testaments in seinem hebräischen Urtext sowie durch seine Auflehnung gegen die Römische Kirche, die die seitherigen Judenverfolgungen mitverantwortet hat.

Die Schrift „Dass Jesus ein geborener Jude sei“ wird deshalb auch von den Juden verbreitet und in Auszügen sogar ins Hebräische übersetzt, während Rom seit 1524 den Reformator als „semi-judaeus“ (Halbjuden) brandmarkt.

Luther ist jedoch mit den Juden nicht ins Gespräch gekommen. Stattdessen ist Folgendes überliefert:12

Als sich die Regensburger Juden zwischen 1519 und 1521 hilfesuchend an Luther wenden, weil ihnen die Vertreibung droht, bleiben sie ohne Antwort.

Ein Gespräch, zu dem 1526 drei gelehrte Juden Luther in Wittenberg aufsuchen, endet mit einer Konfrontation und wird daher auch als „Vergegnung“ bezeichnet.13 Und als der Vorsteher der Juden in Deutschland, Josel von Rosheim, 1537 Luther besuchen möchte, um ihn darum zu bitten, sich für die Wiederzulassung von Juden in Sachsen einzusetzen, weist dieser das Ansinnen in einem Brief „Meinem guten Freunde“ zurück. „Verletzter Glaube, enttäuschte Hoffnung, erstarrte Liebe“, kommentiert Peter von der Osten-Sacken diesen Vorgang.14

Eine breite Bekehrung der Juden zum Protestantismus findet nicht statt. Stattdessen kommt Luther zu Ohren, Juden hätten in Mähren eine erfolgreiche Mission unter Christen betrieben.

Auch wenn die jüdische Religion eigentlich keine aktive Missionstätigkeit kennt, mag es vorgekommen sein, dass einzelne Christen zum Judentum übergetreten sind.

Daraufhin schreibt Luther 1538 die Schrift „Wider die Sabbather“.15

Die Entgegnung eines jüdischen Rabbi aus dem Frühjahr 1542 ist nicht mehr erhalten. Darin sollen angeblich die Christen zum Übertritt zur jüdischen Religion aufgefordert worden sein.16 Das ist der äußere Anlass dafür, dass sich nun Luthers ganzer Zorn über die Juden entlädt, er sie mit pauschalen Vorwürfen überschüttet und dabei wieder die alten judenfeindlichen Vorurteile pflegt. Die eigentlichen Gründe liegen aber tiefer.

Allgemein wird angenommen, dass es mit einer großen Enttäuschung Luthers über die ausbleibende Bekehrung der Juden zur Kirche der Reformation zu tun hat und er in ihnen jetzt nicht mehr potentielle Christen sieht.

Zum anderen hat es nach Meinung von Walther Bienert mit der Entstehung der lutherischen Landeskirchen zu tun:17 Ursprünglich hatte Luther entsprechend seiner „Zwei-Reiche-Lehre“ eine vom Staat unabhängige und freie Kirche gewollt, aber nun standen die lutherischen Landeskirchen unter dem Schutz der Landesherren.

Luther sieht seine Rolle mittlerweile als Wächter über die Lehre, der denjenigen bekämpft, der der Wahrheit des Evangeliums die Anerkennung verweigert, und ruft nun die Landesherren zu entsprechenden Maßnahmen auf. Da die katholische Religion in den lutherischen Territorien keine Rolle mehr spielt, geht es jetzt vor allem darum, die Juden auszuschließen. (Zu den theologischen Begründungen für Luthers Polemik gegen die Juden siehe auch s. S. 292ff.)

Im Herbst 1542 gibt Luther in einer Tischrede den Regierenden zum ersten Mal den Rat, sie sollten Juden, welche die Jungfrau Maria lästern, zum Land hinaustreiben.18

Ein Jahr später, 1543, erscheint die umfangreiche 150-seitige Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“. Es ist „die hemmungslose Dämonisierung der Juden und die Saat der Gewalt“19. Vergessen scheinen manche früheren Einsichten. Luther hält jetzt sogar die Bekehrung der Juden für ausgeschlossen. So heißt es in der Einleitung:

„Es ist nicht mein Vorhaben, dass ich mit den Juden zanken oder von ihnen lernen wollte, wie sie die Schrift deuten oder verstehen; ich weiß das alles schon ohnedies gut. Noch viel weniger gehe ich damit um, dass ich die Juden bekehren will; denn das ist unmöglich.“20

Im ersten Teil dieser Schrift geht es um den jüdischen Anspruch, das Volk Gottes zu sein, im zweiten um die jüdische Weigerung, Jesus als den Messias anzuerkennen, im dritten um jüdische Lästerungen. Im Schlusskapitel gibt Luther seine Ratschläge an die Obrigkeit für den Umgang mit den Juden. Diese Schrift ist voller Aggressivität und hemmungsloser Verteufelung der Juden. Zwei der ungeheuerlichen Vorwürfe, die Luther den Juden macht, sollen herausgegriffen werden.

1. Die Juden hassen die Heiden, die durch Christus zum Gottesvolk hinzugekommen sind:

„Sie wollen’s nicht, sie können’s nicht leiden, dass wir Heiden ihnen vor Gott gleich sein sollten und dass der Messias für uns Trost und Freude sein sollte so gut wie für sie. Ehe sie das litten, sage ich, dass wir Heiden, die von ihnen ohn Unterlass verspottet, vermaledeit, verflucht, gelästert, geschändet werden, mit ihnen am Messias teilhaben und ihre Miterben und Brüder heißen sollten, kreuzigten sie eher noch zehn Messiasse und schlügen Gott – wenn dies möglich wäre – selber tot mit allen Engeln und allen Kreaturen, und wenn sie tausend Höllen statt einer (damit) verdienten. […]

Sie haben solchen giftigen Hass gegen die Gojim (Heiden) von Jugend auf von ihren Eltern und Rabbinen eingesogen und saugen (ihn) noch in sich ohn Unterlass, dass es ihnen … ganz und gar zur Natur und zum Leben geworden ist. Und so wenig sie Fleisch und Blut, Mark und Bein ändern können, so wenig können sie diesen Stolz und Neid ändern; sie müssen so bleiben und verderben, wenn Gott nicht sonderlich hohe Wunder tut.“21

Doch: Wer hasst hier wen? Und schreibt Luther hier nicht eine „Natur“ des Juden fest?

2. Die Juden sind geldgierige Räuber:

„Sie leben bei uns zu Hause, unter unserem Schutz und Schirm, brauchen Land und Straßen, Markt und Gassen. Und die Fürsten und die Obrigkeit sitzen dabei, schnarchen und haben das Maul offen, lassen die Juden aus ihrem offenen Beutel und Kasten nehmen, stehlen und rauben, was sie wollen, d. h. sie lassen sich selbst und ihre Untertanen durch der Juden Wucher schinden und aussaugen und mit ihrem eigenen Geld sich zu Bettlern machen […] Wenn ein Dieb zehn Gulden stiehlt, so muss er hängen; raubt er auf der Straße, so ist der Kopf verloren. Aber ein Jude, wenn er zehn Tonnen Gold stiehlt und raubt durch seinen Wucher, so ist er (uns) lieber als Gott selber.“22

Vergessen ist die Tatsache, dass die Christen den Juden Arbeitsverbote erteilt und sie in den Geldverleih getrieben haben. Stattdessen bedient und verschärft Luther das gängige Vorurteil über den Wucherjuden. Von den Vorwürfen ist es nur ein kleiner Schritt zum Wunsch, sich die Juden vom Leibe zu halten:

„Wir wollten gerne (ein) Geschenk dazu geben, dass wir sie los wären. Denn sie sind uns eine schwere Last wie eine Plage, Pestilenz und lauter Unglück in unserem Lande […].

Sie halten uns Christen in unserem eigenen Lande gefangen, sie lassen uns arbeiten im Nasenschweiß und Geld und Gut gewinnen; dieweil sitzen sie hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, saufen, leben sanft und wohl von unserem erarbeiteten Gut, halten uns unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher.“23

„Die Juden sind unser Unglück“ wird es später in der antijüdischen Propaganda des Nationalsozialismus heißen. Luther redet geradezu einer Verteufelung der Juden das Wort:

„Darum wisse du, lieber Christ, und zweifle nicht daran, dass du nächst dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind hast als einen rechten Juden, der mit Ernst ein Jude sein will.“

Und:

„Darum, wo du einen rechten Juden siehst, magst du mit gutem Gewissen ein Kreuz für dich schlagen und frei (und) sicher sprechen: ‚Da geht ein leibhaftiger Teufel‘.“24

Immer mehr steigert sich Luther in die wahnhafte Vorstellung hinein, die Juden seien „Christus- und Christenmörder“, während die Christen Schuld auf sich laden, indem sie das alles mit sich machen ließen und in Liebe den Juden begegneten.

„Wir fluchen ihnen nicht, sondern wünschen ihnen alles Gute, leiblich und geistlich, herbergen sie bei uns, lassen sie mit uns essen und trinken, wir stehlen und zerstechen ihre Kinder nicht, vergiften ihr Wasser nicht, uns dürstet nicht nach ihrem Blut.

Womit verdienen wir denn solchen grausamen Zorn, Neid und Hass dieser großen, heiligen Kinder Gottes?

Es ist nicht anders als wie oben aus Mose angesagt, dass sie Gott mit Wahnsinn, Blindheit und rasendem Herzen geschlagen hat.

Deshalb ist es auch unsere Schuld, dass wir das große unschuldige Blut, das sie an unserem Herrn und an den Christen dreihundert Jahre lang nach der Zerstörung Jerusalems und bis heute an den Kindern vergossen haben (was heute noch aus ihren Augen und aus ihrer Haut scheint), nicht rächen, sie nicht totschlagen, sondern sie für all ihren Mord, Fluchen, Lästern, Lügen, Schänden frei bei uns sitzen lassen, ihre Schule, Häuser, Leib und Gut schützen und schirmen, womit wir sie faul und sicher machen und helfen, dass sie getrost unser Geld und Gut uns aussaugen, dazu uns verspotten, uns anspeien, ob sie nicht zuletzt unser mächtig werden könnten.“25

Die Projektion eigener Gewaltfantasien auf die Juden ist offensichtlich. Und dass es gar als christliche Schuld angesehen wird, wenn Christen die Juden nicht totschlagen, kommt einem Aufruf zum Töten gefährlich nahe.26

Schließlich werden die antijüdischen Ressentiments vermischt mit religiösen Motiven und mit dem Feuer des göttlichen Zorns legitimiert:

„Was wollen wir Christen nun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden tun? Dulden können wir es nicht, nachdem sie bei uns sind und wir solches Lügen, Lästern und Fluchen von ihnen wissen […] Ebensowenig können wir das unauslöschliche Feuer des göttlichen Zorns – wie die Propheten sagen – löschen noch die Juden bekehren.

Wir müssen mit Gebet und Gottesfurcht eine scharfe Barmherzigkeit üben, ob wir doch etliche aus der Flamme und Glut erretten könnten.“27

„Scharfe Barmherzigkeit“– was für eine merkwürdige, unbiblische Wortschöpfung. Was Luther darunter versteht, führt er im Folgenden aus: „Ich will meinen treuen Rat geben.“

Seine sieben konkreten Ratschläge an die politische Obrigkeit zum Umgang mit den Juden sind erschreckend.

„Erstens soll man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecken und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufen und zuschütten, dass kein Mensch einen Stein oder eine Schlacke davon sehe ewiglich. Und das soll man unsrem Herrn und der Christenheit zu Ehren tun, damit Gott sehe, dass wir Christen seien und solch öffentliches Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen nicht mit Wissen geduldet noch (darin) eingewilligt haben […].

Zum andern soll man auch ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören […]. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall tun, wie die Zigeuner, damit sie wissen, sie seien nicht Herren in unsrem Lande, wie sie sich rühmen, sondern im Elend und gefangen […].

Zum dritten soll man ihnen alle ihre Betbüchlein und Talmudisten nehmen, in denen solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird.

Zum vierten soll man ihren Rabbinen bei Leib und Leben verbieten, hinfort zu lehren […].

Fünftens soll man den Juden das Geleit und die (freie) Straße ganz aufheben […]. Sie sollen daheim bleiben […].

Sechstens soll man ihnen den Wucher verbieten und ihnen alle Barschaft und Kleinodien an Silber und Gold nehmen und es zur Verwahrung beiseitelegen […].

Siebentens soll man den jungen, starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiß der Nase […]. Befürchten wir aber, dass sie uns an Leib, Weib, Kind, Gesinde, Vieh usw. Schaden tun könnten, wenn sie uns dienen oder arbeiten sollen […], so laßt uns […] mit ihnen abrechnen, was sie uns abgewuchert haben; und darnach gütlich geteilt, sie aber auf jeden Fall zum Land hinausgetrieben! Denn, wie gehört, Gottes Zorn ist so groß über sie, dass sie durch sanfte Barmherzigkeit nur ärger und ärger, durch Schärfe aber (nur) wenig besser werden. Darum nur fort mit ihnen!“28

Luther macht sich selbst zum scharfen Richter über die Juden, der alles, was ihnen wert ist, in die Flammen stoßen will. Als direkte Folge dieser Schrift gibt es in Hessen einen Ausweisungsbefehl, und in Sachsen verbietet Luthers Landesherr jedem Juden Aufenthalt und Durchzug. 29

Die Juden sind über diese Schrift zu Recht bestürzt. Josel von Rosheim, der bereits erwähnte Sprecher der Juden, ersucht den Stadtrat von Straßburg, die Veröffentlichung dieser Schmähschrift zu verhindern, denn niemals habe „ein Hochgelehrter solch grob unmenschlich Buch mit Scheltworten und Laster uns armen Juden auferlegt, von dem sich, Gott weiß es, in unserem Glauben und in unserer Jüdischkeit in der Tat auch nicht das Geringste finden lässt“.30

Ebenfalls 1543 erscheint die Schrift „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“. Es ist eine Schrift „Von Schmähung und Schmach“.31

Darin wendet sich Luther scharf gegen die Geheimlehre der Kabbala, einer bedeutenden jüdischen Mystik.

Was diese aus dem „Schem Hamphoras“, dem „Unverstelltern Namen“ Gottes, entwickelt, ist für Luther eine Buchstabenspielerei. In diesem Zusammenhang spricht er unverhohlen von der Judensau, die – wie an vielen anderen Kirchen – auch an der Stadtkirche Wittenberg zu sehen ist.32 Die Juden zusammen mit einem Schwein darzustellen, ist eine besonders infame Beleidigung angesichts ihrer Tradition, die in den Schweinen unreine Tiere sieht, die auch nicht verzehrt werden dürfen.

So beantwortet Luther die Frage, woher die Juden diese hohe Weisheit haben, gemeint ist diese Geheimlehre der Kabbala:

„Es ist hier zu Wittenberg an unserer Pfarrkirche eine Sau in Stein gehauen. Da liegen junge Ferkel und Juden darunter, die saugen. Hinter der Sau steht ein Rabbiner, der hebt der Sau das rechte Bein empor und mit seiner linken Hand zieht er den Bürzel (d.i. Schwanz) über sich, bückt (sich) und guckt mit großem Fleiß der Sau unter den Bürzel in den Talmud hinein, als wollte er etwas Scharfes und Sonderliches lesen und ersehen. Daselbst haben sie gewisslich ihr Schem Hamphoras […] Denn also redet man bei den Deutschen von einem, der große Klugheit ohne Grund vorgibt: Wo hat er’s gelesen? Der Sau im (grob heraus) Hintern.“33

Hier bringt Luther sogar den Talmud, diesen grundlegenden rabbinischen Kommentar zur Tora (zu den fünf Büchern Mose) in grober Weise mit der Judensau in Verbindung.

Über dem Relief an der Wittenberger Kirche ist zweihundert Jahre nach Luther wohl unter dem Eindruck seiner Schrift die Inschrift „Rabbini“ und „Schem Hamphoras“ eingemeißelt worden.34

Ausgerechnet ein Foto davon ist als einzige Illustration im 1920 gedruckten (und 1968 wieder abgedruckten) 53. Band der Weimarer Luther-Ausgabe aufgenommen worden.

Zwei Fragen drängen sich zudem auf:

1. Wie steht Luther zu den sogenannten Israel-Kapiteln Römer 9–11, in denen sich Paulus zur bleibenden Erwählung Israels und zu Gottes besonderem Weg mit Israel äußert?

Dazu heißt es in der erwähnten Schrift „Vom Schem Hamphoras“:

„Kurz und gut: Es sind junge Teufel, zur Hölle verdammt […].

Vom ganzen Haufen mag hoffen, wer will, ich habe da keine Hoffnung, weiß auch keine Schriftstelle dafür. Können wir schon den großen Haufen unsrer Christen nicht bekehren und müssen uns am kleinen Häuflein genügen lassen, wie viel weniger ist es möglich, diese Teufelskinder alle zu bekehren! Denn dass einige aus dem Römerbrief Kapitel 11 den Wahn schöpfen, als sollten alle Juden am Ende der Welt bekehrt werden, ist nichts; St. Paulus meint etwas ganz anderes.“35

Offenbar ist Luther blind gegenüber der Erkenntnis des Paulus in Römer 9–11, die nicht nur die Christen vor Überheblichkeit gegenüber ihrer Wurzel mahnt, sondern auch vom bleibenden Bund Gottes mit Israel spricht und schließlich vom Geheimnis Gottes über den Weg mit Israel.36

2. Was sagt Luther zum Umgang mit dem Alten Testament, der Bibel der Juden?

Dazu heißt es in der dritten Schrift von 1543 „Von den letzten Worten Davids“:

„Gott gebe, dass unsere Theologen tapfer Hebräisch studieren und uns die Bibel wieder heimholen von den mutwilligen Dieben und alles besser machen, denn ich’s gemacht habe. D. h. sie sollen sich nicht in die Gefangenschaft der Rabbinen mit ihrer gemarterten Grammatik und falschen Auslegung begeben, damit wir den lieben Herrn und Heiland hell und klar in der Schrift finden und erkennen.“37

Luther hält am Alten Testament fest, hat aber die Schriften so umgeordnet, dass sie besser zu seiner Auslegung passen, das Alte Testament führe geradezu auf das Kommen des Messias Jesus Christus hin. Auch die Psalmen werden von Christus her gedeutet.38 Den „Rabbinen“ spricht er einfach ab, ihre Bibel recht auslegen zu können und beansprucht dies allein für die christlichen Theologen. Er meint, als Christ das Alte Testament vor den Juden, den „Dieben“, retten zu müssen, obwohl das Alte Testament doch zunächst die Bibel der Juden ist.

An dieser Stelle ist unbedingt noch von der Einführung des „Judensonntags“ durch Luther und die Reformatoren zu reden, eines besonderen Gedenktages an die Zerstörung Jerusalems und des Tempels.39

Dieser Sonntag hat jahrhundertelang zur Rechtfertigung von Judenverachtung beigetragen.

Seit jeher gedenken die Juden jedes Jahr im August an die Zerstörung des Tempels. Schon in der mittelalterlichen Kirche wird in zeitlicher Nähe, am 10. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest (Trinitatis), Jesu klagende Ankündigung der Tempelzerstörung aus Lukas 19,41–48 gelesen oder gepredigt. Aber erst in den lutherischen Kirchen seit der Reformation bekommt dieser Sonntag seine besondere Prägung als „Judensonntag“. Gepredigt wird nach dem Vorbild Luthers, der viele Predigten zu diesem Bibeltext gehalten hat – eine davon ist in den beiden über Jahrhunderte am weitesten verbreiteten Predigtbüchern Luthers aufgenommen worden.

Dazu wird in diesem Gottesdienst die „Historie von der Zerstörung Jerusalems“ von Johannes Bugenhagen verlesen, einem Freund Luthers – und diese wird auch in Gesangbüchern abgedruckt. „Bugenhagen und Luther interpretieren die Tempelzerstörung als gerechte göttliche Bestrafung der Juden.“ Auch wenn das abschreckende Negativbeispiel der Juden die Christen zur Umkehr aufrufen soll, werden hier doch zugleich antijudaistische Vorurteile bestätigt und verstärkt.

Der Judensonntag hat seinen festen Platz im Kirchenjahr und in der Gemeinde, über viele Jahre, und wirkt also unmittelbar auf die Menschen ein. So können gerade auch seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die entsprechenden Gottesdienste und Veröffentlichungen in Sonntagsblättern zum Judensonntag zur Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland beitragen.

Diese Art und Weise des jährlichen Gedenkens an die Tempelzerstörung dürfte nicht zuletzt auch die Hemmschwelle zur Zerstörung von Synagogen gesenkt und den Protest dagegen gelähmt haben.

(Zum Umgang mit diesem Sonntag nach 1945 s. S. 274ff.)

Schließlich die letzten Worte Luthers über die Juden: 1546 „Vermahnung wider die Juden“. Es ist „Kanzelhilfe zur Judenvertreibung“.40

Diese Vermahnung schließt Luther an seine letzte Predigt in Eisleben an, in der er die Juden als grobe Narren beschimpft.

Es sind somit die letzten Worte, die der Reformator von einer Kanzel spricht, am 15.Februar, drei Tage vor seinem Tod.

Luther ergreift Partei in der Streitfrage der Mansfelder Grafen, ob die Juden ausgewiesen oder in Schutz genommen werden sollten. Dabei scheut er nicht davor zurück, sich gemeiner Vorurteile zu bedienen und die eigene Aggression als „Verteidigung“ gegenüber der vermeintlichen jüdischen Aggression auszugeben:

„Zudem habt ihr auch noch die Juden im Lande, die da großen Schaden tun. Nun wollen wir christlich mit ihnen handeln und bieten ihnen erstlich den christlichen Glauben an, dass sie den Messias wollen annehmen, der doch ihr Vetter ist […]

Wo nicht, so wollen wir sie nicht leiden, denn Christus gebietet uns, dass wir uns sollen taufen lassen und an ihn glauben […]

Nun ists mit den Juden also getan, dass sie unsern Herrn Jesus Christus täglich nur lästern und schänden […]

Darum sollt ihr Herren sie nicht leiden, sondern wegtreiben.

Wo sie sich aber bekehren, ihren Wucher lassen und Christus annehmen, so wollen wir sie gerne als unsere Brüder halten.

Anders wird nichts daraus, denn sie machens zu groß. Sie sind unsere öffentlichen Feinde […] und wenn sie uns alle töten könnten, so täten sie es gerne und tuns auch oft, sonderlich die sich für Ärzte ausgeben, ob sie gleich je zuzeiten helfen. Denn der Teufel hilfts doch zuletzt versiegeln. So können sie auch die Arznei, so man in Welschland kann, da man einem ein Gift beibringt […] Die Kunst können sie […]

Noch wollen wir die christliche Liebe an ihnen üben und für sie bitten, dass sie sich bekehren […] Welcher solches nicht tun will, da setze es in keinem Zweifel, dass der ein verböster Jude ist, der nicht ablassen wird, Christum zu lästern, dich auszusaugen und [wo er kann] zu töten.“

Und Luther schließt mit den Worten:

„Wollen sich auch die Juden zu uns bekehren und von ihrer Lästerung und was sie sonst getan haben, aufhören, so wollen wir es ihnen gerne vergeben. Wo aber nicht, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden noch leiden.“ 41

Luther kennt keine Gnade mehr mit den Juden, sie verkörpern das Böse, es sei denn, sie bekehren sich. Das wird aber gleichzeitig durch die Haltung der Christen gegenüber den Juden ziemlich unmöglich gemacht. Diese letzten Äußerungen sind ein uns heute erschreckendes Vermächtnis.

Was Luther in den Schriften des Jahres 1543, insbesondere in der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ polemisch gegen die Juden schreibt, hat er nicht erfunden.42 Er stützt sich dabei größtenteils auf die spätmittelalterliche antijudaistische Polemik eines Nikolaus von Lyra (bis 1349) und Paulus Burgensis (bis 1435) sowie auf das 1520 gedruckte Traktat von Salvagus Porchetus und die 1530 erschiene Schrift des Zeitgenossen Antonius Margaritha „Der gantz Jüdisch glaub“. Dieses Buch eines zum Christentum übergetretenen Rabbinersohnes liefert Luther das wichtigste Material für seine Verleumdungen und Lästerungsvorwürfe. 43

Wie aber denken andere Zeitgenossen Luthers über die Juden?44

Judenfeindliche Äußerungen finden sich insbesondere auch bei seinem Gegenspieler, dem katholischen Theologen Johannes Eck. Die Humanisten Reuchlin und Erasmus schlagen zwar neue Töne an, sind aber auch keine Freunde der Juden.

Bei den Reformatoren gibt es unterschiedliche Stimmen: Bei manchen zeigt sich eine judenfeindliche Haltung, wenn auch nicht in der Schärfe wie bei Luther. Bemerkenswert aber ist, dass es unter den lutherischen Reformatoren auch Distanz zu Luthers Äußerungen, dass es auch judenfreundliches Denken und Handeln gibt.

So bezeichnet es Melanchthon, der Weggefährte Luthers, der zeitweilig in Wittenberg Hebräisch lehrt, 1519 ausdrücklich als einen Verdienst Reuchlins, jüdische Schriften vor dem Scheiterhaufen bewahrt zu haben. Als sich Josel von Rosheim 1539 mit der Bitte an Melanchthon wendet, dieser möge sich für die aus Brandenburg vertriebenen Juden einsetzen, trifft er auf offene Ohren – und Melanchthon hat Erfolg. Trotz seiner negativen Sicht des nachbiblischen Judentums sieht Melanchthon die Juden nicht als Feinde an, aber auch nicht als Brüder. Luthers Judenschriften reicht er weiter, und in der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ sieht er – bei manchen Bedenken – Nützliches enthalten.

Zwar ist auch Martin Bucer (Straßburg) überzeugt, dass die Juden das Gemeinwohl bedrohen, allerdings kritisiert er Luthers Judenschriften von 1543 als maßlos.

Eigenständige Standpunkte gegenüber den Juden finden sich insbesondere bei den Reformatoren Jonas, Osiander und Rhegius. Justus Jonas (Halle) gelingt ein theologischer Neuansatz im Verhältnis von Juden und Christen, den Luther ausdrücklich einmal als anderen Weg bezeichnet. Jonas verwendet auch das Bild vom „Baum Israel“, auf den die Christen aufgepfropft seien. Andreas Osiander (Nürnberg) tritt 1541 in einer anonymen Schrift für die Juden ein. Er protestiert dagegen, den Juden zu unterstellen, sie hätten christenfeindliche Absichten. In einem Schreiben an den Juden Levita äußert er sich abfällig über Luthers Schrift „Vom Schem Hamphoras“. Urbanus Rhegius (Braunschweig) hat Kontakt zu jüdischen Gemeinden und tritt schützend für sie ein. Er liefert auch eine theologische Begründung für die Tolerierung der Juden.

Auch aus der Schweiz, in der die Juden allerdings bereits ausgewiesen waren, kommen andere Töne: Während sich der Genfer Reformator Calvin kaum zu den Juden äußert, nennt Zwinglis Nachfolger in Zürich, Bullinger, Luthers Schriften von 1543 „sehr schmutzig geschrieben“.

Nach 1945 sind Luthers judenfeindliche Äußerungen nicht nur aus manchen Lutherausgaben, sondern allgemein ziemlich stillschweigend in der Versenkung verschwunden. Aber angesichts ihrer Wirkungsgeschichte muss man sich mit ihnen auseinandersetzen und ihnen eine klare Absage erteilen.

Abschließend sei der jüdischen Historikerin Marianne Awerbuch das Wort gegeben:

„Güte und Milde, wie sie einem Christenmenschen nach lutherischem Verständnis wohl anstehen sollten, suchen wir in diesen [sc. antijüdischen] und auch in anderen seiner Schriften vergebens. Dies gilt es zur Kenntnis zu nehmen, mit dieser Tatsache muss man lernen zu leben.“45

Exkurs: Begriffsklärung Antijudaismus und Antisemitismus

Erscheinungen von Judenfeindschaft gibt es seit dem Altertum, die beiden Begriffe „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ stammen jedoch erst aus dem 19. Jahrhundert. Auch wenn Antijudaismus und Antisemitismus unterschieden werden, gibt es fließende Übergänge und Zusammenhänge. Eine strikte Trennung zwischen einem in der christlichen Tradition begründeten Antijudaismus einerseits und einem rassisch begründeten Antisemitismus andererseits ist zu einfach.

ANTIJUDAISMUS „Der Begriff Antijudaismus ist in neuerer Zeit eingeführt worden, um eine aus der christlichen Tradition begründete Judenfeindschaft vom allgemeinen Antisemitismus abzugrenzen. Antijudaismus nennt man judenfeindliche Einstellungen und die jüdische Glaubensweise herabsetzende Äußerungen im Verlauf der Geschichte der christlichen Kirche. Antijudaismus trägt ohne Zweifel zur religiösen Begründung des Antisemitismus bei.“46

Der Antijudaismus hat seine Wurzeln bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus, als eine zunehmend scharfe Trennung zwischen christlicher und jüdischer Gemeinde erfolgte und durch eine wechselseitige polemische Abgrenzung verstärkt wurde.

Das findet auch seinen Niederschlag in den späteren Schriften des Neuen Testaments wie beispielsweise dem Johannesevangelium. Diese antijüdischen Tendenzen im Neuen Testament dürfen aber nicht aus diesem historischen Zusammenhang herausgelöst und als Fundament eines christlichen Antijudaismus missbraucht werden. Auch die früheren Aussagen des Neuen Testaments, die wie der Römerbrief des Paulus frei sind von dieser Judenfeindschaft, müssen gesehen werden. Und die Streitgespräche Jesu mit den Schriftgelehrten sind nicht antijüdisch, sondern spiegeln innerjüdische Auseinandersetzungen.47

Der Antijudaismus ist eine Erscheinung, die sich durch die ganze Kirchengeschichte hindurchzieht. Man wirft denJuden vor, schuld zu sein amTod Jesu, die Christen zu hassen und Gott zu lästern, dem Teufel nahe zu stehen und verstockt zu sein. Nach den Kreuzzügen verschärft sich die Hetze gegen die Juden, man bezichtigt sie des Ritualmords und der Hostienschändung. Den Juden werden von Kirchenleuten aber auch Vorwürfe gemacht, die über den religiösen Bereich hinausgehen, wenn diese von „Wucherjuden“ sprechen oder Juden beschuldigen, Brunnen vergiftet und damit die Pest verursacht zu haben.

Nicht zuletzt tragen Passionsspiele und Predigten dazu bei, diese Vorurteile zu verbreiten. Und: „Laut den spätmittelalterlichen Vorstellungen musste der Böse auch äußerlich erkennbar sein, und deshalb wurden die Juden immer als hässliche Wesen gezeigt.“48

ANTISEMITISMUS „Antisemitismus ist ein Begriff des späten 19. Jahrhunderts, mit dem der Judenhass in ein pseudowissenschaftliches Gewand gekleidet und salonfähig gemacht wurde.“49 Antisemitismus als Denkweise und Verhalten der Verachtung, der Feindseligkeit und des Hasses gegenüber Juden, nur weil sie Juden sind, gab es schon lange und war bisher vor allem religiös, ökonomisch und sozialpsychologisch motiviert. Neu ist infolge einer biologistischen Weltsicht die Rassenlehre, welche die arische Rasse gegenüber der semitischen zur überlegenen erklärt. Daraus entwickelt sich der rassisch begründete Antisemitismus, der sich aber nicht gegen alle semitischen Völker, sondern allein gegen die Juden wendet.

Nachdem die Juden in Deutschland schrittweise die Gleichberechtigung erhalten haben und in der Reichsverfassung von 1871 alle Einschränkungen aufgehoben worden sind, verstärkt sich im 19. Jahrhundert auch noch das sozialpsychologische Motiv. „Als Reaktion auf den Eintritt der Juden in die deutsche Gesellschaft als gleichberechtigte Staatsbürger entstanden unter der Führung demagogisch agierender Wortführer bald judenfeindliche Organisationen, Vereine, Zeitschriften und sogar politische Parteien. Sie fanden Anhänger und Leser sowohl bei enttäuschten Intellektuellen, bei der protestantischen Geistlichkeit und dem katholischen Klerus, beim traditionellen Feudaladel und vor allem beim konservativen Mittelstand, kleinen Geschäftsleuten und Handwerkern, die sich von Kapitalismus und neuen Wirtschaftsformen bedroht fühlten. Denn unter dem Feindbild des Juden‘ bündelten die Antisemiten eben nicht nur judenfeindliche, sondern zugleich alle zeitgenössischen Bestrebungen, die ihnen bedrohlich erschienen, darunter vor allem die kulturellen und zivilisatorischen Entwicklungen der Moderne, zu denen u. a. die Politik der Sozialdemokratie gezählt wurde.“50

Nach dem 1. Weltkrieg müssen gerade Sozialdemokraten und damit zum Teil auch wieder Juden als Schuldige für den verlorenen Krieg herhalten, weil sie angeblich mit ihrer Politik den Militärs in den Rücken gefallen seien (sogenannte „Dolchstoßlegende“). Selbst nach dem 2. Weltkrieg war der Antisemitismus nicht überwunden, auch wenn nur noch wenige Juden in Deutschland lebten.

„Insgesamt ist Antisemitismus eine Einstellung, die auch unabhängig von eigenen Erfahrungen auftritt. Dies legt die Deutung im Sinne einer sozialpsychologischen gesellschaftlichen Krankheit nahe (Sündenbockdenken).“51

FAZIT Es gibt eine enge Beziehung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus. „Die theologische Abwertung des Judentums hat wenigstens teilweise auch dem modernen Antisemitismus den Weg geebnet […] Man darf sich der Tatsache nicht verschließen, dass in möglichen praktischen Konsequenzen die theologische Parole, die Juden seien verworfen, oft nicht von einem biologisch begründeten Antisemitismus unterschieden wird.“52

Es ist bezeichnend, dass auch Hitler seinen unerbittlichen Judenhass sowohl rassistisch als auch verbrämt christlich begründete. Wenn Hitler in „Mein Kampf“ schreibt: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, dann folgt daraus für Günther van Norden, dass die Behauptung, der rassistische Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts habe nichts mit dem christlichen Antijudaismus der vorherigen Zeiten zu tun, falsch ist. „Vielmehr sind beide ursprünglich unterschiedlichen Motivationsstränge in den Empfindungen und Argumentationen der breiten Bevölkerungsmehrheiten eine enge, kaum lösliche Verbindung eingegangen.“53

Die Berufung auf Luthers Judenfeindschaft in der Zeit des Nationalsozialismus

Schon vor der nationalsozialistischen Zeit gibt es ein Interesse am Thema „Luther und die Juden“, was sich in den unterschiedlichen theologischen und auch völkisch-rassistischen Lutherinterpretationen niederschlägt.54

Im Dritten Reich aber nehmen die Publikationen über dieses Thema sprunghaft zu, und Luthers Spätschriften, nicht zuletzt „Von den Jüden und ihren Lügen“, werden neu aufgelegt und verbreitet.55

Nationalsozialistische Autoren behaupten gar – was so nicht stimmt – dass Luther als Antisemit im deutschen Protestantismus bisher kaum eine Wirkungsgeschichte gehabt habe:

„Vergebens blättert man in volkstümlichen Lutherausgaben, größeren wie kleineren, nach dem, was etwa gegen die Juden gesagt sein könnte […] Die Stimmen, die Juda gelten, (sind) verhallt und verschollen […] Luthers Gedanken, bisher wenig beachtet, verdienten vor allem zunächst allgemein bekannt zu werden. Unwillkürlich vergleichen wir sie mit der Stellungnahme Adolf Hitlers.“56

Luthers judenfeindliche Äußerungen und seine Ratschläge zu Gewaltmaßnahmen gegenüber Juden haben verschiedene Auswirkungen in der Zeit des Nationalsozialismus:

Sie bieten den Nationalsozialisten eine willkommene Bestätigung für ihre Judenpolitik und das wird von der Propaganda gekonnt genutzt (s.S.45ff. und Kapitel II–IV).

Viele evangelische Christen, Kirchenführer und Theologen – und nicht nur Anhänger der Deutschen Christen – sehen in der nationalsozialistischen Judenpolitik kein bzw. lange kein Unrecht, nicht wenige können diese mit Berufung auf Luther sogar ausdrücklich unterstützen (s. S. 54ff. und Kapitel II–IV).

Und wer als lutherischer Christ gegen diese Judenpolitik protestierte, musste sich in dieser Frage von Luther distanzieren.

Veröffentlichungen außerhalb der Kirche

Eine „Ausbeutung“ der Schriften Luthers über die Judenfrage für die NS-Politik erfolgt vor allem durch das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“, herausgegeben von Gauleiter Julius Streicher. Dieser beruft sich in vielen Ausgaben auf Martin Luthers späte Judenschriften. Stürmer-Kästen hängen an vielen Ecken öffentlich aus.

Die „Stürmer“-Schlagzeile „Die Juden sind unser Unglück!“ wird bereits 1879 von dem Historiker Heinrich von Treitschke geprägt,57 sie erinnert aber auch an Luthers Wort, dass die Juden „lauter Unglück in unserem Land seien“. Auch in der anderen „Stürmer“-Schlagzeile „Wer den Juden kennt, der kennt den Teufel!“ klingt Luthers Wort vom Juden als „leibhaftiger Teufel“ an.

Luthers Schriften dienen dem „Stürmer“ als Fundgrube für viele judenfeindliche Zitate, aber das Thema „Luther und die Juden“ wird auch in mehreren Artikeln eigens behandelt:58

In der März-Ausgabe 192859, bereits vor der Machtübergabe, erscheint eine erste Ausführung unter dem Titel: „Luthers letzte Predigt“:

„Viel zu wenig ist bekannt, welchen Kampf Doktor Martin Luther in den letzten Jahren seines Lebens gegen die Juden führte.“

Weiter wird Luther als der große Deutsche vorgestellt, der nach seinem Reformationswerk gegen Rom nun eine neue gewaltige Aufgabe vor sich sah, nämlich sein Volk von der „jüdischen Pest“ zu befreien. Vielleicht hätte er den Kampf noch geschafft, so der Verfasser, wenn er nicht gestorben wäre.

In der November-Ausgabe 193360, zum 450. Geburtstag Luthers, steht ein ausführlicher Aufsatz.

Zunächst wird moniert, dass in den Neuerscheinungen zu seinem Werk unberücksichtigt gelassen wird, „dass Luther einen geradezu fanatischen Kampf gegen das Judentum geführt hat“. Und weiter: „Der Jude war damals genau so verderblich wie heute, und Luther wäre kein echter Deutscher gewesen, hätte er sich nicht mit der Judenfrage beschäftigt […] so hat er sich im letzten Teil seines Lebens zu der Erkenntnis durchgerungen: Der Jude ist der geborene Zerstörer und deshalb ist es vergeblich, an ihm Mission zu treiben.“ Ausdrücklich wird auf die Luther-Schriften „Von den Jüden und ihren Lügen“ und „Vom Schem Hamphoras“ verwiesen und die Forderung aufgestellt: „Wir wollen auch in der Kirche das vollkommene Lutherbild aufgerollt sehen!“


Titelseite des NS-Hetzblattes „Der Stürmer“

In der August-Ausgabe 193561, kurz vor Verkündigung der Nürnberger Gesetze, wird ein besonders erschreckendes Zitat aus Luthers Pamphlet „Von den Jüden und ihren Lügen“ feilgeboten:

„Wer nun Lust hat, solche giftigen Schlangen und jungen Teufel zu beherbergen, zu pflegen und zu ehren und sich schinden, berauben, plündern und schänden zu lassen, der lasse sich die Jüden treulich befohlen sein. Ist’s nicht genug, so lasse er ihm auch ins Maul tun oder krieche ihnen in den Hintern und bete dasselbe Heiligtum an und rühme sich danach, er habe den Teufel gestärkt. So ist er denn ein Christ voller Werke der Barmherzigkeit, die ihm Christus belohnen wird am jüngsten Tage mit den Jüden im höllischen Feuer.“

In der Oktober-Ausgabe 193662 wird in der Auseinandersetzung mit dem evangelischen Kirchenmusiker Goslar auch Martin Luther herangezogen.

Nachdem Goslar wegen seiner jüdischen Herkunft von den Rassegesetzen zum „Volljuden“ erklärt und bereits 1935 in Köln vom kirchlichen Dienst suspendiert worden war, schreibt der Stürmer:

„Der ‚Fall Goslar‘ beweist wieder einmal, wie auch das Taufwasser aus einem Juden keinen Nichtjuden machen kann. Julio Goslar ist der Rassejude geblieben, der er vor der Taufe gewesen war. Julio Goslar ist der Talmudjude geblieben, der er vor der Taufe gewesen war. Jud bleibt Jud, selbst wenn man ihn täglich erneut taufen würde. Zum Zweiten erkennen wir aus den Geschehnissen in (Köln-)Nippes, dass es auch heute noch Judengenossen im geistlichen Gewande gibt, die zum Teufelsvolk der Juden stehen. Judengenossen im geistlichen Gewande, die das verleugnen wollen, was der große Reformator Martin Luther über die Fremdrassigen gesagt hat. In seinem Buche ‚Von den Jüden und ihren Lügen‘ hat er geschrieben:

‚Ich denke nicht daran, die Juden zu bekehren, denn das ist unmöglich.

So wenig sich Fleisch und Blut, Mark und Bein ändern können, so wenig können die Jüden sich ändern. Sie müssen bleiben und verderben.

Darumb wisse Du lieber Christ und zweifle nicht daran, dass Du nähest dem Teufel keinen giftigeren, bittereren, heftigeren Feind hast, denn den rechten Jüden. Darumb, wo Dir ein Jüde begegnet. Da schlage ein Kreuz bei Dir und sage: ‚Siehe, da geht der leibhaftige Teufel.‘

Würde heute ein Martinus Luther wieder von den Toten auferstehen, er würde den Juden Goslar mit der Peitsche aus der evangelischen Kirche hinaustreiben.“

In der Sondernummer 6 vom März 193763 wird unter der Überschrift „Judentum gegen Christentum“ unter Berufung auf Luthers Spätschriften betont, dass dieser als „unerbittlicher und rücksichtsloser Antisemit“ zu gelten hat.

In der Mai-Ausgabe 194164 richtet sich der Artikel „D. Martin Luther und Juda“ gegen eine Lutherinterpretation, die Wert darauf legt, dass die Judenfrage für Luther kein völkisches Problem, sondern vor allem die Christusfrage sei, also der Wunsch, sie zu bekehren und zu taufen:

„Dass man allen Ernstes heute eine solche Anschauung Luthers verkündigen kann, beweist, wie fremd der gegen alles Undeutsche protestierende Kampf Luthers heute bereits in seiner eigenen Kirche geworden ist und wie erfolgreich man Luthers Worte gegen die Juden in Vergessenheit’ hat gelangen lassen können […] Nicht aus christlichem Missionseifer bekämpft Luther die ungläubigen Juden und versucht, sie zu bekehren, sondern aus der furchtbaren Erkenntnis des Vernichtungswillens der jüdischen Nation gegen alle Völker versucht er sein deutsches Volk vor der drohenden Gefahr zu warnen. Als schlimmste Unterlassungssünde brandmarkt er daher, wenn nach seinen Enthüllungen die Fürsten, Geistlichen und das Volk die Synagogen nicht zerstören und die Juden nicht des Landes verweisen.“

In der Juli-Ausgabe 194365 behauptet Julius Streicher in seinem Artikel „Der große Mahner Martin Luther“, dieser habe die Übersetzung des Alten Testaments bereut, und fährt fort:

„Juden und Judenfreunden war der Verherrlicher des Alten Testaments ein liebenswerter Helfer gewesen. Den zum Judenkenner gewordenen Martin Luther aber hassten sie. Dieser Judenkenner Martin Luther spricht in unsere Zeit hinein als großer Mahner, der Erkenntnis die Tat folgen zu lassen: Das Verbrechervolk der Juden muss vernichtet werden, auf dass der Teufel sterbe und Gott lebe.“

In der Dezember-Ausgabe 194366 richtet sich der Artikel „Martin Luther über die Jüden“ gegen die Geistlichen der englischen und nordamerikanischen protestantischen Kirchen:

„Wenn sie sich jedoch zu begeisterten Beschützern des Judentums erniedrigen, dann verlassen sie den Weg Martin Luthers, der ein ganz fanatischer Judengegner war.“

Nach diesem Einblick in die Luther-Rezeption des „Stürmer“ kommt man wohl nicht umhin, mit Prolingheuer festzustellen:

„Die Propagandisten des Hitler-Faschismus brauchten sich 1933 nur des von den christlichen Kirchen gepflegten Antijudaismus zu bedienen. Aus diesen wortwörtlich zitierten bösen Lutherworten konnte der Stürmer dann genüsslich die aktuelle politische Lehre ziehen: ‚Jud bleibt Jud, selbst wenn man ihn täglich taufen würde.‘“67

Damit beruft sich selbst der rassische Antisemitismus noch auf Martin Luther.

Julius Streicher wird noch am 29. April 1946 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Nürnberger Tribunal erklären:

„Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde. In dem Buch ‚Die Juden und ihre Lügen‘ schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht, man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten.“68

Aber auch die Tageszeitung „Völkischer Beobachter“, Hauptorgan der NSDAP, herausgegeben von Alfred Rosenberg, greift immer wieder auf Luther zurück, wenn auch in anderer Weise:

Bereits am 31. März 193169 erscheint in der Berliner Ausgabe ein Bericht unter dem Titel „Luthers Kampf gegen die Juden“.

Er bringt u. a. Auszüge aus Luthers Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“, insbesondere seine Ratschläge an die Obrigkeit, denn es sei „heute geradezu eine Pflicht“, diese „in Erinnerung zu bringen“, zumal der Jude, so wird beklagt, diese späten Kampfschriften aufgekauft habe, weshalb sie in keiner Luther-Ausgabe zu finden seien. Das ist pure Propaganda. In Wirklichkeit waren diese Schriften in allen großen Lutherausgaben enthalten.

Insgesamt aber ist man im „Völkischen Beobachter“ wenig an Luthers „Kampf“ gegen das Judentum interessiert, sondern vielmehr an seiner „Eigenschaft als deutscher Charakterrevolutionär“. Ansonsten sieht Alfred Rosenberg, der Chefredakteur dieser Zeitung, Martin Luther und die Reformation auch kritisch70, wie in seinem 1930 erschienenen Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ deutlich wird:

„Der Protestantismus offenbart sich von Anfang an als geistig gespalten. Als Abwehrbewegung betrachtet, bedeutet er das Aufbäumen des germanischen Freiheitswillens, des nationalen Eigenlebens, des persönlichen Gewissens. Fraglos hat er für all das den Weg gebrochen, was wir heute Werke unserer höchsten Kultur und Wissenschaft nennen. Religiös aber hat er versagt, weil er auf halbem Wege stehen blieb und an die Stelle des römischen das jerusalemitische Zentrum setzte […].

Luther vollbrachte, als er in Wormsa die Hand zugleich auf das Neue und Alte Testament legte, eine von seinen Anhängern als sinnbildlich betrachtete und als heilig verehrte Tat […] Erst sehr spät entledigte sich Luther der Jüden und ihrer Lügen’ und erklärte, dass wir mit Moses nichts mehr zu schaffen hätten. Aber unterdes war die ‚Bibel‘ ein Volksbuch und die alttestamentliche ‚Prophetie‘ Religion geworden. Damit war die Verjudung und Erstarrung unseres Lebens um einen neuen Schritt vorwärts getrieben.“71

Veröffentlichungen innerhalb der Kirche

Judenfeindliches Denken war unter protestantischen Theologen und in der evangelischen Kirche weit verbreitet – und das nicht erst seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Dieses Denken mag verschiedene Motive gehabt haben (siehe Exkurs: „Antijudaismus und Antisemitismus“ S.39ff.). Es hat sich aber auch von Luther und der lutherischen Tradition genährt.

Unmissverständlich heißt es im Heft der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht:

„Die Nazis und ihre Helfer konnten auf eine lange und reiche Tradition der christlichen Judenfeindschaft zurückgreifen. Die meisten Kirchenväter, viele Theologen des Mittelalters, auch viele Reformatoren, allen voran Martin Luther, hatten ihren Judenhass freimütig, teils hemmungslos gepredigt.

Großen Einfluss hatte der Hofprediger Kaiser Wilhelms II, Adolf Stöcker. Viele Pfarrer der Nazizeit waren von seinem Antisemitismus geprägt worden. Sie beklagten den zersetzenden Einfluss‘ der Juden und gestanden dem Staat das Recht auf eine diskriminierende Sondergesetzgebung gegen die Juden zu.“72

Der Berliner Hofprediger Adolf Stöcker73 war einer der wichtigsten lutherischen Kirchenleute und galt mit seiner national-konservativen und religiös geprägten Judenfeindschaft als der „prominenteste protestantische Propagandist des Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert“. Er wurde von seinen antisemitischen Anhängern als „zweiter Luther“ verehrt. Auch Männer der Bekennenden Kirche, nicht zuletzt Theophil Wurm, sind noch von Stöcker beeinflusst. Dieser hebt den Kampf gegen das Judentum und seine Übermacht als erster auch auf die Ebene der Parteipolitik, denn eine der Forderungen der von ihm gegründeten christlich-sozialen Partei lautet:

„Die christlich-soziale Partei erblickt in dem Judentum und dem jüdischen Geiste die größten Gefahren, welche das deutsche Volk in nationaler, geistiger, sittlicher und wirtschaftlicher Hinsicht bedrohen. Die Partei erstrebt deshalb die Verdrängung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und fordert darum die Beschränkung der Zulassung der Juden zu den höheren Lehranstalten, zu öffentlichen Ämtern […] auf jene Zahl, welche der Zahl der Juden im Verhältnis zu der Gesamtheit der Bevölkerung entspricht.“

In einem Brief Stöckers an Bodelschwingh aus dem Jahre 1885 heißt es:

„Ich habe gegen die Juden nicht einmal eine Antipathie, ich habe sie als Volk der Verheißung lieb […] Aber im ganzen ist es doch so, dass das moderne Reformjudentum ‚unser Unglück‘ ist, wie Treitschke einmal sagte […]. Die Juden mögen unter uns wohnen, aber sie dürfen unser Volk nicht um seine Königstreue und um seinen Glauben betrügen.“

Wie tief die judenfeindliche Prägung im deutschen Luthertum verwurzelt ist, zeigen folgende Äußerungen von protestantischen Theologen zur Zeit des Nationalsozialismus, auch von Theologen der Bekennenden Kirche (siehe Exkurs: Bekennende Kirche im Überblick, S.77ff.).

Walter Künneth74, der Leiter der Apologetischen Zentrale des Johannesstifts in Berlin-Spandau, ist im Frühjahr 1933 Mitbegründer der Jungreformatorischen Bewegung. Diese bejaht den neuen Staat ausdrücklich, fordert aber die Freiheit der Kirche gegen alle politische Beeinflussung – wie später auch die Bekennende Kirche. Künneth spricht 1933 von einem Beitrag der Kirchen zur Lösung des sogenannten „Judenproblems“, und zwar durch die Taufe von Juden:

„Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass das, was den Juden zu dem das Volkstum zersetzenden Element macht, letztlich seinen Grund in dem Fluch hat, der seit der Kreuzigung Jesu über der jüdischen Rasse lastet. Den messianischen Anspruch auf Weltherrschaft können die Juden nur solange erheben, als sie die Messianität Jesu von Nazareth leugnen. Bekennt sich ein Jude wirklich zu Christus, dann wird er von diesem Fluch befreit, dann gibt er seinen Weltherrschaftsanspuch auf, dann erkennt er die volkshaften Ordnungen Gottes und wird befähigt, in neuer Weise Glied auch eines rassisch-fremden Volkes zu werden. So hängen Not und Fluch des Judentums und ihr zersetzender Einfluss aufs engste mit der Stellung zum christlichen Glauben zusammen. Auch an dieser Stelle ergibt sich, dass die christliche Kirche einen wesentlichen Beitrag zum Judenproblem zu geben hat.“

Nachdem sich auch Niemöllers Pfarrernotbund der Auffassung Künneths anschließt, erwacht die Judenmission in Deutschland zu neuem Leben – allerdings rät Künneth seiner Kirche, die kirchlichen „Führerstellen“ mit „Deutschrassigen“ und nicht mit sogenannten „Judenchristen“ zu besetzen.

In dem bekenntniskirchlichen Bestseller „Antwort auf den Mythus“ von 1935 widerspricht Walter Künneth Rosenbergs Antisemitismus nur insofern, als dieser keinen Unterschied mache zwischen den Juden der vorchristlichen und nachchristlichen Zeit, also dem Volk Israel und dem heutigen in der Zerstreuung lebenden Judentum. Ansonsten habe Rosenberg, so Künneth, in der Charakterisierung des zersetzenden Einflusses des dekadenten Weltjudentums und seiner Gefährdung des deutschen Kulturlebens Wesentliches erkannt. Auch sei verständlich, dass er das deutsche Wesen vor der Vergiftung durch diesen jüdischen Geist bewahren wolle. „Am Kreuze Jesu zerbricht das Volk als Volk, ist seine Volksgeschichte zu Ende […]. Was der ‚Fluchcharakter‘ der Juden bedeute, hat Rosenberg richtig gesehen, aber er weiß nichts von der Ursache dieses Fluches.“

Es sind zwei Frauen aus der Bekennenden Kirche in Berlin, die Künneths antisemitische Ausfälle kritisch sehen: die Naturwissenschaftlerin Elisabeth Schiemann in einem Brief an Niemöller und die Studienrätin Elisabeth Schmitz (s.S. 132ff.) allerdings nur in einem Briefentwurf an Künneth, in dem es heißt:

„Wer derartige Dinge schreibt, muss wissen, dass er sich damit an die Seite einer gewissen, heute sehr verbreiteten Presse stellt … Wenn das aber in der Bekennenden Kirche geschieht, dann geht mich das etwas an, und ich halte mich – erlauben Sie, dass ich das sage – vor Gott für verpflichtet, […] dagegen mit letztem Ernst Verwahrung einzulegen.“75

Der Dahlemer Pfarrer Martin Niemöller ist bis zu seiner Verhaftung im Juli 1937 ein führender Kopf in der Bekennenden Kirche. Selbst er hält noch in seiner Predigt zum Judensonntag 1935 an der traditionellen antijudaistischen Theologie fest – auch wenn er den Juden gegenüber das Liebesgebot anmahnt:

„Wir sprechen vom ‚ewigen Juden‘ und schauen das Bild eines ewigen Wanderers, der keine Heimat hat und keinen Frieden findet; und wir schauen das Bild eines hochbegabten Volkes, das Ideen über Ideen hervorbringt, um die Welt damit zu beglücken; aber was es auch beginnt, es verwandelt sich in Gift; und was es erntet, ist immer wieder Verachtung und Hass.“

Und trotzdem:

„Wir wissen wohl, dass es keinen Freibrief gibt, der uns ermächtigte, dem Fluch Gottes mit unserem Hass nachzuhelfen.“76

Wenige Wochen später, auf der Synode im September 1935, fordert Niemöller allerdings ein deutliches Wort der Solidarität mit den Juden (s.S. 119).

Der Hallenser Pfarrer Walter Gabriel77 ist Mitglied des provinzsächsischen Bruderrats der Bekennenden Kirche und Delegierter bei allen Bekenntnissynoden. In den Jahren 1941/1942 durchlebt er eine zweijährige Leidenszeit im sogenannten „Pfarrerblock“ des KZ Dachau. Dort werden im Dritten Reich Tausende evangelische und (überwiegend) katholische Geistliche, darunter viele polnische, interniert. Als erklärter Stöcker-Anhänger ist auch er antijüdischen Denkmustern verhaftet.

In seiner 1936 erschienenen Schrift „D. Martin Luther: Von den Jüden. Luthers christlicher Antisemitismus nach seinen Schriften“ vertritt er durchaus den Standpunkt einer breiten Mehrheit auch in der Bekennenden Kirche, wenn auch seine Schrift dort keine uneingeschränkte Zustimmung erfahren hat.

Gabriel grenzt sich zwar gegen den „Radau-Antisemitismus“ etwa eines „Stürmer“ ab. Dennoch ist Luther für ihn ein Antisemit, ein christlicher Antisemit. Seiner Meinung nach könnten die meisten von Luthers Grundsätzen – ins Moderne übertragen – „noch heute Klarheit und Segen bringen“. Die „rassischen und sozialen Einzelheiten“ sollte die Kirche „der Weisheit des Staates“ überlassen: „Er hat voll verantwortlich zu beurteilen, was staatsgefährlich ist, und was nicht.“

Zwar müsse ein Christ die Juden als „Blutsbrüder Jesu“ lieben, aber der Staat müsse mit „scharfer Barmherzigkeit“ gegen das unter dem Gericht Gottes stehende christus- und christenfeindliche Volk, das dem Geld ergeben sei, einschreiten. Nur wenige Juden seien noch vor ihrem schrecklichen Ende zu retten durch Judenmission.

Der Tübinger Neutestamentler Gerhard Kittel78 ist keineswegs der einzige bekannte protestantische Theologieprofessor, der den Nationalsozialisten nahesteht, auch Paul Althaus und Emanuel Hirsch sind hier zu nennen. In seinem Buch „Die Judenfrage“ hatte Kittel schon 1933 Verständnis für die nationalsozialistische Ausgrenzungspolitik gezeigt und von jeder Sentimentalität abgeraten:

„Nicht darum handelt es sich, ob einzelne Juden anständige oder unanständige Juden sind; auch nicht, ob einzelne Juden ungerechterweise zugrunde gehen oder ob einzelnen damit recht geschieht. Die Judenfrage ist überhaupt nicht die Frage des einzelnen Juden, sondern die Frage des Judentums, des jüdischen Volkes. Und darum darf, wer ihr auf den Grund gehen will, nicht zuerst fragen, was aus dem einzelnen Juden, sondern was aus dem Judentum wird.“

Das NSDAP-Mitglied Kittel wird 1936 in das „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland“ berufen. Damit dient er auch als Alibi für die Tübinger Fakultät, wenn sie von radikal-nationalsozialistischer Seite angegriffen wird. Selbst Landesbischof Wurm verweist in einem Schreiben an den Reichsführer-SS Himmler 1939 auf ihn: „Beim letzten Parteitag in Nürnberg war er Ehrengast des Führers.“79

Kittels Referat von 1936 „Die Entstehung des Judentums und die Entstehung der Judenfrage“ zeigt die inzwischen vollzogene Annäherung an den Nationalsozialismus. Er wolle wissenschaftlich beweisen, dass die Judenfrage im Wesen des Judentums selbst begründet liege, und folgert „dass es nicht willkürliche Brutalität und Barbarei war, sondern echtes, aus historischer Nüchternheit geborenes politisches Handeln, wenn der Führer des neuen Deutschlands für das deutsche Volk als erstes Volk der Neuzeit das Judenproblem auf eine völlig neue Grundlage stellte“. So haben Christen, die dem nationalsozialistischen Zeitgeist huldigen, mit Kittels Thesen Argumente dafür, dass Judenfeindschaft und Christentum geradezu wesensmäßig zusammengehören.

Kittel scheut sich auch nicht, bei einer Konferenz im Frühjahr 1937 mit dem Judenverächter Julius Streicher aufzutreten.

Der theologisch orientierte Philologe und Lutherforscher Theodor Pauls80 veröffentlicht 1939 ein umfangreiches Werk zum Thema „Luther und die Juden“ – auf Initiative von Pfarrer Dr. Petersmann, dem Leiter der „Luther-Deutschen“.

Zwei Bände gelten der Interpretation von Luthers Schriften und einschlägigen Äußerungen zu Juden und Judentum, der dritte bringt Textauszüge aus Luthers Schriften. Ziel der Veröffentlichungen ist, die deutsche Pfarrerschaft mit Hilfe des Reformators und staatlicher sowie kirchenamtlicher Unterstützung in die „Entjudung“ der Kirche einzuüben. Für Pauls habe Hitler das deutsche Gewissen zum „Kampfe gegen den jüdischen Geist und dann auch gegen die jüdische Macht befreit“.

Pauls ist kein Außenseiter, vielmehr: „Die Protektion, deren sich die Bände von Pauls erfreuten, bezeugt ebenso wie der Anschluss an das neugegründete antisemitische Eisenacher Institut, den Petersmann und Pauls mit Erfolg suchten, dass beide mit ihren Auffassungen nicht allein standen.“

An dieser Stelle ist noch Folgendes zu bedenken: Luther hat die deutschen protestantischen Theologen nicht nur in ihrer Judenfeindschaft (mit)geprägt, sondern auch in ihrem Obrigkeitsdenken. Denn seine sogenannte Zwei-Reiche-Lehre wird traditionell und gerade in den 30er Jahren so verstanden, dass eine Einmischung der Kirche in staatliche Angelegenheiten (wie auch umgekehrt) abgelehnt wird. Vielmehr sind staatliche Obrigkeit und Kirche, die jeweils einen besonderen von Gott gewollten Auftrag haben, strikt voneinander zu trennen.

Luther fordert die einzelnen Christen zum Gehorsam gegen die Obrigkeit in weltlichen Dingen auf. Allerdings steht er selbst, der die Entwicklung zu landesherrlichen Kirchenregimenten nicht aufhalten konnte, den Landesfürsten manchmal durchaus kritisch gegenüber und mahnt sie zur Einhaltung der Zehn Gebote.

Im Dritten Reich sind nur einzelne lutherische Christen der Überzeugung, dass der Gehorsam gegenüber dem Staat eine Grenze hat, wenn dieser gegen Gottes Gebot verstößt.

Die reformierten Kirchen, die sich nicht auf Luther berufen, sondern auf die Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, haben sowohl ein anderes Verhältnis zum Judentum als auch zum Staat.

Bei den Reformierten hat die Verbundenheit mit dem Judentum Tradition, nicht nur durch das Singen der Psalmen im Gottesdienst in Form des von Calvin verfassten Genfer Psalters. Das Alte Testament wird hoch geschätzt für Glauben und Leben der Christen und der Bundesgedanke stärker betont. Schon früher gibt es das klare Verständnis, dass der eine Bund Gottes sich auf Israel ebenso wie auf die Kirche bezieht.

All das sowie die Ablehnung von Bildern und ein dem Judentum ähnliches wortbetontes Gottesdienstverständnis hat auch dazu beigetragen, dass im Zuge der Konversionswellen des 18. und 19. Jahrhunderts überproportional viele Juden die neue Glaubensheimat im reformierten und nicht im lutherischen Bekenntnis fanden.81

Auch das lutherische Obrigkeitsdenken ist den reformierten Christen fremd, vielmehr gilt es für sie, sich als Christ gerade auch kritisch in das Gemeinwesen einzumischen.

Allerdings braucht selbst der reformierte Theologieprofessor Karl Barth Zeit, bis er klar Position für die Juden und gegen den NS-Staat bezieht.82

FAZIT All diese Beispiele zeigen: Luthers judenfeind-liche Äußerungen finden in der NS-Zeit in Veröffentlichungen außerhalb und innerhalb der Kirche Beachtung.

Das in den lutherisch geprägten deutschen evangelischen Kirchen verbreitete judenfeindliche und obrigkeitsfreundliche Denken „erklärt“ manche kirchliche Zustimmung und manches Schweigen zu den judenfeindlichen Maßnahmen des NS-Staates (siehe Kapitel II–IV).

II

„Wir haben von D. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf …”

(Generalsuperintendent Otto Dibelius, 1933)

Die Geschichte des Dritten Reiches ist vor allem charakterisiert durch die laufende Verschärfung der Maßnahmen zur Judenverfolgung und Judenvernichtung.83

Allgemein werden vier Phasen84 unterschieden, die jeweils mit neuen staatlichen Maßnahmen einsetzen. Diese Unterscheidung soll aber nicht den Anschein erwecken, als sei der jeweilige Umgang mit den Juden auf die entsprechende Phase begrenzt:

1. Phase: „Ausgrenzung“– ab April 1933

(Boykottaktion)

2. Phase: „Entrechtung“– ab September 1935

(Rassegesetze)

3. Phase: „Ausstoßen“– ab November 1938

(Reichspogromnacht)

4. Phase: „Vernichtung“– ab Juni 1941

(Massendeportationen im Osten)

Die Nationalsozialisten können ihr Vorgehen ziemlich ungestört „steigern“ – auch weil die kirchliche Kritik, wenn überhaupt, nur leise ausfällt.

In diesem Kapitel wird zunächst aufgezeigt, wie bereits 1933 und noch unabhängig von der Judenfrage eine Verbindung gezogen wird zwischen Luther und Hitler, zwischen Reformation und nationalem Aufbruch, und zwar sowohl von staatlicher als auch von kirchlicher Seite aus, wie es Brakelmann in seinem Vortrag „Hitler und Luther 1933“ darstellt (s. S. 66ff.).

Die kirchlichen (Nicht-)Reaktionen auf die zunehmende Ausgrenzung der Juden (s.S.88ff.) und die Entrechtung der Juden (s.S.113ff.), sind bereits ein „Schlüssel“ für das Verhalten der Kirchen nach der Reichspogromnacht. Immer wieder wird dabei auch Bezug auf Luther genommen.

Hitlers Machtübernahme und die evangelische Kirche

1933 – das Jahr, in dem Gott Deutschland „Volk werden ließ“, schreibt Pfarrer Johannes Hossenfelder von der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ und spricht aus, was sicher nicht wenige dachten: „Das hat Gott durch Adolf Hitler getan, den wir deshalb getrost den größten Mann nach Dr. Martin Luther nennen können.“85

Die neue politische Situation nach dem Machtantritt Hitlers am 30.Januar 1933 wird von vielen Predigern positiv bewertet, selbst wenn sie nicht zu den Deutschen Christen zählen.

In der evangelischen Publizistik dieses Jahres gibt es unzählige Artikel, die den 30. Januar jubelnd begrüßen als „Anbruch einer neuen politischen Zeit, verbunden mit einem Neuaufbruch der Kirche als Volkskirche“ – und umgekehrt ist auch im NS-Tagesschrifttum dieser Zeit nichts von einer Polemik gegen die Kirchen oder gegen das Christentum zu finden, vielmehr: „Es sieht so aus, als käme es zu einem neuen Schulterschluss, zu einem neuen Gleichschritt zwischen Nation, Volk und Kirche.“86

Zu den Reichstagswahlen im März 1933 heißt es beispielsweise im evangelisch-lutherischen „Monatsblatt für Westfalen“:

„Der 5.März und nach ihm auch der 12.März soll ein weithin hörbares Bekenntnis werden: wir wollen Deutschland und nicht eine goldene, nicht eine schwarze, nicht eine rote Internationale; wir wollen Volksgemeinschaft und nicht Klassenkampf; wir wollen Gewissensfreiheit und im Lande der Reformation freie Bahn für das Evangelium; nicht aber Geistesknechtung durch Marxismus, Jesuitismus und Semitentum.“87

Da verwundert es nicht mehr, dass Hitler bei den Reichstagswahlen besonders in den protestantischen Regionen und Ländern des Nordens – außer in den Großstädten – erfolgreich ist und knapp gewinnt im Bündnis mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), zu der sich auch die Mehrheit der evangelischen kirchlichen Führungspersonen zählt.88

Die katholischen Bischöfe89 haben immerhin schon vor 1933 in vielen Hirtenbriefen und Kundgebungen ihre Gläubigen vor dem Nationalsozialismus gewarnt, die Zugehörigkeit zur NSDAP als unvereinbar mit der Treue zur katholischen Kirche erklärt und vielmehr die Zentrumspartei gestützt. Diese stimmt dann allerdings Ende März 1933 auch dem Ermächtigungsgesetz zu.

Zur Eröffnung des neuen Reichstages am 21. März 1933 inszeniert Goebbels den „Tag von Potsdam“. Vor dem Staatsakt in der Garnisonskirche findet ein Gottesdienst in der evangelischen Nikolaikirche statt, was auch die kirchliche Einbindung in das sich etablierende NS-System demonstriert.

Der Generalsuperintendent der Kurmark, Otto Dibelius90 aus Berlin, hält die Predigt:

„Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen staatlicher Gewalt […] Und wenn es um Leben oder Sterben einer Nation geht, dann muss die staatliche Gewalt durchgreifen und kraftvoll eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen. Wir haben von D. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung im Land werde.“

Seine Predigt enthält zwar bei aller Zustimmung zur nationalen Neuwerdung auch schon einige mahnende Töne, aber sie schließt mit den Worten:

„Das ist heute unser Gebet: dass Gottes Gnadenhand über dem Bau des deutschen Reiches die Kuppel wölbe, die einem deutschen, einem geheiligten, einem freien Volk den Blick für immer nach oben zieht. Deutschland wieder und für immer: ein Reich, ein Volk, ein Gott!“91

Brakelmann92 zeigt auf: Millionen von Deutschen hören die Übertragung des „Tages von Potsdam“ und glauben an die „große Versöhnung zwischen preußischer Tradition, die als protestantische Frucht verstanden wurde, und nationalsozialistischem Aufbruch“. Dabei wird der preußische Protestant Hindenburg für viele Protestanten die „politisch-emotionale Brücke zum Ja für Hitler“.

Und immer wieder beruft man sich auf Luther. In diesen Wochen des „nationalen Aufbruchs“ wird in vielen Predigten, Reden und Kommentaren die glorreiche Vergangenheit beschworen, werden Luther, Friedrich der Große, Bismarck und Hitler in eine geschichtliche Reihe gestellt, wird das Verhältnis der nationalen Revolution von 1933 zur lutherischen Reformation von 1517 thematisiert.

Als Beispiel für das, was so ähnlich vielfach nachzulesen ist, mag die Rede des Bundesdirektors des Evangelischen Bundes Wilhelm Fahrenhorst auf dem „Eislebener Luthertag“ am 20. August 1933 stehen:

„Und wenn Martin Luther auf seinem Wege dem ‚Führer‘ von heute begegnen würde, dem unser aller Herzen dankbar schlagen – tief würde er ihm in die Augen schauen, und beide Hände würde er ihm drücken: ‚Dank Dir, Du deutscher Mann! Du bist Blut von meinem Blute, Art von meiner Art. Wir beide gehören eng zusammen!‘ Wahrhaftig, sie gehören zusammen, Martin Luther und Adolf Hitler, die Reformation von 1517 und die deutsche Erneuerung von 1933 […] Damals wie heute sandte Gott einen Mann als Retter: damals den Bergmannssohn von Eisleben, den Volkskanzler des Dritten Reiches heute.

In beiden erstand mit Urkraft die Idee, das ‚Selig aus Gnaden‘, die Gewissheit der Frohbotschaft von der Gotteskindschaft aus der erbarmenden Liebe des himmlischen Vaters und das Bild des ‚freien Christenmenschen‘ im deutschen Mann Martin Luther, und der geniale Gedanke, dass der Mensch gottgewollt leben müsse aus der blut- und schicksalsmäßigen Bestimmtheit seiner Nation heraus, und dass national und sozialistisch keine Gegensätze, sondern zu vereinen seien in Adolf Hitler.

In beiden lebt der unzerstörbare, von keinem Hemmnis und Widerstand zu bezwingende Glaube an die Kraft und den Sieg dieser Idee. Das eherne Wormswort Luthers: ‚Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir!‘ klingt genauso auch aus Hitlers Kämpfen und Dulden, Ringen und Streiten heraus.“93


SA vor dem Lutherdenkmal in Berlin zum 450. Geburtstag des Reformators

Zu Luthers 450. Geburtstag im November 1933 wird in vielen kirchlichen und politischen Feiern die Verbindung zwischen Luther und Hitler herausgestrichen.

Im „Aufruf zum Luthertag“ der Braunschweigischen Kirche heißt es beispielsweise:

„In diesen schicksalsschweren Tagen begegnen sich Gegenwart und Vergangenheit. Der Reformator der Deutschen und der Kanzler des Volkes reichen einander die Hand. Ihnen beiden geht es um Deutschland. So spricht der Führer: Wir haben nur einen Glauben und der heißt Deutschland.

Und es bekennt der Reformator: Für meine Deutschen bin ich geboren, meinen lieben Deutschen will ich dienen.“

Und weiter:

„Wir rüsten uns zum Luthertag in der Schicksalswende des deutschen Volkes. Der Führer ruft zum letzten Einsatz für Deutschlands Ehre und Freiheit. Wir stehen in der Entscheidung. Wie soll das Losungswort des neuen Kampfes heißen? Für uns als lutherische Menschen kann es nur lauten: Hie gut deutsch und evangelisch allewege! Darum schließt die Reihen! Luthers 450. Geburtstag soll ein Bekenntnistag aller Evangelischen sein. Für Gott und Volk!“94

Beim Geburtstags-Festakt des Reiches in der Philharmonie Berlin erklärt der Theologieprofessor Erich Seeberg:

„Es ist von symbolischer Kraft, dass das gleiche Jahr ein Lutherjahr ist, in dem das deutsche Volk, wachgerüttelt von einem großen Führer daran geht, die westlichen und östlichen Verstrickungen, in denen sein Wesen gefangen war, abzuschütteln.“95

Und der Kirchenhistoriker Hans Preuß, der kein Deutscher Christ ist, schreibt in der Herbstausgabe der Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung einen Beitrag über „Luther und Hitler“, in dem bei allen Unterschieden zwischen den beiden „deutschen Führern“ dennoch ein biographisch-systematischer Vergleich zwischen ihnen angestellt wird, beispielsweise: Luther beginnt sein größtes Werk, die Bibelübersetzung auf der Wartburg, Hitler schreibt „Mein Kampf“ auf der Festung Landsberg. Beide lieben ihr Deutschland, sind erdverbunden, Feinde von Zins und Wucher und kämpfen leidenschaftlich gegen das Judentum.96

So tönt es quer durch das evangelische Deutschland, aus dem Mund von Kirchenleitungen genauso wie aus dem der akademischen Theologie, ob sie sich nun zu den Deutschen Christen zählen oder auch nicht. In Bezug auf die akademischen Theologen, von denen viele nach dem Krieg zu den prägenden theologischen Lehrern gehören, kommt Brakelmann zu dem Schluss: „Und immer wieder ist es der Reformator, der mit seinem Wesen, seinem Deutschtum, mit seiner Obrigkeits- und Gesellschaftsauffassung, seiner Anthropologie und Ethik die geistigen Grundlagen für das kommende Reich legen soll. Das politische Gegenwartsereignis soll durch eine Rückbesinnung auf den wahren Luther seine religiös-moralische Fundierung erhalten.“97

Die wenigen Gegenstimmen, zumeist von damals unbekannteren Leuten, bleiben außen vor. Der Bochumer Pfarrer Albert Schmidt hatte schon in seiner Predigt vom Mai 1933 klar ausgesprochen, dass die Achtung der obrigkeitlichen Regierung da ihre Grenze hat, wo diese das Recht mit Füßen tritt und „Eigentum und Gesundheit deutscher Menschen bedroht“- und er hat sich kritisch gegenüber seinen Kollegen geäußert:

„Den Millionen, die heute in Freude schwimmen, sind ja Hunderte und Tausende meiner Amtsbrüder zu Dolmetschern ihrer hohen und begeisterten Gefühle geworden […] So will ich heute ein Dolmetsch der Gefühle der Verfemten und Geächteten, der Verfolgten und Bedrückten, der Elenden und Geplagten sein.“98

Was sind die Gründe, dass so viele – auch führende – Leute in der evangelischen Kirche die Machtergreifung der Nationalsozialisten ausdrücklich begrüßen und unbeeindruckt von den innenpolitischen und außenpolitischen Maßnahmen des ersten Regierungsjahres daran festhalten?

VORDERGRÜNDIG99: Bereits die erste Rede Hitlers als neuberufener Reichskanzler ist von religiösen Vokabeln und christlichen Redewendungen durchsetzt („der Allmächtige“, „die Vorsehung“ usw.).

Er bekennt sich zum sogenannten „positiven Christentum“ und proklamiert, dass er Christentum und christliche Moral zum Fundament des neuen Reiches machen wolle.

Ungeachtet dessen propagiert sein Chefideologe Rosenberg mit seiner neuheidnischen „Gottgläubigen“-Bewegung den Gegensatz zum Christentum.

Tatsächlich aber wird vier Tage nach Hitlers Machtübernahme verboten, in Wort und Schrift Religionsgesellschaften des öffentlichen Rechtes zu beschimpfen oder verächtlich zu machen – das richtet sich gegen die schärfsten Kritiker von Religion und Kirche, namentlich die Freidenkerverbände und die kommunistische Bewegung.

Hitler umwirbt gekonnt und erfolgreich beide Kirchen.

In seiner Regierungserklärung vom 23.März 1933 heißt es denn auch:

„Die nationale Regierung wird in Schule und Erziehung den christlichen Konfessionen den ihnen zukommenden Einfluss einräumen und sicherstellen. Ihre Sorge gilt dem aufrichtigen Zusammenleben zwischen Kirche und Staat. Der Kampf gegen eine materialistische Weltanschauung und für die Wiederherstellung einer wirklichen Volksgemeinschaft dient ebenso den Interessen der deutschen Nation wie denen unseres christlichen Glauben.“

HINTERGRÜNDIG100: Das deutsche Luthertum hatte gegenüber der demokratischen Weimarer Republik schon deshalb eine feindliche Haltung eingenommen, weil damit die seit der Reformation bestehende enge Verbindung von „Thron und Altar“, von Landesherren und Landeskirchen, zu Ende war.

Darüber hinaus gibt es eine „große Affinität zwischen nationalkonservativer protestantischer Kulturkritik und nationalsozialistischer Geschichts- und Zeitkritik. Beide Positionen sehen die Moderne vorrangig als Zeit des Verfalls.“

Da also schon lange vor dem Januar 1933 das kirchliche und theologische Schrifttum antiaufklärerisch, antiliberal, antidemokratisch, antisozialistisch und antikommunistisch geprägt ist, kann es zu diesem Bündnis von Nationalprotestantismus und Nationalsozialismus kommen.

Schließlich macht die Angst vor dem Bolschewismus, nicht zuletzt wegen seiner antikirchlichen Position und seiner Christenverfolgungen, blind für die Gefahren des Faschismus. Lieber braun als rot, ist die Devise.

FAZIT Die Mehrheit der Protestanten hat eine negative Haltung zur Weimarer Republik, zu vielen Strömungen der Moderne und zum Judentum, das für die modernen „Irrtümer“ insbesondere verantwortlich gemacht wird.

Daher ist es für Hitler nicht schwer, die evangelischen Christen zu gewinnen. Die Verbindungen, die zwischen Luther und Hitler gezogen werden, tun ihr Übriges.

Die protestantische Mehrheit kann so aus Überzeugung ein Ja zum neuen Staat sprechen.101

Exkurs: Bekennende Kirche im Überblick102

Die Bekennende Kirche (künftig auch abgekürzt: BK) gilt im Dritten Reich als Gegenbewegung zu den Deutschen Christen (künftig auch abgekürzt: DC). Die Bekennende Kirche hat genauso wie die Deutschen Christen sehr verschiedene Phasen und auch verschiedene Flügel und regionale Schwerpunkte. Das macht die Sache kompliziert, die evangelische Kirche im Dritten Reich gibt es so nicht.

Die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ entsteht bereits im Juni 1932 und wird von dem Berliner Pfarrer Joachim Hossenfelder geleitet. Sie wendet sich in ihren Richtlinien an „alle evangelischen Christen deutscher Art“.103 Wie stark diese Richtlinien von nationalsozialistischem Gedankengut geprägt sind, wird deutlich, wenn es darin heißt:

„Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christusglauben, wie er deutschem Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht.“ Und: „Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen“ und schließlich: „In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum.“

Die Forderung der Deutschen Christen, die lockere Verbindung von insgesamt 29 Landeskirchen und Kirchenprovinzen im Deutschen Evangelischen Kirchenbund in eine Reichskirche umzuwandeln, ist damals durchaus populär.

Dagegen geht es der Bekennenden Kirche vorwiegend darum, die eigene Kirche vor dem Übergriff der Nazis und der Überfremdung durch den nationalsozialistischen Ungeist zu schützen und die Freiheit der Kirche zu wahren, das bedeutet:

1. Die landeskirchlichen Strukturen sollen aufrechterhalten werden. Deshalb wird die Gleichschaltung zu einer Reichskirche unter einem Reichsbischof abgelehnt.

2. In Personalfragen will man sich nicht hineinregieren lassen. Deshalb wird die Anwendung des Arierparagraphen (Entlassung von Beamten mit jüdischem Hintergrund) für Pfarrer mit jüdischen Wurzeln abgelehnt.

3. In geistlichen Angelegenheiten will man sich nicht hineinreden lassen. Deshalb hält man z. B. am Alten Testament fest. Auch wird eine eigene Pfarrerausbildung organisiert.

ZEIT VOR DER REICHSPOGROMNACHT (1933–1938)

1933: Vorläufer der Bekennenden Kirche

MAI 1933:

Gründung der Jungreformatorischen Bewegung (H. Lilje, W. Künneth u. a.): Ein Ja zum neuen deutschen Staat, aber ein Nein zu aller politischen Beeinflussung der Kirche.

JULI 1933:

Engerer Zusammenschluss der 21 Landeskirchen und der Kirche der Altpreußischen Union (APU) mit ihren 8 Kirchenprovinzen (vom Rheinland über Schlesien bis nach Ostpreußen) zur Deutschen Evangelischen Kirche (künftig abgekürzt: DEK), mit einer neuen Verfassung.104

Evangelische Kirchenwahlen mit ausdrücklicher Unterstützung durch die NSDAP und 70%-Wahlsieg der Deutschen Christen. Die alten Kirchenleitungen bleiben nur in den drei großen Landeskirchen Württemberg, Bayern und Hannover – den sogenannten „intakten“ Landeskirchen – doch ihre Bischöfe Wurm, Meiser, Marahrens werden fortan auch oft „taktieren“.

SEPTEMBER 1933:

Einführung des Arierparagraphen in der großen Kirche der Altpreußischen Union durch die „Braune Synode“. Der Pfarrernotbund gegen staatliche Eingriffe in die Kirche (Niemöller u. a.) wird gegründet, dem bis Januar 1934 mehr als ein Drittel der evangelischen Pfarrer beitreten. Der preußische Bischof Ludwig Müller (DC) wird – im Sinne Hitlers – zum Reichsbischof durch die Nationalsynode gewählt. Fortschreitende Eingliederung der evangelischen Landeskirchen in eine Deutsche Evangelische Nationalkirche unter dem Reichsbischof.105

NOVEMBER 1933:

Großkundgebung der Deutschen Christen im Berliner Sportpalast, mit Forderungen nach der Abschaffung des Alten Testaments, der Beseitigung der jüdischen Theologie des Paulus und der Verkündigung eines „heldischen Jesus“.

Verlust vieler Sympathien, Reichsbischof Müller distanziert sich vom radikalen Flügel der Deutschen Christen. Trotzdem können sich viele Deutsche Christen in den einmal durch die Kirchenwahl eroberten Positionen z. T. bis zum Kriegsende halten.

1934: Gründung der Bekennenden Kirche

APRIL 1934:

Über fünftausend evangelische Christen kommen zum Ulmer Bekenntnistag im Münster zusammen. Die Vertreter der württembergischen und bayerischen Landeskirchen, einiger freier Synoden sowie vieler bekennender Gemeinden und Christen in ganz Deutschland erklären öffentlich, dass sie die rechtmäßige evangelische Kirche in Deutschland seien.

MAI 1934:

1. Reichsbekenntnissynode in Barmen. Sie wird einberufen durch die Bekenntnisgemeinschaft der Deutschen Evangelischen Kirche, das ist der Zusammenschluss aus den „intakten“ Landeskirchen und den freien Synoden aus den anderen Landeskirchen, die sich der Eingliederung in die Nationalkirche widersetzen. Dazu kommen Vertreter aus bekennenden Gemeindekreisen und Gruppen. 139 Delegierte aus der lutherischen, reformierten und unierten Tradition verabschieden als gemeinsames Bekenntnis die Barmer Erklärung, maßgeblich verfasst von Karl Barth und Hans Asmussen:

In sechs Thesen werden evangelische Wahrheiten bekannt und die von den Deutschen Christen vertretenen „falschen Lehren“ verworfen, die die nationalsozialistische Ideologie auch für die Kirche geltend machen wollen.

Die Bekennende Kirche entsteht zwar innerhalb der DEK, tritt aber mit dem Anspruch auf, allein die DEK zu vertreten.

OKTOBER 1934:

2. Reichsbekenntnissynode in Berlin-Dahlem. Nach dem Scheitern des Eingliederungsversuchs von Württemberg und Bayern in die Nationalkirche durch Reichsbischof Müller, beschließt die Bekennende Kirche, den deutschchristlichen Kirchenleitungen auf allen Ebenen (Gemeinde, Kirchenkreise, Kirchenprovinzen und Landeskirchen) eigene Leitungen gegenüberzustellen, die Bruderräte. An der Spitze steht der Reichsbruderrat und – daraus gewählt – der 5-köpfige Rat der DEK (mit K. Barth und M. Niemöller, H. Asmussen, K. Koch, E. Fiedler). Frauen fehlen in der Leitung, nicht aber unter den Mitgliedern.106 Der Staat erkennt die neuen bruderrätlichen Kirchenleitungen niemals an. Nach einem Empfang der drei Bischöfe der „intakten“ Landeskirchen bei Hitler zehn Tage später wird der Rat der DEK verdrängt.

NOVEMBER 1934:

Reichsbruderrat und „intakte“ Landeskirchen vereinbaren nun die Bildung der 1. Vorläufigen Kirchenleitung (1. VKL) der DEK unter Bischof Marahrens (Hannover), der zum gemäßigten Flügel gehört.


1934 gab es im Deutschen Reich 22 evangelische Landeskirchen

Da die alten DC-Kirchenleitungen überall im Amt bleiben, bedeutet das: Die gesamte kirchliche Verwaltung und vor allem die Kirchenfinanzen bleiben in deren Besitz (außer in den „intakten“ Landeskirchen). So bekommen auch BK-Pfarrer weiterhin ihr Gehalt von dort. Die Bekennende Kirche finanziert ihre Arbeit (Veröffentlichungen, Aus- und Fortbildung, Neu-Anstellung junger Theologen) aus Kollekten der BK-Gemeinden.

1935: Zunehmende Spannungen innerhalb der Bekennenden Kirche

MÄRZ 1935:

Kurzzeitige Verhaftung von ca. siebenhundert Pfarrern der Bekennenden Kirche in der Altpreußischen Union, da sie ein kritisches Kanzelwort verlesen wollten.

JUNI 1935:

3. Reichsbekenntnissynode in Augsburg. Spannungen zwischen dem entschiedenen „Dahlemer Flügel“ mit Niemöller und Barth – der auf Wunsch des bayerischen Bischofs Meiser nicht mehr an der Synode teilnimmt – und dem kompromissbereiten „intakten“ Landeskirchen mit ihren Bischöfen.

JULI 1935:

Ernennung des Reichskirchenministers Kerrl durch Hitler zur „Befriedung“ der evangelischen Kirchen. Jener beruft neue kirchenleitende Kirchenausschüsse und einen nur ihm verantwortlichen Reichskirchenausschuss, der nun anstelle des Reichsbischofs die Leitung der DEK innehat (1937 tritt dieser Reichskirchenausschuss ohne Nachfolgeregelung zurück).

Für diese Ausschüsse kann Kerrl auch Vertreter der BK gewinnen, namentlich auch Marahrens, der immerhin an der Spitze der 1. Vorläufigen Kirchenleitung steht.

1936: Spaltung der Bekennenden Kirche

FEBRUAR 1936:

4. und letzte Bekenntnissynode auf Reichsebene in Bad Oeynhausen.

Die Bekennende Kirche spaltet sich in zwei Flügel:

1. Ein breiter Flügel, der zu Kompromissen und zur Zusammenarbeit mit Kerrl bereit ist, aus den drei „intakten“ Landeskirchen und den Bruderräten aus anderen Landeskirchen (Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Mecklenburg, Lübeck und Schleswig-Holstein), vertreten durch den neugeschaffenen Rat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (mit Marahrens, Meiser, Wurm, Lilje u. a.).

2. Ein kleiner entschiedener Flügel, der an den Dahlemer Beschlüssen festhält, („Dahlemiten“) und die Zusammenarbeit mit Kerrl ablehnt, aus den Bruderräten der APU, aus Oldenburg, Bremen und Hessen-Nassau; er wird vertreten durch die neugewählte 2. Vorläufige Kirchenleitung der DEK (mit F. Müller, O. Fricke, M.Albertz, H.Böhm, B. H.Forck).

SOMMER 1936:

Vertrauliche und kritische Denkschrift an Hitler, verantwortet von der 2.Vorläufigen Kirchenleitung (2.VKL), den Dahlemiten. Zum ersten Mal beschäftigt man sich nicht nur mit den eigenen Sorgen, sondern klagt auch die Verletzung der Menschenrechte durch den NS-Staat an. Die ungewollte Veröffentlichung in einer Basler Zeitung bringt die BK in schwere Turbulenzen und ist Anlass für eine Kanzelabkündigung.

1937: Schwächung der Bekennenden Kirche

Verbot von Einrichtungen der Bekennenden Kirche wie den Predigerseminaren. „Aufenthaltsverbote“ und „Ausreiseverbote“, Kommunikations-und Druckverbote behindern Treffen und Arbeit der Bekennenden Kirche. Der entschiedene Flügel der BK wird massiv vom Staat bedrängt, Martin Niemöller und Paul Schneider (zum vierten Mal) verhaftet, letzterer wird 1939 im KZ Buchenwald ermordet. 1938 zählt eine Statistik des Reichskirchenministeriums in Bezug auf evangelische Geistliche 1441 Strafanzeigen, 10 Verurteilungen, 8 Personen in Schutzhaft, neben 170 Verwarnungen, 18 Redeverboten und 61 Aufenthaltsverboten.

In den Gottesdiensten der Bekennenden Gemeinden wird der Verfolgten fürbittend gedacht, auch namentlich.107

1938: Lähmung der Bekennenden Kirche

APRIL 1938:

Zu Hitlers Geburtstag hat der Leiter der Kirchenkanzlei, Friedrich Werner (DC), die Idee, Pfarrer sollen den Treueid auf Hitler schwören. Das führt zu vielen Auseinandersetzungen in der Bekennenden Kirche.

SEPTEMBER/OKTOBER 1938:

Angesichts der Sudetenkrise veröffentlicht die 2.Vorläufige Kirchenleitung eine Gebetsliturgie 108 gegen jede Verherrlichung des Krieges, und Karl Barth schreibt einen Brief109 an die Tschechen mit der Aufforderung zum bewaffneten Widerstand gegen die Deutschen.

Beides ist innerhalb der Bekennenden Kirche heftig umstritten. Die Verfasser der Gebetsliturgie gehen auf Distanz zum radikaleren Barth, weil sie sich dem Vorwurf des Landesverrats ausgesetzt sehen.110 Am 29. Oktober, also nur wenige Tage vor der Reichspogromnacht, droht Reichskirchenminister Kerrl damit, die Verantwortlichen für die Gebetsliturgie (Albertz, Böhm, Forck und [Fritz] Müller) ins KZ zu überführen und nötigt den drei Bischöfen der sogenannten „intakten“ Landeskirchen (Marahrens – Hannover, Wurm – Württemberg, Meiser – Bayern) und einem weiteren Landesbischof (Kühlewein – Baden) eine Erklärung ab, in der diese öffentlich von den Verfassern der Gebetsliturgie abrücken111 – wenige Tage später auch noch vier weitere Kirchenführer.

Die Bischöfe sind um die Selbsterhaltung der Kirche und ihrer Handlungsspielräume besorgt. Dazu kommt die Furcht, als Vaterlandsverräter ins KZ eingewiesen zu werden.

Nachdem sich also der entschiedene Flügel vom radikaleren Karl Barth losgesagt hat, fallen die Bischöfe des gemäßigten BK-Flügels dem entschiedenen BK-Flügel in den Rücken.

Das ist der Tiefpunkt der Bekennenden Kirche.112

ZEIT NACH DER REICHSPOGROMNACHT (1939–1945)

Dieser Zeitraum umfasst vor allem die Kriegsjahre.113 Zu Kriegsbeginn rufen die evangelischen Kirchenleitungen die Christen zum Dienst fürs Vaterland auf. Die Überzeugung, dass die Obrigkeit das Recht habe, zum Kriegsdienst heranzuziehen, ist unangefochten.

Bischof Marahrens (BK), der im neu gebildeten Geistlichen Vertrauensrat der DEK mitarbeitet, erlässt zusammen mit dem Leiter der DEK-Kirchenkanzlei Werner (DC) am 2. Kriegstag einen entsprechenden Aufruf zum Krieg. Widerspruch zu Hitlers Kriegszug gibt es kaum aus der Bekennenden Kirche. Auch deren Leute sind jetzt darum bemüht, sich als gute Patrioten zu zeigen, und mancher Pfarrer der Bekennenden Kirche sieht im Frontdienst sogar eine Befreiung aus dem Druck des Kirchenkampfes.

Die Mehrheit des deutschen Protestantismus trägt die Kriegspolitik der Nationalsozialisten mehr oder weniger überzeugt mit: Sie schweigt zur Judenverfolgung und unterstützt den Krieg mit Gebeten und Kirchenglocken, Dankgottesdiensten und entsprechenden Publikationen. Erst gegen Kriegsende hin nimmt eine kritischere Einstellung zu.

Die bruderrätliche Bekennende Kirche – im Unterschied zur bischöflichen Bekennenden Kirche – ist jedoch seit der Verhaftungswelle im Mai 1941 lahmgelegt.

Die beiden Bewegungen der „Deutschen Christen“ und der „Bekennenden Kirche“ verlieren im Krieg an Bedeutung.

1942 unternimmt der BK-Bischof Wurm, Württemberg, bewusst das „Einigungswerk“ der kirchlichen „Mitte“– dabei arbeitet jetzt auch die 2.Vorläufige Kirchenleitung (BK) mit. Wurm wird zum Sprecher der Kirche. Er kämpft gegen die Euthanasie, seine persönlichen Briefe an die Regierung, die sich auch gegen die Judenvernichtung richten, werden jedoch kaum gehört.

Ähnlich ergeht es auch den wenigen protestierenden Stimmen aus dem entschiedenen Flügel der Bekennenden Kirche.

Viele einzelne Bekenntnisgemeinden versuchen weiterhin, vor Ort sich zu versammeln, Fürbitte zu tun, zu helfen. Einzelne Mitglieder aus der Bekennenden Kirche knüpfen Kontakt zu Widerstandskreisen oder gehen selbst in den politischen Widerstand, aber ohne Rückendeckung der Kirche, wie Dietrich Bonhoeffer.

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300 s. 18 illüstrasyon
ISBN:
9783766843128
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