Kitabı oku: «Die Bande vom Vorwald»

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Siegfried Böck

DIE BANDE

VOM VORWALD

Ein Elsternabenteuer

aus Brommelshausen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Die seltsamen Waldgeschichten

Mal ganz ehrlich. Wer hat schon jemals von einem Ort mit dem wunderlichen Namen Brommelshausen gehört? Ich wette, allzu viele werden es nicht sein. Ich für meinen Teil hatte bis vor Kurzem noch keinen blassen Schimmer von der Existenz dieses Städtchens. Das wäre bestimmt auch bis in alle Ewigkeiten so geblieben, wenn ich nicht von diesen seltsamen Brommelshausener Geschichten gehört hätte und für Geschichten, egal welcher Art, bin ich ja bekanntlich immer zu haben. Für gute Geschichten bin ich sofort bereit, bis in weit abgelegene Provinzen vorzudringen, und wenn es sein muss, sogar bis nach Brommelshausen.

Mit den Brommelshausener Geschichten hatte es allerdings eine ganz besondere Bewandtnis. Zuerst vermutete ich ja, dass diese Geschichten sich mit irgendwelchen komischen oder, wie schon gesagt, seltsamen Ereignissen aus der Brommelshausener Stadt- und Klatschgesellschaft beschäftigen. Dem war aber nicht so, obwohl im schmucken städtischen Rathaus durchaus mal seltsame Beschlüsse gefasst werden können. Es geht in den Geschichten auch nicht um den FC 08-Brommelshausen, der übrigens am vergangenen Sonntag eine herbe 5:0-Klatsche gegen Fortuna Untermoosbach einstecken musste. Bei dem schlechten Tabellenstand des Vereins ist aber auch so eine Niederlage mit fünf Toren Unterschied kein erwähnenswertes, geschweige denn seltsames Vorkommnis.

Nein, in Brommelshausen erzählt man sich ganz andere Geschichten – nämlich Waldgeschichten. Die Brommelshausener nennen sie so, weil alle diese Erzählungen ihre „grüne Bühne“ im Stadtwald von Brommelshausen haben. Nun ist es bei Waldgeschichten naheliegend, dass Tiere darin vorkommen, und genau das trifft hier auch zu. Es sind Tiergeschichten, die vom Alltagsleben und von den Abenteuern der dortigen Waldbewohner erzählen, wobei die Tierakteure mit ausgeprägten menschlichen Eigenschaften ausgestattet sind. Das heißt, sie sprechen, fühlen und handeln wie Menschen. Oft sind die Geschichten lustig, manchmal weniger lustig und ab und zu auch überhaupt nicht lustig, denn sie schildern auch tragische und gefährliche Ereignisse, welche die gefiederten und bepelzten Bewohner erleben müssen. Mancher wundert sich auch mit leichtem Schaudern, was sich im scheinbar so beschaulichen Stadtwald alles so abspielt.

Es sind also Tiergeschichten aus einem Stadtwald. Eigentlich nichts Besonderes, denn Tiergeschichten findet man in jeder Dorfbücherei und es gibt genügend Schreiberlinge, die sogar davon leben, indem sie mehr oder weniger gute Tiergeschichten zu Papier bringen.

Das Seltsame an diesen Waldgeschichten ist aber, dass niemand weiß, wer der Urheber dieser Geschichten ist. Es gibt keinen Schriftsteller, der die Waldgeschichten als sein geistiges Eigentum in Anspruch nehmen will, zumindest hat sich noch keiner von der schreibenden Zunft bei mir gemeldet.

Manch einer könnte nun sogar auf die Idee kommen, dass die Waldgeschichten gar keine Fantasiegeschichten aus einer Schriftstellertastatur sind, sondern wahre Begebenheiten schildern. Zugegeben, eine gewagte Idee, aber ich könnte es mir trotzdem sehr gut vorstellen.

Falls es aber doch einen mysteriösen, unbekannten Schreiberling geben sollte, der diese Geschichten erdacht hat, probier ich jetzt zum allerletzten Mal, diesen Heimlichtuer ausfindig zu machen.

„Haaalloo, ist hier irgendjemand, dem die Waldgeschichten gehören!?“

Ich habe noch einmal zwei Monate gewartet, gesucht und noch einmal gewartet, aber niemand hat sich auf meine Aufrufe gemeldet. So nehme ich an, dass die Waldgeschichten wirklich keinen Besitzer haben und ich sie hier und jetzt erzählen darf.

Fangen wir einfach an.

Brommelshausen, sein Stadtwald und seine Besonderheit

Wie schon angedeutet, gibt es über Brommelshausen nicht sehr vieles zu berichten. Es ist ein abgeschiedenes, verschlafenes Landstädtchen im ebenfalls abgeschiedenen und verschlafenen Grünwaldviertel, irgendwo in der tiefsten Provinz. Es spricht eigentlich nicht sehr viel dafür, einfach mal so seine Koffer zu packen und auf einen Sprung dorthin zu fahren. Ehrlich gesagt, spricht überhaupt nichts dafür.

Natürlich kann es ab und zu mal vorkommen, dass es den einen oder anderen durch einen seltsamen Zufall oder durch eine GPS-Fehlnavigation doch einmal nach Brommelshausen verschlägt. Falls jemandem so etwas passieren sollte, dann – ein Tipp unter Freunden – wäre ein Abstecher in den dortigen Stadtwald nicht der schlechteste Zeitvertreib. Wer jetzt meint, dass es bestimmt nicht sehr aufregend sein kann, in einem Wald neben einer verschlafenen Kleinstadt herumzulaufen, der hat nicht einmal ganz unrecht. An dem Wald selbst ist auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nichts, aber auch gar nichts zu bemerken, was einen vom Hocker reißen würde. Es ist ein ganz normaler Wald mit großen, alten Bäumen, lauschigen Waldwiesen, einem Wiesental mit einem kleinen Bach und einer Lichtung mit dem reizenden Namen „Tannengrün“, die genau in der Mitte des Waldes liegt.

Was ist nun das Besondere am Brommelshausener Stadtwald?

Die Bäume, das Wiesental und die Lichtung sind es bestimmt nicht. Es sind auch nicht die großen Tiere des Waldes, obwohl er von beeindruckenden Wildschweinrotten und Rehrudeln bevölkert wird.

Nein, das Besondere an diesem Wald hat Federn, und zwar schwarzweiße Federn und dazu noch einen langen Schwanz, der beim Fliegen aufgeregt auf und ab wippen kann. Diese schwarzweißen Federkleidträger sind eigentlich auch wieder nichts Besonderes, denn sie gehören zu einer überall bekannten Sippe von Gefiederten, von der jedes kleine Kind sagen kann: „Schau mal, Mama, da fliegen aber viele Elstern!“

Jawohl, ganz gewöhnliche Elstern. Die Elstern im Brommelshausener Stadtwald nehmen allerdings eine Art Sonderstellung ein, denn nur ihnen eilt der zweifelhafte Ruf voraus, einen, wie soll man sagen, etwas lockeren Lebenswandel zu führen. Vor allem bei ihren ungeliebten Verwandten, den etwas spießigen Schwarzbefrackten, gelten die verrückten Schwarzweißen als eine Sippschaft, die in der ehrwürdigen Rabenvogelfamilie nichts mehr zu suchen hat. In ihren strengen Krähenaugen ist die schwarzweiße Verwandtschaft einfach nur laut, streitsüchtig, neugierig, boshaft, frech und zu allem Überfluss auch noch diebisch. Wie sollen die Schwarzweißen, die alle so komische Namen wie Emil, Eddy oder Edgar tragen, auch sonst in den Besitz dieser vielen glänzenden und geheimnisvollen Gegenstände gekommen sein, welche die Nischen ihrer Nestburgen bis zum Rand ausfüllen?

„Geklaut haben sie diese wertvollen Sachen!“, so würden es auf jeden Fall die Schwarzbefrackten behaupten.

Übrigens: Im Wald heißen die Elstern nicht Elstern und die Krähen auch nicht Krähen, sondern Schwarzweiße und Schwarzbefrackte. In der Geschichte werden aber, aus verschiedenen Gründen, beide Namen verwendet. Bei anderen Waldbewohnern sind solche mehrfache Namensgebungen ebenfalls üblich.

Ein besonderer Dorn in jedem ehrlichen Krähenauge ist auch die Unart der Schwarzweißen, sich in provozierenden, schwarzen und weißen Federkombinationen zu kleiden. Eine Beleidigung für jede alte Rabentradition.

Kurz gesagt, Elstern und Krähen können sich nicht besonders leiden, aber das soll ja selbst in den besten Verwandtschaften gar nicht so selten vorkommen.

Wenn auch die liebe Krähenverwandtschaft sich nach Kräften bemüht, keine gute Feder an der schwarzweißen Sippe zu lassen, alles darf man ihr doch nicht glauben. In Wirklichkeit besitzen die Schwarzweißen auch Eigenschaften, die sie ganz sympathisch erscheinen lassen. Sie sind nämlich auch fürsorglich, hilfsbereit, fröhlich und haben dazu noch einen ausgeprägten Familiensinn. Kurzum, bei den Elstern findet man alle nur denkbaren Charaktereigenschaften, nur sind einige dieser Eigenschaften bei ihnen vielleicht etwas stärker ausgeprägt als bei anderen Bewohnern des Stadtwaldes. Gerade dieses eigenwillige und manchmal wirklich chaotische Wesen macht die Elstern zu idealen Abenteurern und deshalb haben sie im Stadtwald auch schon mehr als einmal für anständigen Wirbel gesorgt.

Ach ja, wildes, chaotisches Elsterleben mit gefährlichen oder auch komischen Abenteuern oder auch nur der normale Elsternalltag. Wie faszinierend wäre eigentlich so ein kleines Abtauchen in die Welt der Eddys, Edgars, Ellys, Erichs, Emils, Ellas und wie sie sonst noch alle heißen mögen. Ganz bestimmt wäre es ein bezauberndes Erlebnis, aber dazu wird es wohl keine Gelegenheiten geben, denn die Sippe der Schwarzweißen lässt aus guten Gründen keine Menschen an ihrem Leben teilhaben.

Irgendjemand muss es aber doch geschafft haben, sich bei den Schwarzweißen und auch bei anderen Waldbewohnern einzuschleichen, denn wie in aller Welt sollten die Waldgeschichten sonst zustande gekommen sein? Mir ist das immer noch ein Rätsel.

In den Geschichten dreht es sich aber nicht ausschließlich um die Schwarzweißen, wenn diese auch fast überall die Hauptrollen einnehmen. Neben ihnen gibt es nämlich noch viele weitere Waldbewohner, unter anderem einen mürrischen Schwarzspecht, freche Kleiber mit einer starken Vorliebe für korrekte Umgangsformen und einen überängstlichen Waldkauz mit einer etwas dicklichen Figur. Dass es im Wald nicht zu lustig wird, dafür sorgen ein paar weniger sympathische Bewohner, vor denen sich die anderen sehr in Acht nehmen müssen. Hier seien nur der verschlagene Marbert Marder und die lautlose Strega, wie die riesige Uhufrau genannt wird, erwähnt. Auch dem Grauen, dem gefürchteten Wildkater, geht man besser aus dem Weg. Außerdem soll auch noch eine einbeinige Habichtsfrau mit dem ausgefallenen Namen Accellara Habicht irgendwo ihr Unwesen treiben. Aber es gibt auch noch einen netten, alten Forstmeister, der heißt Waldemar Sägebrecht und wer weiß, vielleicht stammen die Geschichten sogar von ihm, denn im Brommelshausener Stadtwald kennt sich niemand besser aus als er.

Wer mehr über den Wald, den Elsternschwarm und über die anderen Waldbewohner erfahren will, dem bleibt, wie schon gesagt, die Möglichkeit, selber einmal dorthin zu fahren. Mit viel Geduld und viel Glück kann er vielleicht den einen oder anderen Waldbewohner mal kurz zu Gesicht bekommen. Wem das aber zu anstrengend ist, der kann sich auch einfach bequem zurücklehnen, eine heiße Tasse Kakao bereitstellen und dieses Buch weiterlesen.

Ein alter, schnupftabakliebender Forstmeister und sein Stadtwald

Den Wald erreichen wir am besten mit dem roten Stadtbus der Linie 1, denn der fährt bis zur Endhaltestelle „Brommelshausener Forst“ am nördlichen Stadtrand. Den richtigen Bus zu finden, ist nicht schwer, denn Brommelshausen ist eine kleine Stadt und hat nur die eine Buslinie, nämlich diese Linie 1. Vielleicht wollte ein vorausschauender Stadtplaner ursprünglich noch eine Linie 2 dazuplanen, wer weiß das schon. Die ganze Fahrt vom Bahnhof quer durch die Stadt dauert höchstens zehn Minuten und das auch nur deshalb, weil der Bus jede Minute anhält, um Fahrgäste aus- und einsteigen zu lassen. An der Endhaltestelle „Brommelshausener Forst“ steigen wir dann selber aus und folgen dem Kirschenweg, der direkt hinter dem Wartehäuschen, leicht ansteigend, zu einem kleinen Wohnviertel führt. Nach ungefähr 300 Metern biegen wir rechts in den Pflaumenweg ein und das war’s dann mit Brommelshausen. Wir haben den Stadtrand erreicht. Am Ende des Pflaumenweges öffnet sich der Blick auf den Wald und der ist so nah, dass die einzelnen Bäume schon mit bloßem Auge sehr gut zu unterscheiden sind.

Es kommt aber öfters vor, dass Ausflügler ihre Wanderung schon jetzt für einen Augenblick unterbrechen und staunend vor dem allerletzten Haus im Pflaumenweg stehen bleiben. Dieses Haus ist aber auch ein Hingucker, denn es unterscheidet sich total von den anderen Häusern in der Siedlung. Die Wände bestehen aus Holz, besser gesagt aus dunkelbraun gestrichenen, aufeinandergestapelten Baumstämmen, und das ganze Haus macht den Eindruck, als hätte man es direkt von Alaska oder Kanada hierher nach Brommelshausen versetzt. Es ist ein rustikales Blockhaus, wirklich wie aus der kanadischen Wildnis entnommen und mit ein wenig Fantasie könnte sich manch einer sogar vorstellen, dass Jäger und Trapper darin wohnen, was hier in Brommelshausen natürlich unmöglich wäre. Das Blockhaus im Pflaumenweg ist allerdings ein wenig größer und vermutlich auch ein bisschen komfortabler eingerichtet als die kargen Hütten in der nordischen Wildnis. Sehr ungewöhnlich ist auch das kapitale Hirschgeweih mit seinen sechzehn säbelartigen Enden, das über der wuchtigen Eingangstür prangt. Ungewöhnlich deshalb, weil weit und breit kein anderes Haus mit einem Hirschgeweih über der Eingangstür zu finden ist und das gilt bestimmt nicht nur für Häuser in Brommelshausen. Wie gesagt, dieses letzte Haus im Pflaumenweg ist wirklich sehenswert.

Interessant ist aber auch der bullige, grüne Geländewagen, der vor dem Haus geparkt ist, zumindest für große und kleine Jungs, denn wer hätte nicht selber gerne so einen Geländewagen. Ein solcher Wagen ist natürlich ideal für Arbeitsfahrten im Wald und deshalb ein passendes Gefährt für Leute, die beruflich viel im Wald zu tun haben. Schaut man auf die Plakette an der Windschutzscheibe des Geländewagens, so kann man lesen:

Amtliches Forstfahrzeug für den Stadtwald Brommelshausen. Berechtigter: Herr Forstmeister Waldemar Sägebrecht

In dem einzigen Blockhaus in ganz Brommelshausen und Umgebung wohnt nämlich der alte Forstmeister Waldemar Sägebrecht, zusammen mit seiner besseren Hälfte, der Frau Forstmeisterin Waldtraud Sägebrecht. Wenn man diesen sehr amtlich und streng klingenden Aufdruck auf der Plakette liest, könnte man fast ein bisschen erschrecken, denn unter einem Forstmeister stellt man sich doch leicht einen sehr energischen, wahrscheinlich auch humorlosen, drahtigen Mann in schneidiger grüner Försterkleidung vor, der kleine Jungs aus dem Wald vertreibt, wenn er sie dabei erwischt, wie sie mit ihren Taschenmessern dünne Äste von einem Haselstrauch abschneiden, um daraus Pfeile und Bogen zu basteln.

Doch dieser Eindruck täuscht, denn unser Forstmeister Sägebrecht ist das glatte Gegenteil davon, nämlich ein gemütlicher, etwas beleibter älterer Mann mit Lachfalten und einem grauen Bart im wind- und wettergegerbten Gesicht. Der alte Sägebrecht ist Forstmeister mit Leib und Seele und hängt so an seinem geliebten Stadtwald und an den Tieren, die darin leben, dass die Frau Forstmeisterin Waldtraud Sägebrecht schon öfters im Scherz zu ihm gesagt hat: „Waldemar, manchmal weiß ich wirklich nicht mehr, ob du mit mir oder mit deinem Stadtwald verheiratet bist.“

Darüber muss der Forstmeister dann jedes Mal lachen und wenn er dann ausgelacht hat, greift er meistens in die Tasche seiner grünen Forstmeisterjacke und holt eine goldglänzende Schnupftabakdose hervor, um sich eine kräftige Prise von seinem guten und dazu noch sehr scharfen Schnupftabak zu gönnen. Auf dem Deckel der Dose ist ein ganzer Wald mit röhrenden Hirschen und einem flüchtenden Fuchs aufgemalt. Es ist also genau die passende Schnupftabakdose für einen Forstmeister und da diese Dose so passend ist, wird sie auch sehr oft hervorgeholt. Unser Forstmeister ist nämlich ein großer Liebhaber der gepflegten Schnupfkultur und eine deftige Prise von seinem guten Schnupftabak kann ihn in Hochstimmung versetzen.

Sehr schlecht gelaunt wird der Forstmeister Sägebrecht allerdings, wenn jemand seinen geliebten Schnupftabak versteckt und sei es nur zum Spaß. So etwas getraut sich nur die Frau Forstmeisterin und sie tut es auch ab und zu, nur um ihren Ehegatten wegen seiner übertriebenen Schnupftabakliebhaberei ein bisschen aufzuziehen. Ausschütten könnte sie sich dann vor Lachen, wenn ihr Waldemar grantelnd nach seinem braunschwarzen Genusspulver sucht.

Auf die absurde Idee, dem Forstmeister seinen Schnupftabak zu stehlen, auf so eine wirklich abnormale Idee würde natürlich niemand kommen. Oder etwa doch?

Das Hochhaus am Krähenbach

Hinter dem Forstmeisterhaus sind es nur noch ein paar Schritte, bis der Pflaumenweg in einen schmalen, aber geteerten Feldweg übergeht. Dieser Weg hat keinen richtigen Namen mehr, sondern ist nur noch der Feldweg Nummer 3. Ab hier ist Brommelshausen dann wirklich zu Ende. Für den alten Forstmeister Sägebrecht ist dieser geteerte Feldweg Nummer 3 eine gute Sache, denn er führt direkt zum Brommelshausener Stadtwald und ist praktischerweise genauso breit wie sein Geländewagen. Wer aber keinen Geländewagen besitzt und trotzdem zum Wald will, kann eigentlich auch ganz gut zu Fuß gehen, denn vom Forstmeisterhaus im Pflaumenweg bis zum Waldrand ist es nur ein kleiner Spaziergang durch ein paar Obstwiesen und Getreidefelder. Kurz vor dem Wald überquert man auf einer Brücke mit massivem Holzgeländer einen kleinen Bach, den Krähenbach. Die Bezeichnung „Bach“ ist bei diesem Rinnsal fast übertrieben, denn der Krähenbach ist, vor allem in den trockenen Sommermonaten, höchstens ein Bächlein oder auch nur ein Graben. Kleine Jungs und Mädchen und vielleicht sogar der alte Forstmeister Sägebrecht könnten mit Anlauf leicht darüberspringen, was aber bestimmt keiner machen würde, denn beide Ufer des Krähenbaches sind dicht mit hohen Brennnesseln und Weidengestrüpp bewachsen. Zumindest die Landung auf der anderen Seite des Baches könnte leicht in einem Brennnesselbusch enden und das wäre alles andere als angenehm.

Das Bächlein schlängelt sich mitsamt Brennnesseln und Weidengestrüpp mitten durch ein breites Wiesental, welches den Wald in eine nördliche und eine südliche Hälfte aufteilt. Wie es der winzige Krähenbach bloß geschafft hat, sich so ein großes Flusstal zuzulegen, ist mir schleierhaft, aber das muss ja nicht heißen, dass es dafür keine plausible Antwort gibt. Bei einer mächtigen, allein stehenden Kiefer biegt der Krähenbach dann scharf nach Süden ab und erreicht nach ungefähr zwei Kilometern den Rand des Stadtwaldes. Dort folgt ein weiterer scharfer Knick nach Westen, wo das Bächlein dann am Waldrand entlangplätschert, irgendwann den uns schon bekannten Feldweg Nummer 3 unterquert und schließlich im Zentrum von Brommelshausen in den großen Stadtfluss, nämlich in die Brommel, mündet.

Aber gehen wir zurück zu der mächtigen, allein stehenden Kiefer. Wen es interessiert, wieso diese Kiefer als einzelner Baum so mutterseelenallein mitten im Wiesental steht, der sollte vielleicht mal den Forstmeister Sägebrecht fragen, denn der weiß ja alles über den Wald und seine Bäume und mit Sicherheit weiß er auch, warum diese riesige Kiefer ausgerechnet hier ihren Platz gefunden hat. Auf jeden Fall hat dieser einsame Standort dem Wachstum der Kiefer in keiner Weise geschadet. Im Gegenteil, denn die Kiefer ist fast so hoch wie eines der beiden Brommelshausener Hochhäuser, oben in der Siedlung am Brommelberg.

Die Kiefer als Hochhaus zu sehen, dieser Vergleich ist eigentlich gar nicht so abwegig. Genauso wie die Hochhäuser auf dem Brommelberg bietet auch die mächtige, allein stehende Kiefer erstklassige Wohnungen für eine ganze Menge grabender, krabbelnder, kriechender, kletternder und fliegender Gäste. Ganz unten, tief im Wurzelwerk der Kiefer, ist Familie Rötelmaus zu Hause. Die Rötelmausfamilie lebt ziemlich zurückgezogen in ihren selbst gegrabenen Wohnhöhlen. Die Nachbarn wissen nicht viel von diesen Mitbewohnern, nicht einmal wie sie heißen. Es wird aber gemunkelt, dass sie eine Menge Kinder haben sollen und diese manchmal vor lauter Hunger an den Wurzeln der Kiefer nagen müssen. Gesehen hat das aber bisher noch keiner und man weiß ja, von dem, was in der Nachbarschaft so alles geredet wird, muss nicht immer alles wahr sein.

Im unteren Drittel der Kiefer erkennt man sofort den Anflieger. Das ist der große, kahle Ast, der aus dem Nadelgewirr herausragt und für alles, was Flügel hat, einen hervorragenden Landeplatz abgibt.

Ein ganzes Stück weiter oben, so in den mittleren Stockwerken des Kiefernhochhauses, befindet sich die Spechtsiedlung. Auf der Wetterseite des Stammes, dort, wo das Stammholz immer etwas morsch und weich ist, hat der eigenbrötlerische, immer etwas mürrische Schwarzspecht Fidelius Klopfer bereits vor zwei Sommern drei übereinanderliegende Spechtwohnungen gezimmert. Irgendjemand nannte diesen Teil der Kiefer damals Spechtsiedlung und der Name ist bis heute geblieben. Warum der ewig schlecht gelaunte Schwarzspecht ausgerechnet hier drei übereinanderliegende Wohnungen gebaut hat, darüber haben sich schon damals alle Bewohner der Kiefer gewundert. Denn Fidelius Klopfer war unverheiratet und wie sollte er drei Wohnungen gleichzeitig bewohnen? Vielleicht, so wurde getuschelt, wollte er auf diese Weise als dreifacher Hausbesitzer auch nur den Schwarzspechtdamen imponieren. Genützt hat es leider nichts, denn Fidelius Klopfer blieb damals den ganzen Sommer über trotzdem unverheiratet. Er blieb sozusagen auf seinen Wohnungen sitzen. Wahrscheinlich war er auch den Schwarzspechtdamen zu eigenbrötlerisch und zu mürrisch.

Offenbar hatte auch Fidelius Klopfer selbst eingesehen, dass seine Besitztümer bei der Schwarzspechtdamenwelt keinen Eindruck hinterlassen, denn gegen Ende des Sommers war er eines Morgens einfach verschwunden und die drei übereinanderliegenden Spechtwohnungen auf einmal ohne Besitzer.

Aber nicht für lange Zeit, denn im Umkreis der mächtigen Kiefer hatten schon viele Wohnungssuchende immer wieder mit begehrlichen Blicken auf die leer stehenden Wohnungen geschielt. So lange der Schwarzspecht die Wohnungen noch überwachte, traute sich natürlich keiner der Interessenten auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, eine davon in Besitz zu nehmen. Dazu war der Respekt vor dem Schwarzspecht einfach zu groß. Erstens, weil er immer so mürrisch war, und zweitens natürlich auch deshalb, weil er einen riesigen spitzen Schnabel besitzt und mit diesem Spechtwerkzeug wollte niemand Bekanntschaft machen.

Einige Tage nach dem plötzlichen Wegzug von Fidelius Klopfer begannen manche der Wohnungssuchenden so langsam etwas mutiger zu werden. Allen voran die Spechtmeise Herr Kleiber. Eigentlich ist so eine Spechtwohnung viel zu geräumig für eine Kleiberfamilie, aber Herr Kleiber war schon immer ein Vogel mit einem speziellen Geschmack und einer Vorliebe für großzügige Räumlichkeiten. Auf jeden Fall schwirrte Herr Kleiber schon länger um die Spechtsiedlung herum, tat aber immer so, als käme er nur so ganz zufällig vorbei, um in der Rinde der Kiefer nach leckeren Käferlarven zu suchen.

Herr Kleiber ist ein kleiner, bunter Vogel, so eine Art Mischung aus einem kleinen Specht und einer Meise. Er beherrscht das seltene Kunststück, einen Baumstamm nicht nur hinauf-, sondern auch hinunterrennen zu können und dies mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit, dass es einem schon vom Zuschauen schwindlig werden kann. Wie gesagt, Herr Kleiber ist von kleiner Gestalt, was ihn aber in keiner Weise daran hindert, ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Die Selbstsicherheit dieses Winzlings gipfelt nicht nur darin, riesige Spechtwohnungen in Besitz zu nehmen, sondern auch in dem seltsamen Tick, darauf zu bestehen, vom Rest der Welt nur mit Herr Kleiber angeredet zu werden. Als zivilisierter Vogel legt er ja schließlich Wert auf gepflegte Umgangsformen. Einen Vornamen hat Herr Kleiber anscheinend nicht oder er ist so komisch, dass er ihn bis heute niemandem verraten will. Egal wie es ist, wer gegen die Anredevorschrift des Kleibers verstößt, wird sofort mit den Worten zurechtgewiesen: „Herr Kleiber, bitte. So viel Zeit muss sein!“ Die Betonung liegt dann unüberhörbar auf dem Wort „Herr“.

Kurz und gut, Herr Kleiber fing an, die unterste der Spechtwohnungen immer öfters zu besuchen, blieb dann einmal für eine Nacht, wahrscheinlich um auszutesten, ob wirklich alles im Reinen war, dann blieb er noch einmal eine Nacht und noch eine Nacht und eine Woche später begann er zu bauen. Nach genauer Untersuchung des Eingangstores hatte Herr Kleiber nämlich festgestellt, dass dieses Tor vielleicht für einen zu groß geratenen Schwarzspecht angemessen sein möge, aber nicht für einen anständigen Vertreter der Kleibersippe. Also musste der Eingang unbedingt verkleinert werden, und zwar so weit, dass wirklich nur noch die kleinen Leute aus der Kleibersippe hindurchpassen. Ein kleibermaßgerechtes Einflugloch hat natürlich den Vorteil, dass andere Wohnungssuchende, wie die lästigen Verwandten aus dem Meisenvolk, die Wohnung nicht so einfach besetzen können, denn auch für diese Herrschaften wäre das verkleiberte Loch dann leider zu eng.

„Zit, zit, selber schuld“, pflegte Herr Kleiber dann zu sagen, „zit, zit, wer so groß und vollgefressen ist wie dieser dumpfbackige Konrad Kohlmeise und seine noch vollgefressenere Gattin Carolina Kohlmeise, na ja, der hat eben Pech gehabt und muss draußenbleiben, zit, zit.“

Ein Eingangstor zu verkleinern, ist für Herrn Kleiber von Haus aus eine leichte Übung, denn wie der Name Kleiber schon aussagt, ist er ein Meister im Zukleben oder Zukleibern. Vor allem mit dem Baustoff Lehm kennt Herr Kleiber sich glänzend aus und er weiß daher natürlich auch, wo es den besten Lehm im ganzen Brommelshausener Stadtwald gibt. Natürlich weiß er auch, wie man den feuchten Lehm mithilfe von eigenem Speichel und anderen Zutaten fachgerecht an den Rändern eines zu großen Einflugloches anklebt und wie man auf die erste Schicht Lehm eine zweite, eine dritte und, wenn es sein muss, noch viele weitere Schichten aufträgt. Selbstverständlich weiß Herr Kleiber auch, wie lange der Lehm trocknen muss, bis aus dem weichen Lehmbrei eine steinharte Mauer entstanden ist.

Trotz all dieser meisterlichen handwerklichen Fertigkeiten von Herrn Kleiber war die Durchführung dieser Torverkleinerung mehr als eine Mammut-Heidenarbeit, denn das Tor war riesig und Herr Kleiber dagegen winzig klein. So sahen die staunenden Nachbarn einen lehmverschmierten Herrn Kleiber mehrere Tage emsig hin und her fliegen. Jedes Mal, wenn Herr Kleiber zurückkam, hatte er ein kleines Kügelchen Lehm in seinem spitzen Schnabel. Er klebte dieses Kügelchen sorgfältig an die vorgesehene Stelle am Eingangsloch, flog wieder davon, kam mit einem neuen Kügelchen zurück, klebte dieses Kügelchen an eine andere Stelle und hörte erst dann mit dem Gekleibere auf, bis wirklich nur noch er selbst sich durch die enge Einflugöffnung zwängen konnte. Kopfunter am Stamm der Kiefer hängend, betrachtete Herr Kleiber nun stolz und zufrieden sein Werk.

„Zet, zet, ich muss wirklich sagen, das Bauwerk ist mir meisterlich gelungen. Das ist jetzt mein Heim und meine Burg, zet, zet!“

Nachdem er dieses der Nachbarschaft lautstark mitgeteilt hatte, verschwand ein sichtlich erschöpfter Herr Kleiber für den Rest des Tages hinter seinen Burgmauern, die ihm jetzt niemand mehr streitig machen konnte.

Seither gehört Herr Kleiber zu den Bewohnern der Spechtsiedlung und hat hier in den Frühlings- und Sommermonaten, zusammen mit einer gewissen Frau Kleiber, auch schon mehrere Generationen kleiner, lärmender Spechtmeisen aufgezogen. Sobald die kleinen Kleiberlinge jedoch selbstständig geworden waren, war auch diese Frau Kleiber auf einmal verschwunden. Angeblich flog sie dann immer auf Kur, um sich von den Strapazen der Kindererziehung zu erholen. Nun gut, am Anfang wurde in der Nachbarschaft noch ein bisschen über die Kleibers und speziell über diese Frau Kleiber getratscht, dann immer weniger und irgendwann überhaupt nicht mehr und da fing man an die Kleibers zu akzeptieren. Denn trotz seiner Eigenheiten und seiner etwas gewöhnungsbedürftigen Art erwies sich Herr Kleiber letztendlich doch als umgänglicher und verträglicher Mitbewohner in der Wohngemeinschaft der mächtigen, allein stehenden Kiefer.

Die anderen beiden Wohnungen in der Spechtsiedlung blieben ohne feste Bewohner, wenn auch ab und zu eine namenlose Fledermaus den Tag in einer der beiden Höhlen verdöste. Bei Einbruch der Dämmerung verschwanden diese scheuen Besucher aber so heimlich, wie sie gekommen waren. Einmal übernachtete eine durchreisende Dohle in einer Spechtwohnung, aber auch dieser Gast blieb nur eine Nacht und flog am nächsten Morgen wieder seiner Wege.

Neben einer Vielzahl anderer Wohnungen und Nester gibt es in der Hochhaussiedlung der mächtigen, allein stehenden Kiefer auch eine Art von Supermarkt, ganz ähnlich dem großen Supermarkt in der Brommelshausener Hochhaussiedlung, und in beiden Märkten finden die hungrigen Besucher alles, was an Nahrungsmitteln für den täglichen Bedarf notwendig ist.

Die Abteilung für verpackte Lebensmittel befindet sich direkt unter der borkigen Rinde der Kiefer. Sie enthält ein sehr reichhaltiges Angebot an köstlichen, knackigen Käfern, leckeren Maden und delikaten Spinnen in allen Sorten, Größen und Geschmacksrichtungen. Der hungrige Besucher des Kiefern-Supermarktes braucht nur die Rinde mit dem Schnabel etwas anzuheben, dann vielleicht noch ein kurzer gezielter Schnabelhieb und schon liegt die Ware ausgepackt und schnabelfertig zubereitet vor ihm.

Wem das Auspacken zu anstrengend ist, kann sich auch mit unverpackten Lebensmitteln begnügen. Diese bestehen aus gefüllten Raupenspezialitäten, appetitlichen Fliegen, wunderbar süß schmeckenden Läusen, sauer zubereiteten Ameisen und manch anderen Leckereien. Die offene Ware ist für jeden gut sichtbar im Nadelwerk und auf den Ästen der Kiefer verteilt, allerdings muss der Kunde ein wenig beweglich sein, da manche der Leckereien die Angewohnheit haben, einfach davonzufliegen, sobald ein Schnabel oder eine Kralle nach ihnen greifen will.

Für Vegetarier hat der Supermarkt auch noch die Samen der Kiefernzapfen auf Lager, aber die sind so gut verpackt, dass nicht jeder diese schmackhaften Happen erreichen kann, außer man heißt zufällig Eichhörnchen oder Rötelmaus. Manchmal kann sich auch ein vegetarisch gesinnter Specht oder sogar ein Kleiber an den Samen-Leckereien erfreuen, aber das ist dann mehr die Ausnahme und passiert eigentlich nur im Herbst oder Winter, wenn die fleischliche Küche anfängt knapp zu werden.

Natürlich wird der Kiefern-Supermarkt tagein und tagaus von vielen Kunden besucht, schon allein, weil ja alles umsonst ist und wer kann dann schon solchen geschmackvollen Gratisangeboten widerstehen? Da sind natürlich die Kleibers, die sich hier bestens auskennen und genau wissen, wo sie die leckersten Spezialitäten mit ihren spitzen Schnäbeln ergattern können. Meike Himmelblau, die Blaumeise, die neuerdings den Nistkasten bei der Lichtung Tannengrün bezogen hat, ist ebenfalls ein häufiger Kunde im Supermarkt der Kiefer. Ebenso ihre Verwandtschaft aus den Sippen der Kohlmeisen und Tannenmeisen. Grünspechte, Buntspechte und Schwarzspechte bevorzugen ausschließlich die Ware, die verpackt unter der Rinde gelagert ist. Übrigens: Fidelius Klopfer ist seit seinem überhasteten Auszug kein Kunde mehr im Supermarkt.

Weil das Lebensmittelangebot so reichhaltig ist, genehmigen sich auch Emil Elster und seine Gefährtin Ella Elster ab und zu ein paar besondere Leckerbissen aus dem Angebot der Kiefer, aber nur wenn es sich gerade so ergibt. Ansonsten suchen sie ihr Essen lieber auf den Feldern und Wiesen in der Umgebung. Das gemächliche Abschreiten der Wiesen im Tal, wobei jeder Stein umgedreht wird, um an die dicken Asseln und Spinnen zu gelangen, oder das Stochern nach saftigen Regenwürmern im Morast beim Krähenbach macht einfach viel mehr Spaß. Zwischendurch können es auch ruhig mal ein Pilz, ein paar heruntergefallene Beeren oder, wenn es schon mal passiert, auch eine unvorsichtige Feldmaus sein. Vogeleier und kleine Vogelkinder schmecken zwar auch nicht schlecht, aber erstens bekommt man sie nicht alle Tage und zweitens sind diese Dinge in der Wohngemeinschaft des Hochhauses absolut tabu. Emil und Ella Elster stammen aus dem Geschlecht der Rabenvögel und in dieser großen Familie ist es eigentlich üblich, dass alle Mitglieder rabenschwarze Anzüge tragen, und das nicht etwa, weil alle Krähen und Raben ausgesprochene Trauerklöße sind, sondern weil es sich einfach so gehört und weil es schon immer so war. Raben und Krähen mögen Elstern schon deshalb nicht leiden, weil Elstern sich weigern, schwarze Anzüge zu tragen, sondern schwarz und weiß gemusterte Federkombinationen vorziehen. Aber ich glaube, das alles wurde schon einmal erwähnt und braucht deshalb nicht mehr weiter vertieft zu werden.

Emil und Ella Elster wohnen schon lange im Kiefernhochhaus, länger als die ganze Nachbarschaft zusammen. Hoch oben, im wogenden Wipfel der Kiefer, hat das Elsternpaar schon vor Jahren die riesige, mit derben Zweigen und Ruten überdachte Elsternburg bezogen. Die Bezeichnung „Burg“ ist dabei wirklich nicht übertrieben, denn dieses stolze Bauwerk ist bestimmt mehr als fünfmal so groß wie ein gewöhnliches Elsternnest. Das ursprüngliche Nest, so sagt man, wurde gar nicht von Elstern gebaut, sondern soll vor langer Zeit die Heimstätte des letzten großen Greifvogelpaares im Brommelshausener Forst gewesen sein (ob es wirklich Adler waren, konnte mir keiner bestätigen). Erst nach dem endgültigen Verschwinden der großen Vögel wurde der riesige Horst von einem baufreudigen Elsternpaar in Besitz genommen und mit viel Müh und Plage elsterngerecht überdacht und umgestaltet. Das ist, wie gesagt, schon sehr lange her und seither hat jede Elsterngeneration die Burgwände immer mehr erweitert und verstärkt.

Das war aber noch nicht alles, denn von einem besonders geschickten und sicherheitsliebenden Elsternpaar wurde irgendwann einmal der Eingang in die Burg mit spiralförmig gebogenen und verflochtenen Zweigen so weit nach außen verlängert, dass eine Eingangsröhre entstand, ähnlich einem schmalen Windfang in einem Brommelshausener Wohnhaus. Diese Röhre ist länger als eine Elsternlänge und so bemessen, dass sich ein Elsternkörper gerade noch so hindurchbewegen kann. Eindringlinge mit größeren Körperabmessungen kommen entweder erst gar nicht hinein oder bleiben spätestens auf halber Strecke in dem Astgewirr innerhalb der Röhre stecken.

Kurz gesagt, die Elsternburg auf der allein stehenden Kiefer ist die größte und mächtigste Burg in der ganzen Gegend und wer weiß, vielleicht sogar die größte im ganzen Land. In dieser luftigen Höhe zu wohnen, hat natürlich seinen besonderen Reiz, denn von dort können die scharfen Elsternaugen das Wiesental, den Krähenbach und den Wald, fast bis zur Lichtung Tannengrün, überblicken. So ein Weitblick ist ganz nützlich, denn es ist doch immer gut, anreisende Gäste frühzeitig zu sichten.

In der gemütlichen, mit Moos und trockenen Gräsern ausgepolsterten Nestmulde haben Emil und Ella Elster schon einige Generationen an jungen Schwarzweißen aufgezogen. In diesem Jahr waren es zwei Mädchen und zwei Buben und nach langem Überlegen haben Emil und Ella sich entschieden, ihren Kindern typische Elsternnamen zu geben. Die Buben heißen Edgar und Erich, die Mädchen Elfriede und Elsa. Der Nachname ist natürlich Elster, denn alle Schwarzweißen heißen mit Nachnamen Elster, egal wo sie zu Hause sind, sei es in Europa, in Amerika oder sonst irgendwo. Das ist nun einmal uralte Elsterntradition.

Die kleine Elsa wurde allerdings von Anfang an nur Elschen genannt, weil sie eben die Kleinste von allen war und übrigens immer noch ist.

Erich, Edgar, Elfriede und Elsa haben das ganze Frühjahr und einen Teil des Sommers in der Nestmulde verbracht und ihre Eltern in dieser Zeit ganz schön auf Trab gehalten.

„Tschääck, tschääck, wir haben Hunger, tschääck, tschääck!“, schrien Edgar, Elfriede und Elschen und rissen gierig die Schnäbel auf. „Tschiick, tschiick, ich habe auch Hunger!“, jammerte dann der kleine Erich, der einen Sprachfehler hat und deshalb kein richtiges tschääck, tschäck oder täk schäckern kann, was aber keinen stört.

So klang es den ganzen Tag in den Ohren der geplagten Eltern und Emil und Ella Elster sind kaum nachgekommen, die weit aufgesperrten Schnäbel mit allerlei Essbarem zu stopfen. Vor Kurzem sind die lieben Kleinen aber selbstständig geworden und an einem sonnigen Morgen sind sie alle miteinander ausgezogen. Jetzt wohnen sie zusammen mit anderen Elstern-Teenagern auf einem schönen Schlafbaum, eine gute Strecke bachaufwärts im östlichen Teil des Wiesentales.

Nur Elschen, das kleine, quirlige Elsternmädchen, hat sich noch nicht so ganz entwöhnt und kommt öfters mal auf einen Sprung vorbei, um sich zu vergewissern, dass es Mama und Papa auch wirklich gut geht. Bevor sie dann wieder zu ihrem Schlafbaum zurückfliegt, kuschelt sie sich jedes Mal, nur für eine kurze Flügelschlaglänge, in die weich ausgepolsterte Nestmulde und genießt dabei das wohlige Gefühl, wieder ein kleines, umsorgtes Elsternkind zu sein.

Ach ja, der Elstern-Teenager-Schlafbaum, der übrigens gar nicht mehr so heißt, weil er von den Jungelstern neulich kurzerhand in „Schlafbaum der wilden Vorwaldbande“ umbenannt wurde. Elstern-Teenager-Schlafbaum klang doch wirklich so was von langweilig und altmodisch. Den Gangnamen „Wilde Vorwaldbande“ hatten sie sich schon vorher ausgedacht. „Wilde Vorwaldbande“ war dann einigen doch zu lang, deshalb nennen sie sich jetzt meistens nur noch „Vorwaldbande“.

Der ehrwürdigen Linde ist es egal. Sie beherbergt schon seit vielen Elstern-Generationen die Jungelstern aus der ganzen Umgebung und hat dabei schon einiges erlebt. Nur sie allein kann den Anspruch erheben, die angesagteste Jugendherberge im ganzen Stadtwald zu sein. Ihre Exklusivangebote sind Waldrandlage, bequeme waagerechte Äste zum Sitzen und Schlafen und ein bevorzugter Ausblick auf den Krähenbach. Leider ist der Krähenbach in diesem Teil des Tales im Sommer meistens ausgetrocknet, was Elsternaugen aber nicht im Geringsten stört.

Jetzt könnte sich doch mancher fragen, was die Jungelstern von der wilden Vorwaldbande den ganzen Tag eigentlich so treiben. Kämpfen sie tollkühn gegen grimmige Feinde? Retten sie unter Einsatz ihres Lebens kleine hilflose Elsternküken?

Ganz so dramatisch ist der Alltag der Vorwaldbande sicherlich nicht, trotzdem gäbe es viel zu erzählen. Wir beschränken uns aber erst einmal auf eine kleine Episode, die sich vor einiger Zeit an einem heißen Augusttag zugetragen hat.

Eine kleine August-Episode

Kann es für Elstern-Teenager eigentlich was Schöneres geben als Sommer, warme Sonne, blauen Himmel und so viel zu essen, dass die fetten Insekten fast schon freiwillig in die träge geöffneten Schnäbel marschieren? Wenn das nicht das pralle Leben bedeutet, was soll denn dann noch Besseres kommen?

Alles könnte perfekt sein, wenn, ja wenn es nur nicht ganz so heiß wäre, wie es heute wieder der Fall ist. Die gelbe Scheibe, die so heiße Strahlen aussenden kann, klebt noch hoch über dem Horizont und die meisten Mitglieder der Vorwaldbande haben sich in die schattigen Tiefen des Forstes zurückgezogen, um dort, vor sich hindösend, der drückenden Hitze zu entfliehen.

Nur Edgar, Elfriede, Erich und Elsa sind auf dem Schlafbaum geblieben und hoch oben auf seinem Beobachtungsposten hält wohl auch Eddy Elster, der Schwarmspäher, noch die Stellung. Vielleicht in der Hoffnung, mal wieder etwas zu erspähen, was einen schönen Alarm wert wäre.

Edgar, Elfriede und Erich kauern mit ausgestellten Flügeln in den beschatteten Bereichen des Schlafbaumes und sehen so aus, als wäre Bewegung das Allerletzte, wonach ihnen jetzt der Sinn stehen würde.

Nicht so die kleine, zierliche Elsa, die deutliche Anzeichen von Langeweile zeigt. Unruhig und mit wippendem Schwanz turnt sie auf ihrem Ast herum, während sie quengelig zu ihrem großen Bruder hinüberschäckert.

„Täk, täk, Edgar, mir ist so krääähenmäßig langweilig und es ist sooo heiß! Wollen wir nicht zur Burg fliegen? Der Krähenbach ist dort noch nicht ganz ausgetrocknet.

Wir könnten uns ein bisschen nass spritzen und vielleicht auch ein paar dicke Schnecken aus dem Schlamm ziehen, täk, täk!“

Edgar sitzt mit halb geöffnetem Schnabel unter einem üppig belaubten Zweig, der sich wie ein Sonnenschirm über ihm ausbreitet, und hechelt sich die Hitze aus dem Leib.

„Täk, täk, Elschen, dich hat wohl die Krähe gekratzt. Es ist viel zu weit und viel zu heiß. So lange die gelbe Scheibe so hoch steht, werde ich mich hier nicht von der Stelle rühren, verstehst du, täk, täk.“

Damit ist für Edgar die Sache wohl erledigt, denn er dreht sich demonstrativ von der nervenden Schwester weg und verfällt wieder in seine selbsterwählte Hitzestarre.

Edgar ist der Älteste der vier Geschwister, denn er ist immerhin etliche Elstern-Flügelschläge vor Elfriede, der Zweitältesten, aus seinem Ei geschlüpft. Erich folgte erst eine Weile später und Elsa ist sowieso die Kleinste und die Jüngste. Für sein jugendliches Alter ist Edgar schon eine stattliche Elster und überragt alle anderen Elstern-Teenager um mindestens eine und seinen etwas klein geratenen Bruder Erich sogar um zwei Schnabellängen. Kein Wunder, dass Edgar der Schwarm vieler Elstern-Mädchen ist, denn er ist nicht nur groß und stark, sondern meistens auch nett und hilfsbereit.

Jetzt gerade findet Elsa ihren Bruder überhaupt nicht nett und schon gar nicht hilfsbereit, doch sie will noch nicht aufgeben und wendet sich deshalb mit einschmeichelndem Geschäcker an ihre anderen zwei Geschwister.

„Täk, täk, ihr zwei seid doch sowieso meine Lieblingsgeschwister und wenn diese große Faulkrähe nicht will, dann fliegen wir eben alleine zum Krähenbach und werden dann viel Spaß haben, täk, täk.“

Doch auch hier scheint Elsa nicht landen zu können, denn Elfriede hat für das aufgedrehte Elschen nur einen kurzen, müden Blick übrig, bevor sie wieder in sich zusammenfällt und es dann gerade noch schafft, die Schwester gereizt anzuschäckern.

„Täk, täk, Elschen, spar dir bloß dein dummschnäbliges Gesülze. Hier fliegt keiner irgendwohin und wenn, dann werde ich bestimmt nicht dabei sein, täk, täk.“

Elfriede ist etwas größer und deutlich stämmiger als die zierliche Elsa und ihre Geschwister ärgern sie manchmal, indem sie sich über ihren angeblich dicken Hintern lustig machen. Elfriede kann allerdings recht streitlustig sein und ist bestimmt auch nicht auf den Schnabel gefallen. Vor allem der oft etwas begriffsstutzige Erich ist ihr liebstes Opfer und wird bei fast jedem Streit (und streiten tun die zwei eigentlich ständig) gnadenlos in Grund und Boden geschäckert.

Dieser kleine Erich, der bisher noch keinen Mucks von sich gegeben hat, muss sich wohl gerade an Elsas Unternehmungslust angesteckt haben, denn anstatt weiterzudösen, streckt er auf einmal umtriebig den Hals weit nach vorne und schickert eifrig los, als hätte er etwas äußerst Wichtiges zu verkünden.

Jawohl, Erich schickert immer noch, denn er bekommt das tief aus der Kehle kommende tschäck oder täk einfach nicht hin, aber das war schon immer so und den anderen fällt es schon gar nicht mehr auf.

„Tik, tik, hört mal alle her! Wir könnten doch zum Eichenwald gehen und mit Strix Waldkauz ein bisschen Eulenstupsen spielen. Wir wissen doch, wo er sich dort immer verkriecht, tik, tik.“

Eulenstupsen ist bei allen Schwarzweißen ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Bei diesem lustigen Spiel wird ein ahnungslos schlafender Nachtjäger überfallen und so heftig mit den Schnäbeln attackiert, dass der zu Tode erschrockene Nachtvogel meistens mit einem jämmerlichen Eulenschrei vom Ast fällt. Ein besonders geeigneter Spielpartner ist dabei der überaus ängstliche und neurotische Strix Waldkauz, der deshalb auch oft Strix Angstkauz genannt wird.

Wie gesagt, ein sehr beliebtes Gesellschaftsspiel, aber dieses Mal scheint sich Elfriede über den Vorschlag von Erich nur maßlos zu ärgern. Vielleicht ist die Hitze daran schuld oder vielleicht hat sie es auch einfach nur satt, dauernd in ihrer Mittagsruhe gestört zu werden. Mit bewundernswerter Energie rappelt sie sich plötzlich auf und fährt ihren Bruder mit gesträubten Federn heftig an.

„Tschäck, tschäck, ich glaub es einfach nicht, jetzt muss dieser Dummschnabel auch noch sein Geschicker dazugeben. Hat man denn hier nie seine Ruhe!“

Mit beißendem Hohn giftet sie weiter, während der völlig überraschte Erich seine ausgerastete Schwester entgeistert anstarrt.

„Tschäck, tschäck, dann geh mal schön zum Eulenstupsen, du Dummschickerer! Ich für meinen Teil würde es zumindest mal mit fliegen versuchen, oder hat dir die gelbe Scheibe den Kopf so ausgetrocknet, dass du vergessen hast, was Federn und Flügel sind, tschäck, tschäck!“

Die Hitze scheint Elfriedes Angriffslust aber schneller zu dämpfen, als ihr selber lieb ist. Abrupt beendet sie ihre Schimpftiraden und zieht sich, sichtlich erschöpft, in ihre Ruhestellung zurück, den Bruder jetzt nur noch mit kalter Missachtung strafend.

Erich öffnet gerade den Schnabel, um Elfriede ebenfalls ein paar Gemeinheiten zu verpassen, doch bevor noch ein einziger Schickerer seinen Schnabel verlassen kann, zerreißen ohrenbetäubende Schreie die hitzeflirrende Luft.

„Tschääääääck, tschääääääck, tschääääääck!“

Die Schreie sind so durchdringend und so laut, dass die Geschwister erst einmal erschrocken zusammenzucken, dann richten sich alle Hälse und Schnäbel ruckartig nach oben, denn der Lärm kommt zweifellos von da her und der Verursacher kann sich nur im Wipfel des Schlafbaumes aufhalten.

Merklich gereizt von der lautstarken Störung schäckert Edgar unwirsch in Richtung der Lärmquelle: „Tschäck, tschäck, was ist los, Eddy? Gibt es vielleicht auch einen Grund für dein Geschrei, oder willst du uns einfach nur die Mittagsruhe verderben, tschäck, tschäck!?“

Eddy Elster, der Schwarmspäher, der auf seinem luftigen Beobachtungsposten seiner Arbeit nachgeht, hat wieder einmal Alarm geschlagen. Eddy ist, was Größe und Statur anbelangt, kaum mehr als eine Durchschnittselster, aber seine Warnschreie sind berühmtberüchtigt im ganzen Stadtwald und wahrscheinlich auch noch weit darüber hinaus. Sie sind so ziemlich das Lauteste, was Elsternohren hier im Forst je zu hören kriegen. Leider bekommen sie es öfters zu hören, als ihnen lieb ist, denn Eddy Elster ist auch dafür bekannt, dass er sein eindrucksvolles Organ sehr gern und sehr oft einsetzt. Natürlich nur zum Wohl und zum Schutz der Bande. Eine vorbeihuschende Fledermaus oder manchmal sogar nur ein paar verirrte Nachtfalter genügen dem aufmerksamen Schwarmspäher, um einen nächtlichen Großalarm auszulösen.

Aber jetzt, am helllichten Tag und dazu noch bei dieser Bruthitze? Was mag der Schwarmspäher bloß wieder entdeckt haben? Ein paar Feldspatzen vielleicht, die sich ungebührlich nahe herangewagt haben?

Die Geschwister wirken daher auch mehr genervt als verunsichert und ihr Murren bleibt dem Schwarmspäher natürlich nicht verborgen. Doch Eddy lässt sich davon nicht im Geringsten beeindrucken und schäckert im saloppen Ton zu den Schwarmfreunden hinunter.

„Tschäck, tschäck, Überraschung, Freunde. Einer von diesen großen, braunen Krummschnäbeln hat gerade den Wald verlassen und es sieht ganz so aus, als ob er bei uns auf einen Sprung vorbeischauen will, tschäck, tschäck!“

Das Geschäcker des Schwarmspähers wird jetzt eine Spur hektischer und aufgeregter, aber Angst und Panik scheint das Auftauchen des großen Greifvogels nicht gerade zu verbreiten, komischerweise eher das Gegenteil.

„Tschäck, tschäck, mich kratzt die Krähe! Der große Braune flattert tatsächlich direkt auf unseren wunderschönen Baum zu, tschääck. Leute, ich spür’s in den Schwanzfedern, dass wir mit diesem Riesendummschnabel gleich einen Riesenspaß haben werden! Macht ihr mit oder soll ich mich allein amüsieren, tschäck, tschäck!?“

Was jetzt passiert, kann nur der verstehen, der weiß, dass es für alle Rabenvögel nichts Spaßigeres gibt, als einen Bussard zu belästigen. Das Allerspaßigste daran ist, dass Bussarde sich trotz ihres gewaltigen Schnabels und ihrer Dolchkrallen niemals, und zwar wirklich niemals gegen ihre lästigen Peiniger zur Wehr setzen. Es wirkt schon fast lächerlich, wie sich der schwer bewaffnete Greifvogel so lange von den viel kleineren und schwächeren Schwarzweißen piesacken lässt, bis ihm endlich die Flucht gelingt oder seine Verfolger keine Lust mehr haben.

Elbert Elster, der geniale Kopf der Vorwaldbande, hat daher mit messerscharfem Verstand die These aufgestellt, dass aus der Sippe der Braunen wohl nie eine Geistesgröße, wie er selber ja eine ist, hervorgehen wird. Dazu sind die Kerle einfach zu dumpfbackig.

Wie dem auch sei. Schon bei der ersten Erwähnung des Braunen verwandeln sich gerade noch hitzeschlappe Vogelgestalten in angriffslustige Bussardjäger. Schläfrigkeit und Hitzestress sind auf einmal wie weggeblasen und vier Augenpaare suchen aufgeregt nach dem gar nicht so unwillkommenen Eindringling. Lange brauchen sie nicht zu suchen. Der große, braune Vogel, der sich im Tiefflug nähert, ist nicht mehr zu übersehen und auch nicht zu überhören, denn er stößt immer wieder miauende Schreie aus, die entfernt an eine Katze erinnern.

Begeistert schäckert Edgar zum Schwarmspäher empor: „Tschäck, tschäck, Eddy, wir sehen den Braunen jetzt auch und wie es aussieht, will er uns tatsächlich besuchen. Wir sollten ihm zur Begrüßung wirklich ein bisschen die Federn zerzausen. Leute, das wird ne Riesensache, dagegen ist Eulenstupsen das reinste Kükenspiel, tschäck, tschäck!“

Gemächlich gleitet der Bussard mit halb angewinkelten Schwingen dicht über dem Grasboden des Wiesentales dahin und direkt auf den Schlafbaum der lauernden Schwarzweißen zu. Sein Blick ist nach unten gerichtet, wahrscheinlich ist er auf der Suche nach seiner Leibspeise, nämlich nach Mäusen, und diese Tätigkeit nimmt ihn so in Anspruch, dass er seiner Umgebung keine Beachtung schenkt.

Gespannt verfolgen die Schwarzweißen den ruhigen Schwebeflug des ahnungslosen Mäusejägers und was sie sehen, ist beeindruckend. Allein die Spannweite der Schwingen beträgt mehr als das Doppelte von dem, was eine große Schwarzweiße vorzuweisen hat, und selbst Edgar wirkt gegen dieses Kraftpaket nur wie ein schwächlicher Zwerg.

Dann ist es endlich so weit. Ein kurzer, nicht einmal besonders lauter Signalschäckerer ertönt und der Schlafbaum spuckt fünf schwarzweiße, flatternde Gestalten aus, die sich ohne Umschweife und mit lautem Geschrei auf den überraschten Bussard stürzen.

Bevor dieser überhaupt reagieren kann, hängen Elfriede und Elsa bereits an seinen Schwanzfedern und beginnen heftig daran zu zerren. Edgar und Eddy nutzen den Schwung des Anfluges und stoßen mit aller Wucht auf den tief fliegenden Bussard herab, und zwar so zielgenau, dass es beiden gelingt, ihn mit den Schnäbeln empfindlich am Rücken zu attackieren. Der Braune miaut entsetzt und versucht durch ungeschickte Wendungen seine Peiniger loszuwerden.

„Hiääh, hiääh, ihr schwarzweißes Lumpenpack, lasst mich in Ruhe, hiääh, hiääh!“

Verzweifelt versucht der Bussard zu entkommen, doch seine Gegner sind hartnäckig. Zwei davon hängen immer noch schwer an seinem Stoß und behindern durch ihr Gewicht seine Fluchtversuche. Von oben wird sein Rückengefieder durch einen Hagel von Schnabelhieben so heftig bearbeitet, dass überall abgelöste und herausgerissenen Federn und Federchen herumstieben. Der Bussard wird langsamer und das gibt auch Erich, der bisher nur hinterhergeflattert ist, endlich die Gelegenheit, zum Bussard und zu seinen kämpfenden Geschwistern aufzuschließen. Eine abstehende Feder des zerzausten Bussardstoßes ist das Ziel seiner Begierde und schon zum Hineinbeißen nahe, wirklich schon ganz nahe, doch dann breitet der bedrängte Bussard seine Schwingen zur vollen Spannweite aus und beginnt heftig damit zu rudern. Der dabei entstehende plötzliche Luftwirbel schleudert Erich seitlich weg und sein zuschnappender Schnabel klappt ins Leere. Erich stößt einen enttäuschten Schrei aus, aber auch seinen Schwestern geht es nicht viel besser. Beide müssen den Bussardstoß abrupt loslassen, als ihr unfreiwilliger Spielpartner sich plötzlich mit gewaltiger Kraft fast senkrecht in den Himmel hochkatapultiert. Mit ärgerlichem Gekrächze flattern sie jetzt umher und schimpfen dem Spielverderber empört hinterher.

„Hiääh, hiääh, hiääh, hiääh!“

Triumphierende Katzenschreie ausstoßend, schraubt sich der Bussard immer höher in den blauen Himmel hinauf, nur noch von Edgar und Eddy mit wütendem Geschäcker verfolgt. Trotz wildem Flügelflattern sind die beiden aber bereits hoffnungslos abgehängt und der Abstand wird mit jedem Flügelschlag größer und größer. Schließlich geben sie die Verfolgung auf und kehren mit müden Flügelschlägen zu ihren Geschwistern zurück.

„Hiääh, hiääh, hiääh, hiääh!“

Mit der Erfahrung eines perfekten Segelfliegers lässt sich der Bussard von der Energie des Aufwindes immer höher tragen, bis er endlich, hoch über den Geschwistern, seine ruhigen Kreise zieht. Wohl wissend, dass ihm die schwarzweißen Quälgeister mit ihren kurzen Flügeln und ihrem unbeholfenen Flatterflug dorthin nicht mehr nachfolgen können.

Wahrscheinlich hat er den Zwischenfall auch schon wieder vergessen, denn Bussarde sind zwar geniale Segelflieger, aber, wie schon gesagt, nicht gerade Geistesriesen.

Auf dem Aussichtspunkt des Schlafbaumes, dort, wo normalerweise Eddy seinen Platz hat, sitzt eine etwas klein und schwächlich geratene Elster und beobachtet kopfschüttelnd das Spektakel.

Eine ungewöhnlich weiße Ringfärbung rund um beide Augen verleiht der Schwarzweißen das Aussehen eines Brillenträgers, was, zumindest bei einem menschlichen Beobachter, unweigerlich den Eindruck von überdurchschnittlicher Intelligenz und Gelehrsamkeit hervorruft, und dieser Eindruck täuscht in keiner Weise. Elbert Elster ist so umfassend gebildet, dass oft kein Schwarmfreund mehr versteht, wovon Elbert eigentlich schäckert, wenn er vergeblich versucht dem Schwarm die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Ausarbeitungen zu erläutern. Es geht dann meistens um so komische Sachen wie „Psychologischer Abbau von Flugangst bei Jungelstern“ oder „Wie können wir die Elsternwelt im Zuge der Wissenschaft verändern“. Woher er seine allumfassende wissenschaftliche Ausbildung bezogen hat, ist nicht bekannt und interessiert im Schwarm auch niemanden so wirklich.

Bedächtig kratzt Elbert Elster, der große Universalgelehrte, sich am Kopf und schäckert leise vor sich hin. „Täk, täk, was ich da so mit wissenschaftlichem Interesse verfolge, untermauert meine These bezüglich des recht bescheidenen geistigen Entwicklungsstandes der braunen Einfaltspinsel, täk, täk. Gute Segler, aber alles andere als Gehirnakrobaten, täk, täk.“

Elbert macht eine kleine Pause und verfolgt jetzt mit schief gelegtem Kopf interessiert den Heimflug der deutlich erschöpften und überhitzten Schwarmfreunde.

„Täk, täk, allerdings scheint das Geistesniveau einiger Artgenossen auch nicht wesentlich höher zu liegen. Rohe Gewalt statt geistiger Analyse und das noch bei dieser Hitze, täk, täk, das zeugt bestimmt auch nicht von überragender Intelligenz, täk, täk.“

Damit lässt Elbert es vorerst gut sein. Er schwingt sich energisch von seinem Ausguck, um den angeschlagenen Helden entgegenzufliegen und ihnen mit wissenschaftlichen Ratschlägen zur Seite zu stehen, ob sie diese nun hören wollen oder nicht.

Emil Elsters Leidenschaft

Nach diesem kurzen Ausflug zum Elster-Teenager-Schlafbaum oder besser zum Schlafbaum der Vorwaldbande, kehren wir zur mächtigen, allein stehenden Kiefer zurück, wo der Alltag in seinem gewohnten Gang verläuft.

Neue Bewohner kommen, andere ziehen wieder aus. Nester werden gebaut und wieder verlassen, denn Nestbauer wie Gildo und Gerlinde Grünkern, das Grünfinkenpaar, oder Buchhart und Berta Samenknacker, die Buchfinken, wohnen nur für die Zeit der Kinderaufzucht im Hochhaus der Kiefer. Sind die Kleinen aus dem Haus, packen auch die Eltern ihre Sachen und ziehen weg. Vielleicht werden wir die eine oder andere Familie irgendwann mal näher kennenlernen. Ansonsten sind die Bewohner genug damit beschäftigt, die Kinder zu versorgen, Lebensmittel zu beschaffen, sauber zu machen und mit allem anderen, das der Alltag eben so mit sich bringt. Man wohnt nebeneinander in guter Nachbarschaft und respektiert sich gegenseitig, sodass es nur selten Streitereien zwischen den doch so verschiedenen Gemeinschaften gibt. Alles in allem, es lässt sich wirklich gut leben in der Hochhaussiedlung der mächtigen, allein stehenden Kiefer.

Es hätte eigentlich immer so weitergehen können, wenn Emil Elster nicht dieses eine Hobby hätte. Er sammelt nämlich mit Leidenschaft kleine glänzende Gegenstände und hat davon auch schon eine schöne Sammlung zusammengetragen. Diese kostbare Kleinteile-Ausstellung besteht aus verschiedenen Sorten von Aluminiumfolien, glänzenden Kartoffelchipstüten, aus ein paar Metallscheiben, Nägeln und Schrauben und als Hauptattraktion aus einem wunderschön silberglänzenden Kugelschreiber. Gerade auf dieses Prachtstück ist der Sammler natürlich zu Recht sehr stolz. Die Sammlung wird dann auch jedem, der sie sehen will (oder auch nicht sehen will), mit viel Fachwissen und noch mehr wichtigem Geschäckere vorgeführt.

Jetzt ist es aber so, dass ein echter Sammler nie genug von seinen Schätzen bekommen kann und deshalb sehr viel tut und wagt, um in den Besitz von noch schöneren und noch selteneren glitzernden Dingen zu kommen.

Wer so einer Sammelleidenschaft verfallen ist, der darf sich dann auch nicht wundern, wenn es dabei immer wieder zu aufregenden und vielleicht auch gefährlichen Abenteuern kommt.

Und damit beginnt, wenn man so will, das eigentliche Abenteuer.

Diebstahl im Wald

Es verspricht ein wunderschöner Sommertag zu werden, als der alte Forstmeister Sägebrecht, frühmorgens um halb sieben, in seinen Geländewagen steigt und sich zur Arbeit in seinen Wald aufmacht.

Die Sonne scheint schon kräftig von einem sattblauen Himmel und dieses Blau wird heute Morgen von keinem noch so kleinen Wölkchen getrübt. Im Autoradio verkündet der Wetterfrosch, dass das Wetter auch in den nächsten Tagen warm und niederschlagsfrei bleiben wird. Es ist also ein perfekter Morgen und nichts deutet darauf hin, dass der Tag weniger perfekt verlaufen könnte.

Langsam rumpelt der Wagen den Feldweg Nummer 3 entlang in Richtung Stadtwald. Am Steuer sitzt ein bestens gelaunter Forstmeister, der die Dauer der Fahrt nutzt, um sich noch ein paar Gedanken über den Ablauf des anstehenden Arbeitstages zu machen. Wie es sich für seinen Berufsstand so gehört, ist er ganz in Grün gekleidet, also grüne Hose, grünes Hemd und darüber noch eine grüne Lodenjacke mit großen Taschen. Neben ihm auf dem Beifahrersitz liegt zudem noch ein großer Försterrucksack, natürlich ebenfalls in Grün. In einer der Jackentaschen befindet sich selbstverständlich seine gut gefüllte Schnupftabakdose, denn ohne seinen geliebten Schnupftabak macht unser guter Forstmeister keinen Schritt aus dem Haus.

Habe ich ihn auch wirklich eingesteckt?

Seine rechte Hand löst sich vom Steuerrad und betastet die besagte Tasche. Erst als er die Konturen der Dose spürt, greift er wieder beruhigt zum Lenkrad und widmet sich weiter seiner Arbeitsplanung.

Da wäre die morsche Fichte im Nadelholzforst, die dringend gefällt werden muss. Diese anstrengende Arbeit will Forstmeister Sägebrecht möglichst noch in den kühleren Morgenstunden angehen. Später wird er den Baum noch entasten und den Stamm in grobe Klötze zersägen. Morgen Früh soll dann der junge Forstanwärter Horst Förster das ganze Zeug mit dem Ladewagen abholen. Übrigens: Der junge Forstanwärter heißt wirklich Förster und es hat wohl mit seinem Nachnamen zu tun, dass er seit seiner Kindheit davon träumt, nicht nur Förster zu heißen, sondern auch Förster zu werden.

Mittlerweile hat der Geländewagen den Feldweg Nummer 3 verlassen und ist auf einen unbefestigten Forstweg abgebogen. Der Weg führt zuerst durch einen Mischwald, dann wird die Lichtung Tannengrün durchquert und nach weiteren 500 Metern Holperstrecke hat der Forstmeister sein Ziel erreicht. Da hinten, im Nadelwaldstück, steht die Fichte. Es war einmal ein recht stattlicher Baum, aber die dürren Äste, die nur noch an wenigen Stellen mit braunen Nadeln bestückt sind, zeugen von seinem schlechten Zustand. So schlecht, dass der Forstmeister ihn bereits letzte Woche mit einem roten Farbkreis zum Fällen markiert hat.

Für einen erfahrenen Forstmeister sind solche Arbeiten nichts Besonderes, aber manchmal gibt es Tage, an denen nicht einmal die alltäglichsten Tätigkeiten gelingen wollen. Noch ist Forstmeister Sägebrecht aber damit beschäftigt, fröhlich vor sich hinpfeifend, Axt, Beil, Keile und Motorsäge auszuladen, und er kann natürlich nicht wissen, was heute noch alles auf ihn zukommen wird.

Dabei ist es doch wirklich ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint immer kräftiger vom Himmel und dem Forstmeister wird es bei der Arbeit mit Axt und Motorsäge schnell warm in der dicken Försterjacke.

„Puh, ist das heiß!“, ächzt er und wischt sich mit seinem grünen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Schwerfällig schält er sich aus der Jacke und schaut sich suchend um. Er will die gute Jacke nicht einfach so auf den Waldboden legen, denn der ist mit einem Teppich aus dürren Fichtennadeln bedeckt und dürre Fichtennadeln auf der Lodenjacke sind etwas, was seine liebe Frau, die Forstmeisterin Waldtraud Sägebrecht, einfach nicht ausstehen kann.

„Waldemar, wie oft muss ich es dir denn noch sagen! Fichtennadeln lassen sich von der Lodenjacke nur ganz, ganz schwer abbürsten. Also, Waldemar, leg deine Jacke bitte nicht einfach so auf den Waldboden, ich bekomme sie sonst nicht mehr sauber!“ Genau so hat ihn Frau Sägebrecht schon öfters gescholten und auf neuerliche Zurechtweisungen ist Forstmeister Sägebrecht nicht sonderlich erpicht.

Sein suchender Blick fällt auf einen hohen Pfahl. Besser gesagt auf einen Wegweiser, denn auf der Spitze des Pfahles ist ein Schild mit der Aufschrift „Zur Lichtung Tannengrün 500 m“ angeschraubt.

Sieh an, das ist doch der ideale Kleiderständer, denkt sich der Forstmeister und ein paar Sekunden später hängt die Jacke sicher an der Pfahlspitze. Dort oben kann das gute Stück bestimmt nicht schmutzig werden. Zufrieden mit seiner Lösung wendet er sich wieder seiner Arbeit zu.

Aber die hat heute ihre Tücken. Immer wieder verkantet sich die Kettensäge in dem verwachsenen Holz der Fichte und klemmt so fest, dass er das Sägeschwert nur mit viel Mühe, viel Schweiß und mithilfe etlicher Keile wieder freibekommt.

„Verflixt und zugenäht, so ein störrisches Biest! Das hab ich ja seit meiner Lehrzeit nicht mehr erlebt“, brummelt er verdrießlich in sich hinein. Prüfend betrachtet er sein bisheriges Werk.

Der Einschnitt hinten ist eigentlich tief genug. Jetzt noch ein Einschnitt hier vorne, dann müsste der Baum doch fallen, überlegt er sich und setzt, keuchend vor Anstrengung, die Motorsäge noch einmal an. Die Säge jault auf, frisst sich ins Holz und dann passiert etwas, was einem altgedienten Forstmeister nie und nimmer passieren darf. So etwas dürfte nicht einmal dem jungen Horst Förster passieren und wenn, würde ihm gehörig der Marsch geblasen werden. Die Stelle für den Einschnitt war wohl falsch gewählt, denn die störrische Fichte fällt zwar endlich um, aber nicht in die Richtung, in die sie eigentlich fallen sollte. Nein, sie fällt ganz anders, und zwar genau auf den Holzpfahl mit dem Wegweiser „Zur Lichtung Tannengrün 500 m“ und damit auch auf die Försterjacke, die da hängt, um nicht mit Nadeln verschmutzt zu werden. Was für ein gewaltiges Knistern und Knacken, als der stürzende Baum den Wegweiser mitsamt der Försterjacke umreißt und dann mit einem ohrenbetäubenden Plumps zu Boden fällt. Wäre das Knistern und Knacken der fallenden Fichte nicht so laut gewesen, hätte man in einer Tasche der Försterjacke noch ein anderes, leiseres Knacken hören können. So ein typisches Geräusch, als wenn etwas Wertvolles zu Bruch gehen würde.

„Verflixt und zugenäht, das darf doch nicht wahr sein!“, schimpft Forstmeister Sägebrecht und betrachtet missmutig seine Schnupftabakdose, die er gerade aus der Tasche seiner jetzt über und über mit dürren Fichtennadeln bespickten Jacke gezogen hat. Es ist die schöne Dose aus goldglänzendem Metall und mit dem Waldbild auf dem Deckel. Das zerknautschte Ding, das er jetzt in der Hand hält, hat allerdings kaum mehr Ähnlichkeit damit und das Schlimmste daran ist – aus einem großen Loch auf der Unterseite der einstmals schönen Dose rieselt ein schwarzbraunes Pulver.

„Mein guter, teurer Schnupftabak!“, ruft Forstmeister Sägebrecht entsetzt und presst seinen dicken Zeigefinger so fest auf das Loch, dass kein einziger Krümel es mehr schafft, zu entfliehen. Mit dem Zeigefinger auf dem Loch in der Dose rennt er dann, so schnell ihn seine alten Beine tragen, zu seinem Rucksack, den er ein Stück weiter weg an einem Buchenstamm abgelegt hat. Der gute Schnupftabak muss gerettet werden, koste es, was es wolle. Und unser Forstmeister hat auch schon eine Idee. Im Inneren des Rucksackes befindet sich neben verschiedenen Sachen, die ein Forstmeister eben so braucht, wie Jagdmesser, Feldflasche und Regenumhang, auch ein leckeres Vesperbrot, welches Frau Forstmeisterin Sägebrecht heute Morgen liebevoll mit Schinken und Käse belegt hat. Dabei erinnert er sich noch gut an ihre Worte.

„Waldemar, hör mir zu! Deine Vesperdose ist kaputt. Ich verpack dein Vesperbrot heute ausnahmsweise in eine Aluminiumfolie und besorge dir heute noch im Supermarkt eine neue Dose.“ So hat seine Waldtraud heute Früh doch gesprochen. Frau Sägebrecht denkt sehr umweltbewusst und will die wertvolle Alufolie wirklich nur für diesen Notfall als Vesperbrotverpackung benützen.

Diese Alufolie soll nun der Notbehälter für seinen Schnupftabak werden. Mit der freien Hand wickelt Forstmeister Sägebrecht umständlich die Folie von der Brotstulle und lässt Brot, Käse und Schinken fast achtlos in den Rucksack zurückgleiten. Bis zur Brotzeit geht es auch ohne Verpackung. Vorsichtig nimmt er jetzt den Finger von dem Loch und lässt sein geliebtes Pulver behutsam in die Alufolie rinnen.

„Eins, zwei, drei, da noch zwei Krümel und hier noch drei Körnchen und da hinten in der Ecke ist ja noch eine ganze Portion, aber jetzt – das dürfte alles gewesen sein“, murmelt er erleichtert, als das Pulver endlich sicher in der Folie aufbewahrt ist. Bevor er die Folie aber sorgfältig zusammenfaltet und in der Seitentasche seines Rucksackes verstaut, nimmt er erst noch einmal eine deftige Prise. Anschließend schnäuzt er sich kräftig in sein Taschentuch und noch während des Schnäuzens beschließt er, sich zu seinem Geburtstag eine neue Schnupftabakdose zu wünschen. Nach diesem Beschluss und mit dem guten Gefühl, dass sein Schnupftabak sicher verwahrt ist, wendet er sich wieder seiner Arbeit zu.

„So, Sägebrecht, jetzt wird es aber höchste Zeit weiterzumachen, sonst wird es Feierabend und die verflixte Fichte ist immer noch nicht zersägt“, brummt er in sich hinein und hat es auf einmal sehr eilig, zu seiner Motorsäge zurückzukehren, die er achtlos auf dem Waldboden zurückgelassen hat.

Gut versteckt im Blättergewirr der Buche hat Emil Elster das ganze Geschehen mit wachsendem Interesse verfolgt. Zuerst war es ja nur der Rucksack, der ihn hierhergelockt hat. Dieser grüne Rucksack, der direkt unter ihm am Stamm der Buche lehnt. Emil weiß, dass grüne Männer immer grüne Rucksäcke dabeihaben, und er weiß auch, dass in diesen Rucksäcken immer etwas Essbares steckt. Mehr als einmal ist es Emil gelungen, sich aus so einem Rucksack zu bedienen, und es waren bestimmt nicht die schlechtesten Mahlzeiten in seinem Elsternleben. Doch im Augenblick hat die Nahrungsaufnahme für Emil keinerlei Bedeutung. Schuld daran ist dieses wunderschöne, glänzende Ding, das aus der offenen Seitentasche des Rucksacks hervorlugt und verführerisch zu ihm hochfunkelt. Was für ein Schatz. Angesichts dieser Schönheit wäre jeder Gedanke an schnödes Essen geradezu vulgär. Nervös trippelt Emil von einem Krallenfuß auf den anderen. Wie gerne würde er sich das glänzende Schmuckstück jetzt sofort holen. Ganz behutsam würde er es aus der Tasche herausziehen und dann … Aber er weiß, es ist noch zu früh. Schweren Herzens muss er sich zurückhalten. Zumindest noch so lange, bis der grüne Mann wieder mit seinem Baum beschäftigt ist. Leise und beschwörend schäckert Emil in sich hinein, als könne er das Tun des grünen Mannes damit beeinflussen.

„Täk, täk, grüner Mann, auf was wartest du denn noch, geh doch zu deinem Baum und lass dem guten Emil den glänzenden Schatz, täk, täk.“

Eine kurze Weile passiert gar nichts, aber dann hallt plötzlich das Kreischen der Motorsäge durch den Wald und zeugt davon, dass der grüne Mann wieder die sinnlose Tätigkeit aufgenommen hat, einen Baum in kleine Stücke zu zerlegen. Emils Beschwörungen wären dazu aber sicher nicht notwendig gewesen, denn grüne Männer tun ja schließlich nie etwas anderes, als Bäume zu zerlegen.

Als Freund der schönen Künste verachtet Emil natürlich solche unsinnigen Beschäftigungen und wer so etwas macht, der kann einfach keinen Anspruch auf glänzende Kunstgegenstände haben. Sowieso wäre der Schatz in seiner Sammlung viel besser aufgehoben.

Seelisch und moralisch gestärkt durch diese Elsternlogik wirft Emil noch einen Blick in Richtung des grünen Mannes, aber der ist hinter den Bäumen verschwunden und nur der Lärm der Motorsäge verrät, dass er noch da ist.

So lange das knatternde Ding zu hören ist, kann von dem grünen Mann keine Gefahr drohen, so kombiniert Emil und macht sich daran, den ersehnten Schatz endlich in seinen Besitz zu bringen. Eilig breitet er die Schwingen aus und lässt sich wie ein Stein in die Tiefe fallen, vom betörenden Glanz des Schatzes magisch angezogen.

Die Landung auf der Rucksackspitze erfolgt weniger magisch und schon gar nicht elegant, denn der labbrige Stoff bietet kaum feste Standfläche. Nur mit viel Geflatter schafft es Emil, sich so auszubalancieren, dass er nicht sofort wieder herunterfällt. Schwer atmend thront er auf der Rucksackspitze und schielt verlangend nach der offenen Seitentasche, die das Objekt seiner Begierde enthält. Der Schatz ist zum Greifen nah. Emil verharrt noch einen kurzen Flügelschlag lang, um den Anblick aus dieser Nähe zu genießen. Wie er doch glitzert und leuchtet. Dann bückt er sich vorsichtig, öffnet den Schnabel und umfasst blitzschnell, aber doch mit viel Gefühl, den wunderbaren Schatz. Wie gut sich das doch anfühlt. Gerade will Emil den Schatz aus der Tasche ziehen und somit endgültig in seinen Besitz bringen, da verdunkelt sich der Himmel über ihm.

Ein heftiger Stoß in die Seite nimmt ihm den Atem und wirft ihn hochkant vom Rucksack herunter. Der Angriff kam so überraschend, dass er vergisst die Flügel zu benützen, um den Sturz abzumildern. Hart schlägt Emil auf dem Boden auf, kommt aber strampelnd und flatternd sofort wieder auf die Füße. Erst jetzt erkennt er den heimtückischen Angreifer, der, höhnisch krächzend, seinen Platz auf der Rucksackspitze eingenommen hat. Es ist ein großer, schwarzer Vogel, ein Schwarzbefrackter von der allerschlimmsten Sorte. Es ist Korax Krähe, geistig nicht der Hellste, aber ein übler Rabauke und Elsternhasser. Das Schlimmste aber ist, dass diese Dummkrähe seinen kostbaren Schatz im Schnabel hat. Sorgfältig legt Korax den Schatz vor sich auf den Rucksackstoff und hält ihn mit dem rechten Krallenfuß fest. Dann plustert er sich mächtig auf.

„Kraab, kraaab, Emil, mach mal den Flattermann, aber im Schnellflug! Ich habe Hunger und in solchem glänzenden Plunder steckt immer was zu essen. Also verschwinde, wenn dir deine albernen schwarzweißen Federn lieb sind, kraaab, kraaab!“

Schon beginnt Korax Krähe den silbernen Schatz mit dem Schnabel zu bearbeiten, um an die erhoffte Mahlzeit zu kommen. Emil kocht vor Wut über diese unfassbare Unkultiviertheit. Der rüpelhafte Schwarzbefrackte ist größer und stärker als er, aber das ist ihm in diesem Moment vollkommen egal. Mit wildem Geschäcker flattert er senkrecht in die Höhe.

Oben angekommen, legt er die Flügel an und stürzt sich mit vollem Schwung auf den verdutzten Schwarzbefrackten herab, der nicht mit Gegenwehr gerechnet hat. Emil hat Glück und sein zuschlagender Flügel trifft den stärkeren Widersacher so hart, dass dieser den Schatz loslässt und flügelschlagend um sein Gleichgewicht ringt. Wieder steigt Emil steil nach oben, will jetzt den wütend krächzenden Schwarzbefrackten endgültig von seinem Sockel stoßen. Doch der ist dieses Mal besser vorbereitet. Bevor Emil ihn erreichen kann, schnappt er sich den Schatz mit dem Schnabel und flattert vom Rucksack herunter, um den Gegner auf hartem Boden zu erwarten. Dort wird der ungeliebte Verwandte keine Chance gegen ihn haben. Unten angekommen, macht er sich bereit und faucht dem anfliegenden Emil drohend entgegen.

„Kraaab, kraaab, komm nur her, Emil! Ich werde dir alle weißen Federn ausreißen, damit du endlich mal aussiehst wie ein anständiger Rabenvogel, kraaab, kraaab!“

Emil landet ein paar Elsternlängen entfernt von der Krähe, die den Schatz provozierend vor sich auf den Boden gelegt hat, so nah, aber doch unerreichbar für Emil. Mit gesträubtem Gefieder belauern sich die beiden Kontrahenten.

„Tschäck, tschäck, Korax, du Dumpfkrähe, das glänzende Ding kann nicht mal von deinem verfressenen Krähenmagen verdaut werden, also gib es mir zurück, bevor du dich daran verschluckst, tschäck, tschäck!“

Emils Gezeter geht vollkommen ins Leere. Im Bewusstsein seiner körperlichen Überlegenheit, tut der Schwarzbefrackte jetzt so, als würde er die lästige Elster gar nicht mehr bemerken. Emil muss ohnmächtig mit anschauen, wie der Schwarzbefrackte ihn mit Missachtung straft und betont gelangweilt auf dem wertvollen Schatz herumknabbert.

Was Emil dabei nicht sieht, ist der kleine Riss, der sich plötzlich in der Folie auftut – bei der groben Behandlung ja kein Wunder. Es ist nur ein winziger Riss, aber doch groß genug, um etlichen freiheitsliebenden Schnupftabakkrümeln die Flucht aus ihrem Foliengefängnis zu ermöglichen, was diese auch sofort tun. Weit kommen die winzigen Ausbrecher allerdings nicht, denn ihre Flucht endet erst einmal im Inneren des Krähenschnabels. Einige Krümel verbleiben im Schnabel, andere werden jedoch durch die hektischen Kau- und Schluckbewegungen der Krähe weiter und weiter nach hinten transportiert, bis sie in eine steile Rutschröhre geraten, die geradewegs ins Kräheninnere hinabführt. In dieser Röhre krallen sie sich erst einmal fest und beginnen sofort mit ihrer teuflisch quälerischen Tätigkeit.

„Tschäääck, tschääääck, Korax, lass das, du Oberdummkrähe, du machst alles kaputt, tschääck, tschääck!“

Emil ist außer sich und will sich, kreischend vor Wut, auf den stärkeren Gegner stürzen – da lässt der Schwarzbefrackte den glänzenden Schatz plötzlich fallen und fängt an ganz komisch mit den Augen zu rollen. Gleichzeitig reißt er den Schnabel weit auf, so weit, dass Emil tief in den roten Rachen hineinblicken kann. Dann folgt ein abgehacktes Japsen und Keuchen, als ob die Krähe um jedes Quäntchen Atemluft kämpfen müsste.

Emil stoppt seinen tollkühnen Angriff und beobachtet misstrauisch den auf einmal so veränderten Erzfeind. Ist der Schwarzbefrackte krank geworden oder einfach nur übergeschnappt vor lauter Fressgier? Auf jeden Fall scheint er keine Lust mehr auf Streitigkeiten zu haben.

Plötzlich fällt Emil auf, dass der kreischende Lärm der Motorsäge verstummt ist. Bei allen Krähen, der grüne Mann könnte jetzt jeden Flügelschlag zurückkommen und ihn verjagen, noch bevor er den Schatz an sich gebracht hat.

Jetzt oder nie, fährt es Emil durch den Kopf.

Vorsichtig nähert er sich dem röchelnden Schwarzbefrackten, denn man kann ja nie wissen. Der Schatz liegt genau zwischen den Krallenfüßen der Krähe und unter normalen Umständen wäre es unmöglich gewesen, ihn von dort einfach so herauszupicken. Nicht aber jetzt. Kein peitschender Flügelschlag und kein Schnabelhieb treffen ihn, als er sich das schon etwas lädierte Schmuckstück schnappt und sofort einen Riesenhüpfer rückwärts antritt. Korax Krähe sitzt da wie eine Statue und würgt sich die schwarze Krähenseele aus dem Leib. Da kann Emil es sich nicht verkneifen, noch einmal hinzutrippeln und der wehrlosen Krähe einen kräftigen Schnabelhieb zu verpassen. Amüsiert betrachtet er, wie die Krähenaugen vor ohnmächtigem Zorn aufblitzen.

Aber gerade, als er noch einmal zustoßen will, ertönt, polternd und furchtbar wütend, die Stimme des grünen Mannes: „Ja, was ist denn hier los! Euch zwei hinterlistige Strauchdiebe soll doch gleich der Habicht holen. Mein guter Schnupftabak, lass ihn sofort fallen, du diebische Elster!“

Von wegen fallen lassen. Aus den Augenwinkeln beobachtet Emil, wie der grüne Mann mit langen Schritten rasch näher kommt, was ihn aber nicht weiter beeindruckt, denn grüne Männer können zwar Bäume zerlegen, aber nicht fliegen. Ein kurzer Hüpfer, ein paar kräftige Flügelschläge und Emil und sein glänzender Schatz sind hoch in der Luft – unerreichbar für den tobenden grünen Mann. Von oben kann er sehen, wie auch der Schwarzbefrackte schwerfällig abhebt und sich kläglich krächzend davonmacht. An dieser Niederlage wird die Dumpfkrähe noch lange zu knabbern haben.

Im Grunde genommen ist das Emil aber so was von egal, denn das Gefühl, allen Gefahren entronnen zu sein und dazu noch einen wertvollen Schatz erbeutet zu haben, überwiegt bei Weitem den Triumph über die gedemütigte Krähe. Am liebsten würde er vor Freude singen und jubilieren, aber leider ist er kein sehr begabter Sänger und außerdem hat er ja den glänzenden Schatz im Schnabel. Also lässt er es lieber bleiben. Glücklich steigt er höher und höher, um dann, ganz weit oben, seinen Flugweg in Richtung Elsternburg einzuschlagen.

Zurück bleibt ein wütender Forstmeister Sägebrecht und dieser Forstmeister schimpft und poltert in einem fort, dass die Fetzen fliegen.

„Solche Spitzbuben, die Elster soll an meinem guten Schnupftabak ersticken! Das darf doch nicht wahr sein, so eine Gemeinheit, so eine – so eine Frechheit habe ich noch nie erlebt! Wehe, wenn ich die beiden erwische, ich drehe ihnen die diebischen Hälse um!“

Plötzlich verstummt der aufgebrachte Forstmeister, als wäre ihm jemand gewaltig ins Wort gefahren. Eine ganze Weile bleibt er bewegungslos stehen, dann kratzt er sich verlegen am Kopf, so wie man es manchmal tut, wenn man bei einer Peinlichkeit ertappt wird. Kurz darauf huscht sogar ein kleines verschmitztes Lächeln über das wettergegerbte Gesicht des Forstmeisters und er beginnt, halb belustigt und halb verlegen, vor sich hinzugrummeln.

„Sägebrecht, du bist ein alter, idiotischer Esel, der sich von einer Elster und einer Krähe zum Affen machen lässt. Du kannst nur hoffen, dass dich niemand gesehen hat. Die Arbeitskollegen würden dich für diese Vorstellung hier monatelang auslachen und beim nächsten Betriebsfest, Sägebrecht, wärst du die große Lachnummer und das alles nur wegen dem blöden Schnupftabak.“

Er schaut zum Himmel, wo ein kleiner, langgeschwänzter Ball mit eiligen Flügelschlägen einem unbekannten Ziel zustrebt. Da lacht der alte Forstmeister Sägebrecht laut auf und ruft dem Dieb hinterhehr: „Na dann, auf Wiedersehen, du schlaues Biest. Du und dein Krähenfreund, ihr habt mich ganz schön in Fahrt gebracht, aber lass dir meinen guten Schnupftabak trotzdem schmecken! Wenn er dir nicht schmeckt, kannst du ihn mir ja irgendwann einmal wieder zurückbringen!“

Nach diesen Worten und nach den nervenaufreibenden Erlebnissen des Tages beschließt der alte Forstmeister, mit der Waldarbeit für heute Schluss zu machen, denn irgendwie hat er das komische Gefühl, dass er heute das Schicksal nicht weiter herausfordern sollte. Er packt deshalb seine Werkzeuge zusammen und macht sich auf den Weg nach Hause. Bis zum Feierabend kann er dort noch einiges an Bürokram erledigen und außerdem braucht er dringend eine mächtige Prise aus seinem Ersatz-Schnupftabakbeutel, den er für alle Fälle in seiner Schreibtischschublade deponiert hat.

Kleine Schlussbemerkung und Beginn eines neuen Abenteuers

Natürlich war der heutige Tag nicht der Glückstag des alten Forstmeisters Sägebrecht, aber sollte dieser freche Schnupftabak-Diebstahl wirklich ungesühnt bleiben oder ereilt den Dieb vielleicht doch noch seine gerechte Strafe?

So viel kann auf jeden Fall verraten werden. Der Schnupftabak des Forstmeisters Sägebrecht hat noch nicht seine letzte Rolle in den kommenden Geschehnissen gespielt.

In unserer Geschichte springen wir jetzt ein paar Monate in die Zukunft, nämlich vom Sommermonat August hinein in den Herbstmonat Oktober.

Sintflut im Oktober

Der goldene Oktober scheint dieses Jahr endgültig ausbleiben zu wollen. Es ist schon weit über die Monatsmitte hinaus und seit Ende September hat Brommelshausen und natürlich auch der Brommelshausener Stadtwald kaum mehr als einen oder zwei Sonnenstrahlen gesehen. Ein Schlechtwettertag folgt dem anderen. Am Schlechtwetterhimmel wandern dicke, graue Regenwolken in einem endlosen Gänsemarsch von Horizont zu Horizont und lassen ihr Wolkenwasser auf die Erde herunterprasseln.

Der ganze Wald tropft vor Nässe und ein kalter Ostwind bringt zu der Nässe noch eine ungemütliche, klamme Kälte mit sich, vor der auch das dichteste Dickicht in der Mitte des Waldes keinen richtigen Schutz mehr bieten kann. Die Blätter der meisten Laubbäume haben bereits ihr sattes Grün verloren. Aber anstatt in glühenden Herbstfarben zu leuchten, hängen sie braun, welk und vor Nässe tropfend an ihren Ästen. Jeder Windstoß genügt, um Tausende von ihnen abzureißen und in einem wirbelnden Tanz zu Boden flattern zu lassen. Kurz gesagt, es ist ein Sauwetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe jagen möchte. Tiere und Menschen haben sich in ihren Häusern, Höhlen und Nestern verkrochen und verlassen ihre schützenden Unterkünfte nur zur Nahrungssuche oder weil sie sonst irgendwelchen Tätigkeiten nachgehen müssen, die sich nicht vermeiden lassen.

Das schlechte Wetter verdirbt sogar dem alten Forstmeister Sägebrecht die Lust auf Waldarbeiten und er steigt nur sehr ungern aus seinem grünen und jetzt auch sehr schmutzigen Geländewagen. Natürlich nicht, ohne sich vorher mit einer tüchtigen Prise seines guten Schnupftabaks aufzuheitern. Deshalb ist er heute richtig froh, als es endlich anfängt zu dämmern und sein Arbeitstag zu Ende geht. Er brummt noch so was wie „Scheißwetter“ und dann noch „Endlich Feierabend“ in sich hinein, steigt dann aber schnell in sein dreckstarrendes Fahrzeug und holpert mit abgeblendeten Scheinwerfern den schlammigen Waldweg entlang nach Hause. Die Vorfreude auf ein gutes Abendessen in der warmen Stube bei seiner Waldtraud und auf eine kräftige Prise Schnupftabak versetzt ihn dabei in so gute Laune, dass er während der Fahrt sogar fröhlich ein Lied vor sich hinpfeift.

Elsa Elster zieht aus

Natürlich ist auch der Schlafbaum der Vorwaldbande von dem schlechten Wetter nicht verschont geblieben. Der ehrwürdigen Linde ist das Wetter egal, obwohl auch ihre grüne Blätterpracht unter Wind und Regen ziemlich gelitten hat. Bei ihr herrscht Hochbetrieb und wie es aussieht, muss sie heute Nacht eine Rekordzahl an gefiederten, schwarzweißen Schlafgästen beherbergen. Wäre der ehrwürdigen Linde ihre Rolle als angesagte Jugendherberge bewusst, dann würde sie jetzt sagen: „Tut mir sehr leid, liebe Gäste, aber die besten Plätze sind ausgebucht. Für Nachzügler haben wir nur noch Plätze mit frei fließendem Wasser übrig.“

Elsa Elster erfährt gerade am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn man mal wieder als Nachzügler eingeflogen ist und nur noch einen dieser Wind- und Regenplätze ergattern konnte.

„Täk, täk, das ist ein Wetter für Enten, aber nicht für Schwarzweiße, täk, täk“, murrt sie missmutig vor sich hin. Recht hat sie, denn auf dem zugigen Ast, der für sie noch übrig geblieben ist, fallen auch noch dicke Regentropfen durch das löchrige Laubdach auf sie herunter.

„Täk, täk, das ist wirklich so was von aaskrähig gemein“, schimpft Elsa und schielt neidisch auf die schützenden Höhlen, Nester und Astgabeln, die alle, bis auf den letzten Winkel, von jungen Schwarzweißen besetzt sind. Von denen denkt natürlich keiner auch nur im Traum daran, den eroberten trockenen Platz der armen, nassen Elsa zu überlassen oder auch nur mit ihr zu teilen. Sogar die eigenen Geschwister Edgar, Erich und Elfriede machen sich in ihren geschützten Nischen so breit, wie sie nur können, und zischen Elsa böse an, als sie es wagt, in ihre Richtung zu schauen.

„Tschäck, tschäck, keine Chance, Elschen!“, faucht Edgar. „Hier ist kein Platz mehr für dich und hör jetzt endlich auf, dauernd herzustarren! Wärst du beizeiten hier gewesen, hättest du jetzt auch einen besseren Schlafplatz. Täk, täk, aber wenn es dir hier nicht gemütlich genug ist, dann geh doch zu Mama und Papa und beklage dich bei ihnen, täk, täk.“

Sogar Elsas großer Bruder, der doch sonst immer so nett und hilfsbereit ist, scheint an diesem verregneten Abend nur an sich selbst denken zu wollen.

„Tschick, tschick, genau, geh doch zu Mami und Papi und lass dich bedauern, du armes, armes Elschen, tschick, tschick!“, fängt jetzt auch noch Erich an zu lästern. Erich schickert immer noch, was aber seiner Schadenfreude keinen Abbruch tut.

Auch Elfriede, die zusammen mit Erich gerade noch einen winzigen trockenen Platz am Stamm ergattert hat, amüsiert sich prächtig und kichert, als hätten ihre beiden Brüder einen besonders guten Witz gemacht.

Das ist zu viel für Elsa Elster. Es ist doch wirklich schon schlimm genug, einsam und frierend auf dem zugigsten Ast des ganzen Schlafbaumes sitzen zu müssen. Aber dass man für dieses Unglück auch noch von den eigenen Geschwistern verspottet, verhöhnt und schadenfroh angekichert wird, pfui Krähe, das ist mehr als gemein. Das zierliche Elstermädchen, das gerade noch aussah wie ein harmloser aufgeplusterter Federball, verwandelt sich mit einem Ruck in eine zornige, schmale Vogelgestalt. Mit weit aufgerissenem Schnabel keckert sie die Schwester böse an.

„Tschäck, tschäck, du krähendumme Graugans, hör sofort mit deinem blöden Gegackere auf oder ich pick dir die Schwanzfedern einzeln aus deinem fetten Hintern! Und ihr zwei Dummschnäbel solltet euch schämen!“, zischt sie giftig in Richtung ihrer Brüder, die beide auf einmal die Hälse einziehen und aussehen, als seien ihnen alle weiteren Spottreden darin stecken geblieben. „Täk, täk, anstatt mir zu helfen, fällt euch nichts anderes ein, als mich auszulachen! Mit euch Dummkrähen möchte ich sowieso nicht mehr in einem Baum wohnen und deshalb gehe ich zu …“ Abrupt beendet Elsa ihren zornigen Wortschwall.

Warum eigentlich nicht?, so schießt es ihr plötzlich durch den Kopf. Die zwei Dummschnäbel haben eigentlich recht. Ich fliege einfach zur Elsternburg. Dort in der Nestmulde ist es doch viel gemütlicher als hier auf diesem nassen, krähenblöden Baum bei meinen noch krähenblöderen Geschwistern.

Bei der Vorstellung, schon bald in die warme Nestmulde zu schlüpfen, wird Elsa auf einmal richtig guter Laune.

„Täk, täk, vielen Dank für euren guten Tipp, damit habt ihr mir wirklich sehr geholfen. Ich wünsche euch noch eine schöne nasse Nacht und passt auf, dass ihr euch nicht noch totlacht!“, gackert sie fröhlich, breitet die Flügel aus und schwingt sich mit kräftigen Schlägen hinauf in den dunkelgrauen Regenhimmel. Zurück bleiben drei verdutzte Geschwister, die der davonfliegenden Elsa mit großen Augen hinterherschauen.

„Tschäck, tschäck, Elschen, bleib beim Schwarm! Schwarzweiße dürfen nicht durch die schwarze Luft fliegen und bis zur Elsternburg ist es weit und gefährlich, tschääck, tschääck!“, ruft Edgar ihr nach und es klingt überhaupt nicht mehr spöttisch, sondern nur noch besorgt und ängstlich.

„Tschick, tschick, Elschen, komm zurück, die Nachtjäger werden dich fressen, tschick, tschick! Denk an die lautlose Strega, tschick, tschick!“, schickert jetzt auch Erich aufgeregt hinter ihr her.

Aber Elsa lässt sich nicht aufhalten. Im typischen Elstern-Flatterflug hat sie sich schon so weit entfernt, dass sie gar nicht mehr versteht, was die Brüder ihr hinterherschäckern. Außerdem ist sie immer noch viel zu beleidigt, um auf das Gezeter der beiden Dummschnäbel zu achten.

Nun ist es so, dass Edgar und Erich gar nicht so unrecht haben. Für eine einzelne Elster ist es wirklich nicht ratsam, nach Einbruch der Dämmerung alleine herumzustreifen. Viele Nachtjäger fliegen lautlos durch die schwarze Luft und eine nachtblinde Schwarzweiße wäre eine verlockende Beute. Gefährlicher als alle Nachtjäger zusammen ist jedoch die lautlose Strega, die in der dunklen Zeit im Wald herumgeistern soll und auf alles Jagd macht, was ihr vor die Fänge kommt. Die lautlose Strega ist keine Märchengestalt, mit der man kleine Vogelkinder erschrecken und von nächtlichen Ausflügen abhalten will, sondern eine riesige, unheimliche Uhufrau mit langen Federohren, einem mächtigen Krummschnabel und gewaltigen Dolchkrallen.

Auf samtenen Schwingen schwebt die Strega lautlos durch die Nacht und greift sich mit ihren scharfen Fangkrallen jeden unvorsichtigen Vogel, der noch nicht den Schutz seines Schlafbaumes aufgesucht hat. Das zappelnde Opfer wird dann zu ihrem Felsenhorst, irgendwo in den Steinbrüchen, geschleppt, wo schon die gierigen Uhukinder ungeduldig auf frisches Fleisch warten …

So, oder manchmal auch etwas anders, werden diese Geschichten immer wieder erzählt.

Gesehen wurde die Uhufrau allerdings schon lange nicht mehr und an ihre unheimlichen nächtlichen Buhu-Rufe können sich nur noch wenige Elstern erinnern. Für die jungen Schwarzweißen ist so eine riesige Eule sowieso nicht vorstellbar und außerdem – welche Eule, egal wie groß, würde es wagen, sich mit der wilden Vorwaldbande anzulegen?

Elsa verschwendet keinen Gedanken an die lautlose Strega oder an andere Schauergeschichten, sondern fliegt gut gelaunt durch die grauschwarze Dämmerung und ihr langer Elsternschwanz wippt bei jedem Flügelschlag fröhlich auf und ab. Prasselndes Wolkenwasser und böiger Wind durchnässen und zerzausen ihr Federkleid, aber Elsa achtet nicht darauf, denn sie ist voller Vorfreude auf die warme Nestmulde in der Elsternburg. Die Sicht ist krähenschlecht, aber Elsa fliegt so tief, dass das silberglitzernde Band des Krähenbaches immer sichtbar bleibt. Der Krähenbach wird ihr den Weg weisen.

„Kraab, kraab, was machst du junge Schwarzweiße hier noch um diese Zeit, siehst du denn nicht, dass es gleich dunkel wird? Schwarzweiße haben wohl keine Schlafbäume, kraab, kraab!“

Ein verspäteter Schwarzbefrackter kreuzt Elsas Flugweg und mustert kurz und mit deutlicher Verachtung das schwarzweiße Federkleid des Elsternmädchens, ohne dabei seinen Flug nur im Geringsten zu verlangsamen.

„Krab, krab, chaotisches, nichtsnutziges Elsternpack, krab, krab“, krächzt er noch in sich hinein und verschwindet dann mit schwerfälligen Flügelschlägen hinter dem dunkelgrauen Wolkenschleier.

„Tschäck, tschäck, selber blödes Krähenpack, tschäck, tschäck!“, keckert Elsa dem Schwarzbefrackten hinterher, denn sie ist empört über die grundlose Unfreundlichkeit der Krähe, aber so ist sie nun mal, die schwarzbefrackte Verwandtschaft.

Nach dieser kurzen Begegnung ist Elsa wieder allein und kämpft sich tapfer weiter durch die hereinbrechende Nacht, immer den Windungen des Krähenbaches folgend, ohne den sie sich bestimmt schon verflogen hätte.

Doch das dauernde Ankämpfen gegen Wind und Regen kostet viel Kraft und Elsa merkt, dass sie langsam müde wird. Der Flug scheint kein Ende nehmen zu wollen. Langsam beginnt die anfängliche Vorfreude auf ein warmes Plätzchen in der Elsternburg einem leichten Unbehagen zu weichen. Dazu kommen seltsamkomische Gedanken, die sich hartnäckig in ihrem Kopf breitmachen.

Wo bleibt denn nur die alte Kiefer? Vielleicht haben die grünen Waldmänner die arme Kiefer mit ihren großen, lärmenden Zähnen abgebissen und weggeschleppt, so wie sie es schon mit vielen Bäumen im Wald gemacht haben. Dann hätten ja die grünen Männer auch unsere Burg mitgenommen und wo finde ich sie dann bloß wieder?

Ihre rudernden Flügel treiben sie weiter nach vorne und dann, Elsa kann es kaum glauben, schälen sich endlich die Umrisse der mächtigen, allein stehenden Kiefer aus der dunkelgrauen Luft. Heilfroh und glücklich über diesen Anblick beschleunigt Elsa ihren Flug. Jetzt kann wirklich nichts mehr schiefgehen. Nur noch ein paar Flügelschläge, dann wird sie sich genüsslich in das weiche Moos der Nestmulde eingraben, und zwar bis zur Schnabelspitze.

Doch kurz vor dem ersehnten Ziel scheint das Schicksal sie für ihren Leichtsinn doch noch bestrafen zu wollen.

Ein großer geflügelter Schatten taucht urplötzlich aus der Wolkenmasse hervor und bewegt sich genau auf sie zu. Ein Nachtjäger. Für diesen Räuber ist eine hilflos flatternde Elster eine leichte Beute. Elsa hat keine Möglichkeit, zu fliehen oder sich zu verstecken, wohin sollte sie auch in dieser dunkelgrauen Leere?

Die weit ausgebreiteten Schwingen des Nachtjägers haben eine beängstigende Spannweite und beängstigend ist auch, mit welcher Sicherheit und geradezu gespenstischer Lautlosigkeit er sich durch die Luft bewegt.

Das alles scheint Elsa aber nicht sonderlich zu beeindrucken. Stur und mit mechanisch arbeitenden Schwingen strebt sie ihrem Ziel zu, so als wäre der Räuber gar nicht vorhanden.

Der Nachtjäger hat sie jetzt fast erreicht, aber anstatt sie zu krallen, dreht er in einem eleganten Bogen ab und verschwindet mit weinerlichen Huhu-Rufen im Regenhimmel. Er war so nah, dass Elsa deutlich den dicken Kopf mit den glühenden Augen erkennen konnte. Seltsamerweise bringt auch diese Fast-Attacke des Nachtjägers Elsa nicht aus der Fassung, im Gegenteil, wütend schäckert sie dem Räuber hinterher.

„Tschäck, tschäck, tschäck, pass bloß auf, du Oberdummkrähe, tschäck, tschäck, und lass dich ja nicht mehr blicken, tschäck, tschäck!“

Der Nachtjäger kehrt tatsächlich nicht mehr zurück und Elsa bleibt für den letzten Rest des Fluges unbehelligt. Dann hat sie endlich die Kiefer erreicht und plumpst glücklich auf den vertrauten Anflieger im unteren Stockwerk der Kiefer. Nirgendwo kann man besser landen als auf diesem kahlen Ast. Endlich kann sie ihr nasses Gefieder ausschütteln und sie tut es so ausgiebig, dass die Wassertropfen in alle Richtungen davonstieben.

„Täk, täk, ich bin so nass, als wäre ich in den Krähenbach gefallen, täk, täk.“

Als sie anschließend ihre zerzausten Schwungfedern glättend durch den Schnabel zieht, bemerkt sie plötzlich zwei grün leuchtende Lichter, die aus dem Dickicht der Kiefer zu ihr herüberstarren, nur wenige Flügellängen entfernt. Der Nachtjäger muss ihr heimlich gefolgt sein und lauert jetzt im Schutz der Kiefer auf seine Chance.

Elsa zeigt weiterhin nicht die kleinste Spur von Angst. Sie stellt lediglich ihre Körperpflege ein, aber nur, um die starrenden Lichter giftig anzuschäckern.

„Tschäck, tschäck, Strix Waldkauz, dich hat wohl ein ganzer Krähenschwarm gekratzt! Beinahe hättest du mich gerammt! Du Dumpfeule kannst dich schon mal auf Schwarmprügel und Eulenstupsen gefasst machen! Wir wissen, wo du dich bei Tag verkriechst!“

Elsa hat den Nachtjäger natürlich von Anfang an erkannt. Es ist wirklich ein Nachtjäger, aber dieser heißt Strix Waldkauz und ist bei der Vorwaldbande so bekannt wie eine bunt gescheckte Krähe.

Strix Waldkauz ist etwa so groß wie ein Schwarzbefrackter, allerdings wie ein sehr pummeliger. Auf seinem dicklichen, flaumigen Körper sitzt ein runder Eulenkopf mit riesigen, immer etwas verschreckt dreinschauenden Kulleraugen. Der Krummschnabel, mitten in dem kugelrunden Gesicht, sieht zwar gefährlich aus, aber der Waldkauz ist so harmlos und ängstlich, dass er von den Jungelstern nur Strix Angstkauz oder einfach nur Angstkauz genannt wird.

Elsas Drohungen zeigen sofort Wirkung. Der Besitzer der leuchtenden Kulleraugen zuckt erschrocken zusammen und fängt jämmerlich zu buhen an.

„Huhu, huhu, verschont mich, Elsa Elster, huhu! Ich wollte doch bloß sehen, welche leichtsinnige Schwarzweiße sich traut, zu dieser gefährlichen Zeit ganz allein durch die Gegend zu fliegen. Ich hätte da furchtbare Angst, huhu, huhu. Bitte, bitte, keine Schwarmprügel, huhu, huhu!“

Elsa geht der dicke Kauz krähenmäßig auf die Schwanzfedern. Sie fühlt sich nur noch müde und kalt und sie will endlich hinauf zur Elsternburg. Vielleicht sind Mama und Papa doch zu Hause und haben von ihrem Besuch einfach noch nichts mitbekommen. Der dicke Waldkauz soll sie doch einfach in Ruhe lassen und endlich verschwinden.

Unwirsch fährt sie ihn an: „Tschäck, tschäck, Strix Angstkauz – äh, Waldkauz, hau doch einfach ab! Wenn du dich sofort aus der Flugbahn machst, suchen wir uns beim nächsten Spiel eine andere Eule aus, täk, täk. Also, schwirr ab, bevor ich es mir noch anders überlege, tschäck, tschäck!“

Die Kulleraugen des Waldkauzes glühen auf wie zwei grüngelbe Kerzen und mit einem erleichterten Schrei schwingt er sich lautlos in die Höhe.

„Huhu, huhu, Elsa Elster, ich bin ja schon weg, aber es ist wirklich gefährlich, die Nacht allein zu verbringen. Ich ängstige mich ja schon selber zu Tode, huhu, huhu!“

Noch ein letztes Heulen und der ängstliche Waldkauz ist verschwunden. Elsa wartet noch ein paar Flügelschläge ab, denn sie will sicher sein, dass der Kauz sich auch wirklich aus dem Flugstaub gemacht hat, dann erst macht sie sich an den Aufstieg zur Burg. Sie muss den Fußweg nehmen, aber sie kennt ihn so gut wie ihre eigenen Schwanzfedern. Halb hüpfend und halb flatternd schwingt sie sich flink von Astsprosse zu Astsprosse, immer weiter nach oben, wo im Wipfel der Kiefer die Wärme der Nestmulde lockt. Im Inneren der Kiefer ist es schon stockdunkel und dazu herrscht noch eine unheimliche Stille. Elsa fühlt Unbehagen in sich hochsteigen.

Bei allen Krähen, wo sind eigentlich die ganzen Nachbarn geblieben?

Das Hochhaus der Kiefer ist wie ausgestorben. Dort, wo es den ganzen Sommer über laut und fröhlich zugegangen ist, herrscht jetzt Totenstille. Sogar in der sonst immer besonders lauten Spechtsiedlung rührt sich nichts.

„Täk, täk, ist hier jemand zu Hause, täk, täk? Herr Kleiber – Frau Kleiber, seid ihr da, täk, täk?“

Elsa keckert noch ein bisschen, aber nicht zu laut, denn falls Herr und Frau Kleiber da sind, sollen sie ja nicht den Eindruck gewinnen, dass Elsa vielleicht ein kleines bisschen Angst haben könnte. Doch nichts regt sich in der Spechtsiedlung. Die drei verlassenen Höhlen starren wie pechschwarze Augen auf das Elsternmädchen. Vielleicht hat Frau Kleiber ihren Gatten, also den Herrn Kleiber, dazu überredet, mit ihr zusammen auf Kur-Urlaub zu fliegen? So wie die Kleibers scheinen alle Bewohner ihre Nester und Höhlen verlassen zu haben. Vielleicht, um in der Tiefe des Waldes einen besseren Schutz zu finden, oder vielleicht sind die Nachbarn auch weggeflogen, um irgendwo anders die kalte Zeit zu verbringen? Elsa hat zwar davon gehört, dass viele Gefiederte wegfliegen, wenn es kalt wird, aber in Wirklichkeit weiß sie eigentlich gar nichts darüber.

Noch einmal ist kräftiges Flügelflattern angesagt. Der Schwung treibt Elsa das letzte Stück Weg nach oben und sie landet sicher in der Astgabel, einen guten Flatterhüpfer gegenüber dem Eingang der riesigen Elsternburg. Schwarz, einsam und unbewohnt hängt das Bauwerk in seiner Verankerung. Keine Spur von Mama und Papa. Elsa hat es eigentlich schon gewusst, aber ihre Enttäuschung ist trotzdem groß und sie fühlt sich auf einmal von allen und jedem alleingelassen. Warum hat sie denn nur den Schwarm verlassen? Die Wut auf ihre Geschwister ist völlig verraucht und Elsa wäre froh, wenn sie nur wieder bei Erich, Edgar und Elfi sein könnte. Sie würde sich auch gern mit dem unbequemsten Ast auf dem ganzen Schlafbaum begnügen.

Aber alle reumütigen Gedanken nützen Elsa nichts und zum Zurückfliegen ist es jetzt schon viel zu dunkel. Sie stößt sich von der Astgabel ab, schlägt einmal mit den Flügeln und landet auf der kleinen Plattform am Eingang der Röhre. Vorsichtig zwängt sie sich durch die enge Eingangsröhre und betritt dann die eigentliche Burg. Sie ist leer, aber wenigstens ist die ausgepolsterte Nestmulde noch vorhanden und trotz des Dauerregens sogar noch einigermaßen trocken geblieben. Seufzend vor Enttäuschung und Einsamkeit kuschelt sich Elsa tief in die mit Moos und Gras ausgelegte Mulde und versucht sich vorzustellen, dass draußen vor der Burg Mama und Papa und alle ihre Geschwister sitzen und auf sie aufpassen.

Unglücklich knabbert sie am Nestmaterial, an dem noch der heimelige, vertraute Geruch haftet. Auf einmal hat sie etwas Kühles, Glattes im Schnabel. Etwas, das sogar in der Dunkelheit noch schwach silberfarben glänzt. Gerührt stellt sie fest, dass dieses glänzende Teil bestimmt aus Papas Schatzsammlung stammen muss. Gedankenverloren kaut sie auf dem silbrigen Teil herum.

„Pfui Krähe, das ist ja widerlich!“

Elsa schüttelt sich vor Ekel und Schreck, denn die silbrige Folie ist an einer Stelle offen und aus dieser Öffnung haben sich ein paar seltsame Körnchen geschlichen und auf ihrer Zunge ein schmerzhaftes Feuer entfacht. Es sind nur ein paar Körnchen, aber die Wirkung reicht aus, um Elsa fast zu Tode zu erschrecken. Das entsetzte Elsternmädchen würgt, spuckt und hustet verzweifelt, bis auch der allerletzte Krümel aus Schnabel und Rachen entfernt ist.

„Pfui, pfui Krähe, Papa, was hast du da bloß für ein giftiges Zeug gesammelt, pfui, pfui Krähe!“

Sich immer noch schüttelnd, schiebt Elsa das so harmlos glänzende Päckchen mit dem Schnabel von sich weg und verkriecht sich wieder so tief, wie sie nur kann, in der Nestmulde. Das Brennen auf Zunge und Rachen hält sie noch eine Weile wach, doch die Erschöpfung ist größer als der Schmerz und die schöne Vorstellung, dass Mama, Papa, ihre Geschwister und die ganze Vorwaldbande vor der Burg sitzen, hilft Elsa, in einen unruhigen Schlaf zu sinken. Der vertraut plätschernde Krähenbach singt dazu sein tröstliches Schlaflied.

Das Rauschen des ewigen Regens trägt dagegen nichts mehr zu Elsas Schlummerlied bei, denn es ist etwas eingetreten, woran schon kein Waldbewohner mehr glauben wollte.

Es hat tatsächlich aufgehört zu regnen.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
250 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783960087953
Telif hakkı:
Автор
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