Kitabı oku: «Die Begine und der Siechenmeister»
Silvia Stolzenburg
Die Begine und der Siechenmeister
Historischer Kriminalroman

Zum Buch
Der Tod geht um Bereits vier Monate sind vergangen, seit Bruder Lazarus nach Rom beordert wurde, um den Oberen des Heilig-Geist-Ordens Rede und Antwort zu stehen. Seine heimliche Liebe, die junge Begine Anna Ehinger, bangt jeden Tag um ihn. Um sich abzulenken, arbeitet sie mehr denn je im Spital. Doch nachdem Lazarus aus Rom zurückgekehrt ist, begegnet er Anna mit einer für sie unbegreiflichen Kälte. Während die Trauer an ihr nagt, sucht eine Reisende Schutz bei den Beginen, deren Zustand sich schnell so verschlechtert, dass sie ins Spital eingeliefert werden muss. Dort verstirbt sie und bereits in der folgenden Nacht verschwindet ihr Leichnam aus der Spitalkapelle. Unterdessen tauchen kopflose Leichen in der Stadt auf, und bald machen Gerüchte über Menschenfresser und Wiedergänger die Runde. Als Anna auf dem Weg zum Funden- und Waisenhaus eine weitere Leiche entdeckt, gerät sie in höchste Gefahr. Denn derjenige, der für die Morde verantwortlich zu sein scheint, sperrt sie ein und fordert ihre Hilfe bei einem dämonischen Ritual …
Dr. phil. Silvia Stolzenburg studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Tübingen. Im Jahr 2006 promovierte sie dort über zeitgenössische Bestseller. Kurz darauf machte sie sich an die Arbeit an ihrem ersten historischen Roman. Sie ist hauptberufliche Autorin und lebt mit ihrem Mann auf der Schwäbischen Alb, fährt leidenschaftlich Mountainbike, gräbt in Museen und Archiven oder kraxelt auf steilen Burgfelsen herum – immer in der Hoffnung, etwas Spannendes zu entdecken.
Impressum
Dieses Buch wurde vermittelt durch die
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Lektorat: Sina Deter
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Bilder von: © Elnur / stock.adobe.com
und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rust_tijdens_de_vlucht_naar_Egypte,_Gerard_David,_16de_eeuw,_Koninklijk_Museum_voor_Schone_Kunsten_Antwerpen,_47.jpg
ISBN 978-3-8392-6726-4
Widmung
Für Effan, die beste Hälfte
Prolog
Rom, Anfang September 1412
Obwohl er aus dem winzigen Fenster seiner Zelle kaum etwas sehen konnte, reckte Bruder Lazarus sich an diesem sonnigen Septembermorgen auf die Zehenspitzen, um wenigstens einen Blick auf das glitzernde Wasser des Tibers zu erhaschen. Seit seiner Ankunft in Rom vor mehreren Wochen durfte er sein Gefängnis nur zu den Stundengebeten und Messen verlassen, die in der Hospitalkirche gehalten wurden. Der Komplex des Hospitals Santo Spirito in Sassia war auf einem weiträumigen Grundstück angesiedelt, das Lazarus aus seiner Zeit in Rom gut kannte. Es wurde von vier Straßen und einer Piazza umschlossen, bestand aus einem langgestreckten Bau, zahlreichen Innenhöfen mit Brunnen und kleinen Nebengebäuden. In dem Teil des Gebäudes, in dem Lazarus sich befand, herrschte vollkommene Stille. Nur das Lachen der jungen Männer unter den Zypressen am Ufer des Tibers wurde vom Wind in seine Zelle getragen.
Die Burschen wirkten unbeschwert und übermütig und schienen nur mit halbem Eifer bei der Arbeit zu sein. Während sie Netze in ihre Fischerboote warfen, sahen sie einer Gruppe junger Frauen hinterher, die tuschelnd die Köpfe zusammengesteckt hatten. Über ihnen wippten Vögel auf den Ästen der Bäume, die sich in der sanften Brise bewegten. Das Interesse der Frauen galt einer prächtigen Kutsche auf der Piazza, die von vier glänzenden Pferden gezogen wurde. Zwar war das Wappen auf den Türen aus der Entfernung nicht auszumachen, aber Lazarus vermutete, dass es sich um einen Sohn oder eine Tochter aus reichem Hause handelte. Immer wieder beklagten sich die Ordensmitglieder bei der Obrigkeit, dass einige Bürger den gebührenden Respekt in der Nähe der Hospitalkirche vermissen ließen. Doch diese Beschwerden stießen meist auf taube Ohren.
Mit einem Seufzen trat Lazarus vom Fenster zurück und kniete sich vor den kleinen Altar in der Ecke seiner Zelle. Während seine Finger eine Perle seines Rosenkranzes nach der anderen betasteten, flehte er um Vergebung für seine zahllosen Sünden. Die Strafe, die ihn erwartete, fürchtete er nicht so sehr wie den Zorn Gottes. Durch seine Schwäche, seine sündige Begierde für die Begine Anna, hatte er gegen das Gelübde des Gehorsams verstoßen. Als Mitglied des Heilig-Geist-Ordens war es ihm strikt untersagt, der fleischlichen Lust nachzugeben, auf einen Verstoß standen drakonische Strafen.
Die Gefühle, die er für Anna Ehinger hegte, quälten ihn trotz all seines Flehens um Läuterung immer noch. Allein die Erinnerung an ihre Berührung, ihre weichen Lippen, sorgte dafür, dass seine Körpersäfte ins Ungleichgewicht gerieten. Die Angst, die er ausgestanden hatte, als er fürchten musste, sie nie mehr lebend wiederzusehen, hatte ein Loch in sein Herz gefressen, das nicht mehr zu verschließen war. In den Momenten der Schwäche wünschte er sich nichts sehnlicher, als den Orden zu verlassen, um sie zu bitten, seine Frau zu werden.
Aber das war unmöglich.
Er vergrub das Gesicht in den Händen und betete immer verzweifelter. Ein Austritt aus dem Orden war ihm verwehrt, außer er wählte eine Bruderschaft mit strengeren Regeln. Lief er davon, drohten ihm Ächtung und die Exkommunikation durch den Papst. Seine Seele würde für eine solch ungeheuerliche Sünde ewig im Fegefeuer brennen. Wagte er dennoch den törichten Schritt und verließ ohne Erlaubnis den Orden, griff man ihn früher oder später gewiss auf und brachte ihn zurück. Dann erwarteten ihn entweder eine furchtbare Züchtigung, Degradierung oder Kerkerhaft.
»Barmherziger Vater, gib mir die Kraft, diese Prüfung zu bestehen«, flüsterte er. »Lasse Dein Angesicht leuchten über mir und behüte mich vor den Versuchungen Satans. Leite mich zurück auf den rechten Pfad und …« Ein Geräusch, das die Stille durchbrach, ließ ihn innehalten. Deutlich war das Hallen von Schritten im Kreuzgang vor seiner Zelle zu hören.
Lazarus umklammerte den Rosenkranz fester. War jetzt endlich die Zeit gekommen? Wurde heute das Urteil über ihn gefällt? Erwarteten ihn Jahre der Kerkerhaft? Er senkte den Kopf und hoffte, dass all sein Flehen, sein Bitten und seine Buße nicht umsonst gewesen waren. Denn obwohl er versuchte, sich davon zu überzeugen, dass er Anna aus seinem Herzen gerissen hatte, war der Gedanke an sie sein ständiger Begleiter. Was, wenn man ihm verwehrte, nach Ulm zurückzukehren? Oder ihn in ein anderes Land schickte? Als ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, bekreuzigte er sich, kam auf die Beine und setzte eine steinerne Miene auf.
Kurz darauf erschienen zwei Brüder auf der Schwelle. Schweigend, ganz in Schwarz gekleidet, wirkten sie im schwachen Licht, das durch das Fenster hereinfiel, bleich und leblos. Sie vermieden es, Lazarus direkt anzusehen, und gaben ihm mit einem Zeichen zu verstehen, ihnen zu folgen.
Obwohl ihm beim Gedanken an das, was ihm bevorstand, die Knie weich wurden, straffte er die Schultern, befestigte den Rosenkranz an seinem Gürtel und folgte den Brüdern den Kreuzgang entlang zu einem Teil des Gebäudes, in dem sich die großen Säle befanden. In einem davon erwarteten ihn die Oberen des Heilig-Geist-Ordens, aufgereiht wie schwarze Vögel auf einer Bankreihe am Kopf des Raumes. Die Kälte des Steins spiegelte sich in ihren Gesichtern wieder und Lazarus wagte nicht, auf Milde zu hoffen, als er vor dem großen Kruzifix an der Wand auf die Knie sank.
»Bruder Lazarus«, hob der Älteste der Versammelten an. »Bist du bereit für dein Urteil?«
Kapitel 1
Ulm, Oktober 1412
Die siebzehnjährige Anna Ehinger schlang fröstelnd die Arme um sich, als sie das Hauptgebäude der Beginensammlung in der Frauengasse verließ und in den Hof hinaustrat. Direkt nach dem Stundengebet der Laudes hatte sie ihre Arbeit in der Kräuterküche begonnen, um einen Trank für die Reisende herzustellen, die am gestrigen Abend um ein Lager für die Nacht gebeten hatte. Die Frau litt an einem trockenen Husten und war so schwach, dass sie kaum die Suppe hatte löffeln können, die die Beginen ihr zur Stärkung vorgesetzt hatten. Außerdem schien sie bei jeder Bewegung Schmerzen zu haben. Auf Fragen nach ihrer Herkunft hatte sie unzusammenhängend geantwortet und Anna hoffte, an diesem Morgen mehr zu erfahren.
Sie drückte den Korb, in dem sich die Arzneien befanden, an ihre Brust und machte sich auf den Weg über den Hof, von dem kaum etwas zu erkennen war. Seit der Herbst Einzug gehalten hatte, waberte der Nebel in dichten Schwaden durch die Straßen und Gassen der Stadt und die Feuchtigkeit lag greifbar in der Luft. Obwohl Anna eine Kerzenlampe trug, reichte der schwache Schein nicht weit. Von den Ställen und Wirtschaftsgebäuden war kaum etwas zu erkennen, selbst die hell erleuchtete Schreibstube der Meisterin war nicht mehr als ein verwaschener Lichtkegel. Die Herberge der Sammlung, in der die reisenden Frauen untergebracht waren, lag noch völlig im Dunkeln. Zwar konnte es nicht mehr lange dauern, bis die Sonne aufging, doch Anna bezweifelte, dass sich der Nebel mit Anbruch des Tages lichten würde. Seit fast einer Woche lag er wie ein erstickendes Tuch über der Stadt und sorgte dafür, dass die Gassen in einigen Gegenden noch unsicherer wurden. Erst gestern hatte sie von einer anderen Schwester gehört, dass ein reicher Kaufmann überfallen und halb totgeschlagen worden war.
Vorbei an zwei Mägden, die aus dem Zugbrunnen Wasser schöpften, eilte Anna zur Herberge und betrat diesen Teil des Gebäudekomplexes. Trotz der geschlossenen Fensterläden war es kalt und zugig in dem langen Korridor, von dem mehrere Türen abgingen. Obgleich sich die Frauen die Kammern normalerweise zu dritt oder zu viert teilten, war zurzeit genügend Platz vorhanden, da das Reisen im Herbst und im Winter für die meisten zu gefährlich war. Schon aus diesem Grund hatte die Ankunft der Frau die Beginen verwundert, fehlten ihr die sonst üblichen Begleiterinnen.
Wer sie wohl war?
Nachdem Anna geklopft hatte, betrat sie den kleinen Raum, in dem es nach feuchter Kleidung und zu lange getragenen Schuhen roch. Die Reisende hatte bereits eine Kerze entzündet, und war dabei, sich anzuziehen. Mit einem erschrockenen Einatmen sah Anna, dass ihr Untergewand blutverschmiert war, obwohl die Frau sich hastig abwandte.
»Du bist verletzt!«
Die Fremde schüttelte schwach den Kopf. »Es ist nichts.«
Anna überwand ihren Schrecken, stellte Korb und Kerzenlampe ab und trat auf die Frau zu. »Lass mich einen Blick darauf werfen«, bat sie. »Die Wunde muss verbunden werden.«
Einen Augenblick sah es so aus, als ob die Frau protestieren wolle, doch dann hob sie mit einem Seufzen die Arme und ließ zu, dass Anna ihr Untergewand nach oben schob.
»Gütiger Himmel!«, entfuhr es Anna.
Unter den Rippen der Frau klaffte eine hässliche Wunde, außerdem entdeckte Anna Spuren von alten Verletzungen. »Wie ist das passiert?«, wollte sie wissen.
»Ich bin gestürzt«, war die Antwort. »Dieser Nebel …«
Obwohl die Erklärung einleuchtend war, läuteten in Annas Kopf Alarmglocken. Sie hatte den Eindruck, dass die Wahrheit eine ganz andere war. Woher stammten all die Narben und Striemen am Körper der Frau? War sie eine flüchtige Verbrecherin? Hatte man sie für irgendetwas körperlich gezüchtigt? »Woher kommst du?«, erkundigte sie sich.
»Aus einer anderen Stadt«, wich die Fremde aus. »Ich bin auf der Durchreise.«
Etwas in ihrem Tonfall ließ Anna vermuten, dass es sich bei dieser Behauptung nicht um die Wahrheit handelte. »Wie ist dein Name?«
»Gertrud«, erwiderte die Reisende. Sie strich ihr Untergewand glatt und schlüpfte in das zerschlissene Kleid, in dem sie angekommen war. Es war aus grober Wolle, mehrfach geflickt und wirkte, als habe es schon bessere Zeiten gesehen. Als sie sich nach ihren Schuhen bückte, fasste sie sich mit einem erstickten Laut an den Kopf.
Anna konnte ihr gerade noch unter die Arme greifen, sonst wäre sie zu Boden gesunken.
»Mir ist schwindlig«, murmelte Gertrud. »Ich …« Ein Husten unterbrach sie, sodass es ihren mageren Körper schüttelte.
»Du bist krank«, stellte Anna fest, nachdem sie ihr an die Stirn gefasst hatte. Sie glühte vor Fieber.
»Es geht mir gut«, widersprach die Reisende. Sie machte Anstalten, sich aufzusetzen, allerdings schien ihr die Kraft zu fehlen.
»Deine Wunde ist entzündet. Wir sollten den Wundarzt holen, damit er sich darum kümmern kann.«
»Ich will keinen Arzt!« Gertrud griff nach Annas Hand und drückte sie so fest, dass Anna die Luft einzog. »Versprich mir, dass du keinen Arzt holst!«
»Warum?«
»Versprich es mir!«
Da Anna fürchtete, dass Gertrud sonst etwas Unüberlegtes tun könnte, nickte sie widerstrebend. »Ich kann dir eine Salbe besorgen«, sagte sie. »Aber zuerst solltest du diese Arznei trinken und dich weiter ausruhen. Ich sage einer der Mägde Bescheid, damit sie dir Frühstück bringt.«
Gertrud ließ ihre Hand los. »Danke«, murmelte sie. »Du bist ein guter Christenmensch.«
Anna seufzte. Wenn sie das nur wäre! Dann würden ihre Gedanken nicht jedes Mal, wenn sie ins Heilig-Geist-Spital ging, zu Lazarus abschweifen. Seit Monaten hatte sie nichts von ihm gehört und auch im Spital schien niemand zu wissen, wie sein zukünftiges Schicksal aussehen würde. Am Ende des Sommers war ein neuer Siechenmeister bestellt worden, ein alter, weißhaariger Mönch, der zwar sanft und gütig war, Lazarus jedoch nicht ersetzen konnte. Zu oft irrte er sich bei der Verabreichung von Arzneien und überließ die Behandlung der Kranken fast ausschließlich dem Wundarzt.
Zu ihrem Verdruss spürte Anna, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Trotz all der Buße, die sie getan hatte, ließen sich die Gefühle für Lazarus nicht einfach ausreißen wie ein dürres Pflänzchen. Er hatte alles riskiert, um ihr das Leben zu retten, und bezahlte jetzt einen furchtbaren Preis dafür. Im Spital war lange Zeit gemutmaßt worden, welche Strafe ihn in Rom erwartete. Einige der älteren Brüder hatten den Spitalmeister dazu gedrängt, ein gutes Wort für ihn einzulegen, doch niemand wusste, ob der Magister Hospitalis dieser Bitte nachgekommen war. Das Gegenteil könnte der Fall sein.
Da Anna sich vor Gertrud den eigenen Kummer nicht anmerken lassen wollte, kehrte sie ihr hastig den Rücken und verließ die Kammer, um Salbe und Binden zu holen. In der Kräuterküche angekommen, suchte sie nach einem Tiegel mit Schafgarbensalbe und bereitete einen Aufguss aus den Blättern derselben Pflanze zu. Dann mischte sie noch eine Tinktur aus zerstoßenen Blüten der Akelei, gab etwas Honig hinzu und brachte alles zu Gertrud in die Herberge.
»Trink das«, sagte sie und wartete, bis der Becher geleert war. Schließlich bat sie Gertrud, ihr Untergewand hochzuziehen und trug die Salbe auf die Wunde auf. Dabei fielen ihr runde Male auf, die aussahen, als ob jemand die Frau gebrandmarkt hätte. Obwohl ihr zahllose Fragen auf der Zunge lagen, zügelte sie ihre Neugier. Es geht dich nichts an, appellierte sie an ihre Vernunft. Wenn sie nicht wieder in Schwierigkeiten geraten wollte, musste sie lernen, ihre Wissbegier zu zügeln.
»Neugier ist eine Versuchung, der ein frommer Geist widerstehen muss«, hatte die Beginenmeisterin Anna gescholten, nachdem sie wohlbehalten von der Vorladung vor den Rat zurückgekehrt war. Mit einem Schaudern erinnerte sie sich daran, wie knapp Lazarus und sie einer Anklage entronnen waren. Hätte Annas Bruder Jakob nicht ein gutes Wort für sie eingelegt, säße sie jetzt vermutlich nicht an Gertruds Bett.
Ein Schmerzenslaut und ein Zucken ließen sie die Gedanken an das, was passiert war, vergessen. »Entschuldigung«, murmelte sie zerknirscht und drückte vorsichtig eine Kompresse auf die Wunde. Dann verband sie Gertrud und half ihr, das Untergewand wieder über die Hüften zu ziehen. Da sie die Kerzenlampe auf einem kleinen Tischchen neben dem Bett abgestellt hatte, fiel der Lichtschein auf Gertruds Gesicht, als sie den Kopf in den Kissen wandte. Dabei fiel Anna auf, dass sich hinter ihrem Ohr ebenfalls eine verschorfte Wunde befand. Ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus, um Gertruds Haar zur Seite zu schieben. »Was ist das?«, fragte sie.
Doch Gertrud hielt sie mit einem Griff ans Handgelenk zurück. »Nichts«, log sie. »Ich danke dir für alles, aber ich bin furchtbar müde.«
Anna erschrak über die Kälte ihrer Hand.
Sie zitterte.
Obwohl sie am liebsten weiter in Gertrud gedrungen wäre, wusste sie, dass sie die Frau schlafen lassen musste. Wenn sie sich nicht innerhalb eines Tages erholte, würde Anna die Meisterin bitten, nach dem Wundarzt zu schicken. Ganz gleich, was sie versprochen hatte, sie würde diese Frau ganz gewiss nicht sterben lassen!
Kapitel 2
Nachdem Anna Gertruds Kammer verlassen hatte, machte sie sich auf zum Gemeinschaftsraum der Beginen, um mit den anderen Schwestern ein einfaches Mahl einzunehmen. Obwohl sie jeden Tag dankbar dafür war, eine der zwölf Frauen zu sein, die in dem großen Anwesen in der Frauengasse lebten, fragte sie sich, wie lange sie sich noch hinter den Mauern der Sammlung verstecken konnte. Nach allem, was mit dem Sohn des zweiten Bürgermeisters passiert war, würde ihr Bruder vermutlich eine Weile Ruhe geben. Doch Anna war sicher, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er ihr erneut eine Ehe mit einem der reichen Patriziersöhne ans Herz legte. Als Pfleger des Heilig-Geist-Spitals war es hinderlich für ihn, dass seine Schwester einer Vereinigung angehörte, die vom Papst verboten worden war und von vielen Geistlichen als ketzerisch angesehen wurde. Nicht nur die Zisterziensermönche des gegenüberliegenden klösterlichen Pfleghofes bedachten die Beginen mit abfälligen Blicken. Zwar hatten sich die Frauen nach dem Konzil von Vienne den Barfüßermönchen angeschlossen und sich den Regeln dieses Ordens unterstellt, trotzdem wurden auch in Ulm immer öfter Rufe nach einer Schließung des Beginenhofes und einer Beschlagnahmung aller Besitztümer der Frauen laut.
»Das sind Bräute des Teufels«, hatte Anna schon öfter auf ihrem Weg zum Heilig-Geist-Spital gehört. Jetzt, wo der Mann, der sie fast getötet hatte, den Posten des zweiten Bürgermeisters erhalten hatte, würden die feindlichen Stimmen vermutlich immer mehr Gewicht gewinnen.
Sie zog schaudernd die Schultern hoch, da der Gedanke unweigerlich andere Erinnerungen mit sich brachte. In manchen Nächten wachte sie immer noch schweißgebadet auf, weil sie sich im Traum wieder in dem Kellerloch befand, in dem sie auf den sicheren Tod gewartet hatte. Hätte sie ihre Nase nicht in Angelegenheiten gesteckt, die sie nichts angingen, wäre all das Furchtbare nie geschehen. Mit einem Seufzen betrat sie das Hauptgebäude und erklomm die Treppe ins erste Obergeschoss, wo sich der Gemeinschaftsraum der Beginen befand. Nahezu alle Schwestern waren bereits um den langen Tisch versammelt, an dessen Kopfende die Meisterin aus einem Buch las. Die Kornmeisterin, die Kellerin, die Zinsmeisterin und die Schreiberin saßen ebenfalls am oberen Ende der Tafel und bedachten Anna mit tadelnden Blicken.
Nachdem sie eine Entschuldigung gemurmelt hatte, nahm sie Platz und fiel in das Gebet mit ein, das die Meisterin in diesem Moment begann. Mit gesenktem Kopf löffelte sie den lauwarmen Brei, während ihre Gedanken wieder auf Wanderschaft gingen.
Seit den Vorkommnissen im Frühjahr und Sommer schien die Meisterin sie mit einem noch strengeren Auge zu beobachten, weshalb Anna ihr so oft wie möglich aus dem Weg ging. Sie wusste, dass sie dankbar sein sollte, ein Leben führen zu dürfen, das sich nur Frauen aus wohlhabendem Haus leisten konnten. Doch seit sie Lazarus’ Lippen auf ihren gespürt hatte, nagte eine sündige Unzufriedenheit an ihr. Warum hatte Gott sie die Wege kreuzen lassen? Weshalb quälte Er sie so? War das der Preis, den sie für ihr sündiges Verlangen bezahlen musste? Sie trank ihre Milch aus, schob die leere Schale von sich und starrte blicklos auf den kleinen Kreis aus Feuchtigkeit, den ihr Becher auf dem Tisch hinterlassen hatte.
»Schwester Anna, auf ein Wort«, schreckte die Stimme der Meisterin sie auf.
Sie hatte nicht bemerkt, dass auch die anderen Schwestern ihr Frühstück beendet hatten und Anstalten machten, den Gemeinschaftsraum zu verlassen.
Sie erhob sich hastig und strich ihre Röcke glatt.
»Wie geht es der Reisenden?«, erkundigte sich die Meisterin. »Hast du nach ihr gesehen?«
Anna nickte. »Sie ist sehr schwach und hat hohes Fieber. Außerdem ist sie verletzt.«
Die Meisterin sah sie fragend an.
Anna beschrieb ihr die Wunde und die verheilten Verletzungen, die sie entdeckt hatte. »Sie behauptet, sie sei gestürzt, aber es sieht eher aus, als ob sie jemand furchtbar verprügelt hätte. Die Wunde ist entzündet. Wenn es ihr morgen nicht besser geht, sollten wir den Wundarzt holen.«
Die Meisterin nickte. »Ich gehe zu ihr. Vielleicht vertraut sie sich mir an.« Sie wandte sich zum Gehen.
Anna sah ihr nach und fragte sich, ob sie Gertrud zum Reden bringen konnte. Sie war sicher, dass die Kranke irgendetwas verbarg, doch es stand ihr nicht zu, sie weiter zu bedrängen. Mit gemischten Gefühlen verließ sie den Raum und ging zurück in den Hof, der immer noch in dichtem Nebel lag. Zwar hatte die Sonne inzwischen den Horizont erklommen, doch die schwachen Strahlen drangen kaum durch. Begleitet vom Klappern der Milchkannen und dem Schimpfen der Knechte, betrat sie einen Arkadengang, der sie zur Kräuterküche führte. Da der Raum nur zwei winzige Fenster besaß, entzündete sie ein halbes Dutzend Talglichter und entfachte ein Feuer in der gemauerten Kochstelle, über der ein Funkenhut hing. Schlichte Regale, bis obenhin gefüllt mit Behältnissen aller Art, säumten zwei der Wände. Auf einem kleinen Tisch lagen etwa ein halbes Dutzend Bücher. Außerdem befanden sich mehrere Zuber, Kessel, Schüsseln, Mörser und ein großer Hacktisch im Raum. Weil Anna an diesem Tag nach den Pfründnern, den Alten im Spital, sehen wollte, bereitete sie Wacholderelixier gegen Atembeschwerden zu. Dafür kochte sie Wacholderbeeren, Königskerzenblüten und Bertramwurzelpulver in Wein auf und siebte es ab. Außerdem mischte sie Hirschzungenelixier aus getrocknetem Hirschzungenfarnkraut, Wein, Honig, langem Pfeffer und Zimtrinde. Auch diese Zutaten wurden in Wein aufgekocht und durch ein Sieb gestrichen. Den beiden Arzneien folgten Heckenrosenelixier, eine Mischung aus Pfennigkraut, Eisenkraut und Steinbrechsamen gegen Gallenbeschwerden, Quendelsalbe gegen Hautekzeme und Bernsteinwasser gegen Magen-Darm-Beschwerden.
Sobald alles fertig war, packte sie die Flaschen und Tiegel in einen Korb und steuerte auf das große Tor des Beginenhofes zu. Als sie die schützenden Mauern verließ, umhüllte sie der dichte Nebel. Die Geräusche der Stadt wirkten gedämpft, selbst das Schlagen der Zimmermannshämmer drang kaum von der Münsterbaustelle in die Frauengasse. Mit einem Gefühl der Beklemmung sah Anna sich um und eilte nach Süden, bis sie das Ende der Frauengasse erreichte. Beim Ochsenbergle wandte sie sich nach Osten und begab sich vorbei am Predigerkloster der Dominikaner zum Heilig-Geist-Spital, vor dem wie immer großer Andrang herrschte. Nicht nur Bedürftige und zerlumpte Kinder warteten vor dem Tor, auch Handwerker, Fuhrleute, Mägde und Knechte harrten geduldig aus, bis der Beschließer sie einließ.
»Hast du schon gehört, was der Metzgerstochter passiert ist?«, hörte Anna eine der Mägde tuscheln.
Die Frau neben ihr zuckte mit den Schultern. »Was denn? Hat sie schon wieder einen anderen?«
»Was redest du da? Sie hat im Frühjahr geheiratet.«
»Ach? Was interessiert’s mich? Der Kerl muss schön dumm sein, wenn er sich mit diesem losen Weib abgibt. Ich will nicht wissen, wie viele Pfaffen ihretwegen den Hurenzins zahlen.« Die Frau lachte verächtlich.
»Interessiert dich auch nicht, dass ihr Mann verschwunden ist?«
Anna spitzte die Ohren.
»Verschwunden?« Die andere Magd lachte. »Gott wird ihn der Hure genommen haben. Oder er ist abgehauen. Wäre nicht der erste.«
»Warum sollte er abhauen? Sie ist doch jung und willig.«
»Woher weißt du überhaupt davon?«
»Die Hebmagd hat es mir erzählt.«
»Die wird dir einen Bären aufgebunden haben«, schnaubte die Frau und schob ihre Begleiterin nach vorn, als zwei der Fuhrwerke vom Beschließer durchgewunken wurden. Kurz darauf war die Reihe an Anna, die wenig später den kleineren der beiden Spitalhöfe betrat. Trotz der dichten Schwaden war zu erkennen, wie weitläufig das Gelände war. Zu ihrer Rechten befanden sich die Ställe, Scheunen und Fruchtkästen, zu ihrer Linken ragte die Spitalkirche in den Himmel. Die Spitze des Turms wurde vom Nebel verschluckt. Eine Schmiede, eine Bäckerei und mehrere Wirtschaftsgebäude schlossen an die Kirche an. Gegenüber dem Tor zeichneten sich die Umrisse der Dürftigenstube ab, hinter welcher einer der Türme der Stadtbefestigung aufragte. Durch einen Bogengang neben der Kirche gelangte man in einen zweiten, größeren Hof, in dessen Mitte sich ein Ziehbrunnen befand. In der Nähe des Brunnens waren die größeren landwirtschaftlichen Geräte und Fuhrwerke des Ordens abgestellt. Östlich der Kirche verbarg sich das stattliche Haus des Spitalmeisters mit einer Kapelle im Nebel. Den Abschluss des größeren Hofes bildeten die Häuser für die Pfründner, eine Badestube und ein Speisesaal. Am Fuß der Stadtmauer gab es einen kleinen Friedhof und einen Kräutergarten.
Trotz des Wetters herrschte reger Betrieb in den Höfen, da zahlreiche Bedürftige und Kranke im Spital wohnten. Dutzende von Ordensbrüdern kümmerten sich um die männlichen Insassen, wohingegen die Wöchnerinnen und weiblichen Kranken von der Meisterin, einer Milchmutter und zwei im Spital wohnenden Schwestern versorgt wurden.
Mit schwerem Herzen, weil die Erinnerungen an Lazarus überall lauerten, machte Anna sich auf den Weg zur Dürftigenstube, um zuerst diejenigen zu versorgen, die ihre Hilfe am dringendsten benötigten.
Kapitel 3
Der achtjährige Ziegenhirte Paul drängte sich dicht an seine Tiere, weil ihm vor Kälte die Knie schlotterten. Er hatte bei Sonnenaufgang den kleinen Hof des Ackerbürgers verlassen, bei dem er eine Anstellung gefunden hatte, und hoffte, dass er im Nebel keines der klapprigen Tiere verlor. Wenn ihm eines der viel zu spät geborenen Zicklein weglief, würde der Herr ihm nicht nur das Fell gerben, er würde ihn mit Sicherheit auch aus dem Haus jagen. Zwar teilte Paul sich den stinkenden Heuboden mit allerlei Geziefer und Ratten, doch die Unterkunft war besser als alles, an das er sich erinnern konnte. Nachdem sein Vater bei einem Unfall auf der Münsterbaustelle ums Leben gekommen war, hatten sich eine Zeit lang die Zimmerleute um ihn gekümmert. Dann war der mutterlose Knabe bei einem prügelsüchtigen Trinker gelandet, der ihm mit einem Meißel fast den Kopf gespalten hätte. Verängstigt, mit einer gebrochenen Nase und nur den Kleidern, die er am Leib trug, war der Junge fortgelaufen und seitdem auf sich allein gestellt.
»Bleib hier, Mecki!«, rief er, als eine der Geißen neugierig zum Wegrand trabte, um dort Gras zu zupfen. Er wusste nicht einmal, ob die Wiese, auf die er die Tiere bringen sollte, in der Nähe war. Vermutlich hatte er sich längst verlaufen, weil im Nebel alles gleich aussah. Die Weide, die der Herr sich mit einigen anderen Ackerbürgern teilte, war nahe der Stadtmauer bei der Donau, allerdings tauchten vor ihm die Schemen von Zäunen und Obstbäumen auf. Mit zitternden Fingern zog er an dem langen Strick, mit dem er die Ziegen zusammengebunden hatte, und hoffte, dass er sein Ziel bald erreichte.
Während die Tiere mal in die eine, mal in die andere Richtung drängten, lauschte er auf die Geräusche der Stadt. Es war unheimlich, Hufe klappern und Menschen reden zu hören, ohne sie zu sehen. Zwar war es jeden Herbst nebelig in Ulm, doch so schlecht wie an diesem Morgen war die Sicht schon lange nicht mehr gewesen. Insgeheim fürchtete Paul, dass im Schutz der aufsteigenden Feuchtigkeit Dämonen und Geister ihr Unwesen trieben, da Gott und der Herr Jesus sie nicht sehen konnten. Mit einem Gebet auf den Lippen, umklammerte er das Holzkreuz an seinem Hals und tastete sich mit den Ziegen weiter den schlechten Pfad entlang.
Er hatte von Menschen gehört, die bei Nacht und Nebel von Wiedergängern oder Werwölfen angegriffen worden waren. Wurde man von einem solchen Wesen getötet, war die Seele verloren. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er Schritte hinter sich vernahm, die sich rasch näherten. Verfolgte ihn eine Kreatur der Hölle? Er umklammerte den groben Strick fester und drängte sich näher an die Ziegen. Als ob sie ihn schützen könnten! Seine Furcht verstärkte sich, als sich weitere Verfolger zu dem ersten gesellten.
»Lieber Herr Jesus, steh mir bei!«, murmelte er und hätte vor Erleichterung fast aufgeschluchzt, als die Pfosten, die der Herr als Begrenzung der Wiese in den Boden geschlagen hatte, vor ihm auftauchten. Er hatte sich nicht verlaufen. So schnell er konnte, zerrte er die Ziegen auf das kleine Stück Gras, das von zu vielen Hufen niedergetrampelt war. Nur an wenigen Stellen wuchs noch saftiges Grün, rings um den Wassertrog in der Mitte des Fleckens. Mehrfach sah er sich um, während er die Tiere zu dem Trog führte, wo er sie an einem Pflock festband. Ungeachtet der fürchterlichen Kreaturen, die im Nebel lauern konnten, machten sich die Ziegen über das magere Gras her und schon bald war das Geräusch ihres Zupfens das einzige, das Paul hörte. Der Rest der Welt um ihn herum schien verstummt zu sein.
Obwohl ihm die Angst im Nacken saß, wagte er, sich auf den Rand des Troges zu setzen und die Beine anzuziehen. Wenn er ganz still und leise verharrte, bemerkten ihn die Dämonen vielleicht nicht. Geradeaus starrend, betete er ein Vaterunser nach dem anderen und schloss die Augen, wann immer sich ein Schemen aus dem Nebel zu lösen schien. Seine Sinne spielten ihm mehr als einmal einen Streich und als einer der kahlen Bäume sich auf ihn zuzubewegen schien, rutschte er mit einem erstickten Schrei nach hinten.
»Mist!«, schimpfte er, als sich sein Hosenboden mit eiskaltem Wasser vollsog. Einen Moment lang war die Angst vergessen und er sprang schimpfend zurück auf den Boden. »Das hat gerade noch gefehlt«, brummte er und versuchte, das Wasser aus dem Stoff zu wringen. Dabei fiel sein Blick in den Trog.
Etwas Grauenhaftes glotzte zurück.
Mit einem schrillen Schrei kehrte Paul dem Trog und den Ziegen den Rücken und rannte, so schnell er konnte, davon. Vergessen war die Angst vor dem Zorn seines Herrn, weggewischt die Furcht vor den Klauen der Höllenwesen. Das, was ihm aus dem Wassertrog entgegengeblickt hatte, war so entsetzlich, dass es Schlimmeres kaum geben konnte. Wie von Furien gehetzt, stolperte der Junge durch die Gassen, prallte mit Reitern und Fußvolk zusammen und rannte blindlings immer weiter. Es war ihm egal, wohin er lief. Hauptsache, er brachte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und das Ding auf der Futterwiese.
Kapitel 4
»Ich fürchte, du verschwendest deine teuren Arzneien, Schwester Anna. Der Barmherzige wird die arme Seele bald zu sich holen.«
Anna richtete sich von dem Lager auf, über das sie sich gebeugt hatte, um einer Greisin einen Trank zur Linderung ihrer rasselnden Atmung zu verabreichen. Ihre Brust hob und senkte sich nur noch schwach und in den trüben Augen war kaum mehr Leben. Ihre knotigen Hände lagen reglos auf ihrem Bauch, der von einem Krebsgeschwür aufgebläht war.
»Sie wird bald von uns gehen«, setzte der Siechenmeister hinzu und bekreuzigte sich. Er blickte mit einer Miene, die stets traurig zu sein schien, auf die alte Frau hinab und murmelte ein Gebet.
Anna strich der Kranken eine Strähne ihres dünnen weißen Haares aus der Stirn und stellte den Becher mit dem Trank ab. »Es hilft ihr, leichter zu atmen«, sagte sie. »Sie soll nicht leiden.«
»Leid gehört zum Leben, genau wie die Freude«, entgegnete der Siechenmeister. »Ihr Licht hat lange genug gebrannt.« Er kehrte Anna und der Alten den Rücken und machte sich auf zu einem anderen Bett, in dem ein Mann lag, dessen Beine bei einem Sturz aus großer Höhe zerschmettert worden waren. Der Wundarzt war ebenfalls bei dem Verletzten, um die gebrochenen Knochen zu richten. Das Brüllen des Mannes ging Anna durch Mark und Bein, doch allmählich schien ihn die Kraft zu verlassen, da er nur noch leise weinte.
»Es hat keinen Zweck«, hörte sie den Wundarzt sagen. Er war ein vierschrötiger Mann mit einem Gesicht, wie von einem schlechten Steinmetz gehauen. Seine Augen waren durchdringend, der Mund schmallippig und hart. Anna fürchtete sich vor ihm, da seine Heilmittel Pflaster, Brenneisen und Buße waren. Wo immer er auftauchte, brachte er Schmerz mit. Das Brennen wandte er bei solch unterschiedlichen Erkrankungen wie Magen- oder Kopfschmerzen, Leber- oder Milzbeschwerden an. Auch Fisteln am Darm und Hämorrhoiden brannte er häufig aus. Zudem schwor er auf die heilsame Wirkung des Brenneisens, wenn es um die Nachbehandlung von Bruch- oder Zahnoperationen ging.
»Die Beine sind bereits abgestorben«, stellte der Wundarzt fest. »Wenn die Fäulnis ihn nicht töten soll, müssen sie amputiert werden.«
Anna kroch ein kalter Schauer über den Rücken. Eine Amputation war eine entsetzliche Tortur für denjenigen, der sie über sich ergehen lassen musste. Reiche Insassen konnten es sich leisten, mit einem Schlafschwamm, getränkt in Mohnsaft, Efeu, Alraune und Schierling, betäubt zu werden, dieser arme Teufel hingegen würde den Eingriff bei vollem Bewusstsein ertragen müssen.
»Ich brauche drei starke Männer, die ihn festhalten«, sagte der Wundarzt. »Mein Gehilfe und ich sägen.«
Anna wurden die Knie weich.
»Du, Begine!«
Sie zuckte zusammen.
»Jemand muss die Blutung stillen und die Beine verbinden, wenn wir fertig sind.«
Anna stand wie vom Donner gerührt neben dem Bett der Greisin. Zwar hatte sie schon oft schlimme Verletzungen verbunden, doch bei einer Amputation war sie bisher nie zugegen gewesen. Sie wusste nicht, ob sie dafür stark genug war.
»Du kannst auch gleich für seine Seele beten«, setzte der Wundarzt hinzu. »Wenn Gott ihm nicht beisteht, sehe ich schwarz für ihn.«
»Der Herr steht allen bei, die reinen Herzens sind«, tadelte der Siechenmeister. »Wenn er eines seiner Kinder zu sich holt, zeigt er ihm seine Güte.«
Der Wundarzt brummte etwas Unverständliches und stieß einen Pfiff aus. Dem Burschen, der daraufhin herbeigeeilt kam, trug er auf, Männer zu holen, die ihm helfen konnten. »Ihr solltet euch besser fernhalten«, riet er dem Siechenmeister. »Euer Habit könnte beschmutzt werden.«
»Ich nehme ihm die Beichte ab«, erwiderte der Siechenmeister. »Dann könnt ihr mit Eurer Operation beginnen.«
Anna floh aus der Dürftigenstube, um Verbände zu holen. Als sie zurückkehrte, war der Siechenmeister verschwunden und fünf kräftige Männer scharten sich um das Lager des Verletzten. Der Wundarzt hatte bereits eine Säge aus seiner Tasche geholt, deren Anblick dem Mann mit den zertrümmerten Beinen ein Wimmern entlockte.
»Willst du den Tag überleben?«, herrschte der Wundarzt ihn an.
Der Mann schloss die Augen.
»Haltet ihn fest! Er darf sich nicht bewegen!«
Anna presste die Hand vor den Mund, als der Wundarzt und sein Gehilfe je ein Ende der Säge packten und anfingen, das rechte Bein des Verletzten unterhalb des Knies abzutrennen. Das Brüllen des Verletzten war ohrenbetäubend. Wie ein Wahnsinniger versuchte er, sich gegen die Hände zu wehren, die ihn niederdrückten, doch schon nach wenigen Augenblicken verließ ihn die Kraft.
Blut spritzte, als der Wundarzt und sein Gehilfe immer weiter sägten, bis das Bein abgetrennt war. Die Brutalität der Operation war so bestialisch, dass Anna die Augen schloss und anfing zu beten. Nachdem der Wundarzt die Säge auf dem blutgetränkten Laken abgelegt hatte, nahm er das Brenneisen zu Hand und drückte es auf den Beinstumpf.
Der Mann verlor das Bewusstsein
»Was stehst du da rum wie ein Ölgötze?«, fuhr der Wundarzt Anna an, nachdem er das Brenneisen zurück in ein Kohlebecken gesteckt hatte. »Verbinde ihn!«
Anna spürte, wie sich ihr Magen umdrehen wollte. Es war so viel Blut, dass der Verletzte unmöglich überleben konnte. Warum musste er diese entsetzlichen Qualen durchleiden? Was hatte er getan, um Gottes Zorn auf sich zu ziehen?
»Mach schon! Beeil dich!«
Anna versuchte, durch den Mund zu atmen, um den Gestank von Blut und verbranntem Fleisch nicht riechen zu müssen. Während die Blicke der Männer Löcher in ihren Rücken bohrten, holte sie die Binden hervor und beugte sich über den Beinstumpf. Mit heftig zitternden Händen strich sie eine Salbe auf die Wunde und wickelte die Verbände so straff wie möglich darum. Dabei sah sie immer wieder auf das totenbleiche Gesicht des Ohnmächtigen, da sie fürchtete, er könne das Bewusstsein wiedererlangen. Nachdem sie fertig war, trat sie hastig vom Bett zurück und hielt sich mit Mühe davon ab, sich die Ohren zuzuhalten, als sich der Wundarzt und sein Gehilfe das zweite Bein vornahmen. Nachdem auch dort die Blutung mit dem Brenneisen gestillt worden war, verband sie den Mann erneut, obwohl sie sicher war, dass er den Abend nicht erleben würde.
»Räum hier auf!«, befahl der Wundarzt einer Magd, nachdem er seine Gerätschaften wieder in der Tasche verstaut hatte. »Wenn er aufwacht, gebt ihm zu trinken!« Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg aus der Dürftigenstube, in der es plötzlich gespenstisch still war.
Kapitel 5
Die nächsten Stunden brachte Anna damit zu, einem sterbenden Jungen Trost zu spenden und ihm die Hand zu halten, bis er eingeschlafen war. Ob er wieder aufwachen würde, bezweifelte sie, da er nur noch Haut und Knochen war. Ein Durchfall hatte ihn so sehr geschwächt, dass er nichts mehr bei sich behalten konnte, nicht einmal die leichten Suppen und Aufgüsse, die Anna ihm bereitet hatte.
Immer wieder schweiften ihre Blicke zu dem Amputierten ab, der so bleich war, dass seine Haut kaum von den weißen Laken zu unterscheiden war. Er hatte das Bewusstsein nicht wiedererlangt, dennoch schlugen seine Zähne deutlich vernehmbar aufeinander. Nachdem Anna sich versichert hatte, dass der Junge schlief, erhob sie sich, um nach dem Verwundeten zu sehen. Sie erschrak, als sie seine Haut berührte. Sie war eiskalt. Besorgt tastete sie nach seinem Aderschlag, konnte ihn jedoch kaum mehr spüren.
Der Mann lag im Sterben.
Einen Augenblick überlegte sie, ob sie den Wundarzt oder den Siechenmeister holen sollte, aber die konnten das Leben des armen Teufels auch nicht mehr retten. Er hatte seine Sünden gebeichtet und würde mit reiner Seele vor seinen Schöpfer treten. Das Barmherzigste war, ihm sein Leid so weit wie möglich zu erleichtern und ihn sterben zu lassen. Sie legte eine Decke über ihn, wischte ihm den Schweiß von der Stirn und sprach ein Gebet, in dem sie um ein schnelles Ende bat. Der Gedanke an die Qualen, die ihn sonst erwarteten, war unerträglich.
Sie hatte sich gerade wieder an das Lager des Jungen gesetzt, als sie Rufe durch die offene Tür der Dürftigenstube vernahm. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Brüder und Bedienstete im Hof zusammenliefen. Neugier regte sich in ihr. Die Neugier steht einer frommen Frau nicht gut zu Gesicht, ermahnte sie sich und blieb sitzen. Der Junge brauchte sie. Wenn er noch mal erwachte, wollte sie, dass er nicht alleine war. Sie legte ihm die Hand auf die Wange, um zu sehen, ob er Fieber hatte, doch er war genauso kalt wie der Mann, dem der Wundarzt die Beine abgenommen hatte.
»Der Herr sei deiner Seele gnädig«, murmelte Anna, als sie sah, dass er unregelmäßig atmete. Obwohl die Stimmen aus dem Hof immer lauter wurden, widerstand sie dem Drang nachzusehen, was vor sich ging, und blieb bei dem Knaben, bis sein Herz aufhörte zu schlagen. Danach wusch sie den Toten, sprach Gebete für ihn und schickte nach einem Priester, damit der Leichnam mit Asche bestreut und in ein Leichentuch eingenäht werden konnte. Der Tod war allgegenwärtig im Spital und obwohl Anna jedes Schicksal zu Herzen ging, wusste sie, dass die Verstorbenen bei ihrem Schöpfer Gerechtigkeit finden würden. Wer reinen Herzens und reiner Seele war, den erwartete der Einzug ins Paradies.
Sobald der Priester sie entlassen hatte, ging sie weiter zu der nächsten Kranken und verbrachte die folgenden Stunden damit, Tränke zu verabreichen und mit den Einsamen zu sprechen.
Schließlich, die Glocke der Spitalkirche rief bereits zur Terz, verließ sie die Dürftigenstube, um am Stundengebet teilzunehmen. Die Kirche war schon so voll, dass sie dicht beim Ausgang bleiben musste, und sobald das Gebet beendet war, ging sie zurück in den Hof. Trotz aller guten Vorsätze regte sich Neugier in ihr, als sie sah, dass sich sofort wieder kleine Gruppen aus Mägden und Knechten bildeten. Obwohl Tratsch und Klatsch im Spital mit Bußen belegt wurden, steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten. Was gab es so Wichtiges, das alle in helle Aufregung versetzte? Wenngleich sie sich geschworen hatte, der Meisterin keinen Grund mehr zum Tadel zu geben, war ihre Wissbegier stärker als ihre Demut. Deshalb beschloss sie, sich auf den Weg in die Stube der Wöchnerinnen zu machen, da sie so an einer kleinen Traube von Mägden vorbeikam, die besonders gestenreich miteinander redeten.
»Was ist denn passiert?«, fragte sie, als sie die Frauen erreichte.
Einige von ihnen kicherten.
»Hast du es noch nicht gehört?«, entgegnete eine Frau mittleren Alters, auf deren Oberlippe ein veritabler Damenbart wuchs.
»Was?«
»Hast du ihn in der Kirche denn nicht gesehen?«, wollte eine andere Magd wissen.
»Wen?« Anna folgte den Blicken der Frauen, die zum Eingang der Spitalkirche starrten. Dort standen mehrere Ordensbrüder um einen Mann in ihrer Mitte herum.
»Bruder Lazarus ist zurück!«
Die Worte trafen Anna wie ein Schlag. »Lazarus?«, hauchte sie.
Die Frau kniff die Augen zusammen und musterte sie forschend. »Ja. Er war in Rom. Aber das wusstest du sicher.«
Die anderen Mägde kicherten erneut.
Es kostete Anna beinahe unmenschliche Anstrengung, sich zusammenzureißen, damit die klatschsüchtigen Weiber ihr nicht ansahen, was für einen Sturm der Gefühle die Nachricht in ihr auslöste. Lazarus war wieder da! Das konnte nur bedeuten, dass ihm die Oberen des Ordens vergeben hatten. Freude vermischte sich mit der Furcht, dass sie sich irren könnte. Womöglich hatte man ihn zurück nach Ulm geschickt, damit der Spitalmeister sich um seine Bestrafung kümmern konnte. Sie ließ die Mägde stehen, ungeachtet der Blicke, mit denen sie sie bedachten, und überlegte, was sie tun sollte. Sie musste ihn sprechen, erfahren, wie es ihm ergangen war. Sie sehnte sich so danach, seine Stimme zu hören und ihm in die Augen zu sehen, auch wenn sie wusste, dass ihr Verlangen nach seiner Nähe sündig war. Er hatte ihr so unglaublich gefehlt!
Einige Augenblicke verharrte sie am Rand des Brunnens, ehe sie es wagte, sich der Kirche zu nähern. Die Brüder, die Lazarus umringt hatten, zerstreuten sich allmählich und Anna flehte zur Heiligen Jungfrau, dass Lazarus in ihre Richtung blicken möge. Zuerst hatte es den Anschein als ob ihr Flehen auf taube Ohren stieß, dann wandte Lazarus sich um und sah sie direkt an. Selbst aus der Entfernung war zu erkennen, dass sein Gesicht hohlwangiger war, seine Augen tiefer lagen. Sein Blick blieb einen Moment lang an Anna haften, ehe er weiterwanderte, als habe er sie nicht gesehen.
»Lazarus«, sagte sie so leise, dass er es unmöglich hören konnte. Sie hob die Hand, um ihm zuzuwinken.
*
Es kostete Lazarus beinahe übermenschliche Anstrengung, Annas Gruß nicht zu erwidern. Ihr Anblick schnitt ihm tief ins Herz und er spürte, wie das Verlangen, sie in den Armen zu halten, mit solcher Gewalt zurückkam, dass es ihn körperlich schmerzte. All die Zeit in Rom über hatte er nicht zu hoffen gewagt, sie jemals wiederzusehen, und jetzt stand sie kaum einen Steinwurf entfernt und war dennoch unerreichbar für ihn. Die Oberen des Ordens hatten ihm unmissverständlich klar gemacht, was geschehen würde, wenn er noch mal gegen die Regeln verstieß.
»Wir haben beschlossen, gnädig zu dir zu sein, Bruder Lazarus«, hatten sie ihn informiert, als er vor sie gebracht worden war. »Du hast dir bisher nichts zuschulden kommen lassen, weshalb wir von einer Bestrafung absehen.«
Lazarus waren vor Erleichterung die Knie weich geworden.
»Allerdings wirst du dich zur Buße auf eine Pilgerreise begeben, deren Ziel du selbst wählen kannst.«
Es war eine beinahe lächerliche Strafe, die Lazarus auf seinem Heimweg von Italien mühelos hinter sich gebracht hatte. Ein Brief an den Spitalmeister hatte diesem die Entscheidung des Ordens mitgeteilt, weshalb Lazarus ein zwar frostiger, aber nicht feindseliger Empfang bereitet worden war.
»Meinetwegen kann er seinen Posten gern zurückhaben«, hatte der alte Mönch gesagt, der in seiner Abwesenheit Lazarus’ Pflichten übernommen hatte. »Ich werde zu alt dafür.« Er hatte den Kopf geschüttelt und Lazarus mit seinen sanften Augen angesehen. »Das ist etwas für einen jüngeren Bruder.«
»Ich frage mich, ob deine Rückkehr unseren Spitalpfleger erfreuen wird«, hatte der Magister Hospitalis giftig bemerkt, bevor er Lazarus widerwillig die Hand gereicht hatte.
Das Schlucken fiel Lazarus schwer, als er sah, wie Anna zögernd die Hand sinken ließ und ihn mit einem verlorenen Ausdruck auf dem Gesicht ansah. Einen Moment lang wirkte es, als ob sie nach ihm rufen wolle, doch sie schien sich eines Besseren zu besinnen. Lazarus sah sich verstohlen um. Der Hof war immer noch bevölkert von Insassen und Bediensteten, weshalb ihm nichts anderes übrig blieb, als sich schweren Herzens abzuwenden und in das Gebäude zu gehen, in dem sich die Zellen der Mönche befanden. Er durfte sich Anna gegenüber nicht mehr freundlicher zeigen, als er es den anderen gegenüber tat. Wenn er zuließ, dass sie ihm wieder so nahekam wie vor seiner Abreise, würde er erneut sein Gelübde brechen, dessen war er sich sicher. Sie war unerreichbar für ihn, wenn er ihr Herz nicht freigab, stürzte er sie womöglich ins Unglück. Sie war eine wunderschöne junge Frau und sicher würde sie nicht ewig eine Begine bleiben. Früher oder später verliebte sie sich gewiss in einen respektablen Patriziersohn und gründete eine Familie. Er, Lazarus, durfte ihr dabei nicht im Weg stehen. Deshalb beschloss er, ihr so kühl wie möglich zu begegnen, ohne sie dabei vor den Kopf zu stoßen.
Kapitel 6
Anna starrte fassungslos auf die Stelle, an der Lazarus eben noch gestanden hatte. Was passiert war, kam ihr unwirklich vor, wie ein böser Traum. Hatte er sie nicht erkannt? Warum war er nicht zu ihr gekommen oder hatte wenigstens ihr Winken erwidert? Was war ihm in Rom widerfahren? Der abweisende Ausdruck auf seinem Gesicht war schlimmer als alles, was sie sich ausgemalt hatte. Lange Zeit, nachdem er im Hauptgebäude verschwunden war, verharrte sie wie festgewachsen auf der Stelle und rührte sich erst, als sich eine Magd mit einem Eimer näherte. Wie betäubt trat sie beiseite, um die Frau Wasser schöpfen zu lassen, während die Gedanken in ihrem Kopf wild durcheinanderwirbelten. Gab Lazarus ihr die Schuld an dem, was passiert war? Wem denn sonst?, dachte sie, wütend über sich selbst. Wer hatte ihn denn dazu überredet, mit in die Gräth zu gehen, um einer Sache auf den Grund zu gehen, die sie fast das Leben gekostet hätte?
Sie schob die Erinnerungen, die dieser Gedanke mit sich brachte, mit einem ärgerlichen Blinzeln beiseite, und kehrte dem Brunnen den Rücken. Es hatte keinen Sinn, sich den Kopf zu zermartern. Wenn Lazarus bereit war, mit ihr zu reden, würde er es sie wissen lassen. Bis dahin blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Arbeit zu verrichten, als wäre nichts geschehen. Alle anderen Gedanken waren zu schmerzlich. Sie beschloss, sich auf den Weg zu den Pfründnern zu machen, um sich von all dem abzulenken, was der Tag bisher gebracht hatte. Der Tod des Jungen und die Qualen des Mannes, dessen Beine der Wundarzt amputiert hatte, lasteten auf ihrer Seele. Immer öfter schlichen sich an manchen Tagen Zweifel ein, ob sie für das Leben einer Begine wirklich geeignet war. Vielleicht hatte ihr Bruder Jakob Recht gehabt, als er sie dazu gedrängt hatte, einen Mann aus angesehenem Haus zu ehelichen. Wäre seine Wahl nicht ausgerechnet auf den Sohn des zweiten Bürgermeisters gefallen …
Sie schüttelte mit einem Seufzen den Kopf. Warum war sie so undankbar? Im Gegensatz zu den Armen und Bedürftigen, um die sie sich jeden Tag kümmerte, war sie in Überfluss und Sorglosigkeit aufgewachsen. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr hatte sie nichts gekannt als das Spiel. Erst dann hatte ihre Mutter ihr Aufgaben im Haushalt übertragen. Das Gebäude, in dem sie aufgewachsen war, war ein Fachwerkhaus mit mehreren Giebeln. Ein großes Doppeltor führte in eine Halle, in der sich stets Waren aus aller Herren Länder stapelten. Ihr Vater war, genau wie ihr Bruder, ein einflussreicher Kaufmann, der kostbare Stoffe, Gewürze und allerlei andere Spezereien aus dem Morgenland einführte. An den meisten Tagen standen die reichen Ulmer und Ulmerinnen Schlange, um Edelsteine, bunt gefärbte Seide oder ausgefallene Federn für einen Kopfputz zu erstehen. Anna hatte sich nie besonders für diese Art Tand begeistern können, doch möglicherweise war es Zeit, zu diesem Leben zurückzukehren.
Während ihr all die Erinnerungen durch den Kopf gingen, begab sie sich zum Wohngebäude der Pfründner, um sich um deren zahlreiche Zipperlein zu kümmern. Im Anschluss daran ging sie in die Stube der Wöchnerinnen, wo eine junge Frau unter ohrenbetäubendem Schreien ein Kind gebar. Sie war kaum älter als Anna, ihr Gesicht hochrot und schmerzverzerrt. Zwei Hebmägde knieten neben ihr, während die Hebamme zwischen ihren Beinen hantierte. Das Laken, auf dem die Frau lag, war durchweicht von Fruchtwasser und Blut und der Kopf des Kindes war bereits sichtbar.
»Bald ist es vorbei«, ermutigte die Hebamme die Gebärende. »Du musst nur noch ein paar Mal kräftig pressen.«
»Ich kann nicht mehr«, keuchte die Schwangere.
»Du musst.«
Die junge Frau umklammerte die Korallenkette, die eine der Hebmägde ihr um den Hals gelegt hatte, um sie vor Schaden bei der Geburt zu bewahren.
»Ich gebe ihr etwas Nieswurz«, sagte Anna und holte eine kleine Flasche hervor, in der sich das Pulver befand. Dieses rieb sie der Frau unter die Nase, woraufhin die Wöchnerin sofort anfing, kräftig zu niesen.
»Es kommt!« Die Hebamme fasste fester zu und zog an dem Säugling.
Anna, die schon oft bei Geburten zugegen gewesen war, warf einen Blick auf den mit Schleim bedeckten Kopf des Kindes, der irgendwie anders aussah, als er sollte. Sie sah genauer hin und erschrak, als sie erkannte, dass dort, wo seine Oberlippe sein sollte, eine große Scharte klaffte. Etwas schien im Leib der Frau passiert zu sein, das zu dieser Fehlbildung geführt hatte. Anna wusste, dass im ersten Monat einer Schwangerschaft das Blut des Kindes gereinigt wurde. Im nächsten Monat wurde der Körper gebildet, dann wuchsen dem Embryo Nägel und Haare. Im vierten Monat fing das Kind an, sich zu bewegen, weshalb Schwangere oft an Übelkeit litten. In den nächsten Wochen nahm das Kind das Aussehen des Vaters oder der Mutter an, danach wurden die Nerven gebildet. Im siebten Monat schließlich härteten sich die Knochen, danach wurde alles andere vervollständigt, bis das Kind im neunten Monat schließlich das Licht der Welt erblickte. Irgendwann in diesem Prozess musste etwas geschehen sein, das für die Missbildung des Säuglings verantwortlich war.
»Heilige Muttergottes!«, hörte Anna eine der Hebmägde sagen. Offenbar hatte auch sie den Wolfsrachen bemerkt. Sie bekreuzigte sich mehrmals. »Sie ist besessen!«
»Lauf und hol einen der Brüder!«, trug die Hebamme der zweiten Magd auf. Sie hatte das Kind inzwischen befreit und drückte ihm mehrmals auf die Ohren. Dann drehte sie es um, versetzte ihm einen Klaps und verknotete die Nabelschnur drei Finger vom Bauchnabel entfernt. Schließlich säuberte sie es mit einem Tuch und legte es der erschöpften Mutter in die Arme.
Die junge Frau erschrak, als sie einen Blick auf das Gesicht ihres Kindes warf. »Barmherziger!« Sie stieß den Jungen von sich. Hätte die Hebamme ihn nicht festgehalten, wäre er auf den Boden gefallen. »Nimm ihn weg!«, wimmerte die Wöchnerin. »Bitte!«
»Er ist dein Sohn«, mahnte die Hebamme.
»Aber er ist …« Die junge Frau schloss die Augen und fing an, leise zu beten.
»Er ist missgebildet«, beendete die Hebamme ihren Satz. »Aber dennoch ist er ein Kind Gottes.«
»Er ist vom Bösen besessen«, flüsterte die Hebmagd, die das Kind anstarrte, als fürchte sie, ihm könnten Hörner wachsen.
»Eine Missbildung ist eine Strafe Gottes«, entgegnete die Hebamme, die sich die Hände in einer Schüssel Wasser wusch. »Die Brüder werden wissen, was mit ihm zu tun ist.« Sie griff nach einem Handtuch und trocknete sich ab. »So etwas gab es schon mal«, sagte sie an Anna gewandt, nachdem sie sich einige Schritte vom Bett der Wöchnerin entfernt hatten. »Vor einigen Jahren.«
»Was ist mit dem Kind passiert?«, wollte Anna wissen.
Die Hebamme zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Die Frau, die es zur Welt gebracht hat, war eine reiche Patrizierin.«
»Sie hat hier im Spital entbunden?«
»Nein. Das Kind hat sie bei sich zu Hause zur Welt gebracht.«
»Hat man damals nach einem Priester geschickt?«, fragte Anna.
»Ihr Gemahl hat alle aus dem Haus gescheucht«, war die Antwort. »Ich weiß nicht, was aus dem Kind geworden ist. Ein paar Wochen später waren der Patrizier und seine Frau verschwunden. Vielleicht wollte er nicht, dass jemand die Missbildung sieht.«
Anna runzelte die Stirn. War es nicht gefährlich für ein Neugeborenes, wenn man es nicht von dem Dämon befreite, der in ihm wohnte? Was, wenn sich der böse Geist seiner Seele bemächtigte? Dann war sein Leben verloren, bevor es richtig begonnen hatte. Sie sah auf den winzigen Knaben hinab, der anfing zu weinen. Vermutlich wollte er gesäugt werden, doch die Mutter schien so viel Angst zu haben, dass sie einer Ohnmacht nahe war.
»Soll ich die Amme holen?«, fragte die Hebmagd, die im Raum geblieben war. Sie beäugte das Kind voller Misstrauen.
Die Hebamme schüttelte den Kopf. »Erst muss es vom Bösen befreit werden.«
Da Anna nichts weiter tun konnte, kniete sie sich neben das Bett, griff nach der Hand der Mutter und fing an, ein tröstendes Gebet zu sprechen. Die Frau tat ihr leid. Sie war schon vorher eine Ausgestoßene gewesen, sonst wäre sie nicht im Spital gelandet. Nach der Geburt eines missgestalteten Kindes würden die Ulmer einen noch größeren Bogen um sie machen.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sich endlich Schritte näherten. Wenig später ging die Tür auf und die Hebmagd betrat den Raum.
Hinter ihr erschien Bruder Lazarus.
Kapitel 7
Anna hatte Mühe, eine ausdruckslose Miene zu wahren, als ihr Blick auf Lazarus fiel. Auch er schien nicht erwartet zu haben, sie in der Stube der Wöchnerinnen anzutreffen, da alle Farbe aus seinem Gesicht wich. Nachdem er sie einige Augenblicke lang angestarrt hatte, riss er sich zusammen und wandte sich an die Hebamme. »Ein besessenes Kind?«
Die Frau nickte und hielt ihm den Jungen entgegen.
Lazarus warf einen Blick auf sein Gesicht, griff nach seinem Kruzifix und legte es dem Säugling auf den Bauch.
Das Kind schrie.
»Vade retro, Satana!«, murmelte er, nahm das Kind an sich und griff in einen kleinen Tiegel, den er bei sich trug. Darin schien sich Öl oder Weihwasser zu befinden, mit dem er ein Kreuz auf die Stirn des weinenden Knaben malte. »Der Dämon muss ausgetrieben werden«, stellte er schließlich fest. »Das Kind muss in geweihtem Wasser gebadet werden. Außerdem wird eine Messe gelesen.« Er bedeutete einer der Hebmägde, ihm das Kind abzunehmen.
Die Frau wich zurück.
»Keine Angst, der Dämon kann nicht in dich fahren«, beruhigte Lazarus sie.
»Warum nicht?«
»Weil er sich in diesem Unschuldigen festgesetzt hat. Nimm ihn mir ab!«
Die Hebmagd rührte sich nicht von der Stelle.
»Ich kann nicht gleichzeitig das Wasser weihen und ihn halten«, bekräftigte Lazarus ungeduldig.
»Ich nehme ihn.« Bevor Anna wusste, was sie tat, trat sie hinter dem Lager der Wöchnerin hervor und nahm Lazarus den Säugling aus dem Arm.
»Aber, du …«, hob Lazarus an, verstummte jedoch, als die beiden Hebmägde eiligst den Raum verließen.
»Sieh nicht mich an«, sagte die Hebamme. »Ich werde hier gebraucht.« Sie beugte sich über die junge Mutter, die Lazarus und das Kind mit furchtgeweiteten Augen anstarrte.
»Ich habe nichts Böses getan«, hauchte sie. »Es ist nicht meine Schuld.«
»Keiner von uns ist ohne Schuld«, tadelte Lazarus sie.
Die Frau senkte beschämt den Blick. Vermutlich war sie eine der vielen Mittellosen, die in die Stadt gekommen waren in der Hoffnung, hier ihr Glück zu finden. Für die meisten der jungen Dinger endete diese Suche nach einem besseren Leben auf eine von drei Arten: Sie wurden entweder von irgendeinem dahergelaufenen Strolch geschwängert, landeten in einem Hurenhaus oder tot in einem Straßengraben.
»Wir müssen ihn so schnell wie möglich vom Bösen reinigen«, sagte Lazarus an Anna gewandt. Dabei bemühte er sich, ihr nicht in die Augen zu blicken.
»Dann komm mit in die Badestube«, erwiderte sie. Ohne auf seine Antwort zu warten, verließ sie die Stube der Wöchnerinnen und trug das immer lauter weinende Kind die Treppen hinab in den Hof, von wo aus es nicht weit war bis zur Badestube.
»Lass ein Bad bereiten, dann schick nach mir, bevor du ihn hineinlegst«, bat Lazarus. Bevor Anna antworten konnte, floh er in Richtung Hauptgebäude.
Anna wusste nicht, was sie denken sollte. Sein Verhalten war verletzend, doch sie machte ihm keinen Vorwurf. Sie hatte keine Ahnung, was ihm in Rom wiederfahren war, wie hart seine Bestrafung gewesen war. Vielleicht drohten ihm immer noch die Exkommunikation oder Kerkerhaft und es stand ihr nicht zu, sein Leben oder seine Freiheit erneut in Gefahr zu bringen. Er war ein Mann Gottes und ihr Verlangen nach ihm töricht. Vermutlich war seine Rückkehr eine Prüfung oder die Strafe dafür, dass sie nicht die gehorsame Begine war, die sie sein sollte.
»Nicht weinen«, flüsterte sie und strich dem Kind sanft über das feuchte Haar. Das missgestaltete Gesichtchen war vor Wut verzogen, krebsrot und faltig. Der gespaltene Gaumen sah aus, als ob er dem Kind furchtbare Schmerzen bereiten würde. Anna wusste, dass solche Kinder kaum länger als ein paar Tage am Leben blieben, da sie nur schwer Nahrung aufnehmen konnten. Sie hatte schon oft von Hasenscharten oder Wolfsrachen gehört, gesehen hatte sie eine solche Missbildung bislang jedoch nicht. Sie trug einer Magd auf, Wasser aus dem Ziehbrunnen zu holen und zu erwärmen, ehe sie es in einen Zuber in der Badestube goss. Sobald dieser halb voll war, schickte Anna nach Lazarus.
Als er die Badestube betrat, ging er direkt zu dem Zuber, holte mehrere Lederbeutel und ein Fläschchen aus seinen Taschen und fing an, ein Segensgebet zu sprechen. Dann streute er Asche, Salz und einige Kräuter in das Wasser und gab einige Spritzer Weihwasser hinzu. »Du kannst ihn jetzt baden«, sagte er, als er fertig war.
Anna kniete sich neben den Zuber und tauchte das schreiende Kind ins Wasser. Einen Moment lang verstummten die Schreie, doch das Gebrüll setzte schnell wieder ein. Gleichzeitig strampelte der Junge wie verrückt und versuchte, sich aus Annas Armen zu befreien.
»Es scheint ein starker Dämon zu sein«, stellte Lazarus fest. »Tauch ihn ganz unter!«
Anna befolgte die Anweisung und hielt das Kind so lange unter Wasser, bis sich das Strampeln abschwächte.
»Das sollte genügen.« Lazarus bedeutete ihr, den Knaben aus dem Zuber zu holen und in eines der Leinentücher zu wickeln, die daneben lagen. »Der Dämon scheint aus ihm gewichen zu sein.« Er legte dem Kind erneut sein Kruzifix auf die Brust und dieses Mal protestierte es nicht. »Du kannst es zurück zu seiner Mutter bringen.«
»Lazarus, warte!«, bat Anna, als er sich zum Gehen wandte.
Er erstarrte mitten in der Bewegung.
»Wie ist es dir in Rom ergangen?«, fragte sie leise. »Was …?«
»Meine Sünden sind mir vergeben worden«, fiel Lazarus ihr ins Wort. »Ich habe mit einer Pilgerreise Buße getan für das, was passiert ist.« Er errötete leicht, senkte den Blick und klammerte sich an seinem Kruzifix fest.
»Ich hatte Angst um dich«, gestand Anna. »Ich habe befürchtet, dass man dich meinetwegen bestrafen würde.«
»Es war nicht deine Schuld.«
»Doch, das war es.«
Er hob den Kopf und sah ihr kurz in die Augen, dann wandte er den Blick hastig wieder ab. »Ich habe mich auf den falschen Pfad begeben. Das wird nicht wieder passieren.«
Die Worte schmerzten mehr, als Schläge es getan hätten. Was war mit der Ehrlichkeit, der Nähe, die sie geteilt hatten. Sie erinnerte sich an den Moment, in dem Lazarus sie vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Wie zwei Ertrinkende hatten sie sich aneinandergeklammert und Lazarus hatte sein Gesicht in ihrem Haar vergraben. Außerdem war da der Kuss … Sie schluckte die Tränen, die in ihr aufstiegen, und war froh, dass sie den Säugling im Arm hatte. Sonst wäre sie vielleicht der Versuchung erlegen, etwas Dummes zu tun.
»Du bist eine Begine, ich bin ein Bruder des Heilig-Geist-Ordens«, fuhr Lazarus fort. »Unser Leben gehört Gott.« Er schluckte.
»Aber du könntest um Entlassung bitten«, platzte es aus Anna heraus, bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte.
»Einem solchen Gesuch ist bis jetzt nie stattgegeben worden«, erwiderte Lazarus. »Ich kann den Orden nicht verlassen. Das wäre ein Bruch meines Gelübdes, eine Sünde und ein Verbrechen! Verstehst du das denn nicht?« Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. »Du bist eine Begine. Du kannst jederzeit aus der Sammlung austreten. Warum heiratest du nicht einen netten Patriziersohn? Dein Bruder wäre vermutlich glücklich darüber.«
»Ich will keinen Patriziersohn!«, erwiderte Anna hitzig. »Ich …«
»Sag es nicht!«, unterbrach Lazarus sie. »Dein Verlangen ist sündig. Tu Buße!« Damit machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte aus der Badestube.
Anna sah ihm wie vom Donner gerührt hinterher, sie war fassungslos.
Kapitel 8
Der Spielmann Gallus setzte seine Kappe auf, strich die zwei roten Federn darauf glatt und sah an sich hinab. Er steckte in der bunten Tracht des Stadtpfeifers, die ihn mit Stolz erfüllte, und war auf dem Weg zu einer Hochzeit, auf der er spielen sollte. Braut und Bräutigam entstammten dem Patriziat der Stadt, weshalb Gallus hoffte, dass für ihn und die anderen Musikanten ein paar Leckerbissen abfallen würden. Obwohl er einen ordentlichen Lohn erhielt, lag der Traum vom großen Geld in weiter Ferne. Doch er war nicht bereit, ihn völlig aufzugeben. In dieser Stadt wimmelte es von reichen, einfältigen Gecken, denen man das Geld beim Glücksspiel aus der Tasche ziehen konnte. Ein paar gezinkte Karten hier, falsche Würfel da, schon wurde aus seinem bescheidenen Einkommen ein kleines Vermögen.
Nach einem letzten Blick auf seine gestreifte Hose verließ er sein kleines sauberes Zimmer und machte sich auf den Weg zu dem prächtigen Haus des Bräutigams. Dort stand bereits eine lange Schlange von Kutschen und im großen Hof des Anwesens wimmelte von herausgeputzten Besuchern.
»Musikanten müssen hinten rein!«, herrschte ihn ein Knecht an, als er durch das offene Tor spazieren wollte. »Da lang!« Er zeigte auf eine kleinere Tür in der Mauer.
Gallus verkniff sich eine giftige Bemerkung, weil er sich keinen Ärger mit dem aufgeblasenen Kerl einhandeln wollte, und tat wie geheißen. Sobald er den Hinterhof betreten hatte, wurde er von einem Bediensteten in schwarzer Tracht empfangen, der ihn eine kleine Treppe hinaufführte. Im zweiten Obergeschoss angekommen, ging es in einen riesigen getäfelten Raum, in dem sich eine lange Tafel befand. Das Licht der Sonne, die inzwischen den dichten Nebel vertrieben hatte, fiel durch Buntglasscheiben auf einen Fliesenboden, der auf Hochglanz poliert war. Trotz der Jahreszeit standen Vasen mit frischen Blumen auf dem Tisch und Kränze waren in regelmäßigen Abständen an der einzigen weiß getünchten Wand befestigt worden. Von der Decke hing ein gewaltiger Kerzenleuchter.
»Stellt euch dort in die Nische!«, befahl der Bedienstete Gallus und zwei weiteren Spielleuten, die bereits im Raum warteten. »Man soll euch hören, aber nicht sehen.«
Gallus verzog das Gesicht. Wofür hielt sich der Kerl? Er war auch nichts Besseres als er und die beiden Lautenschläger, die ihn von oben bis unten musterten.
»Bist du der Stadtpfeifer?«, fragte einer von ihnen.
Gallus nickte.
»Ein gutes Auskommen«, brummte der zweite. »Besser, als von der Hand in den Mund zu leben.«
Gallus schluckte die Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag, da es keinen der beiden etwas anging, wie er früher gelebt hatte. Es war noch nicht lange her, dass er versucht hatte, sich durch Erpressung ein Zubrot zu verdienen. Dass ihn diese Eselei fast das Leben gekostet hatte, versuchte er jeden Tag aufs Neue zu vergessen.
»Seid still und fangt an zu spielen!«, herrschte der Bedienstete ihn an. »Die hohen Herrschaften kommen!«
Gallus und die anderen zogen sich in die Nische zurück und schlugen eine heitere Weise an, während der Bräutigam und die Braut, gefolgt von den Gästen, in den Saal einzogen. Es dauerte nicht lange, bis ein solches Durcheinander herrschte, dass man die Spielleute vor lauter Reden und dem Bellen zweier Hunde kaum hören konnte. Doch das war Gallus gleichgültig. Er verdiente an diesem Tag gutes Geld, da kratzte es ihn wenig, ob man ihm lauschte oder nicht.
Kinder liefen durcheinander, Blüten wurden geworfen und schließlich nahmen die Gäste Platz an der Tafel. Die Tischdecken leuchteten in strahlendem Weiß, das Geschirr glänzte so, dass man sich darin spiegeln konnte. Nachdem einige Reden gehalten worden waren, die das Brautpaar priesen, begann eine Reihe von Küchenmägden, Gerichte auf riesigen Platten aufzutragen.
Gallus traten fast die Augen aus dem Kopf, als er die in Schmalz ausgebackenen Hühner, den Speck, ein prächtiges Spanferkel und die zahllosen kleineren Gerichte sah. Innerhalb weniger Augenblicke duftete es im Raum nach teurem Pfeffer, Safran und Paradieskörnern. Außerdem brachten die Mägde Flussfische, frisch gebackenes Brot, Aniskuchen und viele andere Köstlichkeiten. Gallus lief das Wasser im Mund zusammen, was ihm das Blasen der Sackpfeife erschwerte. Während er und die Lautenschläger zu einer langsameren Melodie ansetzten, machten sich die Gäste über das Essen her, als ob sie halb verhungert wären.
Stundenlang spielte Gallus sich die Finger und die Lippen wund, bis man ihnen endlich gestattete, in die Küche zu gehen und sich an den Resten der Tafel satt zu essen. Gierig stürzte er sich auf ein knuspriges Hühnerbein und grub die Zähne hinein.
»Habt ihr schon gehört, was heute passiert ist?«, erkundigte sich eine der Küchenmägde.
Gallus und die Lautenschläger sahen sie fragend an.
»Was sollen wir gehört haben? Dass dein Herr und seine Braut sich bald die ganze Nacht vergnügen?«, scherzte einer der Lautenschläger.
Gallus lachte und leckte sich Bratfett von den Fingern.
Die Magd errötete. »Der schreckliche Fund«, flüsterte sie.
»Was für ein schrecklicher Fund?«
»Man hat etwas ganz Furchtbares in einem Futtertrog gefunden«, fuhr die Magd leise fort, da in diesem Augenblick die Köchin den Raum betrat und ihr einen finsteren Blick zuwarf.
»Und? Was geht’s uns an?«, fragte Gallus achselzuckend. Es gab zahllose furchtbare Dinge, aber vermutlich hatte sich die dumme Gans einen Bären aufbinden lassen. Sie schien ja nicht mal zu wissen, was genau passiert war.
»Wie kannst du nur so was sagen?«, hauchte die junge Frau.
»Mach, dass du wieder an die Arbeit kommst!«, erboste sich die Köchin, die mit hoch erhobenem Holzlöffel auf sie zukam. »Oder muss ich dir Beine machen?«
Die Magd zuckte zusammen und huschte mit eingezogenem Kopf davon.
»Und ihr esst auf und verschwindet!«, brummte die Köchin an Gallus und die Lautenschläger gewandt.
Gallus griff nach einem weiteren Stück Huhn. Etwas Furchtbares? Wenngleich er sich einen einfältigen Narren schalt, fing sein Verstand an, die merkwürdigsten Geschichten zu spinnen. Warum sollte sich die Magd so aufregen? Er beschloss, sich umzuhören, sobald er genug gegessen hatte.
Kapitel 9
Lazarus schlug die Tür seiner Zelle zu und lehnte sich heftig atmend mit dem Rücken dagegen. Die Begegnung mit Anna hatte all seine Vorsätze, all seine Schwüre schneller ins Wanken gebracht, als er befürchtet hatte. Ihr Anblick riss alle Barrieren nieder, die er errichtet hatte, um sich vor einem weiteren Bruch seines Gelübdes zu schützen. Sie war so wunderschön! Ihre Augen schienen bis auf den Grund seiner Seele zu blicken und der Schmerz darin tat ihm mehr weh als alle Leibstrafen, die ihm drohten, sollte er nochmal gegen die Regeln des Ordens verstoßen. Warum konnte sie nicht verstehen, dass sie die Prüfung war, die Gott ihm auferlegt hatte? Sie war die Versuchung, der er widerstehen musste, wenn er nicht bis in alle Ewigkeit im Fegefeuer brennen wollte. Mit einem Stöhnen rutschte er zu Boden und vergrub das Gesicht zwischen den Knien.
»Barmherziger Gott, bewahre mich vor meinen unreinen Gedanken, führe mich und gib mir die Kraft, stark zu bleiben«, betete er. »Lass einen Sünder nicht allein in seiner Not.« Einen Moment lang war er versucht, sich einem der anderen Brüder in der Beichte anzuvertrauen, doch etwas hielt ihn davon ab. Es war nichts geschehen zwischen ihm und Anna. Er musste sich damit abfinden, dass er sie vom heutigen Tag an immer wieder sehen, sich Seite an Seite mit ihr um die Kranken kümmern würde. Sie war eine Begine! »Warum, Herr?«, fragte er tränenerstickt. »Warum lässt du mich wanken im Glauben?«
Er erhielt keine Antwort.
Dennoch saß er lange Zeit reglos auf dem Boden und betete weiter, bis ihm die Beine einschliefen. Mühsam rappelte er sich auf, verstaute das Weihwasser und die Säckchen mit der Asche, dem Salz und den Kräutern und fuhr sich mit dem Ärmel seines Habits übers Gesicht. Er fühlte sich ausgelaugt und leer, beinahe so, wie er sich kurz nach seiner Ankunft in Rom gefühlt hatte. Es gab einen Grund, dass Gott ihn so prüfte. Vielleicht wollte Er ihm damit Seine Güte und Sein Vertrauen zeigen. Lazarus straffte die Schultern, öffnete nach kurzem Zögern die Tür und trat auf den Gang. Dann verließ er das Hauptgebäude, um in der Dürftigenstube nach dem Rechten zu sehen. Seine Arbeit als Siechenmeister wartete auf ihn.
Als er kurz darauf das Spital betrat, schlug ihm der wohlbekannte Geruch von Schweiß, Urin und Blut entgegen. Wie immer waren sämtliche Betten mit Bedürftigen belegt, die entweder fieberten, an Durchfall oder anderen Krankheiten litten. Auch zahlreiche Handwerker der Münsterbaustelle wurden vom Wundarzt zusammengeflickt, begleitet von Ausdrücken, die den Magister Hospitalis mit Entsetzen und frommer Empörung erfüllt hätten.
»Bruder Lazarus«, begrüßte ihn der Wundarzt. »Du bist wieder da.« Es war eine Feststellung, keine Frage.
Lazarus nickte.
»Gut.« Der Wundarzt schien noch etwas hinzufügen zu wollen, schluckte die Worte jedoch. Stattdessen zeigte er auf einen Mann in einem Bett, dessen Laken steif waren von getrocknetem Blut. »Du solltest einen Blick auf ihn werfen. Ich musste ihm die Beine abnehmen, aber ich fürchte, er wird es nicht überstehen.«
*
Nachdem Anna den Säugling zurück in die Stube der Wöchnerinnen gebracht hatte, ließ sie die Mutter mit dem Kind und einer Amme allein und ging zurück in die Dürftigenstube. Schon beim Betreten der großen Halle sah sie Lazarus und den Wundarzt, die sich über den armen Tropf beugten, der seine Beine verloren hatte. Anna warf einen Blick an die Decke des Kreuzrippengewölbes und sandte ein kurzes Gebet zum Himmel, in dem sie um Stärke flehte. Sie durfte sich vor den Insassen nicht anmerken lassen, was sie empfand. Da das Stundengebet der Non bald beginnen würde, herrschte schon wieder reger Betrieb in der Stube. Mägde und Knechte halfen den Kranken beim Ankleiden, von denen sich einige lautstark jammernd beklagten. Manche waren so schwach, dass sie zum Ausgang getragen werden mussten, andere humpelten auf Krücken. Wieder andere wirkten auf Anna vollkommen gesund und würden vom Spitalmeister im Anschluss an den Kirchgang gewiss zum Holzhacken, Kehren oder zu anderen Arbeiten eingeteilt werden. Nur diejenigen, die zu krank oder zu schwach waren, durften in ihren Betten bleiben, die sie sich oft zu zweit teilten.
Annas Blick fiel auf den Amputierten. Für ihn würde der Gang zur Spitalkirche ausfallen, da sein Gesicht inzwischen grau und eingefallen war. Obwohl ihr Verstand ihr riet, sich so weit wie möglich von Lazarus fernzuhalten, wurde sie beinahe magisch von dem Sterbenden angezogen.
»Wie geht es ihm?«, fragte sie, als sie das Bett erreichte.
Lazarus zuckte beim Klang ihrer Stimme kaum wahrnehmbar zusammen. Er schien sie nicht kommen gesehen zu haben.
»Ich fürchte, er stirbt«, erwiderte der Wundarzt. »Ich kann nichts mehr für ihn tun. Vielleicht gibt es eine Arznei, die ihn kräftigen kann, sonst helfen ihm nur noch Gebete.«
Lazarus beugte sich über den Mann, fühlte seinen Aderschlag und schüttelte schließlich den Kopf. »Es ist kaum mehr Leben in ihm. Seine Seele ist bereit für die Reise.«
Obwohl Anna Mitleid für den Mann empfand, war sie erleichtert, dass ihm weitere Qualen erspart blieben. Der Gedanke daran, was für unglaubliche Schmerzen er erdulden musste, sollte er das Bewusstsein wiedererlangen, war schlimmer als die Vorstellung, dass er Frieden im Tod fand.
»Hat man ihm die Beichte abgenommen?«, erkundigte sich Lazarus.
Der Wundarzt nickte.
»Dann kann ich nichts weiter für ihn tun, als für ein schnelles Ende zu beten.« Lazarus zog sich einen Schemel heran und setzte sich neben das Lager, während die Glocken der Spitalkirche anfingen zu läuten. »Du solltest besser zum Gebet gehen«, riet er, ohne Anna anzusehen. »Ich komme hier allein zurecht.«
Sein barscher Ton verletzte Anna. Ohne etwas zu erwidern, kehrte sie dem Lager des Sterbenden den Rücken und verließ die Dürftigenstube. Draußen strömten die Insassen aus allen Gebäuden zur Kirche. Nur in der Nähe der Fuhrwerke und schweren Gerätschaften hatte sich eine kleine Menschentraube um einen Mann gebildet, der mit wilden Gesten etwas erzählte. Obwohl Anna Besserung gelobt hatte, regte sich ihre Neugier. Bevor ihre Vernunft sie davon abhalten konnte, näherte sie sich der Gruppe und blieb in Hörweite stehen.
»Das ist Teufelswerk, sage ich euch!«, raunte einer der Zuhörer. »Wer sonst sollte so etwas Grässliches tun?«
»Bist du sicher, dass man dir keinen Bären aufgebunden hat?«, fragte eine Magd.
Der Mann, um den sich alle geschart hatten, nickte. »Ich bin selbst an der Wiese vorbeigekommen.« Er sah zum Himmel, an dem seit einigen Stunden die Sonne lachte. Vergessen war der dichte Nebel des Morgens. »Gott ist mein Zeuge!«
»Und du hast es mit eigenen Augen gesehen?«
Er nickte. »Die Wachen haben es aus dem Trog gezogen.«
Mehrere Frauen schlangen schaudernd die Arme um sich.
»Vielleicht geht ein Menschenfresser um«, mutmaßte eine.
»Unsinn!«
»Woher willst du das wissen?«
»Wenn schon Schelmbein und Armsünderschmalz zauberkräftig sind …« Die Frau, die gesprochen hatte, bekreuzigte sich.
Anna runzelte die Stirn. Worum ging es? Als Schelmbein bezeichnete man die Knochen eines Hingerichteten, als Armsünderschmalz sein Fett. Diese Arme-Leute-Reliquien galten vielen Abergläubischen als heil- und zauberkräftig. Ein Diebesdaumen sollte gar Glück im Spiel bringen.
»Auf welcher Wiese war es denn?«, fragte ein Knecht, der sich zu der Gruppe gesellt hatte. »Ich will mich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass du uns nicht zum Narren hältst.«
»Willst du behaupten, ich würde lügen?«, empörte sich der Mann in der Mitte.
Der Knecht schnaubte. »Du bist ein Wichtigtuer, das wissen wir alle.«
»Dann geh selbst zur Ziegenweide«, war die Antwort. »Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich gelogen habe.«
»Was soll das?«, ertönte die Stimme des Spitalmeisters, der mit wehendem Gewand auf die Gruppe zukam. »Was steht ihr hier rum und tratscht. Macht, dass ihr in die Kirche kommt!«
Anna beeilte sich, hinter eines der Fuhrwerke zu treten, damit der Magister Hospitalis sie nicht sehen konnte. Sie war ihm ohnehin ein Dorn im Auge, weil ihr Bruder, der Spitalpfleger, die Ordensbrüder zu immer mehr Sparsamkeit antrieb. Seit das Spital dem Rat unterstand, stritten die beiden regelmäßig wie zwei Kampfhähne. Sie beschloss, sich nach dem Stundengebet weiter umzuhören. Was der Mann erzählt hatte, klang erschreckend. Sie hoffte inständig, dass nicht schon wieder ein Mörder in der Stadt umging.
Kapitel 10
»Ich brauche Eure Hilfe!«
Johannes Schad, der zweite Bürgermeister der Stadt, musterte seinen Besucher mit hochgezogenen Brauen. Er saß in seinem Kontor und war dabei, sich einen Überblick über die Geldanlagen seines Vaters zu verschaffen. Seit er dafür gesorgt hatte, dass der verrückte Alte in ein Narrenhäuslein gesteckt worden war, hatte sich Johannes’ Besitz mehr als verdoppelt. Vieles steckte in Edelsteinen, Silbergeschirr und Häusern, er hatte bisher keine vollständige Liste des Grundbesitzes seines Vaters aufgestellt. Außerdem war er an einer Saline und der Silbergewinnung in Böhmen beteiligt. Hinzu kamen einige Verkaufsstände auf dem städtischen Markt, ein Schlachthaus, eine Mühle und eine Schmiede, die sein Vater vor einigen Jahren erstanden hatte.
Ärgerlich über die Unterbrechung legte Johannes den Federkiel beiseite und zeigte auf einen Sessel gegenüber seines Schreibtisches. Sein Besucher war ein Ratsherr, der vor einem Jahr zurück nach Ulm gezogen war.
»Es geht um meine … eine Frau«, sagte der Mann.
Johannes lächelte dünn. »Seid Ihr Eurer schon überdrüssig? Ihr habt sie doch erst vor Kurzem geheiratet.«
»Nein, nein.« Der Besucher schüttelte den Kopf. »Sie … Es ist …«, stammelte er.
Johannes lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor dem Bauch. Der Kerl war aufgeregt wie eine Jungfrau vor der Hochzeitsnacht. Auch wenn ihm der Besuch ungelegen kam, konnte er ihn zu seinem Vorteil nutzen. Es gab noch immer einige Mitglieder im Rat, die ihn voller Misstrauen beäugten. Die Anschuldigungen dieser verdammten Anna Ehinger und des Pfaffen waren nicht bei allen auf taube Ohren gestoßen. Hätte sein Prokurator nicht dafür gesorgt, dass die Anklage gegen ihn und seinen Vater fallengelassen worden war, säße er jetzt nicht in seinem Kontor. Obwohl er versuchte, sich zusammenzureißen, trieb ihm die Wut auf diese vermaledeite kleine Hure das Blut in die Wangen. Wenn sie dachte, dass sie ungeschoren davonkommen würde, irrten sie und ihr Bruder Jakob sich gewaltig. Dieser Mistkerl machte im Rat immer wieder Stimmung gegen Johannes, aber als zweiter Bürgermeister saß er am längeren Hebel. Wenn die Ehingers nicht aufpassten, war ihre Zeit als eine der angesehensten Familien der Stadt bald vorbei! »Warum kommt Ihr zu mir?«, fragte er.
Der Ratsherr sah ihn an und schien nach einer passenden Antwort zu suchen.
Johannes begriff. Er hatte all die Gerüchte gehört, das Gerede, dass vielleicht doch etwas dran war an den Anschuldigungen gegen ihn und seinen Vater. Eine Verurteilung hatte er abwenden können, aber gegen das Geschwätz der Ulmer konnte er nichts ausrichten.
»Ich habe gehört, dass Ihr Leute kennt, die …«
»Die was?«
»Die Arbeiten verrichten, die etwas schmutziger sind.«
Johannes lachte. »Ihr braucht einen gewissenlosen Handlanger? Wofür?«
»Nicht für das, was Ihr denkt!«, beeilte sich sein Besucher zu sagen. »Ich muss etwas herausfinden. Und dafür brauche ich einen verschwiegenen Mann.«
»Da kann ich Euch nicht helfen«, erwiderte Johannes kühl. Er würde den Teufel tun und einem Kerl, den er kaum kannte, einen Rat geben, der am Ende gegen ihn verwendet werden könnte.
»Ich benötige nur eine Information über jemanden.«
»Über eine Frau?«
Der Ratsherr nickte.
»Wo ist sie?«
»Im Beginenhof.«
Jakob horchte auf. »Sie ist eine von diesen gottlosen Weibern?«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Sie hat dort in der Herberge Unterschlupf gefunden.«
»Warum interessiert Ihr Euch für sie?«
»Das ist eine Sache, die nur mich und Gott etwas angeht.«
»Dann kann ich Euch leider nicht helfen.« Johannes erhob sich und bedeutete seinem Besucher, dass die Unterredung beendet war. Wenn der Kerl ihm nicht traute, gab es für ihn keinen Grund, ihm zu helfen. Zwar war die Vorstellung, den Beginen auf irgendeine Art und Weise schaden zu können, verlockend, aber er würde ganz gewiss nichts tun, das ihn selbst in Schwierigkeiten bringen konnte.
»Wartet!« Der Ratsherr hob bittend die Hände. »Schwört, dass Ihr nichts von dem verraten werdet, was ich Euch jetzt anvertraue!«
Johannes überlegte nicht lange. Geheimnisse waren mehr wert als Gold. Wer das Geheimnis eines anderen kannte, hatte diesen in der Hand. Ob der Narr wusste, was er tat? Er hob die Hand und sagte: »Ich schwöre, bei Gott und allen Heiligen.«
»Dann hört gut zu.«
Kapitel 11
Als sich der lange Tag im Spital endlich dem Ende neigte, war Anna so erschöpft wie lange nicht mehr. Der Tod des Knaben, das Leiden des Amputierten, das besessene Kind und die Begegnung mit Lazarus hatten sie ausgelaugt. Sie fühlte sich innerlich leer und war froh, als es endlich Zeit war, das Spital zu verlassen. Die Dämmerung zog bereits am Horizont auf und brachte die Nebelschwaden zurück, als sie sich dem Tor näherte.
»Hier kannst du nicht durch«, ließ sie der Beschließer wissen.
Ein Fuhrwerk versperrte den Weg.
»Geh hinten raus!«
Wenig begeistert über den Umweg, begab Anna sich zurück in den größeren der beiden Höfe und machte sich auf zu einem der Gärten neben dem Friedhof. Dort angekommen, öffnete sie das Gartentor und ging über das niedergetretene Gras zum anderen Ende, wo ein kleiner, mit einer starken Tür gesicherter Durchgang auf eine Weide hinter dem Spital führte. Die Erinnerung an das letzte Mal, als sie diesen Ausgang benutzt hatte, schob sie beiseite, zog das Tor auf und trat auf die verlassen daliegende Wiese hinaus. Zu ihrer Rechten befanden sich uralte Bäume, die dicht beim Ufer der Donau wuchsen. Links von ihr führte ein kleiner Trampelpfad zu einem Gatter im Zaun. Vom Fluss her waren die Geräusche von Ruderschlag und schnatternden Enten zu hören, sonst herrschte eine beinahe gespenstische Stille auf der Weide. Weder Gänse noch Schafe waren zu sehen, vermutlich weil es in den Nächten inzwischen zu kalt wurde.
Mit einem Gefühl der Beklemmung raffte Anna die Röcke und stapfte durch das hohe Gras zu dem Pfad, dem sie bis zum Zaun folgte. Das, was sie vor dem Stundengebet gehört hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Wovon hatten die Knechte und Mägde gesprochen? Was hatte den Knecht so in Aufregung versetzt? Die Ziegenweide war nur einen Steinwurf entfernt, weshalb sie sich entgegen aller Vernunft nach Osten wandte, sobald sie das Gatter hinter sich geschlossen hatte. Was sollte das Gerede von einem Menschenfresser? Obwohl eine innere Stimme sie davor warnte, schlug sie das mahnende Gefühl in den Wind und machte sich auf zur Ziegenweide. Was sollte schon passieren? Vermutlich war es aufschneiderisches Geschwätz gewesen von einem Knecht, der sich wichtigmachen wollte.
Obwohl sie versuchte, sich das einzureden, nahm die Beklemmung zu, je näher sie der Weide kam. Nach kurzer Zeit erreichte sie den langgestreckten Flecken Gras, in dessen Mitte sich ein Wassertrog befand. Die Wiese lag verlassen da. Einerseits war Anna darüber erleichtert, andererseits beschlich sie eine leise Enttäuschung.
»Du kommst zu spät.«
Die Stimme ließ sie mit einem erstickten Laut herumwirbeln.
Ein Bursche, kaum älter als zehn Jahre, löste sich aus dem Schatten eines Baumes und starrte sie an. Er bohrte hingebungsvoll in der Nase. »Die sind alle schon längst weg.«
Anna fing sich wieder. »Hast du gesehen, was hier passiert ist?«, fragte sie.
Der Bengel zuckte mit den Schultern. »Vielleicht.«
Anna sah ihn tadelnd an. »Ich bin eine Begine. Willst du mich belügen?«
Der Junge wirkte wenig beeindruckt. »Gib mir einen Pfennig, dann sag ich dir, was ich gesehen hab.« Er wandte den Kopf und sah zu dem Wassertrog. »Es ist aber ziemlich unheimlich.«
Anna überlegte nicht lange, holte einen Pfennig aus der Tasche und drückte ihn dem Bengel in die Hand. »Also?«
»Paul hat einen Kopf gefunden.«
Anna blinzelte. »Was?«
»Paul, der Ziegenhirte.« Der Junge holte den Finger aus der Nase und betrachtete ihn eingehend, ehe er ihn in den Mund steckte. »Da drin war ein Kopf.« Er zeigte auf den Trog.
»Ein Ziegenkopf?«
»Nö. Ein Kopf von einem Kind.«
Anna griff nach einem der Pfosten, um sich festzuhalten. »Lüg mich nicht an!«, flüsterte sie.
»Ich lüg dich nicht an«, verteidigte sich der Junge. »Die Wachen waren hier und haben den Kopf aus dem Wasser gefischt.« Er grinste. »Es sah echt gruselig aus. Die Augen waren ganz …«
»Sei still!«, fiel Anna ihm ins Wort.
»Den Rest von dem Kind haben sie nicht gefunden«, setzte der Bengel hinzu. »Den hat bestimmt ein Menschenfresser mitgenommen.«
Jetzt war wenigstens klar, woher das Gerede von einem Menschenfresser kam. Sicher ging das Gerücht inzwischen durch die ganze Stadt. »Es gibt keine Menschenfresser«, sagte Anna.
»Stimmt gar nicht! Paul hat erwähnt, dass er einen kennt, der gehört hat, dass man stark wird, wenn man das Fleisch von einem Mörder isst!«
Anna schüttelte entsetzt den Kopf. Das war barer Unsinn, schlimmer Aberglaube, der in manchen Köpfen herumspukte. Für viele der einfachen Leute galten das Blut, die Knochen, das Fleisch und die Haut von Hingerichteten als heil- und glücksbringend. Manche erzählten sich gar, dass die Eigenschaften der Toten auf den übertragen wurde, der von ihnen aß oder trank. Die Vorstellung, dass jemand ein Kind wegen eines solch falschen Glaubens getötet hatte, erfüllte Anna mit Grauen.
»Der Henker war auch da«, ließ der Bengel sie wissen.
»Der Henker?«
Er nickte.
Anna vermutete, dass die Wachen ihn gerufen hatten, um eine Leichenschau vorzunehmen. Allerdings gab es den Worten des Jungen zufolge nicht viel, das man hätte untersuchen können.
»Es sah wirklich furchtbar aus«, wiederholte der Bursche mit sichtlicher Freude an Annas Entsetzen. »Wenn du mir noch einen Pfennig gibst, beschreibe ich dir alles ganz genau.«
Anna wandte sich kopfschüttelnd ab. »Geh nach Hause«, murmelte sie, warf einen letzten Blick auf den Wassertrog und eilte in die Richtung davon, aus der sie gekommen war. Es war ein dummer Einfall gewesen, zur Ziegenweide zu gehen. Jetzt hatte sie Bilder im Kopf, die sie nicht mehr loswerden würde. So schnell sie konnte, legte sie den Weg von der Ziegenweide bis zur Beginensammlung zurück und atmete auf, als sich das Tor hinter ihr schloss. Auch wenn sie diesen Geschichten nicht glaubte, beschlich sie ein ungutes Gefühl.
»Schwester Anna!«, begrüßte die Meisterin sie, als sie das Wohngebäude betrat. »Gertrud hat nach dir gefragt.«
»Geht es ihr besser?«, wollte Anna daraufhin wissen.
Die Meisterin wiegte den Kopf hin und her. »Ihr Fieber ist immer noch hoch. Ich habe mir ihre Verletzungen angesehen und mache mir Sorgen um sie. Aber sie wollte sich mir nicht anvertrauen.« Ihr war anzusehen, dass diese Tatsache sie mit Verdruss erfüllte. »Vielleicht kannst du ihr Vertrauen gewinnen. Sie hat sich mehrmals nach dir erkundigt.«
Anna konnte sich vorstellen, dass die strenge Gegenwart der Meisterin eine Frau, die offensichtlich Geheimnisse hatte, nicht dazu ermunterte, ihr Herz zu öffnen. Obwohl sie müde und hungrig war, brachte sie den leeren Korb in die Kräuterküche und begab sich in die Herberge, wo sie Gertrud schlafend in ihrer Kammer antraf. Ihr Gesicht wirkte friedlich trotz der dunklen Schatten unter ihren Augen.
»Gertrud?« Sie setzte sich auf die Bettkante und fasste der Kranken sanft an die Schulter.
Die fuhr mit einem Schrei aus dem Schlaf auf und fing an, um sich zu schlagen und zu treten. »Geht weg!«, keuchte sie.
»Gertrud, ich bin es!«, rief Anna erschrocken aus. Sie sprang von der Bettkante auf, um sich vor dem Angriff in Sicherheit zu bringen. »Gertrud!«
»Was …?« Als der Blick der Frau auf Anna fiel, trat Verstehen in ihren Blick. Beschämt ließ sie die Hände sinken und zog die Decke hoch, die im Eifer des Gefechts heruntergerutscht war. »Ich dachte …« Sie verstummte.
»Du wolltest mich sprechen?« Anna wagte sich wieder näher an das Lager.
Gertrud blinzelte verwirrt.
»Die Meisterin hat gesagt, du hättest nach mir gefragt.«
Es dauerte eine Weile, bis Gertrud nickte. »Du bist die Tochter eines Ratsherrn?«
Anna nickte. »Warum willst du das wissen?«
»Kennst du die anderen Ratsmitglieder?«, war die Gegenfrage.
Anna schüttelte den Kopf. »Nur einige wenige. Ich verkehre nicht in diesen Kreisen.«
»Aber du hast doch bestimmt jemanden, den du fragen könntest«, beharrte Gertrud.
»Weshalb?«
»Vielleicht ist es nicht wichtig«, wiegelte sie ab. »Aber falls der Herr mich zu sich nimmt …«
»Du wirst nicht sterben!« Anna griff nach ihrer Hand. Sie war heiß und feucht. »Wir kümmern uns um dich!«
Gertrud lächelte traurig. »Die Wege des Herrn sind unergründlich«, murmelte sie.
»Soll ich jemandem eine Nachricht von dir überbringen?«, bot Anna an.
Gertrud überlegte einen Augenblick, ehe sie verneinte. »Aber du könntest mir dennoch einen Gefallen tun.«
Anna sah sie fragend an.
»Frag nach Magnus Ungelter«, bat Gertrud.
»Wer ist das?«
»Ein Ratsherr.«
»Soll ich ihn zu dir bringen?«
»Nein!« Gertrud schüttelte heftig den Kopf. »Ich will nur wissen, wie es ihm geht.«
Anna runzelte die Stirn. »Ist er ein Verwandter von dir? Dein Bruder?«
Gertrud schwieg. »Tust du mir den Gefallen?«
Anna nickte.
»Er darf aber auf keinen Fall wissen, wer sich nach ihm erkundigt!« Etwas, das Anna nicht genau benennen konnte, schwang in ihrer Stimme mit. »Versprichst du mir das?«
Obwohl Anna sich nicht sicher war, ob es klug war, so etwas zu versprechen, tat sie, was von ihr verlangt wurde. Hoffentlich brachte sie sich damit nicht erneut in Schwierigkeiten!
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