Kitabı oku: «Fliegende Teppiche»
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Voller Sehnsucht in Berlin
Urlaub im Sinai
Jetzt oder nie
Abjad
Kamelsafaris
Der Wüstenprinz
Los, lauf...
Dahab – Nuweiba
Tarabin, du hast mich wieder
Jessica
Überraschung
Einen Schritt vor und zwei zurück
Abschiede
Feranje
Ras Abu Galum
Kleine und große Wunder
Dunkle Wolken ziehen auf
Glück im Unglück
Dahab verändert sich
Licht und Schatten
Verlorene Freiheit
Epilog
Impressum
Fliegende Teppiche
Simone Wiechern
Für meine Söhne
Ghanem, Salama und Soliman
Prolog
»Wer nicht in die Welt passt,
der ist immer nahe daran, sich selber zu finden.«
- Hermann Hesse -
Der graue Himmel über Friedrichshain beschwerte mein Gemüt. Die leuchtende, wärmende Sonne brachte hingegen neue Ideen, neue Hoffnungen.
Oft, wenn der Himmel wieder klarer wurde, wurden es meine Gedanken auch. Dann sprossen Geistesblitze wie frische Keimlinge im Zeitraffer in den Himmel. Aber diese dann umzusetzen, war ein anderer Schuh. Einmal stand mir die Angst im Weg, dann wieder das Misstrauen und oft siegte diese unüberwindliche Bequemlichkeit, die einem einflüstert, alles besser so zu lassen, wie es ist.
Wenn einem jedoch der Teppich unter den Füßen weggezogen wird, besteht Handlungsbedarf, und dann können solch verrückt erscheinende Einfälle die einzig gute Alternative sein.
Dann ist der Moment gekommen, in dem man die Chance hat, mutig auf den Teppich aufzuspringen, der freudig mit den Fransen winkt, anstatt sich betrübt geschlagen zu geben, schnell eine magische Zauberformel zu sprechen und dem wackeligen Untergrund vertrauen, dass er sich erhebt und aus dem Desaster in eine neue Welt entflieht …
Nassibuk, Schicksal, sagen die Beduinen und meinen damit: Alles wird kommen, wie es kommen muss. Das gesamte Leben ist in einem großen Buch verzeichnet und man kann seiner Bestimmung nicht entkommen. Stimmt das?
Wenn ich heute daran zurückdenke, war es eine knappe Stunde, in der ich entschied, mein gesamtes bisheriges Leben vollkommen über den Haufen zu werfen.
Voller Sehnsucht in Berlin
»Das Glück besteht nicht darin, dass du tun kannst, was du willst,
sondern darin, dass du immer willst, was du tust.«
- Leo N. Tolstoi -
Ich lag auf dem einsturzgefährdeten Balkon meiner Wohnung in Berlin Friedrichshain und suchte die Sterne am Firmament. Doch nur ein rabenschwarzer Baldachin war dies im Vergleich zu dem unbeschreiblichen Himmelszelt des Sinai, das ich so sehr vermisste. Das Wetter war jedoch angenehm und ich konnte der Enge der vier Wände entfliehen, meine Isomatte und Bettzeug auf den Balkon verfrachten und meine Augen schließen. Jetzt war es ein Leichtes, mir vorzustellen, ich wäre noch dort; im Land meiner Sehnsucht, wo der Himmel zum Greifen nah war und die Sterne, üppig hingeworfener Diamanten gleich, glitzerten und funkelten. In den Nächten dort hatte mich diese Aussicht bedingungslos glücklich gemacht. Die unzähligen Sternschnuppen konnten einfach mit ihrer Schönheit prahlen, ohne ihrer Aufgabe als Wunscherfüller nachkommen zu müssen. Noch einmal nahm ich den kleinen Sack mit Bergkräutern, den mir eine alte Beduinin geschenkt hatte, unter meinem Kissen hervor und inhalierte den Duft von Weite und Ferne. Kurz vor dem Einschlafen hoffte ich, dies würde mich wenigstens in meinen Träumen wieder an den Ort bringen, der eine ungeahnte Sehnsucht in mir auslöste und vor allem nachts in meinen Gedanken war.
Salim holte uns zwei Taschenlampen und Neoprenschuhe, die schon recht mitgenommen aussahen. Wir wanderten zu einem nahe gelegenen Riff. Er bat mich, dicht hinter ihm in dem knöcheltiefen Wasser zu laufen und mich so langsam und lautlos wie möglich zu bewegen. Wir hatten Neumond und es herrschte absolute Windstille; perfekte Voraussetzungen für unser Vorhaben, wie mich Salim aufklärte. Einzig der Schein unserer Taschenlampen war zu sehen und ich wunderte mich, wie viele Meerestiere wir beobachten konnten. Fische, Schnecken und Seesterne in allen Größen und Farben krochen hier des Nachts über die Riffplatte. Doch erst mal kein Zeichen der Kreatur, die wir suchten. Es war gar nicht so einfach, in dieser stockfinsteren Nacht über die Korallen zu steigen, und ich versuchte meine Füße so vorsichtig wie möglich zu platzieren, um das Riff nicht zu beschädigen. Einige Male rutschte ich aber doch auf dem glibberigen Untergrund aus und ratschte mir die Knöchel an den scharfen Kanten des Untergrunds blutig. Doch Abenteuerlust und Jagdfieber waren geweckt und da hielten mich keine kleinen blutenden Wunden auf. Für Haie war es hier zu meiner Beruhigung nicht tief genug.
Plötzlich blieb der Beduine stehen, hielt mich am Arm und deutete auf etwas in einem kleinen Loch vor uns. Ich zuckte mit den Schultern und sah - nichts. Er leuchtete direkt in den Spalt, und jetzt konnte auch ich etwas erkennen: zwei kleine orange leuchtende Punkte, die das Licht seiner Taschenlampen reflektierten.
Das sind die Augen, gab mir Salim per Zeichensprache zu verstehen und bückte sich ganz langsam. Dann, mit einer blitzschnellen Bewegung, griff er zu und zog einen kleinen Hummer daraus hervor. Sein strahlendes Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen und entblößte eine Reihe schwarz verfärbter Zähne, die dem Riff gefährlich ähnelten. Er bugsierte ihn in den dafür mitgebrachten Stoffbeutel und bat mich, da er scheinbar davon ausging, ich wüsste nun, wie ein Hummer aussah, etwas entfernt neben ihm zu gehen. Ich hatte das sprichwörtliche Anfängerglück. Schon nach einigen Minuten sah ich wieder zwei Leuchtperlen im matten Schein meiner Lampe blinken und winkte Salim zu mir. Als er sah, was ich gefunden hatte, rieb er sich die Hände und forderte mich auf, zuzugreifen. Doch gern überließ ich ihm diese Aufgabe und diesmal lohnte sich der Fang wirklich. Ein wunderschönes Tier hatte er da in der Hand; eigentlich viel zu schade es mitzunehmen, aber mir war klar, dass Salim diesen Fang nie und nimmer wieder hergeben würde. Er sagte mir, es wäre nun genug für unser Frühstück und wir gingen zurück ans Ufer.
Wieder im Camp, entzündeten wir ein Feuer direkt vor seiner Hütte aus den unterwegs mitgebrachten Palmwedeln und ein wenig Holzkohle, die noch in der alten Feuerstelle lag. Noch bevor die Kohle richtig durchgeglüht war, hatte ich schon Tee bereitet und wir erwarteten den Sonnenaufgang. Salim hatte den Hummer in der Zwischenzeit in der Campküche vorgekocht und legte ihn nun für eine Weile auf die glühenden Kohlen. Er bot mir meinen Fang an, aber ich entschied mich für den kleineren. Eine hitzige Diskussion entbrannte, in der mir schnell klar wurde, dass es nur einen Verlierer geben konnte. Ich nahm also doch den größeren. Gerade als die Sonne hinter den Bergen Saudi Arabiens aufging, hatten wir einen dekadenten Gaumenschmaus, wie ich ihn selten zuvor erlebt hatte.
Das unbarmherzige Klingeln des Weckers holte mich zurück in den Berliner Morgen, der mal wieder grau und trist war. Noch verschlafen schleppte ich mich ins Zimmer. Beton ist härter als Wüstensand. Alle Glieder reckend und steckend ließ ich mich am Frühstückstisch nieder.
»Wie lange willst du eigentlich noch auf dem Balkon nächtigen?«, fragte mich mein Freund mit einem verständnislosen Grinsen auf seinem Gesicht und schob mir die Kaffeekanne herüber.
Ich goss mir die schwarze, wie immer viel zu starke Brühe in meinen Becher und zuckte nur mit den Schultern. Ich war noch ganz gefangen in den schönen Traumbildern, die genau so noch vor einigen Wochen real geschehen waren und von denen ich mich nicht trennen wollte. Dort würde ich jetzt auf das offene Meer blicken, der strahlende Glanz der Sonne würde den Tag zum Leuchten bringen, ich hätte ein Glas Tee in der Hand und Hummer zum Frühstück!
»Gehst du gleich erst in die Uni oder arbeiten?«, brachte mich Klaus wieder in die Wirklichkeit zurück.
»Zur Uni, warum fragst du?«, antwortete ich verträumt.
»Dann können wir zusammen los, ich habe gleich eine Vorlesung.«
»Ich habe ein freiwilliges Tutorium in arabischer Grammatik. Diese ist so umfangreich, da kann ich gar nicht genug lernen, um das jemals zu verstehen. Es gibt Unmengen von Regeln und noch zahlreicher sind die Ausnahmen dazu.«
»Weißt du mittlerweile, welches Fach du noch studieren willst, um einen Magisterabschluss machen zu können?«, wollte Klaus wissen.
»Ja, ich bin mir aber noch nicht ganz sicher«, entgegnete ich.
»Ich kann dir nach wie vor Politik empfehlen, die Professoren und Angebote sind wirklich hochinteressant an der Freien Universität. Außerdem können Axel und ich dir dann immer mit Rat und Tat beistehen. Dann kannst du dich vielleicht demnächst etwas mehr an unseren nächtlichen Debatten beteiligen, ohne dass wir dir immer die Hintergründe erläutern müssen.«
›Politik verstehen‹, fragte der Zweifel in mir, ›geht das überhaupt?‹
Putativ gingen mein Freund und sein Bruder, der mit uns auf 40 qm lebte und ebenfalls Politik studierte, davon aus.
›Wäre ja mal eine Herausforderung‹, sagte die Kühnheit.
Ich nahm mir erst einmal ein Brötchen, weil es erstens zu früh war, ständig verbal zu reagieren und zweitens, weil meine Gefühle plötzlich anfingen wild durcheinanderzureden. Obwohl ich meinte, noch nicht wach zu sein, waren sie schon putzmunter. Kaum fiel das Wort Debatte, schon fühlten sie sich aufgefordert loszulegen:
›Politik? Brotlose Kunst, für jemanden mit weichem Kern‹, spuckte der Selbsterhaltungstrieb seine Worte verächtlich aus.
›Und doch hoch interessant, würde ich sagen‹, konterte die Faszination.
›Finde ich auch. Einfach nur auf Demos rennen, ohne die genaue Problematik zu verstehen, ist Kinderkacke‹, sagte die Intelligenz ziemlich resolut und mit einem Vokabular, das sehr untypisch für sie war. Sie war wohl etwas beleidigt, auf diesem Gebiet nicht glänzen zu können.
›Ganz meine Meinung. Ihr bekommt ja mit, dass sie sich selber nie wohlfühlt, wenn sie mit den Jungs zusammensitzt und dem Gespräch nicht ganz folgen kann. Mir geht es dabei auch nicht gut‹, sagte die Zufriedenheit.
›Tatsächlich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen‹, neckte die Ignoranz, ›mich interessiert das Weltgeschehen nicht im Geringsten.‹
›Was interessiert dich schon?‹, motzte die Intelligenz recht überheblich.
›Mich interessiert es auch gerade nicht‹, meldete sich der Hunger energisch. ›Müsst ihr schon beim Frühstück solche Diskussionen führen? Lasst sie doch erst mal einen Happen essen.‹
Ich biss in mein Brötchen, das ich mir während des Kopfradios geschmiert hatte und kaute langsam. Ich biss ein weiteres Mal ab und trank einen Schluck Kaffee, der mit dem Brötchen zusammen etwas erträglicher schmeckte. Klaus anschauend antwortete ich auf seine Frage:
»Ich werde mich am besten in die Grundschulpädagogik einschreiben. Mit Kindern verstehe ich mich eindeutig besser als mit Politikern. Politik kann ich als Wahlpflichtfach nehmen. Dann könnten wir einige Kurse gemeinsam belegen und uns die Nächte weiterhin mit euren endlosen Diskussionen um die Ohren schlagen. Die Hauptsache für mich ist, ich schaffte das alles neben der Arabistik. Die ist mir wirklich wichtig. Je mehr ich über die Kultur und Sprache der Araber erfahre, desto neugieriger werde ich.«
Ich leckte mir den heruntergelaufenen Tropfen Marmelade vom Finger und ergänzte mit verschmitztem Gesicht:
»Wer weiß, vielleicht lasse ich mich ja später einmal in einem arabischen Land nieder, dann finde ich als Lehrerin bestimmt immer einen Job. Womöglich bei einem Ölscheich, dessen 27 Kindern ich Privatunterricht gebe.«
»Klar, der nimmt dich sicher gern in seinen Harem auf«, foppte mich Klaus.
»Was steht denn heute Abend an?«, lenkte ich das frühe Gespräch in leichtere Bahnen.
»Axel kocht frische Spaghetti, um den Parmesankäse zu würdigen, den Muttern mit der Kiste Hauswein geschickt hat. Wann kommst du heim?«
»Ich denke, ich arbeite nach der Uni noch bis circa sechs Uhr und komme dann.«
Wieder einmal wurde mir durch den kurzen Wortwechsel bewusst, wie verschieden Klaus und ich waren. Er, ein Sohn aus sehr reichem Haus, einer, dem alle Türen offenstanden und der seid jeher von seinen Eltern und Verwandten gefördert und gepuscht wurde.
Ich dagegen war in einem kleinen Hotel groß geworden, konnte mir nie irgendeinen Luxus erlauben und Zeit hatte auch selten jemand für mich gehabt.
Ich liebte Klaus, aber immer war da etwas, das mir ganz deutlich sagte, dass jeder von uns über kurz oder lang seine eigenen Wege gehen würde. Vor allem die klare und immer wieder betonte Aussage von ihm, dass er nie heiraten und ganz sicher keine Kinder haben wollte, machte für mich jegliche Zukunftsplanung mit ihm zunichte.
Ich war in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil; wollte sogar mehrere Kinder. Dazu gehörte für mich allerdings ein Mann, der mir das Versprechen gab, mit mir durch gute und schlechte Zeiten zu gehen. Ich war selber mehr oder weniger ohne meinen Vater groß geworden, der über 350 km entfernt lebte und den ich höchstens einmal im Jahr sah. Ich vermisste ihn immer sehr und wünschte mir als Kind nichts sehnlicher als eine heile Familie. Für meine eigenen Kinder wollte ich so einen Zustand nicht. Ich brauchte nicht unbedingt einen Trauschein, aber immer kinderlos bleiben?
Klaus und ich waren jetzt über vier Jahre zusammen und sein Standpunkt hatte sich eher verstärkt, anstatt sich, wie ich insgeheim gehofft hatte, irgendwann in einen Kompromiss umwandeln zu lassen. Ein Leben ohne Kinder war für mich nicht vorstellbar und so versuchte ich schon seid einiger Zeit, eine nötige emotionelle Mauer um mich herum zu errichten.
Nach dem Tutorium und einer Vorlesung in arabischer Geschichte ging ich in die Bibliothek, um an meiner Hausarbeit über die Geschichte des Sinai zu arbeiten.
Die Bibliothek war eines meiner liebsten Gebäude in Berlin. Kaum war ich eingetreten, umgab mich Stille. Die Hektik, die draußen herrschte, hatte hier grundsätzlich Hausverbot. Selbst an der Rezeption wurde im Flüsterton gesprochen, um die Ruhe nicht zu stören. Die Geräusche der Schritte wurden von dicken Teppichen aufgesogen und es gab gemütliche helle Plätze, an die man sich mit seinen auserwählten Werken zurückziehen konnte.
Meine nachdenklichen Blicke verfingen sich in den Pflanzen der stilvoll hergerichteten Atrien. Ich hatte schon herausgefunden, dass die Sinai-Halbinsel angeblich seit 9000 v. Chr. besiedelt gewesen sein soll, und die meiste Zeit unter ägyptischer Hegemonie stand.
Schon 3200 v. Chr. wurden von den Pharaonen Arbeiter und Sklaven in die Minen von Manghara geschickt, um dort Türkis abzubauen. Da auch Gold und Kupfer im Sinai zu finden waren, blieb er die gesamte vorchristliche Zeit für die Pharaonen ein Landstrich mit Bedeutung. Im Jahr 106 n. Chr. wurde die Halbinsel zu einem Teil der römischen Provinz Arabia Petrae, bis sie 395 an Ostrom fiel.
640 bis 642 eroberten die Araber den Sinai und seitdem gehörte er zur Arabischen Welt.
Im frühen 6. Jahrhundert wurde durch Helena, die Mutter Konstantins des Großen, das Katharinenkloster gebaut, das bis heute nahezu unverändert besteht. Es hatte die ganzen folgenden Jahrhunderte hindurch eine Sonderstellung.
Herrscher stellten das Kloster unter besonderen Schutz. Der Schutzbrief des muslimischen Propheten Mohammed liegt immer noch gut verwahrt in der historisch bedeutsamen Bibliothek des Klosters, wo Historiker bis heute immer wieder sensationelle Funde machen.
1859 hat zum Beispiel Konstantin von Tischendorf bei Durchsicht der alten Schriftrollen die älteste Handschrift des Neuen Testaments entdeckt. Während seiner nächsten Aufenthalte bei den Mönchen fand er weitere Teile, auch des Alten Testaments, und veröffentlichte sie als Codex Sinaiticus. Viele Touristen besuchen das Katharinenkloster heutzutage, um den brennenden Dornbusch zu sehen, in dem Gott sich Moses als flammende Erscheinung offenbart haben soll, oder um vom nahe gelegenen Berg Mose aus 2285 Metern einen atemberaubenden Sonnenaufgang zu erleben.
Im 11. und 12. Jahrhundert zogen mehrere Male die Kreuzritter durch den Sinai, und Napoleon Bonaparte hinterließ im 18. Jahrhundert seine Spuren im Sand. Er war der Erste, der die kühne Idee hatte, einen Kanal zum Mittelmeer erbauen zu lassen; musste sein Vorhaben jedoch letztendlich wegen grober Vermessungsfehler aufgeben.
1869 wurden Napoleons Zukunftsversionen dann doch noch wahr und der Suezkanal wurde nach zehnjähriger Bauzeit eröffnet.
Bis 1906 war der Sinai dann Teil des Osmanischen Reiches. In der Mitte des 20. Jahrhunderts begann die sogenannte Suezkrise und die Israelis, die kurz zuvor ihren eigenen Staat bekommen hatten, machten ihren ersten Feldzug in die Region.
Ab 1967 besetzten sie den Sinai und gaben die letzten Teile erst im Jahre 1982 gegen ein Friedensangebot durch den damaligen ägyptischen Präsidenten Sadat an die Ägypter zurück.
Die Beduinen blieben all die Jahre hindurch unabhängig und nahezu unberührt von den wechselnden Regierungen. Erst in der letzten Besatzungszeit durch die Israelis fingen diese an, den Sinai urbar zu machen, eröffneten Farmen, Schulen und Krankenhäuser und boten die zahlreichen Tauchgebiete als Urlaubsziele an. Die Beduinen schwärmen noch heute von den medizinischen Künsten der Israelis und deren Schulen und begrüßten den finanziellen Aufschwung, der durch den Tourismus entstand.
Später an meinem Schreibtisch, in einem ökologischen Landschaftsplanungsinstitut, in dem ich in meinem gelernten Beruf als Bauzeichnerin arbeitete, um mein Studium zu finanzieren, dachte ich weiterhin unentwegt an den Sinai. Während ich 2856 Bäume des Treptower Parks auf einem Plan in verschiedenen Grüntönen ausmalte, blieb fast zu viel Zeit zum Träumen. Ich stellte mir vor, noch einmal ganz auf mich allein gestellt durch den Coloured Canyon zu wandern. Ich war dort bei meinem ersten Urlaub mit Klaus und einem befreundeten Pärchen gewesen. Leider zusätzlich mit einer Gruppe von acht weiteren Touristen, die immun gegen die Schönheit dieser Landschaft zu sein schienen.
Sie hatten sich laufend über unabdingbare Nebensächlichkeiten beschwert und mit ihrer Nörgelei einen Schatten auf dieses unvergessliche Erlebnis gelegt. Nach einem kurzen Abstieg hinunter in den Canyon durchstreiften wir damals staunend das ausgetrocknete Flussbett. Hunderte von Fluten und die Erosionen des Windes hatten hier, wie von Meisterhand eines Malers, Ornamente und unzählige Formen in den farbigen Sandstein geschliffen. Ich war vollkommen hingerissen und starrte fasziniert in jedes noch so kleine Loch, um immer mehr einzigartige Formkreationen zu erblicken. Das Wasser, das bei Flut durch die Vertiefungen wirbelte, hatte überall kleine Kunstwerke geschaffen. Man sah die verschiedenen Gesteinsschichten meist als Kreise, wie farbenfrohe Baumringe. Von Weiß über verschiedenste Gelb- und Beigetöne bis hin zu dunklen Rot- und Lilatönen erstreckte sich die Farbenvielfalt.
Der Weg wurde an einigen Stellen so eng, dass man hintereinandergehen musste. Dann wieder fiel er über einige Meter ab und wir waren gezwungen, hinunter zu klettern oder teilweise sogar zu springen. Unsere Mitreisenden stöhnten ständig über die Hitze oder den für sie beschwerlichen Abstieg, über Sand in ihren Schuhen und den langen Weg. Ich hingegen war von Anfang bis Ende begeistert, fühlte mich wie ein Kind, das endlich wieder klettern, springen und unendlich viel entdecken darf. Die Hitze nahm ich erst wahr, als die anderen sich über sie beschwerten. Viel zu viele kleine, von der Natur erschaffene Wunderwerke zogen mich in ihren Bann und lenkten mich von den äußeren Umständen ab.
»Ich hab andauernd Sand im Schuh!«, jammerte eine junge Frau gerade. Was erwartete sie? Dass jemand die Wüste für sie frei kehrte? Ich musste mich zurückhalten, um nicht laut loszulachen über diese Bemerkung.
Am frühen Abend hatten wir vier mit unserem einheimischen Fahrer ein Feuer entfacht und uns entschlossen, diese Nacht mit dem Beduinen hier zu übernachten. Unsere Schlafsäcke hatten wir in weiser Voraussicht mitgenommen. Die stöhnenden Touristen hingegen hatten es vorgezogen, mit den anderen Jeeps direkt wieder ins Hotel zu fahren. Sie freuten sich auf eine Dusche, ihr Buffet und auf die Hotelbar. Mir war es nur all zu recht, dass sie das Weite suchten. Ich verstand nicht, warum sie die bezaubernde Vielfalt dieser Berge nicht ebenso intensiv erlebten wie ich. Das einfache Mahl aus Brot und Bohnen, das uns der Beduine in dieser grandiosen Umgebung zubereitete, zog ich allemal dem hektischen, lauten Schieben am Hotelbuffet vor.
In der nächtlichen Stille, nur unterbrochen von Hundegebell aus weiter Ferne, schliefen wir froh und glücklich unter einem Zelt von unzähligen Sternen ein.
Mitten in der Nacht wurde ich wach und schaute mich um. Der Mond, der fast voll war und direkt über mir stand, ließ die Berge in hunderten von Grau- und Silbernuancen schimmern. Es war so ruhig, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Ich setzte mich etwas abseits meiner Freunde, um auch deren Atem nicht mehr zu hören. So tief es ging ließ ich mich auf diese absolute Stille ein. Die Nacht war einfach zu schön, um wieder schlafen zu gehen. Ich blieb sitzen und genoss jede Minute. Ich konnte alles loslassen und jegliche Spannungen der arbeitsreichen Zeit in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes, in die Wüste schicken. Obwohl es erst halb vier war, wurde ich hellwach und fühlte mich so stark wie schon sehr lange nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, reine Energie zu tanken. Vollkommen losgelöst lag ich auf dem Rücken, über mir zog der Mond seine Bahn und gab mir eine nicht zu erklärende aber äußerst beruhigende Gewissheit, hier und jetzt vollkommen richtig zu sein.
Gemächlich wechselten die Grautöne in ein blasses Violett und der Morgen kündigte sich an. Unser Bergführer erwachte, noch bevor es richtig hell wurde, wusch sich und betete. Der Anblick, wie sich der einsame Beduine dort im Mondlicht vor seinem Gott verneigte, ließ mich nachsinnen, wie alt diese Wüste war und wie sehr dieser Mensch damit verbunden wirkte. Als er zurückkam, half ich Holz zu sammeln, und schaute zu, wie er Tee im offenen Feuer zubereitete. Zwischendurch grinste er mich immer wieder an. Ich denke, er erkannte die Liebe zu den Bergen in meinen Augen, die in dieser Nacht tief in meinem Inneren erwacht war.
Der letzte Baum bekam seinen passenden Grünton. Ab morgen musste ich in die 2856 Bäume ihre Namen schreiben. Obwohl ich ein ausgezeichnetes Arbeitsklima, sehr liebe Kollegen, ein gutes Gehalt und sogar gleitende Arbeitszeiten hatte, konnte ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, diesen Beruf für immer auszuüben. Es war sinnvoll, was ich tat und trug zum Schutz der Umwelt bei, doch fehlte mir der Bezug zum Leben an sich und oft war es einfach zu langweilig. 2856 Bäume sind sehr viel! Ich saß in einem kühlen Büro im dritten Stock und die Parks und Landschaften, die ich bearbeitete, waren Kilometer weit weg. Zum Teil bekam ich sie nicht einmal zu Gesicht.
Das Studium machte deutlich mehr Freude und brachte mich auf die innerlich spürbare, richtige Spur. Wissen aufzusaugen war für mich so wichtig wie das Atmen. Aber ich hatte zunehmend das Gefühl, in Deutschland lebte man nur um zu arbeiten und arbeitete nicht um zu leben. Alles kostete viel zu viel Geld und immer musste man irgendwie oder irgendwo mithalten und Dinge anschaffen, die man im Grunde genommen gar nicht brauchte, sondern kaufte, weil die Gesellschaft und die Werbung einem suggerierte, man bräuchte sie. Miete, Strom, Versicherungen, Kleidung, abwechslungsreiche Kost, das alles war teuer in Berlin. Ausgehen, ohne dafür viel zu zahlen, war fast unmöglich - und mein Fernweh in den Sinai war ein weiterer Kostenfaktor.
Ein Zitat von Gabriel Laub brachte meine damaligen Gedanken auf den Punkt: »Unser Leben ist viel schwerer als das unserer Vorfahren, weil wir uns so viele Dinge anschaffen müssen, die unser Leben erleichtern.«
Noch ein paar Wochen musste ich durchhalten und einige Abende bis zum Einbruch der Nacht Bäume an- und ausmalen, beschriften oder schraffieren, dann konnte ich mir ein Ticket leisten und wieder für eine Weile entfliehen … in das Land der Berge und Kamele. Wo die Menschen um so viel glücklicher erschienen, obwohl sie, nach unseren Standards, fast nichts besaßen. Auch ich benötigte dort kaum etwas und fand ohne viel Geld zu investieren das, was ich am meisten brauchte: Freiheit, Zeit, Ruhe und Horizonterweiterung.
Urlaub im Sinai
»Das Glück muss entlang der Straße gefunden werden,
nicht am Ende des Wegs.«
- David Dunn -
Es gab endlich Direktflüge nach Sharm El Sheikh. Bei den ersten Urlauben hatte ich den umständlichen Weg über Ungarn oder die Tschechei nehmen müssen. Das hieß, man musste lange auf Flughäfen warten und die gesamte Flugzeit betrug mehr als 12 Stunden. Außerdem gingen die Flüge mitten in der Nacht. Wie angenehm, diesmal nachmittags, nach nur viereinhalb Stunden zu landen.
Ich konnte es kaum erwarten, den Flieger zu verlassen. Nach dem unterkühlten Flugzeug erschien mir die entgegenschlagende Hitze auf dem Rollfeld wie eine glühende Wand, die zu durchschreiten war. Doch diese heiße und trockene Wüstenluft, die es den Pflanzen erschwerte zu wachsen und zu erblühen, erzeugte in mir genau das Gegenteil. Den ersten tiefen Atemzug gierig eingesogen, kam in mir der Eindruck auf, zu allem fähig zu sein - sogar ohne Angst diesen Bus zu besteigen, der so aussah, als würde er nicht einmal die kurze Distanz vom Flugzeug bis zum Terminal überstehen.
Heil und unbeschadet in der Ankunftshalle angekommen, mischte ich mich in das unvergleichliche Chaos, das dort herrschte. Die Halle war mit Menschen regelrecht vollgestopft, die alle scheinbar planlos durcheinanderliefen. Ich war froh, dass ich mich inzwischen auskannte und wusste, wo man das benötigte Visum erstehen konnte. Ich war einigen Touristen behilflich, die sich hinter, vor und neben mir, mit ihren Pässen in der Hand ratlos umschauten.
Endlich draußen angelangt hielt ich nach einem Taxi Ausschau und sah glücklicherweise einen Beduinen, der mir als Fahrer aus Dahab bekannt war. Ich sprach ihn an und schnell wurden wir uns über einen Fahrpreis einig.
Nachdem die Touristen, auf die er gewartet hatte, hinzugekommen waren, fuhren wir Richtung Dahab los. Kaum hatten wir das Flughafenareal verlassen, sah ich sie in der Ferne: die Berge. Schier endlos zogen sie sich durch den ganzen Sinai. Ein massiver, sich nur leicht verändernder Ruhepol, der mir sicher auch diesmal wieder etwas von seiner unendlichen Kraft abgeben würde.
Das junge deutsche Paar im Taxi war mir sehr sympathisch. Auch für sie war dies nicht der erste Urlaub im Sinai.
»Sagt mal«, fragte ich sie spontan auf halber Strecke, »habt ihr vielleicht Lust, kurz anzuhalten und eine kleine Pause einzulegen?«
»Ja, warum nicht, wir haben es nicht eilig«, erwiderte die junge Frau.
»Hast du einen Teepott und Tee dabei?« wandte ich mich an den Fahrer.
»Natürlich! Warum?«, war seine von mir erhoffte Antwort.
»Ich hab es so vermisst, unter einer Akazie zu sitzen und Tee zu trinken. Ich kann es nicht abwarten«, frohlockte ich.
Der Fahrer freute sich sichtlich über meinen Vorschlag und hielt nach einigen Minuten an einem schönen Platz mit einem großen Baum an. Wir sammelten heruntergefallenes Holz der Akazie und entzündeten ein Feuer. Der Beduine bereitete den Tee. Als er ein wenig Fladenbrot aus dem Auto holte, ging auch ich an meine Tasche und steuerte deutschen Käse bei.
»Welch ein schöner Urlaubsanfang«, sagte der Deutsche und seine Freundin und ich nickten zustimmend.
In Dahab angekommen ließ ich mich am »Fighting Kangoroo« Camp absetzen und schmunzelte wieder über das handgemalte Schild über der Eingangspforte, auf dem ein kindlich gemaltes Känguru mit Boxhandschuhen abgebildet war und lachend seine Fäuste gegen eine Palme erhob.
Schon beim Eintreten wurde ich freudig von den beduinischen Betreibern begrüßt. Glücklich, die alte Besatzung wiederzusehen, ließ ich mich gerne, noch bevor ich meine Koffer in mein Zimmer brachte, zu einer weiteren Tasse des typisch süßen Tees einladen.
Ich hatte mit den Angestellten des Camps im vorherigen Urlaub viel Zeit verbracht. Sie langweilten sich oft, wenn sie das Camp, das sich in Familienbesitz befand, beaufsichtigen mussten und ich wollte schon damals alles über Land und Leute herausfinden. Die Jungs waren noch Teenager und ebenso an meinem Leben interessiert wie ich an ihrem. Die meiste Zeit verbrachte ich damals mit Sahi, mit dem ich mich vom ersten Moment an prächtig verstand. Wir konnten über Vieles lachen und er hatte immer Lust, etwas zu unternehmen.
Ich war froh, nicht allein an den Strand gehen zu müssen. Das hatte den Vorteil, dass man nicht permanent von den ägyptischen Shopbesitzern angesprochen wurde. Alle paar Meter wollte mir jemand etwas verkaufen, mich auf einen Tee einladen oder sich mit mir die Zeit vertreiben. Auf diese Small Talks hatte ich selten Lust, vor allem, da sie den Nachteil hatten, dass jeder, mit dem man einmal geredet hatte, einen sofort als seinen Freund bezeichnete und bei jedem weiteren Standbesuch wieder in ein Gespräch verwickeln wollte. Ich bevorzugte alles in Ruhe zu genießen oder von Sahi mehr über die Beduinen zu erfahren. Die Männer in den Cafés und Shops der Promenade waren zum größten Teil Ägypter und für mein Empfinden viel zu aufdringlich. Fast schon penetrant versuchten sie, die Touristen in Gespräche zu verwickeln. Mit einem sehr üppigen Repertoire an zumeist ziemlich flachen Sprüchen versuchten sie die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden auf sich zu lenken. Die Beduinen, die nicht so zahlreich vertreten waren, gaben mir hingegen nie das Gefühl, mich in irgendeiner Art zu bedrängen.
Abends gingen Sahi und ich manchmal in die Disco. Aber nachdem er wegen mir einmal von der Polizei kontrolliert und abgeführt wurde, mochte ich dieses Risiko nicht wieder eingehen. Den Einheimischen war es verboten, mit Touristinnen auszugehen, und wir mussten immer aufpassen, nicht von den Beamten erwischt zu werden. Als sie Sahi damals abgeführt hatten, rannte ich vollkommen aufgelöst zurück ins Camp und erzählte den anderen Jungs, was geschehen war. Sie beruhigten mich; man würde Sahi nur so lange in Gewahrsam halten, bis sein Bruder ihn abholen würde. Sahis Familie hätte einen guten Draht zu der örtlichen Polizei. Tatsächlich war er am nächsten Vormittag schon wieder im Camp und erzählte mir, dass sein Bruder ihn nachts noch abgeholt hatte. Für ihn war es nichts Besonderes, als Beduine von der Polizei mitgenommen und verhört zu werden. Mich hatte der Vorfall allerdings so erschreckt, dass ich mich zukünftig lieber an Plätzen mit ihm aufhielt, wo weniger Polizei unterwegs war.
Nachts legte ich meinen Schlafsack neben seinen auf das Campdach und wir redeten oft bis die Sonne wieder aufging. Unsere Unterhaltungen waren wegen der Sprachbarrieren sehr zeitintensiv. Er brachte mir die ersten Worte Arabisch bei und ich verbesserte sein Englisch. Oftmals malte ich ihm Sachen auf, um mich verständlich zu machen, und staunte, wie schnell er lernte. In Berlin dachte ich immer gern an diese ungezwungenen und entspannten Abende mit ihm und freute mich nun, ihn wiederzusehen.
»Wo ist denn Sahi?«, fragte ich Chalid.
»Der schläft wie üblich oben auf dem Dach, faul wie immer«, entgegnete der Teenager lachend. »Wenn du ihn nicht weckst, schläft er sicher noch ein paar Stunden.«
Chalid trug mir meine Koffer in mein altes Zimmer und ich ging den gewohnten Weg zur Dachterrasse, die noch vor ein paar Monaten mein bevorzugtes Nachtlager gewesen war.
Mich leise an Sahi anschleichend, verweilte ich einen Moment an der Brüstung und war beruhigt, die Aussicht noch immer so atemberaubend wie damals vorzufinden. Ein weitläufiger, dunkelgrüner Teppich, aus sich im Wind schwenkenden Palmen, ging über in das kräftige Blau des Meeres und bildete einen malerischen Kontrast zu den Bergen von Saudi Arabien im Hintergrund.
»Hey, kleiner Bruder, ich bin wieder da«, flüsterte ich leise auf Arabisch und rüttelte den tief Schlafenden sachte an der Schulter.
»Tayeb, tayeb!«, gut, gut!, knurrte Sahi und drehte sich mürrisch weg.
Eine Sekunde später warf er sich blitzartig wieder herum und schaute mich ungläubig aus verschlafenen Augen an.
»Ya marhaba!«, herzlich willkommen!, begrüßte er mich, indem er die Worte extrem in die Länge zog und damit sein Staunen und seine Freude gleichermaßen zum Ausdruck brachte.
»Wie geht es dir?«, fragte er mich.
»Gut! Ich bin unendlich froh, wieder hier zu sein. Wie geht es dir?«
»Müde«, entgegnete er und unterstrich das Ganze mit einem ungenierten Gähnen.
»Ja, so kenne ich dich«, sagte ich fröhlich und freute mich schon, mit ihm noch heute oder morgen zu seiner Familie ins Dorf zu gehen, was er mir beim letzten Mal versprochen hatte.
Bei seinem kargen Frühstück aus Tee und Fladenbrot um vier Uhr nachmittags leistete ich ihm Gesellschaft. Ich erzählte ihm, was ich in der Zwischenzeit gemacht hatte und gab ihm den Walkman, den ich für ihn mitgebracht hatte. Leider hatte Sahi keine Lust ins Dorf zu gehen und vertröstete mich auf morgen. Doch auch am nächsten Tag schlief er morgens sehr lang, mittags wieder und verschob unseren Ausflug erneut um einen ganzen Tag.
Er hatte sich verändert und war nicht mehr der witzige, lebenslustige Typ, mit dem ich im letzten Urlaub so viel Spaß gehabt hatte. Am dritten Tag ließ er sich doch noch überreden und wir zogen los.
Zuerst liefen wir etwa zwei Kilometer am Strand entlang. An einem herrlichen, großen Palmengarten, der seiner Familie gehörte, bogen wir ins Dorf ab. Sofort hefteten sich ein paar Kinder an unsere Fersen und bestürmten Sahi mit Fragen, die zum größten Teil mich betrafen. Bei seinem Elternhaus angekommen, liefen die Kinder zuerst in den Vorhof und riefen immer wieder: »Eine Ausländerin ist da, eine Ausländerin ist da!«
Als ich hinter Sahi auf den Hof kam, erhoben sich alle und gaben mir mit kurzer Begrüßungsfloskel die Hand. Die Familie war diesen Nachmittag vertreten durch zwei seiner Schwestern und deren Töchter. Dazu kamen ein paar Freundinnen aus der Nachbarschaft. Sahi sagte mir, die Mädchen würden mich sicher gut unterhalten und verschwand einfach, bevor ich etwas darauf erwidern konnte. Recht unsicher und verwirrt blieb ich inmitten der Frauen stehen. Doch die bildhübschen Teenagerinnen verwickelten mich schnell und ungezwungen in ein Gespräch und wir hatten keinen Moment einer peinlichen Situation des gegenseitigen Anschweigens. Je nachdem, wie es einfacher war, sich auszudrücken, redeten wir Arabisch und Englisch durcheinander. Die älteste Tochter des Hauses, Solima, sprach gut Englisch und übersetzte für die älteren Frauen, die keine Schule besucht hatten. Wenn ich Arabisch sprach, amüsierten sich die Beduininnen köstlich über meine Aussprache, denn ich schaffte es nie, das »r« zu rollen, was sich für sie wohl sehr spaßig anhörte. Mein Professor auf der Universität hatte sich redlich bemüht, es mir beizubringen, doch nach zehn vollen Minuten gab er entnervt auf und behauptete, ich wolle es vielleicht einfach nicht lernen. Das war natürlich Unsinn, aber wenn ich versuchte, meine Zunge vibrieren zu lassen, kam da immer nur ein »zsss« oder »drrr« heraus.
Sahis Mutter war eine schon damals sehr alt wirkende Frau, mit markanten Falten, die sich vertieften, wenn unsere Blicke sich trafen, da sie mir bei jedem Blickkontakt ein herzliches Lächeln schenkte. Die Gesichter der älteren, verheirateten Frauen waren bis über die Nase mit einem Tuch bedeckt, und ich sah nur ihre Augen, die durch die schwarze Verschleierung, die wie ein Rahmen wirkte, eine erhöhte Ausdruckskraft bekamen. Beim Zuhören ließ ich den Ort auf mich wirken. Das einfach gemauerte und verputzte Haus von Sahis großer Schwester, Aida, bestand aus zwei aneinander gebauten Zimmern. Die Farbe an der Fassade war schon lange nicht erneuert worden. Kinderhände und der ewige Staub hatten dunkle Spuren hinterlassen und an einigen Ecken war der Putz abgebröckelt. Die Türen waren aus einfachem Holz und weder passten die Rahmen in das Mauerwerk noch die Türen exakt in den Rahmen.
›Auf deutsche Wertarbeit scheint hier niemand Gewicht zu legen‹, flüsterte mir die Ästhetik zu.
Ein Bretterverschlag, der etwas abseits stand und nur mit Palmwedeln abgedeckt war, diente als Küche.
Am schönsten war der Vorhof, in dem wir saßen; sehr geräumig und von einigen riesigen Dattelpalmen dominiert, die gerade herrlichen Schatten spendeten. In einer Ecke war neben den Palmen ein wackeliger Zaun gezogen, hinter dem ein kleiner Garten angelegt war. Es war ein bescheidener Wohnort, der jedoch sehr gut durchdacht zu sein schien. Solima, Sahis Nichte, führte mich zwischendurch herum und erläuterte mir dessen Vorzüge. Es gab einen abgegrenzten Platz um die Ecke, an dem die Männer saßen. So konnten sich die Frauen, wenn sie sich trafen, unbeobachtet fühlen. Direkt nebenan, nur durch eine kleine, leicht zu übersteigende Mauer und die zwei Zimmer getrennt, war das Grundstück der anderen Schwester, das in etwa dieselbe Anordnung hatte, nur dass ihre Küche gemauert war. Nach der Besichtigungstour saß ich mit den Frauen und Mädchen auf kleinen Teppichen, die sie schon bei meiner Ankunft ausgebreitet hatten, um eine große, runde Feuerstelle herum, und noch bevor ich mein Teeglas ausgetrunken hatte, bekam ich von einem der Mädchen nachgeschenkt.
Mir fiel auf, dass es immer mehr Kinder wurden, die sich zu uns setzten. Es hatte sich scheinbar herumgesprochen, dass eine Ausländerin zu Besuch war und neugierig wurde ich von ihren fast schwarzen Augen begutachtet. Sie tuschelten und kicherten und zogen wieder ab. Neue kamen. Oder waren die vorher schon mal da gewesen? Ich verlor den Überblick. Es gab sehr viele Kinder hier, stellte ich verzückt fest. Jedes Mal, wenn sie die Hoftür öffneten, versuchten die Ziegen der Familie, sich mit Vehemenz mit durch die Tür zu quetschen. Beim Hinauslaufen ließen die Kinder die Tür oftmals offen und so war eines der größeren Mädchen gezwungen, alle paar Minuten aufzustehen, um die Tiere wieder nach draußen zu scheuchen. Das war offensichtlich gar nicht so einfach, denn die Ziegen wussten sehr wohl, wo es sich besser leben ließ und das Futter zu finden war. Sie versuchten überall hin zu entkommen, nur nicht zur Tür hinaus. Manchmal mussten ein oder zwei andere Mädchen helfen, um sie endlich doch noch nach draußen zu treiben. Die Situation schien für die Bewohner vollkommen normal zu sein. Keiner schimpfte mit den Kindern oder regte sich über die Ziegen auf.
Gerade kam Sabiha, die ich vom Strand her kannte. Sie hatte mich dort schon des Öfteren beim Backgammon besiegt und damit einige Flaschen Limonade gewonnen. Ihr stets geforderter Gewinn, bevor sie mit Feuereifer zu würfeln begann. Verlor sie, so bekam ich ein Armband, das sie vor meinen Augen mit schnellen, flinken und geübten Handbewegungen aus buntem Stickgarn fertigte. Ich hatte mittlerweile schon eine beachtliche Sammlung dieser Bänder. Ich kaufte den Mädchen gerne hin und wieder welche ab, da ich wusste, dass sie mit dieser Arbeit ihre Mütter unterstützten. Sabiha war fast täglich am Strand und verkaufte diese Bänder, daher sprach sie recht gut englisch und war mir oft eine wertvolle Dolmetscherin.
Kurz vor Sonnenuntergang bereitete Solima Brotteig aus Weizenschrotmehl, Salz und Wasser, während ihre Mutter ein großes Feuer errichtete und entzündete. Der fertige Teig wurde in etwa zehn gleichgroße Fladen geteilt und dann mit einem Rundholz ausgebreitet. Sehr gekonnt warf Solima diese dann von einer Hand in die andere, bis sie sich auf einen Durchmesser von etwa einem halben Meter auseinandergezogen hatten und hauchdünn waren. Die Mutter hatte inzwischen ein gewölbtes Eisenblech über das Feuer gelegt, auf dem die Fladen nun gebacken wurden. Das erste, schön geröstete und noch heiße Stück bekam ich und ergötzte mich sowohl am Geruch als auch am Geschmack des herrlich frischen Brotes. Dazu wurde eine große Schüssel Datteln, die sehr süß und saftig waren, vor mich gestellt, dass mein Gaumen sich mehr als geschmeichelt fühlte.
Früher hatte ich mir, wohl von Vorurteilen geprägt, die muslimischen Frauen grau und unscheinbar vorgestellt. Dieser Nachmittag belehrte mich eines Besseren. Die Beduininnen waren unter ihren schwarzen Umhängen kunterbunt gekleidet und fröhlicher, als ich je eine Runde Frauen erlebt hatte. Sie lachten, redeten und scherzten ununterbrochen und ihre hübschen dunklen Augen versprühten Freude und Lebendigkeit. Als wir auf die Familienzugehörigkeit zu sprechen kamen, stellte sich heraus, dass viele der Mädchen, die sich inzwischen eingefunden hatten, verwandt miteinander waren.
Diese zufriedene Großfamilie beschäftigte meine Gedanken und weckte Sehnsüchte in mir, die tief verborgen trügerisch geruht hatten: Ich erinnerte mich an die Zusammenkünfte bei meiner Großmutter, bei denen alle meine Tanten mit ihren Kindern kamen. Ich hatte mich immer schon Wochen vorher auf diese Tage gefreut. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, gab gutes Essen, nachmittags Kuchen und wir Kinder hatten eine aufregende, zufriedene Zeit. Nachdem ich von Zuhause weggegangen war, wurden die Treffen weniger, meine Großmutter erkrankte und der Familienzusammenhalt löste sich allmählich auf. Mir wurde an diesem Tag bei der Familie bewusst, wie sehr ich im Inneren solch ein fröhliches Beisammensein vermisste. Familie war für mich sehr wichtig. Dies war letztendlich auch der entscheidende Grund, warum ich mit Klaus nicht wirklich glücklich werden konnte. In allen anderen Belangen war er fantastisch. Wir hatten sehr gehaltvolle Gespräche, nie Streit und unsere Beziehung war durchweg positiv geprägt. Uns beiden war es wichtig, den anderen aufzubauen, zu stärken und glücklich zu machen. Aber ich suchte mehr. Ich wollte meine eigene Familie gründen, in der die natürliche Geborgenheit, die man dort erfahren kann, ganz groß geschrieben stehen würde. Deutschland entwickelte sich immer mehr weg vom typischen Familiensystem. Der Individualismus war hoch im Kurs und die Menschen hatten mehr und mehr Lebensabschnittsgefährten als einen Partner, lieber etwas Unverbindliches. Verantwortung schreckte ab und immer mehr Kindern wurde durch die Trennung ihrer Eltern das Urvertrauen geschmälert. Ich sehnte mich nach der konventionellen Art von Beziehungen, wo man, vor allem wenn Kinder vorhanden waren, durch gute und auch schlechte Zeiten gehen und gemeinsam alle Hürden überwinden würde. Nachdem was ich in all den Jahren zuvor gesehen und selbst erlebt hatte, empfand ich mich manchmal als sehr romantisch - aber es war nun einmal mein Traum. Das Resultat aus einer Kindheit, die mit einem Stiefvater geprägt war, den ich verabscheute und der mir immer zu verstehen gab, dass ich eigentlich nur störte. Er war ein Mann, der uns hart arbeiten ließ und brutal schlug, wenn wir seine Befehle und Aufträge nicht sofort erledigten.
Ich wollte gerne Kinder, aber musste dazu erst einmal einen Mann finden, der das Herz am rechten Fleck hatte, vor allem verantwortungsbewusst war, selber Kinder wollte und mich liebte. Viele Ansprüche? Vielleicht. Meine Hoffnung war noch wohl auf und pfiff bei diesem herrlichen Anblick einer, wie mir schien intakten Familie, fröhliche Melodien.
Bei Sonnenuntergang tauchte Sahi so plötzlich, wie er verschwunden war, wieder auf und wir gingen zurück ins Camp.
Nach einer Woche in Dahab hatte ich genug vom Strandleben. Mittlerweile kannten mich zu viele Ägypter vom Sehen her und ich konnte keine fünfzig Schritte auf der Promenade wandeln, ohne angesprochen zu werden. Wenn ich baden ging, fühlte ich die Blicke der Männer in meinem Rücken.
Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer mit der Anmache am Strand. Die wenigen Beduinen, die man sah, hatten hingegen eine sehr angenehme, zurückhaltende Art.
Sahi hatte leider keine Lust mit mir noch einmal ins Dorf zu gehen. Ich hätte gern noch einen Nachmittag dort verbracht, war aber zu unsicher, um allein zu gehen.
Ich sehnte mich nach der Wüste und weniger Trubel am Strand.
Am nächsten Morgen beim Frühstück dachte ich an einige Szenen aus meinem ersten Urlaub in Ägypten, als ich mit Klaus, Helge und Sabine in dieses wunderschöne Land gereist war.
Wir saßen gerade in Marsa Matruh in einem Restaurant und aßen frischen Fisch, als uns ein Mann in perfektem Englisch ansprach. Wir baten ihn, sich doch zu uns zu setzen und er erzählte uns, er käme ursprünglich aus dem Irak und wäre Vertreter für Wasseranlagen. Durch seinen Beruf bedingt musste er viel in Ägypten umherfahren und langweilte sich meist auf den Fahrten, was bei ihm schnell zu Anfällen von starker Müdigkeit führte.
›Das wundert mich bei dieser extremen Hitze nicht‹, sprach mein Körperempfinden.
Es stellte sich heraus, dass wir für den nächsten Tag das gleiche Reiseziel hatten und so bot uns der freundliche Iraker kurzerhand an, uns nach Siwa mitzunehmen.
Dort angekommen lud er uns zum Essen ein und sagte, er würde in drei Tagen zurück nach Alexandria und dann nach Kairo fahren. Gerne würde er uns wieder mitnehmen. Da die Fahrt mit ihm sehr unterhaltsam war und noch dazu kostenlos, waren wir dankbar und verstauten drei Tage später unsere Taschen wieder in seinem alten Mercedes. Siwa hatte uns mit seinen alten zerfallenen Lehmhäusern und dem grünen Teppich aus tausenden von Dattelpalmen sehr gut gefallen.
Yahya kannte Ägypten sehr gut und hatte immer viel zu berichten, auch über sein Land, den Irak, der zu dieser Zeit im zweiten Golfkrieg steckte. Dort hatte er sich dem Wehrdienst verweigert und musste nun mit einer langen Gefängnisstrafe rechnen, sollte er je in sein Land zurückkehren. Er vermisste seine Familie dort sehr, denn er war sich bewusst, sie vielleicht für eine unvorstellbar lange Zeit nicht wiederzusehen. Man merkte ihm an, wie sehr er darunter litt. Wenn er erzählte, konnte man die Sehnsucht fast greifen, so stark stand sie im Raum. Wie schon auf der ersten Strecke hatte Yahya einiges an Proviant dabei. Von allem sollten wir probieren und wann immer es eine Möglichkeit an der Straße gab, etwas Neues zu besorgen, brachte er weitere Leckereien, kleine Kuchen, arabische Süßigkeiten und allerlei Obst und Getränke. Wenn wir irgendwo anhielten, zahlte er die gesamte Rechnung. Hin und wieder nahm er auch etwas von unserem Proviant an, lehnte es aber strikt ab, dass wir unterwegs in Restaurants die Rechnung beglichen.
Kurz vor dem Suezkanal stoppten wir an einem kleinen Imbiss an der Straße und bestellten alle wohlriechende Fleischspieße, die gerade frisch gegrillt wurden. Da wir ihn endlich auch mal einladen wollten, sagte ich Klaus während des Essens, er solle doch schnell zahlen gehen, sonst käme uns Yahya sicher wieder zuvor. Das tat Klaus dann auch. Eine fatale Idee, denn nach dem Essen ging unser irakischer Freund wie gewohnt nach vorne, um zu zahlen. Wutentbrannt kam er eine Minute später zurück an unseren Tisch und verlangte lautstark, dass wir unsere Taschen aus seinem Auto nehmen sollten. So wie wir hätte noch niemand zuvor seine Gastfreundschaft beleidigt. Wir wussten gar nicht, wie uns geschah und versuchten den guten Mann zu beruhigen. Doch schon ging er mit schnellen, energischen Schritten zum Auto, öffnete verärgert den Kofferraum und warf unsere Taschen sehr unsanft auf den Boden. Dann setzte er sich ans Steuer und startete den Motor. Ich war schon seit je her sehr harmoniebedürftig, von daher recht diplomatisch und ging schnell an sein geöffnetes Fenster. Nach kurzer Diskussion gelang es mir tatsächlich, ihn zu beruhigen. Ich gab ihm zu verstehen, dass auch wir nur handelten, wie es uns beigebracht worden war und dass auch wir gewisse Traditionen hegten, zu denen es zählt, sich nicht ausschließlich aushalten zu lassen. Er wurde jedoch erst ruhiger, als ich ihm zu verstehen gab, von unseren Eltern so erzogen worden zu sein. Allerdings verlangte er eine Entschuldigung und das Versprechen, ihn nicht noch einmal so zu beleidigen. Fast augenblicklich war er wieder gut gelaunt wie zuvor und wir setzten unsere Reise mit ihm fort.
Am Suezkanal angelangt bestaunten wir die skurrile Aussicht auf Schiffe, die durch die Wüste zu schweben schienen. Der Kanal war tiefer gelegt und aus einiger Entfernung sah man nichts als Sandhügel, durch die sich riesige Frachter bewegten - wie die laufenden Hasen auf einem Schießstand im Vergnügungspark. Wir hatten uns geeinigt, nicht den Tunnel, sondern die Fähre zu benutzen, und ich war etwas enttäuscht, wie unspektakulär und klein der Kanal war. Den erwarteten Palmensaum wie an Flüssen gab es nicht. Das Wasser war überall an den Ufern befestigt und gab dem Wüstenboden nichts von seinem kostbaren Nass ab. Die Überfahrt dauerte nur einige Minuten, schon saßen wir wieder im Auto und setzten unsere Reise fort. Als wir Yahya zwischendurch mitteilten, dass wir doch nicht mehr so gern nach Kairo, sondern direkt in den Sinai wollten, änderte auch er uns zuliebe seine Reiseroute. Zwar hatte uns Dahab als nächstes Reiseziel vorgeschwebt, aber Yahya schlug uns einen seiner Meinung nach weitaus schöneren Ort vor und setzte uns 70 km nördlich, in Nuweiba ab. Ein letztes Mal lud er uns am späten Abend zu einem opulenten Essen ein und verabschiedete sich. Natürlich durfte er wieder die Rechnung begleichen.
›Von so viel Gastfreundschaft könnten sich deine Landsleute mal ein Scheibchen abschneiden‹, flüsterte mir der Verstand zu.
Ich sah Yahya leider nie wieder.
Doch der Exiliraker hatte nicht zu viel versprochen. Nuweiba war ein bezaubernder, verschlafener Küstenort, der laut Reiseführer, 1971 von den Israelis als Moschaw Neviot gegründet worden war. Im Hintergrund die leuchtend rot schimmernden Berge, vor uns das türkisblaue Meer, Sand, Palmen und wenig Betrieb - endlich genau der Urlaub, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Wir bezogen eine Bambushütte und duschten erst einmal, in dem wir uns mehrere Male mit einer alten Dose Wasser aus einem großen Tank über den Kopf gossen. Strom und fließendes Wasser gab es nicht. Es war sehr einfach, aber zutiefst idyllisch.
›Lieber Ruhe als Luxus‹, empfand die Sensibilität, die von der Atmosphäre, die der Ort ausstrahlte, sofort angetan war.
Alles schien sehr ursprünglich und auf das Wesentliche beschränkt zu sein. In der Hütte lagen zwei dünne Schaumstoffmatratzen auf der Erde, die mit sauberen Laken bezogen waren. Am Kopfende ein Kissen und am Fußende eine ordentlich zusammengefaltete Wolldecke. Zwischen den Matratzen stand ein kleiner runder Tisch, auf dem sich ein Windlicht befand, das aus einer abgeschnittenen Plastikflasche gefertigt war und eine halb verbrannte Kerze enthielt; darum waren viele schöne Muscheln drapiert. Statt eines Schrankes gab es nur eine Leine, die sich an einer Wand entlang zog. An der anderen Seite befand sich eine Leiste mit Nägeln. Unter einem Vordach standen zwei einfache Stühle aus Holz. Von dort hatten wir freien Blick zum Meer, das nur einen Steinwurf entfernt zum Baden einlud. Am Strand war niemand.
›Entspannung pur‹, freute sich mein Gemüt.
Am nächsten Morgen war ich extra früh aufgestanden, um den Sonnenaufgang zu sehen. Es hatte sich gelohnt. Die prächtige Veränderung der Farben und das sehr schnelle Emporklettern der Sonne über die Berge, waren Momente, die sich tief in meine Seele brannten. Kein Mensch außer mir war am Strand und ich hatte das Gefühl, die Sonne würde einzig für mich allein dieses Schauspiel aufführen.
Nach dem Frühstück sonderte ich mich von den anderen ab, um mir ein wenig die Gegend anzusehen. In einiger Entfernung erblickte ich eine Gruppe kleinerer Kinder, die Kamele, mehrere Ziegen, Schafe und einen sehr störrischen Esel an einem großen Wasserbassin tränkten. Erst beobachtete ich das mir dargebotene Schauspiel ein wenig, ging dann näher und holte eine Tüte Bonbons aus meiner Tasche. Sofort von den Kindern umringt, prasselten massenhaft Fragen auf mich ein, die ich damals leider nicht verstand. Die Bonbontüte sprach jedoch für sich und war im Nu leer. Ein kleines Mädchen nahm mich an die Hand und zog mich einfach mit sich.
»Mama tea, Mama tea«, rief sie bittend und zeigte auf das nahe gelegene Dorf. Neugierig wie ich war, ließ ich mich gerne von ihr entführen. Die gesamte Kinderschar folgte uns. Ziegen, Schafe und Kamele ebenfalls. Immer wieder fragten mich die Kinder etwas, worauf ich nur verhalten lächelnd die Schultern zucken konnte. Das Einzige, das ich verstand, war die Bitte um Stifte. Ich hatte einen in meinem Rucksack und gab ihn dem Jungen, der gefragt hatte. Sofort stritten sie sich um das einfache Ding und ich wünschte, ich hätte ihn in der Tasche gelassen. Je näher wir dem Dorf kamen, desto mehr vermischte sich der Kies mit Ziegenkot. Auch die Anzahl der Fliegen nahm mit jedem Meter zu. Sie setzten sich bevorzugt in meine Mundwinkel, was mich ziemlich ekelte, da meine Vorstellung mir Bilder schickte, wo diese Biester eventuell vorher gesessen hatten. Die Kleine ließ mich plötzlich los und kletterte flink auf einen Stein, der neben einem aus alten Brettern zusammengezimmerten Holztor stand und entriegelte die von innen verschlossene Tür. Der mit groben Blocksteinen eingefasste Hof, auf den sie mich führte, war wohl ein beliebter Treffpunkt. Um ein Feuer, in dem ein großes Stück eines Baumstammes glühte, saßen und lagen fünf Männer unterschiedlichen Alters. Sie alle trugen lange, weiße Gewänder. Als Kopfbedeckung dienten die typischen weißen oder rot-weiß karierten Tücher, die von einem schwarzen Doppelring gehalten wurden. Drei Frauen und ein paar Mädchen saßen ein paar Schritte entfernt. Als ich eintrat, standen die Frauen auf und gaben mir freundlich lächelnd die Hand. Die Männer bemühten sich nicht, erhoben nur eine Hand zum Gruß und warfen mir arabische Worte entgegen, die ich als Begrüßungsfloskeln interpretierte. Ein Teppich wurde ausgebreitet und man lud mich ein, bei den Frauen Platz zu nehmen. Kaum saß ich auf dem Boden, hatte ich ein Glas Tee in der Hand und verbrühte mir die Lippen.
›Haben sie den Tee in den Zucker geschüttet?‹, fragte mich mein Geschmack.
Dass arabischer Tee sehr süß getrunken wird, wusste ich ja nun schon, aber dieser hier war pures Zuckerwasser mit Teearoma.
›Ich sehe die Karies förmlich wachsen‹, gab auch die Vernunft ihren Senf dazu.
Einer der Männer lachte gerade mit weit offenem Mund und entblößte eine Reihe sehr brauner Zähne.
Die Ironie riet mir: ›Vielleicht solltest du nächstes Mal statt Bonbons und Kugelschreiber auch Zahnbürsten mitnehmen.‹
Verschiedene Versuche der Frauen, sich mit mir zu verständigen, blieben ohne Erfolg und ich nahm mir an diesem ersten Tag bei den Beduinen fest vor, arabisch zu lernen. Der Klang der beduinischen Sprache war sehr melodisch, erschallte wie Musik in meinen Ohren und ich wollte zu gern wissen, was mir die Menschen hier erzählen konnten. Es war sehr eindrucksvoll für mich, einen so unverfälschten Einblick in das Leben der Beduinen zu bekommen, aber dass ich nicht in der Lage war, mich mit ihnen zu unterhalten, bereitete mir Unbehagen. So beobachtete ich für eine Weile die mir präsentierten Alltagsszenen. Hinter den Frauen spielten zwei kleine Jungen ohne Hosen im Kies und steckten alles in den Mund, was sie mit ihren Patschehändchen ergreifen konnten. Ihre Gesichter waren verschmiert und um den Mund herum klebten kleine Kiesel. Bei jeder ihrer Bewegungen flogen zahlreiche Fliegen auf, nur um sich Sekunden später wieder in ihre kleinen süßen Gesichter zu setzen. Die Jungen schienen sich daran gewöhnt zu haben und beachteten sie nicht. Die Mütter zeigten denselben Gleichmut. Zwei Männer erhoben sich und verschwanden grußlos. Das Mädchen, das mich hergeführt hatte, bat ihre Mutter um etwas. Die Mutter beachtete sie nicht. Das Mädchen wurde lauter und fordernder, doch die Mutter unterhielt sich weiter mit einer anderen Frau, ohne das Mädchen auch nur im Geringsten wahrzunehmen. Es begann an der Kleidung ihre Mutter zu zerren und bettelte nun regelrecht. Auf einmal herrschte die Mutter ihre Tochter in lautem Ton an und schubste sie ziemlich barsch auf den Kiesboden. Jetzt fing die Kleine an zu heulen und versuchte, ihren Willen mit verweinten, Mitleid erzeugenden Blicken durchzusetzen und fragte abermals. Während die Mutter weiter mit der anderen Frau redete, zog sie ein Portemonnaie aus dem Dekolleté und gab ihrer Tochter einen Geldschein. Diese wischte sich schnell mit ihrem Hemdärmel den Rotz aus dem Gesicht, lachte und rannte nach draußen. Einige Minuten später kam sie mit einer Packung Keksen zurück. Jetzt wunderte mich die Eindringlichkeit des Mädchens nicht mehr. Ihre Beharrlichkeit hatte sich in diesem Fall gelohnt. Ohne Aufforderung gab sie mir und den Jungen etwas ab - den Fliegen sah man die Partystimmung an.
Mit Zeichensprache versuchte ich, den Frauen nach dem dritten Glas Tee klarzumachen, dass ich nun zurück musste, und ebenso gestikulierend entgegneten sie, dass ich wiederkommen sollte. Es schien für diese Familie ganz und gar normal zu sein, mich als völlig Fremde in ihr Haus einzuladen, und ich fragte mich, ob mir so etwas jemals in Deutschland passieren könnte - höchst unwahrscheinlich.
Wieder im Camp trieb uns mittags der Hunger in ein kleines Restaurant am Strand. Dort setzten wir uns an einen der drei niedrigen Tische, die auf Teppichen standen. Unter den bunten Flickenteppichen befanden sich Matratzen und Palmstämme, die als Rückenlehne dienten. Die großzügig verteilten, farbenfrohen Kissen luden zur Gemütlichkeit ein. Am Nachbartisch schlief ein Beduine mit einem über sein Gesicht ausgebreiteten Kopftuch. Ich machte es mir zwischen den vielen Kissen auf dem Boden bequem. Ein Sudanese begrüßte uns ausgesprochen freundlich und empfahl ein beduinisches Gericht mit Huhn. Das Huhn wurde mit Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln Zucchini und einigen Gewürzen in Aluminium im Feuer bereitet und schmeckte hervorragend. Besser hätte ich in Berlin in einem der teuersten Restaurants nicht essen können. Nach dem opulenten Mittagstisch rauchten wir gemeinsam mit dem Sudanesen eine Shisha, eine arabische Wasserpfeife, und genossen die bequeme Art, sich auf dem Boden zu lümmeln.
»Welcome, welcome!«, tönte es plötzlich neben uns. Ein hochgewachsener Beduine, in strahlend weißem Gewand, mit einer dick gefütterten Weste, sprang leichtfüßig über die Kissen und setzte sich ohne Aufforderung zu uns.
›Wie kann dieser Mensch bei 45 Grad im Schatten eine mit Fell gefütterte Weste tragen?‹, fragte sich mein Verständnis.
›Frag ihn doch!‹, konterte der Wissensdrang, aber der gut gelaunte Beduine gab mir keine Gelegenheit dazu.
»Woher kommt ihr?«, fragte er frei heraus.
»Aus Deutschland.«
»Ahhh, deutsche Leute mag ich sehr gerne«, sagte er auf Englisch. Und mit »Guten Tag, wie geht es Ihnen? Alles Scheiße heute und dem Lied, Alle Vögel sind schon da ...«, präsentierte er uns seine Deutschkünste in einer bemerkenswerten Schnelligkeit und Auswahl. Er selbst lachte am lautesten über sein Repertoire.
»Wenn ihr wollt, kommt später zu der großen Hütte dort drüben«, fuhr er fort und zeigte auf einen verfallenen Wellblechschuppen.
»Da treffe ich mich am Abend mit meinen anderen Freunden. Die sind wirklich nett. Ich heiße übrigens Soliman, und Ihr?«
Während er wieder aufstand, stellten wir uns alle vor. Theatralisch schüttelte er jedem mit einer überschwänglichen Verbeugung die Hand. Daraufhin ging er, ebenso plötzlich wie er aufgetaucht war, drehte sich im Gehen noch einmal kurz um und rief, bevor er zwischen den Palmen verschwand: »Ich erwarte euch!«
Da wir keine anderen Pläne hatten, schlenderten wir nach Sonnenuntergang an den beschriebenen Platz. Wir klopften und wurden eingelassen. Schon an der Tür schlug mir ein süßlicher Geruch in die Nase. Mich umschauend ahnte ich, woher der Duft kam. Um einen alten Eisentisch herum saßen ein paar Beduinen und einige israelische Touristen, die ein riesiges Schillum, eine indische Haschischpfeife, rauchten. Wir waren junge, experimentierfreudige Studenten und so nahmen auch wir, nachdem wir zwischen den anderen Platz genommen hatten, die Pfeife entgegen und ich inhalierte den Rauch wohl etwas zu reichhaltig. Ein heftiger Hustenanfall war das Resultat, während sich für kurze Zeit alles um mich herum drehte. Als mein Gleichgewichtssinn sich wieder eingependelt hatte, erreichte ich nach kurzer Zeit einen Zustand absoluter Freude und Gelassenheit. Ein breites Grinsen setzte sich in meinem Gesicht fest und verblieb dort den Rest des Abends. Unser Gastgeber nahm ein Leinensäckchen aus seiner Innentasche und ich traute meinen Augen nicht. Zum Vorschein kam ein riesiges Stück Haschisch, von der Größe und Form einer Tafel Schokolade, nur doppelt so dick. Es hatte einen in Rot aufgedruckten libanesischen Stempel mit dem Symbol der Zeder. Er brach es in vier Teile. Nachdem er etwa drei Viertel wieder in seiner Westentasche verstaut hatte, nahm er das abgebrochene Viertel zwischen seine Handballen, zerdrückte das Stück und ließ es auf den Tisch rieseln. Das zu Bröseln zerfallene Haschisch schüttete er in eine große Tasse und fügte den Tabak einer ganzen Schachtel Zigaretten hinzu. Dann stopfte er wieder und wieder die Pfeife und drehte einen Joint nach dem anderen. Kleine, dicke, dünne, sogar einen, der wie eine Mistgabel aussah und drei Tüten auf einmal beinhaltete. Das Drehen von Joints schien sein liebstes Hobby zu sein, er war geradezu ein Perfektionist auf diesem Gebiet. Wir rauchten wörtlich bis zum Umfallen. Denn nach circa einer Stunde kippte der erste Israeli einfach nach hinten über, Gott sei Dank auf eine Matratze und schlief an Ort und Stelle ein. Unser Gastgeber legte ihm, mit einem Grinsen, das mich an die Katze aus »Alice im Wunderland« erinnerte, eine Decke über und fuhr fort, uns zu unterhalten.
Mein Freund und ich erwachten in unserer Hütte. Ich hatte nur noch eine schemenhafte Erinnerung, wie wir inmitten der Nacht zurückgeschlendert waren. Noch am Morgen fühlte ich mich wie in Watte gepackt und nach der ersten Zigarette hatte ich das Gefühl, erneut vollkommen benebelt zu sein. Ich musste dringend ins Wasser. Wir wollten den Tag mit der Literatur unserer Semesterarbeiten am Strand verbringen und schnorcheln gehen. Das Equipment dafür gab es günstig bei dem Sudanesen im Restaurant zu leihen.
Man musste beachtlich weit hinaus laufen, um in tiefes Wasser zu gelangen, aber es war den langen Weg mehr als wert. Kaum hatte ich die Taucherbrille aufgezogen und war über die Riffkante abgetaucht, wurde ich regelrecht erschlagen von der Fülle der Meeresbewohner und schimmernden Farbvielfalt unter Wasser: Korallen in allen Größen und Formen, Schwämme und Muscheln, die sich sofort schlossen, sobald ich ihnen zu nah kam und Unmengen verschiedener Fische, wohin ich auch blickte. Das Wasser war tiefblau und glasklar. Ich hatte schon gehört, dass das Rote Meer ein Tauchparadies sein sollte, doch so schön hatte ich es mir im Traum nicht vorstellen können.
Die überwältigende Unterwasserwelt zog mich völlig in ihren Bann und ich merkte erst an meinen brennenden Schultern, dass ich schon viel zu lang schwamm und staunte. Das Gefühl, eine ganz neue Welt zu entdecken, stieg in mir empor. Dazu kam die himmlische Ruhe unter Wasser.
›I want to be - under the sea‹, sang mein Gemüt fröhlich.
Am Abend trafen wir wieder den Meister des Jointdrehens, der uns erneut in seine Wellblechhütte einlud. Doch wir waren uns einig, dass wir nicht noch einmal solch einen Abend überleben würden, und lehnten dankend ab. Wir trafen am blauen Bus andere Beduinen und einige Touristen, die sich um ein Feuer versammelt hatten. Der Beduine, dem dieser Platz gehörte, hatte sich eine Küche in einen alten Bus gebaut, ihn blau angemalt und bewirtete davor auf den typischen Sitzgelegenheiten am Boden seine Touristen. Die Beduinen erzählten einiges über ihr Leben und die Touristen über Erlebnisse von hier und aus fernen Ländern, die sie bereist hatten.
Wir saßen nun unsere restlichen verbleibenden Tage am Abend dort.
›Hier erfährst du weit mehr über die zeitgenössische Welt dort draußen als in deiner gesamten Schulzeit‹, stellte die Erkenntnis fest.
Das Frühstück war beendet und ich entschied, nach Nuweiba aufzubrechen. Sahi war etwas traurig, aber ich wollte mehr über die Beduinen erfahren und das ging in Nuweiba besser.
Dort war es noch genau so, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich bezog eine kleine Hütte am Strand und stürzte mich ins Meer, das mich immer stärker in seinen Bann zog. Stundenlang schwamm ich an dem Riff entlang und entdeckte immer wieder neue Fische und Korallen. Ein kleines Paradies unter der Oberfläche. Am Strand konnte man sich frei bewegen, ohne unangenehm angesprochen oder beobachtet zu werden. Sowohl die Einheimischen als auch die Touristen waren erfrischend freundlich zueinander. Man lächelte sich an und sprach mit jedem, den man traf, ein paar Worte. Abends saß ich mit den Beduinen und den anderen Urlaubern am Feuer und trank mehr Tee als in Berlin über das ganze Jahr verteilt. Wenn ich müde wurde, nahm ich meinen Schlafsack und legte mich zum Schlafen an den Strand. Einige Beduinen taten das auch und hatten mir versichert, hier absolut sicher zu sein, sie würden schon auf mich acht geben. Wo konnte man dies noch als alleinreisende Frau?
Morgens erwachte ich von dem Geräusch der Wellen und der aufgehenden Sonne. Das Schlafen im Sand war zwar hart, aber wie Balsam für meinen immer wieder schmerzenden Rücken. Gleich am zweiten Tag traf ich vor meiner Hütte die Kleine wieder, die mich damals mit ins Dorf genommen hatte und ließ mich gerne wieder von ihr an die Hand nehmen und zu ihrer Familie führen - nicht ohne eine eigens für diesen Ausflug mitgebrachte Tasche mitzunehmen. Die Familie freute sich sehr, mich wiederzusehen, und ich verteilte ein paar Geschenke. Für die Frauen hatte ich Parfum und Cremes, für die Kinder Zahnbürsten, Stifte und Süßigkeiten. Meiner kleinen Freundin Chadidscha schenkte ich eine Puppe. Ihre großen staunenden Augen, als sie das Babyimitat das erste Mal schwenkte und dieses ein lautes »Mama« von sich gab, waren unvergesslich. Sofort wollten alle anderen, selbst die Erwachsenen, die Puppe einmal ausprobieren und das Lachen nahm kein Ende mehr. Ausnahmslos alle Anwesenden wurden plötzlich zu fröhlich verspielten Kindern. Dass mein Geschenk so viel Heiterkeit auslösen würde, hatte ich nicht vermutet und war daher sehr angenehm überrascht. Die Mutter bat mich, am nächsten Tag zum Mittagessen zu kommen. Ich erschien dort nachdem der Muezzin zum Al Suhar, dem Mittagsgebet, gerufen hatte. Der Hausherr hatte extra für mich eine Ziege geschlachtet. Ich wurde aufgefordert, mit Selma, der ältesten Tochter, getrennt von der Familie zu essen. Wir bekamen eine riesige Platte Reis vorgesetzt, auf deren Mitte ein Berg Fleisch lag, der rundherum sehr dekorativ mit Gurken- und Tomatensalat verziert war. Dazu gab es das köstlich schmeckende, frische, noch warme Fladenbrot und eine Schüssel mit Suppe. Das unerwartet äußerst zarte Ziegenfleisch schmeckte fantastisch. Mir wurde zwar ein Löffel angeboten, aber ich versuchte, wie Selma mit der Hand zu essen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, denn man durfte nur die rechte Hand benutzen. Die linke Hand galt bei den Moslems als unrein. Ich nahm wahr, dass sich mittlerweile sehr viele Leute eingefunden hatten. Über den ganzen Hof waren Gruppen mit Menschen verteilt, die sich über das Festessen sichtlich freuten. Der Hof leerte sich recht schnell wieder, nachdem das Essen beendet war. Ein paar Frauen und eine ganze Schar junger Mädchen halfen der Hausherrin aufzuräumen und abzuwaschen. Als ich ein paar Gläser zusammenstellen wollte, wurde ich sehr energisch daran gehindert, mich nützlich zu machen. Ein Mädchen brachte mir schnell ein Kissen, dazu ein Glas Tee und unterstrich damit den Wunsch der Gastgeber, ich solle es mir gemütlich machen und das süße Nichtstun genießen. Nachdem alle Arbeiten erledigt waren, setzte sich Selma zu mir. Sie hatte bis vor Kurzem noch bunte Bänder, selbst genähte Hosen und anderes Beduinenhandwerk an Touristen verkauft und sprach recht gut Englisch. Auch Hebräisch konnte sie, wie sie mir stolz erzählte. Als wir kurz allein waren, vertraute sie mir an, dass sie nächste Woche heiraten würde und wie glücklich sie wäre, einen so tollen Mann wie Ateiek gefunden zu haben.
»Durftest du dir deinen Mann selber aussuchen«, fragte ich neugierig.
»Ja, Allah sei Dank, ich kenne ihn schon, seit ich denken kann. Er wohnt direkt nebenan, und so kann ich immer nah bei meiner Familie bleiben. Er hat mir ein sehr schönes Haus gebaut - mit drei Zimmern!«, ergänzte sie hocherfreut.
»Wäre es schwer für dich, in eine andere Gegend zu ziehen?«, bohrte ich weiter.
»Misch mumkin - nicht möglich!«, schoss es aus ihr heraus, und sie nahm schnell die Hand vor den Mund, damit die deutschen Kekse, die sie genussvoll knabberte, nicht folgen konnten. Mit vollem Mund zu sprechen war hier anscheinend nicht tabu.
»Hier sind alle meine Freundinnen, und wenn mir mein Mann später einmal Ärger machen sollte, sind meine Brüder und meine Familie gleich zu Stelle.«
»Wie alt bist du?«, wollte ich noch wissen. Sie wirkte auf mich wie ein unbedarfter Teenager.
»16, im Frühling werde ich 17«.
»Oh, das ist aber sehr jung«, gab ich zu Bedenken, »bist du dir wirklich schon sicher, dass er der Mann deines Lebens ist?«
»Das war ich schon, als ich noch klein war«, entgegnete sie vollkommen überzeugt. »Außerdem will ich mein eigenes Haus haben. Hier bin ich die Älteste und muss für die ganze Familie von Hand waschen, aufräumen, Essen kochen…eben alles machen, das im Haus anfällt. Du hast gesehen, wie groß unsere Familie ist. Erst einmal nur für einen da zu sein und zu sorgen, wird wunderbar werden.«
»Wer waren denn die anderen Leute, die eben beim Essen da gewesen sind?«
»Wenn bei uns oder den anderen Familien eine Ziege geschlachtet wird, spricht es sich oft durch die Kinder schnell herum und die ganze Nachbarschaft kommt vorbei«, klärte sie mich auf. »Jeder ist überall willkommen! Es ist nicht vorstellbar, einem Gast das Essen zu verweigern.«
»Und wenn das Essen nicht ausreicht?«, fragte ich weiter.
»Es reicht immer. Wenn nicht viel da ist, essen eben alle weniger.«
Ich musste an meine Oma denken. Sie hatte ein Geschirrhandtuch besessen, auf dem eingestickt war: »Fünf sind geladen, Zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.« Es schien früher in Deutschland ähnlich gewesen zu sein. Heute kommt das wohl eher selten vor.
»Womit verdient deine Familie euer täglich Brot?«
»In unserer Familie sind alle Fischer. Schon seit Generationen. Mein Vater hat ein Boot und meine Brüder gehen fast täglich mit Netzen fischen. Siehst Du die drei Tiefkühltruhen dort?«
Sie zeigte auf einen aus groben Brettern gezimmerten Unterstand.
»Die sind randvoll! Oft fahren wir alle zusammen für einige Tage oder manchmal sogar Wochen an fischreiche Plätze und trocknen den gefangenen Fisch. Meine Brüder verkaufen diesen dann an die Beduinen in den Bergen, die sehr selten weder frischen noch getrockneten Fisch bekommen. Meine Mutter und ich übernehmen den Fischverkauf hier im Dorf.«
Wir gingen zusammen zu den Truhen und stolz zeigte sie mir, was ihre Familie erwirtschaftet hatte. Große und kleine Fische waren in Plastikkisten nach ihrer Art unterteilt und bis zum Deckel gestapelt. Auch einige Oktopusse waren darunter.
Als die Mutter des Mädchens mir später ein Nachtlager anbot, war ich wieder überrascht, wie weit die Gastfreundschaft der Menschen hier ging. Ich schlug ihr Angebot dreimal aus, das bedeutete, dass ich wirklich zurückwollte. Gerade am Vortag hatte ich mich erkundigt, warum mir immer alles mehrfach angeboten wurde, obwohl ich doch schon dankend abgelehnt hatte. Das wäre bei den Wüstenbewohnern so üblich, wurde mir erklärt. Oft würden Menschen aus Höflichkeit oder Verlegenheit etwas ablehnen, was sie eigentlich doch gern hätten und so blieben ihnen noch zwei weitere Chancen, es sich anders zu überlegen oder ihre Scham zu überwinden. Sehr zutreffend und geschickt gelöst, fand ich.
Nach etwa einer Woche in Nuweiba erzählte mir ein Israeli im blauen Bus, von einem nahen Ort namens Ras Gitan. Das bedeutete Teufelskopf. Seine Schilderungen des Touristencamps dort klangen jedoch trotz des erschreckenden Namens sehr verlockend und ich entschloss mich mit ihm und einigen anderen israelischen Touristen, am Morgen dahin aufzubrechen.
In Ras Gitan war ich die einzige Europäerin. Es gab ansonsten nur Beduinen und Israelis und ich dachte schon bei der Ankunft, in die Flower-Power-Zeit zurückversetzt worden zu sein. Die Mädels trugen wallende, bunte Röcke, die Herren indische Wickelhosen und eher selten ein Shirt darüber. Tagsüber malte ich, schrieb oder ging schnorcheln. Abends trafen sich alle im einzigen Café bei einem großen Feuer. Es wurde musiziert, über Gott und die Welt palavert und vor allem viel gelacht. Jeder mochte den anderen. Schon nach ein paar Tagen hatte man das Gefühl, in einer großen Familie zu leben, in der Toleranz, Verständnis und die Liebe zum Leben großgeschrieben wurden. Ich traf dort auf viele Beduinen, die mit mir mein beliebtes Frage-und-Antwort-Spiel spielten. Es machte ihnen sichtlich Freude, dass ich mich so sehr für ihr Leben interessierte. Mehrmals wurde ich mit ins Dorf genommen und bei den Frauen abgesetzt, wo ich mein Spiel weiter treiben konnte.
Da sich damals noch sehr wenige Touristen nach Ras Gitan verirrten, war das Riff sehr gut erhalten und ich war hellauf begeistert, dass die Vielzahl der Farben und Fische, die ich bisher gesehen hatte, hier noch übertroffen wurde. Eines Nachmittags, als ich am Strand lag und aufs Meer hinaus schaute, sah ich nicht weit vom Riff entfernt eine Gruppe von sechs Delfinen, die munter mit hohen Sprüngen durch das Wasser schossen. Zusammen mit den Farben des nahenden Sonnenuntergangs war der Anblick atemberaubend.
Beim täglichen Schnorcheln hatte es mir ganz besonders ein kleiner Tintenfisch angetan. Er hatte es sich in einem alten Autoreifen bequem gemacht, der wohl schon Jahre hier im Meer lag. Er war so sehr mit in allen Farben leuchtenden Korallen und Algen zugewachsen, dass man ihn kaum noch als Reifen erkennen konnte. Der Tintenfisch schien nicht im Geringsten Notiz von mir zu nehmen und gab mir die Möglichkeit, ihn ausgiebig zu beobachten. Der deplatzierte Gegenstand war sein Stammplatz, denn wann immer ich zu der Stelle schnorchelte, fand ich ihn in seinem kleinen Reich.
Die Zeit der Abreise nach Deutschland nahte. Mein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied. Mir wurde immer öfter schwindelig und in Intervallen überkam mich eine leichte Übelkeit. Eine typische Körperreaktion, wenn mir etwas bevorsteht, dem ich gar nicht freundlich gesonnen bin. Tief im Inneren wollte ich wohl nicht mehr weg von hier. Die Abende mit den Beduinen und den Israelis am offenen Feuer waren mir so lieb und vertraut geworden, dass der Gedanke an das graue Alltagsleben in Berlin mir sehr zusetzte. Am Vorabend der Rückreise war ich ein in mich verschlossenes Bündel der Trauer. Ich lag allein vor meiner Hütte, direkt am Strand, auf den wunderschönen sauberen Steinen, und schickte ein Versprechen in den mit Sternen übersäten Himmel: Es wird nicht viel Zeit vergehen und ich komme wieder. In das Land der Stille, der Beduinen und der malerischsten Farben unter und über Wasser.

Jetzt oder nie
»Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.«
- Demosthenes -
Wieder zurück in Berlin war es leider eindeutig zu kalt, um auf dem Balkon zu nächtigen. Ich ging so viel wie möglich nach draußen, da ich mich, in meiner doch eigentlich gemütlichen Wohnung, wie eingesperrt fühlte. Wenn ich am Schreibtisch saß, sah ich direkt gegen eine Wand. Selbst auf dem Balkon wurde mir von umstehenden Häusern die Sicht versperrt. Meine Gedanken konnten nicht schweifen, mein Horizont war zu beschränkt. Der einzige Ort, an dem ich mich noch richtig wohlfühlte, war der Park nahe der Uni.
Dick angezogen saß ich an einem der wenig sonnigen Tage auf einer Bank und öffnete einen Brief von der Freien Universität, den ich am Morgen erhalten hatte. Ich war zusätzlich in Grundschulpädagogik und Politik angenommen worden. Schnell packte ich meine Sachen zusammen, um sogleich Klaus die freudige Botschaft mitzuteilen. Da wir in Ostberlin immer noch keine eigene Telefonleitung bekommen hatten, ging ich auf dem Rückweg in eine Telefonzelle und rief gut gelaunt meinen Vater an. Bisher hatte ich mein Studium selbst finanziert, aber mit drei Studienfächern war dies nicht mehr möglich. Noch war ich überzeugt, er würde stolz auf mich sein. Nachdem ich ihm von der erfolgreichen Immatrikulation berichtet hatte, kam er recht schnell zu dem mir unangenehmen Thema. Er hatte mir schon meine Ausbildung als Bauzeichnerin finanziert und ich konnte seinen Unmut, jetzt wieder für mich zahlen zu müssen, gut verstehen. Die Summe, die er letztendlich bereit war, mir zu geben, reichte jedoch unmöglich aus, in Berlin zu studieren. In Grundschulpädagogik hätte ich viele Praktika zu absolvieren und währenddessen kaum Zeit zum Arbeiten. Das Arabistik-Studium war sehr schwer und kostete mich viel Zeit am Schreibtisch und in der Bibliothek.
Ich war zutiefst niedergeschlagen, da ich keine Möglichkeit sah, gewissenhaft zu studieren und gleichzeitig noch ausreichend für meinen Lebensunterhalt aufzukommen. Mein Herzensfach, die Arabistik aufzugeben, war keine annehmbare Alternative für mich. Einen Kredit aufzunehmen jagte mir höllische Angst ein. Bafögberechtigt war ich nicht, und Schulden zu machen war etwas, das mir schlaflose Nächte bereiten würde. Mich von Klaus aushalten zu lassen ebenfalls. Er riet mir, meinen Vater zu verklagen.
›Ausgeschlossen!‹, rief das Gewissen, ›das könnte sie nie, dafür ist sie ihrem Vater viel zu dankbar, dass er schon ihre Ausbildung ermöglicht hatte.‹
Außerdem liebte ich meinen Vater und hätte das allein aus diesem Grund nie tun können.
Eine Woche überlegte und rechnete ich und kam immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Ich würde es nicht schaffen. Zumindest traute ich es mir nicht zu. In den kommenden Nächten konnte ich nicht einschlafen und vergoss viele Tränen. Ich ging lustlos zum Frühstück, saß lustlos an der Arbeit und hing lustlos in unserer Wohnung herum. Als ich eines Morgens meine verquollenen Augen im Spiegel sah, traf ich eine Entscheidung, die mein gesamtes bisheriges Leben auf den Kopf stellen sollte.
Eine neue Zufriedenheit und Zuversicht war plötzlich in mein Spiegelbild zurückgekehrt. Ich zog mich in Windeseile an und rannte beinahe zur U-Bahn. Am Kurfürstendamm stieg ich aus und stand ein paar Minuten später vor meinem Ziel. Ich atmete tief durch und sah in den sich spiegelnden Scheiben immer noch die mutige Zuversicht in den Augen, die die letzten Tage so leer gewesen waren.
»Sie schon wieder?«, begrüßte mich der alte, libanesische Reisebürobesitzer herzlich. »Wie geht es Ihnen?«
»Bald wieder richtig gut, hoffe ich«, war meine Antwort. »Wann geht der nächste verfügbare Flug in den Sinai?«
»Moment bitte, ich schau mal nach.«
Er setzte sich suchend vor seinen Computer, während ich aufgeregt von einem Fuß auf den anderen trat. Die Plastikblumen auf dem Tresen erinnerten mich an die Rezeption des Camps in Dahab. Da hatte ein ähnliches Sträußchen den Tisch geziert, genauso kitschig und genauso verstaubt.
»Am 14. November, also in knapp drei Wochen habe ich einen günstigen Platz frei … aber warten sie … nein, da gibt es keinen passenden Rückflug. Dann ...«
»Den nehme ich!«, platzte es aus mir heraus, »ich fliege one way.«
Noch am selben Tag gab ich auf der Arbeit meine Kündigung bekannt, schrieb einen Brief an die Uni zur Exmatrikulation und berichtete Klaus von meinen Plänen. Er war einerseits betrübt, mich gehen sehen zu müssen, andererseits konnte er mich sehr gut verstehen. Meine unstillbare Liebe zum Sinai war oft Inhalt unserer Gespräche gewesen und manchmal glaubte ich, Klaus hatte als einziger eine ungefähre Ahnung, wie stark diese Verbundenheit war. Ich hatte oft erwähnt, dass ich gerne einmal für längere Zeit dort leben würde, aber nie gedacht, den erforderlichen Mut dazu aufbringen zu können. Mein Freund war derselben Meinung: Eine akademische Ausbildung ohne ausreichende finanzielle Mittel sei kaum zu bewältigen und konnte nachvollziehen, dass ich diesen ungeheuren Tiefschlag erst einmal allein verarbeiten musste. Drei lange Jahre hatte ich damit verbracht, neben meinem Job als Bauzeichnerin mein Abitur nachzuholen, immer mit der Vorfreude auf das anschließende Studium ... Und jetzt das!
Meine Freunde hatten für mich eine sensationelle Abschiedsparty veranstaltet und gaben mir viele gute Wünsche mit auf den Weg. Eine meiner besten Freundinnen, die den Sinai schon mal mit mir bereist hatte, fragte mich, ob ich zum nächsten Semester zurückkommen würde. Während ich mit der Antwort lange gewartet hatte, wurde mir bewusst, dass ich darauf keine klare Antwort hatte. Ich sagte ihr, ich wüsste es nicht. Die Enttäuschung, nicht studieren zu können, war allgegenwärtig und niederschlagend. Ich war soweit mir vorzustellen, eventuell gar nicht mehr wiederzukommen. Denn da war zusätzlich diese ganz starke Sehnsucht nach einer Familie, so wie es damals bei meiner Großmutter noch war oder wie ich sie bei den Beduinen kennengelernt hatte. Ich sagte ihr, ich würde das kommende Semester voll ausnutzen, um die Sprache zu lernen und mir Klarheit über meine weitere Zukunft zu verschaffen.
Drei Wochen später stand ich mit 90 Kilo Gepäck am Flughafen.
In Sharm El Sheikh gelandet, entschloss ich mich, von dort aus zuerst nach Dahab zu fahren und Sahi einen Besuch abzustatten. Er war sehr angenehm überrascht, mich schon so bald wiederzusehen.
Was mir in Dahab am besten gefiel, waren die Abende, an denen ich mit anderen Touristen in die nahe liegenden Wadis fuhr, um dort zu übernachten. Es gab für mich nach wie vor nichts Schöneres, als bis spät in die Nacht hinein mit den beduinischen Fahrern zusammen zu sitzen und mir aus ihrem Leben berichten zu lassen. Hungrig nach immer neuen Einblicken in ihre Traditionen und Gebräuche, ließ ich mich mit Informationen füttern. Da die Fahrer sehr begrenzt englisch sprachen, wuchs außerdem mein arabischer Wortschatz recht schnell. Sprachen ließen sich meines Erachtens wesentlich besser lernen, wenn man versuchte, sie zu sprechen. In der Universität war man der Sprache sehr theoretisch begegnet und ich freute mich nun, sie endlich praktisch anwenden zu können.

Abjad
»Wer Großes versucht, ist bewundernswert, auch wenn er fällt.«
- Lucius Annaeus Seneca -
Da mein Geld sich rapide verringerte, musste ich mir etwas einfallen lassen, wie ich den verbliebenen Rest sinnvoll einsetzen konnte, um hier über die Runden zu kommen. Vielleicht hätte ich in Berlin besser noch eine Weile arbeiten sollen, um mir ein Startkapital anzusparen, aber ich war so frustriert und trotzig gewesen, dass ich mich von meinen Gefühlen geleitet zu diesem schnellen Abflug entschlossen hatte. Bisher hatte ich es nicht bereut, aber etwas musste geschehen, wenn ich nicht bald betteln gehen wollte.
Seitdem ich Deutschland verlassen hatte und hier, viel mehr mit mir selbst konfrontiert war, kam es immer öfter vor, dass meine Gefühle tief in meinem Inneren aus dem Nichts heraus aufkommende Konversationen abhielten.
›Jetzt wäre es gut, ein Kamel zu besitzen‹, sprach in mir die Abenteuerlust plötzlich, als ich eines Morgens im Wadi gerade meine Sachen verstaute, ›dann könnten wir noch hierbleiben.‹
›Au ja!‹, jubelte die Muse.
›Welch verrückte Idee!‹, konterte der Verstand.
Die Touristen, mit denen ich zum Übernachten in die Wüste gefahren war, drängten jedoch vehement zum Aufbruch an den Strand und unterbrachen meine Gedanken. Ich hingegen schätzte bei diesen Ausflügen besonders die frühen Stunden. Daher wachte ich schon mit dem Sonnenaufgang auf und nutzte die Zeit der morgendlichen Frische, durch die stille Einsamkeit der Wüste zu laufen. Immer weiter die schmalen Pfade hochsteigend, erfreute ich mich an der nahezu unberührten Schönheit der Wildnis, den Farben, Pflanzen und den verschiedenen Steinformationen. Sie inspirierten mich, meine kubistische Ader auf Papier zu übertragen. Wenn ich mich stark auf eine Felswand konzentrierte, sah ich nach einiger Zeit Gebilde, manchmal gar Szenen, die sich aus dem Gestein heraus schälten und mich geradezu drängten sie malerisch festzuhalten. Das Skizzenbuch war mein ständiger Begleiter. Mir wurde nie langweilig, ich konnte wandern, meinen Gedanken freien Lauf lassen, schreiben, oder auch einfach nur den verspielten, schwarz-weißen Vögeln bei ihrer Morgentoilette zusehen. Manchmal meditierte ich und war nicht überrascht, wie viel schneller es mir in der kargen Landschaft gelang, Klarheit aufzubauen. Wenn ich manchmal zu lange wegblieb oder die Abfahrt der anderen Touristen absichtlich nicht wahrnahm, musste ich zu Fuß, circa eine Stunde, zum Ort zurückmarschieren. Ich fuhr immer mit denselben Beduinen in die Wüste und diese wussten inzwischen, dass sie mich ruhig einfach zurücklassen konnten. Ich lief gerne zu Fuß, allerdings ging der Rückweg durch eine wenig einladende, mit Müll überhäufte Ebene, deren Weg sich unbarmherzig in die Länge zog.
Auf die Dauer war das nicht erquickend und so schien mir auf einer Rückfahrt, eingezwängt zwischen den Touristen, auf der Ladefläche eines Pick-up sitzend, der abenteuerliche Gedanke, ein Kamel zu besitzen, äußerst praktisch. Außerdem könnte ich mit einem eigenen Wüstenschiff Safaris für die Touristen anbieten, damit Geld verdienen und gleichzeitig endlich auf eigene Faust die wirkliche, tiefe Wüste erkunden. Ich war mit einem Mal wie besessen von meiner spontanen Idee und kannte mich gut genug; wenn mich einmal ein Vorhaben so richtig gepackt hatte, musste ich es einfach verwirklichen. Schon allein aus der Angst davor, mir später einmal vorwerfen zu müssen, ich hätte eine Chance zu neuen Horizonten verpasst. Zurück im Camp erzählte ich Sahis Cousins von meiner Idee. Ihre Familie besaß auch Kamele und sie boten mir begeistert ihre Zusammenarbeit an. Gleich setzten sie sich mit mir unter den Schatten spendenden, großen Baum im Camp und gemeinsam entwickelten wir unternehmungslustig Routenpläne.
›Du solltest es versuchen. Was hast du zu verlieren?‹, bestärkte mich die Abenteuerlust beim Einschlafen.
›Falls es sich als zu schwierig herausstellt, kannst du das Tier jederzeit wieder verkaufen‹ wurde sie vom Tatendrang unterstützt.
Die Vernunft resultierte: ›Das könnte sogar eine vielversprechende Geldanlage sein.‹
›Und wenn du runterfällst und dir das Genick brichst?‹, wimmerte die Angst.
›So ein Quatsch! Halt dich doch einfach da raus, du Weichei‹, konterte der Mut energisch und die Angst verkroch sich schnell hinter den dicksten Gehirnwindungen.
Eine außergewöhnlich große Sternschnuppe, die in diesem Moment vom Himmel fiel und einen langen leuchtenden Schweif hinterließ, erschien mir als gutes Omen.
›Siehst du‹, sagte der Aberglaube, ›wenn das kein klares Zeichen war.‹
Am nächsten Mittag bat ich Sahi frohen Mutes, einen Beduinen zu suchen, der ein Kamel zu verkaufen hatte. Endlich, nachdem er mich über eine Stunde lang überzeugen wollte, ich sei nun komplett verrückt, da Kamele schon Menschen getötet hätten und meine Idee ihm ganz und gar nicht behagte, zog er trotz alledem zähneknirschend los. Er sah ein, es war sinnlos, mich umstimmen zu wollen. Tatsächlich fand Sahi jemanden, und der nette Beduine, den er mitbrachte, versicherte mir, sein Kamel wäre ein ganz liebes Exemplar und ich würde sicher ohne Probleme mit ihm zurechtkommen. Etwa eine Stunde später stand der Verkäufer mit einem ungewöhnlich hellen, fast weißen Kamel vor mir. Es war Liebe auf den ersten Blick. Mit Sattel und gefülltem Futtersack erstand ich das schöne Tier für mein gesamtes restliches Geld.
›Du setzt mal wieder alles auf eine Karte‹, hatte die Skepsis noch versucht, meine Entscheidung zu beeinflussen, aber der Wille war stärker und fand immer neue Gründe, warum ich bei meinem Entschluss bleiben sollte.
Ich war entzückt. Die stolzeste Kamelbesitzerin, die man sich vorstellen kann. Manchmal glaubte ich, dass der Stolz, der den Beduinen tief im Blut verankert liegt, nicht zuletzt auf die Herrschaft über solch Respekt einflößende Kreaturen zurückzuführen ist. Die beeindruckenden Wüstentiere haben durch ihren überheblichen Gesichtsausdruck und den ständigen Kaubewegungen, die sie vollführen, einen Ausdruck zwischen Erhabenheit und absoluter Gleichgültigkeit. Ich reichte dem Hengst gerade mal bis zur Halsbeuge und dies realisierend glaubte ich Sahi augenblicklich, dass dieses Tier mich innerhalb einer Sekunde töten könnte. Daher entschloss ich mich, ihm meine Freundschaft vorerst in Form einer großen Portion Futter und einigen Leckereien anzubieten. Er nahm sie begeistert entgegen und fraß sie mir mit seinem weichen Maul vorsichtig aus der Hand.
›Okay, ihr seid zumindest keine Feinde und sicher hat er keinen Grund, dir etwas zu tun‹, sprach die Zuversicht.
›Aber immer schön vorsichtig, nimm bloß Abstand‹, wimmerte die Angst schon wieder, wurde aber vom Mut mit einem resoluten: ›Wimmer nicht ständig!‹, zurück in ihre Ecke gedrängt.
An diesem ersten Tag war ich zu aufgeregt, ihn direkt zu reiten, und wollte das zarte Band der Freundschaft, das ich gerade spann, nicht überstrapazieren, sondern vorerst lieber mit noch mehr Leckereien verstärken. Mit einem Zeichenblock auf den Knien setzte ich mich zu ihm in den Sand und skizzierte ihn. Zwischendurch warf ich ihm immer wieder Melonenschalen in seinen Trog. Ich schaute mir das fertige Bild an und schrieb darunter Abjad, das arabische Wort für die Farbe Weiß. Er hatte seinen Namen bekommen. Als ich das Datum zufügte, fiel mir auf, dass wir den 6. Dezember hatten.
Die Freude schnurrte: ›Was ein schönes Geschenk wir uns bereitet haben.‹
Die Zufriedenheit stimmte ihr zu.
Als der neue Tag sich gerade dem Rest der Dunkelheit entledigte, ging ich hinaus und hängte Abjad den als Zubehör mitgekauften Futtersack um, der immer noch halb voll war. Somit bekam er sein Frühstück und hatte gleichzeitig keine Möglichkeit, mich vielleicht doch noch zu beißen. Mit dieser großen Futtertasche, die über den halben Kopf reichte, war sein Maul gut gesichert. Der alte Besitzer hatte mir gesagt, man dürfe einem Kamel nie trauen, nicht einmal, wenn man es schon eine Ewigkeit besäße. Ich nahm mir seine Worte zu Herzen und ließ besondere Vorsicht walten. Vom Beobachten und Hinhören wusste ich, dass man »jiiiierch« sagen und das Kamel am Seil dabei nach unten ziehen musste, um ihm verständlich zu machen, dass er sich hinlegen sollte.
Ich sagte: »jiiierch«, und zog am Halfter. Nichts passierte.
Ich zog abermals am Halfter, etwas strenger und sagte lauter: »jiiierch!«
Das Kamel schaute mich verwundert an und fraß gemütlich weiter.
Die Selbstironie fing lauthals an zu lachen, aber die Wut schaute sie grimmig an und schubste die Nebenniere, die sofort etwas Adrenalin ausschüttete.
Ich wurde etwas ungehalten von dem Durcheinander in mir, sagte noch lauter und deutlicher: »JIIIIIIEEERRRCH!«, und zog mit meiner ganzen Kraft das Seil nach unten.
Da entzog mir Abjad mit einem kräftigen Ruck seinen Kopf. Das Seil schürfte die Innenflächen meiner Hand auf.
›Holla!‹, erschreckte sich die Angst, die von dem Adrenalin in Alarmbereitschaft versetzt wurde.
›Verflixt!‹, wetterte das Schmerzempfinden.
Die Vernunft befahl mir: ›Ruhe bewahren! Er will wohl direkt zu Beginn deine Kräfte messen und seine Grenzen austesten.‹
Mir war klar, dass sich in diesem Moment entscheiden sollte, wer hier wem gehorchen würde. Ich war geladen und stand unter extremer Spannung. Mich vorbeugend, um meine Wut tief auszuatmen und Kraft zu schöpfen, fiel mir zufällig ein besonders schöner Stein ins Auge. Ich hob ihn instinktiv auf, da ich, seit ich denken kann, einen absoluten Faible für besondere Steine habe. Plötzlich bewegte das Kamel seinen Kopf abrupt zur Seite.
›Was war denn jetzt?‹, fragte die Aufmerksamkeit.
Er hatte unerwartet Angst vor irgendetwas. Das war gut. Schnell nahm ich den Zügel, schaute ihn grimmig an und sprach: »jiiierch!«, zog das dicke Seil nach unten und »juchuuuh!«, er legte sich hin.
›Wovor hatte er jetzt solche Angst gehabt?‹, fragte der Verstand. ›Warum parierte er auf einmal?‹
Die Erinnerung, die gute Seele, schickte mir Bilder von ein paar Beduinenjungen auf ihren Kamelen und ich realisierte den Stock, den einer in der Hand gehalten hatte. Das war es also. Er dachte, ich würde nach dem Stock greifen, der direkt neben dem Stein gelegen hatte. So weit so gut. Aber wie sollte ich denn jetzt den Sattel auf das Kamel bekommen? Ich hatte ihn bisher nur einmal abgenommen. Mein Bestes versuchend hievte ich ihn hinauf, schnallte die Gurte fest und das Ergebnis schien ganz akzeptabel.
›Also rauf da‹, rief die Abenteuerlust vergnügt und stieß dabei die Nebenniere an, die sich sofort ihrer Aufgabe bewusst wurde. Leicht zitternd, aber vollen Mutes, ritt ich los. Die Wüste rief!
Am Anfang lief alles prima, ich zog das Seil links herum, das Kamel ging nach links, ich zog das Seil rechts herum, er lief nach rechts und wenn ich das Seil stark an mich heranzog, blieb Abjad brav stehen.
›Super!‹, rief die Zufriedenheit, ›der Sonne entgegen. Jallah!‹, Los!
Wir gingen einfach immer der Nase nach, geradeaus, über Müll und ungepflasterte Wege, bis wir nach ca. 20 Minuten den bewohnten Teil Dahabs verließen und in Richtung Lagune marschierten.
›Ganz schön hoch, hier oben‹, winselte die Angst.
›Dafür hast du einen schönen Ausblick‹, erwiderte die Ästhetik.
›Und wenn das Kamel jetzt losgaloppiert und du runterfällst?‹, argwöhnte die Angst weiter.
›Ach, lass dich bloß nicht von der Memme anstecken und genieße es einfach‹, riet mir der Mut.
›Das werden wir tun, also Ruhe jetzt‹, beendete der Tatendrang die Diskussion.
Langsam konnte ich mich auf meine momentane Existenz in dieser wundervollen Umgebung einlassen. Einmal dem Ort und dem Müll hinter den Hotelanlagen entkommen, lag die Wüste ausgebreitet vor mir und wartete, mich in aller Stille zu empfangen. Da mein Kamel der besonders langsamen Sorte anzugehören schien, hatte ich Zeit, alles sinnlich wahrzunehmen und den heranbrechenden Morgen in seiner ganzen Farben- und Formenpracht zu bestaunen. Die Angst hatte es aufgegeben zu jammern. Vielleicht hielt der Mut ihr auch einfach den Mund zu. Auf jeden Fall genoss ich meinen Ausritt, fühlte mich frei, ungebunden und sehr erhaben. Ich wurde nicht nur von meinem Kamel, sondern vor allem von meinem Stolz über meinen Mut getragen. Je näher wir den Bergen kamen, desto steiniger, hügeliger und holpriger wurde der Weg. Abjad setzte seine gepufferten Hufe erst äußerst sachte auf, um dann bergab mit ein paar schnellen Schritten kleine Hindernisse zu überwinden. Ich musste mich fest am Sattelknauf halten, um nicht hinunter geschüttelt zu werden. Doch das Kamel schien sicher seinen Weg zu finden. Als ich mich gerade an den Tritt meines Tieres gewöhnt hatte und ihm mein volles Vertrauen schenken wollte, passierte es: Ein kurzes Schaukeln und ich rutschte mitsamt dem Sattel in Abjads Halsbeuge. Das Kamel blökte zornig und schleuderte seinen Kopf wild hin und her, während ich gerade noch abspringen konnte ohne dabei verletzt zu werden.
›Siehst du!‹, sprach die Angst, sich bestätigt fühlend.
›Ach halt die Klappe‹, zischte der Mut sie an. ›Sag lieber der Nebenniere, sie soll sich etwas zurückhalten mit ihren Ausschüttungen. Die Arme kann ja vor lauter Zittern kaum noch stehen.‹
Wieder festen Boden unter den Füßen, entschuldigte ich mich bei Abjad, und versuchte ihn zu beruhigen. Meine Beine fühlten sich an wie Gelee. Er schien keinen Wert auf meine Bemühungen zu legen, warf weiterhin seinen Kopf hin und her und zog so sehr am Zügel, dass mir die Handinnenflächen schmerzten. Es brauchte eine ganze Weile, ehe er sich wieder einigermaßen beruhigte. Ich sprach versuchend: »Jiiierch!«, aber Abjad bewegte sich nicht und schaute mich nur grimmig an. Ein Stock musste her. Kaum hatte ich einen auf dem Wüstenboden gefunden und diesen in der Hand, wurde der Wüterich lammfromm und legte sich mir brav zu Füßen. Schlagen brauchte ich ihn glücklicherweise nicht, der bloße Anblick reichte ihm. Das hätte ich sicher auch nicht gekonnt. Ich hievte den Sattel wieder auf den Höcker und befestigte den Bauchgurt diesmal fester und gewissenhafter. Als ich gerade aufsteigen wollte, warf Abjad seinen Kopf erneut herum. Erschrocken wich ich zurück. Das Kamel blökte lautstark und stand einfach ohne mich auf. Ich fluchte, aber wusste ja nun was zu tun war: Stock zeigen und resolut den Befehl erteilen. Er ging in die Knie.
›Na super!‹, jubilierte die Freude, langsam verstanden wir uns.
Wieder obenauf prüfte ich den Sattel auf seine Festigkeit durch kräftiges Rütteln, indem ich mich ruckartig nach rechts und links bewegte. Alles schien fest. Ich hatte den Bauchgurt aber auch so stark angezogen, dass mir dicke Schweißperlen die Stirn hinuntergelaufen und an meinen Schläfen die Adern hervorgetreten waren. Wir ritten ohne weitere Arbeit für die gestresste Nebenniere heim ins Camp. Der Ausflug fiel kürzer als geplant aus. Es war besser, sich vor dem nächsten Ausflug noch mal erklären zu lassen, wie man ein Kamel fachmännisch sattelte. Doch trotz des kleinen Missgeschicks war ich von meinem ersten alleinigen Kameltrip wie berauscht.
Abjad war direkt vor meinem Zimmerfenster angebunden und ich reichte ihm schuldbewusst den ganzen Tag über immer wieder kleine Leckereien durch die Luke. Ich hoffte, dass er mir somit diesen ersten Patzer möglichst bald vergeben würde. Es war ein guter Start in den Tag, wenn ich morgens beim Erwachen seine Schmatzgeräusche am Fenster vernahm oder sein Maul erblickte, das sich in freudiger Erwartung durch das winzige Fenster in mein Zimmer schob.
Meine Sattelkünste wurden langsam besser, da ich mich nun auch ohne Kamel öfter bei den jungen Beduinen aufhielt, die Kameltouren anboten. Einige von ihnen baten mich, ihnen Touristen zu vermitteln. Sie gaben mir im Gegenzug freundlich und unermüdlich Auskunft über meine Fragen und zeigten mir die nötigsten Handgriffe. Keiner von ihnen teilte Sahis Skepsis, ausnahmslos alle beglückwünschten mich zu meinem Kauf.
Eines Morgens, als ich gerade vom Frühstück am Strand zurückkam, saß Sahi mit einem alten Mann im Camp und plauderte. Sahi winkte mich heran. Der betagte Beduine wollte, dass ich auch ihm Touren vermittelte und bot dafür an, mir alles beizubringen, was man über ein Kamel nötigerweise wissen sollte. Jimme schien sehr vertrauenswürdig und gefiel mir auf Anhieb. Wir machten aus, dass ich mich bei ihm melden würde, wenn ich Touristen gefunden hätte, die mit uns in die Wüste wollen.

Kamelsafaris
»Was man lernen muss, um es zu tun,
das lernt man, indem man es tut.«
- Aristoteles -
Direkt nachdem Jimme gegangen war, fragte ich ein schwedisches Pärchen aus dem Camp, ob sie nicht einen Ausflug mit uns in die Berge machen wollten. Sie waren von den Schilderungen der Tour begeistert und es ging endlich auf meine erste dreitägige Kameltour.
Schon beim Satteln sollte sich herausstellen, dass ich einen Meister des Faches vor mir hatte. Jimme zeigte mir einen Kniff, wie man den Bauchgurt anziehen konnte, ohne im eigenen Schweiß zu baden.
Am späten Nachmittag des nächsten Tages ritten wir gemächlich der Sonne am Himmel entgegen, die die Berge Stunde um Stunde in neue Farben tönte. Die bizarre Berglandschaft um uns herum war atemberaubend und wir sprachen wenig. Ich hatte in Gesellschaft noch nie so wenig geredet wie in diesen drei Tagen. Die Wüste schien ihre Stille geradezu erzwingen zu wollen, indem sie mich mit ihrer Pracht zum Schweigen brachte. Was sollte gesagt werden, was war wichtig genug, diese Ruhe, die uns wie ein Mantel umhüllte, zu zerstören? Es war grandios. Langsam wurde es dämmrig und der Himmel zeigte uns ein prächtiges Farbenspiel. Ein paar Wolken waren aufgezogen, durch die die Sonne ihre orange und rot glühenden Strahlen schickte und die Wolken dabei verspielt einfärbte. Hinter einem Hügel war ein kleines Wadi mit vier großen Akazien, in dem wir beschlossen zu nächtigen. Während wir es uns bequem machten, ging Jimme, der scheinbar nie zu ermüden schien, zu einem der Bäume und nahm sich eine dort herumliegende, circa zwei Meter lange Eisenstange mit gekrümmter Spitze. Diese benutzte er als verlängerten Arm und brach hoch in dem Baum vertrocknete Äste aus der Akazie. Immer wieder fand ich an Orten, die als Rastplätze der Beduinen erkennbar waren, diese Metallstangen, und bewunderte erneut den Erfindungsreichtum und das soziale Bewusstsein der Wüstenbewohner. Jimme sagte mir, dass es nie jemandem einfallen würde, dieses schlichte Utensil mitzunehmen, denn jeder Beduine weiß, wie schwer es ist, ohne dieses einfache Hilfsmittel an die dornigen Äste hoch oben in den Bäumen zu gelangen. In gebührendem Abstand zu den Akazien mit ihren sehr langen und spitzen Dornen legten wir die Decken auf die Erde, um später darauf zu schlafen. Jetzt ruhten wir uns erst mal einfach nur darauf aus und schauten dem Hadsch bei seinem emsigen Treiben zu. Als Hadsch werden mit Hochachtung ältere Männer bezeichnet oder Personen, die die Wallfahrt nach Mekka unternommen hatten. Der Beduine war die ganze Zeit gelaufen und gönnte sich auch jetzt nicht eine einzige Minute der Muse. Ich wollte ihm zu Hand gehen, aber er wollte sich nicht helfen lassen. Ich solle mich jetzt ausruhen, ihm zusehen und lernen. Er entfachte im Handumdrehen mit den trockenen großen Ästen, die er geangelt hatte, ein riesiges Feuer und stellte den Teepott hinein. Danach nahm er sich eine Schüssel aus seiner Satteltasche, füllte sie mit Mehl und begann durch langsame Zugabe von Wasser das Gemisch zu einem zähen Teig zu verarbeiten. Er fügte noch etwas Salz hinzu und knetete die Masse eine geraume Zeit, bis eine große Teigkugel entstanden war. In der Zwischenzeit kochte das Wasser. Er gab Tee hinein, ließ alles noch einmal kurz aufkochen und nahm es aus dem mittlerweile herunter gebrannten Feuer. Jetzt fehlten nur noch die Unmengen an Zucker, die in jeden Beduinentee gehörten. Fünf gehäufte Esslöffel tat Jimme dazu und überreichte jedem von uns ein Glas. Wir streckten unsere etwas schmerzenden Glieder auf der Decke aus und genossen das wohltuende Getränk, während der Beduine sich wieder am Feuer zu schaffen machte. Er ergriff einen langen dicken Knüppel und schob in einer längeren Prozedur die glühenden Kohlen behutsam zur Seite auf einen beachtlichen schwelenden Haufen. Noch einmal knetete er den Teig durch und formte ihn in seinen Händen zu einem serviertellergroßen, runden, etwa zwei Zentimeter dicken Fladen. Mit einer gekonnten Handbewegung legte er ihn in die zuvor freigelegte Feuerstelle. Vorsichtig schob er mit dem Knüppel die glühenden Kohlen über den Teigfladen, bis er fast vollständig bedeckt war. Dann strich er die Kohle auf die gleiche Art und Weise wieder behutsam herunter, um den Fladen mit einer dünnen Ascheschicht zu überdecken. Darauf kamen wieder die Kohlen.
Zufrieden genoss er nun zum ersten Mal einen Moment Pause und trank ein Glas Tee. Nach etwa einer Viertelstunde schob er die Asche und die Kohlen wieder von dem Fladen und drehe ihn mit spitzen Fingern um. Ein herrlicher Duft schlug uns entgegen, aber wir mussten uns noch eine Weile gedulden, bis auch die andere Seite geröstet war. Nach mir endlos scheinender Wartezeit - ich hatte inzwischen mächtigen Hunger - nahm er das fertige schwarze Etwas aus dem Feuer und schlug es mehrfach heftig auf einen Felsen. Als er damit die Asche beseitigt und einige angebrannte Stellen mit einem Messer abgeschabt hatte, kam ein herrlich dickes, Wohlgeruch verströmendes Brot zum Vorschein. Er brach jedem eine kleine Ecke ab und ich beschloss, so ein Brot zu bereiten, würde meine nächste Herausforderung werden. Es schmeckte fantastisch, eines der besten Brote, die ich probiert hatte. Hadsch Jimme öffnete zwei Dosen Saubohnen, das viel gegessene Foul aus Ägypten, und gab den Inhalt zu den Zwiebeln und dem Knoblauch, die er zuvor in Butterfett in einem kleinen Topf im Feuer angebraten hatte. Dieses einfache Mahl aus Brot und Bohnen unter dem Himmelszelt, an dem die ersten Sterne matt leuchteten und ein noch kaum sichtbarer Sichelmond aufzog, war ein Gaumenschmaus sondergleichen.
Ich lernte in diesen paar Tagen alles, was ich brauchte, um wüstenfest zu werden. Ich wusste, wie man sich schmackhaft ernährt, konnte endlich perfekt satteln und das Kamel mit einer Fußfessel versehen. Diese wurde auf sehr effiziente Weise um beide Vorderbeine gebunden. Das Kamel konnte damit langsam laufen und sich die Kräuter am Wegesrand schmecken lassen, aber sich nicht weit entfernen oder beim Einfangen wegrennen. Abjad und ich verstanden uns inzwischen ausgezeichnet und er befolgte ohne die anfänglichen Zickereien brav meine Befehle. Am wichtigsten war jedoch, dass ich gezeigt bekommen hatte, wie man Holz von den Bäumen holte, ohne sich dabei Arme und Beine zu zerkratzen. Denn ein Feuer brauchte man in der Wüste immer. Die dornigen Akazien waren der beste Lieferant dafür.
Wieder zurück in Dahab war ich überzeugt, Kameltrips zu veranstalten sei genau das Richtige für mich. Meine erste Kundin war eine Deutsche, die glücklich war, mit einer Frau in die Berge reiten zu können. Sie liebte Kamele und hätte gern schon vorher einen Kameltrip gemacht, aber die aufdringliche Anmache der Männer am Strand hatte sie abgeschreckt, einen von ihnen zu fragen. Bisher hatte sie nur die Ägypter am Strand erlebt und dachte, alle männlichen Bewohner des Sinai wären so aufdringlich. Ich ließ Daniela auf meinem Kamel Platz nehmen und ging neben ihr her in das Wadi, das ich am besten kannte. Mein Ziel war eine große Akazie, unter der ich immer schon gern gesessen hatte. Feuer zu bereiten war mir mittlerweile ein leichtes. Wir tranken Tee, aßen mitgebrachten Kuchen und unterhielten uns. Da ich lange schon kein Deutsch mehr gesprochen hatte realisierte ich, wie schön es war, so ganz ohne zu überlegen losplappern zu können. Daniela stellte mir viele Fragen über den Sinai und dessen Bevölkerung und diesmal war ich diejenige, die berichten konnte. Denn mit ähnlichen Fragen hatte auch ich mich zuvor wissbegierig an die Beduinen gewandt. So verging die Zeit mit ihr viel zu schnell. Es dämmerte schon, als sie wieder auf mein Kamel stieg und ich sie mit der untergehenden Sonne im Rücken wieder zum Strand zurück brachte. Sie bedankte sich herzlich für diesen tollen und informativen Tag, und ihr Gesicht und ihre Stimmung zeigten deutlich, wie sehr auch sie die Stunden weit weg vom Trubel genossen hatte. Ich ging ins Dorf und kaufte von meinem ersten selbstständig verdienten Geld sofort einen großen Sack Futter für Abjad. Mir selbst gönnte ich eine Pizza in einem der Strandcafés.
Der nächste Kunde war ein Amerikaner, der schon eine Weile in unserem Camp war. Es war eindeutig, dass er ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich hingegen fand ihn eher unangenehm, fast schon penetrant. Er hatte von den Campbetreibern erfahren, dass ich jetzt Kameltouren machte, und fragte mich, ob ich mit ihm eine Tour in die Wüste machen würde. In zwei Tagen sollte es losgehen und am darauffolgenden Tag zurück. Da ich dringend Geld brauchte, verabredete ich mit ihm, am übernächsten späten Nachmittag aufzubrechen. Mir war mulmig zumute. Eine ganze Nacht allein mit diesem Herren, der mich laufend beobachtete? Obwohl ich wusste, nicht die beste Lösung gefunden zu haben, bat ich Sahi mitzukommen.
›Auch nicht gerade besser, Sahi solch falsche Hoffnungen zu machen‹, meldete sich mein Gewissen eindringlich, nachdem er sich verabschiedet hatte.
›Was soll sie anderes tun. Allein mit diesem lüsternen Amerikaner gehen?‹, fragte die Vorsicht. ›Man kann Menschen nur vor den Kopf schauen. Das wäre zu gefährlich.‹
Das Gewissen wollte Klarheit: ›Sahi muss einfach deutlich zu verstehen bekommen, dass du ihm nicht mehr geben kannst als eine gute Freundschaft.‹
›Genau, sag es ihm am besten gleich morgen, unverblümt und direkt!‹, unterstützte der Tatendrang.
Ich nahm mir fest vor, endlich ein offenes und ernsthaftes Gespräch mit Sahi zu führen. Ich musste ihm wirklich nochmals sagen, dass er mein bester Freund und Vertrauter war, aber eben nicht mehr.
Die Nacht war sehr unruhig, mich von einer Seite auf die andere legend fand ich kaum Schlaf und stand früh auf. Bei Sonnenaufgang ritt ich in das Wadi, um Futter für mein Kamel zu besorgen. Geld, um welches zu kaufen, hatte ich nicht mehr. Ein letzter Rest mit 20 Kilo Mais stand noch in meinem Zimmer, aber davon bekam er erst abends seine üblichen drei Kilo. Jetzt brauchte er ein leichtes Frühstück aus Heu, das man von umherfahrenden Händlern aus dem ägyptischen Delta erstehen konnte, oder aus frischen Bergkräutern, die es mit etwas Arbeitsaufwand umsonst im Wadi gab. Es war ein frischer, klarer Morgen. Der Ort wirkte noch wie ausgestorben, als ich den Weg in die Berge einschlug. Mich fröstelte ein wenig und ich vergrub einen meiner nackten Füße in die sehr behaarte Stelle oberhalb von Abjads Vorderläufen. Dort war er besonders flauschig und schön warm. Auf dem Kamel war ich immer barfuß und verstaute meine Sandalen in der Satteltasche. Auf halber Höhe im Wadi angelangt, band ich meinem Kamel die Fußfessel um, damit er mir nicht wegrannte. Noch kannten wir uns nicht so gut, dass ich sein Verhalten immer verstand. Mit der Fessel aber konnte ich ihn getrost sich selbst überlassen und an diesem schönen Tag die Wüste in einer mir ganz und gar neuen Phase erleben. Vor einer Woche hatte es einmal kräftig geregnet. Die Wüste erblühte. Die Bergsäume hatten ein in vielen Grüntönen gehaltenes Band an den Rändern, das sich mal schmaler, mal breiter das Wadi hochzog. Ich fragte mich, ob in den zahlreichen Wadis, wie die ausgetrockneten Flussläufe bezeichnet werden, jemals richtige Sturzfluten herunterkommen würden. Bisher hatte ich es erst einmal miterlebt, dass es regnete. Eine große Flut war nur zwischen Dahab und Sharm El Sheikh zu sehen gewesen.
An den Hängen wuchsen vielerlei Kräuter, die ich mitlerweile kannte, wie der wilde Lavendel (lavandula coronopifolia), junger Rimth (haloxylon salicornica) oder frische Sille (zilla spinosa), die mein Kamel besonders liebte. Abjad würde satt werden. Nach einem Spaziergang setzte ich mich auf einen Hügel am Berghang, holte mein Schreibbuch hervor und begann das Märchen über eine grimmige Muräne zu Ende zu schreiben. Der Tag war gut, die Sätze formten sich wie von selbst in meinem Kopf und schon nach kurzer Zeit konnte ich den letzten Punkt setzen. Ich beobachtete Abjad eine Weile, der sich unterhalb meines Sitzplatzes die frischen Pflanzen schmecken ließ. Nach wie vor liebte ich sein genüssliches Schmatzen, es erinnerte ein bisschen an äußerst coole Teenager, wenn sie übertrieben lässig Kaugummi kauten. Ich wandte meinen Blick das Wadi hinunter und konnte Dahab sehen. Es lag in weiter Ferne, klein wie eine Spielzeugstadt. Das Meer dahinter war unruhig. Unzählige, weiße Schaumkämme bezeugten, dass der Wind über dem Wasser zugenommen hatte. In dem kleinen Wadi fegten nur hin und wieder kleine Böen durch die Landschaft und wirbelten trockene Sträucher auf. An die raue Felswand gelehnt, sinnierte ich über meine Zukunft.
›Ich finde es umwerfend hier‹, schwärmte die Faszination und fiel tatsächlich um. Mitten auf die Trägheit, die sich müde die Augen rieb und gähnend ergänzte:
›Ja, von mir aus können wir bleiben. So entspannt und ruhig war ihr Leben noch nie. Daran könnte ich mich glatt gewöhnen. Hier bleiben, hört sich definitiv gut an!‹ und döste wieder weg.
›Nee nee, von dir Trägheit lassen wir uns nicht einlullen. Hier ist endlich mal Zeit für mich‹, sprach die Kreativität, ›hier kann ich mein volles Potenzial entwickeln und werde nicht immer nur kurz dazwischengeschoben.‹
›Was mich richtig schön satt macht‹, ergänzte die Zufriedenheit.
›Also, mir fehlt dann aber etwas‹, sagte die Sehnsucht mit einem langen Seufzer.
›Au ja!‹, frohlockte die Begierde und brachte damit die Augen zum Klimpern. ›Einen großen, starken, gut aussehenden, sinnlichen, ver ...‹
›Krieg dich mal wieder ein! Sie zerbeißt gleich den Stift in ihrer Hand‹, fiel ihr die Vernunft lachend ins Wort.
›Ach, Sehnsucht‹, fragte die Intelligenz, ›weißt du eigentlich, warum du so heißt? Ich sag‘s dir: Weil du süchtig bist! Wir sind doch erst vor drei Monaten in diesem herrlichen Land angekommen und damit deinem Verlangen nachgekommen. Aber noch nicht richtig niedergelassen willst du schon wieder etwas Neues. Ob du wohl jemals zufrieden bist? Ich denke, da müssen wir wohl alle noch ein wenig warten. Geduld, Geduld!‹
›Ja, ach so … ja, genau, ich bin nämlich eine der wertvollsten Tugenden‹, antwortete die Geduld, die schon ewig darauf gewartet hatte, dass sie auch mal etwas sagen durfte. ›Was lange währt, wird endlich gut. Gut Ding will Weil haben. Abwarten und ...‹
›Genug, genug‹, unterbrach die Vernunft den Wortschwall der Geduld, die so froh gewesen war, endlich mal reden zu dürfen. ›Es sind sich ja fast alle einig, dass wir erst mal auf diesem Inselchen bleiben wollen. Tee zum Abwarten gibt es hier ja genug … und irgendwann kommt vielleicht der Richtige. Jemand der uns versteht, der das Leben mit all seinen wundervollen Seiten zu sehen weiß, der verstanden hat, dass die schönsten Dinge im Leben sich verdoppeln, wenn man sie teilt, der offen, ehrlich und wissbegierig wie wir ist und gemeinsam etwas von Liebe getragenes aufbauen möchte.‹
›Hey Fantasie!‹, rief laut die Frechheit dazwischen. ›Wie soll der Gute denn nun sein?‹
Ich schlug von der Fantasie inspiriert eine neue Seite auf und begann niederzuschreiben, was sie mir sehr leise in mein Ohr flüsterte, damit der Verstand nichts mitbekam und dann wie immer zu widerlegen versuchte. Sie war offensichtlich noch in Märchenstimmung und flüsterte: ›Ein Kamel soll er haben und Augen, so leuchtend und schwarz, wie türkischer Kaffee, auf den die Sonne scheint. Vielleicht auch so heiß‹, sie kicherte, ›du weißt schon. Er sollte die Wüste so sehr lieben wie du. Er ...‹
Zwei Beduinen, die hintereinander das Wadi hinauf geritten kamen, unterbrachen die Fantasie. Sie wurde von der Harmonie und der Muse übertönt, die aus einem Munde riefen: ›Welch schönes Bild!‹
Wohl wahr: wie auf einer Postkarte. Der Blick auf das Meer, eingerahmt durch die Berge an den Seiten, das Dorf mit Palmengärten davor und genau in der Mitte die beiden Beduinen auf ihren Kamelen. Die Männer sahen mich wohl, denn sie schwenkten nach rechts und ritten hintereinander direkt auf mich zu.
»Hi!«, begrüßte mich der zuerst Angekommene salopp.
»Salam alleik!«,Friede sei mit dir!, antwortete ich freundlich.
»Bist du allein hier?«, fragte er weiter auf Englisch.
»Ja, es ist so ein schöner Morgen«, erwiderte ich.
»Alle Morgen in den Bergen des Sinai sind schön«, retournierte der Araber stolz. »Ich und mein Freund gehen weiter das Wadi hoch und machen dort Tee. Wenn du magst, komm doch nach.«
Inzwischen war sein Freund bei uns angelangt. Er hielt sein Kamel etwas versetzt hinter dem anderen an. Vielleicht wegen des Windes hatte er sein rot-weißes Beduinentuch verhüllend vor sein Gesicht gebunden, dass ich jetzt, da er mich anschaute, nur seine Augen sehen konnte, die mich absolut unerwartet in eine völlig andere Dimension schossen.
Alles um mich herum existierte auf einmal nicht mehr. Es gab nur noch seine und meine Augen. Ich konnte meinen Blick nicht lösen und fühlte mich wie hypnotisiert. Fackeln schienen sich in meinem Inneren zu entzünden, um kurz darauf von Eiswasser gelöscht zu werden. Keine Gedanken konnten der Explosion von Empfindungen standhalten. Sie wollten alle gleichzeitig rufen, warnen, jubeln und schreien. Dieser durchdringende Blick jedoch schnitt mir die Luft ab und alle verstummten.
Er unterbrach dann zuerst den Kontakt und das einzige Wort, das sich wieder mühsam aus dem überraschenden Inferno formen konnte, war: »Wow!«
Die Faszination war es, die sich als erste artikulierte. Mein ganzer Körper hatte sich verändert. Alle Muskeln waren elektrisiert. Ich hatte die Luft wohl zu lang angehalten und merkte, dass mir schwindelig wurde. Versuche zu schlucken scheiterten kläglich. Mein Mund war so trocken wie ein Stoppelfeld nach einem Flächenbrand.
›Tee wäre gut jetzt‹, meldete sich auch mein Verstand zurück.
»Lesch la«, warum nicht, antwortete ich daher mit zittriger Stimme auf das Angebot ein Glas Tee betreffend. »Ich komme gleich nach.«
Meine Äußerung erschien mir wie die Antwort auf eine Frage aus einer anderen Zeit. Waren tatsächlich erst Sekunden inzwischen vergangen? Als ich aufstehen wollte, um mein Kamel zu holen, wurde mir schwarz vor Augen. Dieser Blickkontakt gerade schien all meine Energie absorbiert zu haben. Nach einigen meditativen Atemübungen ging es mir besser. Ich erhob mich noch immer etwas benommen und verwirrt von meinen Gefühlen.
›Wie gerufen!‹, meldete sich die Fantasie zurück. ›Das ist er! Wenn der Rest des Gesichts genauso feurig ist, versteht sich.‹
›Du hast Ideen, Du glaubst wohl immer noch an die Liebe auf den ersten Blick. Weißt du, wie der Duden dich, Fantasie, beschreibt? Ich sag es dir: Illusion, unerfüllbares Wunschbild, unwirkliche, oft unklare Vorstellung oder Gedanke und außerhalb der Wirklichkeit oder im Widerspruch zu ihr stehend. Und damit hat er vollkommen Recht‹, wetterte die Vernunft sofort.
›So sehe ich das auch‹, sprach die Vorsicht.
›Aber anschauen können wir uns ihn doch mal‹, versuchte die Neugierde zu vermitteln und hatte wie schon oft die Entscheidungsgewalt.
Mit meinem Kamel im Schlepptau erreichte ich ihren Rastplatz. Der Beduine, der mich eingeladen hatte, war allein und traute offensichtlich seinen Augen nicht.
»Ist das dein Kamel?«, fragte er mich skeptisch und zog die Augenbrauen hoch.
Ich nickte und lächelte, legte Abjad wieder die Fußfessel um und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf sein prächtiges Hinterteil, damit er loszog, um sich zu nähren.
»Ich heiße Hamid«, stellte er sich vor und deutete auf eine Wolldecke. »Setz dich doch! Das ist aber nicht wirklich dein Kamel, oder?« fragte der Beduine nochmals und sein Unglaube stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
Eine Frau besitzt bei den Beduinen normalerweise Ziegen oder Schafe, aber keine Kamele.
›Und du bist nicht einmal eine Beduinin!,‹ stellte die Erkenntnis munter fest.
Als ich seine Frage wiederholt bejahte, war er erst sichtlich verwirrt, dann begeistert und lobte zuletzt die Vorzüge dieser Tiere.
Der Tee war fertig und Hamid reichte mir ein Glas. Während ich das heiße, süße und gerade sehr wohltuende Getränk langsam schlürfte, machte ich mich ungeniert daran, Hamid über den Mann mit den glühenden Augen auszufragen, der sich anscheinend zu Fuß davon gemacht hatte. Sein Kamel stand allein am Berghang.
»Wo ist denn dein Freund hin?«, wollte ich wissen.
»Samir? Der ist dort hinauf.« Er zeigte auf einen kleinen Pfad, der sich hoch in die Berge zog. »Samir fastet. Er hält den Ramadan ein. Schon der Blick auf oder der Gedanke an eine Frau ist wie Essen, Trinken und Rauchen bis zum Sonnenuntergang verboten. Es wäre nicht gut für ihn, wenn er hier mit uns sitzt.«
›Schade aber auch!‹, schmollte die Neugierde.
»Kommt ihr aus Dahab?«, fragte ich schnell, um meinen Gedanken keine Zeit für weitere ungehörige Kommentare zu lassen.
»Ich ja, aber Samir ist erst seit kurzem hier, seine Familie wohnt in Feranje, einer kleinen Siedlung, kurz vor Santa Katherina. Er will hier mit seinem Kamel arbeiten, Safaris veranstalten und Ähnliches.«
›Ein echter Beduine also‹, freute sich mein Feingefühl.
Da ich mittlerweile viele Beduinen kennengelernt hatte, war mir bewusst geworden, wie rasant diese sich veränderten, sobald sie viel Kontakt mit dem Tourismus hatten. Der Ausdruck ihrer Augen veränderte sich. Der Blick verlor einen Teil seiner Erhabenheit. Ich hatte mir schon einige Male, wenn ich Menschen traf, die in der Wüste lebten und nur kurzzeitig in touristischen Gebieten verweilten, darüber Gedanken gemacht, woran das liegen könnte. Bei diesen Beduinen war mir ein ganz besonderer, aus dem Inneren kommender, Glanz in den Augen aufgefallen. Vielleicht war es so, weil sie in der Wüste alles kannten und wussten, sich in der sogenannten Zivilisation, von Touristen umgeben, jedoch zurückgesetzt fühlten; vom Fortschritt außer Acht gelassen. Der erhabene, stolze Blick, dessen Ausstrahlung mich faszinierte, wich in der Auseinandersetzung mit der anderen Welt einem unsicheren Blinzeln.
Dieser fastende Beduine hatte den Stolz in seinen Augen bewahrt, und das war es, was mich von der ersten Sekunde an bezaubert hatte. Hamid redete über alles Mögliche, aber meine Gedanken und Augen schwebten in eine andere Richtung; zu den Bergen, in denen der umwerfende Fremde verschwunden war.
›Glaub mir, es gibt sie‹, wisperte die Fantasie wieder leise.
›Jetzt hör auf mit dem Blödsinn‹, schaltete sich der Realitätssinn ein, ›Liebe ist etwas, das langsam wachsen muss und fällt einem nicht einfach in den Schoß.‹
›Also bei mir hat es richtig stark gekribbelt, als der Typ uns so anschaute‹, sagte die Faszination. ›So stark habe ich das noch nie verspürt.‹
›Ihr seid doch verrückt, hoffnungslos verloren ohne mich!‹, monierte der Verstand.
Als der Wüstenprinz endlich aus dem Wadi zurückkehrte, wurde mit jedem Schritt, den er näher kam, äquivalent mein Herzschlag nicht nur schneller, sondern auch intensiver. Ich war genötigt, Atemübungen zu machen, andernfalls hätte es mir wohl die Brust gesprengt. Es waren sicher noch hundert Schritte, die er entfernt war. Ich kam mir vor wie eine alberne Diva aus einem kitschigen Hollywood-Streifen, die gleich in Ohnmacht fallen würde.
›Jetzt reiß dich aber mal zusammen‹, fauchte die Aufregung, ›ich kann nicht mehr!‹
›Was ist eigentlich los mit dir?‹, fragte die innere Ruhe. ›So kenne ich dich gar nicht. Dass du leicht zu begeistern bist, weiß ich ja, aber was hat dieser Mensch, dass er dich so verrückt macht?‹
›Ich verstehe es auch nicht,‹ sagte die Vernunft, ›vielleicht kann mir mal jemand sagen, wer hier diese Aufruhr auslöst?‹
›Ich glaube, das bin ich‹, meldete die Faszination sich zu Wort, ›dieser Mensch berührt mich zutiefst.‹
›Ich bin sicher auch beteiligt‹, räumte die Ästhetik ein, ›er ist einfach hinreißend. Dieser offene und intensive Blick eben ... Er hat so schöne Augen, mit einem Ausdruck, der mich vom ersten Moment an fesselte.‹
›Nicht zu vergessen dieser Anmut, der Stolz und die Selbst-sicherheit, die eben für mich zu spüren waren‹, ergänzte das Feingefühl.
›Ach ja?‹, wunderte sich die Vernunft, ›und dass dieser so wundervolle Mensch ein Mann mit ganz anderer Kultur ist, blendet ihr einfach aus? Dass solche Beziehungen selten zu Gutem führen, vergesst ihr einfach? Ihr seid doch unberechenbar und naiv.‹
Die kurze Zeit, die Samir brauchte, um zu uns zu gelangen, erschien mir unendlich lang. Viel zu viele Gedanken auf einmal machten die Situation nicht weniger aufregend und gingen mir viel zu weit. Wie in Zeitlupe kam Samir aus den Bergen geschritten, den Blick konstant auf mich gerichtet und noch jetzt, da ich hier sitze und diese Zeilen schreibe, kann ich meine Augen schließen, sehe das Wadi vor mir, mich selbst am Feuer sitzen und wie sich der Abstand zwischen uns langsam verringert.
Bei uns angekommen, grüßte er neckisch, setzte sich, grinste mich verschmitzt an und biss unverfroren und herzhaft in ein Stück des Kuchens, den ich mitgebracht und aufgeschnitten hatte. Dies alles tat er, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.
›So viel zum Ramadan‹, kicherte die Erkenntnis, ›er hat sicher ähnliche Gedanken gehabt‹, vermutete sie. ›Es war bestimmt nicht der Kuchen, der ihn das Fasten brechen ließ. ›Und wie er dich jetzt wieder anschaut‹, stellte die Faszination gerührt fest. ›Fesselnd wie Sirenengesang.‹
›Jetzt ist aber mal gut!‹, wetterte die Vernunft und rempelte die Faszination unsanft an, ›du bringst ja schon wieder alle durcheinander.‹
Hoppla! Da fiel mir doch einfach so das Teeglas aus der Hand. Kein Wunder, bei dem Gefasel der Faszination.
Der Verstand hatte Recht, ich sollte schleunigst wieder ruhiger werden und besser meinen Blick in die Berge richten. Ich nahm mich zusammen und befahl der Faszination Stillschweigen.
Mein Missgeschick entspannte wenigsten die Situation ein wenig. Wir lachten alle drei über den verschütteten Tee und fingen an, uns zu unterhalten. Aufgrund der Fragen, die Samir konkret an mich stellte, erkannte ich, dass er genauso viel über mich erfahren wollte, wie ich über ihn.

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