Kitabı oku: «Die Wilderer von der Schinderleit'n»
Siegmund Klakl
DIE WILDERER VON DER SCHINDERLEIT’N
Jagdgeschichten zum Nachdenken und Schmunzeln
Mit Illustrationen von Walter Thorwartl

Leopold Stocker Verlag Graz – Stuttgart
Titelgestaltung:
DSR Werbeagentur Rypka GmbH, 8143 Dobl/Graz, www.rypka.at
Titelbild: Aquarell von Walter Thorwartl
Skizzen im Innenteil:
Walter Thorwartl
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ISBN 978-3-7020-1821-4
eISBN 978-3-7020-1995-2
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© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2019
Layout: DSR Werbeagentur Rypka GmbH, 8143 Dobl/Graz, www.rypka.at
Printed in AUSTRIA
Inhalt
Vorwort
Dialekt-Übersetzung
Hirschbrunft
Über das Leuchten in den Augen
Der Bock vom Unterland
Der Wödhabel-Luis
Die Geschichte von Karo, der Birkhahnjägerin
Vierundzwanzig Stunden
Die Wilderer von der Schinderleiten
Volker und Helene
Die Anni
Der Zittersitz oder Kraumer, bleib bei deine Ladln
Der Wildeinkäufer
Beim Mooswirt
Eine denkwürdige Gamsjagd
Der Stefaniriegler
Bauernsilvester
Aufregung im Hochwildrevier
Zwei Hahnen an einem Morgen
Als ich meinem Vater das Jagern verbieten musste
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser!
Am Jägerstammtisch wird sehr oft ernsthaft und lange diskutiert, denn die Jagd ist ein weites Feld, und jeder hat sein eigenes Wissen und seine eigenen Erfahrungen. Manchmal geht es aber auch sehr lustig zu, und da kommt meist das Jägerlatein ins Spiel. Es handelt sich dabei aber nicht einfach um Lügengeschichten, wie die Nicht-Jäger wahrscheinlich vermuten, sondern es sind meist Jagderlebnisse mit einem wahren Kern, die der Erzähler mit seiner Fantasie mehr oder weniger „anreichert“. Die Kunst des Jägerlateins besteht also darin, eine Geschichte, die nicht ganz wahr ist, so zu erzählen, dass sie wahr sein könnte! Ich kam als Wirt in einem kleinen Dorf in der Obersteiermark in den 1980er- und 90er-Jahren über 20 Jahre lang ständig in den Genuss, Stammtisch-Erzählungen zu lauschen. Hier wurden jagdliche Freundschaften geschlossen, Erfahrungen ausgetauscht und unzählige Erlebnisse erzählt. In meinen Geschichten nimmt dieser Tisch also eine zentrale Rolle ein. Einige Erzählungen sind wahr, ich habe sie selbst erlebt, einige haben einen wahren Kern und einige sind frei erfunden. Namen und Örtlichkeiten sind natürlich geändert, viele Figuren weilen auch längst nicht mehr unter den Lebenden.
Und noch etwas ist mir wichtig: Natürlich ist das Ziel einer Jagd letztlich das Beutemachen, beim Erzählen meiner Geschichten habe ich aber mehr Augenmerk auf das „Drumherum“ gelegt. Denn nicht immer läuft alles nach Plan bei der Jagd, und über so manche „Nebensächlichkeit“ kann man getrost auch ein bisschen schmunzeln.
Übrigens, bei uns in der Obersteiermark reden die Leut’, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Deshalb habe ich die Dialoge in den Geschichten oft in Mundart belassen und in „Lautschrift“ geschrieben. Da unser Dialekt ein uriger ist, der möglicherweise nicht von allen verstanden wird, sind als kleine Hilfestellung auf der folgenden Seite die „exotischsten“ Ausdrücke aufgelistet und „übersetzt“.
Viel Freude beim Lesen, Mitfiebern und Spekulieren darüber, welche meiner Jagdgeschichten selbst erlebt, nacherzählt oder erfunden sind!

Siegmund Klakl Sommer 2019
Dialekt-Übersetzung
auffi – hinauf
Beil – Biene
Bindbam – Holzstange zum Niederbinden/Befestigen einer Fuhre Heu für den Heimtransport
dapocken – schaffen
deis – das, dieses
Eierschwammerln – Pfifferlinge
einbüd – eingebildet
einwassern – betrunken machen
fests Trumm – großes Stück
geih ma – gehen wir
Göd – Geld
Grastasche – buschiger Ast von einem Nadelbaum
Groamahd – zweiter Schnitt
groußa Hauhn – großer Hahn (Auerhahn)
Habel – Angel
Hauhnen – Hähne
haum – haben
haun – habe
heign – heuen
hest – hättest
hiaz – jetzt
hiefln – Heu wird zum Trocknen um einen in den Boden gesteckten Holzstecken gewunden
Hirschgweich – Hirschgeweih
hoabuachan – stark und kräftig wie eine Hainbuche
hoamlig – heimlich
höfen – helfen
huits eich eichern Hirsch hoit söba – holt euch euren Hirsch eben selbst
kaust – kannst
Kraumer – Krämer, Kaufmann
Lampl – Lämmchen
Leitn, Leite – steiler Berghang
lous – los
mahn – mähen
neammer – nicht mehr
neit – nicht
neixts Joahr – nächstes Jahr
nou – noch
oamoi – einmal
pechern – voller Pech = Harz
Puderl – kleine Karaffe
Schanti – Gendarmen
Schauß – Chance
Schligowitz – Slibowitz
Schmoitier – Schmaltier
Schneeteller – Schneeschuhe
schou – schon
Schwedenreiter – Gestell aus Holzstecken und dazwischen gespanntem Draht, auf dem Heu zum Trocknen aufgehängt wird
Schwoga – Schwager
staubiger Tee – sehr starker Tee mit viel Schnaps
Weidmannshaö – Weidmannsheil
Wöd – Welt
Wüdbrat – Wildbret
Wüdara, Wüdschitz – Wilderer
wuits n liegn lossn – wollt ihr ihn liegen lassen
zach – zäh
zaht – zerrt
Hirschbrunft
Ja, die Hirschbrunft, das ist so eine Sache. Mein erstes Erlebnis damit hatte ich als ziemlich kleiner Bub. Infiziert vom jagdlichen Fieber war ich ja von Anfang an. Mein Großvater war Jäger, mein Vater war Jäger und mein Onkel auch, und alle Männer, so kam es mir damals jedenfalls vor, die in unserem Haus aus und ein gingen, waren ebenfalls Jäger. Sobald ich so halbwegs auf eigenen Beinen stand und „Hirsch“ und „Gams“ sagen konnte, nahm mich mein Vater schon mit auf die Pirsch, da gab es also kein Entrinnen. Und meine Mutter, so sehr sie auch um mein Wohl bemüht war, hatte dem nichts entgegenzusetzen.
Im Alter von sechs oder sieben Jahren war ich jagdlich bereits voll ausgerüstet. Ich besaß ein zünftiges Jagahütl, Knickerbocker und Bergschuhe, einen Rucksack, einen Bergstecken, einen Gucker und ein aus Lärchenholz geschnitztes Gewehr. Damit ging ich auch schon einmal alleine jagern, ich entwickelte großen Ehrgeiz darin, meinen Vater und meinen Onkel nachzuahmen. Die Erwachsenen fanden das damals natürlich zum Lachen komisch, mir war es aber bitterer Ernst. Ich erlegte auch manchmal ein Stück Wild mit meinem Holzgewehr, der Hirsch oder der Rehbock war dann halt eine abgebrochene Grastasche, die ich mit großer Sorgfalt nach Hause brachte und in unsere Fleischkammer hängte. Meist hing sie, bis die Nadeln abfielen. Mein Vater wagte es jedenfalls nicht, sie einfach wegzuwerfen.
Im Sommer verbrachte ich die meiste Zeit auf dem Bauernhof meines Onkels. Das war paradiesisch für mich. Ich liebte alles dort, die Menschen, die Tiere, den Geruch, den rauen Umgangston, den fetten Speck und das grobe Brot, die deftige Suppe zum Mittagessen und vor allem die goldgelbe Butter, die meine Großmutter im hölzernen Butterfassl gerührt hat und von der ich dann immer ein „Butterkugerl“ bekommen habe, welches ich mit großem Genuss und ohne Brot verzehrt habe. Und natürlich faszinierte mich auch die harte Arbeit im Stall und auf dem Feld, wenn ich auch ohne Zweifel mehr im Weg herumgekugelt bin, als dass ich helfen hätte können.
Bei der Feldarbeit im Sommer, also beim „Mahn und Heign“, halfen auch mein Vater und noch ein paar andere kräftige Männer mit, denn damals bedurfte es noch vieler fleißiger Hände, um das Heu trocken in die Scheune zu bringen. Ich erinnere mich noch gut ans „Hiefl mochn“ und ans „Schwedenreitern“, an den Leiterwagen, der von Moni, der alten, gutmütigen Stute gezogen wurde. Mein Großvater turnte darauf herum, musste das Heu, das die starken Männer hinaufreichten, fassen und mit dem „Bindbam“ niederbinden. Turmhoch waren manchmal die Fuhren, und die Männer hatten ihre Gaudi, wenn der Großvater wieder einmal herunterpurzelte.
An einem sonnigen Septembertag waren wieder einmal alle auf dem Feld, um die „Groamahd“ einzubringen. Da ich immer noch keine große Hilfe für die Bauersleute war, meinte Harald, mein Onkel, ich könne doch ein bisschen jagern gehen, oben im Wald. Vielleicht bekäme ich einen Fuchs zu sehen oder einen Rehbock. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen, holte meine Jagasachen aus dem Haus und stapfte Richtung Hochwald. „Aber pass auf die Hirschn auf, hiaz faungt die Brunft aun, und do kunnts gfährlich wern!“, riefen mir die Jäger nach.

Natürlich hatte ich großen Respekt vor dem König des Waldes, aber dass mir hier gleich neben dem Feld ein Hirsch begegnen würde, hielt ich doch für sehr unwahrscheinlich. Ich ahmte den Gang meines Vaters nach und strebte mit ernster Miene dem Walde zu. Die Bauersleute mögen hinter mir gelacht haben, das war mir egal. Sehr weit wagte ich mich freilich nicht hinein in die Düsternis, aber immerhin, so fünfzig Meter war ich schon entfernt vom Waldrand, als auf einmal in der dicht stehenden Fichtenkultur ein paar Äste knackten und ein gewaltiger Brunftschrei erschallte, der mir durch Mark und Bein fuhr. Und gleich noch einer, und noch ein drittes Mal dröhnte es in meinen Ohren. Der Hirsch musste ganz in der Nähe sein, wahrscheinlich gleich hinter den nächsten Bäumen. Da rutschte das Herzerl des kleinen Jägersmannes aber ordentlich in die Hose, ich begann um mein Leben zu laufen, über Stock und Stein, fiel auf die Nase, schlug mir beide Knie auf, verlor Hut und Stecken, stolperte, raffte mich wieder auf und rannte hinaus auf die rettende Wiese. Die Bauersleute erzählten später, dass ich vor Angst geschrien hätte. Mein Vater fing mich auf in seinen starken Armen und bemühte sich sehr, mich wieder zu beruhigen. Ich glaube, den Rest dieses Tages schlotterte ich am ganzen Körper und war kaum fähig, das Erlebte zu erzählen. Dass gleich nach mir mein Onkel Harald am Waldrand auftauchte und gemächlich schmunzelnd wieder seiner Arbeit nachging, verwunderte mich zwar einigermaßen, einen Zusammenhang mit dem Röhren des Hirsches sah ich damals aber nicht. Erst viel später haben mir die Halunken einmal gebeichtet, dass natürlich Harald der „Hirsch“ war, und am Stammtisch der Jäger sorgte die Geschichte noch einige Zeit für Erheiterung, auf Kosten eines kleinen, ernsthaften Jägersmannes!
Viele Jahre später, als ich mein Holzgewehr längst gegen ein richtiges getauscht hatte, versöhnte ich mich aber mit der Hirschbrunft. In meinem kleinen Bergrevier hatte sich Mitte September ein kleines Rudel Hochwild eingestellt, und es begann sehr bald ein reger Brunftbetrieb. Ich beobachtete das Treiben einige Tage und erlegte am Ende einen kapitalen 16-Ender, den besten Hirsch meines Lebens. Die Hirschbrunft hatte ihren Schrecken verloren, und meine Jägerehre war wieder hergestellt.
Über das Leuchten in den Augen
Spätsommer. Feistzeit. Die Hirsche schlagen sich um diese Zeit die Wänste voll und sind misstrauisch, heimlich. Es war Anfang September, früher Schnee hatte die Berggipfel und Almen schon zum ersten Mal angezuckert, doch die milden Tage danach hatten das wieder vergessen gemacht. Im Hochwildrevier in den steirischen Bergen war ein Jagdgast angesagt, der sollte auf einen Feisthirsch gehen. Es herrschte herrliches Herbstwetter, ein rechter Altweibersommer.
Hartmut Müller aus Berlin reiste in einer ausladenden Limousine an, er war schon mehrmals hier im malerischen Bergdorf auf Einladung seines Geschäftsfreundes, der hier eine riesige Jagd in Pacht hatte, nur auf einen guten Hirsch hatte es bisher nicht gepasst. An seiner Seite wie immer seine herzallerliebste Ehefrau, die ihren Mann mit einer sonderbar frivolen Unterwürfigkeit überall hin begleitete, also auch zur Jagd, obwohl sie selbst keinem Tier etwas zu Leide tun könnte, wie sie stets kokett beteuerte.
Hartmut und Brigitte bezogen ein zirbenholzgetäfeltes Zimmerchen im kleinen Gasthaus, das sich ganz in der Nähe des Jagdhauses am Ausgang des Dorfes befand und von Sebastian, dem bedächtigen Pirschführer, betrieben wurde. (Vielmehr natürlich von dessen Frau, denn der Wastl, wie er hier gerufen wurde, musste ja das Revier betreuen.) Rasch schnappten sich die beiden, die noch städtische Straßenkleidung trugen, ihr Gepäck und verschwanden in ihrem Zimmer, um nach wenigen Minuten in zünftiger Jagdkleidung in der Gaststube zu erscheinen. Jetzt konnte die große Begrüßung stattfinden, Umarmungen und Küsschen, ein paar Mitbringsel für die Kinder, ein kolossales Blumengesteck für Liesl, die Wirtin, und für Wastl ein sündteures Jagdmesser in einem aufwendigen Lederetui; ein bisschen was musste man schon investieren in so eine Jagdeinladung.
Hartmut war ein untersetzter, kräftiger Mann in den 50ern mit einem etwas zu stark angeschwollenen Wohlstandsbauch, schütterem Haar und einem lächerlich struppigen Schnauzbart. Jetzt, mit seiner tadellosen Hirschledernen, gestrickten Stutzen, Haferlschuhen und dem grünen Jägerhemd stand er da wie die Karikatur eines Steirers, zusammen mit seinem scharfen Berliner Akzent ergab das ein ziemlich verwackeltes Bild. Aber er stand das durch, mit einem erstaunlichen Selbstvertrauen. Und seine um einige Jahre jüngere Brigitte, eine blonde, adrette und recht nobel wirkende Dame, schmückte ihn in einem eng an ihren wohlgeformten Körper anliegenden Lederkostüm. Dem Jäger Sepp, der mit zwei weiteren Gästen in der Wirtsstube saß, blieb gleich einmal die Luft weg. Es fiel ihm sichtlich schwer, seinen Blick von der Dame abzuwenden.
Bei Bier und Schnaps verwickelten sich Hartmut und Wastl alsbald in tiefschürfende jagdliche Fachsimpelei, Brigitte wandte sich der Wirtin zu, setzte sich mit ihr an einen anderen Tisch und nahm einen Piccolo zu sich, um ihren Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Als sie am Tisch von Sepp vorbeistolzierte, meinte dieser, einen zarten Hauch der Errötung über ihr Gesicht huschen zu sehen, aber das behielt er selbstverständlich für sich.
„Hartl“, so nannte der Wastl seinen Jagdgast mit einem Anflug verwegener Respektlosigkeit, „hiaz gemma amoi Scheibn schieaßn“. Das war eisernes Gesetz bei Wastl, vor der Jagd wurde die Treffsicherheit von Jäger und Waffe überprüft. Dazu diente ein einfacher Schießstand gleich hinter dem Haus, die selbst bemalte Scheibe stand etwa hundert Meter entfernt, und der Schuss hatte im zehn Zentimeter großen Mittelkreis zu sitzen. Erst wenn das der Fall war, war der Wastl bereit, mit dem Gast auf die Jagd zu gehen. Hartmut verzitterte seinen ersten Schuss, der zweite saß aber mitten drin, und Wastl war zufrieden.
Am frühen Abend erfolgte der erste Pirschgang. Brigitte hatte inzwischen die Koffer ausgepackt und die Jagdsachen feinsäuberlich zurechtgelegt. Hartmut zog sich um, verstaute wärmende Zusatzkleidung im Rucksack, stieg in seine Bergschuhe, hängte sich Fernglas und Gewehr um und setzte seinen breitkrempigen Hut auf. Ein makelloser Jägersmann stand da, und seine Augen bekamen ein Leuchten, das Brigitte in Berlin niemals zu sehen bekam. Sie drückte ihrem Mann ein Küsschen auf die Wange und sagte: „Weidmannsheil“. Hartmut reckte seine Brust heraus, so gut es eben ging, und schritt geradezu majestätisch auf den Platz vor dem Gasthaus, wo Wastl mit dem alten Jeep des Jagdherrn schon auf ihn wartete.
Sie fuhren bis zum Lärchboden, von dort pirschten sie einen feinsäuberlich geputzten Steig taleinwärts durch lichten Lärchenbestand und erreichten nach einer halben Stunde ohne nennenswerten Anblick den Bodensitz unter der Wetterfichte. Da saßen sie zwei Stunden lang und sahen kein jagdbares Wild. „Hiaz is ruhig im Revier“, brummte Wastl beim Hinuntergehen, „vor da Brunft sans hoamlig, die Hirschn.“
Doch Hartmut war trotzdem selig. Hier in den wilden steirischen Bergen war er jetzt der verwegene Hirschjäger, der er so sehr sein wollte, und nicht der terminüberladene, stets getriebene Manager in der großen Stadt. Seine Geschäftigkeit und Hektik, die ihn daheim in Berlin durch sein Berufsleben jagte, legte er in jenem Augenblick ab, in dem er sein Jägergewand anlegte. Und jetzt war er ein anderer. Milde schmunzelnd setzte er sich in den Jeep, hörte gar nicht, was Wastl vor sich hin grummelte, und wähnte sich sehr weit weg, in einer anderen Welt.
Als die beiden in die Gaststube traten, dampfte es dort schon gewaltig. Eine dichte Wolke, die nach Bier, Schnaps, Tabakqualm, Schweinsbraten und Schweißfüßen roch, schwebte über dem Stammtisch, der voll besetzt war von zechenden und lärmenden Jägern. Mitten unter ihnen saß zur großen Erheiterung von Hartmut seine liebe Ehefrau Brigitte. Ihr Gesicht hatte die Farbe ihrer roten Bluse angenommen, sie war allerbester Stimmung und selbstverständlich der attraktive Mittelpunkt der Gesellschaft. Sagen wir es ruhig, sie wurde von allen Seiten angebalzt, dass es eine Freude war. Und Sepp, der neben der Umschwärmten saß, schien dabei zu sein, deren Sympathie zu gewinnen, was ihn einige Male den gebotenen Respektabstand zu einer Dame vergessen ließ. Die Gegenwehr der Dame hielt sich aber ohnehin in Grenzen. Hartmut und Wastl zwängten sich auch noch an den Tisch, Liesl brachte ihnen Bier und Braten, und Hartmut bestellte eine Runde Obstler. Gewisse Anzüglichkeiten mussten sich die Gebirgsjäger nun wohl verkneifen, der Stimmung tat das aber kaum einen Abbruch. Und Hartmut schwelgte sowieso in seiner Rolle als wilder Jäger, dass sich seine Brigitte hier so spontan unters Volk gemischt und offenbar auch schon ziemlich tief ins Glas geschaut hatte, amüsierte ihn nur am Rande.
Der morgendliche Ansitz war wiederum erfolglos. Beim Frühstück in der Gaststube, aus der der Dampf des Vorabends noch nicht gewichen war und beißend in die Nase kroch, stand der Sepp mit seiner Krachledernen bereits an der Theke. Er wollte nur schauen, ob es schon zum „Hirschn ziagn“ wäre, genehmigte sich ein Stamperl und flirtete ziemlich ungeniert mit der Dame. Auch die Abendpirsch verlief enttäuschend, einmal sprangen Tier und Kalb über den Pirschsteig, am Wieseneck stand ein guter Rehbock, doch kein Hirsch war zu sehen. „Morgen“, raunte der Wastl seinem Jagdgast zu, „morgen gemma auf die Hittn, ba den scheinen Wetter san die Hirschen sicher weita obn in der Olm.“
Der Abend in der Gaststube verlief wie der vorige, die Weidmänner waren wieder vollzählig versammelt, mitten drin der attraktive Gast aus Berlin, und an Bier und Schnaps wurde nicht gespart. Selbstverständlich war auch Sepp wieder zur Stelle und wich der über die Maßen gut gelaunten Brigitte nicht von der Seite. Hartmut zahlte wieder ein paar Runden Obstler und amüsierte sich weiterhin über seine feine Gattin, deren überschäumende Fröhlichkeit und das erstaunliche Leuchten in ihren Augen, das er in Berlin niemals zu sehen bekam.
Am nächsten Tag verabredeten sich die beiden Jäger zu Mittag. Wastl wollte mit seinem Gast zur Jagdhütte oben im Stierkar und dort auch übernachten. „Die Jausn richtet uns die Liesl, ois aundere is eh obn ba da Hittn“, brummte der Jagdführer und zog genüsslich an seiner Pfeife. Für Hartmut war das die Krönung. In der Jagdhütte übernachten, das durften bei Weitem nicht alle Gäste, und es erhob ihn in eine Art adeligen Ritterstand. So empfand er es jedenfalls, und seine Augen leuchteten, dass es eine Freude war. Und Brigitte freute sich mit ihrem mutigen Jägersmann. Pünktlich um 12 Uhr Mittag rauschte der Jeep vom Hof, am Rücksitz mit temperamentvoller Jagdfreude Hirschmann, der treue Bayerische Gebirgsschweißhund von Wastl. Der Fahrweg reichte weit hinein ins Tal und endete am unteren Ende des Weitgrabens. Von dort war’s dann noch ein einstündiger Aufstieg bis zur Hütte, die sich knapp unter der Baumgrenze neben der Quelle eines kleinen Bächleins in eine windgeschützte Mulde drückte, so idyllisch, so urtümlich, dass Hartmut meinte, in einem romantischen Heimatfilm gelandet zu sein. Gemächlich sperrte Wastl die Hüttentür auf, öffnete beide Fenster und die knarrenden Balken und ließ die frische Bergluft herein. Hartmut saß auf dem wackeligen Bankerl vor der Hütte und konnte sich nicht sattsehen. Die herbstliche Sonne warf ihr mildes Licht auf die Bergrücken ringsum, die rötlich-gelb verfärbten Lärchen standen wie brennende Kerzen im schütteren Fichtenwald.
Nachdem der Wasserzulauf zum Brunnen ausgeputzt war und im Ofen Feuer brannte, mahnte Wastl zum Aufbruch. Unweit der Hütte befand sich an eine alte Zirbe gelehnt ein Bodensitz, von dem aus man das ganze Stierkar absehen konnte, dorthin setzten sie sich und hofften Aufschluss darüber zu erhalten, wo sich die Hirsche herumdrückten.
Und tatsächlich, ganz drüben unter der Gamsstelle, einem mächtigen Felsbrocken unterhalb des Wettersteins, sahen sie in den wuchernden Latschenfeldern die Geweihe von zumindest fünf Hirschen hin und her wacheln. Weiter unten auf einer Blöße standen sogar einige Stück Kahlwild, und etwas später zog ein passabler, aber viel zu junger Kronen-Zwölfer ganz gemütlich knapp am Bodensitz vorbei. Oben, unter dem Karlspitz, tummelte sich eine Schar Gämsen, die Kitze genossen die herbstliche Sonne mit übermütigem Spiel, und irgendwo mitten im riesigen Kar hörte man hin und wieder auch ein Murmeltier pfeifen. Für ein Angehen der Hirsche war es schon zu spät, die Dämmerung kroch bereits herauf aus dem dunklen Tal. Die beiden Jäger verließen vorsichtig ihren Posten und pirschten zur Hütte zurück. Wastl stellte Teewasser auf den Herd, in dem es heimelig knisterte, und dann machten sie sich über die Jause her, die ihnen Liesl in den Rucksack gepackt hatte. Bei einigen Häferln staubigen Jägertees wurde so einiges erzählt. Wastl bediente sich wie immer bei solchen Gelegenheiten seiner Lieblingssprache, dem Jägerlatein. Hartmut gefiel das, er wusste, dass er nicht alles glauben musste. Andächtig lauschend und leicht angesäuselt gab er sich der archaischen Rauheit der Wildnis hin und verschwendete kaum einen Gedanken an seine im Gasthaus zurückgebliebene Brigitte.
Zeitig am Morgen machten sie sich wieder auf die Socken. Das Morgengrauen warteten sie im Bodensitz an der alten Zirbe ab, dann prüfte Wastl mit großer Sorgfalt den Wind, leuchtete noch einmal sehr bedächtig das ganze Kar mit seinem Fernglas ab und resümierte schließlich kurz und bündig: „Passt!“ Ein Pirschsteig führte auf halber Höhe bis hinüber zur Gamsstelle, geschickt angelegt und immer wieder die Deckung von kleinen Baumgruppen oder Latschenfeldern ausnutzend, den nahmen sie jetzt, Hirschmann an der Leine bei Fuß. Wastl mahnte zu äußerster Vorsicht, hinter jeder kleinen Biegung konnte Hochwild stehen. An einem kleinen Bächlein vorbei mussten sie ein Stück steil bergauf steigen, um ein Latschenfeld zu umgehen. Dann schoben sie sich auf dem Boden robbend über die nächste Kuppe. Unter ihnen, auf einer kargen Wiese zwischen Steingeröll und Latschen, ästen zwei Hirsche! Wastl griff zum Glas und sprach an – eine unendlich lange Zeit lang, so schien es Hartmut, dessen Herz ihm nun bis zum Halse schlug. Hirschmann lag brav fünf Meter hinter den Jägern, ein aufgeregtes Hecheln konnte er aber nicht unterdrücken. „Traust di schieaßn? Es is holt vadaumt weit!“, raunte Wastl seinem Gast zu. Es waren wohl über 200 Meter. Hartmut nickte mit zittrigen Händen. „In rechten nimmst, loss da aber Zeit, woat, bis a broad steht.“ Hartmut ging in Anschlag, Wastl hatte ihm seinen Rucksack als Auflage gerichtet. Es dauerte eine Weile, bis er sich in seiner Lage einigermaßen sicher fühlte, dann atmete er durch, tief und lang, und spürte trotzdem seine Hände zittern. Er suchte durch das Zielfernrohr seinen Hirsch, setzte wieder ab, atmete noch ein paar Mal tief durch und nahm all seine Konzentration zusammen, denn jetzt stand der Hirsch breit. „Hoch aunfoarn muasst, hiaz kaust schiaßn!“ Der Schuss gellte hinaus und hallte wider im ganzen Kar, der Hirsch zeichnete nur schwach und trottete hinter eine kleine Latschengruppe. „Repetieren!“, rief Wastl mit einiger Aufregung und behielt sein Glas oben, unverwandt die Stelle im Auge behaltend, an der der Hirsch verschwunden war. Es dauerte tatsächlich nicht lange, und der Hirsch trat unterhalb der Latschen wieder aus. Er stellte sich breit, mit seinem Haupt immer wieder heftige Bewegungen nach hinten vollführend. „Schiaßn!“, befahl Wastl, und schon krachte der zweite Schuss aus der Büchse des Berliner Jägers. Der Hirsch brach auf der Stelle zusammen und lag im Feuer. Wastl nahm sein Glas nicht herunter und wies Hartmut an, noch einmal zu repetieren, es wäre nicht das erste Stück, das nach einem Krellschuss zusammenbricht und nach ein paar Sekunden wieder auf den Läufen ist. Doch der Hirsch war verendet, nach ein paar Minuten klopfte Wastl seinem Gast freudig auf die Schulter. „Weidmannsheil!“
Hartmut stand der Schweiß auf der Stirn, nun sank er in sich zusammen und – es war nicht zu verhehlen – eine Träne kollerte ihm über seine Wange. Wastl steckte sich ein Pfeiferl an und beruhigte seinen Jagdgast mit einem kräftigen Schnapserl, dann machten sie sich auf zum erlegten Hirsch. Für Hirschmann war dabei nichts zu tun, sie sahen den Kapitalen ja schon von weitem daliegen. Der Hund freute sich aber trotzdem und begann ein aufgeregtes „Totverbellen“. Es war ein reifer Hirsch, der ungerade Vierzehn-Ender prahlte mit einer ungewöhnlich weiten Auslage. Hartmut war selig, er steckte sich den von Wastl feierlich überreichten Latschenbruch mit stolz geschwellter Brust an seinen Hut und den letzten Bissen in den Äser des erbeuteten Hirsches. Die „rote Arbeit“ verrichtete Wastl. Auf der Suche nach Ein- und Ausschuss allerdings kam er aus dem Staunen nicht heraus. Am Ziemer oberhalb des Blattes war eine Fleischwunde zu sehen, das war gewiss der erste Schuss, der den Hirsch nur gestreift hatte, mit den Bewegungen seines Hauptes hatte der Hirsch wohl versucht, mit seinem Lecker die schweißende Wunde zu erreichen. Doch von einem tödlichen Einschuss war nichts zu sehen. Kopfschüttelnd erledigte Wastl den Aufbruch, drehte den Hirsch von links nach rechts und wieder zurück – kein Einschuss! „I moan, den Hirsch hot da Schlog troffn“, meinte er noch, doch dann, bei der nochmaligen Betrachtung des majestätischen Geweihs, fiel ihm ein Schweißtropfen am Haupt des Hirsches knapp hinter dem rechten Licht auf. Da saß der Schuss! Der Berliner Jäger hatte seinen Kapitalen mit einem Kopfschuss erlegt, auf 250 Meter, offenbar in dem Moment, als der Hirsch zum wiederholten Male sein Haupt zurückwarf, um an seine Schusswunde am Ziemer zu gelangen! Da kann man auch unter Jägern einmal von Glück sprechen.
Wastl zog den Hirsch ein Stück weit unter die Latschen und verblendete ihn, denn zur Bringung musste er sich einen Gehilfen holen, alleine war das nicht zu schaffen. Die beiden Jäger gingen zurück zur Hütte, um dort alles aufzuräumen und die Balken zu schließen, dann ging es frohen Schrittes hinunter ins Tal. In der Gaststube – es war später Vormittag – stand abermals der Jäger Sepp in seiner Krachledernen mit leichten Ringen unter den Augen an der Theke und trank ein Bier. Der Beutebruch an Hartmuts Hut war gut sichtbar, also stürmte er ihm gleich entgegen. „Weidmannsheil! Weidmannsheil!“, dröhnte er durch die Stube, „Wird’s dou nou zan Hirschn ziagn!“ Hartmut wunderte sich ein bisschen darüber, dass der Sepp nicht nur nach Bier und Tabak roch, sondern auch von einer irgendwie vertraut wirkenden, eigentümlich lieblichen Duftwolke umnebelt schien, doch was kümmerte ihn das, er freute sich darüber, dass er seine Hilfe anbot und sich über den Jagderfolg mitfreute.
Nach einem zünftigen Schnapserl, mit dem sie den Schützen hochleben ließen, machten sich Sepp, Wastl und der Jagdgehilfe Franz auf den Weg, den Hirsch aus dem Stierkar zu holen. Hartmut zog sich zurück in sein Zimmerchen, wo er seine Brigitte im reizvollen Negligé vor dem Spiegel in ausgesprochen beschwingter Laune vorfand. Sie hatte wohl schon mitbekommen, dass der Hirsch gefallen war und schwebte ihrem Herzallerliebsten mit einem strahlenden Lächeln entgegen, drückte und herzte ihn überschwänglich und wünschte ihm „Weidmannsheil“.
Drei Stunden später lag der Hirsch am Vorplatz des Gasthauses, gebettet auf Fichtenästen und Latschen, das Geweih stolz aufgerichtet. Rundum versammelte sich alles, was Beine hatte in dem kleinen Dorf und selbstverständlich alle Jäger des Stammtisches, die sich so eine Hirschfeier niemals entgehen ließen. Wastl griff sogar zum Jagdhorn und schmetterte mit Inbrunst das „Hirsch tot“ in den wolkenlosen Nachmittagshimmel. Drei der anwesenden Jäger erwiesen sich als passable Sänger und jodelten ein paar Jägerlieder in die Runde, bis dann der Hias mit seiner Harmonika kam und das Ganze beinahe zu einem Volksfest werden ließ – ein Ganghofer’sches Spektakel vor dem Gasthaus von Elisabeth und Sebastian in dem kleinen Dorf in den steirischen Bergen.
Keiner der Jäger wollte die Geschichte mit dem Kopfschuss glauben, alle lachten sie über diese maßlose Aufschneiderei, und jeder einzelne suchte den Wildkörper nach einem Einschuss ab. Doch es war tatsächlich keiner zu finden. Allesamt blieben ein wenig ratlos, sie sahen den Schuss am Haupt des Kapitalen mit ihren eigenen Augen, aber glauben wollte es dennoch keiner so richtig.
Am Abend gab es dann in der Gaststube noch geröstete Hirschleber mit Kartoffeln und weiterhin zu trinken, was hineinpasste in die durstigen Kehlen. Es wurde wahrlich ein feuchtfröhliches Fest, und Hartmut schwebte auf Wolken, betrunken und glückselig lallte er jedem einzelnen seine Geschichte vom Jagderlebnis vor – dass sich der Jäger Sepp außergewöhnlich heftig um seine Frau Brigitte kümmerte, berührte ihn nur am Rande. Am Ende des Gelages gingen Hartmut und Brigitte Hand in Hand hinauf in ihr Zimmerchen und beide trugen, wenn auch aus recht unterschiedlichen Gründen, ein Leuchten in ihren Augen, das sie in Berlin niemals voneinander zu sehen bekamen.
Und der Jäger Sepp schnalzte mit der Zunge und barg ein weiteres süßes Geheimnis hinter seinen feurig funkelnden Augen.

Der Bock vom Unterland
In meinem herrlichen Bergrevier, das ich damals in Pacht hatte, gab es ein kleines Problem, wirklich ein kleines, sozusagen ein „Luxus-Problem“. Denn während ich dort mit freudvollen Erfolgen – im bescheidenen Rahmen natürlich – auf Rotwild und Gams, Birkhahn und Murmel und sogar auf den großen Hahn jagen konnte, war der Rehwildbestand lausig. Vom Sepp, meinem guten Freund und Besitzer dieser Eigenjagd, wusste ich, dass mein Vorgänger als Pächter darauf gar keinen Wert gelegt und auf die Rehwildhege vollkommen verzichtet hatte. Ich erhielt dann zwar die Erlaubnis, eine sorgsam eingezäunte Rehfütterung zu errichten, doch um den Bestand nachhaltig zu verbessern, musste man sich schon einige Jahre gedulden. Und mein Jägerherz, das sich so sehr danach sehnte, einmal einen richtig guten Bock zu erlegen, wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt.
Doch wie so oft im Leben, wenn eine Tür klemmt, dann geht zuweilen eine andere auf. Und Jägerstammtische gibt es ja auch nicht ganz umsonst. Von so einem Stammtisch kannte ich den Fritz, einen sogenannten „Landler-Bauern“ (wir nannten sie so, weil sie ihre Höfe unten „am Land“ hatten, meist viel größer und viel leichter zu bearbeiten als die Bergbauernhöfe bei uns heroben). Fritz hatte seine Eigenjagd da unten, mit prächtigen, ebenen Wiesen und Äckern, dafür aber nur mit einem kleinen Waldanteil. Er hatte auch keine Alm, denn die Berge, die es dort gab, waren weit niedriger und über ihre Rücken hinweg bewaldet. Und so gab es in seinem Revier natürlich keine Gämsen!
Der eine möchte also für sein Leben gern einmal eine Gams schießen, der andere sehnt sich danach, einmal auf einen guten Rehbock zu gehen. Was tut also St. Hubertus? Er führt die beiden zusammen und lässt sie einen Handel abschließen. „I lod di ein auf an guaten Rehbock ba mir im Revier, dafür derf i im Spotherbst ba dir a Gams schieaßn, wos sogst dazua?“, meinte Fritz eines Tages bei einem sonntäglichen Frühschoppen beim Pfandlwirt. Dagegen war nun wirklich nichts zu sagen, eine wunderbare Idee, wir gaben uns die Hand drauf, und der Austausch war zu beider Zufriedenheit besiegelt.
Ende Juli rief mich Fritz an, er hätte bereits einen sehr guten Bock bestätigt, die Brunft wäre schon in vollem Gange und ich könnte jederzeit kommen. Wir vereinbarten für den kommenden Freitag den Abendansitz. Ich teilte es mir so ein, dass ich auch Samstag und Sonntag noch als Jagdtage zur Verfügung hatte, für alle Fälle.
„Eine knappe Autostunde trennt mich noch von meinem kapitalen Rehbock“, dachte ich, als ich meine Jagdsachen sorgfältig in den Kofferraum packte. Ich sollte so gegen 17 Uhr am Hof von Fritz gestellt sein. Ich war pünktlich, Fritz hatte noch einige Dinge zu erledigen, wie das auf einem Bauernhof eben so ist, doch gegen 18 Uhr brachen wir auf.
Die Sonne stand noch hoch und drückte uns ihre brütende Hitze unbarmherzig ins Gesicht. Wir pirschten einen von Birken und Pappeln gesäumten Wiesenweg leicht bergan, erreichten einen Waldstreifen, durch den ein gerade noch erkennbarer Jägersteig führte, und kamen leicht verschwitzt zu einem Hochsitz am Rande einer geradezu märchenhaften Wiese, eingesäumt von dichtem und saftigem Mischwald, nur gegen Süden hin leicht geöffnet hinaus auf die wogenden Getreidefelder. „Vor drei Tog hot da Bock do a Gaoß über die gaunze Wiesn triebn“, raunte mir mein Pirschführer zu, wir setzten uns auf den etwas wackligen Hochsitz und harrten der Dinge, die da kommen würden.
Fast zwei Stunden lang wurden wir von Mücken und Gelsen umschwirrt, man konnte also nicht sagen, dass wir keinen Anblick gehabt hätten, aber jagdbares Wild war nicht zu sehen. Dann trat am südlichen Wieseneck doch noch eine Geiß mit einem starken Kitz aus, die beiden genossen sichtlich die würzigen Leckerbissen der üppigen Wiese, Bock war aber keiner zu sehen. Beim Abbaumen meinte Fritz, dass so etwas natürlich schon vorkommen könnte. Er zeigte mir noch einen Pirschsteig, der in nordwestliche Richtung weiterführte zu einer anderen, kleineren Blöße, wo sich der Bock auch herumtreiben könnte, dort müsste man vielleicht auch einmal Nachschau halten.
Zu Hause angekommen, musste ich natürlich noch mit hinein in die Stube auf einen Schnaps und ein Bier, ich lernte seine fesche und resche Bäuerin Cilli kennen, und wir plauderten ein Weilchen. Fritz eröffnete mir schließlich, dass ich ab sofort alleine auf Ansitz gehen könne, ich wisse ja jetzt schon Bescheid. Auf die Wiese und den kleinen Schlag dahinter solle ich mich konzentrieren und natürlich auf den starken Bock, den er mir noch einmal beschrieb, so gut er konnte. An der linken Stange hätte er ein zusätzliches Ende nach hinten, das mache ihn unverwechselbar. Er selbst hätte gerade jetzt sehr viel Arbeit am Hof und am Feld, das möge ich verstehen. Freilich verstand ich das, und ich freute mich über das Vertrauen, das er mir damit entgegenbrachte. Ich kündigte an, schon am nächsten Morgen wieder hinauszugehen und verabschiedete mich nach einem gemütlichen Plauderstündchen frohgelaunt.
Es war bereits nach Mitternacht, als ich nach Hause kam, meine liebe Ehefrau war noch wach, sie hatte schon befürchtet, mich abholen zu müssen, weil ich beim Bock-Feiern versackt war. Nein, aber im Sommer ist der Tag halt so lang, man sitzt fast bis halb zehn am Hochsitz, und bis dann alles besprochen ist und die lange Heimfahrt …
Um halb 4 Uhr rasselte der Wecker, um halb 5 Uhr saß ich wieder auf dem Hochsitz. Unten am offenen Teil der Wiese meinte ich im diffusen Grau der langsam zurückweichenden Nacht die Umrisse von zwei oder drei Rehen zu erkennen, doch sie entschwanden, bevor mir das Licht des heraufdämmernden Tages erlaubt hätte, sie anzusprechen. Etwas später stand dann im rechten Eck der Wiese auf einmal ein junger Bock, suchte ein wenig nervös herum und drückte sich bald wieder ins Holz.
Die Sonne hob sich hinter meinem Rücken in den stahlblauen Himmel, ein prachtvoller Tag zog herauf, nur die Wiese vor mir blieb leer. Also pirschte ich bedächtig zurück, sah im großen Feld hinter dem Bauernhof weit entfernt noch drei Rehe, dann setzte ich mich ins Auto und rauschte nach Hause. Am Abend wollte ich etwas früher hinaus und nahm mir vor, auch meinen Rehfiep mitzunehmen (damit war ich damals allerdings noch sehr ungeübt).
Es war wirklich ein sehr heißer Tag, die Luft flimmerte noch, als ich es mir wieder gemütlich machte „im vorderen Winkel“, wie Fritz diesen Revierteil nannte. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, ich drohte gerade ein wenig einzudösen, da stürmte eine Geiß daher, getrieben von einem Bock, den ich rasch als den bereits gestern gesehenen ansprechen konnte. Die beiden jagten über die Wiese, dass es eine Freude war, einmal fingen sie sich auch tatsächlich in einem Art „Hexenring“, doch so schnell wie sie gekommen waren, verließen sie die Bühne auch wieder. Ich war sicher, dass sich der Dreijährige darüber im Klaren war, dass er sich auf gefährlichem Terrain bewegte, nämlich im Einstandsgebiet eines viel stärkeren Bockes. Aber der zeigte sich nicht. Ich fiepte ein paarmal ein wenig zaghaft, die gewünschte Wirkung blieb aus. Ein malerischer Sonnenuntergang half mir über die erste leichte Enttäuschung hinweg.
Sonntag früh setzte ich mich wieder auf den Hochsitz, wieder sah ich den jungen Bock, diesmal ganz unten an der Wiesenöffnung, wie er seine Geiß ins Getreidefeld trieb. Kurz meinte ich, einen zweiten Bock gesehen zu haben, zum Ansprechen reichte es aber nicht.
Am Abend erinnerte ich mich an den Steig, den mir Fritz bei unserem ersten Ansitz gewiesen hatte, und pirschte ihn mit äußerster Vorsicht entlang, bis ich den kleinen Kahlschlag erreicht hatte, den der Fritz „hinterer Winkel“ nannte. Die Himbeerstauden waren gerade dabei, von der kleinen freien Fläche Besitz zu ergreifen, für einen Hochsitz hatte Fritz wohl noch keine Zeit gehabt. Ich kauerte mich an einen alten Wurzelkörper und konnte den Schlag ganz gut überblicken, also beschloss ich, sitzen zu bleiben. Vielleicht hatte der Bock seinen Einstand ja tatsächlich bis hierher ausgeweitet.
Nach einigen Minuten versuchte ich es mit dem Lockruf der Geiß. Nichts! Doch kurz bevor das Büchsenlicht zu schwinden drohte, stakste tatsächlich ein Reh aus dem Altholz. Es war ein Bock! Sehr starker Körperbau, aber doch irgendwie jugendlich, das Krickel massig und stark vereckt, aber kaum über Lauscher hoch. Das war nicht der Bock, den mir Fritz beschrieben hatte, das war ein junger, gut veranlagter, dem man jedenfalls noch ein paar Jahre geben sollte. Ich schaute ihm eine Zeit lang zu, wie er sich ein paar Blätter von den frischen, saftigen Stauden zupfte und schließlich verschwand, wie er gekommen war.
Als ich um die Stadlecke des stattlichen Bauernhofes einbog, stand der Fritz vor der Haustüre und rief mir von weitem schon ungläubig zu: „Wos is lous, wou is da Rehbock?“ Ich erzählte ihm wahrheitsgetreu, wie es mir ergangen war, und Fritz schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber der Bock is do, deis is gaunz sicher, do muasst hiaz draubleibn, du kaust jederzeit ausigeih, wias’d holt Zeit host!“ Er zog mich mit hinein in die Stube, wo Cilli bereits eine zünftige Jause für mich aufgetischt hatte. „Mia hätt ma uns schou denkt, dass du heit mit’n Bock hoamkimmst“, grinste mich die Bäuerin an und stellte mir auch noch ein Bier auf den Tisch.
Nun hatte ich leider neben der Bockjagd auch noch etwas anderes zu tun und musste die nächsten Tage aussetzen. Am Mittwoch zum Abendansitz war ich aber wieder zur Stelle, eine kurze Besprechung mit Fritz ergab keine neuen Erkenntnisse, also setzte ich mich wieder auf den Hochsitz im „vorderen Winkel“. Das Wetter hatte umgeschlagen, der Himmel war bedeckt, und es war erheblich kühler, doch der Wind stand gut. Nur der Bock kam nicht. Auch am darauffolgenden Morgen saß ich drei Stunden vergebens auf dem Hochsitz. Ich muss gestehen, dass mich bereits die ersten Zweifel beschlichen, doch am Abend kam die Wende. Ich wagte ein paar zaghafte Fieplaute, und nach ein paar Minuten stand er da! Tatsächlich ein kapitaler Bock, so wie Fritz ihn mir beschrieben hatte, mit dem auffälligen, zusätzlichen Ende auf der linken Stange. Zur gleichen Zeit erschien allerdings von mir unbemerkt in der anderen Ecke der Bühne eine Geiß, und da war es um den Bock natürlich geschehen. In hohen Fluchten jagte er über die ganze Wiese, erreichte seine Angebetete und verschwand mit ihr im Unterholz, so schnell konnte ich gar nicht schauen.
Ich wartete bis zum allerletzten Büchsenlicht, doch sie kamen nicht mehr zurück. In der Bauernstube beim Fritz und bei der Cilli erzählte ich freudestrahlend von meinem Anblick und Fritz schmunzelte vor sich hin: „Na jo, auf an guaten Bock muass ma schou a poarmol geihn, sunst hot man neit vadient, deis is a oide Haubn.“ Ich nahm das zur Kenntnis, fuhr nach Hause und plante auch das kommende Wochenende jagdlich.
Am Freitagabend erschien im unteren Wieseneck gegen das Getreidefeld hin wieder der Dreijährige. Am Samstag blieb ich den ganzen Tag unten im „Unterland“, streifte auch über Mittag durchs Revier, fiepte da und dort, bekam noch einen weiteren jungen Bock in Anblick, der ebenfalls mit einer Geiß beschäftigt war. Am Sonntag in der Früh regnete es in Strömen, da trat mein Kapitaler ganz unten kurz aus dem Getreidefeld, für einen weidgerechten Schuss war es jedoch viel zu weit. Am Abend packte ich nach weiteren drei Hochsitzstunden meine Sachen und fuhr nach Hause, ein bisschen enttäuscht war ich schon. Fritz sprach mir unermüdlich Mut zu, ich solle nur ja nicht verzagen, ich würde ihn schon kriegen, versprach er mir.
Meine allerliebste Ehefrau, die verständnisvollste von allen, konnte nicht umhin, ihrem Befremden darüber Ausdruck zu verleihen, dass ich so unglaublich viel Zeit dafür verwendete, einem Rehbock nachzujagen. Meine Erklärungsversuche scheiterten erwartungsgemäß. Aber immerhin erkämpfte ich mir das Recht, auch das folgende Wochenende noch einmal jagdlich zu planen.
Mit Optimismus, der allerdings durchwachsen war von einem Hauch von Verzagtheit, das muss ich gestehen, machte ich mich auch am folgenden Freitag wieder auf den Weg ins Unterland. Mein Freund Fritz versicherte mir, dass er den bewussten Revierteil die ganze Woche über in Ruhe gelassen hätte und dass er nach wie vor sicher wäre, dass der Bock im vorderen Winkel seinen Einstand hätte. Das Wetter war gut, der Wind mäßig, als ich mich am Hochsitz einrichtete, stand er mir im Gesicht, also beste Voraussetzungen.

Eine gute Stunde tat sich nichts, ich genoss den lauschigen Abend und ließ mich von Vogelgezwitscher und Grillengezirpe verzaubern. Den Rehfiep packte ich nicht mehr aus, Fritz hatte gemeint, ich solle das lieber bleiben lassen. Und dann auf einmal: der Bock! Da stand er, dicht am Waldrand rechts oben, mit dem Stich zu mir, ich hatte das Gefühl, er äugte mir direkt in meine Augen! Langsam, wirklich ganz langsam hob ich das Glas, um mich zu vergewissern, der Bock stand da wie angewurzelt. Er war es, ohne Zweifel. Und wieder ganz langsam griff ich zur Büchse, der Bock konnte mich nicht im Wind haben, irgendetwas schien ihm aber doch nicht ganz zu passen.
Er begann zu äsen, warf aber immer wieder in kurzen Abständen auf. Er stand immer noch spitz, zog herein auf die Wiese, wurde immer schneller und sprang schließlich flüchtig gegen das Altholz zurück. Ich hatte ihn im Zielfernrohr. Jetzt sprach ich ihn nicht mehr an, sondern ich schrie ihn an. Und da machte er das „Haberl“, das sein Schicksal besiegeln sollte. Der Schuss krachte hinaus in die abendliche Dämmerung, so laut, kam mir vor, dass ihn auch meine Frau oben am Tauern gehört haben musste. Und wenn nicht den Schuss, dann den Jauchzer, der mir gleich darauf entfuhr, denn der Bock lag im Feuer! Es war bei Weitem der beste Bock, den ich bis dahin erlegt hatte.
Das war dann natürlich ein großes Hallo beim Fritz, der rief gleich noch ein paar Nachbarn zu sich ins Haus, und die emsige Cilli trug Jause und Getränke auf, dass sich der alte Bauerntisch bog, eine Bockfeier der zünftigen Art nahm ihren Lauf. Von Fritz bekam ich dann noch so eine Art Orden: Er hätte schon vielen Jägern einen Bockabschuss in seinem Revier ermöglicht, ich wäre derjenige gewesen, der mit Abstand am längsten dazu gebraucht hatte! Ich habe nachgerechnet, es waren 16 Pirschgänge gewesen. „Zache Jaga mochn Wüdbrat!“, lobte mich der Fritz und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Und meine liebe Frau oben am Tauern war auch nicht sonderlich böse darüber, dass ich die Nacht im gastlichen Haus von Fritz und Cilli verbrachte, an ein Nachhausefahren war nicht zu denken.
Als wir im November das erste Mal ins Stierkar aufstiegen und Ausschau hielten nach einem passenden Gamsbock für Fritz, dachte ich kurz darüber nach, ob ich es ihm nicht auch ein wenig schwerer machen könnte und ihn zumindest beim ersten Mal auf gar keinen Fall zu Schuss kommen lassen sollte. Aber den Gedanken verwarf ich gleich, denn so etwas rächt sich meistens. Ich sah an diesem kalten und klaren Novembertag die Gämsen schon von Weitem in den Wandeln stehen, wir kamen bei passendem Wind gut heran, und Fritz erlegte mit sicherem Schuss seinen Gamsbock. Und die Freundschaft eines Gebirgsjägers mit einem Landler-Bauern, die mit einem jagdlichen (Bock-)Handel begonnen hatte, war für lange Zeit gefestigt.
Der Wödhabel-Luis
Einen hatten wir in unserem Dorf, der hieß Alois. Jedenfalls war das sein richtiger Name. Die Leute nannten ihn alle Luis. Der Luis war ein riesenhafter Lackel und maß wohl nicht viel weniger als zwei Meter in der Höhe, aber auch seine Breite war mehr als bemerkenswert. Hände hatte er wie Bärentatzen und eine Kraft, die jedem Wirtshaus-Randalierer schon beim Gedanken daran die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Luis war häufig im Gasthaus anzutreffen, was dem Frieden am Stammtisch stets sehr zuträglich war. Denn der Luis war keineswegs ein Raufbold, ganz im Gegenteil, er war meist derjenige, der Meinungsverschiedenheiten zur Einigung brachte, und da reichte üblicherweise bereits seine bloße Anwesenheit. Außerdem war der Luis praktisch immer guter Laune, war zu jedem freundlich, zeigte sich stets hilfsbereit und konnte keine Bitte abschlagen. Wenn also für irgendeine Arbeit besonders viel menschliche Muskelkraft erforderlich war, rief man den Luis, der machte das. Und als der Bruckenwirt dem Luis einmal anerkennend auf die Schulter klopfte, als dieser gerade wieder einmal einen besonderen Kraftakt vollbracht hatte, meinte der Luis mit seinem unnachahmlichen Grinsen im Gesicht: „Woaßt, Bruckenwirt, i moa, waun die Wöd Habel hätt, i hebat sie aus!“ Das gefiel dem Bruckenwirt und den anderen umstehenden Mannsbildern, und der bärenstarke Luis hieß fortan „Wödhabel-Luis“!
Sicher, ein bisschen einfältig war er schon, der Kraftlackel, denn wer glaubt denn allen Ernstes, dass er die Welt aus den Angeln heben könnte? Und wer ist schon zu jedermann freundlich, will keinem etwas Böses tun und hilft überall, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten? Der Luis tat das und war immer zufrieden mit dem, was man ihm gab. Ganz schön oft war das auch nur ein halbherziges Dankeschön. Aber natürlich bekam er für manche Arbeiten auch Geld, und wenn er von einem Bauern um Hilfe gebeten wurde, gab es für einige Tage auch Essen und Trinken. Ausgeschlagen hat er keinem eine Bitte, aber je kleiner und armseliger ein Bäuerlein war, desto lieber half ihm der Luis. Denn bei den großen Bauern saß er zu Mittag am Gesindetisch und bekam meistens einen Teller Sterz und einen gewässerten Most. Bei den ärmeren Bauern saß er aber stets mit den Bauersleuten am Tisch und bekam, was auch diesen aufgetischt wurde. Komisch eigentlich, dachte sich der Luis jedes Mal wieder.
Natürlich wurde er auch ab und zu gehänselt und immer wieder einmal gefragt, wann er denn nun die Welt aus den Angeln heben würde, aber meist war man doch sehr froh, dass man ihn hatte. Denn wenn etwa Zaunstipfel für einen Almzaun auf den Berg zu tragen waren, lud sich der Luis dreimal so viel auf seinen Rücken wie der Bauer. Wenn an einem Karren ein Rad zu wechseln war, hielt der Luis den Karren ohne viel Mühe währenddessen in die Höhe. Wenn irgendwo ein Loch zu graben war, erledigte der Luis das in einem Bruchteil der Zeit, die ein anderer dafür gebraucht hätte. Und wenn ihm dann anerkennend auf die Schulter geklopft und seine titanenhafte Kraft bewundert wurde, war er glücklich, der Wödhabel-Luis.
Es war ein guter alter Brauch, dass sich Anfang November jedes Jahr die Jäger des Dorfes zur Hubertusjagd versammelten. Der Luis war zwar kein Jäger, aber er war ein unentbehrlicher und höchst begeisterter Treiber. Ihm konnte man ohne Bedenken die doppelte Wegstrecke der anderen Treiber zumuten, das machte ihm überhaupt nichts aus, vermutlich wäre er sogar beleidigt gewesen, wenn man es nicht getan hätte. In einem Jahr, in dem zu dieser Zeit bereits der erste Schnee gefallen war und der Wind ordentlich durch das Tal pfiff, machten sie sich wieder auf, um vielleicht einen passenden Hubertushirsch zur Strecke zu bringen. Der Sepp, der Karl, der Gottlieb und natürlich der Luis waren die Treiber. Luis, der sich auch in den meisten Revieren bestens auskannte, stellte zuerst die Schützen an, stapfte dann wieder ganz hinunter ins Tal und war zur Stelle, als der Trieb angeblasen wurde. Nachdem bereits ein „Schneberl“ lag, wie die Jäger das nannten, also eine dünne Schneedecke das Land überzog, ließen sich auch die Fährten sehr schön verfolgen, und es dauerte tatsächlich nicht besonders lange, bis die ersten Schüsse fielen.
Luis kam nach einer guten Stunde zum Albrecht, der am oberen Rand einer wirklich sehr steilen Felsrinne stand, die in einer Art Doline endete, und einigermaßen besorgt in die Tiefe blickte. „I haun auf an Hirsch gschossn, und stöll da vor, der is genau in deis Loch einigrutscht!“, meinte er zum verdutzten Luis. Da war nun guter Rat teuer, wie sollte man den Hirsch in diesem eigentlich unzugänglichen Gelände bergen? Einige der anderen Jäger hatten sich ebenfalls eingefunden, alle blickten sie zaghaft hinunter zum verendeten Hirsch, aber keiner machte irgendwelche Anstalten, etwas zu unternehmen.
Inmitten der herumstehenden Jäger war der Luis der einzige, dem etwas einzufallen schien. Und wie immer stand seine Muskelkraft im Mittelpunkt seiner Überlegungen, er entledigte sich seines Rucksacks und seines Wetterflecks und kletterte bedächtig, aber zielstrebig hinein in die steile Felsrinne. Nach und nach bemerkten es die Jäger und schauten ihm nicht ohne Besorgnis nach. „Wos tuast denn do, Luis?“, rief ihm der Bruckenwirt hinterher. „Jo, oana muass jo den Hirsch huin, oder wuits n liegn lossn?“, gab der Luis zur Antwort und ließ sich nicht mehr davon abbringen, hinunterzuklettern zum verendeten Hirsch. Dort angekommen, spuckte er sich ein paarmal ordentlich in die Hände, band die Vorder- und die Hinterläufe des Hirsches mit einem „Strangl“ zusammen, hob sich den ganzen Hirsch auf seinen Buckel und kraxelte langsam, aber sicher die elend steile Felswand herauf. Die Münder aller oben stehenden Jäger standen weit offen, keiner sagte ein Wort. Dass der Luis sehr viel Kraft hatte, das wussten sie, aber dass er mit einem Hirsch auf dem Buckel eine Felswand nach oben klettern konnte, das ging ihnen entschieden zu weit. Und als der Luis dann tatsächlich über die Felskante heraufschaute, schweißüberströmt und schwer schnaubend, und ihnen den Hirsch vor die Füße schmiss, ging ein Raunen durch die Reihen. Die Männer schüttelten ihre Köpfe, sie konnten nicht glauben, was sie gerade mit eigenen Augen gesehen hatten.

„Luis, bist hiaz gaunz narrisch worn?“, meinte der Bruckenwirt. „Na, sou wos haun i wirkli nou nia gsehgn!“, stammelte der Albrecht. „Hest wos gsogt, mia hättn da jo ghulfn!“, nuschelte der Sepp vor sich hin, aber der Luis sah da schon so ein merkwürdiges Grinsen im Gesicht vom Sepp. Und dann kamen noch ein paar spöttische Bemerkungen von den anderen dazu, die dem Luis nicht gefielen. Es beschlich ihn allmählich das Gefühl, dass er hier nicht bewundert, sondern ausgelacht wurde, und das war etwas, was der Luis gar nicht leiden konnte. Und als dann der Hias noch meinte: „Luis, du bist a festa Depp, du hest in Hirsch wenigstens aufbrechen sulln!“, brannten beim Luis die Sicherungen durch. Er packte den Hirsch kurzerhand und warf ihn mit Schwung zurück hinunter in das Felsenloch!
„Daunn huits eich eichern Hirsch hoit söba!!“ Sprach’s, griff sich seinen Rucksack und den Wetterfleck und ging seines Weges. Da war es natürlich augenblicklich still in der Jägerrunde, so lang waren ihre Gesichter ganz bestimmt noch nie.
Als der Luis nach ein paar Tagen wieder ins Gasthaus kam, tat er, als wäre nichts geschehen und war zu allen freundlich, wie immer. Aber das Verhalten der anderen ihm gegenüber hatte sich grundlegend geändert. Was für ein Respekt ihm auf einmal von allen Leuten im Dorf entgegengebracht wurde, das war schon sehr bemerkenswert. Alle wussten jetzt nicht nur, dass er stark war wie ein Bär, sondern auch eine sehr sensible, empfindsame Seele hatte, die man besser nicht verletzte. Den Namen „Wödhabel-Luis“ trug er fortan wie einen Adelstitel.
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