Kitabı oku: «Mein Leben – ein Leben?! (2) Das war ich auch»

Yazı tipi:

Mein Leben – ein Leben?!

(2)

Siegfried Massat

Mein Leben – ein Leben?!

Das war ich auch

Engelsdorfer Verlag

2012

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.dnb.de abrufbar.

Alle Namen mussten verfälscht werden.

Gefördert durch den Fonds

„Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutsch-land

in den Jahren 1949 bis 1975“

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag

Coverfoto © deviantART - Fotolia.com

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Prolog

Der erste Gefängnisaufenthalt als Erwachsener

Oberems

Flucht aus Oberems

Der Gefängnisarzt

Die Frau des Kohlenhändlers

Die erste Verurteilung im Ruhrgebiet

Die Mutteranstalt

Geschichten aus dem Knast – Erlebnisse mit Beamten

Es war einmal ein Mensch ...

Psychologen und Beamtinnen

Der Einbrecher

Der falsche Kamerad

Eine Zweckgemeinschaft

Der Nachschlüssel

Die Hauptverhandlung

Ein Fluchtversuch

Der Hungerstreik

Der Umgang mit der Einsamkeit

Die Ausbildungsstätte und der Lude

Knastbekanntschaften

Das Raub- und Einbruchstrio

Leben hinter Gittern

Mein permanentes Lernen

Einbruchswerkzeug Lkw

Einige Tage, einige Taten

Die Verhaftung

Als Revierarbeiter in Untersuchungshaft

Dank

Der Autor

Vorwort

Ich war in meiner Zeit als junger Mann einer, der sich nicht in eine gängige Form pressen ließ. Ich war keines der vielen Rädchen im System, ich schwamm gegen den Strom.

Heute kann ich sagen, dass dies gar nicht so verkehrt war, allerdings habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass derjenige, der gegen den Strom schwimmt, bei aller Individualität nicht vergessen sollte, sich im legalen Fahrwasser zu bewegen.

Das Entscheidende ist, die Grenzen zu erkennen, wenn jemand, so wie ich damals, die Chance erhält und diese nicht nutzt. Für mich waren das entscheidende Momente in meinem Leben, denn mein Werdegang wurde zu dem, über den ich hier schreibe. Hätte ich auch nur eine der mir gebotenen Chancen genutzt, wäre mein Leben anders verlaufen.

Und schon sind wir beim Punkt: Viele Jugendliche bedürfen der Hilfestellung, aber nicht, indem ihnen dies oder jenes verboten wird. Nein, ihnen müssen Alternativen zu ihrem bisherigen Leben aufgezeigt werden, und diese können immer nur individueller Natur sein. Wer auch immer sich eines gefährdeten Menschen annimmt, muss wissen, wovon er spricht. Nur dann wird es möglich sein, einen Zugang zu diesem möglicherweise am Abgrund stehenden Menschen zu finden.

Individualismus ist also gar nicht das Problem, er sollte sich aber im Rahmen der bestehenden Gesetze bewegen. Nur so schafft es das Individuum, auf Dauer mit seinem Leben klarzukommen.

Prolog

Als junger Mann boten sich mir einige Chancen, einen anderen Weg einzuschlagen, doch ich nutzte sie nicht. Ich verwarf sie leichtfertig und alle Versuche, dies zu einem späteren Zeitpunkt zu revidieren, schlugen fehl.

Und doch beschäftigte ich mich mit dem anderen Weg. Während ich im Gefängnis war, gab es eine ehrenamtliche Betreuerin namens Margret sowie eine Aspirantin zur Sozialpädagogin, die als Protokollführerin eingesetzt war. Zusammen mit diesen beiden Damen und drei Mithäftlingen, die zu langjährigen Strafen verurteilt waren, versuchte ich jugendliche Straftäter, die auf der Kippe standen, davon abzuhalten, ihren eingeschlagenen Weg weiter zu bestreiten.

Margret hatte sich mit dem Amtsgericht in ihrer Stadt in Verbindung gesetzt und den dortigen Jugendrichter davon überzeugt, dass wir „vier erfahrene Knackis“ in der Lage seien, jugendlichen Straftätern zu helfen. Anhand unseres eigenen Lebensweges konnten wir den Probanden aufzeigen, wie und wo ein solcher Weg enden konnte.

Nun, dies taten wir – ich kann voller Stolz sagen – mit Erfolg!

Natürlich gab es einige, die absolut beratungsresistent waren, doch die meisten brachten wir ins Grübeln. Eine oder zwei Personen konnten wir, solange ich dabei war, davon überzeugen, einen anderen Lebensweg als den bisherigen einzuschlagen. Und so war ich mit mir und meiner Arbeit zufrieden. Es ist möglich, dass die Gruppe nach meinem Ausscheiden weiter Erfolg verbuchen konnte, ich weiß es leider nicht.

Heute wird es die Heimproblematik, wie ich sie in Teil 1 „Das bin ich“ meiner Trilogie geschildert habe, sicherlich so nicht mehr geben, aber sexuelle Übergriffe gibt es immer noch, vielleicht sogar noch viel ausgeprägter, ob im Heim, in der Kirche, bei den Pfadfindern, im CVJM, im Sportverein oder in anderen Vereinen und nicht zuletzt in der Schule oder im Elternhaus beziehungsweise in der Verwandtschaft. Auch körperliche Gewalt ist nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden. Mit Sicherheit werden Kinder heute genauso gedemütigt, erniedrigt, zum reinen Objekt herabgestuft und somit kriminelle Karrieren herangezüchtet.

Die Achtung vor dem eigenen Leben geht dabei verloren und dadurch auch die Achtung vor dem Leben anderer. Wie soll ich zu einem selbstbewussten – mir meines eigenen Wertes bewussten – Menschen heranwachsen, wenn mir dauernd gesagt wird, wie unwert ich doch eigentlich sei.

„Du bist unfähig, du kannst nichts!“

„Aber nun komm her, mach dies, mach das!“

„Fass mich hier an!“

„Dafür bist du zu gebrauchen.“

„Wenn du das tust, habe ich dich auch lieb.“

Ja, meine Herrschaften, was für Werte werden einem hier vermittelt?

Gar keine!

Wer als Kind anderen zu Willen ist, hat persönliche Vorteile und erhält für einige Zeit eine gewisse Aufmerksamkeit, bis er durch das nächste Kind abgelöst wird.

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint es mir verwunderlich, dass nur wenige Personen aus dieser damaligen Heimzeit – meiner Heimzeit – kriminell, zu Totschlägern oder Kinderschändern wurden.

Ein Psychologe sagte einmal zu mir: „Ich muss Sie bewundern, dass Sie diese Zeiten so überstanden haben. Bei dem, was Ihnen widerfahren ist, hätte mich keine auch noch so abartige Straftat gewundert.“

Und ein paar Monate später war er der Erste, der sagte, dass ich zurück in den festen Bau müsse. Er versuchte mir die größtmöglichen Schwierigkeiten zu bereiten, indem er bei meiner Verlegung in dem Transportschreiben und dem Schreiben für den festen Bau vermerkte, ich sei suizidgefährdet.

Dies war natürlich absolut unsinnig, hatte er doch dafür gesorgt, dass ich die drei Tage bis zu meiner Verlegung allein in einer Arrestzelle lag. Dort hätte ich an Selbstmord denken können – wenn denn überhaupt eine solche Neigung bei mir vorhanden gewesen wäre, was aber mit Sicherheit nicht der Fall war.

Ich muss mich wirklich fragen: Was ging in diesem Kopf vor? War es einfach nur das Desinteresse einem Inhaftierten gegenüber? Oder war es reine Bösartigkeit? War es Enttäuschung, weil ich in „seinem Haus“ lag und einer strafbaren Handlung verdächtigt wurde?

Ich vermute, es war von allem etwas, aber eines weiß ich mit Sicherheit: Diese Art zu handeln ist eines Psychologen unwürdig. Ein Mitgefangener hätte sich nicht so verhalten. Ich hatte doch tatsächlich geglaubt, dieser Psychologe verfüge über Empathie und er könne sich in meine Situation hineinversetzen. – Über nichts dergleichen verfügte dieser Mensch, weder über Empathie noch über Mitgefühl, er ließ nicht einmal den nötigen Gerechtigkeitssinn erkennen.

Es stellte sich nachträglich heraus, dass ich nichts mit den im Raum stehenden Verdächtigungen zu tun hatte. Diese waren so hirnrissig, dass schon die Behauptung, ich könne von einem eventuell geplanten Drogengeschäft gewusst haben, absoluter Unsinn war. Außerdem hatte ich einem Mithäftling eine Adresse genannt, an die er sich wenden müsse, um eine Wohnung zu kaufen. Ich kannte den Vermittler, und wenn er aufgrund meiner Hinweise eine Wohnung verkauft hätte, hätte er mir von seinem Gewinn einen Obolus abgegeben. Dies alles brachten sie gegen mich vor.

Die Leitung des Hauses ging aufgrund dieser Vorwürfe mit einer Vehemenz gegen mich vor, die nicht zu begreifen war und bis heute nicht zu begreifen ist.

Lebensmittel wurden vernichtet, weil sie angeblich nicht mit dem Transport geschickt werden konnten. Aus demselben Grund wurde Obst vernichtet. Ich war aber noch drei Tage in einer Arrestzelle, in der mir dies alles hätte ausgehändigt werden können. Meine Bekleidung wurde mit den Schuhen in einem Karton geworfen, Töpfe und Pfannen mit der Bettwäsche zusammen, Fernseher und Radio beziehungsweise DVB-T-Gerät zusammen mit einem Teppich und meinem Besteck. Da ich in der offenen JVA sehr viel private Kleidung und zahlreiche Gegenstände besessen hatte – ich hatte in diesem Haus mein eigenes Zimmer gehabt, und weil ich im freien Beschäftigungsverhältnis war, hatte ich mein Zimmer auch selbst bezahlen müssen –, waren nun sehr viele Kartons gepackt worden. Außerdem besaß ich auch ein Auto, das ich neu gekauft hatte und für das ich monatlich Raten zahlte. Auch dieser Besitz wurde mir mit der Verlegung in den geschlossenen Vollzug genommen, denn ich konnte die Raten nun nicht mehr bezahlen. Das Auto wurde sichergestellt und ich saß auf einen Schuldenberg, den ich nicht bewältigen konnte.

Und warum das alles?!

Was dieser Rückverlegung die Krone aufsetzte, war Folgendes: Meine Ehefrau und meine Tochter, mit denen ich täglich telefonierte, machten sich natürlich Sorgen über das Ausbleiben meiner Anrufe und darüber, dass ich mich nicht meldete. Meine Ehefrau befand sich zu dieser Zeit selbst noch in Haft und so bedurfte es unzähliger Versuche meiner Tochter, bis sie oben erwähnten Psychologen endlich erreichte, um zu erfahren, was mit mir los war und warum ich mich nicht mehr meldete.

Und jetzt kommt der Hammer: Wortwörtlich sagte der Psychologe zu meiner Tochter: „Ihr Vater ist wieder straffällig geworden, er ist nicht tragbar für den offenen Vollzug. Ich muss Ihnen sagen, Ihr Vater ist ein gieriger alter Mann.“

Derartige Sprüche, gerichtet an Mitglieder meiner Familie, waren und sind das absolut Letzte, was ein Mensch von sich geben kann. Ganz sicher wäre nicht ein einziger meiner Mitgefangenen zu einer derartigen Bösartigkeit fähig gewesen, und dieser Mann – ein Psychologe! – sollte doch wohl gewusst haben, was er mit Worten wie diesen anrichtete. Meine Ehefrau musste sich wegen meiner Rückverlegung die schlimmsten Anschuldigungen anhören: „Sehen Sie, Ihr Mann ist unverbesserlich. Was tut er Ihnen an? Er wird immer wieder straffällig werden ...“ Eine Frau, die nicht so gefestigt und stark ist wie die meine, hätte sich wahrscheinlich umgebracht.

Ich hatte diesem Psychologen geglaubt, hatte ihm vertraut, mich ihm offenbart und mein Leben vor ihm ausgebreitet. Er hatte den Anschein erweckt, als ob er mir zuhörte, als ob er mich zu verstehen versuchte.

Nichts verstand er und nichts versteht er. Er hat einen Job, verdient gutes Geld und druckt seine vorformulierten Standardsätze aus, um Beurteilungen zu schreiben.

Psychologen, die länger als zehn Jahre in einer Justizvollzugsanstalt arbeiten, sind für die Beurteilung von Gefangenen kaum noch zu gebrauchen – Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Warum schreibe ich dies?

Nun, um aufzuzeigen, wie jemand, der ihm anvertrauten Menschen helfen sollte beziehungsweise könnte, letztendlich mit diesen umgeht.

Wie fühlen sich Kinder und Jugendliche in Situationen, in denen ihnen niemand glaubt?

Wie fühlen sich Personen, die vom Schicksal gebeutelt sind und trotzdem immer wieder aufs Neue vertrauen? Und was ist, wenn dann dieses Vertrauen missachtet und damit aufgezeigt wird, dass nicht nur ihr Vertrauen nichts wert ist, sondern auch der das Vertrauen schenkende Mensch?

Ja, wie fühlt man sich, wie fühlte und fühle ich mich?

Mittlerweile weiß ich, was es doch für armselige Menschen sind, die sich hinter irgendwelchen Allgemeinplätzen verbergen.

Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, brauchte ich lange Jahre der Entbehrungen, viele Jahre der Einsamkeit, in denen mir nur meine Familie Halt gab. Viele Jahre der Auseinandersetzungen, Demü-tigungen und Beleidigungen erfolgten, bis ich die nötige Gelassenheit hatte, um dies zu überstehen.

Ich schreibe diese Zeilen in erster Linie für mich, aber auch, um aufzuzeigen, was in unseren Heimen und Justizvollzugsanstalten los ist. Es geht so einiges ab in dieser „Schattenwelt im Spiegelbild der Gesellschaft“.

Ich verarbeite die düsteren Jahre meines Lebens in meinem Bü-chern und hoffe, dass diese dem einen oder anderen Menschen helfen, derartige Erfahrungen erst gar nicht zu machen. Ich wäre in vielen Phasen meines Lebens über jede Hilfe erfreut gewesen, wenn mir denn eine zuteilgeworden wäre.

Die Erlebnisse mit dem genannten Psychologen gehören eigentlich zu meiner letzten Haftzeit. Er hätte mich unterstützen sollen. Stattdessen drückte er mich immer tiefer in die Scheiße.

Zu diesem Thema möchte ich abschließend noch Folgendes sagen:

Das gesamte Justizwesen, dieses gnadenlose System, ist – sobald es dich einmal erfasst hat – darauf angelegt, dir das Gefühl zu geben, machtlos zu sein. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit, der Hilflosigkeit und der Hoffnungslosigkeit spült und reißt die Schwachen hinweg, hinaus in die Bedeutungslosigkeit. Nur die psychisch und physisch Starken überleben ein so gnadenloses System.

Wer diese Sätze liest, mag sagen: Was für ein Quatsch! Die meisten überleben doch das Gefängnis.

Ja, im Sinne des Überlebens mag das stimmen. Sie vegetieren dahin, sind unfähig, sich in der realen Welt zu behaupten. Kommen mit ihrem Dasein nicht mehr zurecht, zerbrechen an ihrer eigenen Antriebslosigkeit. Dies wird in den meisten Gefängnissen nicht nur geduldet, sondern bewusst oder unbewusst sogar gefördert, zum Beispiel durch das Erlauben von Fernsehgeräten. Etwa 75 Prozent der Straffälligen werden irgendwann wieder rückfällig, sind ihren Süchten ohne Gegenwehr ausgeliefert, konsumieren Drogen oder Alkohol. Jeder halbwegs normale Mensch weiß, dass Therapien dieser Art, wie sie heute durchgeführt werden, nur eines sind, nämlich ein riesiger aufgeblähter Kostenapparat, der in meinen Augen nur den Sinn hat, als Daseinsberechtigung für psychologische und sozialtherapeutische Dienste herzuhalten.

Für Sexualstraftäter zum Beispiel werden enorm kostenaufwendige Abteilungen in einzelnen Justizvollzugsanstalten eingerichtet. Psychologen, Sozialarbeiter und Beamte sind en masse vorhanden, jeder Sexualstraftäter hat seinen persönlichen Betreuer, sie können sich auf ihrer Abteilung frei bewegen, können kochen, Billard spielen oder an einem Computer arbeiten. Man versucht, die Psyche dieser Straftäter zu stärken, damit sie ihrer Sucht, sich an Kindern zu vergehen, Herr werden.

Aber was ist der Erfolg?

Einer wird mit einem Handy erwischt – und was findet man darauf?

Kinderpornos!

Und was passiert?

Ein Wochenende Einschluss und am Montag wieder brav zur Arbeit.

Vom Ansatz her ist es gut, dass man sich mit solchen Personen beschäftigt, aber das darf nicht in einem „normalen“ Gefängnis geschehen. Für das rausgeschmissene Geld müssten eigene, ganz spezielle Gefängnisse eingerichtet werden. Sexualstraftäter sind sowieso stigmatisiert und sie bleiben es auch, von daher ist es egal, ob die Bevölkerung weiß, wer dort einsitzt. Ein Sexualstraftäter gehört nicht nach draußen, er hat so lange im Gefängnis zu bleiben, bis ein Psychologe – oder besser zwei – erklärt, dass dieser Mensch geheilt ist und nicht mehr als eine Gefahr für Kinder angesehen werden muss. Ich wäre gespannt, wer dann noch mit einer Entlassung rechnen kann, es sei denn, ein Psychologe mit ähnlicher Neigung nimmt die Begutachtung vor.

Die wenigen Starken sollen und müssen sich zu Wort melden, damit sie den Schwachen und Hilflosen Schutz und Hilfe leisten, insbesondere den jungen schwachen, die auf dem besten Weg sind, von diesem gnadenlosen Justizsystem gefressen zu werden.

Der erste Gefängnisaufenthalt als Erwachsener

Nach meinen beiden Jugendstrafen verbüßte ich meine erste Strafe als Erwachsener. Während dieser Zeit absolvierte ich meine Gesellenprüfung und machte meinen Meister, in sportlicher Hinsicht wie auch in der kriminaltechnischen Arbeit.

Das Gefängnis, in dem ich nun einsaß, war früher ein Zuchthaus gewesen. Mit der Abschaffung der Zuchthausstrafe erfolgte eine Umstellung und es gab hier nach und nach nur noch Strafgefangene. Diejenigen, die zu dem Zeitpunkt noch mit einer Zuchthausstrafe einsaßen, wurden nach Werl verlegt. Die Verlegungen nahmen einige Zeit in Anspruch, weil die Zuchthäusler die Neuen in den Betrieben erst anlernen mussten. Hinzu kam, dass die Betriebe lieber mit Langstraflern zusammenarbeiteten als mit Personen, die nur ein Jahr oder noch weniger Zeit abzusitzen hatten. Aus diesem Grunde waren Ztler und Blaue1 noch in einigen Betrieben zusammen.

Die Zuchthäusler von den „normalen“ Gefangenen zu trennen, war aus den angegebenen Gründen nicht immer möglich. Wo in dieser Zeit Zuchthäusler und Blaugefangene aufeinandertrafen, spielten sich nach einiger Zeit unglaubliche Dramen ab. Die Ztler schluckten ganze Bestecke, also Gabel, Messer oder Löffel, damit sie nicht verlegt wurden. Und warum das? Ist doch klar, es ging immer nur um Sex oder Geld, hier ging es um Liebe. Es war natürlich keine Liebe, es war Sex, und die jungen Blaugefangenen waren knackig, ihr Geschlechtsteil stand wie eine Eins und die Ztler ließen sich nur zu gerne auf gegenseitige sexuellen Handlungen ein.

Über alles, was dort ablief, war ich natürlich nicht informiert, aber über das meiste, denn Manfred Fass, mein Spannmann beim Sport und auf der Zelle, und ich waren bekannt und hatten einen „Namen“. Aus diesem Grunde trug man uns die wichtigsten Neuigkeiten zu, natürlich immer unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Manfred und ich verdienten für Knastverhältnisse ein Vermögen, machten Sport und beschützten einige Personen – wenn sie bezahlten. Einmal kam ein junger Bursche zu uns und fragte, ob wir ihn beschützen würden. „Kein Problem, was zahlst du?“ Dieser Bursche bekam von Mama immer Geld zugesteckt und besaß schönen Schmuck. Diesen, zumindest eine goldene Halskette, hatte man ihm schon abgeluchst, die war schon draußen, beim Besuch rausgegeben, und die Burschen wollten mehr.

Ein paar dieser Burschen kannte ich, unter anderem den Zweimetermann, der zu mir sagte: „Siggi, das kannst du nicht machen, wir hatten den Vogel zuerst.“ Sie wollten ihn ausnehmen, aber ich gab an, dass er unter unserem Schutz stehe. Wir beschlossen, ein Armdrücken zu veranstalten. Der Gewinner sollte ihn haben. Ha, ich mit meinen 172 Zentimetern gegen ihn, den Zwei-Meter-Mann. Und doch hatte er keine Chance, er verlor sang- und klanglos. Er wurde sogar noch kiebig und wollte mir eine langen, aber bis der ausgeholt und zugeschlagen hatte, bekam er von mir schon zwei Faustschläge und ging in die Knie. Beim Runterrutschen – er hielt sich an mir fest – klaute er mir Blättchen. Egal, dieses Thema war geklärt und der Bursche, der uns um Hilfe gebeten hatte, kam zu uns auf die Zelle.

Die Mutter unseres Schützlings schickte ihrem Sohn Streifbandzeitungen, in die sie jedes Mal einen Fünfzig-Mark-Schein geklebt hatte. Und wenn Mama zu Besuch kam, gab es weitere Zuwendungen.

Um noch mehr Geld zu besitzen, fingen Manfred und Eberhard bei einem Betrieb an, der Gummibänder herstellte. Ich blieb auf der Zelle, las viel und versuchte über den Oberlehrer einen Lehrgang als Werbetexter zu erhalten.

In der Zelle befanden sich oberhalb der Tür viereckige Löcher. Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, warum sie dort waren, aber für uns waren sie gut. Dazu folgende Vorgeschichte:

Manfred hatte mir erzählt, dass es bei seiner Firma Kupferspulen gab. Mit Kupferdraht ließen sich Imchen, das waren ganz simple Radios, herstellen. Da Radios und Fernsehgeräte im Gefängnis nicht geduldet wurden, waren Imchen sehr begehrt. Manfred hatte in der Firma eine kleine Kiste mit etwa hundert dieser Kupferdrahtspulen gefunden und diese gestohlen. Meine Aufgabe war es, sie zu Geld zu machen. Wir wickelten Kupferdraht auf einen Ferritstab, und je nachdem, wie viele Wicklungen wir verwendeten, ließen sich bis zu drei Sender empfangen. Auch Kopfhörer fertigten wir aus dem gestohlenen Material an. Die Imchen wurden in einem Stoffbeutel am Körper versteckt getragen, teilweise an delikaten Stellen, denn auch sie waren verboten.

Wir bekamen für jede Spule, die wir bauten, eine Stange Tabak oder eine entsprechende Menge Lebensmittel. Beim Einkauf flogen durch besagtes Loch in der Zellenwand kiloweise Lebensmittel – von Butter, Wurst, Nudeln, Suppendosen bis hin zu Eiern.

Manfred und ich aßen übrigens große Mengen an Eiern, weil wir jeden Tag trainierten und somit einen höheren Bedarf an Eiweiß hatten. Dementsprechend muskelbepackt sahen wir auch aus. Verschiedene Leute nahmen dies zum Anlass, von uns zu lernen. Nun gut, lernen konnten sie, aber alles hatte seinen Preis, also verkauften wir sogar unsere Trainingspläne.

Durch den Spulenverkauf hatten wir genügend Geld, Lebensmittel und was wir sonst noch benötigten. Deswegen konnten wir Eberhard nicht mehr gebrauchen, er ging uns auf die Nerven und wir wollten ihn wieder loswerden. Eberhard machte keinen Sport und Zeitungen hatten wir genug. Also überredeten wir ihn, in ein anderes Gefängnis zu wechseln.

Danach kamen verschiedene Inhaftierte zu uns auf die Zelle. Zwei oder drei von ihnen sollen hier Erwähnung finden:

Einer von ihnen, Max, ein großer, kräftiger Bursche, wollte unbedingt Sport machen und sich eine so gute Figur antrainieren, wie wir sie hatten. Nun war er aber total behaart. Wir klärten ihn auf: „So geht das nicht! Du musst deine Haare wegmachen lassen oder hast du schon einmal einen Bodybuilder gesehen, der so behaart war, wie du es bist?“ Außerdem sagten wir: „Auf Granit wächst kein Gras.“

Zuerst rasierte er sich die Brust, die Oberarme und den Rücken. Wenige Tage später begannen die Haare wieder zu sprießen.

Der Firma, für die Manfred arbeitete, verwendete zum Kleben ihrer Gummibänder einen Leim, und diesen brachte er eines Tages mit. Wir rieben unseren Zellengenossen mit dem Leim ein und warteten, bis dieser hart geworden war. Max lag auf dem Bett, die Hände um das Kopfgestell gekrallt und die Füße gegen die unteren Streben des Bettes gedrückt. Dann rief er: „Jetzt!“

Manfred riss von links und ich von rechts und mit einem Ruck hatten wir seinen Körper von dem Leim und einem kleinen Teil seiner Haare befreit. Die Enthaarungsstudios machen das heute schließlich auch nicht anders ... Die Prozedur muss für den armen Kerl sehr schmerzhaft gewesen sein. Für uns war sie jedenfalls sehr anstrengend. Wir waren sehr erfindungsreich, um den Vorgang der Enthaarung unseres Mithäftlings zu beschleunigen. Wir besorgten Eisenstäbe und Zangen, mit denen wir an dem Wachs rissen. Es war die reinste Sisyphusarbeit, weil auch diese Haare – wenn auch nicht ganz so schnell – wiederkamen.

Als Max unsere sportlichen Tätigkeiten auf die Dauer zu anstrengend wurden, verabschiedeten Manfred und ich uns von ihm. Natürlich erst nach Bezahlung der vereinbarten Summe. Das war wichtig, weil es uns als Schwäche hätte ausgelegt werden können, wenn wir ihm die Bezahlung erlassen hätten. Wenn man etwas vereinbart hatte, musste man es durchziehen.

Auf unserer Drei-Mann-Zelle war immer etwas los. Wenn Umschluss war, befanden wir uns manchmal mit fünf oder sechs Personen in diesem „Käfig“, und geraucht wurde auch noch.

Wie schon erwähnt, kamen immer wieder neue Inhaftierte wegen der sportlichen Aktivitäten zu uns. Mit einigen von ihnen wetteten wir, wer wie viel von dieser oder jener Übung schaffen würde. Andere kamen um der Unterhaltung willen, denn bei uns war es immer lebendig, es wurde gezockt oder Schach gespielt. Wir spielten nur um Einsatz. Für uns war das kein Problem, aber diejenigen, die vorsichtig sein mussten, verloren dann auch noch, weil sie zu ängstlich waren oder eben zu vorsichtig. Dabei spielten sie gar nicht einmal so schlecht. Ich spielte besser als Manfred und so forderte ich alle anderen heraus, angefangen bei Mühle, Dame oder weiß der Himmel was sonst für Spielen.

Manfred hatte einen Faible für sein eigenes Geschlecht. So kam fast jeden Tag irgendein Stricher, ein Bubi, zu uns in die Zelle. Die beiden hängten dann eine Wolldecke vor das untere Bett – genauer gesagt, die Wolldecke wurde in dem oberen Bett unter die Matratze geschoben und reichte dann bis zum unteren Bettrand.

Ich wollte nicht, dass ein Stricher auf unsere Zelle zog, aber dann kam dieser Jochen Dickkopf. Auch er war sehr sportlich und blieb als dritter Mann bei uns. Jochen und Manfred lagen fast jede Nacht zusammen im Bett. Ich störte mich nicht daran. Wenn es dunkel war, hörte ich Radio auf dem Imchen, und wenn es noch hell oder das Licht noch an war, dann las ich.

Eines Tages geschah etwas, das dazu führte, dass Stricher von da an Zellenverbot hatten. Wir bekamen Zellenbesuch von einem, der professionell anschaffte. Für Tabak konnte man seine sexuellen Neigungen an ihm abreagieren. Er lag zusammen mit einem anderen Typen, der auf unserer Zelle zu Besuch war, in unserem unteren Bett. Manfred zog, als es hinter der Wolldecke zur Sache ging, diese weg und sagte: „Ich gucke zu, das gibt ein halbes Pack! Jochen auch.“ Und so blieb mir nichts anderes übrig, als ebenfalls ein halbes Pack zu zahlen. Theoretisch hätte mich das vielleicht ja noch angemacht, aber das Gegrunze des einen Typen und das vergebliche Bemühen des Strichers, auf Touren zu kommen, erstickten jegliche Lust im Keim. Von diesem Tag an war Schluss mit lustig.

Was die Praktiken dieser Männer anbelangte, wusste ich in der Theorie über alles Bescheid. Ich hatte auch zahlreiche Bekannte, die bis auf die Knochen schwul waren. Andere waren „knastschwul“, das waren diejenigen, die ihre Sexualität nicht mit sich selbst ausleben wollten. Sie suchten sich einen gleichgeschlechtlichen Partner mit demselben Ziel der gegenseitigen Befriedigung.

In diesem Zusammenhang erzählte mir Manfred noch ein paar Geschichten aus seiner früheren Zeit. Bevor er in dieses Gefängnis verlegt worden war, war er auf einem Kabelhof gewesen, wo die irrsten und wahnsinnigsten Typen überhaupt anzutreffen waren. Wenn man dort von einem der Ztler ein Butterbrot bekam, dann durfte man es nicht annehmen, denn ganz sicher hatte dieser vorher auf die Brotscheibe ejakuliert und anschließend Schmalz darauf gestrichen. Biss man dann in dieses „Butterbrot“, wurde man ganz gewiss von dem Ztler beobachtet, der sich hinter einem Stapel Kabel oder Eisen verbarg und dabei onanierte.

Dort gab es Pärchen, das schon fünf oder zehn Jahre zusammen war. Doch wie auch bei anderen Paaren und Ehepaaren kam es oft zu Streitereien. Und die wurden ausgetragen, indem sie sich gegenseitig mit dicken Kupferkabeln auf den Kopf schlugen, bis einer von ihnen zusammenbrach. Dann war alles wieder gut und die nächsten zufriedenen Jahre konnten folgen.

Manfred erzählte auch von Hammer-Conny. Dieser lief immer mit einem Hammer herum und sagte: „Dieser Hammer ist noch zu weich für einen Menschenkopf; lass Ratten laufen, aber Menschen zertrete den Kopf.“ Er hatte eine ganze Bauernfamilie ausgerottet.

Wie war es dazu gekommen? Hammer-Conny war als Strafgefangener bei einem Bauern beschäftigt gewesen. Dieser hatte ihn immer getriezt, wenn er der Meinung war, der Gefangene würde zu langsam arbeiten. Der Bauer besaß ein Luftgewehr, bei dem man den Lauf herausdrehen konnte. In diesen Gewehrlauf brachte er einen Pfropfen ein, den er aus einer rohen Kartoffel geschnitten hatte. Damit schoss der Bauer auf den Gefangenen und traf dessen Oberschenkel, den Hintern und noch einige andere Körperteile. Der Gefangene hatte den Bauern gewarnt, aber der hatte die Sprüche nicht ernst genommen. Hätte er es nur getan ... Der Gefangene wurde eines Tages entlassen, fuhr zu diesem Bauernhof und schlug dann mit einem Hammer zuerst auf die Großeltern, dann auf die Eltern und schließlich auf drei Kinder ein. In keinem dieser Fälle war es Mord, denn alle Familienangehörigen lebten noch. Erst im Krankenhaus verstarben sie. Der Gefangene sagte später aus, er habe sie nur verletzen wollen. Er bekam fünfzehn Jahre und die Sicherungsverwahrung, jedoch kein „lebenslänglich“.

Ein anderer Inhaftierter, von dem Manfred erzählte, war „Der Weiße Tod“. Er fuhr mit einem VW-Bus, den er als Krankenwagen getarnt hatte, zu einer Schule, um angeblich Untersuchungen bei den Kindern durchzuführen. Dieser Typ misshandelte daraufhin die Schulkinder aufs Grausamste. Sein Urteil lautete: „lebenslänglich“.

Ich werde aus dieser Zeit nichts mehr über Straftaten anderer schreiben, weil mir nur die ekelhaftesten Delikte in Erinnerung geblieben sind, und davon kommen noch genügend ans Licht, wenn ich über meine letzte Haftzeit schreibe, die mir noch viel lebendiger in Erinnerung ist.

Zurück zu meiner ersten Haftstrafe als Erwachsener: Wir hatten einen schwulen Oberlehrer, der die Bücherei leitete. Dorthin holte er sich seine Burschen. Meinen beantragten Lehrgang als Werbetexter genehmigte er nicht. Er wollte mir gebrauchte Lehrgangsunterlagen andrehen, und als ich dies mokierte, sagte er: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, woraufhin ich erwiderte: „Und einem geschenkten Barsch ...?“

„Aber Herr Massat“, sagte er mit gerunzelter Stirn. „Was soll ich denn dazu sagen?“ Es klang, als würde eine Tunte sprechen.

„Herr Oberlehrer, es ist doch so: Einen geschenkten Barsch schaut man nicht zwischen die Kiemen. Was haben Sie denn gedacht?!“

Wie das so ist: Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Und genau das taten Manfred und ich.

Es gab einen Beamten, der nicht auf unserer Seite war und uns ständig im Blick hatte. Wir hatten uns aus Reinigungsbenzin und Brennspiritus ein Gebräu gekocht, dieses mit Tee versetzt und dann getrunken. Oh weh, nie wieder! Und wenn es nichts anderes zu trinken gäbe ... niemals wieder!

Auf jeden Fall machten Manfred und ich Randale und dieser Beamte hatte Dienst. Es gab natürlich einen Gelben und zwei Tage später mussten wir zum Chef. Wir waren in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen und hatten uns Folgendes überlegt. Mal mehr, mal weniger theatralisch erzählten wir dem Anstaltsleiter, was uns der Beamte bisher so alles mit auf dem Weg gegeben hatte: „Euch hätte man, genau wie die Juden, vergasen müssen. Das Mindeste, was euch zusteht, wäre das Arbeitslager. In den Steinbruch gehört ihr. Den ganzen Mist auf den Müll, alles unwertes Leben.“

Nun sagte der Anstaltsleiter: „Dies brauchen wir ja bei dem Vorfall, um den es hier geht, nicht mit aufzunehmen.“

„Doch, doch!“, antworteten wir. „Wir haben uns zwar nicht nur deswegen betrunken, aber es war zumindest einer der Anlässe.“

„Also gut, die Meldungen werden zerrissen. Aber so geht das nicht weiter mit euch, ihr werdet auseinandergelegt.“

Das war also beschlossene Sache, doch nun gingen wir auf die Barrikaden. Als uns einige Beamte aufsuchten, damit wir unsere Sachen packten, verkeilten wir die Tür und ich sagte so laut, dass man es draußen hören konnte: „Manni, du bekommst von mir das Tischbein, das andere behalte ich. Der Jochen bekommt auch eines und das andere bleibt in Reserve. Das bekommt derjenige, der sein Tischbein als Erster verloren hat. Sobald wir keines mehr haben, verteidigen wir uns mit allem, was wir haben, also mit Händen, Füßen und Zähnen.“

Na, was soll ich sagen? In der Nacht war Ruhe, aber am nächsten Morgen flog die Tür auf und sechs oder sieben Beamte stürmten unsere Zelle. Wir wurden auf der Stelle auseinandergelegt, jeder kam in eine andere Zelle. Erst im Laufe des Tages konnten wir unsere Sachen holen.

Den Beamten, den wir zu Unrecht bezichtigt hatten, ein Nazi zu sein, sah ich nie wieder. Ob er freiwillig gegangen oder gegangen worden war, erfuhren wir nicht. Es war nicht die feine englische Art, wie wir gehandelt hatten, aber damals belastete uns dies nicht weiter.

Nach diesem Vorfall beantragte ich für mich eine Verlegung nach Oberems, der schließlich stattgegeben wurde.

Oberems

Oberems war ein riesiges Gebiet, es bestand damals aus circa dreißig bis vierzig Lägern, die jeweils mit circa vierzig Personen belegt waren. Wer dort einsaß, hatte zu arbeiten. Wer nicht arbeitsfähig war, kam zurück in den geschlossenen Vollzug, Oberems hieß bei uns nicht umsonst „Workuta“.

Ich war insgesamt drei Mal in Oberems und erlebte dort die haarsträubendsten Dinge. Und diese so zahlreich, dass Oberems ein eigenes Buch wert wäre.

Der Transport nach Oberems war eine Katastrophe. Wir mussten einmal übernachten und kamen am nächsten Morgen vor die Kommission. Hinter drei zusammengeschobenen Tischen saßen fünf oder sechs Personen, der Anstaltsleiter in der Mitte, daneben ein Arzt, ein Sozialarbeiter und noch so einige Wichtigtuer.

Auf einmal höre ich folgende Frage: „Ist er gesund?“

Zuerst war ich nur sprachlos. In der dritten Person war ich schon ewig nicht mehr angesprochen worden.

Meine Antwort lautete dementsprechend: „Er ist gesund.“

Nun schauten die Herren hoch. Wollte sie da einer auf die Rolle nehmen? Die Blicke der Herren wanderten weiter zum Arzt. „Ich bin fertig“, sagte dieser.

Was ich denn gelernt hätte, wurde ich als Nächstes gefragt. Ich hatte eine abgebrochene Lehre als Terrazzoleger hinter mir, eine abgebrochene Maurerlehre und einen beendeten Lehrgang für Spanabhebende Berufe.

Einer der am Tisch Sitzenden sagte daraufhin: „Überall einsatzfä-hig.“

Dieser erste Eintrag war das Tor zum immer wiederkehrenden Einsatz in Oberems. Ich kam in ein Außenlager.

Ein VW-Bus brachte mich zu meinem Lager. Ich begab mich zur Kammer, um mir die Anstaltssachen abzuholen. Anschließend half ich dem Koch bei der Zubereitung des Abendbrotes. Dieser klärte mich über die hier herrschenden Regeln – man könnte fast sagen: Gesetze – auf. Ich hatte Glück, denn der Koch kannte mich vom Namen und er war mir wohlgesonnen.

Der Koch war der wichtigste Gefangene. Nicht nur, weil er für ein anständiges Essen zu sorgen hatte, nein, er war auch den ganzen Tag im Lager, wusste über alles und jeden Bescheid und der Lagerleiter bekam von ihm die Informationen, die er bekommen sollte. Dies geschah natürlich nur, wenn der Koch in Ordnung war. War dies nicht der Fall, dann schiss er alles und jeden an. Dieser Koch jedenfalls war in Ordnung, fand ich.

Der Lagerleiter wohnte mit seiner Familie ebenfalls in diesem Lager. Es war wie ein Zweifamilienhaus, sein Schlafzimmer grenzte an unseren Schlafsaal. Es wurde sehr großen Wert auf Zucht und Ordnung gelegt und es gab eine seltsame Eigenart, die ich noch nicht kannte: Abends wurden die Kleidungsstücke zusammengefaltet auf einen Schemel gelegt – jeder hatte seinen Platz am Tisch und auch seinen Schemel –, dann mussten wir im Nachthemd in Zweierreihe antreten und es wurde abgezählt. Kam am Ende nicht die Belegzahl heraus, war klar, dass einer fehlte, und es gab für das gesamte Lager eine Strafe. Wurde der fehlende Gefangene wieder aufgegriffen, bekam dieser eine Strafe von seinen Mitgefangenen.

Es gab den Lagersprecher, also den Lagerboss, den Schlafsaalboss, der der zweitwichtigste Mann im Lager war, denn er hatte für Ruhe im Schlafsaal und für einiges mehr zu sorgen, den Kartoffelschälboss, den Reinigungsboss und den Duschraumboss. Diese fünf Personen und der Koch bildeten den Kopf des Lagers. Danach kamen die Kolonnenbosse. Beim Arbeitseinsatz bei einem Bauern zum Beispiel sorgte einer von ihnen für das Tempo und die anderen mussten folgen. Schließlich gab es noch die Einzelgänger, dies waren Personen, die zum Beispiel bei einer Firma oder auf einem Hof allein arbeiteten.

Ich kam zunächst in eine Kolonne, die bei einer Firma arbeitete, welche Kleidung, Schuhe und dergleichen nach Afrika verkaufte. Manche Stoffe, Laken oder Handtücher wurden zerrissen und dann als Putztücher verkauft. Ich kam an einen Tisch und musste dort Pakete öffnen und die darin befindliche Kleidung sortieren. Ich erfuhr, dass dies alles Spenden an das Rote Kreuz gewesen waren. Der Chef dieser Firma kaufte dem Roten Kreuz ganze Waggons gespendeter Textilien ab. Ich fand das ziemlich seltsam. Was wollten die mit so viel Kleidung? Aber auch beim Roten Kreuz hieß es: „Nur Bares ist Wahres.“

Manchmal fand ich Briefe in den Paketen, die mich berührten. Etwa in der Art: „Lieber Unbekannter, hier ein paar ausgesuchte Kleidungsstücke meines verunglückten Sohnes. Ich hoffe, sie passen dir und helfen dir über eine schwere Zeit hinweg. Meinen Sohn können sie nicht mehr wärmen.“

Diese Leute hatten die Pakete geschickt, um einem armen Wesen etwas Gutes zu tun. Dabei halfen sie nur dem Roten Kreuz. Einmal fand ich ein „Pfund“, einen Zwanzig-Mark-Schein, ein anderes Mal einen kleinen beweglichen Metallfisch. Beides behielt ich. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, in dieser Kolonne zu arbeiten. Diese Praktik gefiel mir einfach nicht. Ich spendete später nie irgendwelche alten Kleidungsstücke an das Rote Kreuz, sondern fand eine andere Verwendung dafür.

Ich sprach mit dem Koch und hatte Glück, dass der Schlafsaalboss entlassen wurde. Dieser war als Einzelgänger beim „Oberst“ beschäftigt. Ich wurde sein Nachfolger im Reitstall. Dort regierte der Oberst, der so genannt wurde, weil er Reitstiefel trug, die ihm ein militärisches Aussehen verliehen. Er pflegte dieses Image. Ich wurde aber auch dank der Mithilfe des Kochs sein Nachfolger als Schlafsaalboss. Es gab zwei, drei Tage Unruhe und dann war auch das geklärt.

Im Schlafsaal musste ich dafür sorgen, dass die Nachtruhe eingehalten wurde, aber manchmal war es so, dass in dem Schlafsaal auch ein oder zwei alte Knastbrüder waren, die in ihren Kolonnen durchgeschleppt wurden. Abends, wenn wir nach dem Appell in unseren Betten lagen, kam es schon mal vor, dass ein alter Knastbruder Geschichten von früher erzählte. Wenn er erst einmal anfing, dann konnte er die ganze Nacht erzählen und niemand schlief ein und niemand rief: „Nun will ich aber Ruhe haben!“ Dieser Ruf wäre im Übrigen auch vergeblich gewesen. Ruhe durfte man ja verlangen, aber ob man sie bekam, war eine andere Frage. Verlangte man sie zu energisch, gab es etwas auf das Fell, denn die, die dem Erzähler lauschten, hatten die gleichen Rechte wie derjenige, der Ruhe haben wollte.

„Es ist mein gutes Recht, die Nacht mit Erzählen zu verbringen, und wem das nicht gefällt, der kann ja ausziehen und sich ein ruhigeres Plätzchen suchen. Ansonsten hat er schlechte Karten.“ Großes Gelächter folgte und dann ging es weiter: „Kennst du die Geschichte vom Drei-Finger-Karl ...?“

Nach einer solchen Nacht kam ich einmal mit einer Verwarnung davon, weil sich das Gelächter noch in Grenzen hielt. Der Lagerkommandant schlief, wie schon erwähnt, an der Wand, die an unseren Schlafsaal grenzte, nur ein Stück höher. „Worüber habt ihr denn so gelacht?“, fragte er eines Tages.

„Tja“, sagte ich, „einer hat mit seinem Arsch ein ganzes Trompetensolo geblasen und das war für die meisten sehr witzig.“

Er lachte und sagte: „Pass auf, dass so etwas nicht zu oft passiert, sonst muss ich dir einmal den Marsch blasen ...“

In diesem Zusammenhang fällt mir eine kleine Geschichte ein, die mir ein Mithäftling in Oberems erzählte, und zwar in Form eines Gedichtes. Er sagte: „Nun frage dich einmal, ob ich dies selbst erlebt habe oder ob so etwas im wohlhabenden Deutschland möglich ist.“

Weihnachtsstille, kille, kille.

Der Gabentisch ist öd und leer,

die Kinder schauen blöd umher.

Da lässt der Vater einen krachen,

die Kinder fangen an zu lachen.

So kann man auch mit kleinen Sachen

den Kindern große Freude machen.

Ich sagte: „Das ist ein schlechter Witz, den du mir da erzählst.“

Aber er meinte: „Was glaubst du, warum ich hier bin?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

Da fing er an zu erzählen. „Weißt du, wenn du immer nur halb satt bist, immer durstig nach einer Flasche Wein, immer schlecht geschlafen hast, arbeitet der Gedanke an Geld ununterbrochen in dir.“

Woran man wirklich dachte, war eine Veränderung der augenblicklichen Lage. Diese Lage ließ sich nur durch Geld ändern, und die Frage war, welche Mittel einem recht waren und inwieweit man bereit war, diese Mittel einzusetzen.

Ohne Geld ist es ein entwürdigendes und schäbiges Leben. Mit Geld bist du satt, nie durstig, hast Wein und alles, was du willst.

Der Mithäftling sagte dann noch: „Als die Weihnachtstage vorbei waren, bin ich losgezogen und habe meine Mittel eingesetzt. Ich kann dir sagen, wir haben Weihnachten nachgeholt und dies nicht zu knapp. Um zu gewinnen, muss man wagen.“

Beim dritten Wagen war es dann vorbei gewesen mit Weihnachten nachholen, neun Jahre waren ein hübsches Weihnachtspaket. Was hatte diesen Mann dazu gebracht, so zu handeln? Auch er war kein geborener Bankräuber – es gibt nämlich keine geborenen Bankräuber, Mörder oder Einbrecher. Bei Sittenstrolchen bin ich mir nicht so sicher, bei den Pädophilien, den Päderasten gehe ich von einer zumindest zum Teil angeborenen Veranlagung aus –, aber ein Weihnachtsfest ohne alles, ohne Braten, ohne eine Kleinigkeit für die Kinder, welcher Vater kann dies so einfach wegstecken?

Nun, ich konnte ihn verstehen, ich konnte ihn sogar sehr gut verstehen, denn Gold beziehungsweise Geld ist eine verteufelte Sache, es verändert den Charakter. Man kann noch so viel haben, man möchte immer noch etwas dazu. Und um dieses „noch etwas dazu“ zu bekommen, hört man auf, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.

Ehe ich zu meinem Job im Reitstall komme, muss ich noch erzählen, wie ein Kollege wegen einer Zwiebel zwölf Kilometer laufen musste.

Wir hatten, wenn wir morgens ausrückten, immer einen Brotbeutel bei uns. In diesem befanden sich die Butterbrote, die tagsüber gegessen wurden. Der Kollege, um den es hier geht, war Freigänger bei einem Bauern und brachte sich von dort eine Zwiebel mit. Beim Einrücken wurden wir wie üblich gefilzt, das heißt kontrolliert, und bei ihm fand der Beamte diese Zwiebel.

„Wo hast du die Zwiebel her?“

„Vom Bauern.“

„Hast du sie von ihm bekommen?“

„Ja.“

Der Lagerleiter rief bei dem Bauern an und dieser gab an, dem Gefangenen keine Zwiebel geschenkt zu haben. Der Kollege hatte also diese Zwiebel gestohlen.

„Du bringst die Zwiebel wieder zurück.“

Jeder dachte nun, er solle dem Bauern die Zwiebel am nächsten Tag zurückbringen, aber nein, der Lagerverwalter sagte: „Anziehen! Wir bringen die Zwiebel zurück.“

Bis zu diesem Moment dachten wir, er würde die sechs Kilometer hin und die sechs Kilometer zurück mit der grünen Minna gefahren und eine kleine Strafe erhalten. Mitnichten, der Kollege musste Arbeitsschuhe anziehen, bekam Handschellen angelegt, die Zwiebel in der Hand, und dann ging es los. Der Lagerverwalter saß in seinem Privatwagen und der Kollege musste vor ihm hertraben. Und genau das tat er – mit den schweren Arbeitsschuhen hin und wieder zurück ... Halleluja, Bruder!

Jetzt aber zu meinem Job im Reitstall: Meine Aufgabe bestand darin, die Ställe auszumisten, für steinlose Abreitplätze zu sorgen und dergleichen mehr.

In dem Reitstall waren etwa vierzig Pferde untergestellt, fünfzehn von ihnen gehörten Personen, die in der Nähe wohnten und im Reitstall Boxen gemietet hatten. Weitere fünfzehn Pferde gehörten den Ferienkindern und zehn dem Reitstall.

Ich war damals ein leckeres Kerlchen und dessen war ich mir sehr wohl bewusst. Ich sah gut aus, hatte einen durchtrainierten Körper und konnte mich einigermaßen gut artikulieren.

Der Oberst hatte mich die ersten Wochen immer im Blick. Ich dagegen hatte eine Dame im Blick, die dort ihr Pferd untergestellt hatte. Leider hatte sie keinen Blick für mich, sondern nur für den Zuchthengst, der in einem separaten Stall stand. Dorthin ging sie jedes Mal, wenn sie zu ihrem Pferd kam, um einen Ausritt zu machen. Die Stuten standen in der Nähe der Ställe auf der Weide.

Eines Tages wollte der Oberst den Hengst auf eine entfernte Weide bringen. Er rief mich, holte den Hengst aber schon aus der Box. Dieser bekam wohl Witterung von irgendeiner rossigen Stute, stieg auf die Hinterbeine und der Oberst hing an der Trense. Ich sah, was passierte und sprintete zu ihm hin, bis auch ich an der Trense hing. Gemeinsam schafften wir es, den Hengst in seine Box zurückzubringen. Als der Hengst die rossige Stute gewittert hatte, war er natürlich voll ausgefahren und der Hengstpenis hatte eine beachtliche Größe erreicht. Ich sah aus dem Augenwinkel besagte Dame, die mich keines Blickes würdigte, sondern diesen Riesen beinahe mit den Augen verschlang.

Von diesem Augenblick an hatte ich einiges gut beim Oberst und er ließ mich hantieren, wie ich es wollte.

Die Dame würdigte mich nun auch und sprach ab und zu einen Satz mit mir. Ich überraschte sie einmal, also sie gerade dabei war, ihre Reitgerte in die sich öffnenden und schließenden Schamlippen ihrer rossigen Stute zu halten. Kurz darauf stellte sie sich vor die Box, in der der Hengst stand, und hielt ihm die Reitgerte vor die Nüstern. Der Hengst fuhr natürlich voll aus und wurde unruhig. Die Dame griff sich mit der Hand zwischen die Beine, bemerkte mich dann aber und verschwand. Danach sah ich sie tagelang nicht. In Zukunft kam sie nur noch abends, wenn ich zurück ins Lager musste.

Ein paar Tage später kamen die Ferienkinder, und was für welche! Es waren circa fünfzehn Mädchen und fünf Jungen. Diese Vierzehn- bis Fünfzehnjährigen schliefen auf dem Speicher in einem großen Raum auf Feldbetten, mussten ihre Ställe selbst ausmisten und auch sonst die harte Schule durchmachen. Der Witz war, dass zwei von ihnen mit dem Hubschrauber ankamen, während die anderen im Maybach, Daimler oder Rolls-Royce chauffiert wurden, um nur einige der noblen Karossen zu nennen. Die Eltern zahlten ein Heidengeld dafür, dass ihre Sprösslinge auch die Härten des Lebens kennenlernten.

Der Oberst sagte zu mir: „Lass dir nichts gefallen. Lass dich vor allem nicht in eine Falle locken, die Früchtchen sind mit allen Wassern gewaschen.“

Die Mädchen hatten sämtliche Tricks drauf, sie reizten die Wallache oder Hengste, indem sie den Stiel einer Mistgabel in der Stute rieben und dann zu den Wallachen oder Hengsten gingen und diesen den Stil vor die Nüstern hielten. Dann riefen sie mich und sagten: „Siegfried, schau dir das an! Da können wir jetzt nicht reingehen. Kannst du das nicht für uns tun? Du bist doch ein Mann, uns greift das Tier eventuell noch an.“

Ich habe ihnen natürlich etwas gehustet.

Sie riefen mich auch und baten mich: „Siegfried, kannst du mir den BH zumachen!“ und allerhand dummes Zeug.

Für sie war es Freizeit und ich hatte diese Früchtchen nach zwei Wochen gut im Griff. Mit einem der Mädchen schrieb ich sogar Briefe hin und her, allerdings für eine sehr kurze Zeit.

Zum Abschied feierten die Jugendlichen eine kleine Fete, zu der sie sich alkoholische Getränke besorgt hatten. Ich, ganz cool, war ja schon groß, trank natürlich mit. Das war ein Fehler, denn beim Einrü-cken bemerkte der Beamte, dass ich etwas getrunken hatte. Der eine ließ so etwas durchgehen, der andere nicht.

Die Fürsprache des Oberst nützte mir zunächst nichts, denn ich musste meine Sachen packen und kam zurück in die Zelle. Die Konsequenz waren zehn Tage Arrest und eine Verlegung in ein anderes Lager, was wahrscheinlich noch eine milde Strafe war. Normalerweise ging man nach einem solchen Vorfall zurück in den geschlossenen Bau, aber weil ich ein guter Arbeiter war und der Oberst sich für mich starkgemacht hatte, durfte ich bleiben.

Der Tage des Arrests waren, im Nachhinein betrachtet, schnell vorbei. Ich trainierte und onanierte, wie ich es sonst auch tat, um mir die Langeweile zu vertreiben und die Tatsache zu vergessen, dass mir hier außer der Reihe niemand etwas brachte.

In dem neuen Lager wurde ich im Straßenbau eingesetzt und wir mussten Schotter auf einen Weg, der später eine Straße werden sollte, verteilen. Lkws kippten ihre Ladung ab, wir luden eine Schubkarre voll und kippten den Schotter dann an der benötigten Stelle auf dem Weg aus, wo dieser von zwei Männern verteilt wurde. Von dem fortwährenden Befüllen der Schubkarre war ich am ersten Abend ganz schön geschafft. Am nächsten Tag ging es so weiter und gegen Mittag hatte ich große wunde Flächen in meiner Hand. Ich machte jetzt öfter eine Pause, weil meine Hände schmerzten.

Es dauerte nicht lange und der Beamte stand bei mir. „Ich denke, du bist so fit. Hier wird sich nicht ausgeruht. Jetzt mach mal ein bisschen Tempo! Du bewegst dich ja wie eine schwangere Ameise.“

Ich kam gar nicht dazu, irgendetwas zu sagen. Ich ging einen Schritt auf ihn zu, er einen auf mich, und schon hatte ich ihn berührt und seine Brille rutschte vielleicht fünf Millimeter nach unten.

„Ey du! Das war ein Angriff auf einen Beamten!“ Er ging drei Schritte zurück und riss sich das Gewehr von der Schulter. „Stehen bleiben, Kreis ziehen! Schnürsenkel aus den Schuhen und Gürtel her!“ Alles in einem Atemzug.

Ich stand in dem von mir selbst mit der Schuhspitze gezogenen Kreis mit ungefähr anderthalb Metern Durchmesser.

„Wenn du diesen Kreis verlässt, ist das ein Fluchtversuch und ich mache von der Schusswaffe Gebrauch.“

Die restlichen fünf Stunden blieb ich in diesem Kreis und schwor mir beim nächsten Mal den Kreis größer zu ziehen, damit ich wenigstens einen Schritt gehen kann.

Nach zwei Tagen war ich schon wieder in der Auswahlanstalt für die Läger in Oberems. Ich hatte Glück, denn nachdem der Arzt und der Anstaltsleiter meine Hände gesehen hatten, konnte ich dort bleiben. Ich kam wieder in das gleiche Lager wie zuvor, hatte zwei Tage Pause und gelangte anschließend in die Kolonne bei einem Bauern.

Es gab einen Kolonnenboss, der das Tempo vorgab, während alle anderen folgten. Zum Glück war es gemäßigt, und doch war es in der Hitze auf diesen kilometerlangen Feldern mörderisch, Rüben zu vereinzeln. Zu trinken gab es Essigwasser mit zerbröseltem Schwarzbrot, was äußerst gewöhnungsbedürftig war, aber gegen unseren Durst half.

Zwischendurch kam hin und wieder der Bauer aufs Feld, und wenn er dem Beamten einen Briefumschlag gab, wussten wir, dass ab sofort noch härter zu arbeiten war. Sobald der Bauer sich verabschiedet hatte, schaute der Beamte in den Umschlag und dann ging es los: „Dieses Feld muss heute noch fertig werden, also kommt jetzt mal in die Hufe! Und wehe, es bleibt einer zurück.“

Und die Felder waren riesig, ein Ende war nicht abzusehen.

Es waren kleine Geldgeschenke, die die Beamten von den Bauern bekamen, meist 50 DM, und dann gab es kein Pardon mehr. Wurde anschließend von uns nicht mehr geleistet, hatten sich die Geldgeschenke erledigt.

Die Bauern, für die wir in dieser Gegend arbeiteten, waren meiner Meinung nach eine ganz besondere Sorte Mensch: stur, dickfällig und den Gefangenen nur als Arbeitsmaterial betrachtend. Vielleicht waren sie so geworden, weil sie es nur mit Gefangenen zu tun hatten, vielleicht hatte sich jede Menschlichkeit schon gerächt, ich weiß es nicht. Und wenn man so wie sie in dieser Form aufwuchs, kannte man es ja nicht anders.

In diesem Lager lernte ich einen Burschen kennen, der viele Jahre im Zirkus gearbeitet hatte, ein Trickser vor dem Herrn. Mit ihm durfte man nicht wetten. Er war ein Hütchenspieler, ein Ladendieb, ein richtiger Lebenskünstler. Er hatte von diesem Lager die Schnauze voll, genau wie ich. Er hatte bei den Beamten ebenfalls schlechte Karten, denn er hatte manche von ihnen vorgeführt. Da war zum Beispiel der Trick mit seinem Windrädchen. Dazu nahm er sich ein Hölzchen und schnitzte Kerben hinein. Er befestigte dieses Holz in der Mitte des Windrädchens und fragte: „Soll es sich drehen?“ Uwe, so hieß der smarte Bursche, nahm einen Bleistift, rieb damit über die Kerben des Hölzchens und schon begann sich das Windrädchen zu drehen. Je schneller er über die Kerben rieb, desto schneller drehten sich die Flügel.

Großes Staunen war die Folge. „Wie machst du das? Lass mich auch mal!“

Aber niemand schaffte es, keiner, der es versuchte, konnte das Windrad bewegen.

Eines Tages, Uwe führte sein Kunststückchen einem Neuen vor und gewann eine Wette, kam ein Beamter namens Bauer in den Tagesraum und fragte, was hier los sei. Es war derselbe Beamte, der bei der Arbeit im Straßenbau gemeint hatte, ich hätte ihn angegriffen.

„Sie bekommen das Windrädchen nicht zum Drehen“, prophezeite Uwe.

„So ein Quatsch, gib mal her!“ Der Beamte rieb über das eingekerbte Hölzchen, aber es bewegte sich nichts. „Wieso dreht sich das Windrädchen nicht? Was ist denn das?“

„Sie müssen das linke Bein hochheben“, sagte Uwe. „Dann klappt das auch.

Der Beamte hob das linke Bein, aber es tat sich nichts. Er schaute Uwe fragend an und dieser sagte: „Mensch, ich habe mich vertan. Sie müssen das rechte Bein hochheben.“

Der Beamte tat, wie ihm gesagt worden war, hob das rechte Bein und rieb über das Hölzchen, aber auch jetzt tat sich nichts. Das Windrädchen bewegte sich keinen Millimeter. Fragend schaute der Beamte zu Uwe und dieser schaute genauso fragend zurück.

Auf einmal schlug sich Uwe mit der flachen Hand vor die Stirn und sagte: „Ist doch klar, ich habe einen Fehler gemacht!“

„Was?“, fragte der Beamte. „Was hast du für einen Fehler gemacht?“

Sie müssen nicht das linke oder rechte Bein hochheben, Sie müssen beide Beine hochheben.“

Der Beamte versuchte, beide Beine hochzuheben, doch das ging natürlich nicht. Er sprang in die Höhe und dann ging ihm ein Licht auf. „Du Idiot hast mich verarscht!“, rief er und vergaß dabei, dass er der Idiot war, der gerade vorgeführt worden war. Er war sehr nachtragend und so hatte Uwe immer schlechte Karten, wenn der Beamte Bauer Dienst hatte.

Unsere Kolonne wurde zum Grabenreinigen verdonnert. Einige Gefangene mussten die Böschungen mähen, andere holten das Gras von der Böschung und ich stand mit Stiefeln bis zur Hüfte im Wasser und entfernte mit einer großen Gabel Gras und Gerümpel, welches im Wasser schwamm. Es schwamm alles um mich herum, Fäkalien und sogar Ratten. Ich war bedient und hatte die Nase voll.

Uwe war auch in der Kolonne, und als wir nachmittags in einem Waldstückchen waren, sagte ich: Wenn der Bauer vorne bei der Kolonne ist, sind wir weg. Uwe befand sich auf der Böschung und ich war sowieso der Letzte im Wasser. Sobald sich der Beamte auf den Weg nach vorne machte, sprinteten wir los.

Wie überall gab es auch hier einen Zuträger. Dieser sah uns weglaufen und rief: „Herr Bauer, Herr Bauer! Gefangene sind abgehauen.“

Der Beamte riss sein Gewehr vom Rücken und ballerte uns hinterher. Von wegen Warnschüsse! Er schoss scharf und wir hörten die Kugeln durch die Blätter pfeifen.

Wir trugen Stiefel, Uwe normale Gummistiefel und ich riesige Schaftstiefel, die bis zur Hüfte reichten. Mobile Telefone kamen damals gerade erst auf den Markt, aber die Beamten hatten Funksprechgeräte dabei. So konnte Herr Bauer kurzfristig Verstärkung anfordern.

Ich hatte mir vorher etwas überlegt. Hinter diesem kleinen Waldstück war ein Kartoffelfeld, eines dieser kilometerlangen Felder. Ich rannte also zügig durch den Wald direkt auf das Kartoffelfeld zu und dann hinein in die Furchen. Solange es ging, liefen wir aufrecht, dann krochen wir auf allen Vieren und schließlich robbten wir auf dem Boden weiter. Als wir mitten im Kartoffelfeld waren, gruben wir uns in die Furchen ein. Wir waren nicht mehr zu sehen, waren einfach weg.

Die Beamten und die Bauern, die sich in derartigen Situationen gerne als Hilfspolizisten betätigten, fanden uns nicht und rätselten, wie wir es geschafft hatten, aus diesem kleinen Waldstück zu verschwinden. Sie suchten uns noch bis zum Einbruch der Dunkelheit und darüber hinaus zum Teil sogar noch mit Taschenlampen.

Wir blieben bis etwa 23 Uhr in der feuchten Erde liegen und krochen dann wieder zu einer Wiese. Wir sprangen und hüpften, damit wir wieder warm wurden, und machten uns auf den Weg in die nächstgrößere Stadt.

Flucht aus Oberems

Wir hatten Glück und sahen einige Bauwagen an der Straße, die gerade erneuert wurde. Wir brachen die Bauwagen auf und kleideten uns mit den darin befindlichen Klamotten ein. Dabei fanden wir auch halbwegs passende Schuhe und klauten uns im nächsten Ort Fahrräder, mit denen wir unseren Weg fortsetzten.

Am nächsten Morgen radelten wir durch einen kleineren Ort, in dem sich eine größere Baustelle sowie ein Supermarkt befanden. „Nun werde ich uns zuerst einmal etwas zu essen und zu trinken besorgen“, schlug Uwe vor. Wir hatten nicht einen Pfennig Geld und er meinte: „Siegfried, keine Sorge, ich regle das schon. Aber bleib du drau-ßen.“

Ich hatte für Ladendiebstähle nicht viel übrig, doch Uwe kannte sich aus, er hatte diese Form des Diebstahls schon sein Leben lang praktiziert.

Ich blieb mit den Fahrrädern in der Nähe stehen und beobachtete, was Uwe tat. Er nahm sich einen Einkaufswagen und zog los. Der Wagen wurde immer voller und sein Gang immer tapsiger, er kam an die Kasse und ich sah, wie er mit der Verkäuferin sprach und gestikulierte. Dann schob er den vollen Einkaufswagen an die Seite und kam, nein, stolzierte mit staksigen Schritten auf mich zu und ging so weiter zu der Baustelle. Als er vom Laden aus nicht mehr gesehen werden konnte, blieb er stehen und wartete, bis ich bei ihm war. „So“, sagte er, „pack weg!“

Ich bekam jede Menge Lebensmittel gereicht, von der Salami über Butter und Brot bis hin zu Zigaretten und Rotwein, sodass ich nicht mehr wusste, wohin damit. Mein Bauch hatte den doppelten Umfang angenommen. Wir stiegen auf die Räder und ab ging es.

Ich fragte: „Wie hast du das gemacht?“

Uwe antwortete: „Du hast doch gesehen, dass ich zwei lange Hosen angezogen habe.“

Das hatte ich zwar bemerkt, doch war ich der Meinung, es wäre ihm nachts auf dem Rad zu kalt gewesen und er hätte deswegen die zweite Hose übergezogen.

Nein, er hatte die erste Hose an den Beinen zugebunden und im Laden immer ein Teil in die Hose gestopft und ein Teil in den Einkaufswagen gelegt. Sein Beinumfang war auf das Doppelte angewachsen, weshalb er nur noch so staksig hatte gehen können. An der Kasse hatte er so getan, als suchte er sein Portemonnaie. „Fräulein, lassen Sie den Wagen hier stehen. Nicht wegschieben bitte und vor allen Dingen nicht ausräumen! Ich arbeite hier vorne auf der Baustelle und habe mein Portemonnaie vergessen. Ich hole es eben und bin gleich wieder da, also bitte alles so lassen, wie es ist.“ Mit diesen Worten war er aus dem Laden verschwunden.

Uwe erzählte mir, er habe das schon immer so gemacht, er bezahlte nichts für Lebensmittel. Der Diebstahl wurde ja noch nicht einmal bemerkt, die würden später die Sachen aus dem Einkaufswagen wieder einräumen und fertig war die Kiste.

Wir hatten ein altes Kabelmesser und dieses diente uns als Gabel, Messer und auch Löffel. Als wir uns satt gegessen hatten, sah die ganze Situation schon wieder viel besser aus. Nun brauchten wir noch Geld und andere Dinge wie zum Beispiel einen Rasierer.

Wir fuhren weiter in das nächste Dorf beziehungsweise die nächste Stadt, Uwe suchte nach Straßen- oder Bauarbeitern und machte mit diesen dann das Hütchenspiel. Es ging eine Weile hin und her, und am Ende hatte Uwe 20 DM gewonnen und die Arbeiter waren noch nicht einmal sauer. Wir setzten unseren Weg fort und kamen zu einer Gaststätte, die Uwe für seine weiteren Pläne geeignet erschien. Auch hier ging das Spiel wieder los. Wir brauchten für unsere Getränke nichts zu bezahlen und hatten 20 DM dazugewonnen.

So radelten wir bis zur nächsten Stadt und Uwe sagte: „Warte, ich gehe dort in ein Kaufhaus. Welche Hemden- und Hosengröße hast du?

Ich nannte ihm die Größen und wartete.

Als Uwe wieder herauskam, hatte er eine große Sporttasche bei sich, in der sich aber nur Papier befand. Nachdem das Papier entfernt war, sagte Uwe: „Nun geht es richtig los!“

Ich mache es kurz: Er kam nach und nach mit allem wieder, was wir brauchten, vom Rasierspiegel bis zur Zahnbürste, von der Unterwä-sche über Schuhe und Sportschuhe bis hin zu Strümpfen – einfach alles. In einer stillen Ecke zogen wir uns um, rasierten uns und sahen wieder wie zivilisierte Menschen aus.

Mit dem Fahrrad ging es weiter, und als ich im Vorbeifahren sah, dass eine Frau mit einem Pudel ihren Bungalow verließ, sagte ich zu Uwe: „So, jetzt will ich einmal sehen, ob ich etwas zu unserer Reise beitragen kann.“ Ich ging zu diesem Bungalow, schellte, und als keiner aufmachte, ging ich ums Haus herum und brach die Terrassentür auf. Die Welt war es nicht, was ich mitbrachte aber etwas Bargeld und ein paar Schmuckstücke brachte ich schon mit. Porzellan und Teppiche konnten wir auf unseren Rädern ja kaum transportieren.

Es war aber okay, wir hatten genug zu essen, zu rauchen und zu trinken und zudem Bargeld. So konnten wir jederzeit in eine Pension oder ein Hotel gehen, wenn Gefahr im Verzug wäre.

Unser nächstes Ziel war es, Manfred Fass, meinen altem Kumpel aus der Zeit meiner ersten Erwachsenenstrafe, zu besuchen.

Auf dem Weg dorthin kamen wir durch eine Stadt, in der wir abends an einem Kino vorbeikamen. Die Kasse war nicht besetzt, jedoch sahen wir eine offene Geldkassette, die ein Stück entfernt auf der Theke stand.

„Schnell, wir müssen eine Latte mit einem Nagel finden!“, sagte ich.

Uwe hatte sofort kapiert, was ich meinte. Er suchte links und ich rechts, er fand eine Latte, aber ohne Nagel, ich ein breiteres Brett mit mehreren Nägeln. Mit einem Stein kloppten wir einen der Nägel aus dem Brett und schlugen diesen durch die Latte. Dann angelten wir uns mit der Latte die Geldkassette, entfernten das Kleingeldfach, nahmen die Scheine heraus und türmten erst einmal. Kurz danach kamen wir aber noch einmal zurück, um auch das Hartgeld zu holen, was uns ohne Zwischenfälle gelang.

Wir fuhren mit den Fahrrädern zum Bahnhof und stiegen in den nächsten Zug, der uns zu Manfred bringen sollte.

Am Zielbahnhof angekommen, gab es eine herzliche Begrüßung. Manni freute sich sehr. Er war verheiratet und ich lernte seine Frau kennen. Leider konnten Uwe und ich nicht bei ihnen wohnen, sie hatten nur einen einzigen Raum zum Wohnen, Schlafen und Essen. Allerdings bot sich uns die Chance, im Ort eine Diskothek mit Gaststätte und Bar, in der wir auch wohnen konnten, zu mieten. Und so kam ich mangels Bargeld zu meinem ersten versuchten Banküberfall.

In der Gaststätte gab es ein paar krumme Vögel, von denen wir zwei auswählten: Bubu, den Fahrer, und Paul, den späteren Zinker.

Manni und ich machten uns auf die Suche nach einer geeigneten Bank.

Als so weit alles geplant war, fuhren wir zu viert in einem gestohlenen Mercedes los und gerieten noch fast in Lebensgefahr. Wir überdrehten das Lenkrad, das in den Kurven immer wieder einrastete. Was mich an dem Tag ängstigte, war ein paar Jahre später Grund genug, mich über diese Erinnerung zu amüsieren.

Paul und ich hatten eine Pistole. Uwe sollte über den Tresen springen und die Schubladen oder den Tresor leer räumen. So war unser Plan. Während der Fahrt sagte Uwe: „Das hier schlägt mir auf den Magen, ich muss mal kacken.“ Dann wandte er sich an mich und ergänzte: „Siegfried, komm mal kurz raus.“

Ich folgte ihm und er gestand mir: „Siegfried, ich kann das nicht. Keinen Banküberfall! Du weißt, ich klaue dir alles, was du willst, aber so etwas bringe ich nicht.“

„Okay“, sagte ich, „fahr du zurück und ich regle das.“

Nur noch zu dritt fuhren wir in dem Mercedes weiter. Nach einiger Zeit – wir waren kurz vor der kleinen Stadt, in der sich die Bank befand – zappelte Paul herum und jammerte: „Siggi, lass mich aussteigen! Ich bringe das nicht.“ Er gab mir die Pistole.

Was sollte ich machen. Man kann niemanden zu etwas zwingen, wenn er es nicht will.

Paul stieg aus und so waren wir nur noch zu zweit.

„Gib mir die Knarre, wir versuchen es zu zweit“, erklärte Bubu. „Dann halten wir die offene Tür eben mit einer Latte offen.“

Wir hielten direkt vor der Bank, zogen unsere Strumpfmasken über das Gesicht und betraten die Bank, Bubu vorneweg und ich dahinter. Auf einmal blieb er stehen und drängte mich zurück, und jetzt sah ich auch warum. Im Schalterraum befanden sich bestimmt fünfzehn bis zwanzig Personen. Wir zogen uns zurück ich bin davon überzeugt, dass es nicht einmal bemerkt wurde, was gerade vor sich ging.

Einige Jahre später gewann ich die Erkenntnis, dass es gut ist, wenn viele Personen in der Schalterhalle sind, aber damals waren wir froh, als wir wieder draußen waren.

Der Witz an der Sache war der, dass wir vier bei den späteren Untersuchungen einen reuevollen Rücktritt vor der Tat erhielten, also nicht bestraft wurden. Wir hatten uns zwar mit der Planung und der Vorbereitung der Tat strafbar gemacht, hatten aber noch rechtzeitig einen Rückzieher gemacht. Im Gegensatz zu uns erhielt Manfred für diese nicht stattgefundene Tat ein Jahr Freiheitsstrafe. Er war nicht wie wir einsichtig gewesen, sondern hatte darauf gewartet, dass wir mit dem erbeuteten Geld zurückkommen würden.

Einige Zeit später konnten wir die angebotenen Räumlichkeiten dann doch anmieten und sie wurden unser neues Zuhause. Wir hatten aufgrund einiger erfolgreicher Einbrüche die Mittel zur Verfügung, um den Mietpreis zu begleichen. Zudem bezahlten wir den Besitzer der Diskothek, der auch gleichzeitig Spirituosengroßhändler war, mit alkoholischem Diebesgut.

Uwe hielt sich gern in den oberen Räumen über der Gaststätte auf. Hier wohnte eine Amateurnutte, die wir zur Untermiete mit ins Haus genommen hatten. Sie und Uwe mochten sich sehr, und soweit ich informiert bin, zogen sie später auch zusammen. Uwe hatte noch eine Reststrafe abzusitzen, von neuen Strafen weiß ich nichts. Ich hörte nie wieder von ihm.

Manfred, Paul, Bubu und ich verübten ein paar einträgliche Einbrüche. Spektakulär und medienträchtig waren zwei Schlägereien – eine mit einer Boxstaffel und eine in einem Club sowie eine angebliche Erpressung von Otze. Ich wollte keinen Spektakel, ich war auf der Flucht und wollte so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich.

Otze machte Musik und seine Band trat in unserer Diskothek auf. Interessant war, dass seinem Vater ein Möbelgeschäft gehörte, das auf der anderen Straßenseite, also genau gegenüber vom Club lag. Otze leitete mit einundzwanzig Jahren das Geschäft, war aber eine traurige Wurst, hatte Angst vor Papa, Angst vor uns, eigentlich Angst vor allem.

Zu der Schlägerei mit der Boxstaffel kam es, weil einer eine Flasche Schnaps klauen wollte. Erst wurde diskutiert und dann flogen die Fäuste, auf jeden Fall machten wir sie fertig, und ehe die Polizei da war, war ich auf dem Speicher verschwunden.

Von dem Tag an hatte ich meinen Ruf weg, ich war der große Hinlanger und mit der Zeit wurden es immer mehr Leute, die ich umgehauen hatte.

So kam es zu der Schlägerei in dem Club: Bubu hielt sich dort gerade mit einem Freund auf und geriet mit einem Gast in Streit. Er bekam etwas auf die Glocke und rief uns an. Zu viert eilten wir dorthin, stießen die Tür auf und ich sah etwa zehn Paare an den Tischen, vier Männer und zwei Frauen an der Theke. Bubu war, nachdem er draußen auf uns gewartet hatte, mit reingekommen und ich fragte ihn: „Wer war es?“

„Der da“, antwortete er und deutete auf einen der Männer, die an der Theke saßen.

Ich ging auf den Mann zu, schlug ihn vom Hocker und riss diesen mit aller Gewalt aus seiner Verankerung. Dann ließ ich folgenden Spruch los: „Die Damen treten links raus und die anderen machen sich fertig zum Sterben.“ Zwei Mann versuchten sich zu wehren, aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Wir waren auch ruck, zuck wieder weg, jedoch kam später alles ans Tageslicht, weil Paul und Otze uns verpfiffen hatten.

Danach kam es noch zu einem Wildwest-Szenario in der Stadtmitte. Manfred und ich waren im Studio Cabaret. Eine Bardame bat uns, sie vor einem Zuhälter zu beschützen. Wir entschieden uns, der Frau zu helfen. Danach riefen wir ein Taxi, um nach Hause zu fahren. Das Taxi hielt an einer Ampel und da kam eine Frau auf uns zugelaufen. „Helfen Sie mir!“, rief sie. „Bitte helfen Sie mir!“

Ich sprang auf, zog sie zu mir heran und schob sie in das Taxi. Dann sah ich sechs Typen auf uns zukommen – Monsterbaby vorneweg. Manfred stieg ebenfalls aus, zog seine 7,65er Automatik und schlug damit dem Ochsensepp mit voller Kraft auf die Stirn. Jeder normale Mensch wäre sofort umgefallen. Und was tat dieses Urvieh? Es schüttelt sich und kam uns noch ein paar Schritte näher. Nun wurde es Zeit, dass ich meinen Trommelrevolver herausholte. Ich schoss auf eine Häuserwand, und erst, als dort der Putz von der Wand spritzte, blieb dieser Mann stehen. Ich habe schon einige Monster gesehen, aber das war mit Abstand der dickste Brocken.

Die Zeitungen waren anschließend voll von dieser Wildwest-Geschichte.

Wir hatten, wie schon erwähnt, der Bardame Schutz versprochen und suchten deshalb nach diesem Zuhälter, sein Name war Dieter. Gegen vier Uhr trafen wir ihn in einem Lokal beim Großmarkt. Dieses hatte zweiundzwanzig Stunden am Tag geöffnet. Hier traf sich alles, wenn die Bars, Gaststätten und Clubs dichtmachten.

Manfred und Dieter beäugten sich und der Respekt voreinander war so groß, dass sie auf eine Auseinandersetzung verzichteten, keiner von beiden wollte am Ende der Verlierer sein.

Dieter war in Begleitung. Sein Freund, ein Zweimetermann mit den entsprechenden Proportionen, steigerte sich immer weiter in seine Begeisterung für mich hinein. Neben ihm wirkte ich mit meinen 172 Zentimetern sehr klein. Auf jeden Fall hatte ich die Nase voll von ihm. Er klopfte mir dauernd auf die Schulter und das nervte mich.

„Hör auf mit diesem Mist!“, pflaumte ich ihn an.

Daraufhin griff er mich an.

Ich entfernte mich von der Theke, zog meinen Trommelrevolver und schoss auf die Fußballfähnchen, die an der Wand hingen. Von dem Moment an herrschte Ruhe. Ich trat die Flucht an und nahm Manfred, der noch immer draußen debattierte, mit.

Otze hatte uns zwischenzeitlich mit neuen Gardinen, neuen Mö-beln und Teppichen versorgt. Geld bekam er dafür von uns nicht. Er durfte sich ab und zu mit unserer Amateurnutte vergnügen, und selbst diese bezahlte er noch.

Bevor die ganze Chose hochging, geschahen noch einige Episödchen:

Im „Pik As“ lernte Manfred auch seine spätere Frau kennen. Er war zwar noch mit Uschi verheiratet, aber sie hatten sich nichts mehr zu sagen.

Es spielte sich folgendermaßen ab.

Unsere Disko, damals Kneipe, Bar und Tanzschuppen – montags, freitags, samstags und sonntags mit Otzes Band –, lag im Ruhrgebiet an der Stadtgrenze einer der vielen Städte. Nicht weit von unserer Diskothek gab es Grünflächen, Parkanlagen und auch eine Trabrennbahn und an einem Wochenende kamen ein paar Damen zu uns, wie man sie aus den Filmen aus England kennt, wenn ein Bericht über Ascott gebracht wird: große Hüte, Handtaschen verschiedenster Couleur, einfach ein Hauch englischer Rennatmosphäre, der in unser nicht berühmtes, aber berüchtigtes Lokal einkehrte. Die Damen hatten ihre eigenen Pferde am Start und an diesem Abend konnten ein paar Siege gefeiert werden.

Über der Theke hingen einige Fotos von Manfred und mir, unter die wir ein paar passende Unterschriften gesetzt hatten. Die Fotos zeigten Posen, wie sie beim Bodybuilding üblich sind.

Einige der Damen bekundeten mehr als nur Interesse, aber ich war damals mit Marion liiert, während Manfred mit Uschi schon auseinander war, obwohl sie noch zusammenlebten.

Es war schon spät und die Tanzfläche war leer, als ich am Diskopult eine Bewegung sah. Ich ging leise darauf zu und sah Manfred breitbeinig dastehen, während die feine Dame aus dem Sauerland auf den Knien vor ihn hockte und ihm einen blies, dass ihm Hörner wuchsen. Sie waren beide so vertieft in ihr Geschäft, dass sie um sich herum gar nichts bemerkten.

Manfred heiratete diese Dame später, dies war nach der Haftzeit, die wir wegen Körperverletzung und verschiedener Einbrüche erhielten. Sie besuchte ihn während der Haft und sorgte dafür, dass er Bewährung bekam, denn mit ihr war sein soziales Umfeld in Ordnung. Er zog zu ihr ins Sauerland und fuhr zwei Jahre später mit ihrem Mercedes vor den Pfeiler einer Autobahnbrücke. Wahrscheinlich hatte er, weil er abgelenkt war, das Steuer verrissen, denn neben ihm saß ein Stricher, der ihn während der Fahrt oral befriedigt hatte. Niemand konnte sagen, was genau passiert war. Nur ein besonders delikates Detail wurde aktenkundig, weil dieser Typ mit seinem Kopf in Manfreds Schoß gefunden wurde, Manfreds Penis im Mund ... Wie wir erfuhren, hatte der Stricher wohl beim Aufprall kräftig zugebissen.

In den siebziger Jahren kamen Hotdogs groß in Mode. Ein Vertreter einer Firma, die ein Gerät für die Zubereitung von Hotdogs anbot, kam auch zu uns in die Gaststätte.

„Prima“, meinte ich, „immer her damit!“

Wir bekamen hundert Würstchen, Brötchen, all die Dinge, die dazugehörten. Der Verkaufspreis lag bei 2 DM bei einem Einkaufspreis von 1,10 DM. Wenn wir gut verkauften, bekämen wir einen noch günstigeren Einkaufspreis. Für unsere Belegschaft bekamen wir zusätzlich fünf Würstchen zum Probieren. Sie schmeckten uns sehr gut, so dass wir sie weiterhin regelmäßig probierten, und zwar so lange, bis keine mehr da waren. Von den hundert Würstchen verkauften wir nur ein einziges.

Vier Wochen später kam der Vertreter wieder. Ich gab ihm 1,10 DM mit der Bemerkung: „Leider haben wir nur ein Würstchen verkauft. Die anderen haben wir gegessen, weil sie uns einfach zu gut geschmeckt haben.“

Wir wollten auch keine neuen Würstchen mehr bestellen, denn wir würden sie sowieso nicht verkaufen, sondern selbst essen.

Die von uns verspeisten Würstchen haben wir natürlich nicht bezahlt.

Ein anderer Vorfall, der mich heute noch betrübt, war Folgender: Ich stand hinter der Theke und es waren nur wenige Gäste im Lokal. Einer von ihnen ging zur Toilette. Auf einmal höre ich hinten von der Bar ein Geräusch und ich sah einen jungen Mann, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, der in Uschis Handtasche kramte. Ich sprang über die Theke und verpasste ihm links und rechts eine Ohrfeige. Doch der Junge war kräftig und es entwickelte sich eine Schlägerei. Dabei wurde es so laut, dass Manni es oben hörte und herunterkam, um nachzusehen, was los war. Der Bursche war schlau. Er schmiss sich auf den Boden und blieb dort liegen. Mittlerweile hatte einer der Gäste die Polizei gerufen. Dann kam auch Uschi von oben. Als sie hörte, dass der Mann an ihrer Handtasche gewesen war, griff sie sich den Totschläger, der in einer Schublade deponiert war, und schlug damit auf dem am Boden Liegenden ein. Ich musste zusehen, dass ich wegkam, weil ich ja immer noch auf der Flucht war. Bevor ich verschwand, nahm ich Uschi den Totschläger weg und legte ihn in die Schublade zurück. Manni stand dabei und sagte nichts.

Ich hatte mittlerweile ein Verhältnis mit Uschi angefangen. Deswegen mischte sich auch niemand ein, wenn ich ihr etwas sagte oder ihr die Leviten las.

Uschi holte sich den Totschläger wieder aus der Schublade, schlug wie von Sinnen auf den Mann am Boden ein und richtete ihn übel zu. Ich sah später die Fotos. Das Traurige an der Geschichte war, dass der Mann erst zwei Tage vorher aus der Haft entlassen worden war. Er hatte zwei Jahre wegen Diebstahls abgesessen. Wenn ich das gewusst hätte, wäre der Mann nie der Polizei übergeben worden. Aber auch so hätte man dies verhindern müssen, weil der Dieb von Uschi so sehr mit dem Totschläger misshandelt worden war, dass es auf den Fotos schon nicht mehr anzusehen war. Manfred hätte das alles verhindern können, doch er war unbeteiligt geblieben. Daher gab es einen kleinen Bruch in unserer Freundschaft. Vielleicht lag das aber auch daran, dass es ihn störte, dass ich mit Uschi zusammen war, obwohl sie schon längst kein Paar mehr waren.

Der Mann wurde wegen Diebstahls zu acht Monaten ohne Bewährung verurteilt. Er hatte aus Uschis Handtasche nichts weiter als ein Feuerzeug mitgenommen. Geld hatte er nicht finden können. Was für ein trauriges Schicksal: Er war gerade zwei Tage aus dem Gefängnis, bekam dann die fürchterlichen Schläge mit dem Totschläger, woraufhin er mit Blessuren im Krankenhaus lag, und schließlich acht Monate Gefängnis – wegen nichts! Der Mann war bedient für alle Zeiten, zumindest wäre es mir in seinem Falle so ergangen. Traurig, äußerst traurig.

Wie bereits erwähnt, war ich in dieser Zeit mit Marion liiert. Weil Marions Vater Polizist war und mich nicht mochte, gingen wir zu einer von Marions Freundinnen, die ebenfalls Marion hieß. Mit der hatte ich einmal Sex, während die Mutter total betrunken neben uns lag. Diese hätte das auch nie wissen dürfen. Die Mutter war sehr nett, sie hieß Anna und hatte ein riesengroßes Herz. Wenn sie noch einen Heiermann hatte und man hatte kein Geld mehr, bekam man 2,50 DM, allerdings auch nur, wenn sie einen mochte. Und mich mochte sie sehr.

Anna hatte schon zwei Ehemänner unter die Erde gebracht, zwei Steiger, und bezog eine stattliche Rente. Sie hatte sieben Kinder zu versorgen und einen Mann, mit dem sie zusammenlebte. Dieser leistete seinen finanziellen Beitrag und doch war nie Geld im Haus, ab Mitte des Monats wurde es fast immer knapp.

Ich hatte bei Anna einen geklauten VW stehen, den ich mehr als sechs Monate fuhr. Wenn ich mit diesem unterwegs war, brachte ich Anna meistens etwas mit. Einmal brach ich in einem Konsum ein, wo ich zunächst nach Geld suchte. Ich hatte eine gute Nase und meistens fand ich auch, wonach ich suchte. Hier war jedoch kein Geld zu finden. Also packte ich jede Menge Lebensmittel ein. Ich nahm alles: Eier, Brot, Käse, Kaffee für mich und für Anna, und da Annas Kinder gern Obst aßen – ich selbst übrigens auch – nahm ich noch Äpfel, Apfelsinen, Bananen und anderes Obst mit, und siehe da, unter den Apfelsinen versteckt fand ich die Tageseinnahmen in einer Papiertüte. Ich muss dazu sagen, dass solche Verstecke die besten sind. Einmal fand ich Geld im Gemüsefach eines Kühlschranks, ein anderes Mal war ein kleiner Tresor als Salatkopf getarnt und lag zwischen anderen Salatköpfen und Wirsing im Gemüsefach – es gab nichts, was es nicht gab. Auf jeden Fall waren diese Verstecke besser als kleine Schrank- oder Wandtresore. Das nur nebenbei.

Natürlich nahm ich auch Alkoholisches und Zigaretten mit. Diese Dinge verbrauchten wir in unserer Gaststätte. Bei Anna wurde immer nur Bier getrunken. Ich vertrug nicht viel, obwohl ich reichlich becherte. Wenn ich zu Anna ging, nahm ich mindestens einen Kasten Bier mit und ein paar kleine Schachteln Underberg.

Anna hatte einen kleinen Pudel, einen „Fotzenlecker“ vom Allerfeinsten. Anna stritt es immer ab, doch eine merkwürdige Situation brachte mich dazu, so etwas zu vermuten. Überhaupt erlebte ich mit Anna viele komische Situationen, dass ich vor Lachen fast gestorben wäre.

Eines Sonntags gingen Marion und ich zu Anna. Wir nahmen die üblichen Getränke mit. Anna sagte dann, wie immer, aber wirklich wie immer: „Nein, letztes Mal war es zu viel! Nun gut, eine Flasche werden wir miteinander trinken, aber zuerst einen Underberg.“ Und dann ging es los. Es waren auch immer jede Menge Leute bei Anna, die sich gern zum Mittrinken einladen ließen. Ich hatte an diesem Tage Marion gut befingert und ihr einige Höhepunkte beschert. Meine Finger rochen dementsprechend. Auf einmal hieß es nur noch: „Hinsetzen, Bonanza kommt!“ Wir setzten uns alle auf die Couch und schauen Bonanza. Auf einmal fing das Bild an zu flackern. Anna schrie: „Halt die Antenne ruhig, sonst gibt’s was zwischen die Ohren.“ Es war so, dass die Antenne auf dem Dach kaputt war und bei Filmen, die Anna interessierten, eines der Kinder raus musste, um die Antenne auf einer bestimmten Höhe zu halten, damit das Bild nicht lief.

Ich war total verdattert und fragte: „Warum kaufst du dir kein vernünftiges Fernsehgerät?“

„Wieso?“, fragte Anna. „Das Gerät ist doch gut.“

Bonanza war zu Ende und das Fernsehgerät wurde ausgeschaltet.

Anna holte ein Radio, doch es spielte nicht. Wir reichten es von einem zum anderen. Jeder fummelte daran herum, aber nichts passierte. In der Zwischenzeit war auch der Pudel wieder da, er war zwischenzeitlich mit Annas Lebensgefährten Gassi gegangen. Wir machten unsere Witze über das Radio und Anna wurde sauer. Sie nahm das Radio an sich und warf es in Ecke des Zimmers. Und was passierte? Es fing tatsächlich an zu spielen! Ich musste so lachen, dass ich von der Couch fiel und nicht mehr aufstehen konnte. Ich wäre vor Lachen fast erstickt. Zum Glück kamen mir die beiden Marions zu Hilfe und klopften mir auf den Rücken. Langsam bekam ich wieder Luft.

Doch mir blieb nicht viel Zeit, mich zu erholen, denn nun kam der Pudel und schnüffelte an mir herum. Als er meine Hand erreichte, war es um ihn geschehen. Er leckte und schleckte erst meine Finger und dann die ganze Hand ab. Egal wohin ich die Hand auch hielt, er ließ keine Ruhe und gebärdete sich wie verrückt. Und wieder musste ich so lachen, dass mir bald der Kopf platzte. Niemand kannte den Grund für meinen Lachanfall. Beim Radio war es noch allen klar gewesen, aber jetzt ...

Ich weihte nur Marion ein, die ganz verlegen wurde. Dann verriet ich auch Anna, warum ich so hatte lachen müssen. Doch sie stritt ab, dass ihr Pudel auf diesen Geruch scharf war. Ein anderes Mal, als sie etwas stärker alkoholisiert war, deutete sie allerdings etwas in der Richtung an, nein, sie gab es zu.

Das schärfste Ding passierte etwa vierzehn Tage später, ebenfalls bei Anna. Wir saßen wieder alle auf ihrer Couch oder im Sessel und tranken. Ich frage Anna: „Wo ist denn dein Lebensabschnittspartner?“

Sie deutete gegenüber auf die Tür, hinter der sich, wie ich wusste, ihr Schlafzimmer befand. „Der pennt bestimmt noch. Wir haben gestern einen über den Durst getrunken.“ Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete diese. Direkt hinter der Tür stand ihr Lebensabschnittspartner in einem kurzen Unterhemdchen, unter dem sein dicker Bauch und ein kleiner Pipimann hervorlugten. Pipimann deswegen, weil mir das Geschlechtsteil so vorkam wie bei einem Jungen von acht bis zehn Jahren. Er sah uns, merkte, dass wir von dem Anblick alle wie erstarrt waren, wusste, dass gleich das große Gelächter losgehen würde, und ließ erkennen, dass er sich am liebsten ganz schnell verstecken würde. Anstatt die Tür zu schließen, drehte er sich um und steckte seinen Kopf unter die Bettdecke. Nun präsentierte er uns sein imposantes Hinterteil mit diesem kleinen Beutelchen und dem Zipfelchen. Und wieder fiel ich vor Lachen von der Couch. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen.

Ich ging dann eine ganze Weile nicht mehr hin, um diesen Mann nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen.

Zwischenzeitlich wohnte ich bei Uschi und fuhr nur noch gelegentlich zu Marion. Ich tätowierte Uschi meine Anfangsbuchstaben auf den Po – auf die eine Pobacke ein großes S und auf die andere ein großes M. Die Tusche hatte ich selbst aus verbrannter Gummisohle und Urin hergestellt. Die Tätowiernadel hatte ich aus drei Nähnadeln gefertigt, in ihrer Mitte befand sich ein Streichholz. Mit Nähgarn hatte ich die Nadeln an dem Streichholz festgebunden. Und es waren dicke, fette Buchstaben, die ich mit dieser Konstruktion zustande brachte!

Von Uschi erhielt ich ein Handgelenkkettchen aus 750er Gold. Als sie es mir schenkte, sagte sie: „Achte gut darauf. Es ist ein Zeichen meiner Liebe.“

Doch ich verlor das Kettchen, und das kam so:

Ich fuhr zwischendurch immer mal wieder zu Marion oder zu Anna, einfach nur, um Spaß zu haben und zu lachen. Eines Abends war es wieder mal sehr lustig und launig gewesen. Ich hatte darüber die Zeit vergessen und dass ich ja eigentlich mit Uschi noch wegwollte. Als mir die Verabredung wieder einfiel, versuchte ich mir ein Taxi zu bestellen, doch es kam keins! Mir wurden Wartezeiten von einer Stunde und mehr vorausgesagt. So ging ich raus und begab mich zur nächsten Kneipe. Diese hatte aber schon geschlossen, obwohl noch Gäste in der Gaststube waren. Die Eingangstür hatte sehr schöne bunte Butzenscheiben und ich zögerte nicht lange, sondern haute die Faust durch die Scheibe, drehte von innen den Schlüssel um, öffne die Tür, betrat die Kneipe, bestellte ein Bier und sagte: „Rufen Sie mir ein Taxi, aber sofort!“

Beim Einschlagen der Scheibe hatte ich mir den Mittelfinger verletzt. Es blutete, als ob ich ein Schwein abgestochen hätte. Weil ich aber ziemlich besäuselt und mit Adrenalin vollgepumpt war, bemerkte ich es gar nicht. Ich fuchtelte weiter mit meiner Hand herum und verteilte auf diese Art mein Blut gleichmäßig in der Gaststätte.

Der Wirt schrie vor lauter Wut: „Du wirst die Scheibe bezahlen!“

Ein anderer rief: „Der sieht aus wie ein Schwuler.“

Ich hatte damals lange, blond gefärbte Haare. Ob diese Tatsache ihn zu der Äußerung verleitet hatte? Dieser Mann bekam als Erster eine aufs Haupt. Danach saß er auf dem Boden und sagte kein Wort mehr. Der Nächste, der sich meldete, weil er meinte, er hätte etwas zu sagen, bekam ein paar Ohrlaschen. Danach war endlich Ruhe.

Als ich mitbekam, dass der Wirt telefonierte, hörte ich so etwas wie: „Randaliert hier ... Gäste geschlagen ... Einrichtung zerstört ...“ Ich nahm die Beine in die Hand und verschwand so schnell, wie ich gekommen war. Ich folgte der Straße und nach einer Weile kam ich zu einem Bahnübergang. Die Schranke war unten. Kurze Zeit später kam ein VW angefahren und hielt vor der Schranke. Ich zögerte nicht lange, lief zu dem Auto, riss die Tür auf, setzte mich auf den Beifahrersitz und befahl: „Fahr mich zu meiner Frau!“ Daraufhin nannte ich ihm die Adresse und ergänzte: „Aber sofort!“

Der Mann sagte kein Wort. Er brachte mich ohne zu murren zur angegebenen Adresse. Dort gab ich ihm einen Heiermann und sagte: „Für die Reinigung.“ Dann ging ich ins Haus.

Oben bei Uschi merkte ich, dass mein Goldkettchen weg war. Leider bemerkte Uschi es auch. Als ich sie dann auch noch Marion nannte, war dieser Abend gelaufen und es gab richtig Ärger. Wir blieben zwar noch etliche Monate zusammen, auch die ersten drei Monate meiner Haftzeit schrieb sie noch regelmäßig und besuchte mich. Aber dann, nach weiteren drei Monaten, lernte sie einen amerikanischen Soldaten kennen und ging mit ihm in die USA. Nichts war mehr mit ihrem „geliebten Tarzan“. So hatte sie mich immer in ihren Briefen genannt.

Zu der Zeit, als mit Uschi noch alles im Lot war, verbrachten wir bis zu meiner Verhaftung turbulente Tage zusammen und fochten so manches Kämpfchen aus. Sie schien es zu mögen, wenn ich unangenehm auffiel.

Eines Abends saßen wir in einem Restaurant. Wir hatten Essen bestellt und tranken einen Aperitif. Uschi sagte auf einmal: „Siegfried, siehst du nicht, wie der Geschäftsführer guckt?“

Ich sagte: „Lass ihn doch gucken! Du siehst gut aus, also lass ihn gucken.“

„Aber er hat dem Kellner etwas ins Ohr geflüstert!“

„Ja, und? Was ist eigentlich dein Problem, Uschi?“

So ging das eine ganze Weile, bis ich mich einige Male nach dem Geschäftsführer umdrehte. Er bemerkte es, kam nach einiger Zeit zu uns an den Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei, weil wir doch immer zu ihm geschaut hätten.

Ich sagte: „Schauen Sie meine Gattin nicht so herablassend an!“

Worauf er entrüstet entgegnete: „Ich schaue Ihre Gattin nicht an.“

Ich dann wieder: „Ist sie es nicht wert, dass man sie anschaut?“

Er: „So habe ich das nicht gemeint.“

„Ja, wie haben Sie es denn gemeint?“ Ich verwirrte ihn total. Er fing an zu haspeln und zu stottern, woraufhin ich sagte: „Verpiss dich! Noch einmal glotzen und es setzt was.“

„Was erlauben Sie sich?“, regte er sich auf.

So ging es eine Weile weiter. Das Wortgefecht endete damit, dass er eine Ohrfeige kassierte und Uschi und ich, ohne gespeist zu haben, von dannen zogen. Immer Theater, immer Aktion.

Geschlechtsverkehr während einer Zugfahrt? Mit Uschi kein Problem. Auf meinem Schoß sitzend, einen langen Rock, der alles verdeckte, mein Lümmel in ihrer Dose und der Schaffner kontrollierte die Fahrkarten. Das machte sie richtig heiß.

In einem Nobelrestaurant in der City nebeneinander auf einer gepolsterten Bank sitzend, ihre Hand, von einer langen Tischdecke verdeckt, in meiner Hose, während ich sie mit dem Finger zum Orgasmus brachte. Und dann so stöhnen, dass alle Anwesenden aufmerksam wurden. Nun noch schnell das Sperma von den Fingern wischen – das war Uschi! Manchmal war es schön mit ihr, manchmal auch aufregend, aber meistens anstrengend und sehr, sehr stressig.

Ich wurde nach meiner Flucht aus Oberems ja immer noch gesucht, aber nun ermittelte die Kripo auch noch wegen verschiedener Einbrüche und es gelang ihnen, meinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.

Die Polizei – meistens kamen die Grünen – kam immer wieder mal bei Uschi vorbei und suchte nach mir, aber ich hatte ein gutes Versteck, und zwar in der Couch. Man konnte sie hochklappen und sah mich trotzdem nicht, denn sie war breit, und wenn ich bis zur anderen Couchwand durchrutschte und Uschi einige Wäschestücke hinter mich legte, konnten man mich nicht sehen.

Uschi hatte nur ein Zimmer in dem Häuschen, und dieses war direkt an einem Fußballplatz gelegen. Weil sonntags immer Fußballspiele stattfanden, zogen wir es an diesen Tagen meist vor, das Haus zu verlassen.

Vom Fenster aus konnten wir ganz gut sehen, wer das Haus betrat. Einmal kam die Polizei, schellte und ich versteckte mich in der Couch. Meine Schuhe hatte ich aber neben dem Sessel stehen lassen und zwei Kaffeegedecke standen auf dem Tisch. Die Bullen kamen zu zweit – sie kamen grundsätzlich mindestens zu zweit – und einer nahm im Sessel Platz. Der andere schaute in den Schrank und vermutete, nachdem er darin nichts gefunden hatte: „Dann liegt er wohl in der Couch.“

„Sicher liegt er da“, sagte Uschi. „Ihr müsst nur nachschauen.“

Einer der Polizisten forderte sie auf: „Du sagst uns Bescheid, wenn er auftaucht, nicht wahr?“

„Sicher“, bestätigte Uschi. „Sicher sage ich euch Bescheid.“

Situationen wie diese wiederholten sich oft und manchmal fragte ich mich, nach welchen Kriterien man bei der Polizei und auch bei der Justiz eingestellt wurde. Bei der Justiz weiß ich es mittlerweile. Wer das erfährt, fällt vom Glauben ab! Aber das ist jetzt nicht das Thema, ich schweife wieder ab. Aber es gibt so vieles, über das ich berichten muss, dass die Erinnerungen nur so hervorsprudeln.

Nun aber wieder zurück zu Uschi.

Wie bereits erwähnt, fuhren wir sonntags meistens zu meiner Mutter. Ich hatte dort noch immer ein Zimmer, aber aus Platzgründen wohnte während meiner Abwesenheit mein älterer Bruder Heinz oder mein jüngerer Bruder Helmut darin. Wenn Uschi und ich kamen, schliefen wir im Wohnzimmer oder einer meiner Brüder schlief dort und wir in meinem Zimmer.

Meine Mutter mochte Uschi nicht und auch Marion wurde von ihr nur geduldet. Meine Mutter mochte überhaupt keine der Frauen, die ich ihr vorstellte. Immer hatte sie etwas zu mäkeln.

Eines Tages saßen wir gemeinsam im Wohnzimmer und aßen ein Stück Kuchen, den ich wie immer, wenn wir meine Mutter besuchten, mitgebracht hatte. Da sagte meine Mutter wie aus heiterem Himmel: „Die mit den langen blonden Haaren war hier und hat gesagt, dass sie ein Kind von dir bekommt. Sie hatte auch schon ein dementsprechendes Bäuchlein.“

Und schon ging das Gekeife los. „Woher weiß die Chinesin, wo deine Mutter wohnt?“ Marion hatte leicht verengte, schräg gestellte Augen, was ihr einen chinesischen Ausdruck verlieh. „Du warst bestimmt schon mit ihr hier. Du betrügst mich!“

Ich wusste aus Erfahrung, dass jedes Wort der Verteidigung bei Uschi nur noch mehr Theater hervorrief. So entgegnete ich: „Komm mit.“

Wir gingen in mein Zimmer. Dort wurde gerangelt und es gab einige leichte Hiebe. Das Ganze endete damit, das Uschi und ich im Bett lagen und eine Nummer schoben.

Im Übrigen stellte sich heraus, dass Marion in die Trickkiste gegriffen und sich ein Kissen untergeschoben hatte, als sie meiner Mutter von ihrer Schwangerschaft vorgelogen hatte. Auf diesem Weg wollte sie mich zurückgewinnen.

Bei meiner Mutter hatte ich auf dem Kleiderschrank einen gepackten Koffer liegen, in den ich von der Zahnbürste bis hin zu Schuhen und Mantel alles eingepackt hatte, was ich für eine eventuelle Flucht brauchte. Ein aufgebohrter Trommelrevolver befand sich auch darin.

Eines Sonntags ging ich mit Uschi zum Tanzen. Die Stimmung war großartig. Uschi zog ihre Stöckelschuhe aus, wir beide tanzten und die Leute standen im Kreis um uns herum und klatschten. Uschis Dekolleté rutschte immer tiefer – sie hatte „Mördertitten“, das muss ich einfach sagen – und die Leute feuerten sie an. Sie war einfach nur noch glücklich und ich war zufrieden. Gegen vier Uhr am Morgen fuhren wir zu meiner Mutter, hatten guten Sex und schliefen entspannt ein. Auf einmal wurde ich unsanft geweckt. Fünf Polizisten standen in dem kleinen Zimmer, zwei von ihnen mit gezogener Pistole.

Insgesamt waren sie mit neun Polizisten angerückt, zwei befanden sich in der Küche und zwei warteten draußen vor der Treppe mit zwei Schäferhunden.

Uschi und ich lagen nackt im Bett. Zwei Polizisten rissen uns die Bettdecke weg und legten mir Handschellen an. Als dies erledigt war, konnten sich die Beamten angenehmeren Dingen zuwenden. Uschi und ich wurden eingehend ge- und bemustert. Uschi schien ihnen zu gefallen.

„Deck dich zu!“, rief ich ihr zu. „Denn Gucken kostet Geld.“

Sie zog die Decke über ihren Körper, als einer der Polizisten befahl: „Stehen Sie auf! Wo ist die Waffe?“

Uschi schaute ganz verdattert. „Was für eine Waffe?“, fragte sie. Dabei zog sie sich an, während ich noch immer nackt und mit auf dem Rücken gefesselten Händen mitten im Raum stand.

„Gebt mir meine Sachen“, bat ich. „Ich will mich anziehen.“

Die Handschellen wurden geöffnet und vorne wieder geschlossen. Jetzt konnte ich mir Unterhose, Hose und Strümpfe anziehen. Um mein Hemd, die Weste und das Jackett anzuziehen, wurde zunächst eine Hand von den Handschellen befreit, ich zog mich ein Stück weiter an, die Handschellen wurden wieder geschlossen, und dann vollzog sich das gleiche Prozedere mit der anderen Hand. So ging es hin und her, bis ich vollständig bekleidet war.

Ich wurde langsam sauer, zumal ich mitbekam, wie die Bullen sich gegenseitig beglückwünschten, als ob sie ein gefährliches Raubtier erlegt hätten. Als viele Jahre später meine Frau dies zum ersten Mal erlebte, war sie völlig perplex. Als sie mir diesen Sachverhalt später schilderte, sagte sie: „Die haben sich auf die Schulter geklopft und gegenseitig zu ihrem Erfolg gratuliert. Ja, bist du denn ein Raubtier, das man wieder eingefangen hat?“ In dieser Zeit verlor sie das Vertrauen in die Exekutive und hat es bis heute, ebenso wie ich, nicht zurückgewonnen.

Die Situation bei meiner Mutter wurde nun langsam kritisch, denn die Polizisten wollten meine Pistole haben. Sie fragten abwechselnd meine Mutter, Uschi und mich: „Wo ist die Waffe?“

„Was für eine Waffe?“, fragte ich gespielt ahnungslos.

„Wir stellen die Wohnung deiner Mutter total auf den Kopf, wenn du die Waffe nicht herausgibst.“

Bei dieser Streitmacht, mit der sie angerückt waren, war mir klar, dass sie den Worten auch Taten folgen lassen würden, wenn ich nicht mit der Waffe rausrückte. „Okay, ich gehe sie holen“, sagte ich.

Sofort sprang einer der Männer auf mich zu. „Du bleibst hier. Sag uns, wo sie ist, dann holen wir sie selbst.“

„Ich weiß nicht, wo sie ist. Meine Mutter hat den Koffer weggepackt und in ihr Schlafzimmer gehe ich nicht.“

„Nun gut, dann soll deine Mutter den Koffer holen.“

„Ich sagte: „Mutti, holst du bitte den Revolver aus dem Koffer, den ich für mich gepackt habe?!“

Meine Mutter ging durch den Raum. Zwei Polizisten folgten ihr. Als diese allerdings mit ins Schlafzimmer gehen wollten, versperrte meine Mutter ihnen den Weg und sprach: „Von Ihnen kommt mir keiner in mein Schlafzimmer!“ Nach einigem Hin und Her ging meine Mutter allein in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab, während zwei oder drei Polizisten ungeduldig vor der Tür standen und warteten.

Nach einigen Minuten ging die Tür wieder auf und meine Mutter kam mit ausgestrecktem Arm, den Revolver in der Hand, aus dem Schlafzimmer, die Mündung der Pistole auf die Polizisten gerichtet.

Meine Herren, da sah man aber, wie schnell so ein Bulle hüpfen kann!

„Frau Massat, machen Sie keinen Unsinn! Geben Sie uns die Waffe. Machen Sie sich nicht unglücklich“, sagte einer der Männer.

Ich konnte förmlich sehen, wie ihm der Zapfen in die Hose rutschte. Ich bildete mir ein, seinen Angstschweiß riechen zu können.

Meine Mutter schaute den Mann entsetzt an. Sie wusste überhaupt nicht, was er meinte. Sie hielt den Revolver am Griff und wollte ihn nur abgeben.

Endlich merkte dieser Mensch, dass meine Mutter ihn gar nicht bedrohen wollte und riss ihr den Revolver aus der Hand.

So endete meine Flucht und der Abstecher in die Freiheit fand ein jähes Ende. Ich landete wieder im Gefängnis – wo ich nach Meinung des Jugendamtes und der Polizei auch hingehörte.

Ich kam in Haft, und zwar in die mir bestens bekannte Untersuchungshaftanstalt. Mit jeder neuen Verhaftung wurde es schlimmer. Von dort ging es wieder mit dem Transporter Richtung Oberems. In der dortigen Auswahlanstalt holte ich mir meinen Arrest ab.

Der Gefängnisarzt

Von der Auswahlanstalt für die Läger in Oberems (deswegen, weil es noch eine Auswahlanstalt in Hagen – früher Duisburg-Hamborn – gibt, wo alle Gefangenen hinkommen, die einen deutschen Pass haben und die zu einer Strafe von mehr als zwei Jahren verurteilt worden sind) wurde ich in einen alten Gefängnisbau ganz im Westen unserer Republik verbracht. In diesen Altbau kam ich auch nach meiner letzten Verhaftung, als ich mich mit der verhaftenden Polizei prügelte. Dies war am 30. Dezember 2002, ein Tag vor Silvester.

Es war derselbe Bau wie früher, nur die Kübel waren weg. Es war eine einzige Katastrophe. Dort rettete mich nur der Arzt. Ich weiß heute gar nicht mehr, wie er hieß, nur an seinen Gefängnisnamen erinnere ich mich. Unter den Gefangenen wurde er „Luftschlange“ genannt. Er hatte für die meisten von uns immer denselben Spruch parat: „Was haben Sie? Magenschmerzen? Hat meine Frau auch. Drei Gelonida. Der Nächste! Was haben Sie? Kopfschmerzen? Hat meine Frau auch. Drei Gelonida.“ So ging es in fast jeder Sprechstunde zu. Wenn jemand allerdings ernsthaft krank war, wurde ihm auch geholfen.

Ich bekam eine große Einzelzelle, es gab fließendes Wasser, aber keine Toilette. Jedem Morgen musste der Kübel geleert werden.

Zur Zugangsuntersuchung wurde ich dem Arzt vorgeführt. In der Regel war bei jeder Untersuchung auch ein Sanitätsbeamter anwesend, so auch hier. „Sind sie gesund?“ Er schaute in meine Krankenakte. „Aha, Sie waren in Oberems, dann sind Sie ja topfit.“

„Ja, ja“, sagte ich, „topfit.“

Dies war meine erste Begegnung mit dem Gefängnisarzt.

Ich wurde zur Zellenarbeit für eine Firma eingeteilt, die Nadeln und andere Kleinteile verpackte. Das bedeutete, ich hatte täglich nur eine Stunde Freigang auf dem Hof, ansonsten war morgens und abends Kübeln angesagt, da ging ich gerade mal dreißig Meter über den Flur bis hin zur Spülzelle und zurück. Arbeiten und Schlafen, mehr gab es zu der Zeit für mich nicht. Ich empfand das als eine absolute Katastrophe. Ich kann mich zwar sehr gut mit mir selbst, mit Büchern oder irgendwelchen anderen Arbeiten beschäftigen, aber ich bin auch ein Mensch, der viel Sport treibt und gern an der frischen Luft ist.

Meine Zelle war verhältnismäßig groß, etwas größer sogar als eine normale Einzelzelle. Ich konnte dort zumindest ein paar sportliche Übungen machen.

Die Arbeit war Mist, ich musste Druckknöpfe zusammenfügen, Sicherheitsnadeln und Nähnadeln packen oder sortieren, alles in allem ein stupider Arbeitsvorgang. Der einzige Vorteil war, ich konnte meinen Gedanken nachhängen.

Im Sommer trug ich beim Kübeln oder Essenfassen nur ein Unterhemd. So konnten die Mitgefangenen sehen, dass ich sehr gut trainiert war. Über den Sport fand ich sehr schnell Kontakt zu anderen Inhaftierten. Wir fachsimpelten über Liegestütze und Ähnliches. Manch einem gefiel es mit Sicherheit nicht, dass ich auf einmal so interessiert gefragt wurde, während das allgemeine Interesse für denjenigen nachließ.

Einer von ihnen wollte sich wohl unbedingt an mir reiben. Es begann harmlos mit der Frage: „Wie viele Liegestütze machst du?“

Ich antwortete: „Korrekte, also runter mit der Brust bis auf den Boden und die Arme gestreckt schaffe ich hundertzwanzig Liegestütze.“

Abends nach Einschluss ging es los. Es wurde von Tür zu Tür geschrien: „Du spinnst! Das schaffst du niemals!“

Wegen dieser Geschichte bekamen wir uns so in die Haare, dass dieser Mithäftling mich, während wir zur Freistunde ausrückten, schlagen wollte. Es kam aber nicht dazu, denn ich war schneller. Ich versetzte ihm einen Faustschlag aufs Auge und erwischte auch seine Nase. Er blutete, und als er sich die Nase putzte, konnte ich anschließend sehen, wie sich sein Auge schloss. Ich erhielt sieben Tage Arrest, während er ohne Strafe davonkam. Und das, obwohl der Streit von ihm ausgegangen war.

Wer sich in Arrest befand, wurde in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen vom Arzt aufgesucht. Während meines Arrests fragte mich der Arzt, wie es mir ginge, ob ich gesund sei – das Übliche eben. Dabei kamen wir ins Erzählen.

Nach sieben Tagen kam ich wieder in meine Zelle und auf der Abteilung war Ruhe.

Eine Woche später spielte sich Folgendes ab: Nach der Freistunde – es war drückend warm – dreht ich den Wasserhahn auf, stellte mich auf den Stuhl und kletterte in das auf Kipp stehende Oberteil des Fensters. Unten konnte ich das Fenster nicht öffnen, nur oben ließ es sich ein Stück aufklappen. Und dort legte ich mich hinein. Ich trug nur meine Turnhose und mein Körper fing einige Sonnenstrahlen ein. Unten im Hof lief die Nachmittagsfreistunde und es dauerte nicht lange, bis ich im Oberlicht entdeckt wurde. Die Beamten bekamen dies natürlich auch mit, und ruck, zuck standen zwei von ihnen bei mir in der Zelle.

„Was machen Sie da?“

Ich dachte, was das für eine doofe Frage sei, sagte aber: „Ich sonne mich.“

„Aha, und warum läuft das Wasser?“, wurde ich gefragt.

„Nun“, antwortete ich, „wenn ich die Augen zumache, in der Sonne liege und das Wasser plätschern höre, dann denke ich, ich liege in Spanien am Strand.“

Jetzt wurden die Beamten sauer und unisono hieß es: „Komm da runter, aber etwas zügig!“

Es dauerte wohl alles etwas lange und schon bekam ich wieder eine Meldung, wurde von der Zelle verlegt und erhielt zudem auch noch sieben Tage Arrest.

Zuerst die Verlegung: eine Gittertür, dahinter ein langer Gang auf der einen Seite, große Fenster mit Blick auf den Innenhof. Auf der anderen Seite Türen, die dort, wo sonst der Spion war, ein mit Gitter versperrtes Viereck hatten – circa zwanzig mal zwanzig Zentimeter groß. Hinter der Tür befand sich ein an der Zellenwand befestigtes Bett und auf der anderen Seite ein ebenfalls befestigter Spind. Hinter dem Bett, also an der gegenüber der Tür liegenden Wand, gab es noch einen kleinen Tisch und einen Hocker. Tagsüber waren die Türen zu diesen Hühnerkäfigen offen und ich konnte mich mit den anderen Gefangenen auf dem Gang bewegen. Wir durften dort essen und bis zum Einschluss Schach oder andere Spiele spielen. Für einen Hundezwinger war dieses Räumchen viel zu klein, deswegen nenne ich es Hühnerkäfig. Hier bekam jeder einmal Platzangst, so auch ich. Manches Mal hatte ich das Gefühl, die Wände würden mich erdrücken.

Bevor ich überhaupt ausgeräumt hatte, ging es allerdings wieder ins Loch. Nach drei Tagen besuchte mich der Arzt, mit dem ich ein gutes und langes Gespräch hatte. Er meinte: „Man hätte dich für das, was du getan hast, nicht bestrafen, sondern dich loben sollen, weil du dir einen kleinen Urlaub gönnen wolltest. Und da du nicht rauskannst, hast du dir den Urlaub ins Gefängnis geholt, finde ich gut!“

Er verschrieb mir Milch und Obst und nachdem ich aus dem Arrest kam, zeigte ich ihm, wie ich Liegestütze machte. Er holte mich außerhalb der Sprechzeiten zu sich ins Arztzimmer und ich spielte mit ihm Schach. Beim zweiten Mal untersuchte er mich nach „Sackratten“, also Filzläusen. Dazu zog ich mich nackt aus und meine Geschlechtsteile wurden unter einer starken Lampe einer genauen Untersuchung unterzogen. Dies geschah nur einmal, der Arzt wollte wohl wissen, wie es bei mir um die Reinlichkeit bestellt war.

Mir wurde nun dieselbe Arbeit zugeteilt wie zuvor, jedoch wurde ich diesmal im Betrieb untergebracht und sollte dort mein Pensum schaffen. Wegen meiner starken Sehbehinderung auf dem rechten Auge sorgte der Arzt dafür, dass ich nur ein halbes Pensum schaffen musste. Somit konnte ich es etwas langsamer angehen lassen und musste nicht mehr den ganzen Tag pujacken. In den Betriebsräumen unter dem Dach war es im Sommer höllisch warm und zum Ausgleich dafür im Winter eisig kalt.

Einmal in der Woche ging ich zum Arzt und es wurde jedes Mal ein Plauderstündchen daraus – im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Arzt war derjenige, der das Feld bestellte. Er pflanzte die Saat des Selbstbewusstseins, die Kraft des Wortes – des gesprochenen sowie des geschriebenen – mehr zu schätzen als die reine Körperkraft. Ich erkannte, dass beides zusammen ein Ganzes ergab.

Der Arzt war ein reiner Kopfmensch und beneidete mich zumindest ein kleines bisschen um meine körperliche Fitness. Es machte ihm Spaß zu sehen, wie ich alles aufsog, was er zum Besten gab. Er sagte: „Massat, du bist ein Schwamm, ein riesengroßer Schwamm, und du kannst noch jede Menge Wissen aufsaugen. Mach weiter so!“

Ich habe mich stets an diese Empfehlung gehalten und stehle auch heute noch mit den Augen und den Ohren.

Wir sprachen zum Beispiel darüber, ob ein Mensch einen Gedanken ganz für sich allein hat. Unser Fazit war: Kein Mensch hat einen Gedanken ganz für sich allein und es hat noch nie jemand ganz für sich allein eine originelle Idee gehabt. Jede neue Idee ist das Kristallisationsprodukt tausend verschiedener Ideen, die mehrere Menschen haben oder hatten. Einer von ihnen findet dann plötzlich zur rechten Zeit das rechte Wort und den richtigen Ausdruck für die neue Idee. Sobald nun das Wort da ist, erinnern sich Hunderte von Menschen, dass sie diese Idee schon lange vorher im Kopf gehabt haben.

Wenn im Kopf eines Menschen ein Plan entsteht, der Gedanke, etwas Bestimmtes zu unternehmen, heranreift, darf man sicher sein, dass zahlreiche Menschen in seiner Nähe den gleichen oder einen ähnlichen Plan haben. Wer nun letztendlich seinen Plan, seinen Gedanken verwirklicht, unterscheidet sich von den ewigen, den dauernden Plänemachern, die erst viel zu spät hinterherschreien: „Das war meine Idee! Das hätte ich auch gekonnt.“

In diesem Zusammenhang ist auch das Bedauern zu sehen, das die meisten Menschen erst am Ende ihres Lebens empfinden und das sie zu folgenden Gedanken führt:

Der Mensch!

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Der Mensch trinkt sein Gewohnheitsbier.

Spielt Lotto, Toto oder Skat,

ist krank, wenn er die Masern hat.

Kriegt Kinder, eins bis sieben Stück,

verspielt sein Leben, verspielt sein Glück.

Und dann auf seinem Sterbebett,

da sagt der Mensch:

„Ach, hätt ich, hätt ...“

Wer mein erstes Buch bereits gelesen hat, wird sagen: „Dieses Gedicht kenne ich ja schon!“ Richtig, Sie haben recht. Aber es passt auch hier so gut, dass ich es mir und Ihnen noch einmal ins Gedächtnis rufen wollte.

Der Arzt war sehr daran interessiert zu erfahren, wie die Gefangenen mit ihrer Sexualität im Gefängnis umgingen. Dieses Thema beschäftigte aber auch Frauen. Ich sprach einmal mit einer Richterin über dieses Thema, teilweise auch mit Sozialarbeiterinnen. Seit im Männergefängnis Frauen als Wärterinnen tätig waren, kam es auch zu Gesprä-chen mit ihnen.

Die Frage nach der Sexualität war eine Frage des Alters und der sexuellen Orientierung. Ausgehend von meinem damaligen Alter und meinen sexuellen Fantasien gebe ich hier das wieder, was ich damals dem Doktor erzählte:

Im Gefängnis verloren die Gefangenen oft ihr seelisches Gleichgewicht, vor allen Dingen auch deshalb, weil sie sexuell ausgehungert waren. Wir Inhaftierten waren wie besessen von einem quälenden Verlangen nach Frauen, der Sanftheit und der Liebe eines Weibes. Bei dem Gedanken an die weichen, süßen, geheimnisvollen, herrlichen Tiefen einer Frau hätte man wahnsinnig werden können. Man stellte sich ihre glatten Schenkel vor, rund und warm, und es war, als läge man auf ihr und spürte das Fleisch ihres Gesäßes, ihrer festen Hinterbacken in den Händen und eine weiche wogende Brust unter sich. Es war zum Verrücktwerden, zum Davonlaufen, zum Abhauen! Von diesen Gedanken, aus diesen Überlegungen heraus wurden viele Fluchtpläne geschmiedet, wurden Gedanken gewälzt: Wie schaffte man es zur nächsten Stadt, zu seiner Frau, zu seiner Freundin? Wenn ich es geschafft hätte, wenn ich rausgekommen wäre, hätte ich die Frau meines Herzens geliebt, sie angebetet, alles für sie getan, weil sie auf das heiße drängende Gefühl reagiert hätte. Und ich wäre glücklich gewesen, solange sie da gewesen wäre …

Das waren in etwa die Träume und Gedanken, die ich im Gefängnis hatte. Die anderen Inhaftierten sicher auch. Ich schrieb ja bereits, dass wir im Gefängnis leicht unser seelisches Gleichgewicht verloren. Und was blieb uns am Schluss übrig?

Feuchte Träume hatte ich genug, also griff ich zur Selbsthilfe, hing meinen Träumen nach und fand eine – wenn auch nur kurz anhaltende – Entspannung.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Erzählung des Doktors zu Papier bringen. Es ist eine Geschichte aus dem Gerichtssaal:

Ein Bauer wurde verurteilt, weil man eine Brennerei bei ihm entdeckt hatte. Er besaß alles, was man benötigte, um Schnaps zu brennen, aber weiter fand man nichts bei ihm. Keinen gebrannten Schnaps, nichts! Lediglich die Vorrichtung, um Schnaps zu brennen, war vorhanden. Der Amtsrichter verurteilte den Bauern zu einer Geldstrafe von 5.000 DM.

Der Bauer fragte: „Wofür werde ich verurteilt? Ich habe keinen Schnaps gebrannt.“

„Ja“, sagte der Richter. „Sie haben keinen Schnaps gebrannt, aber Sie besitzen die Vorrichtung dafür.“

Der nunmehr Verurteilte erhob sich daraufhin und fragte den Amtsrichter, ob er ihn etwas fragen dürfe.

„Nur zu“, sagte dieser.

Der Bauer fragte darauf den Amtsrichter, ob dieser schon wegen Vergewaltigung verurteilt worden sei. Ein entrüstetes Nein des Amtsrichters war die Folge. Er wollte wissen, wie der Bauer dazu komme, so etwas zu fragen. „Das wird noch Folgen für Sie haben!“, drohte er.

Nun entgegnete der Bauer: „Was wollen Sie eigentlich? Sie haben doch die Vorrichtung dafür, eine Vergewaltigung zu begehen, ebenso wie ich eine Vorrichtung dafür habe, Schnaps zu brennen. Ich werde verurteilt und Sie nicht. Ist das gerecht?“

In zweiter Instanz wurde der Bauer freigesprochen.

Einmal brachte mir der Arzt den „Kaukasischen Kreidekreis“ von Bertolt Brecht mit, um dann eine Woche später mit mir darüber zu diskutieren. Es ging um den selbstherrlichen Richter Azdak, der trotz aller Willkür ein salomonisches Urteil über die Mütterlichen spricht und dieses auch präzisiert. „Wie er es schlichte, wie er es richte …“, sagte Bertolt Brecht.

Projiziert auf meine damalige Situation muss ich sagen, dass so mancher Anstaltsleiter, Flügelverwalter oder ADL2 sich so verhielt wie der selbstherrliche Richter Azdak, nur kam dabei in den wenigsten Fällen ein salomonisches Urteil heraus.

Die Bediensteten vergaßen nach einigen Jahren, dass sie es im Gefängnis mit Menschen zu tun hatten und nicht mit Brettern oder irgendwelchen Eisenplatten, die einfach weggestapelt wurden. Jede Entscheidung, die getroffen wurde, konnte gravierenden Einfluss auf das sogenannte Vollzugsziel haben, konnte einen Inhaftierten um Jahre zurückwerfen, kostete wertvolle Lebensjahre.

Die Justizvollzugsanstalten sind für mich ebenso ein rotes Tuch wie die Jugendämter, um die es ja im ersten Teil meiner Trilogie hauptsächlich ging. Willkür, wo ich ging oder stand – Ausnahmen bestätigen nur die Regel –, im Allgemeinen sieht man ähnliche Personen Erzieherinnen/Erzieher, Justizvollzugsbeamtinnen/Justizvollzugsbeamte, Sozialarbeiterinnen/Sozialarbeiter, harte Augen, harte Herzen. Reden können sie alle, vor allen Dingen über Empathie, über soziales Miteinander, über soziale Kompetenz. Sie aber selbst besitzen nichts davon! Sie nennen sich Sozialarbeiter und wissen noch nicht einmal, was „sozial“ überhaupt bedeutet. Wie gesagt, und das möchte ich noch einmal betonen: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ich konnte mich sehr gut auch mit anderen Gefängnisärzten unterhalten, so zum Beispiel während einer anderen Haft mit einem Perser/Iraner. Er war ein gottesfürchtiger Mann, der etwas für seine Patienten tat, wenn sie Hilfe brauchten. Ich kann das beurteilen, denn ich war zu der Zeit sechzehn Monate lang Lazarettkalfaktor und hatte meine Zelle im Revier. Aber dazu später mehr.

Ich schreibe dies deshalb, weil ich, anders als die meisten Gefangenen, eine Sicht und einen Einblick in das Innere dieses Mikrokosmos hatte. Ich wusste und weiß mich in jeder Hinsicht zu wehren. Beamtinnen und Beamte offenbarten mir ihre Schwierigkeiten im privaten wie im beruflichen Bereich. Einige Beamte begleitete ich von den Anfängen ihres Dienstes bis hin zu ihrer Pensionierung. Ich bin beileibe nicht stolz darauf. Leider ist es so, aber genau deswegen kann ich mir ein Urteil erlauben, und zwar ein fundiertes.

Ich weiß, ich müsste systematischer vorgehen. Aber manchmal überkommt es mich, wenn ich an die vielen Ungerechtigkeiten denke und dann den Mist höre, den sie verzapfen, nur weil sie das Glück hatten, in ihrer Jugend nicht mit ihren Taten aufgefallen zu sein oder weil sie einen milden Richter hatten und nun vor der Tür standen und nicht hinter ihr.

Genug davon.

In diesem alten Gefängnisbau hatte ich irgendwann das Negative fast verdrängt, den Raum, in dem ich mich – wenn das Bett heruntergeklappt war – kaum drehen konnte. Ich musste seitwärts gehen, damit ich zwischen der Wand und dem Bett durchkam. Die Kübel, die Enge, überall Enge, keine fünfzig Meter freies Gehen ohne Türen oder Mauern, sogar der Freistundenhof war weniger als fünfzig Meter lang.

Entspannung fand ich nur in Büchern. Wenn ich las, vergaß ich darüber zum Teil sogar die Situation, in der ich mich gerade befand.

Wir Inhaftierten sprachen über Entspannung. Nicht über die körperliche – die fand ich in meinen Übungen, die ich mindestens fünf Mal in der Woche absolvierte. Als ich in der kleinen Kopfzelle lag, machte ich meine Übungen auf dem Flur und hatte auch bald viele Mitstreiter. Nein, ich meine die herbeigesehnte, die totale geistige Entspannung, die ich aber nur zum Teil fand. Wenn ich mir diese vollkommene, die totale Entspannung als einen Raum vorstelle, so muss ich sagen, dass es sicherlich viele Türen gab, durch die ich diesen Raum betreten konnte. Ich fand zumindest für eine gewisse Zeit meine Entspannung in der Literatur, denn das Lesen war eine dieser Tü-ren.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
321 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783954883417
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