Kitabı oku: «Der Hund der Baskervilles»

Yazı tipi:

SIR ARTHUR CONAN DOYLE

Der Hund der Baskervilles

Der dritte Sherlock-Holmes-Roman

Leipziger Ausgabe

Vollständig neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von

Susanne Luber

neu gefasst und mit Anmerkungen versehen von

Gerd Haffmans

HAFFMANS VERLAG

BEI ZWEITAUSENDEINS

Die englische Originalausgabe The Hound of the Baskervilles erschien zuerst von 1901 bis 1902 im Strand Magazine, London, die Buchausgabe folgte 1902 bei Georges Newnes, London, und McClure, Phillips & Co., New York.

Die deutsche Erstausgabe erschien in der Übersetzung von Heinrich Darnoc im Verlag Richard Lutz, Stuttgart 1903.

Weiteres in der Editorischen Notitz am Schluss des Bandes.

1. Auflage, Winter 2021.

Alle Rechte vorbehalten. Alle Rechte an dieser Neuedition & Neuübersetzung vorbehalten.

Copyright © 2021 by Haffmans Verlag bei Zweitausendeins Versand-Dienst GmbH, Bahnhofstr. 30, 82340 Feldafing.

Gestaltung & Produktion: Zweitausendeins.

Umschlagsillustration: Christiane Nebel.

ISBN 978-3-96318-137-5

Inhalt

1. Kapitel: Mr Sherlock Holmes

2. Kapitel: Der Fluch der Baskervilles

3. Kapitel: Das Problem

4. Kapitel: Sir Henry Baskerville

5. Kapitel: Drei gerissene Fäden

6. Kapitel: Baskerville Hall

7. Kapitel: Die Stapletons von Merripit House

8. Kapitel: Dr Watsons erster Bericht

9. Kapitel: Das Licht im Moor (Dr Watsons zweiter Bericht)

10. Kapitel: Auszug aus Dr Watsons Tagebuch

11. Kapitel: Der Mann auf dem Black Tor

12. Kapitel: Tod auf dem Moor

13. Kapitel: Die Netze werden ausgelegt

14. Kapitel: Der Hund der Baskervilles

15. Kapitel: Ein Rückblick

ANHANG

Anmerkungen

Editorische Notiz

Kompendium

Bemerkungen zu Sherlock Holmes von Joachim Kalka

Eine Einführung in den Kriminalroman

Who’s Who

Kleine ACD-Chronik

1. Kapitel

Mr Sherlock Holmes

Mr Sherlock Holmes, der am Morgen normalerweise spät aufstand, sofern er nicht, was durchaus vorkam, die ganze Nacht wach blieb, saß am Frühstückstisch. Ich stand auf dem Kaminvorleger und nahm den Stock zur Hand, den unser Besucher am Abend zuvor hier vergessen hatte. Es war ein schönes, kräftiges Stück Holz mit kugelförmigem Knauf, ein Stock von der Sorte, die man als Penang Lawyer bezeichnet. Direkt unterhalb des Knaufes saß ein fast zollbreites silbernes Band. »Für James Mortimer, M. R. C. S. von seinen Freunden im C. C. H.« war darauf eingraviert, ergänzt durch das Datum »1884«. Es war der typische Stock eines altväterlichen Hausarztes – solide, würdevoll und vertrauenerweckend.

»Nun, Watson, was machen Sie daraus?«

Holmes kehrte mir den Rücken zu, und ich hatte durch nichts auf meine Beschäftigung schließen lassen.

»Woher wussten Sie, was ich gerade tue? Ich glaube wirklich, Sie haben Augen am Hinterkopf.«

»Jedenfalls habe ich eine blankpolierte silberne Kaffeekanne vor mir stehen«, antwortete er. »Aber sagen Sie, Watson, was lesen Sie aus dem Stock unseres Besuchers? Da wir ihn unglücklicherweise verfehlt haben und sein Anliegen nicht kennen, ist dieses zufällige Fundstück von gewisser Bedeutung. Lassen Sie hören, wie Sie sich den Mann vorstellen, nach seinem Stock zu urteilen.«

»Ich meine«, antwortete ich, indem ich mich nach besten Kräften bemühte, die Methoden meines Gefährten anzuwenden, »Dr Mortimer dürfte ein älterer Arzt mit gut gehender Praxis sein und überdies ein angesehener Mann, wenn ihm seine Freunde so ein Zeichen ihrer Wertschätzung schenken.«

»Gut«, sagte Holmes. »Ausgezeichnet!«

»Ferner denke ich, die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er ein Landarzt ist, der einen guten Teil seiner Krankenbesuche zu Fuß macht.«

»Weshalb?«

»Weil dieser Stock, der ursprünglich sehr edel war, jetzt so abgeschabt ist, dass ich ihn mir kaum in der Hand eines Londoner Arztes vorstellen kann. Die dicke eiserne Spitze ist stark abgenutzt, was zeigt, dass sein Besitzer tüchtige Märsche damit unternommen hat.«

»Sehr einleuchtend«, sagte Holmes.

»Und dann, die Inschrift ›Freunde im C. C. H.‹ Ich möchte annehmen, das ›H‹ bezieht sich auf ›Hetzjagd‹ und gemeint ist eine ländliche Jagdgesellschaft. Vielleicht hat er deren Mitgliedern ärztlichen Beistand geleistet, wofür sie sich mit diesem Präsent bedankt haben.«

»Wirklich, Watson, Sie übertreffen sich selbst«, sagte Holmes, indem er seinen Stuhl zurückschob und sich eine Zigarette anzündete. »Ich muss sagen, dass Sie in all den Geschichten, in denen Sie freundlicherweise von meinen bescheidenen Leistungen erzählen, Ihre eigenen Fähigkeiten immer unter den Scheffel gestellt haben. Sie mögen vielleicht kein brillanter Denker sein, aber Sie verhelfen anderen zur Erkenntnis. Es gibt solche Menschen, die selbst kein Genie besitzen, dafür aber die bemerkenswerte Gabe, es in anderen zum Leuchten zu bringen. Ich muss zugeben, mein Lieber, dass ich tief in Ihrer Schuld stehe.«

Nie zuvor hatte er so viel gesagt, und ich gebe zu, dass seine Worte mich tief berührten, denn seine gleichgültige Haltung gegenüber meiner Bewunderung für ihn und gegenüber meinen Bemühungen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf seine Methoden zu lenken, hatten mich oft verletzt. Auch machte es mich nicht wenig stolz, dass ich mir seine Denkmethode gut genug angeeignet hatte, um sie in einer Art und Weise anzuwenden, die seinen Beifall fand. Er nahm mir den Stock aus der Hand und betrachtete ihn eine Weile mit bloßem Auge. Sein Interesse schien geweckt, denn er legte die Zigarette weg, trat mit dem Stock ans Fenster und nahm in noch genauer unter die Lupe.

»Interessant, wenn auch elementar«, sagte er, während er zu seiner Lieblingsecke des Sofas zurückkehrte. »Zweifellos gibt der Stock uns ein paar Anhaltspunkte und damit die Grundlage für mehrere Deduktionen.«

»Habe ich etwas übersehen?« fragte ich ein wenig selbstgefällig. »Ich hoffe doch, mir ist nichts Wichtiges entgangen?«

»Ich fürchte, mein lieber Watson, Ihre Schlussfolgerungen sind zum größten Teil falsch. Als ich sagte, Sie würden mich anregen, meinte ich damit, ehrlich gesagt, dass gerade Ihre Trugschlüsse mich gelegentlich auf die richtige Spur bringen. In diesem Fall liegen Sie aber nicht völlig falsch. Ganz bestimmt ist dieser Mann ein Landarzt. Und er ist viel zu Fuß unterwegs.«

»Dann hatte ich doch recht!«

»In diesem Punkt, ja.«

»Aber das ist doch alles.«

»Nein, nein, mein lieber Watson, das ist nicht alles – bei Weitem nicht alles. Ich würde es für wahrscheinlicher halten, dass ein Geschenk für einen Arzt eher von einem Hospital kommt denn von einer Jagdgesellschaft, und wenn vor dem ›H‹ die Buchstaben ›C. C.‹ stehen, kommt einem sofort ›Charing Cross Hospital‹ in den Sinn.«

»Da könnten Sie recht haben.«

»Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Und wenn wir das als Arbeitshypothese nehmen, haben wir eine neue Basis für die Rekonstruktion unseres unbekannten Besuchers.«

»Nun denn, nehmen wir an, ›C. C. H.‹ steht für ›Charing Cross Hospital‹ – welche weiteren Schlüsse können wir denn daraus ziehen?«

»Finden Sie nicht, dass diese sich geradezu aufdrängen? Sie kennen meine Methoden. Wenden Sie sie an!«

»Mir fällt lediglich der naheliegende Schluss ein, dass der Mann erst in London praktiziert hat, bevor er aufs Land gezogen ist.«

»Ich glaube, wir dürfen ruhig noch ein wenig weiter gehen. Betrachten Sie die Sache aus folgendem Blickwinkel: Bei welcher Gelegenheit wird so ein Geschenk normalerweise gemacht? Wann tun Freunde sich zusammen, um jemandem als Zeichen ihrer Wertschätzung ein Präsent zu verehren? Vermutlich zu dem Zeitpunkt, als Dr Mortimer seinen Dienst im Krankenhaus quittiert hat, um eine eigene Praxis zu eröffnen. Wir wissen, dass der Stock ein Geschenk ist. Wir nehmen an, dass der Mann von einem Londoner Krankenhaus in eine Landarztpraxis gewechselt ist. Gehen wir in unseren Schlussfolgerungen zu weit, wenn wir annehmen, das Geschenk wurde ihm anlässlich seines Abschieds gemacht?«

»Das klingt jedenfalls sehr wahrscheinlich.«

»Sie müssen nun bedenken, dass er nicht zum festen Stab des Krankenhauses gehört haben kann, denn so eine Stellung kann nur ein Arzt bekleiden, der auch eine gut etablierte Londoner Praxis besitzt, und ein solcher würde nicht aufs Land ziehen. Was für ein Arzt war er also? Wenn er am Krankenhaus gearbeitet hat, dort aber nicht zum Stammpersonal gehörte, kann er nur ein Assistenzarzt gewesen sein – kaum mehr als ein Medizinstudent in der letzten Phase seiner Ausbildung. Vor fünf Jahren hat er seinen Dienst im Krankenhaus quittiert – das Datum steht auf dem Stock. So löst sich Ihr seriöser Hausarzt gesetzten Alters in Luft auf, mein lieber Watson, und vor unseren Augen erscheint ein junger Mann von kaum dreißig Jahren, liebenswürdig, ohne großen Ehrgeiz, zerstreut, sowie Besitzer eines Lieblingshundes, den ich grob beschreiben möchte als größer denn ein Terrier, aber kleiner als eine Dogge.«

Ich lachte ungläubig, während Sherlock Holmes sich im Sofa zurücklehnte und kleine Rauchringe zur Zimmerdecke blies.

»Ihre letzten Behauptungen kann ich nicht überprüfen«, sagte ich, »aber es ist unschwer möglich, genauere Angaben bezüglich seines Alters und seiner beruflichen Karriere zu finden.«

Ich nahm von dem schmalen Bücherregal, auf dem meine medizinischen Werke stehen, das Ärzteverzeichnis herunter und schlug den Namen nach. Es gab mehrere Mortimers, aber nur einer passte auf unseren Besucher. Ich las den Eintrag laut vor:

»Mortimer, James, M. R. C. S., 1882, Grimpen, Dartmoor, Devon. Assistenzarzt am Charing Cross Hospital 1882 –1884. Gewinner des Jackson-Preises für vergleichende Pathologie für die Abhandlung ›Ist Krankheit ein Atavismus?‹ Korrespondierendes Mitglied der Schwedischen Gesellschaft für Pathologie. Autor von ›Einige Formen des Atavismus‹ (Lancet, 1882) und ›Machen wir Fortschritte?‹ (Journal of Psychology, März 1883). Gemeindearzt für Grimpen, Thorsley und High Barrow.«

»Keine Erwähnung einer ländlichen Jagdgesellschaft, Watson«, sagte Holmes mit verschmitztem Lächeln, »aber ein Landarzt, wie Sie scharfsinnig geschlossen haben. Mir scheint, meine Schlussfolgerungen waren nicht unberechtigt. Was aber seine persönlichen Eigenschaften betrifft, so habe ich ihn, wenn ich mich nicht irre, liebenswürdig, ohne großen Ehrgeiz und zerstreut genannt. Nun, nach meiner Erfahrung bekommt auf dieser Welt nur ein liebenswürdiger Mensch ein Abschiedsgeschenk, nur ein wenig ehrgeiziger Mann tauscht eine Karriere in London gegen eine Existenz in der Provinz, und nur ein zerstreuter Mensch lässt seinen Stock zurück statt seiner Visitenkarte, nachdem er eine Stunde lang hier in unserem Wohnzimmer gewartet hat.«

»Aber der Hund?«

»Hat die Gewohnheit, seinem Herrn den Stock nachzutragen. Es ist ein schwerer Stock, deshalb packt der Hund ihn fest in der Mitte; die Spuren seiner Zähne sind deutlich zu sehen. Der Kiefer des Hundes ist, nach dem Abstand der Zahnabdrücke zu schließen, meiner Meinung nach zu breit für einen Terrier und nicht breit genug für eine Dogge. Vielleicht war es – ja natürlich, beim Jupiter! Es ist ein Spaniel mit gelocktem Fell!«

Er war aufgestanden und im Zimmer auf und ab gegangen, während er sprach. Nun stand er im Erkerfenster, und seine Stimme klang so überzeugt, dass ich ihn überrascht ansah.

»Mein lieber Freund, wie können Sie sich dessen so sicher sein?«

»Aus dem höchst einfachen Grund, weil ich den Hund vor unserer Türschwelle sitzen sehe – und da klingelt auch schon sein Herr. Gehen Sie nicht, Watson, ich bitte Sie. Er ist ein Kollege von Ihnen, und Ihre Gegenwart könnte von Nutzen sein. Und jetzt, Watson, erleben wir den dramatischen, schicksalhaften Moment, da ein Schritt auf der Treppe ertönt und ein Mensch in unser Leben tritt, von dem wir nicht wissen, ob er Gutes oder Böses bringt. Was begehrt Dr James Mortimer, der Mann der Wissenschaft, von Sherlock Holmes, dem Spezialisten für die Welt des Verbrechens? Herein!«

Die äußere Erscheinung unseres Besuchers war eine Überraschung, denn ich hatte die typische Figur eines praktizierenden Landarztes erwartet. Er war sehr groß und sehr hager, mit einer langen, an einen Vogelschnabel erinnernden Nase zwischen zwei scharfen, grauen, dicht zusammenstehenden Augen, die durch eine goldgefasste Brille funkelten. Er war seinem Berufsstand entsprechend, aber etwas nachlässig gekleidet, denn sein Gehrock wirkte ein wenig schmuddelig und seine Beinkleider waren etwas abgetragen. Trotz seiner Jugend war sein langer Rücken bereits gebeugt, so dass er beim Gehen den Kopf leicht vorgestreckt hielt, was den Eindruck wohlwollender Neugier erweckte. Als er eintrat, fiel sein Blick sogleich auf den Stock, den Holmes noch in der Hand hielt, und er trat mit einem freudigen Ausruf auf ihn zu.

»Da bin ich aber froh!« rief er. »Ich war nicht sicher, ob ich ihn hier oder bei der Schiffsagentur stehen gelassen hatte. Nicht um alles in der Welt möchte ich diesen Stock missen!«

»Ein Geschenk, wie ich sehe«, bemerkte Holmes.

»Ja, Sir.«

»Vom Charing Cross Hospital?«

»Von ein paar Freunden dort anlässlich meiner Hochzeit.«

»O je, wie dumm!« rief Holmes kopfschüttelnd.

Dr Mortimer blinzelte in gelindem Erstaunen durch seine Brillengläser.

»Wieso dumm?«

»Ach, nur weil Sie damit unsere netten kleinen Deduktionen zunichtegemacht haben. Anlässlich Ihrer Hochzeit, sagten Sie?«

»Ja, Sir. Ich habe geheiratet, deshalb musste ich meine Arbeit am Charing Cross aufgeben und damit auch alle Hoffnungen auf eine Konsultationspraxis. Ich war ja genötigt, einen eigenen Hausstand zu begründen.«

»Na also, dann lagen wir ja doch nicht so falsch«, meinte Holmes. »Aber nun, Dr James Mortimer …«

»Mister, Sir, ich bin kein Doktor – nur ein schlichtes Mitglied des Royal College of Surgeons, M. R. C. S.«

»Und offensichtlich ein Mann von scharfem Verstand.«

»Ein Amateur auf dem Gebiet der Wissenschaft, Mr Holmes, ein Dilettant, der an der Küste dieses weiten, unbekannten Ozeans Muscheln aufliest. Ich nehme doch an, dass ich mit Mr Sherlock Holmes spreche und nicht …?«

»Ganz recht, dies hier ist mein Freund Dr Watson.«

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Sir. Ich kenne Ihren Namen in Verbindung mit dem Ihres Freundes. Sie interessieren mich außerordentlich, Mr Holmes. Ich hatte weder einen so ausgeprägt dolichocephalen Schädel noch eine so starke Entwicklung des Supraorbitalschilds erwartet. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einmal mit dem Finger über Ihre Schädelnaht fahre? Ein Gipsmodell Ihres Schädels, Sir, wäre die Zierde jedes anthropologischen Museums, solange das Original nicht zur Verfügung steht. Jede Art von Übertreibung liegt mir fern, aber ich muss sagen, Ihren Schädel würde ich nur allzu gern besitzen.«

Sherlock Holmes lud unseren kuriosen Besucher mit einer Handbewegung zum Sitzen ein.

»Sie sind auf Ihrem Gebiet ein ebenso großer Enthusiast wie ich auf meinem«, sagte er. »Ich sehe an Ihrem Zeigefinger, dass Sie Ihre Zigaretten selbst drehen. Bitte haben sie keine Hemmungen, sich eine anzuzünden.«

Mortimer holte Tabak und Zigarettenpapier aus seiner Rocktasche und rollte beides mit erstaunlicher Geschicklichkeit zusammen, wobei die Bewegungen seiner langen, agilen Finger an die rastlosen Fühler eines Insekts erinnerten.

Holmes schwieg, aber die raschen forschenden Blicke, die er auf unseren seltsamen Gast warf, verrieten mir, dass sein Interesse geweckt war.

»Ich nehme an, Sir«, sagte er schließlich, »dass es nicht lediglich die Absicht war, meinen Schädel in Augenschein zu nehmen, was mir die Ehre Ihres Besuches gestern Abend und am heutigen Vormittag beschert hat?«

»Nein, Sir, nein – obwohl ich mich glücklich schätze, diese Gelegenheit wahrnehmen zu dürfen. Ich bin zu Ihnen gekommen, Mr Holmes, weil mir bewusst ist, dass ich kein sonderlich lebenspraktischer Mensch bin, und weil ich mich ganz unvermutet vor ein ungewöhnliches und sehr ernstes Problem gestellt sehe. Und da ich weiß, dass Sie in solchen Fällen der zweitbeste Experte in Europa sind –«

»So? Darf ich fragen, wer die Ehre hat, der beste zu sein?« fragte Holmes mit einer gewissen Schärfe.

»Auf einen Mann von streng wissenschaftlicher Denkart wird Monsieur Bertillons Methode stets höchst überzeugend wirken.«

»Täten Sie dann nicht besser daran, ihn um Rat zu fragen?«

»Ich habe gesagt, Sir, für einen Mann von streng wissenschaftlicher Denkart. Aber als Mann der Praxis stehen Sie nach allgemeiner Anschauung unerreicht da. Ich will doch hoffen, Sir, dass ich nicht unabsichtlich …«

»Nicht der Rede wert«, antwortete Holmes. »Ich glaube, Dr Mortimer, es wäre gut, wenn Sie mir jetzt ohne weitere Umschweife klar und deutlich vortrügen, welcher Art das Problem ist, bei dem Sie meinen Beistand wünschen.«

2. Kapitel

Der Fluch der Baskervilles

Ich habe ein Manuskript mitgebracht«, sagte Dr James Mortimer.

»Das sah ich bereits, als Sie ins Zimmer traten«, antwortete Holmes.

»Es ist eine alte Handschrift.«

»Frühes achtzehntes Jahrhundert, vorausgesetzt, es ist keine Fälschung.«

»Wie kommen Sie darauf, Sir?«

»Ein Streifen davon war die ganze Zeit sichtbar, so dass ich die Schrift betrachten konnte, während wir miteinander sprachen. Das wäre ein armseliger Experte, der eine Handschrift nicht auf ein Jahrzehnt genau datieren kann. Vielleicht haben Sie meine kleine Monographie zu diesem Thema gelesen. Ich schätze das Alter des Dokuments auf etwa 1730.«

»Das genaue Datum ist 1742.« Dr Mortimer zog das Manuskript aus seiner Brusttasche. »Dieses Familiendokument ist mir von Sir Charles Baskerville anvertraut worden, dessen plötzlicher tragischer Tod vor rund drei Monaten in der Grafschaft Devonshire so großes Aufsehen erregt hat. Ich darf wohl sagen, dass ich nicht nur sein ärztlicher Berater war, sondern auch sein persönlicher Freund. Er war ein energischer Mann, Sir, scharfsinnig, praktisch veranlagt und ebenso wenig anfällig für irgendwelche phantastischen Hirngespinste wie ich selbst. Trotzdem hat er dieses Schriftstück sehr ernst genommen, und so war er innerlich auf jenen Tod vorbereitet, der ihn schließlich ereilt hat.«

Holmes nahm das Manuskript in die Hand und strich es auf seinem Knie glatt.

»Sie werden bemerken, Watson, dass die lange und die kurze Form des ›S‹ abwechselnd gebraucht werden. Dies ist einer der Indikatoren, die es mir ermöglichten, die Handschrift zu datieren.«

Ich blickte ihm über die Schulter und betrachtete das vergilbte Papier und die verblasste Schrift. Am Kopf des Blattes stand »Baskerville Hall« und am Schluss in großen krausen Ziffern »1742«.

»Es scheint eine Art Bericht zu sein.«

»Ja, es ist die Aufzeichnung einer Familienlegende, die im Geschlecht der Baskervilles überliefert ist.«

»Aber wenn ich Sie recht verstehe, ist Ihr Anliegen von einer mehr gegenwärtigen, praktischen Natur?«

»Nur allzu gegenwärtig, allerdings. Eine höchst reale und dringliche Angelegenheit, in der binnen vierundzwanzig Stunden eine Entscheidung fallen muss. Aber dieses Dokument ist nicht lang, und es ist mit der Sache aufs Engste verbunden. Wenn Sie gestatten, lese ich es vor.«

Holmes lehnte sich im Sessel zurück, legte die Fingerspitzen gegeneinander und schloss resigniert die Augen. Dr Mortimer hielt das Manuskript ins Licht und las mit seiner hohen, etwas heiseren Stimme die nachfolgende Erzählung aus alten Zeiten:

»Um den Ursprung des Hundes der Baskervilles ranken sich mancherlei Legenden, aber da ich in direkter Linie von Hugo Baskerville abstamme und die Historie von meinem Vater gehört habe, dem sie wiederum von seinem Vater überliefert worden ist, schreibe ich sie hier nieder in der festen Überzeugung, dass sich alles genau so zugetragen hat, wie ich es hier berichten werde. Ich will und wünsche, dass Ihr, meine Söhne, in dem festen Glauben leben sollt, dass jene höhere Gerechtigkeit, die uns für unsere Sünden straft, dieselben auch in überreicher Gnade vergeben kann und dass kein Fluch so mächtig ist, dass er nicht durch Gebet und tätige Reue überwunden werden kann. Möget Ihr aus dieser Geschichte lernen, nicht die Früchte der Vergangenheit zu fürchten, sondern in der Zukunft Umsicht walten zu lassen, auf dass jene verruchten Leidenschaften, die unserem Geschlecht so schweres Leid zugefügt haben, niemals wieder zu unserem Schaden entfesselt werden mögen.

Wisset also, dass in der Zeit der Großen Rebellion (deren Geschichte, aufgezeichnet von dem gelehrten Lord Clarendon, ich Euch recht angelegentlich zur Lektüre empfehle) der Herrensitz der Baskervilles im Besitz von Hugo desselben Namens war, und dieser war unleugbar ein wilder, lasterhafter und gottloser Mann. Dies hätten seine Nachbarn ihm wohl noch verzeihen mögen, sintemalen in den hiesigen Landstrichen Heilige niemals haben gedeihen wollen; aber ihm waren Wollust und Grausamkeit in solchem Maße zu eigen, dass sein Name im ganzen Westen Englands sprichwörtlich wurde. Nun begab es sich, dass dieser Hugo zur Tochter eines Freibauern, dessen Land an den Besitz der Baskervilles grenzte, in Liebe entbrannte (sofern man eine so schändliche Leidenschaft wie die seine mit einem so edlen Wort benennen darf). Aber die junge Maid, die züchtig und ehrbar war, verstand es, seine Nähe zu meiden, denn sie kannte und fürchtete seinen schlimmen Ruf. Es begab sich aber, dass jener Hugo an einem Sankt-Michaelis-Tag, als er wusste, dass ihr Vater und ihre Brüder fort waren, zusammen mit fünf oder sechs seiner ruchlosen, frevelhaften Gesellen in das Haus des Freibauern eindrang und das Mädchen entführte. Sie schleppten die Maid zum Herrenhaus und schlossen sie in einem Zimmer im obersten Stockwerk ein, und darauf setzten Hugo und seine Kumpane sich zu einem üppigen Zechgelage, wie sie es allnächtlich zu tun pflegten. Dem armen Mädchen dort oben mochten wohl die Sinne geschwunden sein, als sie das Singen und Grölen und das entsetzliche Fluchen hörte, das von unten heraufscholl, denn man sagt, dass solche Worte, wie Hugo Baskerville sie im Weinrausch ausstieß, jedem, der sie in den Mund nahm, sogleich das Tor zur Hölle geöffnet hätten. Zuletzt tat sie in ihrer Verzweiflung etwas, was auch der tapferste und gewandteste Mann kaum gewagt hätte – sie benutzte das Efeugestrüpp, das die Südwand des Herrenhauses bedeckte (und das sie noch immer bedeckt), und kletterte daran hinunter, von ihrem Gefängnis oben unter dem Dach bis auf den festen Erdboden, und dann floh sie quer über das Moor zu ihrem Vaterhaus. Es lagen aber drei Wegstunden zwischen dem Herrenhaus und dem Hof ihres Vaters.

Kurz darauf verließ Hugo seine Gäste, um seiner Gefangenen Speise und Trank – und vielleicht auch Schlimmeres – zu bringen, da fand er den Käfig leer und den Vogel entflohen. Und nun schien es, als würde der Teufel in ihn fahren, denn er stürzte die Treppen hinunter in den Speisesaal und sprang mit einem wilden Satz auf den großen Tisch, dass die Flaschen und Platten nur so tanzten, und er schrie den Tafelnden zu, noch in selbiger Nacht wolle er sich mit Leib und Seele dem Bösen verschreiben, wenn er nur die Dirne bekommen könnte. Und während seine Saufkumpane noch voller Entsetzen auf den Rasenden starrten, rief einer von ihnen, der noch verruchter war als die anderen, oder vielleicht auch nur noch betrunkener, man solle die Hunde auf sie hetzen. Da rannte Hugo aus dem Haus und schrie seinen Stallknechten zu, sie sollten sein Pferd satteln und die Meute aus dem Zwinger lassen. Er warf den Hunden ein Halstuch des Mädchens hin und ließ sie die Fährte aufnehmen, und dann ging die wilde Jagd wie der Sturmwind über das vom Mondlicht erhellte Moor.

Die Zechkumpane standen eine Weile starr vor Verblüffung; sie vermochten kaum zu begreifen, was sich da in solcher Hast abgespielt hatte. Aber dann dämmerte in ihren umnebelten Hirnen eine Ahnung auf, was sich dort auf dem Moor wohl begeben würde. Alles geriet in Aufruhr, die einen riefen nach ihren Pistolen, die anderen nach ihren Pferden, und wieder andere nach mehr Wein. Endlich kehrte ein wenig Vernunft in ihre wirren Köpfe ein, und die ganze Gesellschaft, dreizehn an der Zahl, sprang auf ihre Pferde und nahm die Verfolgung auf. Der Mond schien hell vom Himmel, und Seite an Seite sprengten sie in die Richtung, die das Mädchen genommen haben musste, um ihr väterliches Haus zu erreichen.

Sie hatten eine oder zwei Meilen zurückgelegt, da begegneten sie einem Schafhirten, der nachts im Moor Wache hielt, und sie schrien ihm zu, ob er nicht die wilde Jagd gesehen hätte. Der Mann aber, so berichtet die Legende, war so von Angst geschüttelt, dass er kaum reden konnte. Endlich aber sagte er, er habe die Unglückliche tatsächlich gesehen, und auch die Meute auf ihrer Spur. ›Aber ich habe noch mehr gesehen‹, sagte er. ›Hugo Baskerville sprengte auf seiner schwarzen Stute an mir vorüber, und hinter ihm lief lautlos ein Hund – ein solcher Höllenhund, wie Gott ihn mir niemals auf die Fersen hetzen wolle!‹

Die bezechten Junker bedachten den Schäfer mit Flüchen und galoppierten weiter. Aber nach kurzer Zeit überlief es sie kalt, denn vom Moor her hörten sie ein galoppierendes Pferd näher kommen, und die schwarze Stute raste, mit weißem Schaum bedeckt, an ihnen vorüber – mit schleifendem Zügel und leerem Sattel. Da drängten die Zechbrüder sich eng aneinander, denn Furcht überkam sie. Aber sie ritten weiter, obwohl jeder Einzelne von ihnen, wäre er allein gewesen, nur allzu gern sein Pferd herumgeworfen hätte. Sie trabten langsam voran, und schließlich fanden sie die Meute. Die Hunde, die doch bekannt waren für ihre edle Rasse und ihre Tapferkeit, drängten sich am Rande eines Tales, eines goyal, wie wir es hier in Exmoor nennen, winselnd aneinander. Einige schlichen sich seitlich fort, andere starrten mit gesträubten Haaren und stieren Augen in das Tal hinein, das vor ihnen lag.

Die Reiter hatten angehalten, und die Herren waren, wie Ihr Euch denken könnt, jetzt viel nüchterner als bei ihrem Aufbruch. Die meisten wollten um keinen Preis weiterreiten, nur drei von ihnen, die Kühnsten oder die Betrunkensten, wagten sich in das Tal hinein. Dieses öffnete sich zu einer breiten Senke, in der zwei von jenen Steinriesen standen und auch heute noch stehen, die in uralten Zeiten von einem längst vergessenen Volk errichtet worden sind. Das Mondlicht fiel hell auf den grasigen Talgrund, und in der Mitte lag das unglückliche Mädchen, das dort vor Angst und Erschöpfung tot hingesunken war. Doch es war nicht der Anblick ihres Leichnams, und auch nicht der Anblick des toten Hugo Baskerville, der daneben lag, was den drei draufgängerischen Wüstlingen die Haare zu Berge stehen ließ, sondern es war das grausige Wesen, das über Hugos Leichnam stand und ihm die Kehle zerfleischte – eine riesige schwarze Bestie in Gestalt eines Hundes, aber viel größer als jeder Hund, den je eines Sterblichen Auge erblickt hatte. Vor ihren entsetzten Augen riss das Tier dem Hugo Baskerville die Gurgel heraus, und als es seine glühenden Augen und triefenden Lefzen den Reitern zuwandte, kreischten sie vor Angst laut auf und flohen schreiend über das Moor, als gälte es ihr Leben. Man sagt, einer von ihnen sei noch in derselben Nacht vor Entsetzen ob dieses Anblicks gestorben, und die beiden anderen blieben für den Rest ihrer Tage gebrochene Männer.

Dies, meine Söhne, ist die Geschichte vom Ursprung des Hundes, der der Legende nach unsere Familie seither so schwer heimgesucht hat. Ich habe sie hier niedergeschrieben im Wissen, dass Bekanntes uns weniger Grauen einflößt als dunkle Gerüchte oder Andeutungen. Es lässt sich freilich nicht leugnen, dass einige unserer Vorfahren ein unseliges Ende gefunden haben und eines plötzlichen, gewaltsamen oder mysteriösen Todes gestorben sind. Dennoch wollen wir auf die unendliche Güte der Vorsehung vertrauen, welche Unschuldige nicht auf ewig und nicht über das dritte oder vierte Glied hinaus bestraft, wie es in der Heiligen Schrift steht. Ich empfehle Euch der Gnade der Vorsehung, meine Söhne, aber ich gebe Euch auch den Rat, Vorsicht walten zu lassen und dem Moor fern zu bleiben in jenen finsteren Stunden, da die Macht des Bösen dort ihr Unwesen treibt.

(Dies schrieb Hugo Baskerville für seine Söhne Rodger und John, mit der Mahnung, ihrer Schwester Elisabeth nichts davon mitzuteilen.)«

Dr Mortimer beendete die Lesung dieses außerordentlichen Berichts, schob seine Brille auf die Stirn und blickte erwartungsvoll zu Mr Sherlock Holmes hinüber. Der gähnte und warf seinen Zigarettenstummel ins Feuer.

»Nun?« fragte er.

»Finden Sie das nicht faszinierend?«

»Vielleicht für Märchensammler.«

Dr Mortimer zog eine zusammengefaltete Zeitung aus der Tasche.

»Dann, Mr Holmes, kann ich jetzt mit etwas Aktuellerem dienen. Dies ist der Devon Country Chronicle vom 14. Juni mit einem kurzen Bericht über die Umstände des Todes von Sir Charles Baskerville, welcher wenige Tage vor diesem Datum erfolgt war.«

Mein Freund beugte sich ein wenig vor, und sein Gesichtsausdruck wurde aufmerksamer. Unser Gast schob seine Brille zurecht und begann:

»Der kürzlich erfolgte plötzliche Tod von Sir Charles Baskerville, welcher bei der kommenden Wahl als aussichtsreicher Kandidat der Liberalen Partei für Mittel-Devon galt, hat einen Schatten über unsere Grafschaft geworfen. Obwohl Sir Charles erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit in Baskerville Hall gelebt hat, gewann er durch seine Liebenswürdigkeit und seine außerordentliche Freigebigkeit die Zuneigung und Achtung aller, die mit ihm in Berührung kamen. In dieser Welt der nouveau riches ist es erquickend, einem Spross aus altem, unverschuldet in böse Zeitläufte geratenen Landadel zu begegnen, der aus eigener Kraft ein Vermögen erworben hat und es nutzt, um dem verblichenen Glanz seines Geschlechtes wieder zu neuer Größe zu verhelfen. Wie allgemein bekannt, hat Sir Charles mit Spekulationen in Südafrika ein großes Vermögen erworben. Anders als viele andere, die kein Ende finden können, bis das Glücksrad sich gegen sie kehrt, war er weise genug, seine Gewinne zu Geld zu machen und damit nach England zurückzukehren. Vor zwei Jahren nahm er seinen Wohnsitz in Baskerville Hall. Seine weitreichenden Wiederaufbau- und Modernisierungspläne waren das allgemeine Gespräch in der Gegend, bis sein plötzlicher Tod dem einen Schlussstrich setzte. Da er selbst kinderlos war, war es sein ausdrücklicher Wunsch, die ganze Region noch zu seinen Lebzeiten von seinem Wohlstand profitieren zu lassen, und so mancher dürfte auch persönliche Gründe haben, das vorzeitige Ableben des Gutsherrn zu beklagen. Seine großzügigen Spenden an Wohltätigkeitseinrichtungen sowohl im engeren Umkreis wie auch in der ganzen Grafschaft waren nicht selten Thema dieser Spalten.

Die gerichtliche Untersuchung konnte die Todesumstände von Sir Charles nicht gänzlich aufklären, aber es wurde genug Klarheit geschaffen, um gewissen Gerüchten entgegentreten zu können, die auf einem althergebrachten lokalen Aberglauben beruhen. Es gibt nicht den geringsten Hinweis auf ein Verbrechen oder auf einen anderen als einen natürlichen Tod. Sir Charles war Witwer und galt als Mann von leicht exzentrischer Lebensart. Trotz seines beträchtlichen Reichtums war er bescheiden in seinen persönlichen Ansprüchen. Das gesamte Hauspersonal von Baskerville Hall besteht lediglich aus dem Ehepaar Barrymore; der Mann bekleidet die Stellung eines Butlers und seine Frau die der Haushälterin. Ihre Aussage, die durch das Zeugnis mehrerer Freunde des Verstorbenen bestätigt wurde, ging dahin, dass Sir Charles schon seit einiger Zeit bei schwacher Gesundheit gewesen sei. Erwähnt wurde insbesondere ein Herzleiden, das sich in rasch wechselnder Gesichtsfarbe, Atemnot und akuten Anfällen einer nervösen Gemütsverstimmung geäußert habe. Dr James Mortimer, persönlicher Freund und ärztlicher Berater des Verstorbenen, bestätigte dies durch seine Aussage.

Die Faktenlage ist unkompliziert. Sir Charles Baskerville hatte die Gewohnheit, jede Nacht vor dem Schlafengehen einen Spaziergang durch die berühmte Eibenallee von Baskerville Hall zu machen. Dies wurde von den Barrymores bezeugt. Am 4. Juni hatte Sir Charles angekündigt, am Tag darauf nach London reisen zu wollen, und er hatte Barrymore angewiesen, sein Gepäck zu besorgen. Am Abend verließ er das Haus zu seinem gewohnten Spaziergang, bei dem er wie gewöhnlich eine Zigarre rauchte. Er kehrte nicht zurück. Als Barrymore gegen Mitternacht die Haustür noch offen fand, wurde er unruhig, zündete eine Laterne an und ging auf die Suche nach seinem Herrn. Es hatte an diesem Tag geregnet, und Sir Charles’ Fußspuren waren in der Eibenallee gut zu erkennen. Auf halbem Weg befindet sich eine Pforte, die zum Moor hinausführt. Es gibt Hinweise, dass Sir Charles hier eine Zeit lang verweilt hat. Dann hat er seinen Weg durch die Allee fortgesetzt, und an ihrem äußersten Ende wurde sein Leichnam gefunden. Noch nicht geklärt ist Barrymores Aussage, die Fußspuren seines Herren hätten jenseits der Pforte anders ausgesehen als vorher; er sei von dort aus augenscheinlich auf Zehenspitzen weitergegangen. Ein Zigeuner namens Murphy, ein Pferdehändler, befand sich um diese Zeit in nicht allzu weiter Entfernung auf dem Moor, allerdings in angetrunkenem Zustand, wie er selbst zugab. Er sagte aus, er habe Schreie gehört, konnte jedoch nicht sagen, aus welcher Richtung diese gekommen seien. An Sir Charles’ Leichnam waren keine Spuren von Gewaltanwendung zu erkennen, allerdings waren seine Gesichtszüge nach Aussage des Arztes auf unbegreifliche Weise verzerrt – so sehr, dass Dr Mortimer zunächst kaum glauben konnte, dass es wirklich sein Patient und persönlicher Freund war, der dort vor ihm lag. Indessen ist dieses Symptom nicht untypisch bei einem Tod infolge Atemnot und Herzversagen. Diese Erklärung wurde durch den Obduktionsbefund bestätigt, der eine schon lange bestehende Erkrankung des Herzens attestiert hat. Die gerichtliche Untersuchungskommission entschied in Übereinstimmung mit dem ärztlichen Zeugnis in diesem Sinne. Das ist sehr zu begrüßen, denn natürlich ist es für die Region von größter Bedeutung, dass Sir Charles’ Erbe sich in Baskerville Hall niederlässt und dessen segensreiches Wirken fortsetzt, das auf so traurige Weise unterbrochen worden ist. Wäre den abenteuerlichen Gerüchten, die in Zusammenhang mit dieser Affäre aufgekommen sind, nicht durch den prosaischen Befund des Untersuchungsrichters jede Grundlage entzogen worden, hätte es schwierig werden können, einen Pächter für Baskerville Hall zu finden. Der nächste Angehörige von Sir Charles Baskerville ist dem Vernehmen nach Mr Henry Baskerville, ein Sohn von dessen jüngerem Bruder. Den letzten Nachrichten zufolge hält der junge Mann sich in Amerika auf, und es wurden bereits Ermittlungen eingeleitet, um ihn von dem ihm zugefallenen Erbe in Kenntnis zu setzen.«

Dr Mortimer faltete die Zeitung wieder zusammen und steckte sie in seine Tasche.

»Dies, Mr Holmes, sind die öffentlich bekannten Fakten im Zusammenhang mit dem Tod von Sir Charles Baskerville.«

»Ich möchte Ihnen meinen Dank aussprechen«, sagte Sherlock Holmes. »Sie haben mich auf einen Fall aufmerksam gemacht, der tatsächlich einige interessante Aspekte hat. Ich hatte seinerzeit die Zeitungsmeldungen gelesen, aber ich war damals sehr eingespannt in diese kleine Affäre der vatikanischen Kameen, und in meinem Bestreben, dem Papst gefällig zu sein, habe ich einige interessante Fälle in England aus den Augen verloren. Aber Sie sagten, dieser Artikel enthalte lediglich die öffentlich bekannten Fakten?«

»So ist es.«

»Dann lassen Sie mich die nicht öffentlichen wissen.« Er lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und setzte seine gleichgültig-skeptische Miene auf.

»Das werde ich gern tun«, sagte Dr Mortimer mit allen Anzeichen einer starken Gemütserregung, »aber ich muss Ihnen vorher sagen, dass ich Ihnen damit etwas erzähle, was ich bisher keinem einzigen Menschen anvertraut habe. Mein Beweggrund dafür, dass ich es bei der Leichenschau vor den Geschworenen verschwiegen habe, war, dass ich als Mann der Wissenschaft davor zurückscheue, mich in der Öffentlichkeit als jemand darzustellen, der dummen Ammenmärchen Glauben schenkt. Ein weiteres Motiv war, dass Baskerville Hall gewiss keinen neuen Bewohner finden wird, wie in der Zeitung ganz richtig bemerkt, wenn der ohnehin schon düstere Ruf des Besitzes noch weiter diskreditiert würde. Aus diesen beiden Gründen glaubte ich mich im Recht, wenn ich nicht alles sagte, was ich wusste. Überdies hätte es auch keine praktischen Auswirkungen auf die Untersuchung gehabt. Aber Ihnen gegenüber habe ich keinen Grund, nicht ganz offen zu sein.

Das Moor ist sehr dünn besiedelt, daher sind alle, die dort leben, eng auf ihre Nachbarn angewiesen. So ergab es sich, dass ich viel mit Sir Charles Baskerville verkehrte. Mit Ausnahme von Mr Frankland in Lafter Hall und Mr Stapleton, einem Naturkundler, findet man im weiteren Umkreis keinen einzigen gebildeten Menschen. Sir Charles lebte recht zurückgezogen, aber durch seine Krankheit kamen wir in Kontakt miteinander, und ein gemeinsames Interesse an naturwissenschaftlichen Fragen vertiefte die Bekanntschaft. Er hatte aus Südafrika zahlreiche Kuriositäten mitgebracht, und so haben wir viele angenehme Abende miteinander und mit lebhaften Diskussionen über die anatomischen Eigenarten der Buschmänner und der Hottentotten verbracht.

Im Laufe der letzten Monate wurde mir immer klarer, dass Sir Charles’ Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren. Er hatte sich diese Legende, die ich Ihnen vorgelesen habe, sehr zu Herzen genommen, was so weit ging, dass er seine Spaziergänge zwar auf eigenem Grund und Boden unternahm, aber unter keinen Umständen bereit war, das Moor zu betreten, schon gar nicht in der Dunkelheit. So unbegreiflich es Ihnen erscheinen mag, Mr Holmes, aber er war allen Ernstes davon überzeugt, dass ein grauenvolles Verhängnis über seiner Familie schwebte, und ich muss sagen, was er von seinen Vorfahren zu berichten wusste, klang nicht eben ermutigend. Unablässig verfolgte ihn die Vorstellung einer dunklen Macht, die ihn umgab, und mehr als einmal fragte er mich, ob ich auf meinen nächtlichen Fahrten zu einem Patienten nicht ein merkwürdiges Wesen gesehen oder das Gebell eines Hundes gehört hätte. Die letztere Frage stellte er mir mehrfach, jedes Mal mit vor Erregung bebender Stimme.

Ich erinnere mich genau an einen Abend etwa drei Wochen vor dem traurigen Ereignis. Als ich mit meinem Einspänner vor dem Herrenhaus vorfuhr, stand er zufällig im Eingang. Ich stieg aus und ging auf ihn zu, da bemerkte ich, dass sein Blick über meine Schulter hinweg etwas fixierte und er mit dem Ausdruck tiefsten Grauens dorthin starrte. Ich fuhr herum und konnte gerade noch einen Blick auf ein Tier am Ende der Zufahrt erhaschen, das ich für ein großes schwarzes Kalb hielt. Er war so verängstigt, dass ich mich genötigt sah, dorthin zu gehen und nachzuschauen, wo das Tier geblieben war. Natürlich war es längst verschwunden, aber der Vorfall hatte ihn augenscheinlich zutiefst verstört. Ich blieb den Abend über bei ihm, und bei dieser Gelegenheit vertraute er mir die Familienlegende an, wohl um mir eine Begründung für seinen Nervenzustand zu geben, und er übergab mir zu treuen Händen das Dokument, das ich Ihnen gerade vorgelesen habe. Ich erwähne diesen Vorfall, weil ihm in Anbetracht der darauf folgenden Tragödie eine gewisse Bedeutung zukommt. Damals war ich allerdings fest überzeugt, dass die Sache völlig harmlos und seine Furcht unbegründet war.

Dass Sir Charles eine Reise nach London plante, geschah auf mein Anraten. Ich wusste, dass sein Herz angegriffen war, und die ständige Angst, in der er lebte, auch wenn es reine Hirngespinste waren, wirkte sich offensichtlich negativ auf seinen Gesundheitszustand aus. Ein paar Monate in der Metropole mit ihren Zerstreuungen, meinte ich, würden einen neuen Menschen aus ihm machen. Unser gemeinsamer Freund Mr Stapleton, der sich ebenfalls um Sir Charles’ Gesundheit sorgte, teilte diese Ansicht. Am letzten Abend vor dem Antritt der Reise kam es dann zu der schrecklichen Katastrophe.

In der Nacht von Sir Charles’ Tod schickte der Butler Barrymore, der den Leichnam gefunden hatte, den Stallknecht Perkins zu mir, und da ich trotz der späten Stunde noch wach war, erreichte ich Baskerville Hall schon eine Stunde nach dem Unglück. Ich kann sämtliche Fakten, die während der gerichtlichen Untersuchung zur Sprache kamen, als Augenzeuge bestätigen. Ich bin den Fußspuren durch die Eibenallee gefolgt, ich habe die Stelle an der Pforte zum Moor gesehen, wo er offenkundig einige Zeit gestanden und gewartet hat, ich habe bemerkt, dass seine Fußspuren von jener Stelle ab anders aussahen, ich habe gesehen, dass der weiche Kies des Weges keine anderen Spuren als die von Barrymore zeigte, und schließlich habe ich den Leichnam, der bis dahin nicht angerührt worden war, gewissenhaft untersucht. Sir Charles lag auf dem Gesicht, die Arme ausgestreckt, die Finger ins Erdreich gekrallt, und sein Gesicht war in heftiger Konvulsion so verzerrt, dass ich ihn kaum erkannte. Mit Sicherheit wies er keinerlei körperliche Verletzung auf. Aber eine falsche Angabe hat Barrymore bei der Leichenschau doch gemacht: Er hat gesagt, in der Nähe der Leiche seien keine weiteren Spuren zu sehen gewesen. Jedenfalls habe er keine bemerkt. Aber ich habe welche gesehen – ein kleines Stück entfernt, aber frisch und deutlich.«

»Fußspuren?«

»Fußspuren.«

»Von einem Mann oder von einer Frau?«

Dr Mortimer blickte uns einen Augenblick lang bedeutungsvoll an, dann sank seine Stimme zu einem Flüstern herab, als er antwortete:

»Mr Holmes, es waren Spuren eines gigantischen Hundes.«

3. KAPITEL

Das Problem

Ich gebe zu, dass mir bei diesen Worten ein Schauder über den Rücken lief. Die bebende Stimme des Arztes verriet mir, dass er selbst aufgewühlt war von dem, was er erzählte. Holmes beugte sich gespannt nach vorn; seine Augen sprühten in jenem harten Glanz, den sie stets zeigten, wenn ein Fall ihn faszinierte.

»Sie haben die Spuren deutlich gesehen?«

»So deutlich, wie ich Sie vor mir sehe.«

»Und Sie haben nichts gesagt?«

»Welchen Sinn hätte das gehabt?«

»Wie kommt es, dass sonst niemand diese Spuren gesehen hat?«

»Sie waren fast zwanzig Meter von der Leiche entfernt, und niemand hat ihnen Beachtung geschenkt. Ich hätte es wohl auch nicht getan, wenn ich nicht diese Legende gekannt hätte.«

»Sicherlich gibt es auf dem Moor zahlreiche Hütehunde?«

»Gewiss, aber dies war kein Hütehund.«

»Sie sagten, er war groß?«

»Gigantisch.«

»Aber er hat sich der Leiche nicht genähert?«

»Nein.«

»Wie war das Wetter in jener Nacht?«

»Diesig und nasskalt.«

»Aber kein Regen?«

»Nein.«

»Wie sieht diese Allee genau aus?«

»Sie ist gesäumt von zwei Reihen alter Eibenhecken, zwölf Fuß hoch und undurchdringlich dicht. Der freie Raum dazwischen ist etwa acht Fuß breit.«

»Was liegt zwischen dem Weg und den Hecken?«

»Ein etwa sechs Fuß breiter Grasstreifen zu beiden Seiten des Weges.«

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, ist die Eibenhecke an einer Stelle von einer Pforte durchbrochen?«

»Ja, eine niedrige Holztür, die aufs Moor hinausführt.«

»Gibt es noch eine andere Öffnung in der Hecke?«

»Nein, keine.«

»Um in die Eibenallee zu gelangen, muss man also entweder vom Haus her kommen oder durch die Pforte vom Moor?«

»Es gibt noch einen weiteren Zugang, vom Gartenhaus am äußersten Ende der Allee.«

»War Sir Charles so weit gekommen?«

»Nein, er lag etwa fünfzig Meter davon entfernt.«

»Nun sagen Sie mir, Dr Mortimer – und das ist sehr wichtig: Fanden Sie die besagten Spuren auf dem Weg oder auf dem Grasstreifen?«

»Auf dem Weg. Im Gras wären überhaupt keine Spuren zu sehen gewesen.«

»Waren sie auf der gleichen Seite des Weges wie die Pforte?«

»Ja, am Rand des Weges, auf der gleichen Seite wie die Pforte.«

»Sie interessieren mich über alle Maßen. Und noch etwas: War die Pforte verschlossen?«

»Verschlossen und verriegelt.«

»Wie hoch ist sie?«

»Ungefähr vier Fuß.«

»So, dass jeder drüberklettern kann?«

»Ja.«

»Was für Spuren haben Sie an der Pforte gesehen?«

»Keine besonderen.«

»Gütiger Himmel! Hat das denn niemand untersucht?«

»Doch, ich selbst.«

»Und Sie haben nichts entdeckt?«

»Es war alles ziemlich zertreten. Sir Charles hat dort offensichtlich fünf oder zehn Minuten lang gestanden.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Weil er dort die Asche von seiner Zigarre zweimal abgestrichen hat.«

»Ausgezeichnet! Das ist ein Kollege nach unserem Herzen, Watson. Aber die Spuren?«

»Seine Fußspuren fanden sich in diesem Teil des Kiesweges zuhauf. Andere konnte ich nicht entdecken.«

Sherlock Holmes schlug sich mit einer ungeduldigen Geste aufs Knie.

»Wäre ich doch nur dort gewesen!« rief er. »Das ist ein höchst interessanter Fall, der einem wissenschaftlich geschulten Experten zahllose Möglichkeiten eröffnet. Dieser Kiesweg – er hätte mir so viel verraten – aber nun ist er längst vom Regen durchweicht und von den Holzschuhen neugieriger Bauern zertrampelt. Oh, Dr Mortimer, Dr Mortimer, warum haben Sie mich bloß nicht früher konsultiert! Da haben Sie einiges zu verantworten.«

»Ich konnte Sie nicht früher hinzuziehen, Mr Holmes, ohne gewisse Tatsachen an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, und ich habe Ihnen meine Gründe genannt, warum ich das nicht wollte. Und außerdem –«

»Warum zögern Sie?«

»Es gibt eine Sphäre, in der sogar der scharfsinnigste und erfahrenste Detektiv machtlos ist.«

»Sie glauben, wir haben es mit einem übernatürlichen Phänomen zu tun?«

»Das habe ich so dezidiert nicht gesagt.«

»Nein, aber Sie denken es anscheinend.«

»Seit jener tragischen Nacht, Mr Holmes, sind mehrere Vorfälle zu meiner Kenntnis gelangt, die sich kaum mit der wissenschaftlichen Ordnung der Natur in Übereinstimmung bringen lassen.«

»Zum Beispiel?«

»Ich habe erfahren, dass schon vor dem schrecklichen Ereignis mehrere Leute im Moor ein Wesen gesehen haben, das der Beschreibung des Spuks der Baskervilles entspricht und das kein der Wissenschaft bekanntes Tier sein kann. Alle Berichte stimmen darin überein, dass es ein gigantisches Geschöpf ist, gespenstisch leuchtend, dämonisch und grauenhaft. Ich habe die Leute scharf ins Verhör genommen – einen dickschädeligen Landmann, einen Hufschmied und einen Moorbauern, und alle drei haben das Gleiche erzählt über diese furchtbare Erscheinung, die so genau dem Höllenhund der Legende entspricht. Ich kann Ihnen versichern, es herrscht eine wahre Todesangst in der Gegend, und wer sich nachts ins Moor wagt, der muss schon ein hartgesottener Mann sein.«

»Und Sie, ein Mann der Naturwissenschaft, glauben an eine übernatürliche Erscheinung?«

»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.«

Holmes zuckte die Schultern. »Bisher habe ich meine Ermittlungen auf die diesseitige Welt beschränkt«, sagte er. »Ich habe das Böse mit meinen bescheidenen Kräften bekämpft. Sich mit dem Vater alles Bösen anzulegen wäre vielleicht ein allzu ehrgeiziges Unterfangen … Aber Sie müssen zugeben, dass diese Spuren durchaus irdisch waren.«

»Der Hund der Legende war irdisch genug, um einem Mann die Gurgel herauszureißen, und doch war es ein Geschöpf der Hölle.«

»Ich sehe schon, Sie sind zu den Esoterikern übergelaufen. Aber sagen Sie mir bitte, Dr Mortimer: Wenn Sie sich zu solchen Ansichten bekennen, warum sind Sie dann zu mir gekommen? Sie erzählen mir, es sei zwecklos, nach der wahren Ursache von Sir Charles’ Tod zu forschen, und bitten mich im gleichen Atemzug, es doch zu tun.«

»Nicht darum habe ich Sie gebeten.«

»Wie kann ich Ihnen dann behilflich sein?«

»Indem Sie mir einen Rat geben, was ich mit Sir Henry Baskerville anfangen soll …« – Dr Mortimer sah auf die Uhr – »der kommt in genau ein und einer viertel Stunde auf dem Bahnhof Waterloo an.«

»Der Erbe?«

»Ja. Nach dem Tod von Sir Charles haben wir nach dem jungen Gentleman geforscht und herausgefunden, dass er als Farmer in Kanada lebt. Nach allem, was wir über ihn gehört haben, scheint er in jeder Hinsicht ein prächtiger Bursche zu sein. Ich sage das jetzt nicht als Arzt, sondern als Sir Charles’ Treuhänder und Testamentsvollstrecker.«

»Gibt es keine weiteren Erben?«

»Nein, keinen. Der einzige andere Verwandte, den wir ausfindig machen konnten, ist Rodger Baskerville, der jüngste Bruder des armen Sir Charles, welcher der Erstgeborene war. Der mittlere der drei Brüder, der Vater von Henry Baskerville, ist schon in jungen Jahren gestorben. Der jüngste, Rodger, war das schwarze Schaf der Familie. Er war ein echter Spross der alten herrischen Baskervilles und angeblich das leibhaftige Ebenbild des alten Hugo, so wie er auf dem Familienporträt dargestellt ist. Als ihm in England der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, setzte er sich nach Mittelamerika ab, wo er 1876 am Gelbfieber starb. Henry ist also der letzte lebende Baskerville. In einer Stunde und fünf Minuten werde ich ihn am Bahnhof Waterloo treffen. Er hat mir ein Telegramm geschickt, dass sein Schiff heute früh in Southampton angelegt hat. Nun, Mr Holmes, was meinen Sie? Was soll ich ihm raten?«

»Warum sollte er nicht den alten Familienbesitz übernehmen?«

»Das wäre das Natürliche, nicht wahr? Aber Sie müssen bedenken, dass jeder Baskerville, der dort gelebt hat, ein schlimmes Ende gefunden hat. Ich bin sicher, dass Sir Charles, hätte er vor seinem Ende mit mir sprechen können, mich davor gewarnt hätte, den letzten Spross dieses uralten Geschlechts und Erben eines großen Vermögens an diesen fluchbeladenen Ort zu bringen. Und doch lässt sich nicht leugnen, dass der Wohlstand dieses ärmlichen, wenig fruchtbaren Landstriches von seiner Anwesenheit abhängt. All die guten Werke, die Sir Charles begonnen hat, werden nur unvollendet bleiben, wenn Baskerville Hall keinen Bewohner hat. Ich fürchte allerdings, dass ich mich in dieser Frage vielleicht allzu sehr von meinem eigenen Interesse leiten lasse. Deshalb habe ich Ihnen den Fall vorgelegt und bitte Sie um Ihren Rat.«

Holmes überlegte kurz, dann sagte er: »In knappe Worte gefasst, liegt die Sache so: Ihrer Meinung nach ist eine höllische Macht am Werk, die Dartmoor zu einem gefährlichen Aufenthaltsort für einen Baskerville macht. – Ist das richtig?«

»Ich denke jedenfalls, dass es Anhaltspunkte gibt, die darauf hinweisen.«

»Ganz recht. Aber wenn übernatürliche Mächte im Spiel sind, können sie dem jungen Mann in London genauso leicht schaden wie in Devonshire. Ein Höllenwesen mit lediglich lokaler Zuständigkeit, vielleicht für ein einziges Kirchspiel, wäre doch allzu unwahrscheinlich.«

»Sie betrachten die Sache auf eine leichtfertige Art, Mr Holmes, als Sie es vielleicht tun würden, wenn Sie persönlich betroffen wären. Wenn ich Sie richtig verstehe, gehen Sie davon aus, dass der junge Mann in Devonshire genauso sicher ist wie in London. In fünfzig Minuten wird er hier sein. Was raten Sie mir also?«

»Ich rate Ihnen, Sir, eine Droschke zu rufen, Ihren Spaniel an die Leine zu nehmen, der unten an unserer Haustür kratzt, und zum Bahnhof Waterloo zu fahren, um Sir Henry Baskerville abzuholen.«

»Und dann?«

»Dann erzählen Sie ihm kein einziges Wort von der Sache, bis ich mir darüber klar geworden bin.«

»Wie lange wird das dauern?«

»Vierundzwanzig Stunden. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, Dr Mortimer, wenn Sie mich morgen früh gegen zehn Uhr aufsuchen würden. Und es wäre hilfreich für meine weiteren Pläne, wenn Sie Sir Henry Baskerville mitbringen würden.«

»Das werde ich gern tun, Mr Holmes.« Er notierte den Termin und eilte in seiner sonderbar kurzsichtigen, zerstreuten Art zur Tür. Als er schon auf dem Treppenabsatz war, rief Holmes ihn noch einmal zurück.

»Nur noch eine Frage, Dr Mortimer. Sie sagten, in der Zeit vor Sir Charles Baskervilles Tod hätten mehrere Leute diese Geistererscheinung im Moor gesehen?«

»Ja, drei Männer.«

»Und danach?«

»Danach ist mir nichts mehr zu Ohren gekommen.«

»Danke sehr. Guten Morgen.«

Holmes kehrte zu seinem Sessel zurück. Sein Blick verriet innere Befriedigung, was bei ihm immer bedeutete, dass er eine Aufgabe gefunden hatte, die seiner würdig war.

»Sie wollen ausgehen, Watson?«

»Ja, es sei denn, Sie brauchen mich.«

»Nein, alter Freund, ich brauche Sie erst, wenn es zur Sache geht. Dieser Fall ist prachtvoll, er hat einige wirklich einzigartige Aspekte. Wenn Sie bei Bradley’s vorbeikommen, bitten Sie ihn doch, ein Pfund seines stärksten Shag-Tabaks heraufzuschicken. Vielen Dank. Es wäre mir auch lieb, wenn Sie es einrichten könnten, nicht vor dem Abend wieder zurück zu sein. Dann werde ich gern mit Ihnen dieses höchst interessante Problem diskutieren, das uns heute vorgelegt worden ist.«

Ich wusste, dass mein Freund Zurückgezogenheit und Einsamkeit brauchte in jenen Stunden höchster geistiger Konzentration, wo er jedes kleinste Beweisteilchen prüfte, Hypothesen aufstellte und gegeneinander abwog und sich allmählich klar wurde, welche Punkte wesentlich und welche unwesentlich waren. Ich verbrachte den Tag also in meinem Klub und kehrte erst abends in die Baker Street zurück. Es war beinahe neun Uhr, als ich wieder in unser Wohnzimmer trat.

Als ich in der Tür stand, war mein erster Gedanke, dass Feuer ausgebrochen sein musste, denn das Zimmer war so voller Qualm, dass selbst das Licht der Tischlampe nur nebelhaft zu erkennen war. Mein Schreck verflog jedoch rasch, denn als ich eintrat, merkte ich, dass es lediglich der beißende Rauch von starkem Grobtabak war, der mir die Kehle zuschnürte und mich husten ließ. Im Tabaknebel erkannte ich schemenhaft die Gestalt von Holmes, der in seinen Hausmantel gekleidet im Sessel lehnte, die schwarze Tonpfeife im Mund. Um ihn herum lagen mehrere Papierrollen verstreut.

»Erkältet, Watson?« fragte er.

»Nein, es ist bloß diese verpestete Luft.«

»Verpestet! Aber jetzt, wo Sie es sagen, finde ich auch, dass sie ein wenig dick ist.«

»Dick? Sie ist zum Schneiden!«

»Dann machen Sie doch ein Fenster auf! Sie haben den ganzen Tag in Ihrem Klub verbracht, wie ich sehe.«

»Mein lieber Holmes!«

»Habe ich recht?«

»Gewiss, aber wie …?«

Er lachte über mein verblüfftes Gesicht.

»Sie haben manchmal so eine köstliche Arglosigkeit an sich, Watson, dass es mir ein wahres Vergnügen ist, meine bescheidenen Fähigkeiten auf Ihre Kosten auszuspielen. Ein Gentleman geht an einem unfreundlichen, regnerischen Tag aus. Am Abend kehrt er zurück wie aus dem Ei gepellt; Hut und Stiefel in tadellosem Glanz. Also hat er den ganzen Tag unter Dach verbracht. Enge Freunde besitzt er nicht. Wo kann er also gewesen sein? Ist das nicht offensichtlich?«

»Nun ja, ziemlich offensichtlich.«

»Die Welt ist voller offensichtlicher Dinge, auf die kein Mensch je achtet. Wo, glauben Sie, bin ich gewesen?«

»Ebenfalls den ganzen Tag zu Hause.«

»Im Gegenteil, ich war in Devonshire.«

»In Gedanken?«

»Ganz recht. Mein Körper blieb hier in diesem Lehnstuhl und hat, wie ich leider feststellen muss, während meiner Abwesenheit zwei große Kannen Kaffee und eine unglaubliche Menge Tabak konsumiert. Als Sie weg waren, habe ich mir von Stanford’s topographische Karten von diesem Teil des Moores besorgen lassen, und mein Geist schwebte den ganzen Tag darüber. Ich schmeichle mir, mich jetzt dort gut auszukennen.«

»Es sind wohl großmaßstäbige Karten?«

»Ja, ein sehr großer Maßstab.« Er rollte ein Blatt auf und breitete es auf seinen Knien aus. »Dies ist die Region, die uns interessiert. Hier in der Mitte, das ist Baskerville Hall.«

»Mit dem Wald drumherum?«

»Ja. Die Eibenallee, obwohl sie auf der Karte nicht eingezeichnet ist, dürfte in dieser Richtung verlaufen. Sehen Sie: Rechts davon erstreckt sich das Moor. Diese kleine Ansammlung von Häusern ist das Dörfchen Grimpen, wo unser Freund Dr Mortimer sein Hauptquartier hat. Im Umkreis von fünf Meilen gibt es, wie Sie sehen, nur ein paar verstreute Gehöfte. Dies ist Lafter Hall, das Gutshaus, das Dr Mortimer erwähnt hat. Und hier ist ein Haus eingezeichnet, das wohl der Wohnsitz dieses Naturkundlers ist – Stapleton, wenn ich mich recht erinnere. Hier sind noch zwei Moorbauerngehöfte, High Tor und Foulmire. In einer Entfernung von vierzehn Meilen liegt das große Zuchthaus von Princetown. Zwischen diesen vereinzelten Gehöften und Dörfern erstreckt sich das öde, einsame Moor. Dies also ist der Schauplatz, auf dem sich die Tragödie abgespielt hat und auf dem sie vielleicht noch einmal aufgeführt werden soll.«

»Es scheint eine recht einsame, schaurige Gegend zu sein.«

»Ja, sie ist eines schaurigen Verbrechens würdig. Sollte der Teufel tatsächlich das Verlangen haben, sich in menschliche Angelegenheiten einzumischen …«

»Sie neigen also selbst zu einer übernatürlichen Erklärung?«

»Des Teufels Werkzeuge können von Fleisch und Blut sein, nicht wahr? Wir stehen zunächst vor zwei Fragen: Erstens, ob überhaupt ein Verbrechen begangen worden ist, und zweitens, wenn ja, worin bestand das Verbrechen, und wie wurde es ausgeführt? Natürlich, wenn Dr Mortimers Mutmaßung stimmt und wir es mit Mächten zu tun haben, die außerhalb der geltenden Naturgesetze agieren, sind wir mit unseren Ermittlungen am Ende. Aber bevor wir auf diese Hypothese zurückgreifen, müssen wir erst alle anderen sorgfältig prüfen. Ich denke, wir können das Fenster jetzt wieder schließen. Es mag ungewöhnlich sein, aber ich finde, eine konzentrierte Atmosphäre fördert das konzentrierte Denken. Ich bin zwar noch nicht so weit gegangen, zum Nachdenken in eine Kiste zu kriechen, aber das wäre die logische Konsequenz. Haben Sie sich den Fall ebenfalls durch den Kopf gehen lassen?«

»Natürlich, ich habe im Laufe des Tages ständig darüber nachgedacht.«

»Und was halten Sie davon?«

»Es ist alles sehr verwirrend.«

»Der Fall ist sicherlich von recht speziellem Charakter. Er zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. Diese Veränderung der Fußspuren zum Beispiel. Wie erklären Sie sich das?«

»Mortimer sagte, der Mann sei das letzte Stück der Allee auf Zehenspitzen gegangen.«

»Er hat nur wiederholt, was irgendein Dummkopf bei der gerichtlichen Untersuchung gesagt hat. Weshalb sollte jemand auf Zehenspitzen durch eine Allee gehen?«

»Was dann?«

»Er ist gerannt, Watson – verzweifelt gerannt, in Todesangst gerannt, bis sein Herz versagte und er tot zusammengebrochen ist.«

»Aber wovor ist er geflohen?«

»Genau das ist unser Problem. Gewisse Anzeichen sprechen dafür, dass der Mann bereits außer sich war vor Angst, bevor er die Flucht ergriff.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Ich gehe davon aus, dass das, was ihn in solchen Schrecken versetzte, über das Moor auf ihn zukam. Wenn dies der Fall war – und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür –, muss er vor Angst von Sinnen gewesen sein, denn statt zum Haus zu laufen, ist er in der anderen Richtung davongelaufen. Wenn die Aussage des Zigeuners stimmt, rannte er, um Hilfe schreiend, gerade in diejenige Richtung, wo Hilfe am allerwenigsten zu erwarten war. Die andere Frage ist: Auf wen hat er in jener Nacht gewartet, und warum hat er in der Eibenallee gewartet statt in seinem Haus?«

»Sie meinen, er hat jemanden erwartet?«

»Der Mann war nicht mehr jung und außerdem kränklich. Seine Abendspaziergänge sind plausibel, aber an jenem Abend war es feuchtkalt und der Boden war nass. Ist es normal, dass er fünf oder zehn Minuten an einer Stelle gestanden hat, wie Dr Mortimer mit mehr praktischem Verstand, als ich ihm zugetraut hätte, aus der abgestreiften Zigarrenasche geschlossen hat?«

»Aber er machte regelmäßig seinen Abendspaziergang.«

»Ich halte es für unwahrscheinlich, dass er regelmäßig an der Moorpforte gewartet hat. Im Gegenteil, wir wissen, dass er das Moor mied. An jenem Abend hat er aber dort gestanden und gewartet. Es war der Abend vor seiner Abreise nach London. Die Sache nimmt Gestalt an, Watson. Wir beginnen, Zusammenhänge zu sehen. Darf ich Sie bitten, mir meine Violine zu reichen? Wir wollen alles weitere Nachdenken auf morgen Vormittag verschieben, wenn Dr Mortimer und Sir Henry Baskerville hier sind.«

4. KAPITEL

Sir Henry Baskerville

Unser Frühstückstisch war zeitig abgeräumt worden, und Holmes erwartete, in seinen Hausmantel gekleidet, den verabredeten Besuch. Unsere Gäste kamen pünktlich. Die Uhr hatte gerade zehn geschlagen, als Dr Mortimer zu uns heraufgeführt wurde, gefolgt von dem jungen Baronet. Er war ein mittelgroßer, lebhafter, dunkeläugiger Mann von etwa dreißig Jahren, stämmig gebaut, mit kräftigen schwarzen Augenbrauen und markanten, energischen Gesichtszügen. Er trug einen rostroten Tweedanzug und hatte den wettergegerbten Teint eines Mannes, der sich überwiegend unter freiem Himmel aufhält, aber in seinem festen Blick und der ruhigen Sicherheit seines Auftretens lag ein gewisses Etwas, das den Gentleman verriet.

»Dies ist Sir Henry Baskerville«, sagte Dr Mortimer.

»Ja, der bin ich«, sagte dieser, »und was wirklich merkwürdig ist, Mr Sherlock Holmes: Hätte mein Freund hier mir nicht vorgeschlagen, heute bei Ihnen vorzusprechen, dann hätte ich Sie aus eigenem Antrieb aufgesucht. Ich habe gehört, dass Sie gut darin sind, kleine Rätsel zu lösen, und ich bin heute Morgen vor eins gestellt worden, das meinen Verstand übersteigt.«

»Bitte nehmen Sie Platz, Sir Henry. Verstehe ich recht, dass Ihnen seit Ihrer Ankunft in London etwas Seltsames widerfahren ist?«

»Nichts von großer Bedeutung, Mr Holmes. Wahrscheinlich nur ein dummer Scherz. Es ist dieser Brief hier – falls man das einen Brief nennen kann. Ich erhielt ihn heute morgen.«

Er legte einen Umschlag auf den Tisch, und wir beugten uns alle darüber. Es war ein gewöhnlicher grauer Briefumschlag minderer Qualität. Die in ungelenken Buchstaben geschriebene Adresse lautete »Sir Henry Baskerville, Northumberland Hotel«, und der Poststempel »Charing Cross« trug das Datum des Vortages.

»Wem war bekannt, dass Sie im Northumberland Hotel logieren würden?« fragte Holmes mit einem scharfen Blick auf unseren Besucher.

»Kein Mensch kann das gewusst haben. Ich habe mich erst dafür entschieden, nachdem ich Dr Mortimer getroffen hatte.«

»Aber zweifellos wohnte Dr Mortimer bereits dort?«

»Nein, ich habe bei einem Bekannten übernachtet«, sagte der Arzt. »Es gab keinerlei Hinweis, dass wir dieses Hotel wählen würden.«

»Hm! Jemand scheint ungemeines Interesse an Ihrem Tun und Lassen zu haben.« Holmes entnahm dem Umschlag einen halben Bogen Schreibpapier, der zweimal zusammengefaltet war, breitete ihn auseinander und legte ihn auf den Tisch. Quer über die Mitte des Blattes waren mehrere gedruckte Wörter zu einem Satz zusammengeklebt: »Wenn Sie Wert legen auf Ihr Leben oder Ihren Verstand, bleiben Sie dem Moor fern.« Nur das Wort »Moor« war mit Tinte geschrieben.

»Na«, sagte Sir Henry Baskerville, »vielleicht können Sie mir sagen, Mr Holmes, was zum Donnerwetter das heißen soll und wer dieser Mensch ist, der seine Nase in meine Angelegenheiten steckt.«

»Was halten Sie davon, Dr Mortimer? Sie müssen jedenfalls zugeben, dass es sich hier um nichts Übernatürliches handelt.«

»Ganz recht, Sir, aber die Botschaft könnte sehr wohl von jemandem stammen, der überzeugt ist, dass in dieser Sache Übernatürliches im Spiel ist.«

»Was für eine Sache?« fragte Sir Henry scharf. »Mir scheint, Gentlemen, Sie sind alle über meine Angelegenheiten besser informiert als ich selbst.«

»Sie sollen gleich alles erfahren, Sir Henry. Das verspreche ich Ihnen«, sagte Holmes. »Aber wenn Sie gestatten, wollen wir unsere Aufmerksamkeit zunächst diesem hochinteressanten Dokument widmen. Es muss gestern Abend zusammengebastelt und zur Post gegeben worden sein. Haben wir die Times von gestern noch hier, Watson?«

»Sie liegt dort in der Ecke.«

»Dürfte ich Sie bitten – das innere Blatt bitte, mit den Leitartikeln.« Mit raschem Blick überflog er die Spalten. »Hier ist ein famoser Artikel zum Thema Freihandel. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Auszug daraus vorzulesen:

›Wenn Sie sich verleiten lassen zu glauben, Ihr spezieller Wirtschaftszweig oder Ihr spezieller Handelszweig werde durch die Aussicht auf Schutzzölle gefördert, so sagt einem allein der gesunde Menschenverstand, dass solche Maßnahmen dem Wohlstand unseres Gemeinwesens auf lange Sicht gefährlich werden, weil sie den Fernhandel behindern, den Wert unserer Import- und Exportgeschäfte mindern und in der Folge die allgemeinen Lebensbedingungen, auf die wir in diesem Lande so großen Wert legen, nicht so bleiben können, wie sie derzeit sind, sondern sich zwangsläufig verschlechtern werden.‹

Was sagen Sie dazu, Watson?« rief Holmes, sich in hellem Entzücken die Hände reibend. »Finden Sie nicht, dass diese Einstellung vorbildlich ist?«

Dr Mortimer betrachtete Holmes mit dem prüfenden Blick des Arztes, und Sir Henry Baskerville richtete seine dunklen Augen verblüfft auf mich.

»Ich verstehe nicht viel von Schutzzöllen und solchem Zeug«, sagte er, »aber mir scheint, wir sind ein wenig von der Spur abgekommen, was diesen Brief betrifft.«

»Ganz im Gegenteil, Sir Henry! Meiner Meinung nach haben wir gerade eine heiße Spur gefunden. Watson ist mit meinen Methoden besser vertraut als Sie, aber ich fürchte, auch er hat die Bedeutung dieses Artikels nicht erfasst.«

»Nein, ich gebe zu, dass ich keinen Zusammenhang sehe.«

»Und doch, mein lieber Watson, gibt es einen engen Zusammenhang, so eng sogar, dass das eine aus dem anderen hervorgeht. ›Wenn Sie – Wert – auf – Leben – Verstand – legen – bleiben – dem – fern.‹ Sehen Sie jetzt, woher diese Wörter stammen?«

»Donnerwetter, Sie haben recht! Also, das war wirklich schlau!« rief Sir Henry.

»Wenn überhaupt noch ein Zweifel bestünde, so würde er durch die Tatsache ausgeräumt werden, dass ›Wenn Sie‹ und ›Wert legen‹ in zusammenhängenden Stücken ausgeschnitten sind.«

»Wahrhaftig! Das stimmt!«

»Wirklich, Mr Holmes, das übertrifft meine kühnsten Erwartungen«, rief Dr Mortimer mit einem erstaunten Blick auf meinen Freund. »Dass diese Wörter aus einer Zeitung ausgeschnitten worden sind, darauf wäre ich auch gekommen, aber dass Sie auf Anhieb erkannt haben, aus welcher Zeitung und dazu noch aus dem Leitartikel, das ist eins der erstaunlichsten Dinge, die mir je begegnet sind. Wie haben Sie das fertiggebracht?«

»Ich nehme an, Herr Doktor, Sie können den Schädel eines Schwarzafrikaners von dem eines Eskimo unterscheiden?«

»Selbstverständlich.«

»Und wieso?«

»Weil das mein spezielles Fachgebiet ist. Die Merkmale sind augenfällig. Die supraorbitale Wölbung, die Gesichtsmaße, der maxilläre Bogen, der …«

»Und dies hier ist mein spezielles Fachgebiet, und die Merkmale sind genauso augenfällig. In meinen Augen ist der Unterschied zwischen dem durchschossenen Borgis-Satz eines Leitartikels der Times und dem schluderigen Satz eines billigen Abendblattes genauso groß wie für Sie der Unterschied zwischen dem Schädel eines Afrikaners und dem eines Eskimo. Die Kenntnis von Schrifttypen gehört zu den elementaren Grundlagen der wissenschaftlichen Kriminalistik, wenn ich auch zugeben muss, dass ich in meinen jugendlichen Anfängen einmal den Leeds Mercury mit den Western Morning News verwechselt habe. Aber ein Leitartikel der Times ist absolut unverkennbar. Diese Schnipsel konnten keiner anderen Zeitung entnommen sein. Und da diese Botschaft erst gestern angefertigt worden ist, war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Worte der gestrigen Ausgabe entstammen.«

»So weit ich Ihnen folgen kann, Mr Holmes«, sagte Sir Henry Baskerville, »hat also jemand diese Wörter mit einer Schere ausgeschnitten –«

»Mit einer Nagelschere«, unterbrach Holmes ihn. »Wie Sie sehen, war es eine Schere mit sehr kurzen Klingen. Für ›Wert legen‹ waren zwei Schnitte nötig.«

»Richtig. Jemand hat also diese Wörter mit einer Nagelschere ausgeschnitten und sie mit Kleister –«

»Mit Gummi arabicum«, sagte Holmes.

»Mit Gummi arabicum auf den Briefbogen geklebt. Aber ich möchte doch gern wissen, warum das Wort ›Moor‹ mit der Hand geschrieben wurde.«

»Weil es gedruckt nicht zu finden war. Die anderen Wörter sind häufig, sie lassen sich in jeder Zeitungsausgabe finden, aber das Wort ›Moor‹ kommt selten vor.«

»Ja, natürlich, das ist einleuchtend. Können Sie vielleicht noch mehr aus dem Brief herauslesen, Mr Holmes?«

»Er gibt uns ein paar Hinweise, obwohl der Absender sich größte Mühe gegeben hat, alle verräterischen Spuren zu tilgen. Die Adresse ist, wie Sie sehen, in unbeholfener Blockschrift geschrieben. Andererseits ist die Times ein Blatt, das fast ausschließlich in gebildeten Kreisen gelesen wird. Wir können daher annehmen, dass der Brief von einem gebildeten Menschen stammt, der sich bemüht hat, ungebildet zu erscheinen. Die verstellte Handschrift legt den Schluss nahe, dass der Schreiber Ihnen bekannt sein könnte oder dass er noch Ihre Bekanntschaft machen wird. Ferner werden Sie bemerken, dass die Wörter nicht in einer geraden Linie aufgeklebt sind, sondern dass einige deutlich höher stehen als andere. ›Leben‹ zum Beispiel ist völlig aus der Zeile gerutscht. Das kann auf Unachtsamkeit hindeuten, es kann aber auch heißen, dass der Täter in Aufregung und Eile war. Im Großen und Ganzen neige ich der letzteren Annahme zu, da ihm die Sache offenbar von großer Wichtigkeit war, und außerdem ist es wenig wahrscheinlich, dass der Urheber eines solchen Briefes nachlässig vorgehen würde. Falls er tatsächlich in Eile war, dann stellt sich die interessante Frage, warum er in Eile war, denn jeder Brief, der bis zu den frühen Morgenstunden aufgegeben wurde, würde in Sir Henrys Hände gelangen, bevor dieser das Hotel verließ. Möglicherweise fürchtete der Briefschreiber, gestört zu werden – aber von wem?«

»Damit kommen wir in den Bereich bloßer Mutmaßungen«, sagte Dr Mortimer.

»Sagen wir lieber, in den Bereich des Abwägens von Möglichkeiten zugunsten der wahrscheinlichsten Variante. Die streng logische Anwendung der Vorstellungskraft muss stets auf konkretem Material als Ausgangspunkt für Mutmaßungen basieren. Sie werden es jetzt wahrscheinlich Raten nennen, wenn ich sage, dass ich ziemlich sicher bin, dass diese Adresse in einem Hotel geschrieben worden ist.«

»Wie in aller Welt kommen Sie darauf?«

»Wenn Sie sich die Schrift genau ansehen, wird Ihnen auffallen, dass der Schreiber sowohl mit der Feder als auch mit der Tinte Schwierigkeiten hatte. Die Feder hat in einem einzigen Wort zweimal gekleckst, und die Tinte ist beim Schreiben dieser kurzen Zeilen nicht weniger als dreimal ausgegangen, was bedeutet, dass sehr wenig Tinte im Tintenfass war. Bei der eigenen Feder und Tinte lässt man es selten so weit kommen; noch seltener passiert beides zugleich. Aber man kennt ja Hotelfedern und Hoteltinte, da bekommt man fast nie ordentliches Schreibzeug. Ja, ich möchte behaupten: Hätten wir die Möglichkeit, die Papierkörbe in den Hotels rund um Charing Cross zu inspizieren, würden wir die Reste der verstümmelten Times finden und könnten die Person ausfindig machen, von der diese bemerkenswerte Botschaft stammt. Aber hallo … was ist denn das?«

Er prüfte das Papier mit den aufgeklebten Wörtern noch einmal sorgfältig, indem er es dicht vor die Augen hielt.

»Nun?«

»Nichts«, sagte er, indem er das Blatt hinlegte. »Ein gewöhnlicher halber Briefbogen, nicht einmal mit Wasserzeichen. Ich glaube, wir haben diesem mysteriösen Brief alles entnommen, was ihm zu entnehmen ist. Sagen Sie, Sir Henry, ist Ihnen sonst noch etwas Erwähnenswertes begegnet, seit Sie in London sind?«

»Äh, nein, Mr Holmes, nicht dass ich wüsste.«

»Sie haben nicht bemerkt, dass jemand Sie beobachtet oder verfolgt?«

»Ich scheine ja geradewegs in einen Groschenroman hineingeraten zu sein«, sagte unser Besucher. »Warum zum Kuckuck sollte jemand mir folgen oder mich beobachten?«

»Darauf kommen wir gleich. Sie haben also nichts weiter zu berichten?«

»Na ja, das kommt drauf an, was Sie für berichtenswert halten.«

»Alles, was vom alltäglichen Gang der Dinge abweicht.«

Sir Henry lächelte. »Ich kenne mich mit den britischen Lebensgewohnheiten noch nicht sehr gut aus, denn ich habe fast mein ganzes Leben in den Vereinigten Staaten und in Kanada verbracht. Aber ich hoffe doch, der Verlust eines Stiefels gehört nicht zum alltäglichen Gang der Dinge.«

»Sie haben einen Stiefel verloren?«

»Aber mein lieber Sir!« rief Dr Mortimer, »der ist doch lediglich verlegt worden. Sie werden ihn vorfinden, wenn Sie ins Hotel zurückkehren. Es hat doch keinen Sinn, Mr Holmes mit solchen Bagatellen zu behelligen!«

»Aber er wollte alles erfahren, was vom alltäglichen Gang der Dinge abweicht.«

»Ganz richtig«, sagte Holmes, »so belanglos der Vorfall auch erscheinen mag. Sie haben also einen Ihrer Stiefel verloren?«

»Oder verlegt, wie auch immer. Ich habe das Paar gestern Abend zum Putzen vor die Tür gestellt, und heute Morgen war nur noch einer da. Aus dem Schuhputzjungen war kein gescheites Wort herauszubringen. Am meisten ärgert mich dabei, dass ich die Stiefel erst gestern Abend am Strand gekauft habe. Ich hatte sie noch gar nicht getragen.«

»Wenn Sie sie noch nicht getragen haben, warum haben Sie sie dann zum Putzen hinausgestellt?«

»Es sind hellbraune Stiefel, die noch nie Schuhcreme gesehen haben. Deshalb habe ich sie hinausgestellt.«

»Sie sind also gestern gleich nach Ihrer Ankunft in London losgegangen und haben Schuhe gekauft?«

»Ich habe so einiges gekauft. Dr Mortimer hat mich begleitet. Wissen Sie, wenn ich da hinten in Dingsda den Landedelmann spielen soll, dann muss ich mich schon ein bisschen fein machen. Ich bin im fernen Westen etwas nachlässig geworden mit meiner Kleidung. Also habe ich unter anderem diese hellbraunen Stiefel gekauft – haben mich sechs Dollar gekostet –, und der eine wird mir gestohlen, noch bevor ich die Dinger einmal getragen habe.«

»Es scheint vollkommen sinnlos, einen einzelnen Stiefel zu stehlen«, meinte Sherlock Holmes. »Ich bin geneigt, Dr Mortimers Ansicht zu teilen, dass er sich bald wieder anfinden wird.«

»Und nun, Gentlemen«, sagte der Baronet entschieden, »habe ich wohl genug erzählt über das bisschen, was ich weiß. Es wird Zeit, dass Sie Ihr Versprechen halten und mir berichten, worum es hier eigentlich geht.«

»Ihr Wunsch ist nur allzu berechtigt«, antwortete Holmes. »Ich glaube, Dr Mortimer, das Beste ist, Sie erzählen ihm die Geschichte genau so, wie Sie sie uns erzählt haben.«

Auf diese Weise ermutigt, zog unser gelehrter Freund die Handschrift aus der Tasche und legte uns den Fall noch einmal genauso dar, wie er ihn am Tag zuvor geschildert hatte. Sir Henry Baskerville lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit und ließ von Zeit zu Zeit einen überraschten Ausruf hören.

»Da habe ich mir mit der Erbschaft anscheinend gleich noch eine Rachegeschichte eingehandelt«, sagte er, als die lange Erzählung beendet war. »Natürlich habe ich schon in der Kinderstube von dem Höllenhund gehört. Es ist das Lieblingsmärchen der Familie, aber ich habe nicht im Traum daran gedacht, die Geschichte ernst zu nehmen. Doch der Tod meines Onkels – wissen Sie, in meinem Kopf wirbelt alles durcheinander, ich kann mir jetzt keine Meinung bilden. Sie scheinen sich ja selbst nicht ganz klar zu sein, ob das ein Fall für die Polizei oder für einen Geistlichen ist.«

»Richtig.«

»Und jetzt kommt noch die Sache mit dem Brief dazu. Ich vermute, er hat damit zu tun.«

»Ich würde sagen, der Brief zeigt uns, dass es jemanden gibt, der mehr als wir weiß über das, was auf dem Moor vorgeht«, sagte Dr Mortimer.

»Und überdies«, ergänzte Holmes, »dass dieser Jemand Ihnen nicht übel will, da er Sie vor einer Gefahr warnt.«

»Oder dass jemand mich aus der Gegend vergraulen will, weil er andere, eigene Interessen verfolgt.«

»Sicher, das ist auch möglich. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, Dr Mortimer. Sie haben mir einen Fall präsentiert, der mehrere interessante Lösungsansätze bietet. Aber zunächst müssen wir eine praktische Frage entscheiden, Sir Henry, nämlich ob es für Sie ratsam ist oder nicht, nach Baskerville Hall zu gehen.«

»Warum denn nicht?«

»Es scheint mit Gefahr verbunden.«

»Meinen Sie, Gefahr durch das Familiengespenst oder Gefahr seitens menschlicher Wesen?«

»Genau das müssen wir herausfinden.«

»Wie dem auch sein mag – meine Antwort steht fest. Kein Teufel der Hölle und kein Mensch auf Erden, Mr Holmes, wird mich daran hindern, das Haus meiner Väter in Besitz zu nehmen. Das ist mein letztes Wort, dabei bleibt es.« Seine dunklen Brauen verfinsterten sich, und eine dunkle Röte flog über sein Gesicht, als er das sagte. Das feurige Temperament der Baskervilles war im letzten Spross der Familie augenscheinlich nicht erloschen. »Aber ich muss auch sagen«, fuhr er fort, »dass ich kaum Zeit hatte, das alles zu verdauen, was Sie mir erzählt haben. Es ist ein bisschen viel verlangt, das zu begreifen und auf der Stelle zu entscheiden. Ich hätte jetzt gern eine ruhige Stunde für mich allein, um darüber nachzudenken. Passen Sie auf, Mr Holmes – es ist jetzt halb zwölf, und ich werde schnurstracks in mein Hotel gehen. Haben Sie nicht Lust, Sie und Ihr Freund Dr Watson, gegen zwei Uhr zum Lunch zu kommen? Dann kann ich Ihnen besser sagen, was ich von der ganzen Geschichte halte.«

»Passt Ihnen das, Watson?«

»Ausgezeichnet.«

»Gut, dann zählen Sie auf uns. Soll ich eine Droschke rufen lassen?«

»Ich möchte lieber zu Fuß gehen. Diese Geschichte hat mich doch etwas aufgewühlt.«

»Dann würde ich mich Ihnen gern anschließen«, sagte sein Begleiter.

»Wir sehen uns also um zwei Uhr. Au revoir, und ich wünsche einen angenehmen Spaziergang.«

Wir hörten, wie unsere Besucher die Treppe hinabstiegen und wie die Haustür sich hinter ihnen schloss. Schlagartig verwandelte sich Holmes, der stille Denker, in einen Mann der Tat.

»Hut und Stiefel, Watson, schnell! Wir haben keine Minute zu verlieren!« Er stürzte, noch im Hausmantel, in sein Schlafzimmer und tauchte kurze Zeit später im Gehrock wieder auf. Wir eilten die Treppe hinab auf die Straße. Dr Mortimer und Baskerville waren noch in Sichtweite. Sie gingen, vielleicht zweihundert Meter von uns entfernt, die Straße hinunter in Richtung Oxford Street.

»Soll ich loslaufen und sagen, dass sie auf uns warten sollen?«

»Auf gar keinen Fall, mein guter Watson! Ihre Gesellschaft genügt mir vollkommen, falls Sie mit der meinen ebenfalls zufrieden sind. Unsere neuen Bekannten tun ganz recht daran, zu Fuß zu gehen. Es ist ein sehr angenehmer Vormittag für einen Spaziergang.«

Er beschleunigte seine Schritte, bis wir die Distanz zu ihnen auf die Hälfte verringert hatten. Im Abstand von etwa hundert Metern folgten wir ihnen die Oxford Street entlang und dann die Regent Street hinunter. Einmal blieben sie stehen und blickten in ein Schaufenster, woraufhin Holmes das Gleiche tat. Einen Augenblick später ließ er einen leisen, zufriedenen Ausruf hören. Ich folgte seinem scharfen Blick und sah, wie eine Droschke mit einem Fahrgast, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehalten hatte, sich langsam in Bewegung setzte.

»Das ist unser Mann, Watson! Vorwärts! Nehmen wir ihn genauer in Augenschein, wenn wir jetzt schon nicht mehr tun können.«

In diesem Moment tauchte im Seitenfenster der Droschke ein buschiger schwarzer Bart auf und ein Paar stechende Augen, die uns fixierten. Unmittelbar darauf fuhr die Klappe im Wagendach hoch, dem Kutscher wurde etwas zugerufen, und schon ratterte das Gefährt in wilder Fahrt die Regent Street hinunter. Holmes sah sich hektisch nach einer freien Droschke um, aber keine war in Sicht. Dann stürzte er in wilder Verfolgungsjagd dem Wagen hinterher, mitten durch den Straßenverkehr, aber der Vorsprung war zu groß, und die Droschke war schon außer Sichtweite.

»Da haben wir’s!« sagte Holmes bitter, als er keuchend und blass vor Ingrimm aus dem Strom der Fahrzeuge wieder auftauchte. »Hat es jemals so ein Pech gegeben, und noch dazu eine so miserable Taktik? Watson, Watson, wenn Sie ein ehrlicher Mann sind, berichten Sie der Nachwelt von dieser Dummheit, die meine Erfolge aufwiegt.«

»Wer war der Mann?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ein Spitzel?«

»Nach allem, was wir gehört haben, ist es offensichtlich, dass Baskerville seit seiner Ankunft in London auf Schritt und Tritt beobachtet worden ist. Wie sonst hätte der Betreffende so schnell erfahren können, dass Sir Henry im Northumberland Hotel abgestiegen ist? Wenn man ihn am ersten Tag seines Aufenthalts beschattet hat, dann würde man es am zweiten auch tun, folgerte ich. Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich, während Dr Mortimer die Sage vom Hund der Baskervilles vorlas, zweimal ans Fenster getreten bin?«

»Ja, das fiel mir auf.«

»Ich wollte sehen, ob jemand auf der Straße herumlungert, aber ich konnte niemanden entdecken. Wir haben es mit einem gerissenen Kerl zu tun, Watson. Diese Geschichte ist abgründig, und obwohl ich mir noch nicht darüber im Klaren bin, ob es gute oder böse Mächte sind, mit denen wir zu tun haben, ist es offensichtlich, dass Energie und Planmäßigkeit dahinterstecken. Als unsere Besucher fortgingen, bin ich ihnen sofort gefolgt in der Hoffnung, ihren unsichtbaren Schatten zu entdecken. Aber der Mann war schlau genug, sich nicht auf seine Beine zu verlassen, sondern eine Droschke zu nehmen, so dass er langsam hinter ihnen herfahren oder sie überholen konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Diese Methode hatte noch dazu den Vorteil, dass er bereits eine Droschke zur Hand hatte, falls sie selbst einen Wagen nehmen würden. Sie hat allerdings auch einen Nachteil.«

»Sie liefert ihn dem Kutscher aus.«

»Richtig.«

»Wie schade, dass wir uns nicht die Wagennummer gemerkt haben!«

»Mein lieber Watson, so tölpelhaft ich mich auch benommen habe – Sie glauben doch nicht im Ernst, ich hätte die Nummer übersehen? Sie lautet 2704. Aber das nützt uns im Augenblick wenig.«

»Ich wüsste nicht, was Sie anderes hätten tun können.«

»Ich hätte, als ich die Droschke bemerkte, augenblicklich umkehren und in der entgegengesetzten Richtung weitergehen sollen. Dann hätte ich in aller Ruhe eine Droschke nehmen und dem Mann in diskreter Entfernung folgen können – oder besser noch, ich hätte zum Northumberland Hotel fahren und dort auf ihn warten sollen. Unser Unbekannter wäre Baskerville dorthin gefolgt, und wir hätten Gelegenheit gehabt, den Spieß umzudrehen und ihn zu beobachten. Aber wir haben uns durch vorschnelles Handeln verraten, was unser Gegenspieler mit außerordentlicher Geistesgegenwart und Entschlossenheit ausgenutzt hat, und wir haben unseren Mann aus den Augen verloren.«

Während dieses Gesprächs waren wir langsam die Regent Street hinuntergeschlendert. Dr Mortimer und sein Begleiter waren unseren Blicken längst entschwunden.

»Es hat keinen Sinn, ihnen weiterhin zu folgen«, sagte Holmes. »Der Spürhund ist verschwunden und wird so schnell nicht wieder auftauchen. Wir müssen überlegen, welche Karten wir noch in der Hand haben, und sie entschlossen ausspielen. Könnten Sie den Mann in der Droschke beschreiben?«

»Mit Bestimmtheit könnte ich nur den Bart bezeugen.«

»Ich auch, woraus ich schließe, dass der Bart höchstwahrscheinlich falsch ist. Ein kluger Mann auf einer so heiklen Mission braucht keinen Bart, außer um seine Gesichtszüge zu verbergen. Kommen Sie mit hier herein, Watson.«

Er betrat den Geschäftsraum eines Botendienstes, wo er vom Büroleiter erfreut und herzlich begrüßt wurde.

»Ah, Wilson, ich sehe, Sie haben die kleine Angelegenheit nicht vergessen, in der ich damals Gelegenheit hatte, Ihnen behilflich zu sein.«

»Nein, Sir, das werde ich nie vergessen. Sie haben meinen guten Namen gerettet, und vielleicht sogar mein Leben.«

»Sie übertreiben, mein Lieber. Wenn ich mich richtig erinnere, Wilson, war unter Ihren Botenjungen ein junger Bursche namens Cartwright, der sich bei der Ermittlung recht geschickt angestellt hat.«

»Ja, Sir, der ist noch bei uns.«

»Würden Sie ihn bitte rufen? Danke. Und könnten Sie mir freundlicherweise diese Fünf-Pfund-Note in Münzen umwechseln?«

Auf das Klingelzeichen des Büroleiters erschien ein vielleicht vierzehnjähriger Junge mit offenem, aufgewecktem Gesicht. Er stand jetzt vor uns und blickte ehrfürchtig zu dem berühmten Detektiv auf.

»Würden Sie mir bitte das Hotelverzeichnis reichen?« fragte Holmes. »Danke sehr. Hier, Cartwright, sind die Namen von dreiundzwanzig Hotels, alle in unmittelbarer Nähe von Charing Cross. Siehst du?«

»Jawohl, Sir.«

»Du suchst sie alle auf, eins nach dem anderen.«

»Jawohl, Sir.«

»In jedem Hotel gibst du erst dem Türsteher einen Schilling. Hier sind dreiundzwanzig Schillinge.«

»Ja, Sir.«

»Du sagst ihm, dass du den Papierabfall von gestern sehen möchtest. Falls er fragt, sagst du, ein wichtiges Telegramm sei falsch ausgeliefert worden, und du sollst danach suchen. Verstanden?«

»Jawohl, Sir.«

»In Wirklichkeit suchst du nach dem Mittelblatt der Times von gestern, aus dem mit einer Schere Teile ausgeschnitten worden sind. Hier ist ein Exemplar dieser Ausgabe. Dies ist die Seite, auf die es ankommt. Du wirst sie doch wiedererkennen?«

»Jawohl, Sir.«

»Der Türsteher wird in jedem Fall erst den Hotelportier rufen. Dem gibst du auch einen Schilling. Hier sind noch einmal dreiundzwanzig Schillinge. In den allermeisten Hotels wirst du zu hören bekommen, der Inhalt der Papierkörbe sei bereits verbrannt oder sonstwie vernichtet. In den restlichen wird man dir einen Haufen Papier zeigen, und darin suchst du dieses Blatt der Times. Die Chance, dass du es findest, ist sehr gering. Hier sind noch einmal zehn Schillinge für unvorhergesehene Fälle. Gib mir bis heute Abend per Telegramm Bescheid in die Baker Street. Und nun, Watson, müssen wir nur noch telegraphisch die Identität des Kutschers von Droschke Nr. 2704 ermitteln, und dann wollen wir uns die Zeit bis zu unserer Verabredung im Northumberland Hotel in einer der Gemäldegalerien in der Bond Street vertreiben.«

5. KAPITEL

Drei gerissene Fäden

Sherlock Holmes besaß in ungewöhnlichem Maß die Fähigkeit, seine Gedanken von momentanen Problemen ab- und auf andere Dinge hinzulenken. Während der nächsten zwei Stunden hatte er den geheimnisvollen Fall, in den wir verwickelt waren, scheinbar völlig vergessen. Er war in die Betrachtung von Gemälden der modernen belgischen Schule vertieft, und auch auf dem Weg von der Galerie zum Hotel sprach er ausschließlich über moderne Kunst, von der er die absurdesten Vorstellungen hatte.

»Sir Henry Baskerville erwartet Sie oben«, sagte der Concierge. »Er bat mich, Ihnen auszurichten, Sie möchten so-gleich heraufkommen.«

»Dürfte ich erst einen Blick in Ihr Fremdenbuch tun?« fragte Holmes.

»Selbstverständlich.«

Das Gästebuch wies unterhalb des Namens Baskerville nur zwei Eintragungen auf. Die eine lautete »Theophilus Johnson mit Familie, aus Newcastle«, die zweite »Mrs Oldmore mit Zofe, von High Lodge, Alton«.

»Das ist bestimmt der Mr Johnson, den ich von früher kenne«, sagte Holmes. »Ein Rechtsanwalt, nicht wahr? Grauhaarig und leicht hinkend?«

»Nein, Sir, Mr Johnson ist Besitzer eines Kohlebergwerks, ein sehr rüstiger Herr, und nicht älter als Sie.«

»Ich glaube doch, Sie irren sich bezüglich seines Berufes.«

»Bestimmt nicht, Sir, er logiert seit vielen Jahren hier, wir kennen ihn sehr gut.«

»Aha, dann war ich im Irrtum. Aber Mrs Oldmore – ich erinnere mich dunkel an diesen Namen. Entschuldigen Sie meine Neugier, aber es kommt ja oft vor, dass man einen Freund besucht und unverhofft einen anderen wiederfindet.«

»Sie ist eine kränkliche Dame, Sir. Ihr Gatte war früher Bürgermeister von Gloucester. Sie steigt regelmäßig bei uns ab, wenn sie in London ist.«

»Danke sehr. Ich glaube, ich habe nicht die Ehre ihrer Bekanntschaft. – Wir haben durch diese Fragen etwas sehr Wichtiges geklärt, Watson«, fuhr er mit leiser Stimme fort, während wir die Treppe hinaufstiegen. »Wir wissen jetzt, dass die Leute, die sich so auffällig für Sir Henry interessieren, nicht in diesem Hotel wohnen. Was wiederum bedeutet, dass sie sich allergrößte Mühe geben, ihn zu überwachen, ohne dass sie selbst bemerkt werden. Sehr vielsagend!«

»Was sagt uns das denn?«

»Es besagt – hallo, mein guter Mann, was um Himmels willen ist denn los?«

Auf dem oberen Treppenabsatz wären wir beinahe mit Sir Henry Baskerville zusammengestoßen. Sein Gesicht war zornig gerötet, und er hielt einen alten staubigen Schuh in der Hand. Er war so wütend, dass er kaum sprechen konnte, und als er endlich Worte fand, trat sein breiter amerikanischer Akzent viel deutlicher hervor als am Vormittag.

»Die wollen mich hier im Hotel wohl für dumm verkaufen!« rief er. »Aber sie werden schon merken, dass sie mit ihren dämlichen Späßen an den Falschen geraten sind. Sie sollen sich in Acht nehmen! Teufel nochmal, wenn der Kerl nicht sofort meinen Schuh wiederfindet, gibt es Ärger! Ich kann einen Spaß vertragen, Mr Holmes, aber das geht zu weit.«

»Sie suchen immer noch Ihren Schuh?«

»Ja, Sir, und ich werde ihn finden!«

»Aber Sie sagten doch, es sei ein neuer hellbrauner Stiefel.«

»War es auch. Und jetzt ist es ein alter schwarzer Schuh.«

»Was? Wollen Sie etwa sagen …«

»Jawohl, das will ich sagen. Ich habe drei Paar Schuhe – die neuen braunen, die alten schwarzen und die Lackschuhe hier, die ich anhabe. Gestern hat jemand einen brauen Stiefel geklaut, heute lassen sie einen schwarzen verschwinden. – Na, haben Sie ihn endlich? Raus mit der Sprache, Mann, glotzen Sie mich nicht so blöd an!«

Ein aufgelöster deutscher Hausdiener war am Schauplatz erschienen.

»Leider nicht, Sir. Ich habe überall im Hotel gefragt, aber niemand weiß etwas.«

»Also, entweder der Schuh ist bis heute Abend wieder hier, oder ich beschwere mich beim Direktor und verlasse umgehend dieses Haus!«

»Der Schuh wird sich einfinden, Sir, das versichere ich Ihnen, bitte haben Sie noch ein wenig Geduld.«

»Strengen Sie sich gefälligst an, Mann. Das ist das letzte Mal, dass mir in dieser Räuberhöhle etwas abhanden kommt. Entschuldigen Sie, Mr Holmes, dass ich mich über eine Kleinigkeit so aufrege.«

»Ich glaube, die Sache ist eine gewisse Aufregung wert.«

»Wieso? Sie machen ja plötzlich ein ganz ernstes Gesicht.«

»Wie erklären Sie sich selbst diese Vorfälle?«

»Ich versuche gar nicht erst, sie zu erklären. Es ist das dämlichste, verrückteste Ding, das mir je vorgekommen ist.«

»Verrückt, ja, vielleicht«, sagte Holmes nachdenklich.

»Und was halten Sie davon?«

»Nun – ich will nicht vorgeben, dass ich viel Licht in dieser Angelegenheit sehe. Ihr Fall ist sehr komplex, Sir Henry, vor allem, wenn man ihn in Verbindung mit dem Tod Ihres Onkels betrachtet. Ich glaube nicht, dass unter den fünfhundert größeren Fällen, mit denen ich bisher zu tun hatte, einer von solcher Abgründigkeit war. Aber wir haben mehrere Fäden in der Hand, und die Chancen stehen gut, dass einer davon zur Lösung des Rätsels führt. Vielleicht werden wir etwas Zeit verlieren, indem wir einem falschen Faden folgen, aber früher oder später müssen sie uns den richtigen Weg weisen.«

Wir genossen unseren Lunch in heiterer Stimmung, und unser Gespräch berührte kaum das Thema, das uns zusammengeführt hatte. Erst als wir nach dem Essen in Sir Henry Baskervilles Privatsalon beisammen saßen, fragte Holmes ihn nach seinen Plänen.

»Ich fahre nach Baskerville Hall.«

»Und wann?«

»Ende der Woche.«

»Alles in allem«, sagte Holmes, »denke ich, das ist ein guter Entschluss. Ich habe ausreichend Beweise dafür, dass Sie hier in London beschattet werden, und in dieser Millionenstadt ist es schwierig herauszufinden, wer diese Leute sind und was sie wollen. Wenn sie verbrecherische Absichten haben, können sie Ihnen Schaden zufügen, ohne dass wir die Möglichkeit hätten, das zu verhindern. Sie haben wohl nicht bemerkt, Dr Mortimer, dass Sie heute Vormittag nach dem Verlassen meines Hauses verfolgt worden sind?«

Dr Mortimer schrak heftig zusammen. »Verfolgt? Von wem?«

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Gibt es unter Ihren Nachbarn und Bekannten in Dartmoor einen Mann mit einem schwarzen Vollbart?«

»Nein – oder warten Sie mal – doch, natürlich. Barrymore, Sir Charles’ Butler, trägt einen schwarzen Vollbart.«

»Aha! Und wo ist Barrymore jetzt?«

»Er besorgt Baskerville Hall.«

»Wir sollten uns vergewissern, ob er wirklich dort ist oder ob er vielleicht in London ist.«

»Wie wollen Sie das herausfinden?«

»Reichen Sie mir bitte ein Telegrammformular. ›Alles bereit für Sir Henry?‹ Das genügt. Adresse: Mr Barrymore, Baskerville Hall. Welches ist das nächstgelegene Telegraphenamt? Grimpen. Sehr gut; wir schicken eine zweite Depesche an den Postvorsteher von Grimpen: ›Telegramm an Mr Barrymore nur zu eigenen Händen bestellen. Falls abwesend, bitte Drahtantwort an Sir Henry Baskerville, Northumberland Hotel.‹ Damit dürften wir bis zum Abend erfahren, ob Barrymore auf seinem Posten in Devonshire ist oder nicht.«

»Ausgezeichnet«, sagte Baskerville. »Übrigens, Dr Mortimer, wer ist dieser Barrymore eigentlich?«

»Er ist der Sohn des vorigen, inzwischen verstorbenen Verwalters. Die Familie bekleidet diese Stellung schon seit vier Generationen. Soweit ich weiß, sind er und seine Frau ein sehr respektables Ehepaar.«

»Aber es ist auch klar«, fiel Baskerville ein, »dass diese Leute in einem tollen Haus leben und kaum Arbeit haben, solange das Herrenhaus verwaist ist.«

»Das stimmt.«

»Hat Sir Charles Barrymore in seinem Testament bedacht?« fragte Holmes.

»Ja, er und seine Frau bekamen je fünfhundert Pfund Sterling.«

»Oh! War ihnen bekannt, dass sie diese Summe erben würden?«

»Ja, Sir Charles hat ausgesprochen gern über seine letztwilligen Verfügungen gesprochen.«

»Das ist ja interessant.«

»Ich will doch hoffen«, sagte Dr Mortimer, »dass Sie nicht jeden für verdächtig halten, dem Sir Charles ein Vermächtnis ausgesetzt hat, denn ich habe ebenfalls eintausend Pfund geerbt.«

»Was Sie nicht sagen! Wer wurde in dem Testament noch bedacht?«

»Kleinere Summen gingen an verschiedene Einzelpersonen sowie an Wohlfahrtseinrichtungen. Das gesamte restliche Vermögen fiel an Sir Henry.«

»Und wie hoch ist dieses Vermögen?«

»Siebenhundertvierzigtausend Pfund.«

Holmes zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Mir war nicht bewusst, dass die Summe so riesig ist.«

»Sir Charles galt als reich, aber wir wussten auch nicht, wie ungeheuer reich er war, bevor wir seine Effekten gesichtet haben. Der Gesamtwert des Besitzes beläuft sich auf fast eine Million.«

»Gütiger Himmel! Für so einen Gewinn lohnt sich allerdings ein riskantes Spiel. Noch eine Frage, Dr Mortimer. Angenommen, unserem jungen Freund hier stieße etwas zu – verzeihen Sie diese unfreundliche Hypothese, Sir Henry! – wer würde dann das Vermögen erben?«

»Da Rodger Baskerville, Sir Charles’ jüngster Bruder, unverheiratet gestorben ist, würde der Besitz an die Desmonds gehen, entfernte Vettern. James Desmond ist ein älterer Geistlicher, er lebt in Westmorland.«

»Danke, diese Details sind von großer Bedeutung. Sind Sie Mr James Desmond je persönlich begegnet?«

»Ja, er kam einmal nach Devon, um Sir Charles zu besuchen. Er ist ein ehrwürdiger Mann mit frommem Lebenswandel. Ich erinnere mich, dass er sich weigerte, von Sir Charles eine Rente anzunehmen, obwohl dieser sie ihm geradezu aufdrängte.«

»Dieser bescheidene, fromme Mann würde also Sir Charles’ riesiges Vermögen erben?«

»Er würde auf alle Fälle den Grundbesitz erben, da dieser Fideikommiss ist. Er würde ebenfalls das Geld erben, falls der derzeitige Eigentümer nicht anderweitig darüber verfügt, wozu er natürlich das volle Recht hat.«

»Und haben Sie schon Ihr Testament gemacht, Sir Henry?«

»Nein, Mr Holmes, das habe ich nicht. Ich hatte bisher gar keine Zeit dazu, und ich habe überhaupt erst gestern erfahren, wie die Verhältnisse liegen. Aber ich meine doch, das Vermögen, der Titel und der Grundbesitz gehören zusammen. Das war auch der Wunsch meines armen Onkels. Wie soll denn der Hausherr den alten Glanz der Baskervilles wieder aufleben lassen, wenn er nicht genug Geld hat, den Besitz instand zu halten? Nein, Herrenhaus, Grundbesitz und Dollars müssen zusammenbleiben.«

»Ganz recht. Nun, Sir Henry, ich stimme Ihnen zu, dass es ratsam wäre, wenn Sie unverzüglich nach Devonshire aufbrechen. Nur einen Vorbehalt habe ich: Sie dürfen auf keinen Fall alleine reisen.«

»Dr Mortimer fährt mit mir zusammen.«

»Aber Dr Mortimer hat seine Praxis zu besorgen, und sein Haus liegt etliche Meilen von Ihrem entfernt. Er wäre auch beim besten Willen nicht imstande, Ihnen rasch zu Hilfe zu kommen. Nein, Sir Henry, Sie müssen einen anderen Begleiter haben, einen zuverlässigen Mann, der stets an Ihrer Seite ist.«

»Wäre es möglich, dass Sie selbst mitkommen, Mr Holmes?«

»Sollte der Fall eine dramatische Wendung nehmen, werde ich alles tun, um persönlich anwesend zu sein. Aber Sie werden verstehen, dass es mir bei meiner ausgedehnten Tätigkeit und in Anbetracht der Hilfegesuche, die fortwährend von verschiedensten Seiten an mich herangetragen werden, unmöglich ist, London auf unbestimmte längere Zeit zu verlassen. Gerade in diesem Augenblick ist einer der geachtetsten Namen Englands in Gefahr, von einem Erpresser besudelt zu werden, und niemand anders als ich kann einen schrecklichen Skandal verhindern. Sie begreifen gewiss, dass ich unmöglich nach Dartmoor reisen kann.«

»Wen würden Sie dann empfehlen?«

Holmes legte die Hand auf meinen Arm.

»Wenn mein Freund hier diese Aufgabe übernehmen würde, so können Sie keinen besseren Mann finden, der Ihnen in der Stunde der Not zur Seite steht. Niemand kann das besser beurteilen als ich.«

Dieser Vorschlag kam für mich völlig überraschend, und ich hatte noch gar keine Worte gefunden, da ergriff Baskerville schon meine Hand und schüttelte sie herzlich.

»Also, das ist wirklich riesig nett von Ihnen, Dr Watson! Sie kennen meine Situation und wissen von der Geschichte genauso viel wie ich. Wenn Sie mit nach Baskerville Hall kommen und mir beispringen wollen, werde ich Ihnen das nie vergessen.«

Die Aussicht auf ein Abenteuer hatte immer große Anziehungskraft auf mich gehabt, und überdies fühlte ich mich durch Holmes’ anerkennende Worte und durch die Begeisterung, mit der der Baronet mich als Begleiter akzeptierte, sehr geschmeichelt.

»Ich begleite Sie mit Vergnügen«, versicherte ich. »Ich wüsste nicht, was ich Besseres mit meiner Zeit anfangen könnte.«

»Und Sie werden mir gewissenhaft Bericht erstatten«, sagte Holmes. »Sollte es zu einer Krisis kommen – und das wird es früher oder später – werden Sie von mir genaue Weisungen erhalten. Ich nehme an, Sie haben Ihre Geschäfte in London bis Samstag erledigt, Sir Henry?«

»Würde Ihnen das passen, Dr Watson?«

»Ausgezeichnet.«

»Dann treffen wir uns, falls Sie nichts Gegenteiliges von mir hören, am Samstag am Bahnhof Paddington und nehmen den Zug um zehn Uhr dreißig.«

Wir waren aufgestanden und wollten uns gerade verabschieden, da stieß Baskerville plötzlich einen Triumphschrei aus, stürzte in eine Zimmerecke und zog unter dem Schrank einen braunen Schuh hervor.

»Mein vermisster Stiefel!« rief er.

»Mögen sich alle Probleme so leicht beheben lassen«, bemerkte Sherlock Holmes.

»Aber das ist doch wirklich höchst sonderbar«, sagte Dr Mortimer. »Ich habe erst vor dem Lunch dieses Zimmer sorgfältig durchsucht.«

»Ich auch!« sagte Baskerville. »Jeden Zollbreit.«

»Aber da war ganz bestimmt kein Schuh hier.«

»Dann muss der Hausdiener ihn gebracht haben, während wir beim Lunch saßen.«

Der Deutsche wurde gerufen, beteuerte aber, nichts von der Sache zu wissen, und auch alle weiteren Erkundigungen verliefen ergebnislos. So war die Serie scheinbar sinnloser Ereignisse, die so rasch aufeinander folgten, durch ein weiteres ergänzt worden. Abgesehen von dem düsteren Geheimnis um Sir Charles’ Tod hatte es innerhalb von nur zwei Tagen eine ganze Reihe unerklärlicher Zwischenfälle gegeben: der anonyme Brief, der schwarzbärtige Beschatter in der Droschke, das Verschwinden des neuen braunen Stiefels, das Verschwinden des alten schwarzen Schuhs, und nun das Wiederauftauchen des neuen braunen Stiefels. Während wir in einer Droschke zurück in die Baker Street fuhren, hüllte Holmes sich in Schweigen, und ich sah an seinen zusammengezogenen Brauen und seiner konzentrierten Miene, dass sein Geist damit beschäftigt war, den Plan zu erkennen, der hinter diesen bizarren und scheinbar zusammenhanglosen Ereignissen steckte. Den ganzen Nachmittag verbrachte er in dicke Tabakwolken gehüllt und tief in Gedanken versunken.

Kurz vor dem Abendessen kamen zwei Telegramme. Das erste lautete:

»Soeben erfahren, dass Barrymore in Baskerville Hall ist. – Baskerville.«

Das zweite meldete:

»Weisungsgemäß dreiundzwanzig Hotels aufgesucht, zerschnittene Seite der Times leider nicht gefunden. – Cartwright.«

»Da reißen zwei Fäden, Watson. Nichts ist so stimulierend wie ein Fall, in dem alles schief geht. Wir müssen uns nach einer neuen Spur umtun.«

»Wir haben noch den Kutscher, der den Spion gefahren hat.«

»Allerdings. Ich habe die Registrierungsstelle telegraphisch um seinen Namen und seine Anschrift gebeten. Und ich glaube, hier kommt die Antwort auf meine Anfrage.«

Das Läuten der Türglocke brachte sogar noch etwas Besseres als ein Antworttelegramm. In der Türöffnung erschien ein derb aussehender Mann, offensichtlich der Kutscher selbst.

»Ich hab Bescheid gekriegt von der Zentrale, dass ein Herr unter dieser Adresse nach Nummer 2074 gefragt hat«, brummte er. »Ich fahre meinen Wagen jetzt sieben Jahre und hab nie ’ne Klage gehabt. Bin direkt von den Stallungen hierhergekommen und will Sie geradewegs ins Gesicht fragen, was Sie gegen mich haben.«

»Ich habe ganz und gar nichts gegen Sie, mein guter Mann«, sagte Holmes. »Im Gegenteil, ich habe einen halben Sovereign für Sie, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten.«

»Na, das is’ mal ein guter Tag für mich«, grinste der Kutscher. »Was wollnse denn wissen, Sir?«

»Zunächst Ihren Namen und Ihre Adresse, für den Fall, dass ich Sie später noch brauche.«

»John Clayton, Turpey Street 3, The Borough. Meine Droschke gehört zu Shipley’s Fuhrgeschäft, dicht beim Bahnhof Waterloo.«

Sherlock Holmes notierte das.

»Nun, Clayton, erzählen Sie mir alles über den Fahrgast, der heute Morgen um zehn Uhr dieses Haus beobachtet hat und danach zwei Gentlemen die Regent Street hinunter gefolgt ist.«

Der Mann reagierte verdutzt und leicht verlegen.

»Na, dann hat’s ja wohl wenig Sinn zu flunkern, wo Sie das schon wissen«, sagte er. »Die Sache is’ die: Der Gentleman hat mir gesagt, dass er Detektiv is’, und ich darf keinem Menschen was über ihn sagen.«

»Mein lieber Mann, dies ist eine sehr ernste Angelegenheit, und es könnte Sie in eine hässliche Klemme bringen, wenn Sie versuchen, mir etwas zu verschweigen. Ihr Fahrgast hat Ihnen also erzählt, er sei Detektiv?«

»Jawohl, das hat er.«

»Wann hat er dies gesagt?«

»Beim Aussteigen.«

»Hat er sonst noch etwas gesagt?«

»Seinen Namen.«

Holmes warf mir einen raschen triumphierenden Blick zu.

»Oh, er hat seinen Namen genannt, wirklich? Wie unvorsichtig. Wie lautet denn der Name?«

»Sein Name«, antwortete der Kutscher, »ist Mr Sherlock Holmes.«

So verblüfft wie bei dieser Antwort des Kutschers hatte ich meinen Freund noch nie gesehen. Einen Augenblick saß er sprachlos da. Dann brach er in lautes Lachen aus.

»Touché, Watson – unbestreitbar ein Treffer!« rief er. »Er führt seine Klinge genauso geschickt und geschmeidig wie ich. Gut gegeben, für diesmal! Also sein Name war Sherlock Holmes, sagten Sie?«

»Ja, Sir, das war der Name.«

»Wunderbar! Und nun erzählen Sie mir, wo Sie ihn aufgelesen haben, und alles, was danach passiert ist.«

»So gegen halb zehn hat er mir gewinkt, das war auf dem Trafalgar Square. Er hat gesagt, er wär Detektiv, und er hat mir zwei Guineen versprochen, wenn ich den ganzen Tag lang tun würde, was er sagt, und keine Fragen stelle. Da hab ich natürlich zugegriffen. Zuerst sind wir zum Northumberland Hotel gefahren. Da haben wir gewartet, bis zwei Gentlemen rausgekommen sind. Die haben am Droschkenstand einen Wagen genommen, und dem sind wir gefolgt, bis er hier irgendwo angehalten hat.«

»Genau vor dieser Tür«, fiel Holmes ein.

»Also, das kann ich nicht so genau sagen, aber mein Fahrgast wusste jedenfalls Bescheid. Wir haben ein Stück weiter die Straße runter gehalten und da gewartet, vielleicht anderthalb Stunden. Dann sind die beiden Gentlemen wieder an uns vorbeigekommen, diesmal zu Fuß, und wir sind ihnen langsam hinterher, durch die Baker Street und –«

»Das ist mir bekannt«, sagte Holmes.

»Bis wir Dreiviertel von Regent Street hinter uns hatten. Da hat mein Gentleman plötzlich die Klappe aufgemacht und gerufen, ich soll so schnell wie möglich zum Bahnhof Waterloo fahren. Also hab ich meinem Klepper die Peitsche gegeben, und keine zehn Minuten später waren wir da. Er hat mir wirklich und tatsächlich zwei Guineen gegeben, und dann isser in den Bahnhof reingegangen. Aber vorher hat er sich noch umgedreht und gesagt: ›Vielleicht interessiert es Sie zu hören, dass Sie Sherlock Holmes kutschiert haben.‹ So hab ich seinen Namen erfahren.«

»Verstehe. Weiter haben Sie nichts von ihm gesehen?«

»Nicht nachdem er in den Bahnhof reingegangen ist, nein.«

»Und wie würden Sie Mr Sherlock Holmes beschreiben?«

Der Kutscher kratzte sich am Kopf. »Hm, naja, das ist gar nicht so leicht, den Gentleman zu beschreiben. Vielleicht vierzig Jahre alt, und mittelgroß, vielleicht zwei oder drei Zoll kürzer als Sie, Sir. Schick angezogen war er, ein richtig feiner Pinkel. Und einen schwarzen Bart hatte er, unten gerade abgeschnitten, und das Gesicht war ziemlich blass. Ich glaub nicht, dass ich mehr sagen kann.«

»Augenfarbe?«

»Kann ich nicht sagen.«

»Können Sie sich an sonst noch etwas erinnern?«

»Nein, Sir, an nichts.«

»Gut, hier ist Ihr halber Sovereign. Ein zweiter wartet auf Sie, falls Ihnen noch etwas einfällt. Guten Abend.«

»Guten Abend, Sir, und schönen Dank auch.«

John Clayton verschwand, vor Zufriedenheit glucksend, und Holmes wandte sich mit einem Schulterzucken und einem kleinlauten Lächeln zu mir.

»Schnapp! Da reißt der dritte Faden, und wir stehen wieder da, wo wir begonnen haben«, sagte er. »Dieser gerissene Gauner! Er kannte unsere Adresse, er wusste, dass Sir Henry Baskerville mich konsultiert hat, er hat mich in Regent Street erkannt, er hat gewusst, dass ich mir die Nummer der Droschke merken und dadurch an den Kutscher herankommen würde, und er schickt mir diese dreiste Kampfansage. Ich sage Ihnen, Watson, dieses Mal haben wir es mit einem Gegner zu tun, der unserer Klinge würdig ist. In London bin ich nun mattgesetzt. Ich kann Ihnen für Devonshire nur mehr Glück wünschen. Aber mir ist gar nicht wohl dabei.«

»Wobei?«

»Bei dem Gedanken, dass ich Sie dorthin schicke. Es ist eine hässliche Sache, Watson, eine hässliche und gefährliche Sache, und je mehr ich davon zu sehen bekomme, desto weniger gefällt sie mir. Ja, mein Lieber, lachen Sie nur, aber auf mein Wort: Ich bin erst wieder froh, wenn Sie heil und gesund in der Baker Street sind.«

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