Kitabı oku: «Mord im Parkhotel»

Yazı tipi:

Silvia Götschi, 1958 in Stans geboren, zählt heute zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen der Schweiz. Mit „Einsiedeln“ und „Bürgenstock“ landete sie in der ersten Woche nach Erscheinen auf dem ersten Platz der Schweizer Bestsellerliste (Taschenbücher). Sie erhielt je einen GfK No 1 Book Award.

Nach ihrer ersten Veröffentlichung „Am Anfang ist die Sehnsucht“ 1999, erschienen zwei Romane „Und trotzdem nicht Olivia“ und „Sonnensturm“. „Mord im Parkhotel“ war ihr erster Kriminalroman im Verlag Literaturwerkstatt. Im Cameo Verlag erscheint er in überarbeiteter Form und in Neuauflage.

Seit ihrer Jugend zählen Schreiben, Fotografieren und Psychologie zu Götschis Leidenschaften. Nach der Handelsschule und dem Abschluss der Kaufmännischen Berufsschule, arbeitete sie während längerer Zeit in der Hotellerie und Gastronomie. Seit 1998 ist sie freischaffende Schriftstellerin und Mitinhaberin einer Werbeagentur. Götschi hat drei Söhne und zwei Töchter und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Luzern.

www.silvia-goetschi.ch

Silvia Götschi - Mord im Parkhotel

Silvia Götschi

Mord im Parkhotel

Kriminalroman

Für Silvan, Melanie, Graziella, Reto und Andrea

– meine Söhne und Töchter

Samstag, 2. August 2003

Der erste Schlag kam so schnell, dass ich ihn kaum spürte.

Rasch schlug meine Überraschung in Wut und Bestürzung um. Eine Irrfahrt aufgewühlter Sinneswahrnehmungen. Das Wechselbad durchlebter Emotionen. Im Empfinden, meine tiefsten Gefühle ihr gegenüber in diesem Moment aufzuspalten. Zu verlieren.

Sie schlug ein zweites Mal zu, was mich mehr schmerzte. Genauso unerwartet, mit einem stumpfen Gegenstand, den ich nicht zu identifizieren vermochte. Warm rann es mir über die Wangen. Bis ich merkte, dass es mein eigenes Blut war, bildete sich vor mir ein roter See, als hätte jemand versehentlich einen Kübel Ölfarbe auf den Teppich gegossen. Dieser Vergleich schien mir allerdings unangebracht im Angesicht des Todes, den zu realisieren ich noch im Hinfallen imstande war. Wieder schlug sie zu. Emotionslos. Eiskalt. Ich war unfähig, mich von der Stelle zu rühren und aus ihrem Blickfeld zu gehen. Ich begriff nicht, wie sie mir das antun konnte. Die Frau, die ich liebte, die ich begehrte. Sie, deretwegen ich meine Persönlichkeit aufzugeben bereit war, deren Abwesenheit mir als irrationaler Entzug in meiner Körperlichkeit erschien. Wurde mir dies erst jetzt bewusst?

Ob sie meine Angst spürte? Ich sah sie durch einen Schleier von Tränen an. Ihre Augen waren leer, ausgehöhlt, der Glanz war verschwunden. Sie hatten etwas Raubtierhaftes an sich. Etwas Bedrohliches.

Wieder schlug sie mich. Ein schreckliches Geräusch, als trennte jemand einen Fetzen Stoff durch. Ein messerscharfes Zischen, das Bersten von Haut. Ich spürte, wie es mir die Schädeldecke aufriss und noch mehr Blut herausströmte.

Brennend, glühend wie der Strom heisser, klebriger Lava ...

Weshalb ich erwachte, wusste ich nicht genau. Von draussen vernahm ich den Schrei einer liebeskranken Katze. Es hörte sich wie das Wimmern eines Kindes an. War es dieser Laut, der mich aufgeweckt hatte? Ich drehte mich auf die andere Seite und versuchte, wieder in die Abgründe zurückzukehren, aus denen ich schweissgebadet aufgewacht war, um die Antwort auf das Erlebte zu finden. Es gelang mir nicht, zu aufgewühlt war ich. Ich hatte schlecht geträumt. Das war alles. Ich träumte selten. Oder zumindest nicht so, dass ich mich am Morgen danach erinnerte. Dennoch sass der Schreck der letzten zwei, drei Minuten an der Oberfläche meines Unterbewusstseins. Vielleicht deshalb diese Unruhe? Mechanisch griff ich in mein Gesicht, fühlte die wuchernden Bartstoppeln. Mein Kopf war unversehrt. Hatte sie mir nicht eines über den Schädel gezogen? Lächerliches Unbehagen.

Ich stand auf, ging auf den Balkon und zündete eine Zigarette an.

Die Stadt schlüpfte aus einem unruhigen Schlaf. Irgendetwas von ihrem schweren, abgasgeschwängerten Körper war immer in Bewegung. Lichtströme von Autoscheinwerfern, die durch ihre Adern pulsierten. Ich lauschte in den frühen Morgen hinein. An die Geräusche um mich hatte ich mich so gewöhnt, dass ich sie kaum noch wahrnahm. An die metallenen Schläge von der Güterabfertigung gegenüber meiner Strasse, wenn Waggons aneinandergekoppelt wurden. An die gurrenden Laute einzelner Tauben auf dem Dach, die sich ins Quartier verirrt hatten. Oder an das Liebesgestöhn aus der Wohnung unter mir. Morgens um sechs. Nichts war mehr fremd, was mich nach diesem Albtraum mit Genugtuung erfüllte.

Langsam verwischte die Dämmerung. Zaghaft überflutete warmes Licht die Hausdächer und Fassaden. Weiter hinten die Schienen des Hauptbahnhofes. Wie riesige Schlangen krochen die Züge aus dem Schoss der Stadt. Vom Pilatus aus ging ein Glanz, der mir fast unwirklich vorkam. Die Felsen flammend rot. Der Ort zu ihren Füssen glitzerte im Licht der aufgehenden Sonne als flüssiges Gold oder von Feuer durchbrochene Kristalle.

Ich warf schnell die Zigarettenkippe über die Balkonbrüstung. Mit dem Tageslicht kam auch der Wind auf. Er stiess schon jetzt seinen heissen Atem aus. Ich blieb noch eine Weile draussen. Beobachtete, wie das Morgenlicht die letzten Geheimnisse der Nacht wegwischte. Ich hörte den Glockenschlag einer Kirche, von der ich nicht wusste, wo sie stand. Von irgendwoher das Martinshorn eines Polizeiwagens. Als das Telefon klingelte, kehrte ich ins Wohnzimmer zurück. Ich nahm den Hörer zur Hand.

»Walker«, brummte ich, weil ich so früh keinen Anruf erwartet hatte.

Korners Stimme: »Wir haben eine Tote vor der Zentralbibliothek.« Es kam selten vor, dass mich der Boss persönlich anrief. »Beeilen Sie sich! Ich brauche Sie.«

»Soll ich gleich in die Zentrale kommen?« Ich wartete, bis Korner etwas hinzufügte. Aber es war, als spräche er gleichzeitig mit mehreren Personen, wobei er mich nicht mehr wahrzunehmen schien. Im Hintergrund hörte ich unbekannte Stimmen. Ein Knacken. Ein Schleifen, als schöbe jemand Stühle über einen Parkettboden. Dann Korner: »Bringen Sie Betschard mit und fahren Sie danach zur Zentralstrasse.«

Ich wollte etwas sagen, doch Korner hatte schon aufgelegt. Das war typisch für ihn. Bevor man merkte, dass er da war, war er schon wieder weg. Er war Chef der Kriminalabteilung bei der Kantonspolizei, ein Kopf, der es auch in der Schweizer Armee bis zum Major geschafft hatte. Ein Mann mit unsagbar schnellem Verstand. Dominant im Auftreten und im Umgang mit seinen Mitarbeitern. Ein hochrangiges Kaliber, dem kaum einer aus unseren Abteilungen das Wasser reichen konnte. Jeder wusste, dass er in der Politik mitmischte, aber parteilos blieb, wie er stets betonte. Trotzdem spürte man einen tendenziellen Hang in jene Richtung, die man in den oberen Gefilden der Luzerner als heisses Eisen proklamierte. Er stehe ausschliesslich dort, wo es sich für einen Polizisten gehöre, sagte er. Es umgab ihn die Aura des entschlossenen Mackers, der es sich vorgenommen hatte, aus der Stadt Luzern ein Pflaster freien Bewegens und Denkens zu schaffen, wenngleich Köpfe rollen sollten. Seine Arbeit hatte schon längst über die Grenzen seiner eigentlichen Tätigkeit gegriffen. Er beschäftigte sich knallhart mit den Medien, weil nach seinem Ermessen Gewalt und Verbrechen gezielt durch diese Zusammenarbeit in den Griff zu bekommen wären. Er diktierte den Redaktoren geradezu, was ihm nicht immer Sympathien einbrachte. Früher oder später würde man den Unterschied von damals zu heute schon bemerken. Es blieb offen, was er damit wirklich meinte.

Unter der Dusche erwachte ich erst richtig. Ich war kein Morgenmensch. Zum Rasieren blieb mir keine Zeit. Ein kurzer Blick in den Spiegel über dem Lavabo stimmte mich auch nicht positiver. Meine Haut war hell, trotz des Sommers. Ich mied die Sonne grundsätzlich. Salomé meinte letzthin, dass mir diese Blässe einen etwas frivolen Ausdruck verleihe und den Betrachter schon der Jahreszeit wegen provoziere. Egal. Immerhin gefielen ihr meine Grösse von 1,78 m, meine blauen Augen und die braunen, kurz geschnittenen Haare – Schweizer Durchschnitt hatte ich mal gelesen.

Ich schritt ins Schlafzimmer, holte meine Hose und ein frisches Hemd aus dem Schrank und zog sie mir über. Vergessen war meine Wut auf Korner, der mein freies Wochenende gestört hatte. Auf dem Weg zum Parkplatz rutschte ich in meine Schuhe. Nicht das erste Mal, dass ich mit akrobatischem Geschick meine Wohnung verlassen musste. Ich bemerkte, dass ich die Zigaretten oben liegen gelassen hatte, was mich ärgerte.

***

Daniel Betschard wohnte am anderen Ende der Brücke. Ich rief ihn auf dem Weg dorthin an. Der Festnetzanschluss wurde nach wiederholtem Klingeln auf sein Mobiltelefon umgeleitet, was Daniel ähnlich sah. Möglichst kompliziert. Er klang verschlafen und nicht sehr erfreut.

»Ich weiss, ich sollte mich beeilen«, knurrte er ins Telefon. »Habe die Nachricht soeben erhalten. Du kannst am üblichen Ort auf mich warten.«

Ich fuhr zum Kino Capitol, wo ich meinen Wagen parkte. Ich stieg aus. Während ich wartete, sah ich mir beim Kinoeingang den Aushang der neuesten Vorstellungen an. Zwei Typen in gestreiften Trainerhosen schlurften an mir vorbei. Sie sahen nicht danach aus, als gingen sie zur Arbeit. Sie warfen mir einen abschätzigen, wenn nicht arroganten Blick zu. Ich kannte diese feindseligen Augen, in denen sich wahrscheinlich meine eigene Feindseligkeit widerspiegelte. Das waren die Momente, in denen ich mir wie ein Fremder im eigenen Land vorkam. Ich ging zurück zum Wagen. Ich sah Daniel über den Zebrastreifen hasten. Sein Hemd hing ihm wie immer aus der Hose. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Er begrüsste mich schlaftrunken. Aus purem Mitleid öffnete ich ihm die Türe auf der Beifahrerseite. »Bist du überhaupt einsatzfähig?«, fragte ich, um ein Gespräch zu beginnen. Ich sah ihm an, dass er mit dem Reden Mühe hatte. Er blinzelte mich mit seinen grünen Augen an. Sein Gesicht wirkte fahl, sein rotblondes Haar zerzaust.

»Ich nehme an, dass du heute einen klaren Kopf brauchst«, sagte ich. »Hat dir Korner nicht mitgeteilt, worum es geht?«

»Wohin fahren wir denn?«

Eigenartig, dass mir erst heute auffiel, wie nervös Daniel wirkte. »Zum Sempacherpark«, sagte ich. »Zum Vögeligärtli. Man hat eine Tote gefunden. Die erste Leiche in diesem Sommer.«

»Wir hatten erst letzte Woche eine«, entgegnete Daniel lakonisch. Ich sah ihn im Augenwinkel das Hemd zuknöpfen.

»Das war eine männliche«, sagte ich, was Daniel das erste nette Lächeln entlockte.

***

Ich fuhr über die Hirschmattstrasse bis zur Murbacherstrasse. Vor der Zentralbibliothek stellte ich meinen Wagen ab. Ein Polizeiauto und ein Krankenwagen waren schon vor Ort. Das blaue Licht kreiste wie ein Karussell über die Fassaden und Bäume im nahen Umkreis. Der Park war mit rot-weissen Plastikbändern weiträumig abgesperrt. Leute drängelten an die Schranken heran. Die Schaulustigen nahmen ihre Plätze ein – wie Statisten in einem Kriminalfilm. Ich bemerkte über zehn mit Mobiltelefonen bewaffnete Zuschauer. Auch die Presse war da: Daniela Schneider von der Luzerner Zeitung, die mit ihrer Digitalkamera umherwirbelte. Es war eine ehemalige Schulkollegin von mir. Auch heute sah sie aus, als wäre sie gerade von einer Strandparty hierhergekommen. Ihre hochgesteckten Haare mit hellgrünen Strähnen fielen mir auf. Ich überlegte mir, woher sie von der Tat erfahren haben könnte. Ich ging ihr aus dem Weg. Korner war nicht anwesend. Dafür zwei Kollegen der Stadtpolizei. Ich blieb einen Moment stehen, um mich über die aktuelle Lage zu orientieren: Die übliche Hektik fehlte, Ratlosigkeit machte sich bemerkbar.

Später sah ich den Camion des Technischen Dienstes in die Murbacherstrasse einbiegen. Hinter der Frontscheibe erkannte ich Werner Dubach und war beruhigt. Daniel schritt auf ihn zu, verschwand im hinteren Teil, wo sie, er und Werner, bald darauf mit sterilen Anzügen wieder zum Vorschein kamen. Zwei Astronauten gleich oder in weisse Overalls gepackte Comicfiguren. Voll beladen mit Koffer, Kamera und den üblichen Utensilien übergingen sie die erste Schranke. Die Diener des gewaltsamen Todes.

Ich näherte mich den beiden Kollegen der städtischen Polizei und den Sanitätern, die eng beieinanderstanden. Hinter den Flatterbändern verharrte ich, nahe genug, um zu erkennen, was da los war.

Nur auf den ersten Blick sah es aus, als schliefe sie. Der seltsam verdrehte Kopf, das lange Haar, das ihr Gesicht zur Hälfte verdeckte, bezeugte jedoch, dass mit der Frau auf der Parkbank etwas nicht stimmte. Sie sass schräg da, ihr rechter Arm lag über der Lehne. Sie trug ein enges schwarzes Kleid, das ihr weit über die Knie gerutscht war, darunter schwarze Strümpfe; die Halter kamen teilweise zum Vorschein. Ihre Füsse steckten in offenen Schuhen mit hohen Bleistiftabsätzen. Neben ihr auf der Bank lag eine schwarze Lackhandtasche.

»Ein Clochard hat sie heute Morgen so gefunden«, erfuhr ich von einem der anwesenden Polizisten.

»Wo ist er?«, fragte ich.

»Er wartet hinten im Dienstwagen«, sagte der Polizist und drehte seinen Kopf seitlich über die linke Schulter.

»Hat man ihn schon befragt?«

»Nein.«

»Sind sonst noch unmittelbare Zeugen da?«

»Nein, niemand sonst.«

Ich musste mich um seine Antworten bemühen, was mich ärgerte. »Und die Leute hinter der Absperrung?«

»Die sind alle im Nachhinein gekommen.«

Die kamen immer im Nachhinein. Dann lauerten sie wie Aasgeier oder Hyänen, gierig auf den Rest der Beute starrend. Der Blick darauf wurde ihnen jedoch bald verwehrt: Die Techniker montierten eine Schutzwand.

»Sind die schon befragt worden?« Langsam wurde ich ungeduldig.

Der Polizist grinste mich blöd an. Ich schien nicht der Einzige zu sein, der mit dem Einsatz an einem Samstagmorgen Mühe hatte. »Unsere Leute sind dran«, sagte er und entfernte sich von mir, weil man ihn anderswo dringender brauchte.

Ich schaute mich um. In dieser frühen Morgenstunde erschien alles wie einbalsamiert. Die Häuser rund um den Park waren in diffuses Licht getaucht, die Jalousien geschlossen.

»Du solltest mal herüberkommen«, rief mir Daniel winkend zu und verschwand hinter der blickdichten Wand. Ich folgte ihm.

Später, nachdem Daniel mit den ersten Untersuchungen fertig war, trat ich an die Tote heran und betrachtete sie.

Manchmal gibt es einschneidende Momente im Leben, die kommen ohne Vorwarnung aus heiterem Himmel, und sie schlagen wie eine Bombe ein, reissen ein tiefes Loch in die Seele und man weiss, dass man dann nichts mehr rückgängig machen kann; man kann es nicht einmal wegdenken. Als ich in das Gesicht der Frau sah, traf es mich so hart, dass ich glaubte, es ziehe mir den Boden unter meinen Füssen weg. Ich verlor den Halt. Unbegreiflich. Salomé!

Der Name zuckte wie ein Blitz durch mein geistiges Auge, schlug brutal in mein Herz. Ich verdrängte den Gedanken. Sie sah ihr nur ähnlich. So unglaublich ähnlich. Ich würde den Namen der Toten gleich erfahren. Würde im Nachhinein über meine Hysterie lachen. Sonderbar, wenn man plötzlich neben sich selbst steht und sich aus der Perspektive des Aussenstehenden betrachtet. Das passierte mir heute zum ersten Mal. Ich fasste mich schnell wieder und richtete mich auf. Ich spürte, wie mir kalter Schweiss aus den Poren schoss, wie ein flaues Gefühl meinen Magen füllte. Ich versuchte, mich auf eine Bagatelle zu konzentrieren. Auf den Baum über mir, den ich durch die Zeltluke sah. Eine jahrhundertealte Buche, die ihre Äste weit und üppig über den Park breitete. Abwechselnd stieg mir der Geruch von Hundekot und trockenem Laub in die Nase.

»Wurde sie umgebracht?«, fragte ich Daniel. Er trug ein Diktafon bei sich, worauf er seine Feststellungen sprach.

»Siehst du diese Striemen da?« Er schob die Haare etwas zur Seite und zeigte mir zwei nebeneinanderliegende violette Vertiefungen. »Sie wurde stranguliert. Womit, kann ich nicht klar erkennen. Das ist dann Sache der Gerichtsmedizin.«

»Und die Todesursache?« Ich beugte mich über die Tote. Sie sah aus wie Salomé.

»Wahrscheinlich durch Ersticken«, sagte Daniel. »Ich muss jetzt weitermachen. Dazu kann ich dich nicht gebrauchen.«

»Wer hat sie gefunden?« Meine Selbstsicherheit zerrann wie Eis in meiner Hand. Ich griff mechanisch in meine Hemdtasche und erinnerte mich, dass ich die Zigaretten zu Hause liegen gelassen hatte. Jetzt hätte ich sie gebraucht, um mich an irgendetwas festzuhalten.

»Ein Kollege der Stadtpolizei sagte mir, dass sie kurz vor sechs Uhr einen Anruf aus dem Hotel neben der Zentralbibliothek bekommen haben.«

»Von wem?«

»Keine Ahnung. Scheinbar wollte er seinen Namen nicht nennen.«

Ich war erstaunt über das Tempo der Stadtpolizei. Möglicherweise war eine Patrouille in der Nähe oder sie war im Quartier auf Streife gewesen.

»Kann ich jetzt mit meiner Arbeit anfangen?«, rief Werner. Er kam zielstrebig ins Zelt. Seine Kamera hing ihm über den Bauch. Er sah nicht sehr glücklich aus. Einsätze an Wochenenden waren anstrengend und stellten die Betroffenen auch vor Bewährungsproben innerhalb ihrer Familie. Ich hatte einmal gelesen, dass die meisten Geschiedenen unter Polizisten zu finden seien.

Ich musste immerzu auf die schwarze Handtasche starren, auf den Lackbeutel neben der Toten. Ich stellte mich zu Daniel und schaute ihm bei der Arbeit zu. Seine Handgriffe waren Routine, ihn erschütterte kaum mehr etwas – oder er hatte ganz einfach die Gabe, solches wegzustecken. Die Leiche hier war beinahe unversehrt. Daniel hatte sich weiss Gott schon mit anderen Körpern auseinandersetzen müssen, mit fast bis zur Unerkenntlichkeit entstellten Mordopfern, mit zerschlagenen Gesichtern und abgetrennten Extremitäten. Jeder Normalsterbliche hätte in einem solchen Moment seinen Beruf hinterfragt. Daniel aber nahm seinen Job gelassen und überspielte seine Eindrücke gekonnt mit trockenem Humor. »Du kannst jetzt nach draussen gehen!«, befahl Daniel. »Du bist nicht steril genug.«

»Nur noch einen Augenblick. Wolltest du mir nicht noch etwas sagen?«

Hatte er die Handtasche schon gesehen? Mir ging sie nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht würde man etwas darin finden, was nicht jedermann zu Gesicht bekommen sollte. Vor allem nicht meine Kollegen. Ich verabscheute den Gedanken.

Daniel richtete sich auf. Sein Gesicht war rot angelaufen. »Wie kann man eine so schöne Frau kaltblütig umbringen?« Er besass also doch eine Seele.

Ich unterliess es, darauf etwas zu erwidern. Ich hätte auch kaum einen Ton herausgebracht. Die Handtasche beschäftigte mich. Vielleicht hätte ich sie einfach wegnehmen sollen. Daniel hätte es nicht bemerkt. Ich versuchte, ihn abzulenken, während ich mich der Sitzfläche wieder ein Stück näherte. Die Tasche war so klein, dass sie zwischen meinem Hemd und dem Bauch genug Platz hatte. Jetzt war ich plötzlich froh über meine Bier-Physiognomie. Ich war mir bewusst, dass ich mit diesem Griff einen gravierenden Fehler in Bezug auf die kriminaltechnischen Aufgaben machte. Hoffentlich schaute mir Werner nicht zu.

»Du entschuldigst mich«, sagte ich an Daniel gewandt. »Ihr könnt mich rufen, wenn ihr fertig seid. Ich werde mich da hinten mal ein wenig umsehen.« Ich verliess die Abdeckung.

Ich schaute Werner an, der die nähere Umgebung des Fundortes kritisch absuchte und fotografierte. Vielleicht würde er später verdächtige Dinge entdecken, die jetzt an Ort und Stelle nicht zu sehen waren oder ganz einfach nicht wahrgenommen wurden. Und die Tasche? Ich realisierte meine momentane Fahrlässigkeit, ohne genau zu benennen, warum das so war.

Mir schnürte es die Kehle zu. Ich musste hier weg. Ich ging zurück zu meinem Wagen.

Es war schwülheiss. Die Brise aus dem Süden mutete wie ein trockener Atem an, der mir das Atmen erschwerte. Meine Zunge fühlte sich an wie Fliesspapier, worauf kleine Staubpartikel klebten oder Sand aus der Wüste Nordafrikas. Seit Anfang Mai hatte es nicht mehr geregnet. Die Luft hing wie eine Glocke über der Stadt.

Im Wageninneren war es noch unerträglicher. Ich legte die Lackhandtasche der Toten vor mich auf die Knie und betrachtete sie. Ich hatte noch nie eine solche Tasche gesehen. Sie war aus teurem Material gefertigt, es war keine aus diesem billigen Lack, wie man sie in den Warenhäusern kaufen konnte. Ich drehte den Verschluss und kippte den Inhalt auf meine Beine. Zum Vorschein kamen eine kleine Geldbörse, ein Lippenstift, ein farbiges Kondom, zwei verschiedene Wohnungsschlüssel, ein angebrochenes Zigarettenpäckchen und ein vergoldetes Feuerzeug. Ich hätte mir am liebsten eine Zigarette angezündet, konnte aber der Versuchung widerstehen. Im Portemonnaie befanden sich ausser ein paar Münzen dreihundert Franken in Scheinen und eine Kreditkarte. Raubmord war schon einmal auszuschliessen. Es schien eher so, dass der Mörder bewusst wollte, dass man die Tote an Ort und Stelle nach ihrem Namen identifizierte. Ich hatte gedacht, etwas mir Vertrautes zu finden, und fühlte Erleichterung, weil es nicht der Fall war. Ich überprüfte die beiden Schlüssel, deren Nummerierung mir nicht bekannt vorkam. Ich schaute die Kreditkarte näher an. Sie war auf den Namen Catherine Mahler ausgestellt. Das Foto am unteren linken Rand auf der Rückseite der Karte konnte mit der Toten übereinstimmen. Sollte ich aufatmen? Sie hiess Catherine und nicht Salomé. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Und genau dieser Zwang bewirkte, dass es mir den Boden erneut unter den Füssen wegzog. Das Bild war nicht sehr scharf. Aber es kam mir bekannt vor. Eine dunkelhaarige Frau mit aussergewöhnlichen Augen. Salomés Augen. Irgendwo hatte ich dieses Bild schon einmal gesehen. In einem grösseren Format.

Gestern noch war sie bei mir gewesen. Ihr Name war Sehnsucht. Begehren. Lebenslust. Wir hatten uns regelmässig in meiner Wohnung getroffen. Dann gab es nichts, worüber wir sprachen. Unsere Körper sprachen für sich. Ich erlebte sie jedes Mal wie beim ersten Mal. Ich sah sie vor mir, ihre olivefarbene Haut, diese zarten, feinen Läppchen, die sie hemmungslos vor meinen Augen aufblätterte.

Ich ertappte mich dabei, wie ich lange und nachdenklich auf das kleine Bild auf der Kreditkarte starrte. Das hier war nicht Salomé. Nicht meine Salomé. Ich wollte nicht, dass sie es war. Da glaubte ich, eine Frau zu kennen, ihren Körper, ihre verborgensten Winkel. Und auf einmal erschien sie mir wie ein fremdes Wesen. Eine seltsame Leere breitete sich in mir aus. Ich hatte nicht einmal den Familiennamen von ihr. Das war so nebensächlich gewesen. Sie arbeite im Kantonsspital, hatte sie mir gesagt. Insgeheim hatte mich ihr Beruf beruhigt, und ich nahm ihre Schichtarbeit genauso in Kauf wie sie meine.

Ich stieg wieder aus. Die Tasche liess ich im Wagen liegen, mir keiner Konsequenz bewusst. Ich ging zurück in den Park. Daniela Schneider war verschwunden. Alle anderen mir bekannten Gesichter waren noch da. Und eine Menschentraube, die sich ständig vergrösserte: neugieriges Volk, das sich am Leid ergötzte, erregt darauf wartend, dass sie die Tote sehen würden.

In der Zwischenzeit war auch Conradin Caflisch, der Chef des Ermittlungsdienstes eingetroffen. Ich sah, dass er sich mit Daniel unterhielt. Ich ging zu ihm und grüsste ihn knapp. Nach mehr war mir nicht zumute. Conradin war mein unmittelbarer Vorgesetzter, gross, schlank und agil, der es mich immer wieder unverblümt wissen liess, dass er in der Leiter der Hierarchie eine Sprosse höher stand als ich. Er war bündnerischen Ursprungs, schnauzbärtig und dunkelhaarig, ein etwas sturer Mensch, der fast zur gleichen Zeit wie ich zur Kapo gekommen war. Die einengenden Berge im Prättigau hatten seinen Charakter geprägt; die Weitsicht fehlte ihm. Trotzdem schätzte man ihn in der Abteilung, weil er wie niemand sonst mit einer unerschütterlichen Vehemenz an eine Sache herangehen konnte.

»Hast du schon Zeugen befragen können?« Conradin bugsierte mich zur Seite.

Plötzlich erinnerte ich mich an den Clochard, der sicher immer noch im Dienstauto der Stadtpolizei wartete, falls ihn nicht schon jemand anderer befragt hatte. »Ich werde mit der ersten Zeugenbefragung anfangen«, wich ich aus.

Conradin schaute auf seine Armbanduhr. »Ich möchte, dass du dir danach den Empfangschef des Hotels da drüben mal unter die Lupe nimmst. Er hat die Stadtpolizei benachrichtigt. Ich kümmere mich um den Rest.«

»Wann werden wir uns wiedersehen?«

»Wenn hier alles erledigt ist«, antwortete Conradin. »Spätestens um elf in Hellers Büro. Bis dahin wissen wir vielleicht mehr.«

Später traf der Leichenbestattungsdienst ein, um die Tote in die Gerichtsmedizin nach Zürich zu bringen.

Den Polizeiwagen fand ich auf dem Parkplatz neben der Bibliothek. Im Wageninneren sass ein Mann in abgewetzten Hosen und mit nacktem Oberkörper. Ich setzte mich zu ihm. »Haben Sie die Frau gefunden?«

Der Mann reagierte zuerst nicht. Er starrte wie gebannt auf seine Hände. Helle, feingliedrige Hände. Die Hände eines Akademikers, durchfuhr es mich. »Sie müssen mir ein paar Fragen beantworten«, sagte ich.

Der Mann erschrak. Sein Blick war feindselig. »Ja, ich habe sie gefunden«, antwortete er mit Verzögerung. Ein saurer Geruch von abgestandenem Alkohol ging von ihm aus.

Ich lehnte mich zurück. »Und etwas anderes haben Sie nicht bemerkt oder gehört? Ein Auto oder Personen?«

»Ich habe da hinten geschlafen«, sagte er, »... tief geschlafen«, ergänzte er und machte eine ausschweifende Körperbewegung gegen die Fensterscheibe.

Das nahm ich an, weil er mit Sicherheit betrunken gewesen war.

Ich reichte ihm einen Schreibblock. »Notieren Sie Ihren Namen und Ihre genaue Anschrift«, sagte ich und wusste im gleichen Moment, dass er dies wahrscheinlich nur zur Hälfte erledigen würde. Ich sah ihm zu, wie er mit zittrigen Buchstaben seinen Namen auf das Papier kritzelte »Max Sommerhalder«, lächelte der Clochard verzerrt. »Wollen Sie die Sommer- oder die Winteradresse wissen?«

Ich nahm ihm den Block aus der Hand. »Das reicht fürs Erste.« Seine Schrift wäre ein spannendes Austüfteln für die Grafologen gewesen. »Vielleicht sollten Sie zuerst ausnüchtern«, schlug ich vor.

In Sommerhalders Augen trat ein Leuchten. »Sie halten mich wohl für einen Vollidioten.« Er lächelte, während er dies sagte. »Ich sehe zwar aus, als hätte ich von den Dingen des Lebens keine Ahnung, aber immerhin habe ich einmal studiert. Lassen Sie sich von meiner Schnapsfahne nicht irreführen. Aber mit irgendetwas muss man sich schliesslich sein Leben versüssen.«

Doch ein verhinderter Akademiker. Ich ging nicht weiter darauf ein. »Wem haben Sie den Fund gemeldet?«, fragte ich und erhielt nur ein unverständliches Kopfschütteln.

»Ich mag mich nicht erinnern.«

Sein Kurzzeitgedächtnis schien ein paar Sprünge zu haben und gab meinem Gefühl, dass er nicht mehr auf seinem geistigen Hoch war, recht. Oder machte er das absichtlich? Wusste er am Ende mehr, als er zugab? »Melden Sie sich am Montag um neun Uhr bei der zuständigen Instanz«, wiederholte ich. Ich reichte ihm meine Karte. Meine Unterhaltung mit ihm war somit beendet. Meine Energie am Nullpunkt angelangt, und es schien, als hätte ich noch einen langen Tag vor mir. »Sie können wieder gehen«, sagte ich und stieg aus dem Wagen.

Noch im Davongehen hörte ich den Clochard von seiner unfeinsten Art. Er schoss mir eine Salve Flüche hinterher, die an Obszönem nichts unterliessen. Ich verstand ihn.

***

An der Ecke, wo sich Sempacher- und Murbacherstrasse kreuzten, befand sich ein Hotel mit einem Restaurant im Keller, in das man von der Strasse aus durch eine schräg gestellte Fensterfront sehen konnte. Ich war in The Hotel noch nie eingekehrt. Aber mein Kollege Werner war dort einmal eingeladen gewesen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte er sich damit mir gegenüber gebrüstet.

Schon in der Empfangshalle witterte ich den Geruch von Putzmittel. Es roch steril. Genauso kam mir der Mann hinter der Rezeption vor. Er grinste mir künstlich entgegen. Er tat so, als hätte er von der Hektik draussen nichts bemerkt. »Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?« Ein professionelles Lächeln. Einstudierte Gestik. Auf eine bestimmte Gattung Gäste mochte das positiv wirken. Mich provozierte es. Er hatte keine Ahnung von der harten Realität des Lebens. Es fand ausserhalb des Hotels statt. Hier drinnen herrschte Bühnenromantik, und der Mann hinter dem Tresen wirkte so, als wäre er derjenige, dem die wichtigste Rolle seiner Karriere zugefallen war. Er war mittelgross, blond, selbstsicher und roch penetrant nach Rasierwasser, was ich bei meinem Nähertreten bemerkte. Es übertraf alles. War er derjenige, der die Tote gemeldet hatte? Ich räusperte mich. »Wann haben Sie Ihren Dienst angetreten?«

»Wie bitte?« Jetzt war er verdattert und das gefiel mir. Schnell fiel er ins Klischee zurück. »Was meinen Sie damit?«

Ich rückte meinen Ausweis heraus und hielt ihn nahe an seine Augen. »Sie haben mich schon richtig verstanden.«

Er machte einen Schritt zurück. »Ich kann nicht hellsehen«, sagte er in gebrochenem Deutsch und setzte wieder dieses kitschige Lächeln auf. Ich spürte instinktiv, dass er nicht gewillt war, mehr von sich preiszugeben. Ohne auf seine Bemerkung einzugehen, was mir allerdings schwerfiel, wiederholte ich meine Frage.

»Ich beginne meine Arbeit um sechs«, antwortete er.

»Haben Sie die Polizei benachrichtigt?«

Er schwieg eisern, was ich nicht verstand.

»Ich kann Sie vorladen, wenn Ihnen das lieber ist«, sagte ich lauter.

Das missfiel ihm offensichtlich. »Okay, ich habe die Stadtpolizei angerufen. Der Zigeuner aus dem Park hatte wohl keine andere Wahl, als mich um Hilfe zu bitten. Ist das ein Verbrechen?«

»Nein, aber Ignoranz.«

»Ich habe nicht gewusst, wie wichtig es für Sie sein würde.«

»Wollen Sie mich zum Narren halten?«

»Sie müssen wissen, dass das hier ein renommiertes Hotel ist und die Gäste ...«

Ich liess ihn nicht aussprechen. »Zum Teufel. Da drüben ist eine Frau tot aufgefunden worden. Und Sie machen sich Sorgen um Ihre Gäste?«

»Ich tue meinen Job wie Sie auch«, kam es barsch zurück.

Mir genügte es, noch bevor ich richtig angefangen hatte. »Gibt es noch andere Mitarbeiter, die vor sechs ins Haus kommen?«, fragte ich.

»Nein, niemand sonst. Die anderen fangen erst nach sechs an.« Seine Stimme hatte sich wieder normalisiert.

»Gut, am Montagmorgen um zehn haben Sie Zeit, sich in unserem Büro eingehend mit dem Thema zu beschäftigen.«

»Aber dann muss ich arbeiten.«

Wir blickten uns an, als wären wir Bluthunde, die einander nächstens an die Kehle springen wollten. Ich hatte den Mann vom ersten Augenblick an verachtet, als er mir seine Gleichgültigkeit demonstrierte. Ich wandte mich von ihm ab und ging. Unter der Türe drehte ich mich noch einmal nach ihm um. »Wie heissen Sie eigentlich?«

Er hüstelte: »Dante Ripiosi.«

Ich nahm meinen Notizblock zur Hand, um den Namen zu notieren, weil ich ihn wohl kaum behalten konnte.

»Ich bin gebürtiger Sizilianer«, rief er mir nach. Beim ersten Moment klang es so, als wollte er mich mit seiner Herkunft warnen. Ich verwarf den Gedanken. Er hatte mir schlichtweg eine Erklärung seines kuriosen Namens geben wollen. Vielleicht würde ich ihn doch nicht vergessen.

Zurück in meinem Wagen, stellte ich die Nummer von Salomés Mobiltelefon ein, bekam aber ausser der Dienststimme des Betreibers nichts zu hören. Ich wusste nicht, ob ich beruhigt aufatmen oder mir Gedanken machen sollte. Ich verspürte plötzlich ein starkes Bedürfnis, Salomé in die Arme zu nehmen.

***

Später fuhr ich zur Kasimir-Pfyfferstrasse, zur Einsatzzentrale. Der Verkehr hatte zugenommen. Die Stadt war so abrupt erwacht wie jeden Tag. Nicht einmal während der Wochenenden schien Ruhe einzukehren. Die Autokolonnen wälzten sich doppelspurig zwischen den Häusern durch. Fahrradfahrer schlängelten sich todesmutig um die Wagen herum, schlossen die Lücken, die von den Linienbussen entstanden, wenn sie an den Haltestellen stoppten. Der Tag versprach, wieder heiss zu werden, wie alle die Sommertage zuvor. Ich dachte an die Badenden im Lido oder beim Alpenquai, an schattige Plätze unter Linden, an ein kühles Bier. Aber ich musste mich wohl auf viel Arbeit einstellen.

Wer war die Frau, die mich an Salomé erinnerte? War sie verheiratet? Hatte sie Familie? Im Büro würde ich ihre Adresse ausfindig machen können. Ausser meiner Mitarbeiterin Nina Buholzer war noch niemand anwesend. Und meinen Kollegen Julien Roduit hatte ich an diesem Morgen noch nicht erreicht. Ich erinnerte mich, dass er dieses Wochenende keinen Bereitschaftsdienst hatte.

Nina schaute mich mit ihren kugelrunden, dunklen Augen an, als ich in ihr Büro trat, wo sie vor dem Computerbildschirm sass. Sie galt als das Argusauge der Abteilung schlechthin. Sie war bald sechzig, sah aber jünger aus, was sicher an ihrem sportlichen Kurzhaarschnitt und dem dezent geschminkten Gesicht lag. Ich war mir nie sicher, wie diese Frau es schaffte, in allen Lagen, und waren sie noch so verzwickt, mit ihrer ansteckend guten Laune präsent zu sein. Ich lächelte ihr zu. Ein schwacher Versuch, ihrer sympathischen Art näherzukommen. »Könntest du mir ein paar Dinge abklären?«

Sie nickte kurz und strich sich mit der Hand durch ihre flippige Frisur. »Klar doch. Geht es um die Tote im Sempacherpark?«

»Du weisst davon?«

Mein Erstaunen quittierte sie mit einem heftigen Kopfnicken. »Der Chef hat mich schon darüber informiert. Leider haben wir sie noch nicht identifizieren können.«

Verdammt, die Handtasche. Ich musste mich setzen.

»Ist dir nicht gut?« Nina sah mich besorgt an.

»Ich komme gleich wieder«, sagte ich und stand auf.

Auf dem Korridor rief ich auf Daniels Mobiltelefon an. Er meldete sich mit Verzögerung.

»Bist du allein?«

»Ja, wo brennt’s? Wir haben gerade die Tote zum Transport bereit gemacht.«

»Erinnerst du dich an die Handtasche auf der Parkbank?« Meine Hände fühlten sich feucht an, der ganze Rücken, die Brust.

»Was für eine Handtasche?«

Ich war überrascht. Das konnte doch nicht sein, dass Daniel sie übersehen hatte. Ich befürchtete, dass er die Nacht nicht ganz im Trockenen verbracht hatte. Vielleicht mein Glück. »Hat Werner sie erwähnt?«

»Was erzählst du da?« Daniel war hörbar erstaunt.

»Hör’ zu«, sagte ich. »Ich habe da ein kleines Problem. Die Handtasche ist in meinem Wagen. Ich weiss nicht, was ich mir dabei gedacht habe, als ich sie von der Bank weggenommen habe.«

«Bist du bescheuert?» Daniel geriet ausser sich. »Hast du wenigstens Handschuhe getragen?«

»Nein, woher sollte ich die denn haben?«

Ich hörte lange nichts mehr. Jetzt dachte er über meine Dummheit nach und wie er mich aus dieser miserablen Lage wieder befreien konnte. »Gut«, sagte er nach einer Weile. »Du kannst die Tasche in mein Büro bringen. Lege sie in die oberste Schreibtischschublade.« Er unterbrach die Verbindung.

Ich kehrte zu Nina zurück. »Ihr Name ist Catherine Mahler«, sagte ich, um den Eindruck zu hinterlassen, dass ich deswegen vor der Tür gewesen war. »Bitte überprüfe, wo sie wohnt und ob sie Familie hat.«

Ich ging wieder auf den Korridor und ärgerte mich erneut, dass ich keine Zigaretten dabeihatte. Ich liess einen lauwarmen Kaffee aus dem Automaten und trank ihn in einem Zug aus. Mein Körper reagierte mit einem Schweissausbruch. Mir wurde schwindlig. Nur ganz unterschwellig verspürte ich eine Unsicherheit, die so schnell vorüber war, wie sie sich bemerkbar gemacht hatte.

***

Der erste Lagebericht fand in Hellers Büro statt. Toni Heller war der Untersuchungsrichter und zuständig für die Stadt. Ein rundlicher Mann mit grauen Geheimratsecken. Korner war jetzt da. Seine charismatische Erscheinung übertraf alle, selbst den korpulenten Heller. Er hatte sich die Haare geschnitten, was mir als Erstes auffiel. Etwas zwischen Bürstenschnitt und Radikalrasur, wohl der Hitze wegen. Er war dann auch der einzige Anwesende, der nicht schwitzte. Den anderen stand die harte Arbeit des Morgens ins Gesicht geschrieben. Daniel erschien etwas später. Er zwinkerte mir zu, was für mich wieder alles ins Lot brachte. Ich atmete auf.

»Meine Damen, meine Herren«, sagte Heller, was mir in Erinnerung rief, dass wir auch ein paar weibliche Mitarbeiter in unserer Abteilung hatten. Es würde uns guttun, hatte Korner gesagt, als irgendwann einmal zur Diskussion stand, ob die Frauen der Arbeit in der Kripo überhaupt gewachsen wären, ob sie dem Druck psychisch standhalten würden. Immerhin hatten wir im letzten Halbjahr gleich vier neue Mitarbeiterinnen bekommen. Vier Frauen, die die Polizeischule mit Bravour gemeistert hatten. Vier Polizistinnen, die jene Auflockerung in unsere Büros brachten, die Korner prophezeit hatte. Seit die Damen hier arbeiteten, waren die Herren in ihrer Ausdrucksweise um einiges gesitteter geworden. Wenn man es aus dieser Sicht betrachtete, so hatte die Gleichberechtigung doch etwas gebracht.

»Wir haben eine weibliche Leiche auf einer Bank im Sempacherpark«, sagte Heller. »Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir lediglich, dass die Frau nicht am Fundort umgebracht worden ist. Es sind Reifenrückstände gefunden worden, die nicht aus dem Park stammen. Sie werden im Labor untersucht.« Heller räusperte sich hinter vorgehaltener Hand. »Fest steht, dass die Frau durch Strangulieren oder durch einen Genickbruch ums Leben gekommen ist.«

Das war neu für mich. Davon hatte Daniel nichts erwähnt. Ich schaute ihn zwischen den glänzenden Köpfen der Anwesenden hindurch an. Aber er bemerkte mich nicht.

»Die genaue Todesursache wird in der Rechtsmedizin abgeklärt«, sagte Heller.

»Gibt es Zeugen?« Die Stimme kam aus der linken Ecke. Sie gehörte Marcel Jenny, dem Kommunikationschef. Soweit ich im Bilde war, hatte er Germanistik studiert, war dann während rund fünf Jahren Sekundarlehrer in einer ländlichen Gegend gewesen und hatte dann zur Kapo gewechselt. Ein intellektueller Medienmann, ein schlanker stattlicher Typ um die vierzig, genau die richtige Person für Korner und nicht für ein Dorf am Ende der Welt.

»Leider konnten erst zwei Zeugen ermittelt werden«, fuhr Heller fort. »Ein Dauergast aus dem Sempacherpark und der Empfangschef von The Hotel gleich nebenan. Es wird sich herausstellen, wie nützlich diese sind.« Er machte eine Pause. »Es ist nicht viel, meine Damen und Herren, und ich hoffe auf Ihren gewohnten Einsatz.«

Daniel hielt auf einmal die schwarze Lacktasche in den Händen und kippte deren Inhalt vor Korner auf den Tisch. »Vielleicht sollte man die Zylinder zu den Schlüsseln hier ausfindig machen«, sagte er.

»Die Schlüssel zur Wohnung der Toten«, stellte Korner fest.

»Es sind zwei verschiedene Schlüssel«, berichtigte Daniel, »jeder anders nummeriert.«

»Wir werden die Schlüssel überprüfen«, sagte Korner und steckte sie in einen Plastikbeutel. Insgeheim hoffte ich, dass er den Beutel nicht verlegte.

»Andy!« Conradins Stimme neben mir riss mich aus meinen Gedanken. »Du wirst zusammen mit Julien an die Sache herangehen und vorerst das nähere Umfeld der Toten ausfindig machen.«

Ich wusste, was das hiess: Zeugenbefragungen im Umfeld der Ermordeten. Akribisch genaue Analysen der Personen und deren familiärer Strukturen. Und da ich an diesem Samstag nicht mit Julien rechnen konnte, musste ich mich auf einen Alleingang vorbereiten. Auf den weiteren Verlauf des Rapportes konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Ich hörte zwar Hellers Stimme, Korners Einwände und Befehle, aber an deren Wortlaut erinnerte ich mich im Nachhinein nicht mehr. Meine Gedanken waren wie aufgelöst. Meine Sinne durcheinander. Wo steckte Salomé?

Erst später informierte Conradin die Leute meiner Abteilung über ihre Arbeit und wies uns entsprechend zu. Viel gab es nicht zu sagen. Und die Möglichkeit, dass sich dies kurzfristig ändern sollte, war gering. Ich fühlte mich leer und stand nicht einmal an einem Anfang. Ich machte mich auf den Weg zur Hertensteinstrasse und parkierte dort meinen Wagen im Autosilo.

Die Altstadt war sehr belebt. Menschen hasteten, spazierten, verweilten. Ihnen schien die Hitze nichts auszumachen. Sie waren unterwegs und freuten sich offensichtlich über das tolle Wetter. Lachende Münder. Krause Nasen. Schlitzaugen. Ein Strom aus bunten Stoffen, weil Sommer war. Eine Gruppe Schüler kam mir entgegen, Fähnchen schwenkend und die Schweizer Nationalhymne singend, alle mit einem roten Shirt bekleidet, auf dem ein grosses Schweizerkreuz prangte. Eidgenössisch nationalsozialistisch. Ich musste über diesen aufgesetzten Patriotismus schmunzeln, wo wir doch in einer Zeit lebten, in der Globalisierung und Fusionierung über die Landesgrenzen hinaus in aller Munde waren. War das die neue Rebellion gegen zu viel Glasnost im eigenen Land? Eine Opposition gegen den Liberalismus? Wie hatten sich die letzten zehn Jahre verändert!

***

Die Adresse hatte ich schnell gefunden. Mit dem Aufzug fuhr ich in den fünften Stock. Mahler stand auf dem kleinen Türschild rechts des Einganges. Ich drückte die Glocke. Sie klang schrill, aber es passierte nichts. Ich klingelte noch einmal. Nach einer Weile wurde die Tür zögerlich geöffnet. Ein blonder, ungekämmter Wuschelkopf kam zum Vorschein, dann nahm ich den ganzen Körper wahr. Ein langes, schlaksiges Mädchen in zerschlissenen Jeans und einem bauchfreien Top, das ein blaues Bauchnabelpearcing zum Vorschein brachte.

»Sie wünschen?« Eine zarte Mädchenstimme.

Ich nannte meinen Namen und musste mich im Nachhinein räuspern. Sie war sehr jung, hatte aber trotzdem etwas Anrüchiges an sich. Ich versuchte ein krampfhaftes Lächeln, was mir in der jetzigen Situation doch nicht gerade passend erschien. Ich musste schliesslich eine sehr traurige Nachricht überbringen. »Ich komme wegen Catherine Mahler«, sagte ich mit trockenem Mund.

»Meine Mutter ist nicht hier«, kam es spontan zurück.

Ich wich einen Schritt rückwärts und blickte die junge Frau an. Mit einer Tochter hatte ich nicht gerechnet. »Kann ich Ihren Vater sprechen?«, fragte ich, in der Annahme, dass es einen Vater gab.

»Der ist auch weg.«

»Darf ich einen Moment reinkommen?« Ich erklärte, wer ich war, und zeigte ihr meinen Dienstausweis. Sie warf kaum einen Blick darauf und öffnete stattdessen die Türe ganz.

»Kommen Sie herein.«

Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, schritt sie voraus in die Küche. Sie hatte lange, schmale Beine. Dieser wippende Gang kam mir bekannt vor. Ich sah, wie sie vom Küchentisch eine Zigarette aus einem angebrochenen Päckchen angelte. »Wollen Sie auch?«

»Ich bin im Dienst«, erwiderte ich und merkte gleichzeitig, wie banal das klang. Ich lechzte geradezu nach Tabak.

Sie machte grosse Augen, schöne Augen, was mir nicht missfiel. »Gilt das auch für Nikotin?« Sie war nicht auf den Mund gefallen. »Was wollen Sie von meiner Mutter?« Sie zündete die Zigarette an, machte einen tiefen Zug und blies den Rauch gleich wieder heftig aus. Sie lehnte jetzt lässig an der Kombination. Sie tat übertrieben selbstbewusst. »Ich heisse übrigens Sophia Glorianda, aber Sie können mich ruhig Sophie nennen.« Ich hatte das Gefühl, sie versuchte, eine innere Unsicherheit geschickt zu kaschieren. »Habe ich mein Fahrrad falsch parkiert oder haben Sie mich beim Kiffen erwischt?«

Da war es schon. Sie lachte. Ihre eingezäunten Zähne entgingen mir dabei nicht. Die heutigen Zahnärzte proklamierten ein perfektes Gebiss. Der Oberkiefer musste etwas über den Unterkiefer hinausstehen, damit die Speisen richtig zermahlt werden konnten. Ich fragte mich nur, was die heutigen Kinder zu zermalmen hatten, wo ihnen doch diese aufgummierten Schnellimbiss-Brote kein Kauen mehr abverlangten und die Jugend nicht mehr gewillt war, auf die Zähne zu beissen. »Ich bin nicht deswegen hier.« Ich würde sie Sophie nennen und meinen ersten Eindruck korrigieren.

»Ach, etwa wegen der Vormundschaftsbehörde? Hören Sie mal, ich bin seit einem Monat volljährig. Ich brauche keine Anstandsbeihilfe.« Sie stiess sich von der Kombination weg und kam einen Schritt auf mich zu. »Hat sie etwas Dummes angestellt?«

»Wer?«

»Meine Mutter.« Abrupter Themenwechsel, als wollte sie mich irreführen. Sie blies mir den Zigarettenqualm ins Gesicht. »Ich sage Ihnen, mein Vater ist ein armes Schwein. Er arbeitet wie der grösste Trottel, und meine Mutter führt ein Leben in Saus und Braus. Immer die neuesten Klamotten, die besten Kosmetika, Fitnessclubs und all den Scheiss, der die Hausfrauen glauben lässt, dass nur dieses Zeugs sie attraktiv hält. Aber wenn man erst mal dreissig ist, so ist der ganze Kram doch gelaufen. Da schaut dir keiner mehr nach.« Die Sätze sprudelten aus ihr heraus, als hätten sie vom eigentlichen Thema ablenken müssen, was mich wiederum misstrauisch werden liess. Ein Charakterzug, der zu meinem Job gehörte, eine Folge auch von einem abgebrochenen Psychologiestudium. Täter sind wie Kinder, welche die Flucht nach vorn in Augenschein nehmen. Hatte sie ihre Mutter umgebracht?

»Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass Ihre Mutter heute früh tot aufgefunden worden ist«, sagte ich monoton.

Ein gefährliches Schweigen herrschte zwischen uns. Ganz gedämpft vernahm ich das Stimmengewirr auf der Strasse unterhalb der Wohnung, Kindergeschrei, das Bellen eines Hundes. Die ganze Farbe aus Sophies Gesicht war verschwunden. Sie zwang sich zu einem krampfhaften Lächeln. »Das ist wohl ein Irrtum«, brachte sie zögernd heraus. »Meine Mutter ist gestern Abend ins Konzert gegangen. Sie wollte in einem Hotel übernachten, um mich spätnachts nicht zu stören.« Sophie rang um Haltung. »Machen Sie das immer so?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Setzen Sie sich erst einmal hin«, schlug ich vor. »Haben Sie ein Auto?«

Sophie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Wie kommen Sie darauf?«

»Können Sie Auto fahren?«

»Wie man’s nimmt«, sagte sie. »Ich übe noch.«

Sollte ich ihr glauben? Sie verschwand in einem Zimmer. Ich schaute mich um. Die Wohnung war grosszügig ausgestattet, modern eingerichtet und sauber. Durch das Küchenfenster erkannte ich einen Teil der Museggmauer, einen Turm und Wäsche auf einer Dachterrasse. Ich dachte an meine Zweizimmerwohnung beim Bahnhof und nahm dies hier neidvoll zur Kenntnis.

Nach einer Weile kam Sophie mit einem Bilderrahmen in der Hand zurück. »Das ist meine Mutter«, sagte sie und reichte mir ein gerahmtes Porträt.

»Kann ich das Bild mitnehmen?« Sophie nickte. Ich schaute es an. Genau wie Salomé. Ich merkte, wie meine Beine wegzusacken drohten. Gleichzeitig wunderte ich mich über Sophie, die keine Anstalten machte, Näheres über den Umstand des Todes zu erfahren. Vielleicht stand sie unter Schock und verdrängte die Tatsache ganz einfach.

»Hat sie noch eine Schwester?« Ein trostloser Versuch, meine innere Spannung zu beruhigen.

»Nein, sie ist Einzelkind«, sagte Sophie. Es fiel ihr sichtlich schwer zu sprechen.

»Wann kommt Ihr Vater zurück?«

»Der ist auf einer Geschäftsreise und vor Montagabend nicht da.«

»Kann ich ihn erreichen?«

»Kaum, er ist im Ausland. Ich weiss nicht einmal, wo.«

»Hat er Ihnen keine Adresse hinterlassen?«

»Wozu? Wir sind erwachsene Leute in diesem Haushalt. Wir können tun und lassen, was wir wollen, ohne dem anderen Rechenschaft abzulegen.«

Ich räusperte mich. »Was hat Ihre Mutter beruflich gemacht?«

Es dünkte mich, als lachte Sophie gequält auf. »Sie hat ihr Leben auf Kosten meines Vaters voll ausgeschöpft. Sie ist immer unterwegs gewesen, hat sich mit Freunden getroffen und sich die Nächte in Bars um die Ohren geschlagen ...«

Meine Frage war damit nicht beantwortet. Sophie zündete eine neue Zigarette an, nachdem sie die heruntergebrannte im Ascher ausgedrückt hatte.

»Ging das immer so?«

»Ja, schon eine Ewigkeit.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Wie alt war ihre Mutter?«

»39.«

»Und wie war die Ehe?«

»Wie soll die schon gewesen sein?« Sophie zog ihre Schultern hoch. »Meine Eltern haben sich auseinandergelebt. Das ist doch wohl normal, oder?«

»Kann ich einmal ihr Zimmer sehen?«

»Mein Zimmer oder das meiner Mutter?« Sophie drehte sich um.

»Das von Ihrer Mutter selbstverständlich.«

Das Zimmer lag gleich neben der Küche mit einem Fenster auf den Hinterhof. Ein französisches Bett stand darin, frisch bezogen und unbenutzt. Und an der Wand ein modernes Pult mit Computer und Bildschirm. Nicht etwas, was mir bekannt vorkam. »Darf ich mal?« Ich schritt auf die Einbauschränke rechts der Türe zu. Ich öffnete den ersten Türflügel. Fünf Gestellbretter, die spärlich mit Pullover, Shirts und Unterwäsche belegt waren. Im nächsten Stauraum hingen Kleider in meist dunklen Farben, im letzten Hosen, Jacken und ein Mantel – alles sorgsam sortiert und aufgehängt. Kein mir bekanntes Teil. Nicht der feinste Geruch, an den ich mich erinnern konnte. In einer Schuhschachtel auf dem Schrankboden allerlei Papierkram. Vielleicht wurde ich da fündig. »Die nehme ich mit«, sagte ich und klemmte sie mir unter den Arm. »Hat Ihre Mutter irgendwelche Kontakte gepflegt?«

»Natürlich hat sie das. Aber nicht solche, wie Sie denken.«

»Ich meine, hat sie einen Freund gehabt?« Vielleicht hätte ich mich mit dieser Frage selbst mit Problemen belastet. Was, wenn Sophie die Frage mit Ja beantwortete? Wollte ich es überhaupt wissen? Sophie schaute mich verblüfft an. Sie öffnete den Mund, um mir etwas zu sagen, wie es schien, hielt dann aber abrupt inne. Ich stellte fest, dass sie mich auf gar keinen Fall schon einmal gesehen hatte.

»Sie ist eine attraktive Frau gewesen«, sagte ich, auf das Foto zeigend.

»Sie hat gemeint, sie sei attraktiv«, entgegnete Sophie altklug. Es kam mir vor, als hätte sie soeben die Rolle mit der ihrer Mutter vertauscht. »Aber sie hat in Visionen gelebt. Sie hat sich mit Oberflächlichkeiten abgegeben. Irgendwie war sie nicht die Mutter, die man sich unter einer Mutter vorstellt. Eher wie eine Kollegin. Ich glaube, sie hatte irgendwelche Probleme mit sich selber. Nur hat mich das nie interessiert.« Sophie zog die Schultern hoch, als begriffe sie das, was sie sagte, selber nicht. Vielleicht hatte sie ein typisches Konkurrenzdenken. So etwas sollte es scheinbar zwischen Mutter und Tochter geben. »Aber ich kann Ihnen beim besten Willen keine bessere Auskunft erteilen.«

Wieder diese Zweifel. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Sophie mehr über ihre Mutter wusste, als sie zugab.

»Hat Ihre Mutter den Computer oft benutzt?«

»Manchmal hat sie bis spät in die Nacht hinein gearbeitet, hat sie zumindest gesagt. Was genau das gewesen ist, weiss ich nicht. Vielleicht hat sie Spiele gemacht oder E-Mails verschickt. Aber ich weiss es wirklich nicht.« Sie wippte jetzt ungeduldig auf den Zehenspitzen.

»Kann ich den mal in Betrieb setzen?«

»Meinetwegen, wenn Ihnen das weiterhilft.«

Ich startete den Rechner auf. Aber beim Passwort kam ich nicht mehr weiter.

»Kennen Sie den Code?«

»Schreiben Sie doch einfach Sophie oder Hans, so heisst mein Vater. Aber sie wird wohl ein pfiffigeres Schlüsselwort verwendet haben, Loveparade oder so.«

Ich hörte einen zynischen Unterton aus ihrer Stimme.

»Sie haben ihre Mutter nicht besonders gern gehabt«, stellte ich fest.

»Merkt man das?«, Sophie schniefte. »Sie hat meinen Vater zugrunde gerichtet. Wie ist sie umgekommen?«

Themenwechsel. Diese Frage kam für mich unvorbereitet.

»Man hat sie erdrosselt.«

Sophie blieb ruhig. Ich staunte über ihre plötzlich gefasste Haltung. »Kann ich meine Mutter noch einmal sehen?«

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie warten, bis Ihr Vater zurück ist.« Um die nächste Frage kam ich nicht herum. »Was haben Sie von gestern Abend bis heute Morgen gemacht?«

»Das ist wohl ein Scherz?« Sophie schaute mich verblüfft an.

»Ich muss alles in Erwägung ziehen«, antwortete ich. »Das bringt leider mein Beruf mit sich.«

»Ich war da in der Wohnung.« Sie zog die Augenbrauen hoch und spitzte den Mund, tat, als wäre sie sehr überrascht.

»Allein?«, fragte ich.

»Nein, nicht allein. Mit einem Lover. Wir haben die ganze Nacht durch…«, sie schmunzelte und schaute mich mit einem kecken Blick an, »…gebumst.« Sie verschränkte ihre viel zu langen Arme. In diesem Moment kam sie mir wie eine riesige Spinne vor. »Sie sollten sich wieder mal rasieren«, sagte sie. Das veranlasste mich, im Spiegel neben dem Eingang unbemerkt einen Blick von meinem Gesicht zu erhaschen. Was ich da im Bruchteil einer Sekunde erkannte, liess die Frage offen, ob ich in den letzten Tagen zu wenig geschlafen hatte. Salomé. Ich musste mich im Krankenhaus nach ihr erkundigen, obwohl sie das nie gewollt hatte. Ich streckte Sophie meine rechte Hand hin, zog sie jedoch wieder zurück, als sie keine Anstalten machte, die Geste zu erwidern.

»Ersparen Sie sich das«, sagte sie stattdessen. »Solange Sie mich verdächtigen, bleiben wir Feinde.« Sie bückte sich, um ihre Hosenbeine über den hohen Schuhen zu ordnen, ein völlig sinnloses Vorhaben, wie mir schien. Dabei rutschte ihr kurzes Top über ihre linke Brust, die praktisch flach war. Sie hatte eine helle Haut und rosa Knospen. Ich dachte an eine berechnende Absicht, die hinter ihrer Bewegung steckte. Sie warf dann auch den Kopf provozierend in den Nacken, bevor sie sich wieder vor mir aufrichtete. Ihre Augen blitzten. Sie hatte ungewöhnliche Augen.

Im Hinausgehen drehte ich mich noch einmal um. »Hat Ihre Mutter im Krankenhaus gearbeitet?«

Sophie reagierte schneller als erwartet. »Nein. Von Blut wurde ihr schlecht.«

Ich ging. Mein Hemd war nass vor Schweiss und dies nicht nur der Hitze wegen.

***

Ich hätte das Recht gehabt, einen Dienstwagen der Kantonspolizei zu fahren. Eine dieser Zwei-Liter-Limousinen. Aber da mir nun einmal mein alter schäbiger Golf lieber war und ich aufgehört hatte, die Beulen an der Karosserie zu zählen, zeigten auch meine Arbeitskollegen viel Verständnis dafür. Die Versicherung zahlte längst nicht mehr.

Den Weg zum Kantonsspital nahm ich über meine bekannten Abkürzungen und war froh, dass ich wenigstens am Ziel gleich einen Parkplatz fand.

Das Krankenhaus war ein riesiger Bau aus den späten Sechzigerjahren und ragte über ganz Luzern. Seit Jahren war da oben eine Baustelle, und ich fragte mich, wie die Patienten bei so viel baulicher Tätigkeit genesen konnten. Es schien wohl eher so, als wären sie die Mitfinanzierer dieses ewigen Projektes.

In der Eingangshalle ging es geschäftig zu und her. Patienten kamen, Patienten gingen. Vor den Informationsschaltern standen die Leute Schlange. Es war auch hier drinnen schwül und roch stark nach Chloroform. Ich wusste nicht, wo ich mich hinbegeben sollte. Ich musste allerdings endlich Gewissheit haben, dass Salomé hier war und noch lebte. Gleich würde sie mir um den Hals fallen, mich dafür schelten, dass ich, gegen unsere Abmachung, an ihren Arbeitsplatz gekommen war. Das würde nicht mehr wichtig sein, wenn ich sie nur sah und meinem inneren Kampf ein Ende bereiten konnte.

Die Schwester mit dem blauen Haarband kam gerade richtig. Ich stellte mich ihr in den Weg. »Hallo, haben Sie Zeit für mich?«

Sie zeigte ein zaghaftes Lächeln. Ihre Augen rollten unsicher. Eine Schwesterschülerin, ahnte ich und ich hielt sie sachte am Ärmel fest, damit sie mir ja nicht entkommen konnte. »Sie können mir sicher helfen. Ich suche Schwester Salomé.«

Die junge Frau mit dem Haarband nahm eine abwehrende Haltung ein. »Ich bin noch nicht so lange hier«, sagte sie und ihr Lächeln verstärkte sich noch ein wenig.

»Aber können Sie mir wenigstens sagen, wo ich mich nach ihr erkundigen kann?«

»Da gehen Sie am besten zur Anmeldung«, sagte sie und bewegte ihren Kopf in die Richtung, in der die Leute Schlange standen. Ich bedankte mich und stellte mich bei der Anmeldung hinten an.

Zwei Krankenpfleger eilten mit einer Bahre Richtung Ausgang, wo soeben ein schwarzes Taxi gehalten hatte. Hinter mir stellten sich weitere Personen in die Reihe. Ein kleines Mädchen hielt tapfer seinen Teddy im Arm und unterdrückte ein paar Tränen. Ich sah es an seinem zuckenden kleinen Mund. Die grosse, geschminkte Frau, bestimmt seine Mutter, beachtete es kaum und redete stattdessen ununterbrochen mit ihrer Nachbarin. Ich schaute die Kleine an, weil sie mir in diesem Moment leid tat. Als sich bei ihr doch eine Träne löste, nahm ich rasch ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und gab es dem Kind. Ich erntete dafür ein dankbares Lächeln.

»Wie heisst du?«, fragte ich leise und kauerte mich vor ihm hin. Aber bevor mir das Mädchen Antwort geben konnte, riss es die Frau von mir weg. Langsam begann ich doch, an meinem Aussehen zu zweifeln.

Die Dame bei der Anmeldung war künstlich nett. Sie konnte mir auch meine Frage schnell beantworten. »Salomé hat soeben ihre Arbeit angetreten«, informierte sie mich, nachdem sie einen prüfenden Blick auf den Computer-Bildschirm geworfen hatte. »Sie finden sie im ersten Stock im Ambulatorium.«

»Ich dachte, sie habe Nachtdienst?«

Die Sekretärin schaute mich lächelnd an. »Vielleicht ist sie anders eingeteilt worden.«

»Können Sie bitte auch nachschauen, ob eine Catherine Mahler hier arbeitet oder gearbeitet hat?« Vielleicht kannte ich ihre Antwort bereits.

Ihre rechte Hand fegte die Maus über das Pad. Klickte an. »Nein, tut mir leid.« Sie fragte nach keinem Grund, was mich irritierte. »Sie müssen gehen. Sie sehen ja, was los ist«, sagte sie jetzt nicht mehr künstlich.

»Ist das immer so?«

»Ja, das ist immer so«, seufzte sie. »Die Krankheit nimmt keine Rücksicht auf Jahreszeiten.«

»Wenigstens gibt es hier keinen Stellenabbau«, sagte ich.

»Das liegt nicht in meiner Hand, auf Wiedersehen.«

Das war eine klare Aufforderung. Ich bedankte mich und ging. Vielleicht lag es schlussendlich doch in ihrer Hand.

Ich begab mich in den hinteren Bereich zum Aufzug. Es roch nach Sterilium, nach gewachsten Linoleumböden, nach Milchkaffee. Die beiden Krankenpfleger kehrten mit der Trage zurück, auf der jetzt ein Patient lag, und verschwanden in einem der Aufzüge.

Wenig später standen wir uns gegenüber: ich und eine mollige kleine Frau mittleren Alters mit einem kugelrunden, gutmütigen Gesicht und Wangen, die wie Äpfelchen im Herbst kurz vor der Ernte rot glänzten.

»Wo finde ich Schwester Salomé?«

»Haben Sie sich schon angemeldet?« Die erfahrene, emsige Art einer Alteingesessenen. Wenn sie sprach, kam dies einem Donnern gleich.

»Ich bin wegen Schwester Salomé hier«, berichtigte ich.

»Sie stehen vor ihr.« Wenn sie lachte, bebten ihre Falten auf dem vollen Gesicht. Da Vinci hätte die grösste Freude an ihr gehabt.

»Die Frau, die ich suche, ist ein wenig jünger als Sie«, versuchte ich, höflich zu dokumentieren.

»Wir haben sonst keine andere Angestellte mit diesem Namen hier im Haus. Und ich kenne mich aus, mein Lieber. Ich bin schon seit mehr als vierzig Jahren im Dienste der Kranken.«

»Aber vielleicht erinnern Sie sich an eine Krankenschwester mit langen, schwarzen Haaren ...« Ich hielt inne, weil mir in diesem Moment bewusst wurde, wie hilflos und komisch das klang.

»Ja?«, fragte sie. Ihr Mund klaffte vor Neugierde weit auf.

»Eine Schönheit von einer Frau«, sagte ich und verhaspelte mich. Ich bemerkte, welch eigenartigen Eindruck ich hinterliess.

»Wer sind Sie eigentlich, und weshalb suchen Sie die Frau?« Salomé griff nach meinem Arm und schob mich auf die Seite des Korridors, weil ein betagtes Paar an uns vorbeiging. »Ich ermittle in einem Mord«, flüsterte ich.

»Grosser Gott, und die Spur führt zu mir?« Sie schaute mich skeptisch an. Bevor ich mich auf eine Diskussion einliess, suchte ich jedoch das Weite. Ich bedankte mich mit ausgesucht netten Argumenten, entschuldigte mich für meinen Irrtum.

Ich fühlte mich so elend, als wäre ich soeben auf das fiese Vorgehen eines Komplotts gegen mich aufmerksam geworden. Die Leere, die ich schon am Morgen verspürt hatte, kehrte zurück. Ich hatte in meiner Tätigkeit als Kriminalbeamter grundsätzlich gelernt, über den Dingen zu stehen und Distanz zu wahren, und merkte jetzt unweigerlich, dass diese Prinzipien an Boden verloren, wenn persönliche Aspekte in den Vordergrund traten. Da nützte einem auch die Fähigkeit nichts, Dinge des Lebens einzugrenzen und voneinander zu unterscheiden. Noch einmal versuchte ich, meine Salomé zu erreichen, hatte aber wieder kein Glück.

***

Am frühen Nachmittag rief mich Gaby an. Sie hatte ich am allerwenigsten erwartet. Gaby, meine verflossene grosse Liebe, die mir vor zwei Jahren einen reichen Industriellen aus Basel vorgezogen hatte. Ich hatte mich oft gefragt, wie lange diese Ehe wohl dauern würde. Immerhin war ihr Angetrauter dreissig Jahre älter als sie. Aber aus Frauen wird man nie wirklich klug und was sie dazu veranlasst, gewisse Schritte in entgegengesetzte Richtungen zu tun, bleibt wohl immer ein Geheimnis. Sie klang nicht sehr glücklich, als ich ihre Stimme auf meinem Mobiltelefon vernahm.

»Gott sei Dank habe ich dich erreicht«, meldete sie sich und seufzte tief und anhaltend.

Es beruhigte mich, dass sie sich ihre Theatralik noch immer nicht abgewöhnt hatte. Sie hatte es schon zu meiner Zeit ausserordentlich gut verstanden, ihre Probleme durch wirkungsvolle Geräusche zu unterstreichen. Und dass sie ein Problem hatte, merkte ich an ihrer Stimmlage. Schliesslich hatte ich mit dieser Frau fast sieben Jahre zusammengelebt.

»Schön, dich zu hören«, log ich und schluckte meinen Kloss herunter. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Wie kannst du aus meiner Notlage auch noch Scherze machen?«, schniefte sie beleidigt. »Mir geht es nicht gerade gut. Ich bin von zu Hause ausgerissen.«

Das hörte sich nach verletztem Teenager an. Ich unterliess es, ihr zu sagen, dass ich damit vom ersten Tag ihrer Ehe an gerechnet hatte. »Und da bin ich dir als rettender Engel in den Sinn gekommen?«, fragte ich stattdessen.

»Ich weiss nicht, wo ich hin soll. Aber ich halte es bei Karl nicht mehr aus.«

»Jetzt alles der Reihe nach«, versuchte ich, sie zu beruhigen. »Ich nehme an, dass du ein wenig Kleingeld bei dir hast und dich irgendwo in einem Hotel absetzen kannst.«

Ich hörte sie wieder seufzen. »Das ist es ja, ich habe keinen roten Cent bei mir. Ich bin Hals über Kopf geflüchtet. Kann ich zu dir kommen?«

In meinem Kopf rasselte es. Wenn ich ihr jetzt zusagte, war es mit meiner Ruhe vorbei. Spontan dachte ich an Salomé, an ihre sinnliche Art, an ihren Duft, wenn sie am Morgen nach dem Duschen zu mir in die Küche kam und sich auf meine Knie setzte, noch feucht vom Wasser und benommen von der Nacht. Ich wusste nicht, ob ich Gaby ertragen würde. »Du kannst kommen«, sagte ich zu ihr und hörte sie entspannt aufatmen.

»Das werde ich dir ein Leben lang danken«, entgegnete sie. »Ich kann ja dann wieder für dich da sein.«

Das hatte ich nicht erwartet. »Ich meine«, korrigierte ich, »dass du vorerst bei mir wohnen kannst, bis man eine geeignete Lösung gefunden hat. Du musst wissen, dass ich auch kein Mönch gewesen bin nach deinem Abgang.«

Ich hörte Gaby kichern. »Ich werde dir bestimmt keine Umstände machen«, versprach sie, und ich glaubte ihr. »Kannst du mir einen Schlüssel hinterlegen?« Sie tönte so, als wären wir nie getrennt gewesen.

Gaby war eine Frau, der man nie böse sein konnte. Als sie mich nach sieben Jahren Freundschaft aus heiterem Himmel damit konfrontiert hatte, dass sie den Heiratsantrag eines älteren Herrn nicht habe abschlagen können, dachte ich zuerst an einen üblen Scherz oder an eine ihrer berühmten Ideen, unserer Beziehung einen neuen Kick zu geben. Als aber nach einer Woche, während der sie von mir ferngeblieben war, eine Ansichtskarte aus Las Vegas mit Honeymoon-Grüssen bei mir eintraf, wusste ich, dass sie Ernst gemacht hatte. Seither war Funkstille zwischen uns gewesen. Ich hatte noch lange unter ihrem Entschluss gelitten. Denn mit ihr hatte ich nicht nur meine Geliebte, sondern auch meine beste Arbeitskollegin verloren.

***

Im Büro traf ich endlich auf Conradin. Er warf Akten auf mein Pult. »Übermorgen wird die Leiche freigegeben«, sagte er. »Sie befindet sich in der Rechtsmedizin und ich möchte, dass du heute Abend noch dahin fährst und sie ihn Augenschein nimmst. Ein paar Informationen haben wir schon.« Er wies auf das Papierpaket auf meinem Schreibtisch. »Sieh dir die Akten durch.« Er taxierte mich mit einem trüben Blick. »Was ist los, Andy? Ich vermisse deine Geistesgegenwart«, sagte er. »Dein Desinteresse an dem Fall gibt mir zu denken. Gibst du schon auf?«

Darüber hatte ich mir noch zu wenig Gedanken gemacht. Und der Zeitpunkt, um mir dies an den Kopf zu werfen, schien verfrüht. Was sollte ich ihm sagen? Dass mir das Klima zu schaffen machte, dass ich schon lange Urlaub nötig hatte? Dass es mir im Grunde beschissen ging? Er hätte sich nur über mich lustig gemacht. Noch ehe ich ihm antworten konnte, war er schon wieder aus meinem Blickfeld verschwunden.

Nina trat ins Büro. Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu. Sie kannte Conradin besser als ich und liess sich schon gar nicht mehr von ihm einschüchtern. Das Wissen, dass der Leiter des Ermittlungsdienstes während des Sommers ohne sie aufgeschmissen war, verlieh ihr eine gewisse Gleichgültigkeit. Sie galt als Mädchen für alles und ersetzte Conradins und manchmal sogar Korners Sekretärin, wenn diese im Urlaub weilten.

»Die Tote scheint ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Einwandfreier Lebenswandel, tadelloser Leumund. Vielleicht hat man sie verwechselt.« Nina setzte sich hin.

Ich nahm den Papierstapel auf, überflog die Zeilen. Ihre Eltern lebten in Bern. Ihr Vater war Arzt im Ruhestand. »Wenn du mir einen Gefallen tun könntest«, sagte ich zu Nina, die unverzüglich aufschaute. »Benachrichtige die Eltern in Bern.«

Sie öffnete erstaunt ihren Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Vielleicht hatte sie gerade das Gleiche sagen wollen wie Conradin und entsann sich eines Besseren. Ich verschwieg ihr, dass ich unter Druck stand. Sie merkte es bestimmt selber. Flüchtig lächelte sie. »Wenn ich dir irgendwie hilfreich unter die Arme greifen kann, lasse es mich wissen.« Sie schien tatsächlich Fühler zu besitzen, die jede noch so geringe Kleinigkeit genauestens registrierten.

Ich legte das Porträt der Toten auf den Tisch. »Wenn man irgendwie veranlassen könnte, dass ein Bild der Toten in den Medien veröffentlicht wird ...« Ich musste mich räuspern. »Man müsste die Gesellschaft da draussen aus den Socken heben. Irgendjemand muss sie ja gekannt oder gesehen haben.«

Nina nickte schweigend. Ich hatte sie wohl überfordert. »Ich glaube nicht, dass Korner damit einverstanden wäre«, sagte sie, weil sie wie ich genau wusste, wie delikat es war, in Korners Medienpläne einzugreifen. Wenn er die Idee als hilfreich erachtete, würde er früh genug Marcel Jenny den Auftrag erteilen, um die Zeitung zu orientieren. »So ist das hier mit dieser Hierarchie«, endete sie.

»War ja auch nur ein lauter Gedanke«, sagte ich.

»Hat es persönliche Gründe?« Nina stützte ihren Kopf in die Hände und schaute mich ungeniert eindringlich an. »Ich darf wohl nicht annehmen, dass dich Conradin aus dem Konzept bringt.« Sie hatte mich wieder einmal durchschaut. Ich überlegte mir, wie ich darauf reagieren sollte. Eigentlich konnte ich gar nicht darüber sprechen, weil ich selbst nicht wusste, was genau geschehen war. Es stand etwas im Raum, als wäre es erstarrt, und hinderte mich daran, meine Gedanken zu Ende zu denken. Ich spürte nur, dass es mir meine ganzen Energien aus meinem Körper zog. Aber das hätte niemand verstanden, auch eine Nina Buholzer nicht. Also schwieg ich.

***

Am späten Nachmittag fuhr ich nach Zürich. Ich mochte diese Stadt nicht besonders, die wie eine alte Glucke zwischen Zürichsee und Limmat lag und mich immer wieder herausforderte. Sie erinnerte mich an die grossen Weltstädte New York und Tokio, ein Moloch, der den Moder der Zeit gnadenlos ausstiess. Der heisse August schien hier in der City noch unheilvoller zu sein als ausserhalb. Die Hitze flimmerte wie eine Fata Morgana über den aufgeweichten Asphalt. Die Strasse zum Universitätsspital war verstopft. Ich kam nur mühsam voran.

Später traf ich Dr. Metzler in den Räumen der Rechtsmedizin. Ich hatte meinen Besuch angemeldet und er empfing mich mit ein paar makabren Anekdoten über Leichen aus seinem pathologischen Witzvorrat. »Willkommen in der Katakombe der Seelenlosen«, schloss er zynisch ab. Er schüttelte mir die Hände. Mich fror heute zum ersten Mal. Der Geruch von Formaldehyd, von medizinischem Konservierungsmittel, hing schon im Korridor penetrant in der Luft und schnürte mir fast die Kehle zu. Mein Beruf brachte es mit sich, von einem ins andere Extrem zu kommen. Trotzdem spürte ich ein Unwohlsein in mir aufsteigen. Dr. Metzler schritt mir voraus in den Kühlraum. Da lagen sie nebeneinander in sterilen Säcken mit Reissverschluss, in grauen Folien: die Opfer von Unfällen und Morden. Alle waren mit Zettel versehen. Wie auf der Post. Im hinteren Teil des Raumes stand ein Mann in grüner Schürze und beschäftigte sich damit, eine Leiche zu waschen. Ich überlegte mir, weshalb die Toten alle aufgebahrt und nicht einzeln verstaut waren.

»Alles Körper aus den vergangenen achtundvierzig Stunden«, beantwortete Dr. Metzler meine diesbezügliche Frage. Zielstrebig ging er auf die letzte Leiche zu. »Die anderen sind bereits schubladisiert.« Er hatte eine harte Sprache, was wohl an seiner jahrelangen Arbeit in dieser fast okkulten Welt lag. Ich hatte mir einmal sagen lassen, dass Gerichtsmediziner einen gewissen Hang zum Sadismus haben und ihre Urängste, was den Tod betrifft, durch ihren trockenen Humor wettmachen.

»Sie meinen, dass diese hier alle aus Zürich sind?«

Dr. Metzler nickte. »Ausser zwei. Ein Drogentoter, ein Opfer einer Messerstecherei, zwei Verkehrsunfälle. Gestern war Vollmond. Da spielen die Leute verrückt. Sie können sich nicht vorstellen, was dann hier unten los ist. Die fragwürdigen Todesfälle gelangen immer zuerst zu mir.« Er zog ein grünes Tuch vom leblosen Körper.

Die Frau wirkte schmal und zerbrechlich. Ihre Hüftknochen hoben sich scharf von ihren übrigen Konturen ab. Das fiel mir zuerst auf. Mir wurde übel. Neben ihrer schwach behaarten Scham erkannte ich eine bogenförmige Narbe. Ein Unfall mit dem Fahrrad, als sie sieben gewesen sei, hatte sie mir erzählt. Ein Nagel habe ihr dieses Muster verpasst. Ich erinnerte mich, wie es mir den ganzen Unterleib zusammengezogen hatte, während sie davon erzählte.

Ich spürte, wie ich zu schwanken begann, wie die Linien der Toten in weisse Fetzen zerflossen, wie Blitze durch meinen Kopf jagten und eine Bestie ihren Rachen aufriss, mich aufleckte und verschlang. Mir kam das ganze Mittagessen hoch, und noch ehe ich etwas dagegen unternehmen konnte, übergab ich mich mit einem Schwall über die halbe Leiche. Dann gähnte ein Loch in meinem Bewusstsein. Das Einzige, woran ich mich im Hinfallen noch erinnern konnte, war eine Entschuldigung, die ich vor Salomé stammelte. Dann wurde es schwarze Nacht.

Ich kam zu mir, als ich auf einem fahrbaren Bett ausserhalb des Leichenraumes lag. Eine Krankenschwester beugte sich über mich, sodass ich den Ansatz ihrer Brüste im weissen Kittel sehen konnte. Wenigstens funktionierte mein Verstand noch richtig.

»Wie ist denn das passiert?« Ihre Stimme wirkte beruhigend. »Sind Sie immer so zart besaitet?«

Ich wollte ihr widersprechen, unterliess es aber. Der peinliche Zwischenfall im Leichenschauraum wollte mir indes nicht aus dem Sinn. Sie lag tatsächlich da: meine Salomé. Jetzt bestand kein Zweifel mehr. Ich wusste es, seit ich sie im Park gesehen und verzweifelt versucht hatte, dies zu verdrängen. Wie konnte ich diese Frau vergessen, wo ich jeden Winkel ihres so liebeshungrigen Körpers ausgekostet und genossen hatte? Hatte jemand über die Liaison zwischen uns erfahren, und hatte sie deshalb sterben müssen? Ich fühlte mich mitschuldig. Diese Erkenntnis veränderte meinen momentanen Zustand nicht zum Positiven. Salomé hatte mir nie gesagt, dass sie verheiratet war, dass sie eine Tochter hatte. Ich war ihr heimlicher Geliebter gewesen, stellte ich nüchtern fest, daher ihre Ausrede, sie habe viel zu arbeiten. Sie hatte mich benutzt und im Glauben sein lassen, dass ich ihre grosse Liebe sei. Vielleicht war ich sie ja auch gewesen. Ich war ihr deswegen nicht böse. Ich hatte sie letztendlich besessen, wie sie wohl kaum ein anderer Mann besessen haben konnte. Sie hatte sich mir geöffnet, wenn auch nur im Ausdruck ihres Körpers. Ein grosser Kloss machte sich in meinem Hals bemerkbar. Nie mehr würde ich ihre warme, zärtliche Nähe spüren. Nie mehr ihre weichen Brüste liebkosen. Nie mehr zwischen ihre Schenkel sinken. Nie mehr.

»Geht es wieder?« Dr. Metzler stand plötzlich vor mir. »Können wir weitermachen?«

Ich versuchte, aufzustehen. Eigenartigerweise ging es fast von alleine. Ich kehrte mit Dr. Metzler in den Leichenraum zurück.

Den zweiten Blick auf die tote Salomé ertrug ich mit Fassung. Sie lag da, als schliefe sie den Schlaf der Gerechten. Ich hatte sie oft im Schlaf betrachtet, nachts, wenn ich wach war. Im fahlen Schein der Strassenbeleuchtung, der durch die Lamellen gefallen war, sahen ihre Gesichtszüge genauso unwirklich aus wie jetzt. Und wenn sie sich seufzend auf die Seite gedreht hatte und ihr Haar über die Wangen gerutscht war, war ich oft versucht, sie an mich zu ziehen und sie nie mehr loszulassen. »Was haben Sie herausgefunden?«

»Sie ist stranguliert worden«, sagte Dr. Metzler. »Die Male am Hals deuten darauf hin. Wahrscheinlich zwei parallel verlaufende Kordeln oder dünne textile Seile, die mit einer ungebändigten Kraft zugezogen wurden. Direkt über dem Kehlkopf. Der ist zusätzlich noch eingedrückt. Muss ein ganz brutaler Mensch sein, der ihr dies hier angetan hat. Zudem hat sie einen Genickbruch.«

Daniel hatte also Recht gehabt.

»Scheint so, als wollte der Mörder auf Nummer sicher gehen«, fuhr Dr. Metzler fort. »Oder er agierte aus voller Aggression heraus. Der Tod dürfte zwischen zehn und zwölf Uhr nachts aufgetreten sein. Der Fundort ist nicht der Tatort zugleich. Ich habe Kratzspuren an ihren Beinen entdeckt, die von spitzen Steinen herrühren.«

Ich erinnerte mich an die schwarzen Strümpfe, die noch völlig ganz gewesen waren. Hinten hatte ich nicht nachgesehen. Oder vielleicht hatte man ihr die Strümpfe im Nachhinein angezogen. Ich fragte mich schon die ganze Zeit, weshalb sie bei dieser Hitze überhaupt Strümpfe getragen hatte. »Hat man sie vergewaltigt?«

»Nein, es gibt keine Zeichen von sexueller Gewalt. In ihrer Vagina ist auch kein Sperma vorhanden. Das heisst, ich habe vermehrt Vaginalsekrete festgestellt und winzig kleine Spuren von Latex, die von einem Präservativ stammen könnten. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie unmittelbar vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr hatte. Aber auf jeden Fall hat der Mann keine Spuren hinterlassen. Und aus Erfahrung ziehen sich Vergewaltiger keine Kondome über.«

Ich musste mich kurz auf dem Schragen abstützen. Ich erinnerte mich an das farbige Präservativ in Salomés Handtasche. Wenn sie mit mir zusammen gewesen war, hatte sie nie Präservative mitgebracht. Hatte sie ihren Mörder gekannt? »Hat sie sich gewehrt?« Sie musste sich verteidigt haben, anders konnte ich es mir nicht vorstellen. So schnell hätte sie nicht aufgegeben.

»Unter ihren Fingernägeln habe ich Hautpartikel gefunden und Blutspuren. Sie muss sich wohl stark gewehrt haben. Ich habe die Blutgruppe bestimmt. Sie befindet sich im Protokoll. Aber ohne Gegenvergleich kann ich unmöglich zu diesem Zeitpunkt eine Analyse machen. Zudem hat sie Kaviar und Blinis gegessen und dazu Champagner getrunken.«

Ich schluckte leer. Mir hatte sie immer erzählt, dass sie solche Dinge nicht ausstehen könne, dass sie diese Art zu speisen widerwärtig finde. Ich begriff nicht, wie ich mich in dieser Frau so getäuscht haben konnte.

Dr. Metzler machte ein ernstes Gesicht. »Heute ist alles möglich«, sagte er. »Ich kann Ihnen sogar sagen, wann genau sie dies gegessen hat.«

»Können Sie mir auch sagen, wo?« Es sollte ironisch klingen, war aber der vergebliche Versuch, meiner Stimme einen gefassteren Ton zu verleihen.

Dr. Metzler grinste und schlug mir kameradschaftlich auf die Schultern. Er hatte keine Ahnung von meiner Beziehung zu der Toten.

»Ich habe noch etwas anderes herausgefunden«, sagte Dr. Metzler. »Sie hat wahrscheinlich in ihrer Panik Wasser gelassen.«

»Wie meinen Sie das?«

»In ihrem Höschen waren Spuren von Urin, auch am unteren Teil des Kleides.«

Ich musste mich wieder abstützen. Ihr Tod war ein Kampf gewesen. Ich wehrte mich gegen innere Krämpfe, die vielleicht verhinderten, dass ich meinen Verstand verlor.

»Wollen Sie eine Beruhigungspille?« Dr. Metzler zog mich zur Seite.

»Es geht schon wieder«, entgegnete ich, obwohl ich mir dessen nicht sicher war.

Meine Arbeit sah ich bereits vor mir. Ich würde in nächster Zukunft sämtliche Hotels in Luzern und Umgebung von Vierstern an aufwärts auskundschaften, um zu erfahren, ob Kaviar und Blinis auf der Speisekarte standen. Was, wenn Salomé privat zum Essen eingeladen gewesen war? Ich würde die berühmte Stecknadel im Heuhaufen suchen. Ich bemerkte den Irrsinn dieser Gedanken, die Ironie, die mir meine eigene Unzulänglichkeit brutal vor Augen führte. Ich musste noch einmal zu ihrer Tochter nach Luzern fahren. Vielleicht war in der Zwischenzeit auch der Ehemann aus dem Ausland zurückgekehrt. Ich war ganz sicher, dass Sophie mehr über ihre Mutter wusste, als sie zugeben wollte.

***

Es dämmerte, als ich mit dem Gutachten des IRM unter dem Arm zu meinem Wagen zurückkehrte. Ich musste wohl eine ganze Weile bewusstlos gewesen sein. Dr. Metzler hatte mir vor dem Weggehen eine Kalziumspritze verabreichen wollen, was ich verweigerte. Ich fühlte mich miserabel, aber immerhin so gut, dass ich klar denken konnte. Zudem befand sich in meinem Wagen Aspirin für besondere Fälle. Auf dem Parkplatz zündete ich eine Zigarette an. Jetzt konnte mich nichts mehr aufhalten, so schnell wie möglich aus Zürich hinauszufahren. Ich hatte Sehnsucht nach meiner Stadt, nach meiner Wohnung, nach meinem Bett. Den Tag liess ich noch einmal Revue passieren, als ich mich langsam in den Verkehr einordnete. Die Luft hatte noch immer über dreissig Grad. Mein Kopf fühlte sich an, als führten unbekannte Mächte in ihm einen Krieg gegeneinander, als kämpfte der Verstand gegen das Irrationale, das Wissen gegen das Erahnen.

***

Ich hatte kaum die Tür zu meiner Wohnung aufgeschlossen, als auch schon das Mobiltelefon klingelte. Ich musste an Gaby denken. Aber es war nicht Gaby, sondern Daniela Schneider, die Kollegin aus meiner Schulzeit, die jetzt bei der Luzerner Zeitung arbeitete. Ich wusste nicht, wen ich lieber erwartet hätte. Aber diese hier hatte mir wirklich gerade noch gefehlt.

»Hey Andy, wie geht es dir?«

Nicht sehr passend für meine momentane Gemütslage. Ich war skeptisch. Was hatte sie so früh im Park gesucht? »Hallo Daniela«, sagte ich müde und nahm ein kühles Bier aus dem Kühlschrank. Es war das erste Bier seit Tagen. Ich hatte versucht, es mir abzugewöhnen, weil sich Salomé über meinen Bauchansatz lustig gemacht hatte. Salomé. Catherine. Was spielte es eigentlich noch für eine Rolle? Ich nahm einen langen Schluck aus der Dose und hörte mir Daniela an.

»Kannst du mir ein paar Informationen zuspielen wegen dem Mord heute Morgen?«

»Wer hat denn gesagt, es sei Mord?«

»Ach hör mal, wenn Conradin anwesend ist, muss es sich doch um Mord handeln. Zudem habe ich dich gesehen, auch wenn du mir ausgewichen bist. Du fällst mir immer auf.«

Ich hörte sie lachen. Ich erwiderte nichts. Ich war nicht in der Stimmung, um überhaupt darauf einzugehen.

»Oder ist sie aus dem Drogenmilieu und hat sich den goldenen Schuss verpasst?«, bohrte Daniela weiter.

»Inwieweit bist du schon aufgeklärt?« Ich setzte mich mit dem Bier ins Wohnzimmer. Unsinnigerweise fiel mir auf, dass ich ausnahmslos von Frauen umgeben war.

»Ich bin dran«, versicherte mir Daniela, »aber aus deinen Dienstkollegen werde ich nicht schlau. Und bevor ich mit irgendwelchen Spekulationen an die Öffentlichkeit gelange, möchte ich es von dir persönlich erfahren, capito?«

Oh, was für eine überhebliche Art. Ich hätte ihr am liebsten den Mund gestopft.

»Das finde ich fair von dir«, sagte ich sarkastisch. Ich kannte ihre Maschen. »Können wir uns morgen treffen? Ich habe einen langen Tag hinter mir.« Ich verschwieg ihr, dass dieser Tag der absolute Wahnsinn gewesen war.

»Ich auch«, entgegnete sie und schniefte. »Ich möchte den Bericht am Montag in der Zeitung haben, bevor die Konkurrenz vorgreift. Wer ist die Frau?«

Salomé!

»Ich kann dir nichts dazu sagen. Es ist noch zu früh für irgendwelche Informationen, die uns nur unnötig in unseren Recherchen behindern würden.«

Meine Geliebte!

»Heisst sie Catherine Mahler?«

Das sass. Ich schwieg. Daniela schwieg. Ich hätte am liebsten das Gespräch abgebrochen. »Wer hat dir das gesagt?«

Daniela kicherte. »Jemand hat es mir ins Ohr geflüstert.«

»Dann weiss ich nicht, weshalb du mich anrufst«, sagte ich genervt.

»Ich recherchiere auch, auf meine Art.«

»Verdammt, warum kann die Presse nicht einfach warten?«

»Hey, jetzt hör aber auf. Ich möchte bloss ein paar Fragen beantwortet haben.« Sie war hartnäckig. »Was ist los, Andy?«

Ihre Fragerei störte mich. »Ich möchte heute in Ruhe gelassen werden. Ich habe einen langen Tag hinter mir.«

»Ich höre, du wirst langsam alt«, sagte sie mit einem sarkastischen Unterton und kicherte.

»Noch bist du ein halbes Jahr älter als ich«, fiel ich prompt herein. Ich versuchte, sie mir vorzustellen, wie sie in abgewetzten Jeans barfuss auf ihrem Designersofa sass. Eine Frau mit Gegensätzen, vergleichbar mit heissem Kaffee und Eiscrème. Und immer noch mit einem Bein im Backfischalter. Ich hatte sie erst vor zwei Wochen in der Stadt getroffen. Da hatte sie mir verraten, dass sie wieder solo sei und dies in vollen Zügen geniesse. Wahrscheinlich gab es den Mann noch gar nicht, der sie aushielt.

»Ja, aber biologisch gesehen bist du schon weit über die Grenze deines potenziellen Hochs. Ich stehe dagegen erst am Anfang«, fuhr sie fort.

Ich tappte wieder einmal voll in die Venusfalle. »Du mit deiner Männchen-Weibchentheorie.« Manchmal brachte sie es sogar zustande, meine schlechte Laune zu vertreiben. Sie war tatsächlich wie Kaffee und Eis.

»Soll ich zu dir kommen?«

Mein Verstand riet mir zur Vorsicht: Man hüte sich vor dreiunddreissigjährigen Singlefrauen. Zudem hatte ich es satt, immer als Seelentröster ausgenutzt zu werden. Und ich kannte ihre Absichten ganz genau. Sie wollte mich schon lange als Trophäe in ihrer immensen Sammlung haben. »Nein, ich brauche jetzt dringend Schlaf.« Und die Bewusstheit, wie weit mich meine Gedanken an Salomé bei Verstand hielten. Aber das sagte ich nicht.

»Aber dann verrate mir, verflixt noch mal, was du heute herausgefunden hast. Ich brauche einen Aufhänger. Zwei Zeilen nur, die würden genügen. Ist sie vergewaltigt worden?«

»Nein.« Sie hatte den Liebesakt vor ihrem Tod gewollt.

»Aber hat man sie brutal ermordet?«

»Nein.« Ihr Mörder war mehr als brutal gewesen: Er war bestialisch.

»Hey Andy, jetzt mache mal einen Punkt. Warum muss ich dir die Würmer aus der Nase ziehen?«

»Du bist unmöglich«, sagte ich. Langsam belustigte mich diese Konversation. »Schreib, dass sie stranguliert worden ist.«

»Als ob das nicht brutal wäre«, motzte sie. »Wo?«

»Ich kann dir nicht mehr sagen, weil ich es selbst noch nicht weiss. Und wenn ich es wüsste, würde ich es mir lange überlegen.«

»Du hast dich überhaupt nicht verändert«, sagte Daniela zynisch. »Der einsame Wolf in seinem Revier. Hast du Angst, dass ich dir von deinem Kuchen ein Stück abschneiden könnte? Oder tappt die Polizei wie üblich im Dunkeln?«

Langsam verlor ich meine Geduld. »Der Mord ist noch keine vierundzwanzig Stunden alt. Ich kann dir auch nicht mehr sagen. Ich glaube, damit ist unser Gespräch beendet.« Sie nervte allmählich. Mir fiel indes fast das Mobiltelefon aus der Hand. Ich ging zurück in die Küche, dorthin, wo mein Rechner auf dem Tisch stand, direkt neben der Kaffeemaschine.

»Bist du noch da?« Danielas Stimme wieder.

»Ja, halbwegs«, entgegnete ich gähnend. »Ich lasse dich jetzt.«

Eigentlich hätte das anders formuliert werden müssen, dass sie mich nun gefälligst in Ruhe zu lassen habe. Daniela begriff es trotzdem.

Ein Geräusch aus dem Schlafzimmer schreckte mich auf. Ich dachte an Nachbars schwarzen Kater, der ab und zu über die Balkonbrüstung in meine Wohnung schlich. Ich hatte ihm einmal eine Scheibe Schinken spendiert, seither besuchte er mich regelmässig. Und die Balkontür liess ich im Hochsommer immer offen stehen, sodass er einfach Zutritt hatte. Ich kümmerte mich nicht weiter darum. Ich stellte den Rest des Bieres in den Kühlschrank zurück, wohl wissend, dass ich ihn anderntags ausschütten würde, weil das Getränk dann schal geworden war, als ich in meinem rechten Augenwinkel einen Schatten an der Küchentür wahrnahm. Reflexartig drehte ich mich um. »Was zum Teufel ...«, entfuhr es mir.

Unter der Tür stand Gaby in meinem Pyjamaoberteil und mit meiner Pistole in den Händen, mit der sie wie ein Profi aus einem Fernsehkrimi auf mich zielte. Ihre Beine waren braun gebrannt. Sie trug die Haare länger, sonst hatte sie sich kaum verändert. Sie war immer noch auf eigenartige Weise schön.

»Die ist geladen!«

Keine Reaktion.

»Wie bist du hier hereingekommen?« Ich hatte mich von meinem Schrecken schnell erholt.

»Die Tür stand offen und du warst am Telefon.« Sie kicherte. »Du bist sehr fahrlässig. Lässt einfach dein Schiesseisen auf dem Bett liegen.«

»Waren meine Zigaretten auch da? Die habe ich nämlich vermisst.«

Gaby schmunzelte. »Du bist doch immer noch der Gleiche.«

Hatte ich dasselbe heute nicht schon einmal gehört? Sie zog mein Pyjamaoberteil verführerisch über ihre Schenkel. Üblicherweise hätte sich bei mir bei einem solchen Anblick der Testosteronspiegel um ein Zehnfaches erhöht. Aber heute wäre ich am liebsten im Boden versunken. Ich musste wohl wie ein grünes Männchen auf Gaby wirken, denn sie blickte mich skeptisch an.

»Ist dir nicht gut?«

Ich sah, wie ihr Körper nach vorne sackte. Theatralik wie gewöhnlich. Sie legte die Pistole auf den Küchentisch. Hätte ich nicht auf Gaby zugehen und sie in die Arme nehmen sollen? Männer sind dazu da, die Frauen zu trösten, vor allem, wenn mir wieder einmal brutal vor Augen geführt wurde, wozu sie fähig sind. Warum dachte ich jetzt voreingenommen an einen Mörder? Vielleicht war es auch eine Mörderin. »Willst du etwas trinken?« Ich öffnete den Kühlschrank wieder und suchte nach einer Flasche Mineral. »Ich kann dir Cola anbieten.«

Gaby näherte sich mir und stiess die Kühlschranktür zu. »Ist schon gut«, sagte sie milde. »Ich weiss, dass du einen anstrengenden Tag hinter dir hast. Ich habe es gehört. Ich will dich ja nicht auch noch zusätzlich belasten. Du gehst jetzt schön in dein Bett, und ich schlafe auf dem Sofa im Wohnzimmer. Und sage nichts, tue es einfach.«

Ihr Vorschlag beruhigte mich. Ich zog Gaby an mich und küsste sie in ihr Haar. »Danke.«

Nachts spürte ich plötzlich, wie sich ein warmer Körper von hinten an mich schmiegte und anfing, sich langsam ganz rhythmisch an meinen Oberschenkeln zu bewegen.

Ich ignorierte dies.

Sonntag, 3. August 2003

Als ich am Morgen erwachte, war Gaby schon auf und machte sich in der Küche an der Kaffeemaschine zu schaffen. Sie lachte mir fröhlich entgegen. Ich stellte verärgert fest, dass sie wieder mein Pyjamaoberteil trug. Wie in alten Tagen. Ob sie vorhatte, sich jetzt wieder in mein Nest zu setzen? Ich sagte nichts.

»Hast du die Maschine noch immer nicht repariert?« Sie verzog ihren Mund.

Ich setzte mich. »Sie läuft ja noch.«

»Typisch Mann«, sagte Gaby. »Solange alles einigermassen funktioniert, braucht man sich ja nicht darum zu kümmern. Deine Kaffeemaschine macht einen Lärm wie ein Presslufthammer.«

»Ich habe mich daran gewöhnt.«

»Eben, da haben wir’s. Der Mann ist ein ausgesprochenes Gewohnheitstier.«

»Sag mal, hat dir das Karl beigebracht?« Es lag mir auf der Zunge, sie auf gestern Abend anzusprechen und auf den Vorfall in der Nacht. Ich schaute ihr zu, wie sie meine Tasse unter den Filter stellte und den Hebel drückte und liess meine Frage sein. Sie war ja auch zu banal. Es zischte und rasselte wirklich wie auf einer Baustelle, bevor der Kaffee in die Tasse tröpfelte. An seinem Aroma war nichts auszusetzen. Feinster italienischer Espresso. Ich genoss ihn und rauchte dazu meine Zigarette.

»Komm, lass Karl aus dem Spiel. Der ist jetzt weit weg.« Gaby nahm ihre Kaffeetasse und setzte sich mir gegenüber. »Lieb von dir, dass ich eine Zeit lang bei dir wohnen darf.«

Das erste nette Wort, seit ich wach war. Ich zog kräftig an der Zigarette, sagte aber nichts.

»Ich möchte dir wirklich nicht auf den Geist gehen. Im Gegenteil, wenn ich dir behilflich sein kann, so sage es mir. Es würde mir Spass machen, wieder mit dir durch die Gegend zu ziehen. Ich könnte mich dabei ein wenig ablenken.«

Ich trank den Kaffee aus. Ich zündete mir eine zweite Zigarette an. »Dieser Fall hier ist sehr heikel«, sagte ich dann, und ich berichtete über die Tote im Park, von meinen bisherigen Abklärungen und dem Besuch im IRM. Dass Catherine Mahler, alias Salomé, meine Geliebte gewesen war, verschwieg ich. Man sollte nicht noch mehr Öl ins Feuer giessen. Obwohl vielleicht gerade die Tatsache, dass Catherine Mahler fremdgegangen war, mehr Licht ins Dunkel gebracht hätte. Beziehungskonflikte oder Eifersuchtsdramen machten einen hohen Prozentsatz der Tötungsdelikte aus. Und Gaby hätte gewiss viel Verständnis aufgebracht.

»Vielleicht solltest du nochmals mit der Tochter der Toten reden. Ich könnte mir in der Zeit ihren Ehemann vorknöpfen«, schlug Gaby vor.

Es ärgerte mich, dass ich mich ihr gegenüber über meinen Fall geäussert hatte.

»Weisst du, dass wir immer gut recherchiert haben?«

Ich wusste es. Wir hatten Detektivarbeit im Duo-Pack geleistet.

»Wann ist der Rapport?«

Sie erinnerte mich daran, dass ich in Hellers Büro fahren sollte. Ich würde mich telefonisch über den Stand der Dinge erkundigen.

»Also leidet ihr immer noch unter Personalmangel«, stellte Gaby sachlich fest, als ich ihr auf ihre Frage keine Antwort gegeben hatte.

»Was heisst hier immer noch? Wir haben nie unter Personalmangel gelitten«, sagte ich bestimmt. »Viele ziehen jetzt ihren Urlaub ein.«

Sie legte ihre Stirn in Falten. »Wann machst du welchen?«

»Keine Zeit und kein Geld.«

»Im Untertreiben warst du schon immer Weltmeister.« Gaby stellte die Kaffeetassen in die Spüle. »So, dann werde ich jetzt ein bisschen aufräumen.«

Das wollte ich aber nicht. »Du kannst ja ins Lido gehen.«

Mein Vorschlag schien ihr keinen Spass zu machen.

»Meinst du, ich möchte mich exponieren?«

Ich musste lachen. Ich ging in mein Schlafzimmer und holte ein frisches Hemd aus dem Schrank. Gaby kam hinterher. »Wer macht dir eigentlich die Wäsche?«

»Ich selbst, wer denn sonst?«

»Kannst du das?«

»Na hör mal, für wen hältst du mich eigentlich?«

»Dann bügelst du auch?«

»Selbstverständlich.«

Gaby schaute mein Hemd kritisch an. »Muss schon sagen, ich könnte es nicht besser. Hätte ich mir schon früher merken sollen.«

»Bist du deshalb gegangen, weil du mir die Hemden hast bügeln müssen?«

Gaby verzog ihren Schmollmund. »Man müsste die Männer oft sich selber überlassen.«

Ich hatte keine Lust, darauf einzugehen. Ich zog mir Kleider und Schuhe an und steckte die Zigaretten in meine Hemdtasche. »Soll ich dich in die Stadt mitnehmen?«

»Ich habe es mir doch anders überlegt«, erwiderte Gaby. »Ich möchte noch ein paar Besorgungen machen.«

»Ich dachte, du hättest kein Geld?«

Gaby strahlte mich an. »Na ja, ein bisschen habe ich schon dabei.«

Ich machte mir weiter keine Gedanken darüber und rief Conradin an, damit er mich über meinen nächsten Einsatz informieren konnte. Conradin beorderte mich in die Hertensteinstrasse, wo ich mich noch einmal mit Sophie Mahler treffen sollte. Ich meldete mich bei ihr an. Dann ging ich mit dem Gedanken, dass ich mir mit Gaby doch einiges eingebrockt hatte. Mit der Ruhe war es endgültig vorbei.

Draussen schlug mir gleich dicke schwüle Luft entgegen. Der rostige Eisengeruch der Bahnschienen. Ich warf einen Blick zur Güterabfertigung. Die Arbeiter dort trugen zu jeder Jahreszeit dieselben orangefarbenen Uniformen. Die müssten eigentlich bei dieser Hitze umkommen, dachte ich. Ich holte meinen Wagen und fuhr in die Altstadt.

Beim Barbatti in der Töpferstrasse bestellte ich einen doppelten Espresso. Heute war es ausnahmsweise ruhig in den Gassen. Es war Sonntag, und da schliefen die Leute aus. Der Tisch neben mir war mit Italienern besetzt. Sie redeten in ihrer Landessprache und spielten Scoppa. Aus der Bar an der Ecke zur Hertensteinstrasse traten vier Gestalten mit Lederhosen und ärmellosem Oberteil. Sie trugen Ketten um den Hals und Piercings im Gesicht. Mir graute vor diesem Anblick. Beim Optikergeschäft Knüsel stand eine ältere Dame mit Hut, die ihre Nase platt ans Schaufenster drückte. Man sah, dass sie eine Brille brauchte. Das kleine Hündchen an der Leine tänzelte vor dem Blumentopf und hob sein Bein. Ich überlegte mir, wie viel mehr Rechte Hunde haben. Ich wollte das Geld für den Espresso auf den Tisch legen, als mir gegenüber ein Ständer mit der Sonntagszeitung auffiel. Die Schlagzeilen schrien mir in roten Lettern entgegen. Ich erhob mich.

»Sie haben noch nicht bezahlt«, rief der Kellner mir nach.

Ich stammelte eine Entschuldigung und gab ihm das Geld. Zielstrebig holte ich eine Zeitung aus dem Gestell und faltete sie auseinander.

Tote im Vögeligärtli – geht ein Frauenmörder um?

Ich überflog die folgenden Zeilen. Das durfte doch nicht wahr sein! Daniela hatte mich hereingelegt. Hatte sie sich ihren Lohn aufbessern wollen? Für die Sonntagszeitung waren solche Berichte ein gefundenes Fressen. Mit diesem Artikel hatte Daniela den schlafenden Hund geweckt. Die Polizei würde nicht mehr in Ruhe arbeiten können. Heute Abend würde ich Daniela die Leviten lesen müssen. Wütend machte ich mich auf den Weg zu Sophie Mahler.

Diesmal musste ich schon unten klingeln. Der Türöffner surrte. Ich trat ein. War Hans Mahler zurückgekehrt?

Aus dem Aufzug kommend sah ich, dass die Tür zur Wohnung offen stand.

»Kommen Sie ruhig herein«, rief Sophie aus der Küche. »Wollen Sie auch einen Kaffee?« Sie war heute besonders nett zu mir. Ich sah dann auch schnell den Grund dafür. Einer der gepiercten Typen aus der Bar stand an der Kombination und grinste mich mit seinem Froschmaul frech an. »Das ist Roger, mein Lover«, sagte Sophie und stellte sich besitzergreifend neben ihn. »Ich dachte, dass ich mein Alibi gleich einlade.«

Ich war sprachlos. Dieser lederbezogene Kahlkopf war wirklich ein Mensch und durchwegs freundlich. Er forderte mich sogar auf, Platz zu nehmen. Der metallfarbene Knopf auf seiner Zunge fiel mir auf. Hatte er sich auch noch anderswo gestochen und verlöchert? Ich war froh, dass ich mich setzen konnte. Sophie stellte mir eine Tasse Espresso hin. Ich zündete eine meiner Zigaretten an.

»Sie rauchen ja doch im Dienst«, schmunzelte Sophie.

Ich schmunzelte zurück. Wir verstanden uns. Der Bann schien endlich gebrochen. Ich war trotzdem vorsichtig. Es hätte ja sein können, dass sie sich ihres Freundes wegen keine Blösse geben wollte.

»Wie ist Ihr voller Name?« Ich wandte mich an den Gepiercten.

»Roger Dürrenmatt. Habe aber nichts mit dem Dichter am Hut«, sagte er in breitem Berner Dialekt. Er lachte entwaffnend. Die Piercings auf dem Gesicht lachten mit, das kleine auf seiner Zunge ebenfalls. Ich musste zwanghaft immer wieder darauf schauen. Ob er damit Sophies Lust vollumfänglich befriedigen konnte? »Haben Sie die Nacht von vorgestern auf gestern in dieser Wohnung verbracht?«

»Natürlich. Soll ich noch sagen, wie?« Dürrenmatt steckte sich einen Kaugummi in den Mund.

»Ihre Intimitäten interessieren mich nicht.«

»Ich dachte, die Polypen wollen alles wissen.« Dürrenmatt schmatzte ausgiebig. Er war harmloser, als er aussah.

»Waren Sie die ganze Nacht mit Sophie zusammen?«

»Ja klar«, sagte jetzt Sophie, »und wir haben nicht einmal ein Auge zugetan.« Sie blickte Dürrenmatt verliebt an.

Ich dachte mir meine Sache. »Wann kommt Ihr Vater zurück?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich es nicht weiss. Er hat nicht mal angerufen.«

»Hat er kein Handy?«

»Schon, aber es ist nicht eingeschaltet. Ich habe ihm schon gesimst. Er hat nicht reagiert.«

»Wie bitte, gesimst?«

Sophie zog ihre Mundwinkel frech nach oben. »Ja, das ist das Verb für SMS schicken.«

Man lernte tatsächlich nie aus. »Kann ich noch einmal den Computer Ihrer Mutter sehen?«

»Wozu? Der kann Ihnen keine Antwort geben.« Sophie schritt trotzig zum Schlafzimmer und öffnete die Tür. Ich ging ihr nach.

»In welchem Konzert war Ihre Mutter übrigens am Freitagabend?«

»Das weiss ich nicht. Sie wollte es mir nicht sagen. Aber ich denke, sie war im Kultur- und Kongresshaus. Die Musikfestwochen finden ja jetzt statt.«

»Vielleicht war das ja nur eine Ausrede, und sie hat sich mit jemandem getroffen«, sagte ich.

»Das nehme ich an«, entgegnete sie. »Ich würde auch nicht alleine hingehen.«

»Hat sie Freundinnen?«

»Ja, aber diese kenne ich nicht.«

»Was wissen Sie eigentlich über Ihre Mutter? Sie wohnen zusammen unter einem Dach und kennen sich kaum.« Langsam machte mich dieses Katz- und Mausspiel wütend.

»Es interessierte mich ganz einfach nicht. Ist das ein Verbrechen?«

»Nein, aber ich ermittle in einem Fall, in dem Ihre Mutter einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.«

»Dann suchen Sie am falschen Ort!« Das war eindeutig. Sophie kam ihrer Art von gestern wieder näher. Ich trat ins Schlafzimmer und startete den Rechner. Einer Eingebung folgend gab ich den Code Salomé ein. Sofort öffnete sich der Desktop. Sophie schaute mir über die Schultern. »Was machen Sie da?« Sie war sichtbar überrascht. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Sophie war nicht dumm.

»Nein, aber ich könnte ihn innerhalb von vierundzwanzig Stunden haben und dann wären wir wieder gleich weit.«

»Dann besorgen Sie sich ihn«, sagte Sophie schroff.

Mir passte das nicht. Ich glaubte, ihre Absichten zu kennen. »Ich kann ihn auch innerhalb Stundenfrist besorgen«, sagte ich. Ich wollte das Programm wieder schliessen, aber Sophie wehrte sich vehement.

»Lassen Sie das!«

Ich drehte mich abrupt um. »Damit Sie Zugriff zu eventuellen Beweisen haben? Sie können mich nicht in den Ermittlungen behindern, meine Liebe.«

»Ich bin nicht Ihre Liebe!«

»Entschuldigung.«

Dürrenmatt räusperte sich lautstark. »Schliessen Sie ruhig und besorgen Sie sich den Durchsuchungsbefehl.«

Ich klopfte auf den Schreibtisch. »Ich bedanke mich für die kooperative Zusammenarbeit«

»Sie sehen doch, dass Sophie leidet«, sagte Dürrenmatt.

»Wenn sie sich so miserabel fühlt, wie sie tut, dann sollte sie mich zumindest machen lassen.« Und zu Sophie: »Sie wollen doch auch, dass das Verbrechen an Ihrer Mutter geklärt wird.« Ich fuhr den Computer herunter. »Rufen Sie mich an, wenn Ihr Vater zurück ist, oder sagen Sie ihm, dass er sich bei mir melden soll.«

Ich überliess Sophie meine Visitenkarte.

Unbefriedigt verliess ich das Haus in der Hertensteinstrasse. Im Schnellimbiss gegenüber würgte ich einen Hamburger mit Pommes herunter und fühlte mich danach nicht besser. Ich musste meinen Kopf befreien. Ich konnte es nicht fassen, was da geschehen war. Salomé war tot. Weg. Fort. Für immer. Ich dachte an unsere Beziehung, die keine gewesen war. Die Affäre, die auf rein sexuellem Interesse beruht hatte. Salomé hatte mir oft gesagt, welche arbeitsintensiven Tage sie habe und dass sie sich deswegen nicht binden wolle. Anfangs war mir das recht gewesen, ich hatte sie verstanden, obwohl ich mich schon nach dem ersten intimen Treffen in sie verliebt hatte. Und nach jedem Besuch von ihr mehr. Sie war wie ein Virus gewesen, der von mir Besitz ergriff, wie eine Droge, die mich süchtig machte und deren Entzug mich schmerzte. Das ihr gegenüber zuzugeben, hätte mich in meinem Stolz gekränkt, wäre es doch gegen unsere Abmachung gewesen. Sie hatte Sex gewollt. Ich auch. Ohne Schnörkel und Emotionen. Oft hatte sie mich spontan besucht, ohne lange Voranmeldung, und war dann auch gleich zur Sache gekommen.

Ich hatte sie im Casablanca kennengelernt. Einem auf Hollywood getrimmten Restaurant, an dessen Wänden Filmutensilien jeglicher Art hingen. Von Filmrollen über Beleuchtungskörper bis hin zu Plakaten verblichener Stars und Sternchen. Dort verkehrte ich in der Regel nie. Aber ich hatte damals in der Nähe dienstlich zu tun, als ich nach Feierabend Lust auf ein Bier hatte.

Sie hatte an der Bar gesessen. Mir fiel gleich auf, dass sie viel älter war als alle anderen Gäste, was sie aber überhaupt nicht zu stören schien. Im Gegenteil, sie genoss es. Und sie genoss auch die Blicke der jungen Männer, die wohlwollend auf ihr ruhten. Das machte mich neugierig. Ich setzte mich abseits an einen der kleinen runden Tische und liess die Dame an der Bar nicht aus den Augen. Seit Gabys unüberlegtem Entscheid, mich wegen eines reichen Alten zu verlassen, hatte ich mich nie mehr für eine Frau interessiert. Ich wurde zu einem Arbeitssüchtigen und schuftete in zahlreichen Überstunden, die ich nie kompensieren wollte. Meine Gemütsverfassung war auf dem Sinkflug bis zu jenem Abend im März, wo sich mein Testosteronspiegel ganz eindeutig wieder zu regen begann.

Sie trug ihre schwarzen Haare offen. Sie reichten ihr bis zu den Schultern. In ihrem Blick bemerkte ich etwas Melancholisches und etwas Abtrünniges zugleich. Und ich dachte mir, dass die Frau genau wusste, was sie wollte. Sie nippte an einem Cocktail. Ihre vollen, sinnlichen Lippen umschlossen den farbigen Strohhalm. Ich erkannte klar die Zeichen ihrer Erotik, die sie ohne Scheu zutage brachte. Sie erregte mich, ich konnte kaum noch ruhig sitzen. Das sah sie und schmunzelte. Ihre Augen waren dunkel und schimmerten. Aber das Melancholische verloren sie nicht.

»Kennen wir uns?« Sie erhob sich mit dem Glas in der Hand. Ohne zu zögern, setzte sie sich zu mir an den Tisch.

»Das könnte sich ändern«, erwiderte ich. Etwas Vernünftigeres fiel mir im Augenblick nicht ein.

»Sind Sie allein in der Stadt?«, fragte sie.

»Ich bin mit meiner Arbeit fertig«, versicherte ich und prostete ihr zu. »Ich heisse Andy.«

Sie lachte. Zwei hübsche Grübchen kamen an ihren beiden Wangenseiten zum Vorschein. »Mein Name ist Salomé.«

Ich reagierte überrascht auf ihren Namen. Der klang in meinen Ohren ein bisschen zu prosaisch. »Ein biblischer Name! Arbeiten Sie beim Theater?« Es war der gewagte Versuch, eine handfeste Konversation anzufangen.

Sie lachte. »Ich bin Krankenschwester.« Dann eine Pause. »Bist du nun enttäuscht?« Wieder lachte sie.

»Dann passen wir ja zusammen«, sagte ich und erzählte ihr von meinem Job bei der Kriminalpolizei. Danach fragte sie mich über alles Mögliche aus. Erst später wurde mir bewusst, dass ich über sie gar nichts erfahren hatte. Sie wirkte geheimnisvoll, gab mir aber ganz konkrete Zeichen, dass ich ihr nicht gleichgültig war. Ihre Augen sprachen Bände, ihre Stimme schwang in einem Timbre, das mich elektrisierte und erregte. Was für eine Frau!

Zwischen uns war an diesem Abend schon alles klar. Sie schaute auf ihre Uhr und glitt vom Barhocker. »Ich muss gehen.«

Als sie unter der Tür stand und mit ihrem Mobiltelefon ein Taxi bestellte, fühlte ich einen unbeschreiblichen Stich im Magen, einen warmen Schmerz, der sich in mir ausbreitete und in meine Lenden strömte. Ich sah ihr zu, wie sie in ihre Jacke schlüpfte. Plötzlich war Salomé neben mir. Dann packte sie mich um den Hals und zog meinen Kopf in ihre Richtung, küsste mich. Ich rang nach Luft. Sie hatte mich überrascht. Sie lächelte, als sie mich wieder losliess. »Wenn du mir deine Adresse sagst, werde ich morgen Abend zu dir kommen.«

Natürlich hatte ich sie ihr gegeben.

***

Später brachte mich ein Gang die Reuss entlang auf andere Gedanken. Trotz der gnadenlosen Hitze machte ich mich auf den Weg von der Seebrücke über den Rathausquai bis zum Nölliturm. Sonnenschirme an der Reuss, welche bunte Farbtupfer in den blauen Himmel malten. Junge Leute auf den eng bestuhlten Terrassen. Sonnenhungrige am Ufer des Flusses, fast nackt. Sie schien es nicht zu stören, dass das Thermometer bereits wieder hoch hinaufgeklettert war. 38 Grad im Schatten zeigte es an. Der Schweiss rann mir den Nacken herunter. Ich wusste nicht, wo ich beginnen sollte. Die Hitze lähmte meinen Verstand. Bei der Geissmattbrücke kehrte ich um. Ich wählte jetzt den Weg durch den Löwengraben. Mein Hemd war völlig durchtränkt. Überall in den Geschäften sah ich die Auslagen der neuesten Herbstmode. Dicke flauschige Jacken, lange Boucléröcke in den Farben Camel und Rost. Wollene Strumpfhosen. Rosarot schien der letzte Schrei zu sein und wurde wohl nur von ganz mutigen Damen getragen. Ich musste plötzlich an den rosaroten Strampler meiner jüngeren Schwester denken, den sie als Baby getragen hatte. In der Weggisgasse herrschte Hochbetrieb. Eine Horde Asiaten nahm den schmalen Durchgang ein, der zur Eisengasse führte. Ich fragte mich, was da so sehenswert sein sollte. Wieder kam ich mir wie ein Fremder in der eigenen Heimat vor. Bis ich spätestens an der Spitze des Völkerauflaufes den Grund erkannte. Ein goldfarben besprayter Pantomime vollführte seine Künste. Ich überlegte mir, was ich bei seinem allfälligen Hitzekollaps unternehmen würde. Eine Cardiopulmonale Reanimation? Doch schien mir, als gäbe es hitzebeständigere Menschen, als ich es war. Das Kopfsteinpflaster unter meinen Füssen war mit zahlreichen Kaugummis verklebt. Eine leere Coladose lag einsam zwischen zwei Blumentöpfen, aus denen dichtes Schilfrohr wucherte.

***

Der Geruch von angebratenen Zwiebeln schlug mir wie eine Faust entgegen, als ich am Nachmittag heimkehrte. Es roch hier immer nach abgestandener Luft, hier unten beim Eingang zum Treppenhaus. Im Winter konnte man die Feuchtigkeit spüren, den Moder vergangener Tage. Der Hauswart war ein alter Mann und kaum noch fähig, irgendetwas für die Sauberkeit des Hauses zu unternehmen. Heute fiel mir zum ersten Mal auf, wie tief hier die Lebensqualität in den letzten Jahren gesunken war. Die Wände zum Keller waren schimmlig, die graue Farbe löste sich. Auf der untersten Stufe hatte jemand eine Flüssigkeit ausgeleert und nicht wieder aufgewischt. In der Ecke bei den Briefkästen lagen Zeitungen und Reklameprospekte. Ein Kinderwagen stand da mit kaputten Rädern. Vielleicht hätte ich mich schon lange mit dem Gedanken auseinandersetzen sollen, von hier auszuziehen. Im obersten Stockwerk, wo ich wohnte, war es erträglicher. Hier störte mich niemand, und an die intimen Geräusche um mich hatte ich mich gewöhnt.

Gaby sass im Wohnzimmer auf dem Boden; ausser einem schmalen Slip und dem Büstenhalter trug sie nichts. Sie wühlte entschlossen in der Schuhschachtel, die ich von Salomés Schlafzimmer entwendet hatte. Gaby war vertieft in ihre Sache und hörte mich nicht. Meine Werkzeugkiste stand auch da, jedes Teil nach aussen gelegt: Hammer, Nägel, Schraubenschlüssel, Abdichtungen, Kupferdrähte. Ich war nicht sicher, ob ich wütend sein sollte. Als Gaby mich entdeckte, schaute sie mich mit dem Lächeln eines Unschuldsengels an. »Hallo. Ich glaube, ich habe gefunden, wonach wir suchen.« Sie klang wie früher. Wie in den Tagen, an denen wir uns an knifflige Fälle herangemacht hatten.

»Und was zum Teufel hast du mit meiner Werkzeugkiste zu tun?«

»Ich brauchte sie, um die Agenda aufzuknacken«, sagte sie und richtete sich voll auf. Sie hatte immer noch einen schönen Körper. Ein bisschen mollig, ein bisschen weich, vielleicht vor Sehnsucht ausgehungert, sonst hätte sie sich am Vorabend nicht an mich herangemacht. Ich wollte sie nicht mehr berühren.

»Mit dem Hammer?«

»Kann ich etwas dafür, wenn bei dir die Zange zuunterst liegt?«

Wir lachten beide. Ich half ihr beim Aufräumen.

»Wo ist die Agenda?« Meine Neugierde war plötzlich da. Aber auch ein etwas komisches Gefühl. Das schlechte Gewissen, das mich plagte, weil mir bewusst war, wichtiges Beweismaterial unterschlagen, zumindest für mich behalten zu haben.

Gaby reichte mir die Agenda. »Schaue dir die Einträge vergangener Tage an.« Sie blätterte mir vor der Nase die Seiten um. »Da zum Beispiel, vor ihrem Tod, hat sie KKL hingeschrieben. 17.00 zum Apéro. Kein Name. Aber hier, sieben Seiten vorher steht: 19.30 Mad Max. Und einen Tag später: Ich war mit Mad Max im Bett. Hätte ich es nicht getan, hätte er mich umgebracht. Habe seine Augen gesehen. Da ist noch etwas, was mir aufgefallen ist. Am letzen Donnerstagabend ein Eintrag: 21.00 bei Andy.« Gaby schaute mich prüfend an. »Kennst du die Tote?«

Es klang ironisch. Trotzdem fiel ich darauf herein. »Jetzt spinnst du«, entgegnete ich.

Gaby lächelte verheissungsvoll. »Ehrlich gesagt, finde ich es sonderbar, dass du mit dem Fund da nicht auf direktem Weg zu Conradin gehst.«

Ich lachte. Sie lachte.

»Spitzfindig wie früher«, sagte ich und riss ihr die Agenda aus der Hand. Ich fühlte mich von ihr ertappt. Ich blätterte weiter, schaute mir die diversen Notizen an. Aufs Jahr verteilt waren es viele Termine, stets am Abend, auch unter der Woche, die Salomé eingetragen hatte. Aber aus den Namen, die hier standen, wurde ich nicht schlau. 25. Juni: Fantasmo um 19.00, dahinter ein Fragezeichen. Und am 17. und 18. Juli: Poseidon. Am 19. Juli: Hammer. Dazwischen immer wieder Andy. Die Zeiten, die da angegeben waren, hätten mit meinen Daten übereinstimmen können. Da war Salomé bei mir gewesen. Mir lief es kalt und heiss den Rücken hinunter.

Gaby machte mich auf die letzten Seiten der Agenda aufmerksam. Unter Memory ein paar stichworthaltige Eintragungen: Hammer liebt mich. Testament geändert. – Mad Max, 25, sein Pseudo sagt alles! – Andy: Sex mit ihm ist das Allergrösste. – Poseidon: einzigartig!!! Fantasmo: Ich möchte ihn endlich treffen.

Ich musste mich setzen. Der Hamburger lag mir plötzlich schwer im Magen.

»Soll ich dir etwas zum Trinken holen?« In Gabys Stimme schwang ein besorgter Ton mit. »Was ist los mit dir? Du kannst mir doch nichts vormachen, Andy. He, ich kenne dich doch.« Sie berührte meine Wangen. »Macht dich dieser Fall denn so verrückt?«

Ich wusste nicht, ob ich ihr die Wahrheit hätte sagen sollen. Ich klappte die Agenda zu. »Wovon redest du?«

»Ich werde den Verdacht nicht los, dass du die Tote gekannt hast.« Sie gab nicht auf.

Ich schüttelte den Kopf. Wollte sie mich verhören? Sie war neugierig und zäh, und wenn sie sich etwas in ihren hübschen Kopf gesetzt hatte, so verfolgte sie es bis zum bitteren Ende. Sie kannte mich. Und es fiel mir schwer, sie anzulügen. Sie schien meine Gedanken zu erraten.

»Hör auf!«, herrschte ich sie an. »Was soll das?«

»Ach«, sagte sie, »es ist so ein Gefühl.«

»Du mit deinem Gefühl.« Jetzt wurde ich wütend.

Aber sie fuhr hartnäckig fort: »Du kannst mir alles sagen, ich kann schweigen.« Sie holte ein Glas Orangensaft und stellte es vor mich hin. Während ich trank, wurde mir plötzlich klar, wie unwirklich sich das Ganze anfühlte. Ich stand nicht mehr ausserhalb eines Falles, sondern mittendrin. Die Perspektiven hatten sich verändert.

»Willst du dich hinlegen?« Gaby machte sich offensichtlich Sorgen um mich. Sie fühlte instinktiv meinen Puls. Aber ich war nicht krank.

»Okay, ich habe die Frau gekannt.« Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Am liebsten hätte ich losgeheult, um mich vom tiefen Schmerz der letzten beiden Tage zu befreien. »Ich habe sie sogar geliebt.« Und wie ich sie geliebt hatte. Diese Mischung aus zärtlicher Hingabe und wilder Leidenschaft. Ich war süchtig nach ihr gewesen. Süchtig nach ihrer Unersättlichkeit.

Gaby sagte nichts. Sie wusste zu schweigen, wo Worte zu früh oder zu spät kamen. Diese Eigenschaft hatte ich ihr schon früher hoch angerechnet. Trotz ihrer quirligen Art besass sie ein erstaunliches Feingefühl.

»Ich weiss nicht, was passiert ist«, fuhr ich fort und kämpfte gegen die Tränen. Nicht nur ihr Tod, sondern auch die Tatsache, dass ich mich in dieser Frau so geirrt hatte, setzte mir sehr zu. Wut wechselte sich mit Scham ab, Traurigkeit mit abgrundtiefer Enttäuschung. Vielleicht hätte ich mich ihrer mehr annehmen müssen, sie ausfragen. Aber sie hatte immer den Anschein hinterlassen, als wäre sie überglücklich. »Was habe ich bloss falsch gemacht?«

»Hör auf damit. Du weisst genau, dass das nicht stimmt. Du bist zu gutmütig. Da liegt der Unterschied. Was immer dir diese Frau bedeutet hat, sie hat es nicht verdient, dass du ihr nachtrauerst.«

»Du hast sie nicht gekannt.«

»He, he, jetzt aber Schluss! Ich glaube, dass ich die Frauen besser kenne als du. Ich bin schliesslich vom gleichen Schlag. Sie können hinterhältig und intrigant sein und ihre Moral vergessen.«

Ihre Unverblümtheit erstaunte mich. »Aber nicht Salomé. Irgendetwas gefällt mir nicht an dieser ganzen Geschichte.«

»Salomé?«

»Catherine. Bei mir war sie Salomé.«

Mir entging Gabys entgeisterter Blick nicht. »Das weist auf schizophrene Züge hin«, sagte sie.

»Vielleicht hat sie etwas verbergen wollen«, entgegnete ich.

»Natürlich, ihr Doppelleben. Ob ihr Mann von diesen Dingen gewusst hatte?« Sie verdrehte ihre Augen wieder mit dieser angeborenen Theatralik.

»Dann hätte er ein Motiv«, sagte ich.

»Das ist zu einfach.«

»Das reale Leben ist einfacher als man glaubt.«

»Das würde ich nicht sagen.« Gaby nahm mir das leere Glas aus der Hand und stellte es zurück in die Küche. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Frauen es gibt, die ihr Haushaltsgeld mit heimlichen Jobs aufbessern. Ich rede vom horizontalen Gewerbe. Die Moral ist nicht mehr dieselbe wie vor ein paar Jahren, vor allem bei den Dreissig- bis Vierzigjährigen. Die verkaufen sich. Die wollen Spass und glauben, damit ihr Selbstwertgefühl aufzubessern. Sie wollen sicher sein, dass sie noch begehrt sind, wenn der Mann zu Hause schlappmacht, einen Bierbauch ansetzt und nach Feierabend seine Ruhe haben will. Nicht die Frauen, die Männer lassen sich gehen, wenn sie erst einmal verheiratet sind. Und dann angeln sich die frustrierten Frauen junge Liebhaber, rassige Hengste, ungebundene Söhne der Prärie.«

Ich schwieg. Was erzählte sie mir da? Warum ereiferte sie sich so? Sie, die sich mit einem um dreissig Jahre älteren Mann eingelassen hatte? Einer, der ihr Vater hätte sein können. Und auf einmal tat sie so, als verstünde sie etwas von den Neigungen gewisser Frauen. Ich dachte gleichwohl an Salomé. Sie war auch fast sieben Jahre älter als ich. Vielleicht hatte sie noch Jüngere gehabt, Mad Max zum Beispiel. 25 hiess es in der Agenda.

Gaby räusperte sich. Sie reichte mir ein Taschentuch. Sie hatte bemerkt, dass meine Wangen nass waren. Nicht einmal bei Gabys Wegzug vor zwei Jahren hatte ich geweint.

»Du brauchst dich nicht zu schämen.« Und nach einer Weile: »Sie muss wohl eine aussergewöhnliche Frau gewesen sein.«

Nach einem doppelten Whisky und zwei Valium ging ich früh zu Bett. Mit dem Gedanken, dass ich es versäumt hatte, Daniela anzurufen, schlummerte ich ein. Die Kombination von Alkohol und Medikamenten wirkte wie ein Hammer. Ich schlief tief und traumlos, fühlte mich aber am Morgen keine Spur besser.

Montag, 4. August 2003

Pünktlich um acht kam ich auf dem Polizeirevier an. Conradin war schon da, Julien Roduit, wenn auch ziemlich verschlafen, Leo Meier, auch aus meiner Abteilung, Willy Balmer und Daniel Betschard vom Kriminaltechnischen Dienst. Untersuchungsrichter Heller und Korner waren nicht anwesend, was mich erstaunte.

»Setzen Sie sich«, sagte Conradin. »Wir werden den Rapport heute in zwei Etappen durchführen. Anweisung von oben. Sie dürfen demzufolge auch mitdenken.« Das klang zynisch. Aber meine Zweifel waren damit beseitigt.

Es ärgerte mich, dass ich keine Zeit für Kaffee und Zigarette hatte. Auch Nina war in ihrer Sitzposition. Computer und Mensch waren fast zusammengewachsen. Ein nicht mehr wegzudenkendes Duo. Wie es schien, hatte sie die Arbeit von Conradins Sekretärin übernommen, die gute Seele.

»Haben wir schon etwas Neues, was uns in den Ermittlungen weiterbringt?« Conradin sah mich an.

Aber ich glaubte kaum, ihn befriedigend informieren zu können. Was sollte ich ihm sagen, dass ich in meiner Arbeit gehemmt war und den Fall delegieren wollte, dass Catherine Mahler vom Donnerstagabend bis zum Freitagmorgen bei mir zu Besuch gewesen war? Dass sie mir gesagt hatte, dass sie am Freitag zum Friseur gehen wolle, dass sie mich angelogen hatte und gar nicht Krankenschwester war? Dass ich im Grunde ein Versager war und nicht der Polizist, für den er mich hielt? »Ich habe ihre Agenda gefunden. Es macht den Anschein, dass die Tote mehrere Liebhaber hatte.« Es fiel mir schwer, dies zu sagen. »Ich werde versuchen, die Männer ausfindig zu machen.«

Ein Raunen ging durch das Büro.

»Also hat die Frau doch Dreck am Stecken«, sagte Conradin und warf Willy einen verschwörerischen Blick zu. »Es gibt auch weisse Westen über den schwarzen oder den Wolf im Schafspelz. Dunkle geheime Seiten, kriminelle Energien, die man auf den ersten Blick nicht sieht.«

Diese Äusserungen hielt ich für fehl am Platz. Sie machten das Opfer offensichtlich zum Täter. Was wollte Conradin damit bezwecken? Hatte er vielleicht selber ein Problem damit? Ich machte auf den Durchsuchungsbefehl aufmerksam, und Conradin versprach mir, diesen vom Untersuchungsrichter umgehend anzufordern. Über Dr. Metzlers Bericht brauchte ich mich nicht zu verausgaben.

„Die pathologischen Befunde habe ich eingesehen“, sagte Willy und räusperte sich. „Sie können den Autopsiebericht selber durchsehen.“

Dr. Metzler hatte die Leiche geöffnet. Er hatte Salomés Körper geschändet. Er hatte ihre intimsten Stellen sorgfältig untersucht. Kurz machte sich wieder ein Schwindel bemerkbar, den ich aber schnell wieder in den Griff bekam.

„Etwas hätte ich noch gern gewusst“, sagte Conradin und schaute mich eindringlich an. „Weshalb ist die Agenda der Ermordeten nicht in meinem Besitz?“

Ich wusste darauf keine Antwort.

„Kannst du mir diese Verzögerung begründen?“

„Ich arbeite daran“, erwiderte ich.

„Ich möchte, dass dieses Buch, oder was auch immer es ist, unverzüglich ins Labor kommt.“ Conradins Augen versprachen nichts Gutes. „Ich nehme an, dass solche Dinge in Zukunft nicht mehr vorkommen.“

Das war eine klare Rüge.

„Wir sprechen uns noch“, sagte er, mich mit verkniffenem Blick fixierend. Dann wandte er sich Julien zu.

„Ich habe Hans Mahler aufgespürt“, sagte dieser. Ich stellte fest, dass er zündrote Augen hatte. Wen er wohl diesmal anvisiert hatte? „Er war seit letztem Mittwoch in Nairobi und befindet sich jetzt auf dem Rückflug.“

„Was hat die Spurensicherung ergeben?“, fragte Willy. Er und Conradin arbeiteten eng zusammen. Man nannte sie die siamesischen Zwillinge der Kripo. Soviel ich wusste, waren sie auch privat befreundet, eine undurchsichtige Freundschaft allerdings, welche bei den Mitarbeiterinnen unausgesprochene delikate Fragen im Raum stehen liess, weil die beiden ledig und ungebunden waren. Für mich waren es bloss zwei karrieresüchtige Männer, die einander jagten. Conradin wäre mit Sicherheit verheiratet gewesen, hätte er die Frau gefunden, die sich mit seinem Job voll identifizieren könnte. Bei Willy war ich mir nicht so sicher.

Daniel berichtete von den Untersuchungen im Sempacherpark. Ich wusste, wie wenig man zurzeit damit anfangen konnte. „Zudem gibt es Fingerabdrücke auf den Schuhen der Toten, die nicht von ihr sind“, fuhr er fort.

Er hat ihr die Schuhe ausgezogen, durchfuhr es mich.

„Sie hat neue Kleider getragen“, sagte Daniel, „aus denen die Etiketten herausgetrennt sind.“ Er schob Nina gleichzeitig einen Berg Fotos über den Tisch. „Auf der Handtasche sind verschiedene Fingerabdrücke sichtbar gemacht worden.“

„Damit können wir wenig anfangen“, sagte Willy, was mich dagegen beruhigte. „Eine solche Tasche kann durch mehrere Hände gegangen sein. Stützen wir uns auf das Wesentliche.“

Daniel zählte die Utensilien auf, die er in der Tasche gefunden hatte. Ich erinnerte mich an die Schlüssel, die Korner bereits konfisziert hatte. Nina legte die Bilder nebeneinander und betrachtete sie eingehend. Ich nahm mir vor, die Bilder anzusehen. Hätte ich sagen sollen, dass Salomé gar nicht geraucht hatte? Ich überlegte mir, ob ich mich auch als ermittelnder Polizist strafbar machte, wenn ich nicht mit der ganzen Wahrheit herausrückte.

„Ich möchte den Fall baldmöglichst abschliessen“, sagte Conradin und warf mir einen abschätzenden Blick zu. „Ich appelliere an deinen Scharfsinn.“

Ich wusste nicht, wen er damit angesprochen hatte. Und da wir sowieso nichts anderes zu tun hatten... das behielt ich aber für mich.

„Hast du etwas dagegen, Andy?“, fragte Conradin. Er kannte meine Körperhaltung und was sie aussagte. „Ich rekonstruiere also“, sagte er und schniefte. „Eine Frau wird im Sempacherpark tot aufgefunden. Nach dem Stand der Dinge wissen wir heute, dass sie ausserhalb des Fundortes umgebracht worden ist. Das Motiv ist noch nicht bekannt. Es könnte aber durchaus sein, dass es hier um ein Eifersuchtsdelikt geht. Die Agenda mit den eingetragenen Männernamen...“, Conradin warf mir schnell einen Blick zu, „oder zumindest die Übernamen derjenigen, beweisen ganz offensichtlich, dass es einen oder mehrere Liebhaber im Leben der Toten gegeben hat. Wir wissen auch, dass der Ehemann der Toten zur Tatzeit in Afrika weilte. Fahren wir also fort: Roduit, Sie kümmern sich um die Eltern der Ermordeten und allenfalls um diesen Mahler, sobald er zurück ist. Meier, Sie suchen nach weiteren Zeugen im Umfeld der Toten.“ Er blickte Juliens schmächtigen Kollegen an, der erst seit vier Wochen in unserer Abteilung arbeitete. „Eventuell Hausmitbewohner, Sie wissen ja, was zu tun ist. Ich möchte über jeden Schritt umgehend Bescheid bekommen.“

Conradin blickte dabei mich kritisch an. Die Bilder bei Nina vergass ich.

Später auf dem Korridor stellte ich mich Julien in den Weg. „Wie zum Teufel bist du an diese Informationen gekommen?“

„Du meinst wegen Mahler?“ Julien grinste mich frech an. „Köpfchen, mein Lieber. Ich rief die Versicherung an, in der er arbeitet. Ich habe da Beziehungen. Wochenende hin oder her. Diese Versicherung ist in der Regel immer präsent. Hat mich allerdings einen halben Tag gekostet.“

„Wie kommt es, dass du hinter meinem Rücken recherchierst? Ich habe dich das halbe Wochenende gesucht, und jetzt getraust du dich, mir mitzuteilen, dass du auf eigene Faust losgezogen bist.“

Julien klopfte mir auf die Schultern. „Ich weiss, dass du mir dafür dankbar bist. Ich merke doch, dass du neben den Schuhen stehst.“

„Ich spendiere dir einen Drink nach Feierabend“, sagte ich zynisch. Warum sollte er mein Befinden kennen? „Ich werde mir Mahler vornehmen.“

Sie kannten mich wohl alle auf der Abteilung. Sie spürten meine Veränderung. Mein Dilemma. Wollten sie auf mich Rücksicht nehmen? Ahnten sie etwas? Oder wussten sie es?

„Er wird heute Abend wieder in Luzern sein. Ich überlasse ihn dir gern“, sagte Julien. „Du hast da das bessere Gespür als ich.“

„Seit wann sagst du mir, was ich zu tun habe?“ Ich war perplex.

„Okay“, sagte Julien. „Conradin rief mich im Verlaufe des Samstags an und teilte mir mit, dass er dich nicht erreichen könne. Ich sollte mich mal um diesen Mahler kümmern. Also tat ich es, obwohl ich keinen Bereitschaftsdienst hatte. Entschuldige, es wird nicht wieder vorkommen.“

Ich wusste darauf nichts zu erwidern.

Ich kehrte ins Büro zurück, um die Post durchzusehen. Um neun Uhr hätte der Clochard aus dem Vögeligarten bei mir eintreffen sollen. Ich wartete bis halb zehn und gab es dann auf. Ich hatte mir auch nicht sonderlich viel von diesem Gespräch erhofft. Endlich konnte ich einen Kaffee trinken und die Zigarette rauchen.

Pünktlich um zehn meldete sich Dante Ripiosi aus dem Hotel beim Park. Er kam in Jeans und T-Shirt daher, was mich sehr verwunderte. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Er war heute viel gesprächiger und zugänglicher als vorgestern und bereit, mir ausnahmslos alles zu berichten, was vorgefallen war. Es machte den Anschein, als hätte er sich auf das Treffen mit mir präzise vorbereitet und sich seine Formulierungen genau ausgedacht. Wohl befürchtete er einen weiteren Tadel meinerseits und wollte dem geschickt ausweichen. Ich installierte das Aufnahmegerät und setzte es in Betrieb.

Ripiosi hatte tatsächlich die Polizei angerufen, nachdem ihm der Clochard von der Frau auf der Parkbank berichtet hatte.

„Ich habe die Türe um fünf vor halb sechs zum Hotel geöffnet“, sagte er. „Etwas Verdächtiges ist mir nicht aufgefallen. Da es immer viel Zeit in Anspruch nimmt, mich umzuziehen, weiss ich nicht, was sich vor dem Hotel abgespielt hat.“

Das konnte ich mir vorstellen: Bis der sich in seine Yuppiekleider gezwängt und die halbe Parfumflasche über sich gegossen hatte, musste eine geraume Zeit vergangen sein.

„Der Clochard hat um etwa zwanzig vor sechs an der Türe gestanden. Ich habe ihm aufgemacht und bin zu ihm auf die Strasse getreten“, sagte Ripiosi.

Er betonte, dass es ihm zuwider gewesen sei, den Zigeuner ins Hotel zu lassen. Die Polizei sei aber kurz vor sechs Uhr schon beim Park angekommen. Dies stimmte denn auch mit meiner zeitlichen Berechnung überein.

„Haben Sie bei Ihrer Ankunft nichts bemerkt?“

„Nein.“

„Hat Ihnen der Clochard erzählt, dass er etwas Verdächtiges gesehen hat?“

Ripiosi verneinte wieder. „Die Tote liege einfach da, sagte er mir. Wie eine schlafende Elfe. Mir war es nicht geheuer, weil sich im Park nie so gut gekleidete Frauen zum Schlafen legen.“

„Dann haben Sie sich zuerst vergewissert, ob die Aussage des Mannes stimmt?“

„Nein, ich glaubte ihm und rief die Stadtpolizei an. Was hätte ich denn anderes tun sollen?“

Diese Frage schien mir überflüssig. Ich legte Ripiosi ein Bild der Toten vor die Nase. „Haben Sie diese Frau jemals gesehen?“

Er schaute die Fotografie eingehend an und lehnte sich dann zurück. Er schlug die Beine übereinander. Mir fielen seine kräftigen Oberschenkel auf.

„Ja“, sagte er, „die war mehrmals in unserem Restaurant. Ich weiss es so genau, weil sie immer mit einem sehr viel älteren Herrn hier war. Sie war eine aussergewöhnlich hübsche Frau, hat überhaupt nicht zu ihm gepasst. Die Kellner haben denn auch Scherze über die beiden gemacht.“ Er hüstelte, ohne mich dabei anzusehen. „Was ich natürlich nicht tolerierte.“

Salomé mit einem ältern Herrn. Das Bild hatte in meinem Kopf keinen Platz. „Wissen Sie, wie der Mann heisst?“

„Nein, da müsste ich den Oberkellner fragen“, antwortete Ripiosi, „aber der ist im Moment im Urlaub.“

„Der Name ist nicht zufällig bei der Reservation notiert?“

„Nein, die haben sich nie angemeldet, sind einfach so hereinspaziert. Aber sehr gesittet.“

„Wann kommt Ihr Mitarbeiter wieder zurück?“

„Erst in einer Woche.“

Ich notierte mir die Anschrift des Kellners und liess den Empfangschef wieder gehen.

Mittags lag bereits der Hausdurchsuchungsbeschluss für die Wohnung Mahler auf dem Tisch.

Wider Erwarten war Sophie Mahler zu Hause, als ich sie anrief und meinen Besuch anmeldete. Sie hatte auch nichts dagegen, dass ich gleich bei ihr vorbeischaute. Ob sie den Computer manipuliert hatte? Was wusste sie über ihre Mutter? Ich wurde nicht schlau aus dieser Frau. Sie war intelligenter, als sie sich gab, heimtückischer und berechnender. Sie faszinierte mich. Sie provozierte mich. Sie besass etwas, was mich schon bei Salomé angezogen hatte.

Ich unterliess es, Gaby anzurufen, obwohl sie mich gebeten hatte, es zu tun, falls ich nochmals bei Mahlers vorbeischauen sollte. Ich wollte allein sein. Bevor ich ging, versuchte ich, den Kellner aus dem Hotel in seinem Feriendomizil zu erreichen, musste aber nach mehreren Versuchen feststellen, dass ich absolut keine Chance hatte, eine Verbindung mit Italien herzustellen. Vielleicht streikten sie.

***

Sophie trug einen langen schmalen Rock. Sie war barfuss, was sie kleiner erscheinen liess. Sie wirkte heute ausgesprochen feminin und hatte sich sogar geschminkt. Sie wartete an der Türe, bis ich eingetreten war. Anschliessend öffnete sie mir die Türe zu Salomés Schlafzimmer. „Ich habe nichts angerührt“, sagte sie spitz und schob mir den Bürostuhl zu. Ob sie ihr schlechtes Gewissen plagte?

„Wollen Sie den Durchsuchungsbefehl nicht sehen?“

Sophie schüttelte den Kopf. „Machen Sie schon.“

Ich war schnell im Programm. Ich schaute mir die Seite mit den Mails an. Posteingang, Postausgang. Sogar die gelöschten Objekte. Aber nichts deutete darauf hin, dass Salomé mit irgendwelchen Männern oder Frauen korrespondiert hatte. Das war sonderbar. Kein einziger Eintrag. Die Seiten gähnten mir leer entgegen. Ich wandte mich Sophie zu. „Haben Sie irgendwelche Sachen vernichtet?“

„Ich kenne ja nicht einmal ihren Code“, sagte sie.

„Lügen Sie mich nicht an!“

„Ich schwöre, dass ich nichts angerührt habe.“ Sophie setzte sich vor mir neben den Computer. „Ich will doch auch, dass man den Mörder meiner Mutter findet.“ Ihre Stimme klang wie ein leises Wispern. Entweder spielte sie ein perfektes Theater oder sie meinte es wirklich ernst.

„Und Ihr Freund, war der am Computer?“

„Ich weiss nicht, was Sie meinen“, sagte sie leise und nachdenklich, als versuchte sie, sich daran zu erinnern, ob nicht doch Dürrenmatt den Computer manipuliert hatte.

„Was hätte Ihre Mutter Ihrer Meinung nach noch mit dem Computer anstellen können?“

„Spiele oder Zeichnungen“, antwortete Sophie eine Spur zu schnell.

„Was würden Sie ausser arbeiten am Computer machen?“

Sie lachte nervös. „Ich gehe oft ins Netz. Aber das muss ich von der Schule aus. Wir arbeiten auch da über das Internet.“

„Und was suchen Sie da?“ Ich drehte den Bürostuhl. Meine Beine berührten ihre unbeabsichtigt. Ich schreckte zurück, ohne dass sie es merkte.

„Das Internet ersetzt mir den Gang zur Bibliothek“, sagte sie, was einleuchtend klang.

Ich widmete mich wieder dem Bildschirm und der Tastatur vor mir. Ich suchte nach registrierten Einträgen unter world wide web. Aber auch da war alles gelöscht. „Ich muss den Computer leider beschlagnahmen“, sagte ich zu Sophie. „Ich werde ihn abholen lassen.“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, sagte sie selbstsicher.

„Und Sie geben mir Ihr Ehrenwort, dass Sie nichts verändert haben?“

Sie hob ehrfurchtsvoll drei Finger ihrer rechten Hand. „Ich sagte es doch schon.“

Ich war sicher, dass sie log. Ich öffnete noch einmal den Schrank rechts der Türe und sah mir Salomés Kleider an. Aber nichts, das mir bekannt vorgekommen wäre. Sonderbar war es schon. Sie musste ein perfekt durchdachtes Doppelleben geführt haben. „Existiert eigentlich eine Zweitwohnung oder ein Ferienhaus in Ihrer Familie?“

Sophie lachte laut heraus, mit einem bitteren Unterton, der mir nicht entging. „Was glauben Sie eigentlich? Wir sind keine Millionäre. Mein Vater verdient nicht so viel, wie es vielleicht den Anschein macht. Und meine Mutter hat das Geld gleich wieder ausgegeben. Für ihre dämlichen Fitnessclubs und Kosmetiksalons. Wir konnten uns nicht einmal Urlaub leisten, mein Vater und ich, weil meine Mutter alles verpulverte.“

„Ihr Vater war eine knappe Woche in Nairobi“, sagte ich und sah, wie sich Sophies Blick verfinsterte.

„Er muss oft beruflich verreisen. Es gibt sehr delikate Versicherungsfälle im Ausland. Jetzt, wo Sie es sagen, erinnere ich mich wieder. Mein Vater musste wegen zwei Todesfällen auf einer Safari nach Kenia fliegen.“

Das klang nicht sehr glaubwürdig. „Jetzt hören Sie einmal gut zu“, sagte ich, meine Beherrschung allmählich verlierend. „Ihre Mutter hatte eine ganze Zeile von Liebhabern. Sie wussten es.“

„Das ist nicht wahr!“ Sophies Stimme überschlug sich. „Ich kenne ja nicht einmal ihre Freundinnen. Es hat mich einfach nicht interessiert. Ich habe meine eigenen Probleme.“

Manchmal beschlich mich das seltsame Gefühl, dass ich meine Energien unnötig einsetzte. Instinktiv spürte ich, dass mich Sophie bewusst ablenken wollte. Sie wollte Zeit gewinnen, wo die Zeit mir davonlief. Und ich stellte fest, dass ich keinen Schritt weiterkam. Warum bringt man eine Catherine Mahler um, wenn nicht aus Motiven der Eifersucht? Hätte Sophie einen Grund gehabt, ihre Mutter zu töten? Konnte sie die Art, wie ihre Mutter den Vater behandelte, nicht mehr länger ertragen? Oder hatte ihr Mann sie umgebracht, weil er gewusst hatte, dass sie einen Liebhaber hatte? Und was geschah, wenn Mahler wusste, dass ich der Geliebte seiner Frau gewesen war? Würde ich sein nächstes Opfer sein? Irgendwie schien mir diese Lösung doch zu hypothetisch. Ich entschloss mich, unten in der Imbissstube einen Hamburger zu essen und auf Hans Mahler zu warten. Ich verabschiedete mich von Sophie und versicherte ihr, dass ich bei der Ankunft ihres Vaters an Ort und Stelle sein würde. Sie drückte mir wider Erwarten die Hand.

Sie waren wie eine verrückte Horde, diese Kinder, die laut schreiend in den Imbiss-Corner drangen. Wie ein ausser Rand und Band geratener Schwarm Ungeziefer. Vielleicht mussten sie schreien, um beachtet zu werden. Die Begleiterin konnte sie kaum bändigen. Ich sass draussen an einem der kleinen runden Tische, verschlang den Hamburger, der nach nichts schmeckte, und versuchte, die rote Sauce in Schach zu halten, damit sie mir nicht über meine Hose tropfte.

Die Leute huschten wie Marionetten an mir vorbei. Während ich meinen Blick geradeaus richtete, fluteten die Farben ihrer Kleider durch mein geistiges Auge. Ein Wirrwarr von blauen, gelben und roten Tönen, die sich wie in einer rotierenden Röhre in einen zersplitterten Farbklecks verwandelten. Ein Kaleidoskop des Wahnsinns. Die Hitze in der Stadt setzte mir sehr zu. Ich kämpfte gegen meinen inneren Feind, der mich zu vernichten drohte. Ich hatte Mühe mit dem Atmen. Salomé war es gewesen, die mir riet, deswegen einen Arzt aufzusuchen. Ein starkes Gefühl, wie sehr sie sich um mich gesorgt hatte, trotz ihrer Widersprüchlichkeit. Ich würde keinen Arzt aufsuchen. Jetzt nicht mehr. Und das stete Stechen auf meiner Lunge würde ich einfach ignorieren.

Ich griff zur Zigarette und schaute mir die Fotos im gegenüberliegenden Fenster an. Porträts von Frauen. Eine Frau auf dem Fauteuil. Sie trug nichts, aber man sah ihre Blösse trotzdem nicht. Geschickt hatte der Fotograf ihre Brüste und die Scham im Schatten verborgen. Sie schaute mit halb geöffneten Augen in die Kamera. Daneben ein Bild von einer anderen, jüngeren Frau in einem züchtig hochgeschlossenen Kleid. Sie wirkte dennoch sehr erotisch.

Die Horde Kinder stürmte wieder aus dem Restaurant. Sie trugen bunte Plüschtiere mit sich und Ballone. Ich zündete die Zigarette an und rief Julien an, damit er veranlasste, Franz Notz loszuschicken, um den Computer aus Mahlers Wohnung zu holen. Ich verspürte eine gewisse Genugtuung.

Dann wartete ich. Zwei Stunden lang. Ich hatte meinen zweiten Hamburger vertilgt und mir die Luzerner Zeitung geschnappt. Daniela Schneider hatte der Toten eine halbe Seite gewidmet, was ihr ähnlich sah. Sie hatte ein ganz besonderes Talent, über Dinge zu berichten, von denen sie nur halb so viel wusste, wie sie schrieb. Sie recherchierte, philosophierte und fantasierte. Dauernd verfiel sie euphorisch irgendwelchen Spekulationen, auch wenn sie immer wieder betonte, dass sie diese Art von Journalismus nicht betreibe. Ich rechnete es ihr allerdings hoch an, dass sie die Ermittlungen der Polizei heute nicht anprangerte.

Gegen halb sieben, kurz bevor die Läden schlossen, rief mich Sophie auf meinem Mobiltelefon an. Ihr Vater sei in der Zwischenzeit angekommen. Ich machte mich auf den Weg zu ihnen.

Sophie liess mich gleich in die Wohnung und führte mich in die Küche, wo Hans Mahler sass. Sein Oberkörper war über den Tisch gebeugt; das Gesicht konnte ich vorerst nicht sehen. Sophie musste es ihm erzählt haben. Ich begrüsste ihn mit Zurückhaltung. Jetzt blickte er mich an. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt als den Mann, der sich vor mir aufrichtete. Er war eindeutig kleiner als ich, hatte schütteres Haar und trug eine Nickelbrille, durch die mich zusammengekniffene hellgraue Augen beobachteten. Er schien kurzsichtig zu sein, was durch seinen Blick noch unterstrichen wurde.

„Ich weiss“, begann er monoton, „was Sie mir sagen wollen. Ich habe die Nachricht bei meiner Ankunft auf dem Bahnhof schon gelesen. Eine elegante Art, so etwas zu überbringen. Wenn nur alle immer so schnell wären wie die Presse.“

Es klang traurig. Ich überlegte mir, dass ich deswegen keine Verantwortung trug. Ich bekundete ihm mein Mitgefühl und kam zur Sache. „Können Sie sich erklären, warum man Ihre Frau umgebracht hat?“

„Tut mir leid, das entzieht sich meiner Kenntnis.“

Seine Antwort irritierte mich. Mahler bat Sophie um den kalt gestellten Wein im Kühlschrank. Er war vollkommen ruhig. Keine Regung in seinem blassen Gesicht. „Trinken Sie mit?“

Ich fand das eher unangebracht und verneinte.

„Sie staunen sicher, dass ich nicht in Tränen ausbreche“, sagte Mahler und goss sich den Wein ins Glas, das Sophie ihm hingestellt hatte. „Aber um ehrlich zu sein, so etwas habe ich kommen sehen.“ Er stellte die Flasche auf den Tisch zurück.

„Können Sie sich genauer ausdrücken?“

„Nun ja“, Mahler führte das Glas zum Mund. Langsam liess er den Wein in sich fliessen. Er zog, schlürfte, degustierte, ohne seine Ruhe zu verlieren. „Meine Frau war sehr unvorsichtig in ihrem Leben. Ich habe sie oft davor gewarnt, dass sie sich nicht mit jedermann einlassen soll.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, fuhr er monoton weiter: „Die Welt ist voll von schlechten Dingen. Stellen Sie sich vor, ich komme gerade von Kenia zurück. Vor drei Monaten sind dort zwei Luzernerinnen umgekommen. Sie hat es erwischt, als sie mit ihrem Wagen durch ein Flussbett fuhren. Es gab ein Gewitter und der Fluss schwoll innerhalb weniger Minuten zu einem reissenden Strom an. Sie konnten nichts mehr tun. Sie ertranken, zusammen mit einheimischen Begleitern. Ich musste die versicherungstechnischen Hintergründe eruieren. Ob die Reiseveranstalter die Verantwortung tragen müssen, weil sie ja damit rechnen mussten, dass in dieser Zeit in Kenia Regenzeit herrscht. Jetzt habe ich herausgefunden, dass die beiden Frauen auf eigenes Risiko gefahren sind. Ihre Begleiter, es waren ihre kenianischen Liebhaber, rissen sie dadurch in den Tod. Und zu Hause liessen sie ihre Ehemänner mit ihren kleinen Kindern zurück. Wissen sie, was ich damit sagen will?“ Mahler machte eine kurze Pause und kratzte sich an der Stirn. „Oft werden die schlechten Taten ohne eigenes Zutun gerächt.“

Ich erwartete, dass er irgendwann biblische Abschnitte zitieren würde.

„Ich nehme an, dass Ihre Versicherung in diesem Fall auch nicht zahlen wird“, stellte ich infrage und sah, wie sich sein Gesicht ein wenig rötete.

„Sie haben nicht begriffen, worum es hier geht“, sagte Mahler und blinzelte mich an. „Der Versicherungsfall ist Nebensache. Ich habe meine Arbeit getan. Was mir bleibt, ist das Wissen darum, dass es noch etwas Höheres gibt. Das Gute wird immer über das Böse siegen.“

Sophie, die an der Kombination stand, sah mich mit gläsernen Augen an. Ich versuchte, ihrem Blick auszuweichen. War es das, was sie mir hatte sagen wollen? Hatte Catherine Mahler ihren Mann so weit gebracht, dass er einem religiösen Wahn verfiel? Hatte sie ihn psychisch fertiggemacht? Mich schauderte. Oder führte man mich absichtlich auf die falsche Fährte?

„Wo waren Sie in der Nacht von Freitag auf Samstag?“

Ich versuchte, meine Ratlosigkeit mit einer formellen Frage zu überspielen, in der Hoffnung, dass Mahler wieder auf den Boden der Realität zurückkehrte.

„Auf dem Flughafen in Mombasa“, antwortete Mahler ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich weiss es so genau, weil ich nämlich meinen Anschlussflug nach Nairobi verpasst habe. Ich musste die ganze Nacht eingepfercht zwischen schwitzenden Afrikanern auf dem Flughafengelände verharren. Können Sie sich vorstellen, wie das ist?“

Ich hätte ihn gern gefragt, ob es in Mombasa um diese Jahreszeit heisser sei als momentan in Luzern. „Haben Sie Ihre Frau umgebracht?“

Mahler schaute mich verdattert an. Er griff wieder zum Weinglas. Sophie räusperte sich. Ich sah, wie blass sie geworden war.

„Ist das nun eine ernste Frage?“

Ich nickte.

„Ich habe sie tausendmal umgebracht“, sagte Mahler. „Ich habe sie erschlagen, erschossen, erdrosselt und aufgehängt. Tausendmal in meinem Kopf. Aber ich hätte es nie wirklich tun können. Glauben Sie mir. Zudem war ich ja zur Mordzeit in Afrika.“

Warum betonte er dies? Führte er mich bewusst in die Irre oder war er einfach nur clever? Gebrauchte er seine eigenen Argumente als Absicherung seines Alibis? „Haben Sie zum Mord angestiftet?“

Langes Schweigen. Dann kam mir Sophie in die Quere. „Jetzt reicht es aber“, sagte sie. „Lassen Sie meinen Vater in Ruhe! Er hat schon genug gelitten.“

Daran zweifelte ich allerdings.

„Lass gut sein, Sophie“, schlichtete Mahler und trank den Wein aus. „Er tut nur seinen Job.“ Dann schaute er mich an. „Ich habe meine Frau nicht getötet. Ich habe sie geliebt, aber nicht verstanden. Ich weiss nicht, was seit drei Jahren in sie gefahren ist. Sie hat sich sehr verändert. Auf meine Fragen hin hat sie nie geantwortet. Wir sahen uns sehr selten. Ich war auch oft unterwegs, aber wenn ich nach Hause kam, war Catherine nicht da. Sie blieb manchmal ganze Nächte einfach weg.“

„Ihre Tochter hat mir gesagt, dass Sie sich in Ihrer Ehe auseinandergelebt haben.“

„Ja, wer tut das nicht nach so vielen Jahren.“ Mahlers Stimme klang resigniert. „Aber bei allem Respekt und Anstand, wenn man unter demselben Dach lebt, so sollte man wenigstens die elementarsten Dinge voneinander wissen.“

„Ihre Tochter ist da anderer Ansicht“, sagte ich und schaute Sophie an, die schweigend an der Kombination stand. Sie würdigte mich keines Blickes, kaute aber an ihren Fingernägeln. In Anwesenheit ihres Vaters war sie wieder zum kleinen Mädchen geworden.

„Ich weiss“, sagte Mahler, „die heutige Jugend hat andere Denkweisen, was eine Beziehung angeht.“

Ich fragte mich, ob er Gewissheit hatte über den Umgang seiner Tochter. Ob er Roger Dürrenmatt kannte. „Haben Sie gewusst, dass Ihre Frau einen Liebhaber hatte?“ Im Augenblick der Frage wurde mir bewusst, dass ich mich damit selbst exponierte. Ich konzentrierte mich auf Mahlers Gesichtsausdruck. Er blieb regungslos. Nicht ein leises Zucken. Nichts.

„Meine Frau ist tot“, sagte er betont langsam. „Ich kann nichts dafür.“

„Dann wussten Sie es?“ Ich gab nicht auf.

„Ändert das etwas an der Tatsache?“ Mahler nahm wieder sein Weinglas zur Hand. Führte es zum Mund. Trank. Als er es zurückstellte, sagte er gelassen: „Wenn ich Ihnen sage, dass ich es gewusst habe, mache ich mich verdächtig. Wenn ich es abstreite, fällt der Verdacht genauso auf mich, weil es unglaubwürdig klingt. Also, was wollen Sie hören?“

„Die Wahrheit.“

„Die Wahrheit ist, dass ich Catherine geliebt habe. Mit all ihren Vorzügen und Nachteilen. Ich habe sie so geliebt, dass ich ihr auch ihre Eskapaden verziehen habe – unter dem Vorwand, was ich nicht genau weiss, lässt mich kalt.“

Genauso schätzte ich ihn ein. Und das Wort Liebe schien bei ihm eine Floskel zu sein. Ein komischer Kauz war er.

„Hat es Sie geärgert, dass sich Ihre Frau mit Ihrem Geld ihre Annehmlichkeiten finanziert hat?“

„Welche Annehmlichkeiten?“ Mahler sah mich betroffen an. Der Schatten, der kurz über sein Gesicht huschte, verschwand schnell wieder. „Das Finanzielle war nie ein Thema zwischen uns. Das regelten wir schon im Vornherein“, sagte er.

Ich fand nicht heraus, was er damit meinte, und beliess es, diesbezüglich weitere Fragen zu stellen. „Ich muss Sie leider noch um einen unangenehmen Gefallen bitten“, sagte ich abschliessend, bedacht darauf, das Thema in andere Bahnen zu lenken. „Sie werden nicht darum herumkommen, Ihre Frau in der Gerichtsmedizin in Zürich zu identifizieren. Erst danach können wir sie für die Bestattung freigeben.“ Das würde auch meine Zweifel endgültig beseitigen oder aber ihnen neuen Nährboden bieten.

Mahler erhob sich. Er schien sehr gefasst. „Natürlich. Sophie wird mich begleiten.“ Er sagte dies, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Mahler warf Sophie einen ernsten Blick zu. Sie getraute sich nicht, ihm zu widersprechen. Ich verabschiedete mich von den beiden, drückte Mahler meine Visitenkarte in die Hand. „Falls Ihnen noch etwas zum Tod ihrer Frau einfallen sollte, so erreichen Sie mich auf meinem Handy oder im Büro.“

„Ich werde mit dem zuständigen Pfarrer die Bestattung besprechen und die Möglichkeit für ein Begräbnis am Mittwochmorgen“, sagte Mahler. Er schien völlig emotionslos. „Werden Sie auch kommen?“

Warum fragte er? „Ich werde da sein“, sagte ich. Ich wollte da auf jeden Fall hingehen, auch wenn mich Mahler nicht danach gefragt hätte.

Ich hatte Lust, die Wohnung möglichst schnell zu verlassen. Die beiden Hamburger lagen mir im Magen. Draussen zündete ich eine Zigarette an und ging schnellen Schrittes durch die Altstadt. Die Hitze schlug mir brutal entgegen. Der Asphalt unter meinen Füssen kochte. Ich verstand die Leute nicht, die es in diesem Glühofen an der Sonne aushielten. Es war sieben Uhr am Abend und noch immer über dreissig Grad. Und die Wetteraussichten für die kommenden Tage versprachen keine Änderung.

Ich roch sie. Salomé. Ich fühlte sie auf meiner Haut. Ihre Hitze, die aus ihren Poren strömte, wenn ich in ihr war. Ich spürte ihre Fingernägel auf meinem Rücken, wenn sie in Tränen ausbrach oder in dieses exzessive Lachen während ihrer Orgasmen. Ich konnte mir Salomé nicht mit Mahler vorstellen.

Ich überquerte die Alpenstrasse und ging Richtung See. Ich brannte. Ich verbrannte. Ich lechzte nach intensiver Abkühlung. Innen.

***

Das Stadtbad hatte von seinem Charme aus längst vergessenen Tagen kaum etwas eingebüsst. Die Noblesse vor der Kulisse der Luxushotels Palace und Casino war geblieben, verändert hatten sich nur die Besucher. Waren diese Art von Bäder einst der feinen Gesellschaft vorbehalten gewesen, traf sich hier heute Jung und Alt zum Abschalten, Abkühlen und Erfrischen auf der Terrasse über dem See. Die Umziehkabinen erinnerten an die Badehäuschen der Côte d’Azur. Nur die Liegestühle fehlten.

Die Badeanstalt war voll besetzt, und ich wunderte mich, wie viel Nähe die Menschen ertrugen und sie trotzdem allesamt in bester Laune hielt. Weiss gekleidete Kellner trugen Tabletts mit Erfrischungsgetränken. Die Damen präsentierten nach Büro- und Ladenschluss ihre modischen Bikinis, die Herren ihre durchtrainierten Körper. Sie muteten seltsam unwirklich an. Wie geklonte Frauen und Männer. Sie ähnelten einander immer mehr. Katalogisierte Individualität. Kultur des 21. Jahrhunderts. Ich fühlte mich wie ein zwangsneurotischer Aussenseiter.

Den Köpfler beherrschte ich immer noch. Das Wasser prickelte auf meiner Haut. Ich kam prustend hoch. Liess mich rückwärts treiben. Der blaue Bogen über mir war mit Zuckerwattebäuschchen übersät. Der Kondensstreifen eines Linienjets, der den Himmel entzweite. Eine Welle überflutete mein Gesicht, von dem Raddampfer verursacht, beim Einlaufen in den heimatlichen Hafen. Neben mir ein fremdes Gesicht. Lachend. Prustend. Braun gebrannt. Mit dem selbstvergessenen Blick des Glückseligen, des Was-soll-mir-die-Welt-schon-anhaben-Gebarens – des Ignoranten.

Conradin hatte den Pessimisten in mir schon längst erkannt. Ich sei zwar ein natürlicher Ausgleich zu den notorischen Positivdenkern unserer Gesellschaft, aber auch die intellektuelle Ausgeburt als Gegenpol der Schönfärberei, ein Mensch, der seine Gedanken auf der Schattenseite gebiert. Vielleicht mochte er recht haben. Ich hatte mir darüber nie den Kopf zerbrochen, welches Bild ich von mir selbst den anderen vermittelte. Ich nahm mich nicht so wichtig. Ich war nur zwangsläufig ein Mitläufer in dieser hochstilisierten, elektronisierten, maroden und aufgeblähten Welt, wie sie sich manchmal um mich herum definierte. Ich hatte zu viel mitbekommen in meiner zehnjährigen Tätigkeit bei der Kantonspolizei. Ich hatte hinter die Fassaden des schönen Scheins gesehen, hatte die Machenschaften einiger Giganten erkannt, mit denen sie die Kleinen, ihre eigenen Wasserträger, auffrassen. Sie, die vor nichts zurückschreckten, auch nicht vor Mord, wenn es letztendlich um ihre Profitmaximierung ging. Sie waren selbst wie Mutanten in einer sich grotesk verändernden Welt. Geld und Macht regierten, Gier, Egozentrik und die, die über Leichen gingen. Die Entwicklung in diese Richtung machte mir Angst. Was nicht erduldet wurde in der Gesellschaft, wurde ausgelöscht, verworfen, wegrationalisiert. Ethik und Moral waren auf ein Minimum zurückgesunken. Es wurde täglich dagegen propagiert.

Was mochte den Mörder von Salomé veranlasst haben, sie aus dem Leben zu reissen? Welcher Teufel musste ihn geritten haben, sich das Recht herauszunehmen, über Leben und Tod zu bestimmen?

Sie standen nicht mehr auf, die niedergestochenen Opfer, die erschossenen und erdrosselten. Sie blieben liegen und starben, anders als in den unzählig brutalen Filmen, die uns Hollywood lieferte oder die virtuellen Kriegsmaschinen, die Playstations in den Kinderzimmern. Die Realität verwischte. Vielleicht waren wir gar nicht mehr fähig, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden.

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