Kitabı oku: «Ein anderer Ort»
Signe Langtved Pallisgaard
Ein anderer Ort
Roman
Übersetzt von Anna M. Mondry
Saga
Ebook-Kolophon
Signe Langtved Pallisgaard: Ein anderer Ort. Aus dem Dänischen von Anna M. Mondry. © 2014 Signe Langtved Pallisgaard. Originaltitel: Et andet sted. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.
ISBN: 9788711332870
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Für Camilla
Eins
Als ich das kochende Wasser über den Teebeutel goss, fiel es mir auf: Heute ist es genau ein Jahr her, seitdem das Ganze begann. Ein Jahr seitdem ich nach Norwegen reiste und alles in Fahrt kam, hin zum Abgrund. Es ist nicht so, dass ich an Jahrestagen hänge, aber in der Vorstellung, dass es einen Anfangspunkt gibt, liegt etwas Beruhigendes. Denn das, was irgendwo anfängt, muss auch einen Punkt haben, wo es endet. Ich möchte glauben, dass dieser Drang zu Worten auf einem unentdeckten Fehler in meinem System beruht: einem losen Gerüst oder einem schwachen Skelett, das allzu einfach im Unwetter der Zufälle zusammenbricht.
Am Freitag fahre ich wieder nach Norwegen. Mein Bruder Anders ist Vater eines kleinen Jungen geworden. Björn heißt er. Er wurde vergangene Woche geboren, am selben Tag, an dem meine Großmutter begraben wurde.
Ich habe zwei Brüder. Einen lebenden und einen toten. Ein großen Bruder und einen kleinen Bruder. Mein großer Bruder lebt in seinem rotgestrichenen Haus in Norwegen, aber mein kleiner Bruder starb, bevor er sein erstes Lebensjahr vollendete. Er hatte es noch nicht einmal geschafft, seine ersten Schritte zu machen, als die Katastrophe eintraf.
Anders, der lebende, sagte einmal, dass alle Katastrophen die Schuld menschlicher Fehler seien. Jedes Bauwerk kann einstürzen, alle Systeme haben Schwachpunkte, und keine Liebe ist so stark, dass sie nicht Risse bekommen kann. Das letzte hat er nur nie gesagt, weil er so ungern über Liebe redet.
Heute ist es ein Jahr her, dass er mich eines frühen Morgens anrief und mir erzählte, dass seine Welt in Schutt und Asche läge. Es war Januar und die Wohnung lag noch im Dunkeln. Als ich zum Telefon lief, das auf einer Kommode im Flur lag und läutete, hing ich immer noch an der Kante eines Traums fest. Deshalb ging mir nicht auf, dass das oft bedeutet, dass jemand tot ist, oder nahe dran ist, es zu sein, wenn man früh morgens um vier Uhr angerufen wird. Außerdem hatte ich Angst, dass Mattis aufwachen würde, denn wir wohnten damals zusammen, und er hatte für diese Morgengespräche mit meinem Bruder nicht viel übrig.
„Oh, Anna, das Schlimmste ist, dass es so einfach zu vermeiden gewesen wäre“, jammerte Anders. „Mir wäre es leichter gefallen als allen anderen, das zu verhindern.“
Ich konnte hören, dass er in die Luft schnippte, um zu illustrieren wie leicht. Ich wachte plötzlich auf.
„Was vermeiden? Was ist geschehen?“
Er schluchzte. Der große Mann schluchzte wie ein Kind. Ich hielt das Telefon eingeklemmt zwischen Wange und Schulter und wischte eine tote Fliege von der Kommode. Als er erzählte, was passiert war, überraschte es mich nicht im Entferntesten. Jahrelang hatte ich den Zweifel in der Stimme meines Bruders wie eine Verzögerung sitzen hören, und im Übrigen fand ich, dass sie schon von Anfang an am Ende war, diese Ehe.
Der Becher Tee in meiner Hand ist kalt geworden, während ich da gesessen und meine Tochter durch den Türspalt zum Wohnzimmer angestarrt habe. Ich kann einen Teil ihres dünnen Pyjamabeins, das unter ihr im Korbstuhl angewinkelt ist, und einen Streifen ihres Gesichts sehen: hell und offen. Eine Falsettstimme lacht im Fernseher. Das Geräusch füllt das ganze Wohnzimmer. In unregelmäßigen Abständen wippt sie im Stuhl hin und her, so dass dieser auf dem Holzboden vor und zurück rutscht. Ich schleiche zur Tür, wo ich stehen und das sich verändernde Leben in ihrem Gesicht betrachten kann. Sie nimmt alles auf, und alles nimmt sie auf. Es sieht aus, als hätte sie eine Welt in sich selbst gefunden, wo es sich gut leben lässt. Es gibt wenige Dinge, die ich mir mehr wünsche als das, aber so wenig ist das auch nicht. Ich gehe zurück zu meinem Stuhl am Esstisch. Kurz darauf kommt sie in die Küche, legt das Kinn auf mein Knie, guckt zu mir hinauf mit Augen, die mich vollständig zu ihr herab saugen, und sagt:
„Weißt du, was ich gerne zeichnen möchte, Mama?“
„Nein, Selma. Was möchtest du gerne zeichnen?“
Sie presst die Lippen geheimnisvoll zusammen und setzt sich auf ihren Hochstuhl. Ich hole einen Stapel Papier und lege ihn auf den Tisch, aber bevor sie mit einem Marker auf dem obersten Blatt zu kratzen beginnt, wirft sie mir einen kurzen, untersuchenden Blick zu, der so schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist. Ich genieße diesen Augenblick der Stille, der zwischen uns entsteht, bevor sie den Kopf schräg legt und laut und eindringlich zu summen beginnt.
Es war etwas in der Art, wie sie mich anguckte, als wir frühstückten, das mich dazu gebracht hat, damit anzufangen das hier zu schreiben. Ich weiß wohl, dass man nicht einfach so ein Kapitel in der Lebensgeschichte eines anderen Menschen ändern kann, ohne dass es Konsequenzen für das Ganze birgt. Deshalb habe ich mich hingesetzt undaufgeschrieben, was geschehen ist. Wenn man weiß, wie eine Familie zusammenhängt, ist es einfacher zu verstehen, wie sie auseinanderfallen kann.
Selma wird des Zeichnens blitzschnell müde. Bald malt sie nur noch eine einzelne Kritzelei auf jedes Papier, bevor sie es vom Stapel reißt und zum nächsten übergeht. „Willst du mehr fernsehen?“ frage ich, als sie die nackte Tischplatte erreicht. „Nein, ich will raus“, stellt sie fest und hüpft vom Stuhl. Ich gucke aus dem Fenster. Das Wetter sieht gut aus, es gibt keinen Grund, warum wir nicht rausgehen sollten. „Was sollen wir da draußen machen?“ frage ich, aber ich weiß sofort, dass das verkehrt ist. Man sollte nicht diese Art Rastlosigkeit auf die Schultern eines Kindes verlagern. Ich weiß nur nicht, wie ich sie sonst loswerden soll. Das ist einer der größten Nachteile des Alleinseins: Man hat keinen Ort, wo man die Dinge von sich legen kann.
„Ich will nach Hause zu Oma und Opa“, sagt sie und schaut mich mit etwas an, was Trotz ähnelt. „Nein, Selma, wir bleiben hier. Wir sind gezwungen zu bleiben, wo wir sind.“
Ich wohne hier seit einigen Monaten, aber es fühlt sich weiterhin wie ein fremdes Land an. Ein anderer Teil der Welt. Sie akzeptiert meinen Plan hinunter zum Hafen zu gehen und sich die Schiffe anzusehen, und ich beschließe, uns beide mit einer Tasse Kakao in einem Café zu belohnen, wenn wir zum Langelinie-Pier kommen. Macht man nicht so etwas? Denkt man nicht so etwas? Wenn man eine ordentliche Mutter ist. Während ich auf dem Boden knie und ihre Zeichenblätter einsammle, steht sie im Schlafanzug im Flur und gleicht jemandem, der auf eine Bestellung wartet.
„Kannst du reingehen und dich anziehen?“ frage ich. „Oder willst du lieber den Schlafanzug anbehalten?“
Sie nickt schwer, stampft mit dem einen Fuß auf den Boden und sagt: „Ja, ja, ja.“
„Okay, dann darfst du das.“
Es macht wohl auch nichts aus, wenn die Kleine den Pyjama unter dem Schneeanzug trägt, denke ich und schalte den Computer aus.
Anders, der Sohn meines Vaters aus einer früheren Beziehung, ist weder äußerlich noch innerlich gewöhnlich. Selbst, wenn er eine Tugend daraus macht, kein kluger Mann zu sein, und selbst wenn wohl über ihn gesagt werden kann, dass er ein bisschen dicklich ist, sind ihm die Dinge immer leichtgefallen. Er hat früh in seinem Leben gelernt, wie weit man mit ein paar wohlgewählten Worten kommen kann, und er hat immer eine Frau mit einem ganz entschlossenen Blick ansehen können, wohlwissend, dass sie es nicht lassen kann, es ihm zurückzuzahlen. Ich habe im Nachhinein den Überblick verloren, wie viele meiner Freundinnen sich Hals über Kopf in ihn verliebt haben. Wie viele bereit gewesen sind, ihr Leben wegen Anders über Bord zu werfen. Vielleicht ist das Geheimnis dieser klare, fast väterliche Blick in den eisblauen Augen? Ein Blick, der selbst die gewöhnlichste Frau dazu bringt, sich einzigartig zu fühlen.
„Ich glaube, du bist deshalb so charmant geworden, um für etwas Ausgleich zu schaffen“, sagt Hilde, seine Frau, oft mit einem Hauch von Vorwurf in der Stimme. Und wenn ihm etwas gelingt, versäumt sie nie eine Gelegenheit, ihm etwas zu hart die Wange zu tätscheln und hinzuzufügen: „Es gibt doch so viel Anderes, was du nicht kannst, mein Freund.“
Man hat immer das Gefühl, dass Anders‘ Hingabe für einen augenblicklich und ohne Ankündigung in unfruchtbare Gleichgültigkeit umschlagen kann. Es gibt Festigkeit in seinem Blick, aber dennoch ist abweichen das Einfachste der Welt. „Ich verlasse dich nie“, flüstert er immer, unmittelbar bevor er weggeht.
Aber jetzt war er augenscheinlich in Liebesproblemen gelandet. „Das ist meine Schuld. Ich habe Schuld und niemand anders“, klagte er am Telefon und machte eine lange Pause, in der Hoffnung, ich möge ihm widersprechen. Als dies nicht geschah, winselte er weiter, dass er bei Tagesanbruch gehängt und an seinen Haaren durch die Straßen geschleift werden sollte. Ich fand, dass es zu früh am Tag für diese Art Dramatik war, also antwortete ich ihm nicht.
Die größten Unglücke werden oft von den kleinsten Dingen ausgelöst. Ein bisschen Gedankenlosigkeit, ein unaufmerksamer Augenblick. Ein Schritt in die falsche Richtung, wo sich der Abgrund befindet. Hierbei denke ich nicht nur an große Begebenheiten wie Atomunglücke, Ölkatastrophen und Verkehrsunfälle. Das gilt auch für alltägliche kleine Tragödien. Das, was an jenem Abend in dem rotgestrichenen Haus am Berg geschehen ist, hätte leicht als einer von Anders‘ ewigen Versuchen sympathisch zu sein abgehakt werden können. Mein Bruder ist ein sympathischer Mann, aber er ist denen am sympathischsten, die ihn nicht so gut kennen, und er kann schwer erträglich für uns sein, die ihn besser kennen.
Anders und Hilde wohnen weit außerhalb von Recht und Gesetz des Landes, aber wenn man auf der Terrasse vor dem Haus steht und in die richtige Richtung späht, kann man einen Blick auf Mjøsa erhaschen. Er eröffnet sich am Fuße des kleinen Dorfes, das eigentlich kein Dorf ist, sondern ein verlassener Fleck mit einem Shoppingzentrum, einem Holzhändler und einer Tankstelle, die im Laufe der Jahre mit einer Raststätte zusammengewachsen ist.
Im Haus, in dem sie wohnen, hat Anders seine Kindheit verbracht. Er wuchs bei seiner Mutter und seinem Stiefvater auf, die beide wenige Monate nacheinander verstarben. Als man sie begraben hatte, erbte Anders das Haus. Ohne zu zögern gab er seine Junggesellenwohnung in Oslo auf und mit derselben Entschlossenheit, mit der man eine Milchtüte zusammenfaltet und in den Mülleimer wirft, kündigte er seinen Job als Barchef, löste seine Wohnung auf, packte sein Leben in Kartons, und zog nach Norden. Er ließ alles zurück, was er kannte, und begann, mit einem auffallenden Mangel an Sentimentalität, etwas ganz Neues.
Es fällt mir schwer, mir etwas Langweiligeres vorzustellen, als mein Leben an so einem Ort zu verbringen. Dennoch hat es mir immer gefallen dort zu sein. In seinem Haus zu sein hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich entspanne mich, sobald ich durch die Tür trete.
Anders verbrachte das gesamte erste Jahr damit, das Haus auszuräumen, die Vergangenheit mit einem Lastwagen wegzukarren, und es mit seinen Erwartungen an all das, was kommen sollte, auszufüllen. Er baute das kleine Holzhaus vom Keller bis zum Giebel um. Bis heute hängt ständig ein schwacher Duft von neuem Holz und Baustaub zwischen den Wänden. Abends brennt ein Feuer im Kamin. Es ist warm wie in einer Sauna und auf dem Sofatisch steht eine Schale mit Süßigkeiten. Mitten im Haus steht wie ein Herzmuskel der flimmernde Fernseher. An jenen dunklen Winterabenden kann das Haus gut und gerne einsam und ausgesetzt wirken, aber damit muss man leben, weil es bei Tageslicht etwas ganz anderes ist. Bei Tag offenbart sich eine großartige Aussicht rund um das Haus, die niemand mit größerer Aufmerksamkeit zu würdigen weiß als Hilde, behauptet sie zumindest.
Hilde ist ein Kapitel für sich. Obwohl man sagen muss, dass sie sich mit der Zeit gebessert hat, denke ich ständig, dass Anders etwas Stabileres verdient. Eine Klippe zum anlehnen. Ein Grundstein, auf dem man sicher stehen kann. Anders hat es nicht immer leicht gehabt, und Leute, die es schwer gehabt haben, haben keine Verwendung für poröse Steinchen. Sie brauchen etwas Festes und Unveränderliches. All das ist Hilde nicht. Sie richtet sich immer nach demjenigen, mit dem sie gerade zusammen ist. Diese Begeisterung für die Natur ist beispielsweise nicht echt; sie ist etwas, was sie sich wie einen Bademantel oder eine Perücke angezogen hat, um Anders‘ Interesse zu behalten. Früher in ihrem Leben hat sie alles verabscheut, was nicht aufgewärmt, verschlossen und von Menschenhand geschaffen war. Aber eines Tages, nicht lange nachdem sie zu Anders gezogen war, hatte sie sich, durch eine plötzliche Eingebung, in den Wald hineingewagt, dessen aufrechte und geheimnisvolle Baumstämme hinter dem Haus zusammenlaufen. Obwohl der Wald tief und dunkel ist, und Hilde Angst vor allem hat, was tief und dunkel ist, ging sie hinein. Sie hat die Mauer zu sich selbst durchbrochen und ist hineingegangen.
„Man glaubt es nicht, wenn man ihn von außen sieht, aber er ist voller kleiner, friedlicher Lichtungen, dieser Wald“, brach es mit strahlenden Augen aus ihr heraus, als sie wieder nach Hause kam. Das war im späten Juni. Anders und Hilde waren gerade ein richtiges Paar geworden, und ich war oben und verbrachte ein paar Sommerferientage bei ihnen. Anders und ich saßen draußen auf der Veranda und tranken Jägertee, während die letzten Sonnenstrahlen des Tages unsere Gesichter wärmten. Wir hatten schlichtweg nicht bemerkt, dass sie überhaupt weg war, bevor sie zurückkam. Bevor sie in ihren schmutzigen Stiefeln unten vor der Veranda stand und vor Stolz strahlte.
Anders, der keinen Blick für die Leistungen Anderer hat, und im übrigen schwer zu beeindrucken ist, hob bloß eine Augenbraue und sagte: „Ich bin mit der Natur aufgewachsen.“ Weil er mit der Natur aufgewachsen war, meinte er, dass er sich erlauben könne, sie als gegeben anzusehen. Er hat niemals einen Spaziergang gemacht, nur um einen Spaziergang zu machen, und er ist niemals stehengeblieben, um einem Vogel zu lauschen. Er tut niemals etwas ohne Grund, und das verärgert mich im tiefsten Inneren meiner Seele. Es ist doch immer schön, seine Grundlosigkeit mit einem anderen zu teilen.
Wir sind auf dem Nachhauseweg vom Langeliniekai. Das war ein toller Spaziergang. Wir gehen die Østbanegade hinunter. Ihre Hand mit dem Fäustling in meiner. Ein kleiner Mensch mit einem größeren an der Hand: Mutter und Tochter, denke ich, und falle mehrmals auf die Knie, um ihren kleinen Körper zu umarmen, den man in dem dicken Schneeanzug fast nicht spüren kann. Als wir nach Hause kommen, steht Mattis bereits vor dem Gebäude und wartet auf uns. Er lehnt an seinem Wagen, und mir fällt auf, dass er eine neue Sonnenbrille trägt. Ein Streif Wintersonne fällt auf sein helles Haar. Es ist seltsam, dass derjenige, den man am allerbesten kennt, plötzlich dort auf dem Bürgersteig stehen und ein Fremder sein kann. „Habt Ihr einen Spaziergang gemacht?“ fragt er und hockt sich vor seine Tochter. Er küsst ihre Nasenspitze. Als er wieder aufsteht, legt sie ihre Arme um ihn. Wie sie in ihrem geblümten Schneeanzug dasteht und sich an das Bein ihres Vaters klammert, ähnelt sie einer feinen, kleinen Kletterrose. Mitten im Winter. Es schneit leicht. Er sieht zu mir hinüber, sagt aber nichts. „Wollt Ihr nicht mit rauf?“, frage ich. Er seufzt. „Kannst du nicht einfach ihre Sachen holen?“
Ich laufe die Treppe hoch. Mit langsamen Bewegungen lege ich ihre Sachen auf einen Haufen im Flur zusammen. Ein paar Ponys, ein Plastikdiadem mit unechten Steinen, und das zerrissene Kuscheltier. Vorsichtig lege ich alle Dinge in ihre kleine Tasche. Der Reißverschluss klemmt. Obwohl ich es mehrere Male vor und zurück schiebe, will er nicht einrasten. Und als ich die Tasche über die Schulter werfe, fallen alle Dinge zu Boden. Mit Tränen in den Augen sammle ich das Ganze noch einmal ein und denke daran, wie hoffnungslos alles ist.
Als ich auf die Straße komme, reißt mir Mattis die Tasche aus meinen Händen, wirft sie in den Kofferraum, hievt unsere Tochter auf den Rücksitz, schnallt sie auf dem Kindersitz an, springt selbst auf den Fahrersitz, stellt den Rückwärtsgang ein, lässt das Auto ein wenig zurückrollen. Er dreht das Lenkrad bis zum Anschlag und treibt den Wagen auf den vereisten Weg.
Ich bliebe allein zurück und starre auf den dunklen Punkt auf dem Asphalt, wo das Auto gestanden hat.
Zwei
Oben in der Wohnung ist es still wie in einem Wintergarten. Alles schläft, wenn sie nicht hier ist. Die Umgebung hält Winterschlaf. Ich schalte den Computer ein und zwinge mich, an die SMS-Katastrophe in Norwegen zurückzudenken. Wenn Anders ein wenig einfallsreicher gewesen wäre, hätte es nicht so weit kommen müssen. Hilde hätte sich damit begnügen können, zu erröten, wie man es so macht, wenn jemand Scherze mit einem treibt, oder sie hätte ihm das Telefon an den Kopf werfen können.
Während ich an jenem Morgen mit dem Handy in der Hand im Flur stand und Anders zuhörte, versuchte ich mir die Szene vom Vorabend vorzustellen, die mir geschildert wurde: Die zwei Teller auf dem Sofatisch, die darauf warteten, hinausgetragen zu werden, die Essensreste, die darauf warteten, weggeschabt zu werden, der lärmende Fernseher, der darauf wartete, ausgeschaltet zu werden, die stummen Gardinen, die rumhingen und auf das Licht warteten, und Hilde, die mit ihrem Telefon in der Hand zu begreifen versuchte. Wenn er ihr nur eine Geschichte über einen Diebstahl aufgetischt hätte. Dann hätte sie ihm mit zitternder Unterlippe und nassen Augen zurufen können, dass er dieses Mal mit seiner Nettigkeit wirklich über die Strenge geschlagen habe. Sie hätte die Tür zuschlagen können, dass die Bilder von den Wänden gefallen wären. Aber das hat sie nicht. Sie tat nichts.
Hilde ist ein einfältiger Mensch, aber nicht ganz so einfältig, wie man glauben möchte. Obwohl der Großteil ihres Wissens aus der Regenbogenpresse stammt, ist sie vielseitig interessiert. Beispielsweise brennt in ihr die Leidenschaft, anderer Leute Geheimnisse aufzudecken und unter anderen Umständen hätte sie diese Eigenschaft vielleicht weit gebracht.
„Wenn ich etwas mehr aus meinem Leben gemacht hätte“, sagte sie einmal, „dann hätte ich gerne alles gelesen, was über den Menschen und sein innerstes Wesen geschrieben steht. Ich hätte mich gerne in die Dinge eingelesen, mich in die letzten Winkel eingearbeitet.“ An diesem Punkt der Geschichte machte sie eine Bohrbewegung mit dem Zeigefinger, die mich vor Unbehagen erschaudern ließ. Aber alles in allem ist Hilde nicht einmal imstande, durch das Durchsichtigste hindurchzusehen, und in Wahrheit macht sie nicht viel anderes, als an all das zu denken, was sie hätte machen können, wenn die Dinge sich für sie anders ergeben hätten.
Ich schlich auf die Toilette und versuchte lautlos Pipi zu machen, das Telefon gegen das Ohr gepresst.
„Bist du am Pissen, Anna?“
„Nein, nein“, antwortete ich, und nach einem Augenblick misstraulichen Zögerns wandte Anders sich wieder seiner Geschichte zu. „Na ja, ich setzte mich also hin und lehnte mich an sie, kurz bevor das Unglück passierte.“ Es fiel mir schwer zu sehen, wie Glück und der Mangel an eben diesem ins Bild passen sollten, aber man sollte den Leuten erlauben, sich in Ruhe zu erklären.
„Wo war ich stehengeblieben?“, hustete er. Ich konnte richtig hören, wie der Schleim in seiner Kehle sich löste. „Ja, ich legte das Ohr an ihre Brust und lauschte ihrem Herzen, das klang wie Pferdehufen auf feuchtem Waldboden.“ Husten. „Und dann roch ich an ihrem Haar, und es erinnerte mich an Fallobst, süß und sauer gleichzeitig.“ Er spuckte die Worte aus, als wolle er sie loswerden, bevor die nächste Tränenwelle, oder vielleicht war es auch Husten, ihn erfasste.
Ich sah vor mir, wie Hilde dort auf dem Fußboden gestanden und gespürt haben muss, wie sich der Erdboden öffnete. Hilde ist hübsch. Das kann man nicht leugnen. Sie hat lange Wimpern und wellenblaue Augen, die die Nuance ändern, je nachdem, was sie ansehen. Das hat ihr Leben jedoch nicht viel einfacher gemacht. Alles in allem ist sie keine Person, die viel von sich selbst gibt, und deshalb dauert es nicht lange, bis auch andere sich nicht allzu viel von ihr wünschen.
„Bist Du da, Anna? Na, gut. Wo war ich stehengeblieben? Genau. Das war im selben Augenblick, als ich mein Telefon aus der Tasche fischte, um eine simple SMS an Kajsa zu schicken: Danke für gestern, Sexy, schrieb ich. So unschuldig war sie. Oh Gott, so großes Aufheben um so wenig.“
Später am Morgen musste ich Mattis erklären, dass es die Macht der Gewohnheit war, die Anders die Nachricht an Hilde auf dem Sofa anstatt an jene, die unten im Tal saß und ihr schweigendes Telefon in der Hand presste, hatte schicken lassen.
Das Bemerkenswerteste an Anders ist sein Mangel an Umsicht. Wenn sie nur ähnliche Namen gehabt hätten, die beiden Mädel, dachte ich, dann könnte man den Irrtum vielleicht verstehen. Aber sie haben ganz unterschiedliche Namen, Hilde, die helle, und Kajsa mit den schwarzen Augen, die in ihren Augenhöhlen glimmen wie zwei Stück Kohle.
Anders hatte mir bei mehreren Gelegenheiten von Kajsa erzählt. Er war ihr im Blumenladen des Einkaufszentrums begegnet, wo er jeden Freitag Blumen für Hilde gekauft hatte. Sie stand dort hinter der Kasse und lächelte so breit, dass alles für Anders zu einer höheren Einheit erhoben wurde, und dann war es Schlag auf Schlag gegangen, wie solche Dinge es oft tun. „Oh Herr im Himmel“, sagte er begeistert, als er mir zum ersten Mal von der neuen Bekanntschaft erzählte. „Sie hat die hübschesten Augen. Große, schwarze Puppenaugen, in denen es stürmt, wenn man sie auch nur anpustet.“
Bei einer späteren Gelegenheit beschrieb er, mit einer gewissen Sorge in der Stimme, wie er dagelegen und mit ihrem schmalen, sehnigen Körper auf einer Matratze im Hinterzimmer Liebe gemacht hatte, als sie ihm plötzlich in die Augen gestarrt und geflüstert hatte: „Ich habe sie geerbt“, also die Augen, „von meiner Großmutter, die eine Lappin ist und immer umherstreift.“ Als sie das sagte, war jedes Wort von großer Wichtigkeit erfüllt, erzählte Anders, und obwohl er dachte, dass es unpassend war, so etwas in so einer Situation zu sagen, hatte er zustimmend genickt. Er hatte sogar das unbehagliche Gefühl bekommen, dass sie eine bestimmte Antwort erwartete, und das tat sie sicherlich auch.
Als ich Anders im Winter zuvor besuchte, als sich die Affäre in ihrer heißesten Anfangsphase befand, schlich ich mich eines Nachmittags ins Zentrum um jene Frau anzusehen, die meinen großen Bruder derart vom rechten Weg abgebracht hatte. Sie stand vor dem Tresen, das Gewicht auf ein Bein verlagert, und sprach mit einem Kunden, während sie mit ihrem hübschen kleinen Fuß rhythmisch gegen einen Metalleimer voller gelber Rosen trat. Das ergab ein Knallgeräusch, das man noch auf der anderen Seite der Ladenfenster hören konnte. Ich trat so nahe heran, dass ich sie sehen konnte, wie sie dastand und die Hand nachlässig auf der schlanken Taille ruhen ließ, genau dort, wo der Gürtel der Schürze sie entzwei schnitt. Ich konnte mir genau vorstellen, wie Anders nackt und mächtig neben ihr lag. Die schwarzen Haarlocken aus dem Gesicht des Mädchens strich und eine Stirn entblößte, die schreiend weiß war.
Anders war am Telefon mehr und mehr zur Ruhr gekommen. Während ich in die Küche ging und eine Tasse Kaffee zubereitete, beschrieb er, wie die Katze, in derselben Sekunde, in der Hildes Telefon läutete, ihr schlankes Rückrat an sein Bein geschmiegt, ihre spitzen Zähne gezeigt, und mit einem Fauchen zu ihm aufgesehen hatte. „Ich hasse Katzen“, rief er. „Ich hasse diese Katze. Ich hasse ihr ganzes Wesen und die schleimige Selbstzufriedenheit.“ Ich nahm einen Schluck Kaffee und fragte mich, woher all dieser Zorn kam. Anders wurde selten wütend. „Wenn man nichts Gutes zu sagen hat, soll man gar nichts sagen“, sagte er immer. Mit der Zeit hatte ich jedoch verstanden, dass es eher die Angst vor Konflikten als moralische Abwägung war, die hinter dieser Haltung lag. Und im selben Atemzug merkte ich mir, dass man niemals den Zorn eines geduldigen Mannes unterschätzen sollte.
Das Ganze war an jenem Abend unglücklicher als sonst ausgefallen. Hilde, die normalerweise stolz darauf war, sich nicht von modernen Kommunikationsmitteln durch die Manege ziehen zu lassen, warf sich auf das Telefon, und Anders, der viele Dinge hätte tun können, wäre er imstande gewesen, klar zu denke, tat nichts. Er hätte so tun können, als ob das Ganze ein schlechter Scherz war. Er hatte genügend Zeit um eine Erklärung zusammenzuzimmern, wenn er nicht just an diesem Abend so unglaublich träge im Kopf gewesen wäre. Er brauchte genau so viel Zeit, wie Hilde brauchte, um die Nachricht zu lesen, um die Tatsache, dass er eine Nachricht geschickt hatte, mit der Tatsache, dass Hilde eine erhalten hatte, zu verknüpfen.
„Aber da war es zu spät, Anna. Oh, das war viel zu spät. In dem Augenblick hatte ich mich schon als der Verräter enttarnt, der ich bin.“
Die kleinen Punkte, die sich hastig auf Anders‘ Gesicht ausbreiteten, verstanden offenbar schneller als er selbst den Zusammenhang. Denn schon bevor ihm der Umfang der Katastrophe vollends bewusst wurde, begannen sie zu wachsen und wurden augenblicklich zu dem, das er am besten als Schandflecke bezeichnen konnte. „Ich saß nur dort auf dem Sofa mit Schandflecken auf der ganzen Visage und starrte hinunter auf die Nähte des Sofas“, schniefte er. „Zählte die Stiche. Sauber und gleichmäßig waren sie. Ganz klar maschinell genäht. Sie sah mich nicht einmal an. Sie las nur wieder und wieder die Nachricht, und als sie sich mir endlich zuwandte, sah sie aus, als ob sie in die Augen eines Fremden starrte.“
Das glaube ich nun nicht. Ich glaube, sie sah Anders an und wusste, dass sie nie jemanden so gut gekannt hat, wie sie ihn kennt. Sie legte das Telefon auf das Bücherregal und setzte sich auf die Kante des Sofatischs mit einer Hand auf dem Bauch. Es war nicht mehr als ein paar Wochen her, da sie beschlossen hatten, dass sie ein Kind machen wollten.
Ich trollte mich in die Ecke des Sofas, das Handy ans Ohr gepresst, und versuchte die kleine Häkeldecke, die meinem kleinen Bruder gehört hatte, um mich zu wickeln. Es war kalt im Wohnzimmer. Unten im Treppenhaus knallte die Eingangstür. Ich zuckte zusammen. Ich überlegte, wer es wohl war, der so früh von zu Hause fort ging, und aus welchem Grund, als Anders in meine Gedanken einbrach: „Ich glaubte, dass es verloren war“, sagte er. „Aber dann kamen meine Gedanken mir zur Hilfe. Umgekehrte Gedanken. Mir wurde klar, dass ich es mir de facto recht gut erlauben konnte darüber beleidigt zu sein, dass sie so etwas von mir glauben konnte.“ Er klang mit einem Mal ganz belebt. „Auf einer derart dünnen Grundlage. Sie hat ja keinen Beweis für irgendetwas. Das ist schiere Spekulation.“ Er legte eine gedankenvolle Pause ein, ehe er fortfuhr: „Im Grunde genommen ist es beängstigend, was für ein misstrauischer Mensch sie ist, findest du nicht?“
Sie waren seit drei Jahren verheiratet, als Anders jene unglücksselige SMS schickte. Das kam jedoch nicht aus dem Nichts. Mein Bruder hatte die Ehe oft als persönlichen Übergriff beschrieben. „Das ist wie zu erfahren, dass du nicht länger du selbst sein darfst“, hatte er gesagt, „dass du nicht mehr die Dinge machen darfst, auf die du Lust hast, ja, du darfst nicht einmal mehr Lust auf sie haben. Damit können nur die wenigsten auf lange Sicht leben. Jeder Mensch hat das Recht auf einen privaten Raum. Einen Ort im Leben, der einem ganz allein gehört, wohin kein anderer kommt. Das hier ist mein Ort. Die Geheimnisse sind mein Ort.“
Nun sollte man nicht glauben, dass ich in Unwissenheit über Anders’ Neigungen gelebt hätte. Aber ich setze das Vertrauen meines Bruders über alles. Mein Bedürfnis, ihm nahe zu sein, kommt vor allen anderen Erwägungen. „Leugne das Ganze“, hatte ich ihm ein Mal, bei einer früheren Gelegenheit, gesagt. Das war am Tag nachdem ich Kajsa im Blumenladen aufgelauert hatte. Ich kann immer wieder hören, wie ihr Fuß gegen den Eimer schlägt, rhythmisch wie ein Countdown. Ein metallischer Herzschlag. Wir standen so nahe am reißenden Fluss, dass wir uns die ganze Zeit die Gischt aus dem Gesicht wischen mussten, als ich das sagte.
Anders war dabei, eine neue Veranda vor dem Haus zu bauen, und ich hatte mir ein paar Tage vom Studium und vom Babysitting frei genommen, und war hinauf gereist, um ihm zu helfen. Wir waren unten in der Holzhandlung, um Holz zu holen. Lange, gleichartige Planken. Gründlich ausgesucht. Er guckte mich einen Augenblick überrascht an, bevor er den Kopf zurücklegte und wiederholte: „Leugnen? Ist das dein Rat?“ Dann guckte er mich kopfschüttelnd an, und an einem flüchtigen Aufblitzen konnte ich sehen, dass er mich liebte. Zum Dank schenkte ich ihm mein allerschönstes Lächeln. Er kratzte seinen Vollbart und warf einen Balken mit derselben Leichtigkeit, als wäre es ein Bund Nägel, auf den Lastwagen. „Ja, das ist so gesehen ein Rat, den man für das meiste anwenden kann“, fügte ich hinzu, und das brachte ihn so zum lachen, dass die Tränen kullerten. Er trocknete auf jeden Fall das Gesicht mit dem Jackenärmel.
Am selben Abend, zur Essenszeit, als wir auf dem Weg hinauf zum Haus in seinem Auto saßen, die Bretter auf der Ladefläche festgeschnallt, durchfuhr eine leuchtende Erkenntnis meinen Bruder. Er fuhr mit dem Wagen rechts ran und erklärte, dass er plötzlich das Ganze klar sehen konnte: Er konnte sehen, dass er so mit Fehlern behaftet war, dass es sowieso hoffnungslos war, sie korrigieren zu wollen. Derart hoffnungslos dass er nun, da alle Masten des Stolzes, die er einmal aufgestellt hatte, längst eingeknickt waren, genau so gut damit fortfahren könne er selbst zu sein und sogar probieren könnte, das Beste daraus zu machen. Er machte das Kreuzzeichen, bevor er den Wagen wieder anließ, denn angesichts seines Gedankengangs ließ sich nicht bestreiten, dass er als Kind regelmäßig gezwungen worden war, in die Kirche zu gehen. Die Reste eines Glaubens hingen ständig an ihm fest wie hartnäckige Flecken auf einem Teppichboden. Der Gedanke stellte ihn so zufrieden, dass er auf der ganzen Heimfahrt pfiff. Und später, als er mit seinem Kaffee und Gebäckkränzen im Schoß auf dem Sofa saß und Hildes rundes Hinterteil betrachtete, das sich hin und her bewegte, während sie den Kaminofen anzündete, schickte er mir einen Blick quer durch das Wohnzimmer, der sagte: Sieh selbst, kleine Schwester, im Grunde genommen bin ich ein sehr zufriedener Mann.
„Es fällt mir also schwer, mir deswegen Vorwürfe zu machen, Anna“, erklang Anders’ Stimme im Handy. „Was?“ fragte ich müde und streckte mich auf dem Sofa, so dass die Beine in der Morgenkälte frei lagen.
„Dass ich mir ihr zusammen gewesen bin. Also Kajsa.“
Was ihm sich vorzuwerfen schwerfiel war, dass er unzählige Mal auf dem Betonboden des Blumenladens in das Lappenmädchen eingedrungen war. Dass er sie auf den Tisch gehievt hatte, auf dem man Sträuße bindet. Sie auf Dornen und abgeschnittene Stiele gelegt hat. Dass er sie von vorne, von hinten, und von allen Seiten auf der Matratze genommen hat, die im Hinterzimmer lag und nach Halmen duftete. Er hatte den Überblick verloren, wie oft sich seine Lungen mit dem schweren, würzigen Duft von Lavendel gefüllt hatten, während er die Backen des jungen Mädchens spreizte. Denn, wie er sagte: „Was für ein Mann wäre man, wenn man nicht das durchtriebene auffordernde Glimmen in ihren dunklen Augen sehen könnte? Was für ein Mensch? Ich liebe meine Ehefrau. Das tue ich. Sogar das Wort Ehefrau liebe ich. Ich liebe den Klang ihres Namens, ich liebe es, zärtlich mit ihr Liebe zu machen. Ich liebe ihre Art, mich zu lieben.“
An diesem Tag hatte er offenbar kein Problem damit, über Liebe zu reden, und als er erst einmal in Gang gekommen war, war er nahezu nicht aufzuhalten. „Sie passt auch gut zu mir“, fuhr er fort. „Sie legt mir meine Sachen morgens auf die Heizung, so dass man sie bequem anziehen kann. Sie schaut listig drein, wenn ich etwas Lustiges sage, und abends zieht sie unter einem Vergrößerungsglas unangenehme kleine Holzsplitter aus meinen Händen. Sie gibt mir sogar ohne zu fragen zwei Stücke Zucker in den Kaffee. Und das ist die Frage: Kann man sich im Grunde genommen so viel mehr wünschen?“
Ich schüttelte den Kopf, aber das kann man durch ein Handy ja weder sehen noch hören.
„Was ist dann passiert?“, fragte ich.
„Sie sagte: Wen nennst du Sexy?“ Er gab ein Schluchzen von sich, aber ich war mir nicht sicher, ob es von ihm kam oder bloß ein Teil der Geschichte war.
Ich rätselte, wann Mattis auffallen würde, dass ich nicht mit ihm zusammen im Bett lag, als Anders mich mit noch einer erschütternden Tatsache ins Jetzt zurückbrachte: „Das Schlimmste ist, dass ich nicht einmal an das Lappenmädchen gedacht habe, als ich die Nachricht schickte. Das war nur so dahin getippt. Das sind zwei Wirklichkeiten, die nicht zusammengehören, und deshalb schrieb ich das. Weil es dabei war, für mich im Sande zu verlaufen, und es ist immer etwas traurig, wenn das geschieht. Ich hasse es, wenn meine Gefühle mich im Stich lassen. Gefühle sind mit das Schlimmste, was einem ausgehen kann.“
Es waren mehrere Dinge, die den Ausschlag gegeben haben. Sie hatte begonnen, ihn Liebster zu nennen, sie hatte immer eine Kanne frisch zubereiteten Kaffee, wenn er im Blumenladen vorbeikam, und sie wollte seine Hand nicht loslassen, wenn er sie zu sich zog. Aber das Schlimmste war, dass sie etwas von wegen „Liebe kann nicht dort einziehen, wo Liebe bereits wohnt“, gemurmelt hatte. In dem Augenblick wurde Anders klar, dass er das nicht wieder machen wollte. Jedenfalls nicht mit ihr. Er musste nur noch eine einigermaßen schonende Art finden Schluss zu machen, denn „es ist ja schade um sie“, wie er sagte: „Und man will ihr ja am liebsten nicht das Herz brechen. Man weiß nie, was gebrochene Herzen sich ausdenken können.“
Einen Augenblick lang, als er von dieser Einsicht schöpfte, wirkte es so, als ob der Umfang der Katastrophe für ihn leicht in den Hintergrund geglitten war.
Im Bett begann Mattis sich herumzuwälzen. Es ärgerte ihn, wenn ich zu lange mit Anders am Telefon sprach. Er findet, dass mein Bruder meine Liebe ausnutzt, und vielleicht tut er das auch.
Als wir fertig damit waren, über Kajsa und ihr gebrochenes Herz zu reden, kam er auf den schicksalsträchtigen Wortwechsel des Vorabends zurück.
„Was ist gestern geschehen?“ fragte Hilde.
„Du darfst nicht wütend werden.“ antwortete Anders.
„Das hättest du nicht sagen sollen“, seufzte ich.
„Das weiß ich jetzt“, flüsterte er. “Ich weiß das.”
„Was ist dann passiert?“
„Tja, sie schüttelte nur den Kopf und flüsterte: Wie konntest du das tun, Anders? Und das konnte ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wie ich das tun konnte. Sag besser nichts mehr, sagte sie dann, und ihre Stimme war nicht nur klein und piepsig, wie sie zu sein pflegt, wenn ich sie unglücklich mache, sie war kalt und fremd.“
„Das glaube ich gerne, dass sie das war“, sagte ich resigniert. Aber ich glaubte nichts. Ich war mir sicher, dass Hildes Stimme genau so fremd war, wie es nur das, was man am allerbesten kennt, sein kann.
Drei
Ich kann mit allen möglichen Stimmen lesen. Ich kann genau so sein, wie meine Tochter sie am liebsten hätte. Ich kann sie dazu bringen, vor Lachen zu glucksen, vor Freude zu beben und vor Unbehagen zu erschaudern, wenn ich ihr laut vorlese. Wie lesen viele Bücher zusammen, sie und ich, und ich denke mit Grauen an den Tag, an dem sie zu alt sein wird, um Geschichten zu hören. Ich weiß nicht, was ich an Stelle der Geschichten stellen kann. Ihr Vater hat einem Kind viel mehr zu bieten. Er hat alle Eigenschaften, die man braucht, um ein guter Elternteil zu sein. Einen sanftmütigeren und beruhigenderen Mann muss man lange suchen. Erst jetzt wird mir klar, wie viel Kraft es eigentlich kostet, derart sanftmütig und beruhigend zu sein.
Mattis kommt fast immer zu früh, wenn er sie abholt. Ich weiß nicht, ob er das mit Absicht macht. Wenn sie den Klang seiner Stimme in der Tür hört, wirft sie sich Hals über Kopf in seine Arme. Selma liebt ihren Vater, und das tue ich auch. Aber ich hasse ihn dafür, dass er sie mir wegnimmt. Ich habe gelernt damit zu leben, dass sie weg ist, aber trotzdem stirbt jedes Mal ein kleiner Teil von mir, wenn der kleine Rucksack im Treppenhaus um die Ecke verschwindet. Aber das ist die Bedingung. Das ist die Bedingung. Eigentlich war ich heute an der Reihe, sie zu haben, aber Mattis hat um Erlaubnis gebeten, sie einen Tag zusätzlich zu bekommen. Das klingt so grausam: Er hat um Erlaubnis gebeten, sie einen Tag zusätzlich zu bekommen. Sie ist nicht etwas, was man bekommt. Sie ist nicht etwas, was man hat. Sie ist einfach. Aber so ist die Sprache: unbarmherzig in ihren Entschleierungen. Selbst wenn sie am allermeisten irrt, hat sie Recht.
Es ist erst ein paar Stunden her, dass ich Selma und Mattis unten auf der Straße zum Abschied zugewunken habe. Aber es fühlt sich an wie Tage. Draußen ist es dunkel geworden, und mein Magen beginnt zu knurren. Also nehme ich eine Tüte tiefgefrorener Suppe aus dem Kühlfach, lege sie in eine Schale und stelle sie in die Mikrowelle. Es ist etwas mit Kürbis und Chili. Während die Suppe sich in einer einsamen Pirouette um sich selbst dreht, gieße ich Rotwein in ein Glas und mache es mir auf dem Sofa gemütlich, die Beine auf den Tisch gelegt und den Mac auf dem Schoß, um weiterzuschreiben.
Mattis war nicht erfreut darüber, dass ich nach Norwegen fuhr, ließ mich aber mit einem Achselzucken wegfahren. Es regnete draußen. Als ich runter zum Strandvejen lief, um ein Taxi herbeizurufen, umschloss die Abenddämmerung die Häuser. Vor dem Hauptbahnhof schlugen die kalten Regentropfen in Schneeregen über, und die Kälte lag wie eine klamme Hülle um meine Hände. Ich fand einen Kiosk, in dem ich eine Zeitung für die Reise kaufen konnte. Die Menschen standen dicht an dicht. Alle waren ihren eigenen Welten zugewandt. Ich nahm die Zeitung aus dem Regal und rollte sie zusammen, so dass sie zu einem robusten Knüppel in meiner Hand wurde. Dass ich jetzt nur nicht den Zug verpasse, flüsterte ich mir zu, als ich in der Schlange stand und mit dem Knüppel ungeduldig gegen den Schenkel schlug.
Ich war besorgt. Besorgt um diejenigen zu Hause, besorgt um das meiste. „Du sorgst dich zu sehr, Anna“, haben meine Eltern immer gesagt, als ich Kind war, und dann warfen sie einander eine Reihe besorgter Blicke zu, die in mir bloß eine weitere Sorge aufwarfen: die Sorge darüber, meine Eltern besorgt zu haben.
Es scheint fast so, wenn ich mich bloß ausreichend um das schlimmste Denkbare sorge, es eine Art Versicherung dagegen wäre, dass es eintrifft. Ich habe beispielsweise wirklich Angst davor zu fliegen. Oder eher gesagt: abzustürzen. Es sind nicht so sehr die tausende Meter freien Falls unter den Füßen, die ich wirklich fürchte, dass schlimmste Denkbare sind die Gedanken. Die letzten Gedanken. Die endlichen Gedanken. Das Undenkbare. Die eigentliche Bedeutung davon, nicht mehr da zu sein. Aber die Sorge an sich nimmt sozusagen der Tatsache, dass die Erde sich überall unter seinen Füßen öffnen kann, und das etwas, das aufzubauen ein halbes Leben gedauert hat, im Bruchteil einer Sekunde ausradiert werden kann, den Stachel.
Ich ging zielsicher zur Rolltreppe, die hinab zum Bahnsteig führte. Die Leute hatten einen unsichtbaren Kreis um zwei schäbige Existenzen gezogen, die in ihren zerrissenen Hosen dastanden und sich stritten. Eine schrille Frauenstimme und ein monotones männliches Röcheln vereinigten sich zu einer einmaligen Stimmlage wortlosen Brüllens. Eine Opernaufführung aus der Hölle. Niemand außer jenen, die es zu eilig hatten, um außen herum zu gehen, näherte sich dem schreienden Paar, und nur wenige streiften den Radius des ranzigen Gestanks, der es umgab. Der Geruch von Pisse und Wahnsinn. Trotzdem warfen die Leute dem Paar gierige Blicke zu, um einen Einblick in das Unglück anderer zu erhaschen und es mit ihrem eigenen Leben zu vergleichen. Etwas Schlimmeres als sie selbst, an dem sie sich während der kommenden Zugfahrt durch einen kalten Januarabend ergötzen konnten.
Schwärme grauer Tauben flatterten unter dem Gewölbe des Bahnhofs herum, und ein junger Mann mit einem großen Rucksack quetschte sich zur Rolltreppe durch, während er mit den Armen fuchtelte, als ginge er durch einen dichten Wald. Dem Geschrei zum Trotz war es still. In mir drin war es still. Das Einzige, was ich hören konnte, waren das Schweigen und der immerwährende Lärm der Gedanken.
Ich blieb unter der Anzeige mit den Zugabfahrtszeiten stehen. Es war noch fast eine Viertelstunde Zeit bis der Zug nach Oslo abfuhr. Also setzte ich mich auf eine Bank und sah den vorbeigehenden Leuten zu: Denjenigen, die sich vorbeugten, um die überfüllten Abfalleimer zu durchwühlen, und denjenigen, die darin den Inhalt ihrer Taschen entleerten. Ich ergriff den Riemen meiner Tasche und ging zur Rolltreppe. Ich trug meine eigene Welt in mir drin, wie alle anderen. Niemand wird mir glauben, dass daran etwas Besonderes ist. Alle waren nass, alle waren müde, alle waren auf dem Weg zu irgendeinem Ort. Das Gewölbe des Hauptbahnhofs war voller Gedanken an andere Orte.
Vier
Ich habe nicht einmal die Hälfte der Suppe gegessen, als ich den Rest in die Spüle kippe. Die braun-orangefarbene Masse klebt wie Kotze am Stahl. Ich frage mich, was Selma und Mattis zu Abend essen, und da, wie aus dem Nichts, die Hände am Küchenwaschbecken, werde ich von jener Sorte Einsamkeit übermannt, die einen ein paar Sekunden lang aushöhlt. Es einem unmöglich macht zu sein. Ich lasse mich auf den Boden gleiten. Drücke den Rücken gegen die Küchenschränke und denke an Selma. Ich wünsche mir so sehr, dass sie das Leben leichter nehmen wird als ich.
Langsam stehe ich wieder auf und beginne, in der Wohnung umherzugehen. Ich suche nach dem ein oder anderen, was sie vergessen hat, das ich vorbeibringen kann. Aber da ist nichts. Ich gehe in ihr Zimmer. Stehe mitten auf dem Boden und drücke die Handinnenseite so fest gegen Augenhöhlen wie ich nur kann. Die Haut klebt, als ich loslasse. Eine Flutwelle von Verlust erhebt sich in mir. Nichts ist beängstigender als ein Kinderzimmer ohne Kind. Die Strumpfhosen, die schlapp auf dem Stuhlrücken hängen, das aufgeschlagene Buch auf dem Nachttisch, das niemand liest, die Bilder an der Wand, die sich niemand anschaut. Die Abwesenheit ist unendlich. Vorsichtig krieche ich in ihr Bett und ziehe die allzu kleine Decke über mich. Dann liege ich da, die Füße ragen über die Bettkante hinaus, und lasse kleine, spitze Wellen der Trauer mich durchspülen.
Erst nachdem ich alleine bin, wachsen meine Gefühle über mich hinaus. Jetzt fällt es mir nur mehr auf. Alles wird stärker empfunden, wenn es keinen anderen gibt, um es auszugleichen. Das ist es, was wir füreinander tun, wenn wir ansonsten gut zusammenpassen: Wir mildern den Schmerz und verstärken das Glück.
Vor einem Jahr wurde mir bewusst, dass ich nicht diejenige war, die ich gerne sein wollte. Ich war nicht einmal die, die ich lange Zeit zu sein geglaubt hatte. Selbst in den vielen letzten Jahren, in denen alles gut gewesen war, war es schlecht gewesen. Je richtiger es wurde, desto verkehrter fühlte es sich an. Der Tag, an dem das für mich feststand, war ein Sonnabendvormittag mit hohem Himmel und einem Streif Frostschnee auf dem Kopfsteinpflaster. Ich blieb ruckartig stehen, nachdem ich bei Brugsen1 gewesen war. Ein kleiner Stein steckte in meiner Schuhsohle fest, doch das war es nicht, was mich störte. Ich pulte den Stein heraus und blieb vor der Eisdiele stehen, die in meiner Kindheit die Festung am Ende der Welt war. Nun war sie für den Winter geschlossen. Davor lehnte ein mannshoher Stapel alter Zeitungen an der Tür.
Ich blieb einfach auf dem Bürgersteig stehen. Wie eingepflanzt zwischen Menschen, die mit Einkaufstüten im Arm vorbei strömten und Kinder hinter sich herzogen. Ich stand nur da und sah dabei zu, wie das alltägliche Leben sich abspielte, während ich mich selbst aussiebte wie Sand zwischen den Fingern. Ich stellte die zwei proppevollen Einkaufstüten auf der nächstbesten Bank ab und ging runter zum Hafen von Hellerup. Es war schon befreiend, ohne irgendeinen Grund dahin zu gehen. Ohne etwas zu sollen. Ich atmete leichter, und meine Gedanken begannen, ihre gewohnten Formen wiederzuerlangen. Die Sonne stach in die Augen. Auf dem Wasser lag Eis und die Möwen schrien.
Bevor mein kleiner Bruder zur Welt kam, machten meine Eltern und ich oft einen Abendspaziergang in diesem Hafen. Ich kenne jede Bank, jeden Baum. Ich bilde mir ein, dass ich auf jede einzelne Fliese in dem kleinen Rosengarten getreten bin. In meiner Erinnerung sind die Abendspaziergänge Impressionen: Abendsonne, eine schwingende Schaukel, kleine Sprünge in einer Pfütze. Ich hob einen Stein auf und wog ihn in der Hand. Vielleicht habe ich einmal denselben Stein mit meinen Kinderhänden aufgehoben und ihn weggeschmissen, dachte ich.
Ich ging auf die Mole. Ein frierender Erpel spazierte auf dem dünnen Eis, das in Schollen auf dem Wasser lag. Einen kurzen Augenblick lang sah er mich direkt an, als ob er betonen wollte, dass er sich meiner Anwesenheit bewusst war. Aber das Kratzen einer Schneeschaufel auf dem Asphalt brachte ihn auf andere Gedanken. Er schlug verängstigt mit den Flügeln, und obwohl er viel zu schwer wirkte, um sein eigenes Gewicht zu tragen, wurde sein Körper in die Luft und hinaus auf den offenen Sund gehoben. Er flog entlang der dunklen Fahrrinne, und ich spähte ihm hinterher, bis ich ihn aus den Augen verlor.
Mein Telefon klingelte in meiner Tasche. Ich musste rangehen. Mattis könne nicht begreifen, wo ich geblieben sei, sagte er missmutig. Er brauche die Einkäufe, Schlagsahne, Eier, Bier, Parmesan. Ich begann zurück in Richtung Strandvejen zu gehen, aber als ich ging, blieb der beste Teil von mir stehen. Der beste Teil von mir tat das, was er wollte, und blieb stehen. Die Tüten standen immer noch auf der Bank, und es war just, als ich die schwerste von ihnen am Henkel fasste, als Frage Nummer eins mich traf: Soll das so sein? Ich bin 29 Jahre. Soll das wirklich so sein? Als ich atemlos die Treppe heraufstürzte, kam Frage Nummer zwei, die nicht wirklich eine Frage, sondern eher eine Feststellung war: Ich bin nicht die, die ich gerne sein möchte.
Gegen Mitternacht krieche ich wieder aus Selmas Bett. Ich streiche die Überdecke glatt und stopfe die gehäkelte Decke, die meinem kleinen Bruder gehört hat, längs unter die Matratze. Die letzte Ecke presse ich in der Hand, bevor ich sie zurecht drücke. Nur einen Augenblick. Das tue ich immer. Das erinnert mich an ihn. Seine pummeligen Babyfinger, die sich fest um die Deckenkante geschlossen hatten, seine kleinen pummeligen Arme. Die lauten Glücksschreie, die die Zimmer erfüllten.
Bevor ich den Raum verlasse, platziere ich vorsichtig die Teddybären Schulter an Schulter wie einen Rahmen um das leere Bett. In der Tür drehe ich mich um und gucke in ihre sehnsuchtsvollen, runden Glasaugen. Dann schließe ich die Tür hinter mir und setze mich wieder an den Computer, um zu dem kalten Abend am Hauptbahnhof zurückzukehren.
Alle Geräusche wurden vom Quietschen des Zuges, das durch Mark und Bein ging, verschluckt. Ich hielt meine Tasche dicht an meinem Körper. Nun dauerte es nur noch wenige Minuten, bis mein Zug kam. Anders hatte gesagt, dass ich die einzige sei, die Hilde zum Reden bringen könne, also war ich gezwungen hinzufahren. Das hatte ich Mattis jedenfalls erklärt.
Ich versuche mir die Geräusche und Gerüche jenes Abends in Erinnerung zu rufen, aber meine Gedanken schweifen immer wieder ab wie ein Schiff auf schiefem Kurs. Ich hole die kleine gehäkelte Decke zu mir aufs Sofa und wickle sie stramm um meinen Körper. Ab und zu stelle ich mir vor, dass sie immer noch nach ihm riecht.
Einmal hatte ich einen kleinen Bruder. Johan hieß er. Meine Großmutter, die wir alle die Greisin nannten, sprach es Johan aus, mit Betonung auf der ersten Silbe. Es klang viel schöner aus ihrem Mund. So schön, dass alle versuchten, ihre Art es auszusprechen zu imitieren. Johan starb vor seinem ersten Geburtstag. Er hauchte sein Leben friedlich in seinem Laufstall aus, sagen alle, aber ich war erst sechs Jahre alt und zu jung, um zu verstehen, was passiert war, wie meine Mutter immer sagt, während sie so schnell mit den Augen blinzelt, dass sie ihren Blick in Stückchen hackt. „Ja“, fügt mein Vater dann hinzu: „klein Anna glitt glücklicherweise über Johans Tod hinweg, wie das Auge über die Worte einer Sprache gleitet, die man nicht versteht.“
Aber ich verstand die Sprache der Trauer gut. Ich verstand, dass es alles verändert. Dass die Trauer all das Gute in eine unsichtbare Dunkelheit hinabsenkt. Sein Tod wurde meine Zeitrechnung, mein Damals und Jetzt. Gleichwohl habe ich selten an ihn gedacht. Ich kann nicht an ihn denken. Das, woran ich denken kann, ist, wie still es wurde. Es wurde still, und so ist es immer noch. Die Stille wurde übertönt, aber sie ist ständig da. Lass dich nicht täuschen, sie ist ständig hier. Als mein kleiner Bruder starb, wurde in meinem Leben der Ton ausgeschaltet.
Wenn ich nicht an Stille und Dunkelheit denke, denke ich an Gardinen. Die Gardinen im Wohnzimmer waren bei Tag zu und bei Nacht auseinander gezogen. Es war immer dunkel. Alle Erwachsenen starrten in die Luft, als ob sie etwas anstarrten, was ich nicht sehen konnte, und etwas lauschten, das ich nicht hören konnte. Ich stand im Wohnzimmer und sah Dinge an ohne ihre Namen zu kennen. Weder Gardinen noch Licht oder Dunkelheit konnte ich noch benennen. Sie waren einfach da. Genau so wie die Männer einfach da waren. Die Männer, die nach seinem Tod im Badezimmer knieten und einen neuen Boden auslegten.
Als ich auf dem Bahnsteig stand, rief Anders wieder an. Er erzählte mit bebender Stimme, dass Hilde sich im Badezimmer eingeschlossen hatte. Sie war den ganzen Tag dort drin gewesen, und er konnte sich nur deshalb davon abhalten, die Tür einzutreten, weil er hören konnte, dass sie auf der anderen Seite saß und heulte.
Seine Stimme klang wie ein Boot, das dabei war zu kentern, und ich fühlte einen Stich aufrichtiger Sorge um ihn.
Als er aufgelegt hatte, rief ich zu Hause an. Der Wind kratzte in der Leitung. Ich wollte Mattis’ Stimme hören, ihrem Klang lauschen. Seine Stimme kann mich immer dazu bringen runterzukommen, wenn ich aufgeregt bin, und mich zusammenzureißen, wenn ich dabei bin auseinanderzufallen. Einige Male wünschte ich mir, dass er nicht diese Wirkung auf mich hätte, und andere Male hasse ich es geradezu. Aber das ändert nichts daran, dass er ein guter Mann ist. Er gehört in eine Welt, in der es keinen Zweifel gibt. Obwohl ich die ganze Zeit wusste, dass ich mich dafür glücklich schätzen sollte, dass ich es war, die er in den Jahren, die wir zusammen waren, zu lieben gewählt hatte, richtete ich mich nicht danach.
Niemand nahm den Hörer ab, also rief ich noch einmal an, bekam aber immer noch keine Antwort. Er muss doch zu Hause sein, dachte ich, und rief noch ein drittes Mal an, wobei ich das Telefon einfach klingeln ließ, ohne es ans Ohr zu halten. Der Zug war verspätet, aber just als die Rastlosigkeit an mir zu nagen begann, näherte er sich in der Dunkelheit. Der ratternde Klang der Zugwaggons, der auf den Bahnsteig drang, brachte die Leute dazu, aus den nächtlichen Schatten zu taumeln wie umherirrende Fledermäuse, die aus ihrem Versteck gescheucht werden. Der Zug begann seinen langen, zähen Bremsvorgang mit einem ohrenbetäubenden Quietschen. Ich hielt mir mit den Fingern beide Ohren zu, aber sein Schrei erzeugte trotzdem Widerhalle in meinem Schädel. Wenige Augenblicke später wurden die Türen mit lautem Knallen aufgestoßen, das eine Serie von Echos durch den Regen schickte. Ich warf meine Reistasche über die Schulter und quetschte mich durch den schmalen Gang.
In meinem Schlafwagen war noch niemand drin, obwohl er für sechs Leute ausgelegt war. Zwei braune samtene Kojen ganz unten, zwei in der Mitte, die die aufgeklappt werden sollten, und zwei ganz oben unter der Decke. Trotz der Abscheu, die ich dabei fühlte, in der Nähe von Fremden zu schlafen, hatte ich die billigste Fahrkarte genommen, die ich kriegen konnte, in der Hoffnung, dass das mein schlechtes Gewissen darüber, dass ich Anders’ Bedürfnisse über die meiner Familie stellte, lindern würde. Ich drückte die Tür ein weiteres Mal zu, als ob das jemanden davon abhalten würde, in den nächsten vielen Stunden durch sie durchzukommen.
Fünf
Im Gegensatz zu Anders bin ich bei meinen beiden Eltern aufgewachsen. In dem großen Haus nahe Strandvejen habe ich meine Kindheitsjahre verbracht. Wir wohnten im Erdgeschoss, wo meine Eltern heute noch wohnen. Als ich klein war, blieb meine Mutter zu Hause und kümmerte sich um den Haushalt, während mein Vater sich als Verleger etablierte. Nach dem Tod meines Bruders warf er das Los, kündigte seinen Job als Revisor und verfolgte seinen Traum mit nahezu blutrünstigem Eifer. In der Etage darüber wohnte die Greisin. Sie starb vor kurzer Zeit. Am vorletzten Tag des Jahres nahm sie ihren letzten Atemzug. Ihre Wohnung sieht weiterhin so aus, als ob sie nur vom Sessel aufgestanden und auf den Altan gegangen wäre, um etwas Luft zu schnappen. Die Pantoffeln warten auf der Fußmatte. Das Zigarettenetui liegt zusammen mit ihrer Lesebrille geöffnet auf dem Tisch und auf der Armlehne des Sessels liegt das Buch, mit dem sie nie fertig wurde.
Als Kind bin ich viel allein gewesen. Mein großer Bruder kam nur in den Sommerferien zu uns zu Besuch, so dass ich viele Jahre lang technisch gesehen Einzelkind war. Obwohl ein junges Mädchen sich kein besseres Umfeld zum Aufwachsen wünschen konnte, war das genau das, was ich tat. Ich sehnte mich nach allem, was anders war. Ich sehnte mich immer danach, an einem anderen Ort zu sein. Als ich also mit der neunten Klasse fertig war, war mein größter und einziger Wunsch, dass mir erlaubt würde hinauf zu reisen und bei Anders in Oslo zu leben.
Das erste Mal, dass ich meinen großen Bruder als großen Bruder wahrnahm, war an dem Tag, als er mir das Fahrradfahren beibrachte. Ich war sieben Jahre alt. Es war Hochsommer. Wir saßen auf dem schwarzen Ledersofa im Wohnzimmer und langweilten uns, als er mir plötzlich sein gebräuntes Gesicht zuwandte und fragte: „Kannst du eigentlich Fahrrad fahren?“ Als ich beschämt den Kopf schüttelte, denn damals war ich ständig vor ihm eingeschüchtert, ergriff er resolut meine Hand, zerrte mich auf den Hofplatz, zog mein Fahrrad aus dem Schuppen, gab ihm einen harten Klaps auf den Sattel und sagte: „Dann wird dein großer Bruder dir das schon beibringen.“ Das war das erste Mal, dass der Begriff großer Bruder sich so schön in meiner Brust ausbreitete.
Den Rest des Nachmittags lief er unermüdlich hinter mir, den Gepäckträger fest im Griff. Wenn ich schlingerte, richtete er meinen Kurs, und wenn ich stürzte, richtete er mich auf. Wenn ich mir die Haut aufriss, wusch er meine Wunden, und wenn ich aufgab, brachte er mich dazu dabeizubleiben. Und ganz plötzlich ließ er los, und ich fuhr Fahrrad.
Den Umständen zum Trotz vermochten Anders und ich ein Verhältnis aufzubauen, das unsere Kindheit hindurch wuchs. Der kindliche Wille ist mehr zu überwinden imstande, als man glaubt. Ich bestand darauf, dass Anders mein Bruder war und band ihn im Laufe der Jahre näher und näher an mich. Mit unbändiger Entschlossenheit hielt ich an den jährlichen Sommerbesuchen fest, obwohl ich wohl die einzige war, die sie sich wirklich wünschte.
Jeden Sommer hielt es Anders so zwei steife Wochen bei uns aus, in denen niemand außer mir zu verstehen versuchte, was er sagte. Zwei Wochen, in denen mein Vater seinen Sohn verwundert ansah, und in denen meine Eltern all ihre Kräfte dafür aufwandten, für dieses im Grunde genommen fremde Kind eine verkrampfte Familienvorstellung aufzuführen.
Als ich ihn auf dem Hof in Norwegen besuchte, war es anders. Hier wurde ich wie ein Wunder behandelt, das im Laufe der Nacht vom Himmel gefallen und auf der Türschwelle der Familie gelandet war. Hier aßen wir Würstchen direkt aus der Pfanne, liefen abschüssige Wiesen hinab, lagen unter unendlichen Baumkronen, lasen Anders’ Donald-Duck-Hefte und waren einfach wir selbst. Es färbte mein Innerstes kohlenschwarz, dass meine Eltern nicht auch so sein konnten.
Über die Sommerbesuche hinaus hielten wir engen Briefkontakt. Ich schrieb lange, Anders schrieb kurze Briefe. Ich stellte Fragen, Anders antwortete. So war das Gleichgewicht. Ich wusste, dass unsere Verbindung in der Sekunde aufhören würde, in der ich aufhören würde zu schreiben, also machte ich weiter.
Erst als ich älter wurde ging mir auf, das meine Kindheitsfaszination von Anders sich in höherem Maß an meine Vorstellung von ihm knüpfte, als sie sich nach ihm als Person richtete. Als ich dann mit der Schule fertig war und die Sommerbesuche längst im Sande verlaufen waren, entschloss ich mich, zu meinem großen Bruder nach Oslo zu ziehen, um ihn besser kennenzulernen. Und meine Eltern sahen keinen anderen Ausweg als meinem beharrlichen Quengeln nachzugeben und mich fahren zu lassen.
Anders war zweiundzwanzig und hatte sich längst von seiner Kindheit losgerissen. Er wohnte in einer Wohnung mit hoher Decke auf Akerbrygge, die er für das Geld mietete, das er als Barchef im Hotel Bristol verdiente. Die Fenster der Wohnung gingen auf den Hafen hinaus und das Wasser funkelte in ihnen. Mein Vater fuhr mich in seinem schwarzen Audi hinauf. Er umklammerte mit den Händen das Lenkrad die ganze E6 rauf ohne ein Wort zu sagen. Als wir ankamen, gab er seinem Sohn einen gleichermaßen zornigen und warmen Händedruck. Dann küsste er mich auf die Stirn und fuhr wieder nach Hause, ohne etwas Anderes als einen feuchten Abdruck zu hinterlassen.
Die Wohnung lag im vierten Stock eines Gebäudes aus dem späten 19. Jahrhundert. Seine Fassade war mit Efeu bedeckt. „Strotzt es hier nicht nur so vor Atmosphäre?“ fragte Anders, als ich zum ersten Mal durch die Tür trat. Als ich bejahte, sprühte er Funken vor Stolz, denn Anders ist immer auf der Suche nach etwas, womit er einem imponieren kann. Die Wohnung verfügte über eine hohe Täfelung und Stuck, der von 50 Jahren Zigarrenrauch, der den Raucher fertig gemacht hatte, aber nicht den Stuck, dunkelgrau geworden war.
In der nächsten Zeit saß ich viele Stunden am Tag und bei jeglichem Wetter draußen auf dem Altan und folgte den Masten der Segelboote, die auf dem Wasser vorbeiglitten. Ich hörte Radio, las Bücher, rauchte Kippen und knipste die Asche über das Geländer ab. Nicht einen Augenblick dachte ich an all das, an das man denken sollte, wenn man sechzehn ist. Ich hatte weder das Gewicht noch die Leichtigkeit der Jugend, deshalb stahl ich von beidem bei Anders.
Er kannte alles und jeden in der Stadt. Er war aufgeweckt und hatte schlechte Manieren, deutlich schlanker als heute, und alle mochten ihn. Es gefiel einem in seinem Schatten, und ich wuchs in dem hellen Schein, der von ihm ausging. Ich arbeitete auch in der Bar, wo ich unter dem Namen die Dänin gehandelt wurde, obwohl ich versuchte Norwegisch zu sprechen. Es war nicht nur in Anders‘ Sprache, in der ich mich verblüffend schnell zuhause fühlte, sondern auch in seinem ganzen Leben.
Wenige Wochen nachdem ich eingezogen war, erzählte mir eine Mieterin unter uns, dass der frühere Bewohner der Wohnung nicht nur Zigarrenraucher, sondern auch ein sehr einsamer Mann gewesen war. Und er hatte viele Bücher, sagte sie mit einem Ton, der mehr als andeutete, dass das eine mit dem anderen zusammenhing. Anders war damit einverstanden gewesen, dass die Bücher in der Wohnung blieben, als er einzog. Am Anfang kursierten wilde Geschichten über das Buch in der Hand des toten Mannes. Es sei fast unmöglich gewesen, es seinem wachsartigen Griff zu entreißen, als sie ihn im Sessel fanden.
Ich dachte oft daran, was das wohl für ein Buch war, das das letzte war, das er gelesen hatte, als das Leben ihn verließ, oder als er das Leben verließ. Welche Seite, welcher Satz, welches Wort. Das war der Grund dafür, dass ich das erste Buch aus dem Bücherschrank nahm und damit begann, es zu lesen. Und so zog das eine Buch das zweite nach sich, und bald hatte ich mich durch das ganze oberste Regal gelesen.
Die Lektüre folgte dem System, dass ich alle Bücher in genau der Reihenfolge lesen sollte, in der sie standen. Ich begann in der obersten rechten Ecke mit einem Roman, der so verstaubt war, dass ich jedes Mal, wenn ich darin blätterte, niesen musste. Obwohl ich nie ganz herausgefunden habe, wovon er handelte, berührte er mich tief. Ich machte keinen Unterschied zwischen den Büchern, schielte nicht darauf, wer sie geschrieben hatte, oder wovon sie handelten. Ich nahm sie genau so, wie sie waren. In einer unordentlichen Wohnung in Oslo verstand ich, dass man gleichzeitig verschwindet und entsteht, wenn man liest. Ich verstand, dass man niemals alleine ist, wenn nur Bücher einen umgeben.
Jedes Mal, wenn ich mit einem Buch fertig wurde, warf ich es auf einen schnell wachsenden Stapel in der Ecke. Ich hatte ein ausgesprochen gutes Auge für Lyrik, und obwohl ich ungeduldig und gereizt wurde, wenn ich die Bedeutung nicht verstand, raubte es mir vollständig den Atem, wenn ich es tat. Wenn ein Gedicht mich öffnete, wirkte die Welt wunderbar, nur weil es darin solch ein Gedicht gibt. Die besten Sätze schrieb ich auf kleine Stücke Papier, die ich mit Anders‘ Werbemagneten unterschiedlicher Spiritusfirmen am Kühlschrank befestigte.
Ich war nicht nur zufrieden, als ich in Norwegen wohnte, ich war glücklich. Glücklich, wie man es ist, wenn die großen Fragezeichen außer Sicht sind. Wenn man einen Grund zu lachen findet, obwohl man ganz allein ist. Wenn man morgens aufwacht und Lust hat aufzustehen. Und wenn man einfach keine Lust hat, sich jedenfalls nicht von Widerwillen beschwert fühlt. Wir lebten ein leichtes und einfaches Leben, Anders und ich. Wir sprachen miteinander ohne zu viel miteinander zu sprechen. Anders band eine Socke um die Türklinke, wenn er nächtliche Gäste hatte, was in den meisten Nächten der Fall war. Und wenn er keine hatte, kroch ich zu ihm, sobald ich am Morgen aufwachte. Dann lagen wir Arm im Arm auf seiner Federmatratze und sahen durch die nach Osten gewandten Fenster der Sonne beim Aufstehen zu.
Mein Aufenthalt in Norwegen bestand aus einer langen Reihe glasklarer Augenblicke, in denen alles so war, wie es sein sollte. Aber langsam begann sich das zu ändern. Die Tage bekamen Kanten und kleine Risse. Seine Antworten kamen mit ein paar Sekunden Verspätung. Das frohe Lächeln auf seinem Gesicht verschwand schneller, als es früher der Fall war. Er begann sich seltsam zu verhalten. Nichtsdestoweniger kam es für uns beide überraschend, als ich eines Tages ohne irgendeinen Grund mitteilte, dass ich lieber heim nach Dänemark fahren würde.
„Warum?“, fragte Anders.
Wir saßen auf dem Altan und aßen Pizza aus einem ölbefleckten Pappkarton. Es war ein warmer Spätsommerabend.
„Das weiß ich nicht.“
Er stand auf, öffnete eine Flasche Rotwein, warf den Korken vom Altan, und sah ihm nach, als er fiel.
„Aber fühlt sich das richtig an?“
„Ne.“
Ich stellte mich neben ihn. Er strich mir mit glühenden Handflächen über den Rücken.
„Nur weil es sich nicht richtig anfühlt, muss es nicht notwendigerweise verkehrt sein, Anna. Vielleicht ist es das Beste. Du bist nun lange hier gewesen.“
Das Herz sank in meiner Brust, aber das war ja meine Wahl, nicht seine. Ich war fest entschlossen gewesen, ihm zuvor zu kommen. Er setzte sich wieder auf den Plastikstuhl, nahm einen Schluck seines Rotweins und besiegelte das Neue zwischen uns indem er sagte: „Das ist ja kein Weltuntergang, und du kannst ja vorbeikommen und mich besuchen so oft du willst.“
Ich nickte. Und eines Abends nicht lange darauf setzte ich mich in einen Zug nach Kopenhagen, um zu meinen Eltern zurückzukehren, die erneut einen Sinn in der Welt sahen, jetzt, da ich genügend Vernunft gesammelt hatte, um nach Hause zu kommen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Ich sollte nach Hause zur Stille. Nach Hause und in die Oberstufe gehen, auf Feste gehen, Herzschmerz haben und in der schachbrettartigen Ordnung der Küche sitzen und mich mit einem Finger auf der Kante des ovalen Esstischs durch eine endlose Reihe Alltage trommeln.
Sechs
Zwischen damals und heute liegen Kontinente. Es ist früh am Morgen. Ein schallend leerer Sonntag. Ich liege auf der einen Seite des Bettes und lausche der Stille. Sie ist so massiv, dass ich sie mit meinen Nägeln in Stücke reißen könnte, wenn ich wollte. Die Stille ist Mattis, die Stille ist Mattis‘ Abwesenheit. Ich kann die Hand ausstrecken und die Leere berühren, wo er einmal war. Ich kann seinen Umriss sehen. Auf gewisse Weise ist die Trauer darüber, dass er weg ist, greifbarer, als die Freude darüber, dass er da war. Ich hasse es, alleine zu wohnen. Ich hasse die leeren Räume. Ich habe mich an sie gewöhnt, aber dadurch werden sie nicht weniger leer.
Wenn ich morgens aufwache, ist das erste, woran ich denke, all das, was fehlt. Deshalb erinnere ich mich selbst daran, was immer noch da ist: Die Morgensonne, die an der Wand flimmert. Der Duft frisch gebrühten Kaffees. Die Wärme unter der Decke. Aber es fällt schwer, einen Weg durch meine Tage zu finden. Das ist wie ein undichtes Boot durch ein Fahrwasser voller Riffe zu führen, also sollte ich meine Route kennen. Ich sollte wissen, was geschieht, und in welcher Reihenfolge. Wenn man sich verfahren hat, muss man eine Karte haben. Meine Karte besteht aus Wiederholungen und festen Plätzen.
Ich stehe auf, stecke die Füße in die Hausschuhe, die ich am Abend zuvor an der Bettkante gestellt habe und gehe in die Küche. Hier setzte ich Kaffeewasser auf, schalte P1 ein, und richte das Frühstück an. Es wäre viel einfacher, Joghurt und Müsli in eine Schüssel auf dem Küchentisch zu schütten, aber ich decke trotzdem auf. Es ist wichtig, sich selbst so zu behandeln, als wäre man ein anderer.
Nachdem ich gefrühstückt habe, lese ich die Zeitung, und nachdem ich die Zeitung gelesen habe, nehme ich ein Bad. Jeden Tag tue ich dasselbe. Die Routinen stehen wie ein Gerüst um das leere Haus herum, das ich bin. Die Wiederholungen füllen die leeren Räume langsam mit Möbeln. Die Routinen stehen wie Sachen im Raum und sagen: Du kannst das schaffen. Ein Schritt nach dem anderen.
An jenem Abend, an dem das Ganze in sich zusammenzubrechen begann, saß ich da und starrte durch ein dunkles Zugfenster. Der Zug stand immer noch am Hauptbahnhof, aber bald würde er sich in Gang setzen und mich zurück durch die vergangenen Jahre karren. Das machte mich glücklich, aber auf eine traurige Weise. Schon seit den Morgenstunden deprimierte mich jene Sorte Bewusstsein, die mir immer wie ein Schatten folgte, wenn ich von zu Hause wegfahren sollte. Je mehr Mattis sich anstrengte, um mir keine Schuldgefühle zu bereiten, desto mehr hatte ich. Und je mehr Schuldgefühle ich hatte, desto wütender wurde ich auf ihn, und je wütender ich wurde, desto mehr Lust hatte ich, von ihm wegzufahren.
Wir verbrachten einen schönen Abend, bevor ich abfuhr. Ein Abend, der besser als die meisten war. Obwohl wie sehr verschieden sind, Mattis und ich, sind wir uns immer über das meiste einig gewesen. Seit er zum ersten Mal meinen Nacken nach vorne gebeugt und ihn zärtlich geküsst hatte, habe ich ihn geliebt. Seitdem ich unter seinem Bogen aus Licht ging, seitdem ich mich unter die kühlende Birke gelegt hatte, die schweren Regentropfen, die warmen Nächte und all das andere, was er ist, habe ich gewusst, dass wir zusammengehören.
Bevor alles begann, schwer und verkehrt zu werden, war es einfach und richtig. Die Gefühle strömten wie ein Frühlingsbach. Ein Fluss aus Worten und Bedeutungen rauschte vom einen zum anderen. Aber er verlor langsam seine Kraft und begann auszutrocknen. Die Blicke wurden kürzer. Das Schweigen länger. Obwohl die Worte zwischen uns sich von ihren ursprünglichen Bedeutungen losgerissen hatten und wie zerfallene Steine in einer längst verlassenen Ruine zurückblieben, bleibt die Liebe bestehen, sagte ich zu mir selbst, als wir in der Küche saßen und jeder in seine Richtung starrte.
Als ich im Schlafzimmer stand und meine Reisetasche packte, konnte ich Mattis und Selma draußen in der Küche lachen hören. Ich eilte dahin. Mattis hatte sie auf den Küchentisch gehievt und hielt ein tiefgefrorenes Hähnchen in den Händen. Als er mich in der Tür stehen sah, legte er das Tier in eine feuerfeste Form und lächelte. Selma saß oben auf dem Küchentisch und schwang ihre in Strumpfhosen verpackten Beine vor und zurück wie Pendel. Die Teelichter auf dem Fensterbrett flackerten leicht im Zug des Fensters, das auf Kipp stand. Mattis lüftete immer. Er kam und küsste mich auf die Wange. Es waren alles kleine und gleichgültige Dinge, die groß und bedeutungsvoll werden würden, weil sie sich am letzten Abend abspielten, an dem alles heil war. Ich beugte mich zu Selma, um sie zu umarmen, aber die kleine pummelige Hand schubste mich weg. Sie hüpfte vom Küchentisch runter, sah mich beharrlich an und sagte:
„Lass uns spielen, Mama. Du bist ein Kind, und kennst mich überhaupt nicht.“
Der müde und fragende Ausdruck, der sich auf meinem Gesicht zeigte, brachte sie sofort dazu, das Gesicht zu verziehen, aber schon bevor es ihr gelang loszuschreien, gab ich nach.
„Ich bin ein Kind, und ich kenne dich überhaupt nicht?“
Sie drückte mir eine Puppe in die Hand und begann in einem Kreis um mich herumzulaufen, der mit jeder Runde kleiner und kleiner wurde, während ihr Erzählfluss mehr und mehr an Stärke gewann. Die Worttiraden im Kinderfalsett begannen unsichtbare Fäden in der Luft zu spinnen, die sich um meinen Hals wickelten. Ich versuchte nach ihr zu greifen.
Mattis kämpfte mit der Auflaufform am anderen Ende der Küche und lachte herzlich beim Anblick meiner fechtenden Arme auf dem Boden. Ich kann nicht spielen. Er schenkte Rotwein in ein Glas ein und reichte es mir herunter. Dann setzte er sich neben mich auf den Boden. Das Inferno um ihn herum konnte ihm gar nichts anhaben, denn er hat die ganz besondere Fähigkeit, sich in allen Situationen, die das Leben einem abverlangt, ruhig zu verhalten. Wie meine Mutter zu sagen pflegte: Mattis ist nicht nur ruhig, er ist die Ruhe selbst.
„Sie ist so schön“, murmelte er und guckte dem Mädchen begeistert nach. Sie war in ihr Zimmer geeilt, so dass es plötzlich ganz still in der Küche war. Ich lächelte und nickte.
Ich habe die Sprache des Spielens vergessen. Ich kann mich an kein einziges Wort erinnern. Und wenn ich mich nichtsdestotrotz an ein paar gebrochenen Glossen versuche, klingt es so verkehrt, dass Selma mich im besten Fall verwundert anschaut. Zwischen mir und dem Spielen hat sich eine Kluft geöffnet, die zu breit ist, als dass ich drüber springen könnte. Mir wird schwindelig, wenn ich mich ihr nur nähere. „Maaama, komm jetzt, komm jetzt und sieh her!“, rief sie von der anderen Seite der Kluft, aber ihre Stimme erreichte mich nur als fernes Echo. Ich legte den Kopf zwischen die Beine. Presste die Knie gegen die Schläfen. Ich hatte nicht die Kraft zu kommen, ich hatte nicht die Kraft zu sehen, ich hatte nicht die Kraft zu spielen. Mattis tätschelte leicht meine Schulter, stand vom Boden auf und murmelte: „Ich kümmere mich schon um sie.“
Endlich machte der Zug einen Ruck nach vorne. Just als das blassgelbe Licht des Bahnsteigs sich über mein Gesicht legte, erblickte ich mein Spiegelbild in der Scheibe. Während ich dasaß und mich selbst anstarrte, konnte ich plötzlich weit entfernt eine Stimme hören, die skandierte: „Du siehst eigentlich ganz okay aus, Anna, wenn deine Augen etwas größer und deine Wangen nicht so kugelrund wären.“ Ich wiederholte die Worte lautlos in der Scheibe, und etwas Dunkles begann sich in meinem tiefsten Inneren zu regen. Das Schlimmste daran Kinder zu haben, ist die Angst davor, dass sie dieselben Bürden mit sich rumtragen werden wie man selbst. Selma ist jetzt so klein, aber es dauert nicht mehr viele Jahre, bevor sie auf das offene Meer hinaus segelt und nicht länger in meiner Lee liegt. Es dauert nicht lange, bis sie selbst ihr Schicksal tragen wird.
Vielleicht war es der Gedanke an all das Unumgängliche, dass ich plötzlich auf den vernebelten Vormittag zu Beginn einer viertelstündigen Essenspause zu denken kam, als diese Worte gesagt wurden. Ich ging in die siebte Klasse. Monate, Jahre können verschwinden, und doch kann ein Satz wie dieser messerscharf zurückbleiben.
Das Mädchen hatte schönes, weißes Haar, das immer ordentlich mit Spangen hochgesteckt war, und dann hatte sie einen derart durchdringenden Sopranschrei, dass er sich einem einmeißelte, ohne dass man Widerstand leisten konnte, und der nicht wieder herausfinden konnte, wenn er erst einmal eingedrungen war. Wie eine aggressive Wespe in einem Marmeladenglas warf er sich einem gegen die Schädelwände. Aber sie war talentiert, das Mädchen. Sie konnte an einer Gruppe Jungs vorbei stolzieren, ganz langsam, ohne sich etwas anmerken zu lassen, und dann plötzlich stehenbleiben, sich ein wenig in der Sonne strecken und mit ihrem Wasserfall aus hellem Haar los peitschen. Selbst als wir Kinder waren, wussten wir beide, dass kein Junge mich jemals auf dieselbe Art ansehen würde wie sie, und das war im Grunde genommen gleichermaßen hart für uns beide.
Bevor die Worte ihren Lippen entschlüpften, hatte sie, ohne irgendeine Form von Ankündigung, Interesse für mich, deren Existenz sie sonst nur bruchstückhaft wahrgenommen hatte, gefasst. Ich stand vor dem Spiegel auf der Mädchentoilette und wusch mir die Hände als sie mit ihren Jüngerinnen im Schlepptau durch die Tür trat. Es war deutlich, dass sie mir etwas antun wollten, denn sie gingen zielsicher hin und stellten sich im Kreis um mich herum, während sie mein Spiegelbild anstarrten. Nach einer Weile trat das Mädchen vor, so dass sie genau vor mir stand. Sie hob einen ihrer kreideweißen Finger, legte vorsichtig eine Haarlocke hinter meinem Ohr zurecht, und sagte: „Du siehst eigentlich ganz okay aus, Anna, wenn deine Augen etwas größer und deine Wangen nicht so kugelrund wären.“ Dann kicherten sie. Laut und zischend. Der Klang breitete sich abwechselnd aus und zog sich wieder zusammen. Sie blieben eine Ewigkeit stehen und kicherten und kicherten, bevor sie plötzlich wieder gingen.
Als die Tür hinter ihnen zugeknallt war, fiel ich auf die Knie. Ich hielt mich mit beiden Händen an der Kante des Porzellanwaschbeckens fest und schnappte nach Luft. Dann begann ich vorsichtig, die Scherben meiner selbst vom Boden aufzusammeln, sie im Arm zu halten, und lief zum Fahrradschuppen. Hier warf ich sie von mir, in eine Ecke hinter einen Haufen Fahrräder, bis die Pausenglocke wieder klingelte und alle Kinder verschwanden, so dass ich mein Fahrrad finden und nach Hause fahren konnte.
Tränen liefen mir übers Gesicht als ich durch die Eingangstür, die Treppe hinauf, den Gang hinunter, in das Zimmer der Greisin und hin zur Ecke mit dem Sessel stürmte, in dem sie immer mit dem Rücken zum Zimmer saß und über das Wasser schaute. Ich ließ mich in ihre Arme fallen und schluchzte, dass der Stuhl sich bewegte. Sie wiegte mich in ihrer Sicherheit. Ihre Arme waren kraftlos, aber gleichzeitig stark. Sie wiegte mich und flüsterte: „Manchmal muss es wehtun, bevor es gut tun kann, mein kleiner Schatz, aber andere Male muss es nur wehtun, bis es wieder aufhört, und solch ein Tag, glaube ich, ist heute.“
Ich zog die braunen Gardinen vor die Scheibe und lehnte mich im Sitz zurück. Es standen immer noch Menschen im Gang, aber niemand kam in mein Abteil. Am selben Vormittag war ich alleine in der Wohnung gewesen. Nachts war eine dünne Schicht Schnee gefallen. Sie bedeckte die aschgrauen Halden, die an den Hausgiebeln und Bordsteinen lehnten. Am Vormittag aber begann der Regen zu fallen und sog langsam das Leben aus dem letzten Rest Schnee.
In einer Pause zwischen zwei Regenduschen, als die Wolken sich zur Seite zogen und einen Streifen blauen Himmel freilegten, nahm Mattis Selma mit auf einen Fahrradausflug. Ich konnte sie vom Fenster oben aus sehen. Sie saß in ihrem weißen Traktorsitz. Obwohl sie mich nicht sehen konnte, wie ich oben stand und winkte, war ich mir sicher, dass es etwas bedeutete. Ihre kleinen roten Finger umklammerten den Lenker, und ihr Gesicht strahlte vor Wichtigkeit. Das ist so ein Moment, an den sie sich vielleicht als Erwachsene erinnern wird, dachte ich und ging weg vom Fenster.
Ich hatte selbst beschlossen zu Hause zu bleiben. Ich hatte Mattis gesagt, dass ich an einer Aufgabe arbeiten wolle, aber die Wahrheit war, dass ich mich nach Anders‘ Anruf den ganzen Morgen umher gewälzt hatte und müde wie eine alte Eiche war. Nachdem ich ein langes Bad genommen hatte, nahm ich Kurs aufs Bett. Bevor ich es aber erreichte, klopfte es in jener bestimmten, knöcheligen Art an der Tür, in der Familienmitglieder an die Tür klopfen. Eine Art, die einen nie zweifeln lässt, wer da klopft, aber immer, ob man Lust zu öffnen hat oder nicht.
Meine Eltern standen Schulter an Schulter in der Tür. Eine massive Front, bereit, sich hinein zu quetschen, als ob sie es hindurch schaffen müssten, bevor sich das große Maul der Tür wieder schloss. Sie hatten die Angewohnheit, samstags unangemeldet zu Besuch zu kommen, wenn sie eh einkaufen waren.
„Wo ist mein Enkelkind?“, fragte meine Mutter.
„Sie ist mit Mattis zum Wasser gefahren um Enten zu füttern. Ihr hättet ja anrufen können, bevor ihr kommt.“
„Nun ja, wir dachten ja, ihr wärt zu Hause.“
Ich habe immer die Vorwürfe, die ich in der Stimme meiner Mutter hörte, ignoriert. Das bedeutete, dass ich ihr selten antwortete. Und als da meine Mutter fast immer redete, schwieg ich fast immer. Sie warf einen Blick auf das ungemachte Bett im Schlafzimmer.
„Das klingt ja toll, wärst du nicht gerne mitgegangen?“
„Ich reise heute Abend nach Norwegen, ich muss also noch ein bisschen packen.“
Sie versuchte, den Blick meines Vaters zu fangen. Er war blasser als sonst. Nichts beeinträchtigte seinen Teint. Weder Frost noch Hitze. Aber obwohl er ungewöhnlich blass war, konnte er immer noch etwas blasser werden.
„Warum fährst du jetzt rauf?“, fragte sie im selben nachsichtigen Tonfall, den man anwendet, wenn man mit einem Kind spricht.
„Ich will nur Anders und Hilde bei ein paar Problemen helfen“, antwortete ich sanft, aber ihre ungesagten Worte übertönten meine, und anstatt zu antworten, verzog sie unzufrieden das Gesicht. Diese Unzufriedenheit ist nur das Vorstadium zu dem, was ich die Verschmähung nenne. Die Verschmähung ist ein bösartiger Dämon, der sich blitzschnell, vom Inneren meiner Mutter ausgehend, auf alles um sie herum ausbreitet. Ich hasse die Verschmähung, ziehe sie aber dem ewigen Schatten, der sonst über ihr hängt vor; ziehe sie den Tagen, in denen ihr Blick ein ausgetrockneter See ist, vor.
„Ist Mattis dann zu Hause, um auf Selma aufzupassen?“
„Ja, selbstverständlich ist er dann zu Hause.“
Auf der Stirn meines Vaters zeichnete sich eine tiefe Furche ab. Viele Jahre lang hatte er keinen anderen Kontakt zu seinem erwachsenen Sohn gehabt als den, der über mich lief. Nichts konnte missglückter sein als das Verhältnis, aus dessen Asche Anders erstanden war, und kein Kind könnte unwillkommener sein als er es gewesen ist. Aber Anders existiert, und Anders hat einen Vater, und mein Vater hat einen Sohn, der Anders ist, und so kann man gewisse Dinge nicht ändern.
„Das Schlimmste ist nicht, an den Fehler zu denken“, hat mein Vater einmal gesagt. „Es ist immer ein Verbrechen, sein Kind zurückzulassen, aber das Schlimmste war der Stich, den ich für den kleinen Kerl fühlte, als er auf der Entbindungsstation in meinen Armen lag.“ Er hatte keinen ähnlichen Stich gefühlt, als seine späteren Kinder geboren wurden, fügte er hinzu und schickte einen Blick in meine Richtung. Aber da er trotz des Stiches dem Kind den Rücken zugewandt und es verlassen hatte, betrachtete er Anders als handfesten Beweis für alles, zu dem man nicht imstande war. Anders war sein Unvermögen. Viele Jahre schien es so, als würde es ihm physische Schmerzen bereiten, seinen Sohn anzusehen, aber mit der Zeit war eine befreiende Gleichgültigkeit von Anders‘ Seite langsam über meinen Vater gekommen. Jetzt sind es nur ich und der schwache Klang der Worte Vater und Sohn, die die beiden zusammenhalten.
„Wieso investierst du so viel Energie in dieses Paar, Anna? Ich verstehe das nicht.“ Murmelte er und suchte den anerkennenden Blick seiner Frau.
Wenn ich meinem Vater etwas sage, klingt es einfach anders, als es gemeint ist. Wir werden ganz einfach in endlose Reigen umeinander hineingesogen. Eine Frage zu seinem Leben und Lebensstil wendet sich unmerklich in der Luft und wird zu einem Verhör dritten Grades, und die Bitte um seine Meinung bezüglich einer Angelegenheit verwandelt sich in ein hilfloses Flehen. Eine nett gemeinte Handbewegung schubst ihn weg, und wenn ich ihn von mir wegstoße, springt er zurück in mein Blickfeld wie ein überspanntes Gummiband. Je härter ich kämpfe, um die sich zuschnürenden Bänder zwischen uns zu lösen, desto strammer werden sie, und wenn ich versuche sie zu straffen, geben sie nach.
Unsere Blicke trafen sich. Er sah gequält aus. Ich glaube, er dachte dasselbe über mich, allerdings ohne den Gedanken zu Ende zu verfolgen. Für einige Menschen ist es einfacher, ihr ganzes Leben lang einen schweren Wagen vor sich herzuschieben, als stehenzubleiben und sein Gewicht zu verringern.
Mein Vater hat sein Leben dem Schutz des literarischen Erbes gegen die Verderbnis der Gegenwart und verrohende menschliche Ansichten geweiht. Er benutzt seinen eigenen kleinen Buchverlag als Hochburg für dieses Projekt. Es kann vorkommen, dass er sich bei festlichen Gesellschaften als einen einsamen Wächter der Literatur bezeichnet, aber wenn man ihn nachher so nennt, wird er wütend wie ein Kaktus. Es gibt vieles, was ich von meinem Vater nicht weiß. Ich weiß nicht, wie viele Freunde er hat, und ob er mit denen, die er hat, spricht. Ich weiß nicht, wovon er träumt, und ich weiß nicht, was er fürchtet. Der wesentliche Teil seiner Welt geht mich nichts an.
Als ich Kind war, empfing er mich in den Arbeitszeiten nur zu Besuch, wenn ich mit Zeichensprache kommunizierte, denn er duldete keine Störungen. Trotzdem liebte ich es, in seinem Büro zu sein. Es hat schiefe Wände und liegt in der Vesterbrogade. Ich bin oft nach der Schule mit dem Fahrrad dahingefahren um in dem grünen Plüschsessel in der Ecke zu sitzen, lauwarme Cola aus dem Bierkasten hinter der Tür zu trinken und mir die Bücher anzusehen. Das feierliche, kitzelnde Gefühl, ein knisterndes neues Buch zum ersten Mal zu öffnen. Der Stolz im Gesicht meines Vaters.
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