Kitabı oku: «SoulPassion»

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SILKE NAUN-BATES

SoulPassion

Meine Seele ruft


SILKE NAUN-BATES

SoulPassion

Meine Seele ruft

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1. Auflage 2017

Originalausgabe

Copyright © 2017 Sheema Medien Verlag,

Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D - 83093 Antwort

Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, Fax: +49 (0)8053 – 7992953

http://www.sheema-verlag.de

Copyright © Silke Naun-Bates

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Ebook ISBN 978-3-931560-88-1

EPDF ISBN 978-3-931560-89-8

ISBN Buch-Ausgabe 978-3-931560-59-1

Coverabbildung & Foto im Innenteil: © Maik Wöll PhotoArt, Maik Wöll 2017

http://www.maik-woell-photoart.de

Umschlaggestaltung: Sheema Medien Verlag, Schmucker-digital

Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder

Druck und Bindung Buchausgabe: FINIDR, s.r.o., Český Těšín

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Dieses Buch dient keinem rechtlichen, medizinischen oder sonstigen berufsorientierten Zweck. Die hier gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer rechtlichen, medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten wenden. Autor und Verlag übernehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten.

Gewidmet

meinen Kindern

Samantha und Pascal.

Wartet auf Nichts. Lebt!

Folgt eurem Ruf. Ich bin da.

Immer. Für Euch.

Inhalt

Prolog

Die Marionettenspielerin – Akt 1

Meine Marionetten

Madame Eva

Der Richter

Die Eisprinzessin

Der Narr

Der Harlekin

Pandora

Die Diva

Rumpelstilzchen

Die Marionettenspielerin – Akt 2

Meine Marionetten im Glaskasten

Licht oder Schatten – entscheide dich!

Wiedersehen mit meinen Marionetten im Glaskasten

Alice

Goldmarie

Der Clown

Don Quijote

Angst oder Liebe?

Einladung ins Marionettentheater

Die Marionettenspielerin – Akt 3

Mein Verstand ist ein Jack Russel

Denk doch einfach positiv!

Ich lerne schwimmen

Ich erlebe, was ich fühle?

Der Knochendieb heißt Sinnlichkeit

Die Marionettenspielerin – Akt 4

Die vergessene Marionette im Glaskasten

Meine erste Gipfelerfahrung

Vergeben? Ich sicher nicht!

Vergebung braucht Zeit

Die Marionettenspielerin – Akt 5

Das Geheimnis wird gelüftet

Ich bin viele

… Und was ist meinen Bedürfnissen und Wünschen?!

Meine Marionetten, Jack Russel und ich

Zwischen Traum, Fiktion und Wirklichkeit

Vita

Was ein Mensch begehrt,

Wird niemals gestillt durch des Menschen Hand,

Erfüllung obliegt der Seele prächtigem Gewand.

Drum fürchte dich nicht,

Folge aufrecht und mutig ihrem Ruf,

Und werde, wozu dich das Leben erschuf.

Prolog

Du bist schön.

So unendlich schön

in deiner vielfältigen Einheit.

Für dich, für die Menschen, die dich umgeben, für die Menschen dieser Welt.

Für die Schutzlosen, Hoffnungslosen und Ausgebrannten. Für die mit dem Schicksal Hadernden. Für die Mutlosen und ewig Zweifelnden. Für die Engherzigen und Verurteilenden. Für die Fanatischen und Gewaltbereiten. Für die Helfenden und Vergessenen. Für die Kinder dieser Welt.

Wenn du dich sehen könntest, wie ich dich sehe, dich durch meine Augen betrachten könntest …

Ich sehe, wie unendlich schön du bist, ich sehe dein Strahlen, die Liebe, die du bist. Ich sehe deine Kraft, deine Stärke. Ich sehe dich aufrecht stehend, den Kopf erhoben, erfüllt von innerer Kraft und Stärke. Ich sehe ein souveränes und mutiges Wesen, kraftvoll und frei.

… Und an manchen Tagen möchte ich dich gerne einfach schütteln, schütteln, bis du aufwachst aus diesem Traum, dass du nicht sein kannst, wer du gerne sein möchtest, dass du nichts ändern kannst, dass du ein Opfer schwieriger Umstände bist, dass du die Welt nicht verändern kannst.

Ja, manchmal möchte ich dich einfach gerne schütteln …

Eines Tages wird dein Leben einen Sinn ergeben

und du wirst die Perfektion des Zufalls erkennen.

Die Marionettenspielerin

Akt 1

Mit einem lauten Knall schlägt sie die Tür hinter sich zu. Wieder einmal habe ich mich mit meiner 14-jährigen Tochter Sammy gestritten. Stets geht es um die gleichen Themen: Zimmer aufräumen, Schule, wann sie von der Party zu Hause sein soll, ihr, aus meiner Sicht, aufmüpfiges Verhalten mir gegenüber. Nach jedem Streit mit ihr fühle ich mich hilflos und Schuldgefühle plagen mich. Ich wollte es doch anders machen als meine Mutter, die in ihrer Hilflosigkeit rumschrie, Hausarrest verordnete, damit drohte, dass sie meine Schwester und mich in ein Heim stecken würde und die dann stundenlang einfach nicht mehr mit uns sprach. Und was mache ich? Ich verhalte mich genauso! Es fühlt sich an wie ein Albtraum, in dem ich gefangen bin und aus dem ich erst wieder aufwache, wenn Sammy die Tür zu ihrem Zimmer zuschlägt, dass die Wände wackeln. Dann erwache ich aus dieser Hypnose und fühle mich so unsagbar ohnmächtig. Tiefe Scham erfüllt mich: Wie kann ich nur auf diese Weise mit ihr umgehen, ihr solche Sätze an den Kopf werfen und ihr damit derart wehtun? So verhält sich eine Mutter einfach nicht! Meist verziehe ich mich danach ins Badezimmer, den einzigen Ort, an dem ich mich sicher fühle, wenn ich die Tür schließe, um meinen verzweifelten Tränen freien Lauf zu lassen. Ganz fest nehme ich mir danach, wie schon so oft, vor, dass ich beim nächsten Mal anders reagiere, und wünsche mir so sehr, dass mich jemand in den Arm nimmt, sanft wiegt und einfach nur sagt: „Alles wird gut, du wirst sehen.“

Begegnen wir uns nach so einem Streit das erste Mal wieder beginne ich mich für mein Verhalten zu rechtfertigen, zu entschuldigen oder darauf zu beharren, dass meine Handlungsweise vollkommen in Ordnung ist, da sie sich meinen Wünschen widersetzt. Und manchmal bin ich auch einfach zu stolz, um mich zu entschuldigen, oder fühle mich noch immer hilflos und versuche, diese Ohnmacht hinter meiner Wut zu verstecken. Diese Ohnmacht macht mich an manchen Tagen derart wütend, dass ich Angst habe, die Kontrolle über mich zu verlieren. Ein wenig erschrecke ich dann vor mir selber, weil ich erkenne, dass ich durchaus in der Lage wäre, einen Menschen, den ich liebe, nicht nur emotional, sondern auch körperlich zu verletzen, würde mich nicht dieses letzte Quäntchen Selbstbeherrschung zurückhalten. Wenn ich höre, dass Menschen in ihrer Wut und Hilflosigkeit einfach zuschlagen, frage ich mich, wie das geschehen kann, doch in diesen Momenten, meiner Ohnmacht ausgeliefert, kann ich es durchaus nachvollziehen. Das erschreckt mich zutiefst. Gott sei Dank hält mich das Erschrecken vor mir selber zurück, meiner Wut vollständig zu folgen. Doch, wie geht es Menschen, die erst nach ihrem rasenden Anfall wieder aufwachen und erkennen, was sie angerichtet haben?

Wie auch immer ich nach solchen Situationen reagiere, ist im Grunde einerlei, nur eines ist sicher: Diese immer wiederkehrenden Konflikte sind anstrengend und rauben mir meine Kraft. Zumal mein Leben nicht nur aus dem Zusammensein mit meiner Tochter besteht, sondern noch eine Vielzahl an weiteren Herausforderungen für mich bereithält, wie die angespannte finanzielle Situation, den zermürbenden Kampf um Harmonie mit meiner Mutter, die Sehnsucht nach einem Seelenpartner, um nur einige zu nennen. Auch mache ich mir Sorgen darüber, wie mein Verhalten gegenüber meiner Tochter Sammy sich auf ihren jüngeren Bruder Pascal auswirkt. Hat er in diesen Situationen Angst vor mir? Versteckt er sich? Ist er wütend auf mich, auf uns? Was geht in ihm vor? Mit diesen Fragen wächst mein Scham- und Schuldgefühl zu einem riesigen Monster heran, dem ich nicht gewachsen bin, und am liebsten würde ich mich in einer einsamen Höhle verkriechen, um nichts mehr sehen, hören und vor allem fühlen zu müssen. Es gibt Tage, da bin ich hin- und hergerissen zwischen meinen eigenen Erwartungen, den Erwartungen anderer Menschen an mich und meine Kinder und den moralischen Erwartungen der Gesellschaft. Dann überkommen mich Zweifel, ob ich all dem jemals gerecht werden kann, und ich schaue neidisch auf die Menschen, die aus meiner Sicht all das haben, was mir fehlt: einen liebevollen, unterstützenden Partner, finanzielle Sicherheit, ein harmonisches Familienleben, einen Job, der ihnen Freude bereitet. Sie können es sich erlauben, in den Urlaub zu fahren, die Welt zu erkunden, haben ein schönes Heim und Pläne für die Zukunft. Ihr Äußeres ist stets makellos, ihre Kinder sind wohlgeraten und ihr einziges Problem scheint im Unverständnis gegenüber Menschen zu liegen, die nicht wie sie so ein perfektes Leben haben. Wenn ich sie beim Einkaufen oder an einem anderen Ort mit ihrem süffisanten Tonfall darüber sprechen höre, macht sich in mir ein Gefühl von Scham breit, weil ich es einfach nicht schaffe, mein Leben so perfekt zu gestalten.

Sicher, es gibt auch schöne, helle Momente, vor allem mit meinen Kindern und Freunden, doch diese wirken im Vergleich zu den anderen sehr blass und sind von wesentlich kürzerer Dauer.

In den wenigen Stunden, in denen ich mit mir alleine bin, habe ich oft den Eindruck, ich wäre Teil eines mysteriösen Marionettentheaters, welches seinen unwirklichen Zauber über mich ausbreitet und mich in sein Theaterstück hineinzieht. Vielleicht sollte ich dieses Theater einmal näher betrachten. Nur wie? Eine Erinnerung aus vergangenen Zeiten taucht auf. Ich sehe mich als Kind, eingetaucht in die Welt meiner Fantasie. Ja, als Kind war mir die Welt der inneren Bilder sehr vertraut. Vielleicht sollte ich einfach versuchen, mir vorzustellen, wie die Marionetten aussehen könnten, wie sie ihr Bühnenbild gestalten und welche Aufführung sie für mich inszenieren. Am besten, wenn Sammy und Pascal bei ihrem Vater sind. Dann habe ich Ruhe und genügend Zeit. Mein Bauch fängt an zu kribbeln. Ich kann es kaum erwarten, diesem mysteriösen Gefühl auf die Spur zu kommen.

Meine Marionetten

Es ist Freitagabend, Sammy und Pascal sind gut gelaunt ins „Papa-Wochenende“ aufgebrochen und ich freue mich, dass ich bis Sonntagabend Zeit habe, mich meinem Marionettentheater zu widmen. Ich mache es mir auf der Couch gemütlich und bin gespannt, ob und was sich mir zeigen wird. Als Kind habe ich es geliebt, in meine innere Welt zu reisen und sie lebendig werden zu lassen. Wie oft sind meine Freunde und ich in Rollen geschlüpft, oft inspiriert durch unsere damaligen Helden, wie Winnetou und Peter Pan. Wir spielten unsere Rollen mit Hingabe und Leidenschaft und vergaßen, wer wir wirklich waren. Selbst in meinen Träumen begleiteten mich unsere spielerischen Aufführungen. Wie oft war ich Winnetou, gefesselt an einem Marterpfahl, bis mein bester Freund Old Shatterhand mich rettete, oder konnte fliegen wie Peter Pan. Mein Herz fängt an zu rumoren, so, als ob etwas aufbricht, und zwei Tränen bahnen sich ihren Weg. Tränen der Erinnerung und Sehnsucht. Sehnsucht, die mich ruft und lockt, mich bittet, einzutauchen in meine vergessene Welt.

Kann ich das heute noch, obwohl ich es so viele Jahre nicht mehr gemacht habe? Wieso eigentlich? Weil Erwachsensein bedeutet, den Ernst des Lebens zu erkennen? „Das Leben ist kein Ponyhof!“ „Hör auf zu träumen und stell dich der Wirklichkeit!“ „Zum Spielen ist die Kindheit da!“ Hat mein Leben dadurch seinen Glanz und sein Strahlen verloren? Die Leidenschaft und Begeisterung? War das der Grund, wieso ich nicht mehr träumen kann, meine Leichtigkeit und Verspieltheit verloren habe? Dass ich mich getrennt von allem fühle? Als Kind war ich mit allem verbunden, was mir begegnete: mit Menschen, Tieren, Bäumen, Pflanzen, den Wolken, dem Regen, der Sonne. Habe ich meinen Schlüssel zur Magie des Lebens einfach fallen lassen und vergessen, ihn wieder aufzunehmen, weil die äußere Welt wichtiger wurde als die innere? Meine Augen werden feucht. Traurigkeit und Wehmut bahnen sich ihren Weg über meine Wangen. Ich fühle mich, als ob ich das Wertvollste, was es in meinem Leben gab, einfach aufgegeben hatte. Nicht wissend um den Preis, den es mich kosten würde. Ich habe mein Kindsein verloren, meine kindliche, fröhliche Begeisterung und Neugier durch Wissen und Fakten ersetzt. Was hat es mir gebracht? Anstrengung, Schmerz, Kampf, Gefühllosigkeit. Ein Leben, gestaltet wie eine unendliche To-do-Liste in einem tristen Grau. Nur unterbrochen durch das Aufblitzen flüchtiger, farbiger Momente, die viel zu schnell vergehen. Mein Gott, was habe ich getan? Ich weine, bis mein Herz sich beruhigt und Wehmut, Traurigkeit und diese lockende Sehnsucht sich in sanfte Stille verwandeln. Überrascht und verwundert öffne ich meine Augen. Was war denn das? Woher kamen all diese Gedanken und Gefühle? Ich wollte doch nur meinem Eindruck, dass mein Leben manchmal einem Marionettentheater gleicht, auf die Spur kommen. Im Moment fühle ich mich jedoch eher, als hätte ich den Schlüssel zu einer vergessenen und mir verborgenen Welt gefunden. Ich fühle mich zarter, weicher und auch verletzbarer. Es fühlt sich sonderbar an. Ungewohnt. Ich atme tief ein, so, als ob ich diesen neuen Zustand in mich aufnehmen möchte. Das ist verrückt und unendlich schön.

Noch einmal nehme ich einen tiefen Atemzug, schließe meine Augen und versuche, mir mein Theater vorzustellen. Es fühlt sich seltsam an, meine innere Welt nach so langer Zeit zu betreten. Langsam formt sich vor meinem geistigen Auge ein Raum, eingehüllt in einen dichten grauen Schleier. Ich schaue genauer hin. Nein, das ist kein Schleier. Das ist eine dicke, fette Staubschicht. Kein Wunder, es ist sicher schon über zwanzig Jahre her, seit ich das letzte Mal hier war. Ich hole tief Luft, puste kräftig und finde mich hustend und spuckend in einer gigantischen Fusselwolke wieder. Es wird Zeit, gründlich sauber zu machen. Mit einem überdimensionalen Staubwedel bewaffnet mache ich mich ans Werk. Was für eine Freude! Ich kann es noch. Peter Pan und Winnetou leben. Wie sehr ich dieses Spiel vermisst habe, wird mir erst jetzt richtig bewusst. Mit steigender Begeisterung befreie ich das Theater von seiner Staubschicht, bis es vor Glanz erstrahlt. Fröhlich blicke ich mich um. Auf den ersten Blick sieht es ziemlich unspektakulär aus: ein Zuschauerraum, eine Bühne aus Holz mit einem purpurroten Vorhang. Die Wand der Bühne, die wohl das Bühnenbild darstellen soll, ist dunkel und leer. Über der Bühne hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Mein Marionettentheater“. Etwas fantastischer habe ich mir das schon vorgestellt. Ein wenig enttäuscht von der Einfachheit meines Theaters frage ich mich, ob es hier auch Marionetten gibt. Kaum zu Ende gedacht, färbt sich die dunkle und leere Wand in ein strahlendes Weiß und der Raum erwacht zum Leben. Staunend beobachte ich, wie Marionetten von oben auf die Holzbretter gleiten und beginnen ein Stück aufzuführen. Es sieht fantastisch aus. Welches Schauspiel sie darstellen, kann ich nicht erkennen, doch ich spüre die Begeisterung und Leidenschaft, mit der die Marionetten ihr Spiel vortragen. Sie spielen so virtuos und perfekt, mit vollendeter Hingabe, dass ich mich in ihrem Anblick verliere. Plötzlich beenden sie ihr Spiel und stellen sich nebeneinander auf. Nacheinander zieht jede der Marionetten eine Karte aus ihrer Kleidung hervor und hält sie mir entgegen. Stolz schauen sie mich an. Ihre Karten scheinen beschriftet zu sein. Mit zugekniffenen Augen versuche ich die Buchstaben zu entziffern, doch die Karten sind zu weit weg. Ich beginne die Marionetten zu zählen. Zwölf Augenpaare blicken mich herausfordernd an, als wollten sie sagen: „Komm, trau dich und spiele mit uns!“ Wie sie so erhobenen Hauptes und prachtvoll gekleidet auf der Bühne stehen, wirken sie sehr mächtig auf mich. Ein flaues Gefühl breitet sich in meiner Magengrube aus. Die Vorstellung, mit zwölf Marionetten gleichzeitig zu spielen, überfordert mich, doch vielleicht ist es möglich, jede einzeln kennenzulernen. Beeindruckt schaue ich mir jede Marionette genau an. Sie scheinen meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu genießen. Ich beschließe, mir Zeit zu nehmen und mich jeder Marionette einzeln zu widmen. Als mein Beschluss feststeht, verneigen sich die Marionetten vor mir, stecken ihre Karten zurück in ihre Kleidung und verlassen die Bühne. Die Wand wird dunkel und Stille umfängt mich.

Meine Augen öffnend denke ich, dass das Kennenlernen von zwölf Marionetten etwas dauern und eventuell auch etwas ungemütlich werden kann. Will ich das wirklich? Ja, ich will! Was habe ich schon zu verlieren, außer, dass ich weniger Zeit mit Brüten darüber verbringe, wie ich mein Leben in den Griff bekomme, oder mir die Zeit mit Fernsehschauen vertreibe?

Wohlig kuschle ich mich in meine Decke ein und freue mich auf das erneute Eintauchen in meine innere Welt. Das Schöne an inneren Reisen ist, dass Zeit ihre Bedeutung verliert. Wie oft hatte ich als Kind den Eindruck, stundenlang geträumt zu haben, dabei waren es nur Minuten. Es erschreckt mich, als mir erneut klar wird, wie sehr ich mein Leben in den letzten Jahren verplant hatte. Fast so, als wären Termine, To-do-Listen und Planung Gradmesser dafür, wie wertvoll und wichtig ich bin. Je mehr Termine und Ziele, desto wichtiger und wertvoller bin ich. Immer am Tun – und die Momente, in denen es nichts zu tun gibt, werden mit Fernsehschauen, Internet und Informationen von anderen Menschen gefüllt. Vielleicht ist das der Grund, wieso ich mich manchmal, selbst inmitten von Menschen, so verloren fühle.

Aufgeregt betrete ich wieder die Bühne meines frisch geputzten Marionettentheaters. Ob sich wohl eine der Marionetten zeigen wird? Und was das mit den Karten auf sich hat, möchte ich auch zu gerne wissen! Da sich nichts tut, setze ich mich in den Zuschauerraum. Kaum habe ich Platz genommen, verwandelt sich das Bühnenbild in einen leeren Ballsaal majestätischer Pracht mit strahlenden Kronleuchtern. Musik aus einer vergangenen Welt erklingt. Ein sanftes Vibrieren erfüllt das Theater, als aus dem Nichts eine königlich gekleidete Marionette mit einer venezianischen Augenmaske auf der Bühne erscheint. Von ihrer Schönheit berauscht sitze ich mit offenem Mund auf meinem Stuhl und starre sie an. Sie kommt auf mich zu und präsentiert mir mit einem formvollendeten Hofknicks ihre geheimnisvolle Karte. Die Musik verstummt.

Neugierig lese ich, was auf der Karte geschrieben steht:

Madame Eva

Künstlername: Madame Eva

Ursprünglicher Name: Scham

Genre: Drama

Kleidungsstil: majestätisch prachtvoll

Besonderes Merkmal: venezianische Maske

Während ich lese, fällt mir ein, woran mich diese Karte erinnert: Schauspieler und Models haben ähnliche Karten. Sie werden „Setkarten“ genannt und stellen eine Art Visitenkarte dar. Ganz werde ich aus der Beschreibung nicht schlau. Ursprungsname Scham. Was das wohl bedeuten soll? Unruhe beginnt sich in mir auszubreiten. Bevor ich mir Gedanken machen kann, verbeugt sich Madame Eva mit einem Hofknicks vor mir. Der Ballsaal auf der Bühnenleinwand beginnt lebendig zu werden. Menschen in farbenprächtigen, pompösen Kostümen, ihre Gesichter hinter filigranen Masken verborgen, bewegen sich anmutig tanzend auf dem spiegelnden Tanzboden. Ihr Tanz wirkt auf mich geheimnisvoll und mystisch. Madame Eva schaut mich durch ihre verzierte Augenmaske durchdringend an, kommt auf mich zu und zieht mich mit schlangenähnlichen, hypnotischen Bewegungen auf die Tanzfläche. Im Licht des glitzernden Kronleuchters erkenne ich mein kostümiertes Spiegelbild im glänzenden Boden. Zum Takt der betörenden Musik passen sich unsere Bewegungen dem Rhythmus der anderen tanzenden Paare an. Anmutig bewegt sich Madame Eva mit mir über die Tanzfläche, bis es langsam immer dunkler um uns herum wird und die Töne der Musik verklingen. Im tiefschwarzen Dunkel beginnt Madame Eva mein farbenprächtiges Kostüm zu öffnen und mich zu entkleiden. Sanft gleitet meine Kleidung zu Boden, bis ich nur noch mit meiner Maske bedeckt im Raum stehe. Ruhig steht sie vor mir, schaut mir in die Augen und mit einer einzigen Handbewegung löst sie die Maske von meinem Gesicht. Wie in Zeitlupe fällt mein letzter Schutz zu Boden und ich stehe vollkommen entblößt auf der tiefdunklen Tanzfläche. „Gott sei Dank ist es so dunkel, dann sieht mich keiner in meiner Nacktheit“, kann ich gerade noch denken, als Madame Eva zweimal mit den Fingern schnippt und der Ballsaal in strahlend, gleißendes Licht getaucht wird.

Ein Blick genügt, um zu erkennen, dass all die vorher noch tanzenden Menschen mich stocksteif und schockiert durch ihre Masken anstarren. Jeder Blick ein Dolchstoß mitten in mein Herz. Weinend versuche ich meine Blöße zu bedecken. „Lieber Gott, lass mich im Erdboden versinken!“, bete ich verzweifelt schluchzend. Mein Flehen nützt nichts. Statt sich aufzutun, verwandelt sich der Boden in ein virtuelles Fotoalbum. Bilder und Worte, die ich am liebsten für immer und ewig vergessen wollte, springen mir entgegen. Meine Kehle schnürt sich zu, ich schnappe nach Luft und versuche wegzurennen, doch meine Beine sind wie festgenagelt. Ein Beben fährt durch den Raum, der Boden öffnet sich und ich falle schreiend mitsamt den Bildern und Worten in einen morastig dunklen Sumpf. Wild strampelnd versuche ich, meinen Kopf oben zu halten, doch je stärker ich gegen das Ertrinken ankämpfe, desto tiefer sinke ich. Ich drohe zu ersticken. Zu ersticken an diesen Bildern und Worten, für die ich mich so sehr schäme. Plötzlich verwandelt sich der schleimige, übel riechende Morast in eine eklige, klebende Gestalt. Über und über mit Schlamm und Morast bedeckt, hält sie mich in ihren Armen und beginnt mit mir zu tanzen. Wir drehen uns immer schneller und schneller. Mir wird schlecht und ich muss mich übergeben. Das klebrige Monster lässt mich los und ich lande unsanft auf dem Boden meiner eigenen Übelkeit. Von oben bis unten besudelt und schmutzig.

Wie ein Häufchen Elend liege ich dort. Madame Eva steht in ihrer majestätischen Haltung vor mir, schaut mich mit strafenden Blick an und hält mir nachdrücklich ihre Karte vor die Nase, damit ich sie auch sicher nicht vergesse, verbeugt sich mit einem formvollendeten Hofknicks und verabschiedet sich von der Bühne.

Benommen von Madame Evas eindrücklichem Schauspiel beginne ich zu erkennen, wie sie ihre Wirkung in alltäglichen Situationen entfaltet, ohne dass ich mir dessen auch nur im Geringsten bewusst bin. Es gibt so viele Erinnerungen in meinen Leben, derer ich mich in meinem Innersten zutiefst schäme. Manche Dinge sind im Grunde Kleinigkeiten, andere wiegen schwerer: Momente, in denen ich gelogen habe, um möglichen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen, Fehler, die ich nicht eingestanden oder sogar auf andere Menschen geschoben habe, Nächte, in denen ich zu viel Alkohol trank und meinen Körper verschenkte, nur für ein klein wenig Zuneigung, Augenblicke, in denen ich lieber wegschaute, als etwas zu unternehmen, obwohl Hilfe vonnöten war, Situationen, in denen ich mich nicht unter Kontrolle hatte und meine Kinder anschrie …

Die Scham über all das sorgt dafür, dass ich mich hinter einer Maske verstecke, damit keiner erkennt, wie ich wirklich bin. Sollte nur ein Mensch herausfinden, wie verabscheuungswürdig ich mich verhalten habe, wird er es weitererzählen und alle werden sich von mir abwenden. Wer will schon mit einem Menschen wie mir zusammen sein? Also trage ich die Maske und spiele die schöne Tänzerin. Makellos und rein. Beim genaueren Betrachten wird mir klar, dass wohl kein Mensch „fehlerfrei“ ist und deswegen sehr viele Menschen Masken und schöne Ballkleidung tragen, doch das hilft mir im Moment auch nicht wirklich weiter. Zumindest hat das Schauspiel der als Madame Eva verkleideten Scham bewirkt, dass ich mir ihrer Anwesenheit bewusster werde und ihr Wirken im Alltag erkennen kann.

Der Richter

Die nächste Marionette, die sich mir vorstellt, trägt eine tiefschwarze Robe mit einer übergroßen Kapuze. Ihre gesamte Gestalt wirkt groß und übermächtig. Bevor sie mir ihre Karte zum Lesen überreicht, gibt sie mir zu verstehen, dass ich mich vor ihr niederknien und meinen Blick senken soll. Ihre imposante, dunkle Erscheinung wirkt so furchteinflößend, dass ich ihrer Anweisung, ohne zu fragen, folge. Sie greift in ihre Robe, zieht ihre Karte hervor und wirft sie vor mir auf den Boden. Zögerlich lese ich, was dort geschrieben steht:

Künstlername: Richter

Ursprünglicher Name: Schuld

Genre: schwarzes Drama

Kleidungsstil: tiefschwarze Robe mit übergroßer Kapuze

Besonderes Merkmal: riesige Gestalt, ausgestreckter Zeigefinger, neunschwänzige Peitsche

Angst überfällt mich. Reicht es nicht, dass sich mir beim bloßen Anblick bereits die Nackenhaare sträuben? Braucht sie jetzt wirklich noch eine neunschwänzige Peitsche, um ihrer Macht Ausdruck zu verleihen? In mir verkrampft sich alles. Mit gesenktem Blick hebe ich die Karte vom Boden auf und reiche sie ihr mit zittrigen Händen. Aufzuschauen getraue ich mich nicht, so machtvoll und beängstigend ist ihre Erscheinung.

Meine unterwürfige Haltung scheint sie gnädiger zu stimmen. Sie lässt sich herab und reicht mir die Hand, um aufzustehen. Mit einer harschen Kopfbewegung fordert sie mich auf, ihr zu folgen. Ich versuche, mein Zittern unter Kontrolle zu halten, und folge ihr in gebührendem Abstand. Auf einer Lichtung inmitten eines dunklen Waldes bleibt sie stehen. Am Ende der Lichtung kann ich die verwitterten Reste einer uralten Kirche erkennen, in deren Mitte ein steinerner Altar aus grauer Vorzeit thront. Der Waldboden ist mit feuchten Blättern bedeckt. Es ist Herbst und erste Nebelschwaden ziehen auf. Ein eisiger Wind weht über die Lichtung, verfängt sich in meinen Haaren und beginnt, mit ihnen zu spielen. Mit einem düsteren Blick gibt mir die Marionette zu verstehen, dass ich hier stehen bleiben soll, während sie weitergeht und hinter dem Altar ihren Platz einnimmt. Die große, schwarze Kapuze ihrer Robe wirft Schatten auf ihr Gesicht, was sie noch furchteinflößender erscheinen lässt. Mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger zwingt sie mich, vor sie zu treten. Wie durch ein unsichtbares Band verbunden zieht sie mich näher und näher zu sich heran, bis ich direkt vor dem Altar zu stehen komme. Ihr durchdringender, stechender Blick findet seinen Weg in mein Innerstes und lässt mich erstarren. Ich sinke wieder auf die Knie und erst jetzt entdecke ich, dass sie in der anderen Hand eine neunschwänzige Peitsche hält. Vor Angst fange ich an zu beben. Mit erhobenem Zeigefinger, in der anderen Hand die neunschwänzige Peitsche haltend, donnert ihre mächtige Stimme auf mich herab: „Du bist schuld! Schuldig! Schuldig! Schuldig! Im Namen aller Völker, im Namen aller Götter – du bist schuldig!!“

Jedes „Schuldig!“ ein Peitschenhieb, bis ich zerfetzt und blutig am Boden liege. Klein und wertlos. Abfall, der des Wegtragens nicht wert ist.

Die Marionette tritt hinter dem Altar hervor, beugt sich zu mir nieder und fragt mich mit vor Sarkasmus tropfender Stimme, ob ich ihre Karte nochmals sehen möchte. Kopfschüttelnd lehne ich ihr Angebot ab. Ihre Vorstellung war einprägsam genug.

Ruhig bleibe ich liegen und warte, bis das Schauspiel an Kraft verliert. Das ist ja eindrucksvoller als ein Psychothriller. Die peitschenden Worte „Du bist schuldig!“, hallen in mir nach. „Ich bin schuldig! Ich bin schuldig!“ Immer wieder sage ich diese Worte zu mir, bis sie sich in Tränen auflösen. „Oh Gott, ich fühle mich so verdammt wertlos. Ich habe es nicht verdient zu leben – und schon gar nicht zu lachen oder gar zu lieben. Nimm mich einfach fort von hier!“ Als ich diese Worte laut zu mir selber spreche, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Deswegen kann ich also niemals wirklich frei lachen, tanzen und singen! Wer schuldig ist, darf das nicht! Erneut fließt ein Tränenstrom aus mir heraus. Mit tropfender und schniefender Nase frage ich mich, ob das Wirken der Schuld vielleicht auch der Grund sein kann, wieso ich immer Partner wähle, die mich mit Nichtachtung strafen, mich schlagen oder betrügen? Das wäre verrückt. Doch, wieso heißt es denn „Schulden machen“ und nicht einfach „Leihgabe“? Es wäre doch möglich, dass dieses Schuldgefühl in mir dafür sorgt, dass ich in meinem Alltag nicht vergesse, wie unwürdig ich bin. Wenn ich mich tief in mir drin so schuldig fühle, habe ich es doch nicht anders verdient. Wenn ich mich selbst als wertlos, als Abfall empfinde, wie kann ich dann etwas Gutes, Wahres und Schönes überhaupt annehmen? Vielleicht habe ich deswegen die Männer, die mich wirklich auf Händen getragen hätten, abgelehnt und immer wieder Schulden gemacht, wenn ich kurzzeitig „frei von Schulden“ war. War die Schuld eventuell auch für meinen Perfektionsanspruch, den ich an meine Kinder und mich stellte, verantwortlich?

Oh, Himmel hilf! Wie soll ich mich denn unschuldig fühlen, wenn ich doch so viel Schuld auf mich geladen habe? Ich bin schuld daran, dass die Ehe meiner Eltern auseinanderging, dass meine Schwester in ihrer Kindheit so lange Zeit auf ihre Mutter verzichten musste und hin- und hergeschoben wurde, vielleicht war das Miterleben des Unfalles und die Zeit danach auch der Grund für ihren frühen Tod. Ich trage Schuld daran, dass meine Mutter begann, ihr Heil im Alkohol zu suchen. Schuldig fühle ich mich auch, weil ich meine Tochter und später auch meinen Sohn so früh in die Tagesbetreuung abgab, um wieder arbeiten zu gehen – und noch so viele andere Dinge.

Während ich mich an all die Situationen und Erlebnisse erinnere, erkenne ich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Marionetten „der Richter“ und „Madame Eva“. Sie scheinen miteinander zusammenzuhängen, nur, dass das Wirken der Schuld sich auf einzelne Personen bezieht und die Scham dafür sorgt, dass ich aus der Allgemeinheit ausgestoßen werde, wenn all meine Verfehlungen ans Tageslicht kommen. Wie verworren das ist – und doch habe ich den Eindruck, dass sich in mir etwas zu klären beginnt. Mir fällt ein Satz ein, den Jesus gesagt haben soll: „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Es tut gut, sich zu erinnern, dass Schuld bereits vor Tausenden von Jahren ein Thema war und ich nicht die Erste bin, die sich damit rumschlägt, auch wenn mir dieses Wissen jetzt nicht hilft, mich unschuldig zu fühlen.

Langsam werde ich ruhig. Ich stehe auf und hole mir etwas zu trinken. Während ich in die Küche gehe, werfe ich im Vorübergehen einen Blick in den Flurspiegel. Vom Weinen gerötete Augen, die Haare zerzaust – nur gut, dass ich heute keinen Besuch mehr erwarte. Mit einer Tasse Tee bewaffnet begebe ich mich wieder ins Wohnzimmer. Soll ich mir die nächste Marionette anschauen oder reicht es für heute? Ich mache weiter, wer weiß, was morgen ist, und ausschlafen kann ich auch. Langsam trinke ich meinen Tee. Die Wärme fühlt sich gut an. Eingekuschelt in meiner Decke bin ich bereit, der nächsten Marionette meines eindrucksvollen Marionettentheaters gegenüberzutreten.

Die Eisprinzessin

Eine kühle Schönheit in einem eisblauen Prinzessinnenkleid erwartet mich bereits. Ihre tiefschwarzen, langen Haare hat sie streng nach hinten geflochten. Huldvoll und distanziert zieht sie ihre Karte aus ihrem Kleid und reicht sie mir. Mit gebührender Hochachtung lese ich, was auf der Karte steht:

Künstlername: Eisprinzessin

Ursprünglicher Name: Stolz

Genre: Tragikomödie

Kleidungsstil: eisblaues Prinzessinnenkleid

Besonderes Merkmal: hoch zu Ross, distanziert, arrogant

Als ich einen Schritt auf sie zugehe, um ihr die Karte zurückzugeben, weicht sie erschrocken zurück. Vielleicht hat sie Bedenken, dass ich ihr prachtvolles Prinzessinnenkleid beschmutze. Sie weiß sicher, was ich mit Madame Eva und dem Richter erlebt habe. Geziert streckt sie mir ihre Hand entgegen und ich lege ihre Karte hinein. Ohne ein Wort oder eine Geste, die mich erkennen lässt, was sie vorhat, verlässt sie die Bühne. Ich schaue mich ein wenig um und entdecke eine Bank. Wenn ich schon warten muss, kann ich dies auch auf bequeme Weise tun. Auf der Bank sitzend schaue ich mir das Bühnenbild der Eisprinzessin genauer an. Sie hat sich eine bezaubernde Winterlandschaft ausgesucht. Ich sehe glitzernden Schnee, Eiszapfen, die von Bäumen hängen, Kinder, mit ihren Schlitten fahrend, Hunde, die im Schnee tollen, spazierende Menschen, welche die kühle, frische Luft genießen, warm eingemummelt und mit dampfendem Atem. Etwas verloren schaue ich dem bunten Treiben zu. Nur zu gerne würde ich mitmachen, anstatt einsam und alleine hier auf der Bank zu sitzen. Von hinten dringt leises Hufgeklapper an mein Ohr. Ich drehe mich um. Ein edles, weiß schimmerndes Ross, auf dessen Rücken die schöne Eisprinzessin in ihrem eisblauen Kleid sitzt, reitet auf mich zu. Einen eleganten Bogen um die Bank schlagend kommt sie mit ihrem Pferd vor mir zum Stehen. Kühl und herablassend schaut sie mich an, während sie mir ihre Hand reicht. Ich ergreife sie und ihre Berührung lässt mich erzittern: Sie ist eisig kalt und hart wie Stahl. Ich spüre, wie sich ihre Kälte über meine Finger in meinem gesamten Körper ausbreitet. Sie zieht mich hinter sich auf den Rücken ihres Rosses und reitet mit mir in die weite Winterlandschaft. Über ihre Schulter schauend erkenne ich in der Ferne ein Schloss aus glitzernden, funkelnden Eiskristallen. Wunderschön anzuschauen und doch so kalt. Als wir am Schloss ankommen, fordert sie mich auf abzusteigen. Sie steigt nach mir ab und stolziert Richtung Tor. Ich folge ihr. Mein Blick geht nach oben zum Torbogen. Messerscharfe Eiszapfen hängen herab und ich spüre die kühle Bedrohung, die von ihnen ausgeht, als wir hindurchschreiten. Angekommen im Schlosshof fordert mich die Eisprinzessin auf, ihr ins Innere zu folgen. Ich trete ein und ein kühler Hauch von Einsamkeit streift mein Herz. Die Eisprinzessin öffnet die Tür zu einem Raum, der nur aus einem einzigen, glänzenden Spiegel besteht. Sie nimmt mich mit in die Mitte des Raumes und stellt mich auf ein Podest aus Eis. Das Podest beginnt sich zu drehen und ich spüre, wie jede Zelle meines Körpers zu Eis erstarrt. Mein Herz pocht und ich sehe im Spiegel, wie sein leuchtendes Rot sich in kristallklares Blau verwandelt und es zu Eis erstarrt. Als das Eispodest sein Werk vollendet hat, kommt die Eisprinzessin auf mich zu und dreht eine Pirouette. Dann zeigt sie auf mich. Mich um mich selbst drehend bewundert sie ihr Meisterwerk. Immer schneller und schneller drehe ich mich um meine eigene Achse, bis ein klirrendes Lachen erklingt. Ich blicke in den Spiegel: Eine Rüstung aus stahlhartem, glitzerndem Eis und ein kristallharter Blick treffen sich im eisig kalten Niemandsland.

Zufrieden mit ihrem Werk gibt sie mir ein Zeichen, vom Podest zu steigen. Sie kommt auf mich zu, stellt sich vor mich hin, zieht erneut ihre Karte hervor und streckt sie mir huldvoll und mit stolzem Blick entgegen. Sie ist sich sicher, dass ich sie nicht vergessen werde.

Das Aufwachen aus dem Bühnenschauspiel der Eisprinzessin fällt mir schwer. Mir ist wirklich kalt geworden und ich drehe die Heizung hoch. Brrrrr, was für ein kaltes und einsames Leben! Was wollte sie mir damit zeigen? Stolz auf etwas zu sein, was ich erreicht habe, oder der Stolz auf meine Kinder, ist daran etwas nicht in Ordnung? So ganz verstehe ich ihren Auftritt nicht. Noch am nachdenklichen Erkunden der Botschaft klingelt das Telefon. Mein Vater ist am anderen Ende und versucht mich auf seine sanfte Art zu überzeugen, einen Schritt auf meine Mutter zuzugehen, mit der ich bereits seit Wochen keinen Kontakt habe. Wir hatten uns wieder einmal gestritten und ich sehe überhaupt nicht ein, wieso ICH jetzt wieder den ersten Schritt machen soll. Sie war jetzt mal dran! Ende der Diskussion. Mein Vater hört schweigend zu und sagt dann mit seiner ruhigen Stimme: „Silke, leg doch mal deinen Stolz beiseite und betrachte die Situation noch einmal neu.“ „Nein, das werde ich nicht. Ich habe keine Lust ihr jedes Mal hinterherzurennen und immer den ersten Schritt zu machen!“, antworte ich. Wir beenden unser Gespräch und in dem Moment, als ich den Hörer auf die Station zurücklege, stutze ich: Was hatte er gesagt? Leg deinen Stolz beiseite? Wie kommt er denn auf so was? Ist das etwa Stolz, wenn alle Fakten für mich sprechen und ich mich deswegen weigere, einen Schritt auf sie zuzugehen? Gelinde ausgedrückt bin ich gerade etwas verwirrt. Mir schwirrt der Satz durch den Kopf: „Dabei wird dir schon kein Zacken aus der Krone brechen“ und ich sehe die Eisprinzessin vor meinem inneren Auge auftauchen, die einsam in ihrem kühlen, schönen Schloss lebt. In mir tauchen Bilder auf, die mich daran erinnern, dass ich mich auch schwertat, nach einem Konflikt auf meine Tochter zuzugehen, wenn ich der Ansicht war, dass es an ihr war, den ersten Schritt zu machen. Dann kann es Tage dauern, bis wir wieder miteinander sprechen. „Falscher Stolz“, schießt es durch meinen Kopf. Ja, anscheinend gibt es wirklich so etwas wie „richtigen“ und „falschen“ Stolz. Falscher Stolz scheint eher etwas zu sein, was mit Angst zu tun hat. Angst, etwas zu verlieren vielleicht. Nur was? Was würde ich verlieren, wenn ich auf meine Mutter zuginge? Meinen Stolz. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Was geschieht, wenn ich meinen Stolz aufgebe? Ich werde verletzt. Der Eispanzer ist mein Schutz vor Verletzungen. Dann muss ich ihn behalten. Nicht nur, weil meine Mutter die Macht hat, mich mit ihren Worten zu verletzen, sondern auch, weil das Leben immer wieder die Gefahr birgt, verletzt zu werden. So betrachtet ist der „falsche“ Stolz doch gut, oder nicht? Ich bin verwirrt. Wenn ich diesen Schutz loslasse, ist das so, als wenn ich mich sehenden Auges auf ein Nagelbrett fallen lassen. Da ich kein Fakir bin, werden sich die Nägel in meinen Körper bohren und mich schwer verletzen. Nein, nein, das mache ich auf keinen Fall. Wenn ich zwischen Eispalast und Verletzungen wählen muss, dann entscheide ich mich für den Eispalast. Der tut wenigsten nicht so weh.

Ich beschließe, dass es für heute genug mit meinen Besuchen im Marionettentheater ist, und gehe ins Bett. Einfach nur schlafen, das ist alles, was ich im Moment noch möchte.

Eine tiefe, traumlose Nacht hat dafür gesorgt, dass ich am nächsten Tag entspannt aufwache. Heute habe ich den ganzen Tag Zeit, mich meinen Marionetten zu widmen. Auch wenn die Erlebnisse mit den ersten drei Marionetten aufwühlend waren, so freue ich mich doch auf weitere Begegnungen. Ihre Aufführungen sind spannend und passen zu meinen Erlebnissen, sogar dann, wenn ich ihre Botschaften noch nicht vollkommen begreife.

Nachdem ich geduscht und gefrühstückt habe, mache ich es mir wieder auf meiner Couch gemütlich. Ich muss schmunzeln. Wenn jemand wüsste, wie ich mein Wochenende verbringe, würde ich wahrscheinlich für verrückt erklärt werden. Mit einem Grinsen auf den Wangen und gespannt, wen ich als Nächstes kennenlerne, schließe ich meine Augen und stelle mir mein Marionettentheater vor.

Der Narr

Als ich die Bühne betrete, wechselt die Bühnenleinwand ihr Bild. Vor meinen Augen erscheint ein türkisches Bad in blauen und türkisfarbenen Fliesen. Treppen aus Mosaiksteinen, von goldenen Handläufen gesäumt führen ins Wasser. Die Kuppel des Bades ist aus Glas. Sie fängt das Sonnenlicht ein und zaubert Lichtspiele an die Wände und den Boden. Das Klingen von näher kommenden Schellen dringt zu mir hindurch. Ihre Karte schwungvoll vor sich herschwenkend kommt eine kunterbunt gekleidete Marionette mit einer Narrenkappe auf dem Kopf auf mich zu. Neugierig versuche ich, nach der Karte zu greifen, doch geschwind springt sie mit einem breiten Grinsen davon. Noch im Sprung wirft sie mir die Karte zwinkernd zu. Etwas unsicher, ob ich sie mir jetzt anschauen darf, beginne ich zu lesen:

Künstlername: Narr

Ursprünglicher Name: Neid

Genre: Satire

Kleidungsstil: kunterbunt, Narrenkappe

Besonderes Merkmal: klingende Schellen

Die Marionette kommt wieder auf mich zu, nimmt ihre Karte an sich und steckt sie unter ihre Kappe. Sie dreht sich um und bittet mich mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen. Ihren betörenden, klingenden Schellen folgend finde ich mich alsbald im Wasser treibend wieder. Umgeben von marmorner und goldener Schönheit bade ich genussvoll in warmem flüssigem Gold. Die klingenden Schellen entführen mich in eine Welt, in der ich all das habe, um das ich andere Menschen beneide: unermesslichen Reichtum, Anerkennung, Erfolg, Schmuck und Edelsteine, eine Jacht, unzählige Autos, Kleidung von Prada und Gucci, eine Villa am Strand … Eingesponnen in meinem Traum schießt plötzlich eine pechschwarze, nach Teer stinkende Hand aus dem flüssigen Gold, greift nach mir und zieht mich unter die Wasseroberfläche. Das wohlig warme Gold verwandelt sich in eine gelbe, übel riechende, eklige, blubbernde Masse. Ich sinke tiefer und tiefer. Gelbes Gift strömt in meinen Körper und ich sinke auf den Beckenboden. Wie aus weiter Ferne dringen das Lachen und klingende Schellen zu mir herunter. Langsam verebben die Geräusche und das Gelächter verstummt. Gift und Galle spuckend tauche ich wieder auf. Das wundervolle türkische Bad hat sich in einen leeren, öden Raum verwandelt. In der Ferne sehe ich die entschwindende Silhouette der tanzenden Marionette. Als Souvenir hat sie mir eine Kopie ihrer Karte dagelassen. Ich nehme sie in die Hand und schaue sie mir nochmals genauer an. Auf der Vorderseite sehe ich das türkische Bad abgebildet, ich drehe die Karte um und erblicke das Bild eines lachenden Narren in einem öden und leeren Raum.

Ich öffne meine Augen. Das wohlig warme, goldene Wasser war so schön und all die Reichtümer erst, doch der öde, leere Raum gefiel mir gar nicht. Aus welchem Grund hat die Marionette sich für den Namen „der Narr“ mit dem Ursprung Neid entschieden? Viel schöner wäre doch der Name „Wunsch“ oder „Traum“ und als Ursprungsname „fliegende Fantasie“! Ja, das hätte mir viel besser gefallen. Doch wenn ich ehrlich bin, muss ich über die Botschaft nicht weiter nachdenken. Ihre Wirkung im Alltag ist mir nur zu bekannt. Das sind die Situationen, in denen ich entweder den Erfolg eines anderen Menschen infrage stelle, mich freundlich herablassend über diesen Menschen äußere oder vor Wut die Decke hochgehen könnte, weil dieser Mensch etwas vor mir erreicht hat. Ein wirklich unangenehmes Gefühl. Neid bewirkt, dass ich Menschen nicht mehr in die Augen schauen kann. Und wenn ich es ganz genau betrachte, dann sehe ich doch hinter dem lachenden Narren Madame Eva mit ihrer filigranen Maske hervorblitzen. Was für eine Überraschung! Da scheint ja ein Zusammenhang zwischen einigen Marionetten zu bestehen, der mir genauso wenig bewusst ist wie das Wirken jeder einzelnen Marionette in meinem Alltag. Es scheint Sinn zu machen, mir die nächsten Künstler anzuschauen, bevor ich beginne darüber nachzudenken, was ich mit ihren Botschaften anfange. Vielleicht gibt es mehr Zusammenhänge, als ich mir im Moment vorstellen kann.

Erneut schließe ich meine Augen und tauche in meine innere Welt ein. Mit jedem Mal gelingt es mir ein wenig schneller, fast so, als müsste ich aufholen, was ich all die Jahre zuvor versäumt habe. Sanft lande ich auf der Bühne …

Der Harlekin

Über mir höre ich ein Geräusch. Ich schaue nach oben und sehe, wie eine Marionette auf mich zuschwebt. Sie trägt ein mit Flicken übersätes buntes Kostüm. Eine lustige Kappe ziert ihren Kopf und ein brauner Gürtel ihren Bauch. Einladend streckt sie mir ihre Karte entgegen, als sie sanft neben mir landet:

Künstlername: Harlekin

Ursprünglicher Name: Zweifel

Genre: Science-Fiction

Kleidungsstil: mit Flicken übersätes Kostüm, Augenmaske, Kappe, Gürtel

Besonderes Merkmal: wechselnde Szenerien und Rollen, kann in jeder Welt erscheinen

Während des Lesens fällt mir ein, dass der Harlekin die Fähigkeit besitzt, sich zwischen den Welten zu bewegen. Er nimmt nichts ernst und übertreibt in seinen Darstellungen oft maßlos. Aufgrund seiner fröhlichen Natur wird er oft als Spaßmacher bezeichnet. Gespannt auf die Aufführung der Marionette reiche ich ihr ihre Karte zurück. Pfeifend steckt sie diese wieder ein und bittet mich, ihr zu folgen. Sie führt mich auf eine Art Spielfeld, welches sie auf einer altehrwürdigen Gedenkstätte für mich erschaffen hat. Diese Gedenkstätte wurde zu Ehren des Philosophen René Descartes errichtet. Über dem Eingang der Gedenkstätte kann jeder Besucher den ersten Grundsatz „Ich denke, also bin ich“ dieses großen Philosophen lesen. In Stein gemeißelt wurde er für die Ewigkeit festgehalten. Berührt, da mir einfällt, dass seine Schriften nach seinem Tod im 16. Jahrhundert vom Heiligen Stuhl verboten worden waren, folge ich der Harlekin-Marionette auf ihr geschichtsträchtiges Spielfeld. Beeindruckt schaue ich mich um, doch ist mir nicht ersichtlich, was ich hier erleben soll. Die Marionette schaut mich belustigt an und blickt dann nach oben. Ich folge ihrem Blick und sehe, dass sich das Feld trichterförmig gen Himmel öffnet. Weit oben hängen unzählige Körbe, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den heutigen Basketballkörben aufweisen. Seltsam, doch noch mehr irritiert mich, dass die Körbe sich wie von selbst zu vervielfältigen scheinen und in immer schnellerem Rhythmus ihre Plätze tauschen. Es sind so viele Körbe, dass ich den Himmel kaum noch sehen kann. Bevor ich mich in diesem verwirrenden Bild verliere, werde ich von hinten gepackt und in die Höhe geworfen. Erstaunt blicke ich nach unten. „Die Körbe werden dir die Antworten auf deine Fragen geben. Jeder Korb enthält eine Antwort für dich“, ruft mir die Marionette begeistert zu und kugelt sich dabei vor Lachen auf dem Boden, während ich weiter hinauf zu den Körben fliege und im ersten Korb lande. Kaum im Korb angekommen, falle ich aus der unteren Öffnung des Korbes wieder heraus und werde in den nächsten Korb katapultiert. Immer weiter und weiter. Von einem Korb in den anderen. Antworten über Antworten prasseln auf mich ein. Keine hält sich länger als ein paar Sekunden, bevor die nächste auftaucht. Meine Gedanken rennen im Kreis, meine Emotionen überschlagen sich, eine Nebelwand breitet sich aus. Kein Durchdringen. Ich sehe weder die Körbe noch höre ich die Antworten. Mir wird schwindelig. Ich beginne zu fallen. Immer tiefer, immer schneller. Mein Körper schlägt unsanft auf dem Spielfeld auf – und neben mir die als Harlekin verkleidete Marionette, der jetzt vor Lachen dicke Tränen übers Gesicht strömen. Vor lauter Lachen kein Wort über ihre Lippen bringend zieht sie ihre Karte aus der Innentasche ihres Kostüms und klebt sie mir auf die Stirn, was sie veranlasst, noch stärker zu lachen. Ich nehme die Karte von meiner Stirn, reiche sie ihr und verlasse trotzig das Spielfeld. Die Harlekin-Marionette lasse ich lachend dort liegen. Als Weltenwandler wird sie ihren Weg zurück sicher auch ohne mich finden.

Aufgebracht öffne ich meine Augen. Wie kann diese Marionette so ein Spiel mit mir spielen?! Als ob ich mir all die Antworten in der kurzen Zeit hätte merken können! Und dann der unsanfte Aufprall auf der Erde! Der hat sie ja wohl nicht mehr alle! Ich nehme jetzt ein Bad zur Beruhigung. Im warmen, schaumigen Wasser komme ich langsam zur Ruhe und die Botschaft seines Spiels dringt zu mir durch. Eine gute Freundin sagte einmal zu mir, dass es sie immer wieder erstaunt, in welcher Geschwindigkeit ich es schaffe, aufgrund einer einzigen fehlenden Antwort mein gesamtes Leben infrage zu stellen, und verzweifelt nach neuen Antworten suche. War Zweifel die treibende Kraft dahinter? Es kann ja fast nicht anders sein. Die Analogie zum Satz meiner Freundin war unübersehbar. Ich suche nach weiteren Situationen in meinem Alltag, an denen ich die Wirkung erkennen kann. Im Grunde sind es stets die Situationen, in denen ich nicht erkenne, ob etwas wahr oder richtig für mich ist, Momente, in denen mein Gefühl etwas anderes sagt als mein Verstand. Dann beginne ich nach Antworten zu suchen, indem ich mit anderen Menschen darüber spreche und mir ihre Meinung einhole oder etwas dazu lese. Ich sammle so viele Antworten, dass ich wirklich den Eindruck habe, in einer dichten Nebelbank gefangen zu sein, aus der ich keinen Ausweg mehr finde. Wenn sich die Nebelbank wieder lichtet, fühle ich mich jedes Mal, als erwachte ich unsanft aus einem Albtraum. So gesehen war das Spiel des Harlekins doch nicht weit hergeholt. Mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen steige ich aus der Badewanne, trockne mich ab und kleide mich an. Ich bin bereit, der nächsten Marionette zu begegnen.

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9783931560881
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