Kitabı oku: «Afrika - Leben, Lachen, frei sein»

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Afrika - Leben, Lachen, Frei sein

1. Auflage, erschienen 7-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Silas Jäkel

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-802-9

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Jüchen

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Silas Jäkel

AFRIKA

LBEN, LACHEN, FREI SEIN

INHALT

Vorwort

Die Entscheidung

Nervöse Blase

Truthahn, Chicken und der König der Löwen

Fünf rote Löwinnen

Expect the Unexpected

Brutus, Jacobi und Gumbi

30 Volontäre und ein Dieb

Move your Body

AM-Tour with Missy Joe & Co.

Jessi versus Amanda

Sleepout with Enrico

Lagerfeuer mitten im Busch

Schicksalsschläge - Beste Mentoren

54 Schildkröten

Reisebüro Lea

Komplikationen

Der fliegende Bowen

Humor lernt keine Vokabeln

Tränen zum Abschied

Safari Time

Brezel, Eis und Schokolade

Wilde Massagen

Etosha-Nationalpark

3,1415926535

Black Mamba Story 2.0

Circle of Life

Elephants in the Darkness

Papa Olaf

Moro Moro

Presence

Ganz viel Angstpipi

15 Tausend stinkende Robben

Dünenreiten in Swakopmund

Walvis Bay

Langsam, langsamer, Lea

Steinmenschen und Einhörner

Es lebe der Sport

Big Daddy

A Sky full of sta(i)rs

Fast & Furious

Die Antwort

Für alle, die ich in Afrika kennenlernen durfte.

Danke, dass ihr die Zeit so besonders für mich gemacht habt!

Für meine Familie.

Danke, dass es euch gibt. Ich liebe euch!

Für Dennis.

Danke Jung, dass ich mir so viel von deinem Humor und deiner Verrücktheit abschauen konnte.

Für meinen Opa.

Ich habe dir versprochen, dich oben im Himmel glücklich zu machen, indem ich glücklich bin. Ich bin es Opa…

VORWORT

„Ruhig bleiben, wenn alle in Panik geraten.

Bewusst sein, wenn andere durch Angst gesteuert werden.

Vertrauen ins Leben haben, anstatt sich über alles zu beklagen.

Menschen zum Lachen bringen, anstatt sie zu bewerten.

Den Jahren Leben geben, anstatt sie sie zu zählen.

In Dankbarkeit leben und Momente kreieren, die uns glücklich machen und unser Denkmal erschaffen.“

Warum 2020 das geilste Jahr meines Lebens wurde ...

DIE ENTSCHEIDUNG
(CHAPTER ONE)

„Lieber Herr Jäkel,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir würden uns freuen, Sie als Volontär/ Volontärin begrüßen zu können. Anbei sende ich Ihnen die entsprechenden Informationen zum Projekt sowie ein Anmeldeformular zu. Die Anmeldung ist in dem Fall verbindlich …“

Ich legte mein Handy auf den Schreibtisch und starrte an die Wand. „Verbindlich“ stand in der Mail. Verbindlich. Dieses Wort hatte irgendwie schon so was Verbindliches an sich. Ich musste schlucken. Es löste etwas in mir aus. Ich merkte, wie ich nervös meinen Kuli zwischen den Fingern hin und her bewegte.

„Knack.“ Schon wieder einer, bei dem die Halterung abgebrochen war. Noch nie hatte es eine Halterung mehrere Tage und Wochen mit mir ausgehalten. Hin- und hergerissen kratzte ich mich an der Schläfe. Soll ich es wirklich machen? Du Silas? Irgendwie klangen meine Gedanken jetzt nicht mehr so optimistisch wie noch vor ein paar Tagen. Da hatte ich mit einer Mail mein Interesse an dem Projekt zum Ausdruck gebracht und eine Anfrage an die Organisation abgetippt. Ich konnte es kaum erwarten, mich verbindlich anzumelden. Und jetzt, ein paar Tage später? Als es verbindlich wurde, kamen natürlich wieder die Zweifel. Wie immer bei großen Entscheidungen. Auf ihr Kommen konnte ich mich stets verlassen. Jetzt war ich wieder in meinem Zimmer und beobachtete, wie in meinem Kopf ein negativer Gedanken den anderen ablöste.

Du schaffst das nicht! Du kannst das nicht!

Ich tigerte wild in meinem Zimmer auf und ab. Du machst es eh nicht. Ich kenne dich doch … Ich gab meinen Gedanken recht und ließ mich frustriert in den Stuhl sinken. Wahrscheinlich sollte es so ablaufen wie immer. Wahrscheinlich würde ich ein Leben lang zu den Menschen gehören, die tolle Träume und Visionen haben, aber nichts davon jemals umsetzen werden. Vor allem wenn es verbindlich wird. Irgendwann würde ich es dann bereuen, es nicht getan zu haben. Vor gut zwei Monaten war es auch schon so gewesen, dass Zweifel meine Pläne zunichtegemacht hatten. Auch da hatten sich meine Zweifel durchgesetzt. Ich wollte nach Paris. Allein. Beziehungsweise mit Millionen anderen Menschen. Wie in jedem Jahr sollte auf dem Champs Elysées die letzte Tour de France-Etappe vor einem Millionenpublikum zu Ende gehen und der Gesamtsieger feierlich gekürt werden. Einmal wollte ich in meinem Leben live dabei sein. Vor Ort mit allen anderen. Nur einmal. Zwischen allen jubelnden Zuschauern stehen und die Radprofis mit den dicken Schenkeln und durchtrainierten Waden zum Sieg brüllen. Doch es gab natürlich einen Haken: Es scheiterte an der Umsetzung, an der praktischen Umsetzung. Ein Schritt hatte mir von der Idee bis zur Praxis gefehlt. Nur noch einen Schritt hätte ich machen müssen. Just one step. Sämtliche personenbezogene Daten und Kontonummern hatte ich bei Eurowings auf der Homepage schon eingegeben. Der Sitz war reserviert und der Flugplan stand. Hinflug Samstagmorgens, Rückflug Sonntagabend nach der Etappe, dazwischen eine Übernachtung im Hotel. Zweihundert Euro insgesamt. Doch dazu kam es nicht. Ich traute mich nicht, verbindlich zu buchen. Wie gelähmt starrte ich damals auf den Bestell-Button. Es lag nicht am Geld und den zweihundert Euro. Nein, nein. Mein Respekt und die Angst vor dem Flug und der Reise waren zu groß. Immer wieder redete ich mir Flugangst ein, bis ich schließlich den Buchungsprozess abbrach und aufgab. Angst vorm Unbekannten. Angst vor der Praxis. Angst, meine Komfortzone zu verlassen. Die Sicherheit und meine Zweifel siegten. Es blieb bei dem Traum und der Idee.

Wütend haute ich mit der Faust auf meinen Schreibtisch. Vor lauter Schreck flog das abgebrochene Kugelschreiberteil in hohem Bogen auf den Teppich. Reiß dich diesmal zusammen, Silas, versuchte ich mir einzureden. Es konnte nicht sein, dass ich schon wieder einen Traum aufgab. Du bist 21. Wie lange willst du noch warten? Möchtest du immer davonlaufen, wenn es ernst wird? Come on. Entschlossen schlug ich mir dreimal mit der Faust auf den Brustkorb. Dies tat ich immer dann, wenn ich mich zu irgendwas pushen wollte. Wenn ich positive Energie brauchte. In der Regel klappte das ganz gut. Vor Klausuren im Abitur zum Beispiel. Wütend über meine Unentschlossenheit, fiel mein Blick vom Anmeldeformular im Posteingang auf das Sideboard vor mir. Papa hatte es über meinem Schreibtisch angebracht. Früher hingen dort irgendwelche Vokabeln und Stundenpläne, doch das war lange her. Verdammt lange - zum Glück. Jetzt hing dort neben einem Bild von meiner Familie ein Zettel mit einem Spruch. Diesen hatte ich vor Kurzem in irgendeinem Podcast aufgeschnappt und in krakeliger Schrift aufgeschrieben. Ich hatte schon fast ganz vergessen, dass er da hing. Langsam wanderten meine Augen Wort für Wort am Spruch entlang: „The greatest risk: Dying before you have actually pushed yourself to live. You will either find a way or you will find an excuse. If you can or not, you are right.“

Je öfter ich den Satz durchging, desto entschlossener wurde ich. Dieser Satz war so wahr. Er erinnerte mich wieder, warum ich an dem Projekt teilnehmen wollte. Ich grinste. Ich dachte an meine Unzufriedenheit in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. An die Momente, in denen ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, als aufzubrechen. Als zu starten. Einfach mal raus. Raus aus der Komfortzone, dem Alltag entfliehen und endlich anfangen zu leben. Leben. Lebendig sein. Dinge machen, die sich hinter meiner Angst verstecken. Ich wollte mir wenigstens einmal im Leben beweisen, dass ich es mir selbst wert bin, den letzten Schritt zu gehen. Silas, du bist es wert, Mann. Hörst du? Du bist es wert. Dein Leben ist es wert. Entschlossen ballte ich die Fäuste und klopfte mir auf die Brust. Sie bebte vor Energie und Entschlossenheit. Du wirst es bereuen, wenn du diesen Schritt nicht gehst. Verdammt - Ich wollte nichts mehr bereuen in meinem Leben. Wieder wanderten meine Augen über mein Gekritzel an der Wand:

„Dying before you have actually pushed yourself to live“. Oh Mann. Mir graute es vor dem Gedanken, irgendwann am eigenen Sterbebett zu sitzen, aufs eigene Leben wie auf einen Film zurückzublicken und dann etwas zu bereuen. Keine Bilder in dem Film zu sehen. Vor einer leeren Wand zu stehen und zu denken: Hätte ich doch besser das gemacht … Hätte ich da doch besser nicht gezweifelt, dann hätte ich … Verdammt - ich wollte dieses Szenario nicht erleben. Nicht ich. Nein, nicht ich! Wieder schlug ich mit meinen Fäusten auf die Brust. Diesmal noch entschlossener und kräftiger als davor. Ich merkte, wie ich immer entschlossener in meiner Entscheidung wurde. Wie meine Entscheidung immer verbindlicher wurde. Wie ich immer mehr dahinter stand. Mit meinem Herzen, mit meiner Seele. Ich schloss meine Augen und fing an zu lächeln. Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge, spürte, wie das Blut durch meine Brust zirkulierte, und fing an, langsam von fünf rückwärts zu zählen.

„5,4,3,2…“ Bei 1 öffnete ich meine Augen. Meine Mundwinkel, die vorhin noch meine Laune und Stimmung nach unten gezogen hatten, schnellten in Windeseile nach oben. Ich fing an zu strahlen wie ein Stern am Himmel. Ich wurde immer heller und heller. Ich hatte eine Wahl für mein Leben getroffen. Tief atmete ich durch, um sie mir noch einmal bewusst zu machen. Der Gedanke an das bevorstehende Abenteuer packte und euphorisierte mich. Wie ein Flummi sprang ich vor lauter Freude vom Schreibtischstuhl auf, sprang auf mein Bett und ließ einen lauten Schrei los.

„Silas, alles okay?“

„Ja Mama, haha. Alles gut.“ Das Glück überrannte mich und ich wusste gar nicht mehr, wohin mit der ganzen Energie. Ich jubelte wild gestikulierend mit Armen und Beinen, wälzte mich im Bett herum wie ein glückliches Schwein im Matsch und konnte meinen Schritt kaum fassen. Ich streckte mich vom Bett aus zum Schreibtisch und schnappte mir mein Handy. Ich druckte das Anmeldeformular aus und schickte es noch am selben Tag ausgefüllt zurück. Was sich vorhin noch so komisch und falsch angefühlt hatte, fühlte sich jetzt richtig an. Es fühlte sich gut an.

Ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Ab jetzt konnte es keine Ausreden mehr geben. Ungläubig schüttelte ich den Kopf.

„Noch fünf Monate“, murmelte ich. Fünf Monate, bis der Flieger geht. Nicht nach Paris. Nicht zur Tour de France. Nach Namibia. Nach Afrika. Verbindlich. Ich hob das abgebrochene Stück vom Kugelschreiber auf. Es landete im hohen Bogen neben meinen Selbstzweifeln im Müll.


NERVÖSE BLASE
(CHAPTER TWO)

Mit angestrengtem Blick saß ich vorne neben meinem Vater im Auto. Er unterhielt sich gerade mit meiner Mutter und meinem Bruder, die beide auf der Rückbank saßen. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, sodass ich gar nicht wusste, worum es gerade ging. Ich wusste nur eines: Noch nie hatte ich eine Entscheidung in meinem Leben mehr bereut … In gut zweieinhalb Stunden sollte mein Flieger gehen. Ich war gut in der Zeit, doch es ging mir dreckig. So richtig dreckig. Ich hatte den Druck meines Lebens auf meiner Blase. Ingwertee - ein Liter. Schlechte Entscheidung. Diesen Liter hatte ich vor gut einer Stunde beim Mittagessen noch in mich reingekippt. Doch anders als ich wollte er nicht auf große Reise gehen. Panisch schaute ich aus dem Fenster und suchte nach diesem blauen P-Schild. Es wollte einfach nicht auftauchen. Tatsächlich passierten wir mehrere blaue Schilder abseits der Autobahn, doch keines deutete auf einen Parkplatz mit Pinkelmöglichkeit hin. Auf einem der Schilder stand bereits Flughafen Düsseldorf.

„Dirk, du musst abfahren“, navigierte meine Mutter von hinten meinen Vater. „Rechts, Dirk, rechts …“

„Jaaa …!“ Papa setzte den Blinker und bog auf die Spur, die am Autobahnkreuz Hahn von der A46 auf die A3 nach Oberhausen führt.

„Ich habe die Ausfahrt doch gesehen …!“

„Papa?“ Ich schaute ihn mit schmerzvollem Gesicht an.

„Alles gut?“, fragte er mich und klatschte mir dabei auf den linken Oberschenkel. „Freust du dich, dass es endlich losgeht?“

„Nein, ich meine ja. Ich meine nein, ich muss dringend pinkeln. Kannst du bei der nächsten Möglichkeit rausfahren? Und mir vielleicht nicht auf den Oberschenkel hauen.“ Ich hatte zwar eine Wechselunterhose im Handgepäck dabei, aber keine Wechseljeans. Er nickte und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

„Wie lange fahren wir noch?“ Ich spürte, dass das Zusammenkneifen im Beinbereich nicht mehr lange gut gehen konnte.

„Noch fünfundzwanzig Minuten“, wiederholte ich mit aufgerissenen Augen. Das schaff ich nie. Krampfhaft versuchte ich mich an die Fahrt vor gut vier Wochen zu erinnern. Auch damals ging es zum Düsseldorfer Flughafen. Ich überlegte, ob es davor noch eine Ausfahrt oder einen Rastplatz gegeben hatte. Mit damals meinte ich Silvester. Damals war ich zum ersten Mal in meinem Leben geflogen. Nach Hamburg. Meine Familie und ich wollten dort Silvester feiern und das Musical König der Löwen besuchen. Wir hatten auf den letzten Drücker Tickets bekommen und da kam mir die Idee, dass ich doch einen Testflug machen könnte. Ein Testflug für meine Reise nach Afrika einen Monat später, um wenigstens einmal im Leben davor geflogen zu sein. Um ein Gefühl fürs Fliegen zu bekommen. So kam es dann, dass an jenem Dienstag meine Eltern mit dem Auto nach Hamburg fuhren, während ich um halb fünf morgens aus dem Bett kroch, um mit ordentlich Muffensausen den Testflug über ihren Köpfen in Angriff zu nehmen. Zu meiner Erleichterung klappte damals alles super, sodass ich mich nach der Landung in Hamburg fragte, warum ich mit meinem ersten Flug bis Anfang 20 gewartet hatte. Es war gar nicht so schlimm gewesen, wie ich es mir in Gedanken immer eingeredet hatte.

„Och nein Papa, da war doch eine Ausfahrt“, sagte ich enttäuscht, als wir an einer Ausfahrt vorbeifuhren. Das Parkplatzschild wurde im Seitenspiegel kleiner und kleiner, während die Gefahr eines Malheurs mit jedem Schlagloch größer und größer wurde.

Na toll, dachte ich und versuchte, an etwas anderes zu denken. Noch immer konnte ich nicht richtig glauben, dass es heute losging. Es war Mittwoch und ich hatte seit Montag Urlaub. Unbezahlten Urlaub für fast acht Wochen. Acht Wochen. Der Gedanke daran ließ den Druck in meiner Blase fast verschwinden. Acht Wochen kein Büro, keinen Anzug und keine Krawatte tragen. Keine nervigen, schlecht gelaunten Kunden, die die ganze Welt schlecht reden, in allem Probleme sehen und dich dafür verantwortlich machen, wenn etwas nicht funktioniert. Wieso gibt es auf dem Sparbuch keine Zinsen? Wieso kann ich nicht über mein Geld verfügen? Pfändung? Was ist das? Wieso seid ihr als Bank und Mitarbeiter so scheiße? Auf dieses ganze Rumgejammer und Beschweren hatte ich keine Lust mehr. Im September 2017, vor gut zweieinhalb Jahren, hatte ich meine Ausbildung als Bankkaufmann begonnen. Ein Bild von dem Tag, als ich mit 35 anderen Azubis in glattgebügelten Bankklamotten vor dem Bankgebäude auf einer Treppe stand, hängt noch immer bei meiner Oma in der Küche an der Wand. Stolz hatte sie es aus der Zeitung ausgeschnitten. Ich musste beim Gedanken ans Bild schmunzeln. Zum Glück stand ich damals beim Fotoshooting in der letzten Reihe. So konnte man die wenigen rosa Flecken auf dem weißen Hemd nicht sehen. Zum Glück. Vor Aufregung hatte ich mich nämlich am ersten Ausbildungstag auf der Hinfahrt im Auto übergeben und den Bananen-Haferflocken-Himbeer-Smoothie auf dem gesamten Beifahrersitz verteilt. Und wenige Sprenkel halt auf meinem Hemd. Danach ging es mir besser und dem Auto nach einer Sitzreinigung auch. Nur wenige wussten bisher von dieser Story. Während alle Azubis der Willkommensrede des Vorstandsvorsitzenden bei geschmierten Mettbrötchen lauschten, überlegte ich, wie viel die Sitzreinigung wohl kosten würde.

An jenem ersten Ausbildungstag war noch alles gut. Auch die Wochen und Monate danach. Ich machte meine ersten Erfahrungen am Schalter mit Kunden, zählte ihnen 50er- und 100er-Scheine vor, füllte Überweisungsbelege aus und eröffnete selbstständig Konten und Sparbücher. Es machte Spaß, jeden Morgen zur Arbeit zu fahren und acht Stunden im Büro zu verbringen. Ich war motiviert und tat alles, um Vorgesetzten und Paten zu gefallen, von ihnen ein gutes Feedback zu erhalten und meine Karriere in der Bank zu pushen. Ich hielt vertriebliche Vorträge vor meinem Lehrjahr zum Finanzkonzept und durfte als einer der Ersten einen Einsatz in einer internen Abteilung verbringen. Ein Zeichen dafür, dass man bisher während seiner Ausbildung gut performt hatte. Doch dann kam es zum Bruch:

Der zweite Tag im Electronic Banking sollte alles verändern. Meine ganze Sichtweise über mein Leben. Er bestand aus heftigen Bauchschmerzen, Magenkrämpfe und einer Notoperation am Abend im Krankenhaus. Schwere Blinddarm- und Bauchfellentzündung lautete die Diagnose der Ärzte. Gefolgt von bangen Minuten im weißen Nachthemd auf dem kalten Operationstisch und Gedanken darüber, was ich bisher in meinem Leben erreicht hatte. Was ich vorweisen konnte. Sie änderten mein Denken über Erfolg, Karriere und Geld. Über das Leben an sich, über meine Pläne und Ziele. Die Minuten im Krankenhaus vor der Operation machten mich traurig. Ich merkte, dass ich mein Glück in den letzten Jahren über Dinge, Ziele und Erfolge definiert hatte, die in diesem Moment nichts wert waren. Gar nichts. Sie waren gar nichts wert. Ich bereute, bisher nicht wirklich gelebt zu haben. Ich schwor mir, dass dieser Tag der Wendepunkt in meinem Leben sein sollte. Der Wendepunkt hin zu einem aufregenden, glücklichen und erfüllten Leben.

Noah schien es nicht zu bereuen, dass er mitgekommen war. Er war zum ersten Mal in seinem Leben an einem Flughafen und staunte nicht schlecht, als alle paar Sekunden ein Flugzeug über unser Auto flog und im wolkenbedeckten Düsseldorfer Nachthimmel verschwand. Es dämmerte bereits. Papa fuhr vorbei an mehreren Schranken und Schildern und parkte auf dem Drei-Minuten-Parkplatz vor der Abflughalle. Ich konnte es kaum erwarten, bis das Auto zum Stehen kam. Hektisch öffnete ich die Beifahrertür. Jetzt war Eile geboten. „Ich laufe schnell zur Toilette. Bin gleich wieder da!“

„Aber wir können hier doch nicht so lange parken und Stehenbleiben, Silas“, sagte meine Mutter, doch es war zu spät. Die Tür war noch gar nicht richtig ins Schloss gefallen, da war ich auch schon hinter der Drehtür verschwunden. Ihre Rufe und ihr Fensterklopfen kamen zu spät.

Die Abflughalle war größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Passagiere liefen kreuz und quer mit ihren Koffern durcheinander, schauten auf ihre Handys und starrten auf den großen Monitor an der Wand, der sämtliche Flugzeiten und Gates anzeigte. Immer wieder musste ich stehende Menschen umkurven, ehe ich neben einem Check-in-Schalter endlich eine Tür mit einem Toilettensymbol entdeckte.

Endlich, dachte ich und stolperte Richtung Tür. Gefühlt drei Kilo leichter öffnete ich sie nach ein paar Minuten wieder und trat mit erleichtertem Blick hervor. Ich war bereit. Meine Blase war bereit. Jetzt konnte es losgehen.

„Da bist du ja endlich“, sagte meine Mutter, als ich zurück beim Auto war. „Wir dachten schon, du kommst nicht mehr wieder.“ „Hat ein bisschen gedauert“, grinste ich. „Ist den alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie besorgt. „Oder ist was mit deinem Magen?“ Prüfend schaute sie mich mit diesem einen Blick an, den jede Mutter draufhat. In der Regel konnte man ihr nichts vormachen. Aber diesmal gab es nichts zu verheimlichen.

„Alles gut, Mama. Wirklich! Mir geht es super.“ Ich ging zum Kofferraum und hievte meinen blauen Koffer auf den Boden. Er hatte schon so manche Reise miterlebt. Zerbeult und zerkratzt stand er auf dem Bürgersteig und wartete, wie es jetzt weitergehen sollte. Mein Vater reichte mir meinen beigen Rucksack, den meine Oma mir gestern für die Reise geschenkt hatte.

„Danke, Papa.“ Ich stülpte ihn auf meinen Rücken und legte das schwarz-grau-karierte Nackenkissen um den Hals. Es hatte eine Massagefunktion, doch die Batterie hatte ich aus Vorsicht zu Hause gelassen. Ich wollte nicht schon wieder aus der Sicherheitskontrolle gewunken werden und mir die Blöße geben. An Silvester hatte schon ein zusammengeknülltes Knoppers-Papier in meiner Jeans dafür ausgereicht. Diesmal hatte ich vorsorglich selbst die kleinste Fluse entfernt. „Hast du alles?“, fragte mich mein Vater. Ich nickte. Jetzt kam der Part, vor dem ich am meisten Respekt hatte. Goodbye zu sagen und von meiner Familie für die nächsten Wochen Abschied zu nehmen. Schon gestern hatte ich einen Kloß im Hals, als meine Oma mir mit Tränen in den Augen an der Tür zuwinkte. Ich musste schlucken, als ich meinen Vater anschaute. Ich nahm ihn in den Arm und versprach ihm wie schon damals vor der Blinddarm-OP, dass ich wiederkommen werde. Er klopfte mir auf die Schulter.

„Hab viel Spaß. Wir sind stolz auf dich!“ Ich ging weiter zu Mama, die neben ihm stand.

„Pass bitte auf dich auf …“

„Ich verspreche es dir, Mama.“ Ich drückte sie ganz fest an mich. So fest hatte ich meine Mama schon lange nicht mehr in den Arm genommen. Es fühlte sich gut an. So vertraut. Ich streichelte ihr mit meiner Hand über den Kopf.

„Melde dich und ruf mal an …“ Ich blickte zu Noah. Er schaute mich an und streckte die Arme zu mir aus. Ich bückte mich zu ihm und hob ihn hoch. „Mach es gut, Pupsi. Und ärgere Paula schön.“ Wie ein Affe klammerte er sich um meinen Hals. Ich küsste ihn auf die Stirn.

„Bring mir was mit“, sagte er, nachdem ich ihn auf dem Bürgersteig abgesetzt hatte. „Vielleicht einen Löwen. So einen kleinen, flauschigen, ja?“

„Ich schaue mal.“ Ich wuschelte ihm durch die Haare. „Bis in vier Wochen.“ Ich ging zu meinem Koffer, klappte den Griff aus und rollte ihn hinter mir her zur Abflughalle. Beim Eingang drehte ich mich noch mal zu meinen Eltern und meinem Bruder um. Sie waren wieder ins Auto gestiegen und winkten, als sie an mir vorbeifuhren. Ich schaute ihnen noch eine Weile nach, bis sie hinter einem Parkhaus nicht mehr zu sehen waren. Jetzt war ich auf mich allein gestellt. Der erste Schritt war gemacht. Das Abenteuer Afrika konnte beginnen …

TRUTHAHN, CHICKEN UND DER KÖNIG DER LÖWEN
(CHAPTER THREE)

„Schöne guete Abig, mini Dame und Herre und es herzlichs Grüezi au no mal vo mir us de Pilotekabine. Min Name isch Franz Huber und zsamme mit minere Crew heiß ich Sie herzlich willkomme an Board. Viele Dank, dass Sie sich uf em Flug vo Düsseldorf nach Züri für Swiss entschiede händ. Mir versuechet, Ihne de Flug so agnähm wie mögli zgestalte. Dä Flug isch öppe mit ere Stund agrächnet. Mir wünschet Ihne en guete Flug und bittet Sie, Ihres Handgepäck unterem Sitz oder i dä dafür vorgsehene Ablageflächi zverstaue.“

Ja Moin. Ich musste innerlich lachen. Ich hatte bis auf den Namen kein Wort verstanden. Wieder meldete sich die Stimme aus dem Lautsprecher im Flugzeug.

„Und jetzt noch einmal für die nicht Schweizerdeutsch sprechenden Passagiere …“

Geht doch, Franz.

„Schönen guten Abend, meine Damen und Herren und ein herzliches Grüezi auch noch mal von mir aus der Pilotenkabine. Mein Name ist Franz Huber und zusammen mit meiner Crew heiß ich sie herzlich willkommen am Bord. Vielen Dank, dass sich auf den Flug von Düsseldorf nach Zürich für Swiss entschieden haben. Wir versuchen, Ihnen den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Flug ist mit einer guten Stunde berechnet. Wir wünschen Ihnen einen guten Flug und bitten Sie, ihr Handgepäck unterm Sitz oder in den dafür vorgesehen Ablageflächen zu verstauen.“

Ich schaute auf meine digitale Uhr, die ich vor ein paar Monaten beim Planspiel Börse gewonnen hatte. 19:55 Uhr leuchtete es auf in weißen Zahlen. Ich freute mich, dass bis jetzt alles nach Plan verlief. Pünktlich setzte sich der Flieger von Swiss in Bewegung und machte sich hinter zwei anderen Fliegern auf dem Weg zur Startbahn. Nein, bis jetzt lief wirklich alles nach Plan. Bei einem Swiss-Schalter hatte ich vorhin meinen Koffer abgegeben. Im Gegenzug überreichte mir die Schweizerdeutsch sprechende blonde Angestellte die Flugtickets. Wie mein Nachbar Wolfgang, der mir an Noahs Geburtstag im Januar noch von seinem Namibia-Urlaub erzählt hatte, staunte sie nicht schlecht, als sie durch ihr System erfuhr, dass ich keinen Direktflug nach Windhoek, der Hauptstadt Namibias, gebucht hatte. Ich zuckte nur lachend mit den Schultern und nahm die drei Tickets dankend entgegen. Jetzt lagen sie gut verstaut in der oberen Tasche meines Rucksacks zwischen den Seiten meines Reisepasses. Bereit, in Zürich und Johannesburg bei den Zwischenstopps rausgekramt zu werden. Vorsichtshalber schaute ich noch mal nach, ob sie noch da waren.

Erleichtert, dass sie immer noch auf meinem Gesicht lagen, schaute ich wieder aus dem kleinen Fenster nach draußen. Das ganze Flughafengebäude war hell beleuchtet. Busse brachten Passagiere zu den wartenden Flugzeugen, während Kleinbusse mit mehreren Anhängern die Koffer hinterherfuhren. Zwischen dem ganzen Gewusel deutete nur der pechschwarze Himmel darauf hin, dass es bereits Nacht war. Ich schaute einige Meter runter zum Boden. Dort entdeckte ich überall Markierungen und Punkte, die in den unterschiedlichsten Farben zu mir aufleuchteten. Ich zückte mein Handy und machte schnell ein paar Fotos. Das Display auf der Kopflehne vor mir leuchtete auf und zeigte in einem einminütigen Video, wie sich eine Frau eine Schwimmweste umlegte und eine Sauerstoffmaske aufsetzte. Digital - wow. Kein Vergleich zu den Sicherheitsanweisungen vorm Abflug nach Hamburg, die zwei Stewardessen mit wilden Handbewegungen im Gang vor allen Fluggästen vorgemacht hatten. Als das Video zu Ende war, gingen mit dem Display auch die Lichter im Flugzeug aus.

„Ready for take off“, hörte ich über die Lautsprecher eine Stimme sagen. Die Triebwerke dröhnten laut auf. Binnen Sekunden beschleunigte Franz das Flugzeug auf mehrere Hundert Stundenkilometer. Die Geschwindigkeit drückte meinen Körper mit voller Wucht in den Sitz, doch anders als an Silvester jagte mir das keinen Schreck ein. Aufgeregt schaute ich aus dem Fenster. Wie ein Gepard eine Gazelle pushte Franz das Flugzeug nach vorne, ehe einige Sekunden später das lang gezogene Gebäude des Düsseldorfer Flughafens immer kleiner wurde, bis es am Boden nicht mehr zu sehen war. Wir flogen eine große Kurve über die Rheinpromenade und den Fernseherturm. Alles kam mir sehr bekannt vor. Vor ein paar Monaten hatte ich dort unten noch neben meinem Fahrrad am Ufer gesessen und Flugzeugen beim Fliegen zugesehen. Jetzt war es umgekehrt und es fühlte sich gut an.

Der Flughafen in Zürich war menschenleer. Gespenstisch leer. Neben meinem Schatten auf dem Gang war nichts los. Es war echt seltsam. Keine Menschenseele war zu dieser Uhrzeit unterwegs. Keine Spur von den Passagieren und Fluggästen, die gerade noch Franz und seinem Co-Piloten nach ihrer sicheren Landung applaudiert hatten. Sie waren wie vom Erdboden verschlungen. Ich hatte das Gefühl, dass ich der Einzige war, der heute noch nach Johannesburg fliegen würde. Ich wunderte mich, dass um neun Uhr bereits alle Geschäfte geschlossen waren. Kein Restaurant, keine Boutique war mehr geöffnet. Kein Vergleich mit dem lebhaften Treiben in der Düsseldorfer Abflughalle, in der man quasi alle zehn Meter einen Bäcker, Restaurant oder Kiosk vorfand. Hätte ich doch besser da noch was zu essen gekauft, dachte ich mir, während ich durchs Schaufenster einer Pizzeria spähte, die längst geschlossen hatte. Mein Magen knurrte und machte sich mehr und mehr bemerkbar. Ich hatte zwar noch eine Banane und zwei Brötchen mit Rührei in meiner Tasche dabei, doch diese waren eigentlich fürs morgige Frühstück vorgesehen. Ich beschloss, erst mal das Gate zu suchen. Bis zum Boarding war noch gut eine Stunde Zeit. Ich schaute auf mein Handy.

„Gate 38. Aha. Gut, dass auf dem Ticket ein anderes Gate steht …“ Ich steckte das Handy zurück in die Hosentasche und schlenderte weiter den Gang entlang. Orientierungslos musste ich auf den Überwachungskameras ausgesehen haben, wie ich immer wieder im Gang stehen blieb und mich um die eigene Achse drehte. Es war das reinste Labyrinth. Die Zeiger wanderten auf der Uhr immer weiter. Langsam wurde ich nervös. Noch immer hatte ich das Gate nicht gefunden. Auch keine Person, die ich hätte um Hilfe bitten können. Mit jeder Minute wurde ich unruhiger, bis mir schließlich ganz schlecht war. Ich brauchte jetzt etwas zu essen. Ich wollte gerade aus der Not heraus meinen Rucksack absetzen und die Banane auspacken, als ich plötzlich einen Lebensmittelladen entdeckte, der zu meiner großen Freude um die Uhrzeit noch geöffnet hatte. Meine Freude wurde leicht getrübt, als ich die Lebensmittelpreise sah. Bei fast jedem Produkt standen zwei Zahlen vor dem Komma. Es war wirklich Wahnsinn, wie viele Schweizer Franken hier für eine Kleinigkeit zu essen verlangt wurden. Ich lief zwischen Obst- und Brotständen her, bis ich schließlich fündig wurde. Zumindest sah es eingeschweißt in Frischhaltefolie so aus.

„Grüß Gott“, sagte ich zu einem älteren Mann hinter der Kasse, der mich freundlich anlächelte. „Ein Truthahn-Tomaten-Rucola-Sandwich für mich, bitte.“ Ich reichte ihm gleichzeitig mit dem Sandwich meine Kreditkarte über den Tresen. Das Brötchen des Sandwiches war recht schmal, dafür aber mit fast zwanzig Zentimetern recht lang. Wie eine Flöte sah es aus. Es fehlten nur die Löcher und das Mundstück zum Reinblasen.

„Hoi. Wenn Sie möchtet, chönnt Sie gern no es zweits Sandwich näh …“Oh Gott, noch so einer. Ich drehte mich um, um sicherzugehen, dass er gerade wirklich mit mir sprach. Er tat es. Sein Schweizerdeutsch war noch schwieriger zu verstehen als das von Franz Huber im Lautsprecher. Ich schaute ein wenig hilflos in sein freundliches Gesicht.

„Mir schließet sowieso in zeh Minute und sind am wegrumme und uffrumme.“ Zeh Minute? Uffruume? Ich verstand nur Bahnhof. Wahrscheinlich schwebten über meinem Kopf gerade lauter Fragezeichen und schlugen Purzelbäume in der Luft. Der Verkäufer griff nach einem zweiten eingepackten Truthahn-Sandwich.

„No, no. Ähn. Nein, Nein.“ Ich wedelte mit meinem Zeigefinger durch die Luft. „Just one, äh, nur eins bitte.“ Er schien mich missverstanden zu haben. Ein Sandwich für sieben Franken reichte mir. Trotz meines Einwandes packte er beide in eine Tüte.

„Das würde dänn insgesamt siebe Franke machen, da Herr.“

„Ahh. Zwei für eins.“ Ich grinste. Erst jetzt hatte ich sein Angebot verstanden. Wieso sagt er das nicht gleich?

„Mit dä Charte? Gern.“ Er nahm meine goldene Karte entgegen und steckte sie in das Kartenzahlungsgerät. Nach einigen Sekunden machte es piep und er gab sie mir wieder zurück. Ich steckte sie in meine Handytasche und griff nach der Tüte mit den beiden Sandwichbaguettes.

„En guete!“, wünschte mir der Verkäufer zum Abschied.

Danke. Ihnen auch. Pfiat di!“ Erst beim Ausgang fiel mir ein, dass „Pfiat di“ ja gar keine schweizerdeutsche, sondern vielmehr eine bayerische Abschiedsfloskel war. Ich musste lachen. Du und deine Sprachskills, Silas … Kopfschüttelnd biss ich beim Gedanken daran in den ersten Truthahn. Das kann ja mit deinen englischen Sprachkenntnissen was werden in Afrika. Gell, Richie?


„Pardon?“ Richie schaute mich fragend an. Er kam aus Südafrika, wohnte in Stockholm und sollte für die nächsten zehn Stunden mein Sitznachbar auf dem Flug nach Johannesburg sein. Zufälligerweise arbeitete er auch in einer Bank, sodass wir gleich ein Small-Talk-Thema hatten. Wir verstanden uns auf Anhieb …

„Sorry Bro, I did not understand …“

„My display does not work!“ Während Richie schon die Mediathek von Swiss nach geeigneten Filmen durchstöberte, war mein Bildschirm an der Kopflehne meines Vordermannes immer noch schwarz. Er schien keine Lust zu haben, mich in den nächsten Stunden unterhalten zu wollen. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich mir. Verzweifelt suchte ich mit meinen Händen den Rand nach dem Power-Button ab.

„Bro, just touching …“

„Pardon?“ Erst als er mit dem Finger über sein Display strich, verstand ich, was er meinte. Ich berührte das Display und nach wenigen Sekunden flackerte das Swiss-Symbol auf. Erleichtert lehnte ich mich nach hinten, um kurz darauf wieder ganz nah mit meiner Nase an den Bildschirm zukommen. Auf dem Display leuchtete jetzt eine große Kugel hell auf. Umrandet von einem weißen Kranz sah ich die Erde und die Flugstrecke, die sich quer vom europäischen Kontinent bis fast zum südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents hinunterzog. Ich staunte. Afrika war im Vergleich zu Europa riesig. Viel größer und gewaltiger, als ich je gedacht hatte. Auf Landkarten sah Europa im Vergleich zu Afrika immer viel größer aus. Nichts da. Der Abstand zwischen Namibia und zu Hause war gewaltig. Auf dem kleinen Bildschirm zwar nur wenige Zentimeter, doch in Wahrheit waren es zehn Flugstunden und Tausende Kilometer.

„Crazy, right?“ Richie hatte mein Staunen über die Erdkugel bemerkt. „Africa is a very big planet, my friend.“ Ich nickte ihm beeindruckt zu.

„Where do you want to fly?“

„Namibia, Windhoek.“

„Why?“ Er grinste und setzte sich interessiert seine Kopfhörer ab, um mich besser verstehen zu können. Von ihm wusste ich bereits, dass er in Südafrika seine Familie besuchen wollte. Zum ersten Mal würde er nach mehreren Monaten und Skype-Calls seine Mutter wieder in die Arme nehmen können. Er konnte den Moment kaum erwarten.

„Why do I fly to Namibia?“ Ich musste kurz grübeln, um zu überlegen, wie ich es ihm mit meinem nicht so ganz perfekten Englisch am besten sagen sollte. „I think I was fifteen years old as I saw TV series about a farm in Namibia. Maybe you know the series. Volunteers worked there with wild animals. Lions, leopards, baboons and cheetahs. They prepared food, cleaned the enclosures of the animals and lived in the bush.“

„I mean I heard of it.“

„I saw this series each day in my holidays. Generally, I like to see documentaries about the African planet. Films about the nature, about wild animals, especially lions …“

„Do you know the lion king?“, unterbrach mich Richie. „It is a film about lions. Very funny. Trust me.“ Er lachte. Wahrscheinlich dachte er gerade wie ich an den furzenden Pumbaa.

„Hakuma Matata, I know“, ich grinste. „The lion king is my favorite film.“

„Same. You know …“, man hörte richtig Richies südafrikanischen Slang raus, „the meaning is very impressive. Taking responsibility for your life and do not run away when life tries to teach you. I mean there are bad times, but you have to go through it.“ Bei Richies Sätzen bekam ich Gänsehaut. Ich dachte an Silvester, als ich neben meiner Familie im Theatersaal saß und bei einigen Szenen fast weinen musste, weil sie so tiefsinnig waren. Bei einigen Liedern und Szenen hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen, die mir im zum Glück dunklen Saal über die Wange kullerten.

„I like what you say, Richie. When you are in Germany, you have to visit the Lion King Musical in Hamburg. Trust me. I had the whole time Gänse, ähh, Gänse …“ Meine Vokabellücken klafften zum ungünstigsten Zeitpunkt wieder auf. „Do you know the bird, who …“ Richies Stirn legte sich leicht in Falten. „Who has an orange, you know …“ Ich hielt meine Hand vor den Mund und machte eine Schnabelbewegung.

„Goose?“

„No, Schnabel.“

„Schnabel? Do you mean goose?“ Verwirrt schauten wir uns für einen kurzen Moment schweigend an.

„Goes? What goes?“ Ich konnte mich nicht erinnern, jemals von diesem Wort gehört zu haben.

„Not goes - goose. It is a white bird with an orange lip or muzzle.“ Er machte mit seiner Hand meine Schnabelbewegung nach.

„Ah, okay, goose is Gans“, antwortete ich ihm lachend.

„Ganz? What is that?“

„Goose, the white bird with the orange lip, is called Gans in German“, erklärte ich ihm.

„Ganz, ganz, ganz“, sagte er dreimal schnell hintereinander. Er fing an zu lachen. Es hörte sich echt bekloppt an.

„Haha, yes.“ Ich blickte mich lachend um. Den Leuten um uns herum wurde wirklich großes Sprachkino geboten.

„What I wanted to say … I had the whole time Gänse – äh, goose skin during the musical. The whole time.“ Ich strich mit der Hand über meinen Arm, sodass Richie nachvollziehen konnte, was ich meinte. Er verstand zum Glück. „Yes, I understand. I can definetly imagine how you felt, haha.“ Er nickte mir zu. „You can watch the film during the flight if you want. I found it in the film list.“

„The Disney film or the animation?“ Es gab ja mittlerweile zwei Filme. Die Disney-Variante und den ein paar Monate zuvor erschienenen

„… animation film that was published few months ago.“

„Nice.“ Ich scrollte durch die Mediathek und klickte auf das Filmcover. Mit einer Freundin hatte ich seit Wochen in diesen Film gehen wollen, jedoch hatte sich wegen dem ganzen Prüfungs- und Lernstress keine Gelegenheit für einen König-der-Löwen-Kinobesuch ergeben. Ich schickte ihr schnell ein neidisch machendes Foto und lehnte mich mit Kopfhörern auf den Ohren zurück. Die Musik von „Circle of Life“ ertönte zeitgleich mit den startenden Turbinen des Flugzeugs. Elefanten, Zebras und Giraffen tanzten und liefen wild durcheinander, während das Flugzeug schneller und schneller wurde. Die Musik im Film wurde lauter und lauter. Durch die Geschwindigkeit wurde ich wie die anderen Fluggäste in meinen Sitz gepresst, während Mufasa und Sarabi, gerade Eltern geworden, langsam den Hügel bestiegen. Sie blieben hinter Rafiki stehen, der zur Begeisterung der jubelnden Tiermassen Simba zu lauter Musik in die Höhe streckte. Die Musik von „Circle of Life“ droppte. Zu dem Zeitpunkt befanden wir uns wie Simba längst in der Luft.


Einige Stunden später, Simba hatte längst als Nachfolger seines Vaters den Thron im Regen bestiegen, wachte ich erschrocken auf. Alles ruckelte und schaukelte. Wo war ich? Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Ich schaute auf die Erdkugel. Im Flugzeug, stimmt, ja. Ich richtete das Nackenkissen und trank einen großen Schluck aus meiner blauen Wasserflasche. Diese war noch zu drei Vierteln befüllt. Sollte bis zum Morgen locker ausreichen. Ich schaute wieder auf das Display und auf die kleine Plastikflasche vor mir, die auf dem ausklappbaren Tisch von der einen zur anderen Seite rollte. Irgendein Bio-Wein-Plakat klebte darauf. Sie erinnerte mich an das Abendessen um Mitternacht. Es gab Hähnchengeflügel mit Reis, das zusammen mit einer orangefarbenen Currysauce serviert wurde. Zum Nachtisch gab es dann noch ein kleines Stück Kuchen, das ich Richie zu seiner Freude überließ, da ich vom Truthahn noch ziemlich satt war. Richie … Ich schaute zu ihm, ob auch er durch das ganze Flugzeuggewackel geweckt worden war. Aber er schlief tief und fest, zumindest deuteten die Schnarchgeräusche darauf hin, die leise unter der Decke zu hören waren. Er hatte sich die Decke bis über den Kopf gezogen, sodass nur noch seine Beine und Hände zu sehen waren. Was ein Typ, dachte ich mir. Der kriegt doch so keine Luft. Ich tippte auf den Bordcomputer vor mir. Der hatte sich zusammen mit der Kopflehne ein ganzes Stück in meine Richtung orientiert. Wahrscheinlich war der Herr vor mir jetzt auch fertig mit seinem Film. Sein an der Wand lehnender Kopf bestätigte meine Vermutung.

Das Flugzeug flog gerade über Tunesien hinweg. Ich seufzte. Noch immer lagen mehrere Flugstunden nach Johannesburg vor uns. Wenn wir überhaupt ankommen sollten. Das Flugzeug machte einen Hüpfer nach links. Die Wände knackten und knarrten. Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren und nicht panisch zu werden. Eine Frau zwei Reihen vor mir wurde es nämlich gerade. Wieder ruckelte es wild. Eine Windböe hatte das Flugzeug voll erwischt, sodass es kurz absackte, ehe es wieder aufwärtsging. Auf Achterbahn hatte ich jetzt irgendwie gar keine Lust. Auf Loopings schon gar nicht. Ich schob vorsichtig das Abdeckteil vom Fenster ein wenig beiseite und schaute nach draußen. Bis auf Dunkelheit war nichts zu erkennen. Enttäuscht lehnte ich mich wieder zurück. Auf Flugturbulenzen hatte ich mich nicht vorbereitet. Ich war hundemüde und bereute den Wein vom Vorabend, auch wenn es nur ein Viertelliter war. Ich trank eigentlich so gut wie nie Alkohol und ausgerechnet auf einem Zehn-Stunden-Flug musste ich damit anfangen. Ich schaute über den Sitz meines schlafenden Vordermannes zur Toilette. Diese war ungefähr fünfzehn Meter von meinem Platz entfernt. Ein kurzer Hüpfer über Richie, ein schneller Sprint durch den Gang und ein Aufreißen der Toilettentür war bei dem Gewackel und der Truthahn-Chicken-Kombi im Magen ein durchaus realistisches Szenario für die nächsten Minuten. Sofern das Geschaukel nicht aufhören sollte. Ich griff noch mal nach meiner Wasserflasche und nahm einen großen Schluck. Dann wickelte ich mich erneut in meine Swiss-Decke ein und machte es mir bequem. Einige Minuten später und nach einer Durchsage des Piloten, dass wir gerade durch ein tunesisches Wettertief fliegen und es gleich wieder ruhiger in der Luft werden würde, verstummten meine Sorgen, Gedanken und Worst-Case-Szenarien. Sie wurden von einem leisen Schnarchen abgelöst. Diesmal kam es nicht von Richie.

FÜNF ROTE LÖWINNEN
(CHAPTER FOUR)

Mit müden Augen schaute ich verschlafen in den Spiegel der Bordtoilette und beobachtete, wie einzelne Wassertropfen langsam über mein Gesicht kullerten. Ich hatte vielleicht zwei Stunden in der Nacht geschlafen und man sah es mir auch an. Darüber täuschte auch das erfrischende kalte Wasser nicht hinweg, das ich mit mehreren Schüben in mein Gesicht geklatscht hatte. Gefühlt alle paar Minuten wachte ich auf, um dann festzustellen, dass wir immer noch nicht am anderen Ende des afrikanischen Kontinents angekommen waren. Jetzt lag der Flughafen von Johannesburg noch gute dreißig Minuten von uns entfernt. Zeit genug, um sich wie die anderen Passagiere im ein Quadratmeter großen WC frisch zu machen und die letzten Erinnerungen an die Nacht im Gesicht verschwinden zu lassen. Frühstück hatte es bereits gegeben. Ich putzte mir die Zähne und sprühte ein wenig Parfüm auf mein frisches T-Shirt. Das andere hatte ich in der Nacht ordentlich nassgeschwitzt. Ich öffnete die schmale Tür, die ich vor ein paar Minuten kaum geöffnet bekam, und zwängte mich vorbei an der wartenden Toilettenschlange. Zurück in der Sitzreihe drehte sich Richie mit seinen Beinen in den Gang, sodass ich mich an ihm vorbei auf meinen Platz quetschen konnte. Unauffällig stopfte ich dort das müffelnde Shirt in eine leere Seitentasche des Rucksacks. Den Kulturbeutel mit den Zahnputzsachen verstaute ich bewusst woanders. Richie hatte sich wieder hingesetzt und studierte interessiert die Wetteraussichten auf seinem Bordcomputer.

„Weather for today looks good …“ Er hatte sich auf der Toilette bereits eine kurze Hose angezogen und seine Füße mit Flip-Flops dekoriert. Ich dagegen trug immer noch meine lange Jeans.

„How much degrees?“

„27“, antwortete Richie euphorisch. Jetzt bereute ich, dass ich keine kurze Hose im Handgepäck hatte. Schon beim Gedanken an siebenundzwanzig Grad sammelte sich Wasser in meiner Kniekehle. Ich schaute wieder aus dem Fenster und dann sah ich sie: die Sonne. Ihre Strahlen trafen auf mein Gesicht und brachten es zum Lächeln. Zum letzten Mal hatte ich sie vor gut einer Woche gesehen, als ich mit ein paar Freunden in Holland am Meer war. Es tat gut, sie zu sehen und von ihr begrüßt zu werden. Während die Sonne am Himmel immer höher kletterte, verringerte sich unsere Flughöhe mehr und mehr. Autos, Häuser und Straßen tauchten am Boden auf. Kontrolliert leitete der Pilot den Sinkflug ein. Wie auf einer Rolltreppe näherten wir uns immer mehr dem Boden, ehe wir auf der Landebahn aufsetzten und landeten. Ich schüttelte beim Gedanken ungläubig den Kopf. Ich war in Afrika gelandet und hatte den langen Flug problemlos überstanden. Es war kein Traum, in dem ich mich befand. Kein Traum, der durch das nervige Geräusch des Weckers hätte beendet werden können. Ich war wach und näherte mich dem großen Gebäude, auf dem Airport Johannesburg stand. Stolz, den Schritt gemacht zu haben, wartete ich darauf, dass wir unseren Stellplatz erreichten und ich meinen Platz verlassen durfte. Ich konnte kaum erwarten, afrikanischen Boden zu betreten. Die lange Hose war mir dabei jetzt erst mal egal …

„Pardon?“ Das Flugzeug hatte mittlerweile seine Gangway erreicht. Die meisten Passagiere wuselten schon wild durcheinander, zogen ihre Handgepäckstücke aus der Ablage und warteten, bis der Vordermann endlich weiterging. Richie und ich saßen noch auf unseren Plätzen. Wir hatten gerade andere Probleme.

„Pardon?“ Verständigungsprobleme. Richie hatte mich schon wieder nicht verstanden. Ich war gerade dabei, ihm meinen Namen zu buchstabieren, bisher jedoch ohne Erfolg. Immer hörte er einen anderen Buchstaben heraus. Ich versuchte es anders:

„Siegfried, Ida, Leon, Anton, Siegfried, Joachim …“

„Wow, wow, wooow. Bro, that is your Instagram name? So many names?“

„Jesus, no.“ Beim Gedanken an so einen Namen und den dazu von den Behörden auszustellenden Personalausweis musste ich lachen. „I’m only trying to spell my name. Silas - S like Siegfried, I like Ida …“ Richie verstand und tippte den Namen in seinen Notizen auf dem Handy ab.

„Alright, I will add you.“ Er stand auf, stellte sich in den Gang und warf sich seinen Rucksack auf den Rücken. Zusammen trotteten wir mit unseren Rucksäcken hinter den anderen aus dem Flugzeug. Auf dem Gang zu der Passkontrolle verabschiedeten wir uns:

„Enjoy your time in Africa. It was really nice to meet you.“

„I will let you know on insta in my story. All the best for you. Bye Richie.“

„Bye Siles.“ Siles? Hatte er gerade Siles gesagt? Ich musste lachen. Klang irgendwie witzig und lässig - Siles. Entspannt und gut gelaunt schlenderte ich mit meiner Herbstjacke hinter den anderen Fluggästen her über den fliesenbedeckten Flughafengang. Neugierig schaute ich mich um. An den Wänden hingen überall große Bilder und Werbeplakate. Banken, SIM-Kartenanbieter und Safariunternehmen warben mit Tierporträts von den Big Five oder lachenden Kindern für ihre Produkte.

„Get Connected. Explore South Africa.“ Ja, eine Safari würde ich auch gerne mal machen, dachte ich mir, als ich vor einem Nashorn stehenblieb, das mich von der Wand anschaute. Irgendwann mal, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt …

Vor der Passkontrolle bildete sich bereits eine lange Schlange. Nur langsam ging es voran. Die Kontrolleure schienen es nicht eilig zu haben und scannten jeden Ausweis mehr als gründlich. Es dauerte bestimmt fünfundvierzig Minuten, bis ich endlich den ersten afrikanischen Stempel in meinem Reisepass begrüßen durfte. Um ehrlich zu sein, war es auch der erste Stempel im gesamten Pass, schließlich war dieser erst wenige Monate alt und noch nie genutzt worden. Es war zwölf Uhr Ortszeit und ich beschloss, erst mal weiter durch den Flughafen zu laufen. Ich hatte ja keinen Zeitdruck. Der Flug nach Windhoek sollte erst in zweieinhalb Stunden gehen. Vielleicht gab es hier ja ein paar Souvenirläden und Restaurants zu entdecken. War ja auch schon Mittag. Erleichtert stellte ich fest, dass die Restaurants geöffnet waren. Langsam bekam ich auch schon wieder Hunger. Ohne wirkliches Ziel lief ich erst mal den anderen Fluggästen nach und ließ mich in ihrem Sog mit durch die Gänge ziehen. Immer wieder starrte ich beim Laufen auf mein Handy und versuchte, mich mit dem Flughafen-WLAN zu verbinden. Schließlich hatte ich meinen Eltern ja versprochen, mich zu melden, sobald ich in Afrika gelandet war. Doch leider scheiterte es jedes Mal bei der Anmeldung. Nachdem fünften Log-in-Versuch stopfte ich es leicht genervt zurück in die Hosentasche und schaute mich um. Von den anderen Passagieren, die gerade noch eilig vor mir hergelaufen waren, fehlte jede Spur. Ich musste in den letzten Minuten echt schneckenartig unterwegs gewesen sein. Irgendwo würde ich schon gleich rauskommen. Mein Blick fiel auf einen dunkelhäutigen Mann, der sich an eine Säule lehnte. Er trug eine orangefarbene Weste und wie ich eine lange Jeanshose. Er grinste mich freundlich an. Ich grinste zurück und machte mit meiner Hand eine grüßende Bewegung. Wahrscheinlich gehörte er zum Flughafenpersonal und half als Servicekraft umherirrenden Fluggästen, die unter Zeitdruck nach dem nächsten Gate suchten und vor lauter Stress komplett den Überblick verloren. Zum Glück gehörte ich denen in beiderlei Hinsicht nicht an. Der Mann hatte mein Winken gesehen und steuerte mit schnellen Schritten auf mich zu. Bestimmt dachte er, dass ich Hilfe brauchte und ihm deswegen zugewunken hatte.

„Hey, welcome in Johannesburg“, begrüßte er mich und reichte mir seine Hand. Ich schlug dankend ein. „Can I help you, my friend?“ Er dachte wirklich, dass ich Hilfe brauchte.

„No, thank you.“ Das mit dem Flughafen-WLAN würde ich schon irgendwie allein hinkriegen. Und Schilder konnte ich auch lesen. Ich setzte mich mit meinen Sachen wieder in Bewegung. Zu meiner Überraschung lief er neben mir her.

„Where are you from, my friend?“

„Germany.“

„Ahh Deutzland. Hallo, wie gehts?“ Er grinste. „I speak a little bit Deutsch, haha.“

„Your German is good. Nice. Why do you speak German?“ Ich wusste, dass viele Einheimische in Namibia deutsch sprachen, doch Südafrika war mir neu. Ich erfuhr von ihm, dass er sich gerne mit deutschen Touristen am Flughafen unterhielt und mit jeder Begegnung neue Wörter lernte. Ich musste mit meinen Augenringen anscheinend ziemlich deutsch ausgesehen haben. Zumindest hatte er mich direkt als Deutscher erkannt. Ich erzählte ihm, dass meine Familie ursprünglich aus Österreich und den Niederlanden kam in der Hoffnung, dass er vielleicht ein paar Brocken Österreichisch auspackte. Das hätte ich mir witzig vorgestellt. Stattdessen bot er an, mich zur Abflughalle zu begleiten

„What is your gate?“ Ich kramte nach meinem Reisepass, in dem ich die Tickets ja deponiert hatte.

„Boarding time 2 pm from Gate A18.“

„Gate A18, alright.“ Wie aus dem Nichts nahm er mir das Ticket aus den Händen.

„Hey, what are you doing?“

„I will show you the way. Follow me.“ Er beschleunigte seinen Gang. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen und wunderte mich, warum er jetzt so aufs Tempo drückte. Ich hatte doch alle Zeit der Welt und wollte noch gar nicht zum Gate. Doch ich wollte nicht unhöflich sein und sein Angebot ablehnen.

„What is your job here at the airport?“

„Helping airport guests is my job“, antwortete er kurz und knapp. Ach echt? Wir steuerten in der Flughalle einen Check-in-Automaten an. Während er sich am Automaten zu schaffen machte, schaute ich mich in der Gegend um. Überall liefen Menschen durch die Gegend, stöberten in Souvenirläden oder blickten gespannt auf die Abflugzeiten auf der Anzeige. Das ganz normale Chaos am Flughafen halt, so wie ich es schon in Düsseldorf erlebt hatte. Nur der Airport Zürich tanzte da aus der Reihe. Insgesamt zählte ich fünf Mitarbeiter mit orangefarbenen Westen, die die Koffer von Passagieren auf Gepäckwagen durch die Gegend rollten. Mein persönlicher Flughafenmitarbeiter tippte derweil noch immer die Flugdaten am Display ein.

„How many colleagues do you have? I can count only five.“ Ich konnte mich echt glücklich schätzen, dass ich einen abbekommen hatte.

„I do not know. We are all self employed. Ah yes.“ Er hielt ein frischgedrucktes Ticket in den Händen und zerriss das alte. „Hey, my ticket. Why do you do that?“, entgegnete ich erschrocken.

„I made the check-in for you. You are welcome.“ Er grinste freundlich und reichte mir das neue Flugticket. Ich nahm es entgegen und steckte es schnell in meine Hosentasche. Sicher ist sicher. „Thank you, but it was not necessary. I already did the check-in in Germany.“

„You have to do that here as well.“

„But …“

„You are welcome. Follow me. I bring you to the gate, my friend.“ Er ergriff meinen Ärmel und zog mich ein Stückchen hinter sich her an den Automaten vorbei. Überrumpelt folgte ich ihm. Wir gingen ein paar Meter und erreichten ein Schild, auf dem mehrere Gates draufstanden.

„Here we are.“ Er deutete auf das Schild mit Gate A18. Ich schaute ihn überfordert an. Wir standen noch immer in der Abflughalle. Das Schild hätte ich locker auch allein gefunden. „Ähm okay.“ Ich nickte und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. „Thank you for your help. Have a nice …“ „What is with a tip?“, unterbrach er mich. Er drehte sich hektisch zu allen Seiten um, als sei er gerade auf der Flucht. „Tipp?“ Warum wollte er den jetzt einen Tipp von mir haben? Und vor allem für was? Ich schaute ihn fragend an. Erst als er seinen Daumen und Zeigefinger aneinanderrieb verstand ich, worauf er hinauswollte: Trinkgeld.

„Yes, a tip. For the way to the gate and printing out your ticket, äh, for the check-in.“ Wieder schaute er sich ungeduldig nach allen Seiten um. „Ah, you mean tip. Money. Sag das doch gleich!“ Ich setzte meinen Rucksack ab und holte den weißen Umschlag heraus, in dem ich meine bestellten namibischen Dollar aufbewahrte. Die Scheine schimmerten in allen möglichen Farben. Gelb, grün, lila, blau, rot. Auf den meisten Scheinen waren Springböcke zu sehen, auf manchen waren sogar die Körper von Büffeln und Löwen abgedruckt. Das Geld hier hatte echt seinen Charme. Kein Vergleich zu Euro-Noten, auf denen langweilige Brücken oder Frauen mit Hochsteckfrisuren zu sehen sind.

Ich blätterte durch die Löwen und Büffelköpfe. Ich hatte keine Ahnung, wie viel ich ihm geben sollte. Zumal ich auch gar nicht mehr wusste, wie der Umrechnungskurs von Rand zu Euro war.

„How much do you want?“(-> Fehler Nummer 1 an diesem Tag).

„Five hundred!“ Ohne zu überlegen reichte ich ihm fünf rote Löwinnen. Ein wenig überrascht nahm er die hundert Dollarscheine schnell entgegen und steckte sie in seine Westentasche. „Ähh …“ Ich glaube, er hatte sich mental aufs Handeln und Feilschen eingestellt. „Thank you?“

„You are welcome.“ Ich lächelte und steckte den Briefumschlag mit den restlichen Tieren zurück in die Tasche. Ich hoffte, dass ich ihn und seine aufdringliche Freundlichkeit nun endlich los war. Doch er ging nicht.

„I can bring you to security check.“

„No thank you. I just want to go to the store to buy some …“

„Follow me.“ Er ließ ein Nein meinerseits nicht gelten. Zwanzig Meter hinter dem Gate-Schild blieb er stehen. Wir standen jetzt direkt vor der Sicherheitsschleuse.

„Here we are.“

„Yes, here we are. Thank you. Have a nice day. Bye.“

„Hey, hey, hey. My friend.“ Er grinste. „What is with a second tip? For the way to the security check …“

Es folgt Fehler Nummer 2 an diesem Tag, der ein wenig an Fehler Nummer 1 erinnerte:

„How much?“

„300.“ Er streckte seine Hand grinsend aus. Wieder holte ich den Umschlag aus meinem Rucksack hervor. Ich gab ihm zwei grüne Antilopen und einen lila Büffel.

„Here, but that is the last tip today.“ Er nickte, verabschiedete sich und lief davon. Was ein Typ, dachte ich und setzte meinen spürbar leichter gewordenen Rucksack wieder auf. Wenige Meter später legte ich ihn bei der Sicherheitskontrolle behutsam in eine graue Kiste, mit der er dann auf dem Rollbrett durch den Tunnel zum Scannen geschoben wurde. Auf der anderen Seite des Tunnels durfte ich ihn vor dem Aufsetzen noch mal vor den Augen eines Sicherheitswachmannes ausräumen, ehe es dann mit einer voller Cola-Flasche weniger zum Ausreisestempeln ging.

Fassungslos begutachtete ich meinen Pass. Ich saß auf einer Bank und hatte eigentlich perfekte Sicht auf die Landebahn, doch das interessierte mich jetzt nicht. Dieser eine Stempel auf der zweiten Seite im Reisepass ließ mich nicht los. Gute fünfzig Euro hatte er mich gekostet. Fünfzig Euro oder anders ausgedrückt: Fünf rote Löwen, zwei grüne Antilopen und ein lila Büffel. Achthundert Rand - gut ein Drittel meines Geldes war weg. Dreitausend hatte ich insgesamt mitgenommen. Jetzt waren es nur 2200, und das nach einem Tag. Wie sollte das nur weitergehen? Mit angesäuertem Blick wuschelte ich mit der Hand durch meine Haare in der Hoffnung, eine Erklärung zu finden. Ich war richtig sauer und angepisst. Sauer auf mich selbst, weil ich so naiv war. Wie konnte ich bitte nur so dumm und naiv gewesen sein? Wie konnte ich mich nur so abziehen lassen? Wie? Wie ich es auch drehte und wendete, es ließ sich jetzt nicht mehr rückgängig machen. Kopfschüttelnd verstaute ich den Pass mit dem teuren Stempel-Souvenir wieder in meinem Rucksack und widmete mich meinem Handy. Ich konnte den Pass nicht mehr sehen. Zumindest funktionierte jetzt das Flughafen-WLAN. Wenigstens eine Sache im Vergleich zu meinem gesunden Menschenverstand. Ich ging auf WhatsApp in die Familiengruppe und las die Nachrichten, die ich seit Zürich zugeschickt bekommen hatte.

„Schlaf schön und melde dich morgen, wenn du gelandet bist. Gute Nacht. :*“ (Mama, um 22:30 Uhr).

„Guten Morgen. Hast du schlafen können? Wie war der Flug? Deine neugierige Mutter, hihi. ;D“ (Mama, um 11 Uhr).

„Hey Silas, bist du schon gelandet? Papa.“ Ich starrte auf den Chatverlauf und überlegte, was ich ihnen schreiben sollte. Sie sollten sich bloß keine Sorgen machen und nicht wissen, dass ich gerade abgezogen worden war. Ich beschloss, ihnen die Geschichte mit dem selbstständigen Flughafentypen erst zu erzählen, wenn ich zurück in Deutschland war. Wenn es dazu überhaupt kommen sollte. Wenn mich schon ein einfacher Mitarbeiter am Flughafen übers Ohr haut, was macht dann erst ein echter Löwe oder Gepard mit mir auf der Farm? Während ich leicht verunsichert war und mein Selbstbewusstsein im Keller suchte, deutete meine Nachricht auf das komplette Gegenteil hin:

„Bin gerade gelandet. Mir geht es super. Alles läuft bisher nach Plan. Außer kurzen Turbulenzen über Tunesien keine Vorfälle. Gehe jetzt was essen und melde mich, wenn ich in Windhoek gelandet bin.“ Ein grinsender, fröhlicher Smiley fehlte in der Nachricht. Was sollte ich auch anders schreiben, um meine Eltern nicht zu beunruhigen?

Fröhlich und mit einem breiten Grinsen schaute ich zwei Stunden später aus dem Fenster. Die vielen Wolkenberge hatten meinen Ärger über die 800 Rand vergessen lassen. Große weiße Wolken, die sich zusammengeschlossen hatten und regungslos am Himmel schwebten. Jede Wolke warf einen dunklen Schatten in die sonnige Landschaft. Ein Phänomen, das ich zum ersten Mal in meinem Leben beobachten konnte. Damals nach Hamburg war es bewölkt und dunkel gewesen. Fasziniert knipste ich von dem Wolkentreiben ein paar Bilder. Alles sah so herrlich aus. Das strahlende Weiß der Wolken, der tiefblaue Himmel und die afrikanische Savanne darunter, die von lauter Bäumen und Büschen übersät war. Nur das Geräusch der Turbinen erinnerte einen daran, dass man sich gerade in einem Flugzeug befand und kein Vogel war.


„Sir, do you want to eat or drink something?“ Der Essenswagen war mittlerweile in unserer Sitzreihe angekommen. Es gab irgendein Fleischgericht, dazu Kartoffeln und Gemüse. „Sir?“ Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass der Mann von South African Airlines mit mir sprach. Gedankenverloren hatte ich seit dem Start die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut.

„Just a water for me. Thank you.“ Dankend nahm ich die kleine Wasserflasche entgegen. Obwohl ich vor gut einer Stunde noch eine ganze Kanne Rooibostee getrunken hatte, hatte ich jetzt schon wieder einen Höllendurst. Der Geschmack vom Mittagessen lag noch immer auf der Zunge. Zusammen mit frischen Strauchtomaten, sämtlichen Kräutern und Knoblauchöl wurden mir leckere Spaghetti im Restaurant serviert. Sie schmeckten herrlich. Noch nie hatte ich in Afrika so gute Pasta gegessen. Selbstverständlich gab ich der Kellnerin Trinkgeld. Diesmal hatte der Tip eine Null weniger. Zufrieden und noch immer gut gesättigt schaute ich zu meiner Sitznachbarin, die sich gerade ein großes Stück Fleisch mit Soße auf die Gabel schob. Sie war recht stämmig und gut gebaut und trug ein großes Kleid mit verschiedenen Mustern und Symbolen drauf. Ein bisschen sah sie wie ein Pfau aus, zumindest präsentierte sie so voller Stolz ihr Gewand.

„Enjoy your meal.“ Ich lächelte ihr zu. Freundlich lächelte sie mit vollen Hamsterbacken zurück. Sie hatte sich für den Gockel mit Reis entschieden und es schien ihr gut zu schmecken.

„No, no thank you, I do not want.“ Sie hatte ihren Teller in meine Richtung geschoben, doch ich lehnte dankend ihr Angebot zum Probieren ab. „I am full, haha. I had pasta at the airport.“ Sie nickte und widmete sich wieder ihrem Teller. Vor dem Start hatten wir uns ein wenig über meine Reise und das Thema Religion unterhalten. Mary arbeitete für die evangelische Kirche und war auf dem Heimweg nach Windhoek. Sie hatte erzählt, dass sie für die Kirche durch die ganze Welt flog, um Gottesdiente abzuhalten und mitzugestalten. Sogar in Wuppertal sei sie schon mal gewesen und mit dem „flying train“ gefahren. Mit ihrer Frage, ob ich religiös sei, hatte sie mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich wusste es nicht so richtig. Ich ging zwar immer Heiligabend mit meiner Familie in die Kirche, doch als wirklich religiös würde ich mich nicht bezeichnen. Zumindest hat mein Glaube nichts mit Religion oder irgendeiner Ideologie zu tun. Meiner Meinung nach ist Religion ein sehr missbrauchtes Wort, dass mehr spaltet als vereint. Es gibt eine Unterteilung in Christen, Juden oder beispielsweise Muslime, jedoch heißt es in jeder Religion „Wir und die anderen.“ Ich finde es gut und schön, wenn Menschen Kraft, Halt oder eine Aufgabe in ihrer Religion/in ihrem Glauben finden, jedoch sehe ich auch eine Gefahr, wenn man sich selbst zu sehr mit der eigenen Religion und deren Auslegung identifiziert. Siehe Glaubenskriege auf der Welt. Dementsprechend war auch meine Antwort auf ihre Frage etwas differenziert:

„I believe, but not in a religious way. I believe in life and I would describe myself as a spiritual person. For me life is energy. Belief is an energy. You are energy. Yes, I am Christian, and I go to church on Christmas, but I am not religious. I am a believer, but not a religious believer. I believe in god, but god is for me life, you know.“ Sie verstand was ich meinte und freute sich über meine Antwort. Für sie war Glaube auch Energie, die Menschen, speziell vielen Menschen in Afrika, Kraft und Hoffnung spendete. Sie fand es schade und traurig, wenn Menschen im Namen ihrer Religion Kriege führten. Für sie hatte das nichts mit Religion zu tun. Glaube sei Liebe und verbinde Menschen, anstatt zu töten, meinte sie.


„Love what you do, my friend“ Sie machte eine kurze Pause und lächelte. „ Be grateful for what life or God has given you. Love your life and love yourself. You are love, life is love.“


Die Klimaanlage in Georgs Auto fühlte sich an wie ein heißer Föhn. Ich glaube, dass es ihm Spaß machte, mir die ganze Zeit heiße Luft ins Gesicht zu pusten. Die letzte Inspektion des Wagens musste schon Jahre zurückgelegen haben. Dank dieser Tatsache floss mir das Wasser wie ein reißender Bach die Schläfe hinunter, um von da auf meine Jeans zu tropfen. Die Jeans. Ich konnte den Moment kaum erwarten, wo ich sie mir von den Beinen reißen, gegen irgendeine Wand feuern und dann wild auf ihr herumtrampeln würde. Sie klebte wie ein Taucheranzug an meinem Körper. Mit jeder Hitzewelle entwickelte ich immer mehr Hass auf sie. Sie fühlte sich so eklig und falsch an meinem Körper an. Ich schwor mir, sie in den nächsten vier Wochen regelrecht zu ignorieren und sie keines Blickes zu würdigen. Was ich nicht ignorieren konnte, war die Temperaturanzeige im Auto. Sie zeigte 28 Grad an, doch das kaufte ich ihr nicht ab. Es waren bestimmt vierzig. Die Nachmittagshitze brannte ohne Pausen auf das Autodach herab und es machte nicht den Anschein, dass sie damit in den nächsten Minuten aufhören würde. Am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, die für einen kurzen Moment hätte Schatten spenden können. Seit gut zwanzig Minuten fuhren wir vorbei an ausgetrockneten und verbrannten Wiesen, auf denen ab und zu abgemagerte Rinder in der prallen Sonne standen und uns hinterherschauten. Georg war Mitarbeiter der Unterkunft, die für die nächste Nacht mein Schlafplatz und Zuhause sein sollte. Mitten in Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Er hatte mich am Hosea Kutako International Airport abgeholt. Dieser lag mitten in der Pampa. Mit einem Schild, auf dem in Sauklaue mein Name stand, hatte er auf sich aufmerksam gemacht und mir zugewunken. Wie seine Schrift war auch sein englischer Akzent. Sein Nuscheln war kaum zu verstehen. Manchmal wusste ich gar nicht, wovon er gerade sprach und was er meinte. So lachte ich dann, wenn er auch lachte, oder nickte einfach nur, wenn ich es für richtig und angebracht hielt. Manchmal redeten wir auch gar nicht und starrten nach vorne auf die asphaltierte Straße, die uns über kleine Hügel und ausgetrocknete Flüsse führte. Oft erschrak ich, wenn ein Auto am Horizont aus der verschwommen Bodenhitze auftauchte und auf uns zufuhr. Nicht selten sah ich schon von Weitem eine Kollision kommen und meine Reise mit einem lauten Knall enden. Erst als wir dann links am entgegenkommenden Auto vorbeifuhren, erinnerte ich mich daran, dass in Namibia ja Linksverkehr herrschte. Der gute, alte Linksverkehr. Neben der unausstehlichen Hitze war der Linksverkehr wirklich die größte Umstellung für mich bisher. Auf dem Parkplatz wollte ich schon rechts ins Auto einsteigen und wunderte mich, als ich plötzlich ein Lenkrad am Beifahrersitz entdeckte. Georg staunte nicht schlecht, als er nach dem Verstauen meines Gepäcks im Kofferraum plötzlich jemandem auf seinem Fahrerplatz sitzen sah.

„Do you want to drive?“, sagte er lachend in meine Richtung und wartete geduldig, bis ich die Situation verstand und den Platz mit ihm tauschte.

Rums. Wieder ein Lkw, der mit vollem Tempo an uns vorbeirauschte und eine große Sandwolke aufwirbelte. Ich hatte ihn so schnell gar nicht kommen sehen.

„It‘s so dry.“ Georg betätigte den Scheibenwischer, um die vielen aufgewirbelten Sandkörner von der Frontscheibe zu entfernen.

„We had rain five weeks ago. This year is very dry.“ Er lachte. Die Scheibenwischer funktionierten nicht. Nach der defekten Klimaanlage wunderte mich das nicht.

„Five weeks“, entgegnete ich ihm ungläubig. Der Lkw und die Staubwolke wurden im Rückspiegel immer kleiner. „Why do I need a rain-jacket?“ Ich dachte an meine Sieben-Euro-Regenjacke von Decathlon, die ich auf den letzten Drücker noch gekauft hatte. Bis vor drei Tagen war ich noch davon ausgegangen, dass ich eine Jacke besaß, ehe ich beim Kofferpacken eines Besseren belehrt wurde. Ich fragte mich echt, warum sie mit auf der Packliste stand.

„It does not often rain here. Especially in Windhoek or in this area“, erklärte mir Georg, während er einen langsameren Transporter auf der Spur überholte. „But it is rain season in Namibia. Sounds strange, but it is true. I think you will experience a lot of rain when you live on the farm or you go to Etosha.“

„Seriously?“ Beim Blick auf den wolkenlosen Himmel klangen seine Worte wirklich strange. Ich hatte zwar keine Ahnung, was er mit Etosha meinte, konnte mir aber nur schwer vorstellen, dass es in den nächsten Wochen irgendwo mal ein Regentröpfchen geben sollte.

„Difficult to imagine. In Germany we have a lot of rain. Especially in Wuppertal.“

„Wuppertal. What is that?“ Ich erzählte ihm von der Schwebebahn und meiner Heimat. Zu meiner Überraschung gab es zwischen Windhoek und meiner Heimatstadt viele Gemeinsamkeiten. Windhoek war vom Profil ähnlich hügelig. Es ging rauf und runter. Viele Häuser waren in den Berg gebaut, ähnlich wie zu Hause im Bergischen Land. Neugierig schaute ich aus dem Fenster und beobachtete das bunte Treiben auf den Straßen. Es war viel los in Windhoek. Die meisten Menschen hatten jetzt wahrscheinlich Feierabend und machten sich auf zu ihren Wohnungen und Familien. Ich erinnerte mich an die Worte meines Nachbarn, der mir von den vielen deutschsprachigen Straßennamen erzählt hatte. Es war unglaublich: Auf jedem zweiten Straßenschild war ein deutscher Name zu lesen: Bismarckstraße, Gartenstraße oder Schusterstraße, um nur wenige zu nennen. Auch die vielen deutsch benannten Schulen und Universitäten erinnerten an die deutsche Kolonialzeit vor hunderten Jahren. Alles wirkte sehr deutsch, bis auf die brüllende Hitze vielleicht. Erleichtert stieg ich vor einem quietschgelben Haus aus Georgs aufgewärmtem Auto. Per Knopfdruck öffnete er das grüne Einfahrtstor und begrüßte im Vorbeigehen einen neugierigen Papagei, der uns in seinem grünen Federkleid und mit lautem Gekreische hallo sagte. An der Rezeption stellte mir Georg seinen Sohn vor. Dieser war wie sein Vater braungebrannt, sprach zum Glück aber besser Englisch als er. Ich füllte einen Zettel mit meinen Daten aus und bezahlte meine Übernachtung mit Kreditkarte.

Mein Zimmer lag in der ersten Etage. Georgs Sohn half mir beim Tragen des Koffers und wünschte mir einen schönen Aufenthalt und viel Spaß auf der Farm, ehe er sich zum Rugby-Training verabschiedete. Jetzt wusste ich auch, warum er meinen schweren Koffer mühelos mit einer Hand die schmale Treppe hatte hochtragen können. Er hatte Pranken wie ein Bär, Waden wie die eines ausgewachsenen Stieres und Muskeln an Stellen, an denen ich noch nicht mal Stellen hatte. Ich wollte gar nicht wissen, welche Gewichte er beim Bankdrücken stemmte. Auch wenn meine Oberschenkel von der Größe her zusammen einen seiner Oberschenkel ausmachten, tat ich mir schwer, sie aus der nassgeschwitzten Jeans zu bekommen. Ich hüpfte fast eine halbe Minute auf meinem rechten Bein durchs Zimmer, ehe ich mein linkes befreien konnte. Schnell hopste ich ins Badezimmer in der Hoffnung auf eine erfrischende kalte Dusche. Auch wenn das lauwarme, nach Chlor riechende Wasser aus dem Duschkopf nicht ganz meine Erwartungen erfüllen konnte, fühlte ich mich danach wie neugeboren. Erfrischt und gut gelaunt legte ich mich in kurzen Shorts aufs Bett, streckte alle Beine und Arme von mir und atmete einmal durch.

21 Stunden, nachdem ich zum ersten Mal die Stimme von Franz Huber gehört hatte, war ich endlich da. 21 aufregende und intensive Stunden voller neuen Erfahrungen. Viele neue Menschen hatte ich bereits kennenlernen dürfen. Viele Sachen und Dinge sehen und erleben können. Ich setzte mich in den Schneidersitz und tippte eine Nachricht für zu Hause ab: „Bin jetzt in der Unterkunft und gehe gleich noch Pizza essen. Melde mich morgen.“

Ich legte das Handy auf den Nachttisch und stöpselte es, verbunden mit dem Aufladekabel, in die Steckdose dahinter. Die Batterie am Bildschirm leuchtete grün auf. Ich schnappte meine Wasserflasche, zog meine Flip-Flops an und die Zimmertür hinter mir zu. Mit Sonnenmilch und Brille bewaffnet ging ich nach draußen zur Treppe und setzte mich auf die oberste Stufe. Dort beobachte ich in aller Ruhe, wie die Sonne mit ihren warmen Strahlen hinter den Hügeln Windhoeks verschwand und den Abend einläutete.

EXPECT THE UNEXPECTED
(CHAPTER FIVE)

„Ich meine schon“, antwortete mir Marlene auf meine Frage, ob der Shuttlebus zur Farm nicht schon um 9 Uhr kommen sollte. „Bissl spät, der Gute.“ Sie lachte und richtete ihre Brille. Ihr Wiener Dialekt war unüberhörbar. Georg hatte mir am Vortag auf der Autofahrt vom Flughafen schon von ihr erzählt. Sie sollte wie ich die nächsten vier Wochen am „Go Wildlife“-Projekt teilnehmen und mitten im Busch auf einer Farm leben. Sie war einige Stunden vor mir in Windhoek gelandet und in der Unterkunft eingecheckt. Unsere erste Begegnung war am Vorabend ein wenig holprig verlaufen. Nach dem Sonnenuntergang war ich an ihrem Zimmer vorbeigegangen und hatte an ihre Tür geklopft. Mit verschlafenen Augen öffnete sie mir und wusste erst gar nicht, was los war. Erst als ich meinen „Hello Roomservice“-Spruch beim Klopfen als Joke enttarnte, verstand sie, dass ich kein Mitarbeiter der Unterkunft war. Gemeinsam mit ihr und unseren Koffern saß ich jetzt auf der Veranda auf einer Bank und beobachtete den Papagei, wie er immer wieder einen Fuß durch den Käfig streckte und „Hallo“ sagte. Langsam bekam ich ernste Zweifel, dass wir heute noch abgeholt würden. Es war mittlerweile elf Uhr, und immer noch war vor dem grünen elektronischen Tor weit und breit kein Bus in Sicht.

„Where is the bus?“ Georg streckte seinen Kopf aus der Tür und wunderte sich, dass wir immer noch dasaßen. Wir hatten uns eigentlich schon vor zwei Stunden von ihm verabschiedet. Wir beide zuckten mit den Schultern.

„We do not know …“, sagte Marlene in seine Richtung.

Georg erzählte, dass zwei Stunden Warten auf den Shuttle keine Seltenheit sei. Oft musste der Fahrer mehrere Unterkünfte abklappern, um alle Volontäre einsammeln zu können. Da muss er ja dieses Mal viele einsammeln, dachte ich mir.

„Ich bin schon richtig gespannt auf die anderen Volontäre“, sagte Marlene. „Vor allem, woher die alle so kommen.“

„Ich bin auch gespannt, mit wem man so aufs Zimmer kommt.“ In der Vorbereitungsmail hatte ich bereits gelesen, dass maximal vier Personen in einer Unterkunft zusammenleben würden. Getrennt nach Jungen und Mädchen natürlich. „Und auf das Essen bin ich vielleicht gespannt. Ich hoffe, dass wir rechtzeitig zum Mittagessen auf der Farm ankommen. Ich könnte schon wieder was essen.“

„Ernsthaft?“ Marlene schaute ungläubig durch ihre großen Brillengläser. „Wir haben doch vorhin erst gefrühstückt. Hattest du nicht vier Toasts mit Spiegelei und Schinken gegessen?“ Sie lachte.

„Erstens waren es sechs und zweitens: Was verstehst du bitte unter vorhin? Vorhin ist drei Stunden her haha.“ Ich durchwühlte meine Tasche und holte einen Schokoriegel hervor. Mit diesem und mehreren Wasserflaschen hatte ich mich gestern Abend noch eingedeckt, als ich mit Georg zu einem Supermarkt fuhr. Er hatte mir angeboten, mich zu einer Pizzeria zu bringen, da es in der Unterkunft nur Frühstück gab. Zum Dank spendierte ich ihm zwei Dosen Bier, über die er sich sehr freute. Während sich die abendliche Fahrt für ihn mehr als gelohnt hatte - eine Dose trank er noch auf der Rückfahrt vom Supermarkt zur Unterkunft leer -, war meine Freude über die Pizza eher relativ. Ich hatte noch nie so viele Oliven auf einer Pizza gesehen. Ich hasste Oliven und war dementsprechend zurück auf meinem Zimmer mehr mit Olivenrauspicken als mit Essen beschäftigt. Satt wurde ich trotzdem.

Ein Hupen ertönte, gefolgt von einem weißen Bus, der vor dem Einfahrtstor hielt. Mehr enttäuscht als glücklich steckte ich den Riegel wieder in meine Tasche. Ich hatte mich schon auf ihn gefreut. Marlene und ich verabschiedeten uns von Georg und liefen mit unserem Gepäck dem Bus entgegen. Hinter dem Bus war ein kleiner Anhänger eingespannt, auf dem der Fahrer schon wartete. Er begrüßte uns und nahm uns die Koffer ab.

„What about this?“, fragte ich ihn und zeigte auf meinen Rucksack am Rücken. Ich war mir nicht sicher, ob im Bus für ihn Platz war. „You can put the bag under your seat.“ Zufrieden mit der Antwort folgte ich Marlene mit dem Rucksack in der Hand und kletterte die schmale Treppe ins Businnere hoch. Zu unserer Überraschung war der Bus komplett leer. Keine zwanzig Volontäre, die zwei Stunden Verspätung hätte begründen können. Komisch.

„Komm, wir gehen nach hinten. Da ist noch alles frei.“ Wir zwängten uns mit unserem Handgepäck durch den schmalen Gang in den hinteren Teil des Busses.

„Whaaats up, guys?“ Erschrocken schaute ich in die letzte Reihe. Der Bus war doch nicht leer. Ganz hinten links saß ein Junge, der neugierig seinen Kopf über die Kopflehne des vorderen Sitzplatzes streckte. Das glaub ich nicht. Das kann nicht wahr sein. Sofort schoss mir ein Name durch den Kopf: Harry Potter. Bis auf die fehlende Narbe auf der Stirn sah er aus wie Harry. Kurzes schwarzes Haar, Nerdbrille und englischsprachig. Er grinste uns schief an. Marlene und ich reichten ihm die Hand zur Begrüßung. „Hi, I am Marlene.“ „Nice to meet you.“ „Nice to meet you, too. My name is Silas. What is your name?“ Gespannt schaute ich ihn an. Wenn sein Name jetzt mit „H“ beginnen sollte …

„I äääääm McKäääänzie“, sagte er langsam. Er hörte sich stark nach einem Amerikaner an. Zumindest deutete sein Englisch darauf hin. Jedes „a“ hörte sich wie ein lang gezogenes „ä“ an. „Nice to meet you McHänsi. Right?“ „No, McKääääänzie …“

Ich schaute fragend zu Marlene. „Hast du seinen Namen verstanden?“ Sie schüttelte den Kopf. „Mmh. Where do you come from McK äh …“ „McKäääänzie. I am McKääääänzie.“ „Äh yes.“ Ich grinste und tat so, als ob ich seinen Namen jetzt verstanden hatte. „Where are you from?“

„I ääääm McKääääänzie from the United States of Ääääämerica. I live in Määäässääächusetts.“

„Ah nice“ Ich streckte ihm den Daumen entgegen. Während Marlene in der letzten Reihe zwei Plätze neben McKenzie Platz nahm, setzte ich mich eine Reihe davor auf einen Einzelplatz. McKenzie war jetzt richtig in Redelaune. Er erzählte uns, dass er bereits zum fünften Mal in Namibia war. Er hatte sich in die Farm und die Tiere verliebt und genoss jeden seiner Aufenthalte. Diesmal wollte er insgesamt für zweieinhalb Monate bleiben. Der Bus setzte sich in Bewegung. Neugierig schaute ich mich im leeren Bus um. Die Sitze waren völlig verstaubt. Man musste nur seine Hand sanft auf den Stoff legen, um den feinen Staub zum Tanzen zu bringen. Schnell öffnete ich das Fenster, um ein wenig Fahrtwind ins Innere zu lassen. Ich vermutete, dass der Bus über keine intakte Klimaanlage verfügte. Egal. Zumindest hatte meine Hose heute die richtige Länge. Wir entfernten uns von dem gelben Gebäude und fuhren durch kleinere Nebenstraßen. Zur Hauptstraße hin wurde es immer lauter. Autos und Taxis hupten regelrecht um die Wette, während Kinder auf den Schulhöfen miteinander spielten und wild durcheinanderschrien. Sie trugen beige Uniformen und winkten uns beim Vorbeifahren neugierig zu. Unser Fahrer erzählte uns, dass wir gleich noch eine weitere Teilnehmerin am Flughafen abholen würden. Davor müsse er aber am Bahnhof noch zwei Mitarbeiter der Farm einsammeln. Eine Sache von wenigen Minuten - nicht zeitaufwendig. Sechzig wenige Minuten später fuhren wir vom Bahnhofsgelände wieder ab. Meine Uhr zeigte 12:25 an und ich freundete mich langsam mit dem Gedanken ab, dass wir es nicht mehr rechtzeitig bis zum Mittagessen schaffen würden. Vom Flughafen brauchte man in der Regel drei Stunden bis zur Farm, und der war noch lange nicht in Sicht. Es musste 1 Uhr gewesen sein, als unser Fahrer aus seiner Fahrerkabine stieg und sich mit Pappschild Richtung Ankunftshalle auf den Weg machte. Sein Schlendern verriet, dass er es nicht sonderlich eilig hatte. Zehn Minuten später tauchte er mit einem schwarz gekleideten Mädchen wieder auf. Gespannt beobachteten wir vom Bus aus, wie sich die beiden uns näherten.

„Richtiger Gentleman“, stellte Marlene fest und rückte ihre Brille zurecht.

„Wie meinst du?“

„Ja, schau doch moal. Er trägt nur das Pappschild und läuft vor dem Madl einige Meter her, während die sich dahinter mit ihrem großen Koffer abkämpft. Die Arme muss ihren schweren Koffer selber ziehen und er hat die Hand in der Hosentasche.“ Wirklich ein wahrer Gentleman …

„Hello guys. Puuh.“ Erschöpft und abgekämpft setzte sich das Mädchen auf einen Sitz. Ihre grüßende Handbewegung war alles andere als von Elan geprägt. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen, die durch ihren schwarzen Eyeliner noch mal verstärkt wurden. Ihr rotes Haar hatte sie sporadisch zu einem Dutt gebunden. Einzelne Haare standen wild zu Berge. Ich vermutete, dass sie auf dem Flug wie ich nach Johannesburg nicht so viel schlafen konnte. Sie wirkte gereizt und desinteressiert und schien nicht wirklich in Plauderlaune zu sein. So traf es sich gut, dass Menschenkenner McKenzie gleich den Dialog mit ihr suchte.

„Whääääts up.“ Er beugte sich neugierig nach vorne in den Gang. „I äääm McKäääänzie from the United Stätes of Ääämääääricää. I live in Määässääächusetts. Who are you?“

„Ich äh, me?“ Überrascht von McKennzies plötzlich vorgetragenem Lebenslauf schaute sie ihn an. „My name is Jessica or Jessi. I come from Züri.“

“Nice” Zufrieden lehnte sich McKenzie wieder zurück.

„Ah, aus der Schweiz. Das Alpentrio ist jetzt vollständig.“ Wieder bildeten sich in Jessicas Blick kleine Fragezeichen. „Marlene kommt aus Österreich und ich aus Deutschland. Servus Jessica.“ Ich grinste sie an. „Wir haben gewettet, dass du aus der Schweiz kommst.“

„Ahh, versteh. Und wie heißt er? Ich konnte seinen Namen nicht verstehen.“ Sie deutete mit ihren Augen in McKenzies Richtung, der mittlerweile wieder verträumt aus dem Fenster schaute. Dies hatte er auf der Fahrt zum Flughafen schon die ganze Zeit getan.

„Das wissen wir noch nicht hundertprozentig“, gab ich grinsend zu. „Vielleicht gibt es nachher eine Teilnehmerliste, auf der wir seinen Namen rausfinden können.“

„Ich hoffe es. Hoffentlich kommen wir schnell an. Bei den Temperaturen gehe ich in meiner Hose noch ein.“ Sie zupfte an ihrem schwarzen T-Shirt, sodass die vielen silbernen Armreife an ihrem Handgelenk klimperten. Erst jetzt fielen mir ihre ganzen Tattoos auf, die unter dem Schmuck ihre Arme zierten.

„Wieso hast dich nicht umgezogen?“, fragte Marlene sie. Ich schaute auf Jessis lange schwarze Hose, die an einigen Stellen Löcher hatte. Darunter trug sie eine schwarze Netzstrumpfhose. Auch wenn ich noch nie in meinem Leben eine schwarze Netzstrumpfhose getragen hatte, konnte ich bei ihrem langbeinigen Outfit gut nachempfinden, wie sie sich bei der Hitze fühlen musste. Meine Jeans war im Koffer vermutlich immer noch von der Fahrt gestern am Trocknen.

„Mein Flug war aus Dubai schon verspätet losgegangen und mir wurde gesagt, dass ich nach der Landung direkt abgeholt würde. Hätte ich gewusst, dass der Heini da vorne mir erst zwei Stunden später entgegenkommt, dann hätte ich mich umgezogen, anstatt die ganze Zeit zu warten. Ich wollte ihn nicht verpassen. Zumal ich ja selber schon zu spät gelandet war.“

„Ja wir mussten auch schon zwei Stunden auf ihn warten“, berichtete Marlene von unserem Warten in der Unterkunft.

„Plus eine Stunde warten am Bahnhof “, ergänzte ich sie. „Also bei drei Stunden Wartezeit sind wir auch schon.“ Drei Stunden - Wahnsinn. Ans Mittagessen auf der Farm dachte ich schon lange nicht mehr. Ich beschloss, heute nichts mehr zu planen und einfach alles auf mich zukommen zu lassen. Auf dem Bus stand nicht umsonst der Slogan der Farm geschrieben:

Expect the unexpected.

„Stimmt, du hast recht. Also Jessi, du bist nicht die Erste, die heute auf den Bus warten musste. Vielleicht beruhigt dich das ein wenig.“ Marlene lächelte.

„Na ja, solange wir schnell ankommen und ich meine Hose wechseln kann, ist alles gut.“ Der Fahrer startete den Motor. Er schien Jessis Appell mitbekommen zu haben. Langsam fuhren wir mit dem Bus vom Flughafengelände. Während sich ein Flugzeug im Landeanflug über unseren Köpfen seinem Ziel näherte, sollte unser nächster Halt auf dem Weg zur Farm erst in anderthalb Stunden in Gobabis stattfinden.

Endlich angekommen im Zentrum von Gobabis, hielt der Bus mit quietschenden Bremsen neben der asphaltierten Straße. Von Windhoek nach Gobabis hatte es ungefähr drei Kurven und Kreuzungen gegeben. Die ganze Zeit ging es mitten durch die Steppe geradeaus. Alle paar Kilometer sah man zwar mal ein paar Rinder, die Schatten unter Bäumen suchten und in der Nähe von Farmen lebten, jedoch bekamen wir auf der Fahrt nicht einen Menschen zu Gesicht. Hier in Gobabis änderte sich das Bild. Rinder gab es hier zwar auch und nicht gerade wenig. Sie standen eingezäunt hinter Gattern oder ließen sich in der Hitze den Wind vom Anhänger aus um die Nase wehen. Doch anders als in der Prärie lebten hier auch Menschen. Viele Menschen. Kinder spielten neben der Straße mit Flaschen und Konservendosen, Frauen trugen Wasserkanister auf ihren Köpfen durch die Gegend oder kochten am Straßenrand auf offenem Feuer. Es gab ganze Siedlungen von Blechhütten, die notdürftig zusammengeschustert waren. Anstelle von Türen und Fenster hingen Tücher und Decken vor den Eingängen, oftmals mit mehreren Löchern. Mit skeptischen Blicken beäugten uns die Einheimischen, als wir an ihnen vorbeifuhren. Wir mussten im ärmeren Teil von Gobabis gelandet sein. Häuser gab es hier auch, jedoch waren die für Geschäfte, Imbisse und Supermärkte reserviert. Wir standen direkt vor einer großen Kreuzung. Ampeln gab es keine. Direkt gegenüber von uns lag eine große Tankstelle, vor der große Geländewagen parkten. Das bunte Treiben hinter der Kreuzung deutete auf eine Einkaufsmeile hin. Ich entdeckte einen kleinen Spar zwischen zwei Boutiquen. Bisher dachte ich, dass es diesen nur in Österreich gäbe. Ich hoffte, dass der Spar ähnliche Snacks wie am Wörthersee führte. Es war mittlerweile weit nach Mittag und gute sechs Stunden her, dass ich etwas gegessen hatte. Auch Marlenes Augen leuchteten, als sie das Spar-Zeichen auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte. Wir weckten McKenzie, der die ganze Zeit mit der Stirn gegen den Haltegriff des Vorderplatzes gelehnt haben musste und jetzt einen roten Abdruck über seiner Brille trug, und stiegen aus dem Bus. Die beiden Mitarbeiter taten es uns gleich und stiegen mit aus. Nur der Fahrer blieb sitzen und kurbelte wie ein Bekloppter seine Fensterscheibe runter.

„I am back in thirty minutes. So, you have time to buy some staff in the supermarket.“ Er zeigte mit dem Finger auf den Spar, den wir ja schon entdeckt hatten. „I have to take care some things. Thirty minutes. See you“ Ohne genauer darauf einzugehen, kurbelte er die Scheibe wieder hoch, setzte den Blinker und fuhr davon. Die Staubwolke hatte sich noch nicht richtig gelegt, da war er schon hinter der Kreuzung verschwunden und nicht mehr zu sehen. Wir wechselten die Straßenseite und liefen, verfolgt von mehreren Blicken, zum Spar. Er war klimatisiert. Die Freude stand uns bei der trockenen Hitze förmlich ins Gesicht geschrieben. Die erste funktionierende Klimaanlage in Afrika, dachte ich mir und schnappte mir am belüfteten Eingang einen Einkaufskorb. Mit knurrenden Mägen liefen wir durch die Gänge. Jessi suchte direkt die Getränkeabteilung auf, während Marlene und ich umgehend zum Bäcker liefen.

„Wo ist McKenzie?“, fragte Marlene, als wir gemeinsam auf die Frau hinter der Theke warteten, die gerade noch einen anderen Kunden bediente. Ich zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Der hat am Eingang irgendwas von peanut butter genuschelt und ist dann mit seinem Korb abgebogen.“ Die Kundin neben uns bestellte noch ein paar Steaks, die direkt neben der Brottheke angeboten wurden. Richtig appetitlich sah anders aus. Die Steaks schwammen in einer roten Brühe, die ein wenig an Blut erinnerte. Ganz anders die Käsebrötchen. Goldbraun überbacken grinsten sie mich in der Vitrine an.

„Nimm mich, nimm mich!“

„Ich glaube, ich nehme zwei Käsebrötchen. Weißt du, ob Jessi auch was wollte?“

„Sie wollte eigentlich nur Zigaretten und einen Energydrink kaufen. Wir können ihr ja ein Käsebrötchen mitbringen. Ich nehme auch zwei. Frage ist, ob wir für McKenzie was mitbestellen sollen.“ Ich drehte mich um und sah McKenzie, der gerade in die Keksabteilung abbog. Von Weiten sah er mit seinem roten Balken auf der Stirn jetzt wirklich aus wie Harry Potter. In seinem Korb lagen zwei XXL-Peanut-Butter-Gläser. Ich grinste.

„Ich glaube, dass er schon selber satt wird.“ Er erfüllte wirklich alle Klischees eines Amerikaners. Der, der mit ihm auf ein Zimmer kommen sollte, tat mir jetzt schon leid. Bei den zwei großen Erdnussbuttergläsern …

„Okay, also fünf Käsebrötchen“, fasste Marlene zusammen. Mit fünf Käsebrötchen in der Tüte liefen wir Richtung Kasse weiter durch die Gänge. Neben Oreo-Keksen landeten noch zwei Cola-Flaschen und eine Wasserflasche in meinem Korb. Auch Jessi war in der Getränkeabteilung fündig geworden. Mit zwei Red Bull in der Hand, stand sie hinter der Kasse und deutete auf ihre Uhr. Sie wollte endlich eine rauchen. Eine Zigarette klemmte bereits hinter ihrem Ohr. Wir zahlten zügig unsere Einkäufe und warteten auf McKenzie. Neben den beiden XXL-Erdnussbuttergläsern, auf deren Etiketten eine Erdnuss vor einer Amerikaflagge abgebildet war, landeten noch mehrere Verpackungen mit Ingwerplätzchen und Crackern in seiner Einkaufstüte. Was eine Ausbeute.

In der Nachmittagssonne wieder angekommen, stellten wir fest, dass unser Fahrer noch nicht zurück war. Wir beschlossen, auf dem Rastplatz der Tankstelle zu warten, auf dem bereits die beiden Farmarbeiter mit ihrem vollgeladenen Einkaufswagen standen. Wir gingen zu ihnen, setzten uns auf die Bordsteinkante und verteilten die Käsebrötchen. Sie schmeckten, wie sie aussahen: goldig gut. Kauend beobachteten wir die Menschen, die an uns vorbeiliefen. Die meisten von ihnen trugen kaputte Kleidung, die von Dreck, Schmutz und Staub überzogen war. Oft hingen sie wie Lappen über der Haut oder schleiften über den Boden. Passende Kleidung konnten sich wahrscheinlich nur die wenigsten leisten. Es herrschte in dieser Gegend wirklich viel Armut. Die vielen neidischen Blicke der Menschen beim Vorbeigehen auf unsere Einkaufstüten und Klamotten sorgten dafür, dass wir uns mit jeder Minute mehr schämten und fehl am Platz fühlten. Mit jeder Minute, die verging, sehnten wir uns mehr nach unserem Fahrer, von dem weit und breit noch immer nichts zu sehen war. Die halbe Stunde war bei Weitem schon vorbei. Wir waren mittlerweile bei einer Stunde.

„Alda, wo bleibt der Typ?“, sagte Jessi und tigerte genervt in ihrer schwarzen Hose auf und ab. „Halbe Stunde hat er gesagt. Halbe Stunde.“ Sie schüttelte den Kopf. In der letzten Stunde hatte sie bestimmt fünf bis sechs Zigaretten bis auf den Stängel niedergequalmt und aufgeraucht. Auch die zweite Red-Bull-Dose hatte sie längst geöffnet. Ein wenig erinnerte sie mich mit ihrer Nikotin-Koffein-Ernährung an meinen Kumpel Luis in Deutschland, mit dem ich zusammen die Bankausbildung gemacht hatte. Sein täglicher Brunch bestand nach dem Aufstehen aus Kippe und Kaffee, und Kippe und Red Bull auf dem Weg zur Arbeit. Und das als Landesligafußballprofi.

„So eine Kacke.“ Doch anders als er hatte Jessi gerade keine gute Laune und kein breites Lachen drauf. Erschöpft und angepisst von der Gesamtsituation kniete sie sich neben dem Einkaufswagen in die Hocke.

„Der kommt schon gleich“, versuchte Marlene sie zu besänftigen. Doch so sicher war sie sich auch nicht mehr. Diese ganze Warterei hinterließ bei jedem so seine Spuren. Während mir eigentlich nur warm war, konnte Jessi einem nur leidtun. Schlafmangel, lange Klamotten, die Hitze … Wie ein Häufchen Elend starrte sie auf den staubigen Boden. Ihren Aufenthalt in Afrika hatte sie sich bis jetzt bestimmt auch anders vorgestellt.

„Hey Jacqueline, äh Jessica …“ Ich biss mir auf die Lippen. Ich hatte sie jetzt nicht wirklich mit Jacqueline angesprochen, oder? Langsam hob sie ihren Kopf vom Boden. Sie schaute aus wie ein angeschlagener Boxer, der gerade auf die Bretter gegangen war und noch mal die zweite Luft bekam.

„Ey Alda.“ In ihrem Blick loderte das Feuer. Ich ahnte Böses.

„Alda, du hast mich nicht ernsthaft Jacqueline genannt, oder?“ Entsetzt schaute sie mich an. Entschuldigend formte ich meine Hände so, als ob ich beten wollte. Ich überlegte, ob ich nicht doch besser wegrennen sollte.

„Sorry, ich meine natürlich Jessica. Bin nicht so mit Namen hehe“

„Pass gut auf, Zilas“, sagte sie und hob lachend den mahnenden Finger in die Luft. Erleichtert pustete ich durch. Wenigstens lachte sie jetzt wieder. „Wie alt seid ihr eigentlich?“

„Ich bin 20, Marlene ist, glaube ich, 18 Jahre …“

„Was ist mit mir?“

„Du bist 18, oder?“ Sie nickte und schaute wieder auf ihr Handy. „Genau, Marlene ist 18 und er ist …?“ Fragend schaute ich zu McKenzie, der gerade seine Brille putzte und polierte.

„Hey McHänsi …“

„McKäääääänzie. My name is McKäääänzie.“

„Oh ja, stimmt, sorry McHääänsi. How old are you?“

„Twenty-four“ Er war nicht so der große Redner und saß wie im Bus die meiste Zeit eher still da. Er wunderte sich nicht, dass der Fahrer noch nicht zurück war. Im letzten Jahr war es genauso abgelaufen. Pause in Gobabis, Fahrer fährt weg, um Erledigungen zu machen, und taucht Stunden später wieder auf.

„Dreiunddreißig? Dreiunddreißig? Drei und drei?“ Schockiert schaute ich Jessi an. „Du bist niemals 33 Jahre alt.“

„Doch, doch, glaubt mir.“ Sie grinste.

„Beweis es!“, forderte ich sie auf. „Personalausweis, Reisepass oder Familien-Stammbaum- Egal.“

„Ist im Bus und Koffer. Kann ich dir nachher zeigen.“ Sie holte ihr Feuerzeug aus der Hosentasche und steckte sich eine neue Zigarette in den Mund. „Aber danke für das Kompliment.“ Sie pustete eine große Rauchwolke in die Luft und lächelte.

„Ich hätte dich auf 25, 26 geschätzt.“

„Ja ich auch“, sagte Marlene. „Du siehst nicht aus wie 33.“

„Nach diesem Urlaub schon. Ich bin, glaube ich, in den letzten Stunden schon um drei Jahre gealtert. Weiß gar nicht, wie ich die nächsten sechs Wochen schaffen soll. Ich bin jetzt schon fix und fertig.“ Ich schaute wieder Richtung Kreuzung. Immer wieder kamen weiße Busse vorbei, die unserem Bus vom Aussehen ziemlich nahekamen. Leider hatte jedoch keiner von ihnen einen Anhänger geladen. Die Chancen standen also nicht schlecht, dass wir die nächsten sechs Wochen hier verbringen mussten. Ohne Koffer und Wechselsachen, dafür aber mit reichlich Peanut-Butter, Ingwerkeksen und umgeben von wildfremden Menschen. Letztere näherten sich immer mehr unseren Sachen. Wir waren mit unseren vollen Einkaufstaschen das Thema in der Gegend. Auch jetzt kamen wieder drei Menschen auf uns zu und deuteten auf unsere Einkäufe.

„Go away!“, schrie der eine Farmarbeiter in ihre Richtung, um sie zu verscheuchen. Doch sie wollten nicht gehen. Erst als er vom Bürgersteig aufstand und mit Plastikflasche auf sie zuging, drehten sie sich von uns weg und suchten schnell das Weite. Kopfschüttelnd setzte sich der Farmarbeiter zurück auf den Bürgersteig und hob seine Zigarette vom Boden auf, die ihm durch das ruckartige plötzliche Aufspringen aus der Hand gefallen war. Er murmelte irgendwas vor sich hin und zündete sich die Zigarette wieder an.

„Also, ich hätte nichts dagegen, wenn der Fahrer jetzt langsam mal käme“, sagte Marlene. „Ich fühle mich richtig unwohl mit den ganzen Tüten. Wie auf dem Präsentierteller.“ Sie sprach aus, was jeder von uns dachte. Es reichte langsam. Auch wenn der Farmarbeiter sehr unfreundlich und unhöflich reagiert hatte, waren wir froh, dass wir nicht allein hier herumsaßen. Ich wollte nicht rausfinden, ob die drei Männer auch abgehauen wären, wenn McKenzie und ich mit einem Kampfgewicht von vielleicht 140 Kilogramm sie angeschrien hätten. Da hätte wohl Jessi allein mit ihren Augenringen schon mehr Erfolg gehabt.

„Go, go. Come on. Go away.“ Erneut hörte ich den Farmarbeiter rufen. Ich schaute zu ihm, um zu sehen, wenn er meinte. Er meinte nicht die drei Männer. Diese waren über alle Berge verschwunden. Ich entdeckte einen kleinen Jungen, der sich uns vorsichtig von der Seite näherte. Schüchtern zeigte er auf unsere Taschen. Seine Hose war an einem Bein komplett zerrissen, sein T-Shirt mindestens zwei Größen zu groß. Seine Füße waren vom hellen Staub ganz weiß gefärbt. Verzweifelt schaute er jeden von uns in die Augen und formte seine Lippen zu Wörtern.

„Go, go“, schrie der Farmarbeiter und warf einen kleinen Stein in seine Richtung. Der Junge wich reaktionsschnell aus. Ich merkte, wie er auf meine Cola-Dose schaute. Diese hatte ich in meiner Hand fast ganz vergessen. Sie war noch halb voll.

„Leute, ich glaube, der Junge hat Durst und möchte was trinken. Was soll ich machen?“ Hin und hergerissen schaute ich die Gesichter der anderen. Das Betteln des Jungen konnte ich nicht einfach ignorieren. Er musste ungefähr so alt sein wie mein Bruder.

„Musst du wissen“, sagte Jessica. „Wenn du möchtest, dann gib ihm was. Pass aber auf, dass das kein anderer mitbekommt. Dann wollen alle was haben.“ Ich schaute zum Jungen. Er machte eine trinkende Geste und zeigte dabei auf meine Flasche. Ich überlegte. Jessi hatte recht. Wenn die anderen Menschen mitbekommen würden, wie ich dem Jungen etwas abgab, dann sollte uns der Bus besser jetzt als gleich einsammeln. Mein Blick fiel auf einen Busch, der links von mir gute drei Meter entfernt war und mit ein paar Ästen zusammen wahrscheinlich so etwas wie ein Beet darstellen sollte. Ohne weiter unnötig nachzudenken, ging ich langsam Richtung Beet und machte beim Gehen mit der Cola ein paar Trinkbewegungen. Jeder, der mich jetzt beobachtete, sollte denken, dass ich gerade meine Flasche leer trank und wegschmeißen wollte. Langsam und vorsichtig, um nichts umzustoßen, stellte ich die halb volle Cola auf den Boden ab und ging wieder zurück zu den anderen. Sie hatten mir die ganze Zeit nachgeschaut. Ich setzte mich zu ihnen auf den Boden und machte eine leichte Kopfbewegung nach links zum Jungen. Er schaute mich abwartend an. Ich deutete auf die Dose und nickte. Er verstand und lächelte. Mit schnellen Schritten lief er zum Beet und hob die Cola vom Boden auf. Gierig trank er ein paar Schlucke und schaute sich dabei um. Keiner hatte ihn beim Trinken bemerkt. Er nickte mir zu und lief eilig davon. So schnell, wie er gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Ich schaute ihm noch eine Weile nachdenklich nach.

„Hast du gut gemacht, Zilas.“ Jessi klopfte mir auf die Schulter. „Hast dem Kleinen eine Freude gemacht. Sehr gut.“

„Ich hoffe.“ Ich lächelte ihr zu. „Ich hoffe …“


„1080 Eier. 1080. Ernsthaft?“ Kopfschüttelnd zählte Jessi die Pakete noch mal nach, die im Bus zwischen den Sitzreihen auf dem Boden standen und den Durchgang versperrten. „Rechnet mal bitte mit, Freunde. Ich glaub das einfach nicht.“ Ich lehnte mich in den Gang, um besser zählen zu können.

„Wir haben sechs Pakete. Jedes Paket hat sechs Paletten. Jede Platte hat eins, zwei, drei … jede Platte hat fünfundzwanzig, ne, Quatsch, sind sechs Reihen, dreißig Eier. 30 Eier mal 6 Paletten mal 6 Pakete sind?“

„1080“, sagte ich. „180 mal 6. 100 mal sechs ist 600. 80 mal 6 sind 480. 600 plus 480 macht 1080.“ Ich lachte.

„Ja, 1080 ist richtig.“ Marlene kam mit anderer Formel und Rechnung auf das gleiche Ergebnis. Jessi schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Sagt mir bitte nicht, dass ich mir wegen 1080 Eiern zwei Stunden lang in der Hitze einen weggeschwitzt habe in der Hose? Bitte nicht.“ Ich hätte ihr gerne etwas anderes gesagt. Doch es war wahr. Wir hatten zwei Stunden auf dem Parkplatz gewartet. Wegen 1080 Eiern. Es macht einfach keinen Sinn. Als ich die ersten Eier-Kartons zum ersten Mal im Gang sah, schossen mir gleich mehrere Fragen durch den Kopf:

Warum 1080 Eier? Warum? Verstehen sie Spaß? Hier in Namibia? Quatsch. Wo soll denn bitte die versteckte Kamera sein? Könnte das da eine sein? Expect the unexpected. Als ob 1080 Eier wirklich für unexpected stehen? Niemals. Und wieso lacht McHänsi gerade so dreckig hinter mir? Hat er was damit zu tun? Wusste er davon? Heißt er jetzt eigentlich McHänsi oder McKäääänzie? Und warum kauft er bitte zwei große Gläser Erdnussbutter und kein Brot dazu? Silas, du schweifst ab ...

Ich schüttelte den Kopf. Auf all die vielen Fragen fand ich spontan keine Antworten, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als mit großen Schritten vorsichtig über die Pakete zu steigen und mich auf meinen Platz zu schwingen. Die anderen taten es mir gleich und stolperten ebenfalls über die Pakete zu ihren Plätzen. So verrückt diese ganze Geschichte mit den Eiern auch war, irgendwie war es auch witzig. Ich schaute von meinem Platz zurück zu Jessi. Seufzend ließ sie sich in ihren Sitz fallen und blickte erschöpft aus dem Fenster. Mit ein bisschen Abstand und einer kurzen Hose würde hoffentlich auch sie bald über die Zahl 1080 lachen können …


BRUTUS, JACOBI UND GUMBI
(CHAPTER SIX)

Der Staub rieselte von der Decke und wirbelte durch den ganzen Bus. Steine schlugen mit lautem Knall von draußen gegen die Fenster und hinterließen große Macken in der Scheibe. Der Sitz vor mir bebte und zitterte. Nur die Bodenhalterung mit den drei Schrauben verhinderte, dass er mit uns durch die Luft flog. Vor gut zehn Minuten hatten wir die ruhige asphaltierte Straße verlassen und waren auf einen Schotterweg eingebogen. Über Schlaglöcher und faustgroße Steine bretterten wir jetzt mit guten siebzig Sachen hinweg. Immer wieder wechselte unser Fahrer die Spur und fuhr zeitweise nach europäischer Straßenverkehrsordnung auf der rechten Fahrbahn. Gegenverkehr gab es nicht und wenn doch, dann konnte man ihn in der Ferne schon Minuten vorher erkennen. Beziehungsweise eine näherkommende graue Staubwolke, der man dann rechtzeitig ausweichen konnte. Ich drehte mich um in die letzte Reihe. Unser Anhänger war noch da. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet. Mit seiner nicht vorhandenen Federung hüpfte er die ganze Zeit auf der steinigen Offroad-Straße hinter dem Bus her. Sonderlich glücklich hörte sich seine Radachse dabei nicht an.

Rums. Ein Eierkarton war vorne gegen die Fahrerkabine gerauscht. Ein weiterer machte sich gerade von Jessis Sitzreihe auf dem Weg, es ihm gleichzutun. Ich klammerte mich an den Haltegriff vor mir und hielt mit den Beinen meine Tasche fest. Wo war eigentlich meine Jacke? Ich suchte den ganzen Boden ab, bis ich sie schließlich fand. Sie war auf dem Weg nach vorne einem Eierkarton in die Quere gekommen und bildete dort so etwas wie einen Staudamm. Ganz verstaubt und verdreckt sah sie aus. Es graute mir schon vorm Saubermachen.

Ein lauter Knall, gefolgt von McKenzies Lachen, ertönte und schreckte uns alle auf.

„Oh fuck“, sagte er lachend. „I think we gonna die, haha.“

„Ob wir die Fahrt überleben, weiß ich nicht, aber die Eier werden es auf jeden Fall nicht schaffen, wenn das hier so lange noch so weitergeht.“ Die 1080 Eier hatten sich gerade von meiner Jacke verabschiedet und rauschten gegen einen weiteren Karton.

„Jetzt weiß ich auch, warum er so viele Eier gekauft hat.“ Jessi schaute mich fragend an. Die Sache mit den Eiern hatte ihr echt den Stecker gezogen.

„Ja, weil nur zehn Prozent heil auf der Farm ankommen.“

„Das stimmt.“ Sie lachte. „Wenn überhaupt.“

„Dann gibt es heute Abend halt Rührei“, sagte Marlene freudig. „Gibt Schlechteres.“

Salz und Pfeffer hätten wir ganz sicher nicht mehr gebraucht. Der Staub wirbelte nur so durch die Luft. Ich hustete und trank danach ein wenig Wasser aus meiner Flasche. Meine Kehle war durch die staubige Luft ganz trocken geworden.

„Meint ihr, wir brauchen noch lange?“, fragte Marlene und schaute auf ihre Uhr.

„Keine Ahnung. Wie spät ist es eigentlich?“ Ich hatte gar kein Zeitgefühl mehr.

„Du hast doch selber eine Uhr …“

„Oh stimmt ja.“ Um meinen Orientierungssinn schien es durch das ganze Gerüttel auch nicht mehr so gut zu stehen. „Was, halb sechs?“ Ungläubig starrte ich auf meinen Arm. „Marlene, weißt du noch, wie ich am Morgen gehofft hatte, dass wir zum Mittagessen pünktlich auf der Farm ankommen?“ Sie lachte und nickte mit dem Kopf.

„Könnte knapp werden mit dem Essen, wenn du mich fragst.“ Ich gab ihr recht. Von nun an ging es nur noch darum, wenigstens zum Abendessen pünktlich anzukommen. Die Käsebrötchen waren bei den ganzen Schlaglöchern längst verdaut, sodass ich einer richtigen Mahlzeit mehr als offen gegenüberstand. Den anderen ging es nicht anders. Nur bei McKenzie war ich mir nicht ganz sicher. Manchmal lachte er plötzlich und murmelte in der Folge irgendwelche Sätze vor sich hin. Fünf Minuten später war er wieder am Schlafen oder machte irgendwelche Dehnbewegungen für seinen Nacken und Rücken. So richtig wurde ich aus seinem Verhalten nicht schlau.

Wir passierten ein großes Tor auf der linken Seite und fuhren weiter durch den Busch. Begleitet wurden wir von einem Zaun, der mich an die Serie erinnerte, die ich vor Jahren im Fernsehen gesehen hatte. Aufmerksam versuchte ich, Tiere zu erkennen, die sich vielleicht dahinter im Gebüsch versteckten. Ich war mir nicht sicher, aber manchmal schien ich mir einzubilden, etwas im Busch gesehen zu haben. Jessi, Marlene und McKenzie taten es mir gleich und scannten mit ihren Augen die Landschaft hinter dem Zaun.

„Hä?“ McKenzie drehte sich überrascht zu Jessi. Jessi musste mehrmals schnipsen, bis er reagierte. Er war wieder am Träumen gewesen.

„What do you think? When will we arrive?“

„Well, I think …“, überlegte er. „Maybe twenty minutes. I guess.“ Wir erreichten ein weiteres Gatter. Auf ihm stand auf einem Schild geschrieben: „10 Kilometers.“ McKenzie lag mit seiner Vermutung gar nicht mal so falsch. Zwanzig Minuten konnte bei dem Tempo gut hinkommen. Wir fuhren mit vielleicht zwanzig Stundenkilometer zwischen den beiden Zäunen her. Die Straße war an einigen Stellen nicht allzu breit. Aufgeregt zählte ich die Minuten runter und versuchte mich an die Folge zu erinnern, in der Volontäre mit einem etwas kleineren, robusteren Bus die Farm erreichten und von den anderen empfangen wurden. Ich meinte, dass in der Folge ein grünes Haus vorkam.

„Leute, ich glaube, wir sind da“, sagte Marlene plötzlich. „Guckt mal: Da steht so ein grünes Haus. Da zwischen den Bäumen.“

„Wo?“ Gespannt schaute ich aus dem Fenster. Leider verdeckte gerade ein Dornenbusch die Sicht. „Ich sehe nichts.“

„Ich auch nicht.“

„Ja, wartet. Gleich müsstet ihr es sehen. Da …“ Jetzt sah ich es auch. Ohne Brille konnte man das gut getarnte Haus gar nicht erkennen. Kein Wunder, dass Marlene im Vorteil war und es zuerst sah. Umringt von Büschen stand es direkt unter einem großen Baum, dessen Äste fast bis zum Boden hingen. Es sah wirklich genauso aus wie in der Serie. Wir parkten wenige Meter vom Gebäude entfernt. Erst von Nahem fiel mir auf, dass das Gebäude keine Türen und Fenster hatte. „Hey Rico.“ McKenzie schien es nicht großartig zu interessieren, dass das Haus keine Fenster hatte. Wie aus dem Nichts sprang er plötzlich von seinem Platz auf und hämmerte seine Faust gegen die Fensterscheibe. Es fehlten nur Millimeter und er wäre volle Kanne gegen die niedrige Decke des Busses gedonnert.

„Hey Rico. Rico. What´s up, määäään? Hey Rico, haha.“ Euphorisch griff er im Stehen nach seinem Rucksack und sprang wie ein energiegeladener Flummi über die 1080 Eier. „Yeah. Rico haha.“

Er hörte gar nicht mehr auf mit seinen Rico-Rufen. Vielleicht war er bei einem großen Schlagloch doch gegen die Decke gekommen. Wir stiegen über die Eier-Kartons und folgten ihm nach draußen.

„Silas, schau, der Strauß dahinten.“ Jessi hatte zuerst herausgefunden, wen McKenzie so überschwänglich begrüßte. Sie zeigte auf einen Strauß, der gerade über die Wiese an zwei grasenden Gnus vorbei sprintete.

„Hey Rico. Why are you running? Stop it!“ Bei McKenzies Rufen hätte ich wahrscheinlich auch die Flucht ergriffen. Neugierig schaute ich mich in der Gegend um. Bis auf den panisch, flüchtenden Strauß hatte sie noch viel mehr zu bieten. Vom grünen Gebäude aus hatte man einen super Blick auf eine Wasserstelle, die gute zweihundert Meter von uns entfernt in der grünen Graslandschaft lag. An ihr versammelten sich gerade mehre Antilopen und Springböcke, die vom Lärm irritiert in unsere Richtung starrten. Mein Blick fiel auf einen Pool, der mir beim Aussteigen noch gar nicht aufgefallen war. Auf seiner Wasseroberfläche schwammen mehrere tote Motten, wenn sie nicht im Kies neben dem Pool lagen. Um den Pool standen mehrere Holzliegen bereit, wobei eine ziemlich kaputt und ramponiert aussah.

„Ich weiß schon, wo ich meine Freizeit in den nächsten vier Wochen verbringen werde.“

„Ich weiß es auch“, grinste Marlene.

„Wir brauchen nur so was wie einen Kescher. Ich sehe das Wasser vor lauter Motten nicht.“ Glücklicherweise lag direkt neben den Treppenstufen einer.

„Hey, guckt mal, Leute, da kommen zwei auf uns zu.“ Jessi hatte ein Mädchen und ein Junge entdeckt, die hinter einem Dornenbusch aufgetaucht waren. Auf einem schmalen Weg, der vorbei am Dornenbusch mitten aus dem Busch zum Gebäude führte, liefen sie in unsere Richtung. Sie lächelten von Weitem.

„Hey, guys, nice to meet you. My name is Anna and that is Joschka.“

„Hi.“

„Can we help you with your baggage?“ Anna hatte blonde lange Haare und erinnerte mich vom Aussehen ein wenig an meine Schwester. Sie hatte einen richtigen Lockenkopf. Joschkas Haare waren dagegen ein wenig kürzer als ihre. Um einiges kürzer. Ich überlegte, ob mir sein Maschinenkurzhaarschnitt auch stehen würde, ließ den Gedanken jedoch schnell fallen, auch wenn kurz geschorene Haare bei den Temperaturen in Namibia sicherlich keine allzu schlechte Idee waren. Beide kamen wie ich aus Deutschland. Dankend nahmen wir ihre Hilfe an. Bei unseren ganzen Koffern, Taschen und Jacken konnten wir gut Hilfe beim Tragen gebrauchen. Vor allem McKenzie brauchte bei seinem XXL-Koffer Hilfe, den er kaum durch den ganzen Sand geschoben bekam. Voll bepackt folgten wir Anna und Joschka ins Gebäude. Im Inneren standen überall Holzbänke und Tische mit Soßen und Gewürzflaschen bereit.

„Hier essen wir immer zu Mittag und verbringen unsere Pausen. Wir haben hier sogar einen Kiosk, wo ihr Kaltgetränke und Chips kaufen könnt“, sagt Anna und deutete auf einen Tresen, hinter dem ein Kühlschrank mit Cola- und Fanta-Dosen stand.

„Is Hermän still the barkeepär?“, fragte McKenzie neugierig.

„Yes, haha“, lachte Joschka. „Why do you know him?“

„Well, it is my fourth time here. Last year I always ordered juice by him. What is with crazy Ädlin? Is he still coordinator on the farm?“

„Whaat, your fourth time?“ Joschka schaute ihn mit großen Augen an. „Sick. Yes he is …“ McKenzie grinste zufrieden. Wir setzten uns auf eine Bank, die direkt am Eingang stand. Von da aus ließ ich meinen Blick im Raum umherschweifen. Der Boden war mit Kieselsteinen bedeckt, während an den Wänden Bilder von ehemaligen Volontären hingen, die gemeinsam mit Affen auf den Schultern in die Kamera lachten. Oben an der Decke sah man mehrere Handabdrücke, die in den unterschiedlichsten Farben und Größen zu uns runterwinkten.

„Wie viele Volontäre sind momentan hier auf der Farm?“, fragte Jessi beim Anblick der Bilder.

Anna schaute Joschka fragend an, der bereits am Zählen war.

„Was meinst du? Wie viele sind wir momentan? Zwanzig, oder?“

„Kommt ungefähr hin. Neunzehn, zwanzig müssten wir etwa sein.“

„Und wo sind die alle?“, fragte Marlene. Bis auf Rico waren Anna und Joschka die einzigen Zweibeiner, die wir bisher gesehen hatten.

„Die sind auf der Farm und warten schon gespannt auf euch“, sagte Anna. „Ihr werdet sie beim Abendessen gleich alle kennenlernen.“ Abendessen klang gut, dachte ich mir und zwinkerte Marlene zu. „Wir warten jetzt hier noch auf Dossie. Dossie ist Headcoordinator auf der Farm und verantwortlich für alle Volontäre.“ McKenzies Augen fingen an zu leuchten.

„You know Dossie, right?“ McKenzie nickte.

„Ihr werdet sie auch mögen“, versprach uns Anna. „Genau, was ich euch noch sagen wollte. Dossie wird es euch wahrscheinlich gleich auch noch ans Herz legen. Die meisten Volontäre sprechen deutsch, jedoch gibt es auch ein paar, die kein Deutsch verstehen. Deswegen unterhaltet euch am besten auf Englisch, damit die anderen nicht ausgeschlossen werden.“ Sie schaute zu McKenzie. „I told them that we have to speak in English. Not all people understand German …“

„Oh, I know the rule, but in the last years the rule did not work very successful. The most people spoke German. I do not care.“ McKenzie zuckte lachend mit den Schultern. Wie sich in den nächsten Wochen herausstellte, mussten Anna und Dossie mehrmals die Englisch-Regeln vor allen wiederholen und uns ins Gewissen reden.

„Look, Dossie is coming.“ Wir schauten nach draußen zum Pool, an dem Dossie gerade vorbeiging. Mit einem großen Lächeln begrüßte sie uns wenig später herzlich in der Tür.

„Hey guys, nice to meet you.“ Sie reichte jeden von uns die Hand. „My name is Dossie and I am responsible for all volunteers with my team. Hopefully you had a good trip?“ Sie setzte sich neben Anna und Joschka auf die Bank und legte eine Mappe auf den Tisch. Dossie hatte eine etwas stämmigere Figur. Sie trug eine Kappe, unter der ein Pferdeschwanz zum Vorschein kam. Wie Anna hatte sie naturblondes Haar. An ihrem Hals trug sie ein kleines Tattoo, das wie ein Herzschlag aussah. Zumindest interpretierte ich die Linie hinter dem Herzen so. Auch Anna war tätowiert. An ihrem Unterarm stand „Hakuna Matata.“ Passte zu ihrer Person. Irgendwie bekam ich jetzt auch Lust auf ein Tattoo. Eines, das mich vielleicht an die Reise erinnern würde. Die Zahlen 800 und 1080 kamen mir gleich in den Sinn. Naja, die Auswahl war noch nicht so überzeugend. Vielleicht würde sich in den nächsten Wochen noch bessere Motive ergeben.

„Yes, thank you Dossie“, sagte Marlene.

„Nice to hear.“ Dossie lächelte. „McKenzie nice to see you. How are you, my friend?“

„Hi Dossie. I am good. Thänks.“

„Nice that you are here guys. There is a lot of work on the farm, and we really appreciate your help.“ Anna und Joschka nickten. Ihren dreckigen Beinen und Armen zufolge hatten sie heute schon ordentlich angepackt.

„Did Anna and Joschka already tell you something about the rules and the AM-Tour?“

„The English rule?“

„Exactly.“

„They did, but not about the AM-Tour.“

„Alright. You must know that we have people from all over the world here. People from France, New Zeeland, Norway, Germany, Switzerland and Namibia. I really thank you when you respect it. Speak English. That’s the language everyone understands.“ Wir nickten brav, wobei wir uns keine Illusionen über unsere mangelnden Sprachkenntnisse machten.

„Tomorrow you will be part of the AM-Tour. Anna, did you tell them about the breakfast time?“

„No. Do you want?“

„You can do it.“

„Okay. McKenzie, I guess you know the times, right? McKenzie?“

„Hä?“ McKenzie war mit seiner Aufmerksamkeit schon wieder woanders. Er hatte Rico entdeckt, der gerade neugierig um unseren Bus schlich und nach Nahrung suchte. Wahrscheinlich hatte er den Geruch von Eiweiß aufgenommen. Ich schaute auf seine aufgepumpten, muskulösen Beine. Ein Tritt von ihm und ich hätte mein afrikanisches Tattoo.

„The times, yes. I can remember.“

„Perfect. Breakfast is always from seven to quarter to eight. After breakfast, all volunteers have a meeting with Dossie and her team. In the meeting we normally speak about the day, the upcoming work and yes …“ Sie überlegte, ob sie irgendwas vergessen hatte.

„… the AM-Tour tomorrow.“

„Ah yes, thanks, Dossie. As Dossie said before all of you will be part of the AM-Tour tomorrow. Please be at quarter to six at the farm. My advice: Wake up against five, then you have enough time to walk over.“ Fünf Uhr. Ich schaute zu Jessi, die wie ich mit Ausschlafen morgen gerechnet hatte. Zumindest sehnten wir uns jetzt schon danach, auch wenn wir noch keinen Tag gearbeitet hatten. Das Volontär- und Farmleben - nichts für Langschläfer.

„How the tour looks like you will see tomorrow.“ Ich war beeindruckt von ihrem einwandfreien, flüssigen Englisch. Beim Koffertragen zu unseren Schlafplätzen erzählte uns Anna später, dass sie schon seit Weihnachten auf der Farm lebe. Davor war sie für mehrere Wochen in Kapstadt gewesen und hatte dort ein Kinderprojekt betreut. Kein Wunder also, dass sie so gut Englisch sprach.

Dossie reichte uns Neuankömmlingen jeweils einen Umschlag mit der Bitte, das Schreiben darin unterschrieben samt Umschlag bis spätestens Montag im Farmoffice abzugeben. Irgendein Schreiben mit einer Einverständniserklärung. Das Schreiben fasste mehrere Seiten. Neben dem Schriftstück, das bestimmt in Schriftgröße 6 verfasst war, lag in dem Umschlag eine Karte, die unser Zahlungsmittel für all unsere Käufe auf der Farm sein sollte.

„You have to pay 500 Rand when you lose your card“, ergänzte Dossie und schaute in meine Richtung. Sie schien zu ahnen, wer von uns Neuen wahrscheinlich am ehesten seine Karte verlieren würde. Damit lag sie auch gar nicht mal so falsch. Neben Schlüsseln, die ich auch gerne mal im Haustürschloss von draußen stecken ließ, ging mir meistens irgendwas verloren. Vorsichtig steckte ich die Karte erst mal zurück in den Umschlag.

„Anna und Joschka will show you the accommodations where you sleep. After that you will meet all volunteers and the staff by dinner. I think that’s all information for this moment.“ Sie kontrollierte ihre Liste. „Oh no. Maybe one word to the rooms. Marlene, you share a room with Jessi, Adelle and Flo. And Silas you …“ Gespannt schaute ich zu ihr. „You will share your room with Mckenzie. Alright?“ Bitte nicht … Mir schossen sofort die beiden Erdnussbuttergläser in den Kopf. Ich konnte nur drauf hoffen, dass McKenzie keine Erdnussbutterunverträglichkeit hatte. Aber er war Amerikaner. Stolzer Amerikaner. Er konnte Erdnussbutter bestimmt gut ab. McKenzie grinste mich glücklich an.

„Sounds good“, sagte ich diplomatisch. Hoffentlich ging das mit ihm auf einem Zimmer gut …

„Joschka, gehst du mit Silas und McKenzie? Ich zeig dann Marlene und Jessi, wo ihre Hütte ist.“

„Machen wir so.“ Dossie hatte sich mittlerweile von uns verabschiedet. Mit einem weißen Geländewagen fuhr sie schon mal Richtung Farm vor. Wir sollten sie nachher wiedertreffen.

Der Weg, den Joschka einschlug, führte vorbei an mehreren Büschen und Bäumen. Die Holzhütten, die wir passierten, sahen alle gleich aus. Zu jeder Holztür führte eine dreistufige Treppe mit einer Holzreling. Neben den Hütten waren Wäscheleinen gespannt, auf denen Socken und Unterwäsche im Wind hin und her baumelten. Wenn sie nicht schon am Boden im Sand lagen. Jede Hütte hatte ihren eigenen afrikanischen Namen. Manche kamen einem Zungenbrecher gleich. Unsere Hütte hatte einen vergleichsweise einfachen Namen …


„Ovambo ist eure Hütte, Silas.“ Joschka blieb vor einer Hütte stehen, die etwas abseits gelegen war. „Moment: Wo ist McKenzie hin?“

„Keine Ahnung.“ Ich drehte mich um. „War er gerade nicht noch hinter uns? Ah, da ist er ja …“ McKenzie tauchte plötzlich hinter einem Dornenbusch auf. Sichtlich angestrengt zog er seinen Koffer durch den Sand. Seine Körperhaltung sah dabei alles andere als gesund aus. Er machte sich selbst das Leben schwer.

„Carry, McKenzie, carry. Not pulling.“

„What?“

„Not pulling. Carry …“

„Ah.“ Er warf seine Durch-den-Sand-zieh-Taktik über den Haufen, hob den Koffer mit beiden Armen ein Stückchen in die Luft und freute sich, dass er jetzt viel schneller vorankam. „Thääänks for your äädvice, määän.“ Wild schnaubend erreichte er die Treppe, an der Joschka und ich warteten. Ich wollte gar nicht wissen, was McKenzie alles in seinem Koffer hatte.

Die Hütte war gemütlich und einfach eingerichtet. Es gab mehrere Holzbetten und Schränke, sogar der Boden war aus Holz. Er knackte und knarrte bei jedem Schritt. Ich hievte mein Koffer auf das hintere Bett und hing meine verstaubte Jacke auf einem Bügel in den Schrank. Von der Decke hing über jedem der vier Betten ein großes Netz. Ein Blick auf die Glühbirne genügte, um zu wissen, warum sie über den Betten aufgehängt waren. Mehrere Moskitos schwirrten dort wild durcheinander. Die reinste Orgie aus summenden Moskitos. Beim Blick auf die schief im Rahmen hängende Eingangstür ahnte ich, dass es wahrscheinlich noch mehr Mücken werden sollten, wenn wir abends vorm Schlafengehen das Licht anhatten.

„Yes, mosquitos“, sagte Joschka. „Auch wenn ein paar Löcher im Netz sind, möchte man die Netze beim Schlafen nicht missen. Ich zumindest nicht, haha.“

Joschka meinte, wir könnten unsere Koffer später auspacken, schließlich war es gleich sieben Uhr und Zeit fürs Abendessen.

„Damn mosquito bites“, nuschelte McKenzie, während er seinen Koffer ausräumte. Jetzt wusste ich auch, warum dieser so schwer war. Er hatte eine komplette C&A-Filiale in seinem Koffer. Anziehsachen en masse. Hemden, Hosen, T-Shirts, Pullis, elektronische Geräte. Und Erdnussbutter natürlich. Auch im Koffer grinste mich eine Erdnuss mit Sonnenbrille an.

„Wow, McKenzie.“ Joschka rieb sich beim Anblick der vielen bunten Klamotten verwundert die Augen. „Tell me: How long do you want to stay? Crazy.“

Ich hatte ebenfalls mit dem Auspacken begonnen. Neben dem großen Koffer und den ganzen Einkäufen lagen schon mehrere Anziehsachen verteilt über meinem Bett. Eine Sache hatte es Joschka besonders angetan.

„Sag bitte nicht, dass da ein Brötchen drin ist?“ Er zeigt auf die Tüte vom Spar.

„Da ist noch ein Käsebrötchen drin, das Jessi nicht gegessen hat. Magst‘s haben?“

„Boah geil, gib her. Ich habe seit einem Monat nur Toast gegessen. Ich würde alles für ein Weizenbrötchen mit überbackenem Käse geben.“ Ich schmiss Brötchen samt Tüte in seine Richtung. „Kannst haben. Hier.“

„Danke, Mann.“ Gierig verschlang er es mit mehreren großen Happen.


Von unserer Hütte aus waren es etwa dreißig Meter bis zu den Duschen und Toiletten. Dort standen auch schon Anna, Jessi und Marlene.

Die Toiletten und Duschen erinnerten von der Qualität an einen Ein-Stern-Campingplatz. Zu mehr Sternen reichte es bei den vielen Insekten, Spinnen, Ameisen und Käfern nicht, die die einen Quadratmeter große Toilette für sich beanspruchten. Neugierig krabbelten sie über die Klobrille.

„Ihh.“ Jessi war begeistert. Sie gehörte zu den Menschen, die schon zusammenzucken, wenn sie in ihrer Nähe nur ein Insekt mit den Flügeln schlagen hören.

„Manchmal kann man sogar den anderen beim Geschäft von der Nachbartoiletten hören“, lachte Anna. „Ganz witzig, aber auch nicht immer, haha.“ Wieder musste ich an diese grinsende Erdnuss denken.

Vorbei an den Toiletten gingen wir weiter durch den Busch. Es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis wir von der Volunteer Village das Farmgelände erreichten. Nicht selten scheuchten wir auf dem Weg durch den Busch zur Farm Gnus auf, die uns erst irritiert anschauten und dann wild und mit panischem Gesichtsausdruck davonstürmten. Während die Gnus mit ihren langen Gesichtern ziemlich bescheuert dreinschauten, sahen die vielen Mangusten mit ihren Knopfaugen und feuchten Näschen richtig süß aus. Neugierig schauten sie unter einem Busch hervor. Vor allem die Jungtiere und Babys brachten einen fast zum Dahinschmelzen. „Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.“ Anna machte uns den Mangusten-Lockruf vor. Der wurde zur Fütterung verwendet. „Brrrrrr“, und schon sprinteten dreißig hungrige Mangusten auf einen zu, um die besten Leckereien abzubekommen.


Bild von Marlene Handler

Das Farmgelände konnte man von Weitem schon gut sehen. Entlang eines Bolzplatzes liefen wir direkt auf ein rotes Gittertor zu, hinter dem bereits mehrere Hunde ihre Nasen durch die Gitterstäbe streckten. Ihr Bellen hörte man schon aus weiter Entfernung. Rechts vom Tor standen unter einem Vordach mehrere Geländewagen, Safarijeeps und Autos, auf deren Ladeflächen Käfige gebaut waren. Sogenannte „Cage-Cars.“ In der Serie hatte ich bereits gesehen, wie in Cage-Cars Geparden gemeinsam mit Volontären durch den Busch kutschiert wurden. Verrückt, dass ich bald einer von ihnen sein würde.

„In dem linken Backsteinhaus wohnt Dossie mit ihrer Family. Und in dem rechten Teil des Gebäudes …“

„Meinst du das Gebäude mit dem bunten Spielzeuggerüst im Vorgarten?“, unterbrach ich Anna.

„Ja genau, da wo die Schaukeln und Rutschen sind. Da ist die Schule der Buschmänner.“

„Heißen die wirklich Buschmänner?“, fragte Marlene.

„Yes. Die Buschmänner arbeiten hier auf der Farm und bekommen neben einem kleinen Lohn Brot und eine Unterkunft gestellt. Und ihre Kinder gehen halt hier zu Schule. Manchmal dürfen wir Volontäre sogar den Unterricht übernehmen, wenn wir für School-Interaction eingeteilt sind.“

„Kids do not like me“, erwiderte McKenzie und fing an zu lachen. „They don´t understand me.“ Ach, echt? Ich konnte mir ein Lachen nur schwer verkneifen. Selbst Anna musste bei seinem Massachusetts-Englisch oft nachfragen, was er von einem wollte.

Wir schritten durch die kleine Eingangstür im roten Gittertor. Eigentlich rechnete ich fest damit, beim Durchtreten von gleich mehreren Wachhunden besprungen zu werden. Doch weit gefehlt. Nachdem sie uns vor wenigen Minuten aus der Ferne noch wild angebellt hatten, lagen sie jetzt faul auf dem Boden und streckten alle vier Beine von sich.

„Denkt bloß dran, die Tore immer zu schließen“, sagte Joschka mahnend. „Sonst kommt Ham von draußen rein.“

„Wer ist Ham?“

„Ein Warzenschwein. Es versucht immer, die Farm zu stürmen und hier was Essbares zu finden. Wenn es sich einmal irgendwo einnistet, dann dauert es Stunden, bis man ihn von der Stelle bekommt. Letztens lag Ham einen ganzen Tag am Klo und versperrte den Durchgang mit seiner Plauze.“ Irgendwie stellte ich mir diese Situation ziemlich witzig vor. Erst Wochen später begriff ich, dass ein aufgedrehter Ham in einer Toilette mit seinen Hauern gar nicht mal so ungefährlich war. Dann war reinste Vorsicht geboten, um nicht wie die Hyänen von Pumbaa durch die Luft geworfen zu werden.

„Vor allem die Tore zur FoodPrep. In der FoodPrep bereiten wir das ganze Essen für die Tiere vor. Die Tore müssen dort immer, immer, immer geschlossen sein!“

„Was kann den passieren, wenn wir aus Versehen mal das Tor zu FoodPrep nicht schließen?“ Ich fragte aus reinem Eigeninteresse nach. Wenn man Schlüssel von außen an Haustüren stecken lässt, dann ist man in der Regel grundsätzlich auch ein potenzieller Kandidat dafür, Tore zur FoodPrep offen stehen zu lassen. Besser, sich der möglichen Konsequenzen bereits im Vorfeld bewusst zu werden. So schlimm konnte es schon nicht sein. Oder doch?

„Dann bringt Brutus alle Wachhunde hier draußen um!“

Uff! Mit dieser Konsequenz hätte ich jetzt nicht wirklich gerechnet. „Wer bringt hier wen um?“

„Brutus“, wiederholte Joschka. „Ihr werdet ihn noch früh genug persönlich kennenlernen.“ So richtig wusste ich nicht, wie ich das interpretieren sollte. Irgendwie löste dieser Name leichte Unruhe und Nervosität in mir aus. Brutus. Der Name klang schon gefährlich und brutal. Ein grauer Hund schien den Namen Brutus mitbekommen zu haben und streckte erschrocken den Kopf in die Luft. Ich schluckte. Auch wenn die Wachhunde sich gerade in einem faulen, trägen Zustand befanden, waren sie von ihrer Statur durchaus muskulös und kräftig gebaut. Ihre Zähne blinkten in der Sonne. Wer zu Hölle musste Brutus sein, der es gleich mit mehreren muskelbepackten Wachhunden aufnehmen konnte?

„Ihr werdet Brutus spätestens morgen vor der AM-Tour kennenlernen. Am besten, ihr kommt gut mit ihm aus“, empfahl uns Joschka grinsend.

Er behielt recht. Am nächsten Morgen lernten wir Brutus kennen und lieben. Mit seiner Freundin Beati, ebenfalls eine große Dogge, war er als persönlicher Bodyguard für die Volontäre in der FoodPrep, der Futtervorbereitungsstation tätig. Auf der Farm lebten nämlich auch Paviane, die gerne aus ihren Gehegen ausbrachen und die Farm und ihre Arbeiter auf Trab hielten. Und damit die Volontäre nicht schutzlos einem ausgewachsenen Pavian gegenüberstehen mussten, gab es in der FoodPrep den Brutus-Beati-Doggen-Security-Service. Neben seinem Beruf als Bodyguard war Brutus aber vor allem eine liebe Dogge, die es liebte, am Bauch und hinter den Ohren gestreichelt zu werden, Volontäre beim Fleischschneiden zu beobachten und ihnen das ein oder andere Stück Eselfleisch wegzufuttern.

In Gedanken an den blutrünstigen, gefährlichen Brutus beschloss ich mit mulmigem Gefühl, Joschkas Empfehlung nachzukommen und immer die Tore zu schließen.

Wir stiegen über ein, zwei schlafende Wachhunde und gingen an einem rostfarbenen Käfig vorbei. Die Sonne stand mittlerweile tief am Horizont und warf ein schlechtes Licht auf das Innere des Geheges. Im Dunkeln konnte man das dort wohnende Tier nur vermuten. Vor den dicken Stahlstangen stand ein elektrischer Zaun, auf dem zwei Schilder angebracht waren: „Jacobi“ und „Keep Distance“ stand dort jeweils geschrieben. Jacobi - klang niedlich.

„Bämmm.“ Ein dumpfer, lauter Ton schreckte uns alle auf. Er kam aus dem dunklen Gehege. Er klang gar nicht niedlich. Es war ein Ton, der nur dann entsteht, wenn etwas mit voller Wucht auf Stahl trifft. Ich zuckte zusammen, als ich zwei Augen im Dunkeln entdeckte, die von einem behaarten Körper umgeben waren. Schnell folgte ich den anderen. Was leben hier bitte nur für Monstertiere? Jacobi, Brutus ...

„Gumbi“, ergänzte McKenzie meine Aufzählung.

„Gumbi?“ Ich runzelte fragend die Stirn. Wer war den jetzt schon wieder Gumbi?

„Gumbi ist unsere Hyäne“, erklärte Anna und zeigte auf ein Gehege, dass unmittelbar an Jacobis Gehege grenzte.

Hyäne - ach du meine Güte. Auch das noch … Wie viele Jacobis, Brutusse und Gumbis sollte es hier den noch geben? Ich sah meinen Körper bereits nach der ersten Woche von Tattoos übersät.

„Hey Gumbi. You still living. Nice to see you, haha.“ McKenzie schaute freudig ins Gehege von Gumbi. Ich tat es ihm gleich. Man musste schon genauer hinschauen, um ein Tier im Gehege zu erkennen. Anstelle einer Hyäne sah ich nur ein graues Fellknäuel, das mitten im Gehege in der Sonne lag und sich nicht rührte. War das die Hyäne? Bis auf ein zuckendes Ohr und leichtes Bauchheben beim Atmen konnte ich kein Lebenszeichen erkennen. Anna erzählte, dass Gumbi einer der Stars auf der Farm war und mit seinem Alter von zwanzig Jahren eine der ältesten Hyänen weltweit sein musste. Man konnte ohne Probleme in sein Gehege gehen und ihn am Bauch streicheln. Gedanklich strich ich das hyänenartige Wollknäul aus meiner Brutus-Jacobi-Liste. Von ihm ging wirklich keine Gefahr aus.

„Wenn ihr ihn füttert, dann müsst ihr ihm zum klein geschnittenen Fleisch - seine Zähne sind nicht mehr so gut - drei Eier und zwei Vitamintabletten in den Napf legen“, erklärte Joschka. „Aber das lernt ihr alles in den nächsten Tagen. Auch was Jacobi und die anderen Paviane zu essen bekommen.“

Angekommen an einem weiteren Tor, stiegen wir erst über zwei schlafende Hunde und erreichten dann eine große Wiese. Bedächtig schloss ich das Gatter hinter mir. Auf der grünen Wiese bot sich uns ein interessantes Schauspiel. Mehrere Tiere liefen wild durcheinander, meckerten sich an oder beschnupperten sich gegenseitig am Hintern. Ein kleiner Steinbock namens Max duellierte sich gerade mit den Hörnern eines Lämmchens, während Melanie, eine gefühlt drei Meter große Babyantilope, neugierig den Panzer einer Schildkröte beobachtete, die langsam über das grüne Gras krabbelte. An einem kleinen Wasserloch versuchten zwei Gänsemännchen laut schnatternd herauszufinden, wer mehr Testosteron in den Flügeln hatte. Die Damenwelt schaute ihnen dabei interessiert aus dem Wasser zu und gab erste Wetten ab. Von den weißen Gänsen fiel mein Blick auf einen seltsamen Vogel. Wir liefen gerade über mehrere Steinplatten zu einem beleuchteten Gebäude, das am Ende der großen Wiese erbaut war. Noch nie hatte ich einen so hässlichen Vogel in meinem Leben gesehen. Sein Kopf war rosa gefärbt und ganz schrumpelig. Pickel übersäten sein ganzes Gesicht und er schrie wild durch die Gegend. Seine Augen waren vom Schreien ganz rot unterlaufen.

„Anna, was ist das für ein Vogel dahinten?“

„Meinst du den Vogel da?“

„Den mit dem rosa Kopf.“

„Ach den. Das ist ein Truthahn. Sag bloß, du hast noch nie einen Truthahn gesehen.“

„Ähm, schon, aber nicht in der Form …“ Ich dachte an das Truthahn-Baguette, das ich in Zürich gegessen hatte. Bei dem schrumpeligen langen Lappen, der ihm über den Schnabel hing, hatte ich plötzlich einen ganz komischen Nachgeschmack im Mund. Ich hoffte, dass das auf dem Baguette nicht das gewesen war, das dem Truthahn da im Gesicht baumelte.

„Ah, McKääääääänzie.“ Der Nachgeschmack und die Gedanken an das Truthahn-Baguette verschwanden, als wir den Restaurantbereich erreichten.

„Hey, McKäääääänzie. Huhu.“ Zwei dunkelhäutige Frauen in weißer Küchenkleidung standen hinter der Restaurantbar und hatten McKenzie entdeckt. Aufgeregt winkten sie lachend in seine Richtung. Sie wirkten wie zwei Teenager, die gerade Harry Potter persönlich gesehen hatten, wie dieser lässig zur Filmpremiere über den roten Teppich schritt. Ihr Gekreische deutete zumindest darauf hin.

„Nice to see you, McKenzie. How are you?“

„I äm good, thäääänks“, antwortete er lässig. „Girls, how are you?“ Beide Frauen kicherten aufgeregt. Langsam erwachte in mir der Eindruck, dass McKenzie auf der Farm der zweite Star neben Gumbi sein musste. Jeder kannte ihn und grüßte ihn lachend.

„Essen die Volontäre auch immer im Restaurant?“, fragte Marlene erwartungsfroh. Der Restaurantbereich mit den schön dekorierten und gedeckten Tischen hatte etwas und lud zum Verweilen ein. Über den Tischen hingen in den Baumkronen überall Lichterketten, die mit ihrem warmen Lichtschein das schöne Ambiente mit Blick auf die Tiere abrundete. Leider musste Anna sie enttäuschen:

„Leider nein. Hier essen meistens nur die Farmgäste, die draußen bei den Paviangehegen entweder campen oder dort einen Bungalow beziehen. Einmal in der Woche dürfen aber die Leaver hier essen.“

„Leaver?“

„Die in der Woche dann abreisen. Die dürfen sich eine Gästeliste zusammenstellen und dann hier den Abend ausklingen lassen. Ist immer was Besonderes, so ein Leaver-Dinner.“ Anna lächelte.

„Oft ist das Restaurant aber auch leer, weswegen wir nicht verstehen können, dass wir dann nicht hier essen dürfen“, ergänzte Joschka.

„Warum nicht?“, fragte ihn Jessi. „Wenn ihr da essen geht, dann sind das doch auch Einnahmen für das Restaurant. Weswegen haben wir sonst eine Kreditkarte bekommen?“

„Ist halt nicht gewollt. Aber gut - was soll man machen?“ Joschka zuckte mit den Schultern. „Ist deren Problem.“

„Man muss nicht alles verstehen. Wir essen immer dort hinten. Kommt mit. Die anderen warten schon auf euch.“ Wir folgten Anna an den Restauranttischen vorbei und näherten uns immer mehr den Stimmen, die rechts vom Restaurant zu hören waren.

Sie verstummten, als sie uns kommen sahen.

30 VOLONTÄRE UND EIN DIEB
(CHAPTER SEVEN)

Ich fühlte mich wie ein Artist in einer Zirkusmanege. Nicht etwa, weil der Ort mit der Feuerstelle in der Mitte und den vielen Bänken und Tischen drumherum stark an ein Zirkuszelt erinnerte. Vielmehr, weil uns gerade dreißig Augenpaare neugierig anschauten und unsere Körper von Kopf bis Fuß scannten. Es fehlten nur noch die Scheinwerfer und der Zirkusdirektor, der uns ankündigte. „Keine unüberlegten Aktionen, Männer! Nur lächeln und winken“, schoss mir die Taktik der Pinguine aus Madagaskar durch den Kopf. Keine unüberlegten Aktionen, McKenzie. Wie er setzte ich mein schönstes Lächeln auf.

„Hey, Guys.“

„Hey, Anna“, schallte es zurück. Alle Augen waren auf sie gerichtet.

„Say hello to the Newbies.“

„Hello Newbies.“ Ich schmunzelte, schien ich mich doch sehr an ein Fußballspiel erinnert, in dem die Heimmannschaft gerade ein Tor erzielt hatte und der Stadionsprecher die fünfzigtausend Kehlen zum Ausrasten brachte.

„Torschütze mit der Nummer 10: Luuukas …“

„… Podolski.“

„Luuukas …“

„… Podolski.“

„Luuukas …“

„Podolski - Fußballgott!!!“

„Neuer Spielstand: Deutschland?“

„1.“

„Frankreich?“

„0.“

„Danke schön!“

„Bitte!“

„Schalala …“

„Schalalalalalaalalalalal“

Zufrieden drehte sich Moderator Anna zu uns. „So, Leute: Das sind die Oldies, also die anderen Volontäre. Nächste Woche gehört ihr dann auch zu den Oldies, wenn wieder Neue kommen. Setzt euch einfach an irgendeinen Tisch dazu und denkt dran: English please.“

Ich schaute in die Runde und in die vielen neugierigen Gesichter. Jungen und Mädchen, die Mädchen waren deutlich in der Überzahl, saßen bunt gemischt zusammen unter einem Holzdach, das sich im großen Bogen um die Feuerstelle erstreckte und die einzelnen Tische und Bänke bedeckte. Ich schaute zu Jessi und Marlene.

„Wollen wir uns erst mal bei jedem vorstellen? Vielleicht besser, als sich direkt irgendwo stumm hinzusetzen.“

„Wenn du vorgehst …“

„Gern!“, zwang ich mich zu sagen und steuerte den von uns aus nächstgelegenem Tisch an. An ihm saßen zwei Erwachsene von der Gruppe getrennt. Die Frau hatte schulterlange Haare, der Mann die gleiche Frisur wie Joschka. Die Frisur schien echt der Renner zu sein.

„Hi, I am Silas. Nice to meet you“, sagte ich zu dem Mann und bekam einen festen Händedruck zurück. Vor Schmerz biss ich mir auf die Lippe.

„Hi, I´m Alex. Nice to meet you.“ Von Alex ging ich um den Tisch herum zu der Frau und streckte ihr meine leicht zerquetschte Hand entgegen. Ich hoffte, dass sie einen sanfteren Griff hatte.

„Hi, I am Silas. Nice to meet you.“

„Nice to meet you, too. My name is Michi. Alex’s wife.“ Ich nickte. Michi und Alex machten beide einen netten und freundlichen Eindruck. Ich vermutete, dass sie wie Dossie als Koordinatoren hier arbeiteten. Sie waren deutlich älter als alle anderen Volontäre. Ich lächelte sie an und ging weiter zum nächsten Tisch. Dreißig Händedrücke und „Hi I am Silas. Nice to meet you“-Sätze später setzte ich mich an den Tisch, wo auch schon Anna und Joschka Platz genommen hatten. Von da aus versuchte ich noch einmal alle Namen am Tisch durchzugehen. Neben mir saß links McHänsi, äh McKenzie, rechts Jessi und daneben Marlene. Ganz rechts auf der anderen Seite Anna und daneben Joelle. Neben Joelle saß dann Lara, nein Lena. Oder hieß sie doch Lara? Ich war mir nicht mehr ganz sicher. Neben Lara-Lena saß Nathalie, die sich gerade mit Joschka am Tisch unterhielt und mit ihm tiefe Blicke wechselte. Und dann noch der Junge mit dem Rasiererhaarschnitt, ganz links gegenüber von McKenzie. Er fing, meine ich, auch mit J an. John oder Johnny. Er machte einen ruhigen, ganz gelassenen Eindruck. Der erste Eindruck täuschte nicht. Er sprach auch so. Wie ich einige Tage später herausfand, war er sechsundzwanzig Jahre alt und bildete mit Anna zusammen eins der beiden „Couples“ auf der Farm. Neben Anna und Johnny waren noch Nathalie und Joschka ein Pärchen. Sie alle hatten sich zum ersten Mal auf der Farm gesehen und kennengelernt. Und anscheinend auch gleich gut verstanden. Schon romantisch, so eine Afrika-Lovestory …

Mein Blick fiel auf Lea, die zwischen Nathalie und Lara-Lena saß und mich im gleichen Moment auch anguckte. Ich lächelte sie an. Lea hatte naturbraune Haare, die sie, ähnlich wie Michi, bis zu den Schultern trug. Auf ihrem weißen Shirt war ein Regenbogen abgebildet, der sich vom einen zum anderen Ärmel zog. Sie hatte braune Augen und ein paar Sommersprossen im Gesicht. Sie ist echt hübsch, dachte ich mir und schaute schnell nach vorne zu Anna, damit mein Blick zu Lea nicht zu auffällig wurde. Anna hatte sich hinter der Feuerstelle an einem Tresen positioniert, auf dem bereits mehrere dampfende Töpfe standen.

„Okay, guys. Today we have spaghetti with tomato sauce.“ Sie machte eine kurze Pause. Ein Raunen ging durch die Manege.

„Everyone can have one big scoop spaghetti and one scoop of sauce. This sauce here is with meat and this sauce is for the vegetarians.“

„Snooboobs starts“, rief Joschka rein.

„Nice try Joschka“, lachte Anna. „Newbies starts, snooboobs are the last group.“ Enttäuscht verschränkte Joschka seine Arme. Auf dem Hinweg zur Farm hatten wir Newbies von den beiden schon erfahren, dass es unterschiedliche Gruppen gab. Jede Gruppe hatte ihren eigenen Namen und war für verschiedene Tiere auf der Farm zuständig. Gruppenweise ging es dann auch zum Essenholen. An manchen Tagen kam es so durchaus vor, dass man trotz knurrendem Magen erst als Letzter sein Essen abholen durfte.

Nachdem neben uns Newbies auch alle Crocs, Owls und Foreveralones ihre Teller mit Nudeln und Tomatensauce befüllt hatten, durfte dann endlich auch Joschka mit seiner Gruppe die Kelle schwingen. Zumindest war er in seiner Gruppe der Erste in der Schlange.

„Lass es dir schmecken“, sagte ich zu Joschka und schob mir die x-te Gabel in den Mund. Mein Teller war schon fast leer, so einen Hunger hatte ich gehabt. Ich wollte gerade am Tisch fragen, ob man sich ein zweites Mal nachnehmen durfte, da wurde ich auf einmal von einem panischen Schrei unterbrochen. Erschrocken und fast an einer Nudel erstickt schaute ich auf, von wem der Schrei kam. Es war Jessi, die sich die Arme schützend vors Gesicht hielt.

„Ah, ein Affe. Hilfe.“ Affe? Hier? Ich dachte sofort an Jacobi, der vielleicht aus seinem Käfig ausgebrochen war. Joschka hatte von ihm erzählt, als wir zur Farmwiese gingen. Er lebte allein in seinem dunklen Käfig, weil er ein Problemaffe war. Bei Versuchen in der Vergangenheit, ihn in eine Paviangruppe zu integrieren, hatte es stets Verletzte gegeben. Mit ihm war wirklich nicht zu spaßen, vor allem, wenn es ums Essen ging. Die Schilder vorm Gehege hatten also ihren Grund. Aufgeregt schaute ich mich wie die anderen am Tisch um. Jacobi konnte überall sein. Vorsichtshalber ließ ich mein Essbesteck nicht aus der Hand. Plötzlich sah ich ihn. Jacobi, einen muskulösen, brüllenden Pavian mit großen Zähnen und Pranken? Nein, schlimmer. Erleichtert fing ich wie die anderen am Tisch an zu lachen. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Ein kleines Babyäffchen hüpfte vor mir über den Tisch. Mit seinem Schwanz stieß es fast eine Cola-Dose um.

In den Händen hielt es Jessis Feuerzeug, das es ihr mit einem Überraschungsangriff zuvor stibitzt hatte. Daher Jessis Schrei. Sie wurde von einem Baby attackiert. Siegessicher sprang Enrico, so hieß der Babyaffe, von Schulter zu Schulter, ehe er vor Joelle sitzen blieb und sich sein neues Spielzeug in den Mund steckt. Er hätte seine Flucht besser fortgesetzt. Ohne zu überlegen, packte Joelle ihn mit einer Hand am Rücken und versuchte, ihm seine Diebesbeute wegzunehmen. Doch er dachte nicht mal daran loszulassen.

„Enrico. Enrico. Lass los.“ Doch Enrico hörte nicht und griff stattdessen Joelle an die Nase. Nach ein paar Sekunden überließ er ihr das Feuerzeug. Er hatte etwas anderes entdeckt. Etwas Besseres, etwas Funkelndes - Jessis Nasenpiercing. Neugierig sprang er in Jessis Richtung, die schützend ihre Hände vors Gesicht riss. So schnell ihn seine kleinen Füße auch trugen, er kam nicht weit. Joelle packte ihn ein zweites Mal und zog ihn von Jessi weg.

„Eeennnricccooo Lllloooossss! Enrico. Lass Jessica in Ruhe. Loss.“ Doch Enrico dachte gar nicht daran aufzuhören. Er wollte das Nasenpiercing um jeden Preis haben. Wild zappelnd versuchte er sich aus Joelles Händen zu lösen. Das Nasenpiercing ließ er dabei keine Sekunde aus den Augen.

„Enrico loss! Was ist denn mit dir?“ Kopfschüttelnd machte sie mit dem dreißig Zentimeter großen, energiegeladenen Enrico kurzen Prozess. Sie stopfte ihn unter ihren Pulli. Mit Joelles Aktion war Enrico gar nicht zufrieden. Sofort fing er unterm Pulli an laut zu quieken und wild mit den Beinen zu schlagen. Nach kurzer Zeit ging ihm jedoch die Kraft aus. Die Beinschläge wurden immer schwächer und langsamer, bis er schließlich ganz aufgab und sich seinem Schicksal ergab. Jetzt sah man nur noch eine atmende Beule unter Joelles Pulli.

„Na geht doch, warum nicht gleich? Hier ist dein Feuerzeug, Jessi.“

„Danke, ich habe ihn echt nicht kommen gesehen.“

„Steck es beim nächsten Mal am besten direkt in deine Hosentasche. Da ist es sicher vor dem kleinen Scheißer.“ Sie schaute durch den Kragen unter ihren Pulli. Von da griff ihr direkt eine Hand an den Mund. Liebevoll taste Enrico ihre Lippen ab. „Du bist ein Scheißer, hörst du. Ein kleiner Scheißer. Aber ein süßer.“

„Das Gleiche gilt für Kopfhörer. Die sind vor ihm auch nicht sicher“, sagte Lara-Lena zu uns Neuen. „Meine sind schon ganz durchgekaut.“ Enrico steckte beim Wort Kopfhörer neugierig seinen Kopf aus Joelles Kragen. Joelle ließ ihn gewähren.

„Nein, Enrico, da sind keine Kopfhörer. Beruhige dich.“ Sie setzte ihn zurück auf den Tisch und wickelte ihn in eine kleine Decke. „Hier, nimm deine Trinkflasche.“ Doch Enrico wollte keine langweilige Milch trinken. Er hatte etwas viel Besseres entdeckt. Freudig, nicht mehr unterm Pulli sein zu müssen, sprang er über Joelles Kopf zum Nachbartisch, an dem Michi und Alex saßen.

„Hey, Enrico? Wie gehts?“ Alex kraulte Enrico am Bauch, während dieser seine Zunge in Alex Saftflasche steckte. Es dauerte nicht lange, bis sich sein Fell am Kinn in den Farben des Saftes färbte.

Ich widmete mich wieder meinen Nudeln. „Wo ist Enricos Mutter?“, fragte ich in die Runde und schaute zu dem kleinen Vervet-Affen. Dieser saß mittlerweile nicht mehr vor Alex, sondern bei Herman an der Bar und ließ sich von ihm am Rücken kraulen. So kann man sich auch Drinks erbetteln, dachte ich mir. Enricos Betteln war bis hierhin zu hören.

„Seine Mutter lebt irgendwo im Gehege bei den wilden Vervets“, sagte Anna kauend. „Er ist drei Monate alt und lebt seit seiner Geburt bei uns. Seine Mutter hat ihn verstoßen, deswegen kümmern wir uns um ihn.“

„Er schläft in der Regel bei Daniel in der Hütte. Ihr müsst mal sehen, wenn Daniel Enrico für die Nacht wickelt. Er ist so ja schon so süß, aber in Windeln …“, schwärmte Nathalie. Ich konnte es mir gut vorstellen. Dieser kleine Babyaffe hatte mich in seinen Bann gezogen. Noch nie hatte ich so etwas Niedliches und Süßes gesehen.

„Wer ist noch mal Daniel?“, fragte Marlene.

„Daniel sitzt dahinten bei Adelle, Flo und Sarah am Tisch. Er ist schon seit knapp fünf Monaten hier.“ Nathalie deutete auf den Tisch hinter uns. Dort hatte Daniel einen gut gefüllten Teller vor sich stehen, dessen Inhalt er in sich hineinschaufelte. Er trug Bart und somit mehr Haare im Gesicht als auf dem Kopf. In seinem Tank-Top machte er einen sehr sportlichen Eindruck. Wie ein Turner sah er aus. Klein, aber kräftig. Ich schätzte ihn auf Ende dreißig, Anfang vierzig.

„Ich dachte, man kann maximal drei Monate hier auf der Farm bleiben“, hakte Marlene nach. „Wie hat er das den hinbekommen?“

„Indem man drei Monate am Jahresende und drei Monate am Jahresanfang bucht“, sagte Joschka in ihre Richtung. „Dann hat man sein halbes Jahr zusammen.“

McKenzie meldete sich mit einem Räuspern zu Wort. Er war seit dem Essen auffällig still geworden und stocherte die ganze Zeit gelangweilt in seinem Essen herum.

„Oh sorry, McKenzie“, entschuldigte sich Anna bei ihm von der anderen Tischseite aus. „Guys, we have to speak English. It is respectless when we speak German and another person on the table can not understand what we are saying.“ Komisch, hatte sie sich doch die ganze Zeit auch auf Deutsch unterhalten. Ich überlegte, wie das auf dem Zimmer zwischen ihm und mir erst werde sollte. Ich verstand ihn ja kaum.

„You are not hungry, McKenzie?“ Anna war McKenzies Gestocher auch aufgefallen. Doch er wollte nicht wirklich reden. Müde schaute er durch seine Harry-Potter-Brille und stützte seinen Kopf mit der Hand ab.

„I äääm good, thäääänks. Just tired.“

„Wie lange habt ihr Pause gemacht in Gobabis?“, fragte Nathalie neugierig nach. „Musste der Fahrer bei euch auch irgendwelche Erledigungen machen?“

„Zwei Stunden …“ Jetzt war Jessi in ihrem Element. „Zwei ganze Stunden haben wir auf den Fahrer gewartet. Und wisst ihr, warum? Wegen tausend Eiern …“

„Tausendachtzig, Jessi“, korrigierte ich sie lachend. „Tausendachtzig.“ „Ach, das wundert mich noch nicht mal. Wir mussten auch lange auf den Fahrer warten“, grinste Nathalie. Wahrscheinlich hatten alle so ihre Erfahrungen auf der Hinfahrt zur Farm gemacht. Gott sei Dank waren wir jetzt da.

„Is there everyone second?“ Gott sei Dank, dachte ich mir. Es gab zwei Essensrunden. Man durfte nachnehmen. Glücklich schaute ich zu Anna. Sie hatte sich wieder vor den Töpfen und Schüsseln positioniert und zählte von da die vielen Hände, die sich auf ihre Frage gemeldet hatten. Wie eine Rakete beim Start waren diese nach oben in die Luft geschossen ...

„9,10, 11 - okay, I think there is still one spoon pasta and sauce for everybody. Enjoy.“ Sie hatte ihren Satz noch nicht mal ausgesprochen, da rannten die Ersten schon los. Enrico eingeschlossen. Er war es dann auch, der als Erster mit einer langen Spagetti vom Buffet davonlief.


MOVE YOUR BODY
(CHAPTER EIGHT)

Wieder standen wir Newbies im Mittelpunkt und genau da, wo soeben Anna noch die zweite Essensrunde eingeläutet hatte. Auch Dossie hatte sich mittlerweile zu uns gesellt und alle ihre Kollegen mitgebracht. Zu ihrem Team gehörten Izelle, Devi, Edlin und Eugene. Sie saßen zusammen am knisternden Feuer und schauten zu den Newbies. Bei allen hatten wir uns gerade eben noch per Händedruck persönlich vorgestellt, wie wir es schon bei den Volontären getan hatten. Vor allem der Händedruck von Eugene und Devi blieb mir wie der von Alex fest in Erinnerung. Der zarte und weiche von Izelle und Edlin eher weniger. Vorne stehend fiel mir auf, dass Alex und Michi bei den Volontären sitzen geblieben waren. Wie ich anfangs erst vermutet hatte, gehörten sie nicht zu Dossies Team, sondern waren wie die anderen Volontäre und Projektteilnehmer. Die Oldies der Oldies quasi. Beide schauten ebenfalls gespannt in unsere Richtung.

„So, Newbies. It is time to present yourself “, sagte Anna und grinste uns an. „It is tradition that the Newbies say something about their background, their hobbies and expectations. Are you single or not, do you have tattoos or piercings, how long will you stay and what are you looking for during your stay. What do you want to experience, Marlene?“ Sie schaute zu Marlene, die ganz rechts neben Jessi und McKenzie stand.

„Yes?“

„Do you want to start?“

„For sure.“ Erleichtert atmete ich durch. Ich hatte keine Lust, als Erster mit der Selbstpräsentation zu beginnen, und wollte mir erst einmal anschauen, was die anderen so antworten würden.

„Hey guys. I am Marlene and I come from …“ Ihr Satz wurde plötzlich von lauter Musik unterbrochen, gefolgt von einem lauten Seufzer aus McKenzies Richtung. Er ahnte, was jetzt kommen würde. In der Vergangenheit hatte ich schon häufig Videos gesehen, in denen auf öffentlichen Plätzen, Marktplätzen, Bahnhöfen oder Flughäfen plötzlich viele Menschen auftauchten und zu lauter Musik anfingen zu tanzen. Immer hatte ich mich gefragt, wie es wohl sein würde, als Ahnungsloser im tanzenden Mob zu stehen. Würde man mitmachen oder nur dumm aus der Wäsche gucken? Meine Schwimmbewegungen mit den Armen deuteten auf Mitmachen hin. Innerhalb von Sekunden waren alle Volontäre und Koordinatoren von ihren Plätzen aufgesprungen. Wir standen nebeneinander in einem großen Kreis, machten zur Musik Kraulbewegungen und wippten mit dem Körper hin und her. Anna gab den Takt und die Bewegungen vor. Ich gab mir Mühe, meine Bewegungen wie ihre aussehen zu lassen, auch wenn mir das sichtlich schwerfiel. Die Musik änderte sich und es kamen neue Bewegungen, Schrittfolgen und Drehungen dazu, die meine koordinativen Fähigkeiten in sämtlichen Belangen überforderten. Es waren einfach zu viele Schritte, da kam ich nicht hinterher. Während alle mit ihrer Drehung schon fertig waren, drehte ich mich noch immer in die falsche Richtung und stieß fast mit Jessi zusammen.

„Andere Richtung, Zilas. Andere Richtung.“ Zu einem Lied musste man in die Hocke gehen, worauf vor allem Bewegungsmuffel McKenzie keine Lust hatte. Im Gegensatz zu seinem steifen Hüftschwung waren meine orthodoxen Tanzbewegungen noch filigran und sehenswert. Er war heillos überfordert, was insbesondere Edlin zum Lachen brachte. Immer wieder kommentierte er McKenzies Bewegungen, worauf er postwendend einen Mittelfinger vom Amerikaner zurückgefeuert bekam.

„Shut up, Ääädlin“, sagte McKenzie in Edlins Richtung, nachdem dieser erneut „down McKenzie“ gebrüllt hatte. Edlin hielt sich den Bauch vor Lachen und vergaß ganz das Tanzen.

Zu McKenzies Erleichterung war das Getanze nach gut zehn Minuten wieder vorbei. Alle setzten sich zurück auf ihre Plätze und griffen nach ihren Getränkeflaschen und Cola-Dosen. Wir Newbies blieben vorne stehen. Wir hatten ja noch eine Aufgabe vor uns. Anna ließ die Musikbox verstummen und wiederholte noch einmal, was alles in unserer Selbstpräsentation vorkommen sollte: Name, Alter, Nationalität, Länge Aufenthalt, Single oder vergeben, Tattoos und Piercings und Erwartungen.

Diesmal wurde Marlene nicht unterbrochen:

„Hey guys, my name is Marlene. I am 18 years old, and I come from Austria. I have no tattoos, only one piercing and I will stay for four weeks. Ähm, anything else?“

„Hobbies and single or not“, erinnerte sie Anna.

„Ah yes. I am single and hobbies are … taking photos, meeting friends and drinking with them alcohol.“ Sie lachte. Schon im Bus hatte sie mir erzählt, dass Wein ganz oben auf ihrer Skala stand.

„Thank you Marlene“, sagte Dossie. „McKenzie. You are the next.“

„Hobbies dancing, haha.“

„Shut up, Äääädlin. My hobbies are definitely not dancing. No way.“ Edlin kippte beim Gedanken an seine Bewegungen fast vom Baumstamm vor Lachen. „I ääm McKäääännzie from the United States of Ääämerica. I live in Määässäächusetts and I äääm twenty-four years old. I äääm dealing with real estates and I will stay for ten weeks.“ Glücklich, es hinter sich gebracht zu haben, trat er ein Schritt zurück und lehnte sich an die Bar.

„Do you have some expectations or favorite animals here? You told me that it is your fifth stay on the farm.“ Anna schaute ihn neugierig an. Stimmt, von einem Lieblingstier hatte er uns auf der Fahrt noch nichts erzählt. Nur von der jährlichen Warterei in Gobabis hatte er berichtet.

„Well, I have no expectations. I just want to enjoy each day. And favorite animals. Good question …“ Er überlegt kurz. „My favorite animals are Gumbi ää …“ Er fing frech an zu grinsen. „Ääänd Ääädlin, haha.“

„F*** you, haha.“ Jetzt zeigte Edlin McKenzie einen Finger. Ich meine, dass es der aus der Mitte war. Nun war Jessi an der Reihe. Sie erzählte, sie stamme aus Zürich und würde insgesamt sechs Wochen bleiben. Sie freue sich vor allem auf die großen Katzen- und Löwenfütterungen und sei generell gespannt auf die Zeit hier.

„I am single and I have no tattoos und piercings“, ergänzte sie, ohne eine Miene zu verziehen, und streckte ihre Arme so in die Luft, dass jeder ihre Tattoos sehen konnte. Ich lachte, nachdem ich den Joke verstanden hatte.

„What is that for a tattoo?“, deutete Dossie fragend auf einen ihrer Arme.

„This one? That is my mother.“ Stolz strich sie über das Gesicht einer Frau am rechten Arm. Es war gestochen scharf gestochen.

„I like that“, zwinkerte ihr Dossie zu. „It is beautiful. Your mom looks beautiful.“

„She is …“ Beim Anblick von Jessis Mutter fiel mir auf, dass ich nervös mein Gewicht von einem auf das andere Bein verlagerte. Jetzt war ich dran und ich merkte, wie sich mein Herzschlag vor Aufregung ein wenig beschleunigte. Das hatte ich vor jeder Präsentation. Egal, ob in der Schule oder in der Ausbildung. Doch auf Englisch hatte ich noch nie eine Selbstpräsentation gehalten. Dementsprechend fing ich sichtlich nervös an.

„Hallo, äh Hello. My name is Silas, but you can call me Siles. That is the English version.“ Ich hörte einige lachen. Der Joke kam Gott sei Dank an. Danke für den Gag, Richie. Ich lachte mit. Die Aufregung war verflogen. „I am twenty-one years young and I come from Germany. I work in a bank and finished my vocational training two weeks ago. I will stay four weeks. I think I will, I will … bereuen?“ Hilfesuchend schaute ich zu Jessi.

„Regret?“

„Yes, regret, thanks Jessi. I think I would regret if I missed the opportunity to travel to Namibia.“

„Single, tattoos or piercings?“

„I am single, and I did not find any tattoos or piercings on my body. But I will continue the search and inform you about the results. Thank you.“ Erleichtert schaute ich in die Runde.

„Thanks Siles. Good luck by searching.“ Dossie musste lachen. „Thank you, Newbies for your self presentation. I think all of you will have the time of your life here. You will experience a lot of things. Enjoy your stay. You can sit down. Oldies …“ Wir setzten uns zurück auf unsere Plätze. Jetzt waren die Oldies mit ihrer Selbstpräsentation dran. In ihren Gruppen traten sie einzeln nach vorne. Jede Gruppe hatte ihren eigenen Song, den sie wie ein Gospelchor performten, ehe sich danach jeder einzeln vorstellte und ein paar Sätze von sich erzählte. Es war wirklich interessant, von jedem etwas zu erfahren und zu hören. Vor allem Daniel und Alex, die gemeinsam in einer Gruppe waren, sorgten mit ihrer Selbstpräsentation für einige Lacher. Alex erzählte, dass er mehrere Intimpiercings besaß, worauf Daniel in seiner Präsentation verriet, dass er Alex sein Intimpiercing geschenkt hatte. Auch Joschkas Selbstpräsentation stach heraus. Sein Satz „I am taken“ wurde von vielen Mädchen mit einem „aww“ in Nathalies Richtung kommentiert, die darauf glücklich grinste. Nach allen Gruppen stellte sich dann noch Dossie mit ihren Kollegen vor.

„Eugene is my favourite animal here at Harnas“, sagte sie, der darauf ein bisschen rot wurde. Ich musste lachen. Bei den ganzen Leuten konnte die Zeit doch nur gut werden. Und bei diesem kleinen Affen auch. Ich streichelte Enrico am Kopf. Er saß vor mir auf seiner Decke und nuckelte an seiner Flasche. Mit jedem Streichelzug wurden seine Augen schwerer und schwerer, bis er schließlich im Sitzen einschlief. Gute dreißig Minuten und einen langen Fußmarsch mit Taschenlampe durch den Busch später tat ich es ihm unterm Moskitonetz in meinem Bett gleich. Nur ohne Windel und im Liegen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
547 s. 96 illüstrasyon
ISBN:
9783962298029
Yayıncı:
Telif hakkı:
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