Kitabı oku: «Sind denn alle guten Männer schon vergeben?»
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© 2020 Wörterseh, Lachen
Lektorat: Andrea Leuthold
Korrektorat: Brigitte Matern
Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina
Foto Umschlag vorn: Heiner H. Schmitt
Layout, Satz: Beate Simson
Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel
Print ISBN 978-3-03763-117-1
E-Book ISBN 978-3-03763-790-6
www.woerterseh.ch
Für Brigitte
»Hinterm Horizont gehts weiter.«
Udo Lindenberg
Inhalt
Über das Buch
Über die Autorin
Vorwort
Keine Anleitung zum Erwachsensein
Feiert das Leben, nicht die Feste!
Die Qual der Wahl
Leben von A bis Z
In erster Linie Mensch
Gebratener Cervelat auf zwei Beinen
Große Momente
Die Doppelgängerin aus Neuseeland
Dicke Kisten und pupsende Götter
Listige Listen
Die Schnäppchenjägerin
Kuscheln und kämpfen
Mehr Zeit fürs stille Örtchen
Die Kunst des Schenkens
The Man in Black
Trostpreis oder Hauptgewinn
Thirsty Dancing
Liebe macht dick
So glücklich ist eine launische Diva
Cry Baby
Alterslose Freundschaft
Die geheime Macht der Gedanken
Zeigen Sie die Zähne!
Hypochonder lassen grüßen
Ein himmlisches Butterbrot
Öffentliche Schönheitspflege
Lieder fürs Leben
Mein Verhältnis mit Macklemore
Stärker, als man denkt
Alte Geschichten aufwärmen
Frauen reden anders. Männer auch.
Time to Say Goodbye?
Nein danke!
Prinzessin auf der Erbse
Mein Weg zur Dancing Queen (1)
Mein Weg zur Dancing Queen (2)
Genieße den Genuss
Die Gefühle meines Lebens
Es lebe die Vorfreude
Morgen, morgen, nur nicht heute
Hörst du schon Klassik?
Augen auf und Ohren zu!
»Irgendeinisch fingt ds Glück eim«
Die letzte Chance
Fantastische Traumwelt
Ferienfreuden, Ferienleiden (1)
Ferienfreuden, Ferienleiden (2)
Warum das Einfachste oft das Beste ist
Stress, lass nach!
Vater in Finken
Von Schnittlauch und anderen Locken
Sind denn alle guten Männer schon vergeben?
Warum Geiz nicht geil ist
Wie sag ichs bloß meiner Mutter?
Jungsein ist keine Auszeichnung
Oskar – das Tier in mir
Wie sag ichs meinem Nächsten? (1)
Wie sag ichs meinem Nächsten? (2)
Kompensieren mit Shaqiri
Die Kraft der Sehnsucht
Ein Finne namens Samu
Fifty Shades of Grey
Verletzlichkeit macht stark
Rate Your Date!
Der nüchterne Blick
Blick hinter die Fassade
Geliebte Langeweile
Späte Liebe
Warum verzeihen guttut
Das stille Glück
Was für ein Hundeleben (1)
Was für ein Hundeleben (2)
Johnny Kontrolletti
Magische Momente
Ein Quantum Trost (1)
Ein Quantum Trost (2)
Beziehungsblüten (1)
Beziehungsblüten (2)
Zauberhaftes erstes Mal
Das Prinzip Hoffnung
Warum nicht alles für etwas gut ist
Freundschaft in Zeiten von Corona
Brigitte – eine wie keine
Nachwort
Über das Buch
»Sie sind doch Frau Aeschbach! Richtig?« So und ähnlich wird Silvia Aeschbach praktisch täglich angesprochen. Und wenn sie dann nickt, hört die Autorin Folgendes: »Ich finde Ihre Kolumne in der ›Coopzeitung‹ super. Sie bringen alles immer so gut auf den Punkt.« Angesprochen wird sie beim Café-Besuch, beim Spaziergang mit ihren Hunden oder beim Shopping in der City. Die Journalistin und Buchautorin ist seit dreißig Jahren in den Medien tätig, sie hat unzählige Artikel für Zeitschriften, Zeitungen und Onlineportale geschrieben, Radio- und TV-Sendungen moderiert und seit 2014 fünf Sachbuch-Bestseller publiziert. Doch noch nie zuvor erlebte sie so viele Reaktionen auf ihre Arbeit wie auf ihre Kolumne in der »Coopzeitung«. Eigentlich kein Wunder: Mit einer Auflage von mehr als 1,8 Millionen Exemplaren liegt das Blatt wöchentlich in jedem zweiten Haushalt der Deutschschweiz. Und darin schreibt Silvia Aeschbach – meistens auf Seite 13 – über ihre Beobachtungen im Alltag, über die großen und kleinen Ereignisse des Lebens oder über Beziehungsfragen. Wie etwa jene, die diesem Buch den Titel gegeben hat: »Sind denn alle guten Männer schon vergeben?«. Andere Kolumnen tragen Titel wie: »Von Schnittlauch und anderen Locken«, »Warum das Einfachste oft das Beste ist« oder »Das stille Glück«.
Silvia Aeschbach schreibt auf eine ganz spezielle, differenzierte, humorvolle, vor allem aber auch erfrischend selbstironische Art. Darum macht es Sinn, eine Auswahl ihrer Kolumnen jetzt als Sammlung aufzulegen. Denn über sich selbst und die Ironie des Alltags schmunzeln zu können, ist das, was uns menschlich macht. Und im Kleinen glücklich.
Über die Autorin
Silvia Aeschbach ist Journalistin. Sie arbeitete bei einem Lokalradio, beim Schweizer Fernsehen und bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen. Unter anderem war sie in leitenden Positionen beim Nachrichtenmagazin »Facts«, beim Frauenmagazin »Meyer’s«, beim »Blick« und bei der »SonntagsZeitung« tätig. Heute schreibt sie unter anderem für das Onlineportal des »Tages-Anzeigers« den erfolgreichen Blog »Von Kopf bis Fuss« sowie Kolumnen für die »Coopzeitung«.
Bei Wörterseh erschienen von ihr nach ihrem ersten Buch »Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld – Panikattacken mit Happy End« die weiteren Bestseller »Älterwerden für Anfängerinnen«, »Älterwerden für Anfänger« und »Bye-bye, Traumfigur«. Silvia Aeschbach lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Hunden in Zürich.
Vorwort
Zwei Dinge beschäftigen die Leserinnen und Leser der »Coopzeitung« nachhaltig: erstens die Frage nach der echten Haarfarbe von Silvia Aeschbach und zweitens, ob das, was sie in ihren Kolumnen schreibt, auch tatsächlich wahr sei. Meine Antworten darauf lauten dann jeweils:
Erstens: Woher soll ich das wissen?
Zweitens: Ich befürchte, ja.
Seit 2016 erscheint die Kolumne von Silvia Aeschbach wöchentlich in der »Coopzeitung«, dem größten Printmedium der Schweiz. Gut eingebettet zwischen Schminktipps, Vegi-Burger-Rezepten und Wanderreportagen. Wäre die »Coopzeitung« ein freundliches Wohnhaus in einer schönen Straße, dann wäre Silvia Aeschbachs Kolumne jene Wohnung, aus der es immer lärmt und scheppert und dröhnt. Darin wird gelacht, geweint, gekocht, geschlemmt, getrunken, diskutiert, geträumt, gehofft, gezweifelt, geliebt, gelitten. Und draußen vor der Tür stehen kunterbunt High Heels, Wander- und Turnschuhe, Flip-Flops und Gummistiefel. Silvia Aeschbachs Kolumnen sind der ganz normale Wahnsinn. Eine Mischung aus dem Leben, das wir leben, und dem Leben, das wir vielleicht gerne führen würden.
Sollten Sie jetzt doch noch wissen wollen, warum ich annehme, dass alles wahr ist, was Silvia Aeschbach in der »Coopzeitung« schreibt: Weil uns eine jahrzehntelange berufliche und private Freundschaft verbindet. Ich weiß also, was sich in ihrem Leben zugetragen hat und was sich heute so tut. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass es noch jede Menge Schreib- und Lesestoff für die nächsten Jahre gibt.
Ich freue mich darauf! Auch, wenn ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung habe, ob Silvias Hellblond hundert Prozent Natur ist.
Silvan Grütter,
Chefredaktor der »Coopzeitung«, im Juli 2020
Keine Anleitung zum Erwachsensein
Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie das erste Mal das Gefühl hatten: »Jetzt bin ich wirklich erwachsen!«? Passierte es nach dem ersten nicht jugendfreien Kuss? Nachdem der erste Rausch dazu geführt hatte, dass Sie am Morgen danach über der Kloschüssel hingen? Nach dem ersten verzehrenden Liebeskummer, den Sie nicht zu überleben glaubten? Oder nachdem Sie mit dem ersten Lohn auf den Putz gehauen hatten? Oder brauchte es länger, bis sich dieses ersehnte Gefühl einstellte? Nachdem Sie Ihrer/Ihrem Liebsten das Jawort gegeben hatten? Nachdem Sie zum ersten Mal Eltern geworden sind und Ihnen schlagartig klar wurde, dass Sie jetzt nicht mehr nur für sich selber verantwortlich sind? Oder nach dem Tod eines Elternteils, als Ihnen klar wurde, dass Sie jetzt vielleicht der/die Nächste sind?
Seit ich mich erinnern kann, wollte ich erwachsen sein. Denn ich dachte, Erwachsensein sei gleichbedeutend mit der Freiheit, das tun und lassen zu können, was ich wollte. Und nicht, was Eltern, Lehrer oder sonstige Autoritätspersonen von mir verlangten. Wenn ich nur das Wort Autorität hörte, bekam ich Gänsehaut. Und, ehrlich gesagt, geht es mir noch immer hin und wieder so. Was beweist, dass ich auch heute durchaus noch unerwachsene Momente habe.
In guten Zeiten spüre ich dies, wenn mich Gefühle überwältigen und ich die ganze Welt umarmen oder vor Sehnsucht platzen könnte. Dann, wenn ich mich mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele lebendig fühle. Und ich, trotz meinem Alter, überzeugt bin, mein Leben und meine Zukunft würden wie ein weißes Blatt vor mir liegen.
Schmerzhafter sind die Augenblicke, in denen ich an frühere schwierige Zeiten erinnert werde. Dieses »Triggern« macht, dass man ein altes Erlebnis oder Gefühl so spürt, als handle es sich um ein aktuelles Ereignis. Wenn ich mich etwa in einer fremden Umgebung verlaufe, kann es sein, dass ich mich plötzlich genauso elend fühle wie damals, als ich als kleines Mädchen meine Mutter beim Einkaufen verloren hatte. Eine ungerechte Kritik kann die Überzeugung auslösen, ich sei »dumm«, so wie mich mein Mathelehrer genannt hatte, als ich es an der Tafel nicht schaffte, eine schwierige Gleichung zu lösen. Und der Geruch von frischer Leber dreht mir noch heute den Magen um, weil ich diese früher wegen meiner Blutarmut essen musste.
Ja, ich bin heute erwachsen. Jedenfalls für mein Umfeld. Ich erledige meine Pflichten, übernehme Verantwortung für mich und andere, zahle meine Steuern und fühle mich nicht jedes Mal, wenn ich einen Polizisten sehe, als ob ich etwas ausgefressen hätte. Aber ich freue mich darüber, dass es immer noch viele Momente in meinem Leben gibt, in denen ich mich nicht erwachsen fühle. Auch wenn es ein bisschen wehtut, wenn ich mich dann manchmal nicht nur wunderbar, verrückt oder kindisch, sondern auch verlassen, ungeliebt oder dumm fühle.
Aber hey, das ist doch Leben!
Feiert das Leben, nicht die Feste!
Vielleicht finden Sie es etwas seltsam, dass ich gleich zum Jahresanfang übers Feiern schreibe. Schließlich haben viele von uns die Festtage noch nicht ganz verdaut. Und dies in verschiedener Hinsicht: Vielleicht klebt ja noch, bildlich gesehen, der Rest der Weihnachtsgans und der Crème brûlée an den Hüften, während im Portemonnaie gähnende Leere herrscht. Vielleicht sind Sie auch froh, dass jetzt wieder der Alltag eingekehrt ist. Denn seien wir ehrlich: Festtage sind doch immer auch etwas anstrengend, dies vor allem für uns Frauen, weil wir uns für alles und alle verantwortlich fühlen.
Nun ist der Januar nicht unbedingt der Wonnemonat, sondern ein echt nüchterner Geselle. Statt zu schlemmen, üben wir uns im Intervallfasten. Statt zu faulenzen, ist Fitness angesagt. Und statt die Abende faul neben dem Lieblingsmenschen und in Gesellschaft von Netflix auf der Couch zu verbringen, machen wir Budgetplanung mit dem Vorsatz, nach den Dezemberausgaben die Finanzen irgendwie wieder ins Lot zu bringen.
Doch Genuss braucht eine gewisse Askese. Denn ohne diesen Unterschied zu spüren, könnte man den Genuss ja nicht wirklich genießen. Oder etwa doch? Schließlich wissen wir ja bereits, wann das nächste Familienfest gefeiert wird. Nächster Halt: O wie Olten – nein: Ostern!
In unserer Kultur sind Feste und das Feiern Fixpunkte im Jahreslauf. Wir brauchen einen Grund, um zu feiern, sonst ist es uns nicht ganz wohl. Wobei mir bei der Aufforderung »Das muss jetzt gefeiert werden!« immer etwas seltsam zumute ist. Ich mag es nämlich nicht, auf Knopfdruck fröhlich sein zu müssen. Darum mag ich auch Silvester nicht. Okay, vielleicht spielt hier auch ein klein wenig mit, dass ich zweimal in meinem Leben an einem 31. Dezember verlassen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ja, es mag unvernünftig sein, an einem kommunen Montagabend spontan ein Fläschchen Champagner zu köpfen; eben nicht, weil Neujahr gefeiert werden muss, sondern nur, weil der Wochenstart gelungen ist. Und warum warten wir eigentlich darauf, dass der Liebste am Hochzeitstag die üblichen langstieligen Rosen heimbringt, wenn man viel lieber himmelblaue Hortensien hätte? Doch wir sagen ihm das nicht, um ihn nicht zu verletzen und seine feierliche Stimmung zu dämpfen.
In diesem Zusammenhang denke ich an meine verstorbene Mutter, die sich an Beerdigungen immer darüber ärgerte, welche Blumenpracht aufgefahren wurde: »Ein Fünftel davon hätte den Verstorbenen zu Lebzeiten gefreut. Jetzt hat er nichts mehr davon.«
Man sollte das Leben feiern und nicht die Feste. Leistungen und Erfolge sind etwas Tolles. Aber sind es nicht die ganz persönlichen Erlebnisse, die uns mehr berühren und die es verdienen, dass man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkt? Auch ohne dass wir sie auf Facebook, Instagram und Twitter teilen. Besondere Momente warten nicht auf einen Termin in der Agenda. Man muss sie erkennen, festhalten und hochleben lassen.
Die Qual der Wahl
Kürzlich beschwerte sich eine Kollegin beim Mittagessen, dass sie es »sooo anstrengend« finde, sich ständig entscheiden zu müssen. »Wenn ich am Morgen im Restaurant einen Kaffee bestelle, überfordert mich das. Das Angebot ist einfach zu groß. Soll ich jetzt einen Latte nehmen, einen Cappuccino oder besser einen Espresso mit Milch?« Wenn sie sich bereits so früh anstrengen müsse, um das richtige Getränk auszusuchen, bleibe ihr »womöglich keine Energie mehr für die wirklich wichtigen Entscheidungen im weiteren Verlauf des Tages«. »Recht hast du«, mischte sich eine andere Kollegin ein, »ich habe das Problem, beim Einkaufen unter den zwanzig verschiedenen Müesli zu wählen. ›Hätte es nicht noch ein Besseres gegeben?‹, frage ich mich jeweils nach dem Bezahlen.«
»Genau«, seufzte die Dritte, »für die Frühlingsferien muss ich mich wieder entscheiden, ob ich lieber in die Karibik oder auf die Seychellen reisen will. Das ist so anstrengend.«
Ich musste laut herauslachen und mich zusammennehmen, um keinen zynischen Kommentar abzugeben. Merkten die drei denn nicht, welches Luxusproblem es ist, aus so vielen Varianten aussuchen zu dürfen? Mindestens die Hälfte der Menschheit würde Luftsprünge vor Freude machen, hätte sie überhaupt eine Wahlmöglichkeit. Und nein, nicht nur die Menschen in Syrien und anderen Kriegsgebieten haben keine Wahlmöglichkeiten, auch in der Schweiz gibt es viele, die sich die Frage nach dem »richtigen« Kaffee nicht stellen können, weil sie schlicht nicht das Geld haben, einen zu kaufen. Natürlich kann ein Überangebot verwirren und unsere Überflussgesellschaft kann stressen, aber eine große Auswahl ist doch besser, als keine Auswahl zu haben.
Unsere Welt ist in den vergangenen Jahren immer komplizierter geworden. Wie lerne ich, unter zwanzig Augencremen jene herauszufinden, die für mich am besten ist? Aus hundert Büchern jenes zu wählen, das mich am meisten fesselt? Beim riesigen Fernsehprogramm jenen Film zu schauen, der die Zeit auch wert ist?
Sicher ist: Das Ziel kann nicht sein, die Vielfalt zu verringern, wie radikale Kritiker der Konsumgesellschaft dies fordern. Menschen müssen lernen, wie man die richtige Wahl trifft, indem sie sich vermehrt informieren, abwägen und lernen, auf ihre Bedürfnisse zu hören. Fragen wie »Was brauche ich?«, »Was macht mich glücklich?« und »Auf was kann ich verzichten?« werden immer wichtiger. Eine solche Innenschau kann helfen, das Selbstbewusstsein zu stärken, denn wenn ich weiß, was mir guttut, bin ich auch besser gegen die vielfältigen Verführungen gefeit. »Wo fühlst du dich denn am glücklichsten?«, fragte ich meine Kollegin, die nicht wusste, wo sie ihre Ferien verbringen möchte. »Am liebsten würde ich mal zu Hause bleiben und richtig faulenzen«, meinte sie nachdenklich. Manchmal ist es so einfach, die richtige Entscheidung zu treffen.
Leben von A bis Z
Manchmal habe ich das Gefühl, ich stehe im Wald, oder konkreter gesagt, ich lebe manchmal etwas antizyklisch. Zum Beispiel, wenn in Mode und Design grad mal wieder schwarz-weißer Minimalismus angesagt ist, während ich von üppigen Hüllen in Samt und Seide träume, natürlich in Regenbogenfarben. Oder wenn ich auf dem Teller beim Sternekoch die Erbsen und Zwiebelchen zählen muss, während vor meinem geistigen Auge eine richtig schön verbrannte Bratwurst und ein Bürli (Achtung: Weißbrot!) vorbeiziehen. Und vielleicht noch eine klitzekleine Mousse au Chocolat. Und ja, ich weiß, die japanische Aufräumfee Marie Kondo predigt in ihren Büchern äußerst erfolgreich den minimalen Besitz: »Behalte nur, was dir Freude macht. Besitze nur, was du brauchst.« Und das dürfen, ihrer Philosophie nach, etwas zugespitzt gesagt, höchstens hundert Dinge sein. Ich bewundere Menschen, die sich so beschränken können. Mir fällt das Spartanische schwer, ich schöpfe lieber aus der Fülle. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem sinnlosen Überfluss, der ein schlechtes Lebensgefühl kompensieren muss.
»Zu viel von einer guten Sache kann wunderbar sein«, sagte einst Mae West. 1893 geboren, war Mae ein ziemlich patentes Mädchen, das im Hollywood der 1930er-Jahre zu den bestbezahlten Filmstars zählte, aber auch als Drehbuchautorin arbeitete; eine Seltenheit in der damaligen Zeit. Heute könnte man West vielleicht mit Madonna vergleichen. Jedenfalls bevor diese zur knallharten Geschäftsfrau mutierte. Als Mae West mit siebenundachtzig Jahren starb, konnte sie auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Eine Frau, die aus dem Vollen geschöpft und selten etwas bereut hatte. Und die, im Gegensatz zu anderen berühmten Hollywood-Film-Blondinen wie Marilyn Monroe nie das Opfer war, sondern ihr Leben stets selber in der Hand hatte.
»Wer nicht genießt, wird ungenießbar«, wusste übrigens ein paar Jahrhunderte zuvor schon der Dichter Friedrich von Schiller. Man muss es ja nicht dem Sänger Konstantin Wecker nachmachen, der den Genuss mit fast den gleichen Worten pries, bei dem der zügellose Genuss allerdings in reine Maßlosigkeit und eine schwere Drogensucht mündete.
»Mit zunehmendem Alter sollte man sich beschränken«, höre ich immer wieder. Ich frage: Warum bloß? Sollte man, wenn die verbleibende Lebenszeit kürzer wird, nicht noch einmal aus dem Vollen schöpfen? Etwas Außergewöhnliches wagen und darauf pfeifen, was die Leute sagen? Sich über Konventionen hinwegsetzen und nur den eigenen Gefühlen folgen? Einfach mal unvernünftig sein und in den Tag hineinleben? Der Spruch »Man bereut im Leben nur die Dinge, die man nicht gemacht hat« stammt zwar nicht von Mae West, aber er passt perfekt zu ihrer Persönlichkeit. Und manchmal, so hoffe ich jedenfalls, auch zu meiner.
In erster Linie Mensch
Manchmal erfahre ich aus der Zeitung Erstaunliches, und ich frage mich: Spinnen eigentlich alle? Neulich passierte das an einem Tag, der mies gelaufen war und an dem mein Kopf trotz Tablette schmerzte. Also beschloss ich, eine Nacht darüber zu schlafen, bevor ich mein endgültiges Urteil fällte. Acht Stunden später ging es mir wieder gut. Und nach weiteren acht Minuten, die ich brauchte, um den Text über die sogenannte Genderisierung bei deutschen Primarschülern noch einmal zu lesen, fiel meine Reaktion wieder gleich aus: Die Welt spinnt! Laut diesem Artikel fällt es Kindern heute zunehmend schwer, zu beurteilen, ob sie sich als Mädchen oder Bub fühlen. Und dies könne im konkreten Fall dazu führen, dass manches Kind verunsichert sei, welche Toilette es nun benutzen solle. Als Lösung sah der Autor »genderfluide« WCs, die von allen benutzt werden könnten.
Die Gender-Politik geht davon aus, dass es naturgemäß keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt. Und dass wir aufgrund unserer Erziehung in unsere Rolle gedrängt werden. Dass mich also die rosa Kleider, die ich als Kind geliebt habe, und die Tatsache, dass ich in meiner Mini-Kinderküche begeistert Kuchen buk, zu der machten, die ich heute bin: eine Frau, die nie gut in Mathematik war (Klischee erfüllt), immer noch viel Freude an schönen Kleidern hat (Klischee erfüllt) und – aber, hallo! – trotz früheren Backfreuden heute nicht mehr gern in der Küche steht. Also war der Versuch meiner Eltern, mich als Mädchen zu prägen, doch nicht hundertprozentig erfolgreich. Denn trotz meinen Vorlieben für »Mädchensachen« war ich ein ausgesprochener Wildfang. Hätten Sie mich als Kind gefragt, ob ich mich als Mädchen oder Bub fühle, ich hätte wohl laut aufgelacht und geantwortet: »Ich bin doch einfach Silvia!« Und die Tatsache, dass meine energische Mutter zu Hause das Sagen hatte und mein Vater eher weich und verträumt war, hat auch nie dazu geführt, dass ich punkto Geschlechter verwirrt gewesen wäre. Meine Eltern waren einfach Mami und Papi.
Dass ich mich über diesen Artikel aufgeregt habe, hat nichts damit zu tun, dass ich Menschen, die sich in ihrer Identität nicht wohlfühlen, verurteilen würde. Im Gegenteil, ich stelle es mir als schrecklich vor, im falschen Körper zu leben. Auch die stereotypen Vorstellungen, wie sich Männer und Frauen in unserer Gesellschaft zu fühlen oder zu verhalten haben, finde ich völlig veraltet. Aber die Diskussionen, wo jetzt die Grenze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit zu ziehen sei, wenn es diese denn überhaupt gebe, halte ich für absurd. Und nebenbei: Genderfluide Menschen gab es schon immer. Denken Sie an Künstler wie David Bowie oder Mick Jagger, die sich gerade in dieser Hinsicht erfolgreich inszenierten. Und sich sicher nie gefragt haben, welche Identität nun die richtige sei.
Ich habe im letzten Dezember die Eltern meines Großneffen gefragt, was sich der Kleine, der noch nicht sprechen kann, wohl auf Weihnachten wünsche. Sie meinten, entweder einen kleinen Baukran oder ein Bäbi. Er bekam beides und spielt jetzt abwechselnd damit. Und wie er sich auch immer entwickeln wird, ich bin sicher, er wird von seinem Umfeld in seinen Neigungen und Interessen unterstützt werden. Denn wie für ihn, so gilt für uns alle: In erster Linie sind wir doch Menschen.
Gebratener Cervelat auf zwei Beinen
Wenn ich in der kalten Jahreszeit um die Mittagszeit aus einem überfüllten Tram aussteige, kann ich anhand der Ausdünstung meiner Kleider sagen, was die Menschen neben, vor und hinter mir gegessen haben. Selbst wenn es nur eine kurze Fahrt war: Mein Wollschal riecht eindeutig nach Curry. Dem Mantel haftet mehr als ein Hauch Kebab (mit einer großen Portion Zwiebeln) an. Und wenn mich meine Hunde bei der Begrüßung am liebsten auffressen würden, weil sie mich ein paar Stunden nicht gesehen haben, passiert dies nicht aus reiner Freude, sondern weil mich eine verführerische Gebratene-Wurst-Aura umgibt. Von jener Wurst, die wenige Minuten zuvor der Nachbar auf dem Nebensitz im Tram verschlungen hat.
Ich kann Millie und Louis gut verstehen. Der köstliche Duft eines knusprig gebratenen Cervelats kann auch mich entzücken. Besonders dann, wenn ich ihn draußen an einem Lagerfeuer genieße. Aber wenn sich dieser markante Geruch auf engstem Raum mit jenem von anderen »Köstlichkeiten to go« vermischt – vielleicht noch von leisen Schmatzern, dem einen oder anderen Rülpser oder gar einer anderen menschlichen Ausdünstung untermalt wird –, kann es sein, dass mir übel wird. Selbst wenn ich hungrig ins Tram gestiegen bin.
Und noch mühsamer wird es, wenn mein Magen schon vorher etwas angeschlagen war. Dann hilft nur noch das Aussteigen an der nächsten Haltestelle. Wenn Sie jetzt denken, es würde mir sowieso guttun, wenn ich mich etwas mehr bewegen würde, statt immer zu fahren, gebe ich Ihnen recht. Aber manchmal muss es im Alltag halt zügig gehen. Und die Termine nehmen keine Rücksicht auf Döner und Fritten.
Vielleicht bin ich pingelig, aber ich mag es einfach nicht, wenn meine Kleider und Haare nach Essen riechen. Das ist nicht nur nach dem Tramfahren so, sondern auch, wenn ich nach einem Nachtessen mit Freunden nach Hause komme und mich mein Mann mit der Feststellung begrüßt: »Ah, heute Abend gab es Fondue mit ein paar Gläschen Weißem«, oder schlicht mit: »Spaghetti aglio e olio«. Etwas mulmig wird mir, wenn er fragt: »Bist du sicher, dass der Fisch frisch war?«
Lustigerweise scheinen ihn Essensgerüche an mir weniger zu stören als mich selber. Das kann aber auch daran liegen, dass er momentan am Abend weniger isst, um etwas Gewicht zu verlieren. Da ist so ein gebratenes Güggeli – auch wenn es nur als Duftnote daherfliegt – durchaus willkommen.
Immer mehr Menschen essen am Bürotisch ihre Mahlzeiten, die sie vorher in der Mikrowelle aufgewärmt haben. Oder sie essen eben im Tram, im Bus, im Zug oder auf der Straße. Das wäre nichts für mich, weil für mich so der Genuss flöten geht. Aber auch bei mir kommt es vor, dass ich aus Zeitnot unterwegs eine Frucht oder ein Sandwich esse. Aber nie eine warme Mahlzeit in einem öffentlichen Verkehrsmittel!
Ich will vermeiden, dass der erste Eindruck, den ich auf andere mache, der eines gut gebratenen Cervelats auf zwei Beinen ist.
Große Momente
Wann haben Sie zuletzt etwas so Besonderes erlebt, dass Sie dachten: »So etwas Schönes, Berührendes oder Aufregendes kommt so schnell nicht wieder«? Manchmal ist einem bereits während dieser speziellen Momente klar, dass diese Minuten oder Stunden als Mini-Meilensteine in die eigene Lebensgeschichte eingehen werden. Sei es, dass man eine ganz wichtige Prüfung geschafft hat, ein Kind geboren hat oder ein anderer, lang ersehnter Traum endlich in Erfüllung gegangen ist.
Dann gibt es aber auch diese Erlebnisse, bei denen man sich erst im Nachhinein bewusst wird, wie besonders sie waren. Nicht, weil sie weltbewegend gewesen wären oder unglaubliche Konsequenzen gehabt hätten. Es wurde kein Leben gerettet, keine wichtige Wahl gewonnen, und es wurden auch nicht die richtigen Lottozahlen getippt. Und sie tauchten weder auf Facebook noch auf Instagram auf, weil sie einfach zu persönlich oder zu intim waren. Momente wie Sternschnuppen, die meistens viel zu schnell vergehen und deren flüchtiger Glanz das Leben jedes Mal wieder verzaubert, wenn man sich an sie erinnert. Der erste Ton an einem Open-Air-Konzert, der Zehntausende von Menschen elektrisiert und eine Energie schafft, die einen davonträgt. Oder das Glücksgefühl, wenn man nach einer langen Trennung den Liebsten wieder in die Arme schließen kann.
Leider gibt es nicht nur diese außergewöhnlichen Momente, die einen auch im Nachhinein noch wärmen, sondern auch die traurigen, bei denen man oft noch genau weiß, wann und wo sie passiert sind. Das letzte Telefongespräch mit meiner Mutter während meiner Ferien in Dubrovnik im Juni 2007. Ich erinnere mich nicht nur an den Tag und die Uhrzeit. Ich sehe mich auch noch auf der grünen Parkbank sitzen unter einem riesigen, blühenden Baum. Als sie am Ende unseres kurzen Gesprächs zum Abschied liebevoll sagte: »Wo immer du hingehst, ich bin bei dir.« Dass dies die letzten Worte sein würden, die ich von ihr hörte, wusste ich damals noch nicht, denn meine Mutter sagte nichts über irgendwelche Beschwerden. So fröhlich, wie meine Mutter klang, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich nur ein paar Stunden später von ihrem Tod erfahren würde. In meiner damaligen Trauer spürte ich noch nicht, dass dieser letzte Satz mich in den weiteren Lebensjahren immer begleiten und trösten würde.
Und dann gibt es noch jene fast etwas skurrilen Begebenheiten, die man gern unter Freunden zum Besten gibt. Über die man sogar lachen kann, weil sie seelisch schon lange verdaut sind. Eines meiner Highlights – oder sollte ich sagen: einer der Tiefpunkte? – ereignete sich vor vielen Jahren. Ich steckte damals in einer schwierigen Beziehung mit einem Mann, schaffte aber den Absprung nicht, obwohl ich zunehmend unglücklich war. Eines Tages rief mich dieser Freund an und sagte in seiner gewohnt eher barschen Art: »Ich habe eine Panne mit dem Auto, komm mich holen!« Was ich auch machte. Mit dem Abschleppen von Autos hatte ich keine Erfahrung, und das Unternehmen wurde dementsprechend desaströs. Mitten auf einer Kreuzung in Frauenfeld riss das Abschleppseil. Als ich ihn im Rückspiegel wütend gestikulieren sah, fuhr ich einfach davon. In dem Moment ahnte ich noch nicht, dass ich für mich damit auch die Beziehung beendet hatte. Was ich wenig später auch offiziell vollzog.
Die Doppelgängerin aus Neuseeland
Auf keine meiner Kolumnen wurde ich so oft angesprochen wie auf jene, in der ich über meine Doppelgängerin geschrieben habe. Eine Leserin der »Coopzeitung« hatte in einem Café im Städtchen Methven in Neuseeland ein Gemälde einer Künstlerin entdeckt. Darauf war eine blonde Frau porträtiert, die eine solch unglaubliche Ähnlichkeit mit meinen Kolumnenfotos hatte, dass sie mir schrieb und mich fragte, ob ich vielleicht neulich durch Neuseeland gereist sei und mich von dieser Künstlerin habe malen lassen.
Sie schickte mir ein Foto des Bildes mit meiner Doppelgängerin. Nicht nur ich war über die frappante Ähnlichkeit erstaunt. Vor allem mein Mann konnte fast nicht glauben, was er sah. Nur ein Detail war etwas anders: Meine Doppelgängerin trug ihre Haare ein paar Zentimeter länger als ich. Natürlich wollte ich wissen, ob es eine zweite Silvia in Neuseeland gibt oder ob die Künstlerin vielleicht ein Foto von mir aus dem Internet abgemalt hatte – was allerdings sehr unwahrscheinlich war. Genauso abwegig wie die Möglichkeit, dass jemand aus der Schweiz eine »Coopzeitung« mitgebracht und irgendwo am Ende der Welt liegen gelassen hatte. Nur etwas wusste ich sicher: Ich bin noch nie in meinem Leben in Neuseeland gewesen.
Die Leserin, die mir das Bild schickte, hatte auch den Namen der Künstlerin ausfindig gemacht. Doch mit dieser Sally Withell in Kontakt zu treten, erwies sich als nicht so einfach. Auf ihrem Facebook-Account war sie seit Jahren nicht mehr aktiv, und eine andere Website hat sie nicht. So schlief die Sache etwas ein, bis ich vor ein paar Wochen erneut eine Suche startete. Da sah ich, dass Sally Withell im vergangenen November in einer Galerie Werke gezeigt hatte. Ich schrieb an die Galerie, die meine Anfrage an die Künstlerin weiterleitete, die sich dann rasch meldete. In einer Mail erklärte ich ihr »den Fall« und sandte ihr ein Foto von mir. Sie freute sich und war ebenfalls sehr erstaunt über die Ähnlichkeit zwischen ihrem Modell und mir. Sie schrieb, dass Lauren – so der Name meiner Doppelgängerin – Schottin sei. Zusammen mit ihrem Freund, mit dem sie inzwischen verheiratet sei, habe sie zwei Restaurants im nahen Skigebiet am Mount Hutt geführt. Während dieser Zeit habe Lauren bei ihr gewohnt. Das sei aber schon ein paar Jahre her, und inzwischen sei Lauren nach Nelson gezogen.
Sally schickte mir mehrere Fotos von Lauren aus der Zeit, in der diese bei ihr gewohnt hatte. Sie zeigten eine junge, sportliche Frau mit kurzen, hellblonden Haaren und mit ähnlichen Gesichtszügen wie die meinen. Die Ähnlichkeit war auch bei diesen Fotos groß, allerdings nicht so verblüffend wie auf jenem Bild, das Sally von Lauren gemalt hatte. Was mich so berührt, ist nicht die äußerliche Kopie meines Selbst, sondern, dass es die Künstlerin verstanden hatte, Laurens Wesen festzuhalten, in dem ich mich sofort wiedererkannte. Ich habe anscheinend nicht nur eine Doppelgängerin, sondern auch eine Seelenverwandte, die nicht nur die gleiche Körperhaltung und die gleiche Gestik hat wie ich, sondern auch »den gleichen Ausdruck in den Augen und das gleiche zurückhaltende Lächeln«. So beschreibt jedenfalls mein Mann seine Eindrücke.
Sally versprach, Lauren per Mail zu kontaktieren, um so einen Kontakt zwischen uns herzustellen. Leider habe ich bis jetzt noch nichts von meiner Doppelgängerin gehört. Aber Sie können sicher sein: Diese Geschichte ist noch nicht fertig geschrieben. Ich freue mich auf die Fortsetzung.
Dicke Kisten und pupsende Götter
Kürzlich saß ich mit einer guten Freundin bei unserem Lieblingsitaliener zusammen. Wir hatten gerade unsere Pizza gegessen, da zückte sie ihr Handy und hielt es mir hin. Die Fotos auf dem Display waren klar älteren Datums und zeigten eine wunderhübsche junge Frau in schwarzem Bikini. Die Haare vom Wind verwuschelt und völlig ungeschminkt, schaute sie, etwas verunsichert, in die Kamera. Die Fotos seien vor gut dreißig Jahren beim Surfen an der Atlantikküste von Biarritz entstanden, klärte sie mich auf. Ihr Exfreund habe die Bilder in einer alten Schachtel mit Erinnerungsstücken gefunden, sie abfotografiert und ihr geschickt.
Sie ist auch heute noch eine sehr attraktive Frau, aber klar, ihre Haut, die Haare und die Figur haben sich im Verlauf der Jahrzehnte verändert. Das ist völlig normal und löst keine schlechten Gefühle aus. Höchstens ein bisschen sentimentale.
Wenn ich alte Fotos von mir anschaue, passiert das auch. Wenn man mal von der etwas schrägen Mode der 1970er-Jahre absieht, sehe ich da eine junge Frau, die sich ihres guten Aussehens überhaupt nicht bewusst war. Im Gegenteil, ich fokussierte nur auf meine Schwächen. Lachend erinnerten wir uns, wie uns unsere Väter wegen unserer »dicken Kiste« und unserer »Stampfer« immer geneckt hatten. Auch wenn diese Bemerkungen nicht bösartig gemeint waren, hinterließen sie doch Spuren: Meine Freundin versteckte ihr Füdli jahrelang unter langen Blusen, und ich trug nur ungern Röcke. Und jetzt suchten wir auf den alten Fotos vergebens nach der vermeintlich »dicken Kiste«, entdeckten jedoch eine siebzehnjährige Schönheit, die heute innert zehn Minuten einen Modelvertrag bekommen würde. »Mein Aussehen von damals, gepaart mit meinem Selbstbewusstsein von heute, das wäre perfekt«, sinnierte meine Freundin selbstironisch.
Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil ich das Gefühl habe, dass wir von einem Extrem ins andere gefallen sind. Während wir Teenager früher meist »kleingehalten« wurden, damit uns ein allfällig gutes Aussehen oder gute Leistungen nicht in den Kopf steigen sollten, werden die heutigen Kids von ihren Eltern oft behandelt, als seien sie kleine Götter. Jeder Pups wird bewertet, jeder Fortschritt auf den verschiedensten Kanälen geteilt – es scheint, als gäbe es in unserer westlichen Welt nur noch Superkids. Und so erstaunt es nicht, wenn bereits zehnjährige Mädchen mit Kussmund auf Instagram posieren oder gleichaltrige Buben mir die Welt erklären: »Das Wichtigste ist, ein cooles Image zu haben.« Natürlich soll man Kinder in ihrem Selbstbewusstsein auf allen Ebenen aufbauen, aber ihnen ständig das Gefühl zu geben, sie seien der Nabel der Welt, gebärt kleine Narzissten. Denn genau wie »dicke Stampfer« ein Leben prägen, fördert auch eine stete Glorifizierung die gesunde Entwicklung eines Menschen nicht wirklich.
Listige Listen
Ich liebe es, Listen zu schreiben, und ich führe sie für praktisch alle Lebensbereiche. Unter dem Punkt »Wohnung« steht aktuell: »Bettwäsche aussortieren, Nachttischlampe kaufen, Wand auf der Terrasse himmelblau streichen«. Sehr gern mag ich die Liste »Wünsche«. Ohne zu sehr in die Details zu gehen, hier einige der unverfänglichen Stichworte: »Drehbuchkurs in New York besuchen, Gleitschirm-Tandemflug buchen, Haare dunkelbraun färben«. Ihnen fällt sicher auf, dass die Machbarkeit auf beiden Listen eine andere ist. Ist die Erfüllung der Punkte auf der Wohnungsliste quasi ein Kinderspiel, wird es mit jenen auf der Wünscheliste schwieriger. Erstens, Drehbuchkurs: Bin ich nicht zu alt? Ist mein Englisch gut genug? Zweitens, Gleitschirm-Tandemflug: Geht das auch mit Höhenangst? Drittens, Haare braun färben: Mein Mann sähe das sicher entspannt, meine Freundin Jasna, die mir regelmäßig blonde Strähnchen färbt, weniger. »Nur über meine Leiche!«, warnte sie mich. »Du bist und bleibst eine Blondine.« Und bekanntlich sollte man der Coiffeuse seines Vertrauens nicht widersprechen, will man sich nicht eines Tages mit hennarotem Schopf aus dem Salon schleichen. Doch zurück zum Thema: Die Liste, die ich am wenigsten mag, heißt »To do«. Englisch ausgesprochen, tönt es irgendwie netter als der beinahe militärische Befehl: »Muss gemacht werden!« Und die Liste ist lang. Genauer gesagt umfasst sie 16,5 Punkte. Der halbe Punkt bezieht sich übrigens auf den halb gefüllten Wäschekorb, der noch weggebügelt werden müsste.
Der größte Genuss am Listenführen ist, Erledigtes durchzustreichen. Und zwar mit einem pinkfarbenen Stift, damit der Erfolg, den inneren Schweinehund überwunden zu haben, optisch sofort ins Auge fällt. Einfach fallen mir folgende Erledigungen: »den neuen Roman von Joël Dicker kaufen, Zitronenkuchen für den Geburtstag meines Neffen backen, Pediküre buchen«. Das Anforderungsprofil steigt, wenn es darum geht, den Kofferraum des Autos aufzuräumen, das Altglas zu entsorgen oder Rechnungen zu schreiben. Aber irgendwann sind auch diese Aufgaben erledigt, und mein schweinchenrosa Filzstift kommt zum Einsatz. Juhee! Die Erleichterung hält aber nur so lange an, bis ich realisiere, dass wieder einmal die gleichen Punkte auf meiner Liste stehen geblieben sind: »Badezimmer putzen, Wintermäntel in die Reinigung bringen, Kaffeemaschine entkalken, Zuckerkonsum reduzieren«.
Alle Bemühungen, diese Punkte endlich anzugehen, haben bis vor kurzem nicht gefruchtet. Deshalb habe ich sie an die oberste Stelle gesetzt. Ein Trick, der ja zum Beispiel bei politischen Listen funktioniert: Wer oben steht, hat bekanntlich die weitaus größeren Chancen, gewählt zu werden, als die Schlusslichter. Bei mir blieb die Maßnahme erfolglos. Auch mir selbst versprochene Belohnungen halfen nicht: Ein Punkt erledigt gleich eine Glace. Funktioniert nicht, weil ich ja vermehrt auf Zucker verzichten möchte.
Aber dann hatte ich eine geniale Idee: Ich tauschte meine ungeliebten Aufgaben mit denen meines Mannes. Das Badezimmer ist jetzt blitzsauber, der Kaffee schmeckt endlich wieder kalkfrei, und die Wintermäntel sind weg. Dafür habe ich unsere Velos geputzt, die Steuererklärung erledigt und die Medikamente nach Verfallsdatum sortiert.
Das nennt man wohl eine Win-win-Situation. Nur die Sache mit der Zuckerreduktion bleibt noch ein bisschen länger auf der Liste. Der Sommer ist schließlich noch lang. Und meine Lust auf Glace noch lange nicht gestillt.
Die Schnäppchenjägerin
Kürzlich hatte ich das Vergnügen, in Paris einen charmanten Parfumeur zu interviewen. Nach dem Treffen und bevor ich zum Flughafen fahren musste, hatte ich noch etwas Zeit. Also ging ich noch ein wenig bummeln. Wenig später befand ich mich in einem luxuriösen Warenhaus. Eine Kollegin aus Österreich, die ebenfalls mit von der Partie war, hatte mir dieses empfohlen. »Es gibt nichts Schickeres in der Stadt als diese Schuhabteilung«, hatte sie mir verraten. Und dabei grinsend auf ihre Füße gezeigt, die in ziemlich neuen Stiefeln aus Wildleder steckten. »Solch treue Begleiter, die einem bei jedem Wetter auf Schritt und Tritt folgen, findet man schließlich nicht alle Tage«, meinte sie.
Ich gönnte Barbara die neuen Schuhe – aber mein Budget hätten sie gesprengt. Doch da Schauen bekanntlich nichts kostet, schlenderte ich etwas später durch die äußerst verführerische Schuhabteilung. Ich hatte meinen Rundgang beinahe beendet, da traf es mich wie ein Blitz. Beim Anblick nachtblauer Stiefeletten war ich schockverliebt. Ohne zu zögern, nahm ich sie aus dem Regal und streichelte über das babyweiche Leder. Eine Verkäuferin, die mich beobachtet hatte, kam lächelnd auf mich zu. Ich war sicher nicht die erste Kundin, deren Blick vor lauter Begierde verschleiert war. So dauerte es keine Minute, und meine Füße hatten eine neue, verheißungsvolle Bekanntschaft gemacht. Und die Chemie stimmte: Die Schuhe schmiegten sich an meine Füße, als hätten sie nur darauf gewartet, von mir entdeckt zu werden.
Ein diskreter Blick aufs Preisschild ließ mein Herz noch schneller schlagen: ein Schnäppchen! Das wunderte mich zwar ein bisschen, weil das Modell aus der neuen Kollektion eines französischen Designers stammte, der nicht gerade dafür bekannt ist, günstig zu sein.
Beinahe beflügelt folgte ich der netten Verkäuferin in Richtung Kasse. Während dort die Stiefeletten sorgfältig in knisterndes Seidenpapier verpackt wurden, zückte ich meine EC-Karte. Kurz danach erschien auf dem Display eine Summe, die eindeutig eine Null zu viel anzeigte. Das erkannte ich, obwohl ich meine Lesebrille nicht trug. In meinem besten Französisch wies ich die Kassiererin auf ihr Versehen hin. Diese antwortete in perfektem Englisch, dass ich mich getäuscht hätte und es sich bei der Zahl tatsächlich um den richtigen Preis handle.
Meine Schockverliebtheit verwandelte sich augenblicklich in Scham und kurz darauf in Ärger über mich. In letzter Zeit war es nämlich immer wieder vorgekommen, dass ich, sogar wenn ich meine Lesebrille trug, die kleinen Preisschildchen, die an Sachen klebten, nicht mehr entziffern konnte. Und dieses Mal war ich durch die Ausschüttung von Glückshormonen so überwältigt gewesen, dass ich meinen Augen getraut hatte. Oder besser gesagt: trauen wollte. Und ich war mir sicher: Selbst mit der Brille auf der Nase wäre mein Blick zu getrübt gewesen, um die Realität zu erkennen.
Während die Verkäuferin meine Eroberung auf ihren ursprünglichen Platz zurückstellte, zog ich gesenkten Hauptes ab. Im Bewusstsein, dass mein nächster Kauf kein Schnäppchen sein würde, sondern eine Lesebrille mit stärkeren Gläsern.
Kuscheln und kämpfen
Auch als gut informierte Zeitgenossin erfahre ich immer wieder Dinge, die mich staunen lassen und bei denen ich mich frage: »Bin ich im falschen Film?« So ging es mir kürzlich, als ich im Radio von zwei gesellschaftlichen Trends hörte. Es ging einerseits um organisierte Kuschelabende und andererseits um das Gegenteil, sogenannte Rage-Rooms, in denen man in einem sicheren Rahmen Aggressionen ausleben kann.
Beides befremdete mich ein bisschen, aber ich war auch neugierig. Also hörte ich mir ein Interview an, in dem die Organisatorin der Kuschelevents über ihre Veranstaltungen sprach. Die Sexual- und Beziehungstherapeutin erklärte eindrücklich, wie sehr sich die Menschen in der heutigen hektischen, schnelllebigen Welt nach Berührungen, Wärme und Geborgenheit sehnen würden. Und dass dies im Alltag oft zu kurz komme. Darum biete sie Menschen die Möglichkeit, diese Bedürfnisse auszuleben. Natürlich gebe es klare Richtlinien bei diesen Zusammenkünften. Es gehe nicht um Erotik – gewisse, klar definierte Körperzonen seien darum auch von Berührungen ausgeschlossen –, und es werde nicht geküsst und gebe auch keinen Sex. Man teile die Berührungen zudem nicht nur mit einem einzigen Gegenüber, sondern auch zu dritt oder zu viert oder gar in einem »Kuschelhaufen«.
Schnell wurde mir klar, warum mich diese Sache irritierte. Körperliche Nähe, verbunden mit Sehen, Fühlen, Riechen und Spüren, ist für mich eine sinnliche Sache. Und die Vorstellung, dass mich eine mir unbekannte Person, die ich vielleicht nicht riechen kann oder die mir auf den ersten Blick nicht sympathisch ist, mich anfassen könnte, lässt mich schaudern. Doch wenn für mich diese Art von Nähe nicht passt, heißt es nicht, dass sie für andere Menschen nicht stimmen kann. Aber irgendwie macht es mich ein bisschen traurig, dass körperliche Intimität organisiert – und bezahlt – werden muss.
Etwas ratlos ließ mich auch der andere Radiobeitrag zurück, bei dem es um Rage-Rooms ging. Diese Räume, die es an verschiedenen Orten in der Schweiz gibt, sollen einem die Möglichkeit geben, Aggressionen auszuleben. Allein oder zu zweit, körperlich gut geschützt durch einen reißfesten Anzug, mit Gummihandschuhen und einem Helm aus Panzerglas, kann man so mit Vorschlaghammer, Baseballschläger oder mit einem Brecheisen Geschirr, Flaschen oder auch (zu einem Aufpreis) elektronische Geräte zerstören. Wem die Aggressionen durch die vielseitigen Sicherheitsmaßnahmen zwischenzeitlich vergangen sind, kann diese durch laute Musik wieder anheizen. Selbst wenn Minderjährige und Betrunkene von diesen »Events« ausgeschlossen sind, finde ich auch diese Erlebniskultur zweifelhaft. Auch wenn es sich nur um einen Spaß-Event handelt. Würde es nicht mehr Freude machen, vielleicht eine neue, abenteuerliche Sportart auszuprobieren, um so einen Adrenalinkick zu erleben, statt sinnlos Gegenstände zu zertrümmern?
Mein Fazit: Man kuschelt mit Fremden, um Nähe und Geborgenheit zu spüren, und verpackt sich beinahe hermetisch in Schutzkleidung, um Gefühle loszulassen, die im Alltag keinen Platz haben. Irgendwie irrational das Ganze. Ich klappe jetzt mal den Laptop zu und schaue, wo meine Hunde stecken. Vielleicht haben die beiden Kampfkuschler ja Lust auf eine Runde Streicheleinheiten.
Mehr Zeit fürs stille Örtchen
Vielleicht werden Sie die folgende Kolumne in der Kategorie »unnützes Wissen« einordnen. Ich bin allerdings der Meinung, dass solches durchaus seine Berechtigung hat. Sei es, um bei einem langweiligen Small Talk mit überraschenden Fakten zu punkten. Sei es, weil es im besten Fall lehrreich ist oder uns amüsieren kann.
Aber ich erzähle Ihnen das jetzt einfach einmal. Kürzlich habe ich gelesen, dass Männer durchschnittlich mehr Zeit auf der Toilette verbringen als Frauen. Gern auch in Begleitung einer Zeitung, eines Buches oder des Smartphones. Aus meiner bisherigen Erfahrung im Zusammenleben mit männlichen Partnern – Hund Louis ausgeschlossen – kann ich nur bestätigen, was das deutsche Marktforschungsinstitut GfK in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden hat. So sitzen Frauen maximal fünf Minuten auf dem WC, Männer hingegen bis zu fünfzehn Minuten. Der Grund dafür liege darin, dass Männer auf der Toilette die Ruhe genießen würden. Laut einer von der britischen Zeitung »Independent« zitierten Studie seien das durchschnittlich siebzig Stunden pro Jahr. Und darin sind schwierigere »Sitzungen«, wie zum Beispiel im Krankheitsfall, nicht mitberechnet.
Sind Sie nicht auch ein bisschen neugierig, welche Gründe sich hinter diesem männlichen Rückzug verbergen? Vor allem, weil laut gängigen Klischees der Gang zur Toilette meistens mit Frauen in Verbindung gebracht wird. Etwa, wenn sie diese im Restaurant oder Klub am liebsten mit einer oder mehreren Freundinnen aufsuchen.
Das ist bei den Männern definitiv anders: Dreiundzwanzig Prozent suchen auf dem WC nicht den sprachlichen Austausch, sprich Klatsch, sondern empfinden die Toilette – oder auch das Badezimmer, wenn sich diese dort befindet – als »sicheren Zufluchtsort«. Etwas ungläubig nahm ich die Aussagen von vierzehn Prozent der Befragten zur Kenntnis, dass ihnen dieser intime Ort nicht nur »Schutz« biete, sondern auch, dass sie die freie Zeit hier »so gemütlich« wie möglich verbringen möchten. Dazu gehöre auch, hin und wieder gewisse Nahrungsmittel zu verstecken, um sie dann in aller Ruhe zu genießen. Aber meine Herren, wo bleibt da die Hygiene?
Dass eine Ruhepause auf dem WC durchaus gesundheitsfördernde Aspekte hat, erfuhr ich in einem weiteren Artikel: Da sich fünfundachtzig Prozent aller deutschen Arbeitnehmer im Job gestresst fühlen würden, helfe der Gang auf die Toilette, um sich bewusst zu entspannen. Dieser Meinung ist der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V., Professor Doktor Frank Sommer. Und die sogenannte Pipipause solle eben nicht im Eiltempo durchgeführt oder gar unterdrückt werden. Sich den Toilettengang vor lauter Stress zu verkneifen, könne dem Körper schaden. Dann fülle sich nämlich die Blase immer mehr und leiere am Ende geradezu aus, was zu einer sogenannten »lazy bladder« (faulen Blase) führen könne.
Mit dieser Erkenntnis ist mein Reservoir an unnützem Wissen für heute gut gefüllt. Aber bitte vermeiden Sie beim nächsten Small Talk das Thema »lazy bladder«! Es eignet sich suboptimal in Verbindung mit Prosecco und Häppchen.
Die Kunst des Schenkens
In wenigen Tagen werden wieder viele Augen vor Rührung feucht glänzen. Aber es gibt auch jene Menschen, die sich mit Weihnachten schwertun. Vielleicht, weil sie die Einsamkeit stärker als sonst spüren. Einen geliebten Menschen besonders stark vermissen. Oder weil sie keine Lust haben, »glückliche Familie« zu spielen, während man sich unter dem Jahr alles andere als wohlgesinnt war. Und dann wäre noch das Thema Geschenke, an dem sich die Gemüter scheiden. Unbestritten ist meistens, dass kleinere und größere Kids beschenkt werden dürfen. Aber was ist mit den Erwachsenen?
Immer mehr meiner Freunde verzichten bewusst auf Weihnachtsgeschenke, weil das Schenken für sie Stress bedeutet und weil sie es überflüssig finden, da sie alles haben, was sie brauchen. Oder weil sie zu bequem sind, sich Gedanken darüber zu machen. Eine durchaus vernünftige Einstellung. Andere, wie meine Familie, haben sich für das Wichteln entschieden. So habe auch ich bereits Anfang November per Whatsapp erfahren, wem ich etwas schenken und in welchem Preisrahmen die Gabe liegen darf. Ich konnte es mir nicht verkneifen, etwas schnippisch zu antworten: »Soll ich auch noch den Kassenzettel beilegen, damit alles seine Ordnung hat?«
Zugegeben, eine kindische Reaktion. Schließlich hatte ich dem Wichteln ja zugestimmt. Nicht, weil ich es eine tolle Idee gefunden hätte. Aber ich wusste, dass ich mit meiner Abneigung gegen jegliche »Vorschriften«, nicht nur was das Schenken betrifft, auf ziemlich verlorenem Posten gestanden wäre. Ob sich auf diese Weise unnütze Geschenke vermeiden lassen, bezweifle ich aber.
Wäre es nicht sinnvoller, auf Alibigeschenke zu verzichten und sich einfach darüber zu freuen, dass man gemeinsam einen schönen Abend verbringen kann? Wer nur schenkt, damit er am 24. Dezember nicht mit leeren Händen dasteht, kann es doch auch sein lassen. Man kann ja auch unter dem Jahr schenken, einfach aus Lust und Laune oder weil man vielleicht auf einer Reise etwas gesehen hat, von dem man weiß, dass es Freude bereiten würde. Eine sinnvolle Variante ist auch, im Namen des zu Beschenkenden einer wohltätigen Institution eine Spende für Menschen oder Tiere zukommen zu lassen. Nicht alle sind in der Lage, großzügig auf Geschenke verzichten zu können.
Die Eigenschaft, das Schenken zu lieben, teile ich übrigens mit meiner Schwester Jeannette. Sie können sich sicher vorstellen, dass am Ende des Weihnachtsabends zwischen uns die eine oder andere Geschenktüte – natürlich ganz im Verborgenen – die Besitzerin wechselt. Wir beide waren bis vor kurzem noch überzeugt, dass von dieser Geheimaktion bisher niemand etwas gemerkt hatte. Aber inzwischen glaube ich, dass man sich über uns amüsiert, wenn wir jeweils, natürlich ganz zufällig, vor dem Abschied noch rasch unter vier Augen etwas besprechen müssen.
Was das Schenken betrifft, musste ich allerdings auch lernen, den Wunsch meiner besten Freundin zu akzeptieren, die zu Weihnachten weder schenken noch beschenkt werden möchte. In allen anderen Fällen werde ich mir diese Freude nicht nehmen lassen. Egal, ob es sich nur um eine Kleinigkeit oder auch einmal um ein unvernünftiges Geschenk handelt, das mein Budget überschreitet. Und so sollte doch das Schenken funktionieren: als ein Zeichen von Liebe. Und diese lässt sich bekanntlich nicht beziffern. Aber auch nicht erzwingen.
The Man in Black
Mein Mann trägt Schwarz. Ausschließlich. Im Sommer höchstens mal Grau, eine »fröhliche Sommerfarbe«, wie er das bezeichnet. Das war schon vor zweiundzwanzig Jahren so, als ich ihn kennen lernte, und es hat sich im Lauf der Zeit nicht geändert. Er ist und bleibt: the Man in Black. Auch wenn ich selber Farben liebe, habe ich seine Überzeugung nie infrage gestellt. Ich finde diese klare Linie auch ziemlich cool. Jedenfalls solange er nicht von mir erwartet, dass ich mich als schwarze Witwe herausputze.
Ich erzähle dies, weil ich vor ein paar Tagen einen Artikel gelesen habe, in dem es darum ging, inwiefern man versuchen sollte, seinen Partner nach seinen Wünschen zu verändern. Der romantische Vorsatz, seinen Liebsten so zu nehmen, wie er ist, überstehe kaum jemals die ersten zwölf Monate – also die Zeit der größten Verliebtheit. Sei diese vorbei, dürfe man den Partner verändern, und man müsse es sogar!
Dieser provokanten Meinung ist Christian Thiel. Der Philosoph und Beziehungsexperte hat das Buch »Liebe ist, den Partner nicht so zu nehmen, wie er ist« geschrieben. Er ist überzeugt, dass, wer seine Wünsche ständig zurückstelle, mit der Zeit total frustriert werde. Und dass dies in der Regel nicht zu mehr Zweisamkeit, sondern zu Entfremdung führe. »Solange nicht versucht wird, den Charakter eines Menschen umzubiegen, sondern lediglich sein Verhalten, ist das im grünen Bereich«, sagt Thiel. Nun frage ich mich: Kann man das Verhalten eines Menschen von seinem Charakter trennen? Zeigt sich nicht gerade im Verhalten oder im Auftreten der Charakter eines Menschen?
Mir sind jedenfalls die Männer und vor allem Frauen, die ihre Partner ständig »optimieren« wollen, ein Graus. Warum soll ich Dinge am anderen, die mir am Anfang gefallen haben oder mich nicht störten, zu ändern versuchen?
Ich komme zurück zu meinem Mann. Seine Liebe zu Schwarz ist eine tief verwurzelte Überzeugung. Er würde aus Liebe zu mir sicher auch mal ein weißes Hemd anziehen. Aber was bringt es mir, wenn er sich darin nicht wohlfühlt? Natürlich sollte man Wünsche äußern können, solange es nicht auf ein Umerziehen des Partners hinausläuft. Doch wenn mich wirklich etwas stört oder ich mir etwas Bestimmtes wünsche, dann äußere ich dies auch. Und entweder mein Gegenüber ändert dies oder eben nicht. Mir ist jedenfalls ein Mann mit »eigenem« Kopf tausendmal lieber als einer, der alles macht, nur um mich zufriedenzustellen.
PS: Bei unserer Strandhochzeit im letzten Sommer hätte ich meinem Mann allerdings ein helleres Tenue gewünscht. Bei über dreißig Grad im Schatten wäre ein weißes Hemd vielleicht doch angenehmer gewesen.
Trostpreis oder Hauptgewinn
Auch wenn Sie (noch) keine Erfahrung mit Online-Dating gemacht haben, kennen Sie sicher jemanden, der dazu die eine oder andere Geschichte erzählen kann. Denn im Gegensatz zu früher, als eine Heiratsvermittlerin »späte Mädchen« und »einsame Junggesellen« unter die Haube bringen musste, weiß heute fast jedes Kind, dass »Singles mit Niveau« bevorzugt Akademiker daten möchten. Aber auch Menschen mit weniger Niveau – dafür mit etwas mehr fleischlichen Begierden – haben heute Chancen, auf diese Weise fündig zu werden. Das Angebot ist groß, wenn auch nicht immer ganz übersichtlich.
Während bei gewissen »Seitensprung«-Portalen klar ersichtlich ist, wohin der Hase laufen soll (nämlich in Richtung Schlafzimmer), tummeln sich auf anderen Dating-Apps mehr oder weniger diskret Suchende, die man eigentlich in festen Händen wähnte. So erzählte mir eine Freundin, die seit längerer Zeit online unterwegs ist, dass sie auf der wohl bekanntesten Flirt-App gleich zwei verheirateten Kollegen »begegnet« sei. Sehr amüsiert hat mich, dass es bei dieser App eine eigene »Abteilung« für suchende VIPs gibt, die für »Normalsterbliche« nicht einsehbar ist. Ich fragte mich, welche Kriterien man wohl erfüllen muss, um da aufgenommen zu werden. Reicht es, eine sogenannte B- oder C-Promi zu sein, oder bekommen nur Schweizer A-Prominente Zugang zu diesem elitären Klub? Dann allerdings wäre das Dating-Spektrum sehr klein.
»Glaubst du«, fragte ich darum kürzlich meinen Angetrauten, »dass ich Chancen hätte, da als ›Bestsellerautorin‹ bei den VIPs aufgenommen zu werden? Undercover, sozusagen, damit ich später eine Story über meine Erlebnisse schreiben könnte?«
»Vergiss es«, sagte er lachend, »keine Chance!« Was er damit genau meinte, weiß ich nicht. Etwa, dass ich nicht einmal Cervelat-Promi-Status hätte? Oder dass er nicht möchte, dass ich auf diesem Gebiet recherchiere? Hoffen wir, dass es ihm um Letzteres ging.
Doch zurück zum Dating-Field, das manchmal wirklich ein Minenfeld ist. Ja, es stimmt: Es gibt sie immer noch, die sechzigjährigen Männer, die so eine »adäquate« Partnerin suchen, »die sowohl im Bikini als auch im Abendkleid eine gute Figur macht«. Die aber bitte nicht älter als fünfunddreißig sein darf. Und ja, Single-Frauen über fünfzig tun sich schwer, eine neue Beziehung zu finden. Und es stimmt, es ist nicht schwierig, auf einer App einen Mann oder eine Frau für gewisse Stunden zu finden. Aber eine echte Begegnung, die einem ein paar Schmetterlinge in den Bauch zaubert? Oder sich sogar noch weiterentwickeln könnte?
Auch wenn sich auf diesen Apps und Portalen viele männliche und weibliche »Trostpreise« finden, bedeutet das nicht, dass nicht auch der Hauptgewinn dabei sein könnte. In meinem Freundeskreis tut sich nämlich Erstaunliches. Gleich zwei neue Paare haben sich online gefunden, eines davon ist im Hochzeitsfieber. Eine ehemalige Chefin hat ihren Liebsten auf einer Flirt-App kennen gelernt und ist heute, allen Unkenrufen zum Trotz, glückliche Mutter eines kleinen Sohnes. Und einer meiner ältesten Kollegen, der schon lange im Ausland lebt, hat über eine Gay-App seinen neuen Lebenspartner kennen und lieben gelernt.
Jemand Neuen kennen zu lernen, Vertrauen aufzubauen, ihm das Herz zu öffnen, braucht Mut. Denn seien wir ehrlich, mit zunehmender Erfahrung fällt das nicht leichter. Aber egal, ob der erste Schritt virtuell oder in der Realität gemacht wird: Ohne ihn zu wagen, gibt es keine Chance auf ein kleines oder größeres Glück.
Thirsty Dancing
»Gehen wir wieder mal tanzen?«, fragte mich meine langjährige Freundin Priska in einem so angestrengt lockeren Ton, dass mir klar war: Dies war ein wirklich großer Wunsch von ihr. Denn wenige Wochen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag hatte die alleinerziehende Mutter eines Teenagers beschlossen, ihre familiären Aufgaben ein bisschen ruhen zu lassen und wieder mal etwas »Cooles« zu unternehmen. Bevor ich – ohne Lesebrille – den Flyer entziffern konnte, den sie mir unter die Nase streckte, ahnte ich, um was es sich bei dieser Veranstaltung handelte: eine 1980er-Jahre-Party für reifere Menschen. Da ich Priska nicht enttäuschen wollte, stellte ich mich dieser Herausforderung. Aber welcher Look eignet sich für einen solch bedeutenden Anlass? Ein bisschen »Material Girl« à la Madonna, kombiniert mit Kim Wildes rosa geschminktem Schmollmund und Kylies Lockenpracht (Perücke?). Später entschied ich mich für einen eher fantasielosen Look: verwaschene Mother-Jeans, Cowboy-Boots, ein altes Rolling-Stones-Shirt mit dem legendären Zungen-Logo.
Drei Tage später stand ich kurz vor zweiundzwanzig Uhr – man sollte solche Anlässe nie zu früh besuchen – auf etwas unsicheren Beinen vor Priskas Haustür. Ob dies nun vom Prosecco kam, mit dem ich mir ein bisschen Mut angetrunken hatte, oder von den ungewohnt hohen Hacken? Was mich fast umhaute, war dann allerdings der Anblick meiner sonst so konservativ gekleideten Freundin: Vor mir stand ein Suzi-Quatro-Double in Mini-Lederjupe, hautenger Bluse und Nietenstiefeln. Priska strahlte mich so freudig an, dass ich mir den Hinweis verkniff, dass Suzi eigentlich ein Kind der 1970er war. Auch Priska war schon etwas vorgewärmt, und so beschlossen wir, das Tram zu nehmen. Dort wurde uns allerdings mehr Aufmerksamkeit zuteil, als ich mir gewünscht hätte. Aber Priska schien die Blicke der anderen Fahrgäste richtig zu genießen.
Eine Stunde später rockte sie die Tanzfläche so, dass Suzi Quatro stolz gewesen wäre. Auch ich hatte mich von Prince, Blondie und Donna Summer anstecken lassen, war aber froh, dass die meisten Songs keinen Tanzpartner verlangten. Der aufgedrehten Priska hätte ich es allerdings auch zugetraut, dass sie sich bei einem Slow den Nächstbesten geschnappt hätte. Nach einer Stunde wechselte der Sound: Statt der Partykracher waren jetzt Weichspüler dran. Kim Carnes besang »Bette Davis’ Eyes«, Leonard Cohen sehnte sich nach »Suzanne«. Als »Forever Young« von Alphaville erklang, war nicht nur der Raum in Dunkelheit getaucht, auch meine Stimmung wurde immer melancholischer. Und während Priska zu »The Time of My Life« aus dem Film »Dirty Dancing« alles gab, unterdrückte ich ein Tränchen (wo sind bloß die tollen Jahre geblieben?) und trank noch ein Gläschen Wein, frei nach dem Motto: »Thirsty Dancing«.
Zum Glück wurde die Musik wieder flotter. Und ich wieder fröhlicher. Als wir gegen zwei Uhr in der Früh mit dem Taxi auf dem Heimweg waren, kicherten wir wie Teenies. Nur Priskas Frage: »Wann machen wir das wieder?«, überhörte ich geflissentlich. Gewisse Erlebnisse müssen einfach einzigartig bleiben.
Liebe macht dick
Seit ich mit meinem Mann zusammen bin, habe ich zugelegt. Ich bin zwar nicht fett, doch die Tage, an denen die Jeans an der Taille locker saßen, sind definitiv vorbei. Ich habe in den letzten zwanzig Jahren sicher zehn Kilo zugelegt. Das sind zwei Kleidergrößen. Diese Tatsache macht mich nicht gerade glücklich, aber alle guten Vorsätze scheitern spätestens dann, wenn ich am Abend vor einem kross gebratenen Wiener Schnitzel mit hausgemachtem lauwarmem Kartoffelsalat sitze, den mein Göttergatte zubereitet hat. Denn, das muss gesagt werden, mein Mann ist ein hervorragender Koch.
Zum Glück hat er auch ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Klage ich und sage: »Nur weil du so gut kochst, bin ich auseinandergegangen wie ein Hefeteig«, lacht er nur und meint: »Soll ich denn absichtlich schlecht kochen?« Damit ist die Diskussion dann auch meistens beendet, und die fröhliche Schlemmerei kann weitergehen. Natürlich weiß ich, dass nicht nur die manchmal etwas üppige Küche meines Mannes schuld an der Gewichtszunahme ist. Auch zu wenig Bewegung und die einsetzenden Wechseljahre haben ihren Tribut gefordert. Nun habe ich kürzlich etwas gelesen, das mein schlechtes Gewissen etwas mildert: Eine Studie des Max-Weber-Instituts für Soziologie an der Uni Heidelberg hat ergeben, dass Paare, die in einer glücklichen, stabilen und langjährigen Beziehung leben, häufig Gewicht zulegen. Eine Befragung von zweitausend Personen führte zu diesem Ergebnis. Hat man es gut miteinander, wird man dicker, kriselt es zwischen den Partnern, nimmt man ab. Ursache für die rundlichen Paare: Ihnen fehlt der Konkurrenzdruck. Im Gegensatz dazu schauen Singles viel stärker auf ihr Gewicht und treiben mehr Sport, um auf dem Partnermarkt attraktiv zu bleiben.
Das sind zwar spannende Erkenntnisse, die allerdings nicht so überraschend sind. Ich erinnere mich, dass ich in Phasen mit oder nach einem Liebeskummer immer am schlanksten war. Nur genießen konnte ich meine sehr schlanke Linie nicht, war ich doch furchtbar unglücklich. Ging es mir wieder besser, nahm ich automatisch auch wieder zu. Und jetzt eben diese zehn Kilo zu viel. Da ich (ein bisschen) eitel bin, Freude an schönen Kleidern habe und für meinen Mann auch weiter attraktiv bleiben möchte, werde ich von morgen an besser auf meine Ernährung achten, mich mehr bewegen und sämtlichem Junkfood entsagen. Heute Abend muss ich leider noch passen: Mein Mann ist bereits in der Küche und bereitet ein Rahmgulasch mit frischen Spätzli zu. Und ich will ja keinen Ehestreit vom Zaun brechen, denn er mag keine Frauen, die nur ein bisschen vom Teller picken. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag …
So glücklich ist eine launische Diva
»So fangen Sie Ihr Glück ein!«, las ich kürzlich in einem Frauenmagazin. Obwohl ich mir bewusst war, dass die Geschichte nicht halten würde, was der Titel versprach, löste bereits das G-Wort bei mir einen pawlowschen Reflex aus. Vergleichbar einem Hund, dem der Speichel im Maul zusammenläuft, wenn er ein Glöckchen hört, das er durch die Erfahrung mit Futter verbindet. So startete in meinem Kopfkino ein ganz eigener Glücksfilm: eine Mischung aus Lovestory, Comedy und Action-Movie, unterlegt mit meinen Lieblings-Soundtracks.
Welche Szenen in meinem Glücksfilm vorkamen? Das verrate ich natürlich nicht im Detail, denn Glücksmomente sind etwas sehr Intimes. Nur so viel: Für die Romantikerin in mir sind sie mit Liebe, Leidenschaft und Romantik verbunden. Die Abenteurerin hingegen möchte Adrenalin und unbegrenzte Freiheit spüren. Während meine innere Realistin – oder besser gesagt: die Spießerin – bereits glücklich ist, wenn mein Alltag stabil verläuft, die monatlichen Rechnungen bezahlt werden können und meine Lieben gesund und munter sind.
Wie vieles im Leben, so haben sich auch meine Ansprüche ans Glück mit den Jahren verändert. Heute verleihen mir Dinge und Beschäftigungen Glücksmomente, über die ich früher nur mitleidig gelächelt hätte: Zehn Stunden ungestörter Schlaf in einem kuschligen Bett, herrlich! Aber bitte, schlafen kann ich noch genug, wenn ich tot bin. Ein Samstagabend ganz allein zu Hause inklusive eines Rendez-vous mit Netflix und einer Familienpackung Vanilleglace. Mann, bist du langweilig! Hast du keine Ahnung, was du draußen alles verpasst? Die Ferien immer wieder mal am gleichen, kleinen Strand in Südfrankreich verbringen? Wie dröge, genau wie deine Eltern, die zwanzig Jahre lang ins gleiche Hotel nach Sardinien fuhren.
Doch haben wir denn überhaupt einen Anspruch auf Glück? Oder fordern wir damit nicht genau das Gegenteil heraus? Für mein letztes Buch »Glück ist deine Entscheidung« schilderten mir alte Menschen zwischen achtzig und hundert Jahren, wie sie immer wieder um ihr ganz persönliches Glück gekämpft hatten, wenn ihnen dieses durch Krisen, Schicksalsschläge und Verluste genommen worden war. Wenn es also darum geht, sich sein eigenes Glück zu erhalten oder zurückzuerobern, ist dieser Anspruch durchaus legitim. Denn wir fordern nicht – von wem auch immer –, glücklich gemacht zu werden, sondern übernehmen selber Verantwortung.
Schwieriger wird es, wenn wir mit einer Erwartungshaltung an die Glückssache herangehen, etwa mit dem Anspruch: Ich verdiene es, glücklich zu sein, schließlich habe ich dies oder das dafür getan, es wäre also nur gerecht! Meine Erfahrung: Das Glück ist eine launische Diva, die sich zu nichts zwingen lässt. Aber wir können versuchen, sie zu umschmeicheln und zu umwerben, um sie mit blumigen Worten und Versprechungen zu bitten, uns doch einen Besuch abzustatten. Und kommt es dann wirklich zu diesem so erhofften Besuch – natürlich, wenn wir ihn am wenigsten erwarten –, sollten wir uns hüten, das Glück festhalten zu wollen. Denn dann ist es schneller weg, als wir gucken können. Und wenn wir Pech haben, beglückt es gerade jene, denen wir es am wenigsten gönnen. Was mich betrifft: Ich bin keine Glückssucherin, sondern habe Vertrauen in mein Schicksal, dass es mich immer wieder finden wird.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
