Kitabı oku: «Die Salbenmacherin»
Silvia Stolzenburg
Die Salbenmacherin
Historischer Roman

Impressum
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3. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Bildes von: © http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mrs._Richard_Paul_Jodrell_by_Sir_Joshua_Reynolds.jpeg und © http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tuebingen-1643-Merian.jpg
ISBN 978-3-8392-4724-2
Widmung
Für meinen Schatz, die Sonne in meinem Leben
Prolog
Tübingen, Ende März 1408
Die Nacht war wie geschaffen zum Töten. Tiefhängende Wolken verdeckten einen schwindsüchtigen Mond und die Schatten der Häuser waren so undurchdringlich, dass man kaum die Hand vor den Augen erkennen konnte. Schon längst hatten Sturm und Regen die meisten Fackeln erlöschen lassen. Nur hie und da malten die Flammen gespenstisch zuckende Schatten auf das Kopfsteinpflaster. Wer keinen Wert darauf legte, sich in der Kälte den Tod zu holen oder von den Nachtwächtern befragt zu werden, befand sich schon längst im Bett. Doch die Gestalt, welche sich in einen schmalen Kelleraufgang duckte, hatte weder Angst vor dem eisigen Regen noch vor den Fragen der Stadtwachen. Denn diese, das wusste sie, befanden sich in ihrer Wachstube, wo es warm und trocken war. Mit kalten Fingern umklammerte der Mann einen leeren Sack, den er schon bald zu füllen gedachte. Wenn das Klappern der Hufe und das Knarren der Räder sich weiterhin in der gleichen Geschwindigkeit seinem Versteck näherten, dann würde sein Opfer schon bald den letzten Atemzug tun. Dieser würde ihm leichter fallen, als die letzten beiden. Schließlich hatte dieser vor fast einem halben Jahr mit einem »unehrlichen Messer« in seinem Türpfosten dafür gesorgt, dass die Leute sein Haus gemieden hatten, als ob darin die Pest ausgebrochen wäre! Und das nur, weil sein Weib den alten, räudigen Hund selbst getötet hatte, anstatt ihn von ihm, dem Hundeschinder, abholen zu lassen! Sein Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Grimasse. Nicht mehr lange, und der Hundeschinder würde für seine Unverschämtheit bezahlen! Das verstummte Quietschen der rostigen Räder verriet ihm, dass seine Beute ein weiteres Mal angehalten hatte, um einen der Kadaver aufzulesen, für deren Beseitigung die Tübinger ihn bezahlten. Wie die Prostituierten, die Betrunkenen und die Bettler gehörten auch der Hundeschinder und seine uralte Märe zu den Nachtschwärmern, an denen selbst die Obrigkeit der Stadt vorbeisah.
Eine eisige Bö fegte durch die Gasse und ließ den Lauernden frösteln. Obwohl das Jagdfieber durch seine Adern pulsierte und dafür sorgte, dass sich ein Schweißfilm auf seiner Oberlippe bildete, spürte er dennoch, wie die Kälte allmählich bis auf seine Knochen durchdrang. Wenn der verfluchte Hundeschinder nicht bald das Versteck passierte, würde er die Geduld verlieren! Er spielte gerade mit dem Gedanken, den Kelleraufgang zu verlassen und den Unehrlichen in eine der Seitengassen zu zerren, als der Klepper des Schinders auftauchte. Dieser selbst saß zusammengekauert auf dem schiefen Bock – die Zügel so lose in der Hand, dass sie beinahe den Boden streiften. Einen kurzen Moment lang trat der Mond hinter den Wolken hervor und beleuchtete die ausgemergelte Fratze des Mannes. Seine Augen wanderten müde von rechts nach links und blieben an dem Köder hängen, welchen der Wartende ausgelegt hatte. »Hoh«, krächzte er, hustete und spuckte einen Klumpen Schleim aus. Dann ließ er sich ungelenk vom Bock fallen und trottete auf den toten Hund zu, der keine zwei Fuß vor dem Kelleraufgang lag. Die Muskeln des Jägers spannten sich. Und als der Schinder sich bückte, um das verendete Tier aufzuheben, schnellte er vor, legte ihm von hinten den Arm um die Kehle und rammte ihm ein Messer in den Rücken. Das gurgelnde Geräusch, das der Getroffene von sich gab, war beinahe komisch. Mit einer Mischung aus Ekel und Erregung spürte der Mörder, wie warmes Blut aus der Wunde sprudelte und über seine Hand lief. Ohne viel Federlesens ließ er den Unehrlichen los und wich einen Schritt zurück, als dieser in sich zusammenfiel wie ein leerer Sack. Dann kniete er sich neben ihn, setzte das Messer an und begann sein grausiges Werk. Keine zehn Minuten später stopfte er das letzte Teil in seinen Beutel – der noch blutig war von seinem letzten Ausflug – und zurrte ihn zu. Nachdem er ihn geschultert hatte, hob er das Gefäß auf, das er sorgsam gefüllt hatte, verkorkte es und klemmte es sich unter den Arm. Zwar hatte er in der Dunkelheit nicht genau gesehen, was er tat, aber sein Auftraggeber würde dennoch zufrieden sein. Je mehr er erntete, desto mehr bezahlte er ihm. Wen interessierte es da, wie sauber die Schnitte waren? Er warf einen letzten Blick über die Schulter, um sich zu versichern, dass ihn niemand beobachtet hatte, und lächelte. Noch ein paar dieser Streifzüge, und er würde sich ein neues Pferd leisten können!
Teil 1
Kapitel 1
Konstantinopel, Juli 1408
»Das kann doch nicht sein Ernst sein, Yiayia!« Die sechzehnjährige Olivera spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. »Wie lange soll ich denn noch warten?«
Nur mit Mühe hielt sie sich davon ab, wie ein Kind mit dem Fuß aufzustampfen. Ungeduld und Empörung brodelten so heftig in ihr, dass sie meinte, fühlen zu können, wie ihre Gallensäfte überschäumten. Wütend starrte sie auf den Stößel in ihrer Hand hinab, den sie am liebsten mitsamt dem Mörser auf den Boden gepfeffert hätte. Warum konnte ihr Vater ihrem Wunsch nicht endlich nachgeben? Was hatte sie nur getan, um diese Ungerechtigkeit zu verdienen? Sie ließ den Stößel los und verschränkte die Arme vor der Brust.
»War ich nicht immer eine gehorsame Tochter?«, fragte sie und wischte ungehalten die Tränen der Enttäuschung aus den Augen. Diese füllten sich jedoch umgehend wieder, was ihren Verdruss noch mehr steigerte.
»Hab noch ein Jahr Geduld, Kind«, erwiderte die alte Frau, mit der sie seit Tagesanbruch in der Offizin – der Salbenküche – hantierte. »Er will nur das Beste für dich.«
»Das Beste?«, brauste Olivera auf. »Wenn er noch lange wartet, wird mich keiner mehr ansehen!« Ihre Stimme klang schrill in dem hohen Raum.
»Beruhige dich«, ermahnte ihre Großmutter sie und stellte den Tiegel ab, in dem sie Populeon – eine Salbe aus Pappelknospen, Mohn und Rosenöl – gemischt hatte. »Du weißt doch, dass steter Tropfen den Stein höhlt.« Ihr faltiges Gesicht verzog sich zu einem listigen Lächeln. »Und dein Vater ist kein besonders harter Stein.« Sie säuberte sich die Hände an einem Tuch und trat auf ihre Enkelin zu. »Merke dir eines, mein Kind«, sagte sie. »Wenn du einen Mann dazu bringen willst, etwas zu tun«, sie hob den Zeigefinger, »dann umschmeichle ihn und gib ihm das Gefühl, dass es sein Einfall war.« Der Zeigefinger wackelte hin und her. »Auf keinen Fall darfst du ihn so bedrängen, dass er denkt, er würde einem Weib nachgeben.«
Olivera presste die Lippen aufeinander und stieß ärgerlich die Luft durch die Nase aus. Obwohl die Worte ihrer Großmutter sie eigentlich beruhigen sollten, schienen sie das Gegenteil zu bewirken.
»Alexia ist erst vierzehn und sie wird in einem Monat die Frau des Goldschmiedes«, brummte sie.
Einige Augenblicke lang sah ihre Großmutter sie mit einem Lachen in den Augen an. Dann tätschelte sie Olivera die Wange und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Arbeit zu.
»Es nützt nichts, sich über Dinge aufzuregen, die man nicht ändern kann«, sagte sie und griff nach einem Glaskolben. »Die Arbeit wird dich auf andere Gedanken bringen.« Mit diesen Worten zog sie eine Leiter heran und deutete auf eines der bis an die Decke reichenden Regale. »Deine Beine sind jünger als meine. Ich brauche Bärenklau und Wolfsmilch.«
Obgleich Olivera bittere Widerworte auf der Zunge brannten, schluckte sie diese und tat, wie geheißen. Geschickt erklomm sie die Sprossen und angelte nach den hohen Tontöpfen, in denen das Gewünschte lagerte. Nachdem sie ihrer Großmutter noch dabei geholfen hatte, ein Feuer zu entzünden, kehrte auch sie zu ihrer Arbeit zurück und wog die Zutaten für eine Salbe gegen Sonnenbrand ab. Derweil sie eine Handvoll Lilienwurzeln abkochte, Bleiweiß, Mastix und Weihrauchharz mit etwas Campher und Schweinefett vermengte, gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft. Ihre Großmutter hatte leicht reden! Geduld schien ein Allheilmittel der Alten zu sein! Sie schürzte die Lippen, während sie ihren Vater in Gedanken verwünschte. Wieso suchte er nicht endlich einen Bräutigam für sie? Sollte sie etwa ewig unter seinem Dach leben – als Tochter, ohne eigenen Rang und Namen? Sie stocherte so heftig in der zähen Masse herum, dass diese ein schmatzendes Geräusch von sich gab. Als eine Blase zerplatzte und etwas von dem Gemisch auf ihrem Handrücken landete, verrieb sie es mit der Fingerkuppe und runzelte die Stirn.
Ob die Frau, für die sie diese Mixtur anfertigte, glücklicher war als sie? Die Falten auf ihrer Stirn vertieften sich, als sie sich die Dame vorstellte. Vermutlich handelte es sich um eine der vermögenden venezianischen Kaufmannsgemahlinnen. Oder um eine der Florentinerinnen, Jüdinnen oder Ragusanerinnen, die ebenfalls in den prächtigen Vierteln in der Nähe des Hafens wohnten. Sie strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Stirn und sah dabei zu, wie die Zutaten nach einigem weiteren Rühren zu einem sämigen Brei verschmolzen. Wie sehr sie die Damen beneidete! Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Seufzen und wünschte sich zum ungezählten Mal, die biblische Stärke einer Delila, einer Debora oder Judit zu besitzen; den Mut und die Kraft zu haben, gegen Althergebrachtes aufzubegehren und das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Ein Schweißtropfen löste sich von ihrer Stirn, rann an ihrer Schläfe entlang die Wange hinab, bis er ihr Kinn erreichte und in den Mörser tropfte. Das Feuer ihrer Großmutter verstärkte die brütende Sommerhitze, die selbst die dicken Wände inzwischen nicht mehr auszusperren vermochten. Leise prustend fuhr Olivera sich mit dem Ärmel über die Stirn. Und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie ihre Yiayia es unter dem schweren schwarzen Stoff aushielt, aus dem all ihre Kleider gefertigt waren. Olivera selbst war nur mit zwei leichten Seidengewändern bekleidet, derer sie sich nur allzu gern entledigt hätte. Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, als sie sich ausmalte, wie ihre Großmutter darauf reagieren würde. Doch die Heiterkeit blieb nicht lang, und schon bald versank sie wieder in dumpfem Brüten.
Lange Zeit verging in konzentrierter Arbeit. So vertieft war die junge Frau in das Abwiegen, Seien, Vermischen und Zerstoßen weiterer Arzneipflanzen, dass sie das Klopfen an der Tür der Arzneiküche erschrocken zusammenfahren ließ.
»Der Medicus schickt nach Euch«, stieß die Magd, die kurz darauf in dem Spalt erschien, atemlos hervor. »Der Bote meint, es sei dringend. Eine Frau ist an Hysterike erkrankt und liegt wie tot da!« Ihre Wangen waren von der Eile gerötet. Vollkommen aufgelöst, schien sie nicht zu wissen, ob sie den Raum betreten sollte oder nicht. Weshalb Oliveras Großmutter mahnend die Hand hob.
»Verlier nicht den Kopf«, tadelte sie das Mädchen. »Lauf und lass die Sänfte bereitmachen.« An ihre Enkelin gewandt sagte sie: »Pack Schwefel und ein Büschel Pferdehaar ein.« Sie selbst griff nach einem Weidenkorb und füllte diesen mit einem Honigtopf, Moschuswasser, Baumwolle und etwas Minze.
Sobald Olivera das Geforderte ebenfalls in den Korb gestopft hatte, verbarg sie ihr Haar unter einem Tuch und folgte ihrer Großmutter hinaus ins Freie. Dort buken Hof und Gärten unter einem wolkenlosen Himmel in der Sonne vor sich hin. Allerdings erschien Olivera die schwüle Luft nach der Hitze in der Offizin beinahe wie ein frischer Hauch. Einige Augenblicke reckte sie die Nase in den Wind und atmete gierig ein und aus. Eine Bö trug den Geruch von Salz und Algen vom Meer hinauf, nach dessen kühlen Fluten sich die junge Frau so sehr sehnte wie schon lange nicht mehr. Als sie sich wieder in Bewegung setzte und dem überdachten Säulengang folgte, der rings um den quadratischen Hof lief, gesellte sich der Duft von frischem Brot und Gewürzen zu dem Geruch des Bosporus. Oliveras Magen begann zu knurren. Später!, ermahnte sie sich schuldbewusst, da ihre Großmutter bereits mehrere Schritte Vorsprung hatte. Eilig hastete sie ihr hinterher. Bis auf ein paar Hühner und Singvögel regte sich weit und breit kein Leben. Selbst der Esel, der für gewöhnlich die Kornmühle antrieb, stand mit gesenktem Kopf im Schatten eines knorrigen Olivenbaumes. Obschon sie nicht viel mehr als einen Steinwurf zurücklegen mussten, atmete die junge Frau erleichtert auf, als sie das Tor erreichten, vor dem die Sänfte auf sie wartete. Die Träger verharrten geduldig neben dem Gebäude, in dem Kontor und Laden ihres Vaters untergebracht waren – einem hohen Bau mit spitzen Fenstern, zwei kleinen Türmchen und einer gekachelten Fassade. Auch der Bote des Medicus trat dort nervös von einem Fuß auf den anderen – als verspüre er immensen Harndrang. Kaum erblickte er die beiden Frauen, warf er erleichtert die Hände in die Höhe.
»Schnell, schnell«, drängte er. »Es ist die Donna Vincenzo!« Sein Gesicht verzog sich zu einer beinahe komischen Grimasse. »Sie ist doch noch so jung!«
Nachdem sie ihrer Großmutter in die Sänfte geholfen hatte, kletterte Olivera ebenfalls in den Tragsessel, welchen die Männer ihres Vaters augenblicklich aufnahmen. Sie wollte gerade die Haken des Vorhangs schließen, da erblickte sie eine Gruppe Reiter, die auf das Haus zusteuerten. Neugierig schob sie die Nase zwischen den Spalt und beäugte die Fremden, denn sie vermeinte, einen von ihnen zu erkennen. Aufrecht und stolz saß er im Sattel eines riesigen Rappen. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie rotblondes Haar unter seiner Kappe hervorblitzen sah. Ehe sie sich jedoch versichern konnte, dass ihre Augen ihr keinen Streich spielten, zog ihre Yiayia sie von dem Spalt zurück und schalt: »Die Neugier ist die Tugend des Teufels. Was soll man denn von dir denken, wenn du dich benimmst wie eine Elster?«
Olivera errötete. »Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen«, murmelte sie schuldbewusst.
»Das hast du ganz sicher«, entgegnete ihre Großmutter. »Aber ob derjenige es wert ist, dass du allen Anstand vergisst …« Sie schüttelte den Kopf und fasste ihre Enkelin forschend ins Auge.
Da Olivera die Betrachtung unangenehm war, senkte sie den Kopf und es herrschte Schweigen in der Sänfte, bis die Träger sie vor einem palastähnlichen Haus absetzten. Dort winkte der Bote des Medicus sie in eine Eingangshalle, von der aus zwei Treppen ins Obergeschoss führten.
»Hier entlang«, ließ er die Frauen wissen. Er scheuchte sie auf den schmaleren der beiden Aufgänge zu. Oben angekommen wies er nach links, und wenig später betraten Olivera und ihre Großmutter ein Gemach von gewaltigen Ausmaßen. In der Mitte des Raumes prangte eine Bettstatt, in deren Himmel Gold- und Silberfäden funkelten. Trotz der zahllosen Kissen, die sie umgaben, wirkte die Dame in diesem Bett so klein und zerbrechlich wie eine Puppe. Ein halbes Dutzend Mägde kniete auf dem Boden und betete, während der Medicus eine Schale mit Wasser auf der Brust der Kranken platzierte.
»Da seid Ihr ja endlich!«, fuhr er die Frauen an. »Sie lebt noch.« Er wies auf das Wasser in der Schale, das sich mit jedem – mit dem bloßen Auge kaum sichtbaren – Atemzug der Dame kräuselte. »Aber es ist höchste Eile geboten. Ihr Uterus ist zu trocken. Er ist nach oben gewandert und behindert die Atmung«, erklärte er. »Sie wird ersticken, wenn es uns nicht gelingt, die Bewegung umzukehren!«
Oliveras Großmutter nickte. Sie trat an die Kranke heran und hielt ihr einen Finger unter die Nase. Dann wandte sie sich wieder um und wies Olivera an: »Nimm eine Schale und entzünde das Pferdehaar darin. Sobald es glimmt, gib etwas Schwefel hinzu und sorge dafür, dass die Kranke den Dampf einatmet.« Sie selbst griff nach den Zutaten in ihrem Korb und vermengte diese mit geübten Bewegungen in einem Tiegel. »Macht sie frei«, befahl sie den Mägden.
Verwundert verfolgte Olivera, wie ihre Yiayia die Schenkel der Patientin mit der Arznei aus dem Tiegel bestrich und ein Stück Baumwolle damit tränkte. Dieses führte sie in die Kranke ein, während der Arzt begann, mit Schröpfköpfen zu hantieren. Zwar hatte Olivera schon von diesen Maßnahmen gegen die gefährliche Hysterike pnix gehört, allerdings war sie noch nie bei einer Behandlung zugegen gewesen.
»Ich habe sie vor dem Gelübde der Enthaltsamkeit gewarnt«, brummte der Arzt und hielt einen der Glaskolben über eine Kerzenflamme. »Aber sie wollte und wollte nicht auf mich hören.«
Was bei allen Heiligen hatte die Enthaltsamkeit mit dem Zustand der Frau zu tun?, fragte Olivera sich. Da just in diesem Moment das Pferdehaar in ihrer Schale anfing zu qualmen, vergaß sie die Verwunderung jedoch genauso schnell, wie sie gekommen war, und blies in die Glut. Vorsichtig gab sie etwas von dem Schwefelpulver hinzu und hielt schleunigst den Atem an. Innerhalb weniger Augenblicke stank der gesamte Raum so entsetzlich, dass eine der Mägde auf das Fenster zueilte, um es zu öffnen. Allerdings hielt der Medicus sie mit einem herrischen Befehl davon ab.
»Der Gestank soll den Uterus nach unten treiben, wohin der Wohlgeruch ihn lockt«, fauchte er. »Nicht durch das Fenster entweichen!« Er beugte sich über die Kranke, um die Glaskugel aufzusetzen. Doch bevor er dazu kam, begann die Frau zu husten und um sich zu schlagen, als ob sie sich gegen alle Dämonen der Hölle gleichzeitig zur Wehr setzen müsste.
»Herr im Himmel, hab Dank für dieses Wunder«, hörte Olivera eine der Bediensteten flüstern. Neugierig verfolgte sie, wie der Arzt der Patientin zuerst den Puls fühlte und dann in seine Tasche griff und eine Fliete – ein Messer für den Aderlass – zutage förderte.
»Das Unheil ist abgewendet«, murmelte er nach einigen Herzschlägen und richtete sich wieder auf. »Thomas wird Euch bezahlen«, ließ er Oliveras Großmutter wissen. »Ihr könnt gehen.« Er lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf die Kranke. »Ihr seid nur mit Mühe dem Tod entronnen. Bitte hört in Zukunft auf meinen Rat«, sagte er streng. Obgleich Olivera den Mann nicht ausstehen konnte, musterte sie ihn neugierig. Was es wohl für ein Rat war? Ehe sie weiter darüber nachgrübeln konnte, mahnte ein Husten des Boten sie zur Eile. Mit fliegenden Fingern verstaute sie die Zutaten wieder in dem Weidenkorb. Dann huschte sie aus dem Raum und wartete, bis der Mann ihre Großmutter bezahlt hatte. Als sie sich wenig später wieder in der Sänfte befanden, konnte sie ihre Neugier allerdings nicht mehr im Zaum halten.
»Was für ein Rat war es, den der Medicus der Donna gegeben hat?«, platzte es aus ihr heraus. »Warum wollte er sie von ihrem Enthaltsamkeitsgelübde abbringen?«
Ihre Großmutter zuckte die Achseln. »Man sagt, dass besonders Witwen und Jungfrauen von der Hysterike bedroht sind«, entgegnete die alte Frau. »Weil sie nicht mit einem Mann liegen und daher die Gefahr der Austrocknung besonders hoch ist.«
Olivera riss staunend die Augen auf. Und plötzlich kam ihr ein Gedanke, der sie den Verdruss des Morgens vergessen und ihr Herz davongaloppieren ließ.
Kapitel 2
Konstantinopel, Juli 1408
Sobald sie vor dem Haus ihres Vaters von den Trägern abgesetzt wurden, sah sie sich nach allen Seiten um. Ihr Herzschlag hatte sich mit jedem Schritt weiter beschleunigt, und sie betete, dass ihre Großmutter ihr die Aufregung nicht an der Nasenspitze ansah. Hatte die Eile, mit der sie das Haus der Kranken erreichen mussten, alle Gedanken an die Reiter verdrängt, waren diese auf dem Rückweg mit aller Macht zurückgekehrt. Wenn ihre Augen ihr beim Aufbruch keinen Streich gespielt hatten, dann war er wieder da! Eine Vorstellung, die dafür sorgte, dass sie ein seltsames Gefühl durchströmte. Um eine ausdruckslose Miene bemüht, folgte sie ihrer Großmutter zurück in den Hof. Dort herrschte wesentlich mehr Leben als vor nicht ganz einer Stunde. Fuhrleute luden vor dem Lager ihres Vaters Waren ab, die von Sklaven oder bezahlten Trägern aufgenommen und in das flache Gebäude gebracht wurden. Zwei Hunde balgten sich in der Nähe des Springbrunnens um einen Knochen. Und einige Knechte waren damit beschäftigt, das Fell von fünf Pferden auf Hochglanz zu striegeln. Bei einem der Reittiere handelte es sich um den riesigen Rappen, in dessen Sattel der Mann gethront hatte, von dem Olivera seit beinahe einem Jahr immer wieder träumte. Jedenfalls hoffte sie inständig, dass es sich um ihn handelte und nicht um einen anderen Fremden mit goldenem Haar. Auch wenn sie wusste, dass es unschicklich war, verrenkte sie sich beinahe den Hals bei dem Versuch, hinter den Fenstern des Kontors etwas zu erkennen. Zweifelsohne hatte ihr Vater die Besucher dort empfangen – handelte es sich doch um Geschäftspartner.
»Tu mir einen Gefallen, Kind«, riss ihre Yiayia sie aus den Träumereien. »Der Ausflug hat mich erschöpft.« Sie strich sich mit der Hand über den Teil ihres silbernen Haares, der nicht von einem Tuch bedeckt war. »Ich werde mich ein wenig ausruhen. Sag einer Küchenmagd, sie soll mir Brot, Oliven und etwas Wein bringen.« Ihr Blick wanderte zu dem Korb in Oliveras Hand, dann sah sie ihrer Enkelin in die Augen. »Du solltest auch etwas essen. Vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken.«
Flammende Röte schoss Olivera in die Wangen. Woher wusste ihre Großmutter, was sie dachte? War es so offensichtlich? Oder spielte ihre Yiayia auf das Gespräch vom Morgen an? Bevor sie eine Antwort auf diese Fragen finden konnte, verschwand die alte Frau jedoch in den Schatten des Säulenganges. Hatte sie sich durch irgendetwas verraten? Sie blinzelte die Fragen beiseite und sah sich mit brennendem Gesicht ein letztes Mal sehnsüchtig um. Da allerdings immer noch keine Spur von dem Neuankömmling zu entdecken war, unterdrückte sie ein Seufzen. Nachdem sie eine Küchenmagd ausfindig gemacht und ihr die Wünsche ihrer Großmutter aufgetragen hatte, begab sie sich zur Arzneiküche. Dort angekommen, lehnte sie sich von innen gegen die Tür und starrte einige Zeit lang Löcher in die Luft. Die Kühnheit ihres Einfalles erschreckte sie. Doch gleichzeitig verwandelte sie die Enttäuschung und Bitterkeit in ihr in etwas, für das sie keine Worte fand. Um sich von den wild in ihrem Kopf durcheinanderwirbelnden Gedanken abzulenken, sog sie ganz bewusst die schweren Dämpfe der Arzneiküche ein. Während sich die Würze von Weihrauchharz mit dem Aroma von Lavendel, Nelken und Theriak vermischte, bemühte sie sich, die Schmetterlinge in ihrem Bauch unter Kontrolle zu bringen. Ein weiterer Seufzer stieg in ihr auf, und dieser fand den Weg über ihre Lippen. Würde er sie überhaupt eines Blickes würdigen?, war die Frage, die sie am meisten quälte. Oder würde er sie wieder behandeln wie ein kleines Mädchen? Scham übergoss sie, als sie daran zurückdachte, wie er ihr bei seinem letzten Besuch eine Handvoll gezuckerter Feigen geschenkt hatte. Sein Lächeln war das eines großen Bruders gewesen – und noch niemals zuvor hatte Olivera sich so klein und unansehnlich gefühlt wie in diesem Augenblick. »Äffchen« hatten ihre eigenen Brüder sie immer genannt. Doch zum Glück war keinem der drei der Einfall gekommen, sie in Anwesenheit des Fremden so zu rufen! Sie presste die Lider aufeinander und beschwor sein Gesicht herauf: die grauen Augen unter den hellen Brauen; den energischen Mund; die leicht gebogene, etwas schiefe Nase; und den rotblonden Schopf. Als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, war sie versucht gewesen, sich zu kneifen. Denn einen Augenblick lang hatte sie gedacht, eine der Märchengestalten aus den Erzählungen ihrer Großmutter wäre zum Leben erwacht und wollte sie foppen. Doch dann hatte er über einen Scherz ihres ältesten Bruders gelacht und war mit diesem in den Stallungen verschwunden – als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.
Sie öffnete die Augen wieder und biss sich auf die Unterlippe. Schon bald würde sie ihn wiedersehen. Und bis dahin musste sie den Einfall, der ihr in der Sänfte gekommen war, sehr sorgfältig durchdenken. Wenn sie einen Fehler beging, würde sie sich nicht nur zum Narren machen. Vermutlich würde ihr Vater sie dann zur Strafe niemals verheiraten! Sie löste sich von der Tür und stellte ihren Korb auf einer der Arbeitsflächen ab. Dann trat sie an das Regal, in dem ihre Großmutter ihre Kräuter- und Rezeptbücher aufbewahrte, und zog einen in Leder gebundenen Folianten hervor. Dieser enthielt eine Zusammenfassung der wichtigsten medizinischen Schriften. Unter anderem fanden sich dort Auszüge aus Galens Methodi Medendi – den Methoden des Heilens – Avicennas Canon Medicinae – dem Kanon der Medizin – und Trotulas Passionibus Mulierum – den Leiden der Frau. Dieses letzte Werk beschrieb nicht nur typisch weibliche Krankheiten, sondern enthielt auch Rezepte für Schönheitsmittel und Tinkturen zur besseren Empfängnis. Zudem fanden sich dort Arzneien zur Stimulierung der Monatsblutung, zur Verhütung, zum Wiederherstellen der Jungfräulichkeit und Beschreibungen von Hautkrankheiten. Zielsicher schlug Olivera das Buch an der Stelle auf, wo die italienische Ärztin die Symptome der Hysterike pnix oder Suffocatio matricis beschrieb.
»Wenn ein Anfall auftritt«, las sie laut, »bricht die Leidende ohnmächtig zusammen. Sie bekommt kaum mehr Luft, ringt pfeifend um Atem und nicht selten tritt Schaum zwischen ihren Lippen hervor. Oftmals beißt die Kranke so heftig die Zähne aufeinander, dass sich der Kiefer verkrampft – ebenso wie ihre Extremitäten. Der Puls hört auf zu schlagen oder ist kaum mehr wahrnehmbar. In seltenen Fällen kann er auch rasen.« Olivera legte den Finger auf die Stelle und dachte nach. Dann ließ sie den Blick über die zahllosen Töpfe, Tiegel und Weidenkörbe wandern, bis dieser an einem Behältnis mit Süßholz haften blieb.
Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Mit mehr Wucht, als eigentlich nötig gewesen wäre, schloss sie den Folianten wieder und stemmte ihn zurück an seinen Platz. Nachdem sie ein kleines Säckchen mit geraspelter Süßholzwurzel gefüllt hatte, ließ sie es in der Tasche ihres Gewandes verschwinden. Ein Teil ihres Planes war somit vorbereitet. Jetzt galt es nur noch, dafür zu sorgen, dass der Fang, den sie damit zu machen gedachte, ihr nicht durchs Netz schlüpfen konnte! Sie räumte den Korb aus, säuberte die Schale, in der sie das Pferdehaar und den Schwefel entzündet hatte, und griff nach einer Flasche voller Seifenlauge. Wenngleich sie immer noch hungrig war, wusste sie, dass sie nicht dazu in der Lage sein würde, etwas zu essen. Viel zu groß war die Aufregung, die Furcht davor, einen Fehler zu begehen. Sie bemühte sich, die Unruhe zu vertreiben, und verließ nach kurzem Zögern die Offizin. Vor der Tür sah sie einige Momente lang unschlüssig von rechts nach links. Dann straffte sie entschlossen die Schultern und steuerte auf die Treppe zu. Diese führte etwa zwanzig Schritte von der Arzneiküche entfernt ins Obergeschoss, wo sich die Wohnräume der Familienmitglieder befanden. Kurz bevor sie die Stiege erreichte, fing sie eine der osmanischen Sklavinnen ab.
»Lale«, rief sie und winkte das Mädchen zu sich. »Geh und bereite mir ein Bad.« Sie drückte der Dienerin die Seifenflasche in die Hand.
Erst als die zierliche Gestalt in der Badestube am anderen Ende des Hofes verschwunden war, erklomm Olivera die Stufen. Oben angekommen, folgte sie dem Arkadengang, bis sie die kleine Eckkammer über der Kornmühle erreichte, in der sie schlief. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, schlug ihr drückende Hitze entgegen. Obwohl die Fenster weit offen standen, trug der Wind an diesem Tag nicht einmal den Hauch einer Meeresbrise herbei. Selbst den Zypressen hinter dem Haus schien es zu heiß, da sie schlaff und verdorrt wirkten. Mit einem Prusten schlüpfte die junge Frau aus ihren verschwitzten Gewändern und stand einige Augenblicke vollkommen unbekleidet im Raum. Was sollte sie nur anziehen? Gewiss würde ihr Vater die Besucher am Abend zum Essen laden, und Olivera war fest entschlossen, Eindruck auf den Fremden zu machen. Sie würde ihn mit ihrer Schönheit bezaubern, ihn gefangen nehmen und betören, als wäre sie eine Prinzessin aus Tausendundeine Nacht! Er würde den Blick nicht mehr von ihr abwenden können. Und sobald sie sicher war, dass er frei war, dass er weder Gemahlin noch Braut hatte, würde sie ihn für immer an sich binden. Es konnte kein Zufall sein, dass er ausgerechnet jetzt in ihr Leben zurückgekehrt war!
Sie trat an den hohen Silberspiegel, der – genau wie viele ihrer Seidenkleider – ein Geschenk ihres Onkels war. Dieser befand sich zurzeit mit Oliveras jüngeren Brüdern auf einer Handelsreise nach Samarkand, von der er ihr gewiss wieder eine Kostbarkeit mitbringen würde. Allerdings war ihr im Moment – im Gegensatz zu anderen Tagen – vollkommen gleichgültig, was es sein würde! Sie streckte die Hand nach dem Spiegel aus und drehte ihn ein wenig, sodass mehr Sonnenlicht auf ihn fiel. Die auf Hochglanz polierte Fläche warf ihr Bild unverzerrt und klar zurück. Ihr Blick strich über ihre straffe Brust, den leicht gewölbten Bauch und die schlanken Beine. Wenn sie ihr Haar löste, fiel es in einem dichten Vorhang bis auf ihre Hüften. Sie hob die Hand und strich sich mit dem Zeigefinger die Augenbrauen glatt. Diese waren ebenso schwarz wie ihr Haar und ihre Augen. Es war einzig ihre Nase, die ihr hie und da Verdruss bereitete. Ein wenig zu groß und nicht ganz gerade, erschien sie ihr manchmal wie ein Störenfried in ihrem ansonsten makellosen Gesicht. Auch heute erlag sie der Versuchung, sie zu rümpfen und eine Fratze zu schneiden. Doch anders als sonst, erheiterte sie das Ergebnis nicht besonders.
»Als ob du nichts Besseres zu tun hättest«, schalt sie sich selbst und kehrte dem Spiegel den Rücken. Mit einem Kopfschütteln bückte sie sich, um den Deckel einer kostbar verzierten Holztruhe zu öffnen, in der sich Ober- und Untergewänder stapelten – manche einfach geschneidert, andere prunkvoll und aufwendig bestickt. Unentschlossen wühlte sie eine Zeit lang darin herum, zog Kleider heraus, nur um sie gleich darauf wieder hineinzulegen. Auf keinen Fall durfte sie etwas tragen, womit sie das Misstrauen ihres Vaters oder ihrer Großmutter erweckte! Sollten diese auch nur im Geringsten ahnen, was sie vorhatte, war ihr Plan zum Scheitern verurteilt. Nach langem Suchen entschied sie sich schließlich für ein kirschrotes Untergewand mit weiten Ärmeln und ein eng geschnittenes saphirblaues Obergewand, dessen Säume mit Goldfaden verziert waren. Zusammen mit einer silbernen Brosche und einer Korallenhalskette würde sie damit sicherlich Eindruck machen, ohne allzu herausgeputzt zu wirken. Wenn sie sich dann noch das Haar flechten ließ und einige Duftnelken darin verbarg, würde er sich ihrem Zauber nicht entziehen können. Dafür hätte sie am liebsten ein Gebet zum Himmel geschickt. Doch war sie sich seit Langem sicher, dass Gott kein Ohr für die Anliegen der Frauen hatte. Sie faltete die Gewänder sorgfältig zusammen und schlüpfte zurück in die alten Kleider. Dann verließ sie ihre Kammer und eilte in die Badestube. Wenn sie rechtzeitig zum Abendmahl fertig sein wollte, musste sie sich beeilen. In weniger als einer Stunde würde die Sonne untergehen!
Als sie eine halbe Stunde später aus der Badestube zurück ins Freie trat, fühlte sie sich frisch wie eine Blume. Allerdings hatte sich ihre Aufregung mit jeder Minute, die verstrich, verstärkt, sodass es in ihrem Inneren inzwischen summte wie in einem Bienenstock.
»Olivera!«
Der Ruf ließ sie zusammenfahren und erschrocken herumwirbeln. Von dem überdachten Gang im Obergeschoss winkte ihre Großmutter zu ihr hinab. Sie klatschte ungeduldig in die Hände.
»Wo steckst du denn? Das Mahl wird gleich aufgetragen.«
Oliveras Puls machte einen Satz und ein Stich der Vorfreude fuhr ihr in die Glieder. »Ich komme!«, rief sie und raffte die Röcke, um auf ihre Großmutter zuzueilen. Sobald sie die alte Frau erreicht hatte, schüttelte diese tadelnd den Kopf.
»Du weißt doch, dass dein Vater ärgerlich wird, wenn er warten muss«, schalt sie. »Besonders heute, wo er Gäste hat.« Sie ergriff Oliveras Hand und zog ihre Enkelin auf die Stirnseite des Gebäudes zu. Dort – direkt über dem Kontor und den Verkaufsräumen – befand sich die Stube, in der die Familie ihre Mahlzeiten einnahm, wenn Besuch im Haus war. Hinter den bunt verglasten Fenstern herrschte schon reges Treiben. Olivera spürte, wie ihre Hände feucht wurden. Ehe sie sich versah, öffnete ihre Großmutter die Tür und schob sie über die Schwelle in den mit Zierfliesen geschmückten Raum. Die Tafel war bereits gedeckt und die Küchenmägde verteilten frisch gebackene Brotfladen und Krüge mit schäumendem Rotwein. Die Farben des Wandteppichs über der Feuerstelle schillerten im Licht des Kerzenleuchters. Doch Olivera hatte keine Augen für dessen Schönheit. Stattdessen wurde ihr Blick von der Gruppe Männer angezogen, die soeben – heftig diskutierend – aus der angrenzenden Kammer die Stube betraten. Allen voran polterte ihr Vater herein, dicht gefolgt von ihrem Bruder Markos und dem Goldschmied, den Oliveras Freundin bald heiraten würde. Als Letzter erschien der hochgewachsene Fremde im Rahmen. Und Olivera musste alle Selbstbeherrschung aufbringen, um ihn nicht anzustarren. Er überragte seine beiden Begleiter um mehr als Haupteslänge. Das rotblonde Haar war unter einer kleinen schwarzen Kappe verborgen und die dunkle Kleidung betonte seine helle Haut. In seinem Gürtel steckte ein prachtvoller Dolch, dessen Scheide mit Edelsteinen besetzt war. Als er die Augen auf Olivera und ihre Großmutter richtete, durchrieselte die junge Frau ein Schauer. Für den Bruchteil eines Augenblicks hielt sie dem halb prüfenden, halb überraschten Blick stand. Dann senkte sie den Kopf und starrte auf ihre Zehenspitzen. Das Herz in ihrer Brust flatterte wie ein Vogel. Warum hatte sie nur auf ihre Vernunft gehört und nicht ihr bestes Gewand angezogen?, war alles, was ihr durch den Kopf schoss, als er auf sie zutrat.
Kapitel 3
Konstantinopel, Juli 1408
Laurenz Nidhard war erstaunt. Vielleicht war er sogar ein wenig mehr als erstaunt, doch er versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen.
»Meine Tochter Olivera«, wiederholte sein Gastgeber.
Und Laurenz verneigte sich hastig vor der jungen Frau, die der Grund für seine Verblüffung war. Konnte diese Schönheit dasselbe Mädchen sein, an das er sich von seinem letzten Besuch erinnerte? Er rang um eine ausdruckslose Miene. Bedauernd riss er sich von dem liebreizenden Anblick los, da er nicht rüde erscheinen wollte. Wenn es sich um dasselbe Mädchen handelt, dachte er, dann ist aus dem hässlichen Entlein ein wahrlich prächtiger Schwan geworden!
»Setzt euch«, lud ihn der alte Philippos ein, bevor Laurenz in seiner Erinnerung nach den Bildern des linkischen Kindes graben konnte, über das er mit dessen Brüdern gescherzt hatte. Weiterhin bemüht, seine Verwunderung nicht zu zeigen, trat er von den Damen zurück und folgte seinem Gastgeber zum Tisch. Doch zu Laurenz’ Leidwesen platzierte ihn der Grieche nicht neben seiner Tochter, sondern neben dem Goldschmied Andreas. Allerdings währte die Enttäuschung nicht allzu lange, da sich die junge Frau auf einem Stuhl gegenüber dem seinen niederließ.
»Lass auftragen«, sagte der Hausherr an eine Magd gewandt, und wenig später füllte sich die Tafel mit allerlei Köstlichkeiten. Einer Eiersuppe mit Safran, Pfefferkörnern und Honig folgten Lamm mit Zwiebeln, gebratenes Huhn in Mandelsoße und eine Pastete aus Krebsfleisch. Ergänzt wurden diese Speisen durch frische Oliven und geröstete Nüsse, von denen der Goldschmied offenbar nicht genug bekommen konnte. »Wo kauft Ihr nur immer diese wundervollen Nüsse«, nuschelte dieser mit vollem Mund und langte erneut zu.
»Auf dem Markt, wo Ihr auch einkauft«, gab Philippos trocken zurück. »Aber wir sind nicht hier, um uns über Nüsse zu unterhalten, sondern um Geschäftliches zu klären«, setzte er hinzu.
Laurenz verkniff sich ein Stöhnen. Nahm die Diskussion denn nie ein Ende? War immer noch nicht alles gesagt? Was änderte all das Reden? Er warf Olivera einen verstohlenen Blick zu und sah zu seinem Entzücken, dass sie errötete. Hatte er noch am Morgen das Los verflucht, das ihn – gegen seinen Willen – erneut nach Konstantinopel geführt hatte, erschien es ihm auf einmal gar nicht mehr so furchtbar.
Wenn er schon warten musste, bis dieser verfluchte Goldschmied endlich die letzten Behältnisse für die falschen Reliquien, mit denen er und die anderen handelten, angefertigt hatte, dann konnte er sich die Zeit sicher auch auf angenehme Art vertreiben. Er schenkte der jungen Frau ein Lächeln, das ihre Wangen erneut mit Feuer überzog.
»Ich habe Euch doch gesagt, dass es nicht meine Schuld ist«, riss ihn das Genörgel des Schmiedes aus den angenehmen Gedanken. »Durch den Zwist zwischen Sultan Bayezids Söhnen sind die Handelswege nicht mehr sicher. Ich bin nicht der Einzige, der vergebens auf seine Waren wartet.«
Laurenz verzog das Gesicht. »Dann nehmt eben etwas anderes als Elefantenzähne und Straußeneier für die …« Er zögerte kurz mit einem Blick auf die Frauen, da er nichts verraten wollte, was diese nicht wissen sollten. »Waren«, setzte er betont hinzu. »Wen interessiert das denn schon?«, brummte er.
Der Gastgeber hob beschwichtigend die Hände. Als der Goldschmied vom Lateinischen ins Griechische wechselte und etwas hervorstieß, das wie eine Schimpfkanonade klang, fuhr er ihn barsch an: »Sprecht Latein, damit Euch alle am Tisch verstehen können! Ihr vergesst die Gebote der Gastfreundschaft!«
Der Gescholtene knurrte etwas Unverständliches und stopfte sich einen Bissen Hühnerfleisch in den Mund. Nachdem er diesen geschluckt hatte, fauchte er: »Ich dachte, Ihr wollt Eure Ware so teuer wie möglich verkaufen!« Auch er bedachte die Frauen mit einem Blick, dann funkelte er Laurenz zornig an. »Gewiss könnte ich Ochsenhörner verwenden. Aber wer würde Euch dann den Preis zahlen, den Ihr fordert?« Sein rundes Gesicht glühte. »Wenn Ihr nicht endlich aufhört, mich dafür verantwortlich zu machen, müsst Ihr Euch eben einen anderen suchen!«
Laurenz seufzte. Der Mann hatte ja recht. Allerdings hatte ihn die Vorstellung, länger in der Stadt bleiben zu müssen, bis vor wenigen Minuten noch mit Missmut erfüllt. Sein Blick kehrte wie magisch angezogen zu der Tochter des Hausherrn zurück. Seine Mundwinkel stahlen sich kaum merklich nach oben. Was sein Gastgeber wohl sagen würde, wenn er seine Gedanken lesen könnte? Er zwang sich, ein ernstes Gesicht zu wahren, und lenkte die Aufmerksamkeit zurück auf den Goldschmied.
»Es tut mir leid, Andreas«, entschuldigte er sich lahm. »Aber Ihr wisst, dass ich nicht ewig hierbleiben kann. Die Nachfrage steigt und die Käufer werden immer ungeduldiger.«
»Ja, ja«, schnaubte der Goldschmied. »Aber mit Ungeduld kommt man nicht weit.«
»Warum vertreibt Ihr Euch die Zeit nicht auf dem Markt?«, warf Philippos ein, um den Streit zu schlichten. »Kauft etwas für Eure Gemahlin, bringt ihr Geschmeide oder Stoffe mit.«
Laurenz lachte. »Wenn ich eine Gemahlin hätte, würde ich Euren Rat vermutlich befolgen.« Ein gepresster Laut, der in ein Husten überging, veranlasste ihn, den Kopf zu wenden und Olivera anzusehen.
Diese schien sich an einem Stückchen Lammkeule verschluckt zu haben. Ihre Großmutter beugte sich mit besorgtem Gesicht zu ihr hinüber und klopfte ihr auf den Rücken.
»Iss langsam, Kind«, ermahnte die alte Frau das Mädchen.
Und Laurenz stellte erstaunt fest, dass sie ebenso Latein sprach wie die Männer. Wie ungewöhnlich!, dachte er. Aber Philippos’ nächste Bemerkung führte dazu, dass er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gastgeber zuwandte.
»Begleitet mich morgen zu dem venezianischen Glaser«, schlug der Grieche vor. »Sein Glas ist so rein, dass es einem Bergkristall gleicht.« Er legte Daumen und Zeigefinger aneinander, sodass sie einen Kreis bildeten, und küsste seine Fingerspitzen. »Wenn Andreas dieses Glas in die Behältnisse einfügt, dann werden Eure Gewinne Euch für die Wartezeit entschädigen, glaubt mir.«
Laurenz hob erstaunt die Brauen. »So rein wie ein Kristall?«, fragte er ungläubig. Wenn das stimmte, dann würde der Wert seiner Waren in der Tat ins Unermessliche steigen. Sein Gewissen wollte sich zu Wort melden, aber er vertrieb die Reue mit einem Kopfschütteln. Was sollte er denn tun? Schließlich war das Ganze nicht sein Einfall gewesen! Gewiss, er steckte bis zum Hals mit in der Sache. Aber nur, weil er so dumm gewesen war, einem angeblichen Freund einen Gefallen zu tun. Diese Reise würde seine letzte sein, und der Teufel sollte ihn holen, wenn er nicht das Beste daraus machte! Daher hob er seinen Becher und prostete Philippos zu. »Ihr habt mich überzeugt«, sagte er. »Aber dennoch darf sich die Angelegenheit nicht so sehr verzögern, bis die Herbststürme beginnen.« Denn dann wäre die Heimreise ein größeres Wagnis, als den Schultheißen seiner Heimatstadt Tübingen in sein Haus einzuladen!
*
Olivera rang immer noch nach Luft. Der verteufelte Bissen steckte irgendwo tief in ihrer Kehle, wo sie ihn weder schlucken noch freihusten konnte. Zwar hatte das Klopfen ihrer Großmutter ein wenig geholfen. Aber sie griff dennoch nach ihrem Becher und nahm gierig einen viel zu großen Schluck Wein. Kaum hatte dieser ihren Magen erreicht, spürte sie, wie ihr Kopf leicht und ihre Beine schwer wurden. Sie hatte ohnehin schon viel zu viel getrunken – in dem vergeblichen Versuch, ihre Unsicherheit zu überspielen. Warum hörte ihre Hand nicht auf zu zittern? Sie umklammerte das Trinkgefäß mit aller Kraft, um beim Abstellen nichts zu verschütten. Wenn er sie noch einmal so ansah wie vor einigen Augenblicken, dann würde sie vor Scham im Boden versinken. Wieso hatte sie sich auch verschlucken müssen? Sie spürte, wie der Wein ihre Wangen noch heißer machte, als sie ohnehin schon waren. Doch da die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers auf Andreas und ihren Vater gerichtet war, ebbte das Gefühl wenig später wieder ab. Zu ihrer Erleichterung fiel ihr auch das Atmen wieder leichter – offensichtlich hatte der Wein die erwünschte Wirkung gezeigt. Mit gesenktem Kopf stocherte sie in dem Essen auf ihrem Teller herum, während die Worte des Fremden – dessen Namen sie nun endlich kannte – in ihrem Kopf nachhallten.
»Wenn ich eine Gemahlin hätte, würde ich Euren Rat vermutlich befolgen.« Erneut spürte sie, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte und in ihre Kehle stieg. Es musste ein Wink des Schicksals sein, dass diese wichtigste aller Fragen so schnell beantwortet worden war. Obschon sie fürchtete, ein weiteres Mal Missfallen zu erregen, schielte sie unter halb gesenkten Lidern über den Tisch.
»Eure Begleiter sind über den Ställen einquartiert«, ließ ihr Vater den Besucher soeben wissen. »Ich kann sie aber auch in einem Gasthof unterbringen lassen.«
»Nein, nein«, erwiderte Laurenz mit einer wegwerfenden Geste. »Es sind Knechte. In meinem Haus schlafen sie über der Küche. Wenn Ihr sie zu sehr verwöhnt, dann habe ich in Zukunft nichts als Scherereien.« Er lachte, und es war dieses Lachen, das Olivera endgültig das Herz stahl.
Wie unglaublich er war! Ein Prickeln kroch über ihren Rücken und ließ sie frösteln. Sommersprossen tanzten auf seiner Nase und seine Augen leuchteten, als er sich ihr unvermittelt zuwandte.
»Was denkt Ihr?«, sprach er sie an. »Wenn das Gesinde seinen Platz nicht kennt …« Er ließ den Satz unbeendet, da Oliveras Großmutter ihm einen strafenden Blick zuwarf. Ganz gewiss fand ihre Yiayia es ungehörig von dem Fremden, die Tochter des Hauses bei Tisch anzusprechen. Wenn Gäste im Haus waren und die Männer sich unterhielten, schwiegen die Frauen – so verlangte es die Tradition. Dass Laurenz Olivera um ihre Meinung fragte, war vollkommen unziemlich.
»Ja, kleine Schwester, was denkst du?«, mischte sich ihr Bruder ein.
Olivera funkelte ihn wütend an, da sie ganz genau wusste, was er vorhatte. Zu oft hatten er und seine Brüder sich als Kinder einen Spaß daraus gemacht, sie vor Fremden zu ärgern; hatten sie hinter dem Rücken der Erwachsenen ausgelacht, wenn sie scheu von einem Bein auf das andere getreten war und nicht gewusst hatte, was sie sagen sollte. Sie räusperte sich und überlegte fieberhaft, was wohl die richtige Antwort auf die Frage sein mochte. Doch zum Glück kam ihre Großmutter ihr zur Hilfe.
»Das sind Angelegenheiten der Männer«, sagte diese und bedeutete Olivera aufzustehen. »Es ist an der Zeit, dass wir Euch alleine lassen. Dann könnt Ihr über solcherlei Dinge reden.« Sie erhob sich und griff nach dem Arm ihrer Enkelin, damit Olivera sie aus dem Raum führen konnte.
Hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Verstimmung nickte die junge Frau Laurenz und ihrem Vater zu und murmelte: »Gute Nacht.« Leises Bedauern schwang in seiner Stimme mit, als er ihr ebenfalls eine gesegnete Nachtruhe wünschte.
Viel zu schnell fand sie sich mit ihrer Yiayia draußen auf dem überdachten Säulengang wieder, der inzwischen von Fackeln erleuchtet wurde. Auch im Hof hatten die Bediensteten Fackeln entzündet. Der von Westen her aufkommende Wind ließ die Flammen wild hin und her zucken. Nur wenige Sterne standen am Himmel und der sichelförmige Mond lugte scheu hinter einer Wolke hervor. Der Geruch von Regen lag in der Luft. In weiter Ferne zuckten Blitze über den Horizont, allerdings war das Unwetter zu weit entfernt, weshalb Olivera keinen Donner hörte.
»Ein gänzlich ungesitteter junger Mann«, schimpfte ihre Großmutter. »Ich frage mich, aus was für einem Land er kommt. Offenbar herrschen dort barbarische Sitten!«
Olivera verkniff sich ein Grinsen. Wenn ihre Yiayia doch nur nicht so entsetzlich altmodisch wäre! Sicher kam Laurenz aus einem wundervollen Land, dachte sie. Aus einem Land, das genauso golden war wie sein Haar. Sie verdrehte die Augen über ihre eigene Schwärmerei. Nun, vielleicht nicht unbedingt golden. Aber bestimmt anders als Konstantinopel, das nicht nur die Alten eine sterbende Stadt nannten.
»Bring mich zu meiner Kammer«, forderte ihre Großmutter. Als sie dort angekommen waren, bot sie ihrer Enkelin die Wange, damit diese einen Kuss darauf drücken konnte. »Vergiss dein Nachtgebet nicht«, ermahnte sie Olivera. Noch bevor die junge Frau etwas darauf erwidern konnte, fiel die Tür ins Schloss. Oliveras Hand zuckte zu dem silbernen Kruzifix an ihrem Hals und sie seufzte. Wie viel einfacher alles wäre, wenn sie den blinden Glauben ihrer Großmutter teilen könnte! Diese hatte bestimmt nicht ständig mit Zweifeln und sündigen Gedanken zu kämpfen. Sie blies die Wangen auf und ließ das Kreuz wieder los, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer eigenen Kammer machte. Unterwegs hielt sie an einem der von wildem Wein umrankten Stützbalken an. Sie starrte hinüber auf die andere Seite des Gebäudes, wo die Männer immer noch tafelten. Ob sie wohl über sie sprachen? Die Vorstellung trieb ihr erneut das Blut in die Wangen, und sie verfluchte ihren Körper für dieses verräterische Zeichen. Wenn sie nicht achtgab, würde Laurenz sie für eine alberne Gans halten! Sie legte den Kopf in den Nacken und sog die laue Nachtluft ein. Hoffentlich tat er das nicht schon, weil sie sich beinahe durch diesen dummen Hustenanfall verraten hätte!
Die tiefen Atemzüge machten sie schwindelig. Die Wirkung des Weins war immer noch nicht ganz abgeklungen. Sie sollte sich besser auch schlafen legen, wenn sie morgen früh frisch und erholt sein wollte! Nach einem letzten Blick auf die erleuchteten Fenster der Stube löste sie sich vom Geländer des Ganges und betrat kurz darauf ihre eigene Kammer. Dort war es inzwischen wesentlich kühler als am Nachmittag. Um keine Stechmücken anzulocken, schälte Olivera sich im Dunkeln aus ihren Gewändern, legte diese auf dem Tisch neben ihrem Bett ab und löste ihr Haar. Unbekleidet und aufgewühlt ließ sie sich auf ihre Matratze sinken und lauschte auf die Geräusche der Nacht. In irgendeinem Garten zirpten Grillen und eine Eule stieß in regelmäßigen Abständen lang gezogene Rufe aus. Das Unwetter schien inzwischen näher gekommen zu sein, da sie das ferne Grollen von Donner vernahm. Der Wind frischte immer mehr auf, und sie spürte, wie er durch das Fenster über ihren Körper strich.
»Wenn ich eine Gemahlin hätte, würde ich Euren Rat vermutlich befolgen«, hörte sie Laurenz erneut sagen – so deutlich, als wäre er bei ihr im Raum. Ein Zittern durchlief sie, das nichts mit dem kühlen Wind zu tun hatte. Auch wenn sie die Kühnheit ihres Planes zuerst erschreckt und sie gefürchtet hatte, der Mut könne sie verlassen, war sie sich inzwischen sicher. Sie durfte diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen! Wenn sie es richtig anstellte, dann würde der Mann, von dem sie so oft geträumt hatte, sie bald als seine Gemahlin mit in seine Heimat nehmen. Dafür würde sie alles tun, ganz egal, was für Folgen es haben mochte!
Kapitel 4
Konstantinopel, Juli 1408
Als am nächsten Morgen der Hahn krähte, erwachte Laurenz aus einem Traum, der gewiss etwas mit dem schmerzhaften Pochen zwischen seinen Beinen zu tun hatte. Widerwillig öffnete er nach einigen Momenten die Augen und vermeinte, immer noch die verlockenden Bilder zu sehen, welche ihm den Schlaf versüßt hatten. Mit einem Stöhnen rollte er sich auf die Seite und versuchte, seine erregte Männlichkeit zu ignorieren. Durch das offene Fenster seiner Kammer fiel bereits die Sonne auf den bunt gefliesten Boden. Das Klappern von Eimern verriet, dass das Gesinde schon längst auf den Beinen war. Eine Zeit lang lag er regungslos da, bis sich sein Blut etwas beruhigte und er klar denken konnte. Es war ein Traum gewesen, nichts weiter! Vielleicht sollte er bei nächster Gelegenheit ein Freudenhaus aufsuchen, um seine Körpersäfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen! Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann setzte er sich auf. Es war schon wieder unglaublich heiß, hatte in der Nacht kaum abgekühlt. Sein Mund war wie ausgetrocknet. Gierig griff er nach dem Krug auf dem Tisch neben seinem Bett und nahm einen tiefen Schluck mit Wasser verdünnten Weins. Nicht ein Lüftchen regte sich, und der Geruch von heißem Staub schien überall zu sein. Er leerte den Krug, leckte sich die Lippen und starrte auf seine nackten Füße. Die Hitze erschöpfte ihn. Obwohl er eigentlich ausgeruht und frisch sein sollte, fühlte er sich wie gerädert. Lange Zeit saß er einfach nur da, während der Schweiß auf seiner bloßen Haut allmählich trocknete. Als schließlich ein Klopfen an der Tür ertönte, war er gerade dabei, nach Bruch und Beinlingen zu angeln, um sich anzuziehen.
»Ich komme«, rief er. Aber erst, als sein Latz fest angenestelt war, öffnete er der Magd. Diese, ein junges Ding mit rosigen Wangen, huschte zu dem Waschgestell in der Ecke des Raumes und füllte die Schüssel mit frischem Wasser aus dem Brunnen im Hof.
»Der Herr wartet in der Stube auf Euch«, informierte sie Laurenz. »Er hat mir aufgetragen, Euch daran zu erinnern, dass Ihr ihn zu dem Glaser begleiten wolltet.« Sie mied seinen Blick.
»Ach, ja, der Glaser«, brummte Laurenz. Die Wonnen des Traumes hatten alle Gedanken an den bevorstehenden Besuch vertrieben. Nachdem die Magd die Kammer wieder verlassen hatte, wusch er sich Gesicht und Hände, brachte sein Haar in Ordnung und kleidete sich fertig an. Dann trat er in den Hof hinaus, der trotz der frühen Stunde bereits in der Sonne buk. Nicht mehr lange, dann würde der Sand unter seinen Sohlen wieder so heiß sein, dass er ihn durch das dünne Leder spüren konnte. Er sah sich um – in der Hoffnung, einen Blick auf Olivera zu erhaschen. Allerdings war von dieser weit und breit keine Spur zu entdecken. Wie sie wohl den Tag verbringen würde?
Das gleißende Weiß der Gebäude blendete ihn, sodass er schließlich blinzelnd den Blick senkte und den Schatten des Arkadenganges suchte. Im Wipfel eines Olivenbaumes trällerte ein bunt gefiederter Vogel – als ob ihm die Hitze nicht das Geringste ausmachen würde. Vermutlich tat sie das auch nicht, dachte Laurenz. Bereits wieder schwitzend erklomm er die Treppe ins Obergeschoss und betrat wenig später die Stube.
»Ihr seht erschöpft aus«, begrüßte Oliveras Vater Philippos ihn. »Habt Ihr nicht gut geschlafen?«
»Zu Hause wird es nie so warm«, erwiderte Laurenz. Er ließ sich auf einem der Stühle nieder und wartete, bis eine Bedienstete ihm eine Schüssel mit Hirsebrei gefüllt hatte. Dazu gab es gezuckerte Feigen, Datteln, Nüsse und Honig.
Philippos lachte. Die schwarze Kappe auf seinem Kopf erschien Laurenz viel zu warm – genau wie die prunkvollen Gewänder, deren Gold- und Silberstickereien im Licht funkelten. In dem grauen Bart des Griechen glitzerten einige Tropfen, doch diese waren das einzige Anzeichen, dass auch ihm die Hitze zusetzte.
»Seid froh, dass die Winde vom Meer her wehen«, versetzte Philippos. »In den vergangenen Jahren war es weitaus unangenehmer zu dieser Jahreszeit.«
Laurenz lutschte an einer Dattel. »Dann kann ich wohl von Glück sagen«, erwiderte er trocken. Dann widmete er sich seinem Hirsebrei und versank in Gedanken, während Philippos ihm von dem reinsten Glas vorschwärmte, das er je gesehen hatte.
Sobald die beiden Männer ihr Mahl beendet hatten, befahl der Grieche einem Knecht, die Pferde zu satteln. Diese warteten bereits ungeduldig neben dem Stallgebäude, als Laurenz und sein Gastgeber sich schließlich in den Hof hinab begaben. Laurenz’ Rappe warf den Kopf und stieß ein freudiges Wiehern aus.
»Ein wirklich schönes Tier«, lobte Philippos. Er erklomm mithilfe eines seiner Männer den Rücken einer lohfarbenen Stute.
Laurenz nickte. Der Hengst war das Erste gewesen, das er sich geleistet hatte, als er begriffen hatte, wie einträglich das Geschäft mit Reliquien war. Schon als Knabe hatte er sich ein feuriges Ross mit glänzendem Fell gewünscht – genau wie das Tier, in dessen Sattel er sich soeben schwang. Stolz tätschelte er dem Pferd den Hals, ritt an und genoss das Gefühl der unter ihm spielenden Muskeln.
»Es ist nicht weit bis zu dem Phiolarius – dem Glaser«, erklärte Philippos, als sie den Hof verließen und sich auf der Straße nach Süden wandten. »Er hat seine Werkstatt unten am Hafen.«
Auch wenn Laurenz am liebsten davongeprescht wäre, um den kühlenden Wind auf seiner Haut zu spüren, gewann seine Neugier allmählich die Oberhand. Während sie an ummauerten Gärten, Basaren, Läden und Faktoreien vorbeiritten, fragte er sich, ob Philippos nur aufgeschnitten hatte. Sollte es stimmen, was der Grieche behauptete, und das Glas des Venezianers tatsächlich so rein sein wie ein Kristall … Er brach den Gedanken ab, da sie eines der Tore erreichten, welche die Bezirke der Venezianer, Florentiner, Katalanen, Ragusaner und Juden voneinander trennten. Zwei Bewaffnete vertraten ihnen den Weg, hoben drohend die Lanzen und fordernd die Hände. Ein kurzer Wortwechsel auf Griechisch sorgte dafür, dass sie die Waffen senkten. Mit einer leichten Verbeugung öffneten sie die Flügel des Tores, damit Philippos und Laurenz ungehindert passieren konnten. Hinter der Mauer fielen die Hügel sanft zum Meer ab. Je dichter die Häuser beim Ufer standen, desto mehr Abstand befand sich zwischen ihnen, desto saftiger und farbenprächtiger lockten die Gärten. Eine sanfte Brise fächelte die Gesichter der erhitzten Reiter. Und mit jedem Schritt, den sie sich dem Wasser näherten, vermeinte Laurenz, leichter atmen zu können. Zahllose Schiffe tanzten in der Ferne auf den Wellen – viele davon bauchige Koggen oder schlanke Galeeren aus der Serenissima, der venezianischen Republik. Immer weiter ritten sie gen Süden, bis sie schließlich ein Gebäude erreichten, neben dem sich übermannshohe Holzstapel türmten. Aus mehreren Kaminen quoll dicker, schwarzer Rauch, und ein beißender Gestank brachte Laurenz zum Husten.
»Wir sind da«, sagte Philippos. »Tränk die Pferde«, trug er dem schmutzigen Burschen auf, der auf sie zugeeilt kam. »Wo ist Matteo?«, fragte er den Jungen.
»In der Hütte«, erwiderte der Knabe. Er wies mit dem Daumen auf das Gebäude, aus dem laute Stimmen ins Freie drangen.
»Ihr werdet staunen«, prophezeite Philippos. Ohne auf eine Antwort zu warten, steuerte er auf die Hütte zu und öffnete die Tür.
Laurenz folgte ihm und musste augenblicklich erneut husten. Der stechende Geruch war im Inneren des Gebäudes wesentlich stärker als draußen, wo der Wind ihn gemildert hatte. Schwer und metallisch hing der Gestank in der Luft – so überwältigend, dass Laurenz einen Augenblick lang den Eindruck hatte, danach greifen zu können. Zudem erfüllten dichte Dampfschwaden die Hütte, sodass er die Männer an den gemauerten Öfen erst sah, als Flammen aus den großen, runden Öffnungen schlugen. Mit ledernen Schürzen geschützt, hantierte ein halbes Dutzend Glaser mit rot glühenden Klumpen an langen Stöcken, die sie immer wieder an den Mund führten. Während die Männer ihre Werkzeuge hin und her drehten, schaufelten rußverschmierte Knaben Holz in die Befeuerungsluken der Öfen und sammelten die Asche in Körbe. Diese warfen sie in einen Kessel mit Schmelze, in dem ein Hüne mit einem Metallstab herumrührte. Neben ihm standen je ein Karren voller durchsichtiger Steine, zerriebenem Marmor und Salz.
»Ihr kommt zu früh«, knurrte der Glaser anstatt einer Begrüßung. »Das Crystallo ist noch nicht fertig. Wir hatten Probleme mit der Schmelze.«
Philippos winkte wegwerfend ab. »Wir sind nicht hier, um die Ware abzuholen.« Er deutete auf Laurenz. »Ich wollte ihm nur zeigen, wie rein dein Glas ist.«
Der Phiolarius griff in das Salz und warf eine Handvoll davon in die Schmelze, die zischend Blasen warf. »Es ist noch nicht viel, aber die fertige Ware lagert nebenan«, ließ er seine Besucher wissen. »Ich habe auch Lattimo – Milchglas – gemacht. Falls Ihr davon auch eine Ladung benötigt.«
Ohne Antwort fasste Philippos Laurenz am Arm und schob ihn an den Öfen vorbei zu einer Tür, die in einen Nebenraum führte. Dort hingen ebenfalls Rauchschwaden in der Luft, aber wenigstens hatte man nicht das Gefühl, sich im Fegefeuer zu befinden. Der Gedanke an die läuternden Flammen, in denen die Sünder ihre Strafe verbüßten, bereitete Laurenz Unbehagen, weshalb er froh war, als der Grieche ihm einen Gegenstand unter die Nase hielt.
»Ist es nicht von unglaublicher Reinheit?«, schwärmte er. Tatsächlich war das Gefäß in seiner Hand so durchsichtig wie ein Bergkristall – ganz so, wie Philippos behauptet hatte.
Staunend betastete Laurenz die glatte Oberfläche. Es war wirklich unglaublich! Wie konnte etwas von solch vollkommener Reinheit sein?
»Offenbar gelingt es nicht immer«, fuhr Philippos fort. Er deutete auf einen Haufen Scherben, bei denen es sich allem Anschein nach um Abfall handelte. Laurenz’ Fingerkuppen strichen über die makellose Oberfläche. Dadurch würde man tatsächlich alles sehen, was sich dahinter verbarg – anders als bei dem grünlich gefärbten Waldglas, das er bisher kannte. Trotz der Hitze kroch ihm ein Schauer über den Rücken, als er sich vorstellte, was die Augen der Käufer erblicken würden, wenn sie die gefälschten Reliquiare in Händen hielten.
»Matteo ist einer der Besten weit und breit«, unterbrach Philippos seine Gedanken. »Sein Buntglas ziert die Fenster so mancher Kirche bis weit, weit in den Osten.«
Laurenz nickte. Er nahm einen weiteren Gegenstand in die Hände und hielt ihn gegen das Licht, das durch einen schmalen Fensterspalt hereinfiel.
»Unglaublich«, murmelte er. Die Beklemmung verwandelte sich in Ehrfurcht. Dieses Glas würde den Wert der Behältnisse tatsächlich so gut wie verdoppeln. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Schon bald würde er ein sehr, sehr reicher Mann sein! Zusammen mit Philippos sah er sich noch eine Zeit lang in dem Lager um, dann verabschiedeten sie sich von dem Glaser. Es würde noch einige Tage dauern, bis alles fertig war. Aber was machte das, wenn alle Stücke von solch kristallener Klarheit waren?
»Ich weiß nicht, wie er es bewerkstelligt, dass sein Glas keine Verfärbungen aufweist«, sagte Philippos, als sie ihre Pferde wieder bestiegen. »Für mich grenzt es beinahe an Hexenwerk.« Er lachte, als er den Ausdruck auf Laurenz’ Gesicht sah. »Keine Sorge, es geht alles mit rechten Dingen zu.«
Laurenz ärgerte sich über das belustigte Funkeln in den Augen des Griechen. Um sich nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm ihm das Gerede von Hexen war, gab er seinem Hengst die Sporen und trabte einige Schritte voraus. Obschon die Sonne höher am Himmel stand als bei ihrer Ankunft, erschien ihm die Hitze nach der stickigen Glashütte weniger drückend. Die Luft wirkte beinahe frisch. Während der Zeit, die sie bei dem Phiolarius verbracht hatten, waren die Straßen voller geworden. Dutzende von Fuhrwerken schlängelten sich vom Hafen die Straßen hinauf und überall hatten fliegende Händler ihre Stände errichtet. Bunt gekleidete Frauen in offenen Sänften zogen genauso die Blicke auf sich wie das funkelnde Geschirr der Kamele und Pferde. Überall wieselten Boten zwischen den Beinen der Zug- und Reittiere hindurch, während die Marktschreier lautstark ihre Ware feilboten. Wesentlich langsamer als auf dem Hinweg legten Philippos und Laurenz die wenigen Meilen zum Haus des Griechen zurück. Auch dort herrschte inzwischen reges Treiben, weshalb Philippos sich kurz nach ihrer Ankunft von Laurenz verabschiedete. Allein mit den Knechten sah er sich unschlüssig im Hof um. Was sollte er jetzt anfangen? Sein Blick suchte den überdachten Gang im ersten Stock ab. Doch egal, wie sehr er sich anstrengte, es war weit und breit kein Zeichen von Olivera zu entdecken.
Kapitel 5
Konstantinopel, Juli 1408
Beinahe drei Tage vergingen, ehe Olivera Laurenz wieder aus der Nähe sah. Drei Tage voller Unsicherheit, Ärger und Sehnsucht. Zwar hatte sie ihn mehr als einmal aus der Ferne erspäht, allerdings nie länger als ein paar flüchtige Augenblicke.
»Es ist besser, wenn die Männer ihre Angelegenheiten ohne uns besprechen«, wiederholte ihre Yiayia am Morgen des dritten Tages die Ansicht, die drohte, Olivera in die Verzweiflung zu treiben. Wie um Himmels willen sollte sie Laurenz betören, wenn sie keine Gelegenheit dazu hatte? Wie sollte sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen, wenn man sie von ihm fernhielt? Es war zum Verrücktwerden!
»Ich fürchte, wir müssen auf den Markt«, murmelte ihre Großmutter – blind für den Aufruhr, der in ihrer Enkelin herrschte. Sie hob den Deckel eines großen Tongefäßes und kippte es, um besser hineinsehen zu können. Seit über zwei Stunden standen sie und Olivera bereits wieder in der Arzneiküche und bereiteten die Salben und Tinkturen zu, die Oliveras Vater im Laden verkaufte.
»Der Medicus hat Kyphi bestellt und ich habe kaum mehr genügend Zutaten«, stellte die alte Frau nach einigem Graben in weiteren Behältern fest. »Mir scheint, ohne Kyphi würde er bei so manch eingebildetem Kranken nicht wissen, was er tun soll.« Sie lachte leise, und Olivera musste wider Willen ebenfalls schmunzeln.
Das uralte Allheilmittel, das teils als Trank verabreicht, teils als Mittel zur Einreibung verwendet wurde, erfreute sich äußerster Beliebtheit bei den reichen Patienten. Vermutlich lag es daran, dass es sündhaft teuer war, dachte Olivera nicht zum ersten Mal.
»Außerdem haben wir kaum noch Amber«, stellte ihre Yiayia nach dem Anheben von drei weiteren Deckeln fest. Sie griff nach einem kleinen Büchlein und einem Federkiel. »Steig auf die Leiter und sieh nach, was sonst noch fehlt«, trug sie ihrer Enkelin auf. Olivera tat, wie geheißen, und schon bald hielt ihre Großmutter eine lange Liste in der Hand.
»Mastix, Eisenkraut, Kardamon, Galgantwurzel, Zimtrinde, Iris, Zeder, Myrrhe, Benzoe und Dachsfett«, las die alte Frau vor. Sie tauchte den Federkiel erneut in die Tinte und murmelte: »Alraune, Schwefel und Mohn werden auch immer benötigt.« Ihr Blick glitt über die kleinen Gefäße, welche die Wand neben der größeren der beiden Feuerstellen säumten. »Und vom Süßholz ist auch nicht mehr so viel da, wie ich dachte.«
Olivera trat schuldbewusst einen Schritt zurück. Hoffentlich sah ihre Großmutter ihr das schlechte Gewissen nicht an, das sie bei diesen Worten auf die Lippe beißen ließ! Ihre Hand wanderte zu dem Säckchen in ihrer Tasche. Wenn doch nur endlich der geeignete Moment kommen würde! Sie sah resigniert dabei zu, wie ihre Yiayia die Liste vervollständigte. Wie lange würde Laurenz noch in Konstantinopel sein? Wie viel Zeit blieb ihr noch, um ihn an sich zu binden und ihr Ziel zu erreichen? War es dafür bald schon zu spät? Am liebsten hätte sie ihrer Enttäuschung lautstark Luft gemacht.
»Lauf und sage den Sänftenträgern, dass wir in einer halben Stunde aufbrechen wollen«, unterbrach die Stimme ihrer Großmutter ihr Brüten. »Und bring eine Flasche Wasser mit, es ist schon wieder so furchtbar heiß.«
Froh, der Arzneiküche zu entkommen, drückte Olivera sich durch die Tür nach draußen, wo sie sich unauffällig nach Laurenz umsah. Der Hof wimmelte an diesem Tag nur so von Läufern, Trägern, Fuhrwerken und Knechten, sodass es eine Weile dauerte, bis sie ihn im Schatten des Torbogens entdeckte. Dort steckte er den Kopf mit einem seiner Begleiter zusammen. Beide gestikulierten in Richtung Stadt. Sein Anblick sandte das inzwischen wohlbekannte Gefühl durch Oliveras Körper und sorgte dafür, dass ihre Beine sich plötzlich schwach anfühlten. Warum sehnte sie sich nur so entsetzlich danach, ihn zu berühren? Die Finger über seine hellen Wangen gleiten zu lassen und seine Lippen auf den ihren zu spüren? Sie unterdrückte ein Stöhnen und biss die Zähne aufeinander. Ein unsinniger Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Sie war genauso sündig wie Eva im Paradies! Vermutlich hatte diese den Apfel genauso schmerzlich begehrt wie sie den Mann, der sich Nacht für Nacht in ihre Träume schlich. Als er den Kopf hob und zu ihr hinübersah, war es beinahe, als würde sein Blick sie verbrennen. Einen Augenblick lang stand sie reglos da und starrte ihn an, bevor sie sich einen Ruck gab und sich auf unsicheren Beinen wieder in Bewegung setzte. Vorbei an Brunnen und Kräutergarten, überquerte sie den Hof, schlug die Augen nieder und floh in die Küche. Sobald sie eine Holzflasche für ihre Großmutter gefüllt hatte, drückte sie sich durch einen Seitenausgang zurück ins Freie und machte sich auf den Weg zum Lager. Dort waren die Männer ihres Vaters damit beschäftigt, Säcke, Ballen und Kisten zu stapeln. Doch als Olivera die Sänftenträger ausfindig gemacht hatte und ihnen auftrug, in einer halben Stunde zum Aufbruch bereit zu sein, schüttelte der Ältere der beiden bedauernd den Kopf.
»Es tut mir leid«, sagte er, »aber da müsst Ihr erst Euren Vater fragen.« Er wies mit dem Kinn auf den hinteren Teil des Gebäudes, wo sich das Tuchlager befand. »Er hat ausdrücklich befohlen, die Waren heute noch zu verstauen.«
Olivera wandte den Kopf und zählte die Wagen. Fünf Fuhrwerke – übermannshoch beladen – würden die Knechte bis in den Nachmittag hinein beschäftigen. Der Träger zuckte entschuldigend die Achseln. Er bückte sich nach einem Sack. Diesen warf er sich schnaufend über die Schulter, dann verschwand er in einer der engen Gasse zwischen den Warenbergen.
»Ich könnte Euch und Eure Großmutter begleiten.« Die Stimme erklang so dicht hinter ihr, dass sie mit einem leisen Schrei zusammenfuhr. »Verzeiht, ich wollte Euch nicht erschrecken«, sagte Laurenz, der sich ihr lautlos genähert hatte.
Als sie zu ihm aufblickte und das Lachen in seinen Augen sah, schoss ein Gefühl wie flüssiges Feuer durch ihre Adern. Amüsiert musterte er sie von oben bis unten und zu ihrem grenzenlosen Ärger wurde ihr klar, dass sie schon wieder errötet sein musste. »Natürlich kann ich keine Sänfte tragen«, scherzte er. »Aber als Geleitschutz wären ich und meine Männer gewiss zu gebrauchen.«
Olivera wollte ihn anlächeln, aber der Versuch misslang kläglich. Zu heftig hämmerte das Herz in ihrer Brust. Ihre Gesichtsmuskeln schienen ihr nicht mehr gehorchen zu wollen. Hilflos rang sie nach Worten, nach irgendetwas, das Eindruck auf ihn machen würde. Aber ihr Kopf war wie leer gefegt.
»Wo bleibst du, Kind?«, errettete ihre Großmutter sie nach einer scheinbaren Ewigkeit schließlich aus der peinlichen Lage. Wie ein schwarzer Racheengel kam diese über den Hof geeilt – erstaunlich flink für ihr Alter – und baute sich vor Laurenz auf. »Hatte ich nicht gesagt, du sollst die Sänfte bereitmachen lassen?«, schalt sie ihre Enkelin. Sie musterte den jungen Mann kühl und schob Olivera zur Seite.
»Vergebt mir«, sagte Laurenz mit einem bezaubernden Lächeln. »Ich habe sie aufgehalten. Aber …«
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, da Oliveras Großmutter ihm mit einer ungehaltenen Geste das Wort abschnitt.
»Geh zurück ins Haus, Kind«, befahl die alte Frau. Doch Oliveras Beine wollten ihr nicht gehorchen. Ehe ihre Yiayia weiter schimpfen konnte, erklang der Bass ihres Vaters aus den Tiefen des Lagerhauses.
»Was ist hier los?«, fragte er mit einem Stirnrunzeln. »Ihr streitet doch nicht etwa?« Sein Blick wanderte von dem missfälligen Gesicht seiner Mutter zu dem betreten dastehenden jungen Mann.
»Ich habe den Damen angeboten, sie zu begleiten«, erwiderte Laurenz, der sich erstaunlich schnell wieder fasste. »Da die Träger beschäftigt sind …« Er zuckte die Achseln.
»Und du hast etwas dagegen?«, fragte Oliveras Vater die Großmutter des Mädchens.
Die alte Dame presste die Lippen aufeinander. »Es ist nicht schicklich«, murmelte sie, was dem Hausherrn ein Lachen entlockte.
»Schicklich, schicklich«, prustete er und schüttelte den Kopf. »Wenn du seine Begleitung nicht willst, dann müssen deine Einkäufe eben bis übermorgen warten. Ich kann keinen Mann entbehren.« Er machte Anstalten, sich abzuwenden.
»Was sollen die Leute denken?«, schoss Oliveras Großmutter zurück.
»Nichts!«, war die Antwort, die nun auch Olivera schmunzeln ließ. »Viele Damen gehen in Begleitung zum Markt. Man wird Euch überhaupt keine Aufmerksamkeit zollen.« Er verdrehte die Augen. An Laurenz gewandt sagte er: »Das wird Euch auch ein wenig zerstreuen. Begleitet die beiden und lasst Euch von ihnen den Basar zeigen.« Mit diesen Worten ließ er die kleine Gruppe stehen. Kurz darauf wurde er von den Schatten im Inneren des Gebäudes verschluckt.
»Ich bin sofort wieder bei Euch«, entschuldigte Laurenz sich mit einer artigen kleinen Verneigung und eilte davon.
»Dein Vater ist ein Narr!«, erboste sich Oliveras Großmutter. »So etwas muss zu Gerede führen!« Die Falten um ihren Mund vertieften sich, als sie die Lippen aufeinanderpresste. »Diese Dummheit wird er noch bitter bereuen.«
Olivera schwieg. Zu viele unterschiedliche Gefühle hielten Widerstreit in ihr – Freude, Überraschung und Ärger über ihre Tölpelhaftigkeit. Warum hatte er nur diese Wirkung auf sie? Weshalb kam sie sich in seiner Nähe immer so ungeschickt und unscheinbar vor? Und wieso, in drei Teufels Namen, musste sie immer rot anlaufen wie eine Erdbeere, wenn er sie ansah? Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt. Mit albernem Gestotter würde sie ganz sicher keinen Eindruck auf ihn machen! Bevor sie sich weiter selbst zürnen konnte, erschien Laurenz wieder – gefolgt von zwei Begleitern.
»Ich nehme an, Ihr wollt zu Fuß gehen, nicht reiten?«, fragte er an Oliveras Yiayia gewandt. Diese nickte ungnädig. »Dann sagt mir, wohin Ihr wollt«, setzte Laurenz hinzu. Scheinbar beeindruckte ihn die abweisende Haltung der alten Frau nicht im Geringsten, da Olivera deutlich den Schalk in seinen Augen aufblitzen sah.
*
Nur mit Mühe verkniff Laurenz sich ein Lachen. Hätten Blicke töten können, wäre er ganz gewiss an Ort und Stelle ins Herz getroffen zu Boden gesunken. Der Missmut des alten Drachen hing beinahe greifbar in der Luft. Allerdings interessierten ihn die Gefühle der vertrockneten Vettel nicht im Geringsten. Alles, woran ihm etwas lag, war mit der bezaubernden Tochter des Hausherrn an seiner Seite über einen Markt zu schlendern, dessen Warenangebot ihm vollkommen gleichgültig war. Drei Tage lang hatte er vergeblich darauf gehofft, das Mädchen wiederzusehen. Doch selbst den Mahlzeiten waren die Damen ferngeblieben. Wodurch ihm der Aufenthalt in Konstantinopel erneut zuwider geworden war. Noch immer hielt der Goldschmied ihn hin, vertröstete ihn von einem Tag auf den anderen. »Bald, bald«, waren die Worte, die Laurenz allmählich an den Rand der Geduld brachten. Allerdings war ihm der Goldschmied im Augenblick so egal wie das Wetter im fernen Indien. Alles, was ihn in diesem Moment interessierte, war die feine Röte auf den Wangen seiner jungen Begleiterin; die schamhaft niedergeschlagenen Augen und das Heben und Senken ihrer Brust. Diese – sittsam verborgen unter einem senfgelben Gewand – zog seine Blicke immer wieder an. Genauso wie ihre wohlgerundete Rückseite, die ihm so verlockend erschien wie eine köstliche Frucht. Das Keifen der alten Hexe ließ die Gedanken an seidige Haut und pralle Rundungen allerdings verpuffen wie Rauch in einem Sturm. »Habt Ihr nicht gehört?«, fauchte sie.
Nein, dachte Laurenz. Laut sagte er: »Was immer Ihr wünscht«, und bot der alten Frau den Arm.
»Meine Enkelin wird mich stützen«, versetzte diese bissig und streckte besitzergreifend die Hand aus.
Als Olivera sich ein wenig vornüberbeugte, um ihrer Großmutter einen Korb abzunehmen und eine Flasche hineinzulegen, spannte sich der Stoff ihres Kleides. Laurenz ballte die Hände zu Fäusten, da sich ihre Hinterbacken deutlich unter der fließenden Seide abzeichneten.
Wie gerne er diese Verlockung von dem störenden Stoff befreien und mit seinen Händen erkunden würde! Er trat verstohlen von einem Fuß auf den anderen, da seine Männlichkeit sich stürmisch zu Wort meldete. Um keine Aufmerksamkeit auf den allzu freiliegenden Latz seiner Hose zu ziehen, faltete er hastig die Hände davor und setzte ein lammfrommes Gesicht auf. Vielleicht hätte er doch eine etwas längere Schecke anziehen sollen, dachte er. Wenn Olivera weiterhin eine solche Wirkung auf ihn ausübte, würde die alte Giftschlange ansonsten ganz sicher sehen, was in seinem Kopf vorging.
»Worauf wartet Ihr denn?«, fragte diese eisig. Etwas Unverständliches murmelnd zog sie ihre Enkelin auf das Hoftor zu. Und schon bald tauchten sie ein in das Gewimmel der breiten Straße, auf der neben Reitern und Fußvolk auch zahllose Fuhrwerke in Richtung Süden strömten. Wie vor drei Tagen steuerte Laurenz auf die Mauer zu, welche die reichen Viertel unten am Hafen umgab. In der Ferne konnte er bereits das Glitzern des Marmarameeres ausmachen, auf dem auch am heutigen Tag ein Wald aus Segeln im Wind schaukelte. Nach einigen hundert Schritten erreichten sie den Eingang des Venezianischen Viertels, und augenblicklich wurde das Getümmel noch dichter. Es war Laurenz bereits auf dem Weg zum Phiolarius aufgefallen, aber heute war der Eindruck noch stärker: Anders als im nördlich von ihnen gelegenen Teil der Stadt wirkte hier nichts vernachlässigt oder heruntergekommen. Während weiter landeinwärts ausgedehnte Obstgärten und Felder die Stadtteile voneinander trennten, pulsierte vor ihnen das Leben, egal wohin man sah. Die eng gedrängten Häuser und Warenspeicher ließen keinen Platz für Ziegen, wilde Rosenbüsche oder kleine Wäldchen. Und nach Ruinen oder halb verfallenen Häusern würde man hier vergebens suchen. Er blickte sich bewundernd um, als sie ein Haus mit schneeweißen Säulen passierten. Doch seine Bewunderung verwandelte sich innerhalb eines einzigen Lidschlages in heißen Schrecken. Es gelang ihm gerade noch, einen Warnruf auszustoßen, als sich ein Fass von der Ladefläche eines vorbeirumpelnden Fuhrwerkes löste.
»Gebt acht!«, rief er. Mit einem Satz war er bei den Damen und zog sie zur Seite, kurz bevor das Weinfass dort zerbarst, wo sie eben noch gestanden hatten. Ein Schwall seines Inhaltes ergoss sich über Oliveras Großmutter und durchnässte sie bis auf die Knochen. Ihre Enkelin hingegen kam mit einem feuchten Rocksaum davon, da sie ein Stückchen weiter getaumelt war, als die alte Frau.
»Oh, Heilige Mutter Gottes!«, zeterte es dicht an Laurenz’ Ohr. »Wie soll ich denn so auf den Markt gehen? Wir müssen augenblicklich wieder umkehren!«
Kapitel 6
Konstantinopel, Juli 1408
Oliveras Herz hämmerte in ihrer Kehle. Der Schreck war ihr bis ins Mark gefahren und ihre Beine fühlten sich an wie Gummi. Fassungslos verfolgte sie, wie der Kerl auf dem Bock des Wagens diesen ungerührt weiter durch die Menschenmenge lenkte und sich nicht einmal nach ihnen umsah. Hatte er denn nicht bemerkt, dass eines seiner Fässer sie um ein Haar erschlagen hätte? Sie wischte sich mit zitternden Händen einen Tropfen Wein aus dem Gesicht.
»Bringt uns zurück!«, hörte sie ihre Yiayia schimpfen. »Was für ein Tölpel!« Trotz ihres Zorns war das Gesicht der alten Frau totenbleich und ihre Lippen bebten. »Bitte«, fügte sie leise hinzu, dann sackte sie in die Knie. Hätte Laurenz sie nicht gestützt, wäre sie im Staub gelandet.
»Meine Männer werden Euch nach Hause begleiten«, hörte Olivera ihn sagen. »Aber erlaubt mir, mit Eurer Enkelin die Einkäufe zu tätigen, die Ihr machen wolltet.«
Olivera sah, wie sich der Mund ihrer Großmutter zu einem Protest öffnete. Doch dann nickte sie und sagte resigniert: »Ihr habt recht. Ich brauche die Zutaten dringend.« Sie überlegte einige Augenblicke lang. Schließlich befreite sie sich von Laurenz’ Griff und rang darum, ihre Fassung wiederzuerlangen. »Du kommst mit mir«, sagte sie an einen der Knechte gewandt. »Und du wirst mit ihnen gehen.« Ihr Finger bohrte sich in die Brust des zweiten Mannes. Sie trat auf ihre Enkelin zu und kramte in der Tasche ihres Obergewandes, bis sie ein gefaltetes Blatt Papier zutage förderte. »Hier.« Sie drückte Olivera die Liste und eine Geldkatze in die Hand. »Du findest alles bei Muzaffer, dem Osmanen. Sag ihm, dass ich dich geschickt habe. Dann wird er nicht versuchen, den Preis in die Höhe zu treiben.« Ihre Augen bohrten sich in die des Mädchens. »Es sollte nicht länger als eine Stunde dauern, die Besorgungen zu machen«, fügte sie hinzu. Die Warnung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Olivera nahm ihr das Papier aus der Hand und versprach: »Wir sind zurück, ehe du den Wein aus deinem Haar gewaschen hast.« Sie beugte sich zu ihrer Yiayia hinab und küsste sie auf die Stirn. »Mach dir keine Sorgen.«
Als ihre Großmutter wenig später in der Menge verschwand, überkam Olivera ein seltsames Gefühl der Freiheit. Noch niemals zuvor war es ihr gestattet gewesen, alleine Einkäufe zu tätigen! Bevor sie richtig begreifen konnte, was sie empfand, fasste Laurenz sie am Arm und fragte mit einem Lachen in den Augen: »Wohin darf ich Euch zuerst geleiten?«
Olivera wusste genau, dass sie schon wieder die Farbe gewechselt hatte. Doch in diesem Augenblick schien das, was ihr sonst so viel Ärger bereitete, bedeutungslos. Alles, was zählte, war der Mann an ihrer Seite! Sie hob den Kopf und sah ihm das erste Mal direkt und ohne Scheu in die Augen.
»Der Basar ist dort hinten«, erwiderte sie. »Dort, wo die Fahnen zu sehen sind«, fügte sie hinzu.
Laurenz nickte. »Dann lasst uns keine Zeit verschwenden. Sonst wird Eure Großmutter böse.« Er grinste. »Und das wollen wir ganz gewiss vermeiden.«
Sein Grinsen steckte an. Olivera spürte Übermut in sich aufsteigen, fühlte, wie es in ihr brodelte und schäumte wie in einer Flasche mit Seifenlauge. Am liebsten wäre sie wie ein Kind davongestürmt und hätte ihn mit sich gezogen, so wie sie es früher oft mit ihren Brüdern getan hatte. Da sie sich jedoch vor ihm und seinem Knecht nicht völlig zum Narren machen wollte, rang sie die Ausgelassenheit nieder. »Der Eingang ist neben dem großen Kornspeicher«, sagte sie stattdessen gezwungen ruhig. Sie deutete auf ein Gebäude, dessen Dach alle anderen Gebäude überragte. »Muzaffers Laden muss ganz in der Nähe sein.« Jedenfalls hoffte sie, dass ihre Erinnerung sie nicht täuschte.
Da sie ihre Großmutter erst einige Male auf den Markt begleitet hatte, war sie sich nicht ganz sicher, ob sie den Drogisten auf Anhieb finden würde. Derweil Laurenz sie behutsam zurück auf die Straße dirigierte, schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf, der den Übermut zurückbrachte. Wenn sie so tat, als ob sie nicht wüsste, wo Muzaffers Stand sich befand, konnte sie den Ausflug vielleicht ausdehnen. Nicht einmal ihre Yiayia würde die Lüge durchschauen, wenn sie nur überzeugend genug war.
»Wartet«, bat sie Laurenz deshalb nach einigen Schritten und gab vor zu überlegen. »Ich glaube, das ist der falsche Eingang.« Sie hob entschuldigend die Schultern. »Es sieht alles so ähnlich aus.« Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und sah sich um. »Wir müssen dorthin«, rief sie schließlich aus und zeigte nach Westen. Auch dort flatterten die Marktfahnen im Wind und lockten scharenweise Käufer an. Neben den Reitern, die im Sattel von Pferden thronten, schaukelten auch einige herausgeputzte Männer und Frauen auf Kamelen auf den Basar zu. Turbane und anderer Kopfputz leuchteten im Licht der Sonne. Die vom Wind herbeigetragenen Duftschwaden ließen Oliveras Nasenflügel zucken. Als sie einer Gruppe reicher Damen in offenen Sänften begegneten, beäugte sie neidisch deren Kleider und schielte eifersüchtig nach Laurenz. Aber dieser würdigte die Paradiesvögel lediglich eines kurzen Blickes, dann kehrten seine Augen zu Olivera zurück.
Es dauerte nicht lange, bis sie die Pforte des teilweise überdachten Marktes erreichten. Das Gedränge war inzwischen so dicht, dass Olivera und Laurenz sich näher kamen, als es der Anstand erlaubte. Deutlich konnte sie die Wärme seiner Haut durch den dünnen Stoff seines Seidenärmels spüren. Seine Hand, die eigentlich ihren Oberarm umfasst hielt, streifte mehr als einmal ihre Brust – und sandte abwechselnd kalte und heiße Schauer über ihren Rücken. Wenngleich sie sich in einem Meer aus Menschen befanden, war es einen winzigen Augenblick lang, als ob sie mutterseelenallein wären. Dann allerdings zwängte sich ein schmutziger Knabe zwischen ihren Beinen hindurch und der Zauber zerplatzte wie eine Blase.
»Hierher, mein Herr«, rief ein Süßwarenhändler, dessen Auslage klebrig glänzte. »Ihr wollt Eurer Begleiterin doch sicher eine Freude machen«, lockte er. »Kauft ihr ein Kadi-Häppchen. Oder ein Liebesplätzchen.« Er zwinkerte Olivera anzüglich zu. »Einen Marzipanfladen oder einen Amberkamm«, warb er weiter.
Laurenz schenkte Olivera einen fragenden Blick. »Möchtet Ihr?«, erkundigte er sich, aber die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Nein«, erwiderte sie. »Sein Honig ist verwässert und in seinen Dattelpasteten sind Steine.« Sie öffnete den Mund und zeigte auf einen ihrer Eckzähne, aus dem ein winziges Stück herausgebrochen war.
Laurenz verzog schmerzhaft das Gesicht, zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf. Wenig später kämpften sie sich wieder durch die Menschenmenge. Vorbei an Nussverkäufern, weiteren Süßwarenhändlern, Obst-, Fleisch- und Gemüseständen gelangten sie schließlich in einen Teil des Basars, in dem Händler aus aller Herren Länder ihre Spezialitäten anboten. Dort gab es osmanische Quitten, Challani-Pfirsiche, Lotusblumen aus Damaskus und eingesalzene Sperlinge. Außerdem lockten Ochsenaugen, Moschusäpfel und kunterbunt gefiederte Singvögel wahre Schwärme an Neugierigen an.
»Oh, seht nur!«, rief Olivera aus. Sie hatte einen großen grauen Vogel mit rotem Schwanz erspäht, der sie mit wachen Augen musterte. Sein gebogener Schnabel war weit geöffnet. Er gab einen Laut von sich, der klang, wie das Bellen eines Hundes. »Wie ist so etwas möglich?«, fragte sie.
»Möglich?«, wiederholte der Vogel und stieß einen Pfiff aus.
»Dieser Vogel ist etwas ganz Besonderes.« Ohne, dass sie es gemerkt hatten, war der Verkäufer zu ihnen getreten. In seinen Augen glomm Gier. »Könige verlangen nach dieser Art«, prahlte er und steckte den Finger durch die Stäbe des Käfigs.
Anstatt nach ihm zu hacken, wie Olivera vermutet hätte, knabberte der Vogel jedoch lediglich am Finger des Mannes und gackerte wie ein Huhn.
»Für einen halben Schilling gehört er euch.«
Olivera wich erschrocken zurück. »Ein halber Schilling!«, stieß sie hervor. »Das ist ja Wahnsinn!« Für einen Schilling konnte man sich eine ganze Kuh kaufen! Sie riss sich von dem wundersamen Tier los und sah zu Laurenz auf. »Ich glaube, Muzaffers Stand ist im nächsten Gang«, sagte sie mit einem letzten Blick auf den Vogel.
Ehe der Verkäufer das Tier dazu bringen konnte, weitere Kunststücke zum Besten zu geben, tauchten sie bereits erneut in den Strom der Kauflustigen ein. Etwa einen halben Steinwurf von dem Vogelhändler entfernt ragte ein rot-weiß gestreiftes Dach aus Zeltleinwand empor, das Olivera auf den ersten Blick erkannte.
»Wir haben es geschafft«, ließ sie Laurenz wissen. »Das ist Muzaffer.«
Der Mann, der mit Argusaugen über seine Auslage wachte, war klein und mager. Der Turban auf seinem Kopf schien viel zu groß, und sein runzeliges Gesicht wirkte abweisend. Als Olivera vor seinem Stand anhielt, musterte er sie und ihre beiden Begleiter misstrauisch.
»Wenn Ihr Schmuck und Tand sucht, seid Ihr hier falsch«, krächzte er auf Lateinisch. »Bei mir findet Ihr nichts.«
Olivera spürte, wie Laurenz sich versteifte. Daher zog sie eilig die Liste ihrer Großmutter hervor und sagte: »Meine Yiayia Loukia, die Salbenmacherin, schickt mich. Sie benötigt diese Dinge.« Sie reichte ihm das Blatt Papier und wartete, bis er es gelesen hatte.
Er murmelte einige unverständliche Worte. Dann – ohne Olivera weitere Aufmerksamkeit zu zollen – begann er, in aller Seelenruhe Töpfe und Körbe zu öffnen, abzuwiegen und Säckchen zu füllen. Das Ganze dauerte so lange, dass Olivera unruhig wurde. Sie hatten schon viel zu lange getrödelt! Ihre Großmutter wartete vermutlich bereits ungeduldig auf ihre Rückkehr. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, da das Gewimmel hinter ihnen wieder dafür sorgte, dass Laurenz sich dicht an sie drängen musste. Zum Teufel mit ihrem schlechten Gewissen! Auch wenn sie zu Hause der Unwille ihrer Yiayia erwartete, würde sie jede Sekunde dieses Ausfluges auskosten! Um die Folgen konnte sie sich später Gedanken machen. Ein Brummen des Drogisten lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf das, was er tat. Mit spitzen Fingern griff der Osmane soeben in ein Behältnis, das menschenförmige Wurzeln enthielt.
»Ich habe nur männliche Alraunen, keine weiblichen«, informierte er sie. »Der Hund ist gestorben, bevor er die weiblichen ernten konnte.«
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Laurenz fragend die Brauen in die Höhe zog. »Jeder, der versucht, eine Alraune zu pflücken, stirbt«, erklärte sie. »Ihr Schrei ist tödlich. Nur ein Hund darf sie mithilfe einer Kette aus dem Boden ziehen. Und auch er stirbt oft, bevor genug geerntet ist.« An den Drogisten gewandt, sagte sie: »Dann gebt mir männliche.« Wenn sie sich recht erinnerte, war das Geschlecht der Pflanze unwichtig für die Herstellung von Tränken. Laurenz schüttelte verwundert den Kopf, verfolgte jedoch offensichtlich fasziniert, wie der Osmane die Wurzeln verpackte und Olivera schließlich alles über den Tisch reichte.
Nachdem sie ihn bezahlt hatte, stieg ein Seufzen in ihr auf. Jetzt, wo alles besorgt war, gab es keinen Grund mehr, länger auf dem Markt zu verweilen. Auch wenn sie am liebsten noch stundenlang mit Laurenz durch die engen Gassen zwischen den Läden geschlendert wäre, rief die Pflicht. Sie ließ sich von dem Knecht die Einkäufe abnehmen und sagte bedauernd: »Meine Großmutter wartet sicher schon auf uns.«
Laurenz’ Gesicht spiegelte ihre eigene Enttäuschung wider. »Dann sollten wir uns schleunigst auf den Heimweg machen«, sagte er mit wenig Begeisterung. Er bahnte ihnen einen Weg durch die Menge, aber als sie einen von Kastanien überschatteten Platz im Herzen des Basars erreichten, hielt er abrupt an. »Würdet Ihr hier auf mich warten?«, fragte er. »Ich habe etwas vergessen.« Er winkte seinen Begleiter herbei und wies auf ein Wasserspiel, in dessen Nähe sich einige Damen ausruhten. »Gib auf sie acht wie auf deinen eigenen Augapfel«, befahl er dem Mann mit einem drohenden Blick.
Und ehe Olivera begriffen hatte, was geschah, war er im Getümmel verschwunden. Was, um alles in der Welt, hatte er vor? Die Antwort auf diese Frage erhielt sie keine zehn Minuten später. Breit grinsend, mit einem abgedeckten Gegenstand in der Hand kehrte Laurenz zu ihnen zurück.
»Was ist das?«, platzte sie neugierig heraus.
»Ein Geschenk für Euch«, erwiderte Laurenz stolz und lachte, als ein Husten unter dem Tuch hervordrang. Olivera riss fassungslos die Augen auf.
»Ihr habt doch nicht etwa …?«, hub sie an.
»Ihr habt doch nicht etwa?«, krächzte es.
Sie schlug die Hand vor den Mund. Er hatte den Vogel für sie gekauft! Einen Augenblick lang war sie sprachlos, dann hauchte sie: »Wie kann ich Euch nur danken?«
Zu ihrem grenzenlosen Erstaunen sah sie, dass zwei rote Flecken auf den Wangen ihres Begleiters tanzten. Er beugte sich zu ihr hinab und flüsterte dicht an ihrem Ohr: »Ihr könntet mir irgendwann einen Kuss dafür schenken.«
Oliveras Herz machte einen Überschlag. Meinte er das ernst? Hatte er so viel Geld ausgegeben, nur um sich einen Kuss von ihr zu erkaufen? Sein Atem kitzelte sie, und eine Gänsehaut überzog ihre Arme.
Er richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. »Euer Lächeln ist mir Dank genug«, sagte er, als wären die Worte gerade eben nichts weiter als ein Scherz gewesen. Olivera fasste sich an den Kopf – als könne sie dadurch das Schwirren darin unterbinden. Ihre Fingerkuppen wanderten weiter zu der Stelle, an der sein Mund ihr Ohr fast berührt hätte. Sie brannte wie Feuer. Verwirrt und aufgewühlt stand sie einige Momente lang sprachlos da und versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Es war eine ungeheuerliche Bitte! Und doch beinhaltete diese Bitte alles, wovon sie in den vergangenen Tagen jede Nacht geträumt hatte. War es nicht ihr Ziel gewesen, ihn zu betören? Wie im Traum registrierte sie, dass er sie wieder beim Arm fasste und auf den Ausgang zuführte. Was auf dem Weg zurück zum Haus ihres Vaters geschah, wusste sie später nicht mehr. Alles, woran sie sich erinnerte, war, dass sie sich plötzlich im Hof wiederfand – umgeben von wohlbekannten Gesichtern.
»Eure Großmutter ist noch in der Badestube«, drang die Stimme einer Magd wie durch dichten Nebel zu ihr vor. »Ihr sollt die Einkäufe aufräumen und dann zu ihr kommen«, fügte das Mädchen hinzu. Dann war es verschwunden.
Genau wie Laurenz, der sich mit einer kleinen Verbeugung von ihr verabschiedete, bevor sie ihm ein weiteres Mal für das Geschenk danken konnte. Obgleich ihr Verstand ihr sagte, dass er nicht an ihrer Seite blieb, um Gerede zu vermeiden, fühlte ihr Herz sich an, als habe jemand ein Stück herausgeschnitten. Die Glückseligkeit, die noch vor Kurzem bewirkt hatte, dass sie sich leicht fühlte wie ein Schmetterling, löste sich ohne Vorwarnung in Luft auf. Sie presste die Hand auf ihre Brust. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie fürchtete, es könne zerbersten.
Eine Zeit lang starrte sie auf die Stelle, an der Laurenz bis vor wenigen Augenblicken gestanden hatte, dann fasste sie einen Entschluss. Es würde heute geschehen! Sie musste die Gunst der Stunde nutzen! Wenn sie jetzt nicht tat, was sie sich vorgenommen hatte, würde ihr der Mann, den sie mit jeder Faser ihres Körpers begehrte, durchs Netz schlüpfen. Und das durfte sie nicht zulassen! Nicht jetzt, wo er deutlich gemacht hatte, dass er das Gleiche für sie empfand wie sie für ihn. Mit unsicheren Händen nahm sie den Käfig vom Boden auf und griff nach dem Korb. In der Arzneiküche angekommen, stellte sie alles achtlos auf einen der Tische und kramte in ihrer Tasche. Wenn sie nicht in der Badestube erschien, würde ihre Yiayia nach ihr suchen. Sie musste also nur den richtigen Zeitpunkt abpassen, damit alles so vor sich ging, wie sie es sich ausgemalt hatte. Sie steckte sich einige Fingerspitzen geraspeltes Süßholz in den Mund und kaute darauf herum. Dann kletterte sie auf einen Schemel und lugte durch das winzige Fenster, von dem aus man den Hof überblicken konnte. Sie musste nicht lange warten. Das Süßholz war kaum zu Brei zerkaut, da erschien die alte Frau auf der Schwelle der Badestube. Hastig spuckte Olivera den Brei aus und schürzte die Lippen, damit der durch das Kauen schaumig gewordene Speichel vor ihren Mund trat. Im Anschluss daran sprang sie zu Boden, schlang die Arme um ihren Oberkörper und atmete so schnell sie konnte ein und aus. Immer wieder und immer wieder, bis ihr schließlich schwarz vor Augen wurde. In dem Moment, in dem sie sich behutsam zu Boden sinken lassen wollte, schwanden ihr jedoch die Sinne. Die Beine knickten wie Strohhalme unter ihr weg und sie fiel nach hinten. Ihr Kopf schlug mit einem dumpfen Geräusch auf der Tischkante auf. Benommen registrierte sie einen stechenden Schmerz und ein klebriges Gefühl an ihrem Hinterkopf. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Kapitel 7
Konstantinopel, Juli 1408
Lange Zeit, nachdem die Tür der Arzneiküche hinter Olivera ins Schloss gefallen war, sah Laurenz sie in Gedanken immer noch vor sich stehen. Sah das Leuchten in ihren dunklen Augen, die Röte auf ihren Wangen und hörte ihre klingende Stimme. Wenn er einatmete, vermeinte er den Duft zu riechen, den sie verströmte. Die Wirkung, die sie auf ihn hatte, verunsicherte ihn. Das Verlangen, sie zu berühren und ihre köstlichen Lippen zu küssen, war so überwältigend, dass es wehtat. Sie brachte ganz eindeutig das Gleichgewicht seiner Körpersäfte durcheinander! Und sie war nicht nur schön, sondern auch klug. Ihr Latein war beinahe besser als seines – hatte er doch nur einige wenige Jahre auf der Tübinger Pfarrschule zugebracht. Was würde er dafür geben herauszufinden, ob sie auch in anderer Hinsicht eine so gute Schülerin war! Er stöhnte leise und rückte zum wiederholten Mal seine Männlichkeit zurecht. Als ob du noch nie eine Frau gesehen hättest!, schalt er sich. Er lenkte seine Gedanken auf etwas anderes und schnitt eine Grimasse, da der Versuch von keinem besonderen Erfolg gekrönt war. Warum hatte er ihr nur diesen Vogel kaufen müssen? Für einen halben Schilling hätte er sich besser die Dienste einer Dirne, eines Dutzend Dirnen, geleistet! Er biss die Zähne aufeinander und beschloss, sich mit einem erneuten Besuch des Marktes abzulenken. Einige der Dinge, die er dort gesehen hatte, ließen sich bestimmt in Tübingen für teures Geld weiterverkaufen. Schließlich wollten sich die Gemahlinnen der reichen Oberstädter genauso herausputzen wie die Damen aus Stuttgart – der Hauptstadt der Grafschaft Württemberg. Warum sollte er die Gelegenheit nicht beim Schopfe packen?
Er schob die Hände in die Taschen seiner Schecke und kehrte lustlos zurück in den Hof, den er beinahe fluchtartig verlassen hatte. Er würde im Stall nach dem Rechten sehen und einem der Burschen befehlen, seinen Rappen zu satteln. Seine Zehen schmerzten. Ganz offensichtlich war er es nicht mehr gewöhnt, zu Fuß zu gehen. Dieses Mal würde er hoch zu Ross durch die Menge traben, anstatt sich den Weg mit den Ellenbogen freizukämpfen. Vielleicht würde ihm dann auch die Hitze etwas weniger zusetzen. In Oliveras Begleitung war ihm die sengende Sonne nicht ganz so unangenehm erschienen. Aber jetzt, allein im Hof, kam es ihm vor, als briete er in einem Ofen. Er wollte gerade eines der Stalltore öffnen, als ihn ein Ruf innehalten ließ. »Laurenz!« Die Stimme seines Gastgebers klang aufgeregt.
»Laurenz!«, rief dieser erneut und fuchtelte wild in der Luft herum. »Kommt! Das müsst Ihr Euch ansehen!«
Selbst aus der Ferne konnte Laurenz den Eifer auf den Zügen des Mannes erkennen. Was war denn nun schon wieder? Hatte der Goldschmied endlich seine lang ersehnten Elefantenzähne erhalten? Befremdet registrierte er, dass diese Aussicht ihn nicht mit der Genugtuung erfüllte, die er erwartet hätte. Vielmehr schlich sich leises Bedauern ein, als er sich vorstellte, dass sein Aufenthalt in Konstantinopel früher als erwartet zu Ende gehen könnte. Es war wirklich wie verhext! Zuerst hatte er nicht schnell genug von hier fortkommen können. Und jetzt … Er brach den Gedankengang ab und folgte den Schatten der Gebäude, bis er Philippos erreichte.
»Was muss ich mir ansehen?«, fragte er. Sein Ton war schroffer, als er beabsichtigt hatte.
Sein Gegenüber schien seine Unhöflichkeit jedoch nicht einmal zu bemerken. »Andreas hat die ersten Behältnisse geliefert«, sagte er heiser und bestätigte somit Laurenz’ Vermutung. Er zupfte den jungen Mann am Ärmel. »Ihr müsst sie Euch selbst ansehen.«
Mit diesen Worten zog er Laurenz auf das Gebäude zu, in dem sich Laden und Kontor befanden. Dort – in einer Kammer neben der Treppe – warteten drei große Holzkisten auf sie. Der Deckel der vordersten war geöffnet und auf einem Tisch stand eine Reihe von Gegenständen. Bei deren Anblick stockte Laurenz der Atem. Allerdings waren es nicht das vergoldete Türmchen, die aufwendig ziselierten Kästen oder die mit Juwelen besetzten Phiolen, die sein Herz einen Schlag aussetzen ließen; sondern die zwölf fein säuberlich aufgereihten goldenen Köpfe. Er schluckte vernehmlich.
»Sind sie nicht wundervoll?«, schwärmte Philippos. Offenbar deutete er die Erschütterung seines jungen Gastes falsch. »Andreas ist ein wahrer Meister!«
Eine eisige Hand schien nach Laurenz zu greifen. Plötzlich kam ihm der Raum furchtbar kalt vor und er fröstelte.
»Seht, hier«, sagte der Kaufmann. Er hob einen der Köpfe auf und zeigte auf ein großes Loch direkt unter dem Ansatz des goldenen Haares. »Hier wird das Glas eingesetzt.« Er drehte den Gegenstand um und redete weiter auf Laurenz ein.
Doch dieser hörte kaum mehr, was sein Gegenüber sagte. Ohne Vorwarnung sah er sich in Gedanken auf den Kirchplatz hinter der Tübinger Jakobuskirche versetzt. Als befände er sich tatsächlich dort – Tausende von Meilen entfernt – vernahm er das Geräusch von Hacken und Schaufeln. Vor seinem inneren Auge wurde er Zeuge, wie Männer ohne erkennbare Gesichter Tote aus ihren Gräbern zerrten und diese achtlos auf einen Karren warfen. Die Kälte breitete sich in ihm aus. Er hatte gewusst, was geschehen würde – wofür sein Auftraggeber die Behältnisse benötigte. Gleichwohl war es ihm gelungen, den wahren Grund für sein Hiersein zu verdrängen – selbst als er das Glas des Phiolarius in den Händen gehalten hatte. Immerhin würde er auch einen ganzen Wagen voller seltener Gewürze mit nach Hause bringen – nicht nur diese furchtbaren Dinge! Er trat, plötzlich angeekelt, einen Schritt zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Ein Stöhnen fand den Weg über seine Lippen. Für diese grauenhafte Sünde würde er bis in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren. Seine Fantasie gaukelte ihm Bilder vor, die ihn noch mehr schaudern ließen: Nackte Leiber, in einem reißenden Blutstrom kochend, von Kentauren gepeinigt und immer wieder in die Fluten zurückgestoßen; Lästerer, gefangen im Sand, auf die beständig Feuerflocken niederprasselten; Verstümmelte, die kopfüber in Felslöchern steckten, während ihre Fußsohlen lichterloh brannten; und schließlich Schreiende, deren Münder sich mit Pech füllten, wenn sie in einem Graben versanken und für immer verschwanden.
Eine Hand legte sich auf seinen Arm.
»Was ist mit Euch?«, fragte Philippos.
Laurenz zuckte zusammen und versuchte, die grauenvollen Bilder mit einem Blinzeln zu vertreiben. »Nichts«, log er. Seine Stimme strafte ihn Lügen.
»Macht Euch nur nicht allzu viele Gedanken«, versuchte der Grieche ihn zu beruhigen. Scheinbar wusste er genau, was Laurenz auf der Seele brannte. »Es ist ja nicht so, als ob wir die Ersten wären, die so etwas tun«, setzte er wegwerfend hinzu. »Wer weiß, wie viele Reliquien überhaupt echt sind.« Sein Mund verzog sich zu einem verschlagenen Lächeln. »Gott hätte gewiss nichts dagegen, dass noch mehr Menschen die Gebeine der Heiligen verehren können. Auch wenn diese vielleicht nicht ganz so heilig sind, wie die Pilger denken.« Er lachte meckernd. »Und die Toten schert es sicher auch nicht mehr.«
Laurenz starrte ihn mit leerem Blick an. Hatte der Kerl denn überhaupt keine Angst vor dem Jüngsten Gericht? War ihm nicht klar, dass sie durch diesen Betrug ihre Seelen an den Leibhaftigen verpfändeten? Er zog die Schultern hoch und schloss einen Moment lang die Augen. Hätte er sich doch nur niemals auf diesen Handel eingelassen! Damals war ihm alles so einfach erschienen – so lächerlich einfach! Er schlug die Augen wieder auf und starrte die Köpfe an. Warum hatte er nur nicht auf die Stimme in seinem Inneren gehört, die ihn gewarnt hatte, dass alles viel zu gut klang, um wahr zu sein? Warum war er nur so unglaublich dumm gewesen? Hätte er seinem Freund Bertram doch nur den Gefallen abgeschlagen und wäre nicht an dessen Stelle in das Haus in der Münzgasse gegangen! Er verkniff sich ein Schnauben. Vermutlich hatte Bertram ganz genau gewusst, was ihn dort erwartete, und die Unpässlichkeit nur vorgetäuscht.
Plötzlich befand er sich in Gedanken wieder in Tübingen; sah sich dem Schwager des Schultheißen gegenüber und hörte ihn kurz und hart lachen.
»Wenn Ihr nicht wollt, frage ich eben einen anderen«, hatte dieser kühl gesagt und sich zum Gehen gewandt. Allerdings war sein Angebot zu gut, als dass Laurenz es hatte ausschlagen können. Immerhin hatte sich dadurch vollkommen unerwartet eine Möglichkeit eröffnet, in die Oberschicht aufzusteigen. Und den Kramladen seines Vaters endgültig hinter sich zu lassen. Gier vernebelt das Gehirn, dachte er, als Philippos die Waren sorgfältig wieder verpackte. »Alles, was Ihr tun müsst, ist, die Behältnisse zu beschaffen«, hatte sein Auftraggeber gesagt. »Um den Rest braucht Ihr Euch nicht zu kümmern.«
Laurenz wich einen Schritt zurück, um Philippos Platz zu machen. Dass es sich bei dem »Rest« um das Schänden von Leichen und das Fälschen von Reliquien handelte, hatte er nicht gewusst. Allerdings war es zu spät gewesen, einen Rückzieher zu machen, als er davon erfahren hatte. Er hätte sich niemals die erste Reise nach Konstantinopel bezahlen lassen dürfen! Ärger über seine Einfältigkeit stieg in ihm auf. Es hätte ihm klar sein müssen, dass die ganze Angelegenheit einen Haken hatte. Andererseits war die Verlockung einfach zu groß gewesen, um ihr zu widerstehen. Nicht jeden Tag erhielt ein einfacher Krämersohn die Gelegenheit, in die Kreise der Fernhändler aufzusteigen – und somit vielleicht irgendwann im Rat der Stadt zu sitzen. Ein Köder, den vermutlich selbst sein ehrbarer Bruder Götz geschluckt hätte! Er presste die Kiefer aufeinander und straffte die Schultern. Es nützte nichts, sich zu grämen. Er war einen Handel mit dem Teufel eingegangen, also musste er zusehen, wie er das Beste daraus machte. Immerhin war ihm versprochen worden, dass dies seine letzte Reise sein würde. Also würde er zusehen, dass er sein Schäflein ins Trockene brachte. Vielleicht konnte er ja in der Zwischenzeit die verlockende Frucht pflücken, die ihm mehr und mehr den Kopf verdrehte. Wenn ihm gelang, was ihm vorschwebte, dann konnte er sich damit an seinem Gastgeber und dessen Spießgesellen rächen!
Kapitel 8
Tübingen, Juli 1408
»Rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz und weiß wie Schnee«, summte der auf dem Boden kniende Mann vor sich hin, während seine Klinge in das Fleisch der Hure fuhr. Diese war bildschön, und es war ein Jammer um ihren Körper. Aber auf eine Hässlichere hatte er nicht warten können, da der Bedarf seines Auftraggebers immer schneller zu wachsen schien. Zuerst hatte es geheißen, drei oder vier wären genug; für den Rest würden andere sorgen. Aber offensichtlich scherte sich doch jemand darum, dass die Gräber der Armen geschändet wurden. Allmählich zeichnete sich ein Geschäft ab, das ihn noch weit bis in die Zukunft mit einem Zusatzeinkommen versorgen würde. Morgen stand der Heilige Sonntag vor der Tür, aber für die Frau zu seinen Füßen würde es kein Tag der Andacht und Beschaulichkeit werden. Er schluckte ein Lachen. Und für diejenigen, die sie fanden, würde der Tag gewiss auch nicht so beginnen, wie sie es sich vorgestellt hatten. Mit geübten Bewegungen hackte er der Frau Kopf und Arme ab und sah einige Momente fasziniert dabei zu, wie ihr Blut sich in Windeseile mit dem Regen vermischte. Am vergangenen Mittwoch hatte das Wetter umgeschlagen und es hatte angefangen, wie aus Kübeln zu schütten. Seitdem schien der Sommer bereits dem Herbst weichen zu wollen, obwohl es noch viele Wochen dauern würde, bis sich die ersten Blätter bunt färbten. Ein empfindlich kühler Wind pfiff durch die Stadt. Eigentlich hatte der Jäger es auf einen der Spielmänner abgesehen, doch diese wagten sich bei den unwirtlichen Umständen kaum mehr auf die Straße. Er stopfte den Kopf und die beiden Gliedmaßen in seinen Beutel, platzierte Schalen unter den Wunden und wandte sich den Füßen der Toten zu. Diese steckten in leichten Schuhen, die viel zu dünn waren für die Witterung, und er fragte sich, ob sie gefroren hatte. Musste sie wohl. Denn ihre Kleidung war nicht dafür gemacht, etwas zu verhüllen. Als dieser Teil seines Auftrages ebenfalls erfüllt war, fing er auch aus diesen Wunden so viel von ihrem Blut auf wie möglich. Nachdem er dieses in ein halbes Dutzend bauchige Phiolen umgefüllt hatte, die er sorgfältig verkorkte, ließ er schließlich die Gefäße den Körperteilen folgen. Nicht einmal vier Wochen war es her, seit er die anderen beiden Huren getötet hatte, und allmählich machte ihm die Häufigkeit seiner Ausflüge Sorgen. Wenn es so weiterging, würde sein Weib Verdacht schöpfen. Und dann war es nur eine Frage der Zeit, bis die ganze Stadt davon erfuhr. Ein unschöner Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Vielleicht würde sein Auftraggeber für sie ja auch etwas bezahlen. Schon lange ging ihm ihr ewiges Genörgel auf die Nerven. Warum sollte für sie nicht auch Verwendung zu finden sein? Ein Geräusch aus einem der Hinterhöfe ließ ihn nervös um sich blicken. Doch es war nur eine streunende Katze, die kurz darauf mit gesträubtem Fell an ihm vorbeischoss.
Er zurrte den Sack zu, kam mit steifen Gelenken auf die Beine und hastete in die Dunkelheit des späten Abends davon. Mit jedem Mord wurden seine Aufträge riskanter. Wenn er noch mehr herbeischaffen sollte, dann musste er sich bald etwas anderes überlegen. Gewiss würde er nicht ewig Unehrliche von der Straße pflücken können, als handle es sich um überreife Kirschen! Früher oder später würde die Stadtwache ihre Präsenz in den Straßen erhöhen und dann hatte er schlechte Karten. Er huschte die Jakobsgasse entlang in Richtung Osten, überquerte die Ammer und schlüpfte zwischen den Häusern an der Krummen Brücke hindurch. Von dort aus eilte er weiter, bis er das Wasser der Ammer erneut riechen konnte. Er war nur noch zwei Steinwürfe von seinem Haus entfernt, als ihn ein scharfer Befehl erstarren ließ.
»Halt! Bleib auf der Stelle stehen!«, bellte ein Wächter.
Kurz darauf verkündete das Trampeln von schweren Stiefeln, dass sich ihm mindestens drei Stadtwachen im Laufschritt näherten. Das Licht ihrer Fackeln tanzte wild hin und her, und mit Entsetzen sah er, dass Blut aus seinem Sack getropft war und seine Kleidung befleckt hatte. Oh, Heiliger Vater, steh mir bei!, dachte er entsetzt, während die Soldaten drohend ihre Schwerter zogen. Warum waren die Kerle nicht im Trockenen? Beim Würfelspiel in der Wachstube?
»Was hast du in dem Sack?«, fragte der Befehlshaber der Wache. Er bedeutete seinen beiden Begleitern, ihren Fang zu packen. Aber als einer von ihnen die Fackel hochhob, um das Gesicht des Mannes zu beleuchten, brach er in ein Lachen aus, das halb erleichtert, halb enttäuscht klang.
»Du bist es!«, rief er. Auch in den Augen seiner Kollegen dämmerte Erkennen.
»Was hast du denn im Dunkeln noch auf der Straße zu suchen?«, fragte der Anführer – immer noch ein wenig misstrauisch.
Der Gefragte hob die Schultern. »Man kann sich leider nicht immer aussuchen, wann die Leute einen rufen«, entgegnete er. »Und wer kann schon Nein sagen, wenn eine Witwe einen um Hilfe bittet?«, log er. Die Anspannung ließ seine Stimme kaum wahrnehmbar beben. Der Drang, wie ein Hase davonzulaufen, war überwältigend. Allerdings wusste er, dass er damit sein Leben verwirkt hätte. Daher setzte er ein Gesicht auf, von dem er hoffte, dass es harmlos genug aussah, und lächelte dümmlich.
»Man muss schließlich von etwas leben«, sagte er mit einem Schulterzucken.
Einige scheinbar endlose Augenblicke verstrichen in argwöhnischem Schweigen. Dann schob der Befehlshaber die Waffe zurück in die Scheide und schüttelte den Kopf.
»Na dann«, knurrte er. »Mach, dass du nach Hause kommst!«
Mit weichen Knien tat er, wie geheißen. Als wenig später die Tür seines Hauses hinter ihm ins Schloss fiel, stieß er einen erleichterten Seufzer aus. Das war knapp gewesen! Noch einmal durfte ihm so etwas nicht passieren! Heftig atmend lauschte er in die Dunkelheit des Hauses und wartete, ob sich etwas regte. Erst, als alles ruhig blieb, stellte er den Beutel ab, griff mit zitternden Fingern in den Kienspanbehälter neben der Tür und entzündete eine Kerze. Heißer Schrecken durchzuckte ihn, sobald er sah, wie viel Blut durch die Sackleinwand gesickert war. Auf dem Lehmboden hatte sich bereits eine kleine Lache gebildet, die sich mit dem Wasser, das von seiner Kleidung tropfte, vermischte. Verdammt!, dachte er. Eines der Gefäße musste zerbrochen sein! Wenn der Regen nicht alles fortwusch und die Wächter die Spur zurückverfolgten, war es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass sie die Tote finden würden. Und er verhaftet wurde! Auf unsicheren Beinen schaffte er den Sack dorthin, wo nie jemand nachsah, beseitigte alle Spuren und wartete darauf, dass sich sein Herzschlag beruhigte. Dann warf er sich einen anderen Mantel über, verbarg das Gesicht unter einem Filzhut und trat wenig später zurück hinaus in die Nässe. Er hatte einen Fehler gemacht! Und diesen galt es nun zu beheben. Zum Glück regnete es immer noch heftig, aber er würde dennoch dafür sorgen, dass man die Leiche nicht allzu einfach entdecken konnte. Vorsichtig, um den Soldaten nicht ein zweites Mal in die Arme zu laufen, schlich er dahin zurück, woher er gekommen war.
Kapitel 9
Konstantinopel, Juli 1408
»Sie kommt zu sich.«
Die Worte klangen undeutlich – als ob ihr Sprecher meilenweit entfernt wäre. Zuerst dachte Olivera, dass sie träumte. Aber dann fand der Schmerz den Weg in ihr Bewusstsein und ließ sie aufstöhnen. Es war ein dumpfes Pochen an ihrem Hinterkopf. Ein Pochen, das sich anfühlte, als versuche jemand, mit einem riesigen Hammer zu ihrem Gehirn vorzudringen. Mit jedem Atemzug, den sie tat, schien der Schmerz sich weiter auszubreiten und sie einzuhüllen wie ein erstickender Mantel. Sie vernahm einen heiseren Laut, der einem Krächzen ähnelte. Und es dauerte einige Zeit, bis sie begriff, dass sie das Geräusch von sich gegeben hatte.
»Lieg still, Kind.« Etwas Kühles breitete sich über ihre Stirn aus. »Der Medicus muss die Wunde nähen«, hörte sie eine Stimme sagen, die sie als die ihrer Großmutter erkannte. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, aber ihre Lider waren bleischwer. Alles, was sie zustandebrachte, war ein kurzes Blinzeln.
»Flößt ihr etwas Mohnsaft ein«, dröhnte ein Bass. Kurz darauf schob sich eine Hand unter Oliveras Kopf und der Schmerz verwandelte sich in ein scharfes Stechen. Ehe sie den Mund zu einem Schrei öffnen konnte, setzte ihr jemand ein Gefäß an die Lippen. »Trink in kleinen Schlucken«, riet ihre Yiayia. »Dann geht es dir bald besser.«
Bitter und süß zugleich rann der Saft Oliveras Kehle hinab und um ein Haar hätte sie sich daran verschluckt. Hustend spuckte sie etwas davon wieder aus, dann sank sie ermattet zurück in die Kissen. Einige Augenblicke lang schien der Schmerz unerträglich, bis der Mohnsaft begann, Wirkung zu zeigen. Sie spürte kaum, wie man sie auf die Seite drehte. Auch der erste Stich der Nadel war nicht mehr als ein leichtes Zwicken. Das Gefühl, das sie einlullte und schläfrig machte, ähnelte der Benommenheit, welche sie nach dem Genuss von zu viel Wein empfunden hatte. Etwas wie Schwindel, nur angenehmer, legte sich über ihre Sinne. Während der Arzt sich an ihrem Kopf zu schaffen machte, merkte sie, wie sie zurück ins Reich der Träume abglitt.
Als sie das nächste Mal erwachte, fühlte sie sich besser. Zwar tat ihr Hinterkopf immer noch weh, aber das Pochen war abgeklungen. Allerdings quälte sie ein entsetzlicher Durst, der fast schlimmer war als die Schmerzen. Ihre Lippen, ihr Mund und ihr Rachen waren ausgedörrt, als ob sie tagelang die Wüste durchstreift hätte. Mühsam versuchte sie zu schlucken. Doch ihre Zunge klebte so fest an ihrem Gaumen, dass sie fürchtete, ein Stück Fleisch herauszureißen, wenn sie versuchte, sie zu lösen. Eine Gestalt saß an ihrem Bett, blickte auf sie hinab. Und nach einigen Lidschlägen erkannte Olivera, dass es sich um ihre Yiayia handelte.
»Wasser«, murmelte sie schwach. Die alte Frau griff nach einem Krug, füllte einen Becher und half Olivera, sich aufzurichten.
»Besser?«, fragte sie, nachdem sie den Becher wieder abgestellt und Olivera zurück in die Kissen gedrückt hatte. Olivera nickte. In der Tat kam es ihr vor, als kehrten mit dem Wasser all ihre Lebensgeister zurück. Auch das durch die Fenster hereinfallende Sonnenlicht stach nicht mehr wie ein Messer nach ihren Augen, wirkte viel eher golden und beruhigend. Sie sah sich suchend im Raum um. Doch sowohl der Medicus als auch die Mägde hatten ihre Kammer wieder verlassen. Nur ihre Yiayia war noch bei ihr – so wie früher, wenn sie als Kind an einem Fieber oder Bauchschmerzen erkrankt war. Die alte Frau betrachtete sie mit einer Mischung aus Sorge und … Olivera wandte hastig den Blick ab. War es Strenge? Oder Ärger? Sie drehte den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Was war nur geschehen? Ganz offensichtlich war ihr Plan fehlgeschlagen. Aber warum? Alles, woran sie sich noch erinnern konnte, war der Geschmack des Süßholzes auf ihrer Zunge. Sie zog verstohlen die Wangen ein und suchte in ihrem Mund nach Überresten der Süße. Die nächsten Worte ihrer Großmutter ließen sie jedoch inmitten der Bewegung erstarren.
»Ich weiß, was du vorhattest«, sagte ihre Yiayia vorwurfsvoll. »Dachtest du denn ernsthaft, du könntest mir etwas vormachen?« Sie klang verletzt.
Olivera spürte Scham in sich aufsteigen. Am liebsten hätte sie sich in einem Mauseloch verkrochen und wäre nie wieder daraus hervorgekommen.
»Einen Hysterike-Anfall vorzutäuschen!« Die alte Frau schnaubte und erhob sich. »Was soll ich deinem Vater sagen?«, fragte sie, während sie ihre Röcke glatt strich. »Dass seine Tochter sofort verheiratet werden muss, weil ihr Uterus sonst austrocknet? Denkst du im Ernst, dass du ihn so dazu zwingen kannst, deinem Willen nachzugeben?«
Olivera schwieg, da genau dies ihr Ziel gewesen war.
»Hatte ich dir nicht gesagt, dass du dich gedulden sollst?« Ihre Yiayia trat ans Fenster und sah einige Zeit schweigend in die Ferne. Dann stieß sie hervor: »Das war unglaublich töricht von dir!« Sie fuhr sich mit der Hand über das silberne Haar. »Du hättest dich ernsthaft verletzen können.«
Olivera spürte Tränen in sich aufsteigen. »Yiayia«, bat sie kleinlaut. »Bitte schimpfe nicht.« Ihre Lippen bebten. »Du musst mir helfen!« Sie schob sich in eine sitzende Position. Augenblicklich wurde ihr schwindelig und sie hielt sich den Kopf – als könne sie so verhindern, dass der Raum sich weiter um sie drehte. »Yiayia«, wiederholte sie, sobald sich die Benommenheit etwas gelegt hatte. »Bitte!« Sie krallte die Finger in die Decke und wickelte diese um sich. »Ich kann mich doch nicht gedulden«, flüsterte sie.
»Warum kannst du dich nicht gedulden?«, fragte die alte Frau. Sie kehrt dem Fenster den Rücken und trat zurück an das Bett.
»Weil es schon bald zu spät ist«, murmelte Olivera.
Ihre Großmutter legte die Stirn in Falten, dann trat Verstehen in ihren Blick. »Der Vogel«, sagte sie. »Ich hätte es mir denken können.« Sie ließ sich wieder auf der Bettkante nieder.
Olivera griff nach ihrer Hand und betrachtete einige Atemzüge lang die dunklen Flecken auf der faltigen Haut. »Ich liebe ihn so sehr!«, hauchte sie schließlich. Und dann sprudelte alles aus ihr hervor: die lang gehegte Sehnsucht nach Laurenz’ Rückkehr; die Freude und Aufregung, als ihr Wunsch endlich erhört worden war; der Besuch des Marktes und das Gefühl der Leere, als er sie im Hof allein gelassen hatte. »Bitte, Yiayia«, flehte sie erneut und drückte die Hand ihrer Großmutter so fest, dass diese mit einem Keuchen protestierte. »Bitte!« Oliveras Stimme klang heiser. »Wenn ich ihn nicht heiraten kann, dann will ich keinen!« Ihr Blick suchte den der alten Frau.
Diese betrachtete ihre Enkelin einige Momente lang forschend, ehe sie einen tiefen Seufzer ausstieß. »Ist dir klar, was es bedeutet, wenn du seine Gemahlin wirst?«, fragte sie schließlich.
Olivera nickte eifrig. »Ja«, erwiderte sie.
»Er wird dich mit in die Fremde nehmen.« Ihre Yiayia hob warnend den Zeigefinger. »Du wirst weit, weit fort sein von allen, die dich lieben. Die Reise birgt viele Gefahren und du wirst deinen Vater und deine Brüder vielleicht niemals wiedersehen.« Sie befreite sich vom Griff ihrer Enkelin und strich ihr sanft über die Wange. »Und mich auch nicht«, fügte sie hinzu.
Die Tränen, die Olivera so tapfer zurückgehalten hatte, brachten ihre Augen erneut zum Schwimmen. »Ich weiß, Yiayia«, sagte sie erstickt. »Aber ich liebe ihn mehr als alles andere auf der Welt. Wenn ich ohne ihn leben muss, will ich lieber gar nicht mehr leben!« Die Vorstellung, Laurenz nie wiederzusehen, ihn ziehen zu lassen und für immer zu verlieren, war wie ein Dolch, der ihr das Herz aus der Brust schnitt. Ein Schluchzen raubte ihr die Stimme.
»Es ist eine Sünde, so zu reden«, schalt ihre Großmutter lahm. Doch dann zog sie ihre Enkelin an sich und presste das tränennasse Gesicht der jungen Frau an ihre Brust.
Als Oliveras Weinen nach beinahe zehn Minuten endlich abebbte, trocknete sie ihr die Wangen. »Du solltest noch ein wenig schlafen«, versetzte sie bedrückt. »Der Schlaf reinigt die Seele.«
Obgleich Olivera vom Weinen erschöpft war, griff sie erneut nach der Hand ihrer Großmutter. »Versprich mir, dass du mir hilfst«, flehte sie. »Versprich es mir.« Die Hoffnung, dass alles gut sein würde, wenn sie wieder erwachte, war wie eine süße Droge.
Eine scheinbare Ewigkeit verstrich, ohne dass die alte Frau etwas sagte. Dann ließ sie vernehmbar die Luft durch die Nase entweichen und entgegnete: »Ich verspreche, dass ich mit deinem Vater reden werde. Mehr kann ich dir nicht versprechen. Und jetzt schlaf und sammle Kräfte. Wenn du wirklich die Frau dieses Laurenz werden willst, wirst du schon bald zu einer sehr anstrengenden Reise aufbrechen.« Trauer schwang in ihren Worten mit.
Olivera spürte den Stachel der Reue. Dieser verlor jedoch an Schärfe, als ihre Yiayia sich erhob und Anstalten machte, die Kammer zu verlassen. Vielleicht würde ihr sehnlichster Wunsch schon bald in Erfüllung gehen!
*
Als ihre Yiayia am nächsten Tag zu ihr kam, um ihre Wunde zu versorgen, schüttelte sie den Kopf, bevor Olivera in sie dringen konnte.
»Ich habe ihn noch nicht gesprochen. Er ist sehr beschäftigt.«
Es kostete Olivera einige Mühe, ihre Enttäuschung zu schlucken. Doch ein Blick in die Augen ihrer Großmutter sagte ihr, dass diese ihr Versprechen nicht vergessen würde. Behutsam half die alte Frau Olivera, sich aufzusetzen und etwas zu essen. Dann trug sie eine kühlende Salbe auf den Hinterkopf ihrer Enkelin auf und bettete diese wieder in den Kissen. Eine Zeitlang saß sie schweigend auf der Bettkante, während Olivera ihre Hand hielt und gegen die überwältigende Müdigkeit ankämpfte. Es ist wie früher, dachte sie, während der Daumen ihrer Großmutter immer und immer wieder über ihren Handrücken strich. Die Geborgenheit, die sie allein durch die Gegenwart ihrer Yiayia empfand, sorgte dafür, dass sie sich unvermittelt in ihre Kindheit zurückversetzt fühlte; zu dem Tag, an dem ihre Mamá zu Gott gegangen war. Damals hatte sie nicht begreifen können, warum es nicht mehr ihre Mutter war, die sie abends zu Bett brachte. Aber irgendwann hatte sie aufgehört, sich in den Schlaf zu weinen und ihre Yiayia war an die Stelle der Frau getreten, an die sie sich kaum mehr erinnern konnte. Eine Weile ließ sie sich treiben und versuchte, in Gedanken zu längst vergessenen Tagen zurückzukehren.
»Hast du Pappous geliebt, Yiayia?«, fragte sie plötzlich. Sie wusste nicht, wo die Frage herkam, nur dass sie ihr auf einmal durch den Kopf schoss.
Ihre Großmutter wandte den Kopf und blickte versonnen auf sie hinab. »Ja«, gab sie nach einigen Momenten zurück. »Auf eine Art habe ich ihn geliebt.«
Olivera runzelte die Stirn. Was meinte ihre Yiayia damit? Konnte man einen Mann anders lieben, als sie Laurenz liebte?
»Wir waren einander seit unserer Kindheit versprochen«, fuhr ihre Großmutter fort. »Als ich mit ihm vor dem Altar stand, wusste ich nicht, was ich für ihn empfinden sollte.« Sie lächelte schwach. »Er war kein einfacher Mann. Aber irgendwann habe ich wohl angefangen, ihn zu lieben.«
»Wie wusstest du, dass er dich auch liebt?«, fragte Olivera.
»Das wusste ich erst, als er in meinen Armen gestorben ist«, war die rätselhafte Antwort. Die alte Griechin erhob sich und drückte Olivera einen Kuss auf die Handfläche. »Ich liebe dich, Kind. Du bist wie eine Tochter für mich.« Sie strich Olivera eine Strähne aus dem Gesicht. »Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass du glücklich wirst.«
Oliveras Augen füllten sich mit Tränen.
»Schlaf noch etwas«, sagte ihre Yiayia. »Ich sehe später noch einmal nach dir.« Mit diesen Worten ließ sie ihre Enkelin allein und verließ leise die Kammer.
Kapitel 10
Konstantinopel, Juli 1408
Vier Tage später war Olivera wieder auf den Beinen. Ihr Kopf schmerzte nur noch gelegentlich, und der Medicus hatte erklärt, dass die Wunde gut verheilte. Zur Sicherheit trug ihre Großmutter täglich zweimal etwas Goldene Wundsalbe auf – damit sich keine Fäulnis bilden konnte. Am Vortag hatte eine der Mägde den wundersamen Vogel in Oliveras Kammer gebracht, damit sie sich an seinen Kunststücken ergötzen konnte. Wenngleich ihre Großmutter das Tier mit einem missfälligen Blick bedacht hatte, war ihm ein Platz auf Oliveras Fensterbank zuteil geworden. Im Augenblick kletterte der Vogel mithilfe seiner Krallen und seines Schnabels an den Stäben des Käfigs empor und beobachtete Olivera mit klugen Augen.
»Was bist du doch für ein lustiger Kerl«, sagte sie mit einem Schmunzeln. Sie steckte vorsichtig den Finger durch die Gitterstäbe und strich über seinen grauen Kopf.
»Kerl«, wiederholte das Tier. Es gab ein Geräusch von sich, das klang wie das Klappern von Geschirr.
Olivera lachte. »Wie soll ich dich nennen?«, fragte sie ihn.
Er rieb den Kopf an ihrem Finger. Doch bevor sie sich einen geeigneten Namen für ihn überlegen konnte, öffnete sich die Tür und ihre Großmutter erschien auf der Schwelle. Etwas an ihrer Haltung, an der Art, wie sie die Hände vor dem Bauch faltete, verriet Olivera, dass sie endlich mit ihrem Vater gesprochen hatte. Augenblicklich zog sich das Herz der jungen Frau zusammen. Wenngleich sie versucht hatte, die Aufregung zu verdrängen, kehrte diese mit ganzer Macht zurück. Plötzlich war der Vogel vergessen. Alles schien unwichtig außer dem, was ihre Großmutter ihr mitzuteilen hatte.
»Was hat er gesagt?«, fragte sie atemlos. Ihre Beine fühlten sich mit einem Mal seltsam schwach an. Alles, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben hing von der Antwort ihrer Yiayia ab. Sie spürte, wie sich ihr Innerstes verkrampfte.
Das Gesicht der alten Frau wirkte traurig. Und es war diese Traurigkeit, die Olivera hoffen ließ. Einige zermürbende Augenblicke lang schwieg ihre Großmutter, bis sie schließlich tief Luft holte und verkündete: »Dein Vater wird mit dem jungen Mann sprechen. Wenn seine Forderung die Mitgift betreffend nicht zu hoch ist, wirst du seine Frau.«
Olivera stieß einen kleinen Schrei aus. Übermütige Freude schlug wie eine Woge über ihr zusammen. Die Schwere der vergangenen Tage fiel von ihr ab und ein überwältigendes Gefühl der Leichtigkeit ergriff Besitz von ihr. »Oh, barmherziger Vater im Himmel, ich danke dir«, flüsterte sie. Halb kopflos vor Glückseligkeit flog sie auf ihre Großmutter zu und fiel ihr um den Hals. »Danke, Yiayia. Danke, danke, danke!«, jubelte sie.
»Noch ist es nicht so weit«, wandte ihre Großmutter ein. Sie machte sich von ihrer Enkelin los. »Wie ich deinen Vater kenne, wird es Tage dauern, bis er Zeit dafür findet.«
Mit dieser Vermutung hatte sie allerdings unrecht. Keine zwei Stunden später schickte der Hausherr nach seiner Tochter. Diese befand sich inzwischen mit ihrer Großmutter in der Salbenküche, um Zutaten für empfängnisfördernde Tränke zu mischen.
»Er will Euch unter vier Augen sprechen«, ließ die ausgesandte Magd Olivera wissen.
Ihre Großmutter verzog erstaunt das Gesicht. »Dann solltest du ihn nicht warten lassen«, riet sie.
Das ließ Olivera sich nicht zweimal sagen. Hastig legte sie das Büschel getrockneter Wacholderbeeren in ihrer Hand zur Seite und wusch sich in einer Schale den Schmutz von den Fingern. Sie zitterte so sehr, dass sie um ein Haar das Gefäß umgestoßen hätte. Schwindelig vor Aufregung folgte sie wenig später dem Mädchen über den Hof zum Kontor ihres Vaters, der über einen Stapel Briefe gebeugt an seinem Schreibtisch saß. Als seine Tochter den Raum betrat, hob er kurz den Kopf und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sich zu setzen. Endlose Minuten verstrichen, bis er schließlich das letzte Schreiben zur Seite legte und aufblickte.
Er betrachtete seine Tochter mit geschürzten Lippen. »Dein Wohlergehen ist gefährdet, wenn du dich nicht bald vermählst, habe ich gehört«, kam er ohne Umschweife zum Thema. Er erhob sich und ließ einige Male die Schultern kreisen, um eine Verspannung in seinem Nacken loszuwerden.
Olivera nickte stumm.
»Loukia meinte, Laurenz Nidhard könnte der geeignete Gemahl für dich sein. Was sagst du dazu?«, fragte er.
Olivera glaubte, ihren Ohren nicht richtig zu trauen. Fragte ihr Vater sie tatsächlich nach ihrer Meinung? Sie schlug bescheiden die Augen nieder und murmelte: »Was immer du befiehlst, Baba.«
Ihr Vater schien zu überlegen. Schließlich klatschte er in die Hände und verkündete: »Dann sollte ich Laurenz wohl einfach fragen, was er davon hält.« Er ging zur Tür und rief einen seiner Knechte herbei: »Bring Laurenz zu mir. Sag ihm, es geht um etwas Geschäftliches.« Mit diesen Worten kehrte er zu seinem Schreibtisch zurück und ignorierte seine Tochter, bis es einige Zeit später klopfte. »Kommt herein.«
*
Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte Philippos, wie Laurenz den Raum betrat und überrascht innehielt, sobald er Olivera erblickte. Das Aufleuchten seiner Augen verriet dem Griechen, was er bereits vermutet hatte: Er würde leichtes Spiel haben mit dem jungen Mann. Es kostete ihn einige Mühe, sich ein Lächeln zu verkneifen – allerdings wollte er mit keiner Regung verraten, wie sehr ihm gefiel, was er sah. Zuerst hatte er die Bitte seiner Mutter Loukia rundweg abschlagen wollen. Schließlich hatte er bereits deutlich gemacht, dass Olivera sich noch gedulden musste! Doch dann war ihm klar geworden, dass ihm kaum etwas Besseres passieren konnte. Wenn er seine Tochter mit Laurenz vermählte, würde er ihn für immer an sich binden. Der zunehmende Widerwille des jungen Deutschen war ihm nicht entgangen. Offenbar gefiel diesem schon lange nicht mehr, was sie taten, auch wenn er sich dabei eine goldene Nase verdienen konnte. Zu deutlich waren die Skrupel im Gesicht des Burschen zu lesen gewesen, als er die Kopfreliquiare beäugt hatte, als wären sie giftig. Was war denn schon dabei? Starben nicht ständig Menschen, um deren Verbleib sich niemand scherte? Was machte es da schon, wenn Leute wie er, der Goldschmied und Laurenz’ Auftraggeber Profit aus den Körpern dieser ohnehin von Gott Verstoßenen schlugen? Er schüttelte die Gedanken ab und trat auf Laurenz zu. Dessen Blick lag verstohlen auf Olivera. Er fuhr schuldbewusst zusammen, als Philippos sich ihm näherte.
»Du darfst gehen«, sagte dieser an seine Tochter gewandt.
Zufrieden registrierte er, wie Laurenz jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgte. So, wie der Junge Olivera ansah, würde sich die Mitgift sicherlich zu Philippos’ Vorteil aushandeln lassen. Er rieb sich innerlich die Hände.
»Habt Ihr jemals daran gedacht, Euch zu vermählen?«, fragte er gespielt beiläufig.
Laurenz erbleichte zuerst, dann schoss ihm das Blut in die Wangen. »Mich zu vermählen?«, stammelte er. »Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Warum fragt Ihr?«, erkundigte er sich scheinheilig, aber sein Ton verriet ihn.
»Hm«, erwiderte Philippos. Auf keinen Fall durfte er zu eifrig erscheinen! Daher winkte er ab und hob entschuldigend die Schultern. »Nur eine Frage. Wenn Ihr nicht vorhabt, Euch zu verheiraten, ist sie nicht von Interesse.« Er steuerte auf die Tür zu, welche zu der Kammer neben der Treppe führte. Diese war inzwischen bis zum Bersten vollgestopft mit Kisten, da der Goldschmied eine weitere Ladung Behältnisse geliefert hatte. »Ich wollte Euch die neuen Armreliquiare zeigen«, log er und bedeutete Laurenz, eine Öllampe vom Tisch mitzubringen. »Andreas meint, in spätestens einer Woche könnt Ihr aufbrechen.«
Er hörte, wie sich der Atem des jungen Mannes beschleunigte. Philippos’ Mundwinkel zuckten, aber er zwang sich, ernst zu bleiben. Nur, wenn Laurenz den Köder von selbst schluckte, würde sich das Geschäft so abwickeln lassen, wie Philippos es sich vorstellte. Sonst würde ihn die Hochzeit seiner Tochter Unsummen kosten – und das konnte und wollte er sich im Moment nicht leisten. Sie begehrte diesen Mann, also würde er dafür sorgen, dass sie ihn bekam. Dass auch ihm ein Vorteil aus dieser Verbindung erwuchs, bereitete ihm keinerlei Gewissensbisse. Immerhin zwang er seine Tochter nicht dazu, einen Mann zu heiraten, den sie verabscheute! »Was sagt Ihr zu diesem Meisterwerk«, fragte er und griff nach einem edelsteinbesetzten, goldenen Arm. »Ist es nicht atemberaubend?«
Kapitel 11
Konstantinopel, Juli 1408
Laurenz streifte das Behältnis lediglich kurz mit den Augen, ehe er geistesabwesend nickte. Was interessierten ihn jetzt diese vermaledeiten Reliquiare? Bemerkte Philippos denn nicht, wie grausam es war, von Vermählung zu sprechen?
»Sehr schön«, murmelte er. Doch seine Gedanken waren nach wie vor bei Olivera. Wenn er sich vorstellte, was sich alles unter ihren – seiner Meinung nach viel zu bauschigen – Röcken verbarg, wurde ihm ganz heiß. Er wüsste nur zu gerne, was für Köstlichkeiten lockten, wenn die störenden Hüllen fielen! Augenblicklich meldete sich seine Männlichkeit wieder zu Wort. Hastig trat er aus dem Lichtkegel der Öllampe und hoffte, dass Philippos das verräterische Zeichen nicht bemerkte. Warum hatte allein der Gedanke an Olivera diese Wirkung auf ihn? Er schluckte ein Stöhnen. An sich hatte er vorgehabt, sie heimlich – hinter dem Rücken ihres Vaters – zu verführen. Allerdings hatte ihre Krankheit ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vier quälend lange Tage hatte er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und wie sehr ihr Anblick, ihre Gegenwart ihm gefehlt hatten, war ihm erst vor einigen Augenblicken richtig bewusst geworden. Als er sie im Nebenraum auf ihrem Stuhl hatte sitzen sehen, war es ihm klar geworden: Er musste sie haben! Ganz egal, wie! Er hob einen der armförmigen Behälter auf und gab vor, ihn zu betrachten. Unterdessen arbeitete sein Verstand fieberhaft. Würden ihn in Tübingen nicht alle um diese Frau beneiden? Sie war schön, gebildet und so ganz anders als die deutschen Mädchen, die ihm im Vergleich zu Olivera spröde und langweilig vorkamen. Gewiss, eigentlich hatte er beabsichtigt, sich mit der Tochter eines Richters oder Ratsherrn zu vermählen. Doch diese begegneten ihm mit Hochmut und Verachtung. Er biss die Zähne aufeinander. Vielleicht würde er mit einer Gemahlin aus der Fremde endlich den Makel des Unterstädters abstreifen können. Er legte den Arm zurück und räusperte sich.
»Um ehrlich zu sein, hie und da habe ich doch schon darüber nachgedacht, mir eine Gemahlin zu suchen«, sagte er – um einen ruhigen Tonfall bemüht. Zu seinem Leidwesen klangen die Worte jedoch viel eifriger, als er beabsichtigt hatte. »Gibt es einen Grund für Eure Frage?«, setzte er hastig hinzu.
Philippos ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Erst nachdem er zwei weitere Behältnisse in Augenschein genommen hatte, erwiderte er: »Es wird Zeit, einen Gemahl für meine Tochter zu finden.« Er nahm die Öllampe auf und steuerte auf den Ausgang zu. »Und als ihr Vater liegt mir ihr Glück am Herzen.«
Laurenz schloss zu ihm auf. »Hat sie …?«, hub er an, verstummte jedoch, da er nicht wusste, wie er die Frage formulieren sollte. Zurück im Kontor stellte der Grieche die Lampe wieder ab und schenkte Laurenz ein Lächeln.
»Euer Glück liegt mir auch am Herzen«, versetzte er mit einem schelmischen Zwinkern. »Denkt nicht, dass mir entgangen ist, wie Ihr Olivera anseht.« Als Laurenz protestieren wollte, schnitt er ihm mit einem Kopfschütteln das Wort ab. »Nein, nein, haltet mich bitte nicht für einfältig oder blind.« Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ihr habt ihr einen Papagei gekauft. Dachtet Ihr, ich wüsste nichts davon?«
Laurenz biss sich auf die Lippe. Es war wirklich vollkommen töricht gewesen, diesen Vogel zu erstehen! Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Andererseits hatte er so das Herz des Mädchens gewonnen. Des Mädchens, das vielleicht bald seine Frau werden würde! Die Vorstellung verursachte einen wahren Aufruhr in seinem Körper.
»Wenn wir uns handelseinig werden«, riss Philippos ihn aus den Gedanken, »dann kann sie schon in wenigen Tagen Euch gehören.«
*
Olivera zuckte zusammen, als sich schwere Tritte näherten. Hastig zog sie das Ohr von der Tür zurück, an der sie gelauscht hatte. Sie machte mit hochrotem Kopf drei Schritte zur Seite und gab vor, etwas vom Boden aufzuheben. Sobald die beiden Träger, die sie aufgeschreckt hatten, an ihr vorbeigestapft waren, huschte sie jedoch zurück zur Tür und horchte weiter.
»… Säcke mit Pfeffer, Safran, Kardamon, Zimt und Muskat«, hörte sie ihren Vater sagen. »Wenn Ihr sie streckt, könnt Ihr die doppelte Menge verkaufen.«
Jemand hustete. Ein Räuspern folgte.
»Wird es nicht Probleme geben wegen des unterschiedlichen Glaubens?«, fragte Laurenz.
Olivera hielt den Atem an. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht! Sicher folgte Laurenz der römischen Lehre!
»Ach«, erwiderte ihr Vater, »ich kenne einen Priester, der Euch dennoch traut. Wen interessiert denn schon wirklich, ob Papst oder Patriarch das Sagen haben? Außer den Pfaffen?« Er lachte.
Doch bevor Olivera noch mehr erfahren konnte, näherte sich zu ihrem Leidwesen erneut jemand, sodass sie ihren Horchposten wieder aufgeben musste. Ein Knabe tauchte in dem Durchgang auf, der hinaus auf die Straße führte, und sah sich verunsichert um. Sein Gesicht war gerötet und die Kappe auf seinem Kopf saß schief. Als er Olivera erblickte, eilte er auf sie zu. Er verneigte sich vor ihr und keuchte: »Meine Mutter schickt mich. Ich soll die Kuria Loukia holen. Die Herrin bekommt ein Kind! Es steckt fest!« In seinen Augen lag Furcht. »Sie schreit ganz furchtbar.« Er griff Olivera beim Arm. »Ihr müsst schnell kommen! Und Ihr sollt …«, er dachte einen Moment lang nach, »Nieswurz mitbringen..«
Die Dringlichkeit seiner Bitte ließ Oliveras Neugier in den Hintergrund treten. Auch wenn sie alles dafür gegeben hätte, das Gespräch im Kontor ihres Vaters weiter zu belauschen, wusste sie, dass das Leben der Schwangeren auf dem Spiel stehen konnte. Daher fasste sie den Jungen bei den Schultern und fragte: »Hat man dir sonst noch etwas aufgetragen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Warte hier«, befahl Olivera. »Ich bin sofort mit meiner Yiayia zurück.« Daraufhin raffte sie ihre Röcke und hastete zur Salbenküche. Dort hantierte ihre Großmutter mit einem großen Kupferkessel. Leise vor sich hin schimpfend versuchte sie, den Topf an einen Haken über der Feuerstelle zu hängen.
»Yiayia«, schnaufte Olivera, bevor ihre Großmutter fragen konnte, wie es ihr ergangen war. »Da ist ein Junge, dessen Mutter nach dir schickt. Es gibt Schwierigkeiten bei einer Geburt. Das Kind steckt fest und sie brauchen Nieswurz!«
Ihre Großmutter stellte den Kessel ab. Sie tupfte sich den Schweiß von der Stirn und angelte nach einem Korb. »Hat er noch etwas gesagt?«, wollte sie wissen.
Olivera verneinte.
»Sicher ist sicher«, murmelte die alte Frau und griff in einen Tontopf, der getrockneten Baldrian enthielt. Diesen packte sie zusammen mit einem Säckchen geriebener Nieswurz- und Wermutblüten und Aloe in den Korb, den sie Olivera in die Hand drückte. »Wir dürfen keine Zeit verlieren«, drängte sie.
Und keine fünf Minuten, nachdem der Knabe die Durchfahrtshalle betreten hatte, waren die beiden Frauen bei ihm.
»Wo wohnt deine Herrin?«, erkundigte sich Oliveras Großmutter. Als der Junge ein Haus ganz in der Nähe nannte, sah sie sich kurz suchend um. Weit und breit war kein Knecht mehr zu sehen. Daher zuckte sie die Schultern. »Das Leben ist wichtiger als die Schicklichkeit. Wir werden wohl auf Begleitung verzichten müssen«, stellte sie ärgerlich, aber trocken fest. » Lauf und zeig uns den Weg«, befahl sie dem Knaben, der augenblicklich auf die Straße rannte.
Die beiden Frauen folgten ihm etwas langsamer – darauf bedacht, die pralle Sonne zu meiden. Eine Dreiviertelmeile weiter südlich kam der Junge vor einem zweistöckigen Haus zum Stehen. Er reckte sich auf die Zehenspitzen und betätigte den Türklopfer, als wollte er ihn abreißen. Die einfach gekleidete Frau, die kurz darauf im Rahmen erschien, folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger mit den Augen und bekreuzigte sich, als sie Olivera und ihre Großmutter erspähte. Sobald auch diese das Gebäude erreicht hatten, sprudelte es aus ihr hervor: »Die Herrin liegt seit Stunden in den Wehen. Die Männer haben alle das Haus verlassen, um ihr Geschrei nicht mit anhören zu müssen.« Sie verscheuchte den Knaben und bat die beiden Frauen in die Eingangshalle. Dort war es angenehm kühl und luftig, und bereits nach wenigen Schritten schlug Olivera der Geruch von Salbei entgegen. Offenbar hatte die Hebamme bereits versucht, die Geburt zu beschleunigen.
Die Magd führte sie ins Obergeschoss, wo in einer kleinen Kammer eine stöhnende Frau auf einem Bett lag. Ihr Unterleib war unbekleidet, ihr Gesicht schweißnass. Langes, schwarzes Haar hing ihr wirr in die Stirn. Eine Hebamme und zwei ihrer Lehrmägde machten sich an der Schwangeren zu schaffen, die in diesem Moment einen ohrenbetäubenden Schrei ausstieß.
»Loukia«, begrüßte die Hebamme Oliveras Großmutter. »Ich habe nach dir schicken lassen. Eine dieser kopflosen Gänse hat vergessen, Nieswurz mitzubringen! Zum Glück ist dein Haus nicht weit entfernt.« Sie warf ihren Mägden einen scharfen Blick zu, woraufhin diese beschämt zu Boden sahen.
»Wie lange quält sie sich schon?«, fragte Oliveras Großmutter. Sie schob eine der Lehrmägde zur Seite und betastete den Bauch der Frau.
»Seit etwas mehr als zwölf Stunden«, erwiderte die Hebamme. »Ich habe ihr bereits ein Bad bereiten lassen, aber es hat nicht geholfen. Wenn das Kind sich nicht bald bewegt, wird es eine Totgeburt.«
Ein weiterer Schrei hallte von den Wänden wider und ließ Olivera schaudern. Es war nicht das erste Mal, dass sie bei einer Geburt zugegen war. Doch jedes Mal entsetzten sie die furchtbaren Schmerzen, welche die Frauen offenbar litten, aufs Neue. Ein Gedanke drängte sich in den Vordergrund ihres Bewusstseins. Würde sie auch bald so auf dem Rücken liegen und sich die Seele aus dem Leib brüllen? Sie schluckte mühsam und beschloss, nicht weiter daran zu denken. Allerdings war dieser Entschluss nicht so leicht in die Tat umzusetzen, da die Schwangere erneut aufschrie.
»Ich habe außer Nieswurz auch etwas Wermut zur Wehenförderung mitgebracht«, informierte Oliveras Yiayia die Hebamme. Sie zog das Beutelchen aus dem Korb hervor und schüttete etwas davon auf ihre Hand. An Olivera gewandt sagte sie: »Lass einen Aufguss aus Baldrian zubereiten. Sobald das Kind da ist, muss sie schlafen. Sonst überlebt sie die nächsten Tage nicht.«
Olivera tat, wie geheißen. Als sie etwas später mit einer Kanne zurückkehrte, hatte die Schwangere aufgehört zu schreien. Stattdessen nieste sie in kurzen Abständen so heftig, dass ihr ganzer Körper geschüttelt wurde. Über zwei Dutzend Nieser zählte Olivera, bis schließlich eine milchige Flüssigkeit an den Schenkeln der Frau entlanglief.
»Es hat gewirkt!«, rief die Hebamme. »Das Niesen hat das Kind in Bewegung gebracht!« Sie beugte sich über die immer noch niesende Schwangere und fühlte ihren Puls. »Es wird nicht mehr lange dauern«, sagte sie zu ihren Mägden. Sie trat an einen Tisch, auf dem mehrere Haken, Scheren, ein kleiner Spiegel und eine Zange lagen. Dann zog sie einen Stuhl in die Mitte des Raumes, den Olivera erst jetzt bemerkte. Seine Lehne war stark geneigt, und seine Sitzfläche hatte ein großes Loch. »Helft ihr in den Gebärstuhl«, trug die Hebamme ihren beiden Helferinnen auf.
Während die Mädchen der Schwangeren auf die Beine halfen, trat die Frau auf Oliveras Großmutter zu und ergriff ihre Hände. »Danke Loukia«, sagte sie. »Ich hätte nicht gedacht, dass das Kind sich so lange nicht vom Fleck rühren könnte.«
Die alte Salbenmacherin nickte. »Wenn du mich noch brauchst, bleibe ich gerne«, erwiderte sie.
Die Hebamme lächelte. »Das wird nicht nötig sein. Für alles, was jetzt geschehen kann, bin ich gerüstet.« Sie warf einen Blick über die Schulter und verfolgte, wie ihre Lehrmägde die Schwangere in dem Stuhl zurechtrückten. »Ich werde dir die Bezahlung schicken lassen.«
»Es eilt nicht«, gab Oliveras Yiayia zurück. »Gott sei mit ihr.«
Mit diesen Worten gab sie Olivera ein Zeichen, den Korb aufzuheben, und verließ kurz darauf mit ihrer Enkelin das Haus. »Ich hoffe, sie ist stark genug«, seufzte sie. »Es wird nicht leicht für sie werden.«
Olivera zog unwillkürlich den Kopf ein. Das, was sie in der Kammer gesehen hatte, machte ihr Angst. Es hatte ihr schon immer Angst gemacht – seit sie das erste Mal Zeugin einer Geburt geworden war. Doch jetzt, da ihre Vermählung mit Laurenz in greifbare Nähe rückte, verwandelte sich ihre Furcht in etwas weitaus Stärkeres. Starb nicht jede dritte Frau am Kindbettfieber? Sie fasste sich unwillkürlich an den Bauch. Bevor ihre Einbildung ihr die schrecklichsten Szenen vorgaukeln konnte, erreichten sie jedoch das Haus ihres Vaters. Mit der Rückkehr dorthin verschwanden die dunklen Wolken der Sorge genauso schnell, wie sie gekommen waren. Und ihre Aufregung vertrieb alle anderen Gedanken. Ob Laurenz und ihr Vater sich einig geworden waren?
Kapitel 12
Konstantinopel, Juli 1408
Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Sobald Olivera und ihre Großmutter den Hof wieder betreten hatten, eilte die osmanische Sklavin Lale auf sie zu.
»Euer Vater wünscht, Euch zu sehen«, ließ das Mädchen Olivera wissen. »Er hat bereits nach Euch suchen lassen.«
Olivera spürte, wie das Blut aus ihren Wangen wich. Plötzlich und völlig unsinnigerweise überkam sie die Befürchtung, dass der Besuch bei der Schwangeren all ihre Träume zunichtemachen könnte. Was, wenn Laurenz ärgerlich war, weil er hatte warten müssen? Sie betastete ihr Haar und steckte sich fahrig einige verirrte Strähnen hinter das Ohr. Und was, wenn er oder ihr Vater es sich anders überlegt hatten? Oder die beiden über der Mitgift in Streit entbrannt waren? Ein Teil von ihr wusste, dass diese Sorgen unbegründet waren. Doch ein anderer Teil fühlte sich an wie ein Kessel, in dem es mächtig brodelte.
»Gib mir das«, sagte ihre Yiayia und griff nach dem Korb. »Geh!«, setzte sie mit einem Lächeln hinzu, als Olivera eine Winzigkeit lang zögerte.
Es war, als wüssten ihre Beine nicht, was zu tun war. Erst, als Lale zur Seite wich, um ihr den Vortritt zu lassen, fiel die Erstarrung von ihr ab und sie setzte sich in Bewegung. Hätte sie daran geglaubt, dass Gott sich auch nur im Entferntesten für ihre Belange interessierte, hätte sie ein Stoßgebet zum Himmel geschickt. Allerdings war sie sich aufgrund des eben erst mit angesehenen Leides der Gebärenden aufs Neue sicher, dass dem Allmächtigen das Los der Frauen vollkommen gleichgültig war. Daher nahm sie all ihren Mut zusammen und rang ihre Unsicherheit nieder. Wenig später klopfte sie das zweite Mal an diesem Tag an die Tür des Kontors.
Als sie über die Schwelle trat, wusste sie vor Aufregung zuerst nicht, wohin sie blicken sollte. Mitten im Raum stand Laurenz – die breiten Schultern gestrafft, das Kinn energisch vorgereckt. Die Kappe, die sonst auf seinem rotblonden Schopf saß, lag neben ihm auf einem Stuhl, von dem er offensichtlich soeben aufgesprungen war. Seine grauen Augen glänzten beinahe fiebrig, und sein Brustkorb hob und senkte sich heftig. Ihr Vater streifte den jungen Mann mit einem erheiterten Blick, ehe er sich seiner Tochter zuwandte.
»Olivera«, begrüßte er sie. Anders als sein junger Gast wirkte Philippos in keinster Weise aufgewühlt – eine Tatsache, die Olivera nicht zu deuten vermochte.
»Baba«, erwiderte sie den Gruß.
Laurenz schenkte sie ein schüchternes Lächeln. Ihr Vater erhob sich und trat hinter seinem Schreibtisch hervor. Als er vor den beiden jungen Leuten angekommen war, ergriff er ihre Hände und legte Oliveras Rechte in Laurenz’ Linke.
»Laurenz hat um deine Hand angehalten«, erklärte er und machte eine bedeutungsvolle Pause. »Die ich ihm hiermit gewähre.«
Laurenz’ Finger schlossen sich fester um Oliveras Hand. Es war, als presse er damit gleichzeitig allen Atem aus ihren Lungen. Schwindelig vor Glück sah sie zu ihm auf. Während sich ein unbeschreibliches Gefühl in ihr ausbreitete, wünschte sie sich, er würde sich zu ihr hinabbeugen und sie küssen. So überwältigend war der Taumel der Gefühle, dass sie die nächsten Worte ihres Vaters kaum hörte.
»Ihr werdet noch in dieser Woche Hochzeit feiern«, wiederholte Philippos und löste die Hände der beiden voneinander. »Pater Antonio wird alles Nötige in die Wege leiten.«
Olivera glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. »Noch diese Woche?«, hauchte sie.
»Ja«, entgegnete ihr Vater mit einem Lächeln. »Dann könnt ihr vor Anbruch des nächsten Monats die Reise antreten.«
Einen Augenblick vermeinte Olivera Bedauern in seiner Stimme mitschwingen zu hören. Doch dann lachte Philippos und wandte sich an Laurenz.
»Was haltet Ihr davon, den Glasmacher noch einmal aufzusuchen?« Er warf seiner Tochter einen kurzen Blick zu. »Jetzt, wo diese Angelegenheit geklärt ist …«
Laurenz nickte. Aber all die Zeit über ließ er Olivera nicht aus den Augen. Es war, als könne er sich nicht an ihr sattsehen. Oliveras Herz hüpfte vor Glück. Auch sie hätte ihn stundenlang einfach nur anstarren und seinen Anblick in sich aufsaugen können, um sich jede Einzelheit seines Gesichtes unauslöschlich einzuprägen. Ihre Fingerkuppen kribbelten, da sie kaum der Versuchung widerstehen konnte, ihn zu berühren. Die Erinnerung daran, wie sich sein Körper beim Besuch des Marktes an den ihren gepresst hatte, raubte ihr beinahe den Verstand. Wie hart und stark er sich angefühlt hatte! Und wie unglaublich es gewesen war, als er ihr ins Ohr geflüstert hatte, dass er sich einen Kuss von ihr wünschte. Sie unterdrückte ein Seufzen. Wenn sie doch nur sofort Mann und Frau werden könnten!
»Wir werden heute Abend ein Festmahl zur Feier Eurer Verlobung abhalten«, unterbrach ihr Vater ihre Gedanken. »Bis dahin verrichtet jeder sein Tagwerk wie gewohnt.«
Die Worte waren an Olivera gerichtet, die zuerst nicht darauf reagierte. Als ihr Vater jedoch ungeduldig die Stirn runzelte, begriff sie, was er meinte. Widerwillig riss sie sich von Laurenz’ Anblick los. Sie nickte den beiden Männern zum Abschied zu. In wenigen Stunden würde sie ihn wiedersehen! Und bald, sehr bald schon würde er niemals wieder von ihrer Seite weichen!
Noch nie war ihr der Weg über den Hof so fremd erschienen. Beinahe war es, als habe das, was im Kontor vorgefallen war, nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre gesamte Wahrnehmung verändert. Der staubige Boden erschien ihr mit einem Mal nicht mehr so schmutzig; das müde Grün der Kräutergärten wirkte frischer und saftiger; und die Hennen, die überall im Dreck scharrten, schienen ihr neugierig nachzusehen und ihr gackernd Glückwünsche hinterherzuschicken. Nicht einmal die Hitze störte sie, sodass sie den Hof direkt überquerte, anstatt den Schatten des Arkadenganges zu suchen. Mit jedem Schritt, den sie tat, verstärkte sich das Hochgefühl in ihr. Am liebsten hätte sie lauthals gesungen, ihre Freude herausgeschrien und jeden umarmt, der ihr entgegenkam. Da dies jedoch vollkommen undenkbar war, lachte sie lediglich in sich hinein und eilte beschwingt zur Salbenküche.
»Yiayia!«, rief sie, kaum dass sie die Tür aufgestoßen hatte. »Ich werde Laurenz’ Frau!«, brach es aus ihr heraus. Sie fiel ihrer Großmutter so stürmisch um den Hals, dass diese eine Platte Bienenwachs fallen ließ. »Wenn du nicht gewesen wärst«, versetzte Olivera atemlos, »dann hätte Baba mich so lange warten lassen, bis ich alt und bucklig bin!« Sie drückte ihre Großmutter an sich.
Diese protestierte mit einem »Vorsicht, Kind!« und befreite sich von ihrer Enkelin. »Du bringst mir alles durcheinander«, schimpfte sie halbherzig. Sie betastete ihr Haar und zupfte sich die Kleidung zurecht. Auf ihren faltigen Zügen hielten Freude und Traurigkeit Widerstreit.
»Endlich darf ich in die weite Welt hinaus!«, frohlockte Olivera. Sie nahm die Hände der alten Frau in die ihren und küsste die Handflächen. »Stell dir nur vor, wie es sein wird, mit ihm in ein anderes Land zu reisen! All die Dinge, die wir unterwegs erleben werden!« Sie strahlte ihre Großmutter an. »Ich kann es kaum erwarten!«
Bevor ihre Yiayia etwas erwidern konnte, fragte Olivera: »Ob wir auf einem der großen Segelschiffe reisen werden? Oder auf einer Galeere? Was denkst du, wie lange die Reise dauern wird?« Sie wippte aufgeregt auf den Fußballen auf und ab.
»Zuerst einmal solltest du dich ein wenig beruhigen«, riet die alte Frau. Sie fasste ihre Enkelin beim Arm und führte sie zu einem Schemel. »Setz dich und atme tief ein und aus«, riet sie. »Dann kannst du mir in allen Einzelheiten erzählen, was im Kontor vorgefallen ist.«
Nachdem Oliveras Aufregung sich etwas gelegt hatte, berichtete sie ihrer Yiayia haarklein, was ihr Vater gesagt hatte. »Muss ich wirklich den Rest des Tages hierbleiben?«, fragte Olivera. Sie sah flehend zu ihrer Großmutter auf. »Ich muss mich doch für das Festmahl zurechtmachen!«
»Das kannst du auch später noch«, erwiderte die alte Griechin. »Aber wenn du Laurenz eine gute Gemahlin sein willst, musst du lernen, dich in Geduld und Gehorsam zu üben.« Sie hob mahnend den Zeigefinger. »Kein Mann schätzt eine ungestüme oder gar widerspenstige Frau.«
Olivera stöhnte innerlich auf. Wo sollte sie nur die übermenschliche Kraft hernehmen, die dafür nötig war? Sie konnte doch nicht so tun, als ob nichts geschehen wäre! Ihre Großmutter zog sich einen zweiten Schemel heran und ließ sich neben ihr nieder.
»Ich weiß, wie du dich fühlst«, sagte sie. »Und ich weiß auch, dass du dir nichts sehnlicher wünschst, als endlich zu bekommen, was du begehrst.« Sie suchte einen Augenblick lang nach Worten. »Aber wir werden tun, was dein Vater befohlen hat.«
Als Olivera etwas erwidern wollte, schmunzelte sie. »Es spricht allerdings nichts dagegen, dass wir uns mit Dingen beschäftigen, die das Ehegemach betreffen«, fügte sie listig hinzu. »Immerhin solltest du wissen, was dich erwartet«, sagte sie etwas ernster. Und für den Bruchteil einer Sekunde kehrte die Angst zurück, die Olivera in der Kammer der Gebärenden überkommen hatte.
Diese verflüchtigte sich jedoch sofort wieder, als ihre Großmutter zurück auf die Beine kam und ein Buch aus einem der Regale nahm. Der in Leder gebundene Band enthielt allerhand Rezepte und Beschreibungen von Heilmitteln, aber auch Zeichnungen der menschlichen Anatomie.
»Du weißt sicher, dass der weibliche Körper kälter, schwächer und poröser ist als der des Mannes.« Es war eine Feststellung, keine Frage.
Olivera nickte.
»Der Mangel an Wärme ist der Grund, warum der weibliche Körper die Nahrung nur bis zur vorletzten Stufe, dem Blut, verkochen kann«, fuhr ihre Yiayia fort. »Der Mann hingegen verkocht die Nahrung bis zur letzten Stufe, dem Samen.« Sie deutete auf die Zeichnung eines Tropfens, in dem eine Gestalt kauerte. »In diesem Samen ist ein winziger Mensch, ein Homunculus, der in der Gebärmutter der Frau ausgebrütet wird«, erklärte die alte Frau weiter. »Wenn dein Gemahl in der Hochzeitsnacht – und auch später – bei dir liegt, wird er den Samen in dich einbringen.« Sie hielt inne und sah Olivera an. »Verstehst du, was ich meine?«
Obgleich Olivera sich nicht ganz sicher war, bejahte sie. Immerhin hatte sie in Trotulas De passionibus mulierum schon oft genug Zeichnungen des männlichen Geschlechtsorganes gesehen, um sich auszumalen, was ihre Yiayia meinte.
»Manchmal wollen Frauen die Empfängnis beschleunigen«, sagte die Salbenmacherin. »Aber manchmal wollen sie eine Empfängnis auch verhüten.«
Etwas in ihrer Stimme ließ Olivera aufblicken. Doch das Gesicht ihrer Großmutter verriet keine Gemütsregung.
»Zur besseren Empfängnis zerstößt man getrocknete Eberhoden und trinkt diese, in Wein aufgelöst, nach der monatlichen Blutung. Zum Verhindern der Empfängnis muss man dafür sorgen, dass die Gebärmutter zu feucht und zu warm ist. Dann kann sich der Samen nicht einnisten.«
Sie hielt einen Moment lang inne und blätterte in dem Buch.
»Lammfleisch, Gans und Ziege sind warme und feuchte Nahrungsmittel. Wenn man jedoch sichergehen will, sollte man ein in Essig getränktes Schwämmchen einführen, bevor man mit seinem Gemahl liegt. Das kann allerdings sehr schmerzhaft sein.«
Ihre Fingerkuppe wanderte zu einem Rezept.
»Besser ist, man braut einen Trank aus diesen Zutaten und spült den Samen nach dem Verkehr mit dem Mann heraus.« Sie sah von dem Folianten auf. »Alles andere, wie das Herumtragen oder Lutschen an bestimmten Steinen, ist nichts als barer Aberglaube.«
Olivera starrte eine Zeit lang schweigend auf die Seiten des Buches. Dann hob sie den Blick. Ihre Großmutter schien die Frage darin lesen zu können.
»Jede Frau greift zu solchen Mitteln. Dafür kommen sie zu uns Salbenmachern. Es ist nichts, wofür sie sich schämen müssen. Aber es ist auch nichts, was ihre Ehemänner jemals erfahren dürfen.«
Was sie damit meinte, war klar. Sie schloss das Buch, erhob sich und zog einige weitere Bände aus dem Regal. Diese enthielten weitere Rezepte, Anleitungen zur Herstellung von Pessaren und Räucherungen sowie zahllose Zeichnungen von Frauen vor, während und nach der Niederkunft.
Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug. Und schneller, als Olivera gedacht hatte, neigte sich der Tag dem Ende. Um die siebente Stunde war es endlich so weit. Nachdem sie ihrer Großmutter beim Aufräumen geholfen hatte, eilte sie voller Vorfreude und Unruhe in ihre Kammer. Dort streifte sie die Röcke ab und wusch sich mit kaltem Wasser, in das sie etwas Rosenöl träufelte. Für ein Bad war zu ihrem Leidwesen nicht mehr genug Zeit. Dann wählte sie eines der Kleider aus, die ihr Onkel ihr geschenkt hatte, und schlüpfte hinein. Dieses war aus einem schillernden blauen Stoff gewoben. Kleine silberne Sterne waren in den Kragen eingestickt, und den Gürtel zierte eine Spange in Form eines Sichelmondes. Lale bürstete ihr Haar, flocht es und steckte es in Schlaufen an ihrem Hinterkopf auf. Sobald die letzte Klammer befestigt war, warf Olivera sich einen Seidenschleier übers Haar. Sie kniff sich in die Wangen, um diese zu röten, und betonte die Kontur ihrer Augen mit einem Kohlestift. Nach einem letzten Blick in den Spiegel reckte sie das Kinn und trat zurück, hinaus in den heißen Sommerabend. Der Papagei, dem sie immer noch keinen Namen gegeben hatte, schickte ihr ein schrilles Kreischen hinterher. Ihre Yiayia wartete bereits am anderen Ende des Ganges auf sie. Während sie versuchte, das Summen und Brummen tief in ihrem Inneren unter Kontrolle zu bringen, fragte sie sich, ob sie überhaupt dazu imstande sein würde, etwas zu essen.
Kapitel 13
Konstantinopel, Juli 1408
Die Männer waren bereits um die Tafel versammelt, die Speisen aufgetragen, als Olivera und ihre Großmutter die Stube betraten. Verlockende Düfte hingen in der Luft. Aber es war der Anblick ihres Bräutigams, der dazu führte, dass Oliveras Magen sich zusammenzog. Es war beinahe beängstigend, was für Auswirkungen seine Gegenwart auf sie hatte, dachte die junge Frau. Noch niemals zuvor hatte jemand jede Faser in ihr zum Schwingen gebracht und dafür gesorgt, dass ihre Gefühle wild durcheinandertanzten. Sie zwang sich, ihn nicht anzustarren, und ließ den Blick über die übrigen Gäste wandern. Außer Laurenz, ihrem Vater und ihrem Bruder Markos waren der Goldschmied, ein weiterer Mann und ein Priester anwesend. Diesen erkannte Olivera nicht nur an dem gewaltigen goldenen Kruzifix, das von seinem Hals baumelte; sie erinnerte sich außerdem daran, ihn schon öfter im Haus ihres Vaters gesehen zu haben. Als er das erste Mal mit dem Hausherrn in der Badestube der Männer verschwunden war, hatte sie ihre Großmutter nach ihm gefragt. Damals hatte ihre Yiayia eine wenig schmeichelhafte Bemerkung gemacht. Und auch jetzt bedachte sie den Mann mit einem Blick, der ein zarteres Gemüt hätte verwelken lassen. Ohne Zweifel konnte sie ihn nicht ausstehen. Dem Priester schien die offensichtliche Abneigung der alten Frau jedoch nicht das Geringste auszumachen, da er die Frauen mit einem strahlenden Lächeln begrüßte.
»Die Braut«, stellte er überflüssigerweise fest. Er malte ein Kreuzzeichen in die Luft, als Olivera den Kopf vor ihm neigte. »Gott segne dich, mein Kind«, sagte er.
Olivera spürte die Blicke aller Anwesenden auf sich, als sie auf dem Stuhl Platz nahm, den ihr Vater ihr anwies. Anders als beim letzten Mal saß Laurenz ihr heute nicht gegenüber, sondern befand sich direkt neben ihr. Seine Nähe war so überwältigend, dass Olivera Schwierigkeiten hatte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er sie in seinen Bann zog. Wie gut er roch! Der Duft von Seife, Leder und Wärme ging von ihm aus und stach ihr in die Nase. Ein seltsames Gefühl breitete sich von ihrer Körpermitte her aus, ließ ihre Haut prickeln und die feinen Härchen auf ihren Armen zu Berge stehen.
»Dir sei, o Gott, für Speis und Trank, für alles Gute, Lob und Dank«, drang die Stimme des Priesters zu ihr vor. Froh darüber, ihre Gedanken auf etwas anderes richten zu können, faltete sie die Hände zum Gebet.
»Du gabst, du willst auch künftig geben«, fuhr der Priester fort, »Dich preise unser ganzes Leben. Amen.«
»Amen«, wiederholten die um den Tisch Versammelten.
Als Olivera die Hände wieder sinken ließ, streifte Laurenz ihren Arm. Etwas, das sich anfühlte wie ein Blitz aus heiterem Himmel, fuhr ihr bis ins Mark. Sie zuckte zurück, als habe sie sich an ihm verbrannt. Doch gleichzeitig wünschte sie sich, er würde sie noch einmal berühren. Hitze übergoss sie, und plötzlich erschien ihr der Raum viel zu warm. Ihr Gesicht brannte, aber zu ihrer grenzenlosen Erleichterung bemerkte niemand, was in ihr vorging. Die Männer waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Teller mit Köstlichkeiten zu füllen. Und ihre Yiayia musterte immer noch den Priester, als fürchte sie, er wolle das kostbare Geschirr stehlen. Während die anderen ihre Teller mit Rosmarinhase, gefüllter Wildente, gegrillten Wachteln und mariniertem Fasan beluden, starrte Olivera lediglich auf den funkelnden Rotwein in ihrem Trinkkelch.
*
Das Festmahl stellte Laurenz auf eine harte Probe. Einerseits war er seit einigen Stunden der glücklichste Mann auf Erden; andererseits war Oliveras Gegenwart die reinste Folter. Wusste sie denn nicht, wie grausam es war, ein solches Kleid zu tragen? Am liebsten hätte er die anderen aus dem Raum gezaubert, um mit ihr allein zu sein. Um endlich ihren köstlichen Mund zu küssen und all die Dinge zu tun, von denen er seit dem Besuch des Marktes träumte. Er fluchte innerlich, da diese Gedanken die allzu bekannten Folgen hatten. Eine Zeit lang versuchte er, sich auf das Essen zu konzentrieren. Aber sie zog ihn an wie das Licht die Motten. Es dauerte nicht lange, bis er ihr erneut verstohlene Seitenblicke zuwarf. Ihre Haut hatte den Ton heller Haselnüsse, und er fragte sich, ob sich ihre Wangen so seidig anfühlten, wie sie aussahen. Das dunkle Haar schimmerte bläulich. Wie es wohl sein würde, diese Flut zu befreien und die Hände darin zu vergraben? Als sie irgendwann den Kopf wandte, um nach einem Teigfladen mit Sesam zu greifen, sah er, dass ihre Unterlippe leicht zitterte. Offensichtlich hatte auch sie Mühe, ihre Empfindungen im Zaum zu halten! Er biss hastig in ein Stück Fleisch, um die Bilder zu vertreiben, die sich unvermittelt in seinen Kopf stahlen. Wenn er den Ausdruck in ihren Augen richtig gedeutet hatte, begehrte sie ihn genauso wie er sie. Die Bilder wurden deutlicher – so deutlich, dass ihn Philippos’ Frage schuldbewusst zusammenfahren ließ.
»Wolltest du deiner Braut nicht etwas überreichen?«, fragte der Grieche, nachdem der Nachtisch hereingebracht worden war. Jetzt, wo Laurenz sein zukünftiger Schwiegersohn war, schien die vertrautere Anrede passender. Er deutete mit dem Kinn auf den Goldschmied, den sie am Nachmittag – nach dem Glaser – noch aufgesucht hatten.
»Ja«, krächzte Laurenz. Er räusperte sich verlegen und griff in die Tasche seiner Schecke. Fahrig zog er ein kleines Holzkästchen hervor und befreite ungeschickt einen mit einem Saphir geschmückten Goldreif daraus.
Einige Augenblicke lang drehte er ihn hin und her, dann wandte er sich an Olivera. »Zum … Zum Zeichen meiner Liebe überreiche ich dir diesen Ring«, stammelte er. Die Worte klangen peinlich platt in seinen Ohren. Aber etwas anderes fiel ihm nicht ein. »Gib mir deine Hand«, setzte er verlegen hinzu, als die junge Frau ihn lediglich mit großen Augen ansah. Da sie nicht sofort reagierte, griff er zögernd nach ihrer Rechten. Ungeschickt steckte er ihr den Ring an den Finger und erschrak darüber, wie zerbrechlich und zart dieser sich anfühlte. Es kostete ihn einige Selbstbeherrschung, ihre Hand nicht an die Lippen zu führen, um herauszufinden, ob sie genauso gut schmeckte, wie sie duftete. Wenn es doch nur möglich wäre, mit ihr aus der Stube zu fliehen!
»Wo soll die Hochzeit stattfinden?«, zerstörte die Großmutter seiner Braut den Zauber des Momentes. »Und warum ist er hier?« Sie warf dem Kirchenmann einen giftigen Blick zu. »Wo ist Erzpriester Sergios?«
Laurenz ließ widerwillig Oliveras Hand wieder los und sah von Philippos zu der alten Frau.
»Das ist keine Angelegenheit, in die du dich einmischen solltest, Loukia«, erwiderte der Herr des Hauses kühl. »Pater Antonio kann die beiden genauso gut vermählen wie Sergios.«
Oliveras Großmutter zog hörbar die Luft ein. »Aber er ist ein …«
»Das tut in diesem Fall nichts zur Sache«, fiel Philippos ihr ins Wort. »Eine Ehe vor Gott ist eine Ehe vor Gott. Gleichgültig, wer den Bund schließt!« Sein Tonfall war scharf. »Wir glauben alle an denselben Gott, was stört uns der Zwist zwischen Papst und Patriarch?«
Die alte Frau schüttelte den Kopf und murmelte: »Das Sakrament der Ehe ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen darf.« Sie funkelte Philippos einige Atemzüge lang an, dann schlug sie den Blick nieder und stocherte in ihrem Essen.
»Ich möchte nicht mit dir darüber streiten«, lenkte der Gastgeber ein. »Erzpriester Sergios hat der Verbindung seinen Segen gegeben.«
Irgendetwas sagte Laurenz, dass dies eine Lüge war. Allerdings brachte die Behauptung die alte Frau zum Schweigen. Dennoch trübte die Auseinandersetzung die Stimmung. Und als sich die Damen eine Stunde später verabschiedeten, wünschte Laurenz die Alte zum Teufel. Warum hatte sie nicht einfach schweigen und ihn Oliveras Nähe in vollen Zügen genießen lassen können? Wieso hatte sie an solch einem wundervollen Tag Missstimmung verbreiten müssen?
»Mir scheint, der Abend ist nicht ganz so verlaufen, wie du es dir gewünscht hast«, bemerkte sein zukünftiger Schwiegervater trocken, sobald die Männer alleine waren. Er winkte eine der Mägde zu sich und ließ sich den Weinkelch ein weiteres Mal füllen. Dann raunte er ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie leicht errötete und aus der Stube verschwand. »Was hältst du von einer kleinen Überraschung zur Feier des Tages?«
Laurenz wusste nicht, was er antworten sollte. »Hm«, brummte er deshalb unentschlossen.
Philippos grinste, leerte seinen Kelch in einem Zug und zwinkerte Pater Antonio zu. »Wie sieht es mit Euch aus? Kann ich Euch überreden?«
Der Priester verzog das Gesicht zu einer Miene, die Laurenz nicht besonders gefiel. »Wenn Ihr damit nicht den Preis für die Eheschließung herunterhandeln wollt«, erwiderte der Kirchenmann.
Philippos winkte ab. »Aber nicht doch! Was denkt Ihr von mir? Seht es als ein Zeichen meiner Dankbarkeit und Gastfreundschaft.« Er lachte dröhnend.
Laurenz legte die Stirn in Falten. Wovon redeten die Männer? Scheinbar erheiterte sein verdutztes Gesicht die beiden. Auch die übrigen Anwesenden fielen in das Lachen mit ein.
»Komm mit, dann siehst du, was ich meine«, forderte Philippos ihn auf, nachdem auch Laurenz den letzten Schluck Wein genommen hatte. Der Grieche schob seinen Stuhl zurück.
Gegen seinen Willen neugierig, tat Laurenz es ihm gleich und folgte den anderen hinaus in den lauen Abend. Ohne Eile schlenderten sie den überdachten Gang entlang, die Treppen hinab in den Hof und steuerten auf ein Gebäude hinter dem Kontor zu. Dampfschwaden empfingen sie, als sie die Tür des kleinen Raumes öffneten. Die Magd hatte ein Feuer geschürt und war dabei, in einem Kessel Wasser zu erhitzen. Neben einem halb offenen Schwitzraum mit heißen Steinen befanden sich ein Kaltwasserbecken und ein riesiger hölzerner Zuber. Aber es waren weder das Becken noch der Zuber, die Laurenz’ Blick anzogen. Sondern vier junge Frauen, die durch einen Nebeneingang die Badestube betraten. Ohne viele Worte begannen sie sich zu entkleiden und stiegen splitternackt in den Bottich.
»Ich sehe, die Überraschung ist gelungen«, prustete Philippos. Er drosch Laurenz freundschaftlich auf den Rücken. »Worauf wartest du, zieh dich aus!« Mit diesen Worten befreite er selbst sich von seiner Kleidung und gesellte sich zu den Mädchen.
Kapitel 14
Konstantinopel, Ende Juli 1408
Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Schneller, als Olivera es für möglich gehalten hatte, kam der große Moment heran. An einem strahlend schönen Sonntag gaben sie und Laurenz sich in einer kleinen Kapelle im venezianischen Viertel von Konstantinopel das Jawort. Nicht einmal drei Dutzend Gäste waren zugegen. Und auch das anschließende Festmahl fand im kleinen Kreis statt. Ihre Yiayia hatte sich zuerst geweigert, die römische Kirche zu betreten. Doch Oliveras Bitten hatten sie schließlich umgestimmt. Jetzt saß die junge Frau wie auf Kohlen, da der Augenblick, die Ehe zu vollziehen, nahte. Obwohl sie kaum etwas gegessen hatte, verspürte sie einen Druck im Magen. Dieser, so vermutete sie, hatte jedoch nichts mit den schweren Speisen zu tun. Sondern viel mehr damit, dass noch in dieser Nacht all das wahr werden würde, wovon sie so lange geträumt hatte. Unruhig rutschte sie auf dem Schemel hin und her, auf den ihre Großmutter sie gedrückt hatte.
»Au«, protestierte sie, als die alte Frau einen Knoten in ihrem Haar löste.
»Halt still«, war die ungerührte Antwort. »Du willst doch gewiss schön sein wie eine Rose, wenn dein Gemahl an deine Tür klopft«, versetzte ihre Yiayia.
Und das wollte Olivera! Daher biss sie die Zähne aufeinander und ertrug die Tortur ohne weitere Klagen. Immerhin war alles Ziehen und Reißen nicht einmal in Ansätzen vergleichbar mit den Schmerzen, welche die Enthaarung am Vortag mit sich gebracht hatte. Nachdem ihr Schopf gekämmt war, streute ihre Yiayia ein Pulver aus Nelken, Galgantwurzel und Muskat in ihr Haar und massierte es in ihre Kopfhaut ein. Dann legte sie die Strähnen zu einer einfachen Schlaufe und half der jungen Frau aus dem Hochzeitskleid. Nur noch mit einem elfenbeinfarbenen Untergewand bekleidet, fühlte Olivera sich seltsam schutzlos. Der Duft von Rosen- und Veilchenöl stieg ihr in die Nase, und sie gab der Versuchung nach, mit den Fingerkuppen über ihre glatte Haut zu streichen. Kein einziges Härchen verunzierte ihre makellosen Beine, die Lale am Morgen mit einem Duftöl eingerieben hatte.
Ihre Großmutter betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf.
»Schön wie der Vollmond«, murmelte sie. »Allerdings kann ein wenig Farbe nicht schaden.« Sie griff nach einem kleinen Tiegel, in dem gestoßene Ölbaumwurzel mit Talg vermischt worden war. Diese Masse hatte einen grellroten Ton, der an die Farbe von Ochsenblut erinnerte. Etwas Minze sorgte dafür, dass das Gemisch einen angenehmen Geschmack bekam, der Olivera augenblicklich auf den Lippen prickelte. Nachdem ihre Yiayia noch ihre Augen mit Kohlestift umrahmt und die Wimpern mit einem heißen Eisen gebogen hatte, schien sie schließlich zufrieden.
»Auch wenn ich wünschte, du hättest dein Herz einem Griechen geschenkt«, sagte sie leise, »werde ich für euer Glück beten.« Sie drückte Olivera einen Kuss auf die Stirn. »Gott steht all denjenigen bei, die reinen Herzens sind. Vergiss das nie.« Sie packte ihre Sachen zusammen, warf ihrer Enkelin einen letzten Blick zu und verließ schließlich die Kammer, die den frisch Vermählten zugewiesen worden war.
Alles war fremd für Olivera. Daher kam sie sich einsam und verlassen vor, als sie plötzlich ganz alleine war in dem prachtvoll geschmückten Raum. Sie sah sich suchend um. Nicht einmal ein Spiegel war vorhanden, in dem sie ihre Erscheinung hätte überprüfen können. Außer einem Bett mit einem ausladenden Baldachin befanden sich zwei Zedernholztruhen, ein Schemel und ein kleines Tischchen in der Kammer. Drei der vier Wände zierten Wandteppiche, auf denen fremdländisch anmutende Szenen dargestellt waren. Eine der Knüpfarbeiten zeigte eine Schar bunt gefiederter Vögel in einem Prunkgarten. Olivera trat an den Teppich heran und zeichnete versonnen die Umrisse eines Pfaus mit den Fingern nach. Bevor sie die anderen Tiere genauer in Augenschein nehmen konnte, erklang jedoch ein Klopfen an der Tür.
Ohne Vorwarnung zog sich ihr Magen so heftig zusammen, dass sie aufkeuchte und die Hand fallen ließ, als habe sie sich an dem Teppich verbrannt. Während ihr Herz davonraste, biss sie sich unsicher auf die Lippe und starrte wortlos auf die Tür. Diese öffnete sich langsam, beinahe zögernd und Laurenz erschien auf der Schwelle. Auch er war – wie bereits bei der Trauung – für sie herausgeputzt. Allerdings trug er, im Gegensatz zu ihr, noch all seine Kleider. Seine Augen weiteten sich, als er sie sah. Und einen Moment lang überkam sie die schreckliche Angst, dass sie ihm nicht gefallen könnte; dass alles, was sie unternommen hatte, um schön zu sein für ihn, das Gegenteil bewirkt haben könnte. Die Furcht war so gewaltig, dass sie ihr den Atem raubte. Während sie wie festgenagelt auf der Stelle verharrte, bohrte Laurenz’ Blick sich in den ihren. Anstatt eines Grußes kam lediglich ein unverständlicher Laut über seine Lippen, und es dauerte einige Momente, bevor sie begriff. Er war genauso aufgeregt wie sie! Die Furcht, die eben noch gedroht hatte, sie zu lähmen, fiel wie ein Schuppenkleid von ihr ab. Erleichterung durchflutete ihren Körper. Gebannt verfolgte sie, wie er die Tür hinter sich ins Schloss drückte und einen Moment lang unschlüssig auf der Stelle verharrte. Schließlich räusperte er sich.
»Jetzt bekomme ich endlich den Kuss, den du mir noch schuldest«, sagte er mit belegter Stimme.
Olivera spürte das Blut in ihre Wangen schießen. Aber aller Verdruss darüber löste sich in Luft auf, als Laurenz auf sie zutrat und auf sie hinabblickte. Einige schwere Atemzüge lang wirkte es, als wüsste er nicht, was zu tun war. Doch dann fasste er sie bei den Schultern, beugte sich zu ihr hinab und streifte ihre Lippen zart mit den seinen. Das Gefühl, das Olivera bei der Berührung übergoss, war unbeschreiblich. Heiße und kalte Schauer jagten im Wechsel ihren Rücken hinab. Sobald er die Hand in ihren Nacken legte und ihren Mund energischer mit dem seinen verschloss, trat alles um sie herum in den Hintergrund. Ohne nachzudenken, reckte sie sich ihm entgegen. Hungrig erwiderte sie seinen Kuss, öffnete die Lippen, und schon bald vollführten ihre Zungen einen wilden Tanz.
Olivera spürte die Hitze seines Körpers, als er sich an sie presste. Trotz der Wärme, die von ihm ausging, schienen seine Arme, sein Brustkorb, einfach alles an ihm wie aus Stein gemeißelt. Seine Umarmung war ein Wall, der sie vor allen Gefahren der Welt beschützen konnte. Als ihre Lippen sich erneut berührten, gingen seine Hände auf Wanderschaft. Langsam, beinahe vorsichtig, glitt seine Linke an ihrer Vorderseite hinab, bis sie schließlich ihre Brüste fand. Sanft liebkoste er sie und sorgte dafür, dass sie vor Wonne den Kopf in den Nacken legte.
»Du bist wunderschön«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Er raubte ihr mit einem weiteren Kuss die Sinne, ehe er sich von ihr löste und sie auf das Bett zuzog. Dort angekommen, betrachtete er sie einen Wimpernschlag lang beinahe andächtig. Dann begann er, die Schnürung ihres Untergewandes zu lösen. Jedes Mal, wenn seine Fingerkuppen dabei ihre Brust streiften, durchrieselte Olivera ein weiterer Schauer. Es dauerte nicht lange, bis der störende Stoff zu Boden fiel. Ein winziger Moment der Scham ließ Olivera schützend die Hände vor ihre geheimste Stelle senken. Doch als auch Laurenz begann, sich zu entkleiden, loderte eine Erkenntnis in ihr empor: Sie wollte, dass er sie dort berührte! Sie wollte ihn spüren, riechen, schmecken und für immer eins mit ihm werden! Die Muskeln in seinem Rücken spielten, als er sich hastig Schuhe, Beinlinge und Bruch – eine weite Unterhose – abstreifte. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Raubkatze. Ein Prickeln kroch über Oliveras Kopfhaut, und ein seltsames Pochen breitete sich zwischen ihren Beinen aus. Als er sich schließlich zu ihr umwandte, wich sie beim Anblick seiner Erregung allerdings erschrocken einen Schritt zurück.
»Keine Angst«, sagte Laurenz heiser. »Ich werde dir nicht wehtun.«
Ohne jegliche Scheu trat er wieder auf sie zu. Und dieses Mal war der Kuss wilder, hungriger als die Küsse zuvor. Eng umschlungen taumelten sie einen Schritt zurück und fielen in einem Durcheinander aus Gliedmaßen auf die weiche Matratze. Sein Mund löste sich von dem ihren, suchte ihre Brüste, ihren Bauch und schließlich wieder ihre Lippen. Während Olivera sich dem Taumel der Empfindungen hingab, stahl sich seine Hand an ihrer Vorderseite entlang zwischen ihre Beine. Als er sie schließlich dort berührte, wo sie noch niemals zuvor jemand berührt hatte, vermeinte sie, vor Lust vergehen zu müssen. All ihre Sinne schienen plötzlich auf diese eine Stelle ihres Körpers konzentriert. Nichts existierte mehr außer dem Strudel der Begierde, der sie unaufhaltsam mit sich zog. Als Laurenz schließlich weiterforschte, stieß sie einen leisen Schrei aus.
»Oh, mein Gott«, hauchte sie.
Auch Laurenz’ Atem kam inzwischen stoßweise, und plötzlich zog er die Hand zurück. »Warum hörst du auf?«, fragte Olivera verdutzt. Doch anstatt einer Antwort stemmte er die Ellenbogen neben ihr in die Kissen und senkte sich auf sie. Sobald er in sie eindrang, durchzuckte sie ein stechender Schmerz, der sie erschrocken die Luft einziehen ließ. Allerdings ebbte dieser nach kurzer Zeit ab und die Wonne kehrte zurück. Mit jeder Bewegung steigerte sich der Rausch weiter und weiter, bis schließlich etwas in Olivera zu zerschmelzen schien. Während Laurenz’ Bewegungen immer schneller wurden, ließ sie sich fallen und von vollkommener Glückseligkeit davontragen. Als Laurenz schließlich mit einem Stöhnen auf ihr zusammenbrach, hämmerte ihr Herz wild gegen ihre Rippen. Sein Puls raste ebenfalls und seine Haut war schweißnass. Obschon das überwältigende Gefühl in ihr allmählich abklang, war Olivera immer noch wie benommen.
Eine Weile lagen sie schweigend aneinandergeschmiegt da, lauschten auf den Atem des anderen. Schließlich drehte Laurenz sich auf den Rücken und zog Oliveras Kopf auf seine Brust.
»Jetzt hast du deine Schulden bezahlt«, scherzte er.
Olivera schloss die Augen. Sie sog gierig den Duft ein, der von ihm ausging. Er schlang den Arm um sie und strich ihr zärtlich über den Rücken.
»Weißt du«, sagte er irgendwann, »ich hätte nie gedacht, dass ich eine Gemahlin von dieser Reise mit nach Hause bringen würde.«
Olivera lachte. »Und ich hätte nicht gedacht, dass mich mein Vater noch dieses Jahr vermählt«, erwiderte sie.
Laurenz zog sie näher an sich, um ihr Haar zu küssen. »Das Schicksal eröffnet manchmal seltsame Wege«, orakelte er.
Olivera verkniff sich ein Grinsen. Wenn er wüsste, wie wenig das Schicksal mit ihrer Hochzeit zu tun hatte! Erfüllt und erschöpft zugleich legte sie ein Bein über seine Mitte und wünschte sich, sie könnten für immer so verweilen. Allerdings wusste sie, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde. Denn in drei Tagen würde sie mit ihrem Gemahl in dessen ferne Heimat aufbrechen. Was sie dort wohl erwarten würde? Sie ignorierte das leise Aufkeimen der Bangigkeit. Mit Laurenz an ihrer Seite konnte ihr keine Unbill der Welt etwas anhaben!
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