Kitabı oku: «Multisystem-Erkrankungen erkennen und verstehen»
Sibylle Reith
Multisystem-Erkrankungen erkennen und verstehen
Über die unterkomplexe Wahrnehmung und Versorgung komplexer Erkrankungen
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„Tatsachen schafft man nicht dadurch
aus der Welt, dass man sie ignoriert.“
Aldous Huxley
Einleitung
Diese Einleitung ist gleichzeitig die Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte dieses Buches.
Als ich vor vielen Jahren begann, mich mit meiner eigenen multisystemischen Erkrankung auseinanderzusetzen, ahnte ich nicht, dass mich dieses Thema so packen würde, dass ich, nachdem ich meinen Beruf als Lehrerin aufgegeben hatte, mehrere Jahre mit wissenschaftlicher Recherche verbringen würde. Ich ahnte auch nicht, welche Komplexität mich erwartete und auch nicht, in welches Spannungsfeld ich mich begeben würde.
Ein dreipoliges Spannungsfeld
Auslöser meiner Recherchen war die Erkenntnis, dass die medizinische Irrfahrt, die ich erlitt, nicht nur mir widerfuhr, sondern dass ich Teil einer viel tausendköpfigen „Community der multisystemisch Erkrankten“ war – die Mitglieder dieser unfreiwilligen Gemeinschaft verschwanden jedoch – und verschwinden noch heute – aus der Gesellschaft.
| Die unzureichende Versorgung, die ich erlebte, war nicht nur mein persönliches, sondern war – und ist – ein strukturelles Problem. |
Ich wollte verstehen, begab mich auf die Suche und fand mich in einem dreipoligen Spannungsfeld aus Motivation, Faszination und Abscheu wieder.
Motivation
Während ich selbst mich langsam, über Jahre, regenerieren konnte (heute, mit 60 Jahren geht es mir wesentlich besser als im Alter von 40 Jahren) erlebte ich Menschen, die aufgrund ihrer multisystemischen Erkrankungen schwer krank, behindert, bettlägerig und/oder pflegebedürftig waren. Die Gemeinsamkeit zwischen uns allen war, dass die organischen Regulations-Systeme chaotisiert zu sein schienen, der ganze Organismus lief nicht rund – ohne dass ein Organ als Übeltäter ausfindig gemacht werden konnte. Die übliche Standard-Diagnostik konnte keine Auskunft geben. Die diagnostischen Werte schienen nicht die relevanten zu sein. Unsere Art von Erkrankung fand sich nicht in den Krankheits-Registern. An welche Fachdisziplin sollten wir uns wenden? Keine passte.
Faszination
Einige wenige engagierte Behandler kümmern sich – trotz widriger Rahmenbedingungen (!) – dankenswerter Weise um Patienten mit den scheinbar „medizinisch unerklärlichen“ Symptomen. In ihren Publikationen zeigen sie, dass mit Hilfe spezifischer Laboruntersuchungen Befunde ans Licht kommen, die mit den üblichen Standard-Untersuchungen und der Routine-Labordiagnostik nicht gefunden werden.
| „Medizinisch nicht erklärbar“ wurde damit zu „Nicht auffindbar mit der üblichen Diagnostik“.Vielfach entpuppt sich, was allzu oft und nur scheinbar folgerichtig, als „medizinisch unerklärliche“, bzw. psychische Erkrankung etikettiert wird, anhand objektivierbarer Befunde als (schwerwiegende) behandlungsbedürftige (und zumindest segmental behandelbare!) immunologische und metabolische – also primär organische – Entgleisung. |
Doch was wird da untersucht? Zuerst stieß ich auf die Mitochondrien-Medizin und in der Folge auf hochspannende, multidisziplinäre Wissenschaftsfelder. Wie bei einem Puzzle ergab sich daraus das Grundmuster eines komplexen, multisystemischen Krankheitsverständnisses.
Abscheu
Die Medizingeschichte der multisystemischen Komplex-Erkrankungen entpuppte sich als ein Jahrzehnte währender, historisch einmaliger medizinwissenschaftlicher Streit, der eine ganze Gruppe von Erkrankungen betrifft und der in der öffentlichen Debatte dennoch nur marginal wahrgenommen wurde und wird. Es ist eine Geschichte der Kontroversen, Dissense, Petitionen, Offenen Briefe, Auseinandersetzungen um medizinische Leitlinien (mit Konsequenzen für Diagnostik und Therapie) und Anfragen an den Bundestag.
| Diskurse sind wichtige kommunikative Instrumente der Auseinandersetzung. Aber wenn wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden, wenn Patienten aufgrund der Komplexität ihrer Erkrankung ins Abseits verschoben werden, wenn selbst die medizinische Grundversorgung nicht gewährleistet ist, wenn von Seiten der Behörden keine Unterstützung zu erwarten ist, wenn diese Kontroversen also unbeschreibliches Leid und soziale Not insbesondere für schwer Betroffene mit ohnehin geringer Lebensqualität nach sich ziehen – dann entsteht Abscheu.Die Abscheu bringt uns nicht weiter. Das Thema erfordert die Aufklärung aller Beteiligten: Der Patienten, der Behandler und der Entscheider im Gesundheits- und Sozialwesen. |
„Multisystemische Erkrankungen“
Behandler berichten über eine stetig wachsende Anzahl von Patienten mit immer komplexeren Beschwerdemustern in sehr heterogenen Patientengruppen, die sich nur schwer klassifizieren lassen. Auch die Verläufe und die Schweregrade unterscheiden sich, oft sind die Beschwerden massiv und lebensverändernd.
| Kann es sein, dass wir heute massenhaft auftretende gesundheitliche Beschwerdebilder erleben, für die es bislang keinen geläufigen Begriff gibt? |
Die Art und Stärke reicht von unklaren Symptomen wie Grippegefühl oder Benommenheit bis hin zu schweren und schwersten Einschränkungen der Lebensqualität mit Arbeitsplatzverlust, Behinderungen und Pflegebedarf. Bei diesen Erkrankungsausprägungen läuft das Räderwerk der ineinandergreifenden Regulations-Systeme nicht rund, die zahlreichen Beschwerden lassen sich jedoch kaum lokalisieren, bleiben ohne Erklärung und werden deshalb verharmlost. Manche Patienten erleben, dass sie offen oder versteckt das Etikett „Hypochonder“ erhalten oder dass hinter vorgehaltener Hand gar von „Krankheitsgewinn“ die Rede ist. Die Beschwerden, z. B. Schmerzen, sind jedoch durchaus real und in den meisten Fällen alles andere als kleine Malaisen.
| Solche komplexen Erkrankungen werden von mehreren Autoren als „Erworbene multisystemische Erkrankungen“ bezeichnet. Sie gehören zu den umstrittensten und anspruchsvollsten Krankheitsbildern. |
Das sogenannte Post-COVID-Syndrom/PCS, (auch „Long-COVID“), das sich parallel zu meiner Arbeit am Manuskript als mögliche Langzeitfolge nach einer SARS-CoV-2-Infektion entwickelte, ist das Paradebeispiel einer multisystemischen Erkrankung mit allen typischen Merkmalen – wie aus dem Lehrbuch: Wenn es denn dieses Lehrbuch gäbe... PCS-Patienten erleben nun exemplarisch alle Hemmnisse, Hürden und den Versorgungsnotstand multisystemisch Erkrankter.
| Ziel dieses Buches ist, Erworbene Multisystem-Erkrankungen besser verstehbar zu machen und so als Wegbereiter und Wegweiser hin zu einer besseren Versorgung zu dienen.Das Thema Multisystem-Erkrankungen hat Bezug zu sehr vielen medizinischen Fachbereichen. Zu jedem dieser Themen gibt es eine Fülle an Informationen – verstreut im Internet, in Fachzeitschriften, in Büchern, Fernsehsendungen und in Hörmedien. Das vorliegende Buch versucht, diese unüberschaubare Informationsflut sinnvoll zu strukturieren. |
Charakteristik multisystemischer Erkrankungen
Als Kurz-Charakteristik für multisystemische Erkrankungen können zwei gemeinsame Merkmale genannt werden:
Die Patienten klagen über unspezifische und zahlreiche körperliche und seelische Symptome. Die üblichen Untersuchungen ergeben keinen Befund.
Die Beschwerden gelten als „medizinisch unerklärlich“.
Metabolomik und Systembiologie
Heute stellt sich die Frage, ob die derzeit üblichen Standard-Untersuchungen ausreichen, um die biologischen Prozesse in ihrer lebendigen Dynamik zu verstehen. Gelten Erkrankungen auch noch als unerklärlich, wenn z. B. neue Technologien eingesetzt werden, die innerhalb kürzester Zeit mehr als 60 verschiedene biochemische Stoffwechselwege messen können? Analog zur Untersuchung des Genoms (Erbgut, die DNA), der Genomik, kann die Untersuchung des Metaboloms, die Metabolomik, charakteristische Stoffwechsel-Eigenschaften einer Zelle bzw. eines Gewebes oder Organismus identifizieren und quantifizieren. Der „-omik“-Ansatz, (der noch weitere -omiks umfasst) liegt der Systembiologie zugrunde. Das Ziel ist, das dynamische Netzwerk ausgehend von der Zellebene biochemisch zu verstehen.
Das US-amerikanische Naviaux Lab, das zu dem Mitochondrial and Metabolic Disease Center an der University of California San Diego School of Medicine/UCSD gehört und von Prof. Robert K. Naviaux geleitet wird, gehört zu den Vorreitern der Metabolik-Forschung:
„Unserer Ansicht nach liegen Chemie und Metabolismus allen Aspekten der menschlichen Biologie zugrunde. Unsere Studien zeigen, dass die Metabolomik als neue Linse genutzt werden kann, um unerwartete biologische Zusammenhänge aufzudecken, die vorher unsichtbar waren.“ [Ü.d.A.] E/1 Naviaux
Experimente und Studien, die auf dem Verständnis der Metabolomik (und weiterer „-omiks“) basieren, zeigen einerseits, wie Veränderungen im Stoffwechsel zu Veränderungen im Verhalten und in der Funktionsfähigkeit führen und andererseits, wie innovative Behandlungsansätze regulierend auf die gefundenen Stoffwechsel-Entgleisungen einwirken können.
| Wir werden sehen, dass chronische „medizinisch unerklärliche“ Beschwerden und Verhaltensweisen weit besser – wenn auch noch nicht vollständig – verstanden werden können, wenn regulatorische Prozesse auf molekularer Ebene untersucht werden. |
Im vorliegenden Buch werden drei übergreifende Hypothesen zur Entstehung chronischer/multisystemischer Erkrankungen vorgestellt:
Martin L. Pall: Der Nitrosative Stress-Zyklus
Robert K. Naviaux: Die Reaktion auf Zellgefahren (Englisch: Cell danger response CDR)
Die Mastzell-Forschung, die in Deutschland und international von mehreren Wissenschaftlern erforscht wird.
Diese Hypothesen erklären die Stoffwechsel-Entgleisungen, die zu chronischen Erkrankungen führen, aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven.
| Gemeinsam ist den drei Hypothesen, dass übermäßiger Stress (zu viele/zu starke biologische, chemische, psychosoziale Stressreize) am Beginn der chronischen Erkrankungen stehen. |
Daher wird die breite Palette von unterschiedlichen Reiz-, bzw. Stressfaktoren, denen wir heute alltäglich ausgesetzt sind, in TEIL 2 ausführlich behandelt. Zahlreiche Faktoren, z. B. Luftschadstoffe oder Schwermetalle, schädigen unseren Organismus, ohne dass wir deren Einfluss direkt sinnlich wahrnehmen könnten. Das führt zu einem allzu sorglosen Umgang.
Prof. Martin L. Pall: Der Nitrosative Stress-Zyklus
Der renommierte US-amerikanische Wissenschaftler Prof. Martin L. Pall, emeritierter Professor für Biochemie und Grundlagenwissenschaften der Medizin an der Washington State University, spricht von einem neuen – einem zehnten Paradigma für die Krankheitsentität multisystemischer (Komplex-)Erkrankungen. Er beschreibt in seinem 2007 erschienenen Buch Explaining ‘Unexplained Illnesses’: Disease Paradigm for Chronic Fatigue Syndrome, Multiple Chemical Sensitivity, Fibromyalgia, Post-Traumatic Stress Disorder, and Gulf War Syndrome and Others mehrere Ausprägungen multisystemischer Erkrankungen. Es erschien bisher nur in englischer Sprache. Auf Deutsch lautet der Titel: Die Erklärung „ungeklärter Krankheiten“. Ein Krankheitsparadigma für Chronisches Müdigkeitssyndrom, Multiple Chemikalien-Sensibilität, Fibromyalgie, Posttraumatische Belastungsstörung, das Golfkriegssyndrom und weitere. E/2 Pall
Prof. Pall beschreibt u.a. folgende weit verbreitete, aber selten korrekt diagnostizierte multisystemische Ausprägungen:
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungs-Syndrom/ME/CFS
mit den Merkmalen: Vitalitätsverlust und ausgeprägter Regenerationsbedarf, selbst nach scheinbar wenig anstrengenden Tätigkeiten.
Multiple Chemikalien Sensitivität/MCS
Individuell heterogene Hypersensitivität gegenüber flüchtigen und flüssigen Chemikalien, Duftstoffen, Abgasen, Lösemitteln oder Zigarettenrauch.
Fibromyalgie-Syndrom/FMS
Leitsymptome sind: Schmerzen, Schlafstörungen und Erschöpfungsneigung.
Post-Traumatische Belastungs-Störung/PTBS, bzw. „Komplexe PTBS“
Unter (K)PTBS wird eine verzögerte Reaktion auf eine oder mehrere außergewöhnliche Bedrohungen verstanden. Leitsymptome sind: Nachhallerinnerungen, Übererregungssymptome und Vermeidungsverhalten.
PTBS gilt in der etablierten, an den Hochschulen vermittelten Medizin als psychische Erkrankung. Aus Sicht der Systemischen Epimedizin, die weiter unten vorgestellt wird, ist auch PTBS eine „Ganzkörper“-Erkrankung. PTBS unterscheidet sich in der Entstehung (fachsprachlich Ätiologie), nicht jedoch in der gemeinsamen Endstrecke in Bezug auf biochemische Merkmale von ME/CFS, MCS und FMS.
Der „Nitrosative Stress-Zyklus“
Prof. Pall erläutert detailliert, dass diese multisystemischen Erkrankungen, die bislang in unterschiedlichem Ausmaß durch übliche diagnostische Raster fallen, ursächlich durch den komplexen „Nitrosativen Stress-Zyklus“ (auch „Biochemischer Teufelskreis“) erklärbar sind – und behandelt werden können!
Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen/EmKE
Folgende drei Krankheits-Ausprägungen:
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungs-Syndrom/ME/CFS
Multiple Chemikalien Sensitivität/MCS und das
Fibromyalgie-Syndrom/FMS
werden im vorliegenden Buch unter der Bezeichnung „Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen/EmKE“ zusammengefasst. Diese Auswahl ist exemplarisch zu verstehen, wir werden sehen, dass es mehrere verwandte Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen gibt.
Die Bezeichnung „Erworbene Multisystem-Erkrankungen“ (ohne „Komplex“) wird als allgemeiner, beschreibender Begriff für im Laufe des Lebens erworbene „Ganzkörper“-Erkrankungen verwendet. Viele Zivilisations-Erkrankungen lassen sich als Erworbene Multisystem-Erkrankungen beschreiben.
Die drei EmKE (und verwandte Erkrankungen) sind an Komplexität kaum zu überbieten, die Beschwerden gelten in unterschiedlichem Ausmaß als „medizinisch nicht erklärbar“ und jede dieser Erkrankungen kämpft um ihre Anerkennung.

Abb. E/1 Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen/EmKE
Cell-Danger-Response (CDR)/Die Antwort auf Zellgefahren
Prof. Robert K. Naviaux ist Gründer und Co-Direktor des zuvor schon erwähnten Mitochondrial and Metabolic Disease Center/Deutsch: Zentrum für Mitochondriale und Metabolische Erkrankungen an der US-amerikanischen University of California San Diego School of Medicine/UCSD.
| Prof. Naviaux und sein Team konnten zeigen, dass die zelluläre Antwort auf umweltbedingte Stressoren trotz unterschiedlichster Auslöser homogen ist. |
Diese uniforme Antwort ist die „Cell danger response“, bei der die Mitochondrien – das sind energieproduzierende Organellen in unseren Körperzellen – in festgelegter Reihenfolge drei unterschiedliche Phasen durchlaufen. Die Wucht heutiger Stressoren blockiert diese Abläufe in verschiedenen Stadien, das führt zu der „Unfähigkeit“ auf Zell-, Gewebe- oder Organebene auszuheilen. Diese unvollständig ablaufenden Heilungsprozesse führen, so Prof. Naviaux, zur Entstehung unserer heutigen chronischen Erkrankungen.
„Die Zellgefahrenabwehrreaktion (CDR) ist die evolutionär konservierte Stoffwechselantwort, die Zellen und Wirte vor Schaden schützt. Sie wird durch das Zusammentreffen mit chemischen, physikalischen oder biologischen Bedrohungen ausgelöst, die die zelluläre Kapazität zur Homöostase übersteigen.“ [Ü.d.A.] E/3 Naviaux
| Der Zustand der Mitochondrien entscheidet darüber, ob und wie Heilungsprozesse geschehen. Gestresste Mitochondrien, die dauerhaft im Verteidigungs-Modus verbleiben, führen zu chronischen Erkrankungen.Diese Erkenntnisse zur Cell Danger Response sind bahnbrechend und haben das Potenzial, die Sichtweise auf sämtliche chronische Erkrankungen zu revolutionieren. |
Die EmKE-typischen „Fehl“steuerungen können als adaptive, bzw. kompensatorische, sinnvolle Notfallstrategie der Mitochondrien auf zu viele und/oder zu starke Einflussfaktoren verstanden werden. Derzeit erforscht Prof. Naviaux mit Hilfe systembiologischer Verfahren Therapie-Optionen, um Fehlsteuerungen und Blockierungen der CDR wieder in physiologische Prozesse zu überführen. Erste Erfolge wurden publiziert.
Mastzellforschung
Die dritte der im vorliegenden Buch vorgestellten Hypothesen für die Entstehung chronischer Erkrankungen liefert die Mastzellforschung. Es gibt frappante Überlappungen zwischen multisystemischen Komplex-Erkrankungen und der sogenannten „Mastzell-Aktivierungs-Erkrankung“. Mastzellen sind weiße Blutkörperchen (Leukozyten). Die Erkenntnis, dass Mastzellen durch ihr nahezu unüberschaubares Wirkspektrum als zentrale Schaltstellen des Immunsystems fungieren, ist noch jung, die Mastzellforschung ist erst in den letzten Jahren zu einem wichtigen interdisziplinären und internationalen Forschungsthema geworden.
Die Corona-Pandemie
Die Fertigstellung dieses Buches steht im Zeichen der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten COVID-19-Pandemie. Im Februar 2020 erhielt die neue Corona-Erkrankung ihren englischen Namen „Coronavirus Disease 2019“/COVID-19. Seit Beginn der Pandemie sind weltweit über eine halbe Million Studien zu COVID-19 veröffentlicht worden.
| 80 % der Infizierten zeigten moderate oder gar keine Symptome. Doch schon im Laufe des Jahres 2020 entpuppte sich die akute Form der Lungenkrankheit als Multiorgan-Erkrankung. Es kam u.a. zu Entzündungen in den Blutgefäßen, zu neurologischen Erkrankungen wie Enzephalopathien, zu Nierenfunktionsstörungen und zu Magen-Darm-Erkrankungen. |
Das Robert-Koch-Institut zählt seit Beginn der Pandemie über 3,7 Millionen nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland. (Stand Juni 2021). Die tatsächliche Gesamtzahl der Infektionen dürfte höher liegen. Weltweit registrierte die WHO bislang mehr als 175 Millionen bestätigte Covid-Fälle.
Das Post-COVID-19-Syndrom
Patienten, die COVID-19-bedingt auf der Intensivstation behandelt wurden, erholen sich nur langsam, leiden unter Langzeitfolgen, einige versterben. Erstaunlicherweise leiden jedoch auch Menschen unter Spätfolgen, die gar keine oder nur moderate akute Symptome hatten, sportlich und jung oder mittleren Alters (zwischen 35 und 49) sind und keine Vorerkrankungen hatten. Während höheres Alter und Vorerkrankungen nachvollziehbare Risiken für den schwereren Verlauf der akuten Infektion darstellen, sind die Vulnerabilitäts-Merkmale für diese unerwarteten, langanhaltenden Manifestationen unklar.
Experten schätzen, dass der Anteil von Patienten mit Langzeitbeschwerden ca. 13 % aller COVID-19-Patienten ausmacht, das entspricht derzeit [Juni 2021] in Deutschland ca. 480.000 und weltweit mehr als 16 Millionen Menschen. Der Frauenanteil überwiegt, auch Kinder sind betroffen.
Im Januar 2021 vermerkte die Weltgesundheitsorganisation/WHO den „Post-COVID-19-Zustand“ (auch, vor allem im englischsprachigen Raum: „Long-Covid-Syndrom“) als neuartige Erkrankung mit dem (Zusatz-)Diagnosecode U09.9 und empfahl, dass alle Patientinnen und Patienten Zugang zu einer Nachsorge haben sollten.
| Mit dem Post-COVID-19-Syndrom entsteht vor unseren Augen gerade ein Paradebeispiel einer neuartigen, erworbenen, multisystemischen Komplex-Erkrankung. |
Diese Langzeit-Subgruppe ist heterogen. Die üblichen Standard-Untersuchungen zeigen keine Befunde. Post-COVID-19-Patienten berichten über langanhaltende, multisystemische Beschwerden. In Studien werden bis zu 200 Symptome benannt. Darauf ist unsere nach Fachdisziplinen ausgelegte Gesundheitsversorgung nicht ausgelegt. Post-COVID-19-Patienten erleben nun die gleichen Hürden und Hindernisse wie ME/CFS-Patienten: Verharmlosung der Symptome, fehlende Anerkennung, Stigmatisierung (trotz erwiesen COVID-19-Infektion), keine Anlauf- und Beratungsstellen, fehlende Therapieangebote, soziale Isolation und sozialrechtliche Minderversorgung. Behandler sind hilflos, es gibt kein Behandlungskonzept. Die Notfallversorgung ist nicht gewährleistet.
| Für ME/CFS-Patienten könnte die Corona-Pandemie zum Game-Changer werden: Geschätzt 2 % aller positiv Getesteten entwickelt ME/CFS. Das entspricht derzeit mindestens 74.000 Betroffenen in Deutschland.In allen führenden Medien wird nun nicht nur über die Corona-Pandemie, sondern auch über die weitverbreitete, aber ignorierte Erkrankung ME/CFS berichtet. Und das Versorgungsdesaster, das nun auch Post-COVID-19-Patienten erleiden, kommt ans Licht. |
Oved Amitay, Geschäftsführer der gemeinnützigen US-amerikanischen Interessenvertretung Solve M.E. beschreibt die Situation:
„Schon jetzt sind etwa 2,5 Millionen Amerikaner an ME/CFS erkrankt und COVID-19 ist auf dem besten Weg, diese Zahl zu verdoppeln. Die Finanzierung von Bildung, Forschung und Behandlung rund um Long COVID und damit verbundene postvirale Krankheiten wie ME/CFS ist keine Option, sondern nicht verhandelbar. Die Gesundheit unserer Nation hängt davon ab.“ [Ü.d.A.] E/4 Solve M.E.
Der Handlungsbedarf ist nun nicht mehr zu leugnen. Zu den geschätzt 74.000 Post-Covid-19-ME/CFS Patienten kommen Patienten, die ähnliche (schwerwiegende) Beschwerden haben, aber die ME/CFS-Kriterien nicht vollständig erfüllen. Und je länger die Pandemie andauert, desto mehr Betroffene sind zu erwarten. Die Corona-Pandemie erhöht deutlich die Gesamtzahl der multisystemisch erkrankten Patienten. Das tatsächliche medizinische und wirtschaftliche Ausmaß, z.B. welche Kosten auf die Sozialversicherungs-Systeme zukommen, ist unklar.
Der US-Kongressabgeordnete (und Chefankläger im Amtsenthebungsverfahren gegen Ex-US-Präsident Donald Trump im Februar 2021) Jamie Raskin hat sich erfolgreich für eine millionenschwere Forschungs-Förderung zu postviralen Erkrankungen eingesetzt und erklärte in einer Pressemitteilung in Bezug auf Versäumnisse in der ME/CFS-Forschung:
„Wir stehen vor einer monumental gefährlichen Krise der öffentlichen Gesundheit und müssen alle notwendigen Schritte unternehmen, nicht nur um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, sondern auch, um dauerhafte Auswirkungen zu verhindern und zu kontrollieren“ [...] „Wir können nicht zulassen, dass die Zahl der ME/CFS-Fälle aufgrund mangelnder Forschung und mangelnden Verständnisses steigt. Während wir das Coronavirus bekämpfen, wird diese bedeutsame Gesetzgebung uns helfen, auf die verborgene ME/CFS-Gesundheitskrise zu reagieren.“ [Ü.d.A.] E/5 Raskin
In den USA wurden im Dezember 2020 Forschungsgelder in Höhe von 1,15 Milliarden Dollar für die Covid-Langzeitforschung bewilligt, die bis 2024 zur Verfügung stehen.
Das Bundesministerium für Forschung und Bildung lancierte im Mai 2021 die Förderrichtlinie Richtlinie zur Förderung von Forschungsvorhaben zu Spätsymptomen von COVID-19 (Long-Covid). Damit stehen fünf Millionen Euro stehen für interdisziplinäre Forschungsvorhaben zu Spätsymptomen von COVID-19 zur Verfügung. Patienten-Organisationen und Wissenschaftler kritisieren, dass diese Förderung bei weitem nicht ausreicht.
Die Doppelte Krise
Die offensichtliche Corona-Pandemie und die Folge-Pandemie der schwer zu klassifizierenden postviralen Langzeitwirkungen stellen eine doppelte Krise dar. Die Folge-Pandemie der Langzeit-Erkrankungen offenbart, was schon lange existent war, aber ignoriert wurde.
| Cluster-Ausbrüche von ME/CFS sind weder neuartig noch historisch selten. Sie wurden häufig beschrieben und wenig untersucht. |
Unklar ist unter anderem, ob der Auslöser der ME/CFS-Cluster immer viral war oder auch anderer Natur. Offensichtlich ist jedoch, dass der jeweilige Auslöser bei jedem der historischen Cluster-Ausbrüche auf eine weitverbreitete immunologische, genetische und/oder metabolische Disposition traf, die vulnerabel machte. Was bedeutet das für zukünftige Pandemien?
| Es ist an der Zeit, komplexe multisystemische Erkrankungen im Gesundheits-System zu integrieren, statt sie, wie bisher, als Krankheiten zweiter Klasse ins Abseits zu verschieben.Die Pandemie bietet die einmalige Gelegenheit, innovativ und umfassend eine systemmedizinische Neuorientierung zu wagen. Das Risiko, dass Deutschland in Bezug auf multisystemische (Komplex-)Erkrankungen aus kurzfristigen politischen, wirtschaftlichen und/oder standesrechtlichen Erwägungen in alten Strukturen und Denkweisen verharrt, ist jedoch gegeben. |
Statistisch inexistent
Erworbene Multisystemische (Komplex-)Erkrankungen gehören nicht zu den sogenannten Seltenen Erkrankungen, sondern betreffen schon jetzt jeweils allein in Deutschland mehrere Hunderttausend Patienten. Insbesondere ME/CFS und MCS werden selten korrekt diagnostiziert und finden keinen Eingang in offizielle behördliche Statistiken. Ein ME/CFS-Register sucht man derzeit in Deutschland noch vergebens, obwohl die Erkrankung seit 1961 von der Weltgesundheits-Organisation/WHO mit Diagnose-Kode gelistet ist. Erst Ende 2020 wurden, unter dem Eindruck der Pandemie, Gelder bereitgestellt, um ein ME/CFS-Register sowie eine Biobank an der Charité Berlin und der TU München aufzubauen. Es gibt zurzeit weder ein Register zu Long-Covid noch zu Covid-bedingtem ME/CFS, das ergab die Antwort der Bundesregierung im April 2021 auf eine Kleine Anfrage der Grünen.
| Dieses Vorgehen folgt dem seit Jahrzehnten bekannten Muster im Umgang mit den EmKE: Wer erkrankt und wie viele bleibt ebenso unbeantwortet wie weitergehende epidemiologische Fragestellungen. |
Die Diagnosekodes insbesondere für ME/CFS und für MCS werden in Deutschland weder von Haus- noch von Fachärzten auch nur annähernd angemessen vergeben, Kranken- und Rentenkassen können keine Auskunft geben. In behördlichen Erhebungen, z. B. des Statistischen Bundesamtes, des RKI oder des Bundesgesundheitsamtes sucht man diese Erkrankungen vergebens. Sozioökonomische und geschlechtsspezifische Faktoren, Prävalenz und Versorgungslage sind unbekannt, ebenso die Suizidraten. Auch Aussagen der Bundesregierung tragen nicht zur Aufklärung bei. Genauso unklar sind die direkten und indirekten Krankheitskosten. FMS und PTBS sind zumindest als Diagnosebegriffe bekannt, belastbare Daten fehlen dennoch auch hier in vielerlei Hinsicht.
| Damit sind multisystemische (Komplex-)Erkrankungen – in unterschiedlichem Ausmaß – scheinbar inexistent.Für multisystemische (Komplex-)Erkrankungen besteht durch die Daten-Lücke eine Wahrnehmungs-Lücke und folglich eine Versorgungslücke. |
Es gibt keine Zertifizierung der Bundesärztekammer für EmKE-Experten, weil es in der etablierten Medizin, wie sie in den Hochschulen vermittelt wird, weder diese Krankheits-Kategorie noch übergreifende Konzepte gibt. Die Lehrbücher schweigen, Medizinstudenten werden, wenn überhaupt nur rudimentär aufgeklärt. Wer betroffen ist, muss sich auch im Jahr 2021 verlässliche Informationen mühsam zusammensuchen.
| Angesichts der derzeit täglichen Berichterstattung zur Mortalität mit oder durch COVID-19 ergibt sich für multisystemische Erkrankungen die bittere Schlussfolgerung: Keine Mortalität – keine Berichterstattung. |
Biomedizinische Forschung
Um über Erworbene multisystemische Erkrankungen aufzuklären, müssen komplexe Zusammenhänge nachprüfbar (z. B. durch Verweise auf Studien) geschildert werden. Das ist nicht immer leserfreundlich – aber notwendig. Nur Fakten können überzeugen.
| Nur eine medizinische und soziale Versorgung, die auf aktuellen systemwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, kann den heutigen multisystemischen Erkrankungen gerecht werden. |
Das vorliegende Buch basiert auf wissenschaftlichen, biochemischen Grundlagen, die in aktuellen Studien in renommierten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.
Anders als bei Beiträgen von Wissenschaftlern, die eigene Forschungsergebnisse präsentieren und einordnen, ist dieses Buch ein bürgerwissenschaftliches Projekt, das vorhandenes, erforschtes Wissen sammelt und sowohl interdisziplinär wie auch transdisziplinär übergreifend miteinander in Beziehung setzt. Wissenschaftliche Quellen spielen also eine bedeutende Rolle, sie werden daher ausführlicher belegt und/oder zitiert als sonst üblich.
Die meisten zitierten Studien unterlagen einem sogenannten Peer-Review-Verfahren, d.h. sie wurden vor der Veröffentlichung von Experten des gleichen Fachgebietes gegengeprüft. PubMed® ist eine englischsprachige medizinische Meta-Datenbank, die biomedizinische Artikel der National Library of Medicine, NLM (auf Deutsch: Nationale Medizinische Bibliothek der Vereinigten Staaten) veröffentlicht. Anhand der Quellenangaben im Anhang können die meisten Studien kostenfrei eingesehen und ggf. heruntergeladen werden.
Die anfänglich eigene Betroffenheit, der Kontakt zu vielen schwer Erkrankten und zu mehreren Selbsthilfegruppen sowie die auf diesem Wege erlebte konkrete Not fließen als subjektive Erfahrungen der Realität in die Darstellung ein. Diese erlebte Realität spiegelt sich in den vorgelegten wissenschaftlichen internationalen Beiträgen – nicht jedoch in den deutschen behördlichen Statistiken und schon gar nicht in der medizinischen und sozialen Versorgung. Bei Behörden und Versorgungsdienstleistern sprechen wir über Leerstellen auf Basis vollkommen unzureichender, bzw. veralteter Informations- und Wissensgrundlagen. Berichte aus den Selbsthilfegruppen und Fallbeispiele zeigen jedoch, dass es diagnoseübergreifend mehrere effektive therapeutische Grundpfeiler gibt. Viele Patienten berichten, dass die (selbst organisierte und bezahlte) personalisierte Versorgung zu moderater bis massiver Verbesserung der Lebensqualität führte.
| Dieses Buch ist ein Plädoyer für die Wahrnehmung, Anerkennung und Verbesserung einer bislang ignorierten, aber sehr umfassenden gesundheitlichen Notlage. |
Wissenschaftstheoretisches Grundverständnis
Multisystem-Erkrankungen zu thematisieren, bedeutet, nicht nur medizinische, sondern auch gesundheitspolitische, sozialrechtliche, wirtschaftliche und ethische Missstände – ggf. auch wertend – zu schildern und (teilweise) Lösungen vorzuschlagen. Mein Buch ist ein Bericht über den Status quo, es richtet sich an wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Entscheider. Hunderttausende multisystemisch schwer Erkrankte sind auf den Einsatz und das Engagement dieser Akteure angewiesen.
| Die notwendigen Veränderungen erfordern immense Anstrengungen. Es geht um die Schaffung eines Problembewusstseins und um die Entwicklung eines rationalen wissenschaftstheoretischen Grundverständnisses für diese Erkrankungen. Auf dieser Basis können strukturierte Rahmenbedingungen entstehen, die der Komplexität angemessen sind. |
Die etablierte Medizin
Band 1 ME/CFS erkennen und verstehen erschien 2018 und widmete sich dem „Chronischen Erschöpfungs-Syndrom“ ME/CFS. Nach der Publikation des Bandes kam es zu zahlreichen persönlichen Gesprächen. Betroffene bestätigten wiederholt das in dem Buch beschriebene nahezu komplette Versagen in Diagnostik und Therapie sowie in der Sozialversorgung. Das führt zu Chronifizierungen, zu persönlichem und familiärem Leid und zu entwürdigenden, oft jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen um Versorgungsleistungen.
| Es gibt, wie wir sehen werden, weltweit Millionen Betroffene, jahrelange Odysseen, „doctor-hopping“, Fehlbehandlungen und (teilweise vermeidbare) Chronifizierungen. Diese Krankheits-Kategorie wird dennoch bislang weitgehend ignoriert. Die etablierte Medizin (die in den Hochschulen vermittelt wird) scheint zu kapitulieren angesichts der Komplexität multisystemischer Erkrankungen und steht ihnen konzeptlos gegenüber.Keine Eingangstür in das etablierte Gesundheitssystem ist die richtige für multisystemisch Erkrankte. |
Die übliche Standard-Diagnostik beruht auf Paradigmen, denen historisch die Infektions-Erkrankungen zugrunde liegen und sie leistet Hervorragendes bei akuten Krankheitsfällen. Sie klärt folglich die Fragen, für die diese Konzepte ausgelegt sind. Die Wirkweisen bei Erworbenen Multisystem-Erkrankungen sind jedoch aufgrund veränderter Lebens- und Umweltbedingungen vielfältiger, als es uns geradlinige Ursache-Wirkungs-Denkmodelle glauben machen wollen.
| Für eine angemessene Versorgung ist eine eingehende Analyse der Komplexität selbst und deren Auswirkung auf die klinische Praxis unumgänglich. |
Es gibt derzeit keine umfassende Evaluierung der Bedürfnisse von Patienten mit komplexen/multisystemischen, bzw. -organischen Erkrankungen. Hier ist ein erweiterter diagnostischer Ansatz notwendig, der den Einsatz präziser Spitzentechnologie und geschulte, interdisziplinär arbeitende Behandler erfordert.
Systemisch – nicht linear
Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen sind system- und organübergreifende „Ganzkörper“-Erkrankungen. Bislang wird die Medizin organzentriert verstanden, der Patient wird nach Herz, Nieren oder Gehirn von spezialisierten Behandlern diagnostiziert und behandelt. Der Kieler System-Mediziner Prof. Stefan Schreiber formuliert treffend:
„Die Spezialisierung der Medizin entspricht nicht der biologischen Wirklichkeit.“ E/6 Schreiber
Allerorten stößt man auf komplexe Kreisläufe, Wechselwirkungen, multiple Funktions- und Rückkopplungsschleifen, ja, sogar auf regelrechte Teufelskreise. Diese Kausalbeziehungen sind hochgradig verzweigt und komplex.
Die Systembiologin Prof. Ursula Klingmüller beschrieb schon im Jahr 2015:
„Noch vor zehn, 15 Jahren dachten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Wie der Lebensprozesse überwiegend linear: Ein Gen veranlasst die Produktion eines Proteins, und das Protein tut etwas in einer bestimmten Weise. Diese Geradlinigkeit findet sich noch heute in fast allen Lehrbüchern, aber sie reicht nicht aus, um die tatsächlichen Lebensereignisse in einer Zelle zu beschreiben, die einem brodelnden Suppentopf mit Zigtausenden von Ingredienzen gleicht, die in vielfältiger Weise miteinander wechselwirken.“ E/7 Klingmüller
Unser Bahnverkehr ist ein vergleichbar komplexes System. Wir haben alle schon erfahren, was es bedeutet, wenn es z. B. auf einer Strecke zu Sturmschäden kommt. Der Intercity bleibt stehen, die Anschlüsse sind nicht mehr zu halten. Auch der Folgeverkehr kommt zum Erliegen. Fällt gleichzeitig an einer anderen Stelle ein Stellwerk aus, ist das Chaos komplett, weil das Gesamtsystem nur funktionieren kann, wenn die einzelnen Linien funktionieren.
| Unterschiedlichste Stressoren können in diesem Sinne vergleichbare „Sturmschäden“ in unserem Gesamt-Organismus verursachen. Diese Entgleisungen bleiben bei den üblichen Routine-Untersuchungen nahezu vollständig verborgen. |
Systemmedizin
Im Februar 2015 veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Zusammenarbeit zur Förderung transnationaler Forschungsprojekte in der Systemmedizin eine Bekanntmachung, die der Etablierung der Systemmedizin in Europa dient und eine klare Sprache spricht:
„Der systemmedizinische Ansatz, der Krankheitsprozesse als komplexes Zusammenspiel verschiedener biologischer Netzwerke auf verschiedenen Ebenen untersucht (Zell-, Gewebe-, Organ- und Organismusebene), unterscheidet sich grundlegend von der gängigen Praxis der klassischen und Symptom-orientierten Medizin. Diese greift häufig erst dann, wenn eine Erkrankung bereits ausgebrochen ist. In der Vergangenheit haben Ärztinnen und Ärzte stets klinische Beobachtungen, empirisches Wissen und Informationen aus medizinischen Tests zusammengeführt, um Krankheiten zu diagnostizieren und Patienten erfolgreich zu behandeln. Dieses Konzept hat sich im Prinzip bewährt. Das Problem besteht aktuell darin, dass der ärztlichen Fähigkeit zur Sichtung, Auswertung und Annotation von Wissen durch den starken Anstieg verfügbarer relevanter Informationen, die Größe und Komplexität moderner „-omics“-Technologie-Datensätze und der Fülle klinischer Informationen zunehmend Grenzen gesetzt sind. Das etablierte System der Wissensakquise verfügt über kein weiteres Ausbaupotenzial.“ E/8 BMBF
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung/BMBF förderte die Systemmedizin seit Ende 2012 mit 200 Millionen Euro. Prof. Johanna Wanka, die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung beschrieb 2015 die Zielsetzung des neuen Medizinverständnisses:
„Die Systemmedizin will die Erkenntnisse und Methoden der Systembiologie auf die Medizin übertragen und für Patientinnen und Patienten nutzbar machen. Das Ziel der Systemmedizin ist es, auf der Grundlage des neuen, interdisziplinär erarbeiteten Wissens neue Präventionsstrategien, Diagnostika und Therapeutika zu entwickeln. Denn ob ein Mensch gesund oder krank ist, hängt von vielen Faktoren ab, seien es genetische Unterschiede, die Veränderung von Molekülen oder Umwelteinflüsse. Die Frage ist, wie all diese Faktoren und Systeme ineinandergreifen und wie sie zu beeinflussen sind.“ E/9 BMBF 2015
Prof. Stefan Schreiber äußerte sich zu der Bedeutung der Systemmedizin:
„Persönlich bin ich überzeugt davon, dass wir derzeit mitten in einem Prozess stecken, der vieles umstürzen wird, was für unumstößlich gehalten wurde. Das ist ein radikaler Paradigmenwechsel. Und nur das kann echte Innovationen hervorbringen. Das Revolutionäre, dass in dem neuen Konzept der Systemmedizin steckt und die Chancen, die mit ihm einhergehen, haben noch nicht alle Teilnehmer im Feld verstanden – aber es werden immer mehr.“ E/10 Schreiber
Derzeit wird die systemmedizinische Herangehensweise fast ausschließlich in der Krebsforschung angewandt und führt dort zu individualisierten Therapien.
| Wir werden sehen, dass Erworbene multisystemische (Komplex-)Erkrankungen nur mit Hilfe einer systemmedizinischen, transdisziplinären Herangehensweise verstanden werden können. |
Veränderte Umweltfaktoren
Mittlerweile befassen wir uns zwangsläufig mit mehreren Krisen, die nicht länger ignoriert werden können. Die scheinbare Robustheit unserer Lebensgrundlagen hat uns blind gemacht für die Folgen unseres unstillbaren Hungers nach Konsum und Annehmlichkeiten. Das Artensterben, die abnehmende Biodiversität, Wald- und Ackerdürren, die Erderwärmung und der Raubbau an der Natur werden bislang nicht in ihrer vollen Dramatik wahrgenommen:
„Menschliches Handeln gestaltet den ganzen Planeten um. Es dringt bis in die letzten Ecken vor. Schon jetzt sind die Eingriffe des Menschen pro Jahr größer und umfassender als die aller anderen Naturkräfte zusammen. Der Mensch ist die größte Naturkraft. Gleichzeitig schreibt er sich durch sein Tun in die geologische Zeit ein. Die Eingriffe verändern den Planeten nicht für Generationen, sondern für hunderttausende von Jahren. Menschheitsgeschichte wird Erdgeschichte. An die Stelle der Historiker treten Geologen.“ E/11 Scherer
So der Philosoph und Autor Bernd Scherer. 2015 erschien in Co-Autorenschaft mit Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in München, das Buch Das Anthropozän: Zum Stand der Dinge. Der Begriff „Anthropozän“ – das Zeitalter des Menschen – wird mittlerweile von einer Gruppe renommierter Wissenschaftler für das gegenwärtige Erdzeitalter vertreten. Gemeint ist damit, dass der Mensch als dominierender Faktor durch menschengeschaffene Technologien und Infrastrukturen unsere Lebensbedingungen und die globalen Umgebungsfaktoren nachhaltig verändert hat.
| Weit überwiegend sind heutige industriell anfallende oder produzierte Partikel, Strahlen, Gase und Substanzen – von Feinstaub über elektromagnetische Strahlung bis zu erdölbasierten Produkten und (Klima-)Gasen – nachweislich oder vermutlich gesundheitsschädigend. |
Veränderte Krankheiten
| Kann es sein, dass diese veränderten Umweltfaktoren schleichend unsere grundlegenden Lebensfunktionen und damit unsere (Über-)Lebenstüchtigkeit verändern? Kann es sein, dass wir diese Veränderungen nicht begreifen, weil sie immer nur graduell unsere Gesundheit verändern? Weil sie komplex ablaufen, Ursachen und Wirkungen kaum fassbar sind? Haben wir es bei unserer Gesundheit mit ebenso komplexen Wirkungen zu tun wie bei der Erderhitzung? |
Prof. Naviaux macht darauf aufmerksam, dass die Antwort auf Zellgefahren vorindustriell in der Regel vollständig durchlaufen wurde und mit der Gesundung endete, während dieser Heilungsprozess heute blockiert wird und zu der Vielzahl chronischer Erkrankungen führt. Laut Prof. Naviaux erfordern heutige Erkrankungen ein völlig anderes Konzept, er spricht von einem „zweiten Buch der Medizin“.
| Vorindustrielle Erkrankungen gleichen den heutigen so wenig wie Äpfel den Birnen, erklärte Naviaux bildlich in einem Vortrag. |
Die Grundthese des Buches, das Sie gerade lesen, ist, dass die Fülle moderner Stressoren als „multistressorische“ Gesamtlast“ (Umweltallergene, Schadstoffe, Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln, psychosoziale Belastung, ständige Erreichbarkeit u.a.) an Quantität und Qualität ein Ausmaß erreicht haben, das durch die synergistische Dauer-Reizung unser Immunsystem überfordert und zu einer allmählichen oder plötzlichen gesundheitlichen Kapitulation führt.
| Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen können als die medizinische Signatur des Anthropozän verstanden werden. Die maximale biologische, psychische und chemische Belastbarkeit wird ständig überschritten, der Organismus durch die multistressorische, bzw. multifaktorielle Gesamtlast überfordert, chronisch geschwächt und somit vulnerabel. |
Die Krise des Immunsystems
Jetzt ist es an der Zeit, endlich die Dramatik der immunologischen Krise wahrzunehmen, die allmählich, aber absehbar unser (Über-)Leben gefährdet. Nicht nur unsere Lebensräume sind bedroht und unser wirtschaftliches Überleben – die Art, wie wir leben richtet sich gegen das Leben selbst.
| Die Krise unseres Immunsystems führt zu einem massiven Verlust an Vitalität in der industrialisierten Bevölkerung. Sie ist ebenso real wie andere Krisen und erfordert beherztes und kooperatives Handeln von vielen.Erworbene Multisystemische Erkrankungen beruhen auf Fehlsteuerungen, die im Laufe des Lebens entstehen. Epigenetische Studien zeigen, dass mit deren Zunahme absehbar auch zukünftige Generationen geschwächt geboren werden. |
Systemische Epimedizin
Die aktuelle internationale Forschung zeigt den systemischen Netzwerkcharakter moderner Erkrankungen und stellt das konventionelle Paradigma, dass auf einen definierten Reiz (Ursache) eine definierte Reaktion (Wirkung) erfolgt, in Frage. Dieses Paradigma ist zweifellos die Grundlage unserer erfolgreichen akutmedizinischen Versorgung (Patient ist gestürzt – Knochen ist gebrochen: OP und/oder Gipsverband); es versagt jedoch bei komplexen systemischen, chronischen Erkrankungen.
| Der Netzwerkcharakter der Erworbenen Multisystem-Erkrankungen wird unter dem Konzept „Systemische Epimedizin“ zusammengefasst. Diese Bezeichnung wird neu eingeführt und verweist auf die komplexen systemischen Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Genen, die sich in den Stoffwechselprozessen und -produkten widerspiegelt und durch Mitochondrien gesteuert wird. Der Begriff lehnt sich an die in Kapitel 28 beschriebene Wissenschaftsdisziplin der Epigenetik an. Die Systemische Epimedizin basiert auf einem systemmedizinischen Krankheitsverständnis, wie es z. B. in großangelegten Förderprojekten wie e:med vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vorangetrieben wird. |
| Der Begriff „Systemische Epimedizin“ wird als gemeinsamer Begriff vorgeschlagen, um auf mehrere Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsansätze zu verweisen, die von Relevanz für das Verständnis multisystemische Komplex-Erkrankungen sind. Es geht um einen Ideenpool, der sehr unterschiedliche Ansätze miteinander in Beziehung setzt. |
Die Systemische Epimedizin ist eine Netzwerkwissenschaft
Sie umfasst folgende Wissenschaftsdisziplinen:
Die Mitochondrien-Medizin
Genetik und Epigenetik
Die Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologie
Die Systemische Epimedizin ist keine neue Wissenschaftsdisziplin. Vielmehr wird unter diesem Leitbegriff Wissen transdisziplinär und in Bezug auf komplexe Krankheitsbilder vernetzt. Dazu gehören die genannten Schlüsseldisziplinen, alle drei bezeugen den immensen Einfluss heutiger Umweltfaktoren auf unsere Gesundheit.
| Die molekulare PathogeneseDie „molekulare Pathogenese“ untersucht die pathologischen Veränderungen, die als Reaktion auf Umwelteinflüsse auf molekularer Ebene unter Beteiligung spezifischer Gene, Proteine und Signalwege entstehen. |
Integrierte Bestandteile innerhalb dieser übergreifenden Schlüsseldisziplinen sind:
Die Exposom-Forschung inklusive „Early life Exposom-Stress“. Die Exposom-Forschung wurde 2015 eingeführt. Das Exposom stellt die Gesamtheit der (Umwelt-)Faktoren dar, denen wir lebenslang ausgesetzt sind, und die in bislang unterschätzter Weise zur Gesundheit oder zum Krankwerden beitragen. Das Exposom als Gesamtheit der Umwelteinflüsse ist das Gegenstück zum Genom (Gesamtheit unseres Erbgutes).
Die Stress- und Entzündungsforschung, inklusive early life stress/„developmental origins of health and disease“ (auf Deutsch: Frühe Programmierung von Krankheit und Gesundheit).
Die Evolutionsmedizin: Unser heutiger Organismus ist das dynamische Zwischenergebnis einer fortdauernden Evolution.
Die Gendermedizin/Geschlechtsspezifische Forschung.
Die Personalisierte Medizin (auch Präzisionsmedizin)
Die Klinische Umweltmedizin, inkl. Umwelt-Zahnmedizin.
Die Forschungen zum sogenannten Nitrosativen Stresszyklus von Prof. Martin L. Pall.
Die Forschungen zu der sogenannten Antwort auf Zellgefahren (Englisch: Cell Danger Response) von Prof. Robert Naviaux.
Die Mastzellforschung. Mastzellen (auch Mastozyten) gehören zu den weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Sie sind Teil der körpereigenen Immunabwehr.

Abb. E/2 Systemische Epimedizin
Die Mehrzahl dieser (Forschungs-)Disziplinen war bis vor wenigen Jahren entweder noch völlig unbekannt oder zumindest nicht weit verbreitet. In jeder dieser jungen Disziplinen explodiert die Anzahl der Veröffentlichungen, die von bedeutender Relevanz für das Verständnis der EmKE sind.
| Die Mehrzahl dieser (Forschungs-)Disziplinen war bis vor wenigen Jahren entweder noch völlig unbekannt oder zumindest nicht weit verbreitet. In jeder dieser jungen Disziplinen explodiert die Anzahl der Veröffentlichungen, die von bedeutender Relevanz für das Verständnis der EmKE sind. |
Individualisierte Diagnostik und Therapie
Für Patienten ist wichtig zu wissen, dass es aus Sicht der Systemischen Epimedizin für komplexe Erkrankungen keinen einheitlichen diagnostischen und therapeutischen Pfad geben kann. Die diagnostischen, wie auch die therapeutischen Optionen sind, selbst bei Patienten, die unter dem gleichen Diagnose-Begriff klassifiziert sind, so individuell wie unser Fingerabdruck. Zunehmend werden Patienten nach diagnoseübergreifenden medizinischen Merkmalen in Subgruppen eingeteilt und behandelt – das ist der Ansatz der sogenannten Personalisierten Medizin. Dieser Ansatz wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert:
„Die Systemmedizin gilt als Schlüssel zu einer modernen [personalisierten] Medizin, die sich an der molekularen Signatur von Erkrankungen orientiert, statt an der Einteilung nach Krankheitsbildern oder spezifischen Organen festzuhalten.“ [Ergänzung durch die Autorin] E/12 Sys-med
Unsichtbare Frauen
Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert lautet der Titel des Buches von Caroline Criado-Perez, das 2020 den NDR Kultur Sachbuchpreis erhielt. Mit dem Begriff „gender data gap“ – in Anlehnung an den Begriff „gender pay gap“, also die Minderbezahlung von Frauen bei gleicher Qualifikation – weist die Autorin auf die Geschlechterlücke in der Datenerhebung hin. Sie beschreibt die darauf beruhende Diskriminierung und unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das alltägliche Leben von Frauen auswirkt.
Bei den EmKE – und auch bei den weiteren in diesem Buch beschriebenen verwandten Erkrankungen – überwiegt, mit durchschnittlich 75–80%, bei weitem der Frauenanteil. Weder in der Forschung noch in der Klinik wird dieser Sachverhalt ausreichend berücksichtigt.

Abb. E/3 Bei mulltisystemischen/„Ganzkörper“-Erkrankungen ist die „Frauenquote“ übererfüllt!
| Die berichtete Fehl- und Mangelversorgung multisystemischer Erkrankungen basiert unter anderem darauf, dass unklare Symptome in einer männerdominierten Medizin gerne als „weibliche Unpässlichkeiten“ bagatellisiert werden. Diese diskriminierende Tatsache hat weitreichende Folgen. |
Wann ist ein Buch fertig?
| Üblicherweise ist ein Fachbuch fertig, wenn ein Thema umfassend und möglichst vollständig erfasst wurde. Das Buch, das Sie in Ihren Händen halten – oder auf dem Tablet lesen – ist jedoch unfertig. Es ist eine Ausgangsbasis – und kein Endprodukt. |
Jedes einzelne Kapitel dieses Buches ist die Essenz eines Universums: Zum Thema Stress gibt es Tausende von Publikationen, ebenso zu Umweltfaktoren, zum Mikrobiom und zu jedem andern beliebigen Thema. Und jedes dieser Themen wartet ständig mit neuen Erkenntnissen auf. Wer sich vornimmt, all diesen Universen gerecht zu werden, muss scheitern. Gibt es Wege aus diesem Dilemma? Was könnte helfen, damit wir nicht in der Fülle der Informationen untergehen? Daten sind wertlos, wenn wir sie nicht deuten und einordnen können.
| Je besser wir bei komplexen Sachverhalten die zugrundeliegenden Muster erfassen, desto besser gelingt es, deren Bedeutung und Gewichtung zu ermessen: Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, bzw. herzustellen. Nur so werden Daten zu Informationen mit Erkenntnis- und Praxisrelevanz. |
Ein Buch ist immer linear aufgebaut, ein Kapitel folgt dem vorhergehenden. Das sind prinzipiell ungünstige Voraussetzungen, um die hier thematisierten systemischen, vernetzten Strukturen zu erklären. Aus diesem Grund finden Sie stets viele Querverweise zu themenverwandten Kapiteln. Als Leser sind Sie nicht zwingend an die vorgegebene Reihenfolge gebunden: Alles hängt mit allem zusammen.
Ein Buch für Patienten und Behandler
Patienten und Behandler* sind üblicherweise zwei Zielgruppen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Beim Thema Erworbene Multisystem-Erkrankungen überschneiden sich die Interessen. Viele Patienten eignen sich medizinisches Fachwissen an, weil sie in den etablierten Strukturen keine angemessene Unterstützung bekommen, während Behandler sich für erweiterte Konzepte interessieren, um bei komplexen Erkrankungen besser helfen zu können. Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie die zahlreichen Einflussfaktoren besser verstehen wollen und nach Lösungen für erfolgreiche Behandlungen suchen.
| Wissenschaftskommunikation ist für das Verständnis komplexer Erkrankungen für alle Beteiligten essenziell. |
Das vorliegende Buch stellt wieder, wie der erste Band, einen Versuch dar, beiden Zielgruppen gerecht zu werden. Die ausschließlich positiven Rückmeldungen zu Band 1: ME/CFS erkennen und verstehen – Was wir wissen und was wir nicht wissen über das Chronische Erschöpfungs-Syndrom zeigten, dass zumindest beim ersten Band beide Lesergruppen von diesem Konzept profitierten.
* Im Interesse der Lesbarkeit wird im vorliegenden Buch stets von Behandlern die Rede sein, ohne die einzelnen Berufsgruppen aufzuführen.
Mündige Patienten
Patientenbeteiligung steht leider auch heute noch nicht an zentraler Stelle in den Curricula für werdende Ärzte. Im klinischen Alltag bilden Behandlungsansätze, die auf einer umfassenden Einbeziehung der Patienten basieren, noch die Ausnahme. Durch das Wissen um medizinische Zusammenhänge könn(t)en Patienten befähigt werden, ihre eigene Erkrankung besser zu verstehen und Autonomie (wieder) zu erlangen. Und nicht zuletzt können informierte Patienten und deren Fürsprecher sich im gesundheitspolitischen Diskurs für verbesserte Behandlungsoptionen und Versorgungs-Strukturen einsetzen, die dringend nötig sind.
| Die Behandlung Erworbener multisystemischer Komplex-Erkrankungen ist weder erfolgversprechend noch dauerhaft finanzierbar, wenn Behandler und Patienten nicht optimal, sehr umfassend und unabhängig aufgeklärt und informiert werden. |
In der Gesundheitspolitik spielen viele Interessen eine Rolle, und es werden Milliardenbeträge verhandelt. Die gesundheitspolitischen Rahmenstrukturen sind derzeit nicht angemessen, und Veränderungen hin zu einer personalisierten Diagnostik und Medizin für multisystemisch Erkrankte stoßen auf Widerstände. Es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass Lösungen, die primär und ausschließlich das Patientenwohl im Blick haben, die Regel seien.
| Die Corona-Pandemie könnte sich als medizinischer Wendepunkt herausstellen. Es ist aber auch nicht unwahrscheinlich, dass sich nach der Pandemie die etablierten Strukturen wieder durchsetzen. Diese Sachlage erfordert mehr denn je Patientenbeteiligung und aktive Mitwirkung an Entscheidungsfindungen. Dieses Buch versteht sich als Beitrag zu dieser Debatte. Erst die Zukunft wird zeigen, ob es gelingen wird, menschenwürdige Versorgungs-Strukturen für multisystemisch Erkrankte zu etablieren, die auf rationalen Erkenntnissen beruhen. |
| Eine verbesserte Forschungs- und damit Versorgungslage wird Patienten mit Erworbenen multisystemischen Komplex-Erkrankungen nicht auf dem Silbertablett gereicht werden. Patienten, deren Angehörige, Sozial- und umweltmedizinische Verbände müssen sich in weit stärkerem Maß verbünden, als dies bisher der Fall ist.EmKE sind noch lange nicht vollständig verstanden, aber Segmente dieser Erkrankungen sind schon nach heutiger Datenlage ursächlich behandelbar. Die Einforderung verbesserter Rahmenbedingungen und die Abschaffung der derzeitigen strukturellen Diskriminierung lassen sich rational begründen. |
Lesen Sie kritisch, machen Sie sich Ihr eigenes Bild, Sibylle Reith
Serviceseiten
Sie finden in den jeweiligen Kapiteln und auf den Serviceseiten zahlreiche Verweise auf Informationsquellen im Netz und in Publikationen sowie Hinweise auf Fortbildungen und Tagungen zu den Themen der Systemischen Epimedizin. Unter der Überschrift „Die multisystemische Bibliothek“ finden Sie sorgsam zusammengestellte Titel zu den Themen des vorliegenden Buches. Zudem sind die Kontaktdaten mehrerer Labore gelistet, die eine spezialisierte Diagnostik anbieten. Auch deren Internetseiten bieten Informationen und Fortbildungen für Patienten und Mediziner.
Post scriptum I
Bei erworbenen multisystemischen Erkrankungen ist, wie oben berichtet, die „Frauenquote“ leider übererfüllt, Männer sind wesentlich seltener betroffen. Umgekehrt verhält es sich mit der deutschen Sprache, sie ist maskulin dominiert: Während Begriffe wie „Patient“ oder „Therapeut“ Frauen und Mädchen miteinschließen, beziehen sich „Patientin“ oder „Therapeutin“ ausschließlich auf das weibliche Geschlecht.
Gendern und Nicht-gendern, beides ist unbefriedigend. Auch das Gender-Sternchen (Patient*in), das Binnen-I (PatientIn), oder das Gender-Gap (Patient_in) scheinen mir ungeeignet, diese paradoxe Situation gut zu lösen, zumal dann zuweilen akrobatische Begriffe entstehen.
| Es ist ausschließlich der Lesbarkeit geschuldet, dass im vorliegenden Buch nicht durchgängig geschlechtergerecht formuliert wird. |
Post scriptum II
Auch dieser zweite Band ist wieder so konzipiert, dass die Kapitel unabhängig voneinander gelesen werden können. Das aufwändig gestaltete Layout soll z. B. durch das Hervorheben wichtiger Aussagen eine schnelle Übersicht ermöglichen. Das erlaubt, je nach Interessenlage, Schwerpunkte zu setzen und sich z. B. den biochemischen Details mit unterschiedlicher Intensität zu widmen.
Post scriptum III
Die in diesem Buch zum Ausdruck vorgelegten Sachverhalte wurden von der Autorin nach bestem Wissen zusammengefasst. Die sich aus Sicht der Autorin daraus ergebenden Schlussfolgerungen und Bewertungen repräsentieren nicht notwendigerweise die geläufigen Ansichten der Gesundheitspolitik, des derzeitigen linearen Medizinverständnisses und der derzeitigen Sozialversorgung in Bezug auf multisystemisch Erkrankte.
TEIL 1 GRUNDLAGEN
TEIL 1 führt in das Thema „Erworbene Multisystem-Erkrankungen“ ein. Sie gehören zu den sogenannten Nichtübertragbaren (Zivilisations-) Erkrankungen, die einen engen Zusammenhang mit der Industrialisierung und mit den dadurch gesamtgesellschaftlich veränderten Lebensbedingungen haben. Diese umweltbedingten Einflüsse sind das Grundrauschen, dem wir alle – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – ausgesetzt sind.
Durch die Vielzahl und Vielfalt moderner Einflussfaktoren sind wir körperlich und seelisch permanent damit beschäftigt, auf Reize angemessen zu reagieren. Um auf allen Ebenen im Gleichgewicht zu bleiben, ringen wir lebenslang mithilfe komplexer, störungsanfälliger biochemischer Regulationskaskaden um ein dynamisches Gleichgewicht. Dieser volatile Balanceakt wird Homöostase genannt. Vor allem das Gehirn und die Regulations-Systeme reagieren sensitiv auf Einflüsse und werden extrem belastet. Im Grunde ist das Immunsystem „gutmütig“ und einsatzfreudig – das Trommelfeuer an Reizen überfordert jedoch die Kapazitäten. Das führt letztendlich zu einer langen Liste unklarer Ganzkörper-Beschwerden wie Schmerzen, Fatigue und geringer Stresstoleranz – und auch die Seele leidet.
Diese multisystemischen, heterogenen Beschwerdebilder lassen sich aufgrund der diffusen Symptomatik nicht leicht verstehen und widersetzen sich den üblichen Einordnungen. Hier gelangen wir auf mehreren Ebenen in einen Grauzonen-Bereich zwischen gesund und krank, zwischen Psyche und Soma und auch die Frage nach Ursache und Wirkung, bzw. nach Dosis und Wirkung stellt sich.
Diese Komplexität dieser Erkrankungen erfordert eine veränderte Herangehensweise in Diagnostik und Therapie. Daher wird im vorliegenden Buch die Bezeichnung Systemische Epimedizin als Grundidee für ein umfassendes, interdisziplinäres, systemisches Medizinkonzept vorgeschlagen.
Dieses Konzept wird in TEIL 1 skizziert und in späteren Kapiteln vertieft.
Kapitel 1 Jedes Zeitalter hat seine Erkrankungen
Moderne Lebensbedingungen
Mit Beginn der Industrialisierung hat sich unsere Lebenswelt umfassend verändert. Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung sind Schlagworte, die uns allerorten begegnen. Noch nie unterschied sich die Art und Weise zu leben innerhalb weniger Generationen so grundsätzlich wie heute. Wir erleben seit etwa 100 Jahren zunehmend an einem einzigen Tag so viele Reize, wie sie ein „vorindustrieller“ Mensch in einer Woche oder gar in einem Monat erlebt hat: Hektik, Mobbing, Lärm, visuelle, auditive und/oder digitale Reizüberflutung. Dazu kommen Umweltschadstoffe und neue Arten elektromagnetischer Strahlung.
| Wir leben heute nicht nur grundlegend anders als unsere nahen Vorfahren – unsere Lebensweise unterscheidet sich auch fundamental von allen Lebensformen der bisherigen Menschheitsgeschichte. Wir sind Zeitzeugen eines radikalen Wandels ohne historisches Vorbild. Wir werden sehen, dass gerade dieser Sachverhalt uns blind macht für die Risiken, die damit verbunden sind. |
Unsere Ururgroßeltern wären hoffnungslos überfordert durch Autoverkehr, Medien und durch den allgegenwärtigen Stress. Sie würden staunen:
Über Regale voller Halbfertig- und Fertigprodukte, die Konservierungsmittel, Geschmackstoffe, künstliche Aromen und/oder Geschmacksverstärker enthalten.
Unsere Vorfahren würden hilflos einer visuellen, sensorischen und auditiven Informationsflut gegenüberstehen und müssten sich ständig entscheiden: Welches der 30 Shampoos ist das Richtige? Facebook oder Instagram? Elektroauto oder Diesel?
Nicht wahrnehmen könnten die Ururgroßeltern z. B. den Feinstaub und die Pestizide oder die ca. fünf Gramm Mikroplastik-Partikel, die wir heute pro Woche aufnehmen (WWF-Studie 2019) – das entspricht dem Gewicht einer Kreditkarte. Auch die kannten unsere Vorfahren nicht.
Diese Liste lässt sich nahezu unendlich verlängern.
Veränderte Umwelt – veränderte Erkrankungen
Bei nüchterner Betrachtung muss man konstatieren: Die moderne Lebensweise hat eine Ereignisdichte und Reizintensität erreicht, die eine Zumutung für den Organismus darstellt. Das Gleichgewicht zwischen der Fülle an Reizen und unseren körperlichen und seelischen Antworten ist nachhaltig gestört, wir betreiben tagtäglich Raubbau an unseren Ressourcen. Das Gehirn als das primär stresswahrnehmende Organ wird besonders herausgefordert.
Nicht nur chronisch-entzündliche Erkrankungen nehmen zu, auch die Zahl psychischer und neuro-degenerativer Erkrankungen steigt bedrohlich an.
| Unser Immunsystem ist „gutmütig“ und einsatzfreudig, wird aber überflutet mit einem Trommelfeuer an Reizen. Die übergreifenden Regulations-Systeme – das Immun-, das Hormon- und das Nervensystem – sowie deren Subsysteme reagieren sensitiv auf diese Einflüsse und sind daher vulnerabel. |
Klimawandel und Gesundheit
Kurz vor Veröffentlichung dieses Buches führte Starkregen zu Hochwasserkatastrophen, nicht nur in mehreren Regionen Deutschlands, sondern auch in weiteren Ländern. In Griechenland und in der Türkei hingegen ist es derzeit so trocken, dass die Feuerwehren die Waldbrände kaum mehr löschen können. Damit wird zunehmend real, wovor Klimaforscher schon so lange warnen.
Die Erderwärmung entsteht vor allem durch die Verbrennung fossiler Energien wie Braunkohle, Steinkohle und Erdöl, die zu einem CO2 Ausstoß führt. CO2 ist keine neuartige Substanz, aber die Verdoppelung des Anteils in der schützenden Atmosphäre, die die Erde umgibt, trägt zum Treibhauseffekt bei.
„Der Klimawandel ist die größte globale Gesundheitsbedrohung des 21. Jahrhunderts.“
fasste Richard Horton, Chefredakteur des renommierten Wissenschaftsmagazins The Lancet schon 2009 in einem Kommentar die zentrale Aussage eines Berichts zusammen, den das University College London/UCL in Kooperation mit dem Lancet herausgebracht hatte und der sich mit den gesundheitlichen Folgen der Erderwärmung befasste. 1/1 The Lancet
Der Weltärztebund rief im Oktober 2017 in seiner Declaration On Health and Climate Change die nationalen Ärzteverbände dazu auf, Klimawandel und Gesundheit als prioritäre Aufgabe auf ihre Agenda zu setzen. 1/2 Weltärztebund
Die Hitzeperioden dauern auch in Deutschland mittlerweile länger an und sind intensiver, das stellt eine zusätzliche Belastung insbesondere für vorerkrankte Menschen dar und kann zu hitzebedingter Sterblichkeit führen. The 2020 report of The Lancet Countdown on health and climate change: responding to converging crises lautete der Titel einer Lancet-Berichtes, der rund 20.200 Todesfälle bei über 65-Jährigen im Jahr 2018 in Deutschland errechnet hatte, die im Zusammenhang mit Hitze standen. 1/3 Watts et al. Ist die Haut wiederholt ultravioletten Strahlen/UV-Licht ausgesetzt, erhöht sich zudem auch das Risiko für weißen und schwarzen Hautkrebs.
Das Bundesumweltamt informiert über weitere klimabedingte Auswirkungen auf unsere Gesundheit:
„Der Klimawandel kann zukünftig zu einer Zunahme weiterer Extremwettererscheinungen mit direkter, potentieller Gesundheitsbedeutung führen, worunter z. B. vor allem die Auswirkungen von Stürmen und Orkanen, sowie Hochwasser/Überschwemmungen bedingt durch Stark- oder Dauerregen zählen. Die hierdurch ausgelösten gesundheitlichen Auswirkungen können nicht nur physischer Art sein, wie z. B. Infektionen, Verletzungen oder im Extremfall auch Todesfälle, sondern auch psychische Belastungen wie Stress, Angstzustände, Traumata und Depressionen verursachen.
Indirekte gesundheitliche Auswirkungen und Risiken treten durch nachteilig veränderte Umweltbedingungen als Folge der Klimaänderungen auf. Hierzu gehören u.a. die Beeinträchtigung der Qualität und Quantität von Trinkwasser und Lebensmitteln, das veränderte bzw. verlängerte Auftreten biologischer Allergene (zum Beispiel Pollen) sowie von tierischen Krankheitsüberträgern, sogenannten Vektoren, wie Zecken oder Stechmücken. 1/4 Umweltbundesamt
Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen engagiert sich seit 2018 für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik. Er ist Mitbegründer von Scientists for Future und Unterstützer der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit/KLUG. Er fasst treffend zusammen:
„Wir müssen nicht ,das Klima‘ retten – sondern uns.“
| ⇒ Weitere InformationenDeutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V./KLUG„Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. /KLUG ist ein Netzwerk von Einzelpersonen, Organisationen und Verbänden aus dem gesamten Gesundheitsbereich, deren Ziel es ist, deutlich zu machen, welche weitreichenden Folgen die Klimakrise auf die Gesundheit hat. 1/5 KLUG |
1.1 Nichtübertragbare (Zivilisations-)Erkrankungen/NCDs
Typhus, Diphtherie und Tuberkulose – die Erkrankungen unserer Vorfahren traten akut und virulent auf. Das Krankheitsspektrum hat sich verändert, heute überwiegen Chronische (Zivilisations-)Erkrankungen. Im Gegensatz zu den Infektions-Erkrankungen gelten diese Erkrankungen als nicht übertragbar. Diese im Laufe des Lebens erworbenen, nicht durch „Ansteckung“ übertragbaren Erkrankungen mit langer Krankheitsphase werden als Nichtübertragbare Krankheiten/Noncommunicable diseases/NCDs bezeichnet. Sie haben oft keinen klar bestimmbaren Ausgangspunkt und entwickeln sich allmählich über eine lange Zeitdauer – das können Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte sein. NCDs bedürfen einer Dauertherapie.
Eine globale Herausforderung
Die Weltgesundheits-Organisation WHO fasste am 13. April 2021 die wichtigsten Fakten zu Nichtübertragbaren Krankheiten/Noncommunicable diseases/NCDs zusammen:
„Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) töten jedes Jahr 41 Millionen Menschen, das entspricht 71 % aller Todesfälle weltweit.
Jedes Jahr sterben mehr als 15 Millionen Menschen im Alter zwischen 30 und 69 Jahren an einer NCD; 85 % dieser „vorzeitigen“ Todesfälle treten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind für die meisten NCD-Todesfälle verantwortlich, das entspricht 17,9 Millionen Menschen jährlich, gefolgt von Krebserkrankungen (9,3 Millionen), Atemwegserkrankungen (4,1 Millionen) und Diabetes (1,5 Millionen).
Diese vier Krankheitsgruppen sind für über 80 % aller vorzeitigen NCD-Todesfälle verantwortlich.
Tabakkonsum, körperliche Inaktivität, schädlicher Alkoholkonsum und ungesunde Ernährung erhöhen das Risiko, an einer NCD zu sterben.
Erkennung, Screening und Behandlung von NCDs sowie Palliativmedizin sind wichtige Bestandteile der Antwort auf NCDs.
Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs), die auch als chronische Krankheiten bezeichnet werden, sind meist von langer Dauer und das Ergebnis einer Kombination aus genetischen, physiologischen, umweltbedingten und verhaltensbedingten Faktoren.“ [Ü. d. A.] 1.1/1 Factsheet WHO NCD
| Die WHO weist auf den rasanten Anstieg dieser Erkrankungen hin und warnt vor einer epidemiologischen und ökonomischen Krise. |
Chronisch krank in Deutschland
2020 veröffentlichte das Frankfurter Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität die Studie Chronisch krank sein in Deutschland – Zahlen, Fakten und Versorgungserfahrungen. Sie ergab unter anderem:
Insgesamt gaben 18 Millionen von 42 Millionen (ca. 43 %) Frauen an, dass sie chronisch krank seien.
Befragungen von Frauen im Alter von 18–29 Jahre ergaben, dass 20,8 % mindestens eine chronische Erkrankung haben und 58,3 % der Frauen über 65 Jahre.
Insgesamt gaben 15,5 Millionen von 41 Millionen (ca. 38 %) der Männer an, dass sie chronisch krank seien.
Befragungen von Männern im Alter von 18–29 Jahre ergaben, dass 17,5 % mindestens eine chronische Erkrankung haben und 55,3 % der Männer über 65 Jahre. 1.1/2 Güthlin et al.
Grundsicherung und Krankheit
Das statistische Bundesamt teilte im April 2019 mit, dass im Dezember 2018 über eine Million Personen ab 18 Jahren Leistungen der Grundsicherung erhielten. 1.1/3 Stat. Bundesamt Knapp die Hälfte davon, 48,1 Prozent, erhielt die Leistung aufgrund einer dauerhaft vollen Erwerbsminderung aufgrund von Krankheit oder Behinderung.
Gesundheit der Bevölkerung nimmt ab
Auch wenn Statistiken immer in einem Gesamtzusammenhang bewertet werden müssen und viele Komponenten eine Rolle spielen – es ist kaum widerlegbar, dass die Gesundheit in der Gesamtbevölkerung abnimmt.
| Zum einen müssen immer mehr (Chronisch) Kranke und ältere Menschen versorgt werden, zum anderen nimmt die Zahl der Menschen, die so gesund sind, dass sie den eigenen Unterhalt erarbeiten können, stetig ab. |
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften/AWMF veröffentlichte 2018 ein Strategiepapier: Medizin und Ökonomie: Maßnahmen für eine wissenschaftlich begründete, patientenzentrierte und ressourcenbewusste Versorgung. Darin merken die Autoren an:
„Die Einnahmebasis der umlagefinanzierten GKV wird längerfristig durch den steigenden Anteil nicht mehr Erwerbstätiger/Rentner geschwächt, insbesondere ab Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge („Babyboomer“). Dies erfordert einen sehr bewussten Umgang mit knapper werdenden Ressourcen.“ [Quellenhinweise im Originaltext] 1.1/4 AWMF
Die akuten Infektionen durch COVID-19 stellen derzeit eine zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems dar. Dazu kommen die Langzeitfolgen der Pandemie, die Post-COVID, bzw. die Long-COVID-Patienten. Deren Anzahl ist unklar, Experten schätzen, dass allein in Deutschland mit rund 370.000 Betroffenen zu rechnen sei, überwiegend im berufstätigen Erwachsenenalter. Die meisten sind vorübergehend oder möglicherweise dauerhaft arbeitsunfähig.
1.1.1 Entstehungsfaktoren
Die WHO verweist auf vermeidbare Risikofaktoren:
„Durch die Bekämpfung der wichtigsten Risikofaktoren (Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Adipositas und eine Reihe von Umweltfaktoren) ließen sich mindestens 80 % aller Herzkrankheiten, Schlaganfälle und Fälle von Diabetes sowie 40 % aller Krebserkrankungen verhindern.“ 1.1.1/1 WHO
Auch das Robert-Koch-Institut verweist auf die Verantwortung des Einzelnen:
„Nichtübertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes mellitus und Atemwegserkrankungen sind die Haupttodesursache weltweit und auch in Deutschland. [...]
„Präventionsansätze müssen den Einzelnen, seine Lebenswelt und die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen“, betont RKI-Präsident Prof. Lothar H. Wieler. 1.1.1/2 RKI
Zeitgenossenschaft
Jeder Einzelne kann zur eigenen Gesundheit beitragen, indem er gesund lebt und sich entsprechend ernährt und bewegt. Der Einfluss der persönlichen Lebensgestaltung ist jedoch paradoxerweise gleichzeitig so wesentlich wie begrenzt.
Die WHO informiert:
„Ein Fünftel aller Todesfälle in der Europäischen Region, insbesondere infolge von Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und Krebserkrankungen, ist auf Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung oder chemische und physikalische Agenzien zurückzuführen.“ 1.1.1/3 WHO
Wer an Asthma leidet, wird jedoch selbst mit den besten Rechtsanwälten die Verursacher von Feinstaub kaum in Regress nehmen können. Wer mit hormonwirksamen Weichmachern belastet wurde, wird kaum nachweisen können, durch welche konkreten Materialien dies geschah. Wenn Pestizide im Organismus nachweisbar sind, kann schwerlich der Bauer belangt werden, der diese verwendet hat und auch die Hersteller berufen sich darauf, dass die Kausalität nicht zweifelsfrei nachzuweisen sei. Auseinandersetzungen vor Gericht gehen oft über Jahre.
| Der Geschädigte muss nachweisen, wodurch und von wem er geschädigt wurde, während Hersteller nicht zwingend die Unschädlichkeit ihrer Produkte nachweisen müssen.Wir leben in einer industrialisierten Um- und damit auch mit einer industrialisierten Innenwelt, aber offenbar ist niemand verantwortlich für Schäden an Menschen, Tieren und Pflanzen, die durch unseren gemeinsamen Lebensraum entstehen. |
Syndemie
Richard Horton ist Chefredakteur der international renommierten Wissenschaftszeitschrift The Lancet. Mit der provozierenden Überschrift COVID-19 is not a pandemic/auf Deutsch COVID-19 ist keine Pandemie machte er im September 2020 darauf aufmerksam, dass die derzeitige Corona-Pandemie einen grundsätzlich anderen Charakter habe als die Seuchen vergangener Jahrhunderte. Horton bezeichnet die Pandemie deshalb als „Syndemie“. Dieser Begriff geht auf Merrill Singer zurück und umfasst biologische und soziale Wechselwirkungen, die für Prognosen, für die Behandlung und für die Gesundheitspolitik wichtig sind.
| Die Infektionskrankheit COVID-19 trifft auf Epidemien ohne Infektion – die nichtübertragbaren Zivilisationserkrankungen. |
Aktuelle Studien zeigen, dass schwere COVID-19-Krankheitsverläufe mit vier Vorerkrankungen zusammenhängen: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Herzinsuffizienz. 1.1.1/4 O’Hearn et al. Weitere Studien zeigen, dass Umweltbelastungen wie Feinstaub und prekäre Wohn- und Arbeits-Verhältnisse Effekte auf den Verlauf der COVID-19-Erkrankung zeigen.
Richard Horton erklärt:
„Im Fall von COVID-19 ist die Bekämpfung von NCDs eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Eindämmung. [...] Die Bekämpfung von COVID-19 bedeutet, sich mit Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf- und chronischen Atemwegserkrankungen sowie Krebs zu befassen. [...]
Solange Regierungen keine Strategien und Programme entwickeln, um tiefgreifende Ungleichheiten umzukehren, werden unsere Gesellschaften niemals wirklich COVID-19-sicher sein.“ [...] Die Betrachtung von COVID-19 als Syndrom wird zu einer größeren Vision einladen, die Bildung, Beschäftigung, Wohnen, Ernährung und Umwelt umfasst. COVID-19 nur als Pandemie zu betrachten, schließt eine solche breitere, aber notwendige Perspektive aus.“ [Ü.d.A.] 1.1.1/5 The Lancet
| ⇒ Weitere InformationenDie Gesundheitsstudie NAKODie NAKO Gesundheitsstudie ist die derzeit größte bevölkerungsbasierte, multizentrische Langzeitstudie in Deutschland. 1.1.1/6 NAKO |
NCDs in Europa
Für die Jahre 2012–2016 wurde im Jahr 2006 eine Europäische Strategie zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten von der WHO verabschiedet. Der Aktionsplan zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten in der Europäischen Region der WHO ist die Fortschreibung und Überarbeitung für die Jahre 2016–2025.

Abb. 1.1.1/1 Gründe für Todesfälle 2015
Das Umweltbundesamt informiert:
„Die Lancet-Kommission zum Thema „pollution and health“ stützt sich auf Daten unterschiedlicher Institute und konstatiert für das Jahr 2015, dass weltweit circa neun Millionen Todesfälle auf Umweltverschmutzung zurückzuführen sind. Allein 4,2 Millionen Todesfälle werden global den Auswirkungen von Feinstaub in der Umgebungsluft zugeschrieben, was die große Bedeutung dieses Risikofaktors für die Gesundheit veranschaulicht. Damit ist Feinstaub in Bezug auf Mortalität einer der wichtigsten Risikofaktoren. Im Vergleich dazu können ernährungsbezogenen Risikofaktoren jährlich weltweit circa 12,1 Millionen, Bluthochdruck 10,7 Millionen, Adipositas 4,0 Millionen, Alkoholmissbrauch 2,3 Millionen und Verkehrsunfällen 1,4 Millionen Todesfälle zugeschrieben werden.“ [Quellenhinweise im Original] 1.1.1/7 UMID
Kapitel 2 Der Begriff „Multisystem-Erkrankung“
In Kapitel 1 haben wir uns einen Einblick verschafft über Zivilisations-, bzw. über Nichtübertragbare Erkrankungen. Doch was verstehen wir unter multisystemischen Erkrankungen? Zunächst wenden wir uns den Multisymptom-Erkrankungen zu, um dann zu einer ersten Annäherung an den Begriff „Multisystem-Erkrankung“ zu kommen.
2.1 Multisymptom-Erkrankungen
Der Begriff „Chronische Multisymptom Erkrankung“ wurde 1998 erstmals als „chronic multisymptom illness“ eingeführt, um chronische unerklärliche Symptome der Air Force Veteranen des Golf Krieges von 1991 zu benennen. 2.1/1 Fukuda et al. Die aus dem Golfkrieg 1991 zurückgekehrten Veteranen wiesen eine solche Fülle an Symptomen auf, dass sie nicht in die bestehenden Klassifikationen einzuordnen waren. Sie litten unter massiver Erschöpfung und Müdigkeit (fachsprachlich Fatigue), Störungen des Nervensystems, des Atemsystems, chronischen muskulären Störungen, Magen-Darm-Störungen, kognitiven und emotionalen Auffälligkeiten (z. B. Apathie, geringe Stresstoleranz-Grenze und/oder Überreizung) sowie unter Schlafstörungen. Diese Symptome traten innerhalb der Rückkehrer individuell sehr unterschiedlich auf, so dass kein einheitliches Symptombild zu erkennen war.
Unter anderen Begriffen war dieses Phänomen auch schon bei Militärpersonal in Einsätzen vor dem Golfkrieg beschrieben worden. Die Golfkrieg-Veteranen schienen aber in besonders schwerem Ausmaß betroffen zu sein.
Medizinisch unerklärliche Symptome
Ein Komitee des Institute of Medicine/IOM (Washington, USA) veröffentlichte 2013 eine Publikation, die sich mit „Chronischen Multisymptom-Erkrankungen“ befasste und Behandlungs-Optionen untersuchte. Das IOM-Komitee betonte, dass die für die Golfkriegs-Veteranen beschriebenen Symptome nicht nur bei dieser Gruppe zu finden waren, sondern auch in der zivilen Bevölkerung weite Verbreitung zeigten. Für vergleichbare Erkrankungen im zivilen Bereich wurden Begriffe wie “Medically unexplained (physical) symptoms/MU(P)S”, auf Deutsch: „Medizinisch unerklärbare (körperliche) Symptome“ oder „Funktionelle somatische Störung“ verwendet.
| Diese “Medically unexplained (physical) symptoms/MU(P)S” ließen sich weder bei den definierten psychischen Erkrankungen einordnen noch als organische Erkrankungen im klassischen Sinne. [Ü.d.A.] 2.1/2 Burton |
Mediziner vermuteten, dass diese Art von Erkrankung multifaktoriell verursacht sei und physiologische, psychologische und soziale Faktoren einschließe. Eine niederländische Studie, die 2009 veröffentlicht wurde, zeigte, dass nahezu 60 % der Patienten, die unter „unerklärbaren Symptomen“ litten, auch nach zwölf Monaten noch keine Diagnose erhalten hatten. 2.1/3 Koch et al. Um dieser rätselhaften Erkrankung anhand einer Falldefinition näherzukommen, verfasste das IOM-Komitee eine Definition für Multisymptom-Erkrankungen. Die englischsprachige Abkürzung lautet „CMI“ für Chronic Multisymptom Illness. Diese Abkürzung wird in anderen Veröffentlichungen auch für „chronic multisystem illness“ verwendet.
Definition des US-amerikanischen IOM-Komitees für Chronische Multisymptom-Erkrankungen/CMI (2013)
„CMI ist ein komplexer, uneinheitlicher Zustand, und seine Falldefinition kann sich ändern, wenn neue wissenschaftliche Informationen auftauchen. Für die Zwecke dieses Berichts hat der Ausschuss CMI wie folgt definiert:
Das Vorhandensein eines Spektrums chronischer Symptome, die in mindestens zwei von sechs Kategorien – Müdigkeit, Stimmung und Kognition, Muskel-Skelett, Magen-Darm, Atmung und Neurologie – auftreten, die mit bekannten Syndromen (wie Reizdarm, CFS und Fibromyalgie) oder anderen Diagnosen überlappen können, aber nicht vollständig erfasst werden.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Definition des Ausschusses keine Syndrome mit genau definierten diagnostischen Kriterien wie Reizdarm, CFS und Fibromyalgie umfasst. Aufgrund der gemeinsamen Symptome können jedoch wirksame Therapien für diese definierten Syndrome für Patienten mit CMI von Vorteil sein.“ [Ü.d.A.] 2.1/4 IOM
2.2 Erworbene Multisystem-Erkrankungen
Multisymptom- oder Multisystem-Erkrankung?
| Während für „chronic multisymptom illness“ eine erste, weit gefasste Definition vorliegt, scheint es für den Begriff „Multisystem-Erkrankung“ keine ausgearbeitete einheitliche Definition zu geben. Je nach Quelle werden sehr unterschiedliche Erkrankungen unter diesem Begriff subsummiert. |
Die medizinische Herausforderung unserer Zeit
Bei Erworbenen multisystemischen (Komplex-)Erkrankungen scheinen alle Faktoren variabel, uneinheitlich und kaum greifbar zu sein: Die Symptome, der Verlauf, die Schwere, die Auslöser und die Ursachen. Betroffene leiden unter zahlreichen, meist unspezifischen und oft kaum lokalisierbaren Beschwerden. In Studien werden bis zu 200 unterschiedliche Symptome aufgezählt. Diese organübergreifenden „Ganzkörper“-Phänomene, die auf regulativen Störungen beruhen, werden als „systemisch“ bezeichnet. Als organübergreifende Ganzkörper-Erkrankungen erfüllen sie weder die Kriterien der Organpathologie im klassischen Sinn noch die der klassischen Infektionskrankheiten. Die Patientengruppen sind selbst bei gleicher Diagnose sehr heterogen.
Sie lassen sich auch nicht, das ist wichtig, als Primäre Psychische und Psychiatrische Erkrankungen klassifizieren. (Für PTBS lesen Sie bitte Kapitel 11).
| EmKE sind multikausal begründet | Es gibt nicht die eine Ursache, sondern stets mehrere (Summenbelastung). Dabei spielen biologische, chemische, physikalische und psychosoziale Belastungen eine jeweils individuell zu gewichtende Rolle. Stoffliche (z.B. Viren, Umweltschadstoffe) und nichtstoffliche (z.B. elektromagnetische) Reize interagieren synergistisch und ziehen biochemisch ähnliche Reaktionskaskaden nach sich. |
| EmKE betreffen multiple Regulations-Systeme | Durch quantitativ und qualitativ unüberschaubare Einflüsse werden die regulierenden Abläufe im Immun-, Hormon- und Nervensystem extrem herausgefordert. Dadurch entstehen einmalige, individuelle Kombinationen von multisystemischen Fehlsteuerungen. Auch die Psyche wird in Mitleidenschaft gezogen. |
| EmKE betreffen multiple Organe in ihrer Funktionsfähigkeit | Die Fehlsteuerungen betreffen den ganzen Organismus. Sie haben funktionelle Auswirkungen auf mehrere Gewebe, Strukturen und Organe. Sie führen zu meist unspezifischen Symptomen. Patienten beschreiben typischerweise, dass die Beschwerden „überall und nirgends“ auftreten. |
| EmKE zeigen multiple Symptome | Bei den drei EmKE werden jeweils spezifische Leitsymptome beschrieben. Typischerweise treten zugleich zahlreiche unspezifische Symptome auf – die häufigsten sind Schmerzen und Fatigue. |
| EmKE bedürfen einer multimodalen Diagnostik und Therapie | Erkrankungen, die aus so vielen Variablen entstehen sind „einzigartig“. Kein Patient ist identisch mit einem anderen, auch wenn es bei den EmKE grobe Gemeinsamkeiten gibt, die als Symptom-Komplexe zusammengefasst werden. Der multisystemisch erkrankte Patient benötigt die personalisierte, interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung. |
Abb. 2.2/1 Die „Multis“ der EmKE
COVID-19
| Mit dem Post-COVID-19-Syndrom (Spätfolgen einer COVID-19-Infektion) entsteht vor unseren Augen gerade ein Paradebeispiel einer neuen multisystemischen Komplex-Erkrankung. |
Auch hier zeigen die üblichen Standard-Untersuchungen keine Befunde. Betroffene erleben und erleiden die typischen Merkmale, bzw. Hindernisse wie andere multisystemisch komplex Erkrankte, z. B. die Verharmlosung der Symptome, Stigmatisierung (trotz erwiesen COVID-19-Infektion), keine Anlauf- und Beratungsstellen, fehlende Therapieangebote, soziale Isolation und sozialrechtliche Minderversorgung. In Kapitel 10 wird die COVID-19 Erkrankung und das Post-COVID-Syndrom (PCS) beschrieben.
Ein hochaktuelles Thema
In Fachpublikationen wird zunehmend von multisystemischen Erkrankungen oder Beschwerden berichtet. Die Datenbank PubMed® zeigt die erste Publikation für den Suchbegriff „multisystem“ für das Jahr 1958. Es dauerte 54 Jahre, bis die Zahl der Publikationen 2012 vierstellig wurde (1.013 Publikationen). 2020 verzeichnet PubMed® einen sprunghaften Anstieg mit einer Verdoppelung der Publikationen von 1.404 im Jahr 2019 auf 2.214. Am 10.5.2021 hat die Zahl der Publikationen schon fast den Stand des Jahres 2019 eingeholt.
In Zusammenhang mit COVID-19 Erkrankungen wird beispielsweise die Bezeichnung „Multisystem Inflammatory Syndrome in Children“ verwendet. Seit Juni 2020 gibt es mehrere Berichte über ein ähnliches multisystemisches Entzündungssyndrom bei Erwachsenen, das als „Multisystem Inflammatory Syndrome in adults“ bezeichnet wird.
2.2.1 Erworbene Multisystemische Komplex-Erkrankungen/EmKE
Multisystem-Erkrankungen
In der Fachliteratur und in wissenschaftlichen Datenbanken wie PubMed® wird der Begriff „Multisystemische Erkrankung“ je nach Autor enger oder weiter gefasst verwendet, er kann z. B. alle (Zivilisations-)Erkrankungen einschließen oder sich auf einzelne Erkrankungen (z. B. Sarkaidose) beziehen.
Multisystem-Erkrankungen nach Prof. Pall
Im vorliegenden Buch geht es um sehr komplexe, erworbene Multisystem-Erkrankungen, die unter dem Einfluss der Industrialisierung zunehmen. Der renommierte US-amerikanische Wissenschaftler Prof. Martin L. Pall, emeritierter Professor für Biochemie und Grundlagenwissenschaften der Medizin an der Washington State University, beschreibt in seinem 2007 erschienenen Buch mehrere Ausprägungen multisystemischer Erkrankungen. Der Titel des Buches lautet: Explaining ‘Unexplained Illnesses’: Disease Paradigm for Chronic Fatigue Syndrome, Multiple Chemical Sensitivity, Fibromyalgia, Post-Traumatic Stress Disorder, and Gulf War Syndrome and Others. 2.2.1/1 Pall Es erschien bisher nur in englischer Sprache. Auf Deutsch lautet der Titel: Die Erklärung „unerklärter Krankheiten“. Ein Krankheitsparadigma für das Chronische Erschöpfungssyndrom, Multiple Chemikalienempfindlichkeit, Fibromyalgie, Posttraumatische Belastungsstörung, das Golfkriegssyndrom und weitere.
Prof. Martin L. Pall beschreibt insbesondere folgende weit verbreitete, aber selten korrekt diagnostizierte Krankheitsbilder:
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungs-Syndrom/ME/CFS
mit den Merkmalen: Vitalitätsverlust und ausgeprägter Regenerationsbedarf, selbst nach scheinbar wenig anstrengenden Tätigkeiten (PEM, bzw. PENE). } Siehe Kapitel 7
Fibromyalgie-Syndrom/FMS
Leitsymptome sind: Schmerzen, Schlafstörungen und Erschöpfungsneigung. } Siehe Kapitel 8
Multiple Chemikalien Sensitivität/MCS
Individuell heterogene Hypersensitivität gegenüber flüchtigen und flüssigen Chemikalien, Duftstoffen, Abgasen, Lösemitteln oder Zigarettenrauch. } Siehe Kapitel 9
Post-Traumatische Belastungs-Störung/PTBS, bzw. „Komplexe PTBS“
Unter (K)PTBS wird eine verzögerte Reaktion auf eine oder mehrere außergewöhnliche Bedrohungen verstanden. Leitsymptome sind: Nachhallerinnerungen, Übererregungssymptome und Vermeidungsverhalten. } Siehe Kapitel 11
Prof. Pall:
„In Anlehnung an andere Wissenschaftler bezeichne ich diese vier Erkrankungen als Multisystemerkrankungen. Ich stelle […] die Behauptung in Frage, dass diese Krankheiten und sogar ihre Symptome ungeklärt sind. Ich beabsichtige, eine detaillierte Erklärung für die allen vier Krankheiten gemeinsamen Mechanismen und Symptome anzubieten.“ 2.2.1/2 Pall
Prof. Pall erläutert, dass diese vier Erkrankungen mutmaßlich ursächlich durch den komplexen Nitrosativen Stress-Zyklus (auch „Biochemischer Teufelskreis“) erklärbar sind und behandelt werden können. Er beschreibt an anderer Stelle weitere, verwandte Multisystem-Erkrankungen.
Krankheitsspektrum Multisystem-Erkrankungen
„Wir behaupten, dass die Multisystemerkrankungen wirkliche Erkrankungen sind, die von diesem Mechanismus verursacht werden, auch wenn es sich um Erkrankungen handelt, die sich von Individuum zu Individuum stark unterscheiden können, weil die zugrunde liegenden biochemischen Prozesse in verschiedenen Geweben auftreten.
Mit anderen Worten: diese Multisystemerkrankungen bilden ein Krankheitsspektrum.“ 2.2.1/3 Pall
Die Annahme, dass sowohl ME/CFS, MCS; FMS und PTBS sowie weitere chronische Erkrankungen eine gemeinsame Ätiologie aufweisen, wurde zuvor schon 1994 von Dedra Buchwald und Deborah Garrity, 2.2.1/4 Buchwald, Garrity 1995 und 1999 von Albert Donnay und Grace Ziem 2.2.1/5/2.2.1/6 Donnay, Ziem und 1999 von Claudia S. Miller postuliert. 2.2.1/7 Miller
Erworbene multisystemische (Komplex-) Erkrankungen/EmKE
ME/CFS, MCS und FMS werden im vorliegenden Buch unter der Bezeichnung „Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen/EmKE“ zusammengefasst, um sie – da sie den hauptsächlichen Untersuchungsgegenstand darstellen – von verwandten multisystemischen Erkrankungen abzugrenzen. Das schließt nicht aus, dass auch weitere verwandte Erkrankungen als EmKE bezeichnet werden können.
Die Post-Traumatische Belastungs-Störung/PTBS, bzw. die „Komplexe PTBS“, gilt in der etablierten Medizin als psychische Erkrankung und unterscheidet sich in der Ätiologie, nicht jedoch in anderen Merkmalen von ME/CFS, MCS und FMS.
„Erworben“ bedeutet, dass die Beschwerden, bzw. die Erkrankungen im Laufe der Lebensspanne neu aufgetreten sind.
Bezeichnungen für Multisystem-Erkrankungen
In anderen Zusammenhängen werden von Wissenschaftlern und Behandlern weitere Bezeichnungen für komplexe, multisystemische Erkrankungen verwendet. In Kapitel 31 werden Bezeichnungen beschrieben, die von Vertretern einer biopsychosozialen Sichtweise verwendet werden. Sie verstehen die Vielzahl der Symptome als Folge eines dysfunktionalen Verhaltens. Im weiteren wenden wir uns hier jedoch den Bezeichnungen zu, die der komplexmedizinischen Sichtweise entsprechen.
Der US-amerikanische Arzt und Autor Neil Nathan spricht beispielsweise von „Complex medical illnesses“, der US-amerikanische Arzt für funktionelle Medizin Eric Gordon bezeichnet sie als „Complex Chronic Illnesses“, es gibt in Kalifornien ein „Center for Complex Diseases“. Der Begriff „Environmentally Acquired Illness“ betont die umweltbezogene Entstehung.
Es gibt eine ganze Reihe von Erkrankungen, die unter diesen Begriffen subsummiert werden. Dazu gehören: Dysautonomie, Mastzell-Aktivierungs-Erkrankung, Sick-Building-Syndrom/SBS, Elektromagnetische Hypersensitivität/EHS, Chronisches Schmerzsyndrom, das Golfkriegs-Syndrom, Borreliose, Ehlers-Danlos-Syndrome und viele weitere. } Siehe Kapitel 10 und folgende
| Was ist ein Syndrom?Ein einzelnes Krankheitszeichen (wie z. B. Fieber) wird „Symptom“ genannt; mehrere Krankheitszeichen zusammen ergeben Symptom-Muster, bzw. einen „Symptomkomplex“. Musterhaft gemeinsam auftretende Symptomkomplexe (körperliche, emotionale oder kognitive Symptome) werden als Syndrom zusammengefasst. |
Medizinisch unerklärlich?
Um eine Diagnose zu stellen, verschafft sich der Behandler im ärztlichen Vorgespräch (fachsprachlich Anamnese), ein umfassendes Bild der Krankheitsvorgeschichte des Patienten. Er fragt nach aktuellen Beschwerden, Schmerzen, Allergien, bisherigen Krankheiten und Operationen. Von der Anamnese hängen die weiteren Schritte ab: die körperliche Untersuchung, Labordiagnostik (Blut- und Urinstatus), danach gegebenenfalls weiterführende apparative Untersuchungen wie EKG oder bildgebende Verfahren (Röntgen oder Ultraschall). Im besten Fall wissen Arzt und Patient am Ende, welche Erkrankung vorliegt und wie sie zu behandeln ist.
Multisystemische (Komplex-)Erkrankungen werden jedoch häufig als „Medizinisch nicht erklärbare Symptome“, bzw. „Medizinisch nicht erklärbare (körperliche) Erkrankung“ beschrieben. Englischsprachig: Medically unexplained (physical) symptoms (MUS oder auch MUPS)/} Siehe Kapitel 31

Abb. 2.2.1/1 Medizinisch unerklärlich?
Die biopsychosoziale Behandlung: Psychosomatiker, Psychotherapeuten, Psychologen oder Psychiater untersuchen und behandeln das Erleben und Verhalten, z.B. Kindheitsprobleme, familiäre Spannungen, psychosoziale Belastungen, innere Konflikte. Die Diagnosefindung beruht auf Interviews, Fragebogen, Selbstbeschreibungen, Verhaltensbeobachtung oder Zeichnungen. Diese Erhebungen müssen interpretiert werden und sind damit subjektiv. Ergänzende objektive komplexmedizinische Laborparameter, die über die Regelversorgung hinausgehen, z.B. zum Zustand der Mitochondrien, werden üblicherweise nicht erhoben.

Abb. 2.2.1/2 Die komplexmedizinische Behandlung basiert auf klinischer Beobachtung und objektivierenden Befunden.

Abb. 2.2.1/3 Zwei Faktoren bewirken, dass EmKE seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert werden
| „Medizinisch unerklärlich“ bedeutet, dass mit Hilfe der verwendeten diagnostischen Routine-Methoden kein organischer Befund erhoben werden konnte und von dem Behandler angenommen wird, dass auch weiterer diagnostischer Aufwand keinen organischen Befund erbringen würde. |
Möglicherweise werden Patienten aber auch an Fachärzte weiterverwiesen. In Deutschland gibt es 34 medizinische Fachdisziplinen, wie die Allgemeinmedizin, die Immunologie oder die Neurologie. Mehrere dieser Facharztrichtungen sind wiederum in weitere medizinische Spezialgebiete unterteilt. Betroffene Patienten verbringen sehr viel Lebenszeit in mehreren unterschiedlichen (Fach-)Arztpraxen – doch auch hier ergibt sich keine Erklärung für die Beschwerden. Die werden daher als psychisch bedingt interpretiert. } Siehe Kapitel 31 Multisystemische Erkrankungen sind jedoch „Ganzkörper-Erkrankungen“, die die patientenzentrierte interdisziplinäre Kooperation mehrerer Fachdisziplinen und spezifische Untersuchungen erfordern. Die üblichen sieben bis acht Minuten, die ein Hausarzt pro Patientenkontakt investiert, reichen für eine effektive Versorgung komplexer, chronischer Multisystem-Erkrankung bei weitem nicht aus. Die „Sprechende Medizin“ muss besser honoriert werden.
Medizinisch erklärbar
Der Titel des Buches, Explaining unexplained Illnesses von Prof. Pall weist darauf hin, dass zwischen „medizinisch unerklärlich“ und „medizinisch erklärbar“ offenbar eine Wahrnehmungs- bzw. Wissenslücke vorliegt. Zuordnungen zu psychogenen Klassifizierungen sind folglich an der Tagesordnung, wie man zahllosen Patienten-Berichten entnehmen kann.
| Die Tatsache, dass mit üblichen Standard-Untersuchungen und der Routine-Labordiagnostik keine auffälligen Befunde ans Licht kommen, lässt jedoch nicht den Umkehrschluss zu, dass diese nicht vorhanden sind! |
Die komplexmedizinische Diagnostik
Vielfach entpuppen sich „Unerklärliche Beschwerden“ anhand objektivierbarer Befunde als (schwerwiegende) behandlungsbedürftige immunologische, neurologische und/oder metabolische Entgleisungen.
Wenn nachweisbare molekularbiologische und umweltmedizinische ursächliche Aspekte nicht untersucht werden, bleiben „rätselhafte“ chronische Erkrankungen medizinisch ungeklärt. Diese spezifischen Untersuchungen nenne ich „komplexmedizinische“ Diagnostik.
Mit Hilfe der NextGen Metabolomics können heute mit einer einzigen Blutprobe über 500 Moleküle aus mehr als 60 verschiedenen biochemischen Stoffwechselwegen gemessen werden. Diese innovativen, massenspektrometrischen Technologien werden in der Forschung eingesetzt. Moderne Technologien führen zu einer riesigen Kluft zwischen (alltäglicher) klinischer Anwendung und (Spitzen-)Forschung.
| Wir werden sehen, dass engagierte Behandler in der Zusammenarbeit mit ebenso engagierten Laboren eine ganze Reihe praktikabler und bezahlbarer komplexmedizinischer Untersuchungen und Therapien entwickelt haben, die die Lebensqualität multisystemisch erkrankter Patienten in zahllosen Fällen moderat bis massiv verbessert haben.Die Kosten dieser komplexmedizinischen Versorgung werden derzeit dennoch nicht regelhaft von den Krankenkassen übernommen. Viel EmKE-Patienten haben kein Arbeits-Einkommen und können sie sich unter diesen Rahmenbedingungen diese Versorgung nicht leisten. |
Was sind Omics?
Die Endsilbe -omic (auf Deutsch -omik) wird verwendet, um die Gesamtheit eines Untersuchungsobjektes zusammenzufassen. „Omics“-Technologien umfassen molekularbiologische Methoden, die mit Hilfe von Hochdurchsatz-Technologien in kürzester Zeit globale, hochaufgelöste molekulare Profile von Zellen und Geweben erstellen. Etymologisch geht der Begriff auf das Sanskrit-Wort OM zurück, das „Vollkommenheit und Fülle“ bedeutet.
Zu den -Omiks zählen z. B.:
Genomik: Gesamtheit der Gene
Proteomik: Gesamtheit der Proteine
Metabolomik (auch Metabonomik): Gesamtheit der Metaboliten/Stoffwechselprodukte
Proteomik: Gesamtheit der Proteine
Transkriptomik: Gesamtheit der Transkriptomen (mRNA). Sie zeigt, welche Gene gerade aktiv abgelesen werden.
Lipidomics: Gesamtheit der Lipide.
Glycomics: Gesamtheit der Zucker und Kohlenhydrate.
Epigenomik: Gesamtheit der epigenetischen Modifikationen.
Mikrobiomik: Genome der Mikroorganismen.
Connectomics: Connectome, der Gesamtheit der neuronalen Verbindungen im Gehirn.
Individuell
Regional, national und international gleicht kein Mensch dem anderen: wir haben individuell sehr unterschiedliche Genom-, Proteom-, Metabolom- und Mikrobiom-Identitäten. Jeder Mensch hat schon allein genetisch und epigenetisch einen einzigartigen und individuellen Fingerprint unterschiedlicher Merkmale: z. B. Polymorphismen, Mutationen oder RNAs.
Mit Hilfe der Omic-Technologien können Schadstoff-Expositionen ebenso nachgewiesen werden wie Veränderungen im Stoffwechsel als Reaktion auf Expositionen. Diese Technologien haben das Potenzial, unser Verständnis über Krankheitsursachen und über Krankheitsverläufe maßgeblich zu erweitern.
Big Data
Die Methoden der Molekularbiologie (-Omics) werden ergänzt durch weitere KI (Künstliche Intelligenz) Technologien. Der Einsatz dieser Technologien, die zu riesigen Datenansammlungen, zu „digitalen Zwillingen“ und zu „gläsernen Patienten“ führt, hat Licht- und Schattenseiten. } Siehe Kapitel 35
2.2.2 Definitions- und Klassifikationsprobleme
| Zwischen allen StühlenDa multisystemisch erkrankte Patienten so viele Variable aufweisen, erleiden sie Defizite in Diagnostik, Therapie und Versorgung. Sie erleben oft über Jahre diagnostische Unsicherheiten, eingeschränkte Behandlungs-Optionen und ggf. schädigende Fehlbehandlungen. Es besteht ein enormer Leidensdruck und damit ein dringender Handlungsbedarf. |
Das „zweite Buch der Medizin“
Erworbene multisystemische (Komplex-)Erkrankungen erfordern als systemische „Ganzkörper-Erkrankungen“eine Erweiterung des Krankheitsbegriffes bzw. ein neues Krankheitskonzept.
| Prof. Pall spricht von einem neuen „10. Paradigma“. } Siehe Kapitel 5.5 |
Prof. Robert K. Naviaux leitet das Robert Naviaux Labor an der University of California San Diego School of Medicine/UCSD. Der international anerkannte Experte, forscht zu mitochondrialen und anderen stoffwechselbezogenen Faktoren. In Kapitel 27.3 wird die von Prof. Naviaux erforschte „Cell danger response/CDR (Deutsch: Antwort auf Zellgefahren) beschrieben, die für das Verständnis chronischer Krankheiten wesentlich ist. Prof. Naviaux spricht von einem ersten und zweiten „Buch der Medizin“.
Das erste Buch der Medizin
„Seit 5.000 Jahren geschriebener Geschichte konzentriert sich die Medizin auf die Behandlung von akuten Verletzungen durch Traumata, Infektionen und Vergiftungen. Dies ist das Thema des Ersten Buches der Medizin („Buch I“). Das Erste Buch der Medizin wird im 21. Jahrhundert von jedem Arzt und biomedizinischen Wissenschaftler gelehrt. Wenn jedoch eine Verletzung oder Krankheit nicht innerhalb von sechs Monaten geheilt ist, wird sie als chronische Krankheit betrachtet, und die Regeln der Akutmedizin reichen nicht mehr aus. Um chronische Krankheiten effektiv zu behandeln, brauchen wir ein neues Buch der Medizin. Die Behandlung und Vorbeugung von chronischen Krankheiten ist der Schwerpunkt des Zweiten Buches der Medizin („Buch II“). [Ü.d.A.] 2.2.2/1 Naviaux
Ein zweites Buch der Medizin
„Um die steigende Flut chronischer Krankheiten zu behandeln, ist ein Zweites Buch der Medizin erforderlich. Das Erste Buch der Medizin enthält den Korpus medizinischen Wissens aus den letzten 5.000 Jahren geschriebener Geschichte. Aus dem Ersten Buch der Medizin lernten Ärzte, wie sie akute Krankheiten behandeln können, die durch Infektionen, Vergiftungen und körperliche Verletzungen verursacht wurden. Typische akute Krankheiten dauern weniger als sechs Monate. Das Thema des Zweiten Buches der Medizin wird die Ursache und Behandlung chronischer Krankheiten sein, die länger als sechs Monate dauern.“ [Ü.d.A. Quellenhinweise im Originaltext] 2.2.2/2 Naviaux
Ein epochaler Wandel
Wir haben es heute kaum mehr mit abgrenzbaren, eindeutigen Krankheits-Manifestationen zu tun, sondern mit komplexen Krankheitsbildern, die miteinander verflochten sind und sich überlappen. Diese Krankheitsbilder sind unscharf, die Diagnosestellung ist aufwändig.
Statistisch inexistent
Insbesondere ME/CFS und MCS werden selten korrekt diagnostiziert und finden derzeit keinen Eingang in offizielle behördliche Statistiken. Die jeweiligen Diagnosekodes werden weder von Haus- noch von Fachärzten auch nur annähernd angemessen vergeben. Die Lehrbücher schweigen, wer Medizin studiert, wird – wenn überhaupt – nur rudimentär aufgeklärt. Weder Kranken- noch Rentenkassen liefern verlässliche Daten. Antworten der Bundesregierung auf mehrere Kleine Anfragen trugen bislang auch nicht zur Aufklärung bei. Unklar sind auch die direkten und indirekten Krankheitskosten. FMS und PTBS sind zumindest als Diagnosebegriffe bekannt, belastbare Daten fehlen dennoch in vielerlei Hinsicht. Keine dieser vier Krankheiten gehört zu den sogenannten „Seltenen Erkrankungen“.
| Für Multisystemische (Komplex-)Erkrankungen besteht durch die Daten-Lücke eine Wahrnehmungs-Lücke und folglich eine Versorgungslücke.Bis zu einem umfassenden Problembewusstsein liegt offensichtlich noch ein weiter Weg vor uns. |
Hidden diseases
Das Europäische Parlament beschrieb ME/CFS im Jahr 2020, (also im Jahr 51 nach der offiziellen, weltweit gültigen WHO-Klassifizierung von ME/CFS im Jahr 1969!) in einer vielbeachteten Resolution als „verborgenes Problem im Gesundheitswesen“ und forderte die Mitgliedsstaaten auf, aktiv zu werden. Diese Resolution war ein Plädoyer für die Anerkennung von ME/CFS und sie forderte Aufklärung über die Erkrankung. 2.2.2/3 EU-Parlament Auch weitere multisystemische (Komplex-)Erkrankungen werden zunehmend international als Hidden Diseases/verborgene Erkrankungen wahrgenommen.
Licht am Horizont?!
Zumindest für ME/CFS-Patienten könnte die Corona-Pandemie zum Game-Changer werden. Jeder zehnte COVID-19-Patient leidet unter Langzeitfolgen, wir erleben in Echtzeit die Entstehung der neuen multisystemischen Erkrankung „Post-COVID-19-Syndrom“. Geschätzt zwei Prozent aller positiv Getesteten entwickeln ein ME/CFS.
| In allen führenden Medien wird nun nicht nur über die Corona-Pandemie, sondern auch über die weitverbreitete, aber ignorierte Erkrankung ME/CFS berichtet. |
Der komplette Mangel an Versorgungs-Strukturen für Post-COVID-19-Patienten offenbarte das Versorgungsdesaster, das (seit Jahrzehnten) für multisystemische Komplex-Erkrankungen besteht. Unter diesem Druck reagiert die Bundesregierung mittlerweile mit ersten Förderprogrammen und wissenschaftlichen Evaluationen. } Siehe Kapitel 7 und Kapitel 10
2.2.3 Die medizinische Seite des Anthropozän
In der jüngeren Vergangenheit fanden innerhalb weniger Jahrzehnte revolutionäre Umwälzungen statt. Unsere biologische, geologische und atmosphärische Umwelt veränderte sich durch neue Technologien und Elektrotechnik nachhaltig und, wie wir heute wissen, zum Teil irreversibel. Unsere menschengemachten Spuren werden über lange geologische Zeiträume hinweg erhalten bleiben. Der Weltbiodiversitätsrat/IPBES berichtet:
Das Artensterben ist heute mindestens dutzende bis hunderte Male größer als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre.
75 % der Landoberfläche und 66 % der Meeresfläche sind stark verändert. Über 85 % der Feuchtgebiete sind verloren gegangen.
Diese negative Entwicklung ist auf zahlreiche direkte Treiber wie beispielsweise Landnutzungsänderungen, Umweltverschmutzung und Klimawandel zurückzuführen.
Unter Wissenschaftlern wird zunehmend der Begriff „Anthropozän“ diskutiert oder schon verwendet, Dieser Begriff wurde 2002 in dem Artikel Geology of mankind in der Zeitschrift Nature von dem Nobelpreisträger für Chemie, Prof. Paul J. Crutzen vorgeschlagen. „Anthropozän“ steht für das derzeitige neue Zeitalter, in dem der Mensch als wichtigster Einflussfaktor auftritt. Prof. Crutzen beschrieb, dass die durch Menschen verursachten Veränderungen seit dem Beginn des industriellen Zeitalters so massive Auswirkungen auf die Atmosphäre unseres Planeten haben, dass sie eine neue geologische Epoche rechtfertigen.
Mittlerweile lassen sich in Sedimentschichten Aluminium, Betonreste, Plastikteilchen, Kohlenstoffverbindungen wie CO2, Fallout aus Atombombenversuchen u.a. nachweisen. Selbst im Weltraum nimmt der Schrott zu. Kunststoffe im Atlantik bedecken eine Fläche, die das dreifache Ausmaß von Deutschland umfasst, unsere Atmosphäre ist durch Kohlendioxid- und Methanmoleküle verändert.
Im April 2019 fand in der Universität Wien die Tagung The Anthropocene – Challenging the Disciplines statt. Es war die erste Veranstaltung des neu gegründeten Vienna Anthropocene Network, die das vorgeschlagene neue Erdzeitalter aus unterschiedlichen Fachrichtungen beleuchtete.
Die medizinische Signatur des Anthropozän
| Erde, Wasser, Licht und Luft haben ihre Reinheit verloren. Synthetische Substanzen gehören zum Alltag – und finden sich in unserem Organismus wieder: In allen Körperflüssigkeiten und in (Fett-)Geweben. |
Der gemeinsame Lebensraum hat sich seit dem Beginn des industriellen Zeitalters drastisch verändert. Tausende Generationen vor uns lebten zwar nicht gefahrlos – aber ohne synthetisch hergestellte (Gefahr-)Stoffe. Unsere Lebensgrundlagen sind teilweise so vergiftet oder verstrahlt, dass sie als Lebensräume für Menschen nicht mehr geeignet sind. Die Katastrophe von Fukushima ist dafür eines der deutlichsten Beispiele.
Die „Innenweltverschmutzung“ durch synthetische Substanzen, Strahlen und Partikel spielt ursächlich bei nahezu allen neuzeitlichen Krankheiten zumindest anteilig eine bedeutende, vielfach unterschätzte Rolle. Chronisch entzündliche Erkrankungen, Allergien, Haut- und Umwelterkrankungen nehmen rasant zu.
| Erworbene multisystemische Erkrankungen sind „die medizinische Signatur des Anthropozän“Die maximale biologische, psychische und chemische Belastbarkeit wird zunehmend überschritten, der Organismus wird überfordert, chronisch geschwächt und vulnerabel.Multisystemische Erkrankungen können als die strategische Antwort des Organismus auf herausfordernde Zeitumstände verstanden werden. Derzeit werden sie aber (noch!) nicht als kollektives, der Moderne geschuldetes Gesundheitsproblem erkannt.Erworbene Multisystemische Erkrankungen können allmählich auftreten, wie eine lange Dämmerung – dann bleiben sie lange unter der Wahrnehmungsgrenze. Dort, wo sie schlagartig und mit schweren Verläufen auftreten, „verschwinden“ die Betroffenen meist aus der Gesellschaft. |
Die COVID-19-Pandemie
| Die Wurzel der derzeitigen Corona-Pandemie liegt in der menschengemachten Zerstörung gewachsener Lebensräume und dem dadurch ermöglichten Übersprung von Corona-Viren vom Tier zum Menschen. |
Epidemiologen und Umweltmediziner haben wiederholt auf diese Gesundheitsbedrohungen hingewiesen, sie wurden kaum gehört, als noch Prävention möglich war. Das noch junge Fachgebiet der Gesundheitsökologie untersucht die Bedeutung kranker und gesunder Ökosysteme für den Menschen. Dieser Wissenschaftszweig verweist nicht nur auf die anthropogene Verursachung der Pandemie, sondern macht auch darauf aufmerksam, dass Umweltbelastungen Effekte auf den Verlauf der COVID-19-Erkrankung haben. Feinstaub und andere Umweltbelastungen zerstören wichtige Immunzellen, u.a. die Natürlichen Killerzellen, die eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Viren spielen. Es verwundert nicht, dass durch Langzeit-Expositionen die Infektionssterblichkeit mit jedem zusätzlichen Mikrogramm Feinstaub (PM 2.5) in der Atemluft ansteigt. Das zeigte eine US-amerikanische Studie, die im November 2020 veröffentlicht wurde. 2.2.3/1 Wu et al.
Die Kapitulation
In den folgenden Kapiteln wird der Prozess des allmählichen oder plötzlichen Kollabierens durch eine Vielzahl unterschiedlicher Variablen beschrieben, die in der Summe nicht bewältigt werden können. Die Fülle moderner Stressoren (Umweltallergene, Schadstoffe, Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln, psychosoziale Belastung, ständige Erreichbarkeit u.a.) haben an Quantität und Qualität ein Ausmaß erreicht, das durch die synergistische Dauer-Reizung als Dauer-Entzündung unser Immunsystem überfordert und zu einer allmählichen oder plötzlichen gesundheitlichen Kapitulation führt.
| Diese Kapitulation ist die Wurzel der Entstehung der multisystemischen Krankheitsbilder. |
2.3 Systemische Epimedizin
| Erworbene multisystemische Komplex-Erkrankungen entstehen aus der unübersichtlichen Gemengelage zwischen sehr vielen, sehr unterschiedlichen Reizfaktoren, variablen körperlichen und seelischen Stressantworten, den daraus entstehenden multiplen Regulations-Störungen und den wiederum daraus entstehenden vielfältigen Symptomen. |
Die Komplexität moderner Erkrankungen erfordert eine veränderte Herangehensweise in Diagnostik und Therapie. Daher wird im vorliegenden Buch die Bezeichnung „Systemische Epimedizin“ für ein umfassendes, interdisziplinäres, systemisches Medizinkonzept vorgeschlagen, das dem Netzwerkcharakter dieser Erkrankungen gerecht wird. Erforderlich ist die Kooperationen zwischen Haus- und Fachärzten, Molekular- und Systembiologen, der Klinischen Umweltmedizin, Ökotoxikologen und ggf. weiteren medizinischen Fachrichtungen.
| Der Leitbegriff „Systemische Epimedizin“ verweist auf die systemischen Zusammenhänge zwischen unseren Regulations-Systemen und auf die Wechselbeziehungen der Umwelt mit unseren Genen und den Mitochondrien.Die Systemische Epimedizin und ihre Wissenschaftsdisziplinen werden in TEIL 5 ausführlich beschrieben. |
Die Benennung lehnt sich an die in Kapitel 28 beschriebene neue Wissenschaftsdisziplin der Epigenetik an.
Die Systemische Epimedizin basiert auf einem systemmedizinischen Krankheitsverständnis, das z. B. in großangelegten Förderprojekten wie e:med vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vorangetrieben wird. } Siehe Kapitel 25
| EmKE sind noch lange nicht vollständig verstanden, aber Segmente dieser Erkrankungen sind schon nach heutiger Datenlage ursächlich behandelbar. Die Systemische Epimedizin bietet ein wissenschaftlich begründetes, systemmedizinisches Konzept für das Verständnis Erworbener multisystemischer (Komplex-)Erkrankungen. |
2.4 Homöostase: Stabilisierungs-Strategien
Unser Überleben hängt davon ab, dass wir uns den ständig wechselnden Lebens- und Umgebungszuständen anpassen können. Alle lebenden Organismen sind permanent damit beschäftigt die biologische Balance zu erhalten. Unser Blutzuckerwert wird ständig reguliert, unser Immunsystem ist gesund, wenn es weder überschießend noch defizitär reagiert. Der Energiestoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System, die Atmung – die Anpassung unserer Körperchemie an die aktuelle Situation ist ein Wunderwerk, das, wenn wir gesund sind, unbemerkt und reibungslos in unserem Organismus abläuft.
| Die HomöostaseGesundheit ist kein statischer Zustand, sondern ein permanentes Kreisen um ein volatiles Gleichgewicht. Alle Regelkreise in unserem Organismus kreisen um eine „goldene Mitte“ innerhalb eines engen Korridors. Dieses lebenslange Ringen wird Homöostase genannt.Die lebenserhaltende Anpassungsleistung stellt höchste Anforderungen an das komplizierte Zusammenspiel unseres Organismus und ist deshalb störanfällig. |
Reize wie Erreger, niedriger Blutzucker, geringe Sauerstoffversorgung des Gewebes, extreme Hitze oder Kälte, Wunden, Noxen, Schmerzen oder psychische Belastungen verlangen nach einer Reaktion. Unser Organismus ist in einem permanenten Zustand der Selbstverteidigung und ringt um die Selbsterhaltung. Solange alles reibungslos funktioniert, entzieht sich dieses Geschehen weitgehend unserer Wahrnehmung.
| Wir bestehen aus 37 Billionen Körperzellen. Jede einzelne Zelle verfügt über rund 3.000 Enzymsysteme, und in jeder Körperzelle geschehen 100.000 Stoffwechselvorgänge pro Sekunde, ca. einhundert Mal pro Minute findet ein Wasseraustausch statt. Pro Sekunde entstehen rund 50 Millionen neue Zellen. |
In unserem Organismus summt und brummt es sozusagen ständig. Die Regulationssysteme versenden ihre Botenstoffe (Hormone, Neurotransmitter, Zytokine) mit Nachrichten wie: „Alles gut, keine Gefahr“ bis hin zu „Achtung, Achtung, gefährlicher Eindringling, volle Abwehrpower, Lebensgefahr!“ Diese ständige Anpassungsleistung ermöglicht es uns Menschen sowohl in sibirischer Kälte wie auch im tropischen Regenwald zu überleben.
| Homöostase ist die Fähigkeit des Organismus, Störung des inneren Gleichgewichts permanent auszugleichen. Gesund bleiben und gesund werden hängt ganz wesentlich von der Fähigkeit zur Selbstregulation/Homöostase ab.Wenn die Stabilisierungs-Maßnahmen nicht mehr greifen, sind Leib und Seele in Not. |
Dann versagt die mitochondriale Synchronisation, wir empfinden körperliches und seelischen Unbehagen, das bei dauerhafter Überlastung erst zu Beschwerden, dann zu Krankheiten führt – ggf. bis hin zu einer Regulationsstarre. Mit zunehmendem Alter wird die Fähigkeit zur Homöostase eingeschränkter. Der Tod setzt das eindeutige Zeichen, dass es dem Organismus trotz aller Stabilisierungs-Anstrengungen nicht mehr gelingt, die Homöostase aufrecht zu erhalten.
Allostatische Belastung
Das Autorenduo McEwen und Stellar führten 1993 das Konzept der „allostatischen Belastung“/Englisch: „allostatic load“ ein. 2.4/1 McEwen, Stellar Allostasis bedeutet wörtlich „Stabilität durch Wandel“. Während bei der Homöostase von einem „optimalen Sollwert“ ausgegangen wird, weist das Allostase-Konzept darauf hin, dass alle physiologischen Parameter innerhalb dynamischer Grenzen variieren und sich auf einem neuen Niveau einpendeln können.
| Aus Sicht der Systemischen Epimedizin ist jede multisystemische Erkrankung der individuelle Ausdruck einer aus dem Gleichgewicht geratenen Homöostase, bzw. einer überforderten Allostase auf mehreren regulativen Ebenen. |
2.4.1 Zum Vergleich: Kipp-Punkte im Klimasystem
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor Emeritus des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, entwickelte das Konzept der Kippelemente, bzw. Kipp-Punkte. In der Erdsystem- und Klimaforschung wird von Kipp-Punkten gesprochen, wenn durch relativ geringe äußere Einflüsse ein neuer, labilerer Zustand im globalen Erd- und Klimasystem entsteht: Das Gleichgewicht „kippt“.
„Diese Änderungen können sich abrupt vollziehen und zum Teil unumkehrbar sein. Sie können zudem Rückkopplungen in Gang setzen, Änderungen in anderen Subsystemen des Systems Erde hervorrufen und so Kaskadeneffekte auslösen.“ 2.4.1/1 Wikipedia
Dieses Konzept der Kippelemente kann man eins zu eins auf die Entstehung multisystemischer Erkrankungen und den Verlust der Homöostase beziehen. Das folgende Zitat aus dem Wiki.Bildungs-Server lässt sich zwanglos von klimatischen auf medizinische Zusammenhänge übertragen, dazu wurden in Version 2 alle klimarelevanten Begriffe durch medizinrelevante ersetzt und unterstrichen.
„Viele Menschen gehen davon aus, dass in einem komplexen System wie dem Klima kontinuierliche Änderungen der Rahmenbedingungen auch eine allmähliche Reaktion des Systems hervorrufen. Als Beispiel stelle man sich eine Taschenlampe vor, die durch einen Dynamo angetrieben wird: Je stärker man kurbelt, desto heller strahlt die Lampe.
Auch in der Wissenschaft werden komplizierte Systeme oft vereinfacht, indem in einem bestimmten Gültigkeitsbereich ein konstanter Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung angenommen wird. Weil das Klimasystem aber nichtlinear ist und es zahlreiche positive Rückkopplungen (Prozesse, die sich selbst verstärken) gibt, ist diese Annahme im Allgemeinen jedoch nicht richtig. Somit kann es insbesondere in dafür anfälligen Regionen zu plötzlichen und drastischen Klimaänderungen kommen. Auch eine kleine Beeinflussung durch den Menschen (zusätzlich zu den bisher scheinbar folgenlos gebliebenen Eingriffen) kann dann das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringen. Auch wenn die Ursache danach zurückgenommen werden sollte, wird das Klima nicht unbedingt wieder in den alten Zustand zurückkehren, die Änderung ist also irreversibel.
Die Identifizierung solcher großräumiger „Kipppunkte“ und die Vorhersage eines „Umkippens“ von natürlichen Systemen könnte daher großen Schaden verhindern, die Wissenschaft ist davon aber noch ein großes Stück entfernt.“ 2.4.1/2 Wiki.Bildungsserver
Version 2:
„Viele Menschen gehen davon aus, dass in einem komplexen System wie der Medizin kontinuierliche Änderungen der Rahmenbedingungen auch eine allmähliche Reaktion des Systems hervorrufen. Als Beispiel stelle man sich eine Taschenlampe vor, die durch einen Dynamo angetrieben wird: Je stärker man kurbelt, desto heller strahlt die Lampe.
Auch in der Medizin werden komplizierte Systeme oft vereinfacht, indem in einem bestimmten Gültigkeitsbereich ein konstanter Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung angenommen wird. Weil Gesundheit aber nichtlinear ist und es zahlreiche positive Rückkopplungen (Prozesse, die sich selbst verstärken) gibt, ist diese Annahme im Allgemeinen jedoch nicht richtig. Somit kann es insbesondere in dafür anfälligen Regulations-Systemen oder Körper-Regionen zu plötzlichen und drastischen Zell-Gewebe- oder Organänderungen kommen. Auch eine kleine Beeinflussung durch einen Stressfaktor, (zusätzlich zu den bisher scheinbar folgenlos gebliebenen Risikofaktoren) kann dann das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringen. Auch wenn die Ursache danach zurückgenommen werden sollte, wird der Organismus nicht unbedingt wieder in den alten Zustand zurückkehren, die Änderung ist also oft, aber nicht immer irreversibel.
Die Identifizierung synergetischer Belastungen und die Vorhersage eines „Umkippens“ von relativer Gesundheit zu multisystemischen (Komplex-)Erkrankungen könnte daher großen Schaden verhindern, die Medizin ist davon aber noch ein großes Stück entfernt.“
| Ob ein Einflussfaktor wie z. B. ein Virus zum Kipp-Punkt/System-Sprenger wird, hängt also einerseits von seiner Gefährlichkeit ab – andererseits aber auch von der aktuellen Immunkompetenz/Robustheit des Wirtes. |
Das sehen wir z. B. anhand der sehr unterschiedlichen Verläufe bei der derzeitigen COVID-19-Pandemie. Ca. 80 % der COVID-19-Patienten erleben milde Verläufe. Als Risikofaktoren für absehbar schwere Verläufe gelten z. B. chronische Vorerkrankungen und fortgeschrittenes Alter. Die Tatsache, dass scheinbar gesunde, junge COVID-19-Patienten unerwartete, langanhaltende Langzeitfolgen zeigen, (also „nicht unbedingt wieder in den alten Zustand zurückkehren“) ist ein Beispiel für die oben beschriebenen synergistischen Kipp-Punkte.
Ein anderes Beispiel ist, dass manche ME/CFS-, MCS- und auch COVID-19-Langzeit-Patienten den Ausbruch der Erkrankung wie das Umlegen eines Schalters erleben. Eine Patientin berichtete:
„Innerhalb von drei Tagen brach meine Welt einfach zusammen.“
2.5 Drei Exkurse in unübersichtliches Gebiet
Bevor wir uns den Facetten der Systemischen Epimedizin intensiver zuwenden, wagen wir uns in drei Exkursen in medizinische Grauzonen vor.
Exkurs 1 widmet sich der Frage, ob es eine trennscharfe Definition gibt, die gesund von krank unterscheidet.
Exkurs 2 behandelt die Frage, ob wir Erkrankungen präzise in somatische (körperliche) und psychische aufteilen können.
Exkurs 3 untersucht die Trennschärfe von Ursache und Wirkung, verstärkenden Faktoren, Auslösern und Rückkopplungen.
2.5.1 Exkurs 1: Gesund oder krank?
„Befindlichkeitsstörung“ oder diagnostizierte Erkrankung?
Viele Patienten erleben eine diagnostische Odyssee. Das betrifft zum einen Menschen, die an sehr seltenen Erkrankungen leiden, zum anderen Patienten mit unspezifischen Symptomen wie z. B. Fatigue, Schmerzen oder Schlafstörungen. Langandauernde unklare Beschwerden gehören zu den häufigsten Gründen für Arztbesuche. Diese Beschwerden treten bei vielen Krankheitsbildern auf. Die Diagnostik erfordert Zeit und detektivisches Gespür.
| Unspezifische Beschwerden werden auch verharmlosend „Befindlichkeits-Störungen“ genannt. Tatsächlich aber ist das Fundament erschüttert – die vitalen Grundfunktionen unseres Lebens: Schlafen, Atmen, Verdauen und die Mentalprozesse. |
Ab wann sind wir „krank“?
„Gesund-sein“ oder „Krank-sein“ sind keine statischen Zustände, sondern Prozesse, die mehr in die eine oder mehr in die andere Richtung tendieren. Man schläft schlecht, im Magen zwickt es schon mal, man ist müde („ach, das Wetter“) oder hellwach („zu viel Stress“); die Verdauung ist zu rasant oder zu langsam. Kurz und gut, man ist nicht krank. Aber auch nicht kerngesund. Die Frustrationstoleranz gegenüber diesen „Zipperlein“ ist enorm. Man muss nicht zwingend zum Arzt und es gibt keinen Grund, nicht arbeiten zu gehen. Eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes/DGB vom Februar 2018 zeigte, dass 67 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz Krankheit zur Arbeit gingen.
Unter „krank“ versteht man gemeinhin einen Zustand, der mit akuten, einschränkenden Symptomen einhergeht. Wer eine schwere Grippe hat, ist krank. Wer einen Schlaganfall erlitten hat, ist krank. Wer gepflegt werden muss, ist krank. Wer „nur“ funktionelle Störungen hat, ist kraftlos, schlapp, matt, müde, unkonzentriert oder wie gelähmt vor Schmerzen, ohne Schwung oder apathisch. Aber krank?
Viele Patienten mit sogenannten funktionellen Beschwerden ringen sich tagtäglich die Leistungen ab, die der Alltag fordert. Diese Störungen können zu erheblichen Einbußen an Lebensqualität führen. Alles wird mühsamer: verdauen, bewegen, arbeiten. Man braucht mehr Pausen – aber irgendwie kämpft man sich durch. Auch die Teilnahme an sozialen Aktivitäten nimmt mehr und mehr ab: man beschränkt seine Aktivitäten notgedrungen auf das, was „machbar“ ist.
Ein Knochenbruch ist ein handfester Befund: er lässt sich röntgen, man sieht deutlich den Schaden und weiß im Allgemeinen, wie er zu beheben ist. Für das Maß funktioneller Erkrankungen gibt es keine „Richterskala“. Schmerzen, Erschöpfung oder Müdigkeit sind stets eine ausschließlich persönliche Empfindung – kaum nachvollziehbar für andere.
2.5.2 Exkurs 2: Physische oder psychische Erkrankung?
„Ihre Beschwerden sind psychisch bedingt“
Sofern kein organischer Befund vorliegt, gehen Behandler üblicherweise davon aus, dass die körperlichen Beschwerden als Folge eines inneren (psychischen) Konflikts entstanden sind und nicht organisch erklärt werden können. Betroffene Patienten profitieren dann ggf. von psychotherapeutischen Therapien. Wir wissen beispielsweise aus der Psycho-Onkologie, dass begleitende psychotherapeutische Unterstützung lebensverlängernd wirken kann.
Kein Behandler würde jedoch auf die medizinische Basisbehandlung des diagnostizierten organischen Krebsleidens verzichten und sich auf Psychotherapie als einzige und Primärtherapie beschränken – das wäre fahrlässig.
Für multisystemisch erkrankte Patienten stimmt das reale Erleben ihrer vielfältigen Beschwerden überwiegend nicht mit dem psychotherapeutischen, bzw. biopsychosozialen Ansatz überein. Die Folge: Diesen Patienten wird mangelnde Kooperation vorgeworfen. Das Beharren der Patienten auf körperlichen Ursachen wird als weitere Bestätigung der Einordnung als psychisch bedingte Störung interpretiert. } Siehe Kapitel 31

Abb. 2.5.2/1 Biopsychosoziale Sichtweise versus komplexmedizinisches Verständnis
Die biopsychosoziale Sichtweise und das komplexmedizinische Verständnis entfernen sich diametral voneinander, sofern die biopsychosoziale Sichtweise darauf beharrt, dass im Rahmen der haus- und fachärztlichen Routine-Untersuchungen keine organischen Ursachen für die EmKE-typischen Beschwerden gefunden worden seien und daher eine biopsychosoziale Behandlung ausreichend sei.
Aus Sicht der Systemischen Epimedizin sind weitergehende komplexmedizinische Untersuchungen, z.B. auf subklinische Entzündung/Silent Inflammation sowie auf neurologische, endokrine und weitere immunologische Fehlsteuerungen notwendig. Diese bleiben bei einer ausschließlich biopsychosozialen Diagnostik und Behandlung auf Basis eines „psychoneurobehavioralen“ Erklärungsmodells verborgen – und werden folglich nicht behandelt.
Dualismus ist das herrschende Prinzip derzeitiger Medizin
Thure von Uexküll (1908–2004) prägte die Begriffe „Medizin für seelenlose Körper“ und „Medizin für körperlose Seelen“. Auch wenn diese Unterteilung von vielen Behandlern im Alltag durchbrochen wird – sie ist noch immer das wirkende Grundprinzip unserer Gesundheits-Versorgung.
Haus- und Fachärzte untersuchen und behandeln vor allem körperliche Ursachen von Beschwerden und Krankheiten. Die Diagnosefindung beruht im Wesentlichen auf den objektiven Parametern der Standardversorgung.Patienten ohne organischen Befund wird häufig empfohlen, sich psychotherapeutisch behandeln zu lassen.
Psychosomatiker, bzw. Psychotherapeuten, Psychologen oder Psychiater untersuchen und behandeln das Erleben und Verhalten, z. B. Kindheitsprobleme, familiäre Spannungen, psychosoziale Belastungen, innere Konflikte. Die Diagnosefindung beruht auf Interviews, Fragebogen, Selbstbeschreibungen, Verhaltensbeobachtung oder Zeichnungen. Diese Erhebungen müssen interpretiert werden und sind damit immer subjektiv. Ergänzende objektive komplexmedizinische Laborparameter, die über die Regelversorgung hinausgehen, werden üblicherweise nicht erhoben.
Psychische Erkrankungen nehmen stark zu
„In Deutschland sind jedes Jahr etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 17,8 Millionen betroffenen Personen, von denen pro Jahr nur 18,9 % Kontakt zu Leistungsanbietern aufnehmen. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 %), gefolgt von affektiven Störungen (9,8 %, unipolare Depression allein 8,2 %) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 %).
Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und muskuloskelettalen Erkrankungen zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben zudem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um 10 Jahre verringerte Lebenserwartung. 2018 nahmen sich in Deutschland etwa 9.300 Menschen das Leben. Zwischen 50 % und 90 % der Suizide lassen sich auf eine psychische Erkrankung zurückführen.“ [Quellenhinweise im Originaltext] 2.5.2/1 DGPPN
so fasste die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde/DGPPN im Oktober 2020 die Prävalenz Psychischer Erkrankungen zusammen. Mehr als 44 Milliarden Euro werden für die Behandlung psychischer Erkrankungen jedes Jahr ausgegeben – keine anderen Krankheiten verursachen so viele Erwerbsminderungsrenten wie psychische Störungen, im Jahr 2018 betrug der Anteil 16 %.
„Die Dauer von Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen liegt durchschnittlich bei 42 Tagen. Psychische Erkrankungen sind heute mit 42 % auch der häufigste Grund für Frühverrentungen. Die Gesamtkosten aufgrund psychischer Erkrankungen inklusive direkter Kosten für die medizinische Versorgung und Sozialleistungen sowie indirekter Kosten, z. B. durch Produktivitätseinbußen, werden für Deutschland auf rund 147 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Das entspricht einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 4,8 %.“ 2.5.2/2 DGPPN
Ein unklarer, aber vermutlich nicht unwesentlicher Anteil psychischer Erkrankungen dürfte auf Fehldiagnosen beruhen, da komplexmedizinische (z. B. genetische, metabolische, immunologische) Untersuchungen üblicherweise nicht durchgeführt werden. } Siehe Kapitel 31 Manche Kritiker sprechen von einer „Psychiatrisierung der Gesellschaft“. In Bezug auf Depressionen wird von Experten wie dem renommierten Psychiater Ludger Tebartz van Elst darauf verwiesen, dass bei etwa 20 % der Betroffenen eine Reaktion des Immunsystems vorliegt, die zu einer Gehirnentzündung führt. Dennoch wird dieser Verdacht nicht regelhaft abgeklärt.
Was bedeutet „psychosomatisch“?
Seelisches Erleben drückt sich körperlich aus: Seelische Belastungen („Psycho-“) führen zu körperlichen Beschwerden („Soma“: Körper). Vor Prüfungen kann es zu Übelkeit und/oder Harndrang kommen, bei Schockreaktionen zu Ohnmacht. Weitere Beispiele sind Lampenfieber vor einem Auftritt oder verstärktes Herzklopfen in bedrängenden Situationen. Langandauernde seelische Belastungen können sich z. B. als verspannungsbedingte Rückenbeschwerden oder Kopfschmerzen äußern.
Was bedeutet somatopsychisch?
Weniger bekannt ist der umgedrehte Fall: Körperliche Balance oder Dysbalance drückt sich in Wohlbefinden oder in psychischen Störungen aus. Die Somatopsychologie untersucht die Auswirkungen von körperlichen Veränderungen auf emotionale und kognitive Prozesse. Nerven-Degenerationen in Gehirnarealen durch Pestizidbelastungen können psychische Symptome hervorrufen. Die Schäden lassen sich durch bildgebende Verfahren nachweisen. Sie sollten als primäre, zu untersuchende und zu behandelnde Ursache erkannt werden, denn die Reihenfolge ist entscheidend: Die psychischen Symptome sind die Folge der Pestizidbelastung.
In einer Studie des Max-Planck-Instituts München wurde gezeigt, dass eine genetische Hochregulierung der Interleukin-6/IL-6-Signalisierung mit Suizidalität assoziiert war. 2.5.2/3 Kappelmann et al. Ein ähnlicher entzündlicher (also immunologischer) Zusammenhang wird für eine Subgruppe von Patienten mit Depression beschrieben. } Siehe Kapitel 15
Von einem extremen, aber vermutlich nicht seltenen Beispiel berichtete der oben erwähnte Psychiater Ludger Tebartz van Elst in einem Interview mit Stefan Schleim:
„Ich muss hier insbesondere an eine Patientin denken, die uns auch die Zustimmung gegeben hat, Ihren Fall für Fortbildungen zu verwenden. Sie hörte nicht nur Stimmen, sondern litt auch unter Wahnvorstellungen: Sie meinte, Menschen wollten überall Sex mit ihr haben. Sie roch auch überall sexuelle Düfte. Das war für sie sehr schwer. Nun konnten wir zwar mit sogenannten Neuroleptika das Stimmenhören behandeln. Die führten aber einerseits zu Nebenwirkungen und andererseits blieb der Wahn bestehen. Nach sieben Jahren des Suchens und Ausprobierens folgten wir noch einmal einer Spur, die auf eine Hirnentzündung deutete, und behandelten die Frau mit Kortison. Nach einer Woche waren die Probleme verschwunden.“ 2.5.2/4 Schleim
Die dualistische Sichtweise verlassen
Unser derzeitiges dualistisches Gesundheitsverständnis bewirkt, dass man als Patient entweder der einen oder der anderen Fachgruppe zugewiesen wird. Diese Einteilung ist mit Risiken verbunden: Einerseits werden Psychische Erkrankungen zu spät erkannt, andererseits führt dieses Entweder-oder-Denken zu oft zu der Annahme, dass medizinisch „unerklärliche“ Symptome psychogen seien. Patienten, bei denen eine „Etikettierung“ nicht gelingt, stellen Behandler vor erhebliche diagnostische und therapeutische Schwierigkeiten.
„Psychisch“ ist kein Gegensatz zu „organisch“
In Kapitel 26 wird die noch junge Wissenschaftsdisziplin Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologie vorgestellt. Sie beschäftigt sich mit den engen und unmittelbaren Verflechtungen zwischen unserer Psyche und unseren Regulationssystemen. Mittlerweile ist die Überzeugung widerlegt, dass Psyche, Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem jeweils unabhängige Funktionskreisläufe darstellten, die nicht viel miteinander zu tun haben. „Psychisch“ ist daher kein Gegensatz zu „organisch“. Vielmehr beschreibt der Begriff „Psychisch“ den Schauplatz der Beschwerden: die Veränderungen im Denken und Erleben, in der Gestimmtheit. Wie bei einem Marionettentheater ist das Geschehen auf der Bühne (die psychischen Beschwerden) jedoch nur ein Teil des Ganzen. Möglicherweise sind die ursächlichen, organischen „Strippenzieher“ geheimnisvoll verborgen.
| Multisystemisch komplexerkrankten Patienten wird häufig aufgrund der (scheinbar!) unauffälligen organischen Befunde dysfunktionales Denken und Verhalten attestiert. |
Viele Patienten mit unklaren, „medizinisch unerklärlichen“ Symptomen fühlen sich alleingelassen. Die Beschwerden, unter denen der Patient real – aber „subjektiv“ – leidet, sind nicht durch die üblichen Standard-Untersuchungen objektivierbar. Aus Patientensicht verlaufen solche Arztgespräche frustrierend, aus Sicht des Arztes fordern solche Patienten zu viel und das Falsche, sind übertrieben wehleidig und/oder undankbar für die angebotenen Hilfen. Das kann zu häufigem Wechsel der Behandler führen („doctor hopping“) und lässt Raum für jede Menge Spekulationen: „Übertreibst Du nicht ein wenig?“ „Der simuliert wahrscheinlich, um an die Rente zu kommen“ „Reiß Dich doch zusammen“, „Bist wohl hypochondrisch veranlagt“. Derlei Vermutungen belasten den Patienten, das Familien- und Berufsleben und auch das Therapeuten-Patienten-Verhältnis.
Krankheitsgewinn
Wer krank ist, hat den „Vorteil“ eines Schonraumes. Sigmund Freud entwickelte den Begriff des „Krankheitsgewinns“. Damit ist gemeint, dass es sinnvoll sein kann, krank zu sein und diesen Zustand aufrecht zu erhalten.
Der primäre Krankheitsgewinn: Die (unbewusste) Flucht in die Krankheit entbindet vor unangenehmen Anforderungen, z. B. vor beruflichen oder sozialen Verpflichtungen. Auf diese Weise lassen sich bestimmte Situationen oder Konflikte vermeiden. Die Krankheit ist „nützlich“ für den Patienten.
Der sekundäre Krankheitsgewinn: der Patient stellt sich auf seine Erkrankung ein. Er genießt die Fürsorge, Entlastung und Rücksicht der sozialen Umgebung und hat keine Veranlassung, diese Situation zu ändern.
| Viele multisystemisch erkrankte Patienten verlieren ihre Arbeitsfähigkeit, sind behindert oder pflegebedürftig, erleben eine erhebliche Einbuße an Lebensqualität und geraten überdurchschnittlich oft in prekäre Verhältnisse. Sie empfinden es als (weiteren) Schlag ins Gesicht, wenn ihre Krankheits-Situation als „Krankheitsgewinn“ gedeutet wird. |
2.5.3 Exkurs 3: Ursache und Wirkung
Systemische Wirkketten
Vielleicht hatten Sie mal Schmerzen an der Fußsohle, und Sie haben über längere Zeit gehumpelt. Das belastete die Hüftknochen und die Wirbelsäule. Die Wirbelsäule hat versucht, den Kopf möglichst gerade zu halten – in der Folge entstanden Nackenverspannungen. Der Ort der Ursache (Fußsohle) ist also nicht identisch mit dem Ort der Schmerzen (Nackenmuskulatur). Das ist ein sehr grobes Beispiel für kompensatorische Vorgänge, die bis in den Molekularbereich reichen: Der Ort der Ursache ist auch hier vielfach nicht der Ort der Wirkungen.
Zusammenbruch der Kausalitäts-Mechanismen
Das lineare Ursache-Wirkungsprinzip greift zu kurz. Vielmehr handelt es sich um dynamische Prozesse: Permanent treffen vielfältige Umweltfaktoren auf ein komplexes Resonanz-Netzwerk, das sich millisekündlich auf die aktuelle Lebenssituation einpendelt. Jeder einzelne dieser Reize hat das Potential, auf Zellstrukturen (z. B. Mitochondrien oder unser Erbgut) einzuwirken und vergängliche oder bleibende Spuren zu hinterlassen.
Im Zusammenhang mit Erworbenen multisystemischen Komplex-Erkrankungen ist stets von „ungeklärter Ätiologie“ (Ätiologie: Ursache für das Entstehen einer Krankheit) die Rede. Sofern man voraussetzt, dass eine einzige Ursache alles erklären könnte, wird sich daran auch nicht viel ändern. Einen alles erklärenden EmKE-Virus gibt es vermutlich so wenig wie ein alles erklärendes EmKE-Gen. Anders als bei den EmKE scheint bei einer COVID-19-Erkrankung der Auslöser der Beschwerden eindeutig: SARS-CoV-2. Nicht bekannt ist die Ursache für die überaus unterschiedlichen akuten und chronischen Verläufe. Hier spielen also noch weitere Faktoren eine Rolle. Trotz eindeutigem Erreger ist der Verlauf multikausal.
| Es gibt unüberschaubar viele individuelle Einflüsse, die ein Geflecht von Ursachen, Auslösern und verstärkenden Faktoren ergeben. |

Abb. 2.5.3/1 Lineare Sichtweise

Abb. 2.5.3/2 Systemische Sichtweise: Systemische Effekte in komplexen Netzwerken
Das lineare Ursache-Wirkungsprinzip erklärt einen Sachverhalt als logische Folgewirkung einer Ursache. In komplexen Systemen, ob bei der Erderwärmung oder bei multisystemischen Erkrankungen, sind durch die Vielzahl der beteiligten Faktoren, („Ursachen“) die Vorgänge jedoch so eng miteinander verflochten, dass Ursache und Wirkung sich verschränken können. Der Gesamt-Mechanismus, bzw. -Organismus folgt, aufgrund von dynamischen Wechselwirkungen, Feedback-Schleifen, Blockaden, Verstärkungen und Synergien anderen Gesetzen als die jeweiligen Einzelmechanismen.
Angesichts dieser Fülle und Variabilität ist schwer auszumachen, welche Gewichtung einzelne Faktoren bei einer Erkrankung haben. Vielmehr sehen wir eine sehr persönliche, individuelle Summenbelastung von Reizen, die synergistisch auf unterschiedlich vulnerable Organismen trifft.
Diese Vorgänge sind so eng verflochten, dass Ursache und Wirkung sich verschränken können.
Keine (biomedizinische) Ursache
Das Beharren auf einem ätiologischen Krankheitsverständnis kann im Kontext multisystemischer (Komplex-)Erkrankungen zu einer Argumentationskette der Bagatellisierung komplexmedizinischer Zusammenhänge führen. Diese Argumentationskette lautet: Da bei multisystemischen Komplex-Erkrankungen keine (biomedizinische) Ursache zu finden sei („ungeklärte Ätiologie“), sei weder eine Diagnose noch eine Therapie im biomedizinischen Sinne möglich. Als Hilfsangebot wird auf die kognitive Verhaltenstherapie zur Vermittlung geeigneter Bewältigungsstrategien verwiesen.
| Ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis dieses Ansatzes konnte jedoch bislang weder für ME/CFS, noch für MCS und nur beschränkt für FMS erbracht werden. } Siehe Kapitel 7 |
TEIL 2 DIE MULTI-STRESSORISCHE GESAMTLAST
TEIL 2 widmet sich der Erkundung unterschiedlicher Arten und Qualitäten von wahrnehmbaren und nicht-wahrnehmbaren (unterschwelligen) Reizfaktoren, die zusammen als multistressorische, bzw. multifaktorielle Gesamtlast bezeichnet werden.
„Stressforschung“ untersucht klassischerweise die organischen Vorgänge der Stresswahrnehmung und die Wirkung sensorischer, insbesondere psychosozialer Faktoren auf das körperliche und seelische Wohlbefinden. Diesem Thema widmet sich Kapitel 3.1 dieses zweiten Teils. In Kapitel 3.2 wird der Stressbegriff auf weitere, überwiegend nicht sensorisch wahrnehmbare Umweltfaktoren erweitert. Unabhängig von der Art der Trigger – ob psychisch, physikalisch, biologisch oder chemisch – ergeben sich letztlich auf Zellebene ähnliche pathologische Veränderungen – mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen. In Kapitel 3.3 werden exemplarisch einige Umweltschadstoffe beschrieben, ihre (toxischen) Eigenschaften, ihr Aufkommen und ihre Wirkung auf unsere Gesundheit. In Kapitel 3.4 wenden wir uns schließlich der multifaktoriellen Gesamtbelastung zu, der die Bevölkerung der industrialisierten Länder heute kollektiv – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – ausgesetzt ist. Die in Kapitel 3.3 vorgestellten Schadstoffe sind ebenso Teil der alltäglichen kollektiven Grundbelastung der Bevölkerung wie unsere hektische Lebensweise.

Abb. T2 Die multistressorische Gesamtlast
Zur Bezeichnung Stressfaktor/Stressor in diesem Buch
Erweiterung des Stressbegriffes
Üblicherweise verstehen wir unter Stress vorwiegend psychosozialen Stress. Zeit- und Termindruck, Arbeitsüberlastung, Doppelbelastung, familiäre Probleme, Mobbing und ähnliche Faktoren. Diese sind üblicherweise gemeint, wenn jemand sagt, er habe Stress. Im Verständnis von Erworbenen Multisystem-Erkrankungen nehmen Stressfaktoren aller Art eine zentrale Stellung ein. Dazu gehören nicht nur die erwähnten psychosozialen Faktoren.
Als Stressfaktoren/Stressoren können alle förderlichen oder belastenden Faktoren gelten, die auf den Organismus einwirken und eine Antwort verlangen. Das Spektrum dieser Einflussfaktoren reicht vom angenehmen Duft einer Blume über Allergene bis zu Viren, Schwermetallen oder Chemikalien – um nur einige Beispiele zu nennen.
Kapitel 3 Die Klassische Stressforschung
Wir Menschen leben und entwickeln uns, weil wir über unsere Sinne, über die Luft, die wir atmen, über die Ernährung, über unsere (Schleim-)Haut mit unserer Umwelt verbunden sind. In diesem Sinne ist unser Organismus ein System, das offen ist für Einflüsse, die wiederum Teil anderer Systeme sind. Diese „Berührungen“ sind das „Salz in der Suppe“ – ohne Sinnesreize werden wir krank. Eine zu reizarme Umgebung kann auf lange Sicht genauso schädlich wirken wie ein Zuviel an herausfordernden Stressfaktoren. Wir leben in permanenter Auseinandersetzung mit der Umwelt und sind auf der Hut vor Bedrohungen. Lebensgefährliche Situationen müssen sofort erkannt werden und fordern eine schnelle physische und psychische Antwort.
| Alle Erkrankungen, die wir im Laufe unseres Lebens erwerben, zeigen einen engen Zusammenhang mit Einflüssen, die wir mitbringen, denen wir begegnen, denen wir ausgeliefert sind oder die wir selbst erzeugen. |
3.1 Wie verarbeiten wir wahrnehmbare Reize?
Stress hält gesund
Der Duft einer Rose, das Lachen eines Kindes, das Lesen eines Buches – Sinneseindrücke halten uns gesund, fordern uns heraus und sorgen dafür, dass wir körperlich und mental nicht „einrosten“. Durchschnittlich 400.000 Reize treffen pro Sekunde auf unsere Sinnesorgane ein! Die Erwerbsarbeit, das Versorgen der Kinder, einkaufen, Freizeitgestaltung – solange alles bewältigt werden kann, ohne uns zu überfordern, wachsen unsere Kompetenzen im Umgang mit Stressfaktoren und erhöhen unsere Widerstandskraft. Was aber, wenn auf akuten Stress immer wieder akuter Stress folgt?
Stress macht krank
Zu viel Stress macht krank. Mittlerweile ist durch Studien aus der Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologie gut belegt, dass durch körperliche und psychische Überforderung eine erhöhte Infektanfälligkeit entsteht. Der Psychoimmunologe Prof. Christian Schubert erläutert diese Zusammenhänge in dem Artikel Psychoneuroimmunologie und Infektanfälligkeit. 3.1/1 Schubert
Akut-Stress plus Akut-Stress plus Akut-Stress wird zu chronischem Dauerstress. Für chronischen Stress gelten andere Gesetzmäßigkeiten als für Akutstress:
Aus dem biologisch sinnvollen, physiologischen Prozess der Stressverarbeitung kann sich durch zu viele Stressoren (} chemischer, physischer, psychischer, biologischer Dauerstress) oder zu starke Reize (} chemisches, physisches, psychisches, biologisches Trauma) ein pathologisches Geschehen entwickeln.} Siehe Kapitel 3.1.5

Abb. 3.1/1 Reizüberflutung und Ereignisdichte
Wir erleben heute quantitativ deutlich mehr Sinnesreize als unsere Vorfahren in vorindustrieller Zeit. Qualitativ kommen zu den natürlichen Alltagswahrnehmungen wie Vogelgezwitscher (Hören), natürliche visuelle Umgebung (Sehen), natürliche Gerüche (Riechen), natürliche Lebensmittel (Schmecken), natürliche Oberflächen (Tasten) eine Vielzahl künstlicher Quellen, z.B. Fernsehen und Digitaltechnik (Sehen, Hören); Beschallung (Hören), Beduftung in Warenhäusern (Riechen), künstliche Aromen in Lebensmitteln (Schmecken) und, Kunststoff-Oberflächen (Tasten).
3.1.1 Die erste Kaskade der Stressreaktion
„Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ („Fight or Flight Response“)
Nehmen wir an, Sie sitzen im Flugzeug, in wenigen Minuten werden Sie zum ersten Mal mit einem Fallschirm springen. Alle Sinne sind hellwach. Unsere Sinneswahrnehmungen werden zuerst in einem Teil der Großhirnrinde, dem Neokortex wahrgenommen. Nur 400–600 Millisekunden sind nötig, um Sinneswahrnehmungen als bedrohlich oder als harmlos einzustufen. Diese Informationen werden über Botenstoffe unverzüglich an das Limbische System weitergegeben: Das ist ein mit der Großhirnrinde eng verbundenes Nervenzell-System, das als „Zentrum für emotionale Intelligenz“ gilt. Hier ist die Quelle unserer Befindlichkeiten, unserer Gefühle, unserer Motivationen. Hier erfahren wir unsere individuelle emotionale Prägung, die auf unseren individuellen Vorerfahrungen basiert. Diese reichen bis in das frühe Kindesalter und sogar bis in die Embryonalzeit.
| Sie springen! Das limbische System aktiviert den Sympathikus-Nerv, der bewirkt, dass Kaskaden von Adrenalin und Noradrenalin aus dem Nebennierenmark freigesetzt werden. Die Werte dieser Katecholamine können um das 50fache ansteigen. Sie binden an die alpha- und beta-adrenergen Membranrezeptoren vieler, sehr unterschiedlicher Zellen im ganzen Körper. Diese Information setzt unmittelbar zahlreiche Stoffwechselprozesse in Gang. |
Innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden wir in Stress-Situationen, ob wir flüchten können, ob wir angreifen – oder ob wir uns totstellen. Diese unmittelbare, erste, vegetativ (vom Sympathikus) gesteuerte Stressreaktion wird nach dem US-amerikanischen Physiologen Walter B. Cannon als „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ („Fight or Flight Response“) bezeichnet.

Abb. 3.1.1/1 Die Stress-Antwort auf wahrgenommene Stressreize verläuft in zwei Phasen

Abb. 3.1.1/2 Die vollständige und die unvollständige Stress-Antwort
Das Autonome Nervensystem
Das Autonome Nervensystem/ANS oder auch kurz Vegetativum genannt, ist der autonom gesteuerte, d.h. nicht willkürlich beeinflussbare Teil des Nervensystems. Seine Neuronen befinden sich sowohl im zentralen Nervensystem (ZNS) als auch im peripheren Nervensystem (PNS).
Synonym verwendet werden die Bezeichnungen Vegetatives Nervensystem oder Viszerales Nervensystem/VNS. Viszeral bedeutet „die Eingeweide betreffend“.
Das ANS erhält ununterbrochen sensible Informationen aus unseren Organen und Geweben sowie aus der Umwelt. Über die Nervenstränge des Sympathikus und des Parasympathikus, die vom Gehirn in die Peripherie laufen, ist das vegetative Nervensystem direkt mit den Organsystemen und Geweben – wie Herzmuskel, glatte Muskulatur der Eingeweide, Blutgefäße sowie die Drüsen des Körpers – vernetzt. Und auch mit den Immunorganen, -geweben und -zellen.
| Die Nervenfasern haben synaptische Endknöpfchen, die den direkten Kontakt mit Immunzellen ermöglichen. Hier verbindet sich das Gehirn mit dem Immunsystem. |
Bei Gefahr werden die lebenswichtigen Funktionen/Vitalfunktionen blitzschnell angepasst.
Das Vegetativum gliedert sich in drei Bereiche:
Das Sympathische Nervensystem/Sympathikus
Das Parasympathische Nervensystem/Parasympathikus
Mittlerweile wird auch das Enterische Nervensystem, unser „Bauchhirn“ als Teil des ANS verstanden } Siehe Kapitel 21

Abb. 3.1.1/3 Dauerstress belastet das Autonome Nervensystem
Das sympathische Nervensystem – das Gaspedal
Der Sympathikus hat während des Tages seine aktive Phase. Er bewirkt die Anpassung an Stress-Situationen und ist damit auch zuständig für die Notfall-Antwort des Körpers auf Bedrohungen. Er wirkt anregend und leistungsfördernd. Er versetzt uns in einen Zustand höherer Aufmerksamkeit und Fluchtbereitschaft. Seine Kennzeichen sind die Energieentladung und die abbauenden Stoffwechselprozesse. Über die alarmierte Sympathikus-Nebennierenmark-Achse (das „Adrenalin-Netzwerk“) werden blitzschnell proinflammatorische Zytokine freigesetzt. } Siehe Kapitel 5.4 Ist der Sympathikus aktiv, wird sein Gegenspieler, der Parasympathikus, entthront.
| Die Leistungsgesellschaft, wie wir sie heute erleben, ist Sympathikus-betont. Eine dauerhafte Sympathikonie (erhöhte Erregbarkeit des Sympathikus) fördert die Entzündungsbereitschaft und erhöht das Risiko z. B. für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. |
In Kapitel 19 werden wir sehen, dass auch eine instabile Halswirbelsäule zu einer Dominanz des Sympathikus führen kann.
Das Parasympathische Nervensystem
Der Parasympathikus („Vagus“) wird auch Erholungsnerv genannt, denn er füllt verbrauchte Reserven wieder auf und sorgt so für Ruhe, Schonung, Reparatur der Zellen, Entgiftung, Verdauung etc. Er drosselt die allgemeinen Funktionen und bringt den Menschen in einen Ruhezustand – je aktiver der Parasympathikus ist, desto besser erholen wir uns. Seine Kennzeichen sind die Energiespeicherung und die aufbauenden Stoffwechselprozesse. Der Parasympathikus reguliert die Hemmfunktion der Organe über die Ausschüttung von Acetylcholin.
| Entspannung hemmt EntzündungDer Vagusnerv kann über den cholinergen Transmitter Acetylcholin überschießende, inflammatorische Antworten regulieren. (Fachsprachlich: „Inflammatorischer Reflex“) |
Die beiden Gegenspieler Sympathikus und Parasympathikus verbinden das Gehirn mit den inneren Organen – und umgekehrt. Wenn wir gesund sind, arbeiten unsere Organe auch unter Anforderungen und Stress ohne Funktionsstörungen – ein Zeichen, dass die Wirkungen der beiden Kräfte im dynamischen Gleichgewicht sind.
| Der gesunde Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist die Grundvoraussetzung für unser Wohlbefinden. |
Unter Dauerstress kann es zu vegetativen Fehlregulationen kommen, dann sind Sympathikus und Parasympathikus gleichzeitig und überall aktiv, während sie im gesunden Organismus rhythmisch abwechselnd und räumlich differenziert Impulse geben. So entstehen widersprüchliche Situationen: Wir haben Hunger und sind nach drei Bissen satt; wir schwitzen und haben kalte Hände und Füße, die Verdauung wechselt zwischen Verstopfung und Durchfall, der Kreislauf spielt verrückt. Wenn der Sympathikus auch in der Nacht aktiv bleibt, kann der Parasympathikus, der nachts für die Regeneration, für das Herunterfahren von Entzündungen und für die Entspannung des Organismus verantwortlich ist, seine Aufgabe nicht erfüllen.
Erschöpfungszustände wie das Burnout-Syndrom (Überbetonung des Sympathikus; Daueraktivierung) einerseits und der Wellness-Boom andererseits (Erholung, Parasympathikus) spiegeln die Ausschläge der Wirkungsweisen unseres Vegetativen Nervensystems wider.
3.1.2 Die zweite Kaskade der Alarm-Reaktion
Jedem Stress-Ereignis folgt in einer zweiten Kaskade die Freisetzung von Cortisol. Dieses Schlüsselhormon reguliert das weitere Geschehen in Interaktion mit einem Netzwerk von weiteren Botenstoffen. „Cortison“ ist die synthetische Form des Hormons, die wir als Medikament kennen.
| Stimulation der Cortisol-Netzwerk-AchseCortisol unterdrückt das Immunsystem und hemmt die Entzündungs-Prozesse, die bei jeder Stress-Antwort entstehen. Zudem vermindert es die Schmerzempfindung. |
Zurück zu unserem Fallschirm-Absprung: Sie sind gesprungen! Nach kurzer Zeit im freien Fall landen Sie, alles ist gut gegangen. Jetzt beginnt Ihr Körper über komplexe Cortisol-gesteuerte Rückkopplungs-Systeme wieder in ruhige Bahnen zu kommen. Die mit der Stimulation der Cortisol-Netzwerk-Achse verbundene Abgabe von Cortisol aus der Nebennierenrinde fährt die gesteigerte Entzündungsaktivität zurück.

Abb. 3.1.2/1 Stress ist ein Ganzkörper-Ereignis
Im gesunden Organismus werden innerhalb von 2–3 Stunden die Stressreaktionen durch mehrere komplizierte (und dadurch störungsanfällige) hormonelle, immunologische und neurale Schaltkreise herunter geregelt. Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol und weitere interagierende Botenstoffe werden durch Enzyme abgebaut.
| Das Netzwerk der BotenstoffeFür eine adäquate Stress-Antwort ist die rasche Wiederherstellung eines ausgeglichenen Zustandes (Homöostase) durch die koordinierte Aktivierung und Deaktivierung unterschiedlichster Botenstoffe entscheidend. |
Jetzt wird der Parasympathikus aktiv. Der Botenstoff Acetylcholin senkt Herzrate und Blutdruck, der Atem wird wieder gleichmäßiger, Sie entspannen sich. Das Adrenalin wird schnell wieder ausgeschieden. Cortisol bzw. die von ihm „angeforderten“ Substanzen verbleiben jedoch noch bis zu 72 Stunden im Organismus.
Die Landung mit dem Fallschirm hätte schief gehen können, Sie hätten stürzen und sich verletzen können – der Organismus war durch die Bereitstellung von schnell verfügbarer Energie auf diese Bedrohung vorbereitet. Die Stressreaktion ermöglicht den unmittelbaren Einsatz der Muskeln. So sind unter Stress unglaubliche Leistungen möglich, die aus einer Ruhesituation nicht leistbar wären.
3.1.3 Alarm – Widerstand – Erschöpfung
Die Stressforschung unterscheidet drei Phasen der Stress-Antwort: Die Alarmreaktion, die Widerstandsphase und die Erschöpfungsphase.
1. Die Alarmreaktion
Droht Gefahr, ermöglicht die Alarmreaktion den unmittelbaren Einsatz von Muskeltätigkeit. Diese erste Sofortreaktion auf Stressoren, die im vorausgehenden Kapitel am Beispiel des Fallschirmsprungs geschildert wurde, ist seit Jahrtausenden unverändert, schon unsere Vorfahren zeigten im Angesicht des Säbelzahntigers das gleiche Stress-Muster: Jetzt ist kein Raum für Neugierde, Kreativität und flexibles Handeln – die Lösungsstrategie ist automatisiert – keine Zeit für wohlüberlegte, langfristige Auswege! Es geht um die Rettung aus akuter Gefahr.
Alle Regulations- und Stoffwechsel-Systeme sind während der Alarmreaktion im Einsatz: Der Organismus ist bereit zu flüchten oder zu kämpfen.
| Diese Mobilisierung von Energiereserven, die Bereitstellung der Stresshormone und der Entzündungs-Zytokine verbraucht viele Vitalstoffe. Der Organismus befindet sich in einem zeitlich begrenzten Verteidigungs- und Überlebensmodus.Alle Körpertätigkeiten, die nicht direkt der überlebensnotwendigen Stress-Anpassung dienen, wie Verdauung, Wachstum, Sexualität oder Schlaf, werden während der Stress-Antwort heruntergeregelt. |
Die akute Stress-Antwort kann unter Umständen lebensbedrohliche Folgen haben: So war beispielsweise 2006 die Herzinfarkt-Rate in Münchner Kliniken um das Dreifache erhöht, als Deutschland bei der WM um den Titel kämpfte.
2. Die Widerstandsphase
Die Stressfalle
Wenn Anzahl, Dauer und/oder Intensität der Stressfaktoren die Kompensationsfähigkeit des Organismus nahezu ununterbrochen herausfordern, befinden wir uns im Dauerstress. Die negative Rückkopplung wird außer Kraft gesetzt, der Stresshormonlevel bleibt dauerhaft erhöht, die Regeneration geht verloren. Wir sind in der Stressfalle. Hohe Stresshormon-Spiegel täuschen nun permanent lebensbedrohliche Situationen vor.
| Alle körperlichen Veränderungen, die bei akutem Stress zeitlich begrenzt geschehen, laufen nun andauernd ab und führen zu ständiger Bereitstellung von Energie, gleichzeitig zu hohem Energieverlust, zu Substanzabbau und zu anhaltenden Entzündungsreaktionen. Das Immunsystem ist dauerhaft aktiv. |
Im Überlebens-Modus
Zugespitzt könnte man sagen, dass sich Menschen in Industriegesellschaften im permanenten Überlebens-Modus befinden. Das Alarmprogramm, das ursprünglich für Ausnahmesituationen vorgesehen war, ist heute Alltag. Unsere arhythmische, überaktive Lebensweise fördert Fehlfunktionen. Wir sind ausgestattet mit einem seit Jahrtausenden bewährten, aber „altmodischen“ Stresshormonsystem. Ohne Regenerationszeiten verbleiben die Stresshormone zu lange im Körper, sie werden nicht angemessen abgebaut. Die Widerstandsphase ist verbunden mit Hyper-Cortisol, einem anhaltenden, durch den Sympathikus bedingten Erregungszustand und gleichzeitiger Erschöpfung. Diese Phase kann Monate oder Jahre anhalten. Unter solchen Bedingungen geht auf Dauer die Anpassungsfähigkeit verloren.
Der Organismus ist jetzt dauerhaft einer zu hohen Glucocorticoid-Konzentration ausgesetzt. Die Sensitivität der Glucocorticoid-Rezeptoren kann deshalb abnehmen (Glucocorticoid-Resistenz). Langfristig verringern die erschöpften Nebennieren die Cortisol-Ausschüttung (} Hypo-Cortisolismus). Die Aktivität der Stressachsen ist gestört, die Rezeptoren reagieren nicht mehr auf Cortisol – der Organismus ist jetzt nicht mehr in der Lage, die stressbedingte Entzündungsreaktion herunterzufahren.
| Dauerstress erhöht die Anfälligkeit für Infektionen und reduziert zudem fatalerweise die Abwehrbereitschaft. |
Die Stress-Studie 2016 der Techniker Krankenkasse mit dem Titel Bleib locker, Deutschland zeigte: Fast sechs von zehn Deutschen empfanden ihr Leben als stressig – jeder fünfte stand unter Dauerdruck. Mehr als jeder zweite Deutsche hatte das Gefühl, dass sein Leben in den letzten drei Jahren stressiger geworden war.
Die Nebennieren
Die Nebennieren sind zwei walnussgroße Drüsen, die huckepack wie kleine Kappen auf beiden Nieren sitzen. Funktionell haben die Nebennieren mit der Funktion der Nieren nichts zu tun. Die Aufgabe der Nebennieren ist es, lebenswichtige Hormone zu bilden. Eine Nebenniere ist circa 4 cm lang, 4 cm dick und ungefähr 2 cm breit, sie wiegt nicht mehr als eine Weintraube (ca. 5 bis 15 Gramm). Man unterscheidet zwischen Rinde und Mark, die Rinde ist wiederum in drei Zonen mit unterschiedlichen Aufgaben unterteilt.
Das Nebennierenmark macht ca. 20 % der Nebenniere aus – also nur federleichte 1–3 Gramm! Es ist das Zielorgan, bei dem sämtliche Situationen ankommen, die uns herausfordern und denen wir uns anpassen müssen. Vom Nebennierenmark wird als Stressreaktion unverzüglich Adrenalin und Noradrenalin ausgestoßen, die für die „Kampf oder Flucht“-Reaktion verantwortlich sind.
Der äußere Bereich, die Nebennierenrinde, macht 80 % der Nebenniere aus und ist für die Produktion von über 50 verschiedenen Steroid-Hormonen in drei Hauptkategorien verantwortlich: die Glucocortcoide, die Mineralkorticoide und die Sexualhormone (Androgene).
Dauerstress blockiert Hormonwege
Die Cortisol-Netzwerk-Achse ist die Lebensretter-Achse, denn sie sichert in gefährlichen Situationen unser Überleben. Cortisol dominiert daher die anderen Hormon-Ausschüttungen der Nebenniere, die über den Hypothalamus miteinander vernetzt sind. Bei permanenter Stressaktivierung ohne Erholungszeiten können sich die Nebennieren kaum mehr regenerieren.
Pregnenolon ist die Vorläufer-Substanz für die Produktion von mehr als 150 Steroidhormonen. Die Substanz wird daher auch als „die Mutter aller Steroide“ bezeichnet. Bei überschießender Cortisol-Produktion wird die Basissubstanz Pregnenolon verbraucht und steht z. B. für die Bildung der Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen oder für Wachstumshormone wie DHEA als Vorläufersubstanz nicht mehr zur Verfügung. Das hat weitreichende Folgen für die Gesundheit und für die Lebensqualität. Der Mangel an Sexualhormonen kann bei Frauen zu stressbedingten Beschwerden wie Brustspannen (Mastodynie), zu Zyklus-Unregelmäßigkeiten, zu Menstruations- und Wechseljahresbeschwerden, zum Ausbleiben des Zyklus, zu Störung der Empfängnisfähigkeit führen. Bei Schwangerschaft ist das Risiko einer Frühgeburt erhöht. Bei Männern kann es zu Störungen des sexuellen Antriebs und der Zeugungsfähigkeit oder zu Erektionsschwierigkeiten kommen. DHEA ist ein Gegenspieler zu Cortisol und wird auch als „Jungbrunnen-Hormon“ bezeichnet. Das Hormon beeinflusst den Energieverbrauch und den Alterungsprozess. Auch DHEA ist wiederum eine „Muttersubstanz“ für viele andere Hormone. Potenziert wird ein möglicher Hormonmangel durch Fehlernährung, chronische Infektionen, Schwermetalle sowie weitere Stressoren.
Manche Steroide werden für Doping verwendet, um leistungsfähiger und ausdauernder zu werden. Die Nebenwirkungen können jedoch erheblich bis tödlich sein. Glucocortcoide, z. B. Hydrokortison, sind andererseits lebenswichtige Medikamente. Der Wirkstoff Dexamethason wird seit September 2020 von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA bei schweren COVID-19-verläufen empfohlen.
Die Nebennieren sind stresssensibel
Prinzipiell können alle Arten von Stressoren als Auslöser oder als Verstärker die Nebennieren schwächen. Eine reversible Funktionsschwäche der Nebennieren tritt z. B. auf, wenn dauerhafte Anspannung/Belastung nicht mehr durch Entspannung ausgeglichen werden kann. Oftmals überlagern sich jedoch auch unterschiedliche Belastungen. Besonders häufig sind Infektionen mit Borreliose, mit dem Eppstein-Barr-Virus, Herpes simplex oder mit dem Zoster Virus an der Entstehung einer Nebennieren-Unterfunktion beteiligt. Auch Funktionsstörungen des Darms, Entzündungen oder Schwermetallbelastungen schwächen die sensiblen Organe.
Mit einem Speichel-Hormontest kann zuverlässig der Status der Stress-Hormone erfasst werden. Laboradressen finden Sie auf den Serviceseiten.
3. Die Erschöpfungsphase
„Sei nicht frevelhaft gegen deinen Körper, indem du mehr von ihm verlangst, als er zu leisten vermag.“ Sebastian Kneipp
In der Erschöpfungsphase kommt es zur zentralen Blockade der Anpassungs-Reaktionen und zu einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Regulationsstarre. Die überforderten Kompensations-Mechanismen zerbrechen.
| Unsere fragilen (Stress-)Hormondrüsen, die alle gemeinsam gerade einmal das Gewicht eines Standardbriefes (nur etwa 20 Gramm!) auf die Waage bringen, sind der heutigen Dauerbeanspruchung nicht gewachsen. Genau die lebenswichtigen Organe, die uns in einer akuten Stress-Situation das Überleben sichern, werden durch das permanente Trommelfeuer des heutigen Alltags gefährdet. |
Die erschöpften Stress-Achsen: Cortisolmangel (Hypo-Cortisolismus)
In der Widerstandsphase wird mehr Cortisol produziert, um den Dauerstress zu bewältigen. Die Nebennieren verausgaben sich und geraten deshalb in der Erschöpfungsphase in einen bedauernswerten Zustand. Im englischsprachigen Sprachraum spricht man von „Adrenal Fatigue“, im deutschsprachigen Raum von sekundärer Nebennierenrinden- oder -mark-Insuffizienz. Im Ärztealltag wird nur der extreme Cortisol-Mangel (Morbus Addison), bzw. der extreme Cortisol-Überschuss (Morbus Cushing) als pathologisch bewertet.
Die individuelle Stressresistenz
Wir reagieren individuell sehr unterschiedlich auf Stress: Es gibt Menschen, die über Jahrzehnte in der Widerstandsphase verbleiben, andere werden schon durch scheinbar unbedeutende Stressfaktoren dauerhaft aus der Bahn geworfen. Wieder andere erleben abwechselnd Widerstands- und Erschöpfungsphasen, bei manchen lässt die Stressresistenz über lange Zeiträume allmählich nach.
Biologische Parameter
Dass Personen unterschiedlich empfindlich auf Stressreize reagieren, hängt auch stark von biologischen Parametern ab, z. B. von der Aktivität des sogenannten Glucocortcoid-Rezeptors. Er nimmt eine Schlüsselfunktion in der Feedback-Regulation der Stressantwort ein, weil er die vielfältigen Botschaften des Cortisols in die Zelle weitergibt. Die Sensitivität dieses Rezeptors kann (wie bei den Beta-2-Rezeptoren) aufgrund genetischer Varianten, aber auch durch (embryonale, frühkindliche oder spätere) Umwelteinflüsse gesteigert oder vermindert (Glucocorticoid-Resistenz) sein.

Abb. 3.1.3/1 Die individuelle Stress-Resistenz/-Toleranz
3.1.4 Das Burnout-Syndrom
In der Erschöpfungsphase gelingt es den Nebennieren kaum noch, ausreichend Cortisol zu produzieren, es entsteht ein Mangel (Hypo-Cortisol). Cortisol wird nachts gebildet, die Werte sind bei Gesunden frühmorgens am höchsten – unter Dauerstress sind jedoch schon die morgendlichen Werte auffallend niedrig. Die chronische Belastung führt nun zu eingeschränkter bis erschöpfter Kompensationsfähigkeit. Diese Konstellation findet sich typischerweise beim „Burnout-Syndrom“.
| Das Burnout-Syndrom ist der (reversible) Ausdruck einer „Überdosis“ an Dauerstress. |
Die Liste der Beschwerden beim Burnout-Syndrom ist umfassend und individuell sehr unterschiedlich: Sie reicht von Erschöpfung, Energiemangel, Schlafstörungen über Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Ruhelosigkeit bis hin zu Gleichgültigkeit und Verlust an Empathie. Auch Verbitterung, Partnerschaftsprobleme, das Gefühl mangelnder Anerkennung und nicht zuletzt körperliche Beschwerden wie Enge in der Brust, Rückenschmerzen oder Übelkeit werden von Betroffenen berichtet. Die Beschwerden können sich aufschaukeln und Betroffene können in einen Teufelskreis geraten, in dem sie sich nicht mehr als selbstwirksam erleben. Das kann zu purer Verzweiflung führen oder zu Suizidgedanken. Burnout ist ein Risikofaktor für das Auftreten von Depression, Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose und Diabetes mellitus.
Das Burnout-Syndrom kann als direkte Folge einer Erschöpfung der Zellkraftwerke verstanden werden. Uschi Eichinger und Kyra Hoffmann zeigen diesen Sachverhalt in dem lesenswerten Buch Der Burnout-Irrtum: Ausgebrannt durch Vitalstoffmangel – Burnout fängt in der Körperzelle an.
3.1.5 Dauerstress und Trauma
Dauerstress
Dauerstress entsteht durch die Aneinanderreihung von akuten Stress-Ereignissen. Da dabei langfristig die Erholungsphase fehlt, hat permanenter Dauerstress (auch „toxischer Stress“) pathologische körperliche und seelische Auswirkungen.

Abb. 3.1.5/1 Dauerstress und Traumata
Dauerstress und Traumata korrumpieren die Selbstheilung
Trauma
Der Begriff „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Verletzung“. Im Alltag wird der Begriff Trauma medizinisch unpräzise für Alltagsbelastungen verwendet. Ob ein Ereignis oder Geschehen zu einem Trauma wird, hängt einerseits von dessen Schwere und Ausmaß ab (zum Beispiel Naturkatastrophen, schwere Unfälle, Vergewaltigungen, Terroranschläge, Kriegserlebnisse oder Entführungen), zum anderen, ob das Ereignis oder Geschehen nachhaltige psychische oder körperliche Verletzungen bei den betroffenen Personen hinterlässt. In Kapitel 11 finden Sie Informationen zum Posttraumatischen Belastungs-Syndrom/PTBS.
Weniger geläufig sind
Mechanische Traumen, (z. B. durch Unfall, Gewalt),
Chemische Traumen (z. B. durch Verätzung, Vergiftung) oder
Physikalische Traumen (z. B. durch Strahlung, Kälte, Druck, Schall)
Alle Arten von Dauerstress und Traumen – also nicht nur, aber auch, psychosozialer Stress – hinterlassen ihre Spuren, sie verändern nachhaltig unsere Physiologie, die Zellkommunikation und den Stoffwechsel und können zu chronischen Erkrankungen führen.
Early Life Stress
Frühkindliche (auch schon embryonale) Stress-Erfahrungen können langanhaltend schädigend auf das sich entwickelnde Immun- und Stress-System wirken. Je instabiler die Stress-Achsen durch frühe Lebensereignisse „eingestellt“ sind, desto stärker können Stressoren lebenslang (!) einwirken. Das lässt sich mit der Grundeinstellung eines Thermostats vergleichen. } Siehe Kapitel 34
Early Life Exposom-Stress
Psychosoziale Early Life Stress-Faktoren sind gut untersucht. Doch die sich entwickelnden Feten und Kinder sind vielen weiteren Faktoren ausgesetzt, deren Gesamtheit als Exposom bezeichnet wird. } Siehe Kapitel 3.2.3 Dazu gehören z. B. Chemikalien. Auch diese Stressoren können die Stress- und Immunregulation nachhaltig negativ beeinflussen – ggf. lebenslang. } Siehe Kapitel 34
3.1.6 Stress verändert unser Verhalten
Unter Dauerstress verändern sich Gehirnstrukturen: Die Dendriten der Amygdala verzweigen sich und werden durch die dauerhafte Beanspruchung „stärker“.
| Wenn die Amygdala das Zepter übernimmt, handeln wir weniger vernunftgelenkt, sondern impulsiver, triebhafter, das Denken ist beeinträchtigt oder „blockiert“. |
Das kognitive Gehirn und das emotionale Gehirn fallen auseinander, statt Kohärenz entsteht Chaos. Konkret bedeutet das, dass bei Überforderung automatisiertes Handeln zunimmt, während das reflektierte, variable Reagieren auf Situationen abnimmt. Die Nervenfortsätze des Präfrontalen Kortex verkümmern: Neurone bauen Verbindungen ab, wenn sie nicht gebraucht werden.
Das führt zu Entfremdung: Mit zunehmender Überforderung entfremden wir uns von uns selbst. Der Politikwissenschaftler Hartmut Rosa beschreibt die fehlende Weltbeziehung soziologisch: Wer unter Stress steht, kann nicht mehr mit anderen Menschen und mit der Umwelt in Resonanz treten.
Zwischen Außenwelt und Innenwelt entsteht ein Spannungsfeld: Dazwischen steht „Eigentlich“. „Eigentlich“ würde ich gerne mehr Zeit haben für meine Familie, eigentlich möchte ich regelmäßig schwimmen gehen, eigentlich habe ich mir mein Leben anders vorgestellt.
Gestresste können nicht mehr spüren, was guttut und was schadet. Selbst positive Erfahrungen werden nicht mehr gespeichert (Tunnelblick).
Schlafstörungen treten auf, Nervosität, innere Unruhe, Motivationsverlust und Stimmungsschwankungen.
Das führt bis hin zu mangelnder Impulskontrolle/Aggressivität, Niedergeschlagenheit, depressiven Episoden. Das Burnout-Syndrom, Depressionen oder Angsterkrankungen können sich entwickeln.
Stressbedingte Sinnkrisen, Identitätsstörungen, Versagensängste werden berichtet.
Dauerstress kann zu gesundheitsschädlichem Suchtverhalten führen: Rückzug, Rauchen, vermehrter Alkoholkonsum, Drogen- und Arzneimittel-Missbrauch.
All diese Auswirkungen spiegeln sich in aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Ist es Zufall, dass mit steigender Stressbelastung, die derzeit zu beobachtende Verrohung zunimmt und auch sie sogenannten „Hasspostings“?
3.1.7 Stress und (Epi-)Genetik
Die Wissenschaftsdisziplin Epigenetik wird in Kapitel 28 erläutert. Neuere Forschungen belegen, dass sowohl genetische wie auch epigenetische Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Verarbeitung von Stress spielen.
Unsere genetische Konstitution wirkt sich auf unsere individuelle Stressanfälligkeit aus. Abschnitte des Erbgutes, die für die Aktivität der Stresshormone mitverantwortlich sind, (dazu gehören z. B. Polymorphismen der Gene BDNF, COMT, MAOA, FKBP5) stehen im Fokus der aktuellen Forschung. Dazu kommen die epigenetischen Einflüsse, also die Frage, ob vorhandene Gene abgelesen werden oder stillgelegt wurden.
| Es gibt nach dem derzeitigen Stand der Forschung weder ein Burnout-Gen, noch ein Depressions-Gen – aber erhöhte Anfälligkeiten, die sich in einem komplexen Zusammenspiel mit anderen Genen, mit unserer Lebensweise und mit Lebensereignissen auf unsere individuelle Stressresistenz auswirken können. |
In einer akuten Stress-Situation werden Kaskaden von Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt. Die Werte dieser sogenannten Katecholamine können um das 50-fache ansteigen. Sie binden an die alpha- und beta-adrenergen Membranrezeptoren vieler, sehr unterschiedlicher Zellen im ganzen Körper. Beta-2-Rezeptoren neigen bei chronischer Stimulation, z. B. bei chronischem Herz-Kreislauf Stress zur Desensibilisierung. Ihre Anzahl kann erheblich abnehmen. Die Rolle der Beta-2-Rezeptoren wurde z. B. bei ME/CFS-Patienten untersucht. 3.1.7/1 Wirth, Scheibenbogen
Um die Stresshormone Adrenalin, Dopamin und Noradrenalin abzubauen, werden mehrere Enzyme benötigt. Dr. Kurt E. Müller beschreibt in seinem Positionspapier zur COVID-19 Pandemie u.a. den unguten Zusammenhang zwischen steigender Stresslast und unzureichendem Abbau der Stresshormone.
„Der ursprünglich für Notfallreaktionen vorgesehene Gebrauch von Katecholaminen (KA) erfolgt inzwischen im alltäglichen Leben. Grund hierfür sind Tempo, Zeitdruck, Komplexität des täglichen Lebens, sozialer Stress und Funktionseinbuße des parasympathischen Nervensystems. Die Ansicht, dass deren Produktion nur im ZNS [Zentralnervensystem], der NNR [Nebennierenrinde] und dem sympathischen Nervensystem erfolgt, ist überholt. KA und ihre Rezeptoren werden von einer ganzen Reihe der Immunzellen produziert. Die andauernde Stressreaktion durch KA hemmt die Immunfunktion. [...] Verstärkt wird er bei den Menschen, die eine genetisch geminderte Funktion der Catechol-O-Methyltransferase (COMT) aufweisen, was bei ~15 % der Bevölkerung der Fall ist.“ [Quellenhinweise im Originaltext] 3.1.7/2 Müller
COMT kann in verschiedenen Gen-Varianten vorliegen. Entsprechend werden zwei unterschiedlich aktive Formen des COMT-Enzyms gebildet – „Val“ oder „Met“. Die Val-Variante des Enzyms ist bis zu vierfach aktiver als die Met-Variante. Da jedes Gen in zwei Kopien vorliegt, gibt es Menschen, die zwei Val-Varianten, andere, die zwei Met-Varianten haben, sowie solche, die beide Enzymarten besitzen. Durch eine genetische Untersuchung kann geklärt werden, ob ungünstige Genvarianten vorliegen.
Systemischer Einfluss auf das Immunsystem
Sowohl das angeborene wie auch das erworbene Immunsystem werden durch Katecholamine direkt beeinflusst. B-Lymphozyten, T-Lymphozyten, Natürliche Killerzellen (NK-Zellen), Dendritische Zellen und Makrophagen haben Rezeptoren für diese Botenstoffe. Darüber hinaus können Lymphozyten selbst Katecholamine synthetisieren und freisetzen.
| Katecholamine sind, neben ihrer Funktion als Neurotransmitter auch Regulatoren der Immunfunktion: Stresserleben hat direkten Einfluss auf Immunfunktionen, und umgekehrt! |
Andauernde Stressreaktionen hemmen die Immunfunktion: Ein Überschuss an Katecholaminen führt zu einer Verschiebung der Zytokine vom TH-1 zum TH-2-Pfad (d.h. vom „Verteidigungs-System“ zum „Toleranz-System“). } Siehe Kapitel 5.4
COMT und Umweltschadstoffe
Das Enzym COMT wird gebraucht, um bestimmte Medikamente zu verstoffwechseln (z. B. Amphetamine, Methyldopa, Catecholaminhaltige Notfallmedikamente wie Epinephrin) und um Umweltchemikalien wie einfache Phenole, Hydrokarbone, Anthrachinone, Dibenzodioxine und Dibenzofurane abzubauen.
| Damit konkurriert der Abbau von Katecholaminen mit dem Abbau von Umweltschadstoffen und Medikamenten. Je weniger COMT zur Verfügung steht, desto weniger Substanzen (Katecholamine, Medikamente oder Umweltschadstoffe) können abgebaut werden.Das bedeutet, dass die heutige Grundbelastung mit Schadstoffen für große Teile der Bevölkerung ein physiologisches Problem darstellt, weil sie bei ungünstigen genetischen Voraussetzungen nicht abgebaut werden können. |
Wer aufgrund einer ungünstigen COMT-Genvariante Katecholamine nicht vollständig abbauen kann, steht ständig „unter Strom“, der Organismus gibt dann ständig „Vollgas“. Diese Variante ist bei ca. 15 % der Bevölkerung zu finden. Bei dieser Konstitution wirken sich Umgebungsfaktoren, die mit unserer modernen, hektischen Lebensweise zusammenhängen, stärker aus, als wenn Betroffene in vorindustrieller Zeit gelebt hätten.
Neurostress
Der Begriff „Neurostress“ umfasst die Gesamtheit aller pathologischen Veränderungen der neuroendokrinen Stressachse und deren systemische Auswirkungen auf die Psyche, auf neurologische, endokrin/hormonelle und auf immunologische Phänomene.
Beschwerden wie Ängste, Unruhe, Motivationsverlust, kognitive Störungen, Fatigue/Leistungsabfall, Überempfindlichkeitsreaktionen, Schlafstörungen oder Schmerzen sowie Erkrankungen wie Depressionen, Burnout oder Migräne können als Funktions-Störungen verstanden werden, die auf neuro-regulatorischen Dysbalancen beruhen. Die Balance zwischen exzitatorischer (erregender) und inhibitorischer (dämpfender) Gehirnchemie ist gestört.
| Der Ablauf der Stressantwort kann bei erworbenen multisystemischen Erkrankungen auf mehreren Ebenen gestört sein, z. B. durch ein Ungleichgewicht der Stresshormone, durch Dysfunktionen/Resistenzen bei den Rezeptoren; durch einen gestörten Abbau aufgrund eines (epi/genetischen) Mangels oder eines Überschusses an stressabbauenden oder entzündungshemmenden Enzymen. |
3.1.8 Stressbedingte Erkrankungen
Aus physiologisch wird pathologisch
Wenn der physiologische Ablauf der Stressantwort nicht gewährleistet ist, entstehen als Langzeitwirkungen unterschiedliche stressbedingte Erkrankungen. Stressbedingte Erkrankungen sind in der Regel chronisch-entzündliche Erkrankungen.
| Physiologische Reaktion auf stressorische Reize | Pathologische Folgen |
| Bereitstellung von Energie, um potenziell flüchten oder angreifen zu können. | Das permanente Abrufen der Katecholamine (Adrenalin, Noradrenalin, weitere) verbraucht viel Energie und baut Substanzen ab (z. B. Proteine, Calcium) � Erhöhtes Risiko für Muskelschwund, Osteoporose.Auf emotionaler Ebene: Angst, Aggression. |
| Energie in Form von Blutzucker wird für die Muskeln und für das Gehirn bereitgestellt. | Zuckerstoffwechselstörungen, Gewichtsprobleme, Insulinresistenz, Prä-Diabetes, Diabetes mellitus. |
| Bereitstellung von Blutfetten | Fettstoffwechselstörungen bis hin zu Adipositas. |
| Der Blutdruck steigt, der beschleunigte Blutkreislauf intensiviert den Transport von Sauerstoff in die Zellen und Gewebe. | Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwindel. |
| Mitochondrien erhöhen die ATP-Produktion, als Nebenprodukt entstehen vermehrt freie Sauerstoff-Radikale. | Zu viel oxidativer Stress entsteht. } Siehe Kapitel 5.5 |
| Freisetzung von NO und weiteren Signalmolekülen. | Zu viel nitrosativer Stress entsteht. } Siehe Kapitel 5.5 |
| Das „Cortisol-Netzwerk“ ist dauerhaft hoch. Das Immunsystem wird heruntergefahren, das Schmerzempfinden sinkt. | Störungen der Immunregulation, erhöhte Infektionsanfälligkeit, schlechte Wundheilung, dünne, brüchige, neurodermitische Haut. Cortisol bedingter Fettansatz im Gesicht, Nacken, Stamm und Abdomen. |
| Die Stressantwort hat Vorrang vor der Schilddrüsen-, Wachstumshormon- und Geschlechtshormon-Achse. | Ungleichgewichte bei den Schilddrüsen-, Wachstums- und Sexualhormonen. |
| Der Sympathikus ist aktiv | Hypertonie, Erregbarkeit, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen. Inaktivierung des Parasympathikus, mangelnde Regeneration � Burnout. |
| Das Verdauungssystem wird zum Überleben nicht gebraucht und macht Pause. | Magen-Darm-Störungen: Appetit-, Nahrungsverwertungsstörungen, Reizdarm. |
| Herunterfahren weiterer Vitalfunktionen, z. B. Sexualität, die in Stress-Situationen nicht dem Überleben dienen | Gynäkologische/urologische Störungen, (z. B. Libido-, Erektionsstörungen, Menstruations-Beschwerden). |
| in Stress-Situationen können wir nicht schlafen. | Störungen des Schlaf-/Wachrhythmus. |
| Mikro-Entzündungen entstehen als Antwort auf Stressoren. | Dauerhafte, subklinische Entzündung/Silent Inflammation. Im ganzen Organismus, auch im Gehirn � Risiko für Depressionen. |
| Der Verbrauch des Wohlfühlhormons Serotonin ist erhöht, die Synthese wird gehemmt. | Serotonin-Mangel hat Auswirkungen auf unsere Stimmung, auf den Schlaf, auf Appetit, Sexualverhalten, auf die Temperaturregelung und auf die Schmerzwahrnehmung. |
| Automatisierte Aktivierung archaischer Gehirnfunktionen | Überlastungs-Störungen, Aggressivität. Langfristig: Abbau kognitiver Gehirnfunktionen, Gedächtnisstörungen. |
| Die Skelettmuskulatur wird mit Blut und Nährstoffen versorgt, zur Vorbereitung für Kampf oder Flucht spannen sich viele Muskelgruppen an, was mit einem Zittern einhergehen kann. | Muskelverspannungen, -verhärtungen, Schmerzen. |
| Die Atmung wird schneller, der Puls steigt. | Atemwegserkrankungen, Asthma. |
| Hände und Füße schwitzen, der Mund wird trocken. Wir werden blass, wir bekommen eine „Gänsehaut“. Der einsetzende Harndrang kann dazu führen, dass wir vor Schreck unwillkürlich Wasser lassen. | Neuro-vegetative Störungen. |
| Alle Sinne sind angespannt, die Pupillen weiten sich. Die Konzentration richtet sich auf die Bedrohung, alles andere wird kurzzeitig ausgeblendet. | Tunnelblick, kognitive Überlastung, Gereiztheit. |
3.2 Unterschwellige Stressoren
Die (un-)heimlichen Stressoren
In Kapitel 3.1 wurde die Antwort des Organismus auf sinnlich wahrnehmbare Reize geschildert. Nun wenden wir uns den sinnlich eher nicht-wahrnehmbaren, unterschwelligen Faktoren zu. Die beiden Bereiche lassen sich nicht trennscharf unterscheiden, sie sind ineinander verwoben.
Die multifaktorielle Gesamtlast
Im vorliegenden Buch wird die Gesamtheit der wahrnehmbaren und der nicht unmittelbar wahrnehmbaren Faktoren als „multistressorische“ bzw. „multifaktorielle“ Gesamtlast bezeichnet. Sie lassen sich grob in biologische, chemische, physikalische und psychische Faktoren einteilen.
Der schwer nachzuweisende Zusammenhang zwischen „unsichtbaren“ Expositionen und deren Wirkung auf die Zellgesundheit ist von Interesse für das Verständnis von multisystemischen Erkrankungen: Welchen Anteil haben unterschwellige Umweltfaktoren an deren Entstehung?
Ein Beispiel für Faktoren, die wir nicht wahrnehmen können, sind Viren. Viren blieben lange unentdeckt, weil sie nur aus einem DNA oder RNA-Faden, z.T. mit Proteinhülle, bestehen. Biologen schätzen, dass zehnmal mehr Viren als Bakterien in und auf unserem Organismus zu finden sind. Manche dieser Viren verursachen Erkrankungen, andere koexistieren mit uns oder wurden sogar Teil unserer DNA. Viren gehören zu den Faktoren, die – ebenso wie Rauch, Pflanzen- und Tiergifte oder Bakterien – unsere Menschheitsgeschichte schon lange begleiten. COVID-19 lehrt uns, dass Viren Meister in der feindlichen Übernahme unserer Zellsysteme sind.
| Neuartige Stressoren/NoxenAbgase, Radioaktivität und Mikroplastik sind Beispiele für neuartige Stressoren. Wir können sie nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken. Unsere Sinne warnen uns nicht vor diesen potenziellen Gefährdungen.Fachsprachlich wird im Gesundheitswesen jede Art von Substanz, die potenziell schädlich wirken könnte, als „Noxe“ bezeichnet. |
3.2.1 „Novel entities“ – Neuartige Substanzen
Internationale Wissenschaftler um den schwedischen Professor Johan Rockström veröffentlichten erstmals 2009 das Konzept der „Planetaren Grenzen“. 3.2.1/1 Steffen et al. Sie benannten neun globale Prozesse, die das Gleichgewicht unserer Erde bedrohen. Einer dieser globalen Prozesse betrifft anthropogene Stoffeinträge, das sind von Menschen durch moderne Technologien neu geschaffene und in die Umwelt eingebrachte Substanzen und Emissionen. Diese Substanzen wurden in der Studie unter dem englischen Begriff „novel entities“ (Deutsch: „Neue/Neuartige Stoffe/Substanzen“) zusammengefasst.

Abb. 3.2.1/1 Belastung vorindustriell und heute
Dazu gehören
sämtliche durch menschliches Handeln erzeugte neue Substanzen, wie z. B. synthetische organische Schadstoffe/Chemikalien (Xenobiotika) inklusive Nanomaterialien und Mikrokunststoffe oder radioaktive Materialien.
Natürlich vorkommende Elemente (z. B. Schwermetalle), die durch anthropogene Aktivitäten quantitativ zunehmen, sowie modifizierte Lebensformen, (wie genetisch veränderte Organismen oder Produkte der synthetischen Biologie) die das Potenzial für unerwünschte geophysikalische und/oder biologische Wirkungen haben.
Die globale Einführung der novel entities in die Umwelt ist sowohl aus umweltpolitischer wie auch aus medizinischer Sicht besorgniserregend:
1 Weil diese Substanzen persistierend sind, d.h. sie verbleiben über unabsehbar lange Zeiträume in der Umwelt.
2 Sie sind über große Distanzen wie Klimazonen oder Kontinente hinweg mobil und entsprechend weit verbreitet. Wir sehen das z. B. in Funden von Mikroplastik im arktischen Eis.
3 Zum dritten haben Novel entities Auswirkungen sowohl auf lebenswichtige Prozesse im „System Erde“, wie auch auf lebenswichtige Prozesse im Organismus von Tier und Mensch.
| Die novel entities haben das Potential, unerwünschte geophysikalische oder biologische Effekte im System Erde auszulösen und gleichzeitig ebenso unerwünschte Effekte im menschlichen Organismus zu bewirken – die Folgen sind hier wie da potenziell irreversibel. |
Gefährlichkeitsprofile der neuen Substanzen
Wir befinden uns mitten in einem Freisetzungs-Experiment mit globalen Auswirkungen. Von einem regelhaft durchgeführten Screening neuartiger Substanzen, bevor sie in die Umwelt freigesetzt werden, sind wir derzeit weit entfernt. Potenziell gefährliche Strahlen, Substanzen und Gase begleiten uns durch den Alltag und sind behördlich zugelassen – doch die gesundheitlichen Risiken sind unabsehbar.
Späte Lehren aus frühen Warnungen
Im Jahr 2001 veröffentlichte die Europäische Umweltagentur/EUA den Bericht Late lessons from early warnings: Environmental issue report No 22 01/2002. Unter dem Titel „Späte Lehren aus frühen Warnungen: Das Vorsorgeprinzip 1896–2000“ publizierte das Umweltbundesamt 2004 die deutsche Übersetzung. Untersucht wurden die Vorsorgekonzepte und die Risikobewertung, bzw. das Risikomanagement der vergangenen hundert Jahre in Bezug auf die Gesundheit der Bevölkerung und auf die Umweltsituation in Europa.

Abb. 3.2.1/2 Die Komplexität toxischer Wirkungen
Die wenigsten neuartigen Substanzen werden hinsichtlich ihrer Toxizität untersucht, geschweige denn auf Faktoren wie Wechselwirkungen oder Kumulationseffekte. Zusätzlich wird die Beurteilung erschwert, weil jeder Mensch über individuelle Entgiftungsleistungen verfügt. } Siehe Kapitel 22
| Zwölf „späte Lehren“ wurden von den Autoren unter Federführung des wissenschaftlichen Beirats der EUA aus den vorgestellten zwölf Fallberichten abgeleitet, bei denen in jedem Fall klare Beweise für die Gefährdung der Bevölkerung und deren Umwelt zunächst ignoriert wurden. Thematisiert wurden u.a.: Strahlung (Röntgen, Radioaktivität), Benzol, Asbest, PCB und FCKW. |
Bei allen Problemfeldern gab es nach den ersten Hinweisen jahrzehntelange wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion. Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), wurden beispielsweise so lange als harmlos abgetan, bis die Schäden in Zusammenhang mit der stratosphärischen Ozonschicht nicht mehr geleugnet werden konnten.
| Die Politik reagierte bei vielen Themen zu zögerlich, war offen für Lobbyinteressen und reagierte erst spät mit Vermarktungsverboten. |
Die so entstandenen gesellschaftlichen Folgekosten überstiegen die Gewinne der Hersteller der gefährlichen Güter bei weitem. Das führte nicht nur zu horrenden wirtschaftlichen Schäden für die Volkswirtschaften, sondern vor allem auch zu gesundheitlichen und sozialen Folgen.
| Die Risiken der scheinbar so nützlichen Technologien blieben so lange unbeachtet, bis die unumkehrbaren Folgen nicht mehr zu stoppen waren. |
Erlaubt = ungefährlich?
Bei Asbest war die Latenzzeit zwischen dem ersten Auftreten der Belastung und der Eindämmung der Produktion so lang, dass viel zu viele Menschen an asbestbedingtem Lungen- oder Rippenfellkrebs erkrankten. Auch das Beispiel DDT zeigt, wie langsam die Mühlen mahlen, wenn es um gesundheitsschädliche Gefahren von Chemikalien geht: DDT wurde 1942 unter dem Handelsnamen „Gesarol“ als Mittel zum Pflanzenschutz und als „Neocid“ für den Hygienebereich auf den Markt gebracht und war über Jahrzehnte hinweg das am häufigsten verwendete Insektizid weltweit. Mitte der 1950er-Jahre wurde die schädigende Wirkung von DDT auf Vögel, Fische und Amphibien bekannt. Das Insektizid wurde in den Siebzigerjahren erst in Schweden, dann in Dänemark, in den USA und in Deutschland (1. Juli 1977) verboten.
| Die Verwendung des gesundheitsschädlichen DDT war also 35 Jahre lang erlaubt. |
Die Substanz wird nicht abgebaut: Noch heute ist das Insektenschutzmittel in Umweltsedimenten und damit im Rohstoffkreislauf zu finden. Heute wissen wir, dass DDT sich im menschlichen Organismus ansammelt und in den Hormonhaushalt eingreift. DDT wird über Generationen weitergegeben. Bei Schwangeren gelangt es über Plazenta und Nabelschnur in hohen Konzentrationen auch in den Embryo, was zu Fehlbildungen führen kann. Auch in der Muttermilch ließen sich DDT und seine chemischen Abkömmlinge nachweisen.
| Das Beispiel zeigt exemplarisch, dass „erlaubt“ keinesfalls mit „unbedenklich“ gleichzusetzen ist. Die Umwelt- und Gesundheitskosten durch DDT werden am Ende nicht von den Verursachern bezahlt, sondern von der Gesellschaft, bzw. von den betroffenen Menschen, die durch DDT zu Patienten geworden sind. |
3.2.2 Evolutionsmedizin
Alte Gene, neue Umwelt
Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Lebenswissenschaften die molekularen Strukturen verschiedener Stoffgruppen ermittelt und sie verändert. Evolutionsbiologisch haben wir es mit den novel entities also mit einer Stoffgruppe zu tun, die in der Menschheitsgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt keine Rolle spielte.
| Unser Organismus muss sich mit evolutionär völlig neuartigen Faktoren auseinandersetzen, deren Verbreitung seit den ersten Menschenvorfahren bis zur Industrialisierung bei Null lag: Es gab diese erdölbasierten Substanzen schlichtweg nicht! |
Die immunologische Zeitenwende
Der menschliche Organismus hat sich im Lauf der Evolution mit natürlichen Reizen auseinandergesetzt und seine immunologischen Strategien darauf ausgerichtet. In seiner evolutionären Entwicklung wurde das menschliche Immun- und Entgiftungs-System weder mit Pestiziden noch mit Konservierungsstoffen noch mit synthetischen Nanopartikeln konfrontiert.
An diese quantitativ überfordernden und qualitativ schädigenden Stoffe sind wir nicht angepasst.
Synthetische Moleküle werden vom Immunsystem als fremd erkannt und bekämpft. Sie müssen durch die körpereigenen Entgiftungs-Systeme abgebaut werden, die dafür nicht ausgelegt sind. Wir sind zudem auch noch mit einem ebenfalls „altmodischen“ Stresshormon- und Entzündungssystem ausgestattet. Der Umweltmediziner Dr. Kurt E. Müller fasst zusammen:
„Für neuartige Ursachen immunologischer Auseinandersetzung (z. B. Umweltschadstoffe) ist der menschliche Organismus mit seinen entwicklungsgeschichtlich alten neurobiologischen, metabolischen, enzymatischen und immunologischen Mechanismen den rasch und vielfältig wechselnden Einflüssen der modernen Umwelt nicht adäquat adaptiert, und er nutzt die über lange Zeiträume für Infekte entwickelten Strategien für diese „neuen“ Aufgaben.“ 3.2.2/1 Müller
Der Evolutionsmediziner Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit schreibt in seinem Buch Die Steinzeit steckt uns in den Knochen:
„Wenn wir verstehen wollen, wie unser Körper funktioniert, wofür er gemacht oder nicht gemacht ist, müssen wir immer wieder in die Vergangenheit zurückgehen. Manchmal nur Jahrhunderte, manchmal Hunderte Millionen Jahre.“
3.2.3 Die Exposom-Forschung
Das Humangenomprojekt
1990 begann ein internationales Forschungsprojekt, das viel öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr: Das Humangenomprojekt (HGP, engl. Human Genome Project). } Siehe Kapitel 28 In mühseliger Kleinarbeit wurde das Genom (die Erbsubstanz) mehrerer Personen untersucht und miteinander verglichen, um herauszubekommen, welche Gene „Max Mustermann“ hat und an welchen „Genorten“ sie liegen. Da unser Organismus mehr als 100.000 Proteine benötigt, gingen die Forscher davon aus, mindestens 100.000 Gene zu finden. Die Medizin war sich sicher, mit diesem Wissen gezielt Gene zu verändern und damit ein wirksames Werkzeug für die Behandlung unzähliger Krankheiten zu erhalten. Doch mit jeder Presseerklärung schrumpfte die Anzahl der tatsächlich gefundenen Gene. Heute wissen wir:
Nur auf etwa 1 % der DNA befindet sich die Information zur Synthese von Proteinen. Diese Abschnitte werden proteincodierende Gene genannt. Menschen haben (je nach Quelle) nur ca. 21.000 bis 25.000 proteincodierende Gene. Bei den meisten weiß man nicht, welche Aufgaben sie haben. Ein wissenschaftliches Dilemma – wie können so wenige Gene unseren hochkomplexen menschlichen Organismus lenken? Bei der Umsetzung der Genom-Forschung in die Anwendung wurde immer klarer: Das Genom allein kann die Frage nach den Hauptursachen von Krankheiten nicht beantworten.
| Die einfache Rechnung „Gen A macht Krankheit B“ geht nicht auf. Mittlerweile ist gut belegt, dass die Genetik nur etwa 10 % zur Krankheitsentstehung beiträgt. Nun treten zwei junge Wissenschaftsrichtungen auf den Plan, die das nahezu unüberschaubare Wechselspiel der Gene mit Umgebungsfaktoren erforschen: Die Exposom-Forschung und die Epigenetik. |
Die Epigenetik wird in Kapitel 28.2 vorgestellt: Wir wissen heute, dass Umweltfaktoren nicht nur zu bleibenden genetischen Veränderungen (Mutationen) in der Erbsubstanz führen können, sondern auch langfristige, z.T. generationenübergreifende Auswirkungen auf die Genexpression durch epigenetische Mechanismen haben: Es ist von zentraler Bedeutung, ob Gene „angeschaltet“ oder „stillgelegt“ werden.
Die Exposom-Forschung
Dr. Christopher P. Wild war bis 2019 Direktor der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation/IARC. Als Krebsspezialist war ihm bewusst, dass Lebensgewohnheiten wie Ernährung, Rauchen, Alkoholgenuss und Bewegung direkten Einfluss auf die von unserem Genom kodierten Stoffwechselaktivitäten nehmen. Während das Genom entschlüsselt werden konnte, werden die Expositionen, denen jeder Mensch lebenslang – von der Empfängnis bis zum Tod – ausgesetzt ist, bis heute nur in sehr geringem Umfang systematisch erforscht und katalogisiert. Dr. Wild schlug 2005 in einem wissenschaftlichen Artikel 3.2.3/1 Wild als übergeordneten Sammelbegriff für alle nicht-genetischen Faktoren die Bezeichnung „Exposom“ (engl. Exposome) vor, die sich aus den englischen Wörtern „exposure“ und „genome“ zusammensetzt. Im englischsprachigen Bereich wird der neue Forschungszweig als „Exposomics“ bezeichnet.
| Das ExposomDas Exposom kann definiert werden als die Gesamtheit aller Umwelteinflüsse und die damit verbundenen biologischen Reaktionen. Die Exposom-Forschung untersucht, wie verschiedenartige Expositionen und die individuellen Reaktionen darauf mit der Entstehung von Krankheiten zusammenhängen. |
Dr. Wild gliederte die „nicht-genetischen“ Expositionen in drei Kategorien, die ineinander verflochten sind:
1 Körpereigene Prozesse wie Stoffwechsel, endogen zirkulierende Hormone, die Körpermorphologie, körperliche Aktivität, das Darmmikrobiom, Entzündungen, Lipid-Peroxidationen, oxidativer Stress und Alterung. Diese internen Bedingungen wirken sich alle auf die zelluläre Umgebung aus. In der Literatur werden sie als Wirts- oder endogene Faktoren beschrieben.
2 Spezifische externe Expositionen wie Strahlung, Infektionserreger, chemische Kontaminanten und Umweltschadstoffe, Ernährung, Lebensstilfaktoren (z. B. Tabak, Alkohol), Beruf und medizinische Interventionen. Diese umweltbedingten Risikofaktoren sind die Schwerpunkte epidemiologischer Studien in Bezug auf Nichtübertragbare Krankheiten wie z. B. Krebs.
3 Allgemeine externe/soziale Determinanten der Gesundheit: Soziale, wirtschaftliche und psychologische Einflüsse auf das Individuum, wie z. B.: Gesellschaftliches Kapitalvolumen, Bildung, finanzieller Status, psychischer und mentaler Stress, Stadt-Land-Umwelt und Klima.
Viele Expositionsfaktoren bleiben verborgen, für andere gibt es noch keine spezifischen Nachweis-Methoden. Manche Faktoren, z. B. lösliche Chemikalien, sind flüchtig oder werden rasch wieder ausgeschieden. Zudem wirken sich umweltbedingte Expositionen bei jedem Menschen u.a. aufgrund der unterschiedlichen genetischen Faktoren unterschiedlich aus. Einige Menschen werden krank, während andere mit derselben oder gar einer höheren Exposition nicht erkranken.
Paradigmenwechsel: Vom Genom zum Exposom
Das European Human Exposome Network (siehe unten) vertritt die Sichtweise, dass ein grundlegender Wandel in der Auffassung von Gesundheit notwendig sei und setzt sich für einen Wechsel vom klassischen biomedizinischen Modell „eine Exposition, eine Krankheit“ hin zu einem umfassenderen Ansatz ein. Die Einbeziehung des Exposom erlaubt einen erweiterten Blick auf die Krankheitsentstehung und ermöglicht u.a. wirksame Präventionsmaßnahmen und -konzepte für die Zukunft.
Ein ehrgeiziges Unterfangen
Vor einigen Jahren hätte man das Unterfangen, das gesamte Exposom eines Menschen zu kartieren, noch als Science fiction abgetan. Doch derzeit werden, in Analogie zu den Genomweiten Assoziationsstudien/GWAS, die heute kostengünstige und schnelle Analysen des gesamten Genoms ermöglichen, Expositionsweite Assoziationsstudien/EWAS entwickelt, um zukünftig die Gesamtheit des lebenslangen Exposom zu analysieren.
Hochdurchsatz-Technologien
In der Anfangsphase des Humangenomprojekts } Siehe Kapitel 28 arbeiteten Wissenschaftler 13 Jahre lang an der Sequenzierung des ersten Genoms – die Gesamtkosten beliefen sich auf mehr als drei Milliarden Euro. Heute kann die schnellste derzeit verfügbare Maschine 60 Genome an einem Tag sequenzieren – bei überschaubaren Kosten.
Möglich wird diese Forschung durch Hochdurchsatz-Analysen mit Verfahren, die automatisiert biologische Proben untersuchen. Nicht nur die Gene, auch Proteine und die Stoffwechselprodukte können heute in einer Probe erfasst werden. Dazu gehören z. B. Antikörperbildung, Addukte, genetische Mutationen, epigenetische Veränderungen oder toxikogenomische Wirkungen. So entstehen riesige Datenmengen, die nur mit Großrechnern ausgewertet und bewältigt werden können. Forscher versuchen innerhalb dieser Datenmengen aussagekräftige Schlüsselmoleküle/Signaturen herauszufiltern. Im Rahmen eines Programms zur Expositionsbiologie wird von der US-amerikanischen National Institute for Environmental Sciences/NIEHS die Entwicklung neuer Instrumente zur Expositionsbewertung gefördert.
| Mit Hilfe dieser neuen Technologien, werden Zusammenhänge mit den Umgebungsfaktoren erkennbar, die bislang verborgen waren. |
Die Analysen sind teuer und werden derzeit fast ausschließlich für Forschungszwecke eingesetzt. Doch es ist zu beobachten, dass die Kosten für diese Verfahren weltweit sinken, je mehr sie eingesetzt werden.
Unsere individuelle „Wolke“
„Menschen haben Dinge wie Luftverschmutzung gemessen, aber niemand hat wirklich die biologische und chemische Aussetzung auf persönlicher Ebene gemessen. Niemand weiß wirklich, wie groß das menschliche Exposom ist und was sich darin befindet.“ 3.2.3/2 Rötzer
Das Zitat stammt von dem Genetiker Michael Snyder von der Stanford University School of Medicine in Kalifornien, USA, der mit seinem Team mit Hilfe eines Gerätes, das Partikel aus der Luft filterte, die jeweiligen örtlichen Umgebungsfaktoren untersuchte. Die Forscher konnten anhand des Filtersubstrates je nach Region, Wetter, Jahreszeit und den Eigenheiten des jeweiligen Haushalts Unterschiede feststellen. Sie fanden Spuren von Staub-, Haut- und Spinnmilben, von Mücken, Fliegen, Bienen und Kakerlaken – und von Viren, die über Haustiere übertragen wurden. In nahezu jeder Probe fanden die Forscher Partikel des Insektenabwehrmittels DEET, das Pestizid Omethoat und krebserregend wirkende Stoffe wie Diethylenglycol.
„Wir haben alle unsere eigene Mikrobiom-Wolke, die wir mit uns herumschleppen und verteilen. [...] Insgesamt lassen unsere Ergebnisse annehmen, dass wir ständig Tausenden Chemikalien ausgesetzt sind, oft an bestimmten Orten“ 3.2.3/3 Rötzer
so der Studienleiter Michael Snyder. Langfristig wird die Exposom-Forschung Aussagen zur Umgebungsqualität in verschiedenen Lebensräumen, bzw. auch Innenräumen möglich machen.
| Viren im ExposomDie Münchner Epidemiologin Annette Peters wies darauf hin, dass die Untersuchung des Exposom auf Viren frühzeitig Hinweise auf Erkältungswellen liefern könnte. Diese Aussage bekommt in diesen Zeiten der COVID-19-Pandemie besonderes Gewicht. |
Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ in Leipzig ist eines der weltweit führenden Forschungszentren im Bereich der Umweltforschung. Der Forschungsschwerpunkt IP Exposome (IP = Integriertes Projekt) betreibt interdisziplinäre Forschung zu molekularen Mechanismen der Toxizität. Der Schwerpunkt liegt derzeit zunächst auf der Erforschung der Wirkung von Chemikalien auf biologische Regelkreise in Organismen.
„Wenn wir verstehen, wie Umweltfaktoren einschließlich Schadstoffen das innere chemische Milieu von Organismen – das EXPOSOM – beeinflussen und wissen, welche Rolle diese Prozesse bei der Entstehung von aquatischer Toxizität und chronischen Erkrankungen spielen, können wir unerwünschte Wirkungen für Umwelt und Mensch besser vorhersagen und Präventionsstrategien ableiten.“ 3.2.3/4 UFZ
EU-geförderte Exposom Forschung
Während die Genom-Forschung schon seit Ende des Human-Genom-Projektes 2003 weltweit etabliert wurde, entstehen jetzt auch gleichrangige Exposom-Forschungszentren. 2020 wurde das European Human Exposome Network gestartet. Dies ist das weltweit größte Netzwerk von Projekten, die die Auswirkungen von Umweltexpositionen auf die menschliche Gesundheit untersuchen.
| Das europäische Netzwerk vereint 24 Nationen und neun Forschungsprojekte, die bis 2027 mit über 100 Millionen Euro aus Horizon 2020, dem Rahmenprogramm der EU für Forschung und Innovation, gefördert werden. |
Aus der Webseite:
„Die Ergebnisse der Projekte werden dazu beitragen, das Ziel des Europäischen Green Deals voranzutreiben, die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bürger vor Umweltverschmutzung und Umweltverschlechterung zu schützen, indem sie neue Erkenntnisse für bessere Präventionsmaßnahmen liefern.“ [Ü.d.A.] 3.2.3/5 Humanexposome
EU-Rahmenprogramme für Forschung und Innovation
Neben dem European Human Exposome Network initierte die EU im Rahmen der Umwelt- und Gesundheitsforschung weitere Projekte. 3.2.3/6 EU Diese Vorhaben sollen den Europäischen Green Deal unterstützen.
Die Europäische Initiative zur Überwachung des menschlichen Biomonitorings. / The European Human Biomonitoring Initiative (HBM4EU) } Siehe Kapitel 3.2.6
EURION: Die europäischen Cluster zur Verbesserung der Identifizierung von endokrinen Disruptoren. /EURION: The European Cluster to Improve Identification of Endocrine Disruptors.
Städtische Gesundheit /Urban Health.
Exposition gegenüber Kunststoffen und Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit /Exposure to plastics and effects on human health.
3.2.4 Exposomforschung und Kausalität
Wir beginnen gerade erst durch Screenings zu analysieren, wie es um das lokale und globale Exposom bestellt ist. Wissenschaftler beschreiben die Qualität und Quantität der vorgefundenen Umweltfaktoren, z. B. werden Schadstoffmessungen an Straßen durchgeführt. Untersuchungen der Anwohner auf Asthma ergeben möglicherweise Korrelationen mit einem erhöhten Vorkommen von Asthmatikern an vielbefahrenen Straßen.
| Korrelationen sind hinweisend – aber nicht beweisend. In den meisten Fällen bleibt die Frage offen, ob es sich dabei um echte kausale Beziehungen oder um zufällige Zusammenhänge handelt, die durch andere Faktoren erklärbar sind.Zunehmend erfahren wir, dass Schulen schadstoffbelastet sind, dass wir Pestizide einatmen, weil sie kilometerweit verweht werden können, dass wir täglich Mikroplastik-Partikel aufnehmen – aber wir haben derzeit nur eine sehr unklare Vorstellung davon, was diese Faktoren in Mensch, Tier und Pflanzen ursächlich bewirken. |
Von der Korrelation zum Kausalzusammenhang
Ein Review eines schwedisch-finnländischen Autorenteams, der im Oktober 2020 veröffentlicht wurde, beschreibt die Verknüpfung zwischen chemischer Exposition, intermediären Veränderungen im Stoffwechsel und Auswirkungen auf das Immunsystem. Das Team stellt fest:
„Es gibt starke Hinweise darauf, dass chemische Expositionen deutliche Auswirkungen auf das Metabolom haben und mit spezifischen Krankheitsrisiken in Verbindung stehen.“ [Ü.d.A.] Als Metabolom wird die Gesamtheit aller Stoffwechselprodukte bezeichnet, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Organismus nachzuweisen sind“.
| Dieser Review ist damit eine der ersten Übersichtsarbeiten, die anhand einer großen Anzahl von Studien nicht nur Korrelationen beschreibt, sondern auch kausale Beziehungen zwischen Expositionen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen darstellt. |
„Diese Herausforderung wird wahrscheinlich mit zunehmender analytischer Abdeckung des chemischen Exposoms und Metaboloms und mit der Einbeziehung anderer Daten, wie z. B. des Darmmikrobioms, noch größer werden. Der Nachweis der Kausalität ist entscheidend, wenn man die Sicherheit bestimmter Chemikalien oder bestimmter Präventionsmaßnahmen in Betracht ziehen will.
Die Eliminierung unerwünschter Assoziationen […], die Identifizierung wichtiger toxischer Einflussfaktoren […] und die Weiterverfolgung mit gezielten Expositionsstudien in relevanten experimentellen Modellen sind wahrscheinlich die wichtigsten Forschungsstrategien, die geeignet sind, die Herausforderung der Datenzusammenführung und des Kausalitätsnachweises in der Exposomforschung zu bewältigen.
Angesichts der vitalen Forschung auf dem Gebiet der Exposome ist es wahrscheinlich, dass die Zukunft viele innovative Lösungen bringen wird, um die oben genannten Herausforderungen anzugehen. Solche Fortschritte werden das Potenzial haben, neue Untersuchungsbereiche im Zusammenhang mit der Untersuchung der Auswirkungen realer chemischer Expositionen auf die menschliche Gesundheit und für eine genauere Bewertung der Chemikaliensicherheit zu eröffnen sowie unsere derzeitigen Ansichten über die Entstehung und Pathogenese vieler verbreiteter Krankheiten zu hinterfragen.“ [Ü.d. A., Quellenangaben im Originaltext] 3.2.4/1 Orešič et al.
Toxikologie des 21. Jahrhunderts
Mit dieser „Toxikologie des 21. Jahrhunderts“ können sogenannte Toxizitätspfade aufgespürt werden. Die neuen Technologien erlauben differenzierte Chemikalienbewertungen und Prüfverfahren ohne Tierversuche.
„Die Kopplung chromatographischer Analysen mit modernen massenspektrometrischen Verfahren erlaubt den Nachweis immer geringerer Substanzmengen, während „Omics“-Ansätze, komplexe Zellkultursysteme und Stammzellen die Grundlagen geschaffen haben, toxikologische Effekte in einer bisher nicht zugänglichen molekularen Tiefe, auch über Speziesgrenzen hinweg, zu adressieren. Zudem sind viele dieser Methoden hochdurchsatztauglich. Dies ermöglicht die Testung einer Vielzahl von Substanzen in verhältnismäßig kurzer Zeit und schafft somit auch Zugang zu neuen Fragestellungen wie z. B. Mischungstoxizitäten, endokrinen Effekten, möglichen Niedrigdosiseffekten und im Bereich der Nanotoxikologie.“ 3.2.4/2 Tralau
Wir werden in TEIL 7 sehen, dass insbesondere die Bewertung von Mischungstoxizitäten und Niedrigdosiseffekten weitreichende gutachterliche Folgen für umweltbedingt Erkrankte haben.
| Jeder Nachweis einer Kausalität bedeutet einen Meilenstein für die Anerkennung und Versorgungsqualität umweltbedingter Erkrankungen. |
Erweiterung des Symptomforschungsmodells
2020 wurde eine bemerkenswerte US-amerikanische Studie veröffentlich, die darauf abzielt, das Symptomforschungs-Modell der National Institutes of Health um umweltbedingte Gesundheitskonzepte zu erweitern. Das Autorenteam beschreibt Umweltfaktoren als Schlüsseldeterminanten für die Gesundheit und informiert über konkrete Maßnahmen zu Kapazitätsaufbau/Infrastruktur, Methoden/Effekte, translationale/klinische Forschung und Grundlagen-/mechanistische Forschung. 3.2.4/3 Castner et al.
3.2.5 Umweltbedingte Krankheitslasten
Die kollektive, multifaktorielle Grundbelastung
Die Datenlage zu umweltbedingten Krankheitslasten ist lückenhaft, obwohl Umweltfaktoren, bzw. -Schadstoffe in allen Bevölkerungsgruppen eine Rolle spielen, an allen Orten auftreten – Indoor und Outdoor, urban und ländlich – und wir diesen Substanzen Tag und Nacht ausgesetzt sind.
| Inzwischen dürfte es in Deutschland kaum noch Menschen geben, in deren Organismus keine Mikroplastikpartikel, keine Schwermetalle oder synthetische hormonaktive Substanzen nachweisbar sind. Das betrifft auch vulnerable Gruppen wie Kinder, Schwangere oder Ältere. |
Für manche Materialgruppen, z. B. Feinstaub ist nachgewiesen, dass sie zu vorzeitigem Versterben führen oder zur Entstehung von Krankheiten beitragen. In der Standard-Diagnostik spielt die Untersuchung auf Schadstoffe dennoch keine Rolle.
Umweltschadstoffe und Multisystemische Erkrankungen
Aus Sicht der Systemischen Epimedizin können Umweltschadstoffe die Suszeptibilität erhöhen, Betroffene reagieren in der Folge empfindlicher auf Risikofaktoren, wie z. B. eine virale Infektion. Entwickelt sich z. B. eine postvirale ME/CFS-Erkrankung, bleibt eine potenziell vorausgegangene Schwächung durch Umweltschadstoffe üblicherweise unentdeckt. Ohne die Schadstoffbelastung hätte der Organismus jedoch möglicherweise über die notwendige Immunkompetenz verfügt, die Virenlast zu bewältigen.
Schadstoffe können also direkt oder indirekt ein Puzzleteil sein, das zur Entstehung einer multisystemischen Erkrankung beiträgt.
Bei ungünstiger genetischer Disposition der Entgiftungsenzyme kann die oben beschriebene kollektive Grundlast an Schadstoffen bei Individuen toxischer wirken, als wenn die Entgiftung voll funktionsfähig ist. Das kann z. B. ein wichtiges Puzzleteil bei der multifaktoriellen Entstehung der Multiplen Chemikalien-Sensitivität /MCS sein.
Die Wirkung von Umweltbelastungen wird zunehmend in Bezug auf die klassischen Zivilisations-Erkrankungen untersucht und als Gesundheits-Gefahr bestätigt.
Umweltbedingte Krankheitslasten
Umweltbedingte Todesfälle in Europa
„Ein Fünftel aller Todesfälle in der Europäischen Region, insbesondere infolge von Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und Krebserkrankungen, ist auf Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung oder chemische und physikalische Agenzien zurückzuführen.“ 3.2.5/1 WHO
Dies ist dem Aktionsplan zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten in der Europäischen Region der WHO, 2016 zu entnehmen. Seit den 90er Jahren untersucht die Weltgesundheitsorganisation WHO, wie sich schädliche Umwelteinflüsse auf das Krankheitsgeschehen in verschiedenen Ländern auswirken. Dazu entwickelte die WHO in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen das Konzept der „Umweltbedingten Krankheitslasten“ (engl. Environmental Burden of Disease, kurz: EBD). Im Rahmen von EBD-Studien werden Umwelt- und Gesundheitsdaten verknüpft und statistisch ausgewertet.
Eine 2014 veröffentlichte EBD-Studie untersuchte, wie sich neun verschiedene schädliche Umwelteinflüsse (Benzol, Dioxin einschließlich Furane und Dioxin-ähnliche PCBs, Passivrauchen, Formaldehyd, Blei, Lärm, Ozon, Feinstaub und Radon) auf die öffentliche Gesundheit in sechs Ländern (Belgien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien und die Niederlande) auswirken.
| Diese neun schädlichen Umwelteinflüsse waren für 3 % bis 7 % der jährlichen Krankheitslast in den sechs europäischen Ländern verantwortlich. 3.2.5/2 Hanninen et al. |
Am 14.04.2016 gab das Umweltbundesamt bekannt:
„Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes können in Deutschland jährlich im Durchschnitt ca. 40.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund akuter Atemwegserkrankungen, kardiopulmonaler Erkrankungen und Lungenkrebs auf die Feinstaubbelastung der Bevölkerung zurückgeführt werden. Dies entspricht einem Verlust von acht Lebensjahren pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Im Rahmen weiterer Studien werden derzeit EBD-Analysen für die Umwelteinflüsse Feinstaub, Ozon und Benzol in der Atemluft, Lärm, Tabakrauch in der Raumluft sowie Cadmium durchgeführt.“ 3.2.5/3 UBA
Feinstaub und Diabetes
„Feinstaub kann offenbar den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen, er kann den Appetit erhöhen, zu Fettleibigkeit führen und das blutzuckersenkende Hormon Insulin unwirksam werden lassen. ,Es gibt weltweit mehr und mehr Daten, die den Zusammenhang erhärten‘, sagt Gerad Hoek, Umweltepidemiologe an der Universität Utrecht. Auch die führende deutsche Feinstaubforscherin Annette Peters am Helmholtz Zentrum München bekräftigt: ,Es sieht ganz danach aus, dass insbesondere Feinstaub und verkehrsbedingte Schadstoffe Diabetes begünstigen können.‘“ 3.2.5/4 Welt.de
Macht die Luft in der Großstadt tatsächlich dick? war der Artikel von Susanne Donner auf Welt.de überschrieben, dem dieses Zitat entnommen wurde.
Aus Sicht der Systemischen Epimedizin gibt es keine rationale Begründung, warum einerseits zunehmend wissenschaftlich anerkannt wird, dass Umweltschadstoffe bei Krebs- und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bei Diabetes mellitus als Teil eines multifaktoriellen pathologischen Geschehens eine wichtige Rolle spielen – diese Anerkennung aber andererseits als Teil der Gemengelage für die Krankheitsentstehung der EmKE meist in Frage gestellt wird.
3.2.6 Die Europäische Initiative für Humanes Biomonitoring/HBM4EU
European Human Biomonitoring Initiative/HBM4EU ist ein auf fünf Jahre angelegtes europäisches Forschungsprojekt, das vom deutschen Umweltbundesamt koordiniert wird. Es ist 2017 gestartet und wird bis Ende 2021 laufen. Um die Datenlage zum Human-Biomonitoring in den Mitgliedstaaten der EU zu erfassen und die gesundheitlichen Folgen der Schadstoffbelastung besser zu verstehen fördert die EU-Kommission das Projekt mit über 74 Millionen Euro im Rahmen des Förderprogramms Horizon 2020. Ziel ist es, ein EU-weites Exzellenzzentrum für Forschung und Innovation zu schaffen und die europäischen Kapazitäten für die Risikobewertung von Chemikalien zu stärken. Das Umweltbundesamt informiert:
„Auf europäischer Ebene fehlen harmonisierte Informationen über die Schadstoffbelastung von Bürgern durch Umweltchemikalien und deren Zusammenwirken mit anderen gleichzeitig auftretenden Umweltbelastungen sowie den Auswirkungen auf die Gesundheit. Dies erschwert eine zuverlässige Risikobewertung und -steuerung von Umweltchemikalien. Jeder von uns ist im Alltag einem komplexen Mix von Chemikalien ausgesetzt – durch Umwelteinflüsse, Produkte, Kosmetika, Lebensmittel, Trinkwasser und am Arbeitsplatz. Für viele Umweltchemikalien sind die gesundheitlichen Auswirkungen, die mit einer lebenslangen Exposition einhergehen, unbekannt. Zudem ist das Wissen über gesundheitliche Auswirkungen von Chemikalienmixturen begrenzt.“ 3.2.6/1 UBA
Mit Hilfe von Human-Biomonitoring werden die Belastung der Menschen in Europa durch Schadstoffe untersucht und deren Auswirkungen auf die Gesundheit erforscht, um die politische Entscheidungsfindung zu unterstützen. Unter anderem sollen Referenzwerte für die Belastung der Bevölkerung erarbeitet werden. Gemessen werden Umweltchemikalien, deren Stoffwechselprodukte und Wirkungs-Marker in Blut und Urin. Ziel ist die Verbesserung der Risikobewertung von Chemikalien. Die HBM4EU-Partner arbeiten mit politischen Entscheidungsträgern zusammen, um z. B. Maßnahmen zur Risikominderung zu entwickeln und bestehende Regulierungen und Richtlinien zu prüfen. 30 Partnerländer sind an dem Projekt beteiligt. 3.2.6/2 HBM4EU Für erste Substanzen liegen bereits wissenschaftliche Monografien vor. Fact-sheets mit Informationen für die Bevölkerung werden derzeit vorbereitet. 3.2.6/3 HBM4EU
Was ist Human-Biomonitoring?
Messung der Konzentration von Schadstoffen bzw. deren Stoffwechselprodukte in humanbiologischem Material (Blut, Serum, Muttermilch, Harn, Haare, Zähne, Ausatmungsluft, Sektionsmaterial etc.). Die Bewertung der Messergebnisse geschieht auf Basis von Referenzwerten sowie umweltmedizinisch-toxikologisch abgeleiteten, so genannten Human-Biomonitoring-Werten (HBM-Werte).
Was ist Effektmonitoring?
Messung von biologischen Parametern, die auf Belastungen durch chemische, physikalische oder biologische Faktoren reagieren bzw. deren Wirkungen anzeigen (Wirkungsparameter). Die Bewertung der Messergebnisse geschieht anhand von Referenzwertvergleichen bzw. vergleichbarer Untersuchungen an einem Kontrollkollektiv.
Europaweit Chemikalien im Blut
Der World-Wide-Fund WWF und The Co-operative Bank nahmen im Dezember 2003 47 Personen aus ganz Europa, darunter 39 Mitgliedern des Europäischen Parlaments, Blut ab und analysierten es auf beachtliche 101 Chemikalien aus fünf Gruppen: Chlororganische Pestizide einschließlich DDT, PCBs, bromierte Flammschutzmittel, Phthalate und perfluorierte Verbindungen. Insgesamt wurden 76 verschiedene der 101 untersuchten Chemikalien im Blut der Probanden gefunden.
„Die Ergebnisse zeigen weiter, dass die höchste Anzahl von Chemikalien in einer Person 54 betrug, während der Medianwert der gefundenen Chemikalien bei 41 lag. Mindestens 13 der gleichen Chemikalien wurden in jeder einzelnen getesteten Person gefunden, darunter Chemikalien, die in Europa vor mehr als 20 Jahren verboten wurden, aber auch Chemikalien, die heute weit verbreitet sind, wie Phthalate und perfluorierte Verbindungen.“ [Ü.d.A., Hervorhebung durch die Autorin] 3.2.6/4 Panda
3.3 Chemikalien, Schwermetalle, Feinstaub und Elektrosmog
Von was sprechen wir beim Thema Umweltschadstoffe? In diesem Unterkapitel werden exemplarisch einige Umweltschadstoffe beschrieben, ihre (toxischen) Eigenschaften, ihr Aufkommen und ihre Wirkung auf unsere Gesundheit. Die vorgestellten Schadstoffe sind Teil der alltäglichen kollektiven Grundbelastung in der Bevölkerung.
3.3.1 Chemikalien und Kunststoffe
Synthetische Substanzen
1907 wurde „Bakelit“ erfunden, das war der erste Kunststoff, der keine in der Natur bekannten Moleküle enthielt, also vollständig synthetisch hergestellt wurde. Synthetische Kunststoffe bestehen aus Erdöl, das aufbereitet wird. Nach dem zweiten Weltkrieg begann mit der Erfindung von Polyvinylchlorid/PVC, das aus den Abfällen der chemischen Industrie hergestellt wurde, ein rasanter Anstieg der Produktion, der bis heute anhält.
Die Langzeit- und Kombinationswirkungen synthetischer Materialien werden nicht ansatzweise systematisch untersucht. Das Design solcher Studien würde dem Lottospiel gleichen, allerdings nicht mit 49 Komponenten, sondern mit Millionen. Das ist unüberschaubar. Dennoch befinden sich Chemikalien heute in unseren Alltagsprodukten.
| Der menschliche Organismus wird zum Versuchslabor der Langzeit- und Kombinationswirkungen. |
Der US-amerikanische Chemical Abstract Service/CAS gilt als klassische Referenzdatenbank für chemische Substanzen. Jeden Tag werden etwa 12.000 neue Substanzen in die CAS-Registry Datenbank aufgenommen. Derzeit sind insgesamt über 140 Millionen Substanzen registriert, darunter auch genbiologisch relevante Stoffe, wie DNA-Sequenzen und Eiweißstoffe.
| Heute werden weltweit jedes Jahr ca. 500 Millionen Tonnen Chemikalien produziert.Chemikalien können krebserregend, erbgut- oder fortpflanzungsschädigend sein, hormonelle Ampeln von Rot auf Grün schalten, oder umgekehrt (fachsprachlich: endokrine Disruptoren), sie können persistierend (langlebig) sein und sich in der Umwelt ansammeln (bioakkumulativ). |

Abb. 3.3.1/1 Chemikalien: Schädlichkeit kaum untersucht
Prof. Dr. Martin von Bergen, Helmholtz-Institut München, im Erklär-Video: „Exposom“:
„Weltweit sind über 140 Millionen künstliche Chemikalien bekannt, nur 22.000 davon sind im Rahmen der europäischen Chemikalienzulassung REACH seit 2008 registriert worden. Schätzungsweise 70.000 Substanzen befinden sich im täglichen Gebrauch, darunter sind Gifte wie Pestizide und Herbizide, aber auch Stoffe wie Weichmacher, sogenannte Phtalate, die zur Verbesserung der Haptik von Gebrauchsgegenständen dienen.“ 3.3.1/1 (Abb.) Von Bergen
Zum Beispiel: Mikroplastik
Als Mikroplastik werden Plastikteilchen von mikrometrischer Größe bezeichnet. Zu finden sind die Teilchen überall: In den Ozeanen (ca. 70 Millionen Tonnen), im Boden und in der Luft, in Lebensmitteln, u.a. in Salz und in Fischen, selbst in der menschlichen Plazenta.
Charles Rolsky von der Arizona State University und Kollegen untersuchten 47 menschliche Gewebeproben auf Mikro- und Nanoplastik – sie wurden zu 100 Prozent fündig, wie sie auf der virtuellen Jahrestagung der American Chemical Society 2021 berichten.
Zuvor hatte Kieran Cox von der Universität in Victoria/Kanada mit seinem Team schon 2019 gezeigt, dass erwachsene Amerikaner durchschnittlich zwischen 39.000 und 52.000 Plastikpartikel jährlich mit der Nahrung aufnehmen, wobei die Anzahl auf 74.000 bis 121.000 Partikel pro Jahr anstieg, wenn die Aufnahme über die Atmung hinzugerechnet wurde. 3.3.1/1 Cox et al.
Die Gesundheitsgefahr potenziert sich durch die Tatsache, dass Nanoplastik eine extrem große spezifische Oberfläche hat, an der Giftstoffe oder Schwermetalle binden können und so in den Organismus gelangen. Studien mit Wildtieren zeigten bereits, dass Mikro- und Nanoplastik Krebs, Unfruchtbarkeit und Entzündungen auslösen können.
Zwei Physiker, Jean-Baptiste Fleury von der Universität des Saarlandes und Vladimir Baulin von der Universität Tarragona, haben nun eine sehr beunruhigende entzündliche Wirkung an Lipidmembranen nachgewiesen, die die letzte Schutzbarriere der Zellen gegenüber der Umwelt darstellen. Mikroplastik dehnt die Membrane der roten Blutkörperchen und reduziert dadurch signifikant deren mechanische Stabilität.
„Anscheinend entzündet sich die Membran der roten Blutkörperchen des Menschen spontan“ erklärt Jean-Baptiste Fleury. 3.3.1/2 Uni Saarland
Zum Beispiel: Pestizide
Als Pestizide werden chemische Stoffe bezeichnet, die Organismen (Tiere, Pilze, Pflanzen, Mikroorganismen) abtöten oder lebenswichtige Funktionen blockieren. Im Jahr 2016 waren 1.453 Pestizidprodukte in Deutschland zugelassen. Auf einem Hektar Ackerland werden jährlich durchschnittlich 2,5 Kilogramm Pestizide eingesetzt.
Man unterscheidet:
„Pflanzenschutzmittel“: Im Agrar-, Forst- und Gartenbereich werden sie in Form von Saatgutbeizung, Spritzung oder als Granulat eingesetzt. Dazu gehören: Herbizide („Unkraut“vernichtung) als quantitativ stärkste Gruppe, sowie Fungizide (gegen Pilzbefall), Insektizide (gegen Insekten) und Akarizide (gegen Spinnen).
Biozide: Substanzen und Produkte, die im nicht-agrarischen Bereich gegen Insekten, Mäuse oder Ratten, aber auch Algen, Pilze oder Bakterien eingesetzt werden.
Die Zulassung von Pestiziden wird vom Landwirtschaftsministerium koordiniert, das sich mit weiteren vier Behörden abstimmt. Das schwerfällige Verfahren führt zu erheblichen, teils jahrelangen Verzögerungen der Überprüfungen.
Pestizidbelastung durch Abdrift
Im September 2020 wurde eine Studie zur Pestizidbelastung durch Luftverfrachtung (fachsprachlich: Abdrift) veröffentlicht, die das Umweltinstitut München gemeinsam mit dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (dem 45 Bio-Unternehmen, die Bürgerinitiative Landwende und die Schweisfurth-Stiftung angehören) in Auftrag gegeben hatte. An 116 Standorten in ganz Deutschland wurde die Luft auf Pestizide untersucht, darunter auch Schutzgebiete. Gesammelt wurde in u.a. durch Passivsammler und mit Hilfe von Luftfiltermatten aus Passivhäusern. Das Umweltinstitut informierte:
| In nahezu allen Proben wurden Rückstände von mehreren Pestiziden gefunden – egal, ob auf dem Land, in Schutzgebieten oder in der Stadt untersucht wurde. |
Insgesamt fanden sich in den verschiedenen Sammelmedien 124 unterschiedliche Pestizidwirkstoffe sowie 14 Abbauprodukte von Pestiziden.
Darunter waren auch fünf Substanzen, für die – nach Einschätzung der für die Bewertung von Pestiziden zuständigen Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA – die Luftverfrachtung nicht zu erwarten war.
30 % der nachgewiesenen Pestizidwirkstoffe waren in Deutschland zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr (DDT, Lindan) oder noch nie zugelassen.
Die Studie und Informationen zum Thema finden Sie auf den Webseiten des Umweltinstituts München. 3.3.1/3 Umweltinstitut München
Und die Behörden?
Von staatlicher Seite gibt es – bei einer jährlichen Verwendung von mittlerweile jährlich durchschnittlich mehr als 30.000 Tonnen an Pestizid-Wirkstoffen – keine umfassenden behördlichen Untersuchungen zur Luftverfrachtung. Am 6. August 2020 – im Jahr 128 nach der Ausbringung des ersten synthetischen Pestizids Dinitrocresol im Jahr 1892 – informierte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL, dass ein Gutachten zur Darstellung und Erörterung der Verfrachtungsproblematik geplant sei. 3.3.1/4 BVL Vorgeschlagen wird ein bundesweites Monitoring zur Verfrachtung von Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffen über die Luft. Am 28.08.2020 kam das BVL dem mehrfach geäußerten Wunsch nach einer Veröffentlichung der Machbarkeitsanalyse nach. 3.3.1/5 BVL
| ⇒ Weitere InformationenDie EU-Chemikalienverordnung REACH2007 trat die EU-Chemikalienverordnung REACH in Kraft. REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals/Deutsch: Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe, die von der Europäischen Chemikalienagentur ECHA umgesetzt wird. Derzeit können in einem Zeitraum von fünf Jahren die Unterlagen von ca. 1.000 Chemikalien geprüft werden. Informationen z. B. vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. 3.3.1/6 BMUEine „Kandidatenliste“ der als „besonders besorgniserregende Stoffe“/„Substances of Very High Concern/SVHC“ identifizierten Chemikalien kann bei der Europäischen Chemikalienagentur/ECHA eingesehen werden. Stand am 11.11.2020: 209 SVHC. 3.3.1/7 ECHAPestizidfreie KommuneDas Umweltbundesamt hat internationale Informationen und weiterführende Links zum Thema „pestizidfreie Kommune“ zusammengestellt. 3.3.1/8 UBASchadstoffe als Ursache oder Auslöser endokriner StörungenSchulte-Uebbing, C., Landenberger, M., Pfab, F., Antal, L.: Schadstoffe als Ursache oder Auslöser endokriner Störungen und chronischer Erkrankungen. Aminosäuren in der Prävention oder Therapie dieser durch Schadstoffe (mit) ausgelösten Erkrankungen. 3.3.1/9 Schulte-Uebbing et al. |
| ⇒ Tipps für VerbraucherUmweltinstitut MünchenDas Umweltinstitut München fordert ein europaweites Komplettverbot chemisch-synthetischer Pestizide. Sie können ein „Pestizid-Infopaket“ anfordern und sich über die Europäische Bürgerinitiative Bienen und Bauern retten informieren. 3.3.1/10 Umweltinstitut MünchenAsk REACH„Hersteller und Händler müssen Verbraucherinnen und Verbraucher auf Anfrage über „besonders besorgniserregende Stoffe“ in Produkten informieren. Die UBA-App Scan4Chem wurde im Rahmen des EU-LIFE-Projektes AskREACH mehrfach überarbeitet. Die neueste Version steht seit Oktober 2020 in Deutschland zum Download bereit. Die App ist mittlerweile in insgesamt 15 europäischen Ländern verfügbar.“ Zitat aus der Webseite. 3.3.1/11 UBABUNDDer Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland/BUND hat mit Unterstützung des Umweltbundesamts ein Internetportal entwickelt, auf dem man beim Anbieter eines Produktes nachhaken kann, ob gefährliche Chemikalien enthalten sind. Dort kann die Artikelnummer eines Produkts in ein Online-Formular eingegeben werden. Der entsprechende Hersteller wird dann automatisch ermittelt und eine Anfrage wird erstellt. Hersteller und Händler sind verpflichtet, Auskunft zu geben. 3.3.1/12 BUND Der BUND hat zur Vermeidung gefährlicher Chemikalien im Alltag zehn Tipps veröffentlicht. 3.3.1/13 BUNDThe ECOTOXicology Knowledgebase/ECOTOXECOTOX ist eine US-amerikanische öffentlich zugängliche Wissensdatenbank. Die ECOTOX-Datenbank enthält die über 30 Jahre archivierten Daten zu gemeldeten chemischen Auswirkungen auf ökologische Arten. 3.3.1/14 ECOTOX |
3.3.2 Schwermetalle
Schwermetalle gelangen hauptsächlich durch menschliche Aktivitäten in die Umwelt. Der natürliche Eintrag, z. B. durch Verwitterung oder durch Vulkane ist relativ gering.
Unter dem Begriff „Schwermetall“ werden im allgemeinen Sprachgebrauch schädigende Metalle verstanden, streng chemisch gesehen sind auch Leicht- oder Halbmetalle darunter. Metalle wie Zink, Selen, Magnesium, Kupfer, Mangan und Kobalt sind essenzielle Spurenelemente, d.h. wir sind darauf angewiesen, sie in kleinsten Mengen aufzunehmen. Viele Schwermetalle wirken jedoch toxisch, manche schädigen uns hormonell und/oder wirken neurotoxisch. Für elf Substanzen ist eine hirnschädigende Wirkung eindeutig belegt. Dazu gehören Blei, Mangan, Quecksilber, Fluor- und Chlorverbindungen, sowie mehrere Pestizide und Lösungsmittel. Für weitere 214 Substanzen gibt es starke Hinweise, dass sie neurotoxisch wirken. Davon wird mindestens die Hälfte in großen Mengen produziert. Ob und wie diese Faktoren unser Erbgut verändern, wissen wir nicht. Die Hinweise mehren sich, dass Umweltfaktoren bei manchen Genen eine zunehmende Methylierung nach sich ziehen und so die Aktivitäten dieser Gene drosseln.
| Schwermetalle schädigen uns doppelt: sie sind hochgiftig und sie entziehen uns lebenswichtige Mikronährstoffe. Der Einfluss von Schwermetallen wird unterschätzt, weil er, außer bei akuten Vergiftungen, nicht unmittelbar wahrgenommen werden kann.Schwermetalle können, einmal in das Körperinnere gelangt, über Jahrzehnte gespeichert werden. Sie reichern sich lebenslang vor allem in Fettzellen an und sind durch die üblichen Urin- oder Serumblut- Untersuchungen kaum nachweisbar. |
Ein makabres Detail am Rande: Krematorien müssen mit Spezialfiltern ausgestattet werden, weil die Toten schadstoffbelastet sind. Das hochtoxische Gemisch aus Schwermetallen, Dioxinen, Quecksilber und (Chemo-)Medikamenten, das sich am Ende eines Lebens im Körper angehäuft hat und bei der Verbrennung des Leichnams übrigbleibt, muss in Salzstöcken endgelagert werden.
Zum Beispiel: Blei
Exemplarisch für die Toxizität von Schwermetallen wird hier Blei beschrieben. Die organische Bleiverbindung Tetraethylblei wurde bis Ende der 1980er Jahre als Antiklopfmittel Benzin beigemischt und auch heute noch wird das Weichmetall Blei aus vielen Quellen in die Umwelt entlassen. Die Umweltprobenbank des Bundes fasst zusammen:
„Für viele Bleiverbindungen gelten folgende umweltrelevante Merkmale:
Toxisch für Menschen
Toxisch für aquatische und terrestrische Organismen
Im Tierversuch kanzerogen, teratogen und reproduktionstoxisch
Eventuell endokrin wirksam
Bioakkumulationspotenzial: Blei wird von einigen aquatischen und terrestrischen Organismen und dem Menschen angereichert.“
| Der Umweltgiftreport 2015 der Schweizer Stiftung Green Cross und der international tätigen Non-Profit-Organisation Pure Earth (New York) stufte Blei als das weltweit verheerendste Umweltgift ein. |
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft/DFG stuft Blei und seine anorganischen Verbindungen seit 2006 als krebserzeugend ein. Auch bei der Internationalen Agentur für Krebsforschung/IARC werden Blei und seine Verbindungen als möglicherweise/wahrscheinlich krebserregend eingestuft. In hohen Konzentrationen sind Bleivergiftungen tödlich. Blei und seine Verbindungen sind lungengängig, es wird jedoch vor allem über die Ernährung aufgenommen. Anders als z. B. Zink erfüllt Blei (wie auch Aluminium) keine Funktion im menschlichen Organismus.
Gesundheitliche Auswirkungen von Blei sind:
Störung der Biosynthese von Hämoglobin, Anämie, Blutdruckanstieg, Nierenschäden, Fehl- und Frühgeburten, Schäden des Nervensystems, Hirnschäden, verminderte Fruchtbarkeit bei Männern durch Schädigung der Spermien.
Bei chronischer Einwirkung üben selbst geringe Dosen eine schädigende Wirkung auf das Nerven- und Blutbildungssystem sowie auf die Nieren aus. Blei gelangt über die Plazenta in den Fötus und kann massive Schäden im Nervensystem und im Gehirn des Ungeborenen verursachen. Bei Kindern sind Intelligenzdefizite und psychomotorische Störungen bei einem Bleigehalt im Blut von 100 bis 300 Mikrogramm pro Liter bekannt. Von verminderter Lernfähigkeit und von Aggressionen, impulsivem Verhalten und Hyperaktivität durch Bleibelastungen wird berichtet.
3.3.3 Luftschadstoffe/Feinstaub
Gemäß der Definition des Vereins Deutscher Ingenieure ist ein Luftschadstoff
„eine Beimengung der Luft, die sowohl die menschliche Gesundheit als auch die Biosphäre gefährden kann. Die Herkunft eines Luftschadstoffes kann sowohl natürlich (z. B. Schwefeldioxid, SO2, aus Vulkanen) als auch anthropogen (vom Menschen verursacht) bedingt sein.“ 3.3.3/1 VDI
Zu den wichtigsten vom Menschen verursachten Schadstoffen in der Luft zählen: Stickoxide (NOx), Kohlenstoffdioxide (CO2), Feinstaub und Rauch.
Zum Beispiel: Feinstaub
Feinstaub besteht aus Partikeln mit einem Durchmesser von maximal 100 Nanometern. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist 100.000 bis 200.000 Nanometer dick. Das Bundesumweltamt/UBA informiert:
„Feinstaub ist ein Teil des Schwebstaubs. Als Schwebstaub oder englisch „Particulate Matter“ (PM) bezeichnet man Teilchen in der Luft, die nicht sofort zu Boden sinken, sondern eine gewisse Zeit in der Atmosphäre verweilen. Je nach Korngröße der Staubpartikel wird der Schwebstaub in verschiedene Fraktionen unterteilt. […] Die kleinsten von ihnen, mit einem aerodynamischen Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometer (das sind 100 Milliardstel Meter), sind die ultrafeinen Partikel. Feinstaub ist mit bloßem Auge nicht wahrzunehmen. Lediglich während bestimmter Wetterlagen kann man Feinstaub in Form einer „Dunstglocke“ sehen.“ 3.3.3/2 UBA
Weiter informiert das UBA, dass der Feinstaub in der Außenluft sowohl global als auch in Deutschland der Risikofaktor sei, dem nach heutigem Kenntnisstand die höchste Krankheitslast zugeschrieben werden könne.
„Bereits vorhandene Berechnungen des Umweltbundesamtes zeigen zum Beispiel für das Jahr 2015 eine Krankheitslast von circa 41.500 attributablen Todesfällen und etwa 406.500 verlorenen Lebensjahren.“ 3.3.3/3 UMID
Europäische Grenzwerte oder WHO-Richtwerte?
2013 wurde eine Studie internationaler Autoren (Frankreich, Italien, Irland, Schweden, Österreich, Spanien) zu gesundheitlichen Auswirkungen der städtischen Luftverschmutzung in Europa veröffentlicht. In den 25 untersuchten Städten war die größte gesundheitliche Belastung auf die Auswirkungen der chronischen Belastung mit Feinstaub-PM 2,5 (PM = „Particulate Matter“) zurückzuführen.
| Die Autoren errechneten, dass eine Absenkung des Feinstaub-PM 2,5-EU-Jahresmittelwertes auf 10 μg/m3 (das ist der WHO-Richtwert) bei der Hälfte der Städte die Lebenserwartung der damals 30jährigen Personen um durchschnittlich mehr als 6 Monate erhöhen würde, bzw. je nach Stadt bis zu 22 Monate. Das entspricht insgesamt 19.000 verzögerten Todesfällen. |
Der damit verbundene monetäre Gewinn würde sich auf etwa 31 Mrd. € jährlich belaufen, einschließlich Einsparungen bei den Gesundheitsausgaben, Fehlzeiten und immateriellen Kosten wie Wohlbefinden, Lebenserwartung und Lebensqualität. 3.3.3/4 Pascala et al.
| Die Zahl der Menschen, die aufgrund der Feinstaubbelastung nicht versterben, sondern über Jahre- oder Jahrzehnte chronisch krank sind, übertrifft vermutlich mehrfach die Zahl der Verstorbenen. |
Im Vergleich: WHO-Richtwerte und EU-Grenzwerte
| WHO | EU: Air Quality Directive | |
| PM 2,5 Feinstaubpartikel (aerodynamischer Durchmesser kleiner als 2,5 μm) | 10 μg/m3 Jahresmittelwert.25 μg/m3 24-h-Maximum (max. 3 Überschreitungen) | 25 μg/m3 Jahresmittelwert |
| PM 10 Feinstaubpartikel (aerodynamischer Durchmesser kleiner als 10 μm) | 20 μg/m3 Jahresmittelwert.50 μg/m3 Tagesmittelwert(max. 3 Überschreitungen) | 40 μg/m3 Jahresmittelwert50 μg/m3 Tagesmittelwert(max. 35 Überschreitungen) |
Durch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern während der Silvesterfeiern entstehen ca. 15 Prozent der Menge an Feinstaub, die vom Verkehr und der Industrie während des gesamten Jahres ausgestoßen werden.
Das Positionspapier der DGP
Atmen: Luftschadstoffe und Gesundheit war das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V./DGP überschrieben, das im November 2018 veröffentlicht wurde. 3.3.3/5 DGP Experten vom Helmholtz Zentrum München, von der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Universität Bielefeld und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fassten, unter der Federführung des Helmholtz Zentrums München, den aktuellen Stand der epidemiologischen Studien zu den Gesundheitseffekten von Luftschadstoffen zusammen – unter Berücksichtigung der Evidenz } Siehe Kapitel 30.1 aus experimentellen bzw. kontrollierten Studien.
Das Dokument informiert über folgende Luftschadstoffe: Stickoxide (NOX, NO2), Ozon (O3), Feinstaub (unter besonderer Berücksichtigung der Größenfraktionen PM10 und PM2.5), Kohlenstoffmonoxid (CO) und Schwefeldioxid (SO2).
Anhand einer Vielzahl von Studien zeigen die Autoren, dass durch chronische Mikroentzündungen auf den Oberflächen, die sie durchlässiger machen für schädliche Umweltfaktoren, nicht nur die Lunge geschädigt wird – auch Herzinfarkt und Schlaganfall, Diabetes Typ-2 und Schwangerschafts-Diabetes, Demenz und weitere Erkrankungen gehen auf dieses Konto. Besonders betroffen sind vulnerable Gruppen: Ältere oder chronisch/multisystemisch erkrankte Menschen sowie kleine Kinder.
Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Luftverschmutzung der wichtigste umweltbedingte Risikofaktor für Erkrankungen – und das, obwohl der Schadstoffausstoß in den letzten Jahrzehnten bereits stark gesenkt wurde. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind jedoch nach wie vor hoch, so dass das Positionspapier sich vor allem mit der Fragestellung der Gesundheitsgefährdung bei geringerer Schadstoffbelastung befasste. Das Autorenteam betonte (auf Seite 9 des Dokuments):
„Negative Gesundheitseffekte treten auch unterhalb der derzeit in Deutschland gültigen europäischen Grenzwerte auf. Bisher konnte für die wissenschaftlich gut untersuchten Schadstoffe keine Wirkungsschwelle identifiziert werden, unterhalb derer die Gefährdung der Gesundheit ausgeschlossen ist.“
Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin forderte von der Politik, der Industrie und der Bevölkerung ein Umdenken und stellte vier Forderungen zu Maßnahmen zur Luftreinhaltung auf (auf Seite 7 des Dokumentes), von denen viele, so die Autoren, zu erheblichen Co-Benefits durch die gleichzeitige Reduktion von Klimagasen, Lärm, Landverbrauch und innerstädtischer Aufheizung führen würden. Der Schirmherr der Veranstaltung, bei der das Positionspapier vorgestellt wurde, Michael Hennrich (MdB), betonte in seiner Eröffnung die Bedeutung der DGP-Initiative für Deutschland und Europa:
„Umweltschadstoffe verursachten allein in Europa jährlich Kosten von 280 Milliarden Euro, 5,2 Millionen Lebensjahre gingen verloren. Gesunde Luft für alle sei ein zentrales Ziel. Hierfür gelte es, vom isolierten Betrachten einzelner Luftschadstoffe und Maßnahmen wegzukommen und stattdessen die Zusammenhänge in den Fokus zu nehmen.
Professor Klaus Rabe, Präsident der DGP, kritisierte die bislang eher schwache Lobby für Umweltmedizin und wies auf die vielfältigen gesundheitlichen Folgen von erhöhter Luftschadstoffbelastung hin. In der Diskussion käme zudem der Aspekt der Prävention bislang zu kurz.“ 3.3.3/6 Helmholtz
Pollen, Klima und Luftschadstoffe
Unter der Überschrift Klimawandel beeinflusst Pollenflugzeit verwies Prof. Traidl-Hoffmann, die Direktorin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, in einem Interview auf weitere Zusammenhänge zwischen Umweltschadstoffen, Klimawandel und steigender Allergiehäufigkeit.
„Erstens beeinflusst der Klimawandel die Pollenflugzeit. Pollen wie die Hasel fliegen deshalb früher im Jahr, andere über einen längeren Zeitraum. Zweitens produzieren einige Pflanzenarten bei höherem CO2-Gehalt der Luft deutlich mehr Pollen. Und drittens steigern Umweltschadstoffe wie Ozon selbst die Allergenität der Pollen.“
Prof. Traidl-Hoffmann weist darauf hin, dass verschiedene Effekte sich gegenseitig verstärken.
„In mehreren Versuchen konnten wir zeigen, dass Umweltschadstoffe, wie Ozon, Feinstaub oder Stickoxide, den Pollen selbst verändern. Allergieauslösende Proteine und andere proentzündliche Substanzen werden vermehrt darin produziert und sogar neuartige Allergene gebildet. Pollen beherbergen außerdem ein spezifisches Mikrobiom auf ihrer Oberfläche, also ein eigenes Ökosystem aus Mikroorganismen. Auch das Mikrobiom wird durch Umweltschadstoffe negativ beeinflusst. Die Summe dieser Faktoren bewirkt letztlich eine erhöhte Pollenallergenität.
Andererseits wissen wir, dass die Umweltschadstoffe nicht nur auf die Pollen wirken, sondern auch auf uns selbst, den Menschen. Sie machen zum Beispiel die Lunge empfänglicher für allergische Reaktionen wie das allergische Asthma.“ 3.3.3/7 Helmholtz-Gemeinschaft 2021
In der Live-Sendung ARD alpha-demokratie plädierte die Professorin dafür, die individuelle Belastung durch Luftschadstoffe messbar zu machen. Notwendig sei der Einsatz intelligenterer Kraftstoffe und neuer Technologien, z. B. persönliche Apps für Radler, die anzeigen, wo die Luftbelastung gerade besonders hoch ist. Des Weiteren müsse, wie bereits im Koalitionsvertrag festgeschrieben, die Prävention von Krankheiten gefördert und die Wissenschaftskommunikation verbessert werden. 3.3.3/8 ARD
3.3.4 Elektromagnetische Felder/„Elektrosmog“
Was versteht man unter EMF?
Die Gesamtheit unterschiedlicher elektromagnetischer Felder/EMF wird umgangssprachlich als „Elektrosmog“ bezeichnet. Häufige Quellen elektromagnetischer Felder (EMF) sind z. B.:
Hochfrequente elektromagnetische Strahlung oder kurz Hochfrequenz (3 MHz bis 300 GHz).
Niederfrequente elektrische und magnetische Felder im sogenannten ELF-Bereich (3 Hz bis 3 kHz).
Strahlung im VLF Bereich (very low frequencies: im Allgemeinen von 3 kHz bis 3 MHz), werden durch Oberschwingungen und Verzerrungen von Spannung und Strom verursacht.
Technische Quellen der EMF sind allgegenwärtig, z. B.:
Rundfunk- und Fernsehantennen, WLAN-Access Points (auch z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln), WLAN-Router und WLAN-Clients (z. B. Computer, Tablets, Fernseher), Schnurlos- und Mobiltelefone einschließlich ihrer Mobilfunkbasisstationen, Bluetooth-Geräte, intelligente Zähler („smart meter“) und Baby-Monitore, die hochfrequente Strahlen aussenden.
Beleuchtungsmittel (z. B. Energiesparlampen), Elektrische (Haushalts-)Geräte wie Induktionsherde, medizinische Geräte z. B. in Ambulanzen und Krankenhäusern, smarte Klimaanlagen, smarte Autos.
Infrastrukturen zur Bereitstellung von Elektrizität, Hochspannungsleitungen.
Möglicherweise krebsverursachend
Die Internationale Agentur für Krebsforschung/IARC schätzt hochfrequente elektromagnetische Felder (RF-EMF) als möglicherweise beim Menschen Krebs verursachend (Gruppe 2B) ein.
„Aufgrund der weit verbreiteten Nutzung von schnurlosen Telefonen (Mobil- und Schnurlostelefone) war eine Bewertung der wissenschaftlichen Evidenz zum Hirntumorrisiko notwendig. So wertete die International Agency for Research on Cancer (IARC) bei der WHO im Mai 2011 die damals veröffentlichten Studien aus. Das wissenschaftliche Gremium kam zu dem Schluss, dass hochfrequente (HF) Strahlung von Mobiltelefonen und anderen Geräten, einschließlich Schnurlostelefonen, die ähnliche nichtionisierende elektromagnetische Feldstrahlung (EMF) im Frequenzbereich von 30 kHz-300 GHz aussenden, eine Gruppe 2B, d.h. ein „mögliches“ Humankarzinogen ist. Die Entscheidung der IARC zu Mobiltelefonen basierte hauptsächlich auf Fall-Kontroll-Studien am Menschen durch die Hardell-Gruppe aus Schweden und die IARC Interphone-Studie. Diese Studien lieferten unterstützende Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Hirntumore, d.h. Gliome und Akustikusneurinome [gutartiger Tumor des Ohres, die Autorin].“ [Ü.d.A.] [Wissenschaftliche Belege in der angegebenen Quelle] 3.3.4/1 Carlberg, Hardell
2017 lässt die Meta-Analyse der oben zitierten schwedischen Wissenschaftler Carlberg und Hardell keinen Zweifel über die Korrelation von Mobiltelefonnutzung und dem Risiko der Entstehung von Gehirnkrebs:
Die Meta-Analyse ergab OR = 1,90, 95 % CI = 1,31–2,76. Die Ergebnisse sind konsistent mit einem statistisch signifikant erhöhten Risiko für Gliome. [Ü.d.A.] 3.3.4/2 Carlberg, Hardell
| Dennoch geht die Weltgesundheitsorganisation WHO weiterhin davon aus, dass die vorliegenden Beweise nicht ausreichen, um eine quantitative Senkung der Grenzwerte zu rechtfertigen.Hochfrequenzstrahlung (HF) in Zusammenhang mit Mobiltelefonnutzung wird auch vom Bundesamt für Strahlenschutz/BfS nicht als Karzinogen der Kategorie 1 eingestuft. |
Zum Thema „Einstufung hochfrequenter elektromagnetischer Felder durch die IARC“ informiert das Bundesamt für Strahlenschutz/BfS (Stand 25.04.2020):
„Nach Einschätzung der IARC gibt es nach gegenwärtigem Kenntnisstand begrenzte Hinweise auf eine krebserregende Wirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf den Menschen. Die Hinweise konnten in den vom BfS im Rahmen seines Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms und danach initiierten Studien nicht bestätigt werden. Das BfS hat daher festgestellt, dass nach dem wissenschaftlichen Kenntnisstand keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch hochfrequente Felder – etwa aus dem Mobilfunk – zu erwarten sind, wenn die Grenzwerte eingehalten werden.“ 3.3.4/3 BfS
| Diese Argumentation beruht auf Studien, die lediglich sogenannte thermische (wärmebezogene) – nicht aber biologische EMF-Wirkungen als relevant einschätzen. |
Nicht untersucht, bzw. als relevant erachtet werden biologische Faktoren wie: Veränderung des Herzrhythmus, der Gen-Expression, im Stoffwechsel, in der Entwicklung der Stammzellen, DNA-Schäden, erhöhte Anzahl freier Radikale, Lern- und Gedächtnisdefizite, beeinträchtigte Spermienfunktion und -qualität.
Ein Wissenschaftskrimi – der „Wiener Fälschungsskandal“
Die sogenannte REFLEX-Studie war ein von der Europäischen Union gefördertes Projekt, das von der Stiftung für Verhalten und Umwelt durchgeführt wurde. Untersucht wurden mögliche Schädigungen des Erbguts durch hochfrequente elektromagnetische Felder (HF-EMF). Die von 2000 bis 2004 durchgeführte Studie zeigte, dass Mobilfunkstrahlung in isolierten menschlichen Zellen die Gene schädigen könne. 3.3.4/4 REFLEX
Die Studie war über Jahre dem Vorwurf der Fälschung ausgesetzt, das führte zu einem Rechtsstreit vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Bremen. Auf der Webseite der Interessenvertretung diagnose:funk, die über gesundheits- und umweltschädigende Wirkungen elektromagnetischer Felder informiert, wird die ausgelöste Kontroverse geschildert:
„Die Reflexstudie ist gefälscht – Handystrahlung löst keine Tumore aus!“ – konsterniert lasen wir 2008 im Spiegel, der Süddeutschen, in nahezu der gesamten Presse diese Meldung. Politiker beteten diese Entwarnung beruhigt hoch und runter. Schnell wussten wir aber aus Berichten der beteiligten Wissenschaftler, dass die Studien sauber durchgeführt wurden. Aber die Deutungshoheit hatten damals die Mobilfunkindustrie und Medien, die nicht richtig hingeschaut haben. Dass daraus ein Wissenschaftskrimi wurde, mit Rufmord, Prozessen, Zerstörung von Existenzen, der zwar gleich als Skandal entlarvt, aber erst 2020 juristisch abgeschlossen werden wird, ahnten wir nicht. [...]
Im Dezember 2020 fiel das endgültige Urteil: Die Fälschungsbehauptungen gegenüber der REFLEX-Studie dürfen nicht mehr wiederholt werden. Anders gesagt: Die Ergebnisse der REFLEX-Studie von 2004, dass die Mobilfunkstrahlung ein gentoxisches Potential [auf isolierte menschliche Zellen] hat, sind richtig. [...] Das wurde inzwischen direkt und indirekt durch weitere groß angelegte Studien bestätigt, zuletzt durch die NTP-, Ramazzini-, die AUVA-Studien und viele Einzelstudien, bestätigt in vielen Reviews.“ [Ergänzung durch die Autorin; Studien sind im Originaltext verlinkt] 3.3.4/5 diagnose:funk
Nationale und internationale Appelle
Es gibt eine lange Reihe nationaler und internationaler Appelle, initiiert v.a. von Ärzten und Wissenschaftlern, die ein Umdenken im allzu sorglosen Umgang mit EMF forderten und fordern, z. B. Scientists call for Protection from Non-ionizing Electromagnetic Field Exposure. (Stand März 2018: 237 Wissenschaftler aus 41 Nationen hatten unterzeichnet.) Die Wissenschaftler erklärten unmissverständlich:
„Zahlreiche aktuelle wissenschaftliche Veröffentlichungen haben gezeigt, dass elektromagnetische Felder lebende Organismen bereits bei Werten beeinflussen, die weit unterhalb der meisten internationalen und nationalen Richtlinien liegen“. [Ü.d.A.] 3.3.4/6 International appeal
| ⇒ Weitere InformationenLyon, Bordeaux, Marseille: Die Bürgermeister von 11 Großstädten fordern ein Moratorium für 5GOriginalartikel (französich) Lyon, Bordeaux, Marseille : les maires de 11 grandes villes demandent un moratoire sur la 5G. 08.10.2020. 3.3.4/7 lejddDer Große Rat des Kantons Genf fordert Moratorium für die 5G- (und 4G+-)Technologie in der gesamten Schweiz von der Bundesversammlung. Eingereicht: 3.3.2020. 3.3.4/8 diagnose:funkProf. J. C. Lin zur NTP-Studie: Eindeutige Beweise für das Krebsrisiko der Mobilfunkstrahlung. Ein ehemaliges ICNIRP-Mitglied (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection/ICNIRP), fordert Revision der Mobilfunk-Grenzwerte. 4.9.2018. 3.3.4/9 diagnose:funkDiagnose: Funk„Das Ziel von diagnose:funk ist, über gesundheits- und umweltschädigende Wirkungen elektromagnetischer Felder, wie sie durch Handys, Smartphones, Mobilfunkantennen, WLAN, DECT und weitere Elektrosmogquellen verursacht werden, sowie über die psycho-sozialen Auswirkungen digitaler Medien aufzuklären.“ Zitat aus der Webseite. 3.3.4/10 diagnose:funkKomptenzinitiative„Die Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie e.V. ist eine internationale, interdisziplinäre und überparteiliche Fachvereinigung insbesondere von Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen und Technikern. Sie engagiert sich für einen zeitgemäßen Gesundheits- und Umweltschutz vor allem auf dem Gebiet des Mobil- und Kommunikationsfunks.“ Zitat aus der Webseite. 3.3.4/11 KompetenzinitiativeWirkungen des Mobil- und KommunikationsfunksEine Schriftenreihe der Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie e.V. Herausgeber: Prof. Dr. rer. nat. Klaus Buchner et al. Heft 11. Elektrohypersensibilität Risiko für Individuum und Gesellschaft. Mit Beiträgen von Franz Adlkofer, Christine Aschermann, Frank Berner, Bernd Irmfrid Budzinski, EUROPAEM Arbeitsgruppe EMF, Karl Hecht, Lebrecht von Klitzing, Wilfried Kühling, Peter Ludwig, Werner Thiede. Saarbrücken, 1. Auflage August 2018. 3.3.4/12 diagnose.funk |
Was erwartet uns in naher Zukunft?
Die 5. Mobilfunkgeneration/5G soll schon bald „das smarte Internet der Dinge“ ermöglichen: wie z. B. autonomes Fahren, digitale Industrie, digitale Landwirtschaft und digitale Logistik. Die flächendeckende Infrastruktur mit vollständiger Abdeckung auch des ländlichen Raums soll durch Millionen neuer 5G-Basisstationen auf der Erde und durch ein Netzwerk aus Kleinsatelliten erreicht werden. Der Satelliten-Schwarm wird die Erde in 1.000 km Höhe umkreisen.
| Menschen, Tiere und Pflanzen werden sich somit schon bald global und unausweichlich in einem Strahlenmeer befinden. |
3.4 Die Summenbelastung – ein Menschheitsexperiment
| Ein melting pot an StressfaktorenWir haben gesehen, dass sowohl wahrnehmbare wie auch nicht wahrnehmbare Faktoren unsere Gesundheit beeinflussen, bzw. schädigen. Das Ausmaß dieser synergistisch wirkenden Einflüsse wird unterschätzt und führt zu einer unangemessenen Sorglosigkeit. |
Es gibt mehrere Gründe für diese Sorglosigkeit:
Es handelt sich vorwiegend um allmähliche Veränderungen.
Es geht immer um mehrere Faktoren, die systemisch zusammenwirken.
Viele Faktoren liegen unter der Wahrnehmungs-Schwelle.
Reizüberflutung, Ereignisdichte, Innenweltverschmutzung
Reizüberflutung und Ereignisdichte üben permanent Einfluss auf unseren Organismus aus. Auch in Phasen ohne akute Belastung kehren wir kaum mehr auf ein normales Ruhe- und damit Regenerationsniveau zurück. Diese eher wahrnehmbaren Einflüsse wurden in Kapitel 3.1 beschrieben, sie sind Thema vieler Forschungsarbeiten. Viel weniger untersucht sind die Wirkungen von Umweltschadstoffen, Strahlung und Partikeln, die als „Innenweltverschmutzung“ unabhängig von wahrnehmbaren Stressoren schon allein und erst recht in Kombination nachhaltige körperliche und psychische Veränderungen nach sich ziehen können.
| Die kollektive, multifaktorielle GrundbelastungJeder Einzelne ist heute mehr oder weniger diesem Grundrauschen von wahrnehmbaren und unterschwelligen Stressfaktoren ausgesetzt. Die Synergie dieser Faktoren fördert subklinische Entzündungen und damit chronisch-entzündliche Erkrankungen.Chronisch entzündliche Erkrankungen sind in den vergangenen fünf Jahrzehnten um das zehn- bis 15-fache angestiegen. |
Zu den chronisch-entzündlichen Krankheitsbildern zählen z. B. Asthma, Typ 1 Diabetes, Multiple Sklerose und die diversen Formen von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Dieser Anstieg ist nicht durch genetische Faktoren erklärbar. Es sind primär Umwelteinflüsse, die zur Entstehung chronisch-entzündlicher Erkrankungen führen, zunehmend auch bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
| Das bedeutet, dass Merkmale, die vorindustriell eine Variante des menschlichen Lebens darstellten, z. B. eine genetisch bedingte Minderleistung der Entgiftung, der Entzündungs- oder der Stress-Antwort, unter den heutigen Lebensbedingungen zu einem Krankheitsgenerator werden. |
Antwort auf Zellgefahren
In Kapitel 27.3 wird die von Prof. Robert K. Naviaux erforschte „Antwort auf Zellgefahren“ (Englisch: Cell-Danger-Response/CDR) beschrieben. Die CDR ist eine archaische und universelle Antwort auf Bedrohung, Stress oder Verletzungen.
| Leben auf SparflammeProf. Naviaux fasst zusammen, dass Mitochondrien durch chronische Stressbelastungen mit der Zeit ihre natürliche Fähigkeit zur Homöostase und zur Selbstregulation verlieren. Die synergistische Summenbelastung führt zur Entstehung unterschiedlichster Stressoren-bedingter Erkrankungen, weil der Organismus nicht mehr regeneriert. |
Die Antwort auf Zellgefahren, Cell-Danger-Response/CDR
„Wenn die CDR ausgelöst wird, werden die Prioritäten eines mehrzelligen Organismus zurückgesetzt, um das Überleben zu optimieren. Die CDR ist so grundlegend für das Überleben aller Lebewesen, dass die gleichen Kernverteidigungen von Stoffwechsel, Entzündung, Immunität, Mikrobiom, Gehirnfunktion, Schlafmuster und Verhaltensänderungen durch viele verschiedene Arten von Bedrohungen aktiviert werden. Das können vielfältige Bedrohungen sein wie eine Infektion, Vergiftung, physische oder psychische Traumata, die immer das gleiche stereotype Krankheitsverhalten auslösen. Diese stereotype Reaktion auf Gefahr umfasst Rückzug aus sozialem Kontakt, Aktivierung der angeborenen Immunität, verminderte Verständigung, unterbrochener Schlaf, Kopf-, Muskel- und Bauchschmerzen, Veränderungen im Darmmikrobiom und erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührung, Klang und Licht, die viele Menschen erleben, wenn sie die Grippe haben, oder sich von einer schweren Verletzung erholen.
Es ist die CDR, die diese bekannten Zeichen und Symptome produziert. Auf zellulärer Ebene kann die Reaktion auf die Zellgefahr erst ausgeschaltet werden, wenn die Zelle das endgültige „alles in Ordnung“ Signal empfängt. Bis dahin bleibt die CDR in einer sich wiederholenden Schleife stecken, die weitere Heilung blockiert, um die wahrgenommene Gefahr auszumerzen. Dies kann zu Langzeitleiden, Behinderungen und chronischen Krankheiten führen. Nur wenn eine Zelle Sicherheit wahrnimmt, kann sie vollständig heilen.“ [Ü.d.A.] [Quellenverweise im Original] 3.4/1 Naviaux

Abb. 3.4/1 Schutz und Schadfaktoren
3.4.1 Cocktail-Effekte
| Kombinationseffekte sind real. Sie relativieren jegliche Aussagen über „unbedenkliche“ Grenzwerte. |
Fukushima: Systemische Effekte
Im März 2011 wurde Japan von einem Erdbeben mit darauffolgendem Tsunami getroffen. Die Kühlung im Atomkraftwerk fiel aus und es kam zum Super-GAU. Das Risiko eines Erdbebens war berechnet worden, ebenso das Risiko eines Tsunami. Das Auftreten beider Faktoren gleichzeitig und die systemischen Folgen – dafür waren die Vorsorgemaßnahmen nicht ausgerichtet.
| Der Fukushima-Effekt im ImmunsystemDerzeit werden Grenzwerte z. B. von Schadsubstanzen linear berechnet, d.h. es wird erforscht, welche Folgen eine Substanz im Organismus erzeugt. Systemische, kumulative, synergistische Effekte werden ausgeblendet. |
Wirkformen von Substanzen, Gasen, Strahlung
Synergistische Wirkung:
Die Wirkung der Noxen ist unterschiedlich, sie wirken interaktiv und verstärken einander: Die potenzielle Schädigung „im Team“ ist stärker.
Antagonistische Wirkung:
Noxen wirken gegenläufig, sie schwächen einander: Die potenzielle Schädigung ist geringer.
Additive, kumulative Wirkung:
Die Wirkung der Noxen ist identisch und summiert sich.
Unabhängige Wirkung:
Die Wirkung der Noxen ist unterschiedlich, aber es kommt nicht zu Wechselwirkungen.
Pestizid-Cocktail
Eine der wenigen Studien, die die sogenannten „Cocktail-Wirkungen“ von Chemikalien erforschten, wurde von einem französischen Autorenteam 2018 veröffentlicht. Dabei wurden zehn trächtige Ratten einer Mischung aus acht Pestiziden ausgesetzt, denen Menschen in der Bretagne üblicherweise ausgesetzt sind. Die Metabolomik-Analyse zeigte mehrere Unterschiede zwischen den Muttertieren der Versuchsgruppe gegenüber der unbelasteten Vergleichsgruppe, insbesondere im Plasma, in der Leber und im Gehirn. Die modifizierten Metaboliten waren am TCA-Zyklus, an der Energieproduktion und -speicherung, am Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel sowie am Aminosäuren-Stoffwechsel beteiligt. Die Autoren vermuten, dass die Pestizidmischung oxidativen Stress induzieren kann, der mit mitochondrialen Funktionsstörungen und der Beeinträchtigung des Glukose- und Lipidstoffwechsels einhergeht – auch wenn keine einzelne Chemikalie in Konzentrationen vorhanden war, die als „toxisch“ definiert ist. 3.4.1/1 Bonvallot et al.
Cocktail Studie
Eine weitere „Cocktail-Studie“, die im August 2020 als Preprint veröffentlicht wurde, untersuchte die Auswirkungen einer Mischung von sechs Pestizidwirkstoffen, die jeweils in der gesetzlich zulässigen Tagesdosis an Ratten verabreicht wurden. Offensichtliche Veränderungen wie z. B. beim Körpergewicht konnten nicht festgestellt werden. Veränderungen zeigten sich aber in der Zusammensetzung des Mikrobioms sowie bei der Expression von 257 Genen. Bei der Methylierung von Genen zeigte sich ein Unterschied zu unbehandelten Ratten von 10 %. 3.4.1/2 Mesnage et al.
Joghurtbecher und Co.
2019 wurde in der Zeitschrift Environmental Science & Technology eine Laborstudie der Forschungsgruppe PlastX unter der Leitung des Instituts für sozial-ökologische Forschung veröffentlicht. Die Untersuchung von 34 Alltagsprodukten aus acht verschiedenen Kunststofftypen wie Joghurtbecher, Trink- und Shampoo-Flaschen ergab, dass drei Viertel der Produkte schädliche Chemikalien enthielten. Je nach Typ und Anwendung werden dem Basismaterial auf Erdölbasis Zusatzstoffe wie Weichmacher, Stabilisatoren oder Farbstoffe zugesetzt, während des Produktionsprozesses entstehen zudem zahlreiche Neben- oder Abbauprodukte.
„In dem komplexen Herstellungsprozess von Kunststoffen entsteht ein regelrechter Cocktail an Substanzen, von denen wir einen Großteil überhaupt nicht kennen“,
sagte die Leiterin der Forschungsgruppe PlastX, Carolin Völker.
| Von 1.400 Substanzen konnten im Labor nur 260 identifiziert werden. Die Autorengruppe konnte, außer für Bisphenol A, dessen schädliche Wirkung belegt ist, keine Aussagen über potenzielle Gesundheitsrisiken für Verwender der Kunststoffprodukte machen. |
„Etwas mehr als 80 Prozent aller nachgewiesenen Substanzen konnten wir mithilfe chemischer Analysen nicht identifizieren“, sagt Zimmermann. „Das heißt, wir wissen zum Großteil nicht, womit wir es in den Kunststoffprodukten zu tun haben. Und wenn wir die Chemikalien nicht kennen, können wir auch nicht bestimmen, ob sie sicher für Mensch und Umwelt sind“. 3.4.1/3 Zimmermann et al.
Arzneimittel-Rückstände im Wasser
| Laut der OECD-Studie Pharmaceutical Residues in Freshwater von 2019 wurden über 150 pharmazeutische Spurenstoffe in Wasser nachgewiesen. Deutschland nimmt dabei neben den USA, Frankreich, Spanien und Großbritannien einen Spitzenplatz ein. |
Jährlich gelangen Hunderte Tonnen von Medikamenten in die Umwelt. Es gibt mehr als 4.000 arzneiliche Wirkstoffe, bei den meisten (bei Humanarzneimitteln: 88 %) sind die Auswirkungen auf die Umwelt nicht erforscht. Stoffgemische aus Arzneimittelrückständen und anderen Mikroverunreinigungen haben komplexe Wirkungsweisen. Unser Trinkwasser gilt für Menschen als sicher – aber schon sehr geringe Konzentrationen dieser Substanzen (im Nanogrammbereich) können fatale Folgen für Wasserlebewesen haben. Informationen über Herbizid-Rückstände im Grundwasser finden Sie auf den Webseiten des Umweltbundesamtes.
Siebzehn Stressoren
Multisystemischen Komplex-Erkrankungen basieren stets auf einem biochemischen Ungleichgewicht, das von Prof. Martin L. Pall als „Nitrosativer Stresszyklus“ beschrieben wurde. } Siehe Kapitel 5.5 Prof. Pall weist darauf hin, dass 17 Stressoren bekannt sind, die synergistisch eine Schlüsselrolle bei der Krankheitsentstehung spielen:
„Es sind insgesamt 17 unterscheidbare kurzfristig auftretende Stressoren bekannt, die Fälle einer oder mehrerer der besprochenen Krankheiten [ME/CFS, MCS, FMS und PTBS, die Autorin] einleiten. Es ist auch bekannt, dass alle 17 Zykluselemente stimulieren können, was bekanntermaßen oder vermutlich zu einem Anstieg von Stickoxid und Peroxynitrit führt. Sie können also den Zyklus über diese Mechanismen einleiten.“ 3.4.1/4 Pall
Synergistische Wirkungen
Dr. rer. nat. Heike Sommer erforschte 2006 im Rahmen ihrer Dissertationsarbeit synergistische Kombinationswirkungen durch Gemische aus 2–8 Komponenten unspezifisch wirksamer Chemikalien in untoxischen Konzentrationen der Einzelsubstanzen an menschlichen Fibroblasten.
„Die Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigten, dass alle Kombinationen auch unterhalb der Toxizitätsschwellen (NOEC-Werte) der sie enthaltenden Komponenten eine toxische Gesamtwirkung verursachten. [...] Gemische aus 2 Komponenten verstärkten die Toxizität der Einzelsubstanzen, und es zeigte sich, dass die Gemische deutlich toxischer waren als die jeweilige Substanz allein. [...] Je mehr Komponenten das Gemisch enthielt, umso geringer waren die erforderlichen Konzentrationen der einzelnen Komponenten, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.“ 3.4.1/5 Sommer
Umweltrisiken durch Pestizid-Cocktails werden unterschätzt
lautete die Überschrift eines Artikels des Umweltbundesamtes zu einer 2021 veröffentlichten Studie über Pestizid- Mischungen:
„Auf unseren Äckern werden oft mehrere Pestizide gleichzeitig oder nacheinander verwendet. Wie die einzelnen Mittel zusammenwirken, wird vorher in der Zulassung nicht überprüft. Dort werden Mittel nur einzeln bewertet. Die Folge: Unerwünschte Kombinationswirkungen von Pestiziden auf die Umwelt bleiben oft unentdeckt. Laut einer neuen Studie für das UBA muss sich das rasch ändern.“ 3.4.1/6 UBA
| ⇒ Weitere InformationenKühling, WilfriedMehrfachbelastungen durch verschiedenartige Umwelteinwirkungen. 3.4.1/7 Kühling |
3.4.2 Die Synergie der multisystemischen Gesamtlast
In der Botanik gibt es eine Klasse von Erregern, die als Schwächeparasiten bezeichnet werden, also Parasiten, die z. B. Bäume nur dann schädigen können, wenn durch vorangegangene Wirkung anderer Faktoren deren Widerstandskraft geschwächt wurde. Derzeit schädigen hohe Tagestemperaturen, massive Niederschlagsdefizite und die daraus resultierende geringe Luftfeuchtigkeit die Wälder massiv und machen sie anfällig.
| Auch im menschlichen Organismus hinterlassen Stressfaktoren Schäden, die die Widerstandskraft schwächen. Jetzt können, vor allem bei ohnehin vulnerabler Disposition, auch weniger virulente Erreger zu systemsprengenden Faktoren werden. |
Es sollte gesamtgesellschaftlicher Konsens sein, dass wir unverzüglich und gemeinsam Maßnahmen ergreifen, um einen „Zell-, bzw. Mitochondriengesunden“ gemeinsamen Lebensraum zu schaffen – und zwar „von der Wiege bis zur Bahre“. Mehr Aufklärung über Lebensstilfaktoren, mehr Prävention und eine beherzte Eindämmung kollektiver Stressfaktoren sind keine realitätsfremden Forderungen. Wie viele Erkrankungen, Operationen, Medikamente, Pflegekosten sowie kostenintensive Untersuchungen wären vermeidbar?

Abb. 3.4.2/1 Die Gesundheitsausgaben steigen von Jahr zu Jahr
Die Gesundheitsausgaben steigen Jahr für Jahr. Im Jahr 2017 überschritten sie erstmals die Marke von einer Milliarde Euro pro Tag. Wie werden die Gesundheitsausgaben für die Corona-Jahre 2020/2021 aussehen? Quelle: Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes: Nr. 109, 21. März 2019, Nr. 164, 12. Mai 2020; Nr. 167, 6. April 2021.

Abb. 3.4.2/2 100-Milliarden-Euro-Sprünge
Die Abstände der jeweiligen 100 Milliarden-Grenze werden geringer: Während zwischen 1998 bis 2012 14 Jahre lagen, verminderte sich die Zeitspanne zum nächsten 100 Milliarden Schritt im Jahr 2019 schon auf sieben Jahre. Quelle } Siehe Abb. 3.4.2/1
Blick in die USA
Prof. Naviaux erforscht nicht nur wissenschaftlich die Reaktion auf Zellgefahren, er weist in dem lesenswerten Artikel Perspective: Cell danger response Biology—The new science that connects environmental health with mitochondria and the rising tide of chronic illness auch darauf hin, dass eine Gesellschaft sich chronische Erkrankungen nicht nur aus humanistischer und ethischer Sicht nicht leisten kann, sondern dass ein „Weiter so“ auch wirtschaftlich zu einem Desaster führt:
„Die wirtschaftlichen Kosten chronischer Krankheiten
Die Vereinigten Staaten geben heute jährlich 2,8 Billionen Dollar für die medizinische Versorgung von Kindern und Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen aus. Dies entspricht 86 % des US-Haushalts in Höhe von 3,3 Billionen US-Dollar für das Gesundheitswesen. Wenn die steigende Flut chronischer Krankheiten der letzten 30 Jahre unvermindert anhält, werden die Kosten der Gesundheitsversorgung in den USA bis 2025 voraussichtlich 5,5 Billionen Dollar übersteigen, was negative Auswirkungen verursacht, die den wirtschaftlichen Wohlstand nicht nur in diesem Land, sondern in vielen Ländern auf der ganzen Welt entgleisen lassen werden.
Was wäre, wenn ein neuer Ansatz in der Medizin in der Lage wäre, das Leiden und die Notwendigkeit einer teuren medizinischen Versorgung für nur 10 % der Menschen mit einer chronischen Erkrankung zu lindern? Dieser neue Ansatz würde jährlich 280 Milliarden US-Dollar (10 % mal 2,8 Billionen Dollar) in die US-Wirtschaft zurückbringen. Diese Einsparungen in einem einzigen Jahr würden die jährlichen Budgets der National Institutes of Health (NIH; 37 Milliarden Dollar), der Environmental Protection Agency (EPA; 8,7 Milliarden Dollar), der Food and Drug Administration (FDA; 5,1 Milliarden Dollar) und des US Department of Agriculture (USDA; 151 Milliarden Dollar) zusammen übersteigen.“ [Ü.d.A.] [Quellenhinweise im Originaltext] 3.4.2/1 Naviaux
Anmerkung: Das amerikanische „trillion“ im Originaltext entspricht der deutschen Billion, die amerikanische „billion“ entspricht der deutschen Milliarde.
| ⇒ Weitere InformationenThe 28th Amendment ProjectProf. Naviaux hat eine Initiative ins Leben gerufen, die sich für eine Verfassungsänderung einsetzt, die das Recht, in einem Umfeld geboren zu werden, das keine chronischen Krankheiten verursacht, formuliert. Die bereitgestellten Grundlagen können auch als „Blaupause“ für andere Nationen verwendet werden. 3.4.2/2 Naviaux |
3.5 Eine Herausforderung, der wir nicht gewachsen sind
Präventionsmaßnahmen basieren auf den Erfahrungswerten aus vergangenen Missständen oder Katastrophen. An Gefahren, die man erlebt hat, kann man sich erinnern und ist dadurch gewarnt. Gute Prävention trägt dazu bei, künftige Katastrophen vorausschauend zu verhindern.
| Was aber, wenn menschheitsgeschichtlich neue, katastrophale Missstände auftauchen, für die keine tradierte Erfahrung vorliegt? |
Christian Pfister, Prof. Emeritus für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte am Oeschger Zentrum für Klimaforschung, Universität Bern, Schweiz, beschreibt, dass Menschen durch häufige Erfahrungen von Naturgefahren eingespielte Praktiken zur Risikominimierung in ihre Lebensgewohnheiten integrieren. Sie verfügen dadurch über Praktiken zur Bewältigung von außerordentlichen Lebenslagen und stehen solchen Ereignissen nicht hilflos gegenüber.
„Zeit ist bei der Bewältigung von Katastrophen der alles entscheidende Faktor. Es kommt darauf an, ob das relevante Handlungswissen rasch genug abgerufen werden kann oder ob es erst durch Erinnerungsleistung aktiviert werden muss. Dies ist hauptsächlich abhängig von der Häufigkeit von Katastrophen.“ 3.5/1 Pfister
Die derzeitige Flutkatastrophe [Stand Juli 2021] zeigt, dass Warnungen nicht ernst genommen, bzw. weitregegeben wurden. Die britische Hydrologin Hannah Cloke konstatierte „Monumentales Systemversagen“, so Bernhard Junginger in der Augsburger Allgemeinen:
„Die Professorin der Universität Reading ist eine der Entwicklerinnen des europäischen Hochwasser-Warnsystems, über das die Regierungen Belgiens und Deutschlands bereits vier Tage vor Beginn des Hochwassers an Rhein und Meuse [deutsch: Maas] gewarnt worden seien. 24 Stunden vorher sei den deutschen Stellen dann nahezu präzise vorhergesagt worden, in welchen Gegenden schwere Überflutungen drohten. Genannt worden seien dabei auch jene Gebiete an der Ahr, in denen mehr als 110 Menschen als Folge der Überschwemmungen ihr Leben verloren. „Irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, so dass die Warnungen nicht bei den Menschen angekommen sind“, sagte Cloke.“ 3.5/2 Augsburger Allgemeine
Am 13. Juli hatte der Deutsche Wetterdienst eine „Amtliche Gefahrenmeldung“ verschickt. Auch das European Flood Awareness System/EFAS warnte am selben Tag vor extremen Überflutungen.
Krise? Welche Krise?
Je präsenter eine vergangene Katastrophe als Risikobewusstsein in der Bevölkerung vorhanden ist, desto kompetenter ist der Umgang mit einer auftretenden Gefahr. Dann kann die Zeitspanne zwischen den ersten Hinweisen und dem Eintreten einer Gefahr optimal genutzt werden. Im besten Fall gibt es dazu von behördlicher Seite einen Krisenstab, ein ausgearbeitetes Schutzkonzept, Risikogruppen oder -zonen sind bekannt und Strategien für deren Rettung vorbereitet. Bei neuartigen Gefahren kann weder das individuelle noch das kollektive Gedächtnis auf Erfahrungen zurückgreifen. Die Corona-Pandemie und die Hochwasser der kleinen Flüsse legen derzeit national und international zahlreiche strategische Schwachstellen in der Katastrophenbewältigung offen.
| Die Krise des ImmunsystemsWas die Krise des Immunsystems betrifft, liegen menschheitsgeschichtlich auch dazu keine Erfahrungen vor. Die Zunahme chronischer/multisystemischer Erkrankungen wird nicht in angemessenem Ausmaß als bedrohlich wahrgenommen. Die notwendige Gegensteuerung ist unzureichend. |
Außerdem sind wir derzeit so vielen Krisen ausgesetzt – Klimakrise, Corona-Pandemie, Artensterben – dass wir nicht noch von einer weiteren erfahren wollen! Menschen fühlen sich in unsicheren Zeiten überfordert – das Bedürfnis nach Sicherheit, Klarheit und Überschaubarkeit wächst. Diese (verständliche) Haltung lässt die immunologische Krise nun aber leider nicht verschwinden.
„Zwar hat der technologische Wandel die Lebensbedingungen für die allermeisten Menschen enorm verbessert. Gleichzeitig bedroht dieser jedoch die Grundlage dieses Wohlstands, weil es so schwer ist, sich der Konsequenzen bewusst zu werden und heute Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig übertrieben und unnötig erscheinen mögen, aber langfristig existenziell sein können.“ 3.5/3 Fratschner
Marcel Fratzscher kommentierte mit diesen Worten in der Wochenzeitschrift Die Zeit unsere mangelnde Weisheit im Umgang mit Katastrophen.
Mit jedem Land, das den westlichen Lebensstil mit der Vielzahl an Reizen und Stressfaktoren übernimmt, wird absehbar auch die Anzahl der NCD-Patienten und der EmKE-Patienten steigen.
Notwendig sind sofortige, beherzte Präventiv- und weitreichende Versorgungs-, bzw. Vorsorge-Maßnahmen und Aufklärung.
| Wenn Katastrophen sich schleichend entwickeln, geht es uns wie dem Frosch, der nicht aus dem Kochtopf springt, wenn das Wasser langsam erwähnt wird. Er passt sich an – das ist sein Todesurteil. |
„Diese Katastrophe war vermeidbar“
Ein unabhängiges Expertengremium, das eingesetzt worden war, um den Verlauf der Corona-Pandemie kritisch zu untersuchen, veröffentlichte im Mai 2021 das erarbeitete Gutachten. Das Ergebnis des Berichts war, dass ein „toxischer Cocktail“ aus Zaudern, fehlender Vorbereitung sowie unsachgemäße Reaktionen auf die Krise für das dramatische Ausmaß der Corona-Pandemie verantwortlich war. Bei der Vorstellung des Berichtes sagte die Co-Präsidentin des Gremiums, die Friedensnobelpreisträgerin und ehemalige liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf:
„Es gab eine Spirale von Versagen, Lücken und Verzögerungen bei der Vorbereitung und der Reaktion.“ zitierte die Berliner Zeitung am 13.5.2021. 3.5/4 Berliner Zeitung
„Wir haben in jeder Phase Versäumnisse festgestellt und wir glauben, dass es möglich gewesen wäre, diese Pandemie zu verhindern.“ [...] „Der Februar war ein vergeudeter Monat. Trotz eindeutiger Warnungen glaubten viel zu viele Länder, es würde sie nicht treffen und sie nahmen eine unwirksame, abwartende Haltung ein. Man werde keiner Einzelperson oder einzelnen Nationen die Schuld geben, aber letztlich war die Welt nicht vorbereitet auf die Krise. Man müsse daraus Lehren ziehen, um die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen, so die Kommission.“
zitierte Dietrich Karl Mäurer Frau Sirleaf weiter in einem Audio-Beitrag in der Tagesschau am 12.05.2021. 3.5/5 Mäurer Dadurch habe sich die „humanitäre Krise“ entwickelt, die die Experten als „Tschernobyl des 21. Jahrhunderts“ bezeichneten.
TEIL 3 EMKE SIND CHRONISCH-ENTZÜNDLICHE ERKRANKUNGEN
TEIL 3 beschäftigt sich mit der „Einverleibung“ der Umwelt in die „Innenwelt“, die vom Organismus mit der evolutionär bewährten Strategie der Entzündung beantwortet wird. Eine Entzündung ist ein physiologischer Prozess, sie stellt die archaische Abwehrreaktion des Immunsystems auf Krankheitserreger oder Fremdkörper dar. Im Fall permanenter Bedrohung, wie wir sie heute durch die multifaktorielle Gesamtlast erleben, wird diese Entzündung chronisch und verändert ihren Charakter. Die akute, heftige Entzündung, die typischerweise mit Fieber einhergeht, wird ersetzt durch eine dauerhafte, laue Entzündung (fachsprachlich Silent Inflammation), die an Durchschlagskraft verliert und systemisch/ganzkörperlich wirkt. Die Balance geht verloren.
Entzündungen schwächen und ermüden
Entzündungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung des von Prof. Martin Pall erforschen und dokumentierten „Nitrosativen Stress-Zyklus“, der bildlich auch als „Biochemischer Teufelskreis“ bezeichnet wird. Dieser Zyklus trägt wesentlich zum das Verständnis Erworbener multisystemischer Komplex-Erkrankungen/EmKE bei. Weitere Erkenntnisse zur Krankheitsentstehung liefern u.a. die Mastzell-Forschung, die in TEIL 5, Kapitel 12 beschrieben wird und die „Antwort auf Zellgefahren“ nach Prof. Naviaux. Diese wird uns im Zusammenhang mit den Mitochondrien in TEIL 6, Kapitel 27.3 beschäftigen.
Kapitel 4 Einverleibt – wie Umwelt Innenwelt wird
Unsere Haut, bzw. unsere Schleimhäute sind Kontaktflächen, an denen sich der menschliche Organismus und die Umwelt begegnen. Sie trennen als immunologische Grenzbarrieren die beiden unterschiedlichen Welten.
Verwundbare immunologische Membrane, Filter und Barrieren
| Je belasteter und geschwächter ein Organismus ist, desto schwerer fällt es ihm, Filtermembrane aufrechtzuerhalten. Und je giftiger Substanzen sind, desto zerstörerischer dringen sie in unsere Zellen, Gewebe und Organe ein. |
Zigarettenrauch schädigt beispielsweise die oberflächlichen Epithelzellen der Lunge, die die natürliche Barriere für Schadstoffe darstellen. Dadurch haben krankheitserregende Stoffe einen leichten Zutritt in den Körper. Das Risiko für Entzündungen und chronische Erkrankungen wie COPD (Chronisch obstruktive Lungenerkrankung) steigt an.
Entzündungen gehen mit verstärkter Bildung von freien Radikalen einher, es kommt zu oxidativem Stress in den Zellen. Die Fettstrukturen der Membranen, die jede Zelle einhüllen, werden angegriffen. Wir kennen diesen Prozess aus dem Alltag, wenn das Speiseöl durch zu langes Stehen ranzig wurde. Durch die Schädigung der Membranstrukturen wird die Ausschüttung entzündungsfördernder (fachsprachlich proinflammatorischer) Zytokine noch zusätzlich angefacht.
| Die Invasion der UmweltMembrane und Barrieren werden heute lebensstilbedingt überreizt und pathologisch verändert. Sie neigen dazu, Fremdsubstanzen in Bereiche durchzulassen, in die sie nicht hingehören. Diese Substanzen, Partikel und Botenstoffe geben direkt oder indirekt Informationen an unsere Körperzellen weiter und haben damit einen wesentlichen Einfluss auf die regulativen Ablese-Vorgänge in unserem Erbgut. |
Dringen z. B. hormonaktive Substanzen aus Kunststoffen ein, wirken sie wie natürliche Hormone. Sie können, bildlich gesprochen, hormonelle Ampeln von Rot auf Grün schalten und umgekehrt – und bringen so die körpereigenen Steuerungsprozesse durcheinander. Hormonelle und andere Faktoren addieren sich, z.T. wirken sie synergistisch. Diese Wucht chaotisiert den Stoffwechsel und überlastet auf Dauer die drei Kardinal-Regulationssysteme: Immun-, Hormon- und Nervensystem und ihre Subsysteme.
In der Folge wird das ganze Netzwerk des Organismus und der Psyche in Bedrängnis gebracht. Die Stressresistenz sinkt, unterschiedliche Reize werden nun nicht mehr vertragen, seien es Gerüche, Lärm oder Licht. Auch die Immunabwehrkraft nimmt ab. Das gehäufte Auftreten von Allergien, Autoimmun-Erkrankungen und Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten ist nicht verwunderlich.
| Zugespitzt könnte man formulieren, dass die Umwelt sich heute mehr denn je parasitär in uns einschleicht. Ganz konkret mit Pestiziden, Feinstaub, Kohlendioxiden und im erweiterten Sinne mit dem inflationären Gebrauch von Medien und der dadurch verinnerlichten Informations-Überflutung. Unser Organismus scheitert jedoch an der Aufgabe, dieses „parasitäre Übermaß“ zu verarbeiten.Der Begriff „Umwelt“ führt deshalb in die Irre, suggeriert er doch eine gewisse Distanz. Tatsächlich berührt uns keine Umwelt, die nicht Innenwelt wird. |
4.1 Die Darmschleimhaut – Vulnerabler Schutz gegen Eindringlinge
Die Aufnahme von Nahrung führt zu einer intensiven Auseinandersetzung zwischen Außenwelt (Nahrung) und Innenwelt (Organismus). Und das über eine Strecke von neun Metern und über einen Zeitraum von ca. 24 Stunden bis zur Ausscheidung.
Die gesunde Darmschleimhaut ist wie ein fein gewebtes Netz, sie ist nur für gut aufgeschlossene Nährstoffe in sehr kleinen Molekülen durchlässig. Durch die Summe schädlicher Einflüsse kann sich das Zellgeflecht der Darmwand erweitern. Die Schleimhautzellen, die durch Proteinbrücken (fachsprachlich „tight junctions“) verbunden sind, rücken für die Aufnahme von Nahrungsbestandteilen normalerweise kurz auseinander, um sich sofort wieder zu schließen. Durch Stressoren lockern sie sich, der Darm wird „löchrig“, die verletzte Darmschleimhaut kann ihre Aufgaben kaum mehr adäquat erfüllen. Dies geht mit einer permanent erhöhten Entzündungsbereitschaft einher.
Das Leaky-Gut-Syndrom /LGS
Die Störung der immunologischen Barriere wird „Leaky-Gut-Syndrom“/LGS genannt. „Leaky-Gut“ heißt wörtlich übersetzt „Undichter Darm“ oder „durchlässiger Darm“. Da die Durchlässigkeit aber kein eigentliches Krankheitsmerkmal ist (Nährstoffe sollen ja durchgelassen werden) lässt sich der englische Begriff wohl besser mit „Sickerdarm“ übersetzen.
Jetzt gelangen Makromoleküle (wie größere Eiweißmoleküle), Infektionserreger (wie Schadstoffe oder Allergene) und bakterielle Lipopolysaccharide /LPS (fachsprachlich Endotoxine) durch die Darmschleimhaut in den Blutkreislauf. Jetzt kann es in den Blutgefäßen durch die eingeschleusten Erreger zu entzündlichen Immunreaktionen kommen. Weitere natürliche Eindringlinge wie Viren, Salmonellen oder Parasiten haben unter diesen schwächenden Bedingungen leichteres Spiel.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Sickerdarm als „Intestinale Autointoxikation“ also „Selbstvergiftung über den Darm“ bekannt. Der Sickerdarm ist weit mehr als nur eine harmlose Darmstörung. Die geschundene Darmschleimhaut kann unter Dauerbelastung nicht regenerieren und wird immer weiter geschädigt – das kann bis zum Schleimhautuntergang führen.
Typische Anzeichen für einen Sickerdarm sind:
Völlegefühl, Blähungen, Krampfzustände des Darms, wechselnde Stuhlbeschaffenheit, Müdigkeit, Erschöpfung, Migräne, Muskelschmerzen, Infektanfälligkeit, Leistungsabfall, Allergien, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Entzündungen von Haut, Schleimhaut oder Gelenken, depressive Stimmungen.
Mögliche Folgen des Sickerdarms
Allergien
Die Makromoleküle, die durch einen Sickerdarm in das Blut wandern, werden als Fremdkörper erkannt und bekämpft: Die Darmschleimhaut sendet Botenstoffe, die Helferzellen gegen Entzündungsvorgänge mobilisieren sollen, z. B. IgE Antikörper gegen Fremdstoffe. Die übermäßige Ausschüttung von IgE führt zu Allergien vom Soforttyp (Typ 1).
Risiko Autoimmun-Erkrankungen
Durch die Masse der Fremdkörper, die die Darmwand durchdringen, bleibt das Immunsystem im Dauereinsatz. Das kann zu Fehl-Reaktionen führen: statt den eigenen Organismus zu schützen, werden nun möglicherweise eigene Körper- oder Immunzellen angegriffen. Die Schwächung immunologischer Barrieren (die Darmschleimhaut, aber auch die Bronchial-Barriere oder die Blut-Hirn-Schranke) könnte somit das bislang unverstandene Bindeglied sein, das zur Entstehung von Autoimmun-Erkrankungen führt.
Prof. Dr. Alessio Fasano, Professor für Kindergastroenterologie an der Harvard Medical School und anerkannter Zöliakie-Experte, hat in einer 2012 veröffentlichten, vielbeachteten Arbeit mit dem Titel Leaky Gut and Autoimmune Disease (Deutsch: Leaky-Gut und Autoimmunerkrankungen) den Wissensstand zusammengefasst. Er wies auf Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Fehlfunktionen in der Darmbarriere und der Ausbildung einiger (Autoimmun)-Erkrankungen hin. 4.1/1 Fasano
Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten keine zu belächelnden Marotten sind, sondern Folgen einer Darmstörung. Die verletzte Darmschleimhaut kann keine geeigneten Rezeptoren für bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Gluten, Fruktose) anbieten, diese wandern folglich unverdaut in den Dickdarm. Dort kommt es zu weiteren Darmstörungen wie Blähungen, Verstopfung oder Durchfall. Der Darmspezialist und Autor Klaus-Dietrich Runow weist insbesondere auf Gluten (Klebereiweiß in Getreidesorten wie Weizen, Dinkel und Gerste, verarbeitet in Brot und Nudeln) als bisher unterschätzten Risikofaktor hin. Bei seinen Patienten erlebte der Arzt schädigende Folge-Erkrankungen (insbesondere des Nervensystems) durch den Verzehr von unverträglichem Gluten. } Siehe Buchtipps auf den Serviceseiten.
Energiemangel
Die Verdauung komplexer Zucker und deren Abbau zu Essigsäure, Buttersäure und Propionsäure kann durch Dysbiosen gestört werden. Diese Säuren stillen nicht nur ca. 30 % des Energiebedarfs des Körpers, sondern balancieren auch die Immuntoleranz. Ein Defizit an diesen Substanzen bewirkt eine verminderte Bereitstellung von lebensnotwendiger Energie. Ein durchlässiger Darm kann zu Müdigkeit und Abgeschlagenheit führen.
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
Unter dem Begriff „chronisch entzündliche Darmerkrankungen“, kurz CED, werden alle Krankheitsbilder zusammengefasst, die durch schubweise wiederkehrende oder auch dauerhaft auftretende Entzündungen des Darms charakterisiert sind. In Deutschland leiden etwa 320.000 Menschen an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, die mit chronischen Durchfällen, Fieber, Schmerzen und psychischen Belastungen einhergeht. } Siehe Kapitel 21 und 37.2
4.2 Die Blut-Hirn-Schranke: Das gefährdete Gehirn
Die Blut-Hirn-Schranke
Die Blut-Hirn-Schranke /BHS bildet die Barriere zwischen den Blutgefäßen, bzw. Kapillaren des Gehirns und dem empfindlichen Hirngewebe. Während Schädel, Hirnhaut und Liquor vor physikalischen Schäden schützen, dient die Blut-Hirn-Schranke der Abwehr von Krankheitserregern und Giftstoffen, die sich in unserem Blut befinden können. In den Kapillaren, die die Blut-Hirn-Schranke bilden, sind die Endothelzellen, die das Innere aller Blutgefäße auskleiden, extrem eng ineinander verkettet und bilden so genannte „tight junctions“.
Der enge Spalt lässt nur Partikel in das Hirngewebe passieren, die aus sehr kleinen Molekülen bestehen (mit einem Durchmesser kleiner als 20 nm), sowie fettlösliche Moleküle und einige Gase. Einige größere Moleküle, wie z. B. Glukose, können mit Hilfe spezifischer Transporter-Proteine eindringen.
Zum Beispiel: Nanopartikel/Amalgam
Künstliche Nanopartikel sind Millionstel Millimeter klein, sie können die BHS und andere Körperbarrieren passieren. In der Medizin macht man sich diese Fähigkeit zunutze, indem Nanopartikel als „Taxi“ dienen und mit Arzneistoffen beladen werden. 98 % aller chemischen Medikamente gelangen ohne dieses Hilfsmittel nicht in das Gehirn. Mittlerweile werden auch in Kosmetika und in Pflegemitteln, also in Alltagsprodukten, häufig Nanopartikel verwendet – ohne dass sie gekennzeichnet werden müssten. Wenn bei der Verwendung von Amalgam in der Zahnmedizin keine maximalen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, passieren auch die hochgiftigen Quecksilberdämpfe die BHS.
Noxen, z. B. Biozide aus der Landwirtschaft (Insektizide, Pestizide, Herbizide) oder Gewebegifte wie Lösungsmittel, Schwermetalle oder Klebstoffe können potenziell neurotoxisch wirken.
Die verletzte Barriere
Auch bei Diabetes mellitus nimmt die Barrierefunktion der BHS aufgrund der Bildung von entzündungsfördernden glykosylierten Endprodukten mit zunehmender Krankheitsdauer ab.
Dann kann es zu einem Anstieg der Erreger im Gehirn und zu lebensbedrohlichen Entzündungen kommen. Faktoren wie Fieber, Tumore, Infektionen, Vergiftungen, Hirninfarkte und andere Traumen, aber auch elektromagnetische Strahlungen können zu weiteren Einschränkungen der Barrierefunktion führen. Die Blut-Hirn-Schranke weist natürliche Lücken auf, zum Beispiel für eintretende Gehirnnerven wie die Riechnerven. Auch diese Schlupflöcher bergen die Gefahr, dass unerwünschte Moleküle aus dem Körper bis zum Gehirn gelangen.
Neuroinflammation
Bei gesunder BHS gelingt es nur einem Bruchteil von Erregern, die dichte Barriere zu durchdringen. Eine übermäßige multistressorische Gesamtlast wirkt sich über das vegetative Nervensystem jedoch ungünstig auf die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke aus und kann zu übermäßigen entzündlichen Immunreaktionen führen. Fachsprachlich wird die Entzündung des zentralen Nervensystems als Neuroinflammation bezeichnet. Anders als bei Entzündungen in der Peripherie treten bei einer Gehirnentzündung keine typischen Entzündungszeichen wie Schwellung, Rötung oder Schmerzen auf.
Zu den Gehirn-Entzündungen zählen z. B. Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Hirnentzündung) Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Herpes Simplex-Enzephalitis sowie Slow-Virus-Erkrankungen (z. B. Creutzfeldt-Jakob-Krankheit CJD).
„Bei einer Überstimulierung verhalten sich die Mikrogliazellen so irrational wie Verrückte mit einer Kalaschnikow. Sie scheuchen alles auf, was vorbeikommt und feuern mit ihren „Maschinengewehren“ 360 Grad um die eigene Achse, auch auf gesundes Hirngewebe.“
So drastisch schildert der renommierte Forscher und Kliniker Datis Kharrazian das Geschehen in seinem lesenswerten Buch Was ist bloß mit meinem Gehirn los? Weiter führt der Experte aus:
„Es muss betont werden, dass Mikrogliazellen nicht per se schlecht sind. Das Problem besteht darin, dass sie nicht gut in einem Milieu funktionieren, zu dem industriell verarbeitete, gentechnisch veränderte und entzündungsfördernde Nahrungsmittel, Schwermetalle, Bakterien, Umweltschadstoffe oder andere schädliche Substanzen gehören, die alle zu einer Steigerung ihrer Aktivität führen.“ 4.2/1 Kharrazian
| Hier gibt es Parallelen zu Cortisol. Auch das Stresshormon ist nicht per se „schlecht“, kann aber unter Dauerstress Schaden anrichten. In Kapitel 5.5 werden wir sehen, dass ähnliches auch für freie Radikale gilt. Auch sie schaden nur, wenn sie in Scharen auftreten.Es geht immer um ein Zuviel an Reizen/Stressoren, die nicht bewältigt werden können. |
Das Corona-Spike-Protein kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden
Von Beginn an zeigten COVID-19-Patienten neurologische Symptome, bis hin zu Schlaganfällen, sowie Geruchs- und Geschmacks-Ausfälle, oft auch noch Monate nach der akuten Infektion. Patienten berichten insbesondere über unklare Symptome wie Benommenheit, Verlangsamung der kognitiven Fähigkeiten, Gedächtnisprobleme und/oder Wortfindungsstörungen, die mit dem englischen Begriff „Brainfog“ („Gehirnnebel“) zusammengefasst werden. Für schwer Betroffene kann sich das wie eine beginnende Demenz anfühlen.
Die genauen Zusammenhänge werden derzeit noch erforscht, aber Autopsien verstorbener COVID-19 Patienten zeigten: Virusproteine konnten sowohl im Hirnstamm als auch in Nerven, die aus dem Hirnstamm entspringen, nachgewiesen werden. Das Spike-Protein des Coronavirus SARS-CoV-2 ist offenbar in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.
| VersäumnisseDie oben beschriebenen neurologischen Symptome sind schon lange bei ME/CFS-Patienten bekannt. Auch hier berichten betroffene Patienten überwiegend, dass sich die Krankheit postviral entwickelt hatte. Über Jahrzehnte wurde zu wenig geforscht, obwohl das von Interessengruppen wiederholt eingefordert wurde. Stattdessen wurde fälschlicherweise auf psychogene Zusammenhänge verwiesen. |
| ⇒ Weitere InformationenInternational Brain Barriers Society (IBBS)Die IBBS ist die weltweit größte Organisation von Wissenschaftlern, Klinikern, Postdoktoranden und Studenten, die sich dem Verständnis der biologischen Barrieren von Gehirn und Nervensystem widmen. 4.2/2 IBBS |
Kapitel 5 Entzündung, Teufelskreise und Mastzellen
Erreger und Fremdstoffe haben leichtes Spiel, wenn die Filterfunktionen unserer Grenzbarrieren aufgrund der multifaktoriellen Gesamtlast nicht aufrechterhalten werden können, das haben wir am Beispiel der Darmschleimhaut und der Blut-Hirn-Schranke gesehen.
| Chronisch-entzündliche ErkrankungenDie bekannten klassischen Chronischen Zivilisations-Erkrankungen/NCDs } Siehe Kapitel 1.1 sind, ebenso wie die – bislang weitgehend ignorierten – Erworbenen multisystemischen Komplex-Erkrankungen/EmKE chronisch-entzündliche Erkrankungen. |
Die NCDs sind Krankheiten, die parallel zur Industrialisierung entstanden sind und entstehen. Sie sind, laut WHO, „das Ergebnis einer Kombination aus genetischen, physiologischen, umweltbedingten und verhaltensbedingten Faktoren“. Das gilt gleichermaßen für die EmKE. Das Immunsystem ist daueraktiviert, keine Zelle, kein Gewebe, kein Organ – vom Kopf bis zum Fuß – ist vor Entzündung gefeit, es kommt über kurz oder lang zu Schädigungen. Vom Gehirn über den Zahn-Kieferbereich, die Blutgefäße, die Nervenmembranen im Rückenmark, über Darmentzündungen – bis hin zum diabetischen Fuß.
| Dabei macht das tüchtige, aber „altmodische“ Immunsystem alles richtig: Es bekämpft mit dem archaischen Tool, das ihm zur Verfügung steht – nämlich der Entzündung – potenziell Feindliches. Das hat über Jahrmillionen funktioniert. |
Das Immunsystem ist ein über den ganzen Organismus verteiltes, sehr komplexes und schlagkräftiges Netzwerk aus spezialisierten Immunzellen und im Blut gelösten Molekülen. Dennoch zeigt der enorme Anstieg der chronisch-entzündlichen Erkrankungen, dass der Einsatz letztlich dem aussichtlosen Kampf des Don Quijote gegen Windmühlenflügel gleicht. Das Immunsystem verausgabt sich. Wie bei der Stressantwort wird aus einem sinnvollen physiologischen Prozess ein pathologischer.
| Hier wie dort geht es um ein Zuviel, weil eine Strategie, die für Akut-Situationen entstanden ist, nun unlimitiert verläuft. |
Durch den Dauereinsatz verschwimmen die Grenzen zwischen Freund und Feind, zwischen Eigenem und Fremden, zunehmend wird auch eigenes Gewebe angegriffen – Autoimmun-Erkrankungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. } Siehe Kapitel 5.2.1
Langandauernde Infekte sind Ausdruck einer verminderten und ineffizienten Immunreaktion. Das folgende Zitat ist einem Artikel entnommen, in dem Dr. Volker von Baehr, Spezialist für Laboratoriums-Medizin, auf die Diagnostik insbesondere der verminderten Immunreaktionen/Immundefekte eingeht.
„Wenn man bedenkt, dass dieselben Zellen und Immunmechanismen sowohl für die positiven (gewollten) Immunantworten (z. B. Infektabwehr) wie auch für die krankmachenden Abwehrreaktionen (Allergie, Autoimmunität, chronische Entzündung) verantwortlich sind, wird deutlich, dass Regulation und Kontrolle die letztendlich wichtigsten Aufgaben eines gesunden Immunsystems darstellen.“ 5/1 Von Baehr
| Die Krise des ImmunsystemsDiese wichtigen immunologischen Aufgaben der Regulation und der Kontrolle sind unter den heutigen Lebens- und Umgebungsbedingungen, die zu einer chronifizierten/chaotisierten Immunaktivierung führen, nicht mehr gewährleistet. |

Abb. 5/1 Chronische Immunaktivierung
Das Immunsystem entscheidet nicht nur zwischen „fremd“ und „nicht-fremd“, sondern auch zwischen „tolerierbar/ungefährlich“ und „gefährlich“.
Chronisch entzündliche Erkrankungen
Entzündungsbedingte Fehlfunktionen nehmen in den Industriestaaten, insbesondere in Europa, Nordamerika und Ozeanien in erschreckendem Ausmaß zu. Allein in Deutschland leiden Millionen von Menschen unter chronisch entzündlichen Erkrankungen. Prof. Stefan Schreiber erklärt:
„Man weiß zum Beispiel, dass Menschen, die an Schuppenflechte, an Morbus Crohn oder an rheumatoider Arthritis erkrankt sind, später häufig auch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Das zeigen viele Studien. Aber warum ist das so? Das gilt es zu hinterfragen. Und wenn man das tut, dann ist man schnell an einem Punkt: das sind alles Entzündungen – das hängt alles zusammen. Entzündungsprozesse in Gefäßen begünstigen die Arteriosklerose; wenn daraufhin ein Gefäß im Herzen verstopft, kommt es zum Herzinfarkt; ist ein Gefäß im Gehirn betroffen, folgt der Schlaganfall. Im Darm verursachen Entzündungsprozesse die Krankheiten Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, in der Haut kommt es zu Schuppenflechte, In der Lunge zu Asthma. Auch Gelenke werden durch anhaltende Entzündungen zerstört. Das sind Krankheiten, die sich mit sehr unterschiedlichen Zeichen äußern – aber der unterliegende krankmachende Prozess, die chronische Entzündung, ist immer gleich. Das bestätigt auch die alltägliche klinische Erfahrung. Man muss nur genau hinschauen.“ 5/2 BMBF
NCDs zweiter Klasse
Zivilisations-Erkrankungen/NCDs sind chronisch-entzündliche Erkrankungen. Der „unterliegende krankmachende Prozess, die chronische Entzündung, ist immer gleich“ sagt Prof. Schreiber. Das gilt nicht nur für die NCDs, wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Psoriasis, Neurodermitis, Rheuma, Asthma, Parodontitis und Multiple Sklerose – sondern in gleichem Maß für die Erworbenen multisystemischen Komplex- Erkrankungen/EmKE.
| EmKE sind in den derzeitigen medizinischen Strukturen entweder kaum im Bewusstsein oder sie werden als psychogen fehldiagnostiziert. Sie sind statistisch kaum erfasst und werden bisher leider auch nicht bei Studien zu NCDs berücksichtigt.EmKE sind aufgrund ihrer Komplexität „Zivilisations-Erkrankungen zweiter Klasse.“ |
5.1 Das Immunsystem
Viel mehr als nur Abwehr
Mit Hilfe präziser Wahrnehmungs-Techniken kann unser Immunsystem unterscheiden, ob eine eingedrungene Bakterie eine Gefahr darstellt, die bekämpft werden muss, oder ob es sich dabei um eine nützliche Darmbakterie mit Bleiberecht handelt. Noch vor zwei Jahrzehnten wurde das Immunsystem auf diesen Abwehrmechanismus reduziert, der sich gegen „Fremdes“ und „Feindliches“ wehrt. Heute verstehen wir das Immunsystem als komplexes Wirkgefüge. Erkenntnisse aus den Verhaltens- und Neurowissenschaften lassen keinen Zweifel, dass immunologische Prozesse Auswirkungen auf unser Verhalten, unser Bewusstsein und auf den Energiestoffwechsel jeder einzelnen Zelle haben. Im Praxisalltag wird der zentrale Einfluss des Immunsystems weitgehend unterschätzt.
Der sechste Sinn
Die Fähigkeit des Immunsystems, unmittelbar auf Reize zu reagieren, die weder gehört, noch gesehen, noch geschmeckt, noch gerochen und auch nicht ertastet werden können, führte dazu, dass der Immunologe J. E. Blalock vorschlug, von einem immunologischen „sechsten Sinn“ auszugehen. Die enge Vernetzung über die gemeinsame Nutzung von Liganden und Rezeptoren ermöglicht es dem Immunsystem, beispielsweise das Nervensystem über aufgespürte Viren und Bakterien zu informieren, die für die klassischen Sinne nicht wahrnehmbar sind. 5.1/1 Blalock
Das angeborene und das erworbene Immunsystem
Die meisten Erreger werden schon gleich bei ihrem Eintritt in den Organismus von unserem angeborenen Immunsystem angegriffen und entsorgt. Kennen Sie die Comic-Helden Asterix und Obelix? Der angeborene Teil des Immunsystems lässt sich mit Obelix vergleichen – Feind erkennen und zuschlagen sind eins. Damit räumt der starke Gallier schon viele Römer aus dem Weg. Für die Feinarbeit tritt Asterix auf den Plan. Ähnlich arbeitet unser Immunsystem: Zuerst erscheinen die Makrophagen, sie werden auch Fresszellen genannt. Sie sind überall im Körpergewebe zu finden. Sobald sie Eindringlinge entdecken, greifen sie sie an – wie Obelix. Die Makrophagen umschließen den Eindringling und bilden eine sogenannte Antigen-präsentierende Zelle (APC) – um Helfer für die nun anschließende Feinarbeit herbeizurufen. Dann reagieren die T-Helferzellen (TH-Zellen), sie koordinieren die weitere Abwehrstrategie.
T-Helferzellen wurden in den 1990er Jahren im Rahmen der AIDS-Forschung entdeckt. Sie sind die „Asterixe des Immunsystems“, die den Erregern mit ausgefeilten Techniken zu Leibe rücken. Sie senden nun Botenstoffe aus, die dafür sorgen, dass die „Elitetruppen“ – z. B. die Natürlichen Killerzellen und die zytotoxischen T-Zellen – den Angreifer umzingeln und vernichten. T-Regulatorzellen haben die wichtige Aufgabe, sicherzustellen, dass T-Helferzellen und T-Suppressorzellen gut kooperieren, um die Immunreaktion auch wieder zu stoppen.
Das Immunsystem schützt uns so vor Krankheitserregern und Fremdstoffen. Ein gesundes Immunsystem unterscheidet zwischen fremd und eigen und zwischen Freund und Feind.
Das angeborene Immunsystem
| Zelluläres Immunsystem | Humorales Immunsystem |
| Monozyten/Makrophagen „Jeder Makrophage kann jedes Antigen attackieren “Granulozyten- Neutrophile (PMN)- Eosinophile- BasophileMastzellenNatürliche Killerzellen | DefensineOpsonineKomplementsystem |
Das spezifische Immunsystem
| Zelluläres Immunsystem | Humorales Immunsystem |
| T-Lymphozyten (sind spezialisiert auf die verschiedenen Antigene (= Erreger)CD4-Lymphozyten (Helferzellen)• TH-1-Helferzellen• TH-2-Helferzellen• CD25+/CD127- Treg-Zellen• TH-17-Helferzellen | CD8-Lymphozyten• CD8+CD28+ zytoxische T-Zellen (CTL)• CD8+CD28-suppressorische T-Zellen |
5.2 Infektionen und Entzündungen
Von einer Infektion (lat. īnficere „anstecken“, „vergiften“; wörtlich „hineintun“) sprechen wir, wenn es Krankheitserregern gelingt, in einen sogenannten Wirt einzudringen, um sich dort zu vermehren. Infektionen können durch jegliche Art von Fremdkörpern ausgelöst werden, z. B. durch:
Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten.
Bei sog. endogenen (also im Körper entstandenen) Infektionen stammen die Erreger aus der körpereigenen Flora, z. B. aus der Darm- oder Hautflora.
Nicht jede Infektion ruft Beschwerden hervor, manchmal verlaufen sie auch völlig unbemerkt. Dann spricht man von einer stummen oder symptomlosen Infektion. Das erleben wir derzeit im Rahmen der Corona-Pandemie: Viele Betroffene mit positive Testergebnis zeigen keine oder nur moderate Symptome.
Die Medizin unterscheidet verschiedene Infektionsarten
Primärinfektion (Erstinfektion): Sie entsteht, wenn unser Immunsystem zum ersten Mal mit einem spezifischen Krankheitserreger in Kontakt kommt.
Sekundärinfektion: Sie entsteht, wenn zusätzlich zu einer ersten Infektion eine zusätzliche zweite mit anderen Erregern erfolgt. Eine solche „Doppelinfektion“ ist im Verlauf heftiger und schwerer zu therapieren.
Superinfektion (Suprainfektion): Der Patient leidet unter einem viralen Infekt, der das Immunsystem schwächt. Auf dieser Grundlage kommt es zu einer weiteren Infektion mit Bakterien.
Reinfektion: Wiederansteckung mit dem gleichen Erreger nach Abheilen einer Erstinfektion.
Nach einer Infektion ist der Organismus für eine gewisse Zeit geschwächt. Diese Schwächung kann über Stunden oder Tage gehen. Wenn Sportler sich in dieser Zeit Hochleistungen abfordern, riskieren sie eine Herzmuskelentzündung, die tödlich enden kann.
Ohne Entzündungen können wir nicht überleben
Die Entzündung oder Inflammation (lat. Inflammatio) ist der stufenweise Abwehrmechanismus unseres Immunsystems gegen innerkörperliche und äußere Reize. Stoffliche Erreger werden angegriffen, inaktiviert und bestenfalls entsorgt, bei nicht-stofflichen Reizen (z. B. elektromagnetische Strahlung) ist die Verteidigung komplizierter. Jede Zelle hat auf ihrer Membran Sensoren, die Infektionserreger aufspüren. Im menschlichen Organismus sind z. B. ständig Krebszellen vorhanden. Durch Entzündungsprozesse werden sie kontrolliert und ausgemerzt. Die Reize, die eine Entzündung auslösen, lassen sich grob in vier Klassen unterteilen:
Mechanische Reize wie Druck und Hitze; stumpfe Traumen, bei denen die Haut nicht durchdrungen wird; offene Wunden.
Chemische Stoffe und Schwermetalle.
Biologische Reize, z. B. Pilze oder Bakterien, eigene geschädigte Zellen.
Nicht-stoffliche Reize (Strahlen, Elektrosmog)
In unserem Organismus laufen ununterbrochen und unbemerkt minimale Aktivierungsprozesse ab, Mikro-Entzündungsreaktionen, die physiologisch nach erfolgreicher Abwehr durch entzündungshemmende Zytokine wieder zurückgefahren werden.
| Entzündungen sind die unverzichtbare Abwehr gegen Eindringlinge jeder Art, sie heilen und regenerieren. Ohne Entzündungen könnten wir nicht überleben, sie helfen uns, auf potenziell gefährliche physikalische, chemische oder biologische Reize oder Krankheitserreger zu reagieren. |
Die klassische Entzündung
Wenn sich ein Splitter in Ihre Fußsohle verirrt hat, kann es zu einer lokalen Entzündung kommen. Diese Art von Entzündung ist wahrnehmbar, sie haben die fünf Entzündungszeichen sicherlich schon erlebt:
Rötung = lat. rubor
Überwärmung = lat. calor
Schwellung = lat. tumor
Schmerz = lat. dolor
eingeschränkte Funktion = lat. functio laesa
Diese Symptome entstehen durch die massive Ansammlung von Immunzellen und Flüssigkeit und die verstärkte Durchblutung der entzündeten Körperstelle. Die Schwellung drückt auf die Nervenenden und verursacht während des Heilungsprozesses Schmerzen und Berührungsempfindlichkeit. Akute Virusinfekte können bei Leistungssportlern im Training oder beim Wettkampf zum Tod führen.
| Der klassische/Makrophagozytäre Entzündungsprozess hat einen Beginn, einen Höhepunkt und eine Phase der Ausheilung. Diese Prozesse laufen koordiniert ab. Pro-und antiinflammatorische Zytokine arbeiten dabei „Hand in Hand“ mit Hormonen und Neurotransmittern. |
Dieser „Reparaturprozess“ geht stufenweise vor sich und braucht etwa vier Wochen vom Entstehen bis zum Abklingen. Das lässt sich mit dem Ablauf bei der Fahrdeckenerneuerung auf der Autobahn vergleichen – jeder Schritt baut auf dem vorhergehenden auf.
Entzündungskrankheiten werden mit der griechischen Endung -itis gekennzeichnet, wie z. B. Gastritis oder Arthritis. Entzündungen können überall entstehen: in den Zellen, in Organen, im Bindegewebe, in den Transportsystemen (Blut- und Lymphbahnen), in den Gelenken. Arteriosklerose entsteht durch die Oxidation/Entzündung von Lipid-Proteinen an der Gefäßwand.
Drei physiologische Entzündungswege
Es werden (nach Volker von Baehr, IMD Berlin) drei physiologische Entzündungswege unterschieden, die je nach Erreger aktiviert werden:
1 Die Monozytäre/Makrophagozytäre Entzündung. Hier werden die Fresszellen (fachsprachlich Makrophagen) aktiv. Sie reagieren u.a. auf Bakterien, Pilze oder Partikel. Sie schütten TNF-alpha, IL-1 und weitere Signalstoffe aus.
2 Die Lymphozytäre Entzündung führt zu einer Immunaktivierung. Die T-Lymphozyten werden durch Viren, intrazelluläre Bakterien oder durch Tumorzellen aktiviert. Sie schütten IFN-gamma und weitere Signalstoffe aus. } Siehe Kapitel 5.4
3 Entzündung durch Mastzellen, fälschlicherweise werden Mastzellen meist nur mit der allergischen Entzündung in Verbindung gebracht. Mastzellen reagieren u.a. auf Allergene, Bakterien, Pilze oder Medikamente. Mastzellen können 200 verschiedene Botenstoffe ausschütten, insbesondere Histamin. } Siehe Kapitel 12
Die Antigen-Antikörper-Reaktion
Antigene sind Substanzen, die vom Organismus aufgrund ihrer Oberflächenstruktur als fremd erkannt werden und dadurch eine spezifische Reaktion des Immunsystems auslösen. Mit Hilfe eines ausgeklügelten Schlüssel-Schloss-Prinzips werden sie durch Antikörper (Immunglobuline) gebunden. Antigen und Antikörper bilden dann den sogenannten Immunkomplex. Kleinere Immunkomplexe werden rasch über die Leber abgebaut, größere, z.T. stark vernetzte Immunkomplexe können sich ablagern und schädigend wirken.
Entzündungen auf Wanderschaft
Lokale Entzündungen können den Infektionsort verlassen. Ob eine Entzündung sich lokal begrenzt oder systemisch auswirkt, hängt vom Auslöser, aber auch vom Immunsystem des Patienten ab. Erreger können uns primär krank machen, wie z. B. eine akute Herpesinfektion, die zu einer Gürtelrose führt. Im weiteren Verlauf können sie nachhaltig die Abwehr schwächen – dann ziehen Erst-Erkrankungen Folge-Erkrankungen (Sekundär-Erkrankungen) nach sich. So ist z. B. bei schwangeren Frauen das Risiko einer Fehlgeburt um das 7-fache erhöht, wenn sie eine Parodontitis (Zahnfleisch-Entzündung) haben.
Was geschieht bei Fieber?
„Gebt mir die Macht, Fieber zu erzeugen, und ich vermag jede Krankheit zu heilen.“
Parmenides, griechischer Arzt und Philosoph.
Schon zu Parmenides’ Lebzeiten (540–480 v. Chr.) wusste man um die heilende Kraft des Fiebers. Fieber ist der Versuch des Körpers, die Selbstregulierungskräfte wieder in Schwung zu bringen, den Körper also „umzustimmen“. Das übermäßige Schwitzen bewirkt, übrigens vergleichbar mit Erbrechen oder Durchfall, eine Ausleitung von Krankheitsstoffen und eine Aktivierung des Stoffwechsels. Viele Patienten mit (komplexen) Multisystem-Erkrankungen fiebern auffällig selten. Diese fehlende Heilreaktion begünstigt das chronische Krankheitsgeschehen.
Eine US-amerikanische Studie, die im Januar 2020 veröffentlicht wurde, zeigt, dass die durchschnittliche Körpertemperatur der Menschen in den Industrieländern in den letzten etwa 150 Jahren um etwa ein halbes Grad Celsius gesunken ist. 5.2/1 Protsiv et al.
5.2.1 Was sind Autoimmun-Erkrankungen?
Weltweit sind derzeit ca. 5–8 % der Bevölkerung von ungefähr 80–100 verschiedenen Autoimmun-Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus Typ 1, Multiple Sklerose) betroffen. Mit steigender Tendenz.
Bei Autoimmun-Erkrankungen kann das Immunsystem nicht mehr zwischen „fremd“ und „selbst“ (auto) unterscheiden und greift eigene, gesunde Strukturen und Gewebe an. Eine unbehandelte Autoimmun-Erkrankung kann zu sehr schweren Entzündungs-Reaktionen führen. Organspezifische Autoimmun-Erkrankungen treten z. B. in Schilddrüsen-, Haut- Nerven- oder Darm-Strukturen auf. Systemische Autoimmun-Erkrankung sind nicht-organspezifisch, dazu gehören z. B. die Rheumatoide Arthritis (chronische Polyarthritis, „Gelenkrheuma“); Lupus erythematodes (SLE) oder Sklerodermie (Bindegewebsverhärtung von Haut, Gefäßen und inneren Organen). Autoantikörper sind Antikörper (Immunglobuline), die sich gegen körpereigenes, gesundes Gewebe richten.
Deutsche Autoimmun-Stiftung
Die Deutsche Autoimmun-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, die Förderung der Erforschung und Behandlung aller Autoimmun-Erkrankungen maßgeblich zu unterstützen. 5.2.1/2 Deutsche Autoimmun-Stiftung
5.2.2 Was sind Allergien?
Eine Allergie ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf spezifische allergieauslösende Stoffe aus der Umwelt (= Allergene). Einer allergischen Reaktion geht immer eine Sensibilisierung voraus. Prinzipiell kann jede Substanz zu einem Allergen werden, die häufigsten sind: Hausstaub/Milben, Pollen (Heuschnupfen), Tierhaare, Nahrungsmittel, Medikamente, Parfüm/Kosmetika oder Metalle. In Deutschland leidet jeder Siebte unter einer Allergie. Allergien verursachen geschätzt zwischen 55 und 151 Milliarden Euro an jährlichen Kosten.
Nicht immer ist klar, welche Substanz die Allergie auslöst, das erschwert die Diagnostik.
Als Folge des Kontakts mit dem Allergen entstehen Symptome wie Juckreiz oder Niesattacken oder auch allergisches Asthma. Magen-Darm-Beschwerden und weitere Hautreaktionen sind möglich. Im Extremfall kann es zu einer potenziell lebensgefährlichen anaphylaktischen Reaktion kommen.
Bei allergischen Reaktionen werden unmittelbar nach dem Allergen-Kontakt neben der Bildung von Antikörpern zusätzlich weitere Substanzen aus Mastzellen freigesetzt, die zu Entzündungen im Körpergewebe führen.
Als Atopie wird eine Überempfindlichkeit mit Allergie-Reaktionen auf an sich harmlose Substanzen bezeichnet. Der sogenannte atopische Marsch beschreibt das schrittweise Eintreten zusätzlicher allergiebedingter Erkrankungen, wie z. B. Nahrungsmittelallergien oder allergische Rhinitis. Aus einem Heuschnupfen wird nach dem Etagenwechsel in die Lunge häufig bronchiales Asthma.
UNIKA-T
Das Universitäre Zentrum für Gesundheitswissenschaften am Klinikum Augsburg/UNIKA-T ist ein Forschungsverbund mit den Schwerpunktthemen Health Care Operations/Health Information Management, Umweltmedizin und Epidemiologie. Studienergebnisse aus diesem Projekt wurden im Fachjournal Aerobiologia unter dem Titel Pollen allergy and health behaviour: patients trivializing their disease veröffentlicht. 697 Allergikerinnen und Allergiker aus der Region Augsburg hatten im Jahr 2016 an einer Umfrage teilgenommen, für die ein Fragebogen mit Bezug auf Pollen-Allergie entwickelt wurde. Die Wissenschaftler stellten u.a. fest, dass etwa 73 % aller an der Umfrage beteiligten Personen regelmäßig Medikamente gegen ihre Allergie-Symptome einnahmen; mehr als die Hälfte davon ohne ärztlichen Rat. Die Autoren konstatierten:
„Trotz der weltweiten Zunahme an Häufigkeit und Symptomatik allergischer Erkrankungen und trotz in der Folge gesundheitlicher und sozio-ökonomischer Auswirkungen, trivialisieren und unterschätzen viele allergische Individuen ihre Krankheit und behandeln diese falsch – immer noch, bis heute.“
Als einzig ursächliche Therapie gegen Pollen-Allergien wird von den Autoren die Allergie-Spezifische Immuntherapie (auch Hyposensibilisierung) bewertet – die aber nur von weniger als 30 % der Allergikerinnen und Allergiker in Anspruch genommen wird. Dabei wird der Körper über eine gewisse Zeit an das Allergen „gewöhnt,“ das Immunsystem wird wieder desensibilisiert. Bei Pollen liegen die Erfolgschancen bei etwa 70 Prozent. 5.2.2/1 UNIKA-T
Klimawandel und Allergie
Claudia Traidl-Hoffmann, UNIKA-T-Professorin für Umweltmedizin und Direktorin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, wies im Rahmen einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages darauf hin, dass im Zuge des Klimawandels mit einer weiteren Steigerung der Anzahl von Betroffenen zu rechnen sei.
Prof. Traidl-Hoffmann forderte die Verbesserung präventiver und kurativer Maßnahmen. Unter anderem sollten Disease Management Programme, wie sie für andere chronische Erkrankungen bereits ausgearbeitet wurden, auch für Allergien und Neurodermitis etabliert werden, um das Krankheitsmanagement und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, so die Medizinerin. 5.2.2/2 Traidl-Hoffmann
„Der Klimawandel macht krank. Steigende Temperaturen verlängern die Pollensaison. In Kombination mit der Luftverschmutzung und besonders mit Gewittern platzen die Pollen durch die elektrostatische Aufladung der Luft, und die Bruchstücke gelangen tiefer in die Lunge.“ 5.2.2/3 von Hirschhausen
| Hochrechnungen gingen davon aus, so der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen in seiner Kolumne Hirschhausens Hirnschmalz weiter, dass im Jahr 2025 50 % der Menschen in Europa an Allergien leiden werden – insbesondere Kinder. |
Invasive Pflanzen, die der Klimawandel mit sich bringt, sind zum Teil hochallergisch: Bis zu eine Milliarde Pollen setzt die Ambrosia artemisiifolia /das Beifußblättrige Traubenkraut frei. Fünf davon genügen, um eine allergische Reaktion hervorzurufen. Ambrosia-bedingte Arbeitsausfälle kosten jährlich hunderte Millionen Euro.
Diagnostik: 4 Allergietypen
Meist wird unter dem Begriff Allergie nur die sogenannte Typ I-Allergie z. B. gegen Pollen, Insektengifte, Hausstaubmilben oder Tierallergene verstanden. Allergische Reaktionen können jedoch verschiedenen Stoffwechselpfaden folgen. Dabei werden vier Allergietypen unterschieden, die sich durch den jeweiligen Pathomechanismus, der Zeitspanne und in den Symptomen unterscheiden.
Der Organismus bildet je nach Typ unterschiedliche Abwehrstoffe:
Typ I-Allergie: IgE-Antikörper, Histaminfreisetzung aus Mastzellen und Basophilen (Sofortreaktion), Leukotriensynthese (Spätreaktion)
Typ II- und III-Allergie: IgG- und IgM-Antikörper
Typ IV-Allergie: spezifische T-Lymphozyten.
Die üblicherweise verwendete Allergie-Diagnostik (Pricktest, Spez. IgE im/CAP-RAST oder der Basophilen-Degranulationstest/BDT) deckt nur den Typ-I Allergietyp ab – für Typ II bis IV sind andere diagnostische Untersuchungen nötig!
| ⇒ Weitere InformationenAllum – Allergie, Umwelt und Gesundheit„Sie interessieren sich für Umweltstoffe/Umweltschadstoffe und andere Einflüsse der Umwelt auf die Gesundheit? Für Allergien, Asthma, Heuschnupfen, Nesselsucht oder Neurodermitis? Das umweltmedizinische Portal Allum® antwortet verständlich und praxisnah auf Ihre Fragen.“ Zitat aus der Webseite. 5.2.2/4 Allum |
5.2.3 Was ist eine Sepsis?
| Die Sepsis ist, wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall, ein Notfall, bei dem sofort medizinisch gehandelt werden muss. |
Die Beschwerden sind unspezifisch, deshalb wird eine Sepsis oft nicht diagnostiziert: Hohes, mit Schüttelfrost einhergehendes Fieber ist charakteristisch. Es gibt jedoch auch Patienten, bei denen die Temperatur normal ist oder nur leicht erhöht. Der Puls ist schwach und schnell. Die Haut ist blass, bläulich, feucht und kalt. Ist das Gehirn betroffen, wirken die Patienten unruhig und verwirrt.
Innerhalb der ersten Stunde, besser noch halben Stunde, muss die antiinfektiöse Therapie/Antibiotikagabe eingeleitet werden, der Kreislauf muss stabilisiert werden und eine Fokus-Sanierung erfolgen, um den Infektionsherd zu beseitigen. Die Aufrechterhaltung der Organfunktionen muss gewährleistet werden. Jede weitere Stunde ohne Behandlung verschlechtert die Prognose. Das bedeutet, dass Laborbefunde erst nach der Akutbehandlung vorliegen.
Nur bei einem Drittel der Patienten können die spezifischen Erreger tatsächlich nachgewiesen werden. Es gibt derzeit keinen Biomarker/Laborwert, der aussagt, ob eine Sepsis vorliegt oder nicht. Der Diagnoseschlüssel für die Sepsis wird deshalb vermutlich zu selten verwendet – die Dunkelziffer für das Auftreten und für Sepsis als Todesursache dürfte erheblich sein.
Schnelldiagnosetest für Sepsis
Das Screening-Tool qSOFA, soll eine Verdachtsdiagnose am Krankenbett ohne Laborwerte beziehungsweise außerhalb der Intensivstation ermöglichen. Die Kriterien sind:
Abfall des systolischen Blutdrucks auf 100 mmHg oder weniger,
Bewusstseinsveränderung entsprechend einem Wert von weniger als 15 auf der Glasgow-Koma-Skala und
ein Anstieg der Atemfrequenz auf über 22 pro Minute. 5.2.3/1 Singer
Weit überwiegend entsteht die Sepsis als Folge alltäglicher Infektionen vor allem durch Bakterien (z. B. Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae, Staphylococcus aureus, Escherichia coli, Salmonella-Spezies und Neisseria meningitidis), aber auch durch Pilze (z. B. Candida), Viren (z. B. Influenzaviren) oder Parasiten. Bei etwa der Hälfte der Sepsis-Patienten ist nicht eine Wunde, sondern eine Lungenentzündung der Auslöser. Sepsis tritt auch in Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen auf.
„Blutvergiftung“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für die Sepsis. Der oft beschriebene „rote Strich“, der von einer Wunde ausgeht, ist keine Sepsis, sondern deutet auf eine Entzündung der Lymphbahnen hin, die behandelt werden muss. Daraus kann sich eine Sepsis entwickeln.
Ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere für Ältere, Patienten mit Vorerkrankungen und für Kinder im ersten Lebensjahr. Sepsis ist mittlerweile die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und der häufigste Grund für Todesfälle in den Intensivstationen der Krankenhäuser. Tag für Tag sterben derzeit in deutschen Krankenhäusern mehr als 250 Menschen an einer Sepsis.
Systemisches inflammatorisches Response-Syndrom
„Systemisches inflammatorisches Response-Syndrom“ („Systemic Inflammatory Response Syndrome, SIRS) ist der medizinische Fachbegriff für eine körpereigene entzündliche Abwehrreaktion des Gesamtorganismus. SIRS ähnelt der Sepsis, aber es ist keine Infektion nachweisbar. Verursacht wird eine SIRS z. B. durch Verletzungen, Verbrennungen, schwere Blutungen, Ischämie oder durch eine Anaphylaxie (potenziell lebensbedrohliche systemische Immunreaktion).
Was ist ein Zytokinsturm?
Im Zusammenhang mit COVID-19 Infektionen ist in Berichten von einem „Zytokinsturm“ die Rede. Das ist eine schwere Verlaufsform des sogenannten „Zytokin-Freisetzungssyndroms“/CRS. Zytokine sind Proteine, die im Körper die Abwehr von Krankheitserregern steuern. } Siehe Kapitel 5.4 Proinflammatorische Zytokine aktivieren die Immunantwort, antientzündliche sorgen für eine Downregulation. Der Zytokinsturm umschreibt eine potenziell lebensgefährliche, akut auftretende Überreaktion des Immunsystems – eine „Ganzkörper“-Entzündungsreaktion mit Beteiligung mehrerer Organe. Das Übermaß proinflammatorischer Zytokine kann zu Atemnot, zu Thrombosen oder zu akutem Lungen- oder Nierenversagen führen. Das Entzündungsgeschehen kann sich über weitere Organe ausbreiten und schließlich zum multiplen Organversagen führen.
| ⇒ Weitere InformationenSepsisTim-Julian Schneider blickt in seinem Artikel vom 13.09.2020 mit dem Titel 94.000 Tote jährlich – Warum sterben so viele an einer Sepsis? kritisch auf den gesundheitspolitischen Umgang mit dieser Erkrankung. 5.2.3/2 SchneiderSepsis neu definiertWick-Urban, Bettina Sepsis neu definiert. 02.07.2018 Pharmazeutische Zeitung Ausgabe 27/2018. 5.2.3/3 Wick-UrbanDeutsche Sepsis-HilfeDie Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. ist die weltweit erste Organisation für an Sepsis erkrankte Menschen, sowie deren Angehörige oder Hinterbliebene. 2007 wurde sie aus dem Kreis einer Betroffeneninitiative gegründet. 5.2.3/4 Deutsche Sepsis-Hilfe e.V.CAPNETZ – gemeinsam gegen die Lungenentzündung„Dass in Zukunft weniger Menschen an einer Lungenentzündung erkranken und vor allem erheblich seltener daran sterben“ – dies ist das erklärte Ziel von CAPNETZ. 5.2.3/5 CAPNETZ |
5.3 Silent Inflammation – die unterschwellige Entzündung
| Ungebremste VerteidigungDie Wucht heutiger wahrnehmbarer und unterschwelliger Reizfaktoren aktiviert permanent proentzündliche Botenstoffe und Abwehrzellen. Die Antwort auf das Trommelfeuer der Reize ist ein Trommelfeuer von Entzündungsprozessen. Jetzt reichen vier Wochen für einen Entzündungsprozess nicht mehr aus. Der Organismus „entflammt“ dauerhaft. |
Die anfangs noch kräftige Gegenwehr wird zunehmend lauer. Patienten leiden dann nicht mehr an der akuten Form z. B. des Pfeifferschen Drüsenfiebers, sondern an einer chronischen, fieberlosen Form. Diese chronischen Entzündungsprozesse machen sich nicht wie akute, lokale Entzündungen durch die fünf Entzündungszeichen bemerkbar und sie folgen keinem erkennbaren mehrstufigen Prozess: Keine Rötung, keine Schwellung macht auf das heimliche Geschehen aufmerksam.
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