Kitabı oku: «Hexenglut. Historischer Kriminalroman.»
Simone Dorra
Hexenglut
Historischer Kriminalroman

Simone Dorra erblickte 1963 in Wuppertal das Licht der Welt und ist seit 1983 in Baden-Württemberg zu Hause. Die gelernte Buchhändlerin arbeitete zunächst in einem Stuttgarter Verlag und gestaltete dann als Sprecherin und Journalistin Radioprogramme für den Privatrundfunk. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Welzheim, wo sie heute als Lokaljournalistin für die örtliche Tageszeitung arbeitet.
Nach »Schierlingstod« ist »Hexenglut« ihr zweiter historischer Kriminalroman mit Fidelitas vom Kloster Frauenalb im Schwarzwald.
www.simonedorra.de
1. Auflage 2020
© 2020 by Silberburg-Verlag GmbH,
Schweickhardtstraße 5a, D-72072 Tübingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: César Satz & Grafik GmbH, Köln.
Coverfoto: Ausschnitt aus: Walpurgisnacht, Kupferstich
nach M. Herr, 17. Jahrhundert, © akg-images.
Satz und Layout: César Satz & Grafik GmbH, Köln.
Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.
Druck: CPI Books, Leck.
Printed in Germany.
eISBN 978-3-8425-2286-2
ISBN 978-3-8425-2229-9
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Für Bettina Kimpel,
die Juan Alvarez mindestens so sehr liebt wie ich.
Inhaltsverzeichnis
Todesangst
IZuflucht im Kloster
IIDas Haus mit den Rosenfenstern
III… und nichts ohne Gift
IVEine wertvolle Braut
VHölle und Verdammnis
VIAch Scheiden, immer Scheiden …
VIIEs ist ein Schnitter, der heißt Tod
VIIIVerschwörung im Dunkeln
IXAuf dem Weg der Sünder
XLug und Trug
XIDie verschollene Magd
XIIDas vierte Gebot
XIIIBegegnung mit einem Fremden
XIVVerräterische Initialen
XVEin Schlachtplan
XVIDenn er hat seinen Engeln befohlen über dir …
XVIIWettlauf gegen die Zeit
XVIIIAlles auf eine Karte
XIX… dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen
XXIn paradisum
Epilog
Anhang
Glossar
Nachwort
Danksagung
Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blass,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?
(Kriegslied, Matthias Claudius)
Todesangst
Vinzenz Stöcklin rannte um sein Leben.
Der Waldboden unter seinen Füßen war tückisch uneben, er war schon mehrmals gestürzt, und jedes Mal war es ihm schwerer gefallen, sich wieder aufzurappeln. Das Pelzfutter seines teuren Wollmantels war längst zerrissen, hängen geblieben an den Zweigen der Fichten und Buchen, die in seiner wilden Fantasie Krallenhände nach ihm ausstreckten und ihn mit starken, hölzernen Fingern festhielten. Die Ledersohlen seiner Stiefel waren durchweicht vom Nachttau, der Wald rings um ihn her schwarz wie das Innere eines Kamins ohne Feuer.
Der Wagen mit den edlen Stoffballen, seinen Vorräten und seiner Geldkassette befand sich weit hinter ihm, zurückgeblieben irgendwo auf dem holprigen Pfad, der meilenweit durch den Schatten der Bäume hindurchführte. Die Wachen, die er für teures Geld angeheuert hatte, um ihn sicher nach Stuttgart zu bringen – zwei davon waren tot, die anderen beiden geflohen, bevor sie dasselbe Schicksal ereilen konnte. Und die Räuberbande, die ihm und seiner Eskorte kurz nach Sonnenuntergang aufgelauert hatte, war jetzt bestimmt hinter ihm her.
Er prallte blind gegen einen Baumstamm und sah in der Finsternis plötzlich Sterne. Ihm schwindelte, er schlotterte vor Angst, und sein Atem war ein schrilles, rasselndes Keuchen. Er versuchte zu lauschen. Waren da Schritte? Hatten sie ihn bald eingeholt?
Und was würden sie ihm dann antun? Vor seinem geistigen Auge sah er sich bereits auf dem Waldboden liegen, all seiner Kleider beraubt, blutüberströmt und erschlagen. Dieses gottlose Gesindel würde zweifellos auch die Münzen finden, die ihm seine Frau als letzten Notgroschen in den Saum seines Wamses eingenäht hatte.
Arme Regula. Ohne ihn würde sie sich nie und nimmer gegen seine Mutter durchsetzen können. Wenn er jetzt und hier starb, dann war sie weiterhin zu einem elenden Schattendasein verdammt. Genau wie Veronika. Sein Kind. Sein wunderschönes Mädchen.
Der Gedanke an die beiden Frauen, die er liebte und die von seinem Schutz abhängig waren, verlieh ihm wieder ein wenig Kraft. Er stieß sich von dem Baum ab und stolperte eine kleine Ewigkeit weiter, ohne etwas zu sehen, die Hände nach vorne ausgestreckt, um sich vor einem weiteren schmerzhaften Aufprall zu schützen.
Da – jetzt hatte er hinter sich doch etwas gehört. Er blieb stehen und lauschte. Ein Wispern, ein Rascheln, ein Ast, der mit einem scharfen Knacken zerbrach, höchstens ein paar Ellen von ihm entfernt. Sie verfolgten ihn wirklich. Und sie hatten ihn fast erreicht. Er gab alle Vorsicht auf, setzte sich in Bewegung und rannte weiter, die Kehle eng in namenloser Furcht. Die Bäume rings um ihn her standen jetzt nicht mehr gar so nahe beieinander. Plötzlich sah er ein gutes Stück voraus ein schwaches Licht – und wo ein Licht brannte, da mussten auch Menschen sein, bei denen er sich in Sicherheit bringen konnte. Belebt von der unverhofften Aussicht auf Rettung steuerte er hastig und blindlings auf den Schein in der Ferne zu.
Ein jäher Windzug traf sein Gesicht, und etwas Weiches streifte seine Wange. Er hielt inne, schnappte nach Luft – und beim nächsten unsicheren Schritt trat sein Fuß ins Leere. Er warf die Arme hoch, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und stürzte. Sein Körper rollte einen Steilhang hinab, überschlug sich, krachte mehrfach gegen unsichtbare Hindernisse und blieb endlich reglos liegen.
I

Zuflucht im Kloster
Das Erste, was ihm auffiel, als er langsam wieder zu sich kam, war ein leichter, aber deutlicher Duft nach Kräutern. Er erfüllte seine Sinne, während er mit geschlossenen Augen dalag, noch nicht ganz bei Bewusstsein, und die Eindrücke seiner Umgebung bruchstückhaft in sich aufnahm: ein kühles, glattes Laken unter seinem Körper; leiser Frauengesang in der Ferne, sanft auf- und absteigend mit einer beruhigend gleichförmigen Melodie; der dumpfe Schmerz in seinem rechten Bein, deutlich stärker als das Pochen und Stechen in seinem Kopf; und über allem das starke, bittersüße Aroma von Engelwurz.
Er blinzelte und sah, dass er tatsächlich in einem Bett lag. Das Bett stand in einem großen, lichtdurchfluteten Raum. Gleich mehrere Spitzbogenfenster ließen die Sonne ein, und er entdeckte ein halbes Dutzend weiterer Betten, schlicht aus Holz zusammengezimmert und bis auf eines alle leer. In dem lag ein älterer Mann. Er schien zu schlafen, aber was immer es auch für ein Leiden war, das ihn quälte, es hatte tiefe Linien in sein bleiches Gesicht gezeichnet, die auch der Schlaf nicht tilgen konnte.
Was war das hier? Wo war er bloß hingeraten?
Er machte den Versuch, sich aufzusetzen, und sank hilflos wieder auf das Laken zurück. In seinem Kopf drehte sich alles, seine Ohren klingelten, und ihm war übel. Er versuchte, sich die Ereignisse der vergangenen Stunden ins Gedächtnis zu rufen, stellte fest, dass er das nicht konnte, und fühlte sich noch elender. Er schloss die Augen wieder und hätte am liebsten geweint.
Das Dröhnen in seinem Kopf ertränkte die Schritte, die sich seinem Bett näherten, aber die leise, freundliche Stimme, die als Nächstes kam, übertönte es nicht.
»Seid Ihr wach, Herr? Könnt Ihr mich hören?«
Er tastete ziellos nach Halt; seine Hand wurde erfasst und in einem tröstlich warmen Griff festgehalten.
»Deo gratias – so ist's recht. Jetzt müsst Ihr mich nur noch anschauen und mit mir reden, dann habe ich eine Sorge weniger.«
Er öffnete die Augen einen Spaltbreit und sah, dass eine Frau auf einem niedrigen Schemel neben seinem Bett saß. Eine Nonne. Sie trug das schwarze Habit mit der weißen Haube, die ihr Gesicht eng einrahmte; ein kluges, eckiges Gesicht mit reiner, heller Haut, dessen Alter sich merkwürdigerweise nur schwer schätzen ließ. Vielleicht war sie Mitte zwanzig oder auch Anfang dreißig, er konnte es unmöglich sagen. Ihr Kinn sprang leicht vor, was von einer gewissen Sturheit sprach. Ihre Augen waren groß und von einem leuchtenden Haselnussbraun, in dem goldene und grüne Lichter tanzten.
»Wo … wo bin ich?«
Seine Stimme klang so heiser, als hätte er eine Handvoll Kieselsteine verschluckt.
»Ihr seid im Kloster Frauenalb, Herr«, sagte die Nonne. »Im Infirmarium, genauer gesagt. Unsere Knechte haben Euch letzte Nacht hergebracht, nachdem sie Euch fast in Sichtweite unseres Gasthofes besinnungslos aufgefunden haben. Ihr müsst böse gestürzt sein.«
»Ich …«
Plötzlich kehrte die Erinnerung zurück und traf ihn wie ein heftiger Schlag in die Magengrube. Das Gebrüll der Räuber, die ihm und seinem Wagen aufgelauert hatten … Ein wilder Tumult aus klirrenden Schwertern und Schmerzensschreien … Im Licht der fast untergegangenen Sonne zwei grässlich verkrümmte Leichen auf dem Waldboden … Und er war geflüchtet, als wäre ihm der Leibhaftige auf den Fersen.
»Wir wurden überfallen«, murmelte er. »Zwei der Wachen, die meinen Besitz schützen sollten, sind ermordet worden von dem Gesindel, das scharf war auf meine kostbaren Tuche und mein Gold. Die anderen beiden … Ich weiß nicht, wo sie abgeblieben sind.« Er stellte fest, dass er am ganzen Leib zitterte. »Vielleicht sind sie ja auch tot.«
Die Nonne schüttelte den Kopf. Ihr Daumen strich beruhigend über seinen Handrücken. »Nein. Sie haben genauso hergefunden wie Ihr. Und von ihnen haben wir auch gewusst, dass wir nach Euch suchen müssen. Die Mutter Oberin hat sofort unsere Knechte ausgeschickt, und ich bin dankbar, dass sie Euch so schnell entdeckt haben. Ein gebrochenes Bein ist übel genug – nach einer Nacht im Wald hättet Ihr Euch vielleicht auch noch eine Lungenentzündung zugezogen, Herr Stöcklin.«
Er bewegte versuchshalber das rechte Bein … und biss sich auf die Lippen, als der Schmerz bis hinauf in seine Leiste schoss.
»Es ist ein sauberer Bruch«, meinte die Nonne beruhigend. »Er ist ordentlich geschient, und bislang habt Ihr noch kein Fieber. Wenn Ihr lange genug stillhaltet und es mit Gottes Hilfe zu keiner Entzündung kommt, seid Ihr in ein paar Wochen so gut wie neu.«
Plötzlich war er sehr erschöpft.
»Mein … mein Wagen? Was ist mit meinem Wagen?«
»Das wissen wir nicht«, erwiderte die Nonne. »Wir haben uns erst einmal um Euch und Eure Verletzung gekümmert. Aber ich vermute, dass die Männer, die Euch überfallen haben, den Wagen ebenso mitgenommen haben wie das Zugpferd.«
Sein Herz sank. Er versuchte, zu überschlagen, wie hoch der Verlust sein mochte, den er erlitten hatte, aber die Zahlen vollführten in seinem Kopf nur einen verwirrenden Tanz. Er schloss die Augen und seufzte.
»Waren kann man ersetzen, Herr Stöcklin.« Die Stimme der Nonne war sanft, aber bestimmt. »Ein verlorenes Leben nicht.«
Jetzt klang sie deutlich näher. Er spürte, wie die Decke über ihm glatt gestrichen wurde, und der vertraute Kräuterduft verstärkte sich.
»Meine Mutter hat mir immer Engelwurz gegeben«, murmelte er. »Wenn mich mal wieder der Magen gedrückt hat vom guten Essen unserer Köchin.«
»Dann hat Eure Frau Mutter sich gut ausgekannt.« Er konnte hören, dass sie lächelte. »Ich gebe Euch jetzt auch etwas: ein Tonikum aus Weidenrinde und Mohn. Das hilft gegen die Schmerzen, gegen das Fieber, und es sorgt für einen ruhigen Schlaf. Könnt Ihr Euch hinsetzen, was meint Ihr?«
Er stemmte sich mühsam hoch, und ein erstaunlich kräftiger Arm half ihm, sich aufrecht zu halten. Der Rand eines Bechers berührte seine Lippen. Er öffnete den Mund, trank gehorsam und verzog das Gesicht. Gallebitter. Dann wurde er behutsam wieder zurück in die Kissen gebettet.
Er hörte Stoff rascheln und schaffte es mit einiger Anstrengung, noch einmal die Augen zu öffnen. Die Nonne hatte sich erhoben und stand neben dem Bett, die Hände in den weiten Ärmeln ihres Habits.
»Ruht Euch aus«, sagte sie. »Ein paar Stunden Erholung, und die Welt ist gleich ein gutes Stück heller. Ein Bote ist schon nach Freiburg unterwegs, um Eure Familie zu benachrichtigen, damit sie sich keine Sorgen mehr um Euch machen muss.«
»Danke.« Er schluckte. »Vergelt's Gott, Schwester. Darf ich … darf ich wissen, wie Ihr heißt?«
Sie lächelte und verneigte sich leicht.
»Fidelitas«, sagte sie. »Ich bin die Kräutermeisterin von Frauenalb. Dominus vobiscum, Herr Stöcklin. Schlaft gut.«
Sie drehte sich um und war im nächsten Moment mit leisen Schritten durch die Tür verschwunden.

Zwei Monate gingen ins Land; es war ein ausgesprochen nasser Frühling. Auch in den letzten Tagen hatte es fast ununterbrochen geregnet. Doch jetzt hoben sich endlich die Wolken, die wie ein schwerer grauer Mantel über dem Albtal hingen, und die Sonne kam heraus. Der Himmel am Horizont zeigte ein verwaschen bleiches Blau, hoffnungsvoll wie das junge Laub an den Bäumen, das den nahenden Sommer ankündigte.
Fidelitas von Frauenalb stand auf dem Friedhof des Klosters; er lag in kleinem Abstand von der Kirche – immer noch dicht genug bei den lebenden Schwestern, dass die sterblichen Überreste der Nonnen, die hier zur Ruhe gebettet worden waren, ein Teil der Gemeinschaft blieben. Jedes Grab trug auf einem schlichten Stein den Namen der Frau, die hier der Auferstehung entgegenschlief.
Auf dem Stein des Grabes zu ihren Füßen war der Name Agatha zu lesen, darunter das Geburts- und das Sterbedatum 1553. Sechsunddreißig Jahre hatte Agatha in Frauenalb gelebt, erst als Postulantin, dann als Novizin und nach den ewigen Gelübden als Schwester unter Schwestern. Sie hatte vor Fidelitas dem Kloster erst als Infirmarin und zuletzt als Kräutermeisterin gedient; von ihr hatte die jüngere Nonne alles gelernt, was sie heute über Medizin und die Heilung von Kranken mit den Pflanzen wusste, die in den Klostergärten wuchsen. Fidelitas hatte Agatha fast ebenso sehr geliebt wie die Ehrwürdige Mutter Scholastika, die ihr in Frauenalb ein Zuhause gegeben hatte, nachdem sie mit noch nicht einmal zehn Jahren hierhergekommen war, als Oblate in einem Pferdewagen, möglichst weit außer Sicht verfrachtet von einem Vater, der nicht bereit war, sie öffentlich als seine Tochter anzuerkennen.
Fidelitas' ewige Profess hatte Mutter Scholastika nicht mehr miterleben dürfen, und die nächste Äbtissin, Catharina von Remchingen, war dem Schützling ihrer Vorgängerin mit Misstrauen und instinktiver Abneigung begegnet. Als die Gräfin Johanna von Eberstein – Mäzenin des Klosters und Mitglied des Adelsgeschlechts, von dem das Kloster im zwölften Jahrhundert gegründet worden war – vor fünf Jahren darauf bestanden hatte, Fidelitas als private Pflegerin auf eine Reise mitzunehmen, war sie bei der Mutter Oberin auf bemerkenswert wenig Widerstand gestoßen.
Als Fidelitas nach neun Wochen von dieser – mehr als turbulenten – Reise in den Schoß ihrer Klosterfamilie zurückgekehrt war, neigte sich die Herrschaft der Catharina von Remchingen bereits dem Ende entgegen. Natürlich hatte das keiner von ihnen geahnt – aber im November 1550 zog die Äbtissin sich eine schwere Erkältung zu, die sich in ihren Lungen festsetzte und der sie kurz vor Weihnachten erlag.
Katharina II. von Wittstadt – genannt »die Hagenbachin« – hatte ihre Stelle als Ehrwürdige Mutter eingenommen, aber in den wenigen Jahren, während derer sie das Kloster führte, war es ihr kaum gelungen, einen prägenden oder wenigstens angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Im Sommer 1554 war sie ganz plötzlich verstorben. Fidelitas vermutete bis heute ein Magenleiden, war aber mangels der nötigen Überprüfung auf Spekulationen angewiesen. Die Hagenbachin hatte ihr verantwortungsvolles Amt zuallererst als Werkzeug zur Mehrung ihres persönlichen Wohlstandes missverstanden; mehr als eine Abgabe der klösterlichen Lehenshöfe war stillschweigend in ihre persönliche Schatulle gewandert. Obendrein hatte sie ausgesprochen gern und reichlich gegessen – viel zu gern und viel zu reichlich, und Fidelitas hatte immer wieder versucht, ihr behutsam zuzureden, sie möge um ihrer Gesundheit willen und als Vorbild für ihre Töchter doch etwas mehr Maß halten.
Während die Mutter Oberin unbelehrbar der Sünde der Völlerei frönte, hatte Fidelitas' Lehrmeisterin Agatha zusehends den Appetit verloren. Im Frühjahr 1553 tat sie, geschwächt und abgemagert zu einem bloßem Schatten ihrer selbst, ihren letzten Atemzug, tief betrauert von Fidelitas und ihren Mitschwestern, deutlich tiefer jedenfalls als die Hagenbachin, die Agatha nur um dreizehn Monate überlebte.
Und nun war seit wenigen Monaten die dritte Katharina am Ruder, eine Freifrau von Bettendorf und die Schwester des Bischofs Dietrich von Worms. Sie war erst ein knappes Jahr vor dem Ableben ihrer Vorgängerin nach Frauenalb gekommen – eine energische Frau, hochgewachsen und so schmal wie eine Schwertklinge, mit harten Gesichtszügen, hinter denen sich eine unvermutete Güte verbarg, gepaart mit großer Klugheit. Fidelitas hatte sich auf Anhieb gut mit ihr verstanden, und als Katharina das Amt der Äbtissin übernahm, atmete sie ebenso erleichtert auf wie die anderen Nonnen. Dies war eine Ehrwürdige Mutter, die ebenso gut führen konnte wie ihre geliebte Mentorin Scholastika und die dabei das Wohl ihrer Töchter und das des Klosters gleichermaßen fest im Auge behielt.
Fidelitas senkte den Kopf und sprach das Gebet, das sie jedes Mal wiederholte, wenn sie hierherkam: Requiem aeternam dona ei, Domine: et lux perpetua luceat ei. Sie beugte sich vor und legte das mitgebrachte Kräutersträußchen aus Bärlauch, Huflattich und Schlüsselblumen vor Agathas Grabstein ab. Ich vermisse dich, dachte sie. Möge Gott dir die ewige Ruhe schenken und das ewige Licht über dir leuchten lassen. Und mögen wir uns im Kräutergarten der Mutter Gottes wiedersehen.
»Schwester …? Schwester Fidelitas?«
Fidelitas wandte den Kopf und sah Margaretha auf sich zukommen, das Habit gerafft, um auf dem unebenen Friedhofspfad nicht über den Saum zu stolpern. Margaretha stolperte ständig – über Betschemel, Gartenharken, Türabsätze und alles andere, das ihr unglückseligerweise in den Weg geriet. Sie befand sich im dritten Jahr ihres Noviziats und würde vermutlich auch über den Wortlaut der ewigen Gelübde stolpern … aber ablegen würde sie sie trotzdem, denn bei allem Ungeschick konnte es an ihrem hingebungsvollen Glauben nicht den Hauch eines Zweifels geben.
Es spielte keine Rolle, dass sie im Dienst bei der Schwester Mesnerin einen ganzen Kessel Bienenwachs verschüttet und sich dabei gefährlich verbrannt hatte. Es war auch gleichgültig, dass Schwester Saporosa, die seit dreißig Jahren in der Klosterküche für das leibliche Wohl der Nonnen sorgte, sich standhaft weigerte, Margaretha irgendetwas in die Hand zu geben, das schärfer war als ein Holzlöffel. Die neunzehnjährige Novizin war freundlich, mitfühlend und humorvoll und unter den Schwestern trotz ihrer Tollpatschigkeit ausgesprochen beliebt. Ihr sonniges Gemüt hatte ihr geholfen, die Tatsache zu verkraften, dass ihr Vater – ein kleiner Landjunker mit chronisch leerem Säckel – sie kurzerhand wie ein lästiges Möbelstück ins Kloster abgeschoben hatte, das eher bereit war als jeder adelige Bräutigam, die junge Frau ohne nennenswerte Mitgift zu akzeptieren. Auch ihre ständigen Unfälle ertrug sie mit philosophischer Gelassenheit.
Fidelitas runzelte die Stirn, als Margaretha atemlos vor ihr zum Stehen kam. »Langsam, Kind! Was ist denn los?« Ein alarmierender Gedanke schoss ihr durch den Kopf, und ihre Augen wurden schmal. »Der Hustensirup ist doch hoffentlich nicht angebrannt?«
Die Vermutung lag immerhin nahe, denn im letzten Herbst hatte Fidelitas Margaretha auf Anweisung der neuen Äbtissin unter ihre Fittiche genommen. Sie achtete sorgsam darauf, dass ihre Gehilfin mit den gefährlicheren Heilmitteln so wenig wie möglich in Berührung kam, leitete sie aber geduldig in der Gartenarbeit und Pflanzenlehre an, ließ sie unter Aufsicht Kräuter hacken, fertige Tränke abfüllen und in ihren Kesseln rühren. Und in den Kessel, den Margaretha augenblicklich zu überwachen hatte, waren Fidelitas' letzte Vorräte von getrocknetem Spitzwegerich gewandert, gemeinsam mit einem Krug Branntwein und einem ganzen Pfund kostbarem Tannenhonig.
»Nein, nein!« Margaretha wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Der ist fertig, Schwester … genau so dick und süß, wie Ihr ihn haben wolltet. Ich hab ihn zum Abkühlen beiseitegestellt und das Feuer gelöscht.«
Fidelitas gab einen lautlosen Seufzer der Erleichterung von sich. »Sehr schön, Kind. Aber was ist denn dann der Anlass für diese Aufregung?«
»Die Ehrwürdige Mutter möchte Euch sehen«, erklärte Margaretha. »Sie bittet darum, Euch zu beeilen, da sie noch vor der Terz das Kloster für den Rest des Tages verlassen muss.«
Die Terz war das Stundengebet, das täglich um neun Uhr morgens stattfand. Fidelitas warf einen Seitenblick auf den Horizont, der inzwischen ganz hell geworden war; die frühe Sonne ließ die regennassen Rasenflächen zwischen den Grabsteinen blassgolden aufglitzern.
»Dann«, meinte sie, »sollte ich mich wohl besser beeilen.« Sie schenkte Margaretha ein rasches Lächeln. »Und du lässt bis zur Terz den Kessel nicht aus den Augen und rührst ihn regelmäßig durch, damit der Sirup keine Kristalle bildet.«
»Selbstverständlich, Schwester.«
Fidelitas eilte an der jungen Novizin vorbei. Das Quartier der Äbtissin befand sich in einem seitlich versetzten Nebengebäude, in bequemer Nähe zur Kirche. Sie öffnete die kleine Seitenpforte, die hineinführte; bei den letzten paar Schritten durch den Flur umrundete sie den Eimer einer jungen Magd, die mit einer Bürste den Steinboden scheuerte. Zwar wurden die Nonnen in Frauenalb strikt dazu angehalten, die Regeln des Heiligen Benedikts zu befolgen und nicht nur zu beten, sondern durchaus auch zu arbeiten, aber für die wirklich groben Dienste gab es Gesinde.
Sie grüßte das Mädchen freundlich und bekam einen scheuen Gruß zurück, und dann klopfte sie an die vertraute, mit Schnitzereien geschmückte Tür.
»Ehrwürdige Mutter? Ich bin es – Fidelitas.«
»Komm herein.«

Die Äbtissin saß hinter ihrem Schreibtisch direkt neben einem großen Ostfenster. Helles Sonnenlicht fiel auf die viereckig zugeschnittenen Pergamentbögen, die vor ihr gestapelt lagen; in einem Tintenfass steckte eine Schwanenfeder.
»Guten Morgen, meine Tochter«, sagte sie ruhig. »Steht bei deinen Kesseln und Phiolen alles zum Besten?«
Fidelitas lächelte. »Wegen Margaretha, meint Ihr? Keine Sorge – sie macht sich sehr gut. Außerdem ist sie die geborene Gärtnerin. Was sie sät oder pflanzt, das gedeiht, und sie hegt jeden Setzling so liebevoll wie eine Mutter ihr Neugeborenes.«
»Dann hat sie endlich ihren Platz in unserer Gemeinschaft gefunden?« Die Äbtissin betrachtete sie aufmerksam. »Ich muss sagen, das erleichtert mich. Mir ist schon aufgefallen, dass wir in den letzten Monaten weniger zerbrochenes Essgeschirr und weniger haarsträubende Missgeschicke zu beklagen hatten. Das tut dem lieben Kind sicher so gut wie uns allen. – Aber deswegen habe ich dich nicht hergerufen.«
Sie faltete die Hände auf dem Tisch vor sich.
»Wie würdest du das Befinden von Herrn Stöcklin einschätzen? Ist er gesund genug, um nach Hause zurückzukehren? Er hat mich gestern aufgesucht, und mir scheint, er ist ein wenig ungeduldig.«
»Das kann ich mir vorstellen.« Fidelitas nickte. »So lange von daheim entfernt und von seinen Lieben getrennt zu sein, das muss ihm schwerfallen.«
»Richtig. Obendrein macht er sich Sorgen um seine Geschäfte. Er hat mir gegenüber erwähnt, dass sein Tuchhandel in Freiburg im Moment von seiner Mutter geführt wird, und er brennt darauf, ihr die … äh … Zügel wieder aus der Hand zu nehmen. So schnell wie möglich.«
In den Augen der Äbtissin funkelte ein kleines, ironisches Licht, und plötzlich hatte Fidelitas eine ziemlich genaue Ahnung davon, wie sie sich die Mutter des Kaufmannes vorstellen musste. Vermutlich kam der Gevatterin Stöcklin die lange Abwesenheit ihres Sohnes durchaus gelegen … und der fürchtete nun, dass sie die Herrschaft ganz an sich riss.
»Das Bein ist gut verheilt«, erklärte sie. »Ein wenig empfindlich vielleicht, und er sollte es besser noch nicht allzu lange belasten, aber er ist gewiss reisefähig.«
»Schön.« Die Äbtissin wirkte zufrieden. »Dann können wir ihn wohl ziehen lassen.«
Fidelitas neigte den Kopf. »War das alles, Ehrwürdige Mutter?«
»Nicht ganz.« Die Äbtissin lehnte sich zurück und musterte sie scharf. »Er hat mich um einen Gefallen gebeten. Offenbar hast du mit deinen Kenntnissen und deiner Pflege großen Eindruck auf ihn gemacht. Und jetzt wünscht er sich, dass du ihn nach Freiburg begleitest.«
Fidelitas fuhr zusammen.
»Ich? Aber was soll ich denn in Freiburg?«
»Herr Stöcklin hat eine kranke Frau«, meinte Katharina von Bettendorf gelassen. »Sie ist seit Jahren schwächlich, und kein Medikus konnte bislang dauerhaft eine Besserung ihres Zustandes herbeiführen. Er hofft, dass du dank deiner Erfahrung die rechten Kräuter und Heilmittel findest, um ihr zu helfen.«
Fidelitas spürte, wie sich ihr Rückgrat versteifte. Die bloße Vorstellung, das Kloster zu verlassen, bereitete ihr fast körperliche Schmerzen. Aber dann erinnerte sie sich an die rheumatischen Beschwerden, unter denen die Äbtissin regelmäßig litt, und griff danach wie nach einem rettenden Strohhalm.
»Wenn Eure Hand- und Kniegelenke sich wieder fiebrig entzünden«, gab sie zu bedenken, »wer sorgt dann für Euch?«
Katharina von Bettendorf lächelte leicht ironisch; Fidelitas begriff, dass ihre Finte durchschaut worden war.
»Deine Lager sind gut gefüllt und deine Aufzeichnungen leicht verständlich. Unsere Infirmarin Schwester Maria Curatia kennt sich außerdem genügend mit der Kräuterkunde aus, um dich zu vertreten. Sollten meine unerfreulichen Gelenkschmerzen zurückkommen, weiß sie, wo sie deinen Weidenrindenextrakt findet.«
»Herr Stöcklin könnte mir die Anzeichen der Krankheit beschreiben, und ich könnte ihm eine passende Kräutermischung mitgeben.« Es war der letzte Versuch, dem Unvermeidlichen zu entgehen.
Die Äbtissin legte die Fingerspitzen aneinander und musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ohne seine Frau je untersucht zu haben?«, fragte sie milde. »Ohne genau zu wissen, was ihr fehlt? Das wäre doch sicher ein wenig fahrlässig, meinst du nicht?«
Fidelitas biss sich auf die Lippen. »Natürlich, Ehrwürdige Mutter.«
»Überdies hat Herr Stöcklin dem Kloster eine stattliche Summe angeboten, wenn wir bereit sind, für – sagen wir – fünf oder sechs Wochen auf dich zu verzichten. Das sollte dir genügend Zeit geben, um die Natur ihrer Krankheit gründlich genug zu studieren und mit Gottes Hilfe das rechte Mittel zu finden, das sie wieder gesund macht. Immer gesetzt den Fall, ein solches Mittel gibt es.«
»Was ich nicht versprechen kann.« Fidelitas seufzte. Sie erkannte den in beharrliche Freundlichkeit gekleideten Befehl mehr als deutlich. »Es ist Euer Wunsch, dass ich nach Freiburg gehe.«
»Ganz recht. Herr Stöcklin wird übermorgen abreisen; wir stellen ihm einen Wagen zur Verfügung und werden ihm ein paar kräftige Knechte zur Begleitung mitgeben, damit er heil in Freiburg ankommt. Und du ebenfalls.«
Der Blick der Äbtissin wurde sanft.
»Keine Sorge – Maria Curatia wird sich auch um Schwester Margaretha kümmern.« Ihre Lippen kräuselten sich humorvoll. »Aber selbst wenn es uns gelingt, deine Abwesenheit ohne nennenswerte Zwischenfälle zu überstehen, werden wir uns sehr freuen, dich nach erfüllter Aufgabe daheim willkommen zu heißen.«
»Genauso wie ich, Ehrwürdige Mutter.« Fidelitas verneigte sich und ging hinaus, den Kopf gesenkt.
Bis zur Terz war es noch eine knappe halbe Stunde. Sie stellte fest, dass es sie nicht in die Kirche zog, um für eine sichere Reise zu beten. Stattdessen verließ sie das Hauptgebäude, eilte durch den Kreuzgang und am Friedhof vorbei und hatte endlich ihren geliebten Kräutergarten erreicht.
Margaretha war nirgendwo zu sehen, und in diesem Moment empfand Fidelitas große Dankbarkeit dafür. Sie wollte keinerlei Fragen beantworten oder gar die junge Novizin beruhigen müssen – denn die würde bei der Aussicht, wochenlang ohne ihre Lehrmeisterin auskommen zu müssen, vermutlich in Panik geraten. Und sie war selbst schon panisch genug.
Erinnerungen an ihren letzten »Ausflug« in die Welt stürmten auf sie ein. Auch damals hatte sie ihrer Äbtissin gehorcht und war fortgegangen, um eine Kranke zu pflegen und ihr Leiden zu lindern – und dadurch war sie in ein schreckenerregendes Chaos aus Verschwörungen, Mord und Totschlag geraten, das sie sich zuvor niemals hätte träumen lassen.
Sie hatte die Leiche eines vergifteten jungen Mannes entdeckt und ausgerechnet gemeinsam mit einem protestantischen Professor aus Tübingen versucht, das gefährliche Netz aus Lügen und Intrigen zu entwirren, das rings um sie her gewoben worden war. Sie war sogar niedergeschlagen, betäubt und verschleppt worden. Und noch heute dankte sie ihrem Schöpfer bei jedem Gebet, dass sie trotz allem lebend und mehr oder weniger unversehrt in die Sicherheit des Klosters und zu ihren Schwestern hatte heimkehren dürfen.
Sie hob die Augen zum Himmel. Nachdem die Wolken über die bewaldeten Hügel davongezogen waren, war er jetzt von durchsichtiger Klarheit, und die Kräuter in den Beeten noch nass von Regen und Tau. Der Duft nach frühem Thymian, Frauenmantel, Rosmarin, Beinwell und Salbei stieg rings um sie her auf wie eine balsamische Wolke und besänftigte ihre innere Unruhe.
Fidelitas atmete tief durch und schloss die Augen.
Adiuva me, Domine, dachte sie. Geh den Weg nach Freiburg an meiner Seite. Und bring mich danach schnell wieder zurück nach Hause.

(14. Mai A. D. 1555)
Es scheint, als hätte ich mich zu früh gefreut.
Zwar ist mir der Überfall auf den dummen, vertrauensseligen Stöcklin wie ein unverhofftes Geschenk des Schicksals in den Schoß gefallen, aber genutzt hat er mir nichts. Die Räuber haben ihm zwar seine Waren abgenommen, doch bedauerlicherweise haben sie versäumt, ihn umzubringen, und er ist geflüchtet wie der Hase vor dem Fuchs. Dabei hat er sich ein Bein gebrochen, aber anstatt zu sterben, ist er ausgerechnet in einem Kloster gelandet, wo die frommen Frauen ihn wieder gesund gepflegt haben.
Und jetzt kommt er nach Hause zurück – noch dazu in Begleitung einer Nonne. Damit ist der Schatz, den ich schon im Sack zu haben geglaubt hatte, wieder in weite Ferne gerückt. Denn um ihn mir widerstandslos auszuliefern, ist Vinzenz Stöcklin bei all seiner erbärmlichen Schwäche wahrscheinlich nicht skrupellos genug. Anders als seine Mutter, die vermutlich nicht zögern würde, für eine Handvoll Goldmünzen ihr Seelenheil zu verkaufen.
Also werde ich mich in Geduld üben müssen.
Erst einmal jedenfalls.
II

Das Haus mit den Rosenfenstern
Die Reise von Frauenalb dauerte mehr als vier Tage, da der Wagen samt Zugpferd und Wachmännern nur sehr langsam vorankam. Vinzenz Stöcklin hatte zuerst um ein zusätzliches Pferd gebeten, um reiten zu können (und es auch erhalten), aber nach einem Tag im Sattel schmerzte das noch nicht vollständig verheilte Bein so heftig, dass er es vorzog, sich zu Fidelitas unter das Stoffdach zu setzen und dort auch für den Rest der Fahrt sitzen zu bleiben.
Am Morgen des fünften Tages erwachten sie in der Rheinebene; sie hatten Offenburg schon hinter sich gelassen und am Vorabend im Marktflecken Emmendingen frisches Brot und Obst gekauft.
»Wir sollten gut frühstücken, Schwester«, meinte einer der Knechte, die die Äbtissin zum Schutz mitgeschickt hatte. »Bis zur Stadt sind es vielleicht noch zwei Stunden, aber wenn wir am Tor aufgehalten werden, wartet sich's besser mit vollem Magen.«
»Als ob wir dort warten müssten!«, mischte Vinzenz Stöcklin sich ein, dem die Ungeduld deutlich anzusehen war. »Ich bin Bürger von Freiburg und sämtlichen Wachen an den Toren wohlbekannt.«
»Trotzdem kann es nicht schaden, wenn Ihr euch jetzt ein wenig die Beine vertretet«, gab Fidelitas sanft zu bedenken. »Dass Ihr nicht geritten seid, war hilfreich, aber das Gerüttel hat dem Knochen bestimmt nicht gerade gutgetan. Lasst uns ein paar Schritte machen, einen Becher Wasser trinken und eine Kleinigkeit essen. Keine Sorge – Ihr seid bald daheim.« Sie lächelte ihn an. »Und wenn Ihr Euch ein wenig warmgelaufen habt, müsst Ihr nachher nicht mühsam über die Schwelle Eures Hauses humpeln.«
Vinzenz Stöcklin zögerte, dann nickte er langsam. »Wie Ihr meint, Schwester.«
Zwei Knechte halfen ihm vom Wagen herunter, und er ging, auf Fidelitas' Arm gestützt, langsam die grasbewachsene Böschung seitlich der Straße entlang, darauf bedacht, das verletzte Bein nicht zu sehr zu belasten. Sie konnte sehen, dass ihn etwas beschäftigte.
»Vergebt mir meine Ungeduld«, sagte er endlich nach einer ganzen Weile des Schweigens. »Aber ich muss unbedingt wissen, wie die Dinge in Freiburg stehen. Vor einer Woche hat mich ein Brief meiner Mutter erreicht, und der hat nicht gerade dazu beigetragen, mir das Herz zu erleichtern.«
Fidelitas hielt es für reichlich rücksichtslos, einen Kranken, der sich erst auf dem Weg der Besserung befand, in Sorge zu versetzen, beschloss aber, ihre Ansicht für sich zu behalten.
»Hat der Überfall Euch viel Geld gekostet?«, fragte sie stattdessen. »Ist der Verlust so hoch, dass er Euren Geschäften dauerhaft schaden könnte?«
Vinzenz Stöcklin zog eine Grimasse.
»Wenn ich behaupten würde, dass es mir um die geraubten Stoffe und das Geld in meiner Kassette nicht leidtut, müsste ich lügen«, gab er zu. »Meine Mittel sind allerdings groß genug, dass ich die Sache immerhin verschmerzen kann. Meine Mutter sieht das anders. Was begreiflich ist, wenn man bedenkt, dass mein Vater als kleiner Händler angefangen und sein Lebtag hart gearbeitet hat, um meiner Familie einen respektablen Platz unter den Kaufleuten von Freiburg zu verschaffen. Jetzt, da Krankheit und Alter ihn bewogen haben, mir die Geschäfte zu überlassen, beschäftigt er sich lieber mit der Stadtgeschichte.« Er warf Fidelitas einen halb ironischen Blick zu. »Was immer Ihr über mein schönes Freiburg erfahren wollt – fragt ihn, und ich garantiere Euch, er wird es wissen.«
Fidelitas nickte, antwortete aber nicht, um seinen Gedankengang nicht zu unterbrechen. Sie wartete geduldig darauf, dass er fortfuhr.
»Mutter hat immer Angst, wir könnten eines Tages in Not geraten«, sagte er endlich. Er sprach leise, als verriete er ihr ein gut gehütetes Geheimnis. »Niemand führt unsere Bücher so gründlich wie sie, niemand prüft jede einzelne Lieferung so streng, und niemand feilscht so grimmig um jede Münze, die wir bezahlen müssen. Unsere Zulieferer fürchten sie wie den Leibhaftigen.«
Er räusperte sich ein wenig schuldbewusst.
»Wer hart für seinen Reichtum gearbeitet hat, hat sicherlich Angst, ihn eines Tages zu verlieren«, sagte Fidelitas langsam. »Das kann ich verstehen.«
»Tatsächlich?« Ein weiterer ironischer Blick. »Und das von einer Nonne, die lebenslange Armut gelobt hat? Ich muss sagen, Ihr erstaunt mich.«
»Der Orden sorgt für mein Wohl«, erwiderte Fidelitas ernsthaft, »und mein Kloster gibt mir ein Zuhause. Ich habe keinen Grund, mich vor Hunger und Besitzlosigkeit zu fürchten. Aber in der Welt ist das Leben ganz anders. Nicht wahr?«
»Richtig.« Vinzenz Stöcklin schnaubte leise. »In ihrem Brief hat Mutter mir vorgeworfen, ich hätte den Männern, die mich und meinen Wagen beschützen sollten, viel zu viel Geld gegeben. Schließlich hätten sie mich in der Stunde der Gefahr im Stich gelassen und wären schmählich geflohen.«
»Die beiden, die bei der Verteidigung Eures Besitzes ihr Leben verloren haben, hatten keine Gelegenheit mehr zur Flucht.« Fidelitas sah ihn an. »Die anderen beiden haben immerhin unsere Knechte zu Euch geführt. Und Euch damit das Leben gerettet.«
»Das weiß ich.« Vinzenz Stöcklin verzog den Mund. »Ich bezweifle bloß, dass meine Mutter das begreift.«
Fidelitas drückte tröstend seinen Arm. »Sie war in großer Sorge um Euch, als sie diesen Brief geschrieben hat«, sagte sie. »Und wer sich sorgt, der denkt nicht immer sehr vernünftig. – Wir sollten zurückgehen und essen, meint Ihr nicht?«
Sie tranken Wasser, das die Knechte aus dem letzten Bach im Wald geschöpft hatten; dazu gab es das Brot aus Emmendingen, ein paar Scheiben geräucherten Schinken, die von den Vorräten des Klosters noch übrig waren, ein paar frische Äpfel und Birnen. Danach halfen die Männer erst Fidelitas und dann Stöcklin wieder auf den Wagen, und der letzte Abschnitt der Reise begann.
Keine Wolke stand am Himmel, und während der Vormittag verstrich, wurde es frühsommerlich warm. Fidelitas legte ihren Reiseumhang ab und spähte an dem Knecht auf dem Kutschbock des Wagens vorbei; am Horizont tauchten verschwommen dunkle Umrisse auf: eine Stadtmauer, dahinter die Silhouetten von Häusern und ein hoher, schlanker Kirchturm. Je näher sie der Stadt kamen, desto deutlicher war er zu erkennen. Fidelitas musterte ihn staunend: Er wirkte so zart und elegant, als bestünde er nicht aus Stein, sondern aus feiner Spitze.
»Welche Kirche ist das?«, fragte sie.
Die Augen von Vinzenz Stöcklin leuchteten vor Stolz.
»Unser Münster«, sagte er. »Das müsst Ihr Euch unbedingt genauer ansehen, solange Ihr in Freiburg seid. Unsere Stadt ist reich und schön – aber das Münster ist ein Stein gewordenes Wunder.«
Fidelitas stellte fest, dass sie sich wirklich darauf freute, in diesem Münster zu beten. Ob sie sich auf die Familie von Vinzenz Stöcklin freuen sollte, wusste sie hingegen nicht so genau. Was der Kaufmann ihr mit solch erstaunlicher Offenheit über seine Mutter verraten hatte, sorgte für ein flaues Gefühl in ihrer Magengrube.
Sie konnte nur das Beste hoffen.

In der darauffolgenden Woche kam Fidelitas nicht dazu, das berühmte Münster zu besuchen; sie war viel zu beschäftigt damit, Stöcklins Familie kennenzulernen und sich um seine Frau zu kümmern.
Das Haus der Stöcklins lag einen kurzen Fußweg vom Münsterplatz entfernt, fast in Sichtweite des Martinstores und gerade weit genug weg vom Gerberviertel, dass man auch bei ungünstigem Wind die üblen Dünste nicht roch. Außer Vinzenz und seiner Mutter Gundis lebten dort noch Vinzenz' Frau Regula, sein Vater Heinrich und seine Tochter Veronika. Mit dem Hausgesinde waren es insgesamt neun Menschen, mit Fidelitas zehn.
Fidelitas bekam schnell heraus, dass Gundis Stöcklin in dem verwinkelten Fachwerkbau, den ihr Mann vor etwas mehr als vierzig Jahren gekauft hatte, herrschte wie eine Königin. Allerdings war ihr Regiment alles andere als milde. Die Dienerschaft hatte Angst vor ihr, und binnen kürzester Zeit hatte Fidelitas den starken Eindruck, dass es ihrer Familie keinen Deut besser ging.
Am ersten Tag hatte der Kaufmann sie freundlich gebeten, an den gemeinsamen Mahlzeiten im Speisezimmer teilzunehmen. Das war der größte Raum im ersten Stock, mit einer Kassettendecke aus dunkler Eiche, einem langen, glänzend polierten Tisch und Fenstern aus kostbarem Buntglas mit Rosen und Blätterranken. Gundis ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass sie die Aussicht, mit der Pflegerin ihrer Schwiegertochter an einem Tisch zu essen, höchst unpassend fand.
»Ich bin sicher, die Schwester fühlt sich auch in der Küche wohl«, sagte sie, als Vinzenz ihr Fidelitas vorstellte und sie im selben Atemzug zum Mittagessen mit den Seinen einlud. Der Kaufmann öffnete protestierend den Mund – und schloss ihn wieder, als wäre ihm bereits klar, dass es keinen Zweck hatte, seiner Mutter zu widersprechen. Fidelitas hielt es für unklug, gleich am ersten Tag Anlass für einen Familienzwist zu sein; sie war auf das Wohlwollen von Gundis Stöcklin angewiesen, um den Dienst, für den sie gekommen war, möglichst ungestört und ohne Anfeindungen verrichten zu können. Also nickte sie und verneigte sich mit einem höflichen Lächeln.
»Selbstverständlich, Frau Stöcklin.«
Gundis saß in einem Lehnsessel in ihrem Zimmer, in einem Kleid aus fein gesponnener dunkelblauer Wolle, ein goldenes Kruzifix an einer Kette aus geschliffenen Rosenquarzperlen auf der Brust. Ihr faltiges Gesicht mit dem schmal zusammengepressten Mund und den scharfen, dunklen Augen wurde von einer reich gefältelten weißen Haube eingerahmt, am Ringfinger ihrer Rechten, die auf der Armlehne ruhte, steckte ein auffälliger Goldring mit einem weiteren Rosenquarz. Ihre ganze Körperhaltung war darauf angelegt, einschüchternd zu wirken.
»Du kannst sie jetzt durch das Haus führen, Vinzenz«, sagte sie zu ihrem Sohn. »Und zu deiner Frau – schließlich ist sie ja hier, damit sie sich um Regula kümmert, oder nicht?«
Ein abschätziger Blick, ein leicht verächtliches Gekräusel der Mundwinkel.
»Wobei es mir ein Rätsel ist, wieso du dafür unbedingt eine Nonne hast herschleppen müssen – ich bin sicher, wir würden schon bald einen neuen Medikus finden, der vielleicht endlich herausbekommt, warum die Gute es seit Jahren nicht fertigbringt, sich zu irgendeinem nützlichen Beitrag in diesem Haushalt aufzuraffen.«
Vinzenz wurde bleich. In seinen Augen blitzte es wütend, aber erneut wagte er keinen Widerspruch. Fidelitas hielt es für angebracht, ihm beizustehen.
»Wer lange leidet, verliert irgendwann alle Kraft«, sagte sie sanft. »Das wird bei Frau Regula nicht anders sein. Aber ich versichere Euch, Frau Stöcklin – ich bin im Umgang mit Kräutern und Arzneien sehr erfahren und will mich bemühen, ihr zu helfen, so gut ich irgend kann.«
»Wir werden sehen.«
Gundis Stöcklin musterte sie von Kopf bis Fuß, als hoffte sie, irgendeinen Fehler oder eine Schwäche zu finden. Fidelitas erwiderte ihren Blick ruhig, und ohne mit der Wimper zu zucken. Dann verneigte sie sich zum zweiten Mal, drehte sich um und folgte Vinzenz Stöcklin zur Tür hinaus.
Erst, als er sich sicher war, dass seine Mutter ihn nicht mehr hören konnte, blieb der Kaufmann stehen und räusperte sich verlegen.
»Ihr müsst ihr vergeben«, sagte er. »Sie ist Fremden gegenüber misstrauisch, und leider macht dieser Argwohn auch nicht halt vor Eurem Habit.«
»Ich bin auf Euren Wunsch hier«, erinnerte ihn Fidelitas. »Aber ich habe nicht die Absicht, Streit in Euer Heim zu tragen, und ich brauche weder ein feines Quartier noch irgendeine andere Vorzugsbehandlung.« Sie lächelte ihn an. »Das wäre bestimmt auch nicht im Sinne der Ehrwürdigen Mutter.«
»Ihr meint, Ihr sollt die Tugend der Demut nicht nur zu Hause in Eurem Kloster üben, sondern auch hier?« Die Lippen des Kaufmanns zuckten. »Nun – ich fürchte, dazu werdet Ihr noch reichlich Gelegenheit haben!«
Er geleitete sie über eine schmale Stiege hinauf unter das Dach, wo eine überraschend geräumige Kammer auf sie wartete – mit einem Bett, das deutlich breiter war als das Nachtlager in ihrer Klosterzelle, mit einem Tisch samt Stuhl, Pergament und Schreibfeder und einer kleinen Truhe für ihre überschaubaren Habseligkeiten. Fidelitas' Bündel, ihre Kräuterkiste und das kleine Kruzifix, das sie begleitete, wo immer sie auch hinging, waren bereits heraufgebracht worden. Fidelitas gefiel dieses Quartier, und sie bedankte sich mit ehrlicher Freude.
Der Rest des Hauses zeugte – wenn man vom Speisesaal absah – zwar von einem soliden Vermögen, nicht aber von protzigem Reichtum. Vinzenz' Vater residierte in einem Zimmer zwei Türen weiter; jeder Zoll der Wände war mit Bücherregalen bedeckt, und es roch anheimelnd nach Leder und Pergament. Fidelitas vermutete, dass der alte Herr – der auf sie so sanftmütig wirkte wie seine Frau herrisch – sich hier ein Refugium geschaffen hatte, in dem er von Gundis nicht gestört wurde. Und Gundis ihrerseits war es vermutlich ganz recht, dass er sich schon lange nicht mehr in die Geschäfte von Frau und Sohn einmischte.
Vinzenz' Tochter Veronika lernte Fidelitas erst am späten Nachmittag ihrer Ankunft kennen, als das junge Mädchen von der Schneiderin zurückkam. Ihre Großmutter hatte für sie ein neues Kleid bestellt, vermutlich, um sie für Bewerber um ihre Hand noch anziehender zu machen. Dabei war sie auch ohne Samt, Spitze und Stickerei anziehend genug.
Ihre leuchtend blauen Augen wurden von langen Wimpern umkränzt, so dunkel wie ihre dichten, glänzenden Locken, die ihr offen vermutlich bis fast zur Hüfte reichten. Ihr Gesicht war ein sanftes, rosiges Oval, ihr Mund so zart wie eine Rosenknospe kurz vor dem Aufblühen. Ihr Vater betrachtete sie mit liebevollem Stolz, und als sie Fidelitas begrüßte, war ihre Stimme hell, leise und freundlich. Fidelitas ertappte sich bei dem inständigen Wunsch, dass diese überaus begehrenswerte Jungfer mehr Substanz besäße, als die glatte Fassade vermuten ließ. Denn sonst würde ihre Großmutter sie mit Sicherheit an den Höchstbietenden verschachern wie ein Stück Mastvieh auf dem Markt.
Vinzenz' Frau war Fidelitas bis dahin noch nicht begegnet; bei ihrer Ankunft hatte sie noch geschlafen. Als es gegen Abend endlich zu einem ersten Treffen kam, fühlte es sich an wie der Besuch in einer anderen, hermetisch abgeschlossenen Welt. Die kleinen Butzenfenster des Zimmers, in dem Fidelitas' neue Patientin sich hauptsächlich aufhielt, waren mit dicken Vorhängen abgedunkelt, die Luft warm und stickig. Die Uhr des Münsters hatte gerade erst fünf geschlagen, aber auf dem Tisch und dem Nachtkasten neben dem Bett brannten bereits ein Dutzend Kerzen in Silberleuchtern, als könnte die Kranke das Licht der Sonne nicht ertragen.
Regula Stöcklin erwies sich als bleicher Schatten ihrer schönen Tochter. Das dunkle Haar war grau gesträhnt, das Gesicht seltsam leblos und hohlwangig. Als sie Fidelitas die Hand entgegenstreckte, spürte die jeden einzelnen Knochen der dünnen Finger in ihrem Griff.
»Mein Mann hat mir geschrieben, Ihr könntet mich heilen«, sagte sie, ihre Stimme heiser und so atemlos, als bereite jedes Wort ihr Mühe. »Jedenfalls glaubt er das.«
»Ich werde versuchen, Euch zu helfen«, erwiderte Fidelitas freundlich, »und wenigstens dafür zu sorgen, dass Euer Zustand sich bessert. Wunder kann ich keine wirken – die liegen einzig und allein in Gottes Hand.«
Regula nickte. Sie sah aus, als würde sie sich wenig Hoffnung auf Heilung oder wenigstens auf eine Besserung ihres Zustandes machen. Fidelitas kam es so vor, als hätte ihr gebrechliches Gegenüber sich schon viel zu lange in der eigenen Schwäche eingerichtet; sie erschrak über diesen Gedanken und rief sich selbst streng zur Ordnung. Frau Regula war nicht die erste Kranke, der ihre Hinfälligkeit auch noch die letzte Zuversicht raubte. Viele ihrer Mitschwestern im Kloster, die im Alter von immer mehr Leiden geplagt wurden, hatten mit wachsenden Glaubenszweifeln und Ängsten zu kämpfen und mussten nicht nur behandelt, sondern auch ermutigt und getröstet werden. Sie würde in den nächsten Wochen versuchen müssen, beides zu tun.
Zuletzt wurde sie in die Gesindeküche geführt, wo Vinzenz Stöcklin sich von ihr verabschiedete. Dort lernte sie die Köchin kennen, die Spülmagd Gretel, die auch das Haus sauber hielt und bei der Zubereitung der Speisen half, den Kutscher Wulf und eine blutjunge Zofe namens Birgitta, deren einzige Aufgabe es war, Veronika zu bedienen, anzukleiden und zu frisieren. Sie sah in ihrem schlichten, braunen Gewand so schlank und geschmeidig aus wie ein junger Weidenzweig. Ihre straff gebundene Haube aus ungebleichtem Leinen konnte ihr Haar nicht vollständig bändigen; weiche, blonde Strähnen stahlen sich an den Schläfen hervor, und ihr Gesicht war frisch, wach und selbstbewusst.
Fidelitas vermutete, dass Gundis sie eingestellt hatte – weil sie, was die Zukunft ihre Enkelin anging, nicht bereit war, auch nur die kleinste Einzelheit dem Zufall zu überlassen. Ansonsten war sie sehr eindeutig nicht gewillt, mehr als absolut notwendig für den Lohn der Dienerschaft auszugeben. Sie selbst hatte genauso wenig eine Zofe wie ihre Schwiegertochter Regula, und dass die Spülmagd nicht nur dafür zuständig war, die groben Arbeiten in der Küche zu erledigen, sondern obendrein das ganze Haus sauber halten musste, ließ ebenfalls tief blicken.
Die Köchin – eine dralle, freundliche Matrone namens Irmhild – tischte ihr als frühen Abendimbiss frisch gebackenes Brot und ein Gemüse aus Zwiebeln, Erbsen und Rahm auf. Fidelitas beantwortete geduldig jede Frage zum Klosterleben, die Irmhild einfiel, zog sich dann in ihr Zimmer unter dem Dach zurück und sprach die Gebete der Laudes, bevor sie sich schlafen legte. Es war ein langer Tag gewesen, und das Leben in diesem Haus versprach, alles andere als einfach zu werden.

In den nächsten Tagen sondierte Fidelitas behutsam das Terrain. Was das Leiden von Regula Stöcklin anging, stand sie vor einem Rätsel: Ihre Patientin war keine zehn Jahre älter als sie, lebte in komfortablen Verhältnissen und hätte eigentlich gar nicht so krank sein dürfen, wie sie es war. Es waren keine typischen Anzeichen für die Schwindsucht zu finden (abgesehen von einer erschreckenden Magerkeit und Appetitlosigkeit). Fidelitas schloss Bauchwassersucht ebenso aus wie Krampfanfälle oder eine schleichende Vergiftung, denn Regula aß (wenn sie denn etwas aß) genau dasselbe wie der Rest der Familie. Und sie hatte auch kein Fieber.
Nach einer Woche war Fidelitas noch immer ratlos. Sie schlief schlecht, zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach einer Krankheit, die sie nicht kannte oder übersehen hatte, und wünschte sich zunehmend verzweifelt Schwester Maria Curatia herbei, die Infirmarin aus ihrem Kloster. Vielleicht hatte sie sich selbst überschätzt und wäre besser gar nicht erst hergekommen.
Als sie wenig später mitten in der Nacht die Matutin betete, erinnerte sie sich plötzlich an etwas, das sie vor ein paar Monaten in den sorgfältigen Aufzeichnungen von Schwester Agatha gelesen hatte – über den schweren Unfall einer jungen Postulantin vor dreißig Jahren, über ihre Behandlung und die Folgen. Und ihr ging plötzlich etwas durch den Sinn, was Mutter Scholastika einmal zu ihr gesagt hatte: Nicht immer hilft es, Fragen zu stellen, Kind. Manchmal ist es klüger, zu schweigen und stattdessen auf deinen Instinkt zu vertrauen.
Nach Sonnenaufgang stieg sie – noch reichlich übernächtigt – in die Küche hinunter, bekam einen heißen Haferbrei mit eingelegten Pflaumen serviert und löffelte ihn dankbar, während sie darauf wartete, dass auch der Rest des Gesindes auftauchte. Vielleicht konnte sie von einer Tatsache profitieren, die ihr schon in früheren Jahren aufgefallen war: dass man einer Nonne manchmal ebenso viel Zutrauen entgegenbrachte wie einem Beichtvater und dass man sie für ebenso verschwiegen hielt – was weder auf Nonnen noch Beichtväter ohne jede Ausnahme zutraf, wie Fidelitas sehr wohl wusste.
Wenige Minuten später erschien Veronikas Zofe Birgitta auf der Türschwelle, gegen die Morgenkühle in ein wollenes Umschlagtuch gehüllt und einen kleinen, zugedeckten Korb über dem Arm, in dem es leise klirrte, als sie ihn auf den Tisch stellte. Fidelitas bemerkte, dass sie erst ihr und dann der Köchin einen verstohlenen Blick zuwarf – als hätte sie nicht erwartet, die neue Hausgenossin hier vorzufinden. Und als wollte sie nicht, dass Fidelitas sah, was sich in diesem Korb befand.
Fidelitas entschied sich blitzschnell. Ehe die Zofe begriff, was sie plante, hatte sie den Korb bereits aufgeklappt und spähte hinein. Zwei Flaschen aus dunklem Glas lagen darin, verkorkt und mit Wachs versiegelt.
Sie hob den Kopf und begegnete den Augen der Köchin. »Was ist denn das?«
Ein langes, verlegenes Schweigen, dann wieder ein vielsagender Blickwechsel zwischen Zofe und Köchin.
»Ein Stärkungsmittel für Frau Regula«, sagte die Köchin endlich. »Der Medikus, der bis letztes Jahr versucht hat, ihr Befinden zu bessern, hat es extra für sie zusammengestellt, aus verschiedenen Kräutern. Hat er jedenfalls gesagt.«
»Ich mochte ihn nicht.« Das war Birgitta. »Immer, wenn er hier war, um Frau Regula zu behandeln und ihr ihre Medizin zu bringen, mussten wir ihn bedienen. Und anders als die arme Herrin hat er gefressen wie ein Scheunendrescher. Er hat sich's bei uns so gut gehen lassen wie ein gieriger Landjunker … und mich dabei jedes Mal mit den Augen ausgezogen. Ich war immer froh, wenn ich nicht allein war mit ihm. Herr Stöcklin hat ihm aber irgendwann nicht mehr vertraut. Er hat ihn hinausgeworfen und ihm verboten, jemals wieder das Haus zu betreten.«
Das junge Mädchen wirkte so unruhig wie ein Kind, das unerwartet bei einem zweifelhaften Streich ertappt worden war.
»Verstehe ich richtig, dass Frau Regula seit dem Verschwinden des Medikus nicht aufgehört hat, dieses Stärkungsmittel zu trinken?«, wollte Fidelitas wissen.
»Das … das ist wahr.« Birgitta wagte sichtlich nicht, etwas zu sagen; es war die Köchin, die antwortete. »Sie hat diesem Kurpfuscher ordentlich Geld für das Rezept gezahlt, bevor Herr Vinzenz ihm verboten hat, je wieder hierherzukommen. Und jetzt lässt sie sich die Mixtur von einem Apotheker in Neuburg anrühren, immer zwei Flaschen auf einmal.«
Fidelitas runzelte die Stirn. »Und da Frau Regula sich diesen Trank wohl kaum selbst beschaffen kann, erledigt ihr beide das für sie?«, bohrte sie nach. »Ihr bringt die leeren Flaschen zurück und holt die vollen beim Apotheker ab?«
Die beiden Frauen nickten.
»Weiß Herr Stöcklin von diesen Botengängen?« Fidelitas ließ den Blick langsam von der Köchin zur Zofe schweifen. »Oder Frau Gundis?«
Wieder schüttelten beide Frauen den Kopf. »Frau Regula hat uns verboten, es ihnen zu sagen«, kam es von Irmhild. »Sie wollte nicht, dass Herr Stöcklin sich aufregt – schließlich war er es, der den Medikus hinausgeworfen hat. Sie meint, das Mittel täte ihr gut. Und sie bezahlt es aus ihrer Privatschatulle.«
Fidelitas nickte. »Damit Frau Gundis nicht mitbekommt, dass Geld aus dem Haushaltssäckel fehlt.« Sie streckte die Hand aus. »Würdet Ihr mir ein Messer geben, Irmhild?«
Die Köchin gehorchte. Fidelitas schälte die dicke Wachsschicht herunter, die den hölzernen Stopfen bedeckte, und zog ihn aus der Flasche. Sie schnupperte vorsichtig. Tatsächlich befanden sich in der unbekannten Mischung Kräuter. Sie entdeckte Thymian, Minze und vor allem reichlich Rosmarin. Aber auch sein kräftiges Aroma war nicht imstande, den typischen Geruch der Hauptzutat zu überdecken, aus der der angebliche Stärkungstrank bestand. Branntwein … und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine reichlich bemessene Dosis Mohnsaft obendrein.
Sie stellte die Flasche auf den Tisch und korkte sie wieder zu.
»Ich bin sicher, ihr beide hattet nur das Beste für eure Herrin im Sinn«, sagte sie ruhig. »Was mehr ist, als ich über den Medikus sagen kann … oder über den Apotheker. Wie lange trinkt Frau Regula dieses Zeug schon?«
»Fast zwei Jahre«, antwortete die Köchin. Ihre Stimme war ein furchtsames Flüstern; ihr schien aufzugehen, dass sie und Birgitta der Herrin mit ihrer Komplizenschaft und ihrem Stillschweigen einen gefährlichen Bärendienst erwiesen hatten.
Fidelitas seufzte. »Bringt ihr erst einmal die Flaschen hinauf«, sagte sie. »Aber ich werde noch heute mit Herrn Stöcklin reden und ihm die Sache erklären.«
Die Köchin öffnete alarmiert den Mund, und Fidelitas hob die Hand.
»Ich werde ihm begreiflich machen, dass ihr getäuscht worden seid – genauso wie Frau Regula. Keiner von euch konnte ahnen, dass das, was ihr für eine Medizin gehalten habt, nichts anderes war als ein schleichendes, stümperhaft zusammengepanschtes Gift.«
»Es tut mir so leid!« Die Augen von Birgitta standen plötzlich voller Tränen. »Wir … wir wollten ihr doch nicht schaden!«
»Das weiß ich.« Fidelitas lächelte beruhigend. »Und ich werde Herrn Stöcklin gegenüber keinen Zweifel daran lassen, das verspreche ich euch.«
Trotz ihres Zornes auf den verantwortungslosen Kurpfuscher, der zum erbarmungswürdigen Zustand ihrer Patientin so entscheidend beigetragen hatte, fühlte sie sich gleichzeitig unendlich erleichtert.
Frau Regula mochte einen schweren Weg vor sich haben, aber mit Gottes Beistand konnte sie ihr wahrscheinlich helfen.
III

… und nichts ohne Gift
Im Speisezimmer des Hauses von Vinzenz Stöcklin herrschte Totenstille. Fidelitas stand mit dem Rücken zum Fenster. Der Kaufmann saß am Tisch, das Gesicht bleich und verkniffen.
»Ich müsste ja eigentlich erleichtert sein«, meinte Stöcklin endlich. »Es sollte mich freuen, dass meine Frau nicht so krank ist, wie ich die ganze Zeit gefürchtet habe. Aber jetzt sagt Ihr mir, dass sie seit Langem eine Arznei zu sich nimmt, die sie langsam vergiftet? Und dass sie es vorgezogen hat, mir das zu verschweigen?« Er sprach leise und mühsam beherrscht. »Das … das ist ungeheuerlich.«
»Ich kann mich natürlich irren.« Fidelitas blickte auf ihre gefalteten Hände hinunter. »Aber ich habe das Gebräu überprüft. Glaubt mir – wer das, was darin ist, zwei Jahre lang in den Mengen trinkt, wie Eure Frau es zweifelsohne getan hat, der fügt sich selbst mehr Schaden zu als manches schwere Leiden.«
Stöcklin starrte sie an. »Das will mir nicht in den Kopf. In vielen Medizinen ist Branntwein, und Mohnsaft hilft doch gegen Schmerzen – oder nicht?«
»Das ist richtig.« Fidelitas nickte. »Aber ›alle Ding sind Gift und nichts ohn Gift – allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist‹. Das hat der große Medikus Paracelsus gesagt … und meine Lehrmeisterin im Kloster hat in ihren Aufzeichnungen von einer jungen Mitschwester berichtet, die sich einmal bei einem unglückseligen Sturz mehrere Knochen brach. Es hat Monate gedauert, bis alles einigermaßen verheilt war, und sie hatte schreckliche Schmerzen. Also bekam sie zur Linderung Mohn und in Branntwein gelöste Kräuter. Sehr viel davon und sehr regelmäßig. Die haben sie ebenso apathisch und kraftlos gemacht wie Frau Regula. Und auch, als sie wieder auf den Beinen war und im Infirmarium keinerlei Heilmittel mehr bekam, ist es ihr nicht wirklich besser gegangen.«
Stöcklin runzelte die Stirn. »Worauf wollt Ihr hinaus? Wenn Ihr mir Hoffnungen machen wollt, dann müsst Ihr Euch schon ein wenig mehr anstrengen, fürchte ich.«
Fidelitas holte tief Luft. »Die Geschichte ist noch nicht vorüber. Agatha – so hieß meine Lehrmeisterin – schrieb, dass sie nach einiger Zeit etwas Verblüffendes entdeckte: ihre Vorräte an Mohnsaft und Kräutertränken mit Branntwein nahmen auf rätselhafte Weise ab, obwohl sie genau Buch führte. Flaschen waren plötzlich halb leer, Phiolen verschwanden. Sie hat sich auf die Lauer gelegt und herausgefunden, dass es ausgerechnet die junge Schwester war, die sie in aller Heimlichkeit bestahl. Nachdem sie ertappt worden war und befragt wurde, hat sie Agatha und der Ehrwürdigen Mutter Oberin gestanden, dass sie ohne diese Heilmittel nicht mehr zurechtkäme … obwohl es die Knochenbrüche längst nicht mehr gab. Sie sagte, dass sie sie trinken müsse, um sich besser zu fühlen.«
Der Kaufmann starrte sie an. »Wollt Ihr mir allen Ernstes weismachen, meine Frau hängt an dem Zeug in diesen Flaschen wie – wie ein alter Trunkenbold im Wirtshaus an seinem Schnapskrug?«
Fidelitas biss sich auf die Lippen. »Das ist sehr … unbarmherzig ausgedrückt, Herr Stöcklin. Aber ich fürchte, genauso ist es.«
Vinzenz Stöcklin ließ sich mit einem Ruck in seinen Stuhl zurücksinken. Das Holz knarrte laut.
»Und was, wenn Ihr Euch doch irrt? Wenn meine Frau trotz Eurer Annahme unter einer schweren Krankheit leidet, die Ihr bloß noch nicht gefunden habt?«
»Dann«, sagte Fidelitas ruhig, »werde ich weiterforschen müssen. Aber bis dahin wird Frau Regula von mir nichts bekommen, was ihr noch weiter schadet. Im Gegenteil – ich werde dafür sorgen, dass sie das Mittel, auf das sie sich bisher verlassen hat, nicht mehr trinken kann. So finden wir am ehesten heraus, ob ich recht habe.«
Sie betrachtete ihr Gegenüber forschend.
»Die Köchin und die Zofe Eurer Tochter haben mir gesagt, Ihr hättet den Medikus, der diese Arznei für Frau Regula zusammengerührt hat, aus dem Haus gejagt. Darf ich wissen, was der Grund dafür war?«
Der Mund des Kaufmannes wurde schmal. Es dauerte eine Moment, bis er antwortete.
»Michel Sebald hat viele Monate hindurch seine Heilkünste an meiner Frau versucht«, sagte er langsam. »Und er hat sich reichlich dafür bezahlen lassen. Versteht mich recht: Wäre er imstande gewesen, Regula zu helfen, ich hätte ihm mein halbes Vermögen dafür geschenkt, und mit Freuden. Ehe er auftauchte, verkühlte sie sich schwer – vor etwas mehr als zwei Jahren, als wir einen besonders strengen Winter hatten. Davon hat sie sich seither nicht mehr richtig erholt, und zuerst war ich dankbar, als er kam und behauptete, er könnte sie wieder gesund machen.«
Fidelitas hob die Augenbrauen. »Hat er einfach bei Euch angeklopft und seine Dienste angeboten?«
»Natürlich nicht!« Vinzenz Stöcklin schnaubte. »Ich bin doch kein Simpel, der auf jeden dahergelaufenen Kurpfuscher hereinfällt! Nein – unser alter Medikus war gestorben, und Sebald hatte sein Amt übernommen. Soweit ich das beurteilen kann, hat er sich ordentlich um die Leute gekümmert … Klagen sind mir jedenfalls keine zu Ohren gekommen. Ich hab ihn rufen lassen, als der Zustand meiner Frau sich nicht bessern wollte, und von dem Moment an war er fast täglich im Haus.«
»Ich verstehe.« Fidelitas ging zum Tisch hinüber und setzte sich. »Aber irgendwann müsst Ihr alles Zutrauen in seine Fähigkeiten verloren haben … Sonst hättet Ihr ihm wohl kaum die Tür gewiesen.«
Der Mund des Kaufmanns verzog sich zu einem schwachen, freudlosen Lächeln.
»Meine Mutter hat angefangen, sich darüber zu beklagen, wie viel Geld die Mittel, Pülverchen und Tränke kosteten, mit denen er Regula traktierte«, sagte er. »Wie gesagt – ich hätte ihn trotzdem weiter gewähren lassen und gut bezahlt, wenn ich nur gesehen hätte, dass meine Frau sich wirklich erholt. Aber das war leider nicht der Fall. Im Gegenteil: je länger Sebald sich um sie kümmerte, desto schwächer, kraftloser und gleichgültiger wurde sie. Also hab ich beschlossen, etwas genauer hinzuschauen.«
Er umfasste mit beiden Händen die Tischkante, als suchte er daran Halt.
»Irgendwann fiel mir auf, dass er seine Aufmerksamkeit nicht nur auf meine Frau richtete. Er … er fing an, dem weiblichen Gesinde nachzustellen. Veronikas Zofe, zum Beispiel.«
Fidelitas nickte; sie erinnerte sich daran, was Birgitta ihr an diesem Morgen unten in der Küche erzählt hatte.
»Als Nächstes begann er, auch Veronika mit begehrlichen Augen anzusehen. Erst vorsichtig, damit ich es nicht merke, dann ganz unverhohlen, mehr als einmal. Sie hat mir gesagt, dass sie sich vor ihm fürchtet. Und ein paar Tage später … da hab ich ihn auf frischer Tat ertappt. Beim Diebstahl, mit den Fingern in meiner eigenen Goldschatulle. Er war wohl zu gierig geworden. Ich hab ihn am Kragen gepackt, die Treppe hinuntergezerrt und hinausgeworfen. Dann hab ich den Kutscher mit einer Nachricht zum Rat der Stadt geschickt. Doch als die Büttel zu seinem Haus kamen, hatte er sich bereits aus dem Staub gemacht.«
Er seufzte.
»Ich hätte ihn wohl besser erst einmal in den Keller gesperrt. Aber wenigstens hat meine Tochter keinen Schaden genommen.«
»Eure Frau schon«, sagte Fidelitas leise.
»Das ist mir jetzt auch klar.« Vinzenz Stöcklin seufzte wieder, dann sah er ihr in die Augen. »Versprecht Ihr mir, dass sie wieder gesund wird?«
»Ich verspreche Euch, alles dafür zu tun, was ich kann«, erwiderte Fidelitas. »Es wird sicherlich nicht einfach werden – die junge Mitschwester damals hat elend schwere Wochen durchlebt, bevor es endlich wieder aufwärtsging mit ihr. Aber irgendwann war sie tatsächlich vollkommen wiederhergestellt. Wir wollen Gott vertrauen und darauf hoffen, dass es Eurer Frau genauso geht.«

Fidelitas sollte recht behalten; die nächsten Wochen wurden wahrhaftig elend schwer.
Vinzenz Stöcklin nahm es nach ihrem Gespräch auf sich, seiner Frau zu erklären, was es mit dem angeblichen Stärkungstrank des betrügerischen Medikus auf sich hatte. Der Inhalt der beiden letzten Flaschen wurde draußen vor dem Haus in die Gosse geleert; ab sofort durfte die Kranke nur noch Quellwasser und mit Honig gesüßte, warme Kräutertränke zu sich nehmen.
In den ersten Tagen behielt sie sowieso kaum etwas bei sich. Sie übergab sich wieder und wieder, schwitzte heftig und behauptete, sie würde verbrennen. Im nächsten Moment klapperte sie mit den Zähnen vor Kälte; ihre Haut war kalt und feucht. Die wenigen Stunden, in denen sie schlief, waren von Albträumen erfüllt, und ihre wachen Momente waren kaum besser. Sie sah Gesichter, die gar nicht da waren, und stammelte etwas von »teuflischen Fratzen«, die aus den Wänden herausträten und sie böse angrinsten. Dann schrie sie auf, klammerte sich an Fidelitas oder ihren Mann – je nachdem, wer von beiden bei ihr saß -, zitterte wie im Fieber und weinte verzweifelt.
Zwar war es vorrangig Fidelitas' Aufgabe, sich um Regula zu kümmern, aber sie war dankbar dafür, dass Vinzenz Stöcklin sich standhaft weigerte, ihr das ganz und gar allein zu überlassen. Denn Regulas Unruhe und ihre Angstzustände machten ihre Pflege aufwendig und überaus anstrengend, auch wenn Fidelitas kaum mehr für sie tun konnte, als ihr immer wieder Flüssigkeit einzuflößen, damit sie nicht austrocknete. Sie wusch Regulas zerbrechlich abgemagerten Körper mit einer Mischung aus Pfefferminzöl und warmem Wasser und hüllte ihn in Wolldecken. Mehr als einmal nickte sie bei den Stundengebeten ein und beruhigte ihr Gewissen damit, dass sie ohnehin ständig Zwiesprache mit ihrem Schöpfer und sämtlichen Heiligen hielt, wenn sie für Regula um Hilfe und Segen bat.
Gundis Stöcklin ließ sich kaum am Krankenbett ihrer Schwiegertochter blicken. Fidelitas wusste, dass Vinzenz Stöcklin ihr erklärt hatte, worunter Regula vermutlich litt, aber die Verachtung, die Gundis seiner Frau gegenüber an den Tag legte, war ihr noch frisch im Gedächtnis. Obendrein hielt Gundis Veronika gezielt von Regula fern. Als Fidelitas das junge Mädchen in ihrer Gegenwart freundlich dazu einlud, die Kranke zu besuchen, reagierte die alte Dame mehr als frostig.
»Die üblen Dünste in der Stube könnten ihr schaden«, sagte sie kurz und bündig. »Und sie hat Besseres zu tun, als den traurigen Wahn ihrer Mutter mit anzusehen … den die sich noch dazu selbst eingebrockt hat.«
Veronika wurde blass, erhob aber gegen diese offene Lieblosigkeit keinen Einspruch und fügte sich. Wieder einmal rätselte Fidelitas, wie viel eigener Wille und wie viel Kraft hinter dem hübschen Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen steckten; sonderlich viel konnte es nicht sein. Allerdings hatte sie wenig Muße, sich länger darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie musste sich wieder Regula widmen und Vinzenz Stöcklin Mut machen, den der Zustand seiner Frau zunehmend in Angst und Schrecken versetzte.
»Seid Ihr sicher, dass sie nicht vom Teufel besessen ist?«, fragte er eines Nachts auf dem stillen Flur, während Regula sich nebenan stöhnend in ihrem Bett hin und her warf. Im Licht der Kerze in dem kleinen Messinghalter, den Fidelitas bei sich trug, war sein Gesicht bleich und erschöpft, und sie sah, dass seine Hände bebten.
»Das ist nicht der Teufel«, erwiderte sie sanft. »Das ist ihre Krankheit. Nicht nur der Körper verlangt noch nach dem Gift, das sie ihm so lange zugeführt hat – auch der Geist leidet an dieser unseligen Gier. Der Schwester damals in unserem Kloster ist es genauso ergangen, meine Lehrmeisterin hat das in ihren Aufzeichnungen in allen Einzelheiten geschildert. Wir müssen – ebenso wie Eure Frau – nur noch eine kleine Weile durchhalten, dann ist es vorbei.«
»Aber sie ist so furchtbar geschwächt.« Fidelitas konnte selbst im Licht der Kerze die Furcht in seinen Augen überdeutlich erkennen. »Wird sie es denn wirklich überstehen? Sagt mir die Wahrheit – bitte!«
»Das weiß ich nicht«, sagte sie ehrlich. Sie hätte es sträflich gefunden, diesen guten Mann anzulügen. »Wir müssen hoffen und beten, dass ihre Kraft ausreicht. Ich tue seit Tagen nichts anderes.«
»Ihr tut viel mehr als das.« Jetzt war seine Stimme sanft. »Ich bin unendlich dankbar dafür, dass Ihr Euch bereit erklärt habt, mich nach Freiburg zu begleiten. Ich wüsste nicht, was ich in dieser Lage ohne Euch täte.«
»Ohne mich wärt Ihr doch gar nicht in dieser Lage«, konterte Fidelitas müde. »Immerhin ist es mein Einfall gewesen, Eure Frau dieser gefährlichen Rosskur auszusetzen. Und Ihr zahlt jetzt den Preis dafür.«
Er schüttelte entschieden den Kopf. »Ohne Euch würde meine Regula weiter vor sich hin siechen und jeden Tag ein wenig mehr sterben.« Er brachte es irgendwie fertig, sie anzulächeln. »Jetzt ist sie dank Gottes Gnade und Eurer Mithilfe vielleicht irgendwann wieder die Frau, die ich einmal geheiratet habe.«
Fidelitas wollte antworten, als ihr auffiel, dass es nebenan in Regulas Zimmer still geworden war – kein unablässiges Quietschen und Knarren des hölzernen Bettrahmens mehr, und das Stöhnen war verstummt. Schlief die Kranke endlich ein wenig ruhiger? Hatten die entsetzlichen Träume aufgehört? Oder war sie etwa …
Sie streckte die Hand nach der Klinke aus, von jäher Sorge gepackt. Und dann drang von jenseits der Tür eine schwache Stimme an ihr Ohr.
»Vinzenz …? Schwester …?«
Der Kaufmann fuhr heftig zusammen, machte förmlich einen Satz und riss im nächsten Moment die Tür weit auf. Fidelitas folgte ihm auf dem Fuß, den kleinen Halter mit der Kerze hoch erhoben.
Regula lag auf ihrer Matratze ausgestreckt, den Kopf in ihre Richtung gewandt. Das grau gesträhnte Haar war verwirrt und schweißnass, aber ihr bleiches Gesicht sah im schwachen Licht der einzelnen Flamme entspannt aus, und zum ersten Mal seit Tagen waren ihre Augen ruhig und klar.
Von Vinzenz Stöcklin kam ein erstickter Laut, eine Mischung aus Staunen und fassungsloser Erleichterung. In der nächsten Sekunde beugte er sich über seine Frau, streichelte ihre Wange und küsste sie auf die Stirn.
Fidelitas trat an das Bett, stellte den Kerzenhalter auf den Nachtkasten und griff nach Regulas Handgelenk. Unter ihrem Daumen konnte sie den Puls fühlen. Es war ein sachter, steter Rhythmus, der sie mit freudiger Hoffnung erfüllte.
»Wie geht es Euch?«, fragte sie leise.
»Ich weiß nicht recht …«, murmelte Regula. »Ich fühl mich furchtbar zerschlagen. Aber … aber ich glaube fast, ich habe ein klein wenig Hunger.«
Fidelitas lächelte.
»Irmhild hat unten in der Küche schon den ganzen Tag einen Topf mit Brühe auf dem Herd«, sagte sie. »Ich werde Euch sofort etwas davon bringen.«
Sie ging rasch hinaus und machte sich auf den Weg die Treppe hinab, jeder Schritt federleicht.
Deo gratias, dachte sie. Danke, oh Herr … dafür, dass du in deiner unendlichen Gnade mir ebenso beigestanden hast wie ihr.

Von dieser Nacht an ging es aufwärts. Zwar erholte Regula sich nur langsam, aber die Albträume schwanden ebenso wie ihre Schreckensvisionen. Sie gewann ihren Appetit zurück, und Irmhild, die Köchin, bereitete für sie leichte Suppen und Gemüse zu, nachdem sie sich bei Fidelitas Rat geholt hatte, welche Kräuter sie hinzufügen sollte, um ihre Herrin zusätzlich zu stärken.
Die ganze Stimmung im Haus änderte sich. Je besser es Regula ging, desto fröhlicher wurde die Dienerschaft, desto aufrechter die Haltung von Vinzenz Stöcklin und desto zugänglicher seine Tochter. Nachdem Regula zum ersten Mal das Bett verlassen und einen kleinen Spaziergang unternommen hatte, saß Veronika täglich bei ihr; das Verbot ihrer Großmutter schien sie nicht länger zu kümmern.
Das Verhalten von Gundis stellte Fidelitas vor ein Rätsel. Bei ihrer Ankunft in Freiburg hatte die Strenge der alten Frau über dem Haus gehangen wie eine dunkle Wolke. Die Dienerschaft hatte nur mit gesenkter Stimme über sie gesprochen, als fürchteten die Leute, sie könnte sie belauschen, und ihre Familie hatte ihr offenbar wenig entgegenzusetzen. Aber jetzt ließ Gundis sich kaum noch blicken, und ihre scharfe, fordernde Stimme schien fast verstummt zu sein. Oder aber ihre Umgebung war nicht länger bereit, ihr zu gehorchen.
»Und das wundert Euch?«, sagte Heinrich Stöcklin kurz darauf zu ihr. »Ihr habt das Gleichgewicht in diesem Haus verändert, und das ist das Ergebnis.«
Fidelitas saß nach dem Abendessen bei ihm in seinem bücherduftenden Rückzugsort; seit Regula nicht mehr ständige Aufsicht brauchte, besuchte sie Vinzenz Stöcklins Vater häufig und genoss seine Gesellschaft ebenso sehr wie er die ihre. Jetzt musterte sie ihn stirnrunzelnd.
»Ich verstehe nicht, was Ihr meint. Wie soll ich das denn angestellt haben?«
»Ganz einfach – dank Euch wird Regula endlich gesund«, meinte er. »Und sobald sie wieder den Platz im Haus einnehmen kann, der ihr zusteht, wird meine Frau zwangsläufig ihre Macht verlieren.«
Der alte Herr lächelte sie an. Er hatte es sich in seinem Lesesessel am Fenster gemütlich gemacht, und seine Augen blinzelten humorvoll durch die in Horn gefassten Gläser, die mithilfe einer weichen, geschlitzten Lederpolsterung um den Bügel fest auf seiner Nase saßen.
»Meiner armen Gundis ist es immer schon schwergefallen, etwas, das sie einmal in den Händen gehalten hat, wieder loszulassen«, erklärte er. »Als es mir nach vielen Jahren harter Arbeit endlich gelungen war, meinen Platz unter den Kaufleuten dieser schönen Stadt zu finden, ist das ein großer Triumph für sie gewesen. Doch seither wird sie von der ständigen Angst geplagt, das Glück könnte eines Tages ein unzeitiges Ende nehmen – durch Raub, Betrug oder Ungeschick im Handel. Und eines muss man ihr lassen: Was den Handel angeht, war sie immer die Klügere von uns beiden. Nun ja – vielleicht ist sie ja auch einfach nur gerissener als ich.«
Er gluckste.
»Und sie wollte und will immer alles unter Kontrolle haben – die Bücher überwachen, mit den Gerbern und Tuchmachern verhandeln und am liebsten jedes Goldstück selbst in die Truhen legen. Ich hab sie gewähren lassen. Vielleicht ist das ein Fehler gewesen … Denn als ich mein Geschäft an Vinzenz übergeben habe, musste sie gemeinsam mit mir aufs Altenteil. Das hat ihr deutlich weniger geschmeckt als mir.«
Er nahm die Augengläser ab und rieb sich die kleine Druckstelle auf dem Nasenrücken, bevor er sie wieder aufsetzte.
»Vinzenz stellt sich gottlob genauso geschickt an wie sie. Und Regula … Ehe sie vor etwas mehr als zwei Jahren krank wurde, ist sie eine gute Hausherrin gewesen, freundlich zum Gesinde und streng nur dort, wo es darauf ankam. Die Dienerschaft hat sie geliebt. Aber dann zog sie sich durch ihr Leiden immer mehr zurück. Ich wollte – und konnte – mir die Last unseres Geschäfts nicht mehr auf meine Schultern laden, also war Vinzenz darauf angewiesen, dass Gundis hier wieder das Ruder übernahm. Sonst hätte er nicht reisen und in Frankreich oder Italien die besten Stoffe einkaufen können … und ein Tuchhändler, der keine Tuche mehr anzubieten hat, geht irgendwann am Bettelstab.«
Fidelitas nickte langsam. Sie erinnerte sich gut daran, was die Äbtissin zu ihr über Vinzenz Stöcklin und seine Mutter gesagt hatte. Er brennt darauf, ihr die Zügel wieder aus der Hand zu nehmen. So schnell wie möglich.
»Seid Ihr nie auf die Idee gekommen, Eure Frau in die Schranken zu weisen?«, wollte sie wissen – und biss sich gleich darauf auf die Lippen. »Ich bitte um Vergebung. Es steht mir nicht zu …«
»Gewiss nicht.« Heinrich Stöcklin lachte leise. »Platzt Ihr immer mit allem heraus, was Ihr denkt? Das dürfte Euch im Kloster Schwierigkeiten machen.« Fidelitas musste ihm im Stillen recht geben. »Es tut mir wirklich leid.«
»Aber wahr ist es trotzdem«, versetzte er. »Es ist bloß nicht gerade einfach, meine Gundis zu etwas zu bewegen, das sie nicht will. Sie ist so störrisch wie ein Maulesel. Und ich muss leider sagen, dass mir für einen heftigen Streit mit ihr heutzutage die Kraft fehlt. Nicht nur mein Augenlicht hat nachgelassen, auch mein Herz ist mit den Jahren ein wenig … müde geworden.«
Fidelitas starrte ihn an. »Ihr seid krank? Das wusste ich nicht – warum habt Ihr denn nichts gesagt?«
»Weil Ihr mit Regula sowieso schon alle Hände voll zu tun hattet«, meinte Heinrich Stöcklin gelassen. »Ich habe einen Apotheker, der mich zuverlässig mit Fingerhutessenz versorgt. Die Rezeptur stammt noch von dem alten Medikus vor dem unseligen Michel Sebald, dem wir Regulas ›Heilmittel‹ verdanken. Und der Apotheker ist ein alter Freund, dem ich vertraue … nicht der Panscher, bei dem die Zofe und die Köchin immer die Flaschen mit diesem Teufelszeug geholt haben.«
Und der an Regulas Leiden wahrscheinlich ebenso gut verdient hat wie Sebald, dachte Fidelitas.
»Trotzdem: Falls ich Euch in irgendeiner Weise helfen kann, sagt es mir«, meinte sie. »Solange ich noch hier bin, meine ich.«
»Aber gewiss.« Die Augen des alten Herrn funkelten verschmitzt. »Und Ihr habt mir schon geholfen, Schwester. Mit einer gesunden Regula an seiner Seite wird es Vinzenz viel leichter fallen, sich gegen Gundis durchzusetzen. Das gibt ihm mehr Selbstvertrauen. Und es wird meinem willensstarken Weib bestimmt nicht schaden, ein wenig zurückzustecken. – Habt Ihr eigentlich das Münster schon besucht?«
Fidelitas schüttelte den Kopf. »Nein. Mir hat bisher die Zeit gefehlt.«
»Das müsst Ihr unbedingt nachholen.« Die Stimme von Heinrich Stöcklin wurde lebhaft. »Es hat mehr als dreihundert Jahre gedauert, es zu errichten, und noch immer wird daran gebaut … Im Moment entsteht gerade eine neue Vorhalle, an der Südfassade.«
Er lachte.
»Der Freiburger Rat hat vor achtzig Jahren schon darüber geklagt, dass das Chorgewölbe viel zu kostspielig und immer noch nicht fertig war … und vor fünfundvierzig Jahren Gott dafür gedankt, dass der letzte Stein endlich eingefügt worden ist. Ihr seht, nicht nur meine Gundis schaut geizig auf jeden einzelnen Gulden.«
»Ihr habt recht.« Fidelitas erhob sich. »Ich muss unbedingt dorthin; vielleicht habe ich morgen endlich die Gelegenheit dazu.«
Sie lächelte Heinrich Stöcklin an, verneigte sich und ließ ihn mit seinen Büchern allein. Als sie kurze Zeit später in ihrem Zimmer die Laudes gesprochen hatte und vor dem Schlafen noch ein wenig in ihrem Buch mit den Kräuterrezepten der Hildegard von Bingen blättern wollte, das sie aus Frauenalb mitgebracht hatte, stellte sie fest, dass sie es wohl bei Irmhild in der Küche vergessen haben musste. Seufzend machte sie sich mit ihrer Kerze auf den Weg nach unten, so lautlos wie möglich, um den Rest der Familie, der sich längst zurückgezogen hatte, nicht zu stören.
In der stillen, leeren Küche führte das Licht der Kerzenflamme sie zum sauber geschrubbten Tisch, auf dem das Buch noch immer lag, und sie steckte es in die Tasche ihrer Tunika. Als sie auf dem Rückweg an der Haustür vorbeikam, hörte sie erst ein leises Kratzen und dann das unverkennbare Klirren eines Schlüssels, der ins Schloss gesteckt wurde. Das kam von draußen. Sie blieb stehen und blies instinktiv die Kerze aus.
Dann trat sie zur Seite und wartete, den eigenen Herzschlag als rasches Hämmern in den Ohren. Die Haustür quietschte und öffnete sich, erst einen kleinen Spalt, dann weiter. Vor wenigen Minuten hatte die Turmuhr des Münsters zehn geschlagen, und das schwache Restlicht der Abenddämmerung zeigte ihr eine schlanke, zierliche Gestalt, die hereinschlüpfte und die Tür vorsichtig wieder hinter sich zuzog. Mit einem Klicken wurde der Riegel vorgelegt, dann hörte sie, wie jemand tief und erleichtert durchatmete.
Fidelitas machte einen raschen Schritt vorwärts, streckte die Hand aus und bekam weichen Stoff zu fassen. Ein leiser Schreckensschrei und ein panisch geflüstertes »Heilige Mutter Gottes!« Fidelitas schnappte verblüfft nach Luft, als sie die Stimme erkannte.
»Veronika? Wieso seid Ihr so spät noch unterwegs – und wo seid Ihr gewesen?«
Sekundenlange Stille, dann ein schwerer Seufzer.
»Das … das kann ich Euch nicht sagen. Aber bitte, bitte … verratet mich nicht!«
Fidelitas überlegte.
»Ich werde Euch nichts versprechen«, erwiderte sie endlich. »Nicht, ehe ich weiß, wieso Ihr Euch zu einer Zeit ins Haus schleicht, in der jede vernünftige Jungfer längst in ihrem Bett liegen sollte.«
Sie ließ Veronikas Mantel los und nahm ihren Arm.
»Kommt mit mir hinunter in die Küche; es ist bestimmt noch etwas Glut im Herd, an der ich meine Kerze anzünden und Euch ansehen kann, während wir miteinander reden.«
IV

Eine wertvolle Braut
Manchmal wünschte sich Veronika Stöcklin, sie wäre nicht als Mädchen geboren worden.
Ihre Freundinnen – Töchter von Ratsherren und wohlhabenden Kaufleuten in Freiburg – beneideten sie von jeher um ihre Schönheit und ihre guten Aussichten. Veronika fand inzwischen keines von beidem mehr sonderlich beneidenswert.
Im letzten Dezember war sie siebzehn geworden, und ihre Großmutter Gundis hatte diesen Geburtstag zum Anlass genommen, ernsthaft nach einer guten Partie für sie zu suchen. Wobei sie nicht lange suchen musste – der gewünschte Ehemann für ihre Enkeltochter hatte eigentlich schon festgestanden, als Veronika ihre Pausbacken und ihre kindliche Unbeholfenheit verlor, als ihre Gestalt zierlich und anziehend wurde und die jungen Burschen in den Gassen anfingen, ihr nachzustarren, wenn sie vorüberging. Und das war jetzt gut zwei Jahre her.
Im März hatte Gundis sie zu sich gerufen und ihr erklärt, wen genau sie zum Mann nehmen sollte – Martin Danner, den ältesten Sohn von Sebaldus Danner. Dieser war genau wie Vinzenz Stöcklin ein erfolgreicher Tuchhändler gewesen und letztes Jahr einem Schlaganfall erlegen. Gundis glaubte offensichtlich, dass die Ehe mit Sebaldus' Erben das Vermögen der Stöcklins so stark mehren würde, dass es sich gar nicht erst lohnte, im Kreise der angesehenen Ratsherren nach einem anderen Kandidaten für Veronika Ausschau zu halten. Das passte zu ihr – der jahrzehntelang heiß ersehnte und hart erarbeitete Aufstieg in die besseren Kreise von Freiburg war längst gelungen, jetzt hieß es, durch möglichst großen Reichtum dafür zu sorgen, dass es nie wieder zu einem Abstieg kam.
Veronika verstand das durchaus. Gundis wollte den Status der Familie sichern, koste es, was es wolle – und Veronika war das Mittel, mit dem sich genau dieses Ziel erreichen ließ. Das einzige Mittel – denn Veronikas Mutter Regula war es leider nicht gelungen, einen männlichen Erben zur Welt zu bringen, der den einträglichen Tuchhandel von Vinzenz Stöcklin eines Tages übernehmen konnte. Gundis hatte sie das deutlich spüren lassen.
Regula ihrerseits hatte die Tyrannei und die ständigen giftigen Vorwürfe ihrer Schwiegermutter nur schwer ertragen, sich aber selten wirklich zur Wehr gesetzt, um ihrem Mann – den sie innig liebte – das Leben nicht schwer zu machen.
Also war Veronika den Wünschen ihrer Großmutter mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Noch hatte Gundis den Termin der Hochzeit mit Martin Danner nicht festgesetzt – was ausschließlich daran lag, dass der Tod seines Vaters erst sechs Monate zurücklag und ein großes Fest sich nicht mit der Trauerzeit vertrug. Aber Martin kam häufig zu Besuch und bewegte sich (wenigstens in Veronikas Augen) durch das Haus, als gehörte es bereits ihm – was eines Tages zwangsläufig der Fall sein würde, weil Veronikas Erbe nach der Hochzeit nach herrschendem Recht genauso an ihn fallen würde wie alles, was sie sonst noch besaß.
Dass Vinzenz Stöcklin nach dem Überfall auf seiner Reise durch den Schwarzwald gottlob gesund und wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt war, änderte nichts an Gundis' Plänen. Dass die Nonne, die ihn begleitete, es tatsächlich fertiggebracht hatte, Veronikas Mutter aus dem gleichgültigen Nebel herauszuholen, in dem sie vor zwei Jahren versunken war, ebenso wenig. Veronika glaubte, dass Regula noch viel zu schwach und zu anfällig war, um den Kampf mit Gundis wieder aufzunehmen. Und sie war viel zu erleichtert, sie zurückzuhaben, und auch viel zu besorgt um ihr Wohlergehen, um ihr diesen Kampf jetzt zuzumuten.
Immerhin: Martin Danner war nicht nur reich, sondern auch gut aussehend. Er vertrug sich bestens mit Gundis, erwies Vinzenz Stöcklin stets eine makellose Höflichkeit und machte sich, obwohl das Verlöbnis bereits so gut wie feststand, immer noch die Mühe, Veronika mit Geschenken zu umwerben, hübsche Schmuckstücke und andere durchaus kostspielige Kleinigkeiten, die er für passend hielt. Inzwischen wurde sie von sämtlichen Freundinnen um ihren zukünftigen Ehemann beneidet.
Veronika verzichtete darauf, zu widersprechen. Sie sagte auch nichts darüber, dass sie statt der sorgsam ausgewählten Kleinodien, die Martin ihr zukommen ließ, lieber Bücher gehabt hätte. Sie las für ihr Leben gern, hatte aber den Verdacht, dass Martin Bücher nur dann zu schätzen wusste, wenn sie mit den Zahlenkolonnen seiner Rechnungen und Lieferungen gefüllt waren. Genau wie ihre Großmutter.
Außerdem gab es noch etwas, das sie nicht nur ihren Freundinnen, sondern auch Gundis, ihrem Vater und allen anderen verschwieg – nämlich den Grund, wieso sie seit einem halben Jahr mindestens zweimal die Woche abends den Schlüsselbund aus dem Zimmer ihrer schlafenden Großmutter stahl, warum sie dann in größter Heimlichkeit das Haus verließ und erst zwei oder drei Stunden später wieder ebenso heimlich zurückkehrte.
Sie wusste, dass es falsch war, was sie da tat, und gefährlich obendrein. Sie wusste, dass ihre Ehrbarkeit, ihr guter Ruf und sämtliche Aussichten, die sie besaß, dahin sein würden, wenn man sie ertappte. Sie würde Schande über ihre Familie bringen. Und Martin Danner würde sie auf keinen Fall mehr haben wollen … Weswegen sie sich in seltenen, besonders waghalsigen Momenten beinahe wünschte, bei dieser besonderen, bittersüßen Heimlichkeit ertappt zu werden. Damit sie endlich aufhören konnte zu lügen, damit ihre Großmutter keine Gelegenheit mehr hatte, sie wie eine Figur auf einem Spielbrett umherzuschieben – und damit die Welt erfuhr, was sie selbst wollte. Wenn das geschah, musste es bald geschehen – Veronika wusste genau, dass ihr die Zeit davonlief. Über kurz oder lang würde Martin Danner den Geschenken, mit denen er sie behängte, den Ehering folgen lassen, und dann war es zu spät.
Trotz alledem war sie zu Tode erschrocken, als sie sich an diesem Abend ins Haus schlich … als sie die Hand spürte, die sie am Umhang festhielt, und die ruhige Stimme hörte, die sie anwies, ihr hinunter in die Küche zu folgen.
Sie war verloren.

Abgesehen von dem kleinen Lichtkreis der Kerze, die Fidelitas mitgebracht hatte, war die Küche vollkommen dunkel.
Veronika saß auf einem Hocker am Tisch, die Schultern angespannt, den Kopf gesenkt. Den Umhang zog sie fest um sich zusammen, als könnte sie sich damit vor der Strafpredigt schützen, die ihr zweifellos bevorstand.
Aber die Nonne schwieg.
Veronika blickte auf und studierte ebenso schweigend das Gesicht, das sich vor ihr aus der Finsternis schälte – ebenmäßige Flächen, vergoldet vom Flammenschein, die gerade Nase, der volle, ein wenig herbe Mund, das eckige, willensstarke Kinn. Es kam ihr so vor, als würde sie Fidelitas zum ersten Mal richtig sehen, und ihr stockte das Herz bei dem Gedanken, dass diese fast vollkommen fremde Frau buchstäblich ihr Schicksal in den Händen hielt.
»Werdet Ihr meinem Vater erzählen, dass ich heimlich aus dem Haus war?«, fragte sie endlich, als sie die Stille nicht länger aushielt. »Oder … oder meiner Großmutter?«
»Euer Vater würde zweifellos beunruhigt und enttäuscht sein. Aber natürlich fürchtet Ihr Euch am meisten vor dem, was Frau Gundis zu solchen Eigenmächtigkeiten sagen würde. Nicht wahr?« Fidelitas betrachtete sie forschend. »Kommt es häufiger vor, dass Ihr Euch heimlich davonschleicht? Oder ist das heute zum ersten Mal geschehen?«
Veronika hätte liebend gerne gelogen, brachte es aber einfach nicht fertig. »N… – nein. Ich mach das schon ein paar Monate.«
»Soso.« Fidelitas faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. »Darf ich den Namen des jungen Mannes erfahren?«
Veronikas Kopf zuckte hoch. »Woher wisst Ihr …«
»Das ist nicht weiter schwer.« Die Nonne lächelte sachte. »Wenn Ihr eine Freundin aufsuchen wollt, könnt Ihr das jederzeit bei Tageslicht tun … und bei einem Händler wollt Ihr zu dieser späten Stunde wohl kaum noch etwas kaufen. Aber da Eure Großmutter im Moment Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um Euch möglichst gewinnbringend unter die Haube zu bringen, bleibt eigentlich nur eine Sache übrig, die Euch zu solchen Heimlichkeiten treiben könnte – jemand, an den Ihr Euer Herz verschenkt habt, ohne dass Eure Familie davon wissen darf. – Wie heißt er?«
»Jörg.« Veronika sprach sehr leise. »Er … er ist ein guter, anständiger Mensch. Und wir haben nichts getan, was … ich meine, wir …« Sie biss sich auf die Lippen; ihre Wangen waren brennend heiß.
»Wenn er so ein anständiger Mensch ist, wie Ihr sagt – warum kommt er dann nicht her und bittet Euren Vater um Eure Hand?« Die Stimme der Nonne enthielt erstaunlicherweise nicht einen Hauch von Tadel, sondern ehrliche Anteilnahme. »Das würde Euch diese Heimlichkeiten mitten in der Nacht ersparen – und ehrbarer wäre es auch, meint Ihr nicht?«
Veronika starrte die Nonne an, und die Verzweiflung über den schmerzhaften Zwiespalt, in dem sie sich befand, schlug wie eine eiskalte Woge über ihr zusammen.
»Ehrbarer wäre es ganz sicher«, entgegnete sie bitter. »Aber in diesem Fall ist alle Ehrbarkeit vergebens, Schwester. Denn ich bin Martin Danner versprochen. Der ist reich, wohlhabend und angesehen und alles, was sich meine Großmutter als Bräutigam für mich erhofft hat. Jörg ist nichts davon.«
Sie schluckte heftig.
»Und außerdem … außerdem ist er Martins jüngerer Bruder.«

»Jörg Danner? Ja, freilich kenn ich den! Er ist ein wirklich guter Junge.«
Es war am folgenden Mittag. Fidelitas hatte Heinrich Stöcklin ein leichtes Essen hinaufgebracht, weil er sich heute zu schwach und müde fühlte, um mit am Familientisch zu sitzen. Sie hatte extra gewartet, bis sein Beichtvater – ein raubvogelgesichtiger und ziemlich furchteinflößender Priester namens Paulus Mayr, der ihn einmal wöchentlich besuchte – sich verabschiedet hatte und mit wehender Soutane durch die Haustür verschwunden war.
Nach gründlichem Abwägen und viel Gebet war sie sich inzwischen sicher, dass es klüger sein würde, nicht mit Vinzenz und erst recht nicht mit Gundis über das zu sprechen, was Veronika ihr erzählt hatte, sondern besser mit Veronikas Großvater. Und nachdem der Name des heimlichen Liebsten seiner Enkelin das erste Mal gefallen war, vergaß der alte Herr auf verblüffende Weise alle Schwäche und wirkte mit einem Mal ausgesprochen munter.
»Mein Mädel ist klug«, verkündete er, »genau wie Jörg. Es wundert mich gar nicht, dass er es war, der ihr Herz gewonnen hat, und nicht sein hochmütiger Laffe von Bruder. Ginge es nach mir, ich würde sie Jörg sofort zur Frau geben. Er mag keine Reichtümer und keinen Einfluss besitzen, aber er ist ehrlich und fleißig. Er lernt ein ordentliches Handwerk bei einem Uhrmachermeister, und eines Tages würde er sie sehr gut versorgen können, da bin ich ganz sicher.«
»Frau Gundis sieht das anders, nehme ich an?«, wollte Fidelitas wissen.
»Weiß Gott!«
Heinrich Stöcklin sank ein wenig in sich zusammen, als ginge ihm einmal mehr auf, dass es nicht seine Meinung war, die zählte.
»Schon seit Jahren ist sie hinter Martin her wie der Teufel hinter der armen Seele. Nicht, dass der sich sonderlich dagegen wehren würde – ganz im Gegenteil.« Er schnaubte verächtlich. »Er weiß genau, was für ein Schatz ihm in den Schoß fällt, wenn er sich zu dem unschuldigen Kind ins Brautbett legt. Kein Wunder, dass er auf die Mitgift verzichtet hat – ich wette, für das Versprechen, Veronika heiraten zu dürfen, hat er noch ordentlich Geld auf den Tisch gelegt. Denn wenn Vinzenz einmal nicht mehr lebt und er das Vermögen seiner Frau erbt, ist er auf einen Schlag der größte Tuchhändler in ganz Freiburg.«
Fidelitas schwieg eine Weile. Sie wusste, dass es ihr nicht zustand, ihre Meinung zu äußern, und sie konnte sich lebhaft das Stirnrunzeln ihrer Ehrwürdigen Mutter vorstellen, wenn sie sich hier einmischte. Außerdem war sie bei ihrem letzten »Ausflug« in die Welt jenseits der Klostermauern schon einmal zwischen die Fronten eines Familienstreites geraten und hatte dabei beinahe ihr Leben verloren. Es würde sicherlich weiser sein, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten.
Doch sie konnte den trostlosen Jammer in Veronikas Gesicht nicht vergessen. In diesem Fall ist alle Ehrbarkeit vergebens, hatte sie gesagt.
»Ihr meint, Jörg sei ein guter Junge«, meinte sie. »Könnt Ihr mir etwas mehr über ihn erzählen?«
»Er war, was seine Geburt angeht, nicht gerade von Glück begünstigt«, meinte Heinrich Stöcklin. »Martin ist der Sohn von Sebaldus' erster Frau Marie. Die starb, als er fünf war, und Sebaldus heiratete zum zweiten Mal – Anna, eine sanfte, friedliche Seele. Die hat ihm dann Jörg geschenkt. Sebaldus hat ihn sehr geliebt, war aber an das Erbrecht gebunden, durch das dem Erstgeborenen das gesamte Vermögen zufällt.«
Er zog eine Grimasse.
»Die zweite Frau ist durch genau dieses Erbrecht samt ihrer Nachkommen auf das Wohlwollen des Erstgeborenen angewiesen … und Martin kann seine Stiefmutter auf den Tod nicht ausstehen. Nach Sebaldus' plötzlichem Ableben hat er ihr das Leben im Haus so sauer gemacht, dass sie inzwischen ein paar Meilen weit weg in Kirchzarten lebt, bei einer gebrechlichen alten Patin, die bereit war, sie aufzunehmen, und die reichlich Pflege braucht. Jörg schickt ihr regelmäßig einen Teil der Ersparnisse, die er zu Lebzeiten seines Vaters hat zusammentragen können, um sie zu unterstützen. Er befindet sich in einer sehr schwierigen Lage; er besitzt nicht die Mittel, um einen eigenen Hausstand zu gründen, und er weiß genau, dass sein Halbbruder ihn nur deswegen noch unter seinem Dach duldet, weil der plötzliche Auszug von Anna einiges Aufsehen erregt hat und Martin keine Lust hat auf noch einen Skandal.«
Der sich wohl kaum vermeiden lässt, wenn er sich eine Frau ins Haus holt, die eigentlich seinen Bruder liebt, dachte Fidelitas und zog schaudernd die Schultern hoch. Nicht zum ersten Mal sehnte sie sich heftig nach dem Frieden ihres Klosters zurück.
»Das Blatt kann sich für Jörg allerdings durchaus wenden«, fuhr der alte Stöcklin fort. »Der Meister, der ihn die Uhrmacherkunst lehrt, hält große Stücke auf ihn, und er hat außer einer verwitweten Schwester weder lebende Verwandte noch Kinder. Ein halbes Jahr noch, und Jörg hat ausgelernt. Sein Lehrherr hat ihm versprochen, dass er ihn – solange er ihm die Treue hält und weiter so gute Arbeit leistet, wie er es tut – zu seinem Erben macht. Und dann hätte er Veronika weit mehr zu bieten als jetzt.«
»Gibt es ein Schriftstück, das dieses Versprechen zweifelsfrei beweist?«, wollte Fidelitas wissen. »Vielleicht ein Testament?«
Stöcklin schnaufte überrascht durch die Nase. »Merkwürdig, dass Ihr das erwähnt. Das hab ich Jörg nämlich auch gefragt – denn mit diesem Testament wäre er für Gundis vielleicht endlich ein erstrebenswerter Kandidat für Veronikas Hand. Gesetzt den Fall, sie ist bereit, Martin den Schatz, den er bereits halb in der Tasche hat, im letzten Moment wieder vor der Nase wegzunehmen.«
Er seufzte.
»Aber leider gibt es kein Schriftstück – jedenfalls keines, von dem Jörg weiß. Der Junge geht nach Treu und Glauben und verlässt sich darauf, dass der Meister sein Wort hält, wenn es so weit ist.«
»Damit wird Eure Frau sich nicht zufriedengeben«, sagte Fidelitas. Es war eine Feststellung, keine Frage.
»Wahrscheinlich nicht.« Heinrich Stöcklin seufzte zum zweiten Mal. Sein Blick war traurig und ein wenig beschämt. »Ihr müsst mich für einen feigen Tropf halten, Schwester – dass ich Gundis die Herrschaft überlasse, anstatt sie in ihre Schranken zu weisen und das Zepter wieder selbst in die Hand zu nehmen.«
»Das ist nicht mehr Eure Aufgabe«, entgegnete Fidelitas sanft. »Es ist die Eures Sohnes. Und jetzt, da seine Frau sich von ihrem Leiden erholt, hat er vielleicht endlich die Kraft dazu.«
Sie streckte die Hand aus und legte sie leicht auf seinen Arm.
»Wisst Ihr noch? Ihr habt mir selbst gesagt, ich hätte das Gleichgewicht in diesem Haus verändert«, erinnerte sie ihn. »Euer krankes Herz mag Euch daran hindern, allein in die Schlacht zu ziehen. Aber es dauert nicht mehr lange, und Ihr werdet starke Verbündete haben. Herr Vinzenz und Frau Regula können gemeinsam mit Euch verhindern, dass Frau Gundis ihren Kopf durchsetzt und Martin Danner Veronika zur Frau nimmt. Alles, was Ihr braucht, ist ein wenig mehr Zeit.«
Heinrich Stöcklin straffte sich; in seinen Augen glomm plötzlich ein kriegerischer Funke.
»Dann«, meinte er, »muss ich wohl jetzt meine Lenden für die Schlacht gürten, nicht wahr?« Er lachte leise. »Ich muss sagen, Ihr macht mir Mut. Ich werde Gundis erst einmal bitten, die Hochzeit noch ein wenig weiter hinauszuschieben. Schließlich sollte Regula erst vollständig genesen, bevor sie ihre Tochter ziehen lässt. Und bis dahin lässt Jörgs Meister sich ja vielleicht dazu bringen, ein Testament zu Jörgs Gunsten aufzusetzen. Damit wir etwas in der Hand haben.«
Fidelitas wies mit einem Lächeln auf das Tablett mit der kleinen, zugedeckten Schüssel, das sie zu ihm heraufgebracht hatte.
»Ich wünsche Euch, dass Ihr Erfolg habt«, sagte sie. »Ihr solltet Euch für das Gespräch mit Eurer Frau stärken … Und außerdem wäre Irmhild bestimmt sehr enttäuscht, wenn ihr schönes Buttergemüse kalt wird. Sie hat extra für Euch Speckwürfel mit Wacholder hineingeschnitten.«
»Wirklich?« Heinrich Stöcklin hob den Deckel von der Schüssel und schnupperte genießerisch. »Dann will ich es mir schmecken lassen – und Ihr dürft Irmhild in meinem Namen herzlich danken. Sehen wir uns heute noch einmal?«
»Sehr gern – nach dem Abendessen, wenn Frau Regula sich schlafen gelegt hat.« Fidelitas erhob sich. »Aber vorher werde ich tun, was Ihr mir schon die ganze Zeit ans Herz legt, seit ich hier bin: Ich besuche endlich Euer berühmtes Münster und spreche darin ein Gebet.«
»Für mich?« Der alte Herr schmunzelte.
»Für Euch. Für alle, die in diesem Haus leben«, erwiderte Fidelitas ernst. »Und für mich ebenfalls.«

Es war tatsächlich das erste Mal, dass Fidelitas länger als für wenige Minuten das Haus verließ. Sie erkundete die fremde Stadt mit dem Eifer eines neugierigen Kindes, dem endlich gestattet wurde, die ersten selbstständigen Schritte ohne Begleitung zu tun, und sie fand sie gleichzeitig ehrfurchtgebietend, furchteinflößend und wunderschön.
Sie brauchte kaum zehn Minuten, um den Platz zu erreichen, über dem das Münster mitsamt seinem schwindelerregend hohen, grazilen Turm seinen Schatten warf. Bei einem ihrer Besuche in seiner Studierstube hatte Heinrich Stöcklin ihr augenzwinkernd von den vielen Wasserspeiern erzählt, die das Kirchendach säumten; speziell von dem »Hinternentblößer«, der den Gläubigen dreist seine nackte Kehrseite entgegenreckte. Allerdings war ihr im Moment nicht nach derben Scherzen zumute. Zu schwer wog die Verantwortung, die sie auf ihren Schultern lasten fühlte, seit sie Heinrich ermutigt hatte, den Kampf gegen Martin Danner und obendrein gegen seine eigene Frau aufzunehmen.
Bevor sie das Münster betrat, ging sie langsam an den Gebäuden entlang, die den Platz säumten. Sie betrachtete staunend die prächtige rote Fassade des Kaufhauses. Die Statuen der österreichischen Fürsten unter ihren goldgezierten Baldachinen sprachen von Hochmut, von ungezügelter Macht und dem Verlangen, eine unauslöschliche Spur im Strom der Geschichte zu hinterlassen. Eine ganze Weile blieb sie unter der gekrönten Statue von Karl dem Fünften stehen, der in einer Hand den Reichsapfel und in der anderen das erhobene Schwert hielt … Und plötzlich kam das Echo einer Stimme zu ihr zurück, die sie zuletzt vor fünf Jahren gehört hatte. Die meisten hohen Herren verkaufen ihren Glauben und den ihrer Untertanen an den, der ihnen am meisten bietet, sei er nun Katholik oder Protestant.
Diese Aussage war so wahrhaftig wie traurig, und trotzdem stellte Fidelitas fest, dass sie lächelte. Sie sah das Gesicht des Mannes vor sich, den sie kennengelernt hatte, als sie damals versucht hatte, das Rätsel um den Tod eines jungen Adeligen zu lösen, der auf heimtückische Weise an Gift gestorben war. Ein spanischer Landsknecht, ohne Skrupel und gefährlich wie eine scharf geschliffene Messerklinge. Und doch hatte er ihr das Leben gerettet.
Ich segne dich, Juan Alvarez de Santa Cruz y Fuego, dachte sie. Möge dein Mut niemals sinken, möge kein Schwert dich fällen und Gott dir gnädig sein, solange du lebst. Falls du noch lebst, was ich trotz deiner Sünden inständig hoffe.
Sie überquerte den Platz und näherte sich der kleinen Andreaskapelle, deren Keller lange Jahre als Beinhaus gedient hatte. Jedenfalls zu der Zeit, als rund um das Münster noch Freiburger Bürger regelmäßig ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten; dieselbe Zeit, aus der auch die Mauer des ehemaligen Friedhofs rings um das Münster stammte. Heinrich Stöcklin hatte ihr davon erzählt, und von dem Befehl des österreichischen Kaisers Maximilian, der schon vor knapp vierzig Jahren angeordnet hatte, den Friedhof zu verlegen. Aber noch immer standen vor der Kapelle ein steinernes Kreuz und eine Säule mit einem ewigen Licht.
Das hölzerne Tor zum nördlichen Seitenschiff des Münsters knarrte leise, als Fidelitas es aufstieß, und dann nahm der stille, weihrauchduftende Dämmer der riesigen Kirche sie auf. Ihre Sandalen machten kaum ein Geräusch auf den Steinfliesen, während sie auf den Hochaltar zuging. Sie wusste, dass das Münster Maria geweiht war, und sie hielt den Blick fest auf das Bildnis gerichtet, das den Altar dominierte und selbst im Halbdunkel unter dem hohen Gewölbe noch strahlte, als würde es jeden Funken Licht, der durch die bunten Glasfenster fiel, einfangen und bündeln. Maria als Himmelskönigin – die Krone über dem lockigen, leicht zur Seite geneigten Kopf, das Gesicht lieblich und sanft, das Gewand golden und der Mantel tiefblau, schimmernd wie kostbarer Samt.
Sei mir gnädig, Mutter Gottes, betete Fidelitas. Wenn ich meine eigentliche Aufgabe vergessen und mir wider besseres Wissen angemaßt habe, in das Leben von Menschen einzugreifen, die mir vertrauen, obwohl sie mich kaum kennen … dann vergib mir und wende ihr Schicksal trotz meiner Einmischung zum Guten. Vergib mir.

(13. Juni A. D. 1555)
Ich könnte aus der Haut fahren.
Heinrich Stöcklin hat mich zu sich rufen lassen und mir mitgeteilt, dass er meine Absichten unter keinen Umständen zu unterstützen gedenkt. Der alte Zausel hat sich die letzten Jahre in seinen Büchern vergraben und keinen Mucks getan, und jetzt plötzlich droht er, all meine Pläne zu durchkreuzen. Obendrein erholt sich auch noch Frau Regula, die so lange im Hause Stöcklin überhaupt kein Hindernis gewesen ist. Wenn es Heinrich gelingt, sie auf seine Seite zu ziehen, dann wird auch Vinzenz folgen. Und dann ist der Schatz, um den ich mich monatelang bemüht habe, unwiederbringlich dahin.
Das alles hat mit dieser Nonne angefangen. Bevor sie nach Freiburg gekommen ist, lag mein Weg klar vor mir, ohne jedes Hindernis. Ich muss ihr Einhalt gebieten, um jeden Preis, genau wie Heinrich.
Und ich werde sie dafür büßen lassen. Alle beide.
V

Hölle und Verdammnis
Fidelitas war in ihrem Leben schon mehreren Priestern begegnet. Viele von ihnen waren wahre Diener Gottes gewesen, liebevoll gegenüber ihrer Gemeinde und bei aller Strenge nachsichtig zu ihren Beichtkindern, deren Schwächen sie nur zu gut kannten. Aber sie hatte auch andere Vertreter dieses geistlichen Standes kennengelernt. Allen voran Vater Matthias, der dem Kloster als Beichtvater gedient hatte, bevor ihr Noviziat begann. Vater Matthias hatte die Nähe zu den Frauen skrupellos dazu genutzt, um sie unsittlich zu berühren, und ihnen vorgelogen, die Ehrwürdige Mutter würde glauben, sie wollten ihn nur in Misskredit bringen, wenn sie ihr davon erzählten.
Monatelang hatte im Konvent eine Stimmung von Angst und Scham geherrscht – und es war die noch sehr junge Fidelitas gewesen, die am Ende den Knoten durchschlug. Sie hatte mit angehört, wie einige ihrer Mitschwestern flüsternd über den lüsternen Priester gesprochen hatten, sie hatte daraus die richtigen Schlüsse gezogen und Äbtissin Scholastika eingeweiht. Vater Matthias wurde auf frischer Tat ertappt und durfte fortan das Kloster nicht mehr betreten.
Paulus Mayr, der Beichtvater von Heinrich Stöcklin, hatte äußerlich nicht die mindeste Ähnlichkeit mit Vater Matthias. Der war klein gewesen, mit weichen Händen, hervortretenden Augen und so rundlich wie ein Frosch. Mayr war das absolute Gegenteil: hochgewachsen und besendürr, die Wangen hohl und das kurz geschorene Haar so grauschwarz wie seine abgetragene Soutane, die bei jedem seiner langen Schritte hinter ihm herflatterte wie die Flügel einer riesigen Fledermaus. Auch die Augen über seiner vorspringenden Nase waren dunkel, und in manchen Momenten glühten sie in wildem Eifer. Vor allem dann, wenn er Heinrich Stöcklin bei seinen Besuchen die Flammen des Fegefeuers vor Augen malte – wortreich und in starken Bildern, die den alten Mann jedes Mal in schreckliche Furcht versetzten.
Diese fortgesetzten Drohpredigten, nach denen sich der alte Herr jedes Mal in einem Zustand von großer Unruhe befand, waren vermutlich der Hauptgrund dafür, dass Fidelitas sehr schnell eine gründliche Abneigung gegen Mayr entwickelte. Und das nicht nur deswegen, weil sie inzwischen wusste, wie hinfällig Herr Heinrich war. Die Grundlagen ihres Glaubens, in jahrelanger Geduld von Mutter Scholastika in ihr Herz gepflanzt, sprachen von einem Gott, der Zuflucht und Trost schenkte. Obwohl sie als Oblate und keineswegs aus freien Stücken nach Frauenalb ins Kloster gekommen war, hatte sie beides dort gefunden, und das machte sie immun gegen die Angst vor einem rächenden Schöpfer, die die meisten ihrer Zeitgenossen heftig umtrieb und sie dazu brachte, sich mit gekauften Messen, Pilgerfahrten und reichlichen Spenden das Wohlwollen der allein seligmachenden Kirche und ihres himmlischen Herrn zu erkaufen.
Außerdem hatte ihr weltliches Abenteuer vor fünf Jahren sie gelehrt, nach anfänglichem Widerwillen erstaunlich weit über die eng gezogenen Mauern ihres katholischen Glaubens hinauszusehen. Sie war nach wie vor eine gehorsame und treue Tochter ihres Ordens, und sie wäre nie auf die Idee gekommen, die straffen Regeln ihrer Kirche in Frage zu stellen. Aber einige der Protestanten, die sie damals kennengelernt hatte und die für die Kurie nichts anderes waren als verdammenswerte Ketzer, hatten ihr ein paar Dinge über Freundschaft, Rücksichtnahme und schiere Nächstenliebe beigebracht, die sie nie vergessen hatte – und die sie auch nicht vergessen wollte, selbst wenn sie über die Lehren von Kloster und Kirche weit hinausgingen.
Obendrein hatte sie selbst im eigenen Konvent genügend Korruption und weltliche Begierden zu Gesicht bekommen, um sich über einen Mann wie Paulus Mayr keine Illusionen mehr zu machen. Seinen hauptsächlichen Dienst versah er im Armenspital in Neuburg, wo er bei den Johannitern Messen in der Nikolauskirche las; Reichtümer konnte er dort keine sammeln, und dass er sich durch seine Tätigkeit als Beichtvater für einen angesehenen ehemaligen Tuchhändler ein Zubrot verdiente, war im einfachen Priesterstand die Regel und nicht die Ausnahme. Allerdings hatte Fidelitas den Verdacht, dass Mayr sich die wöchentliche Beichte, das Abendmahl und die Fürbitten für Heinrich Stöcklin allzu üppig mit klingender Münze bezahlen ließ. Und dass er dem alten Herrn eine ständige Angst vor dem Zorn Gottes einjagte, um noch ein paar Messen zusätzlich herauszuschlagen, die er für dessen himmlische Seligkeit lesen sollte, nahm sie ihm ausgesprochen übel.
Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sie, ungeachtet ihrer guten Vorsätze, mit dem Priester in Streit geriet.

Eines Abends Ende Juni ging sie hinauf, um Heinrich Stöcklin eine gute Nacht zu wünschen. Sie begriff erst, dass er nicht allein war, als sie vor der Tür zu seinem Zimmer stehen blieb und von drinnen die tiefe, grollende Stimme von Mayr hörte, der dem alten Mann offenbar etwas vorlas; er sprach laut genug, dass sie jedes Wort verstand.
»Die dritte Strafe des Sinnes, das heißt die Qualen des höllischen Feuers, ist ebenso klar. Daher heißt es in Exodus zwanzig: ›Ich, der Herr, bin ein Eiferer, der heimsucht die Sünden der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.‹«
Sie ließ die Hand sinken, die sie bereits erhoben hatte, um anzuklopfen, und lauschte. Eine Seite wurde geräuschvoll umgeblättert; der Priester räusperte sich, bevor er im selben Tonfall fortfuhr.
»Bezüglich der ewigen Verdammnis, die sie in Zukunft erleiden werden, möge niemand zweifeln, dass sie über alle Verdammten werden gepeinigt werden mit empfindlichsten Strafen. Denn wie das Sehen der Gnade im Reiche des Vaters, so folgt der Todsünde die Strafe in der Hölle; und wie die Grade der Glückseligkeit im Vaterreiche bemessen werden nach den Graden der Liebe und der Gnade im Leben, so auch das Maß der Strafen in der Hölle nach dem Maße der Vergehen im Leben.«
Sie schüttelte den Kopf und spürte, wie jäher Ärger in ihr aufstieg. Das waren mit Sicherheit keine Worte aus der Heiligen Schrift. Und es war gewiss kein Text, der sich dazu eignete, jemandem vorgelesen zu werden, der ein schwaches Herz und nicht mehr allzu viele Lebensjahre vor sich hatte. Das war unverantwortlich.
Kurz entschlossen drückte sie die Klinke herunter und trat in das Zimmer.
Heinrich Stöcklin saß in seinem Lesesessel, das Gesicht blass und eigenartig verkrampft. Vor ihm hatte sich Paulus Mayr aufgebaut, ein dickes, aufgeschlagenes Buch in beiden Händen. Als er sie hörte, fuhr er herum und musterte sie missbilligend. Fidelitas zwang sich, ihn anzulächeln und verneigte sich leicht.
»Guten Abend, Vater Paulus«, sagte sie höflich. »Bitte um Verzeihung, ich wollte nicht stören … Ich wusste nicht, dass Ihr hier seid.«
»Nun, das bin ich aber.« Seine Augenbrauen stiegen ruckartig nach oben. »Was habt Ihr hier zu suchen, Schwester?«
Sie erwiderte seinen Blick, so gelassen sie konnte; es fiel ihr schwerer als gedacht, denn seine Gegenwart wirkte so bedrückend wie eine Wolkenwand im Winter, in der sich gefährliche Schneemassen zusammenballten. Und genauso eisig.
»Ich sehe nach Herrn Stöcklin«, erwiderte sie. »Nachdem Frau Regula nicht mehr so viel Pflege braucht wie zu Anfang, bleibt mir genügend Zeit, auch ein Auge auf sein Wohlergehen zu haben.«
»Sein Wohlergehen dürft Ihr getrost mir überlassen.« Es klang gleichzeitig hochmütig und herablassend. »Ihr könnt mit Euren Kräutertränken wohl kaum zum Heil seiner Seele beitragen.«
Sie verneigte sich nochmals.
»Ihr habt recht«, sagte sie demütig und schlug die Augen nieder. »Aber ich kann zumindest für seine Gesundheit sorgen. – Darf ich wissen, was das für ein Buch ist, aus dem Ihr da vorlest? Vielleicht kann ich noch etwas lernen.«
Paulus Mayr klappte das Buch mit einem Knall zu. Es war in geprägtes Leder gebunden, die Seiten schon abgegriffen, als würde er es außerordentlich oft zur Hand nehmen. Erstaunlicherweise verzogen sich seine Lippen zu einem schmalen Lächeln.
»Malleus Maleficarum«, sagte er. »Verfasst vor fast siebzig Jahren von den beiden Inquisitoren und Hochwürdigsten Herren Heinrich Institoris und Jacobus Sprenger. Ist Euch der Titel ein Begriff?«
Sie nickte. »Der Hexenhammer. Ich weiß, was das ist, aber ich habe das Buch nie gelesen, und es befindet sich auch nicht in der Bibliothek unseres Klosters. Unsere Ehrwürdige Mutter denkt vermutlich, es sei keine angemessene Lektüre für mich und meine Schwestern.«
»Diese Ansicht kann ich nicht teilen.« Sein Lächeln wurde breiter, und in seinen Augen funkelte ein seltsames Licht. »Es ist auch für Frauen, die Gott dienen, höchst angemessen, ihre Feinde zu kennen. Vor allem dann, wenn sie dem eigenen Geschlecht entstammen … mit denselben verhängnisvollen Schwächen und Versuchungen.«
Er öffnete das Buch auf der ersten Seite und fing erneut an, vorzulesen. Diesmal richtete sich seine Konzentration nicht auf Heinrich, sondern ausschließlich auf sie.
»Sechstens«, zitierte er. »Über die Hexen selbst, die sich den Dämonen unterwerfen. Neuntens: Ob die Hexen durch gauklerische Vorspiegelungen die männlichen Glieder behexen, sodass sie gleichsam gänzlich aus dem Körper herausgerissen sind.«
Er beobachtete sie lauernd aus den Augenwinkeln; offenbar wollte er sehen, wie sie reagierte.
»Elftens: Dass die Hexen-Hebammen die Empfängnis im Mutterleibe auf verschiedene Weisen verhindern, auch Fehlgeburten bewirken und, wenn sie es nicht tun, die Neugeborenen den Dämonen opfern. Vierzehn: Die Erschrecklichkeit der Hexenwerke wird betrachtet. Siebzehn: Vergleichung der Schwere des Hexenverbrechens mit jedweder Sünde der Dämonen.«
Plötzlich begriff sie, dass ihm die Aufzählung dieser teuflischen Scheußlichkeiten tatsächlich Vergnügen bereitete. Sie verstand in einem Moment jäher Hellsichtigkeit außerdem, dass ihm ihr Nonnenhabit genauso gleichgültig war wie die heilige Würde, für die es stand. Für ihn zählte nur, dass sie eine Frau war. Und dieser Mann hasste Frauen.
»Mir scheint, als wären das ausschließlich Kapitelüberschriften«, unterbrach sie ihn, unendlich dankbar dafür, dass ihre Stimme so gelassen klang. »Das heißt, wir sind noch gar nicht zum Inhalt vorgedrungen. Und ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt mehr hören will.«
»Eure merkwürdige Einstellung könnte man durchaus als Unbelehrbarkeit auslegen«, antwortete er und schlug das Buch zum zweiten Mal zu. »Wer die Sünde in jeglicher Form bekämpfen will, der muss sie kennen, jede einzelne davon. Meint Ihr nicht, Schwester?«
Er trat einen Schritt auf sie zu und kam ihr damit sehr nahe. Seine Soutane roch intensiv nach Staub, altem Fett und saurem Schweiß, und für einen Moment bekam sie buchstäblich keine Luft. Es gelang ihr trotzdem, nicht vor ihm zurückzuweichen.
»Ich bin in meinem Konvent die Kräutermeisterin«, sagte sie leise. »Meine Aufgabe besteht darin, mit dem, was Gott mir in Seinem Garten schenkt, den Kranken zu helfen, sie zu heilen und zu trösten. Das mag nicht der Kampf sein, der Euch vorschwebt, aber ich bin damit vollauf zufrieden.«
»Schwester Fidelitas?«
Sie spähte an Paulus Mayr vorbei und stellte fest, dass sie Heinrich Stöcklin in den letzten Minuten vollkommen vergessen hatte. Der alte Herr war immer noch sehr blass, aber er lächelte sie an.
»Würdet Ihr mir die Fingerhutessenz geben, die der Apotheker gestern geliefert hat?«, sagte er. »Die könnte ich jetzt wirklich brauchen. Ich gebe zu, ich fühle mich ein wenig … kurzatmig.«
Sein Blick wanderte zu Mayr hinüber und wurde kühl.
»Ihr, Vater Paulus, verabschiedet Euch jetzt, wenn ich bitten darf. Ich möchte demnächst zu Bett gehen, und Euer Besuch hat lange genug gedauert.«
Fidelitas sah, dass Mayr zusammenfuhr. Er hatte den unausgesprochenen Tadel genauso deutlich gehört wie sie. Er warf ihr einen Blick zu, der vor Wut loderte – als wäre es ausschließlich ihre Schuld, dass Heinrich Stöcklin ihn fortschickte. Dann nickte er kurz, wandte sich grußlos ab und war im nächsten Augenblick mitsamt dem Malleus Maleficarum zur Tür hinaus.
Der Raum blieb minutenlang vollkommen still.
»Ich wäre Euch jetzt wirklich sehr dankbar für einen Löffel von meiner Medizin«, sagte der alte Mann endlich. »Würdet Ihr …?«
»Sicher.«
Auf dem Pult standen ein sauberer Becher mit einem Zinnlöffel darin, daneben ein Krug mit Wasser und ein kleines Fläschchen aus dunklem Glas. Sie goss den Becher voll, entkorkte das Fläschchen und ließ die Fingerhutessenz behutsam in den Löffel rinnen. Dabei stellte sie ohne große Überraschung fest, dass ihre Hand zitterte. Trotzdem gelang es ihr, Heinrich Stöcklin den Löffel zu bringen, ohne etwas zu verschütten. Er schluckte die Medizin hinunter und verzog das Gesicht.
»Wie kommt es, dass alles, was uns helfen soll, fast immer scheußlich schmeckt?«
»Wenn das meine Mixtur wäre«, versetzte Fidelitas, »dann würdet Ihr sie sicher lieber mögen. Sie enthält nämlich neben einem guten, kräftigen Rotwein noch etwas Honig.«
Allmählich fühlte sie sich besser. Sie kehrte zum Schreibpult zurück, ließ sich auf dem Stuhl davor nieder und sah den alten Mann an, der ihren Blick unverwandt erwiderte.
»Habt Ihr je erwogen, Euch einen anderen Beichtvater zu suchen?«, fragte sie. »Nehmt mir meine Offenheit nicht übel – aber ich glaube, dieser Mann tut Euch nicht gut.«
Heinrich Stöcklin seufzte.
»Damit könntet Ihr durchaus recht haben«, meinte er. »Soll ich ihm bestellen lassen, dass ich seine Dienste nicht länger brauche?«
Fidelitas nickte.
»Ich glaube, das solltet ihr«, erwiderte sie fest. »Ich bin sicher, es lässt sich ein guter Priester finden, der auch von der Gnade und Güte Gottes zu Euch spricht – anstatt Euch bloß zu lehren, Euch vor seinem Zorn zu fürchten.«
Beim schieren Gedanken an Paulus Mayr spürte sie, dass ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunterrieselte.
Er machte ihr Angst.

Zwei Tage später ließ Vinzenz Stöcklin Fidelitas nach dem Abendessen zu sich rufen. Sein Gesicht war sorgenvoll. Er bat sie, Platz zu nehmen, brauchte aber Minuten, ehe er mit seinem Anliegen herausrückte.
»Meine Mutter ist zornig auf Euch«, sagte er endlich. »Sie wünscht, dass ich Euch in Euer Kloster zurückschicke, sofort.«
Fidelitas runzelte die Stirn. »Was habe ich denn getan, um mir den Zorn von Frau Gundis zuzuziehen?«, fragte sie. »Seit ich hier bin, habe ich keinen einzigen Streit mit ihr gehabt; genau genommen habe ich sie in den letzten Wochen kaum gesehen.«
»Dafür habt Ihr umso mehr Zeit mit meinem Vater verbracht«, versetzte er.
»Ich verstehe.« Fidelitas faltete die Hände im Schoß. »Eure Mutter glaubt, ich hätte Euren Vater gegen sie aufgebracht. Nicht wahr?«
»Ich kann mich erinnern, dass das Wort aufwiegeln fiel.« Der Kaufmann betrachtete sie nachdenklich. »Meine Mutter hat sehr genaue Pläne, müsst Ihr wissen … für meine Tochter und unsere Familie. Sie ist nicht gewöhnt daran, dass sie aus heiterem Himmel durchkreuzt werden.«
»Durch mich, meint Ihr?« Fidelitas schüttelte den Kopf. »Ihr solltet Eurem Vater durchaus einen eigenen Willen zutrauen.«
»Davon habe ich in den letzten Jahren aber wenig zu sehen bekommen.« Vinzenz Stöcklin blickte unbehaglich drein. »Sollte es wirklich ein Zufall sein, dass er ausgerechnet jetzt beschließt, wieder in die Geschicke des Hauses einzugreifen? Ganz ohne Euer Zutun? Dass er Martin Danner einfach so zu sich rufen lässt – nur um ihm zu sagen, dass er sich einen anderen Ehemann für Veronika wünscht? Und dass er aus heiterem Himmel auf die Dienste seines Beichtvaters verzichtet?« Er räusperte sich. »Ihr müsst wissen, der Priester hat sich ebenfalls über Euch beschwert.«
»Das tut mir leid«, sagte Fidelitas ruhig. »Aber Euer Vater hatte offenbar genug davon, dass ihm Vater Paulus mit Lesungen aus dem Hexenhammer Furcht vor der Hölle einflößt, anstatt ihm Hoffnung auf die himmlische Seligkeit zu machen. Das war ganz und gar seine Entscheidung.«
Sie schob die Hände in die weiten Ärmel ihres Habits.
»Und was das Fräulein Veronika angeht …«, fuhr sie fort, »Herr Heinrich liebt seine Enkeltochter. Und er ist der Ansicht, dass Martin Danner für sie nicht gut zum Ehemann taugt. Diese Meinung hat er sich ebenfalls gänzlich ohne mein Zutun gebildet – ich kenne Martin Danner kaum. Ich habe ihn höchstens ein- oder zweimal gesehen und dabei kein einziges Wort mit ihm gewechselt.«
Vinzenz Stöcklin schwieg eine Weile.
»Mir ist wohl bewusst, dass mein Vater Jörg Danner wesentlich lieber mag als Martin«, sagte er. »Aber der Junge ist vollkommen mittellos und kommt deswegen als Bräutigam für Veronika nun einmal nicht in Frage. Da bin ich mit meiner Mutter durchaus einer Meinung. Wenn ich eines Tages nicht mehr bin, soll mein Tuchhandel außerdem unter gar keinen Umständen an einen Mann aus einer anderen Zunft fallen, der dieses Geschäft nicht fortführen kann. Und genau das würde passieren, wenn Jörg meine Tochter zur Frau nimmt.«
Fidelitas unterdrückte ein Seufzen – und hörte die Stimme der Ehrwürdigen Mutter wie ein vorwurfsvolles Flüstern in ihrem Hinterkopf. Genau das ist der Grund, mein Kind, weshalb du es unter allen Umständen hättest vermeiden sollen, dich in das Schicksal dieser Familie einzumischen.
»Es ist nie meine Absicht gewesen, in diesem Haus für Zwist zu sorgen«, sagte sie leise. »Und noch viel weniger, Euren Vater zu beeinflussen. Ich habe ihm nur zugehört.«
»Was Ihr jederzeit und gerne tun dürft, wenn er Euch von der Geschichte unserer schönen Stadt erzählt, oder von seinen früheren Reisen«, antwortete Vinzenz Stöcklin freundlich. »Aber ansonsten solltet Ihr ihm Euer Ohr besser nicht gar so oft leihen. Meine Mutter hat für Veronika nur Gutes im Sinn – Martin Danner wird ihr ein sorgloses Dasein ermöglichen, und auch ihren Kindern wird es einmal an nichts fehlen.«
Er lächelte leicht.
»Natürlich kommt es nicht in Frage, dass Ihr jetzt auf der Stelle abreist – egal, was meine Mutter sagt.« Er stand auf. »Ich bin Euch unendlich dankbar, Schwester. Ohne Euren Mut und Eure tatkräftige Mithilfe würde meine Frau noch immer vor sich hin dämmern. Und es tut meinem Vater zweifellos wohl, endlich wieder einmal jemanden zu haben, der sich Zeit für ihn nimmt. Aber denkt daran: In ein paar Tagen – vielleicht schon zu Mariä Heimsuchung – dürft Ihr wieder in Euer Kloster heimkehren. Dort sind die Regeln sicherlich einfacher als hier … oder Ihr kennt Euch besser damit aus.«
Fidelitas dachte an Veronikas verzweifeltes Gesicht und an die Hoffnung in den Augen ihres Großvaters und verspürte einen schmerzhaften Stich der Schuld. Aber sie wusste, dass der kaum verschleierte Vorwurf des Kaufmanns mitten ins Schwarze traf. Sie konnte keinem von beiden wirklich helfen, und was noch viel wichtiger war: Sie hatte nicht das Recht dazu. Außerdem war die Aufgabe, für die sie hergekommen war, inzwischen erfüllt, noch dazu ausgesprochen erfolgreich.
Es war höchste Zeit, wieder nach Hause zu gehen.

Den Rest dieses Tages verbrachte Fidelitas hauptsächlich bei Regula. Zu sehen, dass es Vinzenz' Frau besser ging, dass sie zunehmend wieder Anteil nahm an den Vorgängen rings um sie her und mit Appetit aß, tat ihr wohl. Sie mochte bei Veronika und Heinrich ihre Befugnisse überschritten haben, aber zumindest ihrer Patientin hatte sie wirklich geholfen. Trotzdem nahm sie sich vor, bei der nächsten Matutin zusätzlich um Vergebung für den eigenen Hochmut zu bitten und vor ihrer Abreise eine Kerze im Münster anzuzünden. Außerdem würde sie ihre Einmischung nach ihrer Heimkehr der Ehrwürdigen Mutter beichten müssen.
An diesem Abend wagte sie es nicht, zu Heinrich hinaufzugehen; die eigene Feigheit beschämte sie. Erst hatte sie ihm Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse gemacht, und jetzt blieb wohl doch alles beim Alten. Es war gut möglich, dass er enttäuscht war – nicht zuletzt von ihr.
Sie legte sich schlafen, als die Turmuhr des Münsters zehn schlug, und schreckte aus einem unruhigen Schlaf hoch, als die Glocke zwölfmal zur Mitternacht läutete.
Schlaftrunken stieg sie aus dem Bett, angelte das Stundenbuch aus ihrer Truhe und kniete nieder, um die vertrauten Gebete zu sprechen. Für diesen Tag war der dreiundzwanzigste Psalm vorgesehen, und sie schöpfte Kraft und Mut aus den vertrauten Versen. Danach allerdings war ein Text des Kirchenvaters Augustinus an der Reihe. Seine Gewissensbisse über die Tatsache, dass er mit ein paar übermütigen Freunden Birnen gestohlen hatte, fand Fidelitas reichlich anstrengend, und sie quälte sich aus schierem Gehorsam durch seine endlosen Selbstanklagen. Trotzdem blieb ihr ein Satz aus dem dritten Buch von Augustinus' Bekenntnissen im Gedächtnis und verfolgte sie bis in ihre verschwommenen Träume hinein: Fragt man nun nach der Ursache eines Verbrechens, so findet man keinen Glauben, wenn nicht die Begierde nach jenen Gütern, welche wir die niedrigsten nannten – oder die Furcht, sie einzubüßen.
Als Fidelitas das nächste Mal aufwachte, schien eine frühe Morgensonne über die Dächer von Freiburg in ihre Kammer. Ihre Glieder waren schwer, aber sie stand trotzdem auf, wusch sich und legte ihr Habit an wie eine schützende Rüstung. Sie musste mit Heinrich Stöcklin reden – und falls er ihr die fruchtlose Einmischung in seine Familienangelegenheiten übel nahm, würde sie ihn um Vergebung bitten. Dann verließ sie die Kammer und klopfte kaum eine Minute später an seine Tür.
Es kam keine Antwort; in dem Zimmer blieb alles still. Fidelitas zögerte und überlegte, ob sie es später noch einmal versuchen sollte, aber dann änderte sie ihre Meinung und drückte vorsichtig die Klinke hinunter.
Die Tür war nicht abgeschlossen und öffnete sich sofort. Das einzige Licht in der Kammer fiel schwach durch die dicken Vorhänge. Für einen Moment bedauerte Fidelitas, dass sie Heinrich kein Frühstück aus der Küche mitgebracht hatte; aber das ließ sich ohne Weiteres nachholen. Sie ging zum Fenster, zog die Vorhänge zurück, und das Zimmer lag von einem Moment zum anderen in hellem Licht.
Sie wandte sich zum Bett. Der alte Mann lag darin, die Augen geschlossen wie in tiefem Schlaf … aber es dauerte nur Sekunden, bis sie begriff, dass seine Brust sich weder hob noch senkte.
Fidelitas spürte, wie sich ihr Atem in plötzlichem Schrecken in ihrer Kehle staute. Sie streckte eine zitternde Hand aus und umschloss mit festem Druck das Handgelenk des alten Mannes, auf der Suche nach einem Puls, den es nicht mehr gab.
Er war tot.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.