Kitabı oku: «Die Salbenmacherin und der Fluch des Teufels»
Silvia Stolzenburg
Die Salbenmacherin und der Fluch des Teufels
Historischer Roman

Zum Buch
Der Teufel in Nürnberg Seit der Entführung von Oliveras Sohn sind zweieinhalb Jahre vergangen. Es hat den Anschein, als würde Normalität in ihr Leben einkehren, bis eines Morgens ein Ratsherr um ihren Beistand bittet. Seine Tochter leidet an einer rätselhaften Krankheit, die selbst den Medicus ratlos macht. Olivera verspricht Hilfe, doch auch sie kann das Leid des Mädchens nicht lindern. Bald erkranken weitere Nürnberger, und es dauert nicht lange, bis das Gerücht entsteht, der Teufel hätte die Kranken verflucht. Als wäre das nicht genug, tauchen die Leichen der Männer auf, die Oliveras Bruder ermordet hat. Zu ihrem Entsetzen soll sie bei der Leichenschau helfen, bei der die Toten erkannt werden. Kann sie den Verdacht von sich ablenken oder drohen ihr und ihrem Gemahl das Lochgefängnis und die Hinrichtung? Die Ereignisse überschlagen sich und zwingen Olivera zu einer folgenschweren Entscheidung.
Dr. phil. Silvia Stolzenburg studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Tübingen. Im Jahr 2006 promovierte sie dort über zeitgenössische Bestseller. Kurz darauf machte sie sich an die Arbeit an ihrem ersten historischen Roman. Sie ist hauptberufliche Autorin und lebt mit ihrem Mann auf der Schwäbischen Alb, fährt leidenschaftlich Rennrad, gräbt in Museen und Archiven oder kraxelt auf steilen Burgfelsen herum - immer in der Hoffnung, etwas Spannendes zu entdecken.
Impressum
Dieses Buch wurde vermittelt durch die
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Daniel Abt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Bilder von: © Alex Shadrin / stock.adobe.com und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuernberg-1650- Merian.jpg
ISBN 978-3-8392-6908-4
Widmung
Für Horschi – zu wenig, zu kurz. Du fehlst.
Kapitel 1
Vor den Toren von Nürnberg, September 1412
Die Sonne schien aus einem makellos blauen Himmel, den nur ein dünner Schleier im Osten trübte. Am Horizont jagten sich ein paar vorwitzige Vögel, als ob der Herbst noch in weiter Ferne läge. Das Laub der Bäume am Ufer der Pegnitz färbte sich in diesem Jahr nur langsam bunt, doch das schöne Wetter konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sommer vorbei war. Zwischen den Grashalmen am Wegesrand spannten sich Spinnennetze, die taunass glitzerten. Der schwere Geruch von feuchter Erde stach Jona in die Nase, als er sich mit Cristin der Hallerwiese vor den Toren der Stadt näherte.
»Warum willst du ausgerechnet hier suchen?«, fragte das Mädchen und sah mit großen Augen zu ihm auf. Sie hatte Mühe, mit Jona Schritt zu halten. Ihre wilden dunklen Locken tanzten um ein vor Anstrengung gerötetes Gesicht. »Vor dem Wöhrder Türlein wächst viel mehr Schafgarbe.«
Jona schüttelte ungehalten den Kopf. »Wenn du lieber zurück nach Hause gehen willst …«
»Nein!« Cristins Wangen färbten sich noch röter. »Ich bin doch kein Kind mehr!«
Jona verkniff sich ein Lachen. Sie war beinahe zehn Jahre alt und benahm sich seit geraumer Zeit seltsam, vor allem in seiner Gegenwart. Er mochte sie wie eine kleine Schwester, allerdings fürchtete er, dass sie in ihm mehr sah als den großen Bruder. Seit seine Stimme tiefer und seine Schultern breiter geworden waren, klebte sie bei jeder Gelegenheit an seinen Fersen. Er fragte sich, wann Götz bemerken würde, was vor sich ging. Allein die Vorstellung bereitete ihm Unbehagen. Er schob den Gedanken hastig beiseite und sah sich um. Etwa eine halbe Meile vor ihnen hob sich etwas vom Blau des Himmels und dem Braun der Stoppelfelder ab, bei dem es sich um das verfallene Gehöft handeln musste. Der Hof des Alten Endris, dachte er und zog die Schultern hoch, weil es ihn plötzlich fröstelte. Seit der Entführung von Oliveras Sohn Lukas vor zweieinhalb Jahren war im Haus des Stadtapothecarius nie mehr von jener Nacht gesprochen worden, in der auch Mathes, der Knecht, fast sein Leben verloren hätte. Mit gemischten Gefühlen erinnerte Jona sich an alles, was damals vorgefallen war. Wäre er nicht neulich durch Zufall Zeuge eines Gesprächs auf dem Grünen Markt geworden, hätte er dasselbe getan, was die ganze Stadt zu tun schien: den Adepten Alphonsius und seine betrügerischen Helfer vergessen.
»Was, glaubst du, geschieht mit dem Hof?«, hatte ein Knecht eine Frau mit einem Handkarren gefragt, während Jona in der Schlange hinter ihnen gewartet hatte, bis er beim Metzger an der Reihe war.
»Mit welchem Hof?«
»Mit dem des Alten Endris. Wenn die neue Straße gebaut wird, ist der doch mitten im Weg.«
Die Frau hatte mit den Schultern gezuckt. »Dann wird man ihn dem Erdboden gleichmachen. Was geht’s mich an?«
Zuerst hatte Jona sich nicht für das Gerede interessiert, doch auf dem Weg zurück zum Haus in der Burgstraße war ihm der halb verkohlte Zettel eingefallen, den er kurz nach Lukas’ Rettung im Kamin gefunden hatte. …tore zum Hof des Alten E… Mehr hatte er nicht entziffern können. Der Rest des Papiers war verbrannt. Obwohl er vermutet hatte, dass es sich um eine Nachricht des Entführers handelte, hatte er dem Fund keine weitere Beachtung geschenkt, da Lukas wohlauf und der Täter über alle Berge war. Erst einige Zeit später war ihm klar geworden, dass etwas mit der Nachricht nicht stimmte. Waren Lukas und die Amme nicht in einer Kate innerhalb der Stadtmauern gefangen gehalten worden? Je länger er darüber nachgedacht hatte, desto heftiger hatte ihn die Neugier geplagt. Deshalb hatte er beschlossen, der Sache endlich auf den Grund zu gehen. Er hatte keine Ahnung, was er sich von dem Ausflug versprach, vermutlich hatte der halb verbrannte Zettel überhaupt nichts mit der Entführung zu tun. Dennoch zog ihn der Hof an wie ein Magnet.
»Ich glaube nicht, dass wir so weit weggehen sollten«, gab Cristin zu bedenken.
Jona ignorierte sie und steuerte zielstrebig auf eine Ansammlung von verfallenen Gebäuden in der Nähe des Flussufers zu.
»Jona?«, quengelte sie.
»Geh Pappelrinde sammeln«, brummte er.
»Aber wir sollen doch Schafgarbe mitbringen!«
»Jetzt mach schon!« Er zeigte ungehalten auf die Bäume und wartete, bis Cristin sich widerstrebend trollte. Dann sah er sich um. Dicht beim Ufer stand ein windschiefer Holzschuppen, dessen Dach an einigen Stellen eingefallen war. Überall wucherten mannshohe Disteln und auf dem Schornstein des Hauptgebäudes hatten Störche ihr Nest gebaut. In den Wänden klafften Durchbrüche, wo die Nürnberger Holz und Steine herausgebrochen hatten, um sie anderweitig zu verwenden. Trotz des frischen Windes lag der Geruch von Schimmel, Fäulnis und Tierkot schwer in der Luft. Jona rümpfte die Nase. War er auf dem Holzweg? Er betrat das Gebäude und blinzelte, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht im Inneren gewöhnt hatten. Im Erdgeschoss befand sich nichts außer einer gewaltigen Feuerstelle und einigen alten Töpfen. In einer Ecke türmten sich kaputte Stühle und Bänke, die zum Teil zu Feuerholz zerkleinert worden waren. Das Obergeschoss war ebenfalls verwaist, die Treppe so morsch, dass er mehrmals fast eingebrochen wäre. Zurück im Erdgeschoss sah er sich nach einem Keller um und entdeckte eine Luke.
»Was ist das denn?«, murmelte er, ging näher und kniete sich auf den Boden. Die Klappe der Luke war aufgestoßen und lag auf einem Haufen schwerer Steine. Bei näherem Hinsehen wurde deutlich, dass sich jemand mit einem Messer daran zu schaffen gemacht hatte. Ein Loch klaffte in der Mitte der Bretter, an einem rostigen Nagel hing ein Stück Stoff. Jona befreite es und runzelte die Stirn. Er überlegte gerade, ob er in den Keller klettern sollte, als ein gellender Schrei an sein Ohr drang.
»Cristin!«, keuchte er. Mit einem Satz kam er zurück auf die Beine und rannte zur Tür.
Kapitel 2
Nürnberg, September 1412
Olivera richtete sich mit einem Seufzen auf und legte die Hand an den schmerzenden Rücken. Sie stand schon mehrere Stunden in der Salbenküche, gebückt über Hackblock, Mörser und Tiegel verarbeitete sie die frischen Heilpflanzen, die Jona und Cristin in den letzten Tagen gesammelt hatten. Seit dem vergangenen Sommer überließ sie Jona viele der einfacheren Arbeiten in der Offizin und auch Cristin hatte sich inzwischen zu einer tauglichen Helferin gemausert. Dank der Unterstützung der beiden konnte Olivera viel Zeit im Heilig-Geist-Spital verbringen, wo sich immer mehr reiche Pfründner in den Kreis ihrer Kunden einreihten. Nach der Enttäuschung über das angebliche Allheilmittel, das der Adept Alphonsius den Alten und Kranken für teures Geld verkauft hatte, waren ihre Arzneien beliebter denn je. Kein Wunder, dachte sie. Immerhin halfen ihre Tränke und Salben, die Zipperlein der Insassen des Spitals zu lindern.
Da der Gedanke an den Adepten unweigerlich schlimme Erinnerungen zurückbrachte, schüttelte sie ihn ab und warf eine Handvoll getrocknete Blüten der Akelei in einen Mörser. Sie zerstieß sie mit geübten Bewegungen und füllte sie in kleine Säckchen. Vermischt mit Apfelmus half diese Heilpflanze gegen das Fieber, das bald wieder in Nürnberg grassieren würde. Mit Beifuß und Brennnessel gegen Magen- und Darmbeschwerden, Tausendgüldenkraut zur Linderung von Ohrensausen und Eisenkraut für Kompressen verfuhr sie genauso. Außerdem legte sie Apfelbaumblätter zum Trocknen auf ein Gestell, mischte eine Lärchensalbe zur Behandlung von Ekzemen und bereitete ein Elixier aus grünen Wacholderbeeren. Immer wieder wischte sie sich dabei den Schweiß von der Stirn, da das Feuer unter der Kochstelle dafür sorgte, dass es in der Salbenküche drückend heiß war. Bald würde sie mehr Platz benötigen, denn die Regale an den Wänden des Raumes würden nicht mehr viele Tiegel, Töpfe und Flaschen fassen. Das Geschäft brummte, obwohl Götz aufgrund seines Sitzes im Stadtrat weniger Zeit hatte, im Verkaufsraum zu stehen.
Als hätten diese Überlegungen ihn angelockt, betrat in diesem Moment ein Käufer den angrenzenden Raum, begleitet vom Bimmeln des Glockenspiels über der Tür.
»Ich komme gleich!«, rief Olivera und griff nach einem Tuch, um sich die Hände zu säubern. Dann rückte sie die Haube auf ihrem Haar zurecht, verstaute eine Strähne hinter dem Ohr und ging nach nebenan.
Ein vornehmer Herr in einer von Silberfäden durchwirkten Schecke blickte ihr entgegen. Er trug einen gezwirbelten Bart. »Seid Ihr die Salbenmacherin?«, fragte er ohne Begrüßung.
Olivera nickte.
»Ich brauche Eure Hilfe!«
Olivera trat hinter den Tresen. »Was kann ich für Euch tun?«
»Ihr müsst mit mir kommen! Meine Tochter ist krank!«
Olivera runzelte die Stirn. »Habt Ihr Euch an den Medicus gewandt?«
Der Mann nickte. »Er hat ihr lauter nutzloses Zeug gegeben, das nicht hilft!«
»Mein Gemahl …«, hob Olivera an, aber der Patrizier schnitt ihr mit einer Geste das Wort ab.
»Ihr müsst mit mir kommen! Eure Arzneien haben meiner Mutter das Leid vor dem Tod erspart.«
»Eurer Mutter?«
»Sie war Pfründnerin im Spital«, erklärte er. »Ohne Euch hätte sie furchtbar unter ihrem Krebs gelitten. Ihr müsst auch meiner Tochter helfen!«
»Ich kann Eurer Tochter nur in Absprache mit dem Medicus Arzneien geben«, hielt Olivera entgegen. »Alles andere könnte vom Rat als Kurpfuscherei angesehen werden.« Obwohl sich ihre Feinde in den vergangenen zweieinhalb Jahren ruhig verhalten hatten, wollte sie niemandem die Möglichkeit geben, erneut gegen sie oder Götz zu intrigieren.
»Lasst das meine Sorge sein.« Der Mann zog eine Geldkatze aus der Tasche und legte sie vor ihr auf den Tresen. »Ich bezahle Euch fürstlich.«
Olivera schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich kann nur helfen, wenn Ihr auch nach dem Medicus schicken lasst.«
»Verdammt!«, schimpfte er, hob jedoch sofort beschwichtigend die Hände. »Es tut mir leid. Meine Tochter … Sie ist …« Er suchte nach Worten.
»Wie alt ist sie?«, wollte Olivera wissen.
»Neun.« Tränen traten in seine Augen.
Wider besseres Wissen beschloss Olivera, seinem Wunsch nachzugeben. Der Medicus Matthäus war weder abweisend noch hochmütig wie sein Vorgänger und würde es vermutlich nicht missbilligen, wenn man auch sie zu Rate zog. Dennoch würde sie darauf bestehen, dass man nach ihm schickte. »Ich werde sie mir ansehen«, sagte sie.
Der Ratsherr wirkte erleichtert.
»Beschreibt mir ihren Zustand ganz genau«, forderte sie ihn auf.
Er fuhr sich mit der Hand durch den Bart. »Sie hat furchtbare Krämpfe. Immer wieder krümmt sie sich schreiend zusammen, hat Schaum vor dem Mund und erbricht sich. Vor zwei Tagen hat sie wie wild um sich geschlagen und etwas vom Feuer der Hölle gestammelt. Es ist, als ob Gott sie für etwas bestrafen wollte.« Seine Augen wurden feucht. »Sie ist doch unschuldig!«
Olivera überlegte einen Augenblick. »Wie lange leidet sie schon an den Krämpfen?«
»Seit drei Tagen. Es fing mit einem starken Zittern an und wird immer schlimmer. Wenn Ihr ihr nicht helft …« Er schluckte mühsam. »Die Kindermagd hat nach einem Pfaffen geschickt, um die Heiligen anrufen zu lassen. Aber wie soll das gegen die Schmerzen helfen?«
Obwohl die Symptome auf verschiedene Krankheiten hindeuten konnten, ging Olivera zurück in die Offizin, um Mutterkraut, Kamille und Fenchel einzupacken, die allesamt krampflösend wirkten. Außerdem füllte sie Leinsamen in ein kleines Säckchen, da dieses Mittel mit Honig gemischt gegen Verstopfung half. Wenn Gott dem Mädchen gnädig war, handelte es sich lediglich um einen verdorbenen Magen. Falls nicht … Sie bedeutete dem Mann, den Verkaufsraum zu verlassen, und sah sich im Hof nach Mathes um. Als sie ihn bei einem der Stallgebäude entdeckte, winkte sie ihn zu sich.
»Brauchst du Hilfe?«, fragte er mit einem misstrauischen Blick auf den Patrizier.
Olivera schüttelte den Kopf. »Ich bin eine Weile weg. Falls in der Zwischenzeit jemand nach mir oder Götz fragt, sag ihm, er soll später wiederkommen.«
»Soll ich dich begleiten?«
»Nein.«
»Was soll ich Götz sagen, wenn er fragt, wo du bist?«
Olivera sah zu dem Ratsherrn auf.
»Im Haus von Martin Groß«, sagte er. »Meine Tochter ist krank.«
Olivera ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. Zwar trug der Mann feine Kleider, doch dass er zu einem der ältesten Patriziergeschlechter der Stadt gehörte, hatte sie nicht angenommen.
»Bitte! Beeilen wir uns«, drängte Groß und schritt hastig zum Hoftor.
Auf der Burgstraße angekommen, liefen sie den Abhang hinunter, überquerten den Marktplatz beim Rathaus und machten schließlich vor einem gewaltigen vierstöckigen Fachwerkhaus halt, dessen bunt bemalte Fassade im Sonnenlicht leuchtete. Nicht nur die vielen Giebel, die senfgelben Holzbalken und das silberne Schild über der Tür zeugten vom Reichtum des Besitzers. Auch die zahlreichen Wirtschaftsgebäude innerhalb der übermannshohen Mauer machten deutlich, dass hier jemand wohnte, dessen Wohlstand beträchtlich war. Nachdem der Patrizier einen Laufburschen losgeschickt hatte, um den Medicus zu holen, führte er Olivera durch eine mit Schnitzereien verzierte Eingangstür, die in eine große, von einem Rippengewölbe überspannte Halle führte. Ein lang gezogener, gequälter Schrei drang aus der Ferne an Oliveras Ohr, als sie dem Hausherrn zu einer breiten Holztreppe folgte, die in die oberen Stockwerke führte.
Vorbei an Heiligenbildern und Kruzifixen gelangten sie ins zweite Obergeschoss, wo die Schreie lauter wurden.
»Gebenedeit seist du, Heilige Jungfrau Maria«, hörte Olivera einen Mann in Priestertracht tönen, als sie mit Martin Groß den Raum betrat, in dessen Mitte ein Bett stand. Darin krümmte sich ein junges Mädchen vor Schmerzen, auf seinem Gesicht glänzte der Schweiß. Immer wieder zuckten die Arme und Beine des Kindes wie in einem furchtbaren Tanz und die Schreie schwächten sich zu einem Wimmern ab.
In einer Ecke stand eine Magd, deren bleiches Gesicht sich kaum von der weißen Wand abhob.
Als der Priester Olivera und Groß bemerkte, stand er auf und kam mit einem Kopfschütteln auf sie zu. »Du wirst nicht viel ausrichten können, meine Tochter«, sagte er an Olivera gewandt. »Der Herr hat der armen Seele eine Prüfung auferlegt, die sie allein durch ihren Glauben bestehen kann.«
»Gebt uns einen Moment, Pater«, bat Groß. »Ich lasse nach Euch schicken, sobald wir fertig sind.«
Einen Augenblick sah es so aus, als wolle der Gottesmann zögern, dann schlug er ein Kreuz vor der Brust, murmelte ein letztes Gebet und wandte sich zum Gehen.
Kapitel 3
»Vater! Hilf mir!« Die Worte waren kaum zu verstehen, da die Zähne des Mädchens heftig aufeinanderschlugen. Es sah Martin Groß so flehend an, dass sich Oliveras Herz zusammenzog.
»Die Frau wird dir den Schmerz nehmen«, sagte er mit einem Blick auf Olivera, nachdem er sich auf die Bettkante gesetzt und die zur Faust geballte Hand seiner Tochter vorsichtig in die seine genommen hatte. Er schien das Kind von ganzem Herzen zu lieben. »Bitte!« Die geröteten Augen richteten sich auf Olivera.
Erst jetzt sah sie, dass sich das Mädchen die Haare büschelweise ausgerissen hatte. Blutige Löcher klafften in ihrer Kopfhaut und ihre Beine begannen wieder, unkontrolliert zu zucken.
Olivera stellte ihren Korb ab, zog sich einen Schemel ans Bett und legte eine Hand auf die Stirn des Kindes. »Sie hat Fieber.«
»Könnt Ihr es senken?«
Oliveras Antwort ging in einem weiteren Schrei unter. Ohne Vorwarnung entriss das Mädchen seinem Vater die Hand und fing an, wild um sich zu schlagen und zu treten. Dabei schien ihr jede Bewegung Höllenqualen zu bereiten, da sich ihre Augen verdrehten und Schaum aus ihrem Mund quoll.
»Helft ihr! Bitte!« Martin Groß wich von der Bettkante zurück, da die Krämpfe seine Tochter immer stärker schüttelten.
Olivera holte Mutterkraut, Kamille und Fenchel aus ihrem Korb, vermischte alles miteinander und gab es in einen Becher. »Bring mir Wein!«, trug sie der Magd auf und rührte die Arznei an, sobald die junge Frau mit dem Gewünschten zurückkehrte. Dann wartete sie, bis sich der Anfall etwas legte, und flößte dem Mädchen den Trank ein.
»Wird sie das gesund machen?«, fragte Groß.
»Es sollte ihre Krämpfe lösen«, erwiderte Olivera, die etwas Derartiges noch nie gesehen hatte. Sie betastete den Bauch des Mädchens, doch anders als erwartet war dieser weder hart noch aufgedunsen.
Eine Weile sah es so aus, als ob die Heilpflanzen Linderung bringen würden, aber schon bald fing das Mädchen aufs Neue an zu stöhnen.
»Herr?« Ein Bursche tauchte im Türrahmen auf. »Der Medicus.«
Martin Groß bedeutete ihm, den Arzt ins Zimmer zu führen, der so hager war, dass er fast ungesund aussah. Sein Gesicht war lang und schmal, die braunen Augen sanft. Er war jung, doch etwas in seinem Gesicht verriet, dass er schon zu viel Leid gesehen hatte. Er nickte Olivera zum Gruß zu und sah den Hausherrn mit hochgezogenen Brauen an. »Geht es ihr immer noch nicht besser?«
Groß verneinte. »Ihr Zustand verschlechtert sich stündlich. Eure Kur hat nichts bewirkt.«
Die Zuckungen fingen erneut an.
»Ich habe ihr einen Trank gegen die Krämpfe verabreicht«, erklärte Olivera, als Matthäus’ Blick auf ihren Korb fiel. »Mehr wollte ich nicht tun ohne deinen Rat.«
Der Medicus seufzte. »Ich fürchte, hier bin ich ratlos«, gestand er. »Solch ein Leiden ist mir noch nie begegnet.« Er rieb sich das Kinn. »Zwei weitere Kinder sind daran erkrankt.«
»Was?« Martin Groß sah ihn ungläubig an. »Wollt Ihr behaupten, es handle sich um eine Seuche?«
»So weit würde ich nicht gehen«, entgegnete der Medicus. »Allerdings scheint es, als ob sich die Krankheit in der Stadt ausbreiten würde.« Er ging zum Bett und nahm die Hand des Kindes, um den Aderschlag zu fühlen. »Ihr Herz rast.«
»Dann tut etwas dagegen!«
»Ich wünschte, das könnte ich«, seufzte Matthäus. »Aber ich fürchte, in diesem Fall seid Ihr mit einem Priester besser beraten als mit einem Arzt. Alles, was ich tun kann, ist, ihr das Leid erträglicher zu machen.« Er suchte Oliveras Blick. »Oder ist dir etwas Ähnliches bekannt?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Verabreicht ihr stündlich zehn Tropfen hiervon«, sagte er und holte eine Flasche aus seiner Tasche.
»Was ist das?«
»Ein Elixier aus Bilsenkraut. Falls sich ihr Zustand trotzdem weiter verschlechtert, schickt nach mir.«
»Ihr wollt schon gehen?«, fragte Groß empört. »Was ist mit der Salbenmacherin? Sie sagt, sie dürfe meiner Tochter keine Arznei ohne Eure Zustimmung verabreichen!«
»Ich vertraue auf Oliveras Kenntnisse«, entgegnete der Medicus. »Alles, was sie für richtig hält, hat meinen Segen.« Mit diesen Worten verschloss er seine Tasche wieder, nickte Groß zu und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.
»Wartet!« Der Ratsherr fasste ihn beim Arm. »Was …? Wie soll ich wissen …?«
»Vertraut auf Gott«, riet Matthäus ihm. »Und betet für ihre Seele.«
»Was ist mit den anderen Kranken?«, fragte Olivera. »Sollten wir nicht den Rat und den Spitalpfleger davon in Kenntnis setzen, was vor sich geht?«
Matthäus nickte. »Das hatte ich gerade vor.«
»Was soll denn das bringen?«, erboste sich Martin Groß, sobald der Medicus gegangen war.
»Falls es sich um eine Seuche handelt, ist es wichtig, den Rat rechtzeitig zu informieren«, antwortete Olivera.
Groß brummte etwas Unverständliches, dann sagte er: »Seht Ihr? Ich hatte Euch gesagt, dass seine Behandlungen nutzlos sind. Alles, was ihm einfällt, sind Suppen und Aderlass!«
Olivera betrachtete das Mädchen, dessen Gesicht wächsern dalag. Nach kurzem Zögern griff sie eine kleine Flasche aus ihrem Korb und gab sie dem Vater. »Falls das Bilsenkraut nicht anschlägt, gebt ihr alle zwölf Stunden zwei Tropfen hiervon.« Sie hob warnend den Zeigefinger. »Nicht mehr. Ihr könntet sie sonst damit umbringen.«
Er betrachtete das Fläschchen mit gerunzelter Stirn.
»Es enthält Mohnsaft«, erklärte Olivera, griff nach ihrem Korb und atmete schwer. »Ich wünschte, ich könnte mehr für sie tun, aber solch ein Leiden ist auch mir noch nie begegnet.«
»Es ist das Feuer des Antonius«, sagte die Magd tonlos. Sie hatte sich wieder in die Ecke zurückgezogen und umklammerte das Kruzifix an ihrem Hals.
Olivera sah sie fragend an. »Das Feuer des Antonius? Wie kommst du darauf?« Bei dieser Krankheit handelte es sich um etwas, das Oliveras Yiayia in Konstantinopel mehrfach versucht hatte zu heilen. Allerdings färbten sich die Glieder der Befallenen bei dieser Krankheit schwarz wie Kohle, da sie von Fäulnis zerfressen wurden. Die meisten starben elendig, einige blieben einem noch elendigeren Leben erhalten, nachdem sie die verfaulten Hände und Füße verloren hatten. Die Krankheit war nach dem Feuer benannt worden, das in den Kranken loderte und viele von ihnen dazu brachte, sich ins Meer zu stürzen.
»Das Dorf, aus dem ich komme«, sagte die Magd. »Dort gab es so was vor ein paar Jahren. Alle haben es das Antoniusfeuer genannt.«
Olivera schüttelte den Kopf. »Du musst dich irren. Das Antoniusfeuer äußert sich anders.«
»Was ist dieses Antoniusfeuer?«, wollte Martin Groß wissen. »Wie könnt Ihr sicher sein, dass meine Tochter nicht daran leidet? Mit welchen Arzneien wird es behandelt?«
Olivera nahm die Hände und Füße des kranken Mädchens genauer in Augenschein. »Die Leute in deinem Dorf müssen an einer anderen Krankheit gelitten haben«, beschied sie schließlich. »Dennoch solltet Ihr nach mir schicken, falls sich ihre Extremitäten verfärben«, sagte sie an den Vater gewandt. Dann, nach einem letzten Blick auf das leise stöhnende Mädchen, verließ sie die Kammer und trat wenig später auf die Straße. Wenn sie doch nur wüsste, wie sie dem Kind helfen konnte! Trotz aller Ratlosigkeit beschloss sie, zurück in die Offizin zu gehen und in den gelehrten Büchern nachzuschlagen, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Kapitel 4
Vor den Toren von Nürnberg, September 1412
Jona starrte entgeistert auf die Stelle hinab, an der Cristin wie festgenagelt stand. Sie war totenbleich und ihre Hand zitterte, als sie auf das zeigte, was sie zum Schreien gebracht hatte. Zu ihren Füßen ragte etwas aus der Erde, das selbst bei flüchtigem Hinsehen als ein Arm zu erkennen war – weiß, wachsartig und mit Stofffetzen bedeckt.
Jona brauchte nur wenige Augenblicke, um zu reagieren. Energisch schob er sie hinter sich und stupste den Arm mit der Schuhspitze an.
Nichts passierte.
»Ist das ein toter Mensch?«, fragte Cristin so leise, dass es kaum zu hören war.
Jona überlegte fieberhaft. Was hatte das zu bedeuten? Wer war der Tote? Und warum war er hier beim Fluss, außerhalb eines Gottesackers verscharrt worden? War er das Opfer von Wegelagerern? Oder handelte es sich gar um den Alten Endris, von dem niemand Genaueres zu wissen schien? Ein anderer, dunklerer Gedanke schlich sich in seinen Kopf, doch er zwang sich, ihn zu unterdrücken. »Das ist nur ein Tierkadaver«, log er, um Cristin zu beruhigen.
»Bist du sicher? Es sieht aus wie eine Hand.«
»Ich bin sicher.« Er drehte sich zu ihr um und sah ihr in die Augen, die immer noch vor Furcht geweitet waren. »Geh weiter Pappelrinde sammeln! Ich vergrabe das Tier wieder, damit die Ratten nichts zu fressen haben.« Zu seinem Verdruss zitterte seine Stimme leicht.
»Aber …«
»Nun mach schon!« Er fasste sie bei den Schultern und schob sie energisch in Richtung Flussufer. Bei dem, was er vorhatte, konnte er sie nicht gebrauchen.
»Soll ich nicht lieber …?«
»Geh!« Er bedachte sie mit einem Blick, der jeglichen weiteren Widerspruch im Keim erstickte.
Obwohl ihr anzusehen war, dass es ihr widerstrebte, ihm Folge zu leisten, ging sie zurück zum Ufer, wo sie ihren Sack hatte fallen lassen.
Jona wartete, bis sie so weit fortgegangen war, dass sie ihn nicht mehr beobachten konnte, dann kniete er sich hastig hin und fing an, die Erde mit den Händen zur Seite zu schaufeln. Je weiter er grub, desto mehr wurde von dem Leichnam sichtbar, und schließlich kam der Kopf zum Vorschein. Leere Augenhöhlen glotzten ihn an. Schaudernd betrachtete er den Toten, von dessen Kleidern genug übrig war, um zu erkennen, dass es sich nicht um einen Bauern handelte. »Wer bist du?«, murmelte er. Obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, den Leichnam zu berühren, zupfte er am halb zerfallenen Stoff des Ärmels, unter dem etwas hervorblitzte. Ein Siegelring. »Herr, vergib mir«, flüsterte er, bekreuzigte sich und biss die Zähne zusammen, um den aufsteigenden Ekel zu unterdrücken. Dann zog er an dem Ring, bis er ihn befreit hatte. Schaudernd hielt er ihn ins Licht, wischte den Schmutz ab und runzelte die Stirn. Das Wappen, das noch deutlich auszumachen war, kam ihm bekannt vor. Es war viergeteilt, bestand aus je zwei blau-gelben Feldern mit einem Löwen und zwei schwarz-weißen Feldern mit einem Vogel. Er war sicher, es im Rathaus gesehen zu haben, dort, wo die Wappen der Patrizierfamilien hingen.
Sein Unbehagen wuchs. Was sollte er tun? Der dunkle Verdacht verstärkte sich, weshalb er beschloss, den Leichnam wieder mit Erde zu bedecken und in Ruhe zu überlegen, was das Klügste war. Ehe er anfing, die Erde zurück auf das Grab zu schaufeln, fiel sein Blick auf die Kehle des Toten. Obwohl er schon eine Weile hier liegen musste, war zu deutlich, dass man sie durchgeschnitten hatte. Fröstelnd zog Jona die Schultern hoch. Er wollte den Leichnam gerade wieder verscharren, als er durch Zufall etwas entdeckte, das ihn zögern ließ. War das ein Schwertknauf, der in einiger Entfernung aus dem Boden ragte?
»Jona!«
Er zuckte zusammen.
»Was machst du denn so lange?« Cristin näherte sich vom Ufer und er beeilte sich aufzustehen und dem Grab den Rücken zu kehren. Auf keinen Fall durfte sie sehen, was er gefunden hatte. »Ich komme sofort!«, rief er.
»Wieso dauert das so lange? Ich kann nicht noch mehr Rinde sammeln!« Ihre Stimme klang vorwurfsvoll.
»Ich helfe dir gleich. Mach einfach weiter und geh Schafgarbe suchen!« Er bedeutete ihr mit einem Wink, wieder an die Arbeit zu gehen, und hoffte, dass sie ihn nicht mit Fragen löchern würde. Dann ging er zurück zu dem Grab und stieß mit dem Fuß gegen den vermeintlichen Schwertknauf.
Das Erdreich hob sich und brachte ein Stück Leder ans Tageslicht.
»Was zum Henker …?« Erneut kniete Jona sich auf den Boden und fing an, mit den Händen zu graben. Innerhalb kurzer Zeit hatte er ein Schwert, Stiefel und einen weiteren Leichnam von Erde befreit. »Gütiger Jesus!« Er grub weiter und stieß auf noch zwei Tote. Das Grab war flach und schien hastig ausgehoben worden zu sein. Wer auch immer die Männer hier begraben hatte, war davon ausgegangen, dass sie nie gefunden würden.
Jona spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Obwohl er fürchtete, was ein Teil von ihm längst wusste, zog er das Stück Stoff aus der Tasche, das er im Haus gefunden hatte. Im Sonnenlicht war eindeutig ein Muster zu erkennen, das seine Hand zum Zittern brachte. War das, was er zu wissen glaubte, überhaupt möglich? Die anderen Männer im Grab schienen ebenfalls gewaltsam zu Tode gekommen zu sein. Hatte Gott ihn zu dieser Stelle geführt? Oder war es das Werk des Teufels, der Zweifel in seiner Seele säen wollte? Er stöhnte. Ihm blieb keine Wahl. Hastig schaufelte er das Grab wieder zu, steckte den Ring ein und klopfte sich den Schmutz von der Hose. Niemand durfte jemals erfahren, was er gefunden hatte.
Mit wild durcheinanderwirbelnden Gedanken machte er sich auf zur Wiese hinter dem Haus, auf der er Cristin fand.
»Das hat aber lange gedauert!«, beschwerte sie sich. »War es wirklich ein Tier?«
Jona nickte. Er traute seiner Stimme nicht und fürchtete, sich mit seiner Aufgewühltheit zu verraten. Hastig wandte er sich von ihr ab, bückte sich und fing an, Blumen auszurupfen.
Kapitel 5
Die nächsten beiden Stunden verbrachten Jona und Cristin mehr oder weniger schweigend. Wo er konnte, wich er ihr aus. In seinem Kopf herrschte ein wildes Durcheinander, das er nicht zu ordnen vermochte. Vielleicht täuschte er sich. Solange er nicht wusste, wem der Siegelring gehörte, gab es immer noch die Möglichkeit, dass sein Verdacht nichts weiter war als ein Hirngespinst. Warum hatte er seiner Neugier nachgegeben? So oft, wie er deswegen schon in Schwierigkeiten geraten war, sollte er es inzwischen eigentlich besser wissen. Er fuhr sich mit dem Ärmel über das verschwitzte Gesicht und schnürte den letzten Sack zu. »Wir sind fertig«, sagte er.
»Endlich!« Cristin wirkte genauso erhitzt wie er. »Ich habe Durst.«
»Dann lass uns nach Hause gehen.« Jona schulterte zwei der Säcke und überließ Cristin den kleinsten. Dann machte er sich auf den Weg zu dem windschiefen Hoftor und trottete in Richtung Stadt.
»Was für ein Tier war es?«, fragte Cristin, als sie kaum eine halbe Meile hinter sich gebracht hatten.
»Tier?« Jona war so in Gedanken versunken, dass er die eigene Lüge vergessen hatte.
»Das ich gefunden habe!« Cristin sah ihn misstrauisch an. »Was ist los mit dir? Du bist schon die ganze Zeit so komisch.«
»Ich bin nicht komisch!«
»Doch!«
»Es war ein Pferd«, log Jona.
»Wer begräbt denn ein Pferd? Das schlachtet man doch.«
Jona zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
»Es sah gar nicht aus wie ein Pferd«, bohrte Cristin weiter.
»Himmelherrgott!«, brauste Jona auf. »Glaubst du, ich binde dir einen Bären auf?«
Sie sah mit vorgeschobener Unterlippe zu ihm hoch, während ihre Augen anfingen zu schwimmen.
Jona stöhnte innerlich. »Fang doch nicht gleich an zu heulen«, sagte er etwas netter. »Ich wollte dich nicht anblaffen. Tut mir leid.«
»Ehrlich?«
Er nickte. »Und jetzt komm. Olivera wartet sicher auf die Pflanzen.«
Etwas beschwichtigt folgte Cristin ihm zum Hallertürlein, das sie ohne Schwierigkeiten passierten. Von dort gingen sie am Flussufer entlang bis kurz vor das Heilig-Geist-Spital, wo sie sich nach Norden wandten, um über den Marktplatz zur Burgstraße zu gelangen. Als sie das Rathaus passierten, kam Jona ein Einfall. Er bedeutete Cristin, den Sack abzustellen, wurde seine Last ebenfalls los und suchte in der Tasche nach dem Siegelring.
»Was hast du vor?«, fragte sie, als er Anstalten machte, ihr den Rücken zu kehren.
»Ich bin gleich wieder da.« Bevor sie protestieren konnte, ließ er sie stehen und lief zu dem tagsüber offen stehenden Tor des Rathauses, das in die große Eingangshalle führte. Auch wenn er schlimme Erinnerungen mit dem Gebäude verband, vor allem mit dem darunter liegenden Lochgefängnis, betrat er die Halle und sah sich um. Es dauerte nicht lange, bis er fand, wonach er Ausschau gehalten hatte. An den Wänden bei der breiten Treppe, die ins Obergeschoss zu den Ratssälen führte, hingen die Wappen der Nürnberger Patrizierfamilien. Trotz des gedämpften Lichts entdeckte Jona den Schild, der dasselbe Motiv trug wie der Ring in seiner Tasche. Familie Paumgartner. Er hatte es befürchtet, nun war es Gewissheit.
Der Mann, der Oliveras Sohn entführt hatte, war nicht über alle Berge. Er lag auf dem Hof des Alten Endris mit drei weiteren Männern in einem flachen Grab. Und irgendjemand hatte ihm vor dem Verscharren die Kehle durchgeschnitten.
Als drei Wachen aus dem Obergeschoss auftauchten, machte Jona hastig kehrt und eilte zurück nach draußen.
Cristin sah ihn mit empört in die Hüften gestemmten Fäusten an. »Was war denn jetzt schon wieder los?«
»Nichts«, erwiderte er kurz angebunden, hob die Säcke auf und setzte den Weg zum Haus in der Burgstraße fort. Dort angekommen, zwang er sich zu einer ausdruckslosen Miene, ehe er den Verkaufsraum betrat und auf die Offizin zusteuerte. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dem, was vorgefallen war, umgehen sollte. Er konnte Götz und Olivera nicht einfach zur Rede stellen und sie mit seinem Verdacht konfrontieren. War es überhaupt möglich, dass sie etwas mit dem Tod der Männer zu tun hatten? Oder waren die Kerle in andere Verbrechen verwickelt gewesen, die sie das Leben gekostet hatten? Er versuchte, nicht an den halb verbrannten Zettel und den Stofffetzen in seiner Tasche zu denken, die anderes vermuten ließen.
»Olivera ist nicht da«, stellte Cristin fest, als sie die Salbenküche betraten.
»Dann stell den Sack mit der Pappelrinde dorthin.« Jona zeigte auf eine Ecke, in der sich bereits Weidenkörbe und Tongefäße stapelten.
Cristin befolgte die Anweisung.
Da er nicht wusste, wie er sich sonst ablenken sollte, beschloss er, die Schafgarbe auf eines der großen Gestelle im Schuppen zu legen, die eigens zum Trocknen von Kräutern errichtet worden waren. Wenn er sich nicht mit irgendetwas beschäftigte, würde er sich nur weiter mit dem martern, was er entdeckt hatte. Mit Cristin auf den Fersen überquerte er den Hof, zog das schwere Tor auf und betrat den Schuppen. Das Gebäude war groß und trocken und roch nach Heilpflanzen und den Strohballen, die verhindern sollten, dass es zu feucht wurde. Tief in Gedanken versunken schnürte er einen der Säcke auf und holte ein Büschel Pflanzen hervor.
Cristin tat es ihm gleich.
Während er die Pflanzen sorgfältig auf dem Gestell verteilte, grübelte er weiter darüber nach, was er tun sollte. Vermutlich ist es das Beste, alles zu vergessen, riet ihm eine innere Stimme. Doch das war leichter gesagt als getan. Schlafende Hunde soll man nicht wecken, dachte er, allerdings ließ ihn die Ungeheuerlichkeit dessen, was er in dem Grab entdeckt hatte, nicht los. Vier tote Männer. Ohne Zweifel entweder im Kampf getötet oder ermordet. Machte er sich nicht mitschuldig, wenn er seine Entdeckung geheim hielt? Und was war mit Cristin? Hatte sie ihm die Lüge abgekauft? Oder ahnte sie, dass er geschwindelt hatte? Wenn sie ausplauderte, was passiert war, würden Olivera und Götz über kurz oder lang dahinterkommen, dass er auf die Leichen gestoßen war. Nachdem er den Sack geleert hatte, wandte er sich Cristin zu und fasste sie nachdenklich ins Auge.
»Was?«, fragte sie und errötete.
»Ich glaube, es wäre besser, wenn du niemandem sagst, wo wir die Pflanzen gepflückt haben«, sagte er.
Sie runzelte die Stirn. »Wieso nicht?«
»Weil wir uns eigentlich nicht so weit von der Stadt entfernen sollten.«
»Glaubst du, du bekommst Ärger?«
Jona nickte.
»Dann sage ich, wir waren beim Wöhrder Türlein.«
»Du brauchst meinetwegen nicht lügen, es reicht, wenn wir gar nicht erwähnen, wo wir waren.«
Cristin nickte.
»Versprich es!«
Sie spuckte in die Hand und hielt sie ihm hin. »Versprochen!«
Jona schlug ein.
Ehe er noch etwas sagen konnte, ertönte vom Hof her eine Stimme, die ihn aufhorchen ließ.
»Jona!«
Ein Prickeln kroch über seine Haut.
»Jona! Wo bist du?«
»Ist das Froni?« Cristins Miene verdunkelte sich.
Jona ließ ihre Hand los, wischte sie sich an der Hose ab und ging so gelassen wie möglich zum Tor. Froni, die neue Küchenmagd, stand im Hof und sah sich suchend um. Sie war ein Jahr jünger als er, zierlich, blond und hatte eine freche Stupsnase. Ihre Locken kräuselten sich unter der kleinen Haube hervor, die keck auf ihrem Hinterkopf saß.
»Da bist du ja«, rief sie, als sie ihn entdeckte. Sie schien außer Atem zu sein. Ihre Ärmel waren hochgekrempelt, das Gesicht rot vor Anstrengung. Vor ihr auf dem Boden stand ein Korb, halb voll mit Feuerholz.
»Brauchst du Hilfe?«, fragte Jona.
Cristins missfälliges Hüsteln hörte er kaum.
Froni nickte. »Ich weiß nicht, wie ich so viel Holz schleppen soll«, sagte sie verzweifelt. »Aber Irmla wird schimpfen, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe.«
Jona spürte, wie sich sein Gesicht zu einem einfältigen Lächeln verzog. Ganz gleich, was er anstellte, in Fronis Gegenwart fiel das Gefühl der Überlegenheit, das er in Cristins Nähe verspürte, von ihm ab wie ein mottenzerfressenes Gewand. Mit mehr Kraft als nötig hob er den Korb vom Boden und fragte: »Wie viel brauchst du?« Vergessen war alles, was ihn noch vor wenigen Augenblicken beschäftigt hatte.
Kapitel 6
Die Schreie des Mädchens verfolgten Olivera den ganzen Weg von Martin Groß’ Haus bis zu ihrem eigenen Heim in der Burgstraße. Das arme Kind litt Höllenqualen und sie hatte nicht die geringste Ahnung, was ihm fehlte. Matthäus hatte gesagt, zwei weitere Kinder wären an demselben Leiden erkrankt, und auch er schien ratlos zu sein. Olivera dachte an die Worte der Magd. Das Antoniusfeuer war heimtückisch und tödlich, aber wenn sie sich nicht irrte, äußerte es sich auf eine vollkommen andere Art und Weise. Tief in Gedanken versunken, betrat sie den Hof ihres Hauses, der bis auf den Hofhund und ein paar freilaufende Hühner verlassen dalag. Mathes war vermutlich unterwegs, um von einem der Bauern Getreide für den Winter zu kaufen, der Rest des Gesindes befand sich im Haus. Jona und Cristin schienen bereits zurück zu sein, da sie den dunklen Schopf des Mädchens durch die offen stehende Tür des Schuppens sehen konnte.
Grübelnd überquerte sie den Hof, betrat das Haus und ging in die Offizin. Dort holte sie ein halbes Dutzend ledergebundene Bücher aus dem Regal und legte sie auf einen Tisch. Außer Kräuter- und Steinbüchern besaß sie Abschriften von Galens Methodi Medendi – den Methoden des Heilens –, Avicennas Canon Medicinae – dem Kanon der Medizin – und Trotulas Passionibus Mulierum – den Leiden der Frau. Diese, eine Mitgift ihrer Großmutter, stellten einen unvorstellbaren Schatz dar. Zudem befand sich eine Anzahl orientalischer Traktate in ihrer Sammlung, zusammen mit Schriften des Hippokrates und Heilkräuterbüchern mehrerer Mönche, die sie von einem fahrenden Händler gekauft hatte.
Da sie sämtliche Bücher mehrmals gelesen hatte, brauchte sie nicht lange, um zu finden, wonach sie suchte. In einem Folianten, der die Schriften des Hippokrates enthielt, stieß sie auf eine Beschreibung dessen, was er die »Heilige Krankheit« nannte. Diese äußerte sich in anfallartigen Krämpfen, Schreien und dem Niederstürzen der Kranken, wenn diese sich nicht im Bett befanden. Dem populären Glauben nach handelte es sich um ein göttliches oder dämonisches Eingreifen in die menschliche Natur, doch der gelehrte Arzt hatte eine andere Erklärung. Für Hippokrates ging diese Krankheit vom Gehirn aus, verursacht durch kalten Schleim, der das Blut erstarren ließ. Nicht ein Miasma, eine göttliche »Unreinheit«, war seiner Ansicht nach die Ursache für die Krämpfe, sondern das in den Adern stockende Blut. Folglich empfahl er als Heilmittel Schröpfen und Purgieren, falls nötig, auch die Öffnung des Schädels.
Hastig klappte sie das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. Nach kurzem Überlegen beschloss sie, ins Spital zu gehen, um mit Matthäus über das zu reden, was sie gelesen hatte. Er wusste, dass sie die Schriften der gelehrten Ärzte kannte, und hatte bisher stets ihren Rat gesucht. Anders als sein Vorgänger war er vor allem anderen auf das Wohl der Kranken bedacht. Persönliche Eitelkeiten waren ihm fremd.
Sie verließ die Offizin und ging zurück in den Hof, wo Mathes vom Bock des Einspänners sprang, dessen Ladefläche mit Säcken vollgepackt war. Der vergangene Sommer war regnerisch und kühl gewesen, die Ernte nicht so gut wie erwartet. Deshalb hatte Olivera darauf bestanden, mehr Vorräte als gewöhnlich anzulegen, damit sie den Winter über genügend Mehl in der Speisekammer hatten. Sie winkte ihm zum Gruß zu, ehe sie zum Tor lief und zurück auf die Straße trat.
Die Burg im Rücken, eilte sie den Hügel hinab zum Rathaus, vor dem an diesem Tag ein großer Viehmarkt stattfand. Das Blöken von Schafen vermischte sich mit dem Brüllen der Ochsen und dem Meckern der Ziegen, die sich um den Schönen Brunnen drängten. Zahlreiche Käufer sammelten sich zwischen den Verschlägen der Händler, die zum Teil von weit her angereist waren. Auf einem Teil des Marktplatzes, der mit einer roten Kordel abgetrennt worden war, warfen feurige Vollblüter wiehernd die Köpfe. Dort tummelten sich die reichen Nürnberger, die Fern- und Gewürzhändler, für die es eine Frage des Ansehens war, ein Pferd von solch edlem Blut zu besitzen.
Ohne auf das Getümmel zu achten, setzte Olivera ihren Weg fort, bis das Heilig-Geist-Spital vor ihr auftauchte. Auf den spitzen Dächern hockten Zugvögel, die schimpfend das Weite suchten, als sich ein Flügel des großen Tores mit einem lauten Schlag hinter einem Fuhrwerk schloss. Obwohl der übliche Andrang von Mägden, Knechten, Werkleuten und Bedürftigen herrschte, gelangte Olivera rasch in den Hanselhof, in dem es auch an diesem Tag geschäftig zuging. Sie fröstelte, als sie in die Schatten des riesigen Gebäudekomplexes eintauchte, hinter dem die Pegnitz rauschte. Zu ihrer Linken ragte die Spitalkirche in den Himmel, deren Glocke in diesem Moment die halbe Stunde schlug. Eine Gruppe von Insassen des Spitals war mit Holzhacken beschäftigt, andere kehrten oder holten Wasser aus dem Ziehbrunnen. Einige der stärkeren Männer halfen beim Entladen des Fuhrwerks, das unter einer alten Linde zum Stehen gekommen war. Die Kranken und Schwachen waren in der Siechenstube untergebracht, in der Tag und Nacht die Kusterin und mehrere Mägde über ihr Wohlergehen wachten. In den beiden größten Gebäuden des Spitals, die parallel angeordnet waren, befanden sich die Stuben. Daran grenzten je eine Küche für die Patienten der unteren und oberen Stuben an, ein Waschraum, eine Badestube für die Männer und eine für die Frauen und das heimliche Gemach für die Insassen. Außerdem waren hier die Einrichtungen für die armen Pfründner, das Narrenhäuslein und die Unterkunft für die Findlinge und Waisen untergebracht.
Da sich Matthäus meist in der Siechenstube aufhielt, wandte sich Olivera dorthin und betrat kurz darauf den Vorraum der großen Halle. Den Gestank von Schweiß, Kot und Urin nahm sie kaum mehr wahr, weil sie sich inzwischen daran gewöhnt hatte. Die Halle wurde von Säulenreihen in zwei gleich große Bereiche geteilt, in denen die Frauen und die Männer lagen. Bettkasten reihte sich an Bettkasten, viele der Kranken stöhnten leise vor sich hin oder schrien vor Schmerz. Die weißen Wände der Stube wurden von wenigen Fensterschlitzen unterbrochen, durch die schwaches Sonnenlicht auf den sauberen Boden fiel. Am Kopfende des langen Raumes befand sich eine Kanzel, von der ein Kaplan die Messe für die Bettlägerigen lesen konnte.
Nachdem sich ihre Augen an das Dämmerlicht in der Stube gewöhnt hatten, entdeckte Olivera Matthäus am Bett eines alten Weibleins, an dessen Hinterteil er sich zu schaffen machte. Die Frau litt unter Hämorrhoiden, die laut Hippokrates durch die Erhitzung des Blutes am After infolge von überschüssigen Gallensäften entstanden. Mithilfe eines Instrumentes führte Matthäus ein Zäpfchen in den Anus der Kranken ein, um ihre Beschwerden zu lindern. Da Hämorrhoiden diejenigen, die an ihnen litten, vor Lungenentzündung und anderen Krankheiten schützen konnten, vermied man es so weit wie möglich, sie zu verätzen oder zu veröden.
»Olivera«, begrüßte er sie, nachdem er die Alte auf den Rücken gedreht und zugedeckt hatte.
»Ich muss mit dir über Martin Groß’ Tochter reden«, kam Olivera ohne Umschweife zur Sache.
»Hat die Arznei geholfen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, sie leidet an dem, was Hippokrates die Heilige Krankheit nennt.«
Matthäus runzelte die Stirn. »An der Fallsucht?«
Olivera nickte.
Der Medicus nagte nachdenklich an seiner Lippe.
»Hast du sie bei deinem letzten Besuch geschröpft?«, erkundigte sich Olivera.
»Ich hatte sie zur Ader gelassen, aber das hat wenig Wirkung gezeigt.« Er rieb sich das Kinn. »Ich kenne die hippokratische Schrift zu dieser Krankheit. Er spricht auch davon, dass der Schädel zu öffnen ist, wenn Schröpfen und Purgieren sich als nutzlos erweisen. Du könntest recht haben mit deiner Vermutung«, gab er zu.
»Kannst du ihr helfen?«
Er zuckte mit den Schultern und warf einen Blick auf die lange Reihe der Betten. »Ich habe hier noch eine Weile zu tun«, sagte er. »Bereite ihr eine Arznei aus Helleborus und Wolfsmilch. Ich komme zu ihr, sobald ich kann.«
Olivera nickte und machte Anstalten zu gehen.
»Ich hoffe, deine Vermutung trifft zu«, seufzte Matthäus. »Eines der Waisenkinder hier im Spital zeigt dieselben Symptome wie das Mädchen.«
Olivera spürte eine böse Vorahnung in sich aufsteigen. Was, wenn sie sich irrte? Was, wenn eine neue Pest drohte? Noch war nicht klar, ob das Leiden tödlich verlief. Aber was, wenn es so war? Mit einem unguten Gefühl verließ sie die Siechenstube und kehrte in die Burgstraße zurück, um die Arznei zuzubereiten, um die Matthäus sie gebeten hatte.
Kapitel 7
Eine Stunde später war der Trank fertig und Olivera wieder auf dem Weg zu Martin Groß. Als sie am Rathaus vorbeikam, sah sie Götz aus dem Gebäude treten, zusammen mit einigen anderen Mitgliedern des Größeren Rates.
Er winkte ihr zu, löste sich von der Gruppe und kam zu ihr. »Was ist los?«, fragte er nach einem Blick in ihr Gesicht.
»Ein krankes Mädchen«, erklärte sie. »Kennst du Martin Groß?«
Götz’ Augen weiteten sich. »Jeder kennt Martin Groß. Wieso?«
»Seiner Tochter geht es sehr schlecht.«
»Du bist auf dem Weg zu seiner Tochter?«
Olivera nickte.
»Wie schlimm ist es?«
»Schlimm.«
»Was fehlt ihr?«
Olivera zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher. Vermutlich leidet sie an der Fallsucht.«
»Fallsucht?«
Olivera erklärte ihm, worum es sich bei dieser Krankheit handelte.
Götz stöhnte. »Der arme Kerl! Erst seine Frau, jetzt seine Tochter …«
»Was ist mit seiner Frau?«
»Sie ist letzten Winter an einem Fieber gestorben«, erwiderte Götz. »Nach ihrem Tod hat er den Posten als Bürgermeister aufgegeben und sich fast vollständig aus dem Rat zurückgezogen. Er ist bei Sitzungen kaum mehr zu sehen. Manche sagen, er ist mehr in der Kirche als in seinem Kontor.«
»Ich hoffe, Matthäus und ich können dem Kind helfen«, sagte Olivera, verabschiedete sich von Götz und setzte ihren Weg fort. Vor dem Haus des Patriziers zögerte sie einen Augenblick und überlegte, ob sie auf den Medicus warten sollte, entschied sich jedoch dagegen. Je schneller das Mädchen die Arznei bekam, desto besser waren die Aussichten.
Es dauerte nicht lange, bis auf ihr Klopfen hin die Tür geöffnet wurde. Nachdem sie dem Bediensteten erklärt hatte, wer sie war, führte er sie durch die Eingangshalle in einen Raum, in dem sich ein großes Kruzifix und ein Altar befanden.
Martin Groß kniete vor dem Altar und betete.
»Herr?«
Der Patrizier schien ihn nicht zu hören.
»Herr? Die Salbenmacherin ist hier.«
Martin Groß hob den Kopf, bekreuzigte sich und kam mühsam auf die Beine. Sein Gesicht war bleich, die Hände zitterten.
»Wie geht es Eurer Tochter?«, fragte Olivera.
»Der Herr straft die Sündigen«, erwiderte Groß. »Warum muss Clara so furchtbar leiden? Sie ist doch nur ein unschuldiges Kind!«
»Wie geht es ihr?«, wiederholte Olivera ihre Frage.
»Ich habe ihr von Eurer Arznei gegeben«, war die Antwort. »Seitdem schläft sie.« Sein Blick wanderte zu ihrem Korb. »Habt Ihr mehr davon mitgebracht?«
»Ich glaube, Eure Tochter leidet an der Fallsucht«, erklärte Olivera.
Martin Groß sah sie verständnislos an.
»Man nennt sie auch die Heilige Krankheit.«
»Wollt Ihr damit sagen, es sei keine Strafe Gottes?«
»Es ist eine Krankheit, die durch das Stocken des Blutes verursacht wird«, gab sie zurück. »Ich habe im Auftrag des Medicus einen Trank zubereitet, der Linderung bringen sollte. Matthäus wird auch bald hier sein, um Eure Tochter zu schröpfen.«
»Warum hat er das nicht längst getan, wenn es ihr hilft?«, erboste sich Groß.
Olivera schwieg. Sie wusste, wie schwer es war, zu erklären, warum nicht jedes Heilmittel anschlug. Da sie Matthäus nicht in den Rücken fallen wollte, hielt sie es für klüger, nichts zu sagen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.
»Der Priester meinte, Clara könnte von einem bösen Geist besessen sein«, murmelte der Patrizier.
»Von einem Geist?« Olivera verkniff sich ein Stöhnen. Das hatte gerade noch gefehlt.
»Er sagt, ihr Schreien und diese furchtbaren Krämpfe wären ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Dämon ihr die Seele rauben will.« Er umklammerte ein großes juwelenbesetztes Kreuz, das an seinem Hals hing.
»Ich glaube nicht, dass ein Dämon etwas mit ihrem Zustand zu tun hat«, versuchte Olivera ihn zu beschwichtigen. Allerdings war in seinen Augen zu lesen, dass die Worte des Gottesmannes auf fruchtbaren Boden gefallen waren.
»Und wenn Ihr Euch irrt?«
Darauf wusste Olivera keine Antwort. Zu oft war sie Zeugin geworden, wie abergläubisch die Nürnberger waren. Sobald ein solches Gerücht anfing, die Runde zu machen, war mit gesundem Menschenverstand kaum mehr etwas auszurichten. War es nicht auch damals so gewesen, als alle davon überzeugt waren, ein Werwolf würde sein Unwesen in der Stadt treiben? Ganz zu schweigen von dem angeblichen Stein der Weisen, den der Adept Alphonsius zu besitzen behauptet hatte. Es blieb nur zu hoffen, dass Matthäus’ Behandlung anschlug und das Mädchen schnell wieder genas. Ansonsten stand das Schlimmste zu befürchten, da Angst ein Einfallstor für Eiferer und Scharlatane war.
»Ich lasse nach dem Priester schicken«, beschied Groß. »Er soll dabei sein, wenn Ihr Clara behandelt.«
Olivera verkniff sich die Antwort, die ihr auf der Zunge lag, und folgte den Männern ins Obergeschoss zum Zimmer des kranken Mädchens.
Es schlief, warf sich jedoch unruhig in den Kissen hin und her. Claras Gesicht war grau, das Haar klebte nass in der Stirn. Immer wieder zuckten ihre Beine, aber die furchtbaren Krämpfe hatten sich allem Anschein nach gelegt.
Die Magd, die schon bei Oliveras letztem Besuch in der Kammer gewesen war, saß neben dem Bett und tupfte der Kranken die Stirn ab. »Heiliger Antonius, ich bitte dich, erbarme dich der armen Seele«, hörte Olivera sie murmeln. Offensichtlich war sie immer noch der Meinung, dass es sich bei Claras Leiden um das Antoniusfeuer handelte.
»Wie lange schläft sie schon?«, erkundigte sich Olivera.
»Seit einer Stunde«, erwiderte die Magd.
Olivera beugte sich über die Kranke, um ihr die Hand auf die Stirn zu legen. Sie war immer noch viel zu heiß. Während Martin Groß sich mit vor der Brust verschränkten Armen neben der Tür aufbaute, füllte Olivera etwas von dem Helleborus und der Wolfsmilch in einen Becher ab, mischte alles mit Wein und Honig und hob den Kopf des Mädchens an, dessen Augenlider flatterten. Vorsichtig setzte sie ihm den Becher an die Lippen und flößte ihm den Trank ein.
Clara stöhnte.
Mühsam gelang es Olivera, sie zum Schlucken zu bewegen, da sie nur halb bei Bewusstsein war.
Plötzlich, Olivera hatte den Becher gerade erneut an ihre Lippen gesetzt, öffnete sie den Mund zu einem Schrei und machte eine Bewegung, mit der sie Olivera den Becher aus der Hand schlug. Auch ihre Beine fingen an, sich stärker unter der Decke zu bewegen, die zu Boden glitt.
»Tut doch etwas!« Martin Groß trat neben das Bett und sah hilflos auf seine Tochter hinab.
In diesem Moment erschien eine Magd in der Tür, gefolgt von zwei Männern: dem Medicus Matthäus und einem Mann in Priestertracht.
»Dem Herrn sei Dank! Da seid Ihr, Pater!«, begrüßte Groß den Gottesmann. Matthäus schenkte er kaum Aufmerksamkeit.
»Zieht Ihr immer noch weltliche Hilfe vor?«, fragte der Priester mit einem Blick auf Olivera und den Medicus.
»Sie sagen, sie wüssten, woran Clara erkrankt ist«, gab der Patrizier zurück.
»Das kann nur der Herr sicher wissen«, antwortete der Geistliche.
Matthäus blickte von einem zum anderen. »Soll ich Eurer Tochter helfen oder nicht?«
Der Hausherr zögerte, ehe er nickte. »Ein letztes Mal. Wenn Ihr sie wieder nicht heilen könnt, liegt ihr Schicksal in Gottes Hand.«
Kapitel 8
Jona fühlte sich immer noch ein wenig schwindelig von Fronis Nähe, doch allmählich kehrten andere Gedanken in seinen Kopf zurück. Nachdem er ihr geholfen hatte, das Feuerholz in die Küche zu schleppen, warf er aus der Ferne einen Blick in den Schuppen, in dem Cristin damit beschäftigt war, Schafgarbe auszulegen. Einen Augenblick lang verharrte er unschlüssig auf der Stelle, ehe er tief Luft holte und beschloss, sich Gewissheit zu verschaffen. Wenn er sich irrte, waren all die Vermutungen, war der Verdacht, der an ihm fraß, haltlos. Falls er jedoch recht hatte … Was dann? Er steckte die Hand in die Tasche und umklammerte den Stofffetzen, den er im Haus des Alten Endris entdeckt hatte. Es gab keine andere Möglichkeit. Er musste einfach in Erfahrung bringen, was dort vorgefallen war!
Selbst wenn ihm nicht wohl war bei der Vorstellung, sich durch Oliveras persönliche Dinge zu wühlen, blieb ihm keine andere Wahl. Ohne Gewissheit würde er keine Ruhe finden. Nachdem er sich im Hof umgesehen hatte, ging er zurück ins Haus und erklomm die Treppe ins Obergeschoss. Dort hielt er inne, lauschte kurz und huschte dann weiter zu der Tür, hinter der sich die Kammer befand, in der Olivera ihre Kleidertruhen aufbewahrte. Zu seiner Erleichterung war der Raum nicht abgeschlossen, weshalb es ihm ohne Schwierigkeiten gelang hineinzuschlüpfen. Mit hämmerndem Herzen lehnte er sich gegen die Tür und wartete, bis sich sein Puls etwas beruhigt hatte. Dann sah er sich in der kleinen Kammer um.
Durch ein Fensterchen am anderen Ende fiel etwas Licht auf den Dielenboden, der nach frischem Wachs roch. Links von ihm standen große Holztruhen mit schweren Deckeln, rechts befanden sich einige Körbe mit Tuch. Da er nicht wusste, wo er anfangen sollte, entschied er sich für die Truhe, die ihm am nächsten war, hob den Deckel an und blickte hinein.
»Männersachen«, murmelte er enttäuscht.
In der zweiten Truhe hatte er mehr Glück. Darin lagen, fein säuberlich zusammengelegt, Kleider in leuchtenden Farben, lange Gewänder und die dunklen Mäntel und Überwürfe, die Olivera im Herbst und Winter trug. Hastig zog Jona das Stück Stoff aus der Tasche und fing an, die Stapel zu durchwühlen. Mit jedem Kleid, das nicht zu dem Fetzen passte, wollte sich Erleichterung in ihm breitmachen, doch am Boden der Truhe wurde er schließlich fündig.
»Heiliger Johannes!«
Seine Hand zitterte, als er das Kleidungsstück hervorzog, um es mit dem Stofffetzen in seiner Hand zu vergleichen.
Das Muster war ein und dasselbe.
Obwohl er an einen Zufall glauben wollte, breitete er das Kleid aus und fand die Stelle, an der es beschädigt war. Es gab keinen Zweifel mehr: Olivera war auf dem Hof des Alten Endris gewesen. Irgendetwas musste dort vorgefallen sein, das zum Tod der vier Männer geführt hatte. Jona wurde flau im Magen, als er sich der Tragweite seiner Entdeckung bewusst wurde. Allem Anschein nach hatten Götz und Olivera etwas mit den Toten zu tun oder deckten jemanden – ihren Bruder Markos, der wie vom Erdboden verschluckt war.
Lange Zeit blickte er auf das Kleid hinab, ehe die Erstarrung von ihm abfiel. Er legte es wieder zusammen und verstaute es in der Kiste. Niemand durfte bemerken, dass er in der Kammer gewesen war. Was er mit seinem Wissen anfangen sollte, wusste er nicht. Er konnte Götz und Olivera nicht zur Rede stellen. Was sollte er auch sagen? Was, wenn er sich irrte und es für alles eine Erklärung gab? Er steckte den Stofffetzen ein und verwünschte sich für seine Neugier. Warum musste er seine Nase immer in Angelegenheiten stecken, die ihn nichts angingen? Hatte er nicht schon oft genug bewiesen, wie töricht er war?
Mit einem Seufzen ging er zur Tür, verließ die Kammer und wandte sich dem Korridor zu. Zu spät bemerkte er Mathes, der am anderen Ende des Ganges aus der Stube kam.
Die Augen des Knechtes weiteten sich. Dann trat eine steile Falte auf seine Stirn. »Was hast du hier oben zu suchen?«, knurrte er und kam mit geballten Fäusten auf ihn zu.
Jona wich einen Schritt zurück, obwohl er Mathes inzwischen um einen halben Kopf überragte.
»Was tust du hier?«, wiederholte der Knecht die Frage. Sein Blick wanderte zu der Tür der Kammer, aus der Jona gekommen war, und seine Miene wurde noch argwöhnischer. »Wolltest du lange Finger machen?«
Jona suchte verzweifelt nach einer Lüge, aber ihm fiel keine ein.
»Antworte, du kleine Kröte!« Mathes packte ihn beim Schlafittchen und holte aus, um ihm eine Ohrfeige zu versetzen.
Doch die Zeit, in der Jona sich vor ihm gefürchtet hatte, war vorbei. Er wich dem Schlag aus, befreite sich aus Mathes’ Griff und hob abwehrend die Hände. »Lass das!«, sagte er so ruhig wie möglich.
Mathes’ Gesicht färbte sich rot vor Wut. Er holte erneut aus, dieses Mal mit der Faust.
Auch dieser Schlag ging ins Leere.
»Hör auf damit!« Jona parierte einen weiteren Hieb, indem er Mathes’ Arm zur Seite schlug. »Du verprügelst mich nicht mehr!«
»Das werden wir ja sehen!« Schäumend vor Wut löste Mathes seinen Gürtel, legte ihn zusammen und ließ ihn durch die Luft sausen.
Jona fing ihn mühelos ab. Mit einer blitzschnellen Bewegung verdrehte er das Leder und entwand Mathes den Gürtel.
»Du verdammter kleiner Mistkerl!«, tobte der Knecht und fing an, blindlings auf Jona einzuschlagen.
Da ihm nichts anderes übrig blieb, setzte Jona sich zur Wehr. Zwar musste er ein paar Schläge einstecken, doch schließlich gelang es ihm, Mathes zu überwältigen und mit einem Hieb ans Kinn zu Boden zu strecken. Ehe der Knecht sich aufrappeln konnte, war er bei ihm, kniete sich auf seine Brust und hob drohend die Faust. »Ich habe gesagt, du sollst aufhören«, knurrte er. »Wenn du noch einmal versuchst, mich zu verprügeln, schlage ich dir den Schädel ein. Das schwöre ich bei Gott!«
Mathes erbleichte. Sein Atem kam abgehackt und stoßweise, aus seiner Nase floss Blut.
Auch Jona hatte einige Blessuren davongetragen, eine aufgeplatzte Lippe und ein blaues Auge, doch nichts im Vergleich zu dem, was Mathes ihm früher zugefügt hatte.
»Du dreckiger kleiner Dieb!«, zischte Mathes.
»Ich bin kein Dieb! Ich weiß nicht, wie oft ich dir das noch sagen muss!« Jona verstärkte den Druck seines Knies, als Mathes versuchte, sich aufzubäumen, um ihn abzuschütteln.
»Was ist denn hier los?«
Jona erstarrte.
Mathes’ Blick wanderte zum Treppenabsatz, auf dem Götz stand und mit grimmiger Miene auf das blickte, was sich seinen Augen bot.
»Was, bei allen Heiligen, soll das? Lass ihn sofort los, Jona!«
Widerwillig nahm Jona das Knie von Mathes’ Brust und ballte die Fäuste, um sich zu wehren, sollte der Knecht ihn erneut angreifen.
Mathes rappelte sich mit einer Verwünschung auf.
»Der kleine Mistkerl wollte euch bestehlen«, behauptete er. »Ich habe ihn erwischt, wie er aus der Kleiderkammer kam.«
Götz’ Gesicht verdunkelte sich. »Stimmt das?«, wandte er sich an Jona.
Einen Augenblick überlegte Jona, alles abzustreiten. Aber was würde das bringen? Götz würde ihm ohnehin nicht glauben, vor allem nicht, wenn er den Stofffetzen in seiner Tasche fand. Deshalb wischte er sich mit dem Handrücken das Blut vom Mund und sagte: »Ich weiß, was ihr getan habt.«
Kapitel 9
»Nicht! Paul, lass das!« Gerlin löste sich mit einem Lachen von dem jungen Mann, der sie hinter eines der Wirtschaftsgebäude im Spital gezogen hatte, um sie zu küssen. Er war schlank, quirlig und so blond, dass sein Haar fast weiß wirkte. Seit einem halben Jahr war er der Gehilfe des Medicus Matthäus, kümmerte sich um Harngläser, Ohrenschalen und die Instrumente des Arztes und sorgte dafür, dass die Kranken sich an die Vorschriften der Schonkost hielten, die Matthäus ihnen verordnete.
»Wieso?« Seine grauen Augen blitzten schelmisch. »Gefällt es dir nicht?«
Gerlin spürte, wie sie bis an den Haaransatz errötete. Nach ihrer Befreiung aus dem Hurenhaus hatte sie sich geschworen, nie wieder zuzulassen, dass die Hände eines Mannes sie berührten. Aber Paul schien nicht zu sein wie die anderen Männer. Er war sanft, zärtlich und immer heiter. Gerlin hatte längst ihr Herz an ihn verloren. Da sie sich ihre Kammer im Spital mit einer anderen Magd teilte, hatten sie nicht oft Gelegenheit, sich unbeobachtet zu treffen. So war jeder Moment mit Paul wertvoll.
Sie fühlte das Prickeln und Brodeln in ihrer Brust, als Paul erneut ihre Lippen mit den seinen verschloss. Vorsichtig tastete er sich weiter vor, bis sich ihre Zungen in einem wilden Tanz liebkosten. Seine Berührung war so berauschend, dass Gerlin das Gefühl hatte, die Welt würde sich immer schneller um sie drehen. Obwohl sie wusste, dass ihr Verhalten sündig war, konnte sie sich nicht gegen Pauls Anziehungskraft wehren.
Seine Hände wanderten an ihrem Rücken entlang zu ihrem Gesäß.
»Nicht!« Sie wich vor ihm zurück und schüttelte den Kopf. »Wenn uns jemand sieht!«
Paul grinste. »Wer soll uns hier schon sehen? Außer den Spatzen auf den Dächern ist doch niemand in der Nähe.« Er machte Anstalten, sie erneut an sich zu ziehen.
»Ich … ich kann nicht«, stammelte Gerlin. Er wusste nichts von ihrer Vergangenheit, von dem, wozu man sie monatelang gezwungen hatte. Wenn er es herausfand …
»Ich dachte, du magst mich«, sagte er mit einem verletzten Unterton.
»Ich mag dich sogar sehr«, gab Gerlin zurück. »Aber …«
»Ich bin nicht nur auf ein Abenteuer mit dir aus«, unterbrach Paul sie. »Ich verdiene gutes Geld bei Matthäus. Genug, um eine Familie zu unterhalten.«
Gerlin sah ihn ungläubig an.
»Könntest du dir vorstellen …« Er zögerte einen Augenblick. »Würdest du …«
Gerlin hob die Hand und legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Sag nichts, was du bereuen könntest.«
»Ich will, dass du meine Frau wirst«, platzte es aus ihm heraus.
Gerlin glaubte, nicht richtig zu hören. »Du willst, dass wir heiraten?«
Er nickte. »Ich will dich nicht zu einer unehrlichen Frau machen«, beeilte er sich zu sagen. »Das wäre nicht recht.«
In Gerlin breitete sich eine bleierne Schwere aus. Sie war es nicht wert, dass er seine Liebe an sie vergeudete. »Ich …«, hob sie an, doch die Worte wollten nicht kommen.
»Du musst dich nicht sofort entscheiden«, sagte Paul. »Aber denk darüber nach. Bitte.«
Gerlin senkte den Blick. Du musst es ihm sagen! Der Gedanke ließ sie einen Schritt zurückweichen.
»Gerlin?« Er sah sie mit einer Mischung aus Bangigkeit und Enttäuschung an. »Gibt es einen anderen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein!«
»Dann bin ich nicht gut genug?«
Tränen stiegen in ihr auf. »Du bist mehr als gut genug«, flüsterte sie. »Ich …« Die Worte wollten nicht über ihre Lippen.
»Gerlin?« Er griff nach ihrer Hand.
Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Zu groß war die Scham, zu gewaltig die Angst, dass er die Schande in ihren Augen lesen könnte.
Ein Rascheln und das Geräusch von Schritten, die sich näherten, retteten sie. Wäre sie doch bloß nie auf Pauls Werben eingegangen! Wenn sie ihn von Anfang an zurückgewiesen hätte, müsste sie ihn jetzt nicht so verletzen.
Paul ließ ihre Hand los. Zwei Mägde näherten sich und rissen erstaunt die Augen auf, als sie die beiden sahen.
Hastig strich Gerlin sich die Röcke glatt, mied Pauls Blick und eilte an den Mägden vorbei zurück in Richtung Hanselhof. Wie hatte sie nur so töricht sein können? Wusste sie es nicht besser? Sie war eine Hure, und nichts, absolut nichts, konnte daran etwas ändern! Welcher anständige Mann würde eine wie sie zur Frau haben wollen? Sie musste ihr Herz verhärten. Paul hatte etwas Besseres verdient als sie. Mit einer heftigen Bewegung wischte sie sich über die Augen und floh in die Siechenstube.
Kapitel 10
Götz starrte Jona fassungslos an. Was zum Henker meinte der Bengel? »Du weißt, was wir getan haben?«, fragte er gefährlich ruhig.
Jona brachte Abstand zwischen sich und Mathes, der inzwischen wieder auf die Beine gekommen war.
Der Knecht zog wütend ein Tuch aus der Tasche und drückte es auf seine blutende Nase. »Das zahle ich dir heim!«, knurrte er.
»Hier wird gar nichts heimgezahlt!« Götz verschränkte die Arme vor der Brust. »Was hattest du hier oben zu suchen?« Er sah Jona scharf an.
»Ich war heute beim Hof des Alten Endris«, erwiderte der Junge.
Götz stockte der Atem. »Wieso …«
»Ich habe damals den Zettel gesehen, den ihr in den Kamin geworfen habt«, erklärte Jona. »Darauf war zwar nicht mehr viel zu erkennen, aber irgendwann habe ich eins und eins zusammengezählt.«
Götz erstarrte. Wie war es möglich, dass ihnen jemand auf die Schliche gekommen war? Hatten sie nicht alles getan, um jene unglückselige Nacht zu begraben wie die Leichen von Paumgartner und seinen Gehilfen? Seit dem Vorfall hatten Olivera und er kaum darüber gesprochen. Zwar hatte sie kurz nach Markos’ Verschwinden eine Weile befürchtet, er könnte wieder auftauchen, doch diese Furcht hatte sich im Lauf der Zeit gelegt. Ihr verdammter Bruder war über alle Berge und würde es mit Sicherheit nie wieder wagen, in ihre Nähe zu kommen. Falls doch, würde Götz ihn eigenhändig umbringen!
Jona zog etwas aus der Tasche und hielt es ihm hin: einen Ring und ein schmutziges Stück Stoff.
»Was soll das sein? Woher hast du das?«
»Das habe ich im Haus des Alten Endris gefunden.« Jona hielt den Stofffetzen hoch. »Und den Ring habe ich in dem Grab gefunden. Er gehört Paumgartner.«
Mathes sog hörbar die Luft ein. Er warf Götz einen fragenden Blick zu, während seine Hand zu dem Messer an seinem Gürtel wanderte, den er wieder angezogen hatte.
Götz schüttelte den Kopf.
»Der Stoff gehört zu einem von Oliveras Kleidern«, fuhr Jona fort. »Ihr wart dort. Was ist passiert?«
»Das geht dich einen Scheißdreck an, du kleine Made!« Mathes machte Anstalten, sich erneut auf Jona zu stürzen.
»Lass ihn in Ruhe!«, befahl Götz. Es hatte keinen Zweck zu leugnen, dass sie auf dem Hof des Alten Endris gewesen waren. Er kannte Jona inzwischen gut genug, um zu wissen, dass der Bengel nicht locker lassen würde. Wäre er nicht gewesen, würde sein Sohn Lukas nicht mehr leben. Auch Olivera verdankte Jona ihr Leben, folglich gab es nur einen Ausweg. Er musste ihm die Wahrheit sagen. »Komm mit in die Stube«, seufzte er.
»Was?«, erboste sich Mathes. »Du willst ihm doch hoffentlich nicht …«
»Er weiß es ohnehin schon«, fiel Götz ihm ins Wort. An Jona gewandt sagte er: »Wir haben Paumgartner nicht getötet. Das war Markos.« Er kehrte den beiden Streithähnen den Rücken und ging in die Stube. Sie folgten ihm. Dort ließ er sich auf einen Stuhl fallen und erzählte Jona alles, was in der Nacht geschehen war.
»Er hat euch in den Keller eingesperrt?« Jona sah ihn fassungslos an. »Aber er muss doch gewusst haben, dass er damit Lukas zum Tod verurteilt!«
»Das war ihm gleichgültig«, seufzte Götz. »Er hatte es einzig und allein auf den Stein der Weisen abgesehen.« Er spürte die altbekannte Wut in sich aufsteigen.
»Ich habe das Grab wieder zugeschaufelt«, sagte Jona. »Aber wenn ich es entdeckt habe, findet es früher oder später ein anderer. Ich habe gehört, dort soll eine neue Straße gebaut werden.«
Götz stöhnte. »Dann müssen wir die Leichen dort wegschaffen.«
Mathes ließ das blutige Tuch sinken. »Wie stellst du dir das vor? Willst du einfach hinfahren, sie ausbuddeln und … was? In den Fluss werfen?«
»Ohne den Ring wird niemand wissen, dass es sich bei einem der Toten um Paumgartner handelt«, sagte Jona. Er legte das Schmuckstück auf den Tisch.
Götz griff danach und drehte es nachdenklich zwischen den Fingern. »Ich muss mit Olivera reden.« Er steckte den Ring ein. »Vielleicht hat sie einen besseren Einfall.«
»Und er?« Mathes zeigte mit dem Kinn auf Jona. »Du kannst doch nicht zulassen, dass er ohne Erlaubnis im Haus herumschnüffelt!«
Götz bedachte Jona mit einem Blick, den dieser furchtlos erwiderte. Aus dem unsicheren Bettelknaben, den er und Olivera in ihrem Haus aufgenommen hatten, war ein junger Mann geworden, der das Herz am rechten Fleck hatte. Götz verdankte ihm viel. »Ich hätte an deiner Stelle vermutlich genauso gehandelt«, gestand er.
»Soll das heißen, du lässt ihm das einfach durchgehen?«, empörte sich Mathes.
Götz zuckte mit den Schultern. »Jetzt haben wir wenigstens den Ring.«
Mathes war anzusehen, dass er nur mit Mühe eine Verwünschung schluckte.
Götz wusste, wie schlecht er auf Jona zu sprechen war, auch wenn der Junge ihm nach seiner Genesung fast alle Arbeit im Hof und in den Ställen abgenommen hatte. Die beiden teilten sich seit Jahren den Heuboden in einem der Schuppen. Vielleicht war es an der Zeit, Jona eine eigene Kammer zu geben. Er beschloss, auch das mit Olivera zu besprechen. Die Tragweite der Geschehnisse wurde ihm immer mehr bewusst.
»Was hast du mit dem Ring vor?«, fragte Jona.
»Auf keinen Fall werde ich ihn behalten.«
»Du hättest ihn in die Pegnitz werfen sollen«, brummte Mathes.
»Dafür ist es noch nicht zu spät.« Götz erhob sich. »Kein Wort darüber!«, warnte er. »Zu niemandem.«
Kapitel 11
Olivera verfolgte, wie Matthäus die Schröpfköpfe vom Rücken der kranken Clara entfernte und zurück in seine Tasche legte. Das Mädchen hatte immer noch Krämpfe, die sich inzwischen darin äußerten, dass es Arme und Beine nicht mehr ausstrecken konnte. Die Schmerzen, die es litt, mussten unvorstellbar sein, die Schreie wurden immer schlimmer.
Der Priester verfolgte das Schröpfen mit gerunzelter Stirn und trat ans Bett, sobald Matthäus den letzten Schröpfkopf gelöst hatte. »Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir«, sagte er salbungsvoll, legte ein schweres Kruzifix zu dem kranken Mädchen ins Bett und griff nach einer Flasche voller Weihwasser. Damit benetzte er die Stirn und fing an, lateinische Gebete zu sprechen.
»Und es ist das Feuer des heiligen Antonius«, hörte Olivera die Magd murmeln.
Sie winkte die junge Frau zu sich und bedeutete ihr, ihr aus der Kammer in den Korridor zu folgen. »Wieso bist du so sicher, dass es sich um das Antoniusfeuer handelt?«, fragte sie.
»Weil die Mönche in meinem Dorf es so genannt haben«, war die Antwort.
Olivera runzelte die Stirn. »Aber es äußert sich nicht auf diese Art.«
Die Magd zuckte mit den Schultern. »Bei uns hatten viele solche Krämpfe. Die Mönche haben sie mit Gebeten und Antoniusbrot geheilt.«
»Antoniusbrot?« Davon hatte Olivera noch nie etwas gehört.
»Es hat nur diejenigen geheilt, bei denen die Krankheit nicht so weit fortgeschritten war«, sagte die Magd. »Die anderen sind elendig zugrunde gegangen.« Sie schlug ein Kreuz vor der Brust. »Die arme Clara. Wenn der Priester ihr nicht helfen kann …« Sie errötete. »Ich meine … Ich wollte nicht sagen, dass …«
»Schon gut.« Olivera winkte ab. Sie schickte die Magd zurück in das Krankenzimmer und ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Was, wenn sie recht hatte? Alle bisher verabreichten Arzneien zeigten kaum Wirkung, und ob das Schröpfen half, die Krämpfe zu lindern, blieb abzuwarten. Sie beschloss, nach Hause zu gehen und noch einmal die Bücher und Traktate der gelehrten Ärzte zu Rate zu ziehen. Als Matthäus wenig später ebenfalls auf den Gang hinaustrat, schüttelte er mit einem traurigen Ausdruck den Kopf. »Ich fürchte, all unsere Heilkunst ist vergebens. Vielleicht kann ihr wirklich nur Gott helfen.«
»Ich gebe nicht auf«, widersprach Olivera. Sie erzählte ihm, was die Magd behauptet hatte.
»Das Feuer des heiligen Antonius?« Matthäus schüttelte den Kopf. »Bei dieser Krankheit bilden sich Blasen auf der Haut und die Glieder sterben durch Fäulnis ab. Diejenigen, die ich an diesem Leiden habe sterben sehen, sind zu Fetzen verfault. Sie muss sich irren.«
Olivera gab ihm insgeheim recht, dennoch wollte sie nichts unversucht lassen. Sie verabschiedete sich von ihm, verließ das Gebäude und begab sich zurück in die Burgstraße. Dort ging sie ohne Umwege in die Salbenküche, holte erneut die Bücher hervor und fing an, darin zu blättern.
Was sie fand, bestätigte ihre Annahme. In einem der Bücher stand ein Bericht aus einem Dorf, das vom Antoniusfeuer heimgesucht wurde. Die Aufzeichnungen besagten, dass die Krankheit die Eingeweide auffraß. Die Glieder, nach und nach zernagt, wurden schwarz wie Kohle und die Kranken starben schnell und unter grauenvollen Schmerzen. Ihr Gebrüll war weithin zu hören und ein unbeschreiblicher Gestank verpestete die Häuser, in denen sie dahinsiechten. Nach langem Suchen stieß sie auf eine Erwähnung des Antoniusbrotes, allerdings war die Beschreibung der Zutaten ungenau.
Sie wollte die Bücher schon zurück ins Regal stellen, als ihr Blick auf eine Abschrift der Lehren eines arabischen Alchemisten fiel, dessen Arzneien sie schon oft verwendet hatte. Dort entdeckte sie einen Eintrag über ein Gift, das dem Alchemisten zufolge stark heiß war und das zu einer Krankheit führte, die sich auf zweierlei Arten äußerte. Die erste Beschreibung entsprach dem, was Olivera als Antoniusfeuer kannte, die zweite schilderte ziemlich genau Claras Leiden. Neben Krämpfen, Dauerkontrakturen der Muskeln und Ohnmachten führte die Krankheit, wie der Alchemist angab, auch zum Irrsinn. Linderung konnten Umschläge von kalten Arzneien wie Mohnsaft, Sandelholz, Kampfer und Endivienwasser bringen. Zudem wurden Breitwegerich zur Schmerzlinderung, Bleiweiß, Rautensaft und Rosenöl empfohlen.
Es ist nicht bekannt, worin das Leiden seinen Ursprung nimmt, schrieb der Alchemist. Wenn jedoch rechtzeitig mit der Behandlung begonnen wird, kann der Kranke gerettet werden.
Olivera schob das Buch grübelnd beiseite. Hatte die Magd am Ende doch recht? Und falls ja, würde Martin Groß ihr erlauben, seiner Tochter erneut eine Arznei einzuflößen?
»Wenn Ihr sie wieder nicht heilen könnt, liegt ihr Schicksal in Gottes Hand«, hatte er gesagt.
Olivera nahm an, dass er nichts unversucht lassen würde, um seiner Tochter das Leben zu retten. Sie beschloss, die Arzneien zuzubereiten und mit Matthäus über die Schrift des Alchemisten zu sprechen.
Sie war gerade dabei, die Zutaten zusammenzusuchen, als Götz in der Offizin erschien. Hinter ihm tauchten Jona und Mathes auf. Ohne ein Wort zu sagen, trat Götz auf den Tisch zu, an dem sie arbeitete, und legte einen Ring darauf.
Olivera sah von einem zum anderen. »Was ist denn mit euch passiert?«, fragte sie mit Blick auf Jonas und Mathes’ Gesichter.
»Nichts«, murmelte der Knecht.
»Götz?« Sie wandte sich ihm fragend zu. »Was ist das für ein Ring?«
»Sieh ihn dir an«, forderte er sie tonlos auf.
Zögernd nahm sie ihn und betrachtete das Wappen. »Ein Siegelring?«
»Nicht irgendein Siegelring«, entgegnete Götz. »Paumgartners Siegelring.«
Olivera glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Paumgartner?«
»Jona hat ihn gefunden.«
»Den Ring?«
»Paumgartner.«
Oliveras Herz setzte einen Schlag aus. Sie sah Jona fassungslos an.
»Er war beim Hof des Alten Endris«, erklärte Götz und erzählte ihr, was Jona berichtet hatte.
Sie spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Seit Markos’ Verschwinden hatte sie versucht, sich einzureden, dass es vorbei war; dass die Vergangenheit begraben und vergessen war; dass sie nie wieder über ihren Bruder reden oder an ihn denken musste. Sie hielt sich an der Tischkante fest, da der Raum sich plötzlich um sie drehte. »Wieso?«, murmelte sie. Warum jetzt? Kurz nach der Rettung ihres Sohnes hatte sie sich häufig gefragt, wo Markos wohl sein mochte, ob er irgendwann wieder auftauchen würde. Mit der Zeit hatte sie sich erlaubt, die furchtbare Nacht zu vergessen.
»Ich wollte wissen, was es mit dem Hof auf sich hat«, sagte Jona.
»Es muss ein Wink des Schicksals sein, dass ausgerechnet Cristin über die Leichen gestolpert ist«, seufzte Götz.
»Oh mein Gott!« Olivera schlug die Hand vor den Mund. »Weiß sie, was …«
Jona schüttelte den Kopf. »Sie denkt, es sei ein totes Pferd gewesen.«
»Und was jetzt?« Allein die Vorstellung, noch mal zum Hof des Alten Endris zu gehen, ließ Olivera schaudern.
»Ich werde versuchen, im Rat in Erfahrung zu bringen, wo genau die neue Straße gebaut wird«, sagte Götz. »Falls der Hof des Alten Endris abgerissen werden soll, müssen wir die Toten verschwinden lassen.«
»Wir haben niemanden ermordet«, brummte Mathes.
»Das wird sich nach all der Zeit nicht mehr beweisen lassen«, hielt Götz entgegen.
»Ich denke, wir sollten alles so lassen, wie es ist.« Mathes verzog das Gesicht. »Es ist viel zu gefährlich, sich an dem Grab zu schaffen zu machen. Was, wenn uns jemand dabei erwischt? Wie wollt ihr das erklären?«
»Darüber sprechen wir später«, beschied Götz. »Zuerst erkundige ich mich über die neue Straße.«
»Was sollen wir bis dahin tun?«, wollte Olivera wissen.
»Ihr macht weiter, als ob nichts Ungewöhnliches passiert wäre.«
Kapitel 12
»Es tut mir leid«, sagte Jona, sobald Mathes und Götz die Offizin verlassen hatten. Er trat unsicher von einem Fuß auf den anderen und schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte. »Ich hätte nie mit Cristin dorthin gehen sollen.«
»Vielleicht war es wirklich ein Wink des Schicksals«, beruhigte Olivera ihn. »Man kann sich nicht vor dem verstecken, was man getan hat.«
»Aber euch trifft keine Schuld! Ich weiß, dass dein Bruder Paumgartner getötet und euch in den Keller gesperrt hat.«
»Wir hätten der Wache sagen können, was wirklich vorgefallen ist.«
»Dann hätte man euch bestimmt ins Loch geworfen und peinlich befragt!«
Olivera seufzte. Was geschehen war, ließ sich nicht ändern. Die Umstände von Paumgartners Tod hätten Götz und sie vielleicht nicht aufs Schafott gebracht, aber falls jemand herausgefunden hätte, dass Markos ihr Bruder war … Sie wagte nicht, den Gedanken weiterzuspinnen.
»Glaubst du, er hat den Stein der Weisen immer noch?«, wollte Jona wissen.
Sie nickte. »Ich hoffe, er bringt ihm genauso wenig Glück wie Alphonsius«, sagte sie bitter. Die Wut auf ihren Bruder kehrte zurück. Warum hatten er und ihr Vater nicht auf ehrliche Art und Weise ihr Geld verdienen können? Wie viel Leid mussten sie noch über andere bringen? Sie biss die Zähne aufeinander, um den Strudel der Gefühle im Zaum zu halten, der drohte, sie in die Tiefe zu reißen.
»Ihr könnt euch auf mich verlassen«, versprach Jona. »Ich werde niemandem etwas sagen.«
»Was willst du niemandem sagen?« Plötzlich stand Cristin im Raum. Sie wirkte erhitzt und sah Jona vorwurfsvoll an.
»Nichts«, beeilte er sich zu antworten.
Cristin war anzusehen, dass sie ihm nicht glaubte. »Ich bin fertig mit der Schafgarbe«, sagte sie. »Du hättest mir ruhig helfen können!«
Olivera war froh über die Ablenkung, da die Gedanken in ihrem Kopf wild durcheinanderwirbelten. Wäre es klüger gewesen, die Stadt zu verlassen? Götz hatte sie gedrängt, woanders neu anzufangen. Hatte er recht gehabt? Hätte sie auf ihn hören sollen? Seit ihrer Ankunft in Nürnberg gerieten sie immer wieder in Schwierigkeiten. Es schien beinahe, als wolle Gott ihnen Zeichen geben, dass die Stadt nicht gut für sie war. Zuerst der Brand ihres Hauses, dann der Mordanschlag auf den Burggrafen, ihre Gefangennahme und schließlich die Entführung ihres Sohnes. Welche Unbill hielt Nürnberg noch für sie bereit? Sie beschloss, mit Götz darüber zu reden, sobald sie allein waren.
»Was ist mit deinem Gesicht passiert?«, hörte sie Cristin fragen.
Jona zuckte mit den Schultern. »Nichts«, log er erneut.
Cristin verschränkte schmollend die Arme.
»Ihr könnt mir helfen, ein paar Arzneien zuzubereiten«, sagte Olivera, um einen Streit zwischen den beiden abzuwenden. Bevor Götz nicht etwas über die neue Straße in Erfahrung gebracht hatte, konnten sie ohnehin nichts anderes unternehmen. Und selbst dann war fraglich, ob es klug war, sich der Gefahr einer Entdeckung auszusetzen. Ohne seinen Ring würde man Paumgartner womöglich nicht erkennen. Die Stadtsoldaten würden annehmen, es handle sich um die Opfer von Wegelagerern oder um Männer, die der Alte Endris getötet hatte. Im Moment war sie machtlos. Folglich blieb ihr nur die Arbeit, um dem Abgrund zu entgehen, der sich vor ihr aufgetan hatte. Vielleicht gelang es ihr, Clara Groß und die anderen kranken Kinder von den furchtbaren Schmerzen zu befreien, die sie litten.
Mit einem Seufzen wandte sie sich wieder der Arbeit zu und verbrachte die nächste Stunde damit, die Tränke herzustellen und in Flaschen abzufüllen.
All die Zeit über wechselten Cristin und Jona kaum ein Wort und Olivera hoffte, dass das Mädchen wirklich nicht begriffen hatte, worüber es gestolpert war. Sollte es sich verplappern, würde das die ganze Familie in Gefahr bringen.
Nachdem sie die Flaschen in ihren Korb gestellt hatte, trug sie den beiden auf, während ihrer Abwesenheit Galgantwurzelwein und Thymiansalbe herzustellen, die genauso wie ein Bad mit Pappelrinde gegen Rücken- und Gliederschmerzen halfen. Dann verließ sie die Offizin, um mit Matthäus über das Traktat des arabischen Alchemisten zu reden.
»Du glaubst also wirklich, dass es sich um das Antoniusfeuer handelt?«, fragte der Medicus, als sie ihn in der spitaleigenen Kräuterküche aufsuchte.
»Es scheint zwei unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit zu geben«, sagte sie. »Ich habe die Arzneien zubereitet.«
»Ich glaube nicht, dass Groß dich noch mal zu seiner Tochter lässt«, wandte Matthäus ein. »Er scheint der Meinung zu sein, dass Gott ihr besser helfen kann als wir. Es wäre ratsam, die Tränke erst an dem Waisenknaben hier im Spital auszuprobieren.«
»Aber er ist später erkrankt als Clara.«
»Wenn deine Arzneien bei ihm Wirkung zeigen, wäre Groß ein Narr, uns nicht mehr zu seiner Tochter zu lassen.« Matthäus seufzte. »Ich will keinen Ärger mit dem Rat. Groß hat gewaltigen Einfluss. Sollte er der Meinung sein, die Kur schadet mehr, als sie nützt …«
Er brauchte nicht weiterreden, denn Olivera hatte genügend Erfahrung mit der Feindseligkeit einiger Ratsmitglieder. »Wo ist der Junge?«, fragte sie.
Matthäus stellte das Gefäß ab, mit dem er hantiert hatte, säuberte sich die Hände und führte sie zu einem Bett, in dem ein etwa achtjähriger Knabe lag. Er schien zu schlafen, doch seine Arme und Beine zuckten so heftig, dass er seine Decke abgeworfen hatte. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß und er schien vor Kurzem die Kontrolle über seine Blase verloren zu haben.
Olivera winkte eine der Mägde herbei und trug ihr auf, Wasser für kühle Wickel zu holen. Dann setzte sie sich neben das Bett, fühlte dem Jungen die Stirn und holte die Arzneien aus ihrem Korb.
Als habe er ihre Gegenwart gespürt, öffnete der Junge die Augen und gab ein Stöhnen von sich.
»Keine Angst«, sagte Olivera sanft. Sie half ihm, sich aufzurichten und flößte ihm den Trank aus Sandelholz, Mohn und Kampfer ein. Obwohl er heftig zitterte und einiges an seinem Kinn hinabrann, gelang es ihm, das meiste zu schlucken.
»Muss ich sterben?«, flüsterte er, nachdem Olivera seinen Kopf wieder auf die Kissen gebettet hatte.
Ihr Herz zog sich zusammen. Sie begegnete dem Tod jeden Tag, doch würde sie sich nie an die Angst in den Augen der Sterbenden gewöhnen. »Bete zu Gott, dann wirst du bald wieder gesund«, versprach sie und hoffte, dass der Junge ihr nicht ansah, wie sehr sie daran zweifelte. Er war so mager, dass es wirkte, als würden seine Rippen die Haut durchstoßen wollen, und seine Augen hatten jeglichen Glanz verloren. Als die Magd mit dem Wasser zurückkam, machte sie ihm Wadenwickel, rieb ihn mit Rosenöl ein und hoffte, dass der Alchemist sich nicht getäuscht hatte.
»Und?« Matthäus, der sich in der Zwischenzeit um einen anderen Kranken gekümmert hatte, gesellte sich zu ihr.
Olivera zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Eindruck, das Zucken lässt nach.«
Tatsächlich schien die Arznei den Jungen zu beruhigen und ihm das Atmen zu erleichtern.
»Ich hoffe, es hilft.« Matthäus rieb sich das Gesicht. »Offenbar sind noch zwei Kinder erkrankt. Wenn das so weitergeht …« Er schüttelte den Kopf. »Die ersten reden schon von einem Fluch des Teufels.«
Kapitel 13
Auf dem Weg zum Rathaus hatte Götz Mühe, nicht dauernd die Hand in die Tasche zu stecken, in der sich Paumgartners Siegelring befand. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass der Ring ein Loch in den Stoff brannte, und fragte sich, warum er ihn nicht zu Hause gelassen hatte. Sollte man ihn aus irgendeinem Grund bei ihm finden, würde er wohl kaum erklären können, wie er in seinen Besitz gekommen war. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er das kühle Metall betastete, nur um hastig die Hand zurückzuziehen und sich schuldbewusst umzusehen.
Du hast niemanden getötet, sagte er sich immer wieder, allerdings war diese Tatsache weniger beruhigend, als sie sein sollte. Aus Erfahrung wusste er, dass es oft niemanden interessierte, was wirklich vorgefallen war. Viel wichtiger war, wie die Dinge zu sein schienen. Und vor diesem Hintergrund würden Olivera, Mathes und er so schuldig wirken wie Adam und Eva.
Als das Rathaus vor ihm auftauchte, atmete er ein paar Mal tief ein und aus. Auf keinen Fall durfte er sich durch seine Fragen verdächtig machen oder so viel Neugier erwecken, dass jemand anfing, sich für den Hof des Alten Endris zu interessieren. Größte Vorsicht war geboten. Er warf einen Blick zum Himmel, der sich bewölkt hatte. Von Norden her schoben sich dunkle Wolken zusammen und ein auffrischender Wind blies durch die Stadt. Während man am Morgen den Eindruck gehabt hatte, der Sommer würde noch einige Wochen andauern, ließen die kalten Böen keinen Zweifel am nahenden Herbst.
Obwohl er versuchte, sich einzureden, dass nichts schiefgehen konnte, beschleunigte sich sein Herzschlag, als er vor dem prächtigen Gebäude anlangte. Mit einem Gefühl, als laste ein Zentnergewicht auf seiner Brust, betrat er die Eingangshalle, in der mehrere vornehm gekleidete Männer zusammenstanden und heftig diskutierten. Er näherte sich ihnen und hörte, worüber sie sich so aufregten.
»Es ist ein Fluch, das sage ich euch, so wahr ich Markus Holzschuher heiße!«
»Woher willst du das wissen?«
»Habt ihr nicht gehört, dass Martin Groß einen Priester ins Haus geholt hat?«, fragte der, der zuerst gesprochen hatte. Er war wie Götz ein Ratsmitglied und entstammte einem alten Nürnberger Patriziergeschlecht.
»Er hat recht«, pflichtete ihm ein anderer Mann bei, den Götz als einen der Widersacher erkannte, deren Intrige Olivera und ihn beinahe das Leben gekostet hatte. »Inzwischen sind zwei Dutzend Kinder erkrankt und es scheint kein Ende zu nehmen.«
»Nicht nur Kinder«, wusste ein jüngerer Kaufmann. »Auch unter den Bettlern grassiert die Seuche.«
»Ihr seid Heiden, wenn ihr glaubt, dass es ein Fluch des Teufels ist«, brummte ein älterer Mann. »Es ist die Geißel Gottes.«
Holzschuher winkte ab. »Warum sollte Gott die Nürnberger strafen wollen? Hier leben fromme Leute.«
Diese Feststellung erntete Hüsteln und das eine oder andere unverhohlene Lachen.
»Soso, fromme Leute?« Der Alte schüttelte den Kopf. »Meinst du damit die abergläubischen Narren, die auf diesen Betrüger hereingefallen sind, der behauptet hat, unedle Metalle in Gold verwandeln zu können?«
Götz verzog das Gesicht. Es konnte kein gutes Omen sein, dass ausgerechnet jetzt die Sprache auf Alphonsius kam.
»Das ist doch Jahre her.«
Der Alte schnaubte. »Wenn ihr wollt, dass das Leiden aufhört, geht in die Kirche und betet, bis euch die Knie wehtun«, riet er, ehe er sich von der Gruppe abwandte und auf den Ausgang zusteuerte.
»So ein Unsinn!«, erboste sich jemand, den Götz nicht kannte.
»Ich weiß nicht, ob es Unsinn ist.« Eines der Mitglieder des Größeren Rates wiegte den Kopf hin und her. »Vielleicht hat er recht, vielleicht nicht. Ich befolge seinen Rat lieber, sonst trifft es am Ende auch meine Familie.« Er löste sich von der Gruppe und kam auf Götz zu. Als er ihn sah, zog er die Brauen hoch. »Bringst du Neuigkeiten?«
Götz schüttelte bedauernd den Kopf.
»Deine Frau kennt sich doch mit derlei Dingen aus. Warum kann denn niemand etwas gegen diesen Fluch ausrichten?«
Götz wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Es fehlte noch, dass die Nürnberger schon wieder die Schuld bei Olivera suchten. »Deshalb bin ich nicht hier«, erwiderte er und beschloss, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen. »Ich bin wegen der neuen Straße etwas verwirrt.«
Der Ratsherr runzelte die Stirn. »Welche neue Straße?«
»Die im Westen der Stadt. Weißt du, wo genau sie gebaut werden soll?«
»Wieso? Gehört dir Land dort?«
»Ich bin mir nicht sicher.«
Der Mann beschrieb ihm den Weg, den die Straße nehmen sollte.
Vor Erleichterung hätte Götz beinahe etwas Unbedachtes gesagt.
»Und?«
Götz blinzelte verwirrt.
»Führt sie über dein Land?«
»Nein.«
»Das ist schade. Du hättest sicher einen ordentlichen Batzen dafür verlangen können.« Mit diesen Worten ließ der Ratsherr ihn stehen, überquerte die Straße und verschwand in der gegenüberliegenden Kirche. Zweifelsohne, um eine Kerze für jedes Mitglied seiner Familie zu entzünden und Gott um Schonung für sie zu bitten.
»Wir sollten eine Sitzung einberufen, um über die Maßnahmen zu entscheiden, die getroffen werden müssen«, hörte er einen der Männer sagen, die sich immer noch über die Seuche unterhielten. »Die Bürger müssen geschützt werden. Falls nötig, sollen die Leute in ihren Häusern bleiben und Räucherungen vornehmen, um die Miasmen zu vertreiben. Dieser Fluch wird bestimmt durch üble Dünste verbreitet.«
»Wenn es ein Fluch ist, braucht es keine üblen Dünste, um Schaden anzurichten«, widersprach Markus Holzschuher.
»Das haben sie auch bei der Pest gesagt«, brummte der, der neben ihm stand.
»Ich werde jedenfalls meine Türschwelle mit Weihwasser bespritzen und dafür sorgen, dass einer der Pfaffen mein Haus mit Weihrauch segnet«, beschied Holzschuher.
Als daraufhin mehrere Männer durcheinanderredeten, kehrte Götz der Gruppe den Rücken und verließ das Rathaus. Er überlegte einen Moment, bevor er sich in Richtung Flussufer aufmachte. Je länger er den Ring bei sich trug, desto größer war die Gefahr, dass man ihn entdeckte. Zielstrebig bahnte er sich einen Weg durch die vielen Menschen auf dem Marktplatz und erreichte schließlich den schmalen Pfad, der zum Henkerturm führte. Dahinter erhob sich eine Gruppe von alten Weiden, deren tief hängende Äste ausreichend Sichtschutz boten. Vorsichtig, um an der steilen Böschung nicht abzurutschen, kletterte Götz zum Ufer hinab und sah sich um. Außer einem Fischerkahn, der etwa einen Steinwurf flussabwärts vor sich hin dümpelte, war nichts zu sehen. Während sich sein Herzschlag erneut beschleunigte, holte er den Ring aus der Tasche und schleuderte ihn ohne zu zögern ins Wasser.
Er versank in der Mitte des Flusses.
Als ob er befürchtete, dass er wie durch Zauberhand zurück an die Oberfläche gelangen könnte, starrte Götz eine Weile auf die Stelle, an der er versunken war. Schließlich wandte er sich ab und kletterte zurück nach oben.
»Das wäre erledigt«, murmelte er und spürte, wie sich Erleichterung in ihm ausbreitete. Der Beweis für Paumgartners Identität war beseitigt, ebenso die Angst, dass der Bau der neuen Straße das Grab zum Vorschein bringen könnte. Fast schien es, als ob sich doch wieder alles zum Guten wenden würde. Wenn bloß diese vermaledeite Seuche nicht wäre!
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.