Kitabı oku: «Eine neue Göttin für Myan»
Sigrid Jamnig
Eine neue Göttin für Myan
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Impressum neobooks
Prolog
Es war laut in der Bar. Stimmen brüllten über die Musik hinweg. Die Bässe dröhnten in den Ohren. Das kleine Lokal war überfüllt. Nur waren keine gewöhnlichen Leute in dieser Bar zu finden. An der Theke beispielsweise stand ein großes, grünes Wesen, das ein großes Glas mit goldenem Inhalt umklammerte. Auf der Erde würde man es als Bier bezeichnen, welches mit glitzernden Funken versetzt war. Aber hier in Caran hieß es Nief und schmeckte ein bisschen wie Bier mit Früchten, auch wenn die Früchte nicht so recht einzuordnen waren.
Es gab auch noch andere Wesen in der Bar: Man traf auf Vampire, Werwölfe und natürlich Dämonen. Caran war die gefährlichste Stadt von ganz Myan. Es war die Stadt der Dämonen.
Hinten in der Ecke saßen an einem Tisch drei Männer. Offensichtlich Brüder. Jeder hatte ein Glas Nief vor sich stehen. Keiner von ihnen sah sonderlich glücklich aus. Florian, der jüngste von ihnen, war erst sechzehn Jahre alt.
„Wo bleibt er nur?“, stieß Ian, der älteste von ihnen, hervor. Der für myantische Verhältnisse junge Halbdämon ließ seinen Blick durch die düstere Bar gleiten. Die kleinen magischen Lampen, welche wie runde an die Decke geklebte Blasen aussahen, spendeten nicht sonderlich viel Licht. Stattdessen hüllten sie die ganze Bar in ein schummriges Licht. Die getäfelten Holzwände und die rustikale Einrichtung trugen zur lauten und düsteren Atmosphäre bei.
Beim Erscheinen der drei Brüder waren sie wieder ausgelacht worden. Ihre Familie hatte das Ansehen verloren nach den Fehlern, die ihr Vater Marius in den letzten der sechs Dämonenkriege begangen hatte. In diesen Auseinandersetzungen war die gesamte Familie McNail gestorben. Alle bis auf Marius und seine Schwester Tanja. Keiner der drei Brüder wusste, was Marius damals genau angestellt hatte, aber wegen ihm hatten die Dämonen ihre besonderen Götterkräfte verloren. Seitdem wollte niemand mehr etwas mit ihnen zu tun haben. Auch wenn Ian, Alex und Florian damals nicht einmal dabei gewesen waren. Schließlich war der letzte der sechs Dämonenkriege bereits fünf Jahrhunderte her. Zu diesem schlechten Image trug auch die Tatsache, dass sie alle drei nur Halbdämonen waren und menschliche Mütter hatten, bei. Auch galten sie als verweichlicht, da sie mit den liebsten Dämonen-Hobbys Töten und Foltern nichts anfangen konnten. Ian, Alexander und Florian war es egal. Sie wollten gar nicht dazugehören.
Alexander blickte auf seine Uhr. „Er hätte schon vor einer Stunde hier sein sollen!“
Florian begann ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln. „Erklärt mir noch mal, warum wir hierher gekommen sind?“, wollte er schließlich zum wiederholten Male wissen. Alex seufzte, während Ian seinen Bruder schief ansah.
Dabei hatte Florian recht: Es gab kaum einen vernünftigen Grund, warum sie hierher gekommen waren. Sie waren viel zu sehr mit der modernen Lebensweise der jungen Dämonen verbunden, um noch bei irgendwelchen Machtspielchen mitzumachen. Die wenigsten der jungen Dämonen, sprich 400 Jahre oder jünger, waren mehr richtig böse. Sie hatten Familien und Kinder, gingen gewöhnlichen Jobs nach und hielten sich an das Gesetz. So waren auch Ian und Alex vor ungefähr vierhundert Jahren aus Caran weggegangen. Sie hatten ihren Vater Marius einfach hinter sich gelassen. Diesem war das gar nicht recht gewesen, vor allem nicht, dass sie ihm ihren jüngsten Bruder und dessen Mutter einfach vor der Nase weg geschnappt hatten. Sie wollten, dass Florian eine richtige Kindheit bekommen würde. So war aus Marius hochstrebenden Zukunftsplänen nichts geworden. Seine Söhne sollten ihm jedoch dabei helfen, den Fehler aus dem letzten Dämonenkrieg zu korrigieren.
Bis gestern hatten weder Ian noch Alex oder Florian etwas von ihrem Vater gehört. Vor ungefähr vierundzwanzig Stunden hatte Marius dann jedoch bei Ian in der Arbeit angerufen und gesagt, dass er ihnen etwas Wichtiges zu sagen hätte. Er hatte ihn praktisch angefleht zu kommen. Und auch wenn es Ian eigentlich vollkommen egal war, was Marius machte, so war er immer noch ihr Vater, und nur aufgrund dieser genetischen Tatsache und der Hoffnung, dass Marius zur Vernunft kommen und endlich ein richtiger Vater werden würde, hatte Ian seine Brüder zu diesen Trip überredet.
„Er ist doch unser Vater!“, beantwortete er schließlich Flos Frage. Dieser aber schnaubte nur: „Ja und? Was hat er jemals für uns getan?“
„Ich weiß, was du meinst, aber er hat sich so verzweifelt am Telefon angehört.“ Nichts, was Ian sagte, schien Florians Meinung zu ändern. Ihm war sichtlich langweilig.
„Lass uns einfach nach Hause gehen! Er wird nicht mehr kommen!“, jammerte er. Seine Brüder waren geneigt, ihm zuzustimmen.
Kapitel 1
Mit einer Endgültigkeit fiel die Tür hinter Ally ins Schloss. Es schien in dieser Welt keinen Platz für sie zu geben. Manchmal wünschte sie sich, etwas Besonderes zu sein, aber leider war sie einfach nur ein ganz durchschnittlicher Mensch ohne besondere Begabungen. Nur schien das dem Chaos, das sie ihr Leben nannte, noch nicht zu reichen. Nein, sie musste ja auch unbedingt diese bescheuerten Ängste mitbekommen. Wozu das gut sein sollte, entzog sich vollkommen ihrer Kenntnis. Und so konnte sie ihren Mitmenschen noch nicht einmal mitteilen, dass sie eigentlich ganz normal war. Ally war dazu verdammt, für immer allein in ihrer stillen Welt zu sein. Nur gelegentlich besucht von ihren wenigen Freunden, die sie manchmal so selten sah, dass sie das Gefühl hatte, dass es ihnen nicht einmal auffallen würde, wenn sie nicht mehr da wäre.
Es war zum Heulen. Ally stand im Flur ihrer Wohnung. Die langen schwarzen Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden, aus dem sich schon einige Strähnen gelöst hatten, und ihre dunkelbraunen Augen ganz rot. An ihren Wangen zogen sich nasse Spuren. In ihr tobten die unterschiedlichsten Gefühle. Sie wollte mit ihrem Kopf gegen die Wand schlagen oder einfach irgendetwas kaputt machen. Vielleicht würde das endlich ihrem Kopf eintrichtern, dass sie keine Angst zu haben brauchte.
„Warum kann ich nicht einfach anders sein?“, flüsterte die junge Frau hoffnungslos. Sie hatte das Gefühl, dass die ganze Welt sich gegen sie verschworen hatte, dabei wollte sie doch einfach nur einen guten Job und einen Mann in ihrem Leben. War das denn wirklich zu viel verlangt?
In ihrer rechten Hand hielt Ally einen schlichten weißen Umschlag. Ein wütend wieder hineingestopfter Brief lugte heraus. Es war eine weitere Absage. Wieder wollte sie eine Firma nicht einstellen. Dabei glaubte Ally, dass sie eine gute Sekretärin sein könnte, wenn ihr nur endlich jemand eine Chance geben würde. Ihr kam es so vor, als hätte sie sich schon bei hunderten von Firmen beworben, doch sie bekam immer dieselbe Antwort: „Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ...“ Ally konnte diese Worte schon nicht mehr hören. Schön langsam glaubte sie, dass diese Firmen die Sache gar nicht bedauern würden, sondern einfach nur möglichst höflich sein wollten.
Sie schlug mit der Hand gegen die Wand. Dabei fiel der Brief auf den Boden. Ally war so wütend, vor allem auf sich selbst. Was hatte sie nun schon wieder falsch gemacht? War sie wieder einmal zu schüchtern gewesen? Ally konnte es nicht genau sagen. Aber es schien ihr, als würde sich bei einem Vorstellungsgespräch jedes Wort aus ihrem Mund vollkommen dumm anhören. Als würde man ihr ihre Ängste an der Nasenspitze ansehen. Und dann wusste sie auch nie, was sie sagen sollte. Kein Wunder also, dass sie niemand einstellen wollte.
Alyssa, so ihr richtiger Name, konnte es einfach nicht verstehen, dass ihr nichts so recht gelingen wollte. Zuerst hatte sie ihre Matura mehr schlecht als recht gemacht und dann auch noch ihr Informatikstudium abgebrochen, weil sie die Programmiersprachen einfach nicht verstanden hatte. Und jetzt schaffte sie es einfach nicht, einen Job zu finden. Sie kam sich wie eine Versagerin vor. Nichts hielt sie auf dieser Welt. Insbesondere nachdem sie vor wenigen Wochen aus der Wohngemeinschaft mit ihrer besten Freundin ausziehen musste. Jetzt war sie nur noch alleine.
Ally hatte genau zwei Freunde: ihre beste Freundin Mira, welche vor kurzem mit ihrem Freund Patrick zusammengezogen war und an der Uni Medizin studierte, und ihre ältere Schwester Sira, die vor einigen Jahren ihren langjährigen Freund Hannes geheiratet hatte und als Kellnerin arbeitete. Beide hatten neben Uni und Arbeit nicht wirklich Zeit, sich mit ihr zu treffen. Mira hatte schrecklich viel zu lernen und auch noch ihren Nebenjob. Sira hatte solche Arbeitszeiten, dass sie immer dann arbeitete, wenn Ally gerade Zeit hatte.
Da es Alyssa nun aber schrecklich schwerfiel, neue Leute kennenzulernen, hatte sie es bisher nicht geschafft, sich mit den Leuten aus ihrem Kirchenchor oder dem AMS-Kurs, zudem man sie verdonnert hatte, anzufreunden. Der Chor war das einzige Hobby, das Ally in letzter Zeit wirklich Freude machte. Er war der einzige Lichtblick in ihrer düsteren und stillen Welt. Der Grund, warum sie trotz allem noch jeden Tag das Bett verließ, obwohl alles nicht wirklich etwas zu bringen schien. Sie liebte es, dort zu sein und zu singen. Niemand achtete speziell auf sie. Ally konnte in der Menge untergehen und war frei, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Selbst wenn ihr gewisse Kirchenlieder nicht so zusagten, war sie doch während des Singens frei von ihren Ängsten. Doch sobald ein Lied zu Ende war, kehrten sie immer wieder zurück.
Nur schien dieser Lichtblick nicht mehr den gewünschten Effekt zu haben. Ally hatte einen Knoten in der Brust, welcher sie gefangen hielt. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie starrte auf den Brief, der am Boden lag.
„Ich will nicht mehr“, flüsterte sie leise. Schon öfters hatte sie solche Gedanken gehabt. Das Leben hatte keinen Reiz mehr. Ally hatte einfach genug. Sie wollte sich nicht mehr mit ihren dummen Ängsten herumschlagen. Sie wollte nicht mehr schüchtern sein. Sie wollte endlich frei sein.
Alyssa stieß sich von der Wand ab und ging in die Wohnküche. An der einen Wand rechts neben der Tür befand sich eine kleine Küchenzeile. Es war noch dieselbe Unordnung vorhanden, welche sie zurückgelassen hatte. Das Geschirr stapelte sich in der Spüle, aber Ally kümmerte sich nicht darum. Sie öffnete den hohen Schrank am rechten Rand der Küchenzeile. Ganz oben, im obersten Fach, war genau das, wonach sie suchte: Dort stand eine Flasche mit einer klaren alkoholischen Flüssigkeit und ein kleines weißen Plastiksäckchen. In den letzten Wochen hatte sie begonnen, diese Dinge in diesem Schrank zu lagern. Angefangen hatte es mit einer kleinen Packung Schmerztabletten. Zuerst hatte sie die Tabletten nur wegen ihren Menstruationsbeschwerden gebraucht, aber wenige Tage später hatte sie eine weitere Schachtel mitgebracht. Da hatte sie sich dann gefragt, ob man daran sterben würde, wenn man genug von diesen Tabletten mit einer Flasche Alkohol hinunterspülen würde. Ally hat auch versucht, im Internet eine Antwort auf diese Frage zu finden, aber sie war nicht wirklich darauf gekommen. Vielleicht hatte sie auch einfach nur die falschen Suchbegriffe verwendet, aber es war ihr egal. Mit der dritten Packung Tabletten wurde ihr klar, dass sie es auf einen Versuch angekommen lassen würde. Da Ally nicht wusste, wie viele Tabletten sie brauchen würde, hatte sie nun schon fünf Päckchen bei sich. Die Flasche Wodka war erst vor wenigen Tagen dazu gekommen. Bisher hatte sie sich nicht getraut, tatsächlich ein paar der Tabletten zu nehmen.
Die drückende Einsamkeit, der fehlende Sinn in ihrem Leben und heute die wohl dutzendste Absage hatten den Ausschlag gegeben, ihre Pläne umzusetzen. Ally nahm die beiden Dinge aus dem Schrank und schloss die Tür mit einem leichten Tritt. Sie ließ das Säckchen auf den Couchtisch am anderen Ende des Raumes unter dem großen Fenster fallen. Dabei purzelten ein paar Päckchen heraus. Die Flasche stellte sie daneben. Sonst lag nur die Fernbedienung des Fernseher auf dem einfachen weißen Tischchen. Bevor Ally sich auf das schwarze Sofa hinter dem Tisch fallen ließ, holte sie noch ein weißes Blatt Papier und einen Stift aus der Kommode gegenüber, auf der auch der Fernseher stand. Mit fahrigen Bewegungen setzte sie den Stift auf das Papier. Sie hatte sich in den letzten Wochen immer wieder überlegt, was sie denn in ihren Abschiedsbrief schreiben wollte. Letztendlich hatte sie sich für ein paar kurze Abschiedsworte entschieden. Mit zitternden Händen und Tränen in den Augen schrieb Ally ihre letzten Worte.
Es tut mir leid, aber es gibt in dieser Welt keinen Platz für mich. Ich werde euch sehr vermissen. Hab euch lieb!
Dieser Brief richtete sich an ihre Eltern, ihre Schwester und ihre beste Freundin. Ally wollte sich gar nicht vorstellen, wie ihre Eltern reagieren würden, wenn sie davon erfahren würden. Sie wusste auch nicht, wie lange es dauern würde, bis man merken würde, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilte. Aber in diesem Moment war ihr alles egal. Sie war einsam und allein. Es gab vielleicht ein paar Leute, welche sie vermissen würde, aber es gab niemanden, der sie wirklich brauchte.
Ally seufzte schwer und wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann fing sie an, die Tabletten aus den Päckchen zu drücken.
Es tat ihr leid, dass sie ihre Freunde und Familie nicht noch ein letztes Mal gesehen hatte, aber dazu war keine Zeit gewesen. Sie hatte versucht, eine Verabredung mit Sira und Mira zu treffen, aber sie waren zu keinem Termin gekommen. Immer war etwas dazwischengekommen. Ihre Eltern konnte sie leider nicht besuchen, da sie keine Möglichkeit und Zeit gehabt hatte, nach Kärnten zu fahren. Seit sie nach dem Schulabschluss mit Mira zusammen nach Wien gezogen war um zu studieren, sah sie ihre Eltern nur mehr selten. Aber sie hatte ihre Mutter gestern Abend noch angerufen und sich nach ihrem Befinden erkundigt. Zu Hause ging es allen gut. Im familieneigenen Gasthaus gab es keine Probleme. Ally hoffte, dass es so bleiben würde.
Es passierte, als Ally gerade den Verschluss der Flasche öffnen wollte. Plötzlich war sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung. Zwei Frauen standen mitten in ihrer Wohnküche. Es schien ihnen nicht merkwürdig vorzukommen, in einer fremden Wohnung aufzutauchen. Ally aber zuckte zusammen, die Flasche rutschte aus ihrer Hand und zerschellte klirrend auf dem Boden. Dabei spritzte der Inhalt in alle Richtungen. Allys Hose war ganz feucht. Der Wodka breitete sich unter dem Sofa und dem Tisch ganz langsam aus. Der Geruch von Alkohol lag in der Luft. Aber all das war im Moment nicht wichtig. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Sie zitterte leicht vor Angst und starrte die beiden Frauen an, welche sich kaum voneinander unterschieden: Beide hatten lange silbergraue Haare und trugen lange wallende weiße Gewänder. Sie schienen Zwillinge zu sein.
„Wer sind Sie?“, brachte Ally mühsam hervor. Die beiden Frauen lächelten Ally freundlich an.
„Hab keine Angst!“, sagte eine von ihnen. „Wir wollen dir nur sagen, dass du es nicht tun sollst!“, fügte die andere hinzu. Nun war Ally erst recht sprachlos. Woher wussten sie von ihrem Vorhaben? Ally hatte niemandem davon erzählt.
„Ich weiß nicht, wovon sie sprechen!“, sagte sie schließlich leise. Die beiden Frauen tauschten vielsagende Blicke. Sie glaubten ihr nicht.
„Gehen Sie!“, meinte Ally weiter. Aber sie rührten sich nicht von der Stelle.
„Wir können dir helfen“, sagte eine von ihnen.
Ally schüttelte den Kopf. „Ich brauche keine Hilfe!“ Mit einem sanften Lächeln kam eine der Frauen näher. „Es gibt noch so viel Schönes in dieser Welt, dass du alles versäumen würdest, wenn du dir jetzt dein Leben nimmst!“
„Woher ...“, setzte Ally an und brach dann ab. Sie kannte diese Frauen nicht. Hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen. „Wir wissen so einiges“, sagte nun die andere Frau. „Und wir wissen auch, dass es nicht dein Schicksal ist, jetzt zu sterben.“ Ally schnaubte. Sie ließ sich nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hatte.
„Ach, und was ist dann mein Schicksal?“ Schon lange glaubte sie nicht mehr, dass ihr Leben zu mehr als dieser Einsamkeit taugte. Wieder tauschten die beiden Frauen einen Blick.
„Du bist eine Göttin“, sagte die eine. „So wie wir!“, fügte die andere hinzu. Was sollte denn das? Einen Augenblick starrte Ally die beiden Frauen einfach nur an. Und brach dann in schallendes Gelächter aus.
„Ja genau!“, murmelte sie sarkastisch. Als sie sich wieder beruhigt hatte, meinte sie: „Das war nun alles ganz lustig, aber bitte gehen Sie jetzt!“ Wieder machten die beiden Frauen keine Anstalten zu gehen. Stattdessen hob die Frau, die näher bei ihr stand, ihre Hand und machte damit eine kleine kreisende Bewegung. Im nächsten Moment kam Bewegung in die Scherben der Flasche auf dem Boden. Sie stiegen in die Höhe und setzten sich von selbst wieder zu einer Flasche zusammen. Auch der ganze Inhalt befand sich nun wieder in der Flasche. Auf Allys Hose waren keine nassen Flecken mehr zu sehen. Die nun wieder heile Flasche landete mit einem dumpfen Laut auf der Tischplatte, zitterte leicht und blieb schließlich ruhig stehen.
Ally starrte auf die Flasche. Wie war das möglich? Ally konnte es sich nicht erklären. War es vielleicht doch möglich, dass die beiden Frauen Göttinnen waren? Es war nicht so, dass Ally nicht an Magie glauben würde. Sie war davon überzeugt, dass Magie und Übernatürliches existieren würde, aber sie hatte nie damit gerechnet, dass sie tatsächlich einmal damit in Berührung kommen würde. Es musste eine rationale Erklärung für das Erscheinen der beiden Frauen geben. Ihr Blick fiel auf die Tabletten. Vielleicht hatte sie die Pillen schon genommen und hatte jetzt einen merkwürdigen Traum? Ja, das musste es sein! Es konnte keine andere Erklärung geben.
„Ich muss träumen!“, murmelte Ally leise. Die junge Frau wusste zwar nicht, ob dieser Traum nun bedeutete, dass die Tabletten wirkten und sie sterben würde, oder ob sie einfach aufgrund einer Überdosis in Ohnmacht gefallen war und irgendwann wieder mit furchtbaren Bauchschmerzen aufwachen würde. Ally beschloss, in diesem merkwürdigen Traum einfach mitzuspielen.
„Du träumst nicht!“, erklärte in diesem Moment eine der beiden Frauen.
„Wenn das so ist ...“, fing Ally an. Trotz ihres Entschlusses hörte sie sich ungläubig an. „Wer seid Ihr?“ Die beiden Göttin stellten sich ihr daraufhin als Sharon und Shila vor. Ally fürchtete, dass sie die Zwillinge wohl immer miteinander verwechseln würde.
„Ich heiße Alyssa Sullivan!“, meinte sie überflüssigerweise, da die Göttinnen ihren Namen natürlich bereits kannten. Sie übergingen Allys Bemerkung, was die junge Frau sehr freute, da es ihr doch irgendwie peinlich gewesen war. Sie schienen bereits alles von ihr zu wissen, warum sollte sie sich dann also noch vorstellen? Stattdessen meinte Sharon – zumindest glaubte Ally, dass es Sharon war –: „Es ist ganz alleine deine Entscheidung, ob du dein Schicksal annimmst oder so weiterlebst wie bisher!“
Ally ließ sich diese Aussage durch den Kopf gehen. „Was würde sich ändern, wenn ich meinem Schicksal zustimmen würde?“
In Wahrheit hatte sie sich längst entschieden. Vollkommen egal, ob es nun ein Traum war oder doch Realität: Sie würde auf jeden Fall zustimmen. Ihr Leben hatte doch sonst nichts zu bieten, so würde sich zumindest etwas ändern.
Die beiden Schwersten tauschten einen Blick und erwiderten gleichzeitig: „Alles!“ Es war genau die Antwort, die Ally erwartet hatte. Sie wollte doch auch, dass sich nun alles ändern würde.„Ja, das dachte ich mir schon ... aber was müsste ich dafür tun?“
„Du hättest einiges zu lernen!“, fing Shila an.
„Wie man Magie anwendet ...“
„Wie man sich per Gedankenkraft von einem zu einem anderen Ort bewegt ...“
„Wie man Wunden heilt ...“
„Wie man fliegt ...“
„Wie man sich der Sammlung bedient ...“
Sharon und Shila zählten noch viele andere Dinge auf. Schließlich unterbrach sie Ally.
„Ich hab es verstanden: Ich muss einen Götterkurs machen!“ Die Göttinnen schmunzelten. Anscheinend hatte diesen Unterricht noch nie niemand Götterkurs genannt. Ally brannten tausende Fragen auf der Seele, aber sie wusste nicht, ob sie diese einfach stellen konnte. Die altbekannten Ängste blockierten ihr Hirn, und die Fragen fanden den Weg aus ihrem Mund nicht: Was war die Sammlung? Welche Geschichte musste sie lernen? Wo wohnten die Götter? Musste sie die Bibel lesen? Nicht dass Ally das nicht schon versucht hatte, aber nach ungefähr hundert Seiten hatte sie aufgegeben, das langweilige Buch lesen zu wollen.
Sie rang innerlich mit sich, um dann nach Stunden – zumindest kam es ihr vor wie Stunden – leise zu fragen: „Was genau ist die Sammlung?“ Eine der beiden Göttinnen – Ally glaubte zu wissen, es war Shila – erklärte ihr, dass es sich dabei um eine Art magische Datenbank handeln würde, wo alles über alles und jeden abgespeichert war. Götter und Engel können mit der Kraft der Gedanken darauf zugreifen. Es schien also nicht wahr zu sein, dass Götter alles wissen – doch zumindest schienen sie zu wissen, wo sie alles finden.
Inzwischen hoffte Ally, dass es sich nicht um einen Traum handeln würde, weil ihr größter Wunsch nach Magie in ihrem Leben endlich wahr zu werden schien.
„Wo kommen die Götter her?“
„Wir hatten gehofft, dass du das fragst“, sagte Sharon. Sie hob die Hand, und in der Luft über Allys Couchtisch erschien ein Bild von der Erde, wie ein schwebender leicht durchsichtiger Globus.
„Ist das ein Hologramm?“, flüsterte Ally. Sie war so aufgeregt und fasziniert, dass sie ihre Ängste für einen kurzen Augenblick ganz vergessen hatte. Sharon nickte, und neben der Erde erschien ein ebenso schwebendes Bild des Mondes. Shila zeigte auf eine Stelle hinter dem Mond. Dort erschien ein kleines, wirklich winziges Bildchen eines Planeten. Der Planet war nicht sehr groß und bestand etwa zur Hälfte aus Wasser.
„Das ist Myan. Die Götter wohnen hier!“ Nun staunte Ally. Die Götter und Engel waren Außerirdische. Ally hatte immer daran geglaubt, dass es Leben außerhalb der Erde gab, aber sie hatte immer angenommen, dass dieses zu intelligent sein würde, um tatsächlich auf die Erde zu kommen. Hier gab es nun wirklich nichts zu holen. Die Menschen schafften es auch ganz von alleine, den Planeten zu zerstören.
„Und warum seid Ihr dann auf der Erde?“, wollte sie daher wissen.
„Du wirst es noch genau lernen, aber die Götter und Engel haben vor Jahrmillionen beschlossen, den Menschen auf der Erde zu helfen; ihnen den Weg zur Wiedergeburt zu weisen!“
„Dann haben also doch die Götter die Erde erschaffen?“
Das aber verneinten die beiden Göttinnen.
„Die Erde hat es schon gegeben, als die Götter nach Myan gekommen sind. Die Götter und Engel sind nur sehr mitfühlende Wesen. Uns taten die damals noch nicht so weit entwickelten Menschen leid!“
Ally schwirrte der Kopf. Sie wusste gar nicht, was sie als nächstes fragen sollte. Sollte sie nach den Ereignissen aus der Bibel fragen? Oder doch nach der Wiedergeburt und dem ewigen Leben?
Bevor sie weitere Fragen stellen konnte, sagte Sharon (oder war es doch Shila?): „Wir wissen, dass es viel auf einmal ist und du sehr viele Fragen hast!
Alle deine Fragen werden beantwortet werden!“
„Aber heute würden wir dir gerne Myan zeigen!“ endete Shila dann.
Ally konnte es noch kaum fassen. Sie würde heute noch in das Reich der Götter reisen.
„Wie kommen wir da hin?“
„Das ist ganz einfach!“ Eine der Göttinnen streckte ihr die Hand hin. „Gib mir deine Hand!“
Zögernd streckte Ally die Hand aus. „Wird es weh tun?“ Sie erinnerte sich daran, dass die Göttin davon gesprochen hatte, dass sie lernen würde, wie man sich mit Gedankenkraft zu einem anderen Ort bewegen konnte.
„Aber nein!“, versprach die Göttinm und Ally nahm die Hand. „Es geht ganz schnell!“
Kapitel 2
Ein Gefühl der Leichtigkeit breitete sich in Ally aus. Ein helles, fast blendendes Licht umgab die junge Frau. Ally konnte die beiden Göttinnen nicht mehr sehen. Wenn sie nicht den leichten Druck auf ihrer Hand fühlen würde, würde sie denken, dass sie ganz alleine war. Dann verlor sie das Gefühl unter ihren Füßen. Sie schwebte in der Luft und fühlte sich völlig schwerelos.
Genauso schnell wie dieses Gefühl gekommen war, verschwand es auch wieder. Unvermittelt hatte Ally wieder festen Boden unter den Füßen, sodass sie umknickte und stolperte. Wenn Sharon und Shila sie nicht gehalten hätte, wäre sie umgefallen. Das Licht um sie herum löste sich auf, und die gesamte Umgebung hatte sich verändert. Die drei Frauen standen auf einer ziemlich belebten Straße inmitten einer großen Stadt. Neben ihnen erhob sich ein großes, schlossähnliches Gebäude mit weitläufigen Seitenflügeln und einem großen weißen Eingangstor. Zum Tor hinauf führte eine breite Stiege aus weißen Steinen, welche mit Engelsstatuen gesäumt war. Das Eingangstor stand offen. Ally konnte aber von hier nicht erkennen, was sich darin befand.
Alles um Ally herum hatte dieselbe weiße Farbe. Auch die anderen Gebäude. Neben Ally, inmitten der weiß gepflasterten Straße, stand ein gelbes rundes Straßenschild. Das Schilde war in schwarzen Buchstaben mit „Das Hauptquartier!“ beschriftet. Wie eine Bushaltestelle. Nur ohne Aushang mit den Abfahrtszeiten.
Viele Menschen oder auch andere Wesen gingen an ihnen vorbei. War da drüben tatsächlich gerade eine Elfe aus dem Geschäft für Kleidung gekommen?
Helles Licht, wie jenes von dem Ally umgeben gewesen war, leuchtete neben ihnen auf. Wenige Sekunden später stand dort ein Mann mit langen Haaren und einem Bart auf dem Kinn und der Oberlippe. Er wandte sich dem großen Haus zu und ging die Treppe nach oben. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, aber Ally wusste nicht genau woher.
„Wow!“ entfuhr es Ally. Mit staunenden Augen schaute sie sich um. Sie wusste gar nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Vielleicht zu der Auslage des Kleidergeschäftes, in der es ausschließlich weiße Klamotten gab. Oder zu der Apotheke, in der tatsächlich Zaubertränke angeboten wurden. Sie bemerkte auch, dass es hier keine Autos gab, stattdessen jedoch manchmal Leute über ihren Köpfen hinweg flogen.
„Das ist ein magischer Ort!“, flüsterte sie leise.
„Ja, das ist es!“, stimmte Sharon ihr zu. Zusammen standen sie neben dem gelben Schild, und Ally blickte die Straße hinauf und hinunter. Es waren sehr viele Leute auf der Straße, und viele davon waren auf dem Weg zu dem großen Gebäude. Darunter auch Feen, Elfen und Kobolde. Ein kleines Mädchen, welches mit ihrer Mutter des Weges kam, hatte ein kleines rotes rundes haariges Ding bei sich, welches heftig zappelte und fiepende Laute von sich gab. Es schien eine Art Haustier zu sein.
Nun blickte Ally zu dem großen Gebäude empor. Das musste das Hauptquartier sein. Viele Menschen gingen die Treppe hinauf und hinunter. Es herrschte reger Betrieb.
„Was bedeutet das Hauptquatier?“, wollte sie schließlich wissen. Sharon und Shila gingen zur Treppe.
„Hier arbeiten Götter, wenn sie nicht gerade auf der Erde unterwegs sind“, erklärte ihr Shila. „Hier wird auch dein Unterricht stattfinden.“
Zusammen gingen sie die Treppe hoch. Ally war fasziniert und nervös zugleich. Es kribbelte in ihrem Bauch, aber sie versuchte, sich ihre Ängste nicht anmerken zu lassen. Die Statuen, welche die Treppe säumten, waren Engel mit prächtigen Flügeln und sanften Gesichtern. Auf dem großen Holztor war ein Holzkreuz, in dessen Mitte sich ein Pentagramm befand. Das Tor war umrahmt von geschwungenen Verzierungen, welche auch alle Fenster und das Gesimse zierten. Am Dach war eine Engelsstatue zu erkennen. Bis auf ein paar goldene Ornamente bestand das gesamte Haus aus den gleichen weißen Steinen.
Zusammen betraten sie die große Eingangshalle. Der Raum war ebenfalls ganz in Weiß gehalten. Gegenüber der Eingangstür führte eine Treppe mit einem silbernen, reich verzierten Geländer nach oben. Links von der Treppe stand ein großer, halbmondförmiger Schreibtisch. Es sah wie eine Rezeption aus. Hinter dem Schreibtisch saß eine junge Frau mit braunen Locken. Ally schien es, als würde sie sich auf einer Behörde befinden. Viele Menschen und andere Wesen standen in der Halle herum oder saßen an kleinen runden Tischen auf einfachen Holzstühlen. Sie alle füllten ein Formular aus, welches sie von dem Ständer genommen hatten, der links vor dem Schreibtisch stand. Die Rezeptionistin saß vor einem Computer, der genauso aussah wie einer auf der Erde. Sie beantwortete die Fragen der Anwesenden oder ging ans Telefon.
„Was ist das hier?“, wollte Ally wissen, als sie langsam zu dem Ständer ging. Nach einigem Suchen fand sie ein Formular in ihrer Sprache. In fetten Buchstaben stand „ANTRAG“ auf dem Papier. Darunter musste man dann Namen, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Art des Wunsches sowie eine genaue Beschreibung und Begründung angeben.
„Wenn man auf der Erde etwas von einem Gott oder einem Engel will, dann betet man“, erklärte ihr Shila. „Wenn man auf Myan etwas von den Göttern oder Engeln will, dann kommt man hierher und füllt einen Antrag aus.“ Nun war Ally etwas verwundert.
„Ich dachte, es leben nur Engel und Götter auf Myan?“
„Nein, die Götter und Engel leben im Tal der Götter. Ansonsten leben hier Menschen, Hexen, Zauberer, Feen, Elfen und viele andere.“
„Kann ich auch so einen Antrag ausfüllen?“
Shila nickte. „Ja, kannst du, aber du bist selbst eine Göttin. Er würde nicht angenommen werden.“
Ally steckte den Antrag wieder in den Ständer zurück. „Jetzt weiß ich auch, warum meine Gebete nie gehört wurden.“ Sharon legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Kein Zauber kann dir deine Ängste nehmen. Ängsten muss man sich stellen, um sie überwinden zu können.“
„Ist schon ok. Ihr kriegt vermutlich tausende Gebete täglich.“
„Eher Millionen – das gibt ein furchtbares Klingeln in den Ohren. Da sind uns die Anträge um einiges lieber!“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Die drei Frauen drehten sich um. Hinter ihnen stand eine hübsche Frau mit langen roten Haaren und grünen Augen. Sie hatte ein freundliches Gesicht, eine kleine Stupsnase und viele Sommersprossen. Im Gegensatz zu den Schicksalsgöttinnen trug sie keine wallenden weißen Gewänder, sondern eine langen luftigen Rock, wobei die untere Hälfte aus einem durchsichtigen Material bestand. Ihr T-Shirt war mit der Aufschrift „Ich war’s nicht“ und dem Bild einer Katze mit großen Augen und unschuldigem Blick bedruckt. Auch ihre Kleidung war weiß. Schuhe hatte sie keine an.
„Hallo Tina!“, wurde sie von den Schicksalsgöttinnen mit Küsschen begrüßt. Anscheinend war diese Art der Begrüßung auch auf Myan üblich. Ally hoffte, sich diesem Ritual nicht anschließen zu müssen. Sie mochte dieses Herumgeküsse nicht, vor allem, weil sie Angst vor Nähe hatte. Warum konnten die Leute nicht einfach beim klassischen Händeschütteln bleiben? Auch hatte Ally das Gefühl, dass sich die Leute von Myan einiges von den Menschen auf der Erde abgeschaut hatten. Fast so wie die Menschen aus Österreich von den Amerikanern.
Sharon stellte Ally Tina vor. Sie schüttelten sich kurz die Hände.
„Ich hab dich schon erwartet, Ally!“, sagte Tina dann. Die Frau wirkte nett – soweit Ally das in der kurzen Zeit beurteilen konnte.
„Tina wird dich unterrichten!“, erklärte ihr Sharon. Ally wusste nicht, was sie sagen sollte, also schwieg sie einfach. Ihr war es aber doch etwas unangenehm. Sie mochte das Gefühl nicht, nichts zu sagen zu haben. Dabei hatte sie immer das Gefühl, dass sie nicht intelligent genug war, um überhaupt zu einer Konversation beizutragen. In ihrem Kopf hörte sich alles irgendwie dumm an und ihr kam es so vor, als würden ihr die anderen diese Gefühle ansehen.
Tina lächelte sie freundlich an. „Wir werden mit dem Unterricht so bald wie möglich beginnen. Also: Was machst du morgen?“
Ally dachte einen Moment nach. Morgen war Samstag, folglich hatte sie auch nichts vor.
„Ich habe morgen Zeit“, sagte sie schließlich.
„Gut, dann treffen wir uns morgen um zehn Uhr hier?“
Ally nickte. Sie konnte es kaum erwarten mit ihrer Ausbildung zu beginnen. Alles in ihr kribbelte. Sie hatte das Gefühl, irgendjemandem davon erzählen zu müssen, weil es sonst unmöglich wahr sein konnte. Aber dann sagte Sharon etwas, das alles furchtbar kompliziert machte. Es schien fast, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.
„Du darfst niemanden davon erzählen.“
„Aber warum?“ Ally hatte zwar vermutet, dass sie dies alles nicht an die große Glocke würde hängen dürfen, aber sie hatte angenommen, wenigstens ihrer besten Freundin davon erzählen zu können.
„Die Menschheit ist noch nicht bereit für dieses Wissen.“
„Ich möchte es ja auch nicht der ganzen Menschheit mitteilen, sondern nur meiner besten Freundin!“ Aber die Göttinnen schienen auch das nicht zu wollen.
„Je mehr Menschen darüber Bescheid wissen, desto größer ist die Gefahr, dass all das hier auffliegt!“ Ally war immer noch nicht ganz glücklich damit, aber sie war noch nie gut darin gewesen, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen, also fragte sie stattdessen das ihr am nächsten wichtig Erscheinende.
„Wie komme ich morgen hierher?“ Tina holte ein kleines schwarzes Plastikkästchen aus ihrer Tasche. Es hatte Ähnlichkeit mit einem MP3-Player. Es gab einen kleinen Bildschirm, einen Power-Knopf, zwei Pfeiltasten und einen großen grünen Knopf. Der Bildschirm nahm die obere Hälfte und der grüne Knopf die untere Hälfte in Anspruch. Die anderen Tasten befanden sich an den Seiten.
„Das ist ein Tayler!“, erklärte sie. „Damit kannst du dich von einem Ort zu einem anderen bewegen, also taylen.“ Sie schaltete das Gerät ein. „Du brauchst es nur einschalten, den gewünschten Ort auswählen und auf den grünen Knopf drücken!“
Ally nahm den Tayler in die Hand und klickte durch die Orte. Die wenigsten Städte und Gegenden sagten ihr etwas. Sie hatte keine Ahnung, wo Silenda oder Blue Moon war. Doch auch ihre Wohnung war verzeichnet.
„Wo ist Blue Moon?“, fragte sie Tina.
„Das ist eine Bar in Wien.“
„Und warum steht die da drin?“
„Ich wusste nicht, welche Orte du tatsächlich brauchen wirst. Und da es länger dauern wird, bis du es ohne Hilfe kannst, dachte ich mir, dass ich einfach eine kleine Auswahl einspeichere.“
Ally starrte das kleine Kästchen an. Sie war verwirrt. Alles hier erinnerte sie an einen verrückten Traum. Sie war davon überzeugt, dass sie jeden Moment aufwachen würde. Die Menschen liefen um sie herum. Sie hörte Gesprächsfetzen von irgendwelchen Wünschen. Die Frau hinter dem Empfangstresen erklärte einem Mann gerade, dass sie keine sofortige Antwort auf seinen Antrag geben konnte, da dieser erst geprüft werden musste.
„Kann mich mal jemand kneifen?“, flüsterte Ally leise. Alles kam ihr so unwirklich vor. Shila kam Allys Aufforderung auch tatsächlich nach.
„Au!“ Ally strich mit ihrer rechten Hand über die Stelle, wo Shila sie gezwickt hatte. Sie grinste Ally an. Und Ally schaute verwundert zurück. „Es kommt mir immer noch wie ein Traum vor!“
„Du musst dich erst daran gewöhnen. Es war auch wirklich viel auf einmal“, erwiderte diese und lächelte verständnisvoll. Ally versuchte sich vorzustellen, dass alles wahrhaftig passiert war. Aber das Gefühl, dass alles nur ein Irrtum sein konnte und sie bald aufwachen würde, ließ sich nicht ganz abschütteln. Daher schob sie diese Gedanken erst mal beiseite und schaute sich stattdessen den restlichen Saal an. Eine große zweiflügelige Tür befand sich auf der anderen Seite der Treppe. Auch diese Tür stand offen, und Menschen gingen aus und ein. Ansonsten gab es noch viele Gemälde an den Wänden. Unter jedem Gemälde hing ein Namensschild. Das Gemälde einer schönen jungen Frau mit langen blonden Haaren, das ihr am nächsten hing, war mit „Christinelle – der ‚eine’ Gott“ beschriftet.
„Gott ist ein Frau?“, wunderte sich Ally.
„Tja“, murmelte Sharon, „wir wollten den Irrtum der Menschen ja aufklären, aber dann war es bereits zu spät.“ Das konnte sich Ally gut vorstellen, schließlich war die Erde von Völkern bewohnt worden, wo Männer bevorzugt wurden. In der modernen Zeit hatte sich das zwar geändert, aber es gab nach wie vor Angelegenheiten, wo Frauen noch immer nicht gleich behandelt wurden. Auf Myan schien es dieses Problem nicht zu geben.Im Saal hing noch ein Gemälde des bärtigen Mannes mit den langen Haaren, welchen Ally vor wenigen Minuten vor dem Gebäude gesehen hatte. Er war aus dem Nichts aufgetaucht. Dieses Bild war mit „Jesus Christus “ beschriftet. Jetzt wusste Ally auch, warum er ihr so bekannt vorgekommen war.
„Ich hätte nicht gedacht, dass das alles wirklich passiert ist!“, sagte sie zu den Schicksalsgöttinnen und Tina, während sie langsam durch den Saal ging und die restlichen Bilder betrachtete. Es gab auch ein Gemälde von Sharon und Shila, welches angab, dass sie vollständig Sharonelle und Shilanja hießen.
„Es war nicht ganz so, wie es in der Bibel steht“, erklärte ihr Shila. „Aber ja … es ist passiert!“
Nun wurde Ally neugierig. „Wirklich? Wie war es dann?“ Die Schicksalsgöttinen kicherten leise.
„Es war ein Unfall!“, beantwortete Tina ihre Frage.
„Tatsache?“
„Ja!“
„Inwiefern?“
„Na ja, Chrissy war ungewollt schwanger geworden, und sie war sich nicht sicher, ob sie das Kind bekommen sollte. Also hat sie ihre beste Freundin Heather gebeten, ihr zu helfen.“
Ally sah auf das Gemälde einer Frau mit stechend blauen Augen und kurzen wirren Haaren, welche ihr vom Kopf abstanden, als ob sie in eine Steckdose gegriffen hätte. Sie hatte einen ziemlich verwirrten Gesichtsausdruck und blickte unbeteiligt in die Ferne. Das Gemälde war mit „Heather – die quirlige Wettergöttin“ bezeichnet.
„Und inwiefern war das ein Unfall?“
„Weißt du, Heather ist ziemlich verwirrt und tollpatschig, und sie wollten einen Zauber zur Entscheidungsfindung machen, welcher aber nach hinten losgegangen ist – na ja, und dann war plötzlich Maria schwanger und nicht mehr Christine.“ Die Göttinnen fanden es anscheinend ziemlich komisch, denn sie mussten sich, seit Ally das Thema angesprochen hatte, das Lachen verkneifen. Immer wieder kicherten sie. „Und dann mussten wir uns etwas einfallen lassen, weil wir es nicht schafften, den Zauber wieder rückgängig zu machen, und wir dachten, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, den Menschen einmal eine Botschaft zu überbringen.“
„Auch wenn diese nicht ganz so richtig angekommen ist“, fügte Sharon hinzu.
Nun musste auch Ally lächeln, aber mehr, weil die Schicksalsgöttinnen sich so köstlich über etwas amüsieren konnten, das bereits vor über 2000 Jahren passiert war. Für die junge Frau war es unglaublich, dass sie über ein tatsächliches Vorkommnis und nicht über irgendwelche alten Texte sprachen. Wieder kehrte das Gefühl zurück, dass es sich um einen Traum handeln musste. Sie konnte es nicht glauben, dass alles tatsächlich wahr sein sollte. Da kamen ihr auch gleich wieder ein paar Fragen in den Sinn.
„Ihr könnte also tatsächlich Wasser in Wein verwandeln? Oder Tote wieder zum Leben erwecken?“
„Aber natürlich! Nichts leichter als das! Obwohl: Die Toten wieder erwecken, das können nur Götter – Engel nicht!“, erklärte ihr Sharon, und Shila schwärmte ihr vor: „Du musst unbedingt mal ausprobieren, wie es ist, über das Wasser zu gehen. Es fühlt sich einfach herrlich an.“
Ally konnte es kaum erwarten anzufangen. „Wo führt diese Treppe hin?“ Die junge Frau erfuhr, dass sich in den oberen Etagen Unterrichtsräume, Trainingsräume, Büros und der Übergang zur Wiedergeburt befanden. Im Erdgeschoss waren der Ballsaal und die Küche, und im Keller befand sich die Bibliothek, wo man jedes Buch finden konnte, dass jemals auf der Erde und auf Myan geschrieben wurde.
„Unser Unterricht wird in Raum 1.05 stattfinden“, sagte Tina. Sie erklärte Ally auch, dass die erste Zahl für das Stockwerk und der Rest für die Raumnummer steht. So konnte man sich relativ leicht zurechtfinden.
„Myan ist der Erde in manchen Dingen ziemlich ähnlich“, wunderte sich Ally. Die beiden Göttinnen klärten sie darüber auf, dass es eher andersrum der Fall war: Die Götter und Engel gab es schon um einiges länger als die Menschen von der Erde. Im Laufe der Zeit hatten die Götter und Engel und die auf der Erde lebenden Hexen und Zauberer die Welt der Menschen doch sehr beeinflusst, und auch die Leute von Myan wurden von den Menschen der Erde beeinflusst. Und so sahen die Computer von Myan deswegen jenen von der Erde so unglaublich ähnlich, da die Bewohner von Myan diese Geräte einfach auf die Erde mitnehmen wollten. Bevor es auf der Erde eine solche Technologie gab, hatten diese Geräte ganz anders ausgesehen.
„War das auch bei den Sprachen so?“, wollte Ally wissen.
„Natürlich. Diese Stadt hier heißt Tiantiang, was im Chinesischen soviel wie ‚Himmel’ bedeutet, und der Name der Hauptstadt von Myan, Silenda, kommt im Lateinischen vor und beutet ‚Geheimnisse’.“
Von all den Dingen, welche Ally erfahren hatte, schwirrte ihr der Kopf. „Wie soll ich das nur alles lernen?“, murmelte sie. Immerhin hatte sie, da sie ja keinen Job hatte, genug Zeit dafür. Tina munterte sie etwas auf, indem sie sagte: „Sobald du auf die Sammlung zugreifen kannst, ist das alles ganz einfach.“ Ally konnte aber nur müde lächeln.
„Ist das Leben nicht etwas langweilig, wenn man immer alles weiß?“
„Ach, dazu müsste die Sammlung etwas detaillierter geschrieben sein. Aber es sind eher mehr Bilder, Gefühle und wenige Worte.“ Auch die Schicksalsgöttinnen konnten dem nur zustimmen.
„Ist manchmal ziemlich schwer zu entziffern!“, meinte Sharon. „Wir haben deine Wohnung drei Tage beobachtet, da wir zwar wussten, dass etwas passieren würde, jedoch nicht wann oder was genau.“
„Wir haben uns schon Sorgen gemacht, dass wir etwas verpassen“, fügte Shila hinzu.
Die Ängste, die Ally in den letzten Stunden erfolgreich verdrängt hatte, kehrten zurück. Es schien mit viel Verantwortung zusammenzuhängen, wenn man eine Göttin war. Was, wenn sie etwas falsch machte? Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich klarmachte, dass es noch länger dauern würde, bis sie soweit war, eine Entscheidung zu treffen.
„Ich würde jetzt gern nach Hause gehen“, sagte sie dann. „Ich muss über einiges nachdenken.“
„Ist ok! Bis morgen!“, meinte Tina.
„Um zehn Uhr?“ Der Engel nickte. „Aber denk daran, dass der Zeitunterschied zwischen Myan und der Erde in deinem Fall dreieinhalb Stunden beträgt.“
„Das wäre dann ...“ Ally rechnete schnell im Kopf nach. „Halb zwei?“ Wieder nickte Tina. Ally verabschiedete sich mit den Worten: „Wir sehen uns dann morgen!“ Sharon umarmte Ally kurz.
„Du wirst das schon schaffen!“, versuchte sie ihr Mut zu machen. Ally lächelte kurz. Shila sagte schlicht: „Bye!“
Dann sah Ally auf den Tayler, den sie immer noch in der Hand hielt, wählte ihre Wohnung aus und drückte auf den grünen Knopf.
Kapitel 3
Ally lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Sie war vor ungefähr einer Stunde von Myan zurückgekommen. Gerade war sie noch ein ganz normales Mädchen gewesen, und jetzt sollte sie eine Göttin sein. Trotz der Geschehnisse konnte Ally das Gefühl, dass es sich nur um einen Traum handeln konnte, nicht abschütteln. Wie sollte sie nur glauben, dass dies alles tatsächlich passierte?
Draußen wurde es langsam dunkel. Lange Schatten zogen sich über die Zimmerdecke. In der Glastür ihres fünftürigen Kleiderschranks spiegelte und funkelte das Licht der Straßenlaterne. Das Wohnzimmer hatte genau so ausgesehen, wie sie es verlassen hatte. Die Tabletten und der die Flasche Wodka hatten noch an genau derselben Stelle am Couchtisch gestanden. Daraufhin hatte Ally die Sachen wieder zusammengesammelt und zurück in den Schrank gepackt.
Die Schicksalsgöttinnen hatten ihr gesagt, dass die Sammlung sehr schwer zu deuten war. Vielleicht handelte es sich ja um einen Irrtum. Nachdem sie die Sachen zurück in den Kasten gegeben hatte, hatte sie sich in ihrem kleinen Schlafzimmer auf das Bett gelegt. Es hörte sich alles einfach so unglaublich an. Sie sollte Magie anwenden können? Ally setzte sich in ihrem Bett auf. Sie fixierte eine Tür ihres Kleiderschranks, welcher direkt gegenüber von ihrem Bett stand. ‚Geh auf!’ Ally versuchte sich darauf zu konzentrieren, die Tür zu öffnen, aber es fühlte sich genauso an wie all die anderen Versuche, welche jeder irgendwann unternahm, wenn man keine Lust hatte aufzustehen und die Fernbedienung zu holen. Es passierte genauso viel: nämlich gar nichts. Ally konnte sich nicht vorstellen, jemals Magie anzuwenden. ‚Geh auf!!’ Da Ally genug Fantasyromane gelesen hatte, versuchte sie, wie in einigen davon beschrieben, ihren Geist zu leeren und tief in sich hineinzuhören. Aber dennoch rührte sich die Tür nicht. Nicht einmal ein kleines Wackeln.
In diesem Moment klangen die Töne von I'm a survivor durch den Raum. Ihr Wecker! Eigentlich eher eine Erinnerung daran, dass die Probe des Kirchenchors in einer halben Stunde stattfinden würde. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie die Probe heute vielleicht ausfallen lassen sollte, aber dann dachte sie, dass es ihr wahrscheinlich helfen würde, wieder Zugang zur Realität zu erhalten und vielleicht dieses Traumgefühl abzuschütteln. Also stand sie auf und ging ins Bad, wo sie sich das Gesicht wusch und die Haare kämmte. Dann zog sie sich ihre schwarzen Nike-Schuhe an, nahm ihre Jeansjacke und die Handtasche und verließ die Wohnung.
Die Kirche war nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Ally wusste, dass sie etwas zu früh kommen würde.
Sie konnte die große neugotische Kirche bereits von Weitem sehen. Vorne neben dem Haupteingangstor befanden sich zwei große Türme aus schwarz-rot-braunen Steinen mit hohen abgerundeten Fenstern. In der Mitte gab es eine Kuppel mit einem weiteren Turm und einem grünlichen Dach. Die Kirche umgab ein grau gepflasterter Platz mit dazwischen liegenden Beeten, auf denen Frühlingsblumen wuchsen – passend zu diesem warmen Mai. Auf den zahlreichen Parkbänken saßen mehrere Menschen: ältere Herren, junge Mütter mit Kindern und auch Teenager. Wirkliche Kinderspielgeräte gab es zwar nicht, aber dennoch hatten die Kinder Spaß mit den in den Boden geschraubten sich drehenden Metallkugeln. Ally konnte sich nicht vorstellen, wozu diese Kugeln eigentlich gut waren.
Weiters gab es noch sechs Laubbäume in unterschiedlicher Größe. Welche Art Baum konnte Ally nicht sagen, sie hatte für so etwas einfach kein Auge. Um den größten Baum waren Bänke im Kreis aufgestellt. Der Baum befand sich in der Mitte eines runden sandigen Bereichs ohne Pflastersteine. Die restlichen Bänke standen neben den umzäunten Blumenbeeten auf der anderen Seite der Kirche. Im hinteren Teil der Kirche gab es viele Gebäudeteile mit steilen rötlichen Dächern. Um die Kuppel herum befanden sind noch viele kleinere Türmchen.
Ally umrundete die Kirche und betrat das Gebäude durch den Haupteingang. Es blätterte bereits Holz vom Rahmen ab. An der Tür hingen Plakate, welche auf die Zeiten für die Messen hinwiesen. Im Inneren war ein kleiner Bereich mit einer Glaswand von der restlichen Kirche abgetrennt. Rechts und links führten Türen in die Kirche. Ally betrat die Kirche durch die linke Schleuse, wo ein Tisch mit diversen Prospekten stand, welche die Kirche und humanitäre Aktionen betrafen.
Ganz vorne befanden sich zwei Reihen mit einfachen miteinander verbundenen Holzbänken. Der Hauptaltar war ein einfacher Tisch mit weißem Tuch und mehreren Kerzen in hohen Kerzenständern.
Neben dem Hauptaltar hatten sich bereits die anderen Mitglieder des Kirchenchors versammelt. Der Chor bestand aus zehn Personen und wurde von Teresa Konrad geleitet. Die ältere Frau war mit Herz und Seele bei der Sache. Nach Allys Meinung nahm sie den Chor manchmal auch etwas zu ernst.
Teresa kam auf sie zu. Ihre kurzen dunklen Haare waren von silbernen Strähnen durchzogen.
„Alyssa!“, sagte sie fröhlich, als Ally sich langsam näherte. „Ich möchte dir jemanden vorstellen!“
Erst jetzt fiel ihr auf, dass jemand neues unter den Mitgliedern zu sein schien. Zuerst dachte Ally, dass es sich um einen Neuzugang zum Chor handeln würde, aber dann bemerkte sie den charakteristischen weißen Krageneinsatz am schwarzen Hemd, das der Mann trug. Es musste also der neue Priester sein. Vor Wochen wurde bereits angekündigt, dass ein neuer Priester in diese Gemeinde kommen würde. Der Mann war viel jünger als sein Vorgänger. Er wäre frisch vom Priesterseminar, so hieß es.
„Das ist Christopher Baily!“, sagte Teresa. Herr Baily hat kurze dunkelbraune Haare und ebensolche Augen. Er war attraktiv. ‚Eine Verschwendung an die Kirche’, würde ihre Schwester Sira sagen. Er lächelte, als er sich zu Ally drehte. Instinktiv lächelte sie zurück.
„Hallo, ich heiße Alyssa Sullivan“, stellte sie sich vor. Sie streckte ihre Hand hin. Als er diese ergriff, um sie zu schütteln, trafen sich ihre Augen. Es kribbelte in ihrer Hand. Ally wurde warm, während sie in seine sanften Augen blickte.
„Freut mich, Sie kennenzulernen!“, erwiderte Herr Baily. Dann hatte er ihre Hand auch schon wieder losgelassen. Als nächstes drängte sich bei Ally das Gefühl auf, unbedingt nach Hause gehen zu wollen. Das Gefühl bekam sie immer, wenn sie jemand neues kennenlernte. Vor allem Männer. Ally spürte, etwas sagen zu müssen, wusste aber beim besten Willen nicht, was.
„Singen Sie schon lange beim Chor?“, fragte Herr Baily. Ally hätte diese Frage beinahe nicht mitbekommen.
„Seit ich vor vier Jahren nach Wien gezogen bin!“ Sie hatte das Gefühl, als würde ihre Stimme zittern. „Ich komme ursprünglich aus Kärnten!“ Sie versuchte, diese Gefühle abzuschütteln, aber es schien nicht zu funktionieren.
„Ich war auch schon mal in Kärnten. Woher kommen Sie genau?“
„Völkermarkt, das ist in der Nähe von Klagenfurt!“
Bevor noch jemand etwas sagen konnte, trat Teresa wieder zu ihnen. „Wir sollten mit der Probe anfangen, Alyssa.“ Ally wandte sich zu ihr um. „Ja“, sagte sie schlicht und ging zu den anderen hinüber, um auch sie zu begrüßen. Herr Baily verabschiedete sich von ihnen und entfernte sich, um sich weiter in der Kirche umzusehen. Wahrscheinlich war er erst vor kurzem angekommen.
Teresa kam zu ihnen. „Wir fangen mit ‚Großer Gott, wir loben dich’ an!“
Ally konnte die Gefühle nicht so recht einordnen, aber sie fühlte sich eindeutig zu diesem neuen Priester hingezogen. Diese Gefühle zu haben, war so etwas von falsch, und sie hatte keine Ahnung, wo das hinführen würde.
Kapitel 4
Die Probe dauerte zwei Stunden. Ally hatte Christopher danach nicht wiedergesehen. Die Gefühle, die sie in seiner Gegenwart verspürte, sollte sie nicht haben.
Die junge Frau war nun auf dem Weg nach Hause. Manche Mitglieder des Chors gingen nach der Probe noch etwas trinken. Ally hatte sich dem noch nie angeschlossen. Sie hätte viel zu viel Angst vor einer längeren Unterhaltung, weil sie nach wenigen Minuten schon nicht mehr wissen würde, was sie sagen sollte.
Es war dunkel, und die spärlichen Straßenlaternen spendeten nur wenig Licht. Aus einigen Fenstern der umliegenden Wohnungen fiel Licht auf die Straße. Alle Parkplätze an den Seiten waren belegt. Ally war mit ihren Gedanken bei Christopher. Sie achtete nicht auf ihre Umgebung. Es waren sonst keine Menschen in dieser Gasse. Doch in diesem Moment tauchten hinter ihr drei Männer auf.
Aber davon bekam Ally nichts mit. Sie ging einfach weiter die Straße entlang. Einer der Männer hob die rechte Hand. Es schien, als ob er etwas werfen würde, aber seine Hand war leer. Kurz darauf löste sich jedoch eine leuchtend rote Kugel aus seiner Hand. Der brennende Ball flog auf Ally zu.
Im nächsten Moment wurde Ally umgeworfen. Sie krachte gegen die Hausmauer und rutschte auf den Boden. Instinktiv hatte sie die Hände gehoben. Auf der Handfläche und dem Handgelenk hatte sie Schürfwunden. „Hey!“, war das erste, das ihr in den Sinn kam. Direkt gefolgt von: „Aua!“
Die brennende Kugel traf stattdessen eines der parkenden Autos. Mit einem lauten Knall flog das Fahrzeug in die Luft. Teile des Autos wurden weggeschleudert. Ally riss ihre Hände vor das Gesicht – aber keines der Teile erreichte sie. Stattdessen prallten sie an einer unsichtbaren Wand ab. Immer wenn ein Teil die Wand berührte, leuchtete diese kurz hellrosa auf. Durch die Explosion waren auch die benachbarten Autos beschädigt worden. Fensterscheiben waren zu Bruch gegangen. Aber dennoch rührte sich nichts. Nirgendwo liefen panische Menschen auf die Straße. Kein Fenster wurde geöffnet, und weder die Polizei noch die Feuerwehr war im Anmarsch.
Die Hitze des brennenden Autos schlug ihr entgegen.
Ally stand mühsam auf und drehte sich um. Hinter ihr stand eine Frau. Sie war weiß gekleidet. Ally vermutete, dass es sich um einen Engel oder eine Göttin handeln musste. Die Frau hatte blonde Locken. Ihr Gesicht konnte sie nicht sehen.
Erst jetzt entdeckte Ally die Männer. Einer von ihnen war noch sehr jung, trug Jeans, Turnschuhe und ein T-Shirt einer Musikgruppe, von der Ally noch nie etwas gehört hatte. Seine langen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ein weiterer hatte kurze und ebenso schwarze Haare. Auch er trug Jeans, dazu aber ein schwarzes Hemd. Der letzte von ihnen, mit kurzen schwarzen Locken, welche bis zu den Ohren reichten, trug einen dunklen Anzug, aber ohne Krawatte. Durch die gleichen markanten Gesichtszüge war zu erkennen, dass sie miteinander verwandt sein mussten. Ihre Augen lagen im Schatten, und so konnte man sie nicht sehen.
Einen Augenblick war es still. Es war nur das Knistern des brennenden Autos zu hören. Die drei Männer starrten den Engel an.
„Lucy!“, knurrte der Mann im Anzug.
„Jaaa?“, meinte die Frau. Lucy. Sie zog das Wort in die Länge. „Ian, Alex und Florian McNail!“, sprach sie die Männer nacheinander streng, geradezu autoritär, an. Wieder machte sie eine kleine Pause. Als sie das nächste Mal sprach, passte dies überhaupt nicht mehr zu dem strengen Tonfall, den sie eben verwendet hatte. Nun klang ihre Stimme eher verwundert und locker.
„Was macht ihr denn hier?“ Lucy trat einen Schritt auf sie zu. „Habt ihr gerade tatsächlich Alyssa einfach angegriffen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das passt so gar nicht zu euch!“ Aber keiner der drei Männer antwortete ihr. Sie starrten sie einfach weiter an. Gerade als Ally sich wieder wunderte, warum immer noch keine Polizei aufgetaucht war, richtete der Mann mit den kurzen Haaren die Hand auf den Engel. Irgendwie wirkten die Männer nicht so, als wären sie freiwillig hier. Sie wirkten eher wie Marionetten. Aus seiner Hand löste sich wieder einer dieser Feuerbälle, aber Lucy war darauf vorbereitet. Der Engel hatte die Hände erhoben, fast so, als wollte sie den Ball fangen. Der Feuerball wurde langsamer, und wenige Zentimeter vor Lucy hielt der Ball einfach an. Sie griff danach, aber sie berührte den Ball nicht wirklich. Stattdessen hielt sie die Hände über und unter dem Ball. Um die Kugel schien es zu flackern, und der Ball war von leichtem Nebel umgeben. Und dann verpuffte er einfach ins Nichts, aus dem er gekommen war.
„War das schon alles?“, fragte Lucy. Anscheinend kannte sie die Angreifer. So als hätte Lucys Aussage in den Köpfen der drei Männer irgendeinen Schalter umgelegt, gingen alle drei plötzlich gleichzeitig auf sie los. Die Magie schien vergessen. Ally fragte sich, warum Lucy sie nicht einfach in eine Starre versetzen oder sie einschlafen lassen konnte. Einen Augenblick wollte Ally ihr das auch raten, aber Lucy hatte keine Probleme mit der handgreiflichen Auseinandersetzung. Die Brüder wollten den Engel packen, doch sie schien die Bewegungen kommen zu sehen. Sie duckte sich unter Ians Arm hinweg und schubste Alex ein klein wenig, sodass er über seinen Bruder stolperte. Alex und Ian waren hingefallen und standen sich gegenseitig beim wieder Aufstehen im Weg. Lucy stand nun direkt zwischen Florian und dem Knäuel aus seinen Brüdern, die aussahen, als müssten sie sich nach einer Partie Twister wieder entknoten. Florian drehte sich zu Lucy und wollte sie wieder packen. Er machte einen weiteren Schritt nach vor. Lucy sah ihn kommen, stand jedoch still und wartete bis zum letzten Moment, ehe sie ihm einfach aus dem Weg trat. Florian konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten und stürzte nun ebenfalls über seine Brüder. Lucy schüttelte den Kopf.
„Was ist nur in euch gefahren?“ Wieder antworteten ihr die Brüder nicht. Mühsam standen sie nacheinander auf. Immer noch starrten sie den Engel an, bevor sie im nächsten Moment sie einfach in einem Lichtblitz verschwanden.
Ally hatte sich in der Zwischenzeit aufgerichtet und kam nun mit wackeligen Schritten auf den Engel zu.
„Ist es vorbei?“, fragte sie leise. Der Engel drehte sich zu ihr um. Lucy lächelte breit.
„Ich denke schon!“ Ally schaute von dem nur mehr leicht rauchenden Auto zu der Stelle, wo eben noch die Brüder gestanden hatten.
„Was war das gerade?“
„Das, Ally, waren Dämonen!“ Lucy hatte freundliche, helle Augen und wirkte sehr fröhlich.
„Dämonen?“ flüsterte Ally verwundert. „Aber was wollen denn Dämonen von mir?“ Auf diese Frage hatte Lucy keine Antwort.
„Es ist für die Brüder absolut ungewöhnlich, dass sie überhaupt jemanden angreifen“, meinte sie. Da es auf ihre drängendste Frage keine Antwort gab, wollte Ally das nächste höchst Merkwürdige wissen.
„Warum ist keine Polizei oder so aufgetaucht?“
„Sie hätten nur gestört und ohnehin nicht helfen können“, erklärte Lucy und wandte sich dann den zerstörten Autos zu. Wieder hob sie die Hände. Ein Wind kam auf. Magie lag in der Luft. Der Rauch verzog sich. Die zersprungenen Scheiben setzten sich von alleine wieder zusammen. Das Auto, gerade noch ein Wrack, sah plötzlich wieder aus wie vorher. Überhaupt sah es nach wenigen Minuten auf der Straße so aus, als wäre nie etwas geschehen.
„Siehst du? So gut wie neu!“ meinte Lucy zufrieden. „Ich heiße übrigens Lucy“, fügte sie hinzu. Das hatte Ally zwar bereits mitbekommen, aber auch sie stellte sich vor.
„Bist du ein Engel?“, platzte es dann aus ihr heraus. Sofort war es ihr unangenehm. „Es tut mir leid, ich wollte ...“
Aber Lucy winkte ab. „Schon gut! Ja, ich bin ein Engel.“ Ally war nun etwas mulmig zumute. Heute war ein ungewöhnlicher Tag. Zuerst wurde ihr mitgeteilt, dass sie eine Göttin war und Unterricht besuchen musste, dann hatte sie höchst unpassende Gefühle für einen Priester. Und jetzt wurde sie auch noch von Dämonen angegriffen.
Lucy schien zu merken, dass sie etwas bedrückte. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich werde mit Tina und Christine darüber reden. Es werden dich keine Dämonen mehr angreifen. Du bis vollkommen sicher. Wir werden dich beschützen.“
Ally lächelte dankbar. „Es ist nicht nur das“, sagte sie leise. „Der ganze Tag war schon unglaublich!“
„Ich weiß, was du meinst. Als ich gestorben bin und mir gesagt wurde, dass diese Welt existiert und ich ein Engel sein kann, hat es mich umgehauen.“
„Du bist gestorben?“
„Ja.“ Lucy schaute etwas verträumt. „Kaum zu glauben, dass das schon zweihundert Jahre her ist.“
Als Lucy Allys verdutzten Blick sah, musste sie lächeln. „Die meisten Engel sind Menschen, die gestorben sind und dann als Engel weiterleben“, erkläre sie ihr.
„Also gibt es doch ein ewiges Leben?“
Lucy schüttelte den Kopf. „Man muss ein gutes und anständiges Leben geführt haben, dann kann man ein Engel werden. Ansonsten wird man einfach wiedergeboren.“ Für Ally ergab das viel Sinn. Im Vergleich zur Erde war Myan sehr klein. Wo sollten denn sonst die ganzen Leute hin?
Trotz der vielen Fragen, welche in Allys Kopf herumgeisterten, wusste die junge Frau nicht, was sie als nächstes sagen sollte. Sie hatte, wie so oft, ein beklemmendes Gefühl, dass jedes weitere Wort nicht passend wäre. Also schwieg sie. Sie schaute sich um. Es war noch relativ früh, und dennoch fühlte sie sich so unglaublich müde.
„Ich bringe dich nach Hause“, sagte Lucy schließlich.
Ally aber winkte ab. „Ich wohne doch gleich hier!“ Mit der Hand wies sie auf ein zweiflügeliges Haustor mit Drahtglasscheiben wenige Meter weiter.
„Das weiß ich doch!“ Lucy lächelte. „Aber ich muss doch einen Schutzzauber über deine Wohnung legen.“
Zusammen betraten sie das Haus. Allys Wohnung lag im ersten Stock. Den Weg dorthin legten sie schweigend zurück. Der Flur lag dunkel vor ihnen. Die wenigen Lampen spendeten nur spärliches Licht. Die meisten Sandsteinstufen waren teilweise ausgebrochen, und auch an den Wänden bröckelte der Verputz ab.
Erst als die Tür zu Allys Wohnung hinter ihnen ins Schloss fiel, ergriff Lucy wieder das Wort: „Du wohnst nicht gerade in einem hübschen Haus.“ Sie schaute sich in der kleinen Wohnung um, welche nur aus einer großen Küche, einem winzigen Kabinett und einem noch kleineren Bad besand. „Aber hier ist es richtig nett!“
Ally dankte ihr schüchtern und führte Lucy in die Wohnküche. Die Möbel passten allesamt nicht zusammen. Aber Ally fühlte sich in diesem kreativen Chaos, wie sie es nannte, sehr wohl. Sie war neugierig. Bis auf das Beamen oder … wie hieß das noch gleich ... das Taylen hatte sie noch kaum Magie gesehen, und sie war gespannt, wie Lucy ihre Wohnung sicherer machen wollte. Zuerst schaute Lucy sich um. Sie warf sogar einen Blick in das Bad und das Schlafzimmer.
„Das ist einfach“, erklärte Lucy ihr. „Deine Wohnung ist nicht groß!“
Ally stand immer noch in der Mitte ihres Wohnzimmers. Lucy kam wieder zu ihr.
„Gib mir deine Hand!“ Unsicher streckte Ally die Hand aus. Lucy ergriff sie und fragte: „Gibt es irgendwelche Zeichen oder Symbole, welche dir besonders gut gefallen?“ Ally wusste nicht, was die Frage zu bedeuten hatte, und natürlich fiel ihr in genau diesem Moment nichts ein. Daher schüttelte sie den Kopf.
„Na gut, wenn das so ist … was hältst du von einem Stern?“
„Okay!“, sagte Ally leise. Lucy hielt ihre Hand und schloss einen Augenblick die Augen. Es dauerte nur wenige Sekunden. Wärme pulsierte in ihrer Hand. Ein paar Lichtfunken tanzten um die Hände herum. Lucy sagte beschwörend: „Nocram ora est“. Die Lichtpunkte bündelten sich über Lucys Hand und bildeten einen kleinen goldenen Stern. Lucy ließ Allys Hand los und nahm den Stern mit beiden Händen. Es sah aus, als würde sie den Stern in einer Glaskugel tragen. Sie ging zur Eingangstür und drückte den Stern auf die rechte obere Ecke der Tür. Dort leuchtete er einen Moment auf und heftete sich dann an die Tür. Es sah aus, als hätte jemand einen goldenen Sticker in die Ecke geklebt.
Ally war Lucy in den kleinen Flur gefolgt. „Was ist das?“, wollte sie schließlich wissen.
„Ein Schutzzauber“, erklärte ihr Lucy. „Es werden nur mehr jene Menschen und andere Wesen deine Wohnung betreten können, welchen du den Zutritt erlaubst.“
„Und woher weiß der Stern das?“ Ally betrachtete den kleinen goldenen Stern skeptisch. „Nicht der Stern, der Zauber kann jede Form haben.“
„Na gut, und woher weiß der Zauber das?“
„Er kann es fühlen.“ Mit dieser Antwort konnte Ally nicht wirklich etwas anfangen. Lucy lächelte, als sie Allys fragendes Gesicht sah. „Jeder und alles um uns herum sendet Wellen aus. Man kann sie nicht sehen, aber diese Wellen beinhalten alles, was es über dich zu wissen gibt“, erläuterte sie.
„Und der Zauber kann das lesen?“ Während Ally so darüber nachdachte, kam ihr ein unguter Gedanke. „Können auch andere Menschen diese Wellen lesen?“
Lucy schüttelte den Kopf. „Nur Götter und Engel können die Wellen lesen. Manche können die Wellen spüren oder sehen, aber nicht entziffern. Sie nennen es dann Aura.“
Ally dachte über das Gehörte nach. Irgendwann würde sie auch lernen, wie sie diese Wellen lesen konnte.
„Du bist jetzt vollkommen sicher!“, erklärte Lucy. „Ich muss jetzt weiter. Es gibt noch andere Dämonen, welchen ich in den Hintern treten muss!“ Sie lächelte und verschwand in einem hellen Lichtblitz.
„Wiedersehen!“ Ally bezweifelte, dass Lucy die Verabschiedung gehört hatte. Sie schaute sich in ihrer kleinen leeren und dunklen Wohnung um. Sie hatte das Licht gar nicht eingeschaltet. Mit einem Mal fühlte sie sich ganz alleine und trotz des Schutzzaubers überhaupt nicht sicher. Sie hatte noch nie Angst davor gehabt, dass jemand in ihre Wohnung einbrechen könnte. Aber die Dämonen verursachten in ihr doch ein mulmiges Gefühl.
Ally atmete tief durch und ging in die Wohnküche zurück. Während sie den Fernseher einschaltete, nahm sie sich fest vor, diesen Abend so zu verbringen wie jeden anderen auch. Selbst wenn sie wusste, dass sie die Erlebnisse nicht loslassen würden. Heute war der letzte Tag ihres alten Lebens. Morgen würde ein neues beginnen.
Kapitel 5
Die Zeit war bereits weit fortgeschritten, als Ally am nächsten Morgen die Augen aufschlug. Im ersten Moment dachte sie, dass sie zu spät nach Myan kommen würde, aber dann fiel ihr die Zeitverschiebung wieder ein. Sie starrte an die Decke und dachte an die Geschehnisse vom Vortag. Sie konnten doch nicht wirklich sie gemeint haben? Ally konnte nun wirklich keine Göttin sein. Sie war doch einfach nur ein Niemand. Ganz allein. Und sie hatte keinen Platz in dieser Welt. Aber Myan? Vielleicht war ihr Platz auf diesem fremden Planeten? Sie versuchte positiv zu denken, aber das Gefühl, dass alles in einer großen Enttäuschung enden würde, drängte sich auf. Nun gab es noch mehr Leute, die sie enttäuschen konnte. Und wenn sie jetzt einen Fehler machte, dann könnte dies auch Auswirkungen auf die gesamte Menschheit haben. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber dann, wenn sie ihre Kräfte erst einmal beherrschte. Auf der einen Seite konnte sie es gar nicht erwarten, damit anzufangen. Auf der anderen Seite fürchtete sie sich vor der Zukunft und den möglichen Konsequenzen.
Ein Blick auf ihr Handy sagte ihr, dass es jetzt neun Uhr war. Dafür, dass sie ziemlich früh ins Bett gegangen war, hatte sie doch lange geschlafen. Aber Ally hatte stundenlang nicht einschlafen können. Zu viele Gedanken waren ihr durch den Kopf gegangen. Warum hatten diese Dämonen sie angegriffen? Warum sollte ausgerechnet sie eine Göttin sein? Warum empfand sie die Gefühle, nach denen sie sich so lange gesehnt hatte, ausgerechnet für einen Priester? Warum hatte das Leben so ein schlechtes Timing? Es konnte ja nicht eines nach dem anderen kommen, nein, es musste ja unbedingt alles auf einmal sein.
Ally überlegte, was sie die nächsten vier Stunden machen sollte, bevor sie sich mit Tina treffen würde, um etwas über Magie zu lernen. Aufstehen oder im Bett bleiben? Beides reizte sie nur wenig. Nach einigen Minuten entschied sie sich, aufzustehen und eine Zeitung zu holen. Sie wollte wissen, was auf der Welt los war und ob sie vielleicht erkennen konnte, wo die Götter und Engel ihre Hände im Spiel hatten. Ally war neugierig. Also schwang sie ihre Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Es war kühl in der Wohnung, und Ally trug nur ein kurzes seidenes Nachthemd. Ursprünglich wollte sie ihr sexy Negligé für besondere Momente aufheben, aber dann erkannte sie, dass das Leben zu kurz war und sie nicht einmal wusste, ob es überhaupt irgendwann einen Mann in ihrem Leben geben würde, welchem sie diese Gewänder zeigen wollte. Rasch schlüpfte sie in Jeans und T-Shirt und ging ins Bad.
Wenig später verließ Ally ihre Wohnung. Der Weg zur nächstgelegenen Trafik führte wieder an der Kirche vorbei. Wie jedes Mal, wenn Ally die Wohnung verließ, hatte sie auch jetzt ihre Kopfhörer auf. Beim Gehen und von der Musik begleitet konnte sie gut nachdenken. Sie überlegte gerade, wie ihre Zukunft aussehen würde, als sie plötzlich jemand ansprach. Erschrocken sah sie auf. Vor ihr stand Herr Baily. Ally hatte nicht erwartet, ihn so schnell wiederzusehen.
„Guten Morgen!“, sagte sie leise und zog sich dabei die Ohrstöpsel aus den Ohren.
„Ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Er lächelte sie an. Ally kam nicht umhin zu bemerken, dass er ein schönes Lächeln hatte.
„Haben Sie nicht!“ winkte Ally ab und lächelte ebenfalls. Sie wurde noch um einiges nervöser als sonst, wenn sie mit jemandem sprach.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte er höflich. Ally schluckte. Für sie war es neu, dass jemand sie auf der Straße ansprach. Mit dem letzten Priester hatte sie kaum ein Wort gewechselt.
„Gut und Ihnen?“ Ally mochten keinen Smalltalk. Diese Gespräche fühlten sich immer so gezwungen an. Aber sie redete auch sonst nicht wirklich gern.
„Auch gut!“
In Ally kämpften im Moment zwei Gefühle. Das eine waren die Fluchtgedanken, welche sie immer hatte, wenn sie mit jemandem redete und nicht mehr wusste, was sie als nächstes sagen sollte. Das andere war das komplett entgegengesetzte Gefühl: Sie würde gern bleiben. So etwas war ihr noch nie passiert.
Letztendlich entschied sie sich für die Flucht. Sie verabschiedete sich, wünschte noch einen schönen Tag und ging weiter.
Christopher sah der ungewöhnlichen Frau hinterher. Sie schien sehr nervös. In ihrer Gegenwart hatte er plötzlich Gefühle, welche er seit Jahren nicht gehabt hatte. Diese Gefühle lagen weit vor seiner Priesterweihe. Im Grunde waren diese Gefühle nicht unbedingt schlecht, nur hatte er eben auch dieses Verlangen, seine Hand auszustrecken und ihre Wange zu berühren. Christopher versuchte, diese Gefühle abzuschütteln. Dann drehte er sich um und machte sich auf den Weg in den Pfarrhof. Heute Nachmittag fand ein Vorbereitungskurs für die Erstkommunion statt. Frau Konrad würde ihm dabei zur Hand gehen. Es war spannend für ihn, in die neue Gemeinde zu kommen. Seine Weihe lag erst ein Jahr zurück. Bisher hatte er seine Tage in einem Kloster nicht weit von hier verbracht, aber dann war der zuständige Priester im hohen Alter friedlich entschlafen, und er wurde dazu auserwählt, seinen Platz einzunehmen.
Im Pfarrhof angekommen, stellte Christopher fest, dass die Kinder noch nicht hier waren. Frau Konrad stand jedoch bereits in dem großen Raum im Erdgeschoss. Sie stellte weiße Kerzen und bunte Blätter aus Wachs bereit. Frau Konrad hatte ihm gestern bereits gesagt, dass sie geplant hatte, heute Kerzen zu verzieren.
Als er eintrat, sah sie auf und begrüßte ihn. „Guten Tag!“ grüßte er zurück. Frau Konrad lächelte beruhigend und fragte: „Nervös?“
„Ein wenig. Ich mache das zum ersten Mal!“
„Die Kinder sind alle reizend. Kein Grund, nervös zu sein.“
Eigentlich hatte Christopher gerade gar nicht mehr daran gedacht, dass er etwas aufgeregt war. Er hatte nur an die junge Frau gedacht, die ihm gerade über den Weg gelaufen war.
„Auf dem Weg hierher habe ich Frau Sullivan getroffen“, meinte er beiläufig. Christopher befürchtete, seine Gefühle würden auf seiner Stirn geschrieben stehen.
„Sie ist ein nettes Mädchen, aber etwas schüchtern“, erwiderte Frau Konrad, während sie Scheren und Messer bereitlegte.
„Ja“, sagte er schlicht und versuchte, nicht daran zu denken, dass ihm auch andere Beschreibungen zu ihr einfallen würden, etwa sinnlich und sexy. In den letzten Jahren, in denen er im Zuge seiner Ausbildung viele Jahre in Rom und anderen Teilen der Erde verbrachte und viele Leute kennenlernte, hatte er nie auf diese Art an eine Frau gedacht. Aber jetzt bekam er diese Gedanken einfach nicht aus seinem Kopf. Jetzt musste er sich aber auf seine Aufgabe konzentrieren und daher fragte er nach den Kindern und was bisher gemacht worden war. Bevor Frau Konrad anfing, ihm davon zu berichten, glaubte er, bei ihr einen wissenden Blick zu bemerken, den er jedoch nicht recht zuordnen konnte.
Nun wusste Ally wieder, warum sie so ungern die Zeitung las oder Nachrichten im Fernsehen ansah. Da sie aber warten musste, bis sie sich nach Myan aufmachen konnte, wollte sie irgendwie die Zeit totschlagen. Doch es stand wieder einmal nichts Gutes in der Zeitung: nur traurige Meldungen oder düstere Prognosen, die das Bild des heutigen Tages prägten. Und natürlich der Promiklatsch, welcher Ally aber auch nicht sonderlich interessierte. Sie war zwar eine leidenschaftliche Kinogeherin bzw. Filmeguckerin, aber es war ihr egal, was die Schauspieler in ihrer Freizeit machten. Von den meisten Schauspielern wusste sie nicht einmal die Namen.
Seufzend blätterte Alyssa um. Sie saß in ihrer Wohnung am Küchentisch. Vor ihr stand ein leerer Kaffeebecher. ‚Wie kann jemand nur so etwas tun?’, fragte sie sich zum wiederholten Male, während sie einen ausführlichen Artikel über die Entführung einiger Geistlicher aus verschiedenen Religionen verstreut über den gesamten Erdball las. Die Religion war die einzige Verbindung. Es wurde vermutet, dass es sich um denselben Täter handelte. Aber ansonsten gab es keine Spuren. Sie waren einfach weg. Im einen Moment hielten sie eine Predigt, alles schien normal – und eine Stunde später waren sie einfach weg. Keine Zeugen. Keine Spuren.
Ally konnte nicht verstehen, warum jemand oder eher eine Gruppe von Menschen Priester entführen sollte. Was versprachen sie sich davon?
Obwohl ... Ally wusste ganz genau, was sie mit einem bestimmten Priester machen würde. Ihr wurde ganz heiß bei dem Gedanken, Christopher zu küssen. Seine Hände auf ihrem Körper zu spüren. Natürlich war das lächerlich. Er war ein Priester und mit Sicherheit nicht an ihr interessiert. Aber Gedanken waren harmlos. Nur hatte sie ein Verlangen danach, ihren Gedanken Taten folgen zu lassen. Trotz der Tatasche, dass sie ganz alleine in der Wohnung war, grinste sie peinlich berührt und versuchte, die Gedanken abzuschütteln. Bis jetzt war sie immer zu schüchtern und ängstlich gewesen, um einen Mann näher an sich heranzulassen. Warum fühlte es sich jetzt so anders an? Sie hatte Herr Baliy erst zweimal gesehen und nur wenige Worte mit ihm gewechselt. Allmählich glaubte Ally, dass das Schicksal es nicht gerade gut mit ihr meinte. Angesichts ihrer bisherigen Leistungen konnte Ally darauf vertrauen, dass sie diese Göttersache ganz fürchterlich in den Sand setzen würde. Sollte sie jemals den Mut dazu aufbringen, dann würde sie Sharon oder Shila davon erzählen.
Und dann waren da auch noch die Dämonen, welche sie gestern umbringen wollten. Lucy hatte nichts dazu gesagt, was sie von Ally wollten. Nur dass es untypisch für diese drei Männer war. Das half ihr aber nicht weiter. Der neue Schutzzauber an ihrer Wohnungstür trug nicht dazu bei, ihr ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Was wollten sie von ihr? Möglicherweise war es ja eine Art Prestigesache, wenn Dämonen Götter tötetenn, und sie war ja immerhin noch neu im Geschäft.
Ally war überzeugt davon, dass etwas Schlimmes passieren würde. Diese ganze Göttinnensache musste irgendeinen Haken haben. Außerdem würde sie doch irgendwann auch gegen Dämonen kämpfen und Menschen helfen müssen. Dann wenn sie ihre Kräfte erst einmal beherrschen würde. Das nahm Ally zumindest an. Ob die Götter bei diesen Entführungen der Geistlichen etwas unternahmen? Es musste etwas Großes dahinterstecken. Schließlich passierten die Entführungen auf der ganzen Welt.
Ally hatte ihre Zeitung inzwischen zu Ende gelesen. Sie hatte sich nur schwer auf die Artikel konzentrieren können, da ihre Gedanken ganz durcheinander waren. Zudem war sie furchtbar nervös, was sie heute wohl erwarten würde. Heute würde klar werden, dass alles nur ein Missverständnis war. Inzwischen hatte Ally ziemliche Bauchschmerzen. Wenn ihre Ängste sehr groß waren, dann musste sie sich manchmal auch übergeben. So grenzte es an ein Wunder, dass sie den Schulabschluss überhaupt geschafft hatte.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es an der Zeit war aufzubrechen. Ally schloss ihre Wohnungstür ab. Dann nahm sie ihre Handtasche und den Tayler zur Hand. Mit zitternden Fingern wählte sie „Hauptquartier“ auf dem kleinen Apparat aus. Sie drückte den grünen Knopf. Wieder erfasste sie ein Gefühl der Leichtigkeit, und helles Licht umgab sie. Ally verlor den Boden unter den Füßen. Als das Licht sich wieder verzogen hatte, stand sie neben dem großen runden gelben Schild und schaute die breite Treppe zum großen Eingangstor hoch.
‚Na dann los!’ Ally atmete tief durch und schritt die Stufen hinauf. Zusammen mit einigen anderen betrat sie die Eingangshalle. Es schienen noch mehr Leute als gestern hier zu sein. Heute saß ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren hinter der Rezeption.
Sie folgte der Treppe im Inneren nach oben und wandte sich dann nach links. Die Räume waren alle beschriftet. Auch der Flur war weiß gehalten und gefliest. Am Ende des Ganges war ein Fenster. Vor Raum 1.05 blieb Ally stehen und atmete tief durch. Sie hob die Hand und wollte klopfen. Da wurde die Tür aufgerissen und Tina stand vor ihr. Heute trug sie weiße Jeans und ein weißes T-Shirt mit einem hellblauen Muster. Ihre roten Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.
„Hi Ally!“, sagte sie und lächelte.
Ally zuckte zusammen. „Hallo“, stammelte sie. Tina trat zur Seite und ließ sie einen kleinen Raum mit zwei Fenstern betreten. An den Wänden standen ein paar Tische, welche zur Seite gerückt waren. Die dazugehörigen Stühle waren übereinander gestapelt und ebenfalls an die Wand gerückt. Der Raum wirkte wie ein Klassenzimmer, nur dass vorne die Tafel fehlte. Die hintere Wand zierte ein großes Graffiti von einer roten Rose. Ansonsten war auch hier alles weiß. Ally stellte ihre Tasche auf einen der Sesselstapel direkt neben der Tür.
„Wie geht’s dir?“, fragte Tina und schloss die Tür hinter sich.
„Gut“, erwiderte Ally schlicht.
„Sehr gut, es war gestern wirklich viel auf einmal.“ Tina stellte sich in die Mitte des Raumes. „Wir fangen heute klein an“, erklärte sie dann. „Zuerst musst du die Magie in dir entdecken und anwenden. Da du bisher noch nie Magie benutzt hast, musst du die Sperre in dir überwinden. Wenn du Fragen hast, dann unterbrich mich einfach.“ Tina hob ihre rechte Hand und ließ sie langsam wieder sinken. Ihre Hand leuchtete wie eine Glühbirne. „Jeder sendet immer magische Wellen aus. Dieser einfache Zauber macht die Wellen sichtbar!“ Davon hatte Ally bereits gehört. Sie starrte das Licht verwundert an. „Das ist unglaublich.“
Tina ließ das Leuchten wieder verschwinden. „Das ist noch gar nichts“, lächelte sie. Eine kurze angedeutete Bewegung mit der Hand, und schon kam Bewegung in die wenigen Möbel. Die Tische hoben sich ruckelnd vom Boden ab und hielten in wenigen Metern Höhe. Einer der Tische hatte eine Schublade an der Vorderseite. Langsam öffnete sich die Lade, und ein kleiner roter Vogel flog zwitschernd hervor. Der kleine Vogel zog ein paar Kreise um die Deckenleuchte und ließ sich schließlich auf Tinas Schulter nieder. Die Möbel sanken wieder auf den Boden zurück.
„Kann ich das auch?“ Ally war beeindruckt, auch wenn alles wie ein Zaubertrick auf sie wirkte.
Tina nickte. „Jetzt bist du an der Reihe. Stell dich bequem hin und hebe deine Hand.“ Ally tat wie ihr geheißen. „Konzentriere dich auf deine Hand. Versuche, die Umgebung der Hand zu fühlen. Wie die Luft um deine Hände spielt.“ Tina tat es Ally gleich. „Überall um dich herum sind magische Wellen. Immer – zu jeder Zeit. Versuche, etwas zu fühlen, was nicht da ist. Stell dir dabei eine Kerze vor. Du fühlst die Wärme. Wie Luft kann man auch Wärme nicht sehen, nur fühlen. Bei magischen Wellen ist es genauso. Magie ist nichts anderes als die Manipulation dieser Wellen, damit der aussendende Gegenstand tut, was man möchte. Nun ist deine Hand dabei die Kerzenflamme, und die magischen Wellen sind die Wärme. Konzentriere dich auf diese Wärme und stell dir vor, sie würde leuchten wie eine Glühbirne.“ Tinas Hand fing wie auf Kommando an zu leuchten.
„Wie genau macht man dieses Leuchten sichtbar?“, wollte Ally daher wissen. Sie war in diesen Visualisierungen schon immer eher bescheiden gewesen. Ally konnte sich zwar alles vorstellen, aber nicht sehen. Nicht einmal vor ihrem inneren Auge.
„Du musst es wollen und an dich glauben, dass du es kannst. In der Magie hängt viel an Gefühlen und am Willen.“ Ally hatte noch nie wirklich Selbstvertrauen gehabt. Wie sollte sie also an sich glauben? Aber dennoch versuchte sie, diese Anregungen umzusetzen. Ihre Hand wurde auch tatsächlich ein wenig warm, aber Ally glaubte nicht, dass das etwas zu bedeuten hatte.
„Das ist ja mein Problem! Ich glaube nicht, dass ich das kann!“, sagte Ally leise. Es fiel ihr nicht leicht, das zuzugeben. „Gibt es keinen Zauber, welcher die Sperre einfach löst? Ich habe schon oft versucht, irgendetwas per Gedankenkraft zu bewegen, aber es hat sich noch nie etwas getan.“ Alyssa war verzweifelt. Und sie kam sich dumm vor, weil ihre Hand einfach nicht leuchten wollte. ‚Nun leuchte schon!’ Aber auch dieser gedankliche Befehl brachte ihre Finger nicht zum Glühen.
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