Kitabı oku: «Joli - Eine lustige Affengeschichte»
Joli
Josephine Siebe
Impressum
Instagram: mehrbuch_verlag
Facebook: mehrbuch_verlag
Public Domain
(c) mehrbuch
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Erstes Kapitel. Auf dem Feldburger Jahrmarkt.
Zweites Kapitel. Im Gärtnerhaus.
Drittes Kapitel. Ein gestörtes Weihnachtsfest.
Viertes Kapitel. Es geht übers Weltmeer.
Fünftes Kapitel. Im Urwald.
Sechstes Kapitel. In der neuen Heimat.
Siebentes Kapitel. Fabian baut Möbel, und ein Gast kommt.
Achtes Kapitel. Schelm Bimbos Abenteuer.
Neuntes Kapitel. Bimbo sieht und erlebt allerlei im Menschenhaus
Zehntes Kapitel. Was Joli seinem neuen Freund erzählt.
Elftes Kapitel. Bubele und Babele kommen zur Affengroßmutter.
Zwölftes Kapitel. Joli erhält seine Freiheit wieder.
Dreizehntes Kapitel. Wieder im Urwald.
Vierzehntes Kapitel. In die Heimat zurück.
Erstes Kapitel.
Auf dem Feldburger Jahrmarkt.

In Feldburg war Jahrmarkt. Das war ein Leben! In den Straßen der kleinen Stadt herrschte ein solches Gedränge, daß der Kaufmann Schulz an der Ecke, der weit gereist war, sagte: »In Berlin in der Friedrichstraße ist es still dagegen!« Aus der Umgegend waren viele Landleute gekommen mit Wagen und Pferden oder zu Fuß, große Körbe tragend; alle wollten sie auf dem Jahrmarkt einkaufen und sehen, was es da zu sehen gab.
»Potztausend ja, man möchte dort hinten und vorn, oben und unten vier Augen haben,« sagte der dicke Schulze aus Oberheudorf, als er erst einen Stoß in den Rücken bekam und nachher beinahe in einen Kinderwagen fiel. Es war aber auch wirklich viel zu sehen auf der Festwiese; Stadtleute und Landleute staunten, so einen wundervollen Jahrmarkt hatten sie alle noch nicht gesehen. Es gab Schaubuden aller Art, ein Zaubertheater, eine Taucherbude, eine, in der ein Mann Feuer und zerschlagene Gläser verspeiste, als wäre es Schlagsahne mit Kuchen. Eine kleine Menagerie war auch da, dazu Karusselle und Würstelbuden, und für zehn Pfennig konnte sich jemand dick und voll an Pfefferkuchen essen oder drei Blechlöffel kaufen, wozu er gerade Lust hatte. Ein Ausrufer verkündete die spaßigsten Sachen, eine dicke Frau hatte Berge von Pfannkuchen, und ein Mann mit roten Luftballons schrie jeden Menschen an: »Ein Jahrmarkt ohne Ballon ist kein Jahrmarkt! Aufgepaßt, meine Herrschaften, so schöne Ballons finden Sie nicht wieder!«
Leierkasten dudelten, vor der Menagerie kreischten zwei Papageien, die Händler priesen laut ihre Waren an, Buben und Mädel lachten und schrieen, – es war ein ohrenzerreißender Lärm. »Es ist zum Davonlaufen!« sagte eine dicke Obstfrau, die so eingekeilt zwischen zwei Buden saß und so von Menschen umdrängt wurde, daß sie sich nicht mehr rühren konnte.
Zwei Kinder, die vor ihr standen, lachten darüber. »Aber Mutter Wicherten,« sagte das Mädchen, ein feines kleines Ding mit lichtblondem Haar und veilchenblauen Augen, »es ist doch schön hier, so lustig geht es zu!«
»Schön? Papperlapapp! Schön ist es draußen in eurem Garten, Lieselinchen,« sagte die Obstfrau. »Aber freilich, in eurem Alter bin ich auch bis auf die Kirchturmspitze gesprungen, wenn ich auf einen Jahrmarkt durfte, das ist nun mal so.«
Bruder und Schwester lachten laut auf, denn der Gedanke, die dicke Mutter Wicherten könnte auf einen Kirchturm springen, kam ihnen sehr komisch vor. Diese lachte selbst herzhaft mit. Dann ermahnte sie die Kinder: »Nun geht nur, schaut euch alles gut an und kauft ein. Habt ihr denn Geld?«
»Na ob,« riefen beide strahlend, und der Bube, blondlockig wie die Schwester, aber mit braunen Augen, erzählte wichtig: »Lieselinchen hat von der Frau Pate zu ihrem Geburtstag einen Taler für den Jahrmarkt geschenkt bekommen, sie soll sich dafür kaufen, was sie will.« »Nun, und was willst du, ein Königreich oder einen Pfefferkuchenberg?« neckte Mutter Wicherten.
»Nein, einen neuen blauen Wagen,« sagte Lieselinchen. »Wir haben von den Eltern noch eine Mark bekommen, und zwanzig Pfennig habe ich noch, und da wollen wir uns einen Wagen kaufen.«
»So ist's recht,« meinte die Obstfrau, »immer zusammen die Freude genießen!«
Die Geschwister sahen sich ganz erstaunt an; es war doch selbstverständlich, daß sie alles zusammen taten und sich über alles zusammen freuten. Sie hielten es stets so, da kam es ihnen gar nicht als etwas Besonderes vor.
»Na, dann lauft nur und kauft ein, aber seht euch vor, daß aus eurem Wagen nicht etwas anderes wird und ihr nicht vielleicht mit einem Kaffeegeschirr, einem Löwen oder einem Affen nach Hause kommt,« ermahnte Mutter Wicherten. »Ich habe mal einen Mann gekannt, der wollte sich eine Pfeife kaufen, und dann kam er mit einer Wanduhr heim, und das nächste Mal sollte er seiner Frau eine Teekanne mitbringen und kam mit einem Stiefelknecht an; ja, so geht es manchmal!«
Die Kinder kicherten fröhlich, und Dietrich sagte: »So etwas tun wir nicht, wir fahren nachher mit dem Wagen an dir vorbei, Mutter Wicherten, da kannst du ihn gleich bewundern.« Damit liefen Bruder und Schwester davon, denn sie wollten ihren Wagen bald haben. Die Mutter wollte mit den beiden Kleinen, mit Max und Barbara, nachkommen, und die sollten schon im neuen Wagen gefahren werden.
Aber so schnell kam es nicht zum Kauf. Zu vieles war zu sehen, zu groß war oft das Gedränge. Vor der Menagerie lud ein Hanswurst zum Eintritt ein, und Lieselinchen und Dietrich hörten eine Weile seinen lustigen Reden zu. Auf einmal aber bemerkte Lieselinchen ein kleines braun-schwarzes Tier, das unter einem der grünen Wagen, die neben der Menagerie standen, kauerte. »Sieh doch, Dietrich,« rief sie und zeigte auf das Tierchen. Doch schon hatten es zwei größere Buben erblickt. »Ein Affe, ein Affe!« brüllten sie, und »Ein Affe, ein Affe!« schrieen ein paar andere nach. »Wo kommt er her? Er ist entsprungen!« – »Fangt ihn, fangt ihn!« riefen drei, vier Stimmen. Aus der Menagerie stürzte plötzlich eine sehr bunt und seltsam aufgeputzte Frau, ihr folgte der Hanswurst, und beide schrieen aufgeregt: »Unser Affe, unser Affe! Joli, Joli, du abscheuliches Tier, wo bist du denn?«
Dem Äffchen wurde himmelangst. Die vielen schreienden Menschen schüchterten es ein, und eilig entfloh es und kletterte pfeilschnell an der Leinwand der Bude hinauf.
»Haltet ihn, haltet ihn!« jammerten die Menageriedame und der Hanswurst, und sämtliche Buben brüllten ihnen nach: »Haltet ihn, haltet ihn!«
Aber so leicht war der kleine Ausreißer nicht zu halten, er war ein gar gewandter Kletterer. Etliche Buben versuchten, an den luftigen Wänden der Bude hinaufzuklettern, doch diese geriet so ins Schwanken, daß entsetzt ein paar verständige Männer die Buben packten und zurückhielten, sonst wäre vielleicht die ganze Menagerie zusammengefallen.
»Joli, Joli, süßer Joli!« flehte die Menageriedame. »Komm doch wieder, mein Liebling, du bekommst auch Zucker!« »Haue bekommst du, du Biest!« schrie der Hanswurst, der auf einmal gar nicht mehr lustig, sondern wütend und böse aussah.
»Vor dem Hanswurst kann man sich fürchten,« flüsterte Lieselinchen ihrem Bruder ängstlich zu.
»Der arme kleine Affe,« murmelte der, »wenn sie ihn fangen, bekommt er Schläge.«
»Man muß die Feuerwehr holen und den Ausreißer tüchtig naß spritzen lassen, dann kommt er schon zurück,« riet ein Mann.
In diesem Augenblick sah Dietrich neben sich zwei boshaft funkelnde Augen, hörte ein hämisches Lachen, und schon sauste ein Stein über die Köpfe der Menge hinweg nach dem Dach der Bude. Ein vielstimmiger Schrei ertönte, einige Leute duckten sich, andere flohen unwillkürlich, von oben herab aber rollte ein kleiner brauner Körper in die Menge hinunter – das Äffchen.

»Aber John, o John, was hast du getan!« schrie die Menageriefrau. Sie stürzte auf das Tierchen zu und hob es schluchzend auf.
Der Hanswurst lachte: »Ach was, der Denkzettel schadet dem unnützen Kerl nichts, er hat mich genug geärgert!«
»Pfui, aber pfui, so ein schlechter Mensch!« rief Mutter Wicherten hinter ihren Obstkörben hervor. Andere Stimmen fielen ein, und alle schalten auf den Hanswurst. Die Frau aber klagte: »Er stirbt, unser Joli stirbt! Ach, woher bekomme ich nur gleich einen andern Affen!«
Dietrich und Lieselinchen waren aufgeregt bis dicht an die Bude getreten, und Lieselinchen streckte unwillkürlich dem verwundeten Tier eine goldgelbe Birne hin, die sie in der Tasche hatte. Einige Sekunden lang öffnete Joli, dem das Blut über das Körperchen rann, seine Augen und sah mit einem unbeschreiblich traurigen Blick die Kinder an, ohne die Birne anzurühren.
»Geben Sie ihn uns, wir wollen ihn gesund pflegen,« rief Dietrich mitleidig. Blitzschnell dachte er daran, daß er daheim schon einmal einen kranken Hund gesund gepflegt und daß niemand darüber gescholten hatte. Er und Lieselinchen hatten auch schon einmal einen halbtoten Raben heimgenommen, den sie auf dem Felde gefunden hatten, und der war auch gesund geworden. Ach, vielleicht würde es ihnen hier auch gelingen.
»Das nützt nichts mehr, Bube,« sagte der dicke Schulze aus Oberheudorf, der sich durchgedrängt hatte und nun breitbeinig vor der Bude stand.
»Vielleicht doch,« flüsterte Lieselinchen, der die hellen Tränen über die Backen liefen.
Dem Hanswurst war seine rasche Tat längst leid geworden; er bereute, was er im Zorn getan hatte, nicht aus Mitleid, sondern weil ihm das Geld leid tat, das ein neuer Affe kosten würde.
»Vielleicht kauft das kleine Fräulein unsern Joli, wir geben ihn billig ab,« sagte er etwas spöttisch.
»Haha, das ist ein Spaß!« lachte der Oberheudorfer Schulze. »Was soll er denn kosten? Ist 'ne Million genug?«
»Drei Mark,« rief der Hanswurst rasch und schaute sich um. Vielleicht war jemand so töricht und gab das Geld für das halbtote Tier.
Die Leute lachten. Ein kleiner, frecher Bube rief: »Einen Löwen kriegt man wohl zu und 'n Kamel auch, Herr Hanswurst?«
Dietrich und seine Schwester hatten sich angeblickt, und Lieselinchen nickte: »Ich will, wenn du es willst!«
»Es ist dein Taler,« sagte Dietrich zögernd. »Du hast dich so auf den Wagen gefreut. Willst du wirklich?«
»Ich will die drei Mark bezahlen,« rief auf einmal Lieselinchen; sie wurde dabei rot wie eine Feldmohnblume, weil alle Leute sie ansahen.
»So ein Unsinn!« schalt eine Frau, und Mutter Wieherten zeterte aus ihrer Ecke hervor: »Aber Kinder, seid ihr närrisch geworden? Ihr wolltet euch doch einen Wagen kaufen. Das Tier stirbt euch ja unter den Händen!«

Der Hanswurst aber hatte geschwind das Äffchen in einen alten Lappen gewickelt und es Lieselinchen auf den Arm gelegt. »Hier, mein kleines herzensgutes, zuckersüßes Fräulein,« sagte er schrecklich freundlich. »Es ist ein Glück, daß es noch gute, mitleidige Menschen gibt.«
»Das ist eine bodenlose Dummheit! Man sollte es nicht erlauben,« brummelte der Oberheudorfer Schulze. Andere Leute mischten sich auch ein, und es entstand ein großes Geschrei: man wollte es nicht zulassen, daß die Kinder das Tier kauften. Da wurde der Hanswurst wieder wütend und drohte, er werde das Äffchen auf der Stelle totschlagen. Wieder sahen sich die Geschwister an, und wieder nickten sie einander zu. Rasch zog Dietrich den blanken Geburtstagstaler aus der Tasche und reichte ihn dem Hanswurst. Der steckte das Geld, obgleich die Leute um ihn herum heftig schalten, vergnügt in die Tasche und schoß plötzlich einen Purzelbaum. Wie ein Rad kollerte er vor der Menagerie hin und her, schnitt Grimassen, stellte sich auf den Kopf und erreichte mit seinen Kunststücken, daß die Zuschauer für einige Augenblicke das Äffchen vergaßen.
Dietrich und Lieselinchen benutzten das allgemeine Erstaunen und liefen mit dem halbtoten Tier davon. Sie schämten sich beinahe, daß so viele Leute ihr gutes Werk mit angesehen hatten.
»Na, sagte ich's nicht, ein Wagen wird es doch nicht?« sagte Mutter Wicherten, als die Kinder an ihr vorüberkamen. »Nun ist's sogar ein Affe geworden. Ein Kaffeegeschirr wäre besser gewesen.« Sie nahm dann ein paar weiße und rote Zuckerstangen, die sie auch feilhielt, und steckte sie den beiden zu. »Was tut ihr denn jetzt mit dem armen Tier?«
»Wir gehen zum Herrn Tierarzt Lindner,« sagte Dietrich rasch, »nicht wahr, Lieselinchen? Vielleicht verbindet er uns Joli.« Lieselinchen nickte und sah den Bruder strahlend an. Wie klug der aber auch war! Gleich wußte er einen Ausweg.
»Das ist vernünftig,« lobte Mutter Wicherten und steckte Dietrich noch rasch die Taschen voll Johannisbrot. »Geht nur geschwind, vielleicht wird der arme Schelm noch gesund.«
Vorläufig lag Joli freilich ganz still auf Lieselinchens Arm, und die Kleine klagte auf dem Weg zum Tierarzt: »Er stirbt gewiß. Ach, hoffentlich ist Herr Lindner zu Hause!« Der war zu Hause; er hörte freundlich den Bericht der Kinder an, und als Dietrich schüchtern sagte, sie hätten aber nur noch eine Mark, sagte er lachend: »Ich will euch euren Joli schon ganz umsonst kurieren, hoffentlich gelingt es mir.«
Er nahm das Tierchen, legte es auf einen Tisch und untersuchte die Wunde. Dabei wurde sein Gesicht immer fröhlicher, und während er das Äffchen sorgsam verband, sagte er zu den Geschwistern, die sein Tun angstvoll beobachteten: »Er wird wohl gesund werden. Hoffentlich habt ihr auch recht viel Freude an ihm. Affen sind manchmal recht unnütze Hausgenossen, ich mag sie freilich trotzdem gut leiden.«
Es war, als hätte Joli dies verstanden; er öffnete seine dunklen Augen und sah wieder mit einem tieftraurigen Blick die Kinder an, just als wollte er sagen: »Habt mich nur lieb, ich will schon folgsam sein!«
Da streichelte ihn Lieselinchen sacht und flüsterte: »Armer, kleiner, lieber Joli, du wirst gewiß nicht böse sein.«
Inzwischen war Frau Hesse, die Mutter der beiden Kinder, mit Bubele und Babele, so wurden der vierjährige Max und die fünfjährige Barbara genannt, auch auf dem Jahrmarkt angelangt. Sie hielten alle drei Umschau nach Dietrich und Lieselinchen und wunderten sich, daß ihnen die nicht schon mit dem neuen Wagen entgegenkamen.
»Ich setz' mich in'n Wagen,« erklärte Bubele.
»Ich auch,« rief Babele, »und Mutti auch,« fügte sie rasch hinzu.
Die Mutter lachte: »Na, so groß wird der Wagen wohl nicht sein. Aber wo mögen nur die Kinder bleiben?«
»Frau Hesse, Frau Hesse!« rief da Mutter Wichertens wohlbekannte Stimme. Die dicke Obstfrau winkte und nickte, und als die Mutter mit den beiden Kleinen vor ihr stand, erzählte sie sehr eifrig von dem Affenkauf der beiden Kinder. »Sie haben beide ein sehr gutes Herz, das muß man sagen,« schloß sie.
Frau Hesse nickte, und ein liebes Lächeln ging über ihre Züge. »Ein gutes Herz,« wiederholte sie innig.
Bubele und Babele hatten mit weit aufgerissenen Augen der Erzählung gelauscht, und das Bubele, das noch um ein wenig dümmer als das Babele war, rief fragend: »Ischt 'n Affe was schu essen?«
»Nee, 'n Affe is was aus'm Bilderbuch,« belehrte Babele wichtig. Dann fragte sie Mutter Wicherten eindringlich: »Sitzt der Affe im Wagen drin?«
»Nein, nein, mein Babele,« erklärte diese, »'n Wagen, den gibt's nu nicht, aber ein Affe ist viel, viel schöner!«
Den Affen wollten sich Bubele und Babele schon gefallen lassen, daß es aber keinen Wagen geben sollte, das fanden sie sehr betrüblich. Sie brachen plötzlich beide in ein jämmerliches Geschrei aus, und vergeblich versuchte Mutter Wicherten sie mit einer Zuckerstange zu trösten, sie weinten immer kläglicher. Dietrich und Lieselinchen, die mit ihrem verbundenen Affen eilig zum Jahrmarkt zurückkehrten, um die Mutter mit den beiden Kleinen zu suchen, hörten schon von weitem das Geschrei und merkten auch bald, warum die Geschwister so jammerten. »Wir wollen 'n Wagen,« klagten beide. »In 'n Wagen sitzen,« heulte Babele, und Bubele fügte hinzu: »Ich will'n ziehen.«
Dietrich und Lieselinchen sahen sich erschrocken an: sie hatten den Kleinen die Freude verdorben. Denn daß es Lieselinchens Geburtstagstaler war, das kümmerte die Geschwister eben mitsammen wenig. »Unse Wagen, unse Wagen!« heulten die Kleinen.
Die Mutter wußte sie aber rasch zu beruhigen, und die beiden Großen, wie sie von Bubele und Babele genannt wurden, merkten bald, daß die Mutter nicht böse war, daß sie ihre Tat verstand. Da wurden ihnen die Herzen leicht, und eifrig erzählten sie der Mutter noch einmal alles, zeigten Joli, der ganz still mit geschlossenen Augen auf Lieselinchens Armen lag, und berichteten von dem Ausspruch des Tierarztes.
Von den Herrlichkeiten des Jahrmarktes sahen die Kinder an diesem Tage nicht viel. Joli mußte nach Hause gebracht werden, Joli brauchte Ruhe und Pflege. Selbst Bubele und Babele fanden sich darein. Vom übrig gebliebenen Geld kaufte Dietrich rasch ein paar Spielereien für die Kleinen und eine Tüte Pfefferkuchen als Wegzehrung, und dann ging es heimwärts. Joli lag in einem alten Obstkorb, den Mutter Wicherten geliehen hatte, und die Geschwister trugen ihn alle vier. Bubele und Babele hielten wenigstens die Händchen am Korb, sie wollten dem armen Joli doch auch etwas zuliebe tun.
Pläne wurden geschmiedet und lustige Luftschlösser aufgebaut, wie es werden würde, wenn Joli erst gesund war, wenn er wieder klettern und vielleicht Kunststückchen machen konnte. Immer flinker liefen die Kinderbeine. Die vier hatten es am Morgen gar nicht erwarten können, auf den Jahrmarkt zu kommen, nun eilten sie früher, als sie es gedacht hatten, seelenvergnügt heimwärts. An den Wagen dachten sie gar nicht mehr, nur an Joli und daran, was Vater zu dem neuen Hausgenossen sagen würde. O, Vater würde sich freuen, denn Vater liebte ja Tiere so, Tiere und Pflanzen.
»Wir kommen, wir kommen,« schrieen alle vier, als sie von weitem das liebe Heimathaus sahen, »wir kommen, wir kommen!«
»Und Joli kommt mit,« krähte Babele.
»Joli mit,« wiederholte Bubele vergnügt, als der Vater das Gartentor öffnete und ihnen entgegenkam.

Zweites Kapitel.
Im Gärtnerhaus.
Das Heimathaus der vier Geschwister lag vor der Stadt, vor dem Tore eigentlich, denn die kleine, altertümliche Stadt besaß noch zwei wohlerhaltene Tore mit Türmen. Die Stadtmauer aber war längst gefallen, und wo sonst ein breiter Wassergraben die Stadt umgürtet hatte, gab es jetzt eine schöne, breite Promenade.
Ein Stückchen weiter hinter den letzten Häusern der Stadt lag die Kunst- und Handelsgärtnerei von Rudolf Hesse, dem Vater der Kinder. Früher hatte das Haus einem etwas wunderlichen alten Herrn gehört, einem großen Gartenfreund und Blumenliebhaber. Der hatte Rudolf Hesse, der ein entfernter Verwandter seiner Frau war, als armes, verlassenes Waisenbüblein zu sich genommen, ihn erzogen und ihn Gärtner werden lassen. Das alte Haus mit dem Garten wurde zu einer großen Gärtnerei umgewandelt. Das hatte Onkel Dietrich noch erlebt, hatte auch noch den kleinen Dietrich aus der Taufe gehoben, dann aber war er sanft und friedlich gestorben. Er lebte aber fort in den Herzen der Seinen. Am Ende des Gartens lag sein Grab, so hatte er es selbst gewünscht, und die Blumen, die der alte Onkel so sehr geliebt hatte, blühten immer wohlgepflegt auf dem Grabe. Onkel Dietrichs Blumen zu begießen, war die liebste Beschäftigung der Kinder.
Dietrich, Lieselinchen, Babele und Bubele lebten ein glückliches Kinderleben in dem alten Haus. Wohl kam mal eine Krankheit, oder dem Vater verdarb ein Unwetter seine Pflanzungen, aber das alles waren keine allzu schweren Sorgen, sie gingen vorüber wie flüchtige Wolken, die über die Sonne ziehen, und trübten nicht lange die fröhliche Heiterkeit des Familienlebens. Von den arbeitsamen, gütigen Eltern geleitet, zwischen Blumen und Bäumen wuchsen die vier Kinder heran und waren alle Tage lustig und guter Dinge. Sie freuten sich am Wechsel der Jahreszeiten, an Alltagen und Festtagen und aßen ihr tägliches Brot mit so gutem Appetit wie den Sonntagskuchen. Sie waren auch manchmal wild und unartig und bekamen Schelte, wie es so geht. Sie waren aber doch rechte, fröhliche, gesunde Kinder. Von Vater und Mutter hatten sie es gelernt, alle Tiere und Pflanzen zu lieben, auf sie zu achten und, was ihnen gehörte, sorgsam zu pflegen.
Sie hatten daher alle vier auch keine Sorge, der Vater könnte das Äffchen scheel ansehen, und als er sich jetzt im Gartentor zeigte, rasten Bubele und Babele strahlend auf ihn zu. »Wir haben 'n Affen, Vater.« – »Einen lebendigen,« jauchzte Babele. – »Mit'm Loch im Kopf,« erklärte Bubele stolz.
Der Vater sah etwas verdutzt drein. Wenn Kinder ausziehen, einen Wagen zu kaufen, und einen Affen heimbringen, dann ist das freilich auch eine sonderbare Geschichte.
Nun schrieen auch Dietrich und Lieselinchen vergnügt: »Wir haben einen Affen, Vati, einen richtigen Affen!«
Es dauerte ein Weilchen, bis der Vater die Geschichte des Affenkaufs genau zu hören bekam, denn die Kinder redeten so durcheinander, daß endlich die Mutter die Sache erklären mußte.
»Er wird gesund,« versicherte Lieselinchen glückstrahlend, »Herr Doktor Lindner hat es gesagt.«
Es war gerade, als wollte das Äffchen zeigen, daß es Lieselinchens Worte verstanden habe, es öffnete ein wenig die Augen und stieß dann ein klägliches, winselndes Schreien aus, es klang beinahe, als weinte ein Kind.
»Tragt das Tierchen hinein,« gebot der Vater, »Fabian mag euch ein Lager zurechtmachen. Vor allem muß der kleine Kerl Wärme haben. Er ist ein südlicheres Klima gewohnt.«
»Fabian, Fabian!« riefen Bubele und Babele wie aus einem Munde und jagten in den Garten, um den langen Fabian zu suchen und ihm von dem neuen Hausgenossen zu erzählen.
Im breiten Mittelweg des Gartens trafen die Kinder Fabian. Er kam gerade, zwei mächtige Gießkannen tragend, vom Brunnen her. »Na?« knurrte er, als er die Kinder erblickte, und die wußten schon, das war eine Aufforderung, ihr Abenteuer zu erzählen.
Fabian war der Obergärtner, – so nannten ihn wenigstens die Gartenarbeiter, – eigentlich war er aber noch vieles andere. Fabian wußte im Haus und Garten Bescheid wie kein Zweiter, und wo es etwas zu tun, zu raten und zu helfen gab, immer wurde Fabian herbeigeholt. Fabian war Gärtner, Maurer, Tischler, er konnte die schönsten Sträuße winden, schadhafte Sachen ausbessern, Puppenstuben neu tapezieren, Vokabeln überhören, Gemüse auf dem Markt verkaufen, dem schwarzen Karo Künste beibringen, ja sogar dichten konnte Fabian. An Geburtstagen und Weihnachten verfaßte er Verschen für die Kinder, die sehr schön waren, worüber aber die Erwachsenen manchmal herzhaft lachten.
Das war Fabian. Zu ihm liefen die Kinder mit ihrem kleinen Patienten, und Fabian sagte zweimal »Hm,« das war sehr viel, denn lange Reden hielt er nicht gern. Fabian, der, wie er selbst sagte, so lang wie der Johannistag war, nahm einfach den Korb mit dem Affen auf den Arm und schritt dem Gewächshause zu. Dort gab es eine kleine, immer wohlig warme Kammer, die ihm als Affenwohnung recht passend erschien. Soviel Dietrich und Lieselinchen unterwegs auch darüber nachgedacht hatten, wo Joli wohnen könnte, diese Kammer war ihnen natürlich nicht eingefallen. An diese dachte nur Fabian.
Der machte auch geschwind ein weiches, warmes Heulager zurecht. Die Mutter kam und brachte eine alte wollene Decke, in die Joli wie ein kleines Kind gewickelt wurde, und dann kauerte das Tierchen still auf seinem Lager. Es schien ihm ganz gut zu gefallen; wohl winselte und stöhnte es bei jeder Berührung, aber plötzlich streckte es Lieselinchen seine kleine Pfote hin, als wollte es sagen: »Danke schön!«
»Er ist süß!« schrie Lieselinchen begeistert.
»Süß!« wiederholten Bubele und Babele und stürmten etwas ungestüm auf Joli los. Doch der fletschte da auf einmal wütend die Zähne, sah mit bitterbösen Augen auf die beiden Kleinen und kreischte laut.
Bubele und Babele flüchteten schreiend, und weil Babele zu weinen anfing, schluchzte Bubele mit. Da wurde plötzlich das Gesicht des Affen wieder sanft und traurig, und er streckte noch einmal seine Pfote aus, als wollte er reumütig sagen: »Ich hab' es doch nicht so bös gemeint!«
So war der Friede wieder hergestellt. Von diesem Augenblick an aber gingen zur großen Beruhigung der Mutter Babele und Bubele doch immer in einem großen Bogen etwas ängstlich um den neuen Hausgenossen herum. Frau Hesse war nicht ganz zufrieden mit dem Gast, sie wußte, daß Affen manchmal recht boshaft und bissig sind, und in der ersten Zeit beobachtete sie Joli immer besorgt. Würde er den Kindern nichts tun? – Doch Joli zeigte sich anfangs sehr friedsam. Er ließ sich pflegen und verwöhnen, selbst als der Tierarzt kam und nach seiner Wunde sah, war er nicht ungebärdig. Die Wunde heilte überraschend schnell, und schon nach wenigen Tagen konnte Joli allerlei Kletterkünste ausüben. Da zeigte er denn bald, daß er eigentlich ein rechter Schelm war und auf allerlei Dummheiten ausging. Er nahm Lieselinchens geliebtem Puppenkind Ninette den allerbesten Sonntagshut weg, schmückte sich damit und zerknüllte und zerzauste das hübsche Hütchen so, daß es niemand Ninette verdenken konnte, wenn sie den Hut nicht mehr tragen wollte. Die Wahrheit des alten Wortes, daß der Affe sehr possierlich ist, zumal wenn er vom Apfel frißt, bewahrheitete auch Joli. Seine Mahlzeiten waren für die Kinder ein Hauptvergnügen, und der Schelm merkte ihre Freude; je mehr sie lachten, desto tollere Grimassen schnitt er, desto emsiger zerzupfte er mit seinen braunen Händen die Speisen. Er leckte und schleckte, drehte sich und wand sich, daß die Kinder allemal in ein helles Lachen ausbrachen.
»Er ist ordentlich eitel, der kleine Kerl,« sagte der Vater. »Seht nur, er will immer bewundert sein.« Und es war wirklich so. Joli wollte Beifall haben für seine Taten. Als Fabian einmal mit den Kindern einer Mahlzeit zusah und etwas grimmig sagte: »Macht's ihm nur nicht nach! Schön sieht's nicht aus, wie er frißt,« warf ihm Joli einen angebissenen Apfel an den Kopf.
»Na, nu schlägt's dreizehn,« brummte Fabian. »So'n Frechling!«
Die Kinder lachten lustig, ihr Lachen aber reizte Joli erst recht, und schwapp! flog dem armen Fabian eine Mohrrübe an den Kopf. Das war dem aber doch zu viel: er stellte sich breitbeinig vor Joli hin und hielt dem Affen mit seiner tiefen Stimme eine lange Strafpredigt. Es war gewiß die längste Rede, die Fabian jemals in seinem Leben gehalten hatte. Sie ließ sogar die Kinder verstummen, die waren einfach paff über Fabians Sprachleistung, und Bubele riß sein Mäulchen so weit auf, als wollte er mindestens ein Vierpfundbrot verschlingen. Anfangs wollte Joli noch etliche andere Reste seiner Mahlzeit folgen lassen, aber jedesmal erhob Fabian drohend seine Stimme, dann kauerte sich das Äffchen erschrocken zusammen. Zuletzt fing es an zu greinen und zu klagen wie ein kleines Kind, und Fabian sagte befriedigt: »Es hat geholfen!«
Und es hatte wirklich geholfen. Joli hatte fortan einen ausbündigen Respekt vor Fabian. Er folgte ihm aufs Wort, anfangs etwas ängstlich und verschüchtert, nach und nach wurde er aber zutraulicher, und bald liebte er den langen Burschen genau so wie die Eltern und die Kinder. Denn Joli liebte wirklich die Familie, die ihn aufgenommen hatte; er war zutraulich zu allen, am meisten aber zu Lieselinchen. Es war, als ahnte er, was die Kleine für ein Opfer für ihn gebracht hatte. Kam sie, dann verklärte sich sein braunes Affengesicht ordentlich, und er streichelte manchmal mit seinen kleinen Pfötchen liebkosend Lieselinchens zarte Wangen. Er saß auch still auf ihrem Schoß und legte liebkosend seine Arme um seiner kleinen Herrin Hals. Solange Joli noch krank war, blieb er in seiner warmen Kammer am Gewächshaus, nachher durften ihn die Kinder mit hinaus nehmen in den Garten. Herr Hesse hatte ein Halsband mit einer feinen, langen Kette besorgt, das bekam der kleine Schelm umgelegt, damit er nicht ausriß oder im Garten vielleicht Unheil anrichtete.
Es waren gar wundervolle Herbsttage. Der Sommer schien noch einmal zurückgekehrt zu sein, um sich an der Farbenpracht und Früchtefülle des Bruders Herbst zu freuen, so warm und sonnenhell war es. Auf den Beeten blühten die Herbstblumen in greller Buntheit. Die Rosen hatten sich noch einmal mit kostbaren, duftenden Blüten geschmückt, und die Obstbäume schienen die Menschen förmlich zu bitten, doch ihren Reichtum zu nehmen, so tief neigten sie ihre Äste. In der Hesseschen Gärtnerei gab es alle Hände voll zu tun. Das Obst mußte abgenommen und für den Verkauf eingepackt werden. Von besonders köstlichen Sorten, die an Spalieren gezogen wurden, bekam jede Frucht eine Umhüllung von Seidenpapier. »Ein Sonntagskleidchen,« nannte es Lieselinchen. Die Kinder mußten in ihren Freistunden alle helfen, selbst Bubele und Babele suchten eifrig unter den Bäumen nach vorwitzig herabgefallenen Früchten.

Das Haus durchzog ein süßer Obstgeruch, und wenn eine Hausfrau kam, Blumen oder Früchte zu kaufen, dann atmete sie wohl tief den köstlichen Duft ein, und manche sagte auch: »Hier möchte ich wohnen.« Das fanden die Kinder begreiflich genug, denn auch ihnen gefiel es gut daheim, und wenn sie aus der Stadt kamen, in die sie zur Schule gingen, waren sie allemal froh, wenn sie schon von ferne den heimatlichen Garten sahen. Und Joli gefiel es auch gut. In der Menagerie hatte er oft hungern müssen, da waren verkrüppelte, halbschlechte Äpfel schon Leckerbissen gewesen, und hier gab es täglich die prächtigsten Früchte. Der kleine Kerl schmauste nach Herzenslust, er wurde gesund und frisch dabei und immer übermütiger. »Laßt nur den Joli nicht hinaus, er hat so listige Augen,« mahnte der Vater oft, »er sieht aus, als möchte er gern viele dumme Streiche machen.«
Dietrich und Lieselinchen verteidigten dann immer lebhaft ihren Schützling; das Äffchen war in ihren Augen ein richtiger kleiner Tugendspiegel, ein Wunder an Klugheit und Gelehrsamkeit. Der Kinder Schulkameraden bekamen jeden Tag von Joli erzählt, und Joli war in Dietrichs und Lieselinchens Klasse eine sehr bekannte Persönlichkeit. Manch ein Bube, manch ein Mädel ging in diesen sonnigen Herbsttagen zur Gärtnerei hinaus, um Joli zu sehen. Manche Mutter wunderte sich auch wohl, wie flink jetzt ihre Kinder dabei waren, von Hesses allerlei Obst oder Gemüse zu holen.
Auch Mutter Wicherten, die eine gute Kundin war, kam, um Joli zu sehen. Pustend und stöhnend, von dem weiten Wege etwas außer Atem, betrat sie Jolis Kammer. Der Affe hing gerade an einer Schaukel, die Fabian für ihn zurecht gemacht hatte. Nachdenklich betrachtete ihn die Obstfrau, dann schüttelte sie den Kopf und sagte etwas wegwerfend: »Nee, Kinder, so'n kleines Scheusal könnte mir partout nie nich gefall'n. Akkrat wie'n kleiner Teufel sieht das Biest aus!«
Der arme Joli aber meinte, gegen Gäste müßte man besonders höflich sein. Als besondere Höflichkeit nun erschien es ihm, Mutter Wicherten etwas näher anzuschauen. Dies wollte er auch ausführen, und hops! saß er der guten Alten auf der Schulter. Die Obstfrau stieß einen durchdringenden Schrei aus. Fabian stürzte herzu und nahm Joli fort, der ganz verstört in eine Ecke kroch und ängstlich kreischte.
»Du meine Güte, so'n Untier,« schimpfte Mutter Wicherten zornig und entfloh eilig. Draußen behauptete sie dann: »Mich bringen nicht hundert Pferde mehr da hinein. Schafft ihn ab, Kinder, schafft ihn ab! 'n Wagen ist allemal besser als 'n Affe. Glaubt mir's, das nimmt kein gutes Ende.«
Das war aber zu viel für Lieselinchen, so schlecht war ihr Liebling nicht. Weinend lief sie zu ihm zurück, Dietrich folgte ihr, und die Geschwister saßen lange still bei dem Äffchen, das wieder sanft und zutraulich war.
Als die Kinder in das Haus zurückkehrten, war die Obstfrau schon fort. Mit allerlei düsteren Prophezeiungen war sie gegangen, mit Worten, die besonders auf Lina, das Hausmädchen, großen Eindruck gemacht hatten. Sie wollte ohnehin nicht viel von Joli wissen und warnte: »Der richtet noch einmal großes Unheil an.«
»Armer, lieber Joli,« dachte Lieselinchen und huschte nach dem Abendessen noch einmal in das Gewächshaus, um nach ihrem Liebling zu sehen. Fabian, den sie traf, leuchtete ihr mit seiner Laterne, und beide betraten den Vorraum des Warmhauses. Aber was war das? – Die Tür von Jolis Kammer stand offen.
»Er ist fort,« stammelte Lieselinchen erschrocken. »Dietrich ist wohl drin,« brummelte Fabian, aber Dietrich war nicht drin und Joli auch nicht, die Kammer war leer. »Ausgerissen,« knurrte der Obergärtner.
»Ausgerissen?« schluchzte Lieselinchen, und bald hallte es durch Haus und Garten: »Joli ist ausgerissen! Joli ist fort!«
Mit Rufen und Locken durchzogen die Kinder den Garten. – »Joli, lieber, süßer Joli, komm doch!« – »Jolilein, Jolilein, wo bist du?« Aber kein Joli ließ sich sehen. Fabian durchleuchtete mit seiner Laterne alle Winkel, der Vater ging mit einer brennenden Fackel durch den Garten, – nirgends eine Spur von dem Vermißten.
»Wir müssen ihn doch finden,« sagte Herr Hesse ärgerlich, »sonst gerät er mir vielleicht unter mein Spalierobst, das wir morgen abnehmen wollen, und richtet Schaden an.«
»So einem Untier ist alles zuzutrauen,« versicherte Lina, die beinahe froh war, daß Mutter Wichertens Prophezeiungen sich so schnell erfüllen sollten.
Die Zeit verging, es wurde acht Uhr, ein halb neun. Endlich gegen neun Uhr rief Frau Hesse die Kinder herein. »Es hilft nichts, ihr müßt zu Bett gehen,« sagte sie ärgerlich. Babele und Bubele waren auch wirklich schon so müde, daß sie beinahe über ihre eigenen Beinchen stolperten. Lieselinchen hatte dick verweinte Augen, und Dietrich machte ein Gesicht wie vierzehn Tage Regenwetter und drei Meilen schlechter Weg.
»Joli ist uns ausgerissen, weil er so viel ausgescholten wurde,« klagte Lieselinchen im Mädchenzimmer.

In diesem Augenblicke stieß Lina, die dem Babele gerade das Röckchen aufknöpfen wollte, einen gellenden Schrei aus. »Dort, dort, dort!« kreischte sie und deutete auf Babeles Bettchen, aus dem ein kleines, unnützes, schwarzbraunes Gesichtel hervorsah; Joli saß darin, die Puppe Ninette ganz zärtlich im Arm. »Ach, so'n Tier!« schrie Lina, »mir wird's ganz graulig!«
»Joli, lieber Joli!« jauchzte Lieselinchen, und auf ihren Ruf kamen aus dem Bubenstübchen Dietrich und Bubele angerannt, Bubele im Hemdlein, die Höschen wie eine Siegesfahne schwenkend:
»Joli ist da, Hurra,
unser Joli ist da!«
Der Lärm in den Kinderzimmern lockte die Eltern herbei, Fabian kam und Bartel, der Lehrling. Fabian beleuchtete mit seiner Laterne den Ausreißer und brummte befriedigt: »Er ist's!«
»Na freilich ist er's! Affen laufen hier zum Glück nicht wie die Hühner rum. In der ganzen Stadt hat sich kein Mensch so'n Untier auf dem Jahrmarkt gekauft,« zeterte Lina.
Aber Linas Brummen dämpfte der Kinder Freude nicht. Sie trugen den Ausreißer jubelnd in seine warme Kammer. Selbst Bubele schlüpfte noch einmal in seine Höslein, er mußte dabei sein. Nur Babele konnte die Augen nicht mehr offen halten, der Sandmann hatte zu viel seine Sandkörnlein hineingestreut.
Lieselinchen gab ihrem Liebling noch den Apfel, den sie vor lauter Jammer nicht zum Abendbrot hatte essen können, und Fabian hüllte den Ausreißer sorglich in eine Decke. »Dummer Kerl,« brummte er ordentlich zärtlich, »mußt nicht solche Sachen machen!«
Glücklich über Jolis Wiederfinden gingen die Kinder zu Bett. Es dauerte nicht lange, da schliefen alle vier süß und fest. Lieselinchen aber träumte in dieser Nacht, sie säße auf einem großen Schiff und Joli kauerte neben ihr, sah sie mit seinen klugen Augen an und sagte mit heller Stimme: »Ich möchte dir doch meine Heimat zeigen, Lieselinchen.«

Drittes Kapitel.
Ein gestörtes Weihnachtsfest.
Daß sich der Winter bald naht, wenn erst Birnen und Äpfel abgeerntet sind, das wissen nicht allein Gärtnerskinder. Überall im deutschen Lande fangen um diese Zeit die Kinder an, recht gründlich und ausführlich von Weihnachten zu reden. Manche beginnen freilich schon früher damit, es soll sogar solche geben, die zwei Tage nach Ostern fragen, wenn ihnen just noch das letzte Osterei im Halse steckt: »Mutterle, wann ist Weihnachten? Bald, ja?«
Zu diesen ganz Ungeduldigen, zu diesen kleinen Nimmersatten gehörten die Hesseschen Kinder nun freilich nicht, aber reichlich früh redeten auch sie schon von dem lieben Fest. Zuerst fingen Bubele und Babele davon an, und es dauerte nicht lange, da redeten die älteren Geschwister mit. Je näher das liebe Fest heranrückte, desto dringlicher wurden der Kinder Wünsche und Fragen.
Einmal kam Babele gelaufen, und wenn es die andern nicht bestimmt gewußt hätten, daß es ihr Babele war, sie hätten die Kleine für ein Schornsteinfegerlein oder einen Tintenwischer halten können. Das Babele war mit Tinte beschmiert wie ein vielgebrauchtes Löschblatt. Auf der Mutter erstaunte Frage: »Aber Babele, was hast du nur getan?« antwortete die Kleine frohgemut: »Wunschzettel geschreibt!« Sie brachte einen mit Tinte beklecksten Wisch und las den lachenden Geschwistern stolz die Krähenfüße vor: »Puppe, Puppe, Puppe, und doll viel Pfefferkuchen!«
Eine Stunde später verlangte Bubele von Lieselinchen auch einen Zettel und Tinte, aber die Schwester gab ihm nur einen Bleistift, und so fiel Bubeles Wunschzettel weniger schwärzlich aus.
Je kürzer die Tage wurden, je tiefer der Garten in winterliches Schweigen versank, desto höher rauschten die Freudenklänge im Hause. Ganz still konnte es sein, die Mutter mochte sich gerade ein wenig über die Stille wundern, da ertönte wohl plötzlich ein Stimmlein, die andern fielen ein, und irgend ein trautes Weihnachtslied zog holdgrüßend durch das Haus.
Wenn der Vater es hörte, ging wohl rasch ein Schatten über sein Gesicht. Den tätigen Mann beschäftigten um diese Zeit allerlei ernste, schwere Fragen. Er dachte viel in der beginnenden Winterstille an ein fernes, fernes Land. Der alte Onkel Dietrich hatte einst in Südamerika in der brasilianischen Provinz Santa-Katarina Land gekauft, Urwald. Er wollte einen andern Neffen, einen Vetter von Rudolf Hesse hinschicken, der sollte dort eine deutsche Musterwirtschaft errichten. Aber dem jungen Mann, Reinhold Breitenstein, hatte das Seefahren besser gefallen, er war ein Seemann geworden, dem das Meer die Heimat war. Von Zeit zu Zeit kam er mit seinem Schiff nach Brasilien und erkundigte sich dann dort nach dem gekauften Land. Einmal hatte er auch einen andern deutschen Ansiedler als Pächter gewonnen, aber der war nach einiger Zeit fortgegangen, niemand wußte wohin, und das Land lag noch immer unbebaut da. Herr Hesse hatte an Reinhold Breitenstein auch nach der Bestimmung seines Onkels das Erbteil ausgezahlt, nun gehörte ihm das Land ganz allein. Er hatte schon manchmal daran gedacht, mit seiner Familie dorthin zu ziehen. Die neue, große Aufgabe lockte ihn. Seine Gärtnerei war klein, er konnte sie schwer vergrößern, da das Land ringsherum einem reichen, adeligen Herrn gehörte, der lieber die Gärtnerei selbst gekauft hätte, statt einen Strich seines Landes abzugeben. Rudolf Hesse hatte schon als Bube die Sehnsucht gehabt, fremde Gegenden kennen zu lernen, einmal unter einem andern Himmelsstrich das Blühen und Gedeihen der Pflanzen zu beobachten. Aber der Gedanke an seine Frau, an seine Kinder hielt ihn immer zurück. Nun war im Herbst die Nachricht von dem Vetter gekommen, er sei wieder einmal kurze Zeit in Brasilien gewesen und habe dort gehört, daß das Land seines Vetters einfach von andern Ansiedlern in Besitz genommen werden sollte. »Komm herüber und wahre deinen Besitz,« hatte er an Rudolf Hesse geschrieben. Die Reise nach Südamerika schien ihm, dem Vielgereisten, nicht allzu lang und beschwerlich. Herr Hesse wollte nun wirklich nach Weihnachten die Reise antreten, aber allein, Fabian sollte die Gärtnerei verwalten.
»Nimm uns alle mit,« bat seine Frau mit schwerem Herzen, als er von seinem Vorhaben sprach.
»Die Reise ist zu anstrengend für dich und die Kinder,« sagte ihr Mann, »du wirst das Klima nicht vertragen, und dann, wo sollen unsere Kinder dort zur Schule gehen?« Die Mutter nickte traurig. Gewiß, ihr Mann hatte recht, aber der Gedanke, ihn allein in die weite Ferne reisen zu lassen, betrübte sie sehr.
Die Kinder ahnten noch nichts von des Vaters Plan. Sie lebten in sehnsüchtiger Weihnachtsfreude die Tage dahin, und Joli bekam in dieser Zeit sehr, sehr viel von dem schönen Fest zu hören.
»Er versteht es,« behaupteten sie alle.
»Er sieht immer so nachdenklich dabei aus.«
»Er freut sich,« meinte Bubele.
»Freust dich, gelt ja, süßer Joli?« fragte Babele.
»Freuen, der Affe? Auf was Unnützes ist er bedacht! Seht nur, was er für boshafte Augen hat,« schalt Lina, die den armen Joli nun einmal nicht leiden konnte.
Schwapp, flog Lina ein Tannenzapfen an den Kopf. Joli hatte gestern einige als Spielzeug bekommen. Das Äffchen merkte Linas Abneigung, und darum konnte es sie auch nicht leiden.
»Da seht ihr's,« schrie Lina erbost. »Na, ich sag's ja, der richtet noch einmal ein Unheil an. Wie sieht er denn aus? Wie ein lebendiger Teufel.«
»Aber Lina, pfui, wie kannst du unsern Joli so schelten!« riefen die Kinder entrüstet. Aber alle ihre Lobreden auf Jolis Klugheit und Possierlichkeit vermochten Lina nicht umzustimmen. Sie blieb dabei, Joli habe einen schlechten Charakter. Wo sie daher den kleinen Kerl nur erblickte, gleich schalt sie auf ihn und drohte ihm mit Besen oder Wischtuch, Kochlöffel oder Quirl, was sie gerade in der Hand hatte. Joli warf ihr dann freilich oft geschwind etwas an den Kopf, dann rief Lina beinahe triumphierend: »Na seht, ich sag's doch, er hat einen schlechten Charakter, der Satan.«
»Wenn man so ein Tier reizt, wehrt es sich,« sagte Herr Hesse oft. Aber Lina hörte nicht darauf. Ihre Abneigung gegen Joli wurde immer größer, selbst in der heiteren, traulichen Zeit vor Weihnachten war sie oft schlecht gelaunt, nur um des Affen willen. »Lina hat Affenlaune,« knurrte dann Fabian, der eine ganz besondere Vorliebe für den kleinen, drolligen Hausgenossen hatte. Er verstand es auch am besten, dem Tierchen allerlei Kunststücke beizubringen. Joli konnte sein rotes Tuchjäckchen, das Lieselinchen ihm genäht hatte, anziehen; er konnte von einem Teller essen und seine Milch aus der Tasse trinken; sagte Fabian: »Joli, lies!«, dann nahm der kleine Schelm ein altes Bilderbuch, zog ein ernsthaftes Gesicht und tat, als studiere er eifrig die Verslein unter den Bildern. Babele sagte, er würde wohl noch einen Weihnachtsvers lernen; so weit brachte es der Schelm aber doch nicht. Dafür lernten die Kinder neue Verse und Lieder, die Weihnachtsarbeiten wurden rechtzeitig fertig, und auf einmal war das liebe Fest da und schaute lachend in das Haus hinein.

»Heute is Weihnachten!« rief Bubele und purzelte in aller Morgenfrühe aus seinem Bettchen. Platsch, lag er am Boden, weil er gar zu geschwind heraus gewollt hatte. An einem gewöhnlichen Wochentag hätte Bubele sicher etwas gebrüllt, heute schaute er sich sehr vergnügt um, als er wieder auf seinen dicken, weißen Beinchen stand. Es war ja Weihnachten! Zur Morgenmilch gab es frischen Kuchen, und allerlei feine Gerüche durchzogen das Haus. Mutter kam ganz eilig herein, ein paar schimmernde Goldfädlein im Haar, und die beiden Kleinen staunten sie an, als wäre sie das Christkind selbst. Obgleich Lieselinchen, die sonst sehr geduldig war, meinte, es würde an diesem Tage wohl nie Abend werden, wurde es doch dunkel, und der Augenblick kam, da ein heller Klingelton das Haus durchzog und sich gleich darauf die Türen des Weihnachtszimmers öffneten.
Wie wunderlich das war! Das gleiche Zimmer war es, das die Kinder täglich sahen, und doch schien es, als hätte sich der ganze Raum verändert. Im Märchenglanz lag er da, flimmerhell im Kerzenschein, und auf den weißgedeckten Tischen lagen allerlei köstliche Dinge. Im ersten Staunen vergaßen die Kinder Joli ganz und gar, der mit ihnen gekommen war. Dem wurde das Fernstehen aber bald langweilig, er meinte, so schöne Sachen, wie sie auf den Tischen lagen, müßte man ansehen, und hopps! saß Freund Joli in aller Weihnachtsherrlichkeit drin, gerade neben Babeles neuer Puppe, die er mit stürmischer Zärtlichkeit in seine braunen Arme nahm.
Babele schrie gellend auf. Bubele schrie zur Gesellschaft mit, Lina kreischte los, und einen Augenblick sah es aus, als sollte durch Joli alle Weihnachtsfreude zerstört werden. Doch da war der Vater schon am Tisch und packte den kleinen Missetäter, noch ehe dieser des neuen Puppenkindes goldblonde Lockenperücke zerzausen konnte.
»Pfui, Joli, böser Joli!« schimpfte Babele noch immer tief erschrocken, als ihr der Vater nun das Püppchen in den Arm legte. »Pfui, Joli!« schalten auch die Geschwister, als aber Joli wieder seine traurigen Augen machte und ordentlich niedergeschlagen vor seinem Weihnachtsplätzchen hockte, da schwand aller Groll, es hieß bald wieder »süßer Joli«, und selbst Babele streichelte wieder zärtlich den kleinen Wildling.
Nur Lina brummte und schmollte. »Der braune Satan verdirbt mir alle Weihnachtsfreude,« behauptete sie, biß dabei aber doch eifrig an einem großen Pfefferkuchen herum. »Der richtet sicher noch einmal Unheil an.«
Trotz Linas Groll verlief der Weihnachtsabend aber doch in Lust und Freude, und Joli trug viel zur allgemeinen Freude und Heiterkeit bei. Er ließ sich geduldig in den neuen, blauen Wagen setzen, der nun viel prächtiger, als die Kinder sich ihn geträumt hatten, mitten unter dem Christbaum stand. Joli versuchte, die Trommel zu schlagen, und machte ein so dumm verwundertes Gesicht, als Lieselinchen die kleine Spieldose, die sie bekommen hatte, aufzog, daß selbst Lina ein ganz klein wenig lachen mußte. –
Es ist nun mal so dumm, daß Weihnachtsabende auch vorübergehen, und viel zu früh erklang den Kindern der Ruf: »Zu Bett!« Sie behaupteten, sie wären noch kein bißchen müde, und Bubele sagte: »Ich brauche gar nicht zu schlafen.« Nach fünf Minuten schlief er aber schon fest und tief, und die Geschwister folgten ihm geschwind ins lustige, bunte Traumland nach. Joli durfte heute im warmen Herdwinkelchen in der Küche bleiben, obgleich Lina darüber schalt.
»Er wird schon brav sein,« versicherte ihr Frau Hesse, der der kleine Kerl, der doch von seiner Heimat her ein wärmeres Klima gewöhnt war, leid tat; der Herdwinkel war doch noch behaglicher als Jolis Kammer. Draußen war es bitter kalt, und so brauchte das Äffchen nicht mehr bis zum Gewächshaus zu laufen.
Lina zog sich brummend mit ihren Weihnachtsschätzen in ihre Stube zurück. Ihre Herrin mahnte: »Geh auch zu Bett! Vergiß nicht, die Lampe auszulöschen!«
Das Mädchen versprach es, und Frau Hesse, die von allen Festvorbereitungen ermüdet war, ging auch schlafen; sie freute sich auf die ruhevollen Feierstunden der kommenden Tage. Bald schliefen alle im Hause, nur ein Fenster war noch erleuchtet. Über dem Anschauen der Geschenke hatte Lina das Zubettgehen vergessen. Sie band sich die neuen Schürzen um, steckte sich eine Schleife vor, überlegte, wie sie das neue Kleid machen lassen wollte, und schmauste dabei vergnügt Pfefferkuchen. Auf einmal fiel es ihr ein, daß sie den Kasten mit dem schönen, rosaroten Briefpapier noch im Weihnachtszimmer hatte stehen lassen. Ei, den mußte sie doch noch holen. Sie nahm die Lampe und lief flugs hinüber in das Weihnachtszimmer. Unterwegs aber löschte ihr vom raschen Gehen die Lampe aus, und ein Weilchen stand sie ganz verdattert im Dunkeln da. Dann tappte sie sich nach der Küche, suchte dort Streichhölzer und zündete sich, da die Lampe noch heiß war, ein Licht an.
Joli lag in seiner Ecke und blickte Lina mit seinen klugen, dunklen Augen so unverwandt an, daß es dieser ganz unheimlich wurde. »So'n Tier,« murrte sie, »fürchten kann man sich vor ihm.« Sie lief rasch hinaus und vergaß in der Eile, die Küchentür fest zu schließen. Sie wäre auch beinahe wieder umgekehrt, es war so seltsam im Hause in der tiefen Stille der heiligen Nacht.
Allerlei Märchen fielen Lina ein, die sie gehört hatte, auch daß die Tiere in der heiligen Nacht sprechen können wie die Menschen. »Brrr, wenn das Joli tut,« dachte sie geängstigt und suchte hastig auf dem Tisch nach ihrem Kasten. Da war er. Sie ergriff ihn schnell, nahm das flackernde Lichtlein und rannte aus dem Zimmer hinaus, ohne sich noch einmal umzuschauen. Auch an der Küchentüre lief sie vorbei, ohne zu sehen, daß diese offen stand. In ihrer Kammer ließ sie die Sachen liegen, wie sie lagen, und kroch flugs in ihr Bett.
Sie konnte aber lange nicht einschlafen; es war ihr, als liefen huschende Schritte an ihrer Kammer vorbei, es knisterte und knasterte im Haus, und in ihrem Haß gegen Joli dachte sie wieder: »Daran ist nur der braune Satan schuld. Ich habe immer gesagt: Das Tier ist unheimlich, es wird noch mal 'n Unglück ins Haus bringen.«
Lieselinchen schlief auch in dieser heiligen Nacht so tief und sanft wie sonst. Doch plötzlich wurde sie in einem heiteren Traum gestört. Jemand hatte sie angefaßt und schüttelte sie. Erschrocken fuhr sie auf, sie fühlte etwas Weiches, Haariges neben sich.
»Joli!« rief die Kleine erschrocken.
Das Äffchen stieß einen kurzen, ängstlichen Schrei aus, und davon wurde Lieselinchen ganz wach.
»Joli, was hast du?« fragte sie ängstlich.
Im Schein der Nachtlampe, die das Mädchenstübchen matt erhellte, sah sie, daß ihr kleiner Freund ganz verstört aussah. Er zitterte vor Angst und stieß klagende, flehende Schreie aus. Und dann merkte Lieselinchen noch etwas: es roch so seltsam im Zimmer, und durch die Türe, die offen stand, zogen weißliche, dicke Wolken.
Feuer! Lieselinchen saß wie erstarrt da. Feuer! War das möglich? Aber da zerrte und zog Joli an ihrem Hemdchen, er strich mit seiner kleinen Pfote über ihr Gesicht und jammerte laut, als wollte er bitten: »Rette dich doch, rette dich doch!«
Dies brachte Lieselinchen zur Besinnung. Mit beiden Beinchen sprang die Kleine aus dem Bett heraus, stolperte in das Schlafzimmer der Eltern und schrie: »Feuer! Feuer! Vaterle, es brennt!«
Eine Minute später hatte Herr Hesse die Gefahr erkannt, in der alle schwebten; das ganze Treppenhaus war bereits in Qualm gehüllt. Da gab es kein Besinnen mehr, und zum Glück war er ein ruhiger, entschlossener Mann, der in der Gefahr nicht den Kopf verlor. Er nahm Bubele und Babele, die ganz verschlafen waren, hüllte sie noch in eine Bettdecke und eilte mit ihnen hinaus. Die Mutter, Dietrich und Lieselinchen folgten. Jedes hatte noch schnell nach seinen Sachen gegriffen. Der Vater aber rief eilig: »Vorwärts, vorwärts! Kümmert euch nicht um die Sachen!«
Er ging die Treppe hinunter in den dicken Qualm hinein, nur drei Stufen, dann schrie er: »Umkehren!« Er sah, daß es unmöglich war, durchzukommen, schon schlugen aus dem Wohnzimmer die hellen Flammen heraus.
»Am Spalier hinab!« keuchte der Vater und schob die Seinen zurück ins Schlafzimmer. Dort an der Rückwand des Hauses zog sich fast bis zu den Fenstern ein Weinspalier hinauf. An ihm schwang sich Herr Hesse hinunter, Dietrich folgte geschwind, und beide schleppten rasch eine Leiter herbei, auf der die Mutter und die andern Geschwister folgen konnten.
»Seid ruhig!« tröstete der Vater die weinenden Kinder.
»Meine Puppe, meine neue Puppe!« jammerte Babele, aber da war sie schon unten, und durch den beschneiten Garten ging es mit lauten Rufen nach dem einige Schritte entfernt liegenden Warmhaus.
An Lieselinchens Hals hing Joli. Der hatte nicht einen Augenblick seine kleine Herrin verlassen, so fest hielt er sie aber umschlungen, daß diese ihn gar nicht zu halten brauchte.
Fabian war durch Karos klagendes Bellen aufgewacht, da hatte er seine Kammer in vollem Feuerschein gesehen, und auch er war rasch aufgesprungen und kam nun den Geretteten entgegen, Bartel, der Lehrling, hinter im drein.
»Lina, wo ist Lina?« rief Frau Hesse.
Ihr Mann tröstete: »Geht nur alle ins Gewächshaus, in das letzte; hier werden die Scheiben springen. Wir holen Lina,« und mit Fabian stürzte er zurück, um Lina aus dem brennenden Hause zu retten.
Kaum schien das noch möglich. Schon schlugen aus den Fenstern heraus die hellen Flammen, und eine dicke, schwere Rauchwolke stieg zum nächtlichen Himmel empor. In ihrer Kammer aber lag Lina in tiefem, festem Schlaf; der eindringende Rauch hatte sie schon bewußtlos gemacht, und sie hörte nichts von dem Lärm, sie hörte nicht das angstvolle Rufen, sie wußte auch nicht, daß Fabian ihr Fenster einschlug und rauchgeschwärzt in ihre Kammer eindrang. Die Rettung kam im letzten Augenblick. Denn kaum hatte Fabian mit der Bewußtlosen sich wieder zum Fenster hinaus geflüchtet, da stürzte mit donnerndem Gepolter ein Teil der Mauer ein. Nun rasten die Flammen, durch nichts mehr gehindert, durch das Haus und verzehrten gierig alles, was sie fanden. Jedes Stück des Hausrates wurde ihre Beute. Das Weihnachtszimmer mit all seiner Märchenherrlichkeit war zuerst ausgebrannt; nichts blieb von all den hübschen Dingen übrig, auf die die Kinder sich wochenlang sehnsüchtig gefreut hatten. Und so manches liebe Stück, das noch aus der Großeltern Hause stammte, verbrannte. Nichts wurde gerettet.
Als der Morgen graute, war das freundliche, behagliche Gärtnerhaus, in dem die Hesses so viele glückliche Stunden verlebt hatten, nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Auch die Gewächshäuser waren zum Teil zerstört, die Scheiben gesprungen, nur eines, das etwas abseits am Gartenende stand, war unversehrt. In diesem saßen die Abgebrannten an diesem trübseligen Morgen des ersten Feiertages.
»Wir müssen in der Stadt ein Unterkommen suchen,« sagte der Vater niedergeschlagen, als er sah, daß aller Kampf vergeblich war und das Feuer sich nicht dämmen ließ. Traurig fuhren alle auf einem Leiterwagen in die Stadt. In Decken gehüllt, notdürftig gekleidet, so kauerten die Kinder schluchzend zusammen. Die Kleinen weinten um die verbrannte Weihnachtspracht, die Großen aber verstanden schon mehr den Kummer der Eltern. Joli saß dicht neben Lieselinchen; der kleine Kerl zitterte immerzu und warf manchmal böse Blicke auf Lina. Das Mädchen weinte, seit sie wieder zu sich gekommen war, unaufhörlich; so verzweifelt war ihr Klagen, daß Frau Hesse, der ihr Herz doch selber bitter schwer war, sie noch zu trösten versuchte. Vergeblich, Lina hörte gar nicht auf die sanften Worte, sie schluchzte und klagte, als sei es ihr Haus gewesen, das verbrannt war.
Wie sie so miteinander in dem frühen, grauen Morgen dahinfuhren, an Häusern vorbei, in denen die Menschen noch friedlich und festtagsruhig schliefen, sagte Herr Hesse nachdenklich: »Wie mag nur das Feuer entstanden sein? Ich grüble und grüble und kann keine Erklärung finden. Das Licht war doch im ganzen Hause überall ausgelöscht?«
»Im Weihnachtszimmer hat es anscheinend angefangen. Gewiß ist beim Baumanzünden oder beim Auslöschen ein Fünkchen irgend wohin geflogen und hat gezündet,« sprach Frau Hesse.
Ihr Mann schüttelte trüb den Kopf. »Ich habe so genau nachgesehen.« Plötzlich sah er die weinende Lina an, die ganz zusammengesunken dasaß. »Warst du noch einmal im Weihnachtszimmer?« fragte er.
»Nein, nein,« schrie das Mädchen, »daran ist ganz gewiß der Affe schuld. Ich habe immer gesagt, mit dem Tier kommt Unglück ins Haus!«
»Joli hat mich aber doch gerettet,« verteidigte Lieselinchen ihren Liebling, »er hat mich geweckt.«
»Dich gerettet?« riefen alle erstaunt. Im ersten Entsetzen hatte niemand gefragt, wie es gekommen war, daß Lieselinchen zuerst aufgewacht war. Nun erzählte die Kleine, und immer erstaunter schüttelte Herr Hesse den Kopf.
»Seltsam,« murmelte er, »wie konnte das Tierchen die schwere Küchentüre aufklinken? Eure Schlafzimmertür, ja, die geht leicht auf, aber die Küchentüre bringt ja selbst unser Bubele noch nicht auf.«
»Warst du noch einmal in der Küche?« fragte Frau Hesse Lina und sah das Mädchen forschend an.
»Nein,« murmelte diese und schluchzte weiter. Das Herz war ihr schwer ob der Lüge, aber es war fürchterlich, die Wahrheit zu bekennen, denn dann würden alle sagen, sie sei schuld am Feuer. »Du bist es auch, du bist es auch,« klang eine Stimme in ihr. Sie schloß zitternd die Augen und sah sich plötzlich wieder mit dem flackernden Lichtlein durch das Zimmer eilen.
»Ach mein Gott, ich hab' doch das Feuer angezündet,« murmelte sie verzweifelt.
»Sagtest du was, Lina?« fragte Frau Hesse, die die Weinende beobachtete.
»Nee,« schluchzte Lina. »Ach mein Gott, der Affe, der Affe ist an allem schuld, er alleine, er alleine!«
Die Kinder konnten Joli nicht noch einmal verteidigen, dem Wagen entgegen kamen jetzt rasch Leute geeilt, und den Abgebrannten tönten herzliche Rufe entgegen: »Kommt zu uns, wir haben Platz!« – »Wir auch!« – »Seid nicht traurig! Gottlob, daß alle gesund sind!«
Da merkten es die Hesses an diesem trüben Festmorgen recht, wie gut es ist, Freunde in der Not zu haben. Nach einer Stunde saßen sie alle warm und geborgen bei lieben Menschen. Diese und viele andere waren bemüht, ihnen recht viel Liebe zu erweisen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.