Kitabı oku: «Der Hund als Spiegel der Seele»

Yazı tipi:

Silvia Hüllenkremer

Der Hund als Spiegel der Seele

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95693-036-2

Lektorat: Berenike Schaak

© Copyright: FRED & OTTO – der Hundeverlag / 2017

www.fredundotto.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Abbildungsnachweis: alle Bilder Silvia Hüllenkremer

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mensch und Hund – Was unser Zusammenleben bestimmt

Geschichte der Hundeerziehung

Den Hund trainieren – Ein Ausflug in die Lerntheorie

Hilfs- und Allheilmittel in der Hundeerziehung

Zentrale Themen zwischen Mensch und Hund

Dominanz

Führung

Hyperaktivität bei Hunden

Angst

Aggression

Emotionen und Gefühle

Der Hund als Spiegel

Über Spiegelungen von Mensch und Hund

Zentrale Themen bezogen auf Spiegelungen

Dominanz

Führung

Impulsivität / Hyperaktivität (mangelnde Fähigkeit zur Impulskontrolle)

Angst

Aggression

Emotionen und Gefühle

Praxis-Hilfe: Mensch-Hund-Spiegelungen erkennen

Systemische und energetische Betrachtungsweisen in der Mensch-Hund-Beziehung

Aspekte eines systemisch-ganzheitlichen Denkens

Tier- und Familienaufstellungen

Matrix (Quantenheilung)

Interessante Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung

Vernetzung von Gefühl und Rationalität, Herz und Gehirn

Spiegelungen aus biologischer Sicht: Spiegelneuronen

Das Gedächtnis des Körpers – Beziehungen und Lebensstile steuern unsere Gene

Warum sich Biochemie und Quantenphysik sinnvoll ergänzen

Was die Seele stark macht – Einblicke in die Resilienzforschung

Anwendungsbeispiele

Begleitung für einen leichten Sterbeprozess

Angst vor hellen Autos

Angst vor Hunden

Entscheidungen treffen können

Fixierung und soziales Verhalten

Histamin-Intoleranz (HIT)

Hyperaktivität / Stress / Gedächtnisleistung

Nähe und Distanz

Psychosomatische Erkrankung des Hundes

Soziales Verhalten

Ausgleich in Herz und Gehirn durch Quantenheilung

Epilog

Danksagung

Anmerkungen

Empfehlenswerte Literatur

Empfehlenswerte Web-Links

Über die Autorin

Einleitung

„Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.“

Wilhelm von Humboldt

Haben Sie sich schon mal gefragt, ob ihr Hund ihre Stimmungen aufschnappt? „Natürlich“, werden Sie sagen, Hunde gehören zur Familie und fühlen mit uns Menschen. Doch es ist viel mehr als das: Hunde können uns näher mit der Natur in Verbindung bringen. Wir bewegen uns mehr, haben mehr soziale Kontakte und wir genießen die Gesellschaft mit ihnen. Inzwischen ist bewiesen, dass Tiere für Menschen eine blutdrucksenkende Wirkung haben, ähnlich wie Meditation. Tiere können Herzrhythmusstörungen deutlich lindern wie weltweit in kardiologischen Instituten durch Forschungen belegt werden konnte. Das zeigt, dass Hunde und Menschen, auf besondere Art miteinander verbunden sind. Sie gehören zu einem gemeinsamen Familiensystem.

Die allgemeine Weltanschauung, dass Menschen und Tiere innerlich wie eine Maschine beeinflussbar sind, ändert sich zunehmend. Für viele Menschen ist es mittlerweile unumstritten, dass Hunde unsere innersten Gedanken und Gefühle wahrnehmen. So gibt es immer mehr Untersuchungen zu den Themen Emotionen bei Menschen und Tieren, Resonanzen, Spiegelungen oder Frequenzen. Einige aktuelle Forschungen, die ich in meinem Buch aufgreife, verdeutlichen diesen Trend und das große Interesse an diesen Wissensgebieten. Deshalb bieten immer mehr Tiertrainer zur praktischen Arbeit mit dem Hund auch Unterstützung in ganzheitlicher Form an. Es gibt zahlreiche Seminar- und Veranstaltungsangebote in diesem Bereich, die zeigen, dass sich die Sichtweisen zum Thema Hund und Mensch gerade in einem Wandel befinden.

Ich möchte Ihnen ein wenig näher beleuchten, wie wichtig die Ausgeglichenheit von unseren emotionalen und rationalen Gehirnregionen ist und was wir tun können, um diese Ausgeglichenheit zu erlangen: Diese beeinflusst auch das Verhalten unserer Hunde. Der Schlüssel zu unserem emotionalen Gehirn liegt in der Art unserer Gefühlsbeziehungen mit unseren Familien, Freunden und Haustieren. Das klingt für Sie in diesem Moment vielleicht noch etwas abstrakt, ich möchte in meinem Buch jedoch näher auf diese Zusammenhänge eingehen. Denn: Der Schlüssel zu unserem emotionalen Gehirn ist gleichzeitig ausschlaggebend für die Lösung vielfältiger Probleme, die sich im Zusammenleben mit Hund und Mensch zeigen können.

Begriffe wie Dominanz, Führung, Hyperaktivität, Angst, Aggression oder Emotion und Gefühl spielen im Zusammenleben mit Hunden immer wieder eine Rolle. Auf diese Begrifflichkeiten gehe ich zunächst in Form von fachlichen Informationen und Beispielen aus dem Alltag ein, und nenne dann mögliche Beispiele für Spiegelungen zwischen Mensch und Hund. Vielleicht sind diese Informationen für Sie eine Hilfe, Spiegelthemen zu erkennen und die daraus gewonnen Erkenntnisse für sich zu nutzen. Bei all dem geht es vor allem um die wechselseitigen Reaktionen von inneren und äußeren Gedanken, Gefühlen und Handlungen, aber auch um eine klare Kommunikation, um Führung und Verantwortung sowie um eine Vertiefung der Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Vielleicht haben sie über die Themen Seelenspiegel, systemische Betrachtung, Tier- und Familienaufstellungen oder die sogenannte Quantenheilung schon etwas gehört oder gelesen. Oder Sie können sich aufgrund von eigenen Erfahrungen bereits vorstellen, wie hilfreich das alles für Menschen und ihre Hunde sein kann. Vielleicht verbindet dieses Buch aber auch nur einige Sichtweisen und Ansätze für sie. Für viele Menschen sind diese Themen allerdings Neuland und ich hoffe, eine interessante Lektüre anbieten zu können, die einen nachvollziehbaren Einstieg in diese Sichtweisen bietet. An dieser Stelle sei angemerkt, dass es in meinen Ausführungen nicht um die sogenannte Tierkommunikation geht, da bei der systemischen Aufstellungsarbeit psychologische Prozesse des sozialen Systems betrachtet werden.

Sie werden informative, rührende und lustige Erlebnisse und Geschichten aus unserem Alltag und unserer Hundeschule lesen können, die kleine Welten für diese Menschen und Hunde bewegt haben. So manche systemische Verstrickung bei Mensch und Hund, hat sich als Ursache für ein bestimmtes Verhalten herausgestellt. Für die jeweiligen Menschen hat es fühlbar und sichtbar die innere und äußere Welt verändert. Wenn sich beim Menschen die innere Haltung sowie die Art und Weise die Welt zu sehen verändert, macht das oft eine Verhaltensänderung erst möglich.

Die Umwelt, in der wir leben, verändert und beeinflusst uns 24 Stunden am Tag. Und genau diese Veränderungen beeinflussen eben auch das Verhalten und die Emotionen bei unseren Hunden. Unser Denken und Handeln in unserem Alltag zu hinterfragen, ist für unsere Entwicklung oft entscheidend, leider nehmen wir uns aber oft zu selten Zeit für uns selbst. Sonst würde es uns sicherlich leichter fallen, bisherige Ansichten loszulassen, damit wir eine Hand frei haben für neue Ansichten und neue Blickwinkel.

Ich würde mich freuen, wenn dieses Buch durch die ganzheitliche, systemische Betrachtung einiger Themen Tipps und Anregungen für Sie enthält, einen anderen Blickwinkel auf die Mensch-Hund-Beziehung zu erhalten. In unserer jetzigen Zeit verbinden sich so viele Wissenschaften, dass wir unfassbare Möglichkeiten haben, wenn wir die Erkenntnisse für uns nutzen. Was viele Menschen schon lange im Alltag wahrnehmen, wird nun erforscht und bietet uns wunderbare Möglichkeiten des Umdenkens. Es wird Zeit über den Tellerrand hinauszuschauen.

Am Ende des Buches finden Sie die jeweiligen Quellenangaben und eine Zusammenstellung empfehlenswerter Literatur. Beurteilen Sie bitte selbst, was für Sie hilfreich ist. Nicht alles was ich schreibe, ist wissenschaftlich belegt und niemand kann das Rad neu erfinden oder hat den Knopf zum Abschalten. Vieles ist ein Prozess, der viele Bausteine braucht. Auch die Wissenschaft ist ein Prozess, der nie endet und immer in Entwicklung ist, es finden immer wieder neue Paradigmen statt, die wissenschaftliche Wahrheiten in Frage stellen und sich entsprechend erweitern.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne eine gute Zeit beim Lesen und Nachdenken. An dieser Stelle möchte ich mich ebenfalls von Herzen für die vielen Leser meines ersten Buches bedanken, die mit ihren Rückmeldungen auch eine Motivation waren, dieses erweiterte zweite Buch zum Thema zu schreiben.

Silvia Hüllenkremer

Mensch und Hund – Was unser Zusammenleben bestimmt

Geschichte der Hundeerziehung

„Wir sind nur ein kleines Teilchen eines Ganzen, aber jeder hat eine unendlich große Verantwortung.“

Konrad Lorenz

In diesem Kapitel möchte ich auf die Geschichte der Erforschung von naturwissenschaftlichen Prozessen eingehen. Philosophie und Religion der vergangenen Jahrhunderte verbinden sich heute immer mehr mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. So versuchen Menschen zunehmend, den vielen Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen. Der Begriff Paradigmenwechsel bezieht sich auf den Wechsel von einer wissenschaftlichen Grundauffassung zu einer anderen Art der Weltanschauung. Solche Wechsel gab und gibt es in allen Bereichen der Wissenschaften. Viele Forschungen des letzten Jahrhunderts bilden die Basis für heutige Sichtweisen und spielen teilweise noch immer eine entscheidende Rolle im Zusammenleben und der Erziehung unserer Hunde. Wie wir früher mit Hunden umgegangen sind, wie vergangene Weltanschauungen den Umgang mit unseren Hunden beeinflusst haben und welche bahnbrechenden Informationen sich gerade zusammenfügen und so manche Möglichkeiten entstehen lassen, darum soll es in diesem Kapitel gehen. Da sich heute viele moderne wissenschaftliche Bereiche überschneiden, wird es schwierig, eine klare Abgrenzung zu ziehen. Aber genau das meint systemisches Denken: Unser Wissen vernetzt sich, viele Prozesse beeinflussen sich gegenseitig. Untersuchungen von menschlichen und tierischen Emotionen und Verhaltensweisen in einen Zusammenhang zu bringen sind heute kein Tabu mehr.

Nach meinen Recherchen wurden wohl die ältesten schriftlichen Quellen über die Ausbildung von Hunden bei den alten Griechen und Römern gefunden. Sie beschrieben im Wesentlichen einige Hinweise zur Erziehung von Jagdhunden. Hier ging es um Zurufe, Ausrüstung und die Einbeziehung des Hundecharakters beim Jagen.

Unter dem Pseudonym Friedrich Oswald brachte Friedrich Gotthold Peter Kunze im Jahre 1855 das Buch Der Vorstehhund in seinem vollen Werthe dessen Parforce-Dressur ohne Schläge; seine Behandlung in guten und bösen Tagen heraus. Dieses Fachbuch zählt zu den ersten Büchern über Hundeausbildung und der Titel verrät schon so einiges über die Art des Umgangs mit Hunden in der damaligen Zeit.

Erst in den 1920er- und 1950er-Jahren wurden die Erkenntnisse der Verhaltensforschung bzw. der Erforschung des Lernens in die Ausbildung von Hunden miteinbezogen. Vereinfacht gesagt: Psychologen oder andere Forscher machten Versuche mit Tieren, deren Grundsätze sich heute sowohl im Hundetraining als auch in der menschlichen Psychologie wiederfinden.

Den Beginn machte hier der sogenannte Behaviorismus, dessen bekannteste Vertreter Iwan Petrowitsch Pawlow und die amerikanischen Forscher B. F. Skinner und B. Watson waren. Sie erforschten u. a. die sogenannte Reflexkettentheorie und insbesondere Pawlow führte Experimente mit Hunden zur klassischen Konditionierung durch. Er war im Grunde durch Zufall auf die Möglichkeit der Konditionierung gekommen, so beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Thema Verdauung und wollte mit seinen Versuchen lediglich die Produktion von Magensaft bei Hunden anregen. Aus verschiedensten Konditionierungsformen entwickelte später unter anderem B. F. Skinner die operante Konditionierung, die Lernen an Konsequenzen, durch positive und negative Verstärker, miteinbezog.

Dies kann man wohl als damaliges Paradigma der Hundeerziehung sehen. Dabei war der Behaviorist nicht an den psychologischen Vorgängen interessiert, sondern untersuchte das Verhalten allein als Reiz und Reaktion. Bei der damaligen Sichtweise des Behaviorismus wurde davon ausgegangen, dass Emotionen zwar da sind, aber nicht beobachtbar und in Studien nicht nachweisbar sind, bezogen auf das aktive Verhalten. Heute haben sich in einigen Bereichen des Behaviorismus diese Ansichten differenziert. Wenn man bedenkt, wie klar für die meisten von uns heute die gegenseitige Beeinflussung von Gefühlen und Bedürfnissen von Menschen und Tieren sind, ist diese Sichtweise natürlich begrenzt, sie ist aber eine wichtige Basis für heutige weitere Entwicklung.

Im Gegensatz dazu hat schon in den 1930er-Jahren der amerikanische Neurologe und Psychiater Kurt Goldstein im Ersten Weltkrieg herausgefunden, dass im Organismus keine isolierten Reiz-Reaktions-Vorgänge stattfinden. Er war damals aufgrund seiner Arbeit mit hirngeschädigten Soldaten der Ansicht, dass der Organismus immer als Ganzes reagiert. Er gilt als Pionier der Neuropsychologie und der Psychosomatik. Auch der Sozialpsychologe Kurt Lewin wandte sich gegen den klassischen Behaviorismus. Er gilt als Begründer der Erziehungsstilforschung, Gestalttheorie und der Feldtheorie, bezogen auf das menschliche Verhalten. Er führte in den 1930er-Jahren Experimente zu den Wirkungen unterschiedlicher Führungsstile auf das Leistungsverhalten von Jugendgruppen durch.

Zu den Ansichten des Behaviorismus entwickelte sich in den 1960er-Jahren die Erforschung von Denk- und Verarbeitungsprozessen (Kognitivismus) und die Erforschung der Wahrnehmung bezogen auf Wirklichkeitskonstruktionen (Konstruktivismus), der das innere Erleben mit einbezog. Man erforschte das Lernen durch Einsicht und berücksichtigte, dass sich neu Erlerntes an vorhandenem Wissen orientiert. Eine bekannte Persönlichkeit ist der britische Psychologe und Professor für experimentelle Psychologie Frederic C. Bartlett. Er war einer der Vorreiter im Bereich der Kognitionspsychologie, der Wahrnehmung, Denken, Lernen, Motorik und Sprache miteinbezog. Hier ist die Verbindung zur heutigen Neurowissenschaft zu finden.

Die Verhaltensbiologie oder auch Verhaltensforschung ist eine Teildisziplin der Biologie und erforscht das Verhalten der Tiere, einschließlich des Menschen. Der bekannteste Vertreter der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) ist sicherlich der Zoologe Konrad Lorenz, der beginnend in den 1930er-Jahren ethologische Forschungen betrieb. Manch einer spricht von ihm gar als „Einstein der Tierseele“. Er selbst prägte vor allem den Begriff der Tierpsychologie, der innerhalb der Verhaltensbiologie ein eigenständiges Forschungsgebiet darstellte und durch sein Engagement an deutschen Hochschulen etabliert werden konnte. Auch der seinerzeit bekannteste Wolfsforscher und Kynologe Erik Zimen ist an dieser Stelle zu nennen, der sich sehr intensiv mit dem Verhalten von Wölfen und Haushunden beschäftigte. Zu dem Verhältnis von Menschen und ihren Hunden kommt er in seinem Buch Der Hund zu folgendem Schluss: „Vielleicht wünschte ich manchmal, statt des Hundes gestreichelt zu werden. Vielleicht meint der- oder besser diejenige, die meinen Hund liebkost, eigentlich mich damit. Wie auch immer, sicher dient der Hund als soziales Ersatzobjekt in einer Vielzahl uns gar nicht mehr bewusst werdender Situationen des alltäglichen Lebens.“1 Wenn man bedenkt, dass das Buch erstmals 1992 erschienen ist, wird die rasante Entwicklung unserer Ansichten zur Hundehaltung im letzten Jahrhundert deutlich.

So beschäftigt sich die moderne Verhaltensforschung beispielsweise mit der Frage, welche sozialen Kompetenzen Hunde im Zusammenleben mit uns haben und was sie erkennen und deuten können. Forscher sind heute der Meinung, dass die Intelligenz von Hunden größer ist, als bisher angenommen: Moderne Verhaltensforschung untersucht beispielsweise, welche sozialen Kompetenzen Hunde im Zusammenleben mit uns haben. Forscher sind der Meinung, dass Hunde ähnliche Fähigkeiten haben, Kommunikationssignale zu verstehen wie 6 Monate bis 2 Jahre alte Kinder.2 Die nonverbale Kommunikation von Menschen ist anders als die der Hunde untereinander. Somit ist bei der artübergreifenden Kommunikation ein Lernen von beiden Seiten notwendig.

Die Zeit in der wir alle glaubten, „Sitz-Platz-Fuß“ ist die Lösung in der Hundeerziehung, geht so langsam vorbei. Auch beim Lernverhalten von Kindern wird mehr und mehr festgestellt, das Lernen und Entwicklung von mehr Faktoren beeinflusst werden als uns bisher bewusst war. In Studien und Forschungen stellt sich zunehmend heraus, dass Menschen und auch Tiere einige uns bewusste und unbewusste Emotionen fühlen und alle jeweils wechselseitig darauf reagieren.

Auch andere Forschungszweige bilden bei Fragen des Zusammenlebens mit Tieren eine Rolle. So bezieht man sich in der Verhaltensbiologie auf feinstoffliche Prozesse, die verschiedene Einflüsse auf Zellebene, zum Beispiel aus den Bereichen Biologie oder Genetik, miteinander in Verbindung bringen. Die hier gewonnenen Erkenntnisse werden dann auch beim Lernverhalten von Menschen und Hunden berücksichtigt. Daraus entwickelte sich beispielsweise die Neurobiologie, die das Nervensystem auf Zellebene erforscht. Aus der Physik wiederum ging die heutige Quantenphysik hervor, die auch die gegenseitige Beeinflussung von Atomen und Molekülen untersucht.

Viele Wissenschaften verbinden sich in der heutigen Zeit mit philosophischen und spirituellen Gedanken. Ein wunderbares Beispiel ist dies: Im Mind & Life Institute in Massachusetts kommen seit 2003 regelmäßig buddhistische Gelehrte, darunter der Dalai Lama, sowie namhafte Neurowissenschaftler, Kognitionswissenschaftler und Psychologen, Mediziner und Physiker zusammen. Initiator des Mind-and-Life-Dialogs war der Neurowissenschaftler Francisco Varela. Die Teilnehmer tauschen sich über Fragen der Erziehung von Kindern, die Wirkung von Meditation auf das Gehirn oder zum Beispiel über die Frage nach den Möglichkeiten für Glück und Empathie auf wissenschaftlichem Niveau aus.

Auch unsere Hunde können Empathie empfinden, die dafür zuständigen Spiegelneuronen sind auch bei Tieren gefunden worden, ich gehe später noch genauer darauf ein. Einige moderne Neurobiologen leiten aus aktuellen Forschungen tiefere Überlegungen über unser Zusammenleben ab, da bekanntlich unser Gehirn alles andere als eine Maschine ist. Ein prominenter Vertreter ist beispielsweise Gerald Hüther, der in seinem Buch Etwas mehr Hirn bitte sehr treffend zusammenfasst: „Es geht also darum, ein sich global verbreitendes und sich im Gehirn aller Menschen verankerndes inneres Bild zu finden, das zum Ausdruck bringt, worauf es im Leben, im Zusammenleben und bei der Gestaltung der Beziehungen zur äußeren Welt wirklich ankommt: auf Vertrauen, auf wechselseitige Anerkennung und Wertschätzung, auf das Gefühl und das Wissen, aufeinander angewiesen, voneinander abhängig und füreinander verantwortlich zu sein.“3

Selbst in unserer modernen westlichen Welt, die sehr stark durch Rationalität geprägt ist, gibt es immer wieder Menschen, die insbesondere im Zusammenleben mit ihren Hunden ganz intuitiv die Naturgesetze anwenden. Sie scheinen intuitiv zu wissen, wie sie mit ihrem Hund umgehen müssen, damit das ganze Familiensystem gut miteinander auskommt. Sie haben offensichtlich nie irgendwelche Probleme oder suchen sich entsprechend Hilfe oder sie lösen bestehende Probleme, indem sie ganz einfach wissen, was in der entsprechenden Situation zu tun ist. In der Regel sind sie auch gut in der Lage, neue Möglichkeiten für sich nutzbar zu machen. Warum das bei jemandem so ist und ob diese Fähigkeiten erlernbar sind, ist Gegenstand der Resilienzforschung. Diese wiederum eröffnet auch auf Hunde bezogen einen neuen Blickwinkel auf Wesen und Erziehung.

Im Zusammenleben mit unseren Hunden tauchen immer wieder Begriffe auf wie Aggression, Angst, Dominanz, Hyperaktivität, Führung oder Emotion und Gefühl. Wir fragen uns oft, was hier wen beeinflusst, da diese Begriffe im Zusammenleben von Menschen ebenfalls eine Rolle spielen. Ein Ziel in der ganzheitlich-systemischen Betrachtung ist es, den ein oder anderen Knoten zu lösen und im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Dunkle zu bringen bei der Frage, was hier mit wem wie in Verbindung steht. Auch diese Sichtweisen finden mehr und mehr im Hundetraining Beachtung. Es geht bei systemischer Betrachtung nicht um richtig oder falsch, und auch nicht um Schuld, sondern um das Bestreben, für alle Mitglieder von Systemen gute Lösungen finden können.

Die Entwicklung von Lebewesen macht eben sehr viele Faktoren aus und ist ein Prozess in ständiger Bewegung. Dabei sind die Einheiten, die Menschen inzwischen erforschen, im Grunde immer kleiner geworden, gleichzeitig finden mehr und mehr Spezialisierungen statt. Die Vernetzung dieses Wissens ist eine Entwicklung mit unglaublichen Möglichkeiten, wenn man bedenkt, dass körperliche und seelische Erkrankungen auf der ganzen Welt rasant angestiegen sind. All das betrifft auch den Umgang mit unseren Hunden, die als hochsoziale Lebewesen mit uns in einem Familiensystem leben.

Den Hund trainieren – Ein Ausflug in die Lerntheorie

„Lernen besteht in einem Erinnern von Informationen, die bereits seit Generationen in der Seele des Menschen wohnen.“

Sokrates

In allen Bereichen des Lebens erschließt sich für viele Menschen mehr und mehr die Frage, welchen Anteil man selbst an bestimmten Reaktionen im eigenen Umfeld hat. Auch im Training von Hunden wird zunehmend einiges hinterfragt. Dabei wäre ein wertfreier, nicht von Emotionen überladener Austausch wünschenswert, wie er gerade auf vielen wissenschaftlichen Gebieten weltweit stattfindet. Nur gemeinsam und wertfrei finden wir zu Lösungen, die für alle Systeme einen anderen Blickwinkel eröffnet. Im Folgenden möchte ich über die in der Hundeszene aktuell diskutierten Erziehungsstile von Hunden zum Nachdenken anregen.

In der Lerntheorie der behavioristischen Lernpsychologie wird zwischen den Begriffen Belohnung und Strafe unterschieden. Dabei soll eine Belohnung dazu führen, dass das entsprechende Verhalten in der Zukunft öfter auftritt. Eine Strafe hingegen soll das entsprechende Verhalten hemmen. Die Verwendung der Begriffe „positiv“ und „negativ“, führt jedoch oftmals zu Wertungen. Mit dem Wort „positiv“ ist nicht etwa „gut“ gemeint, sondern schlicht, dass etwas hinzugefügt wird oder beginnt. Mit „negativ“ ist nicht „schlecht“ gemeint, sondern, dass etwas weggenommen wird oder aufhört.

Training mit dem Hund wird im lerntheoretischen Sinn so definiert:

 Positive Strafe: Ein unangenehmer Reiz wird hinzugefügt. (Ein Verhalten soll weniger auftreten)

 Negative Strafe: Ein angenehmer Reiz wird entzogen. (Ein Verhalten soll weniger auftreten)

 Negative Verstärkung: Ein unangenehmer Reiz wird entzogen. (Ein Verhalten soll verstärkt werden).

 Positive Verstärkung: Ein angenehmer Reiz wird hinzugefügt. (Ein Verhalten soll häufiger auftreten)

Natürlich gibt es unzählige komplexe Konditionierungsformen, denen wir in unserem Alltag ausgesetzt sind, oder die wir, zumeist unbewusst, auch selbst anwenden. Zum Beispiel kennt jeder von uns die Effekte, die eine bestimmte Werbung bei uns auslöst. So wirkt Konditionierung beispielsweise auch in Supermärkten, indem günstigere Produkte meist nicht in Augenhöhe plaziert sind, und wir uns bücken müssen um sie zu erhalten. Arbeitet man im Hundetraining nach den Grundsätzen der Lerntheorie vorwiegend mit positver Verstärkung, stellt sich die Frage, was man tun kann, wenn es in einer Situation nichts gibt, was bestärkt werden kann. Hinzu kommt, dass in bestimmten Situationen unerwünschtes Verhalten sogar verstärkt werden kann. Hierzu zwei Beispiele:

Ein Halter und/oder sein Hund sind gerade sehr aufgeregt. Der Mensch, weil er vielleicht gerade Bedenken hat, etwas falsch zu machen, der Hund, weil er sich in einer Situation befindet, die ihn überfordert. Doch der Mensch hat sich vorgenommen, seinem Hund das Kommando „Sitz“ beizubringen. Unbewusst bringt man seinem Hund in diesem Kontext jedoch bei, dass „Sitz“ mit Aufregung zu tun hat. Oft ist das auch bei Hunden zu beobachten, die sich an der Haustür sehr aufregen, wenn es klingelt, wenn die Gassirunde ansteht oder die Kofferraumklappe aufgeht. Viele Halter bringen den Hund ins „Sitz“ oder „Platz“ oder sagen „Warte“, die konditionierte Aufregung wird dabei stets mit abgerufen und spätestens nach dem Aufheben des Kommandos schießt der ein oder andere Hund nach vorne. Hunde, die hier hecheln, fiepen, bellen oder nervös sind, haben sich zwar vielleicht hingesetzt, aber sind dabei innerlich so aufgeregt, dass sie einfach explodieren müssen. Diese Aufregung überträgt sich nicht selten auf den gesamten Spaziergang und die jeweilige Umgebung. Ginge es dem Menschen hier mehr um eine grundsätzliche Entspannung als um die Ausführung eines bestimmten Kommandos, würde sich in den oben genannten Situationen sicherlich ein anderes Ergebnis zeigen können. Oder: Ihr Hund läuft einem Vogel oder Hasen hinterher und Sie belohnen ihn, wenn er zu Ihnen zurückkommt. Ungünstig ist nur, dass dieser Hund in diesem Moment einem laufenden Cocktail aus Hormonen (z. B. Dopamin) gleicht und sie ihn für diesen inneren Status bestätigen. Natürlich spielt auch immer die innere Haltung von uns selbst eine Rolle und beeinflusst das, was Hunde damit in Verbindung bringen. Wenn wir uns also nicht wirklich ehrlich über etwas freuen, oder innerlich aufgeregt oder angespannt sind, ist das für Hunde spürbar, ganz gleich wie und mit was wir unsere Hunde bestätigen. Viele Mehrhundehalter wissen, dass in gut geführten Hundegruppen auch andere Reaktionen von Hunden untereinander stattfinden. Je nach Situation und Charakterstruktur der jeweiligen Hunde wird da kaum ein Zurückkommen bestätigt. Beobachtbar ist auch, dass innerhalb der Struktur einer Gruppe zum Wohl der Gemeinschaft dafür gesorgt wird, dass ein sinnloses und gefährdendes Jagen nicht stattfindet. Die Frage ist, was hier angemessen, sinnvoll und artgerecht ist. Wenn Hunde gelernt haben, bestimmten Bewegungsreizen immer und überall nachgehen zu können, überträgt sich dieses Lernverhalten möglicherweise auch auf den Vogel oder den Hasen. Bei Beschäftigungsmöglichkeiten wie Reizangel, Ballspielen oder ähnlichem kann sich der Umgang mit diesen von Hunden wahrgenommenen Bewegungen auch beispielsweise auf Wild übertragen. Bewegungsreize können somit unkontrollierbar oder auch bedingt steuerbar für Hunde werden. Die entscheidende Frage ist, ob Hunde mit diesen Beschäftigungsmöglichkeiten im Hetz- und Beutetrieb bestätigt, oder diese zum Erlernen von Impulskontrolle eingesetzt werden. Ein wichtiger Faktor ist auch, welchen Stresslevel der Hund mit solchen Beschäftigungen verknüpft.

Zu einer verantwortungsvollen Sichtweise von Hundehaltern gehört auch, ganz bewusst darauf zu achten, dass Hunde auf Feld- und Waldwegen bleiben. Der Stresslevel für Wild, das von Hunden gehetzt wird, ist hier enorm. Jäger und Landwirte sind meiner Meinung nach berechtigt alarmiert bei manchen Antworten von Hundehaltern, die ihre Hunde achtlos laufen lassen. Die Beschädigung und Gefährdung der Natur und des Wildes führt letztlich für alle Hundehalter zu immer mehr Einschränkungen, die sicherlich wegen einiger achtloser Hundehalter in immer mehr Gesetzen verankert werden.

Ein Faktor ist auch, dass es uns nicht möglich ist, uns nicht zu verhalten. Wir verhalten uns alle immer auf irgendeine Art, was unsere Umgebung entsprechend beeinflusst. Selbst, wenn wir etwas nicht beachten oder ignorieren, wird das von anderen bewusst oder unbewusst wahrgenommen. Etwas zu ignorieren, kann auch eine Form der Konditionierung bewirken, die bewusst oder unbewusst von uns eingesetzt wird oder entsteht. Alles löst etwas aus, so ist ein Nichtentscheiden, also keine Entscheidung zu treffen, ja bereits eine Entscheidung, die entsprechende Konsequenzen hat. Und auch dafür sollten wir Verantwortung übernehmen.

Wie emotionale Zusammenhänge und Konditionierungen miteinander in Verbindung stehen, bringt der US-amerikanische Verhaltensforscher James O´Heare sehr deutlich in seinem Buch Das Aggressionsverhalten des Hundes zum Ausdruck: „Andererseits muss man auch wissen, dass im realen Leben, wo man es mit komplexen emotionalen Zusammenhängen zu tun hat, klassische Konditionierung nur schwer umgekehrt werden kann. Wenn ein Hund auf etwas furchtsam reagiert und Kampf oder Flucht ausgelöst wird, dann lässt sich diese emotionale Reaktion nur sehr schwer verändern. Gibt es etwas, vor dem Sie Todesangst haben? Nehmen wir an, ein Bankräuber hält ihnen eine Pistole an den Kopf und löst damit eine Angstreaktion aus. Womit könnten sie diese Situation nun kombinieren, damit ihre emotionale Reaktion darauf angenehm ausfällt? Wie oft müssen beide Dinge gleichzeitig auftreten, bis sich ihre emotionale Reaktion ändert?“4

Der aktuelle Streit und die Lagerbildung in der Hundeszene ist bezeichnend für den bis heute grundlegenden Streit, der in verschiedenen Ansichten und Lehrmeinungen auch in der Psychologie und Erziehung von Menschen stattfindet. Die einen meinen, dass ein Hund nur durch Strenge und Autorität erzogen werden kann, andere drängen anklagend auf einen ausschließlich nur positiven Umgang mit Hunden und definieren andere Methoden als Gewalt, oder Verherrlichung der Dominanztheorie. Wieder andere wählen den Weg zwischen den beiden Polen und versuchen, differenzierter und mehr und mehr ganzheitlich zu denken.

Wir Menschen machen in unserem Leben nicht nur positive Erfahrungen. Aber sind es nicht oftmals gerade die unschönen und schwierigen Ereignisse und Momente, die uns aufhorchen lassen, die uns letztlich stärken und uns die Chance geben, uns weiterzuentwickeln? Wie sollten wir sonst lernen mit den Anforderungen des Lebens zurechtzukommen? So vieles beeinflusst uns in unseren Emotionen, ob bewusst oder unbewusst, und das wiederum hat Auswirkungen auf die Emotionen und das Verhalten unserer Hunde. Rein „technische“ Lösungen sind daher kaum erfolgversprechend, sind wir – und genauso unsere Hunde – doch soziale Wesen mit hochkomplexen Strukturen und eben keine Roboter oder Maschinen.

Ich finde diese Diskussionen wichtig, denn sie führen zunehmend zu einer Differenzierung einer „ausschließlich positiven“ oder „ausschließlich autoritären“ Herangehensweise sowie der Differenzierung einer mehr oder weniger „emotional-wertenden“ Beurteilung. Auch der über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Hundeexperte Thomas Baumann tritt schon seit vielen Jahren für eine Hundeerziehung ein, die sich sowohl von der zwanglosen als auch von der zwangsbetonten Erziehung deutlich abgrenzt. In seinem Buch … damit wir uns verstehen – Die Erziehung des Familienhundes wird seine Haltung deutlich: „Wer sich einmal grundlegende Gedanken zur Verhaltensteuerung von Hunden gemacht hat und dazu noch über eine gehörige Portion an Erfahrung verfügt, wird sehr wohl die Möglichkeiten und Grenzen der sogenannten zwanglosen Erziehung und Ausbildung bei Hunden realistisch einschätzen. Eine realistische Einschätzung wiederum führt zu dem Ergebnis, dass es in fast allen Erziehungsfällen überhaupt nicht zwanglos zugehen kann, weil der ethologisch vorgeformte Charakter unserer Hunde dafür in keiner Weise geschaffen ist.“5

Thomas Baumann gibt in seinem Buch ehrliche und übersichtliche Informationen zu den verschiedenen Konditionierungsformen, die es doch manchmal – und das zeigt sich gerade in der Praxis – zu überdenken gilt. Der Alltag mit unserem Hund sieht oft anders aus, als wir uns das gerne wünschen. Viele Hundehalter sind überfordert, wenn ihr Hund beim Anblick eines anderen Hundes wild in die Leine springt und sich trotz Leckerli-Ablenkungsversuche und gut gemeinten freundlichen Zureden kaum davon abhalten lässt. Verständlicherweise finden dies viele Menschen peinlich oder sind genervt, was ein klares Auftreten der Umwelt und dem Hund gegenüber schwierig macht. Diese Emotionen sind in der Kindererziehung ebenfalls bekannt.

Die Frage nach dem Warum, also der Ergründung möglicher Ursachen für ein bestimmtes Verhalten bei Mensch und Hund, kann unterschiedliche Lösungswege aufzeigen. Für alle Beteiligten wirklich erfolgversprechend kann es jedoch nicht sein, den Fokus nur darauf zu legen, ein bestimmtes, störendes Verhalten einfach nur „wegmachen“ zu wollen. Hinzu kommt noch, wie aus der menschlichen Psychologie bekannt ist, dass sich über Lerntherapien alleine zwar teilweise alternatives Verhalten trainieren lässt, doch wenn die Ursachen nicht aufgelöst werden, es meist zu einer Verlagerung von Symptomen kommt. So kann ein Hund durch einige Maßnahmen zwar an der Leine ruhiger werden, er „explodiert“ aber womöglich an einer anderen Stelle als Reaktion auf manch ungelöste Ursache. Es ist zum Beispiel ein gravierender Unterschied, ob ein Hund für das Zurückkommen zum Halter an der Leine belohnt wird (Konditionierung), oder das Ziel ist, dass der Hund nicht erst vorläuft (Führung). Soll er sich an uns orientieren, oder beim Zurückkommen, wenn die Leine das Ende erreicht hat, eine Belohnung abholen?

Die Zusammenhänge sind für einen geübten Blick eines Trainers oft gut zu erkennen, als Hundehalter hingegen fehlt einem selbst oft die wertfreie Einschätzung von außen. So kann auffälliges Verhalten an der Leine viele Gründe haben. Eine ganzheitliche Betrachtung sollte auf mögliche Ursachen eingehen.

Ein solcher Hund könnte:

 sehr aufgeregt sein oder allgemein eine niedrige Reizschwelle haben

 sehr stark auf Bewegungsreize ausgerichtet sein

 frustriert sein, nicht Kontakt zu einem anderen Hund aufnehmen zu können, er kann diesen Frust nur schwer aushalten

 unsicher, ängstlich oder traumatisiert sein

 territorial motivierte Gründe haben (zumindest in dem Moment)

 der Meinung sein, er müsste den Menschen beschützen

 der Meinung sein, Verantwortung für den Menschen und sein Familiensystem übernehmen zu müssen

 einen aus verschiedenen inneren Gründen hohen Stresslevel haben

Können wir, und das ist entscheidend, nicht angemessen aktiv handeln und die Situation im wahrsten Sinne des Wortes in die „Hand“ nehmen, wird jemand oder etwas anderes entscheiden. Das heißt, werden wir nicht aktiv, übernimmt ein anderer Hund, ein anderer Hundehalter, der Jäger oder der Straßenverkehr etc. die entsprechenden Konsequenzen.

Lern- und Verhaltensforschung bei Hunden orientiert sich immer wieder an den Erkenntnissen aus der menschlichen Psychologie oder umgekehrt. Es gibt hier sehr aufschlussreiche Studien, die in diesem Zusammenhang interessant sind. So erforschte man beispielsweise die Konsequenzen, die es hat, wenn man Schüler und Studenten ausschließlich über Geld motiviert:

So fand der US-amerikanische Harvard-Ökonom Roland G. Fryer in Experimenten heraus, dass das eigentliche Lernen mit Hilfe solcher Motivationen nur noch als Nebensache und Mittel zum Zweck wahrgenommen wird. Die Studenten, denen eine Prämie für gute Abschlüsse geboten worden ist, bezogen ihre Motivation nur noch aus der Aussicht auf die Prämie.

Andere Studien, wie die von Richard Ryan von der Universität von Rochester in New York, ergaben, dass für Menschen, deren Motivation allein auf finanziellen und materiellen Werten beruht, andere Menschen oft nur Mittel zum Zweck sind.

Die Frage bleibt offen, wie sich diese Schüler und Studenten fühlen, wenn kein guter Abschluss gelingen würde. Wer fragt danach, ob das angestrebte Lernziel zum Beispiel auch der Neigung und Veranlagung dieser Menschen entspricht? Wo führt es uns und unsere Hunde hin, wenn nur noch „richtiges“ Verhalten belohnt wird und wer entscheidet überhaupt aus welchen Gründen über richtig oder falsch? Und wo bleibt die Freude am Lernen als Motivation?

Die Psychologen Mark Lepper und David Greene von der Stanford Universität haben herausgefunden, dass sich bestimmte Arten der Belohnung geradezu zerstörerisch auf die Motivation auswirken können: insbesondere Belohnungen mit positivem Anreiz, die bestimmte Verhaltensweisen bestärken und bei denen negative Sanktionen nicht erfolgen (monetär). Dieser Effekt wird auch als Korruptionseffekt bzw. Korrumpierungseffekt bezeichnet und meint die Verdrängung der Motivation aus Spaß, Interesse und Erkundungsverhalten (intrinsisch). Die Motivation durch positive und negative Verstärkung (extrinsisch), also dem Handeln aufgrund von Belohnungen, die außerhalb der Tätigkeit liegen, reduziert dann das ursprünglich gerne und freiwillig bezeigte Verhalten.

Der extrinsischen Motivation steht dagegen der Wunsch im Vordergrund, bestimmte Leistungen zu erbringen, weil man sich davon einen Vorteil (Belohnung) verspricht oder Nachteile (Bestrafung) vermeiden möchte.

In der kognitiven Evaluationstheorie wird beispielsweise untersucht, unter welchen Bedingungen Belohnungen ein erhöhtes Ausmaß an Verhaltenskontrolle erreichen können, und wann sich Belohnung negativ auf Motivation auswirkt. Eine Sichtweise ist zum Beispiel, dass bei nicht erwarteten Belohnungen der negative Effekt des Motivationsabbaus nicht festgestellt werden konnte. Wenn also jemand für eine Tätigkeit, die er ohnehin schon gerne ausübt, zusätzlich belohnt wird, dann ist er anschließend weniger motiviert, dieser Tätigkeit wieder ohne Belohnung nachzugehen. Soziale Kompetenz in Form von zum Beispiel verbalen Belohnungen wird stärker mit Anerkennung verknüpft und weniger als kontrollierend. Natürlich wird auch diese Sicht von Seiten der Verhaltensforschung kritisiert und das ist auch gut so, weil sich beide Forschungsbereiche ergänzen.

Sollen wir daher nicht im Zusammenleben mit unseren Hunden die Hintergründe, die Notwendigkeit und Art und Weise von Belohnung und Bestätigung mehr hinterfragen? Warum muss man zum Beispiel etwas positiv belegen, es „markern“, wenn es doch gleichzeitig ein Verzicht von etwas bedeutet? Wo bleibt hier die Auseinandersetzung mit dem Konflikt, die unsere Partner, Freunde, Kinder und Hunde als Klarheit brauchen sowie als Orientierung an sozialen Notwendigkeiten? Charlie Chaplin bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit anderen oder uns selbst zu fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist Leben.“6

Unser persönliches Lebenskonzept bestimmt, von was wir die Nase voll haben, was wir verdrängen und vermeiden, was uns bremst, aufregt oder was wir auf andere übertragen. Es bestimmt, wofür unser Herz schlägt, was wir wahrnehmen und was wir aussenden. Dieses Lebenskonzept von uns ist beeinflusst durch die Solidarität mit unserem Familiensystem, unseren Glaubenssätzen und unserer Lernerfahrung aus unserer Umwelt. All das beeinflusst direkt oder indirekt unser Verhalten und das unserer Hunde, sowie die Art wie wir alle lernen. Je mehr Herausforderungen ganzheitlich betrachtet werden, je mehr Veränderung wird selbstbewusst und authentisch möglich, weil alle Faktoren miteinbezogen werden. Auch Hunde bekommen von ihrer Umwelt keinesfalls nur positive Antworten und sicher nicht immer das, was sie wollen. Warum also wird in der Beziehung von Mensch und Hund so viel Wert auf ein Bestätigungs- oder Belohnungssystem gesetzt – und das in manchen Situationen ganz klar auf Kosten einer ehrlichen sozialen Kommunikation? Das eine Belohnung in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll und förderlich sein kann, steht außer Frage.

Ein Beispiel: Es ist ein gravierender Unterschied, ob sich ein Hund entspannt auf eine Decke legt, weil ihm vermittelt wird, dass die Couch in diesem einen Moment nicht angesagt ist oder ob ein Hund nur von der Couch geht, weil er etwas dafür bekommt. Ein klares Nein sollte hier vom Hund akzeptiert werden und ist auch alles andere als dominant oder aversiv. Wenn diese recht einfache Situation in ruhiger Umgebung schon zum Problem aufgebauscht wird, was passiert, wenn es einmal wirklich um etwas geht? Wie würden wir alle miteinander umgehen, wenn jeder Mensch gleich ausrasten würde, wenn er einmal nicht seine Wünsche erfüllt bekommt, oder sich vielleicht abgelehnt fühlt, weil etwas anderes gerade Vorrang hat?

Jede Betrachtung, sobald sie die Mitte verlässt, ist mehr oder weniger einseitig. Wenn wir anfangen, über den Tellerrand zu denken, um unsere eigene Motivation für unser Verhalten zu hinterfragen, können wir auf hilfreiche Antworten kommen. Vor allem auf Antworten, die uns selbst miteinbeziehen und das ist mehr als fair, insbesondere unseren Hunden gegenüber. Wir alle sind mehr oder weniger damit aufgewachsen, dass uns unser Umfeld oder die Gesellschaft Regeln auferlegt hat, ohne sich selbst dabei zu hinterfragen. Dagegen haben wir vielleicht selbst oft ohne Erfolg blockiert, uns ungerecht behandelt gefühlt und nicht wenige Menschen versuchen nun, ihren Hunden ein Leben ohne Regeln zu ermöglichen. Dass das nicht grundsätzlich funktioniert oder zumindest Folgen hat, sollten wir ehrlich erkennen, damit auch unsere Hunde ehrliche Orientierung bei uns finden können.

Ganzheitlich-systemische Betrachtung von Menschen und Hunden bedeutet, zu schauen, wo eigene Vorstellungen oder Emotionen übertragen werden und an welchen Stellen Grenzen überschritten werden, sei es die von anderen Menschen, Familienmitgliedern oder den Hunden selbst. Aber auch, wie Menschen ihre Ressourcen nutzen können, um – ohne Schuldzuweisung – mit Gefühl und Empathie fair und angemessen handeln zu können. Gewalt ist nie eine Lösung, angemessen und wichtig ist es jedoch, seinem Hund gegenüber klar aufzutreten und Entscheidungen zum Wohle der Gemeinschaft zu treffen, um diese letztlich auch schützen zu können.

Für mich und meine Kunden habe ich im Zusammenhang mit Hunden folgende Leitsätze zusammengefasst, vielleicht finden Sie diese auch für sich hilfreich:

 So liebevoll wie möglich aber auch so klar wie nötig.

 Sie können Ihrem Hund all das erlauben, was Sie ihm ohne Stress verbieten können.

 Ein faires und klares angemessenes Nein aus ehrli chen Beweggründen ist authentisch und verhindert viel Leid und unnötige verunsichernde Diskussionen. Und bekanntlich kann oft erst ein klares Nein ein entspanntes Ja an anderer Stelle ermöglichen.

Als unser ältester Hund noch lebte, konnten wir erleben, wie souverän und ruhig dieser oft unseren heute dreijährigen, noch schnöseligen Rüden geführt hat. Es brauchte nur einen Blick vom „Chef“ und er hat sich, wenn sein Handeln unangemessen war, in seiner Absicht zurückgenommen und konnte sich schnell wieder entspannten. Dieser Blick wurde immer erst dann vom „Chef“ weggenommen, wenn unser Jüngster sich wirklich entspannte und die gesetzte Grenze akzeptierte, und nicht nur, weil er mit etwas aufhörte, was dabei sehr entscheidend ist. Grundsätzlich hatte der Kleine aber immer erstaunlich viele Freiheiten. Wir haben immer belustigt gesagt, dass sich unser „Chef“ bestimmt erinnern kann, selbst einmal jung gewesen zu sein.

Eine weitere kleine Geschichte aus unserem Alltag, die sich zwischen unserem Jüngsten und unserer Hündin abspielte, veranschaulicht sehr gut, dass es für Hunde etwas ganz Normales ist, dem anderen klare und unmissverständliche Ansagen zu erteilen. Ein Nein ist ein Nein und sollte so kommuniziert werden, dass es der andere auch als solches versteht. Ich gab jedem Hund eine Kaustange, womit sich beide ins Wohnzimmer verzogen. Unser Jüngster war wie immer früher fertig und ging, in der Hoffnung etwas abstauben zu können, in die Richtung unserer Hündin. Puh, das wurde ganz schön laut, ohne dass er die geringste Chance gehabt hätte, auch nur in die Nähe der Kaustange zu kommen. Die Hündin weiß sehr genau, wie schnell er sein kann und wie ernst er es meint, wenn ihm etwas wichtig ist. Nach ihrer Ansage klappte unser Schnösel die Ohren ein und verzog sich wieder, er gab ihr Raum und akzeptierte ihr Nein.

Die Beziehung zwischen den beiden Hunden hat sich dadurch vielleicht sogar noch intensiviert. Sie mögen sich nach wie vor sehr, spielen und toben miteinander und man kann spüren, dass beide füreinander da sind. Das ist angemessenes soziales Lernen in der Art wie Hunde kommunizieren.

Die heftige Reaktion in Bezug auf die Kaustange entstand sehr situativ aus dem sozialen Kontext heraus. Hätte sie ihn gelassen, dann hätte er die Entscheidung, die Kaustange einfach wegnehmen zu können, mit der Zeit möglicherweise auf andere Dinge übertragen. Ich weiß, dass ein anderer Hund mit anderer Motivation ganz bestimmt einen Teil der Stange von ihr bekommen hätte. Wenn mir beispielsweise beim Kochen etwas herunterfällt und ich das freigebe, auch dazu ist oft kein Wort von mir nötig, teilen sich die beiden Schnauze an Schnauze die Krümel völlig ohne Anspannung. Es kann daran liegen, das es keinem von beiden so wirklich wichtig ist in dem Moment, vielleicht sogar auch, weil es „meine Krümel“ sind. Es kommt hier ganz auf den sozialen Kontext und die Präsenz an, und liegt weit entfernt von irgendeinem Kommando, was ein Mensch seinem Hund geben könnte, um ihm klarzumachen: So geht es nicht. Dabei geht es auch nicht um eine ausschließlich positive Kommunikation, sondern um Grenzen und Regeln, und vor allem um Respekt.

Wir Menschen neigen oft dazu, unsere vorgefertigte Meinung in solche Situationen einzubringen. Wir bewerten, verurteilen oder interpretieren unsere eigene Gefühlswelt hinein. Für mich persönlich haben solche Situationen aber weder mit Gewalt noch mit Rudelchef-Gehabe zu tun. Vielmehr geht es darum, ganz unabhängig von einer positiven oder negativen Beurteilung, für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Hund zu sorgen. Situativ ist es für uns als Hundehalter und damit als Verantwortliche somit unumgänglich, Grenzen zu setzen.

Ein rein autoritärer Erziehungsstil konzentriert sich auf Regeln, Macht und Dominanz, während ein liberaler (permissiver) Erziehungsstil Liebe, Zwanglosigkeit und Toleranz in den Fokus stellt. Der Mittelweg ist die sogenannte autoritative Erziehung: Sie ist kontrollierend mit klaren Regeln, beinhaltet aber Zuneigung, Empathie und Toleranz für die Bedürfnisse der Gemeinschaft. In dem Artikel Wattebausch oder Grenzen setzen der Zeitschrift Partner Hund, schreibt Thomas Baumann: „Einem Hundehalter, dem viel an der Lebensqualität seines Vierbeiners – und damit auch an seiner eigenen – liegt, wird bei gegebener Notwendigkeit erzieherisch sehr wohl angemessen reglementieren und damit auch der Anwendung vorübergehender Zwänge offen gegenüberstehen.“7 Thomas Baumann geht in seinem Artikel insbesondere auf die aussagekräftige Studie von Carolin Donath des Universitätsklinikums Erlangen ein, die an über 44.000 Kindern durchgeführt wurde, um die Lebensqualität der jeweiligen Erziehungsstile zu hinterfragen.

Der Mittelweg in der Erziehung zeigte hier die höchste Lebensqualität und scheint schweren seelischen Krisen vorzubeugen. Mit diesem Mittelweg, sprich dem autoritativen Erziehungsstil, ist gemeint, dass ein Hundehalter vor allem ruhig, klar und souverän agiert und sich auch nicht aus der Ruhe bringen lässt, selbst wenn der Hund aufgrund von nicht erlernten Regeln und Grenzen völlig überdreht. Genau das verunsichert und stresst viele Hunde, weil sie die Gründe und die Art und Weise dafür natürlich nicht einschätzen können. Hunde können sehr gut wahrnehmen, dass ein emotional-aufgeladenes und aufgeregtes Verhalten nicht angemessen und souverän ist. Gerade ängstliche oder traumatisierte Hunde brauchen ein klares und ausgeglichenes Umfeld, um ihre inneren Spannungen heilend auszugleichen.

Auch im Umgang mit Kindern findet langsam ein Umdenken statt: So ist Michael Winterhoff, Jugendpsychiater und Bestsellerautor des Buches Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden der Meinung, dass heute Eltern und Großeltern oft Angst vor Konflikten haben, ohne dass dabei von ihm eine Schuldzuweisung erfolgt. Er ist der Meinung, dass sie denken, nicht mehr geliebt werden, wenn sie mal nein zu einem Kind sagen. Mehr und mehr lustorientierte Kinder können immer weniger die natürlichen Grenzen der Gesellschaft (zum Beispiel am späteren Arbeitsplatz) aushalten – und das hat weitreichende Folgen für die Gesellschaft. Er beobachtet in seiner Praxis, dass Kinder kaum noch soziale Kompetenzen lernen, weil sie sich immer weniger anpassen müssen. Er beschreibt sehr eingehend die Folgen von Stresserkrankungen in der Gesellschaft und die entsprechenden Negativwirkungen auf Kinder. In seinem Buch Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder Die Rückkehr zur Intuition betrachtet Winterhoff eher systemisch, wie Eltern wieder mehr zu ihrer Intuition finden können: „Meine Arbeit als Kinderpsychiater hat demgegenüber einen ganz anderen Schwerpunkt. Ich mache mir nicht so sehr Gedanken über die Stile und Methoden, spreche auch nicht über die beliebten Themen Disziplin, Ordnung und Grenzen setzen oder andere Standardthemen der Diskussion. Ich beschäftige mich mit der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern, stelle die Frage, ob Kinder im Erwachsenen heute noch in ausreichendem Maße ein Gegenüber vorfinden, an dem sie sich orientieren und entwickeln können.“8

Auch Dorit Feddersen-Petersen, eine der führenden Ethologinnen weltweit und Fachtierärztin für Verhaltenskunde, schreibt: „Hunde waren und sind erfolgreich. Sie können unsere analoge Kommunikation „lesen“ und entsprechend reagieren. Leider spielt für die meisten Hundehalter das nonverbale Ausdrucksverhalten im Umgang mit dem Hund nicht mehr die verdiente Rolle. Sie reden und reden und nehmen sich körperlich (sogar bewusst!) zurück. Und die Intelligenz des Unbewussten, die Intuition oder das Bauchgefühl kommt zu kurz. Intuitiver Umgang mit Hunden ist nicht modern. Modern sind psychologische Techniken und Instrumentalisierungen von Hunden, am besten mittels dieser und jener Gerätschaften. Das wirkt so kompetent, da ausgerüstet.“9

Wenn wir Veränderungen wünschen, ist es hilfreich zu erkennen, dass Hunde nicht wie wir Menschen nach wertenden Emotionen kommunizieren: Sie teilen ihrem Gegenüber einfach in wohlwollenden Zusammenhängen mit, was der andere zu lassen hat und sorgen damit im Familienverband für Klarheit und Ausgeglichenheit. Um dies auf tiefer emotionaler Ebene zu verstehen, sollten wir uns Fragen stellen, die sich auf uns selbst beziehen: Warum nehmen wir selbst viele Dinge mit so viel Emotion wahr? Warum werten wir vieles und vermeiden damit ehrliche Kommunikation? Warum bleiben wir oft in der Betrachtung der Probleme und Auffälligkeiten emotional hängen und geben damit einer Entwicklung nicht den angemessenen Raum? Sind wir bereit, auf andere Dinge in unserem Leben zu schauen, wenn die Beschäftigung mit den Problemen der Hunde nicht mehr nötig wäre?

Hunde beobachten uns den ganzen Tag. Sie wissen oftmals mehr über uns, als wir glauben. Ganz einfach deshalb, weil es für sie von Vorteil ist, wenn sie uns besser verstehen. Wir sollten uns allein schon aus Respekt gegenüber unseren Hunden bemühen, uns gut über ihre Bedürfnisse und ihre Kommunikation entsprechendes Wissen anzueignen. Dies kann für unser ganzes Familiensystem nur von Vorteil sein. Natürlich sind wir Menschen keine Hunde: Diese Tatsache aber auf alle Lebensbereiche zu projizieren macht das Zusammenleben schwer, Hunde sind wie Menschen hochsoziale Wesen. Wie oft interpretieren wir aus unseren persönlichen Gründen heraus das Verhalten unseres Hundes als unsozial, nehmen Unsicherheit als Ängstlichkeit wahr oder verstehen ein klares Agieren bereits als Dominanz. Wenn wir Probleme in der Kommunikation mit unseren Hunden haben, ist ein Blick auf uns selbst eine Möglichkeit, den eigenen Blickwinkel zu verändern oder zu erweitern. Dadurch erhalten wir wiederum Möglichkeiten, Probleme und Konflikte im Sinne der Gemeinschaft zu lösen.

Doch nochmal zurück zu unserem Jüngsten, unserer Hündin und der Kaustange, von der er nichts abbekommen sollte: Ich behaupte, jeder von uns würde sein Brötchen abgeben, wenn jemand uns darum bitten würde, insbesondere wenn ersichtlich ist, dass der andere wirklich Hunger hat oder es ihm nicht gut geht. Aber wie würden wir reagieren, wenn sich jemand einfach unser Brötchen aus der Hand nehmen würde – ohne eine Erklärung oder Bitte. Ich nehme an, dass dies wohl jeder als respektlos empfinden würde. Genau auf dieses Verhalten, also die Einstellung dazu, hat unsere Hündin reagiert und das ist der entscheidende Punkt. Wäre es anders gewesen, hätte ich ganz bestimmt eingegriffen und zwar ihr gegenüber.

Wir kennen es alle: Ein Hund setzt in vielen Situationen ein bestimmtes Kommando zuverlässig um, doch auf einmal taucht ein Reiz auf, der offenbar spannender ist als wir. Plötzlich ist es dem Hund unmöglich das Kommando zu befolgen und wir als Mensch sind völlig irritiert. Entgegen allen Konditionierungsgrundsätzen passiert in anderen Situationen folgendes: Wir selbst sind entspannt und verlangen das gleiche vom Hund. Ein Satz wie „Nun leg dich doch mal endlich hin“, kann in dieser Situation zur sofortigen Beruhigung des Hundes führen und er kann sich womöglich wirklich hinlegen. Hunde geben uns immer Antworten, die Frage ist nur, wie wir ihr Verhalten interpretieren.

Warum Hunde so unterschiedlich reagieren, kann an bisherigen Lernerfahrungen, gesundheitlichen Faktoren, fehlender Führung, Stress, Aufregung, Angst oder Traumata und noch vielem mehr liegen. Vielleicht hat ein Hund einfach nur gelernt, dass er sowieso bekommt, was er möchte, ganz unabhängig davon, wie oft er etwas gesagt bekommt (Habituation/Gewöhnung) oder er fühlt genau, wenn wir etwas nicht wirklich ernst meinen (Intuition/Energie/Ausstrahlung/Schwingung). Im komplexen Zusammenleben von sozialen Wesen braucht es oft viel mehr als nur Training, nach welchen Überzeugungen und Methoden auch immer. Eine ganzheitliche Herangehensweise kann oft ungeahnte Möglichkeiten und Blickwinkel eröffnen, die vieles in Bewegung bringen können.

Hinreichend bekannt ist beispielsweise auch, dass Kinder oft nicht lernen können, weil sie gesundheitliche Probleme oder Konflikte mit Mitschülern, Lehrern oder Eltern haben. Liegen die Ursachen für derartige Schwierigkeiten an anderen Eckpunkten, ändert sich auch durch ein gut gemeintes und aufwendig kreiertes Angebot an Smileys aus den Grundsätzen der Lerntheorie für den Schüler kaum etwas an seinem Lernverhalten. Das betroffene Kind wird schlicht und ergreifend nicht wirklich „gesehen“, d. h. den wirklichen Gründen für sein Verhalten wird nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.

Eine Kundin von mir, die Lehrerin ist, erzählte mir vor kurzem Folgendes: Ihr Schüler hatte wochenlang auffällig Probleme, dem Unterricht zu folgen. Die Lehrerin sprach mit den Eltern, die aber nicht erkennen konnten, was der Grund dafür sein könnte. Als die Beurteilung anstand, welche weiterführende Schule der Schüler besuchen sollte, spitzte sich die Lage zu und der Schüler klagte über Migräne. Weil sie mehr und mehr systemisch dachte, deckte sich in einem Gespräch mit den Eltern schnell auf, warum der Schüler so unter Druck stand. Die Mutter hatte enorme Probleme zu akzeptieren, dass die Lehrerin kein Gymnasium empfehlen konnte. Der Schüler wollte die Bedürfnisse der Mutter jedoch trotz Überforderung erfüllen. Diese inneren Prozesse klärten sich erst, als er dadurch sogar krank wurde. Als das der Mutter bewusst wurde, konnte sie ihren Wunsch loslassen, besuchte mit ihrem Sohn eine Realschule und die Lage beruhigte sich völlig. Die letzten Wochen in der Grundschule waren sehr entspannt für alle. Hier hätte es nicht das Geringste gebracht, den Sohn mit Keksen oder Geschenken zu motivieren, damit er dem Unterricht folgt. Ohne die unbewusste emotionale Sichtweise der Mutter gab es für den Sohn keinen Druck mehr, die Migräne trat nicht mehr auf. Dies hat aber nichts mit Schuld zu tun: So hatte die Mutter sehr nachvollziehbare Gründe, über die sie dann liebevoll mit dem Sohn sprechen konnte. Sie konnte durch die gesundheitlichen Folgen des Sohnes ihre Sichtweise vom Leben des Sohnes trennen, denn wo steht, dass jemand weniger glücklich und erfolgreich sein wird, wenn er nicht das Gymnasium besucht? Das, was für den einen stimmig ist, muss daher noch lange nicht für einen anderen passend sein.

Wenn wir beim Umgang mit unseren Hunden stärker den sozialen Aspekt erfassen, der viel mehr bedingt als positive Bestätigung, dann binden wir uns selbst in die Handlung mit ein. Hunde brauchen uns als fühlende ganzheitliche Wesen, die Klarheit vermitteln und sich selbst reflektieren können. So schreibt Dorrit Feddersen-Petersen: „Wir schulden unseren Hunden ein klares Verhalten, initiativ wie reaktiv. Unklarheiten unsererseits stehen für Spannungen und sind ursächlich für Konflikte zu sehen. Über Drill, wie „Fuss“- oder „Platz“-Befehle, wird natürlich kein Missverständnis, kein „Problemverhalten“ beseitigt.“10

Als Hundehalterin, Hundesportlerin und Hundetrainerin habe ich viele Dinge erlebt. Ich habe einige Jahre in einem sehr guten Hundesport-Verein mit meinen zwei älteren Hunden trainiert und bestimmte Prüfungen abgelegt, so lange es der Lockerheit wegen meinen Hunden Spaß machte. Aus den Erfahrungen dieser vielen Jahre sind mir die Möglichkeiten, Grenzen und komplexen Wechselwirkungen von Lernverhalten völlig bewusst. Aus einigen Kursen und Prüfungen nach Lind-Art kann ich nachvollziehen, wieviel Einfluss in jeglicher Richtung Motivation und Körpersprache bei Hunden haben können. Ich habe aber auch Menschen in Bereichen der Ausbildung und Erziehung erlebt, die ganz klar Gewalt verherrlichten, die das jedoch oftmals selbst nicht so wahrnehmen konnten. Ebenso war ich nicht selten überrascht, wie offen diese Menschen ihre wirklichen Beweggründe erkennen und überdenken können, wenn sich jemand ehrlich und ohne Wertung dafür interessiert. An vielen Stellen hat es für alle Beteiligten einiges bewegen können und es waren für mich sehr wichtige Erfahrungen, die heute in meiner Beratung sehr hilfreich sind.

Natürlich ist es für uns alle trotzdem nicht immer leicht, völlig wertfrei zu empfinden und demnach zu reagieren, aber uns dessen mehr bewusst zu sein, wäre ein riesiger Schritt des Umdenkens. Wie schnell wir alle dabei sind, etwas zu bewerten oder zu beurteilen, kann vielleicht die folgende Begegnung aus meinem Alltag zeigen: Vor kurzem traf ich auf einem Spaziergang zwei Hundehalterinnen, die ich kaum kannte. Eine der beiden hielt ihre Hündin mit wenigen Signalen bei sich. Ich dachte spontan: „Wow, super, das kann leider nicht jeder“. Die zweite Hundehalterin sagte zu ihr: „Lass deinen Hund doch laufen, du bist aber streng, er will doch bestimmt mit den anderen spielen, das ist wichtig für Hunde“. Als ich nachfragte, warum die erste Halterin ihren Hund bei sich behielt, erklärte sie: „Mein Hund hat sich gestern vertreten und der Tierarzt meinte, dass sie im Moment nicht schnell laufen oder toben soll“. So waren wir beide in der Wertung, ich weil ich in den Trainermodus geschaltet habe, die andere Hundehalterin aus Mitleid zum Hund. Als wir das erkannten, mussten wir lachen, tauschten uns über viele Dinge aus und es wurde für alle ein sehr schöner Spaziergang mit vier Hunden.

Hilfs- und Allheilmittel in der Hundeerziehung

„Erst wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, macht sich auf den Weg zur persönlichen Freiheit.“

Konrad Lorenz

Ein bekannter Trend zur Problemlösung ist die Suche nach dem „einzigen Hilfs- oder Heilmittel“ in der Hundeerziehung. Dies hat zur Folge, dass oftmals die Gründe für Emotion und Verhalten bei Mensch und Hund nicht mit einbezogen werden. Es kann viele Gründe geben, warum einem Hilfs- oder Heilmittel so viel Bedeutung beigemessen wird. Manche Konsequenz daraus kann uns elementar schädigen, allein dadurch, wie wir damit umgehen. Ein bekanntes Beispiel ist der Patient, der vielleicht aus Angst vor dem Zahnarzt nur Schmerzmittel einnimmt, um die Symptome „wegzubekommen“ und eine gleichzeitige körperliche als auch psychische Behandlung ablehnt. Er sieht die Medikamente dabei möglicherweise nicht als wichtige Hilfe an, sondern als Heilmittel. Jedoch ist sehr offensichtlich, dass hier lediglich das Symptom des Schmerzes behandelt wird, nicht aber den Ursachen auf den Grund gegangen wird – so, als würde man eine rot blinkende Lampe im Auto mit einem Pflaster überkleben, damit sie einem beim Fahren nicht mehr stört. Bei Zahnschmerzen und alleiniger Einnahme von Schmerzmitteln alleine kann sich jeder vorstellen, was die Folgen sein können, wenn der Zahn nicht behandelt wird.

Übrigens: Bei einer nicht seltenen Fehlfunktion im Bereich des Kausystems, (Kraniomandibuläre Dysfunktion) gehen die Symptome einer Funktionsstörung (CMD-Symptome) häufig über den Bereich des Kopfes hinaus, da die Muskeln des Kausystems über Funktionsketten mit der Wirbelsäulenmuskulatur in Verbindung stehen. Symptome wie Schwindel, Tinnitus, Nacken-, Schulter- oder Armschmerzen, Probleme im Bereich der Wirbelsäule, Migräne, Trigeminusneuralgie oder Kopfschmerzen können die Folge sein. Auslösende und unterhaltende Faktoren beziehen sich auf biologische, psychische und soziale Elemente wie zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen, emotionalem Stress, Schlafstörungen und vieles mehr.

Manche Zahnärzte haben spezielle Messgeräte, um das Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer (Okklusion) zu untersuchen. Bei Pferden zum Beispiel werden diese Zusammenhänge bereits von vielen Tierärzten mit in Betracht gezogen. Bei Menschen oder Hunden ist es scheinbar nicht so bekannt.

Uns allen fällt es oft schwer, herauszufinden, warum unsere Hunde oder wir selbst uns einmal so und in anderen Situationen ganz anders verhalten oder empfinden. Da viele innere Prozesse und äußere Faktoren sich gegenseitig beeinflussen, brauchen wir den Blick von außen – ob vom Hundetrainer, Tierarzt, Heilpraktiker, Therapeut oder auch vom Partner oder Freund. Es ist scheinbar einfacher, zu interpretieren, was Hunde mit ihren Verhaltensweisen zeigen, als den wahren Gründen auf die Spur zu gehen. Wir Menschen neigen einfach dazu, Dinge zu verallgemeinern: Wer das macht, ist so und so. Wer sich so zeigt oder das so sagt ist so und so. Wer das einmal macht, der tut das immer wieder. Dabei fügen wir oftmals unsere persönlichen Emotionen und Glaubenssätze ein, die ihre Ursache in unseren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen haben. Doch leider werden bei solchen Betrachtungen viele gute Chancen vergeben, voneinander zu lernen.

Ein immer wieder aufkommendes Thema im Hundetraining ist die Ablenkung mit Hilfsmitteln. Wer seinen Hund ausschließlich und grundsätzlich nur mit Hilfsmitteln wie beispielsweise Futter und Spielzeug von bestimmten oft komplexen Handlungen ablenkt, wird merken, dass er maximal dieses eine Verhalten verändern kann, die Ursache jedoch oft offenbleibt. Was uns dabei nicht immer bewusst ist: Wir haben dem Hund etwas beigebracht, um letztlich einen bestimmten Konflikt zu vermeiden. Ich habe viele Hunde erlebt, die vor lauter Stress und Frust zum Beispiel Löcher in Türen gebissen haben oder bei jeder Bewegung auf der Straße oder im Haus bellten. In der Wohnung verteilt waren diverse Bälle, Spielzeug und Futterbeutel zu finden, damit es für die Menschen zumindest möglich war, mal einen Kuchen ungestört essen zu können.

Ich habe nicht wenige Hunde erlebt, die zum Beispiel immer ganz „nett“, aber sehr nervig Besucher belagert und bedrängt haben, deren Halter jedoch nie versucht haben, den Hund ernsthaft davon abzuhalten, obwohl das Verhalten des Hundes alle sehr einschränkte. Das ist eine definitiv unterwürfige, also subdominante Haltung der jeweiligen Hundehalter der Situation gegenüber, weil es die Freiheit der Hundehalter und der Besucher einschränkt, auch der Hund hat dabei massiven Stress.

Bei so manchem Hausbesuch habe ich dieses Verhalten des Hundes nach ausführlichen Erklärungen zum ersten Mal dem Hund gegenüber in Frage gestellt, wobei auch einige Hunde auf „Ernst“ umschalteten. Es reichte völlig aus, ein wenig Raum einzunehmen, schon war das Ende der Frustrationstoleranz erreicht. Ich reagiere intuitiv in solchen Situationen, bewege mich nicht und nehme beharrlich und selbstbewusst Raum ein. Eine solche, durchaus ernstzunehmende Situation, die auch im Alltag völlig unbewusst auftreten kann, kann schnell eskalieren und sogar zu Verletzungen führen. Vielen Hundehaltern wurde in diesem Moment erst bewusst, wie sehr sie die Gesamtsituation unterschätzt haben und wie viele nicht erkannte Probleme in der Kommunikation und im Zusammenleben mit dem Hund überhaupt zu diesem massiven Stressverhalten geführt haben. Die veränderte Wahrnehmung setzte bei den Hundehaltern dann meist einen Prozess in Gang, der ihnen heute ein stressfreies Leben mit ihrem Hund ermöglicht.

Dem Hund empathisch über soziale Grenzen zu helfen, sich angemessen und stressfrei verhalten zu können, ohne den Konflikt zu vermeiden, ist eine andere Sichtweise als ihm etwas beizubringen oder ihn von etwas abzulenken. Dafür braucht es keineswegs den ohnehin völlig missverstandenen „Alphawurf“ oder den für einige als Allheilmittel angewendeten Schnauzgriff oder irgendwelche anderen Hilfsmittel. Richtig angewendet sind Hilfsmittel jedoch alles andere als falsch, aber es sollte kritisch hinterfragt werden, wie sinnvoll ihr Einsatz bei dem einzelnen Tier wirklich ist. Verhilft also beispielsweise ein Hilfsmittel, das auch eine Futterbelohnung sein kann, zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit beim Hund, ist der Einsatz durchaus gerechtfertigt. So sollte kein Hund weggesperrt werden, wenn Besuch kommt, vermeidet das doch eher den Konflikt anstatt ihn zu lösen. Hunde, die in solchen Situationen lernen, sich ruhig zu verhalten und deren Bedürfnisse geachtet werden, haben deutlich weniger Stress.

Wenn wir uns selbst fragen, wie wir damit umgehen, wenn uns Umstände zwingen, ruhig und gelassen zu bleiben, erschließen sich nicht selten Zusammenhänge. Können wir als Beispiel selbst gelassen die Zeit im Auto nutzen und vielleicht gute Musik genießen, wenn wir im Stau stehen? Oder sind wir eher genervt, werden unruhig oder rasten sogar aus und wollen mit allen Mitteln aus der Situation heraus? Mit welchem Stresspegel kommen wir dann zu spät zu einem Termin, wenn es sich nicht vermeiden lässt?

Wer zum Beispiel den Begriff „Balljunky“ verharmlost, nimmt in Kauf, seinen Hund in eine Sucht zu befördern. Auch, wenn nicht jeder Hund, der mit dem Ball beschäftigt oder motiviert wird, gleich ein „Junky“ ist. Doch die Anzeichen eines Suchtverhaltens sollten wir ehrlich erkennen können und wollen. Wenn ein Hund angespannt ist und sich wie ferngesteuert bewegt, kaum noch in der Lage ist, zu kommunizieren, dann ist es höchste Zeit, den Ball zu verbannen. Über den Suchtcharakter und die möglichen Gefahren, die sich aus dem Ballspielen ergeben können, meint die Verhaltensexpertin Dorit Feddersen-Petersen: „Gefährlich wird das urbane Leben für Hunde und Menschen insbesondere dann, wenn letztere sie, ob bewusst oder nicht, immer wieder auf das Apportieren von Bällen und ähnlichen Objekten konditionieren, wenn das Hinterherlaufen zum selbstbelohnenden »Suchtmittel« wird. Handlungsketten des Beutefangs sind es nicht selten, wenn Menschen, insbesondere Kinder, durch Hunde attackiert werden.“11

Auch für uns Menschen bedeutet ein motivierendes, tolles Hobby eine wunderbare Sache, aber ist sie das noch, wenn wir ihr jeden Tag nachgehen würden oder wir dieses Hobby so intensiv betreiben würden, dass kaum noch Zeit für etwas anderes bliebe? Welche Kommunikation ist für uns selbst noch möglich, wenn unsere Wahrnehmung durch unsere Sichtweise, immer aktiv sein zu müssen, überlagert ist? Denken Sie nur einmal daran, wie wir uns oft verhalten und kommunizieren, wenn wir einmal etwas „über den Durst“ getrunken haben. Die meisten können natürlich die Grenze zwischen Sucht und Gelegenheitstrinken erkennen, aber die Grenze zwischen psychischer und physischer Abhängigkeit ist oft fließend. Den häufig gehörten Satz „Aber der Hund muss doch bewegt und beschäftigt werden …“ beantworte ich mit der Frage: „Was brauchen Sie, um auf einem gemeinsamen Spaziergang für Entspannung und Ausgeglichenheit zu sorgen?“. Verbinden und motivieren sich doch gerade solche Momente auf der sozialen Ebene.

Aus der Gehirnforschung ist erwiesen, dass in einem wachen, aber entspannten Zustand das Gehirn in den sogenannten Alpha-Zustand umschaltet. Alphawellen gehen von der rechten Gehirnhälfte aus und sind Grundlage für Kreativität. Wir können leichter mit Stress umgehen und stärken unser Immunsystem, indem unser Körper Botenstoffe, wie zum Beispiel Serotonin, freisetzt, die für das Empfinden von Glück und Freude verantwortlich sind. Unser Herzschlag wird ruhiger, der Blutdruck sinkt und die Atmung wird regelmäßig und tief. Dieser entspannte und ausgeglichene Zustand wirkt sich natürlich auch auf unsere Hunde aus.

Themen wie übermäßiges Jagdverhalten, Ziehen an der Leine, unangemessenes Sozialverhalten oder Ängste belasten viele Hundehalter im Umgang mit ihrem Hund enorm. Und das, obwohl die Hundeschulen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Der Bedarf ist groß und inzwischen bieten nicht nur Hundesportvereine, sondern auch Hundeschulen ratsuchenden Hundehaltern eine breite Palette an Sport- und Freizeitangeboten. Am Montag geht es zum Obedience, mittwochs steht Schnüffelstunde auf dem Programm und am Samstag ist Agility angesagt. Ein gut gefüllter Stundenplan trägt dafür Sorge, dass es dem Hund gut geht und er ausreichend beschäftigt wird. An dieser Stelle erlaube ich mir die Frage, ob dieser Drang, den Hund beschäftigen und auslasten zu müssen, wirklich sinnvoll ist? Oder ob man damit nicht erst recht Aufregung und Nervosität bei Hund und Mensch fördert? Eine pauschale Antwort kann es hier nicht geben, aber wenn wir unsere Fähigkeiten der Wahrnehmung schulen und genau hinsehen, wird uns das für uns und unsere Hunde Aufschluss geben können, ob das individuell angemessen ist. Wir wissen von uns selbst, dass ein jeweils gesundes Maß an Ruhe und Bewegung viel zu unserer Lebensqualität beiträgt. Auch darin können Hunde in unserem Leben so tolle Lehrer sein, wenn wir bereit sind, sie als solche anzunehmen.

Hundeerziehung wird schwierig, wenn zum Beispiel die Konzentration auf das Deuten von Beschwichtigungssignalen als allheilende Erziehungsmethode betrachtet wird. Es handelt sich hier um Verhaltensanteile, die Hunde schon immer zur Kommunikation nutzten. Nicht alles ist Beschwichtigung, und die Frage bleibt oft offen, warum hier und dort beschwichtigt wird. So haben manche Hunde auch gelernt, diese Signale bewusst einzusetzen, weil sie die Erfahrung machten, dass wir darauf mit bestimmten Verhaltensweisen reagieren. Auch das können viele Trainer auf einen Blick erkennen oder sie fühlen es, weil sie vielleicht mehr wahrnehmen als das Auge allein erkennen kann, sie haben eine gute Intuition. Ein anderes Beispiel wäre die Theorie der Rudelstellungen, die derzeit von verschiedenen Hundeexperten sehr kontrovers diskutiert wird und zu der Sie auf folgender Webseite fachliche Informationen erhalten: www.rudelstellungen-klargestellt.de.

Im Detail ist es an dieser Stelle nicht nötig, darauf einzugehen, aber in Bezug auf die Themen dieses Buches ist es mir wichtig zu erwähnen, dass es bei dem Ansatz der Rudelstellungen durchaus Hundehalter und Trainer gibt, die ihre Hunde „ausgetauscht“ haben, weil sie aufgrund dieser Theorie nicht zueinander passten. Erlauben sie mir bitte die Frage, wie das mit der Einstellung zu unseren geliebten Familienhunden vereinbar ist. Auch hier scheint der Blick auf das ganze System, in dem wir und unsere Hunde leben, zu fehlen. Den Fragen nachzugehen, welche Umstände und Einflüsse sich wie und in welcher Form auf Hunde (und auch Menschen) auswirken und welche Möglichkeiten bestehen, etwas an der bisherigen Situation zu verändern, wäre meiner Meinung nach mehr als fair unseren Hunden gegenüber. So betrachtet die Theorie der Rudelstellungen nur den Hund allein und ignoriert die Rolle und den Einfluss des Menschen.

Jeder Hundehalter hat sicherlich ganz verständliche Gründe, warum er seine Verantwortung gegenüber seinem Hund, zumindest teilweise, an eine bestimmte „Methode“ abgibt. Aber es bleibt beim Thema Verantwortung die Frage nach der Betrachtung der Themen aus dem gesamten Familiensystem, zu dem auch unsere Hunde gehören.

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