Kitabı oku: «Die Rabenringe - Fäulnis (2)»

Yazı tipi:

Siri Pettersen

Die Rabenringe

Fäulnis

Aus dem Norwegischen von Dagmar Mißfeldt


Für alle, die Odinskind geliebt haben und das einfach nicht für sich behalten konnten.

Und für dich und alle, denen die Erde wichtig ist. Für alle, die ihr allein kämpft, weil der Abgrund zwischen euren Träumen und unserer Wirklichkeit viel zu tief ist. Für alle, die ihr die Erde in einem besseren Zustand verlassen wollt, als ihr sie bei eurer Ankunft vorgefunden habt. Für alle, die ihr immer schon wusstet, dass wir in die falsche Richtung unterwegs sind. Das hier ist euer Buch.


Prolog

Er hockte da draußen im Tunnel zum Bahnsteig, ein Pappschild an die Beine gelehnt. Fettige Haarsträhnen hingen ihm ins Gesicht, aber kein Zweifel: Er war es. Und die Tür der U-Bahn wollte gerade zugehen.

Stefan schubste ein Kind weg und boxte sich durch das Gedränge. Er war froh, dass er die Kopfhörer aufhatte. Sie erstickten den Chor der Meckerer. Eine alte Frau machte den Mund auf und zu wie ein Goldfisch, aber er hatte nur Trent Reznor auf den Ohren.

You had all of them on your side, didn’t you?

Er musste raus. Sofort. Er hatte den Scheißkerl schon zweimal verloren und das durfte ihm nicht noch einmal passieren. Stefan warf sich gegen die Tür. Sein Arm wurde eingeklemmt, aber er kam durch. Stolperte auf den Bahnsteig, bevor die Bahn weitersauste. Es wimmelte von Leuten. Das Bunkerlicht saugte ihnen das Leben aus den Gesichtern. Sie sahen aus wie Zombies. Aber sie waren noch nicht so tot, dass sie nicht reagieren würden, wenn er es hier unten tat. Er musste einen anderen Weg finden. Einen anderen Ort.

You believed in all your lies, didn’t you?

Er ging in den Tunnel hinein. Der Bettler streckte eine Hand aus, ohne ihn anzusehen. Stefan grinste breit.

»Hey, Roast.«

Roast hob den Kopf. Ein Wiedererkennen huschte gerade noch über seine Augen, da war er auch schon auf den Füßen. Schneller, als man ihm zugetraut hätte. Er lief den Tunnel entlang. Schwarze Klamotten und zerzaust wie eine Krähe. Stefan rannte hinterher. Seine Schuhe knallten auf den Boden. Das Echo hallte von den gekachelten Wänden wider. Er streifte einen Fahrkartenautomaten, nahm die Treppe in drei Sprüngen und war draußen auf der Straße. Regen peitschte ihm ins Gesicht. Es war dunkel. Roast war nur wenige Meter vor ihm, aber dann preschte er direkt auf die Fahrbahn. Rannte zwischen Autos, die auswichen.

Stefan verschenkte keine Zeit. Der Instinkt trieb ihn hinterher. Bremsen quietschten. Er stieß mit einer nassen Motorhaube zusammen und peste weiter. Jaulende Autohupen mischten sich mit der Musik.

The Ruiner is your only friend, he’s the living end, to the cattle he deceives.

Er lief quer über den Soho Square und holte ein paar Meter auf. Leute guckten ihnen hinterher, aber niemand kümmerte sich weiter darum. Nicht, solange die Beute ein Obdachloser war.

The raping of the innocent, you know the Ruiner ruins everything he sees.

Roast stieß die Leute auf dem St. Ann’s Court zur Seite, bog nach links ab und rannte weiter am Flat White vorbei, dem Coffeeshop, wo sie sich zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren. Es stach in Stefans Lunge, aber er setzte alles darauf, dass Roasts Kondition schlechter war. Und er behielt recht. Der Bettler wurde langsamer. Schaute sich ratlos um und flüchtete in einen Nachtclub.

Now the only pure thing left in my fucking world is wearing your disease.

Stefan drängelte sich an den Leuten vorbei und hinter ihm her. Roast fiel leicht ins Auge: ein ungepflegter Wilder zwischen engen Kleidern und tiefen Ausschnitten.

How did it get so hard? How did it get so long?

Roast lief zu einem Notausgang. Riss die Tür auf und verschwand nach draußen. Stefan war hinter ihm, noch bevor die Tür wieder zufiel. Er stolperte hinaus in eine enge Seitenstraße. Eine Sackgasse. Der Bettler stand in der hintersten Ecke, bei den Müllcontainern. Fauchte wie ein gefangenes Tier.

The Ruiner’s a collector, he’s an infector, serving his shit to his flies.

»Game over, Roast.« Stefan ging auf ihn zu.

Roast drückte sich an die Wand gegen eine Regenrinne. Verputz um die Halterungen der Rinne bröckelte ab und rieselte ihm auf die Schultern. Der Regen spülte ihn über die ausgeblichene Jacke. »Ich hab nix gemacht! Ich hab nix gemacht!«, schrie Roast hysterisch.

Das war gelogen. Der Rufname Roast war kein Zufall, aber Stefan hatte keine Lust zu widersprechen. Es war nichts Menschliches mehr zum Diskutieren übrig.

Maybe it’s a part of me you took to a place I hoped it would never go.

Stefan war sich angenehm im Klaren darüber, dass er Oberwasser hatte. Die Glock konnte an der Hüfte hängen bleiben. Eine Kugel gespart. Stattdessen zog er die Zange.

And maybe that fucked me up much more than you’ll ever know.

Roasts Blicke jagten nach etwas, womit er sich verteidigen konnte. Er riss eine Metallhalterung von der Regenrinne ab. Die Bolzenschrauben fielen auf den Asphalt. Er begann, auf seine eigenen Zähne einzuschlagen. Die Lippen platzten auf. Die scheinbare Abwesenheit von Schmerzen ließ darauf schließen, dass Adrenalin bei Weitem nicht der einzige Stoff in seinem Körper war, der seine Wirkung tat.

And what you gave to me, my perfect ring of scars.

Roast spuckte in die hohle Hand und streckte Stefan den Arm entgegen. »Nimm sie, nimm sie! Du kannst mich nicht anrühren, dann finden sie dich! Die Bullen finden dich!« Es regnete rot aus seinem Mund, als er das schrie.

Stefan guckte die beiden Zähne an. Weiße Klumpen in der schmutzigen Hand. Regen sammelte sich um sie zu einer blutigen Pfütze.

»Idiot«, antwortete er. »Den Bullen ist es scheißegal, woran du krepierst. Niemand gibt auch nur einen Penny, um das rauszufinden. Du bist vergessen. Schon vergessen?«

Stefan wartete eine Reaktion nicht ab. Er donnerte ihm den Ellenbogen auf die Nase. Roasts Kopf knallte gegen die Wand. Er fing die Zähne auf, bevor Roast zu Boden ging. Dann schleppte er den bewusstlosen Körper in die Ecke zum Container. Der Müll quoll unter dem Deckel hervor, als würde er sich übergeben. Die Gerüche vermischten sich. Verfaultes Essen. Blut. Und die stechende Ausdünstung, die verriet, dass Roast es mit den Toilettenbesuchen nicht mehr so genau nahm. Vielleicht verständlich nach über hundert Jahren.

Stefan brach ihm das Genick. Roast war robust. Zwei Versuche waren nötig, bis er das Knacken hörte.

Er steckte die Zähne in die Jackentasche und überprüfte den Tatort. Keine Fenster. Keine Kameras. Keine Menschen. Er war in Sicherheit. Der Asphalt glänzte. Der Regen trommelte auf den Containerdeckel. Stefan fuhr sich mit der Hand durchs nasse Haar. Er verstaute die Zange wieder in der Tasche. Zog die Jacke zurecht und stellte die Lautstärke höher.

You didn’t hurt me, nothing can stop me now.


Das Loch

»Alles, worum wir bitten, ist Seelenfrieden«, sagte Telja Vanfarinn und legte die Hand auf ihre Brust. Die Kette, die sie sich mehrfach um den Hals gelegt hatte, klirrte.

Rime musste fast lachen. Jeder hätte dieses Schmierentheater durchschaut, auch ohne in Mannfalla aufgewachsen zu sein. Ihr Kleid war kohlrabenschwarz und von dramatischem Schnitt mit bodenlangen Ärmeln. Sie trug Witwenkleider, obwohl ihr Mann quicklebendig neben ihr stand. Die Trauer war nichts als Putz. Staffage, um beim Rat, von dem sie sich auf raffinierte Weise ein Treffen erbettelt hatte, Mitgefühl zu wecken.

»Es reißt uns in Stücke, Rime-Fadri. Nicht zu wissen. Urds Tod nicht zu verstehen.«

Rime spürte, wie seine Mundwinkel zuckten. Urds Name verursachte ihm nach wie vor Übelkeit und nichts deutete darauf hin, dass das vorübergehen würde. Nicht, solange sein Stuhl leer blieb. Der war eine offene Wunde im Kreis der Ratsleute, die zurückgelehnt um den Tisch saßen. Gefährlich. Entzündet. Unmöglich als Gesprächsgegenstand, ohne eine Unruhe zu riskieren, die halb Draumheim aufwecken könnte.

»Wir haben euch unser Beileid bekundet«, antwortete Rime. »Ich habe persönlich das Oberhaupt der Vanfarinns besucht. Sie weiß, was passiert ist. Du bist … die Tochter ihrer Schwester?« Er sah Telja an, die unaufgefordert näher an den Ratstisch herangetreten war.

»Rabenträger, unsere Mutter ist alt«, sagte Telja und strich um die Frage wie die Katze um den heißen Brei. »Ihr Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war. Du hast uns mit dem Besuch bei ihr geehrt, aber … Einige Dinge, von denen du ihren Worten nach erzählt hast, die sind … Nun ja …« Telja rückte die Halskette zurecht.

»Unglaubwürdig«, ergänzte Darkdaggar. »So unglaubwürdig, dass wir davon ausgehen müssen, dass die Familie von dem Mann eine Bestätigung verlangt, der dabei war, als Urd starb.«

Rime hatte den Angriff zwar vorausgesehen, aber nicht damit gerechnet, dass er so offen geäußert würde. Er schaute den Ratsherrn an. »Hast du vor, mich vor das Thing zu bringen, Darkdaggar?«

»Keineswegs, Rabenträger. Die Familie Vanfarinn wünscht nur, dass die Sache aus der Welt geschafft wird.« Darkdaggars Lächeln wirkte wie tot. Das Licht strich über sein Gesicht. Machte ihn blutleer, trocken. Ein scharfer Kontrast zu den goldenen Wänden hinter ihm. Sie waren in Paneele unterteilt, auf denen die Stammbäume der zwölf Familien dargestellt waren. Die Bäume verzweigten sich hinauf bis zur gewölbten Decke und gaben Rime das Gefühl, in einem Käfig zu sitzen. Der Stuhlrücken fühlte sich wie eine Wand hinter ihm an, klemmte ihn am Tisch fest.

Er war gefangen, an einen Platz gebunden, der sich nie wie sein eigener anfühlen würde. Der Stuhl gehörte Ilume, der Mutter seiner Mutter. Und er hatte geschworen, nie dort zu sitzen. Aber hier saß er. Ratsherr. Rime-Fadri. Rabenträger. Umgeben von Feinden, die jeden wachen Augenblick nutzten, um seinen Sturz vorzubereiten.

»Aus der Welt?« Sigra Kleiv verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust. »Urd wurde auf Ravnhov umgebracht und solange die Wilden dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden, wird diese Angelegenheit nie ein Ende finden.«

Rime spürte, wie die Wut in ihm wuchs. Er musste sich dazu zwingen, sitzen zu bleiben. »Ich sage es jetzt zum letzten Mal, Sigra. Der Krieg findet nicht statt. Begreif das endlich. Ravnhov kann nicht vors Thing gezerrt werden für das, was die Blinden getan haben.«

Sigra holte für einen Widerspruch tief Luft, doch Darkdaggar kam ihr zuvor.

»Schon möglich, aber auch die Blinden können wir nicht vors Thing zerren, oder etwa doch?« Er nahm einen Schluck aus dem Weinbecher, während sich Gelächter am Tisch verbreitete.

Rime guckte Telja Vanfarinn an. Ihre Wangen liefen vor Eifer rot an. Sie konnte den Stimmungsumschwung im Raum riechen. Das machte sie kühner. Die Maske der Trauer fiel.

»Das hätten wir vielleicht gekonnt, wenn es sich nicht so verhielte, dass niemand sie gesehen hat.« Sie lächelte.

Rime stand auf. »Niemand?«

Teljas Lächeln erlosch. Sie schaute Darkdaggar flehend an. Rime war nicht überrascht. Darkdaggar hatte ihren Besuch bewilligt und Rime nahm an, dass sie im Voraus viele Gespräche über dieses Treffen geführt hatten. Wie viele Angriffsmöglichkeiten sie ersonnen hatten, blieb abzuwarten.

»Nimm es nicht persönlich, Rabenträger«, meinte Darkdaggar. »Telja spricht nur aus, was wir alle wissen. Das Auffälligste an den Totgeborenen ist ihre vollkommene Abwesenheit. Wer behauptet denn, sie hätten sie gesehen? Eine Handvoll Schwarzröcke? Ist es da ein Wunder, dass die Leute von einer Wahnvorstellung sprechen? Oder von einer Vergiftung? Habt ihr vielleicht was gegessen, was euch nicht bekommen ist? Oder wart ihr … Zauberei erlegen?«

Erneut brach Gelächter um den Tisch aus. Rime ballte die Fäuste, ging auf Telja zu. Sie wich ein paar Schritte zurück. Der Kleidersaum schleifte über den Boden. Rime zeigte mit dem Finger auf sie.

»Nur aus einem einzigen Grund steht ihr in diesem Raum, nämlich weil viele hier für die Familie Vanfarinn Loyalität empfinden. Das ist bei mir nicht der Fall. Mich und meine Männer als Lügner zu bezeichnen, wird euch nichts nützen.«

Teljas Blick flackerte zwischen Rime und Darkdaggar hin und her. »Ich wollte nie … Ich habe nicht gesagt … Vernunft ist ein empfindliches Gut, Rabenträger. Man erzählt, viele starke Männer hätten sich Trolle im Nebel eingebildet, und wir …«

»Trolle im Nebel?« Rime fing ihren Blick ein, hielt ihn fest. Die Falten um ihre Augen verrieten, dass sie älter war, als er zuerst angenommen hatte. Vielleicht bezog sie daher ihren Mut. Sie wusste, dass jetzt die Stunde der Entscheidung gekommen war.

»Blut von denen, die du für einen Mythos hältst, ist von meinem Schwert getropft. Ich habe sie mit Stahl durchbohrt und gesehen, wie das Leben aus ihren weißen Augen gewichen ist, habe ihren Atem gespürt, ihr Knurren gehört. Und ich habe den Gestank von den Scheiterhaufen gerochen, als wir sie verbrannt haben. Ein Geruch, der dich bis nach Draumheim verfolgen würde, Telja.«

Das Lachen war verstummt. Telja schluckte und senkte den Blick.

»Im Namen des Sehers«, kam es von Darkdaggar. »Müssen wir es wirklich so dramatisieren? Die Familie bittet nur um eine Linderung der Wunde. Sie haben einen Ratsherrn verloren, Rabenträger.«

Jeder Blick im Raum fiel auf den leeren Stuhl. Es gab keinen Zweifel, worin die Linderung bestehen sollte.

Rime schaute wieder Telja an. »Ist das so? Würde dir der Stuhl die Antworten geben, nach denen du dich sehnst? Würdest du aufhören, dich zu fragen, wie er starb, wenn einer von euch an diesem Tisch säße?«

Telja zögerte, besaß aber genug Schamgefühl, um den Kopf zu schütteln.

»Selbstverständlich nicht«, sagte Darkdaggar. »Doch es wäre zumindest eine Garantie, dass Urd nicht wegen des Platzes das Leben genommen wurde.«

Schweigen breitete sich aus. Der Tötungsvorwurf war offenkundig und noch dazu von außen in den Rat hineingetragen worden. Rime schaute sie alle der Reihe nach an. Die Männer und die Frauen, die drei oder vier Mal so alt waren wie er. Sie blieben stumm. Die meisten, weil sie Darkdaggar unterstützten. Einige wenige andere, weil sie alles nicht noch schlimmer machen wollten.

Telja Vanfarinn machte einen Schritt auf Rime zu. »Rabenträger, du musst uns vergeben, wir sind vor Trauer ganz durcheinander! All das Gerede über Blinde und Steintore … Für uns ist das mehr als unbegreiflich. Niemand hat Beweise gesehen für …«

»Unsinn!«, unterbrach Jarladin. »Ein voll besetzter Ritualsaal sah, wie sich die Schwarzröcke durch die Tore sprengten, sodass die Wände einstürzten. Wenn du Beweise brauchst, dann kannst du unten am Hafen Trümmerteile der roten Kuppel kaufen!«

Telja ergriff gierig die Gelegenheit, als sei dies eine Verhandlung. »Ein voll besetzter Ritualsaal bedeutet jede Menge nicht übereinstimmende Geschichten, Jarladin-Fadri. Vergib uns, wir waren nicht dabei. Wir haben nur gehört, dass das Gebäude erschüttert wurde. Einige sagen, die Kuppel habe die Wände geschwächt. Andere sagen, die Erde habe gebebt.«

Darkdaggar verschränkte die Hände hinter dem Nacken. »Was für eine Tragödie, dass wir euch nicht beruhigen können. Es wäre so ungeheuer einfach gewesen. Aber die Wahrheit ist, dass die Tore nun wieder so tot sind, wie sie es tausend Jahre lange waren, habe ich nicht recht, Rabenträger?« Er sah Rime an, ohne zu lächeln. Nur seine Augen verrieten den Siegesrausch.

Rime biss die Zähne zusammen. Das hier war zu weit gegangen. Er hatte die Tür nur einen Spalt geöffnet und jetzt würden sich die Wölfe hereinzwängen. Diplomatie würde ihn nicht mehr weiterbringen.

»Die Leute können reden, bis sie im Draumheim verfaulen«, sagte er. »Geredet wird immer viel. Das ändert nichts. Ich war dort. Ich weiß, was passiert ist. Urd hat sich seinen eigenen Scheiterhaufen gebaut. Er war ein verrückter Hund.«

Sigra seufzte laut auf. Ein Funke flammte in Teljas Augen auf. Nur mit knapper Not konnte sie sich ein Lächeln verkneifen. Sie griff nach einem schwarzen Bündel, das ihr Mann trug, und hielt es hoch. Es war ein Kittel, den jemand zerschnitten hatte. Auf der Brust, wo das Zeichen des Sehers sonst saß, war nur ein Riss zu sehen. Ein klaffendes Loch über dem Herzen.

»Der gehörte einem Schriftgelehrten, Rabenträger. Sie sahen, wie er auf die Ora hinausging, wo das Eis dünn war. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Sie sagen, er habe den Verstand verloren und dass er nicht der Erste sei. Ich gebe zu, Urd war eigenartig, Rime-Fadri, aber verrückt war er nicht. Vielleicht hat der Verlust des Sehers ihn in die Schwermut getrieben? Vielleicht hat er aus dem Grund so gehandelt, wie er es tat. Und so gesehen kann man vielleicht sagen, das Ganze war … Nun ja …«

Rime traute seinen Ohren kaum. Er sah sie an. »Meine Schuld?«

Sie biss sich auf die Lippe, maß ihn mit den Augen.

Ihm war übel. Er starrte auf den Kittel. Das Loch drohte ihn in sich hineinzuziehen, ihn bei lebendigem Leib zu fressen. Ein dunkles Nichts.

Er ging auf Telja zu. Ihr Mann streckte einen Arm aus, um sie zu beschützen. Ein hilfloser Reflex. Rime packte sein Handgelenk und drängte ihn zurück, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Telja raffte die Röcke, als mache sie sich zum Weglaufen bereit.

Rime lehnte sich vor. »Urd tötete Ilume, als ich danebenstand. Die Mutter meiner Mutter. Er brach die Rabenringe auf, ließ die Totgeborenen nach Ymsland, in den Wahnsinn getrieben von seinem eigenen Blindwerk. Nein, ich habe ihn nicht getötet. Aber ich kann dir versprechen, wenn ich die Gelegenheit dazu gehabt hätte, dann hätte ich es getan, ohne mit der Wimper zu zucken. Schau dir den Stuhl jetzt nur gut an, Telja, denn du wirst ihn nie wiedersehen.«

»Schluss!« Sigra schlug mit der Faust auf den Tisch. Leivlugn Taid neben ihr zuckte zusammen, dass sein Doppelkinn nur so wabbelte. Sein Becher fiel um. Der alte Mann hatte während der Versammlung gedöst und ihn kaum angerührt. Dunkler Wein überschwemmte die Tischplatte. Stühle schabten über den Boden, als alle aufstanden, um ihre Kittel in Sicherheit zu bringen.

»Diese Versammlung ist beendet«, sagte Rime. Er riss die Altantüren auf und trat hinaus in die Kälte, atmete den Frost tief in die Lungen ein. Er ging auf die Brücke und blieb stehen. Er stand auf einer der ältesten Brücken von Eisvaldr. Sie hatte einmal in den Ritualsaal geführt. Jetzt ragte sie in die Luft wie eine steif gefrorene Zunge. Geschnitzte Schlangen hingen über den Rand, als klammerten sie sich fest. Rime merkte, dass er das auch tat, und ließ das Geländer los. Es war mit weißem Raureif bedeckt. Seine Hände hatten einen Abdruck hineingeschmolzen.

Auf der Erde darunter stand der Rabenring. Bleiche Steinstelen, die ihren ersten Winter sahen, nach tausend Jahren verborgen in den Wänden. Sie waren tot. Unbrauchbar. Er hatte ganze Nächte damit verbracht, vor ihnen zu umarmen. Die Gabe hervorzupressen, bis seine Schläfen zu zerplatzen drohten, aber die Tore hatten sich geweigert, sich ihm zu öffnen. Genauso gut hätte es ein Traum gewesen sein können, dass sie es getan hatten. Darkdaggar hatte die Wahrheit gesagt. Die Tore waren seit dem Tag erloschen, an dem sie gegangen war. Wie alles andere auch.

Er hörte schwere Schritte hinter sich. Jarladin stellte sich neben ihn und starrte auf das Ende der Brücke. »Wenn du einfach weitergehen würdest, könntest du ihnen die Mühe ersparen«, sagte er. Der Wind spielte mit seinem weißen Bart.

Rime lachte kurz auf. »Das Vergnügen gönne ich keinem von ihnen. Wenn sie meinen Tod wollen, dann müssen sie das schon selbst in die Hand nehmen.«

Jarladin seufzte. »Du hast all deine Karten ausgespielt, Rime. Du kannst sie nicht mehr überlisten. Nicht, wenn du nicht in Ketten auf dem Thingplatz aufwachen willst. Darkdaggar hat das Maß überschritten, aber du versuchst noch nicht einmal, sie zu einen. Wenn du den Hass nicht ablegst, dann wird er dich wie uns zu Fall bringen.«

Rime hätte gern gesagt, dass er niemanden hasste, aber das wäre gelogen gewesen. Er hasste sie, weil sie unter einem falschen Seher regiert hatten. Hasste, wie sie die Wirklichkeit nach ihrem Willen zurechtbogen. Hasste die Intrigen, die Lügen. Die bittere Wahrheit war, dass niemand am Tisch ein anderes Ziel mit seinem Stuhl verfolgte, als auf ihm sitzen zu bleiben.

Jarladin klopfte Rime auf den Rücken, als tue er ihm einen Gefallen. »Außerdem hatten sie nicht ganz unrecht. Mehrere Schriftgelehrte haben uns verlassen und das wird Folgen haben.«

»Hat dir noch niemand erzählt, dass du es den Leuten nicht verbieten kannst, dich zu verlassen?« Rime fühlte, wie nackt ihn seine eigenen Worte dastehen ließen. Er wandte den Blick vom Steinkreis ab. Schlug mit den Fäusten auf das Geländer.

»Das ist sinnlos! Sie haben es mit eigenen Augen gesehen! Sie haben gesehen, wie die Wände sich abschälten. Wie die Steine herauswuchsen. Sie wissen, dass die Blinden hier waren. Sie kennen die Wahrheit genauso gut wie ich, aber sie erheben Zweifel, weil das der Sache des Rates dient.«

Jarladin sah ihn an. »Ist es das, was dich antreibt? Recht haben? Unsinn! Du hast nie was auf deine Stellung gegeben. Wenn doch, dann würdest du deine eigene Familie stärken.«

Rime wandte sich von ihm ab. Jarladin war ein Stier von einem Mann und sein einziger Freund am Tisch. Aber das bedeutete ganz und gar nicht, dass dadurch der Umgang mit ihm einfacher war.

»Ich habe gesagt, was ich zu dieser Sache zu sagen habe. Ich bin ein Schwarzrock. Wir schwören niemandem die Treue, so lauten die Regeln.«

»Regeln, Rime? Du kannst die ganze Bibliothek durchpflügen, ohne eine einzige Regel zu finden, gegen die du nicht schon verstoßen hast. Nenne mir wenigstens einen Grund, an den ich glauben kann.«

»Hältst du mich für einen Schwachkopf? Der Rat will, dass ich eine Familie gründe, weil das euch stärken würde. Nicht mich.«

Jarladin legte ihm die Hand in den Nacken. Ein fester Griff. Wie der eines Vaters. »Rime … Das sollte ein und dasselbe sein.«

Rime schloss die Augen, hörte die Stimme des weißbärtigen Stiers im Ohr.

»Hör mir zu. Lass sie nicht in allem, was du tust, über dich bestimmen. Du bist ein Schwarzrock. Du bist Rime An-Elderin. Du bist Rabenträger, um des Sehers willen! Du kannst dich nicht von einem schwanzlosen Odinskind lenken lassen, das niemand wiedersehen wird. Benutz deinen Verstand, Junge! Wenn du dem Volk Hoffnung vermitteln und diesen Rat zusammenhalten willst, dann such dir eine Frau. Feier ein Fest. Zeig ihnen, dass die Familien stark sind. Und wenn du dich unbedingt gegen sie auflehnen musst, dann such dir eine außerhalb der Ratsfamilien. Nutze diese Gelegenheit, um Norden und Süden zu vereinigen. Das ist es doch, was du willst. Nimm dir ein Mädchen aus dem Norden. Ich weiß, dass sich Sylja Glimmeråsen nicht beschweren würde.«

Jarladin wartete eine Antwort nicht ab. Er ließ Rime los und begab sich zurück zum Ratssaal. »Die Steine sind tot«, rief er. »Aber wir leben noch!« Er ging wieder in den Ratssaal und schloss die Tür hinter sich.

Rime blieb stehen, schwer vor Widerwillen. Die Kälte fraß sich in seine Finger. Er schob die Hand in die Tasche und holte den Rabenschnabel heraus. Hlosnian hatte ihn auf dem Bromfjell aufgehoben. Bevor das Feuer die Steine verschlang. Das war alles, was von Urd noch übrig war. Ein Schnabel. Nicht einmal der Steinflüsterer kannte seinen Sinn und Zweck.

Er sah finster aus, fremd. Die beinerne Farbe wurde zur Spitze hin allmählich schwarz. Getrocknetes Blut klebte noch immer in den Rissen.

Rime spürte das Gewicht des Schnabels in seiner Hand. Er war schwerer, als die Größe vermuten ließ. Es überlief ihn kalt. Dennoch fühlte er sich zugleich angezogen. Der Schnabel war das Einzige, was sich wirklich anfühlte, was ihm das Gefühl gab, dass es tatsächlich passiert war und dass das hier nur der Anfang war.


Wikinger

»Norwegen?«

»Nein.«

»Finnland?«

»Das hast du schon mal geraten. Nein.«

»Island! Island muss es sein! Du hast diesen Laut … wie die Wikinger, das Th im Englischen.« Jay steckte die Zungenspitze etwas aus dem Mund.

»Wikinger kenne ich nicht«, sagte Hirka und drückte dem Mädchen auf eine Stelle ihrer Schulter, worauf es zusammensackte.

»Aua, aua, aua! Nein, nicht aufhören! Wikinger? Du hast noch nie was von den Wikingern gehört?«

Hirka massierte ihr weiter die Schultern, ohne zu antworten.

»Die Nordmänner, die vor tausend Jahren gelebt haben? Schiffe? Plünderung? Berserker?«

Das Wort Berserker kam ihr bekannt vor, aber Hirka sagte nichts. Worte klangen häufig vertraut, ohne dass sie etwas bedeuteten. Sie hatte es aufgegeben, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Das war fast immer eine falsche Fährte und machte sie nur traurig. Außerdem hatte sie gelernt, nie ehrlich zu sein. Nie zu sagen, dass sie durch die Steine gekommen war. Oder zu versuchen, Tee aus einer anderen Welt an Leute im Café zu verkaufen. Tat man es, rief der Besitzer die Polizei, und der einzige Ausweg war dann der durchs Fenster auf der Toilette.

»Kannst du die da rausmachen?« Hirka zupfte an Jays Ohrstöpseln. Die hatte sie immer drin. Jay sah aus, als würden ihr dünne Rinnsale aus Milch aus den Ohren laufen. Jay zog sie heraus, aber sie blieben an einer Klammer auf ihrer Brust hängen.

»Du musst aufhören zu … Wie heißt das noch? Hängen. Den Rücken hängen zu lassen«, erklärte Hirka.

»Ich weiß. Ich gehe krumm. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie sagt, man musste den Kopf einziehen, da, woher wir kommen. Man musste das, um zu überleben.«

»Überleben?«

»Überleben. Existieren. Klarkommen. Weißt du? Nicht sterben?«

Hirka nickte. Das Wort hatte sie schon einmal gehört, es aber wieder vergessen.

Jay streckte sich wie eine Katze. Dann holte sie das Handy aus einer Hülle, die an einem glitzernden Band um ihren Hals hing. »Was wollen wir suchen?«

»Ein anderes Mal«, antwortete Hirka und warf einen Blick auf die Stapel mit schmutzigen Gläsern und Tellern. »Wir müssen aufräumen und zumachen.«

»Nein, nein, eine Abmachung ist eine Abmachung. Du hilfst mir, ich helfe dir. Was soll ich suchen?«

»Guck mal nach, ob du eine mit gelben Glockenkelchen findest. Die hat fast keine Blätter«, sagte Hirka. Sie wusch Kuchenreste von einem Teller und stellte ihn in die Spülmaschine.

»Okay, gelbe Glockenkelche.« Jay drückte auf dem Handy herum. Ihr dunkles Haar hing ihr ins Gesicht. Das machte es immer, wenn die Haarklammern verrutscht waren. Vor allem, wenn es hektisch zugegangen war. Draußen brach Jubel aus. Hirka schaute aus dem Fenster. Das Paar hatte sich mit feuchten Augen und rosigen Wangen auf die Kirchentreppe gestellt, umgeben von Familie und Freunden, die Fotos machten. Die Fotos würden in den Telefonen gespeichert sein. Augenblicke, eingefrorene Zeit.

Hirka hätte viel dafür gegeben, wenn sie gespeicherte Bilder aus Ymsland hätte.

Sie fühlte, wie die Trauer ihr Herz umschloss, und beeilte sich, das letzte schmutzige Geschirr in die Maschine zu räumen. Es war sinnlos, an Dinge oder Leute zu denken, die sie sowieso nie wiedersehen würde.

Für den letzten Teller war gerade noch Platz in dem Geschirrspüler. Sie schloss die Tür und drückte ein paar Mal auf den Knopf. Sie bekam bessere Laune, wenn sie sah, wie das Lämpchen aus- und anging.

»Hier«, sagte Jay und hielt Hirka das Display hin. »Pflanzen mit gelber, glockenartiger Blüte. Nach welcher suchst du?«

Hirka schaute sich die Bildchen an. Einige hatten Ähnlichkeit, aber keins zeigte die Goldschelle. Sie spürte, wie ihr die Enttäuschung einen Stich versetzte. Das überraschte sie. Sie dachte, sie hätte die Hoffnung schon aufgegeben.

»Eine davon muss es doch sein«, meinte Jay. »Ich habe alle Pflanzen mit gelbem, glockenartigem Blütenkelch gegoogelt und ich bin ziemlich gut im Suchen und so. Du solltest das auch mal lernen, Hirka. Ich kenne keinen, der noch nie ein Telefon benutzt hat.«

»Ich werde nie eins brauchen«, antwortete Hirka, sich schmerzlich im Klaren darüber, dass sie niemanden hatte, den sie hätte anrufen können.

»Ui, du bist schon mit allem fertig!« Jay stand auf und strich die Schürze glatt. »Dann brauchen wir nur noch abzuschließen und zu gehen. Du bist echt effektiv.«

Hirka lächelte. Das war in der Regel das Sicherste, was sie tun konnte, wenn sie den Sinn der Sätze nicht ganz begriff. »Wir müssen warten, bis sie weg sind, Jay. Wir gehören nicht dazu.«

Sie warf einen Blick auf die Menschenmenge draußen. Frauen und Männer mit vor Glück feuchten Augen und in blank polierten Schuhen. Sie füllten den Platz zwischen Café und Kirche.

Das Café war ein merkwürdiger Ausleger des Kirchengebäudes. Ein Winkel in einem ganz anderen Stil. Ein neuer Flügel, mit Platz für die, die ihn am meisten brauchten. Wie sie ihn selbst gebraucht hatte. Es war ein Ort, an dem Heimatlose sich ein oder zwei Nächte ausschlafen konnten. Wo Arme etwas zu essen bekamen, ohne zu bezahlen. Es gab auch einen Raum, in dem sie Kranken halfen, Hirka hatte ein paarmal dort vorbeigeschaut, doch es war keine einzige Pflanze zu sehen gewesen.

»Wir können die hier sortieren, während wir warten«, schlug Hirka vor und schüttete einen Sack mit Kleidern auf dem Tisch aus. Sie rochen nach Staub und Schweiß, sahen aber schön aus. Am Anfang hatte es sie überwältigt zu sehen, was Leute bereit waren wegzugeben, doch dann hatte Jay gesagt, es sei Abfall. Sachen, die sowieso niemand mehr haben wollte. Das war schwer zu glauben.

Hirka legte einen Pullover auf den Haufen mit Sachen, die ausgebessert werden mussten.

»Vergiss es«, lachte Jay. »Du bist geschickt, aber das schaffst noch nicht mal du zu reparieren.«

»Der hat weniger Löcher als der, den du anhast.«

Jay schaute auf ihren eigenen Pullover hinab. »Hallo, das ist was ganz anderes! Der hat absichtlich Löcher. Weil das cool ist, klar?«

»Dann können wir ja mehr Löcher in den hier schneiden, dann wird der auch cool.«

Jay guckte sie an, die eine Augenbraue hochgezogen. Ihre Augen rahmte schwarze Schminke ein. Sie schüttelte den Kopf. »Du bist nicht ganz von dieser Welt, oder? Igitt, was ist das denn?«

Hirka hielt Jays Hand fest. »Halt!«

Sie nahm Jay das Hemd weg. Es hatte einen blutigen Riss im Ärmel. Sie faltete es zusammen und legte es auf den Wegwerfhaufen. »Blut kann ansteckend sein«, erklärte sie Jay. »Das dürfen wir nicht anfassen.«

»Oh nee, du ahnst gar nicht, wie ich diese Arbeit hasse!«

Hirka lächelte. »So sehr, dass du beinahe jeden Tag herkommst?«

»Nur weil meine Mutter mich dazu zwingt! Sie braucht eine Entschuldigung, um selbst herzukommen und Pater Brody anzuglotzen. Das ist so total peinlich, das glaubst du gar nicht. Ein Pater, hallo? Er darf noch nicht mal heiraten und sie flippt aus, wenn er sie mal zwei Minuten nicht beachtet. Was glaubst du wohl, warum sie so sauer auf dich ist? Weil du die ganze Zeit hier wohnst, klar, oder?« Jay beugte sich vor zu Hirka. »Sie sagt, du darfst gar nicht hier sein, dass er dich der Kinderfürsorge oder so was übergeben müsste.«

Hirka zuckte mit den Schultern. Es war kein Wunder, dass Jays Mutter sich Pater Brody verbunden fühlte. Dilipa hatte vor vielen Jahren selbst in der Kirche gewohnt, in einem Raum im Keller. Jay war damals gerade geboren gewesen. Jetzt war sie genauso alt wie Hirka und hatte eine kleine Schwester von fünf Jahren. Sie hatten Angst gehabt, dass man sie in die Heimat zurückschicken würde, ohne dass Hirka wusste, wo das war oder wovor sie geflüchtet waren. Aber sie wusste, dass jetzt alles in Ordnung war.

Wohin hätten sie mich geschickt, wenn sie wüssten, wer ich bin? Wo ist zu Hause?

»Das hält nicht lange«, sagte Jay und schnitt dem Paar auf der Treppe eine Grimasse.

»Meinst du nicht?«

»Nee. Sieh ihn dir doch an. Er ist mindestens zwanzig Jahre älter. Sie wollte bestimmt nur das Brautkleid haben. Und das Geld. Sobald er fünfzig ist, wird es ihr dämmern, dass er alt ist.« Jay warf die Schürze auf einen Stuhl. »Jetzt gehen sie. Ich haue ab. Bis morgen, Hirka.«

Sie verschwand nach draußen, während sie sich die Stöpsel wieder in die Ohren steckte und zu der Musik zu nicken anfing, von der Hirka wusste, dass niemand anders sie hören konnte. Gespeicherte Töne. Genau wie die Bilder.

Hirka wischte die Tische ab und hängte ihre eigene und Jays Schürze an einen Haken. Sie schloss die Tür ab und nahm den Hintereingang in die Kirche. Sie hatte viel Ähnlichkeit mit einer Seherhalle. Ein Steingebäude, erschaffen, um zu beeindrucken.

Pater Brody war schon gegangen. Hirka lief allein durch die Bankreihen. Umgeben von hohen Fenstern mit bunten Motiven. Bildern aus Geschichten, die sie nicht kannte. Von Göttern und Menschen. Ein Ymling war nirgendwo zu sehen. Keine Schwänze und keine Totgeborenen.

Einhundertvierundfünfzig Tage. Seit Ymsland. Seit Mannfalla.

Seit Rime.

Sie ging hinter den Altar und öffnete die Tür zum Glockenturm, stieg die Treppe hinauf, bis sie ganz oben war. Hier durfte sie wohnen, obwohl es kein Raum für Leute war. Der Pater hatte gesagt, es sehe hier aus wie auf einer Baustelle, ohne Heizung und Licht. Hirka vermisste nichts davon. Er hatte versucht, sie in dem Raum im Keller unterzubringen, wo Jay mit ihrer Mutter einmal gewohnt hatte. Aber der Keller erinnerte sie an die Schächte in Eisvaldr. Sie musste nach oben. Ganz nach oben. Klettern, bis nichts und niemand sie mehr erreichen konnte. Also war sie jeden Abend hier hochgegangen, bis Pater Brody nachgegeben hatte. Den dicksten Staub hatte sie weggefegt. Und den Fledermausdreck. Jetzt war es gut. Solange sie nicht dort oben war, wenn die Glocken läuteten.

Hirka schaute sich in dem um, was ihr Zuhause in der neuen Welt war. Die Treppe nahm den meisten Platz ein. Sie konnte die Glocken in dem Stockwerk darüber sehen, wenn sie nach oben schaute. Eigentlich war es dasselbe Stockwerk, aber jemand hatte einen zusätzlichen Holzboden eingezogen. Der sollte bestimmt nur vorübergehend dort sein oder bei Restaurierungen als Standfläche benutzt werden, war aber liegen geblieben.

Zwischen Treppe und Wand hatte sie eine Matratze eingeklemmt. Und ein Kissen mit einem unförmigen Schwan, gestickt von jemandem, der wahrscheinlich noch nie einen Schwan gesehen hatte. Sie besaß eine Tasse, die nur halb war, mit dem Aufdruck »Du hast gesagt: Nur eine halbe Tasse«. Lustig, als man ihr den Witz erklärt hatte. Eine schmale Kommode mit drei Schubladen. Die unterste hatte sich verkeilt, darum wohnte Kuro jetzt dort drinnen. Sie hatte auch einen Ofen, den Pater Brody angeschleppt hatte. Die Wärme kam aus kleinen Löchern unten in der Wand und lief durch eine lange Leitung ganz bis nach hier oben. Hirka hatte sie mehrmals an- und ausgeschaltet und jetzt funktionierte sie nicht mehr. Aber das machte nichts. Sie fror nicht. Sie hatte schließlich mehrere Kerzen.

Sie hatte auch ein Buch von Jay, um die Sprache zu lernen. Hirka konnte gerade eben den Titel lesen. Bücher waren hier Allgemeineigentum. Der Überfluss an Dingen war nicht zu fassen. Aber hier gab es auch Leute ohne Zuhause. Und, noch schlimmer, solche wie sie. Leute ohne Nummer. Alle Menschen hatten eine. Ohne Nummer gab es einen nicht. Hirka hätte genauso gut ein Gespenst sein können.

Sie lehnte sich auf der tiefen Fensterbank an die Mauer. Gespenst oder nicht, sie hatte wenigstens ihr eigenes Fenster mit echtem Glas. Es lief oben spitz zu und hatte eine Lüftungsklappe, die fast immer offen stand.

Hirka strich mit der Hand über das kühle Glas. Glas war gut. Stein war gut. Das waren Werkstoffe, die sie verstand. Im Gegensatz zu so vielen anderen Dingen hier.

Sie blickte über York, wie die Leute die Stadt nannten. Die Kirche hieß St. Thomas und lag in der Nähe des Zentrums. Die Häuser standen dicht an dicht wie in Mannfalla. Der einzige kahle Fleck, den sie sah, lag direkt unter ihr. Es war der eklige Hof, wo die Steine aus dem Schnee ragten wie schlechte Zähne. Unter jedem Stein lag eine Leiche. Sie verbrannten hier die Leute nicht. Sie vergruben sie in der Erde und ließen sie dort liegen und verfaulen. Das war nicht richtig. Nur Mörder machten so was. Aber hier störte das niemanden.

Sie hatte gefragt, ob sie nie Leute an die Raben verfütterten, wenn sie tot waren, aber auch das war nur eine der vielen Fragen, die sie nie wieder stellen würde.

Was könnte sie nicht alles mit dem Garten machen, wenn sie den Platz nicht für ihre abartigen Rituale benutzen würden. Sie hätte Wurzelgemüse anbauen können und vielleicht Goldschelle, Sonnenträne und …

Solche Sachen, die es hier nicht gibt, von denen niemand hier gehört hat.

Niemand baute hier etwas an, noch nicht einmal das Essen, das sie brauchten.

Hirka stocherte in einem der Pflanztöpfe auf dem Fensterbrett. Pater Brody war mit ihr zum Gewächshaus bei der Schule gefahren und hatte ihr drei Pflänzchen gekauft. Sie wuchsen langsam, jedes in seinem Pappbecher. Welche Art Pflanzen es waren oder wogegen sie helfen sollten, wusste sie nicht. Alles musste sie wieder von Anfang an lernen. Wirklich alles.

Sie suchte mit den Augen nach etwas Sicherem, damit sie dort den Blick ruhen lassen konnte.

Weit unter sich sah sie einen Mann auf einer Bank. Er hatte genau an der Stelle den Schnee weggefegt, an der er saß, aber nicht auf dem anderen Teil der Bank. Er schaute zu ihr herauf, guckte aber gleich wieder weg. Tat, als habe er sie nicht gesehen. Er trug einen grauen Pullover mit Kapuze und eine Lederjacke. Sie hatte ihn früher schon einmal gesehen. Er war am Vortag vorbeigegangen. Da war sie sich sicher. Und sie hatte ihn in der Nähe des Supermarktes gesehen. Was wollte er? Warum war er hier? War er von der Polizei? Einer, der sie holen wollte, weil sie keine Nummer hatte?

Die Angst kam angeschlichen, eine Kälte im Bauch.

Er stand abrupt auf, ging über den Friedhof und verließ ihn durch die schmiedeeiserne Pforte. Sie starrte ihm nach, aber er war fort. Sie sah nur noch die Autos, die vorübersausten.

In dieser Welt gab es keine Stille. Wohin auch immer man ging, war man von Geräuschen umgeben. Ein ständiges Rauschen von Maschinen. So viel war fremd. So vieles musste man wissen. So vieles konnte sie falsch machen.

Hirka drückte die Hände so fest auf die Ohren, bis sie nur noch das Rauschen ihres eigenen Blutes hörte, das ihren Körper durchströmte. Schneller und immer schneller.

Sie konnte nicht tief einatmen. Ihr war schwindelig. Das Gefühl von Unwirklichkeit überflutete sie. Ihre Hände fingen an zu zittern. Sie riss sich die Kleider vom Leib, fummelte am Reißverschluss der Hose, konnte sie nicht schnell genug loswerden. Sie schüttete ihren Beutel aus. Alles verteilte sich auf dem Steinfußboden: alte Sachen, vertraute Sachen, ihre Sachen, Kräuter. Davon war nur noch viel zu wenig übrig. Das grüne Strickhemd, an den Bündchen leicht aufgeribbelt. Sie zog es an. Auch die Hose. Das Taschenmesser. Niemand hatte hier ein Messer bei sich. Das war nicht erlaubt.

Sie ließ sich auf die Matratze fallen und blieb sitzen, die Arme um sich geschlungen. Sie legte die Hand auf ihre Brust und tastete nach den Schmuckstücken: eine Muschel und ein Wolfszahn mit kleinen Kerben. Jede einzelne Kerbe stand für etwas Wirkliches. Für etwas, das geschehen war. Siege im Zweikampf zwischen ihr und Rime.

Rime …

Sie hatte sich an die plötzlichen Anfälle gewöhnt, hatte sich daran gewöhnt, davon überwältigt zu werden. Aber an die Sehnsucht würde sie sich nie gewöhnen, an das Loch in der Brust, das an ihr nagte, jeden Tag. Seit hundertvierundfünfzig Tagen.

Ymsland war in Sicherheit, das war der einzige Trost. In Sicherheit vor den Blinden, jetzt, da sie weg war. Jetzt, da die Fäulnis nicht mehr dort war.

Aber sie hatte die Erinnerungen, die Geschenke.

Ihr Herz schlug allmählich langsamer. Das Atmen fiel ihr leichter. Sie war Hirka. Sie war echt. Ihre Sachen waren echt. Sie gehörten nur nicht hierher.

Auch hierher nicht.

Sie schob die Hand in die Tasche, holte drei Blutsteine heraus. Ein Geschenk von Jarladin. Der Ratsherr hatte sie vor ihrer Abreise im Umhang versteckt. Sie hätten für ein ganzes Leben in Mannfalla gereicht. Was sie hier wert waren, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. Sie hatte keinen Ort gesehen, an dem man Steine kaufte und verkaufte. Es wollte sie auch kein Laden haben.

Dann war da das Buch von Hlosnian. Ein Geschenk, das den Steinflüsterer mehr gekostet haben musste, als sie sich vorstellen konnte. Rime hatte es ihr in der Nacht gegeben, als sie fortgegangen war.

Hirka hörte das Schlagen von Flügeln. Kuro landete auf dem Fenstersims und zwängte sich durch die Lüftungsklappe. Er segelte hinunter und legte sich in der Schublade zurecht. In letzter Zeit stimmte etwas nicht mit ihm. Er hüpfte so selten. Stattdessen ging er meistens. Sie hatte sogar gesehen, dass er umkippte. Er machte einfach einen niedergeschlagenen Eindruck. Vielleicht hatte der Rabe es auch schwer, so wie sie. Hatte es schwer, in dieser toten, gabenlosen Welt Nahrung zu finden.

Wenigstens hatten sie einander. Sie hätte die letzten Monate ohne ihn kaum überstanden.

Hirka legte Hlosnians Buch auf den Schoß. Es war schwer, in braunes Leder gebunden und mit Riemen versehen, mit denen sie es verschließen konnte. Sie hatte eine runde Scheibe auf dem Buchdeckel befestigt. Ein alter Kompass, hatte Pater Brody erklärt. Sie hatte ihn auf dem Friedhof gefunden. Die Nadel zeigte immer nach Norden und es half ihr, sie anzustarren, wenn die Welt sie schwindelig machte.

Hirka schlug das Buch auf. Sie war in Lesen und Schreiben nie gut gewesen, nur ein kleines Lot besser als Vater. Dennoch hatte sie viele Seiten mit unbeholfenen Worten und Zeichnungen gefüllt: eine Karte über die nähere Umgebung, Zeichnungen von Pflanzen, Bilder, die sie auf der Straße gefunden hatte, ein totes Blatt, Bonbonpapier, kleine Stofffetzen.

Am Anfang hatte sie alles gesammelt. Jede Kleinigkeit war neu und herzzerreißend schön. Sie hatte auch Dinge aufgeschrieben, die sie Rime erzählen wollte, aber das hatte mit jedem Tag mehr wehgetan und sie hatte es darum aufgegeben.

Doch neue Wörter schrieb sie weiterhin auf. Nach und nach hatte sie sich eine Aufteilung ausgedacht. Auf eigenen Seiten hielt sie Wörter für Dinge fest, die sie von früher kannte: Stuhl, Fenster, Brot, Regen. Auf anderen trug sie Wörter für Dinge ein, von denen sie nie geglaubt hätte, dass es sie gibt: Telefon, Schokolade, Asphalt, Sonnenbrille, Waschmaschine, Benzin.

Sie holte den Bleistift heraus und schrieb das neue Wort auf, das sie von Jay gelernt hatte. Wikinger: lebten vor tausend Jahren in Schiffen.

Sie schaute Kuro an. Er war in der Schublade eingeschlafen. Die Federn am Kopf vibrierten, wenn er atmete. Sie hob den Bleistift und begann wieder zu schreiben.

Überleben: existieren, klarkommen, nicht sterben.


Der Fremde

Das meiste bleibt einem erspart, solange man sich nützlich macht.

Eigentlich sollte niemand in einer Kirche wohnen, so viel hatte Hirka begriffen. Jedenfalls niemand wie sie. Sie sagten, dies sei Gottes Haus, aber er war seit Hirkas Ankunft nicht hier gewesen, darum bezweifelte sie, dass er es oft nutzte. Pater Brody hätte sie schon längst hinauswerfen oder die Polizei holen können. Was hatte Jays Mutter noch gesagt? Er hätte die Kinderfürsorge holen können.

Doch das tat er nicht. Nicht, solange Hirka Kleider wusch, auf Kinder aufpasste, Schnee schippte und Einkäufe erledigte. Er hatte sie nie darum gebeten. Sie hatte einfach damit angefangen, so wie sie es in der Teestube bei Lindri gemacht hatte. Nach ein paar Tagen stellte niemand mehr Fragen. Weder, woher sie kam, noch, was sie hier wollte.

Und dennoch, das Gefühl, nach dem sie sich sehnte, blieb aus. Das Gefühl, zu Hause zu sein, eine Familie zu haben. So fühlte es sich nicht an. Es gab viel zu viele Menschen und keiner davon wusste, aus welcher Familie sie stammte. Sie war immer noch eine Fremde in einer wahnsinnigen Welt.

Jedes Mal, wenn die Eindrücke sie zu überwältigen drohten, konzentrierte sie sich auf etwas, das sie kannte: auf den Einkaufszettel, den sie in der Hand hielt; das Gefühl von Papier, fast genauso wie zu Hause; winterkahle Bäume in Gärtchen in einer hektischen Stadt. Oder Dinge, die neu waren, ihr aber gefielen. Das Geräusch von Stiefeln auf pappigem Schnee. Stiefel waren eine gute Sache. Sie gingen nicht kaputt, wurden nie nass. Sie hatte ein Paar gelbe, die sie von Pater Brody bekommen hatte.

Gelbe Stiefel. Was für eine Welt.

Sie holte tief Luft und ging in das Geschäft. Das Licht stach in den Augen. Menschen hatten unfassbar viel Licht. Laternen entlang der Straßen, in den Fenstern. Sie waren umgeben von Feuer ohne Flammen.

Sie ging zum Tresen und lächelte so breit wie möglich die Frau an, die ihr beim letzten Mal geholfen hatte. Es war wichtig, fröhlich und zufrieden auszusehen. Und es war wichtig, etwas nicht zu sehr zu wollen. Nichts konnte Türen so erfolgreich schließen wie Verzweiflung.

Die Frau erwiderte das Lächeln. Sie war füllig und trug einen engen Gürtel um den Bauch, durch den sie wie eine Sanduhr aussah. Hirka hatte den Einkaufszettel auswendig gelernt, ihn zur Sicherheit aber mitgenommen. Die Frau war ihr behilflich, Kaffee, Kekse, Klopapier und andere Dinge zu finden, die sie in der Kirche brauchten. Grauenvollen Tee. Hirka hatte ihn probiert und hätte ihn nicht einmal ihrem ärgsten Feind vorgesetzt. Wurde alles so, ohne die Gabe?

Die Frau legte die Quittung in ein Buch und Hirka durfte die Waren mit nach draußen nehmen. Jetzt war es dunkler und Wind war aufgekommen. Schnee häufelte sich auf die Straßenlaternen. Sie zog die Kapuze des Regenponchos über. Es war eine Art Umhang, nicht besonders warm, aber er wog überhaupt nichts und man wurde nie nass. Und sie konnte ihn so klein zusammenrollen, dass er Platz im Mund gehabt hätte. Sie hatte es ausprobiert, nur um zu sehen, ob es ging. Zu Hause hätte ihr das niemand geglaubt.

Sie blieb plötzlich stehen. Im Café direkt vor ihr saß eine bekannte Gestalt. Sie drückte sich an die Wand und spähte durchs Fenster. Der Mann im Café hatte sie nicht gesehen. Das war derselbe Mann, der auf der Bank bei der Kirche gesessen hatte. In Lederjacke und grauem Pullover mit Kapuze. Er saß mit dem Rücken zu ihr.

Hirka schlich um die Ecke und stellte sich an ein anderes Fenster. Jetzt konnte sie ihn besser sehen. Er hielt eine Tasse in der einen und ein Telefon in der anderen Hand. Er war vielleicht doppelt so alt wie sie. Bürstenhaarschnitt und Dreitagebart. Er saß auf einem hohen Hocker und wippte mit dem Fuß.

Sie stellte den Beutel auf dem Boden ab und beugte sich weiter vor. Von ihrem Atem beschlug die Scheibe.

Er drehte sich um und guckte sie direkt an. Hirka schnellte vom Fenster zurück. Sie bekam heiße Wangen. Kurz überlegte sie, ob sie winken oder weglaufen sollte. Sie lief weg.

Ihre Stiefel klatschten im Schneematsch, im Takt mit ihrem Herzschlag. War er der Einzige? Hatte sie nicht auch schon andere gesehen? Leute, die sie auf der Straße heimlich anstarrten? Leute, die sich an der Kirche herumtrieben, aber nicht hineingingen? Fiel sie wirklich so sehr auf, dass das ein Grund war, sie anzuglotzen?

Sie entdeckte plötzlich den Kirchturm und ihr fiel der Einkaufsbeutel wieder ein. Der war noch vor dem Café. Sie blieb stehen und erinnerte sich, dass ihr so etwas früher schon einmal passiert war.

Die Erinnerung kam. Vater im Rollstuhl. Die Hütte. Hirka hatte auf der Treppe gestanden und den Korb mit den Kräutern an der Alldjup-Schlucht vergessen. Bei der abgestürzten Tanne, von der Rime sie gerettet hatte.

Eine Kerbe für mich, wenn ich dich heraufziehe.

Die Bilder waren so lebendig, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Sie schluckte. Das war in einem anderen Leben. In einer anderen Zeit. In der Welt, die sie nie wiedersehen würde.

Sie machte kehrt und ging zurück zum Café, vermied, andere anzusehen, starrte auf die gelben Stiefel hinunter, für den Fall, dass sie ihm über den Weg laufen sollte. Dem Mann mit dem Kapuzenpullover.

Der Einkaufsbeutel samt Inhalt stand da, wo sie ihn abgestellt hatte, gleich vor dem Fenster. Eine dünne Schneeschicht hatte sich daraufgelegt. Hirka linste ins Café. Er war nicht mehr da. Zum Glück. Erleichtert nahm sie den Beutel und machte sich auf den Weg zurück zur Kirche.

Plötzlich packte sie jemand, zog sie mit gewaltiger Kraft rückwärts, in eine dunkle Gasse zwischen zwei Häusern. Sie wollte schreien, doch der Schrei wurde von einer Hand auf ihrem Mund erstickt. Sie wurde an die Wand gedrückt, neben einem Müllcontainer. Seine Hand schmeckte nach Tabak. Hirka war wie gelähmt. Kalt. Ihr schlug das Herz bis zum Hals und sie rang nach Luft. Der Beutel glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Kekse und Äpfel rollten in den Schneematsch. Der Mann aus dem Café starrte sie wie ein wildes Tier an. Er sagte etwas, aber die Worte waren nicht zu verstehen. Hirka trat nach ihm. Er schob seine Hand zu ihrem Hals hinab und drückte zu, bis sie aufhörte, sich zu wehren. Das half. Sie durfte wieder atmen.

Sie warf einen Blick auf die Straße. Sie standen in einer Nische in der Wand, soweit sie das in ihrer Lage feststellen konnte. Leute gingen vorbei. Sie sahen nicht hin, konnten nicht helfen. Hirka beugte sich vor und schrie. Der Griff um ihren Hals wurde wieder fester. Eine Frau im Pelzmantel warf ihnen einen Blick zu und hatte es eilig weiterzukommen. Als habe sie nichts gesehen. Aber das hatte sie. Hirka wusste, dass sie sie gesehen hatte. Dennoch ging sie weiter. Das Gefühl der Hoffnung verfinsterte sich zu Verzweiflung.

Der Mann zog etwas aus seinem Gürtel und presste es ihr an die Schläfe. Etwas Kaltes. Aber es war kein Messer, das war das Wichtigste. Sie war etwas erleichtert. Er knurrte wieder Worte. Es klang wie eine Frage, aber er sprach viel zu schnell, als dass sie ihn hätte verstehen können.

Hirka schluckte, spürte, wie ihre Halsmuskeln gegen seine Umklammerung kämpften. »Ich versteh nicht … Ich spreche schlecht.«

Er wirkte plötzlich verunsichert. Ihr fiel eine Narbe auf, die seine Lippe auf einer Seite etwas nach oben zog. Er ließ ihren Hals los und drückte ihr seinen Daumen auf die Lippen.

»Nein!« Hirka warf den Kopf zur Seite, aber er drehte ihn wieder zurück. Er war stark. Er schob ihre Oberlippe mit dem Daumen hoch, starrte auf ihre Zähne. Er sah jetzt weniger bedrohlich, eher verwirrt aus. Das war so seltsam, dass Hirka kurz ihre Angst vergaß. Sie kam sich wie ein Pferd auf dem Viehmarkt vor.

Sie schob die Hand in die Tasche und umklammerte die Blutsteine. Die durfte sie nicht verlieren. Dann hätte sie nichts mehr. Nichts, was sich zu Geld machen ließe. Nichts von Wert.

Die Bewegung weckte seine Aufmerksamkeit. Er riss ihr die Hand wieder aus der Tasche. Hirka versuchte, eine Faust um die Steine zu machen, aber er hatte sie sich schon geschnappt. Er nahm sich nicht die Zeit, sie zu studieren, sondern steckte sie sich selbst ein. Blickte sich um, als sei er am falschen Ort.

Dann ließ er Hirka los, ging rückwärts. Dabei trat er aus Versehen auf eine Kekspackung und zuckte zusammen, als sie unter seinem Fuß zerdrückt wurde.

»Das macht nichts!«, sagte sie eilig. »Wir haben noch mehr.«

Er sah sie an, die Stirn gerunzelt, zog sich in die dunkle Gasse zurück, kehrte ihr dann den Rücken zu und verschwand draußen auf der anderen Straßenseite.

Hirka blieb gegen die Wand gelehnt stehen und atmete. Die Angst steckte ihr noch immer kalt in den Knochen, wollte nicht nachlassen. Sie erinnerte sich. An die Kerkerschächte in Eisvaldr. An den Mann, der sie mit Gewalt nehmen wollte. Damals bestand kein Zweifel, worauf er aus war. Jetzt hatte sie nicht den geringsten Schimmer, was ablief. Das war schlimmer. Sie wusste nichts. Und in einer ganz neuen Welt war alles möglich. Absolut alles.

Sie rutschte an der Wand hinab, sank auf den nassen Asphalt. Die Kekspackung lag vor ihr. An einem Ende platt getrampelt. Der Geruch von saurer Milch sickerte aus dem Container zu ihr hinunter. Sie wollte nach Hause, wollte einfach nur nach Hause. Nach Ymsland, nach Elveroa, zu Vater.

Vater ist tot. Die Hütte ist abgebrannt. Es ist vorbei.

Warum war sie hergekommen? Sie gehörte hier nicht her. Sie hasste diesen Ort. Hasste ihn. Das Licht. Die Gerüche. Die Geräusche. Den vielen Lärm. Und trotzdem war alles tot.

Ein Ort ohne Gabe. Eine kalte Welt voll fürchterlichem Leben.


Die Versuchung

Sie waren offen gewesen. Die Tore.

Rime hatte gesehen, wie die Landschaft zwischen den Steinen durchschimmerte. Hatte das Gras gesehen, wie es sich neigte im Sog von einem unbekannten Ort. Er war von der Leere verschluckt worden, wo die Welt aufhörte zu bestehen. Und er war im Ritualsaal wieder herausgekommen.

An einer Stelle hinein, an einer anderen hinaus. Die Tore waren wach gewesen und man müsste sie wieder aufwecken können. Nur für einen kurzen, ungefährlichen Augenblick. Des Beweises wegen. Des Wissens wegen.

Ihretwegen.

Rime schritt die Regalreihen in der Bibliothek auf der Suche nach einer Antwort ab. Ihm kam der Gedanke, dass man, wollte man die Geheimnisse des Rates verstecken, nichts weiter zu tun brauchte, als sie hier unterzubringen. In aller Öffentlichkeit. Es würde dennoch Mannesalter dauern, um sie zu finden.

Gespräche wurden hier nur wenige geführt, und die auch lediglich gedämpft. Durch eine angelehnte Tür drang das Kratzen von Federn auf Papier. Er fragte sich, was da wohl niedergeschrieben wurde und ob es der Wahrheit entsprach.

Rime ging zur Galerie, die den Schacht mit Tageslicht von den Dachfenstern umkränzte. Grau gekleidete Hirten und Hirtinnen kletterten auf langen Leitern zwischen den Stockwerken umher und segelten im ganzen Rund auf Gleitschienen dahin. Er hoffte, jemand von ihnen könnte ihm den richtigen Weg weisen, zu den Büchern über die Gabe. Rime hob die Hand, um zu fragen, als ihm eine Frau im untersten Stockwerk auffiel. Sie stach durch ein feuerfarbenes Kleid hervor, schaute sich mit geschmeidigen Bewegungen um, graziös, suchend. Ihr Blick traf seinen. Sie kam ihm bekannt vor. Rime merkte, dass er sie anstarrte, und drehte sich zu einem Lesepult am Geländer um.

Dort lag das Buch des Sehers, schamlos offen. Es entblößte die Lügen, als sei nichts geschehen. Er spürte einen Stich der Enttäuschung darüber, dass immer noch Leute darin lasen. Aber selbstverständlich taten sie das.

Er ließ seine Finger den Einband entlanggleiten, der sich schon fast aufgelöst hatte. Dieses Buch war schon lange vor seiner Geburt hier gewesen. Lange vor Ilume. Ihr einziger Wunsch war es gewesen, ihn im Rat zu sehen. Zu wissen, dass er die Vergangenheit mit der Zukunft verband, indem er auf dem Stuhl saß. Aber kaum auf diese Weise. Veränderung war nie ihre Sache gewesen. Sie hätte ihn lieber enterbt, als den Seher fallen zu sehen. Diese göttliche Vorstellung, die eine ganze Welt tausend Jahre lang getragen hatte.

Wie viele falsche Götter hatte es vor dem Raben gegeben? Wie viele neue würden noch kommen?

Es reizte ihn, im Buch zu lesen. Als ob sich jetzt etwas anderes offenbaren würde als vorher. Rime erinnerte sich aus seiner Kindheit an jedes Wort.

So groß war das Herz dessen, der sah, dass er sie alle in seiner Gnade darin aufnahm. So tief war die Trauer um die Gefallenen, dass seine Tränen sie wieder reinwuschen. Frei von Schuld waren sie, als sie ihrem Seher gegenübertraten, und er sprach zu ihnen: ›Alle Macht der Erde ist mir gegeben.‹

Frei von Schuld? Was für ein Witz … Und wer nach dem Krieg die Macht bekommen hatte, stand zweifelsfrei fest. Rime blätterte um.

Und der Baum wuchs hinauf in den Himmel, blutschwarz und voller Kraft von allen, die ihre Leben geopfert hatten. Nach seinem Willen formte er ihn, nach seinem Herzen, um den Ymlingen zu dienen, und er sprach: ›Hier ist mein Thron.‹

Rime schaute sich um. Er fühlte sich beobachtet. Und unerwartet überkamen ihn Schuldgefühle. Er hatte diesen Baum zerschlagen. Den Thron des Sehers. Die Erinnerung war gnadenlos lebendig. Regen aus schwarzem Glas. Ilume, die zu Boden sank. Das Geräusch seines eigenen Herzschlags. Urd. Und Hirka …

Er schlug das Buch zu. Er hatte Lügen satt. Jetzt brauchte er Wahrheit.

Rime fand eine Hirtin, eine grauhaarige Frau mit Tintenflecken an den Fingern, und fragte sie nach Büchern über die Gabe.

»Zwei Stockwerke nach oben«, antwortete sie und zeigte ihm den Weg. »Der Bereich im Südwesten, Regal zwölf. Ich hole gern die Bücher her, die du suchst.«

»Danke, aber ich suche gern«, antwortete er. Sie lächelte herzlich, als hätten sie etwas gemeinsam.

Rime stieg die Treppen hoch. Er fand das zwölfte Regal und ging es ab. Hier standen hauptsächlich Gedichtbände. Über die Gabe, über die Natur, über die Liebe. Aber hier gab es auch andere Dinge … Er zog ein Buch mit einem grünen Einband heraus. »Ursprung« hieß es. Er spürte, wie es überall im Körper kribbelte. Erwartung. Hoffnung. Die Seiten waren so dünn, dass er fürchtete, sie könnten zwischen seinen Fingern schmelzen. Er begann zu lesen. Ungeduldig.

Die Gabe, die Quelle des Lebens … War aus alter Zeit hier … Kam mit den Ersten. Mit der Schöpferkraft … Das Gleichgewicht.

Er übersprang Wörter, Absätze, ganze Seiten. Dies hier war nichts Neues. Aber dann …

… Das Verlangen der Nábyrn nach der Gabe kostete so viele das Leben, dass daraus die Redensart ›eine Leiche für jeden Raben‹ entsprang. Ich jedoch bin der Überzeugung, dass der Tod, den sie verursachten, uns auch die Stärke verlieh, die wir brauchten, um sie zu bekämpfen. Tod bekämpfte Tod. Der Seher selbst ist ein Blinder und formt die Gabe so, wie es kein Ymling vermag. Nichtsdestotrotz ist Blindwerk in allen Winkeln von Ymsland gefürchtet und verachtet. Die Gabe – so wie die Blinden sie gebrauchten – wird als Spott betrachtet. Sie wird zu sehr mit ihnen in Verbindung gebracht. Mit Verrottung und Zerstörung. Sogar mit dem Verlust unserer Seele, behauptet das Volk unter dem Eis im Norden.

Rime schloss das Buch.

Blindwerk. Die Gabe – so wie die Blinden sie gebrauchten.

Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. Wie rasch sie sich bewegen konnten und den Wasserfall, der zu Sand wurde. Über den Rand floss wie in einem Stundenglas. Was war es denn anderes als Blindwerk? Zauberei. War es nur Blindwerk, das die Steine aufwecken konnte? Urd hatte es getan …

Rime hörte hinter sich einen Knall und zuckte zusammen. Drehte sich um. Da stand sie. Der Frau, die er vorhin gesehen hatte, war ein Buch auf den Boden gefallen. Was war er eigentlich für ein Schwarzrock, dass er nicht mehr wusste, was im selben Raum geschah? Er reichte ihr das Buch. Sie lächelte und schaute unter schweren Augenlidern zu ihm hoch. Den Blick kannte er. Selbstsicher. Anziehend. Doch die Tändelei wirkte nicht gespielt. Schien Teil ihres Wesens zu sein. Ihre Lippen waren ungewöhnlich voll. Als forderten sie zur Berührung auf. Es war schwierig, sie nicht anzustarren.

»Ich habe dich schon einmal gesehen«, sagte er.

Sie nahm das Buch entgegen. Legte es oben auf die anderen, die sie trug, und schlüpfte an ihm vorbei. Ihr Arm streifte ihn. Er roch den Duft von Blumen. Sie ging zur Galerie. Ihr Schwanz schwang bei jedem Schritt hin und her. Er war mit klirrenden Ringen geschmückt. Das Haar hing ihr bis zur Mitte des Rückens herab, dicht und glatt, in der Farbe von Kohle.

Sie schaute über die Schulter zurück.

»Ich habe für dich getanzt, Rabenträger«, sagte sie so sanft, als sei das die erste Zeile eines Gedichts.

Er folgte ihr und wusste, dass sie genau das wollte. Sie legte die Bücher auf ein Lesepult, zwei Bücher über Tanz und eins, von dem er den Titel nicht erkennen konnte.

»Für mich hat niemand mehr getanzt, seitdem ich ein Junge war«, entgegnete er.

»Hast du deine eigene Weihe vergessen, Rabenträger?«

Sie hatte recht. Jetzt fiel es ihm ein: der Tag, an dem er Rabenträger wurde, das Fest, die Tänzerinnen auf der Treppe.

»Rime, mein Name ist Rime.«

»Ja, wir haben wohl keinen Raben mehr, der getragen wird …«

Ihre Worte waren befreiend direkt. Die Haare fielen ihr nach vorn über die Schulter und sie strich sie mit einer schmalen Hand wieder zurück. Diese kleine Bewegung war an sich schon ein Tanz. Alles, was sie tat, schien eine Geschichte zu erzählen. Unschwer konnte er sich vorstellen, dass Männer bereit waren, viel Geld zu bezahlen, um sie tanzen zu sehen.

Am Hals war ihre Bluse offen. Der Stoff floss über ihre Brust auf eine Weise, die unmöglich nicht ins Auge fallen konnte. Sie stapelte die Bücher neu. Das Buch, dessen Titel er nicht hatte erkennen können, lag jetzt oben. »Die Kunst der Lust« stand darauf zu lesen, über einer Zeichnung von einem Mann und einer Frau in einer unmöglichen Stellung.

Rime fühlte sich plötzlich verunsichert. Wie in einem Kampf, wie in dem Augenblick, in dem der Gegner die Oberhand gewann. Er räusperte sich, wandte sich zum Gehen. Sie hielt ihn mit einer warmen Hand auf seinem Arm auf.

»Ich bin Damayanti«, sagte sie. »Aber das weißt du ja schon.«

Er schaute sie wieder an. »Nein. Vergib mir, wenn ich es wissen sollte.«

Sie fuhr sich mit einem Finger über die Lippen, wie um in ihn hineinzubeißen. Doch das tat sie nicht. »Wirklich nicht? In dem Fall sagt das einiges über dich aus.«

Ihr Blick fiel auf das Buch, das er in der Hand hielt. »Aber ich habe von dir gehört, Rabenträger. Wonach du suchst, steht in keinem Buch. Und die es wissen, würden kaum wagen, es zu flüstern.«

Sie nahm ihre Bücher, drückte sie an die Brust und kehrte ihm den Rücken zu. »Aber das gilt nicht für alle. Komm doch mal vorbei und schau dir an, wie ich tanze. Rime.«

Sie ging. Er folgte ihr mit Blicken. Sie hatte von ihm gehört. Das hatten alle, doch er dachte nur selten darüber nach, was genau sie gehört hatten. Jetzt war unfreiwillig seine Neugier geweckt. Der Rat wollte, dass er eine Familie gründete, sich eine Frau nahm. Was würden sie sagen, wenn er mit einer Frau wie Damayanti ankam? Mit einer Tänzerin?

Sie würden die Vorstellung hassen. Sie würden toben, drohen, würden sich die wenigen Haare, die noch übrig waren, raufen.

Rime konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.


Schädling

Der Apfel war frisch und grün. Kein bisschen schrumpelig oder schimmelig, nicht das kleinste Anzeichen von Fäulnis. Nach wie vielen Wochen? Nach vielen …

Hirka drückte mit dem Finger auf die Schale, aber sie gab nicht nach. Draußen auf dem Friedhof spreizten die Bäume ihre kahlen Äste, aber dennoch hatte sie einen Apfel, der aussah, als hätte man ihn gestern erst gepflückt.

Sie legte ihn auf das Fensterbrett. Die anderen konnten machen, was sie für richtig hielten, aber sie würde nicht in etwas beißen, das sich weigerte zu sterben. Sie war doch nicht dumm. In den Märchen war so etwas immer vergiftet.

Kuro scharrte mit den Krallen in der Schublade. Er schlief. Das war alles, was er in letzter Zeit tat. Er aß auch kaum noch. Genauso wenig wie sie. Sie kniete sich auf die Matratze und tickte leicht seinen Schnabel an. »Du kannst hier nicht nur rumliegen«, sagte sie, ohne dass sie sich ganz sicher war, ob sie damit sich oder den Raben meinte. Immerhin war sie schon seit Tagen nicht mehr draußen vor der Kirche gewesen. Die Erinnerung an den Mann mit der Kapuze war immer noch viel zu frisch. An seine Hand, die nach Tabak geschmeckt hatte. An die Kraft in seinen Armen, an die Stimme.

Ja, sie hatte es unbeschadet überstanden und sie hatte schon Schlimmeres überlebt, viel Schlimmeres. Aber das half nichts. Sie war nicht sie selbst in dieser sinnlosen Welt. Sie fühlte sich so allein, so wehrlos.

Schwarzfeuer hätte sich kaputtgelacht, wenn er sie in der dunklen Gasse gesehen hätte. »Das soll ein Tritt sein?«, hätte er gefragt. Sie lächelte in sich hinein. Wenn sie den Mann mit dem Kapuzenpulli das nächste Mal sah, würde sie ihm mit dem Ellenbogen die Nase brechen.

»Ich weiß, hier ist alles anders, aber wir müssen das Beste draus machen, stimmts?« Kuro rührte sich nicht. »Wir haben ein Dach über dem Kopf, Essen, Arbeit, für die wir Geld kriegen. Begreifst du, was das bedeutet? Wir verhungern nicht.« Sie stellte die Stiefel vor ihm auf den Boden. »Guck dir die mal an. Und die Farbe erst!« Kuro hob nicht ein Augenlid. Sie stand auf und zog die Stiefel an. »Das verzeihe ich dir nie, wenn du krank wirst. Nur damit du’s weißt, du Flattermann.«

Die Worte wurden in ihrem Mund zu Mus. Es brachte nichts, wenn sie ihre Angst noch länger für sich behielt. Sie musste Pater Brody um Hilfe bitten. Er war nett. Und er musste doch jemanden wissen, der sich mit Raben auskannte.

Hirka stieg die Turmtreppe hinab. Das Gemäuer war an vielen Stellen verwittert und mit Holzbalken ausgebessert worden. Das gefiel ihr. Holz auf Stein. Die Bauweise der Kirchen. Das war eins der wenigen Dinge, die sich hier echt anfühlten. Wie die Erinnerung an zu Hause.

Das hier ist jetzt zu Hause.

Als sie unten angekommen war, hörte sie Schritte aus der Kirche und drückte sich unwillkürlich an die Wand. Diese Angewohnheit abzulegen, würde ihr nie gelingen. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf, öffnete dann die Tür und kam hinter dem Altar heraus. Pater Brody lächelte ihr zu. Wenn er lächelte, sah er immer aus, als müsse er dringend pinkeln. Er hatte rote Flecken im Gesicht, trug ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose. Keinen Kittel.

»Mit Kuro stimmt was nicht«, sagte Hirka.

»Kuro?« Er zog eine Augenbraue hoch. »Ach, der Vogel.«

»Er ist krank und ich habe nichts, womit ich ihm helfen kann.«

»Ich verstehe. Ich verstehe.«

Hirka wusste, dass er überhaupt nichts verstand, aber immer sagte, dass er es tue.

»Hast du?«, fragte sie.

»Habe ich was?«

»Etwas, das ihm helfen kann?« Hirka versuchte, ihre Angst nicht durchscheinen zu lassen, aber sie schien nur noch größer zu werden, wenn sie darüber sprach.

»Nein. Nein, ich glaube nicht. Was fehlt ihm denn?«

»Er rührt sich nicht, isst nicht. Wir müssen was tun.«

Pater Brody nickte. Er hatte blaue Augen. Die sahen jünger aus als der Rest von ihm. »Ich kann jemanden fragen. Einen Veterinär. Das ist ein Arzt für Tiere. Wir können anrufen, nachdem … Ich wollte dich gerade holen. Es kommt gleich jemand, der mit dir sprechen will.«

Er sagte das, als sei es die alltäglichste Sache der Welt, doch sofort überkam sie Unruhe. Warum sollte jemand mit ihr reden wollen? Sie kannte fast niemanden von denen, die hier herumliefen. Außer Jay.

Und ihre Mutter. Dilipa, die dich am liebsten von hier weghaben will.

Hirka nickte. Sie musste das Wichtigste zuerst anpacken. »Kannst du jetzt anrufen? Diesen Arzt für Tiere?«

Pater Brody wurde noch etwas röter im Gesicht. Er sah aus, als dächte er über ein Nein nach, aber sie glaubte nicht, dass er das Wort überhaupt aussprechen konnte. »Selbstverständlich, selbstverständlich.«

Er holte das Telefon heraus und wählte. Hirka biss sich auf die Unterlippe. Es musste hier jemanden geben, der helfen konnte. Doch dann fiel es ihr plötzlich wieder ein. Der Mann in der dunklen Gasse. Die Frau im Pelzmantel, die sie gesehen hatte, aber schleunigst weitergegangen war, als wäre nichts passiert, als ginge sie das nichts an. Es war nur ein flüchtiger Augenblick gewesen, aber der leere Blick der Frau allzu deutlich. Der Schmerz, als Hirka erkannt hatte, dass sie nicht eingreifen, nicht einmal etwas sagen würde.

Hirka wusste es jetzt. Sie konnte so vielen helfen, wie sie wollte, aber wenn es darauf ankam, dann stand sie trotzdem allein da.

Wo Leute sind, ist auch Gefahr.

»Ja, es ist ein Rabe, das stimmt doch, oder, Hirka?« Ihr Name riss sie aus ihren Gedanken. Pater Brody schaute sie an, während er telefonierte. »Entweder ein Rabe oder wahrscheinlich eher ein großer Krähenvogel.«

»Es ist ein Rabe«, sagte Hirka.

»Ja, sicher? Ja, sicher?« Pater Brody nickte vor sich hin. »Wirklich? Danke, danke. Nein, ich verstehe. Danke trotzdem.« Er steckte das Telefon wieder in die Tasche.

»Was sagen sie?« Hirka trat einen Schritt näher.

»Sie sagte, sie behandeln keine Schädlinge.«

»Schädlinge?« Hirka verstand das Wort nicht.

»Ja, also … solche Tiere. Tiere, die man nicht in seiner Nähe haben will. Tiere, die Schaden anrichten können.«

»Sie wollen ihn also sterben lassen?«

»Sie schläfern sie normalerweise ein. Man soll sie nicht im Haus halten, das ist nicht erlaubt, aber ich habe gesagt, du hast ihn draußen gefunden.«

»Du hast gelogen, für mich?«

»Nein, nein, nein, soweit ich weiß, ist es wahr!« Pater Brody versuchte, wieder zu lächeln. Er sah immer noch so aus, als müsste er dringend pinkeln.

Hirka setzte sich ganz außen auf die Kirchenbank.

Schädlinge. Tiere, die man nicht haben wollte. Mochten sie doch alle im Draumheim verfaulen, jeder einzelne Mensch.

Die Kirchentür hinter ihnen knarrte.

»Pater Brody?« Eine dunkelhäutige Frau kam herein. Sie hatte einen engen, karierten Rock an und trug einen Ordner, den sie an ihre Brust drückte.

»Oh, ja. Trudy …« Pater Brody sah Hirka an. »Das ist Trudy, sie will dir nur ein paar Fragen stellen. Das ist nicht gefährlich und ich hätte nie … aber die Leute fangen an, Fragen zu stellen, und wir müssen …«

»Leute?« Hirka wusste, wer mit Leute gemeint war. Dilipa, Jays Mutter. Für sie war Hirka ein Schädling. Etwas, was man nicht haben wollte. Hirka wartete auf einen Stich von Trauer, aber der kam nicht. So war das hier eben. Das hatte sie jetzt gelernt.

Die Frau mit dem karierten Rock reichte ihr die Hand. »Ich bin Trudy. Können wir kurz miteinander sprechen?«

»Ich spreche nicht gut Englisch. Noch nicht«, antwortete Hirka und rutschte noch weiter ans Ende der Bank. Von dort konnte sie leichter weglaufen, wenn es nötig werden sollte. Die Frau sagte, woher sie kam, aber das klang in Hirkas Ohren nur wie zufällig aneinandergereihte Laute. Trudy setzte sich neben sie und sagte etwas in mehreren Sprachen.

»Kennst du keine dieser Sprachen, Hirka?« Die Frau guckte sie an, als sei Hirka ein kleines Kind. Hirka schüttelte den Kopf. »Ich wohne hier. Ich spreche Englisch.«

Trudy warf Pater Brody einen besorgten Blick zu. Er zuckte mit den Schultern. »Wir haben alles versucht. Niemand konnte ein Land nennen, von dem sie wenigstens schon einmal gehört hat. Am Anfang hat sie ihre eigene Sprache gesprochen, aber dazu haben wir sie danach nicht mehr ermuntern können.«

Hirka blickte sich um und tat, als verstünde sie das Gespräch nicht. Es gab einen guten Grund, warum sie ihre eigene Sprache nicht mehr sprach. Denn das veranlasste alle zu fragen, woher sie kam, und wenn sie die Wahrheit sagte, hielt man sie für verrückt oder für ein bisschen gestört. Wie Vetle. Mit dem Gedanken an Vetle überkam sie eine Lawine aus Erinnerungen: Ramoja, Eirik, das Rauschen von Flügelschlägen, wenn die Raben jeden Morgen über Ravnhov flogen.

Sie schaute hinaus in den Himmel, aber er war hier kahl. Leer. Rabenlos.

Pater Brody sprach weiter: »Wir hatten mal einen Norweger mit Verwandtschaft auf Island hier. Er sagte, da gebe es gewisse Ähnlichkeiten, aber er verstand kein Wort von dem, was sie sagte. Wir sind ziemlich sicher, dass sie das Gedächtnis verloren hat. Kann sein, dass sie eine eigene Sprache erfunden hat. Das ist doch möglich, oder?«

Trudy blätterte in ihren Papieren. »Wie heißt das da, woher du kommst?«

Hirka presste die Lippen aufeinander. Sie hatte sich früher schon einmal hereinlegen lassen. Aber diese Frau hatte nicht vor, so schnell aufzugeben. »Wie alt bist du?« Die Frage hatte etwas Bedrohliches, aber sie konnte nicht mehr so tun, als verstünde sie kein Wort. Pater Brody antwortete für sie. »Sie sagt, sie sei sechzehn.«

Die Frau sah – falls überhaupt möglich – noch besorgter aus. Trotzdem lächelte sie breit. Davon lief es Hirka kalt den Rücken hinunter. »Deine Eltern, Hirka. Wo sind sie?«

Endlich konnte Hirka ehrlich sein. »Ich dachte, sie wären hier.«

Das ermutigte Trudy. »Haben deine Mutter und dein Vater gesagt, dass sie hier wären?« Hirka schüttelte den Kopf.

»Wie heißen sie?«

»Ich weiß nicht.«

Trudy seufzte und stand auf. »Kann ich mit Ihnen unter vier Augen sprechen, Pater? Ich weiß nicht, was ihr zugestoßen ist, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass es zu einer Art Trauma geführt hat.« Sie gingen den Mittelgang entlang, während sie sich miteinander unterhielten. Hirka saß unbeweglich da und lauschte den Stimmen, die sich in den Neubau entfernten. Sie hörte, wie die Tür hinter ihnen zuschlug, und stand auf. Lief zur Turmtür. Sie nahm drei Stufen auf einmal bis ganz nach oben ins Turmzimmer. Sie schaute sich fieberhaft um nach etwas, womit sie die Treppe versperren konnte, aber das war ein dummer Gedanke, natürlich. Sie lehnte sich an die Wand.

Alles war vorbei. Sie war hergekommen, weil sie glaubte, sie gehöre hierher. Weil sie ein Mensch war. Eine von ihnen. Aber hier war es genauso wie in Ymsland. Sie wurde auch hier gejagt, war auch hier eine Fremde. Und diese Frau saß nun unten im Café und erklärte Pater Brody, dass sie hier nicht wohnen konnte, dass die Polizei kommen würde, um sie zu holen. Dann würden sie sie wohl auch einschläfern. Wie einen Schädling.

Der Beutel? Wo war ihr Beutel? Der stand neben der Kommode. Hirka riss ihn an sich. Stopfte die Kleider, das Notizbuch, die Lederbeutel mit den Kräutern hinein. Was noch? Die Tasse. Den Spiralstein, den Hlosnian ihr geschenkt hatte, in Elveroa. Bevor alles zum Draumheim ging. Bevor Vater starb. Sie fuhr mit dem Finger die Rillen entlang. Der Steinflüsterer hatte gesagt, die Gabe selbst habe ihn gemacht. Lange bevor es Leute gab. Sie ließ ihn in einen Beutel plumpsen. Die Pflänzchen auf dem Fensterbrett mussten zurückbleiben. Sie konnte sie nicht mitnehmen.

Dann nahm sie Kuro auf den Arm. Er war schlapp. Wärmer, als er sonst war. Sie versuchte, ruhiger zu atmen. »Du kannst jetzt nicht krank werden. Wir können nicht hierbleiben. Verstehst du?« Sie schüttelte ihn vorsichtig, aber er schloss nur die Augen. Sie glichen bleichen Würmern auf dem Kohlschwarzen. Sie legte ihn zurück in die Schublade, lehnte den Kopf an die Kommode. Sie musste warten, bis es Nacht war. Sie konnte ihn in einem Karton aus dem Café mitnehmen. Bis dahin musste sie den Schein wahren, Pater Brody überzeugen, dass alles in Ordnung war. Sie schloss die Augen und holte so tief sie konnte Luft. Wenn sie nicht nach unten ging, würde Pater Brody hochkommen. Ihr blieb keine andere Wahl.

Sie stieg die Treppe wieder hinab. Draußen war es windig. Es hörte sich an, als schwebe ein Gespenst heulend im Turm hoch. Das machte nichts. Hirka hatte keine Angst vor Gespenstern. Sie war selbst eins.

Pater Brody saß auf der Bank, auf der Hirka vor Kurzem gesessen hatte. Er starrte zum Altar hinauf. Das bedeutete, dass er nicht wusste, was er tun sollte, oder dass ihm nicht gefiel, was er tun musste. Hirka setzte sich neben ihn und zog die Füße unter sich.

»Hmm, hmm«, sagte er und nickte ihr zu, als hätte sie etwas gesagt. Eine Weile war es still. Das Dach knarrte bei jedem Windstoß.

»Es gibt viel, was wir nicht über dich wissen, Hirka«, begann Pater Brody und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Eine Geste, die sie an Vater erinnerte. Das gab ihr einen Stich ins Herz und sie hätte sich am liebsten an ihn gekuschelt, aber sie konnte ihren Gefühlen jetzt nicht freien Lauf lassen. Außerdem käme es ihr wie ein Betrug vor, weil sie trotzdem weglaufen wollte, sobald es Nacht war.

»Genauso viel, wie ich nicht von euch weiß.« Hirka presste ein Grinsen hervor. Das war selten verkehrt. Wenn sonst nichts blieb, konnte ihr ein Lächeln dabei helfen, zu überleben. Pater Brodys Wangen röteten sich noch mehr. Er war für viele Monate ein sicherer Hafen gewesen. Er war ein guter Mann. Sie warf ihm nicht vor, was jetzt geschehen war.

»Du weißt, dass hier kein Ort ist, an dem Leute wohnen«, sagte er. »Das hier ist eine Kirche. Das ist Gottes Haus. Verstehst du, was das ist, Hirka? Was Gott ist?« Er sah beinahe hilflos aus. Hirka wusste nicht, wie sie ihn trösten könnte. Aber sie nickte. Sie hatte früher schon Leute mit Göttern kämpfen sehen. Sie war dabei gewesen, als Rime seinen verloren hatte.

Sein Blick ruhte auf dem Gemälde hinter dem Altar. Ein junger Mann in einem roten Kittel. Er war halb ausgezogen und hatte eine Wunde an der Seite. Ein Mann saß bei ihm und hatte den Finger in die Wunde gelegt. Vielleicht versuchte er, ihn zu heilen. Sie wusste es nicht. Über den Männern schwebte eine weiße Taube.

Hirka schaute Pater Brody an. Er hielt sich an der Rückenlehne der Bank vor ihnen fest und starrte das Bild an, als erwarte er von dort eine Antwort, die nicht kam. Sie legte ihm eine Hand auf den Rücken.

»Pater Brody, ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine ganz normale Taube ist.«


Das Gewächshaus

Hirka saß mit dem Rücken an der Wand und starrte auf die Glocken im Stockwerk über ihr. Sie waren wie schwarze Löcher, groß genug, um sie zu verschlucken, falls sie herunterfielen. Aber sie hingen dort schon lange, umgeben von Zahnrädern und Gebälk und Tauen, die ganz bis auf den Boden reichten, sodass Leute daran ziehen konnten und einen Lärm machten, der alle im Draumheim aufwecken würde. Vielleicht auch Vater.

Sie wollte wieder weglaufen. Das Einzige, was sie wirklich gut konnte: abhauen. Kam es am Ende nicht immer so?

Sie war von zu Hause weggelaufen. Aus der Hütte, aus Lindris Teestube. Sie war aus dem Fenster geklettert und über die Dächer von Mannfalla getürmt. Und in der Nacht, als der Baum des Sehers zerbrach. In der Schicksalsnacht, die alles verändert hatte. Sie erinnerte sich an Rimes Blick, als sie ihn gebeten hatte, ihren Beutel zu holen, ihn gebeten hatte, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um ihn aus den Kerkerschächten von Eisvaldr zu bekommen.

Sie hörte sich selbst lachen. Es wurde zu einem erstickten Schluchzen. Sie rollte sich zusammen, umklammerte den Beutel, um den Schmerz zu betäuben. Die Gedanken brannten. Es war, wie wenn man den Schorf von einer Wunde abreißt, aber sie konnte es nicht bleiben lassen.

Rime. Das weiße Haar. Die Wolfsaugen. Der Kuss.

Sie hatte gewusst, dass es keinen Weg zurück geben, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Aber nie war damals nur ein Wort gewesen. Jetzt war es mehr. Es waren Stunden, Tage, Monate. Nie hatte eine Bedeutung bekommen.

Er war jetzt Rabenträger. In einer Welt, in die sie nicht gehörte. Aber in diese Welt gehörte sie offenbar auch nicht. Vielleicht fühlte es sich aus dem Grund so ungerecht, so schmerzhaft, so unsicher an.

Der Mann mit dem Kapuzenpullover.

Dieser Überfall war kein Zufall gewesen. Er hatte sie beobachtet, auf sie gewartet. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass er nicht der Einzige war. Da draußen war es gefährlich. Und sie hatte keinen Zufluchtsort. Dennoch … Sie konnte nicht warten, bis die Polizei sie abholte. Die Polizisten waren in dieser Welt die Gardisten und sie war früher schon einmal in die Hände der Gardisten geraten. Sie hatte nicht auf ihre Instinkte gehört und war geradewegs in den Ritualsaal gegangen, geradewegs in die Höhle des Löwen. Das würde sie nie wieder machen.

Kuro war jetzt kurzatmig. Er lag bewegungslos auf einem Handtuch in einem Pappkarton. Etwas stimmte nicht. Das konnte sie riechen. Hirka erstickte die Gewissheit und packte ihre übrigen Sachen ein. Etwas Geld von Pater Brody für ihre Hilfe. Den Rest an Tee und Kräutern, die sie noch hatte. Viel war es nicht mehr. Sie musste sparsam sein. Was, wenn sie krank wurde? Nicht dass sie sich entsinnen konnte, je krank gewesen zu sein. Das war der Vorteil, wenn man bei einem heilkundigen Vater aufwuchs.

Widerwillig packte sie auch den unsterblichen Apfel ein. Er war wohl besser, als zu verhungern. Sie zog ihr grünes Strickhemd an. In dem hatte sie alle Abenteuer bestanden und das war dem Stück deutlich anzusehen. Aber es erinnerte sie daran, wer sie war. Das Messer steckte sie so in die Wollsocke, dass es am Stiefelschaft festgeklemmt war. Sie konnte das Messer herausziehen, ohne dass sich das Futteral löste. Sie probierte es mehrmals aus, bis sie sicher war, dass es funktionierte.

Hirka zog den Regenponcho über, setzte die Kapuze auf und schulterte den Beutel. Dann hob sie den Karton mit Kuro hoch, warf einen letzten Blick auf das schöne Fenster und ging die Treppe hinunter.

Es war Nacht und niemand würde sie hören. Trotzdem öffnete sie unten die Tür so leise wie möglich. Die Kirche war ein leerer grauer Raum. Es rauschte da drinnen, als sei das Echo aller Besucher im Lauf der Jahrhunderte dort hängen geblieben. Die Dunkelheit lag zwischen den Bankreihen wie schwarze Abgründe. Die Glasmalereien waren in der Nacht verblasst, hatten die Farben ausgemacht, waren eingeschlafen.

Sie ging den Mittelgang entlang. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verschwand erst, als sie die Ausgangstür erreicht hatte. Sie drehte den Schlüssel um, der im Schloss steckte. Dann wandte sie sich zum Altar um, zu dem Gemälde von der verletzten Gestalt und der Taube, die sie für Odin gehalten hatte. Für den Gott der Menschen. Aber das Ganze war komplizierter, das hatte sie begriffen. Egal, wer der Vogel war, er blieb stumm.

»So … Jetzt hast du dein Haus wieder für dich«, flüsterte sie und schlüpfte hinaus in die Winternacht.


Nachts war die Stadt erträglicher. Ruhiger. Keine Autos. Und die Geräusche, die da waren, verstand man besser. Betrunkene waren Betrunkene, egal, in welcher Welt man sich aufhielt. Das war immerhin etwas. Wenn sie blinzelte, konnte sie sich beinahe vorstellen, sie ginge die Daukattgata entlang zu Lindris Teestube. Bis ein leerer Nachtbus vorbeifuhr und die Illusion zerstörte.

Hirka ließ die Kirche hinter sich und folgte den Straßenlaternen nach Osten. Hielt sich von allen Gassen und Hinterhöfen fern. Versuchte sich selbst immer wieder daran zu erinnern, die Schultern zu entspannen. Sie war allein. Hier war niemand, der hinter ihr her war.

Hirka hatte sich ihre Zeichnung im Buch angeschaut. Die Karte. Sie glaubte, sie würde Jays Haus finden. Sie wusste, dass sie dort nicht bleiben konnte, aber sie musste ihr Bescheid sagen. Jay war nicht so taff, wie sie immer tat. Und Hirka glaubte nicht, dass sie noch viele andere Freunde hatte. Hirka konnte nicht einfach ohne eine Erklärung abhauen. Außerdem hatte Jay vielleicht gute Tipps, wohin sie gehen konnte. Das war ihre einzige Hoffnung.

Die Luft fühlte sich schwer an. Bald würde es anfangen zu schneien. Der Weg gabelte sich und sie wollte zu dem alten Haus, das sich über die Straße neigte. Sie sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Hob den Blick. Was war das? Hatte sie jemanden auf dem Dach gesehen? Hirka hatte im Dunkeln schon immer gut gesehen, aber auch sie konnte sich täuschen. Die Leute hier trieben sich nicht auf den Dächern herum, so viel hatte sie schon mitbekommen. Sie kniff die Augen zusammen, doch der Schatten war fort.

Ob er das war? Der mit dem Kapuzenpulli?

Sie schaute hinunter zu Kuro. Er lag im Karton unter dem Handtuch versteckt und war keine Hilfe. Hirka biss sich auf die Unterlippe, versuchte, die zunehmende Sorge in ihrer Brust zu dämpfen. Sie guckte sich um. Fremde Straßen und Häuser. Eine unbekannte Stadt in einer unbekannten Welt. Was sollte sie machen? Sie konnte nicht zu Jay und ihrer Mutter nach Hause gehen, wenn sie von jemandem verfolgt wurde.

Warum sollte mich jemand verfolgen? Du bist ein Niemand!

Hirka lief die Straße entlang. Zurück in dieselbe Richtung, aus der sie gekommen war. Sie hörte, wie Kuro im Pappkarton kratzte. Er hatte Angst, aber sie traute sich nicht, stehen zu bleiben. Vom Laufen wuchs die Angst. Sie linste zu den Dächern hoch, konnte aber niemanden sehen. Sie entdeckte den Kirchturm wieder. Doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Bis sie die Gestalt auf der anderen Straßenseite sah. Der Mann verzog sich schnell in die Schatten, aber jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Sie wurde verfolgt.

Du bist früher schon gejagt worden. Streng deinen Kopf an!

Was würde sie tun, wenn sie hier die Gabe hätte? Sie würde die Angst auseinandernehmen, daraus Stärke ziehen, sie als das sehen, was sie war, und eine Lösung finden.

Sie überquerte den Friedhof, zwischen den Steinen der Toten hindurch, und schlich auf die Rückseite der Kirche. Wer sie verfolgte, würde glauben, sie sei wieder hineingegangen. Hoffte sie.

Sie schob den Karton oben auf die Friedhofsmauer und zog sich danach an den vereisten Kletterranken hoch. Sie knarrten und drohten von der Mauer abzubrechen, doch sie hielten. Sie sprang auf der anderen Seite hinab und zog den Karton herunter. Sie musste einen anderen Ort finden. Jetzt. Sie versuchte still zu sein, doch beim Ein- und Ausatmen zischte ihre Lunge. Wohin sollte sie gehen? Wohin?

Das Gewächshaus …

Wo Pater Brody ihr die Pflanzen gekauft hatte. Wo man Kräuter anbaute. Auch im Winter. In Gewächshäusern, in denen keine Menschen wohnten. Dorthin konnte sie gehen. Dort wäre es sicher. Erinnerte sie sich noch, wo das war? Sie glaubte schon.

Hirka drückte den Karton fester an sich und begann wieder zu laufen. Sie folgte der Kälte bis hinunter zum vereisten Fluss. Die Bäume zeichneten sich weiß vor dem schwarzen Himmel ab. Die Zeit des Todes. Wäre alles anders gewesen, wenn sie im Frühling hierhergekommen wäre? Wenn alles lebte, spross und sang?

Sie nahm den Pfad am Flussufer entlang, bis sie sich direkt unterhalb des Gartens mit dem Gewächshaus befand. Alles war mit Eis und Schnee bedeckt. Kleine Wasserpfützen waren zu Spiegeln gefroren. Sie zerknackten unter ihren Stiefeln, den ganzen Weg hinauf zum Gewächshaus. Es war durchsichtig gewesen, als sie das letzte Mal hier gewesen war, doch jetzt war das Glas beschlagen. Draußen war keine Menschenseele zu sehen, deshalb musste sie darauf vertrauen, dass auch niemand drinnen war. Ihr blieb keine andere Wahl. Sie musste sich verstecken.

Hirka lauschte. Eine Sirene heulte in der Ferne. Und da war auch noch etwas anderes, ein Surren. Aber das konnte alles Mögliche sein. Alles dröhnte oder rauschte hier. Sie ging an der Glaswand entlang, bis sie die Tür fand. Kuros Kopf lugte unter dem Handtuch im Karton hervor. Sein Schnabel war halb offen. Bewegungslos. Hoffnungslosigkeit hüllte sie ein. Sie konnte ihm nicht helfen. Die Kräuter in ihren Beuteln waren fast aufgebraucht und hier gab es keine neuen Pflanzen, die sie hätte pflücken können. Jedenfalls keine, mit denen sie sich auskannte. Keine, die Kuro helfen konnten. Und Rabner gab es hier auch nicht.

»Alles wird gut. Versprochen«, flüsterte sie.

Sie schob die Tür auf und schlüpfte hinein. Dort war es warm. Ein Weg aus Steinplatten führte durch die Reihen mit den fremden Pflanzen. Alle waren im Dunkeln farblos. Einige glichen Gewächsen zu Hause, aber immer gab es etwas, das anders war. Wie sollte sie etwas von denen hier verwenden? Sie konnten ebenso gut töten wie heilen. Eine ganze Welt von neuen Pflanzen zu bestimmen … Das würde bis zum Ende ihres Lebens dauern.

Bei dem Gedanken überkam sie unerwartete Ruhe. Das wäre zumindest eine sinnvolle Aufgabe.

Sie lief den Weg weiter bis zu einer kleinen Abseite in der hintersten Ecke, wo es noch wärmer war, stickig. Das Surren, das sie gehört hatte, kam von einem Ventilator, der dort über der Tür angebracht war. Die Fenster waren beschlagen, doch den Sternenhimmel konnte sie durchs Dach sehen.

Kuro gab einen Laut von sich, einen halb erstickten Schrei.

»Nein! Hör mal!« Hirka stellte den Karton ab und hob den Vogel heraus. Sein Kopf hing herab, er atmete schnell und stoßweise. Sie drehte ihn um. Tastete den warmen Vogelkörper nach Verletzungen ab, aber das war, wie im Dunkeln zu tappen. Was wusste sie eigentlich über Raben? Nichts.

»Du brauchst nur eine bessere Stelle zum Liegen«, sagte sie mit belegter Stimme. Die Verzweiflung ließ sich nicht länger unterdrücken. Der Rabe auf ihrem Arm fühlte sich immer schwerer an.

Sie entdeckte eine Holzkiste unter einem Arbeitstisch. Sie drückte Kuro mit der einen Hand an ihre Brust, während sie mit der anderen die Kiste hervorzog und umkippte. Gartenwerkzeug, das darin gelegen hatte, fiel scheppernd auf den Steinboden. Es war ihr egal, ob es jemand hörte. Sollten sie doch kommen, wenn sie wollten.

»So, die ist größer. Hier kannst du liegen. Bis du gesund bist.« Sie breitete das Handtuch auf dem Boden aus und legte Kuro vorsichtig darauf. Er sah aus wie ein Haufen Federn. Schwarze Federn auf einem weißen Handtuch. Sein Kopf fiel zur Seite.

»Nein, Kuro! Das darfst du nicht!« Sie fiel auf die Knie, hob ihn wieder heraus. Schüttelte ihn. Sein Kopf sah viel zu schlaff aus, als habe er sich das Genick gebrochen. Irgendetwas musste sie doch tun können! Sie musste ihm helfen. Ihre Aufgabe war es, Kranken zu helfen. Leute gesund zu machen, Dinge zu richten. Sie starrte dem Raben in die Augen und erinnerte sich an alle, die sie hatte sterben sehen. An alle, denen sie nie hatte helfen können. An alle, die die Hütte verlassen hatten, ohne dass Vater oder sie etwas anderes getan hatten, als das Unausweichliche aufzuschieben. Das war nicht gerecht! So sollte es nicht sein!

Vom Weinen lief ihr die Nase und sie wischte sie sich mit dem Pulloverärmel ab. »Das werde ich dir nie verzeihen! Hörst du das?« Kuros ganzer Vogelkörper durchlief ein Zucken und er fiel ihr aus der Hand, sodass er wieder in die Kiste plumpste. Er stieß einen langen Schmerzensschrei aus und flatterte ein bisschen mit den Flügeln, als versuche er sich aufzurappeln. Die Klauen spreizten sich und sein Schnabel öffnete sich zu einem erstarrten roten Schlund. Sein Brustkorb schwoll an, blähte sich wie ein Wasserbeutel. Das hier ging schief! Das hier ging ganz schrecklich schief!

»Kuro …« Sie streckte die Hand nach ihm aus, konnte aber den Arm nicht hochhalten. Alle Kraft im Körper war weg.

Da platzte die Vogelbrust.

Hirka schrie und wich zurück. Sie sah Blut, Knochen.

Kuro zischte. Etwas glänzend Weißes zwängte sich aus seiner Brust. Der Vogelkörper wurde bis zur Unkenntlichkeit gedehnt. Noppige Haut war zwischen den Federn zu sehen, aufgesprungen, kaputt. Hirka schlug sich die Hand vor den Mund, konnte aber ihre hemmungslosen Schluchzer nicht unterdrücken.

So hatte der Tod noch nie ausgesehen. Das hier war ein Parasit. Ein hässlicher Wurm, der in Ymsland nicht vorkam, sondern nur hier. In dieser verhassten Welt. Die hatte ihr den einzigen Freund genommen. Alles, was sie hatte.

Von Kuro blieb in der Kiste nur noch Aas, während sich das Wesen aus ihm wälzte.

Hirka kroch rückwärts, ohne den Blick von dem abwenden zu können, was da passierte. Sie zog sich zwischen die Tische mit den Sprösslingen zurück, drückte sich an die Glaswand. Die war kalt und feucht am Rücken.

Die Kiste flog mit einem Knall auseinander. Holzsplitter wirbelten durch die Luft. Irgendetwas klatschte gleich neben ihrer Wange ans Fenster. Es hatte entfernte Ähnlichkeit mit einem Darm. Es rutschte allmählich abwärts und hinterließ eine Blutspur. Sie hielt sich den Arm vors Gesicht. Sie wollte nicht hinsehen. Sie dachte an Vetle, wie er damals auf der Tanne über der Alldjup-Schlucht gesessen hatte, sein Gesicht hinter dem Arm versteckt. Als würde ihm das mehr Sicherheit bringen. Jetzt machte sie es auch so. Sie hatte den Verstand verloren.

Das träume ich nur! Das passiert nicht wirklich!

Doch das Donnern ihres Pulses im Hals war echt. Sie hörte ein Geräusch wie von jemandem, der erstickt. War sie das? War das Kuro?

Sie lugte hinter dem Arm hervor. Etwas lag auf dem Steinboden, dort, wo die Kiste gestanden hatte. Ein blasses Untier. Es hatte Füße, Arme. Es war ein Mann. Ein nackter Mann auf dem Boden. Eingesaut mit Blut und Federn. Sein Gesicht war unter glänzend schwarzem Haar verborgen. Er atmete.

Da lag ein Mann auf dem Boden. Kein Rabe. Ein Mann.

Hirka konnte sich nicht rühren. Allein schon der Gedanke daran, sich zu bewegen, war unmöglich. Sie war schwer wie ein Stein. Festgefroren. Der Mann versuchte, sich mit einem Arm aufzustützen, doch er rutschte im Rabenblut aus und fiel wieder hin. Krümmte sich vor Schmerzen. Er streckte den einen Arm aus, zog sich etwas vorwärts. Gab aber auf. Blieb mit angezogenen Knien auf dem Boden liegen.

Nie hatte sie gesehen … oder gehört, dass …

Ich muss weg von hier!

Das unfassbare Etwas, das da vor ihr lag, konnte alles Mögliche sein. Etwas so Schreckliches, dass die Menschen nicht gewagt hatten, ihr davon zu erzählen. Ein Untier, das Raben tötete und Menschen fraß.

Der Mann hatte sie nicht gesehen. Wenn sie doch nur an ihm vorbeirobben könnte und raus …

Hirka zwang ihre Gliedmaßen, ihr zu gehorchen. Sie beugte sich vor und kroch auf allen vieren unter den Tisch. Ihr Regenponcho knisterte bei jeder Bewegung. Sie versuchte, so leise wie möglich zu sein, indem sie nur kleine Schritte machte und sich Stück für Stück vorarbeitete. Ihre Arme zitterten. Die Ellenbogen drohten nachzugeben. Sie wagte es nicht zu blinzeln. Still. Sie musste still sein. Sie hörte ihn atmen. Zischend. Er war viel zu nah, aber bis zur Tür war es jetzt nicht mehr weit. Sie musste es schaffen. Würde es schaffen. Sie konnte hier nicht sterben.

Sie hob die Hand, um sie noch ein Stückchen vorwärtszubewegen. Doch plötzlich packte er ihr Handgelenk. Der Schrei blieb ihr im Hals stecken. Sie wollte sich losreißen, aber alles hatte sie im Stich gelassen. Die Instinkte. Der Körper. Die Gedanken.

Seine Hand war groß und stark. Blass, fast weiß auf ihrer Haut. Und die Finger … Die kannte sie nur allzu gut. Klauen, von denen sie gehofft hatte, sie würde sie nie wieder sehen.

Er war ein Blinder. Nábyrn. Ein Totgeborener.

Hier. In der Welt der Menschen.

Sie ließ das Kämpfen, stellte das Denken ein. Wenn sie sich bewegte, würde die Wirklichkeit zerspringen wie Glas. Die Angst steckte ihr wie ein kalter Pfahl im Körper. Ohne den sie zusammenbrechen würde.

Er stemmte sich hoch, schaffte es mit Mühe und Not, den Oberkörper vom Boden zu hieven. Er stützte sich mit dem Arm ab. Starrte sie aus weißen, blinden Augen an.

»Kroyo ozá désel?« Das klang wie ein Geräusch aus Draumheim. Eine heisere Stimme, die es nicht geben durfte.

»Kroyo ozá désel?«, wiederholte er und es gab keinen Zweifel, dass er sie direkt ansah, egal, ob er blind war oder nicht. Hirka hob die Hand und legte sich zwei zitternde Finger an den Hals, ohne den geringsten Schimmer zu haben, woher dieser Instinkt kam.

Er knurrte wie ein Tier und brach wieder auf dem Boden zusammen.


Gnade

Was tust du hier? Lauf! Mach, dass du von hier wegkommst!

Hirka war nicht in der Lage, ihre eigenen Ratschläge zu befolgen. Sie starrte den Totgeborenen an. Sein Körper bestand aus Muskeln und kaum etwas anderem. Sie waren wie aus der blassen Haut gemeißelt. Er sah stark und zugleich ausgehungert aus. Jeder Atemzug bereitete ihm offenbar Schmerzen. Der Körper zuckte wie in Krämpfen. Die Muskeln wölbten sich über der Brust, die sich bis zum Bauch fortsetzten und weiter bis hinunter zu … Hirka bekam heiße Wangen. Er war bis da unten haarlos. Und gut ausgestattet.

Das Wesen hatte die Augen geschlossen. Sie vermutete, dass er versuchte, Kräfte zu sammeln. Er war sehr geschwächt. Vielleicht todkrank. Sie guckte zur Tür. Er würde sie nicht aufhalten, wenn sie losrannte. Sie war frei. Sie konnte abhauen. Wenn er sich erst einmal erholte, wäre es zu spät. Er war ein Blinder. Sie hatte gesehen, wozu die imstande waren. Sie erinnerte sich an den Mann, der bei Ravnhov getötet worden war. An seine leeren Augen … Dieses Wesen war der Tod. Ein wildes Tier. Gefährlich. Fremd.

Plötzlich wurde ihr klar, dass man dasselbe auch über sie gesagt hatte. Oft. Die Erinnerungen, die zu vergessen sie sich abgemüht hatte, drängten hervor. Stahlhandschuhe auf der Haut. Schwert am Rücken. Sie war selbst kraftlos gewesen. Außer sich vor Angst. Sogar blind, mit einer Binde vor den Augen. Kniend auf hartem Boden. Untier. Odinskind. Fäulnis.

Von dem Vergleich wurde ihr schlecht. Es schien ihr die Kraft zum Gehen zu rauben. Hinderte sie daran, ihn zu verlassen. Verlassen … Kuro?

War das hier Kuro? Nein. Wie konnte er das sein? Überall auf dem Steinboden war Rabenblut verschmiert. Es sah in der Dunkelheit schwarz aus. Kuro war in Stücke gerissen worden, um … diesem Dingsda das Leben zu schenken. Sie hatte ihn im Stich gelassen. Sie hatte ihren eigenen Raben nicht retten können, sie, die sie eine Heilerin war. Sie, die sie …

Hirka schloss die Augen. Erschöpft von der Erkenntnis. Sie war Heilerin. Das heilkundige Mädchen. Und das Wesen auf dem Boden lag im Sterben. Sie hatte keine Wahl.

Sie hatte noch ein Bund Immerkraut übrig. Den letzten Tee aus Himlifall. Wenn sie den nicht mehr hatte, war sie hilflos. Nicht mehr in der Lage, auch nur Schmerzen zu lindern. Sollte das letzte Leben, das sie rettete, ein Totgeborener sein? Der sie in Stücke reißen würde, sobald er einen Arm heben konnte?

Noch hat er dich nicht verletzt.

Sie versuchte, ihn mit anderen Augen zu sehen. Wenn er doch nur … etwas weniger Mann gewesen wäre. Aber er war so offensichtlich stark. Gefährlich. Rohe Gewalt. Vater hätte ihr zur Flucht geraten. Rime hätte ihn schon längst getötet. Das wusste sie. Aber für die beiden war es etwas anderes. Sie hatten immer eine Wahl gehabt. Bei ihr war das nicht so. Ein Leben war immerhin ein Leben. Ihn sterben zu lassen, war genauso Selbstmord, wie ihn zu retten. Sie musste ihr Bestmögliches tun. Es war nicht ihre Aufgabe, zu entscheiden, wer leben durfte und wer nicht. Das war es nie gewesen.

Sie war Heilerin. Das Sortieren sollten sie im Draumheim übernehmen.

Sie holte die Schachtel aus dem Beutel. Sie war aus Rinde gemacht und kleiner als ihre Hand. Darin lag das Wertvollste, das sie besaß. Sie stand auf und zog den feuchten Regenponcho aus, stopfte ihn in den Beutel, während sie die Schachtel in der Hand festhielt. Woher sollte sie heißes Wasser bekommen? Der Tee brauchte Wärme, sonst würde er nicht das abgeben, was der da brauchte. Hier gab es keine Feuerstelle und sie konnte hier auch nichts verbrennen. Der Blinde stöhnte. Sein Körper wand sich in neuen Krämpfen. Er spuckte Blut. Er würde sterben.

Der Ventilator. Ventilatoren werden heiß.

Da hatte sie hier immerhin etwas gelernt.

Sie goss Wasser aus dem Wasserbeutel in die Tasse. Ihre Finger zitterten nicht mehr. Die neue Entschlossenheit hatte ihr die Ruhe wiedergegeben. Sie kletterte auf einen Hocker und stellte die Tasse oben auf den Ventilator. Dadurch dröhnte er etwas tiefer. Sie öffnete die kleine Schachtel mit den Teeblättern, während sie wartete. Die Blätter waren perfekt getrocknet. Sie waren nicht ganz schwarz, sondern dunkelbraun. Die würden ihm helfen. So wie sie unzähligen anderen geholfen hatten.

Sie roch an ihnen. Der Duft von Ymsland versetzte ihr einen Stich in die Brust. Das Heimweh kam. Das Gefühl, das sie bekämpft hatte, tauchte auf. Reue. Grausam. Es verseuchte sie. Wie eine Ertrunkene. Sie bereute so sehr, dass es brannte. Warum war sie weggegangen? Und was, wenn die Blinden jeden Ymling in Mannfalla töteten? Sie war ihnen nichts schuldig! Sie hätte alles dafür gegeben, um wieder mit Rime im Steinkreis zu stehen. Seine Arme um ihren Körper zu spüren und zu sagen, dass sie Ymsland nie verlassen würde. Dass sie dort, bei ihm, bleiben wollte. Für immer.

Bis er dein wurde und verfaulte?

Der Blinde gab ein Stöhnen von sich. Hirka holte die Tasse vom Ventilator. Das Wasser war nicht so heiß, wie es eigentlich sein sollte. Aber es musste so gehen. Sie gab die Teeblätter in die Tasse. Sie entfalteten sich. Der Duft versprach Leben. Sie trug die Tasse in beiden Händen. Durfte sie nicht fallen lassen. Dann kniete sie sich neben den Totgeborenen. Stellte die Tasse auf einer der Steinplatten ab, mit denen der Boden gepflastert war, etwas von ihm entfernt, falls er wieder Krämpfe bekam. Sie schob ihm die Hände unter den Kopf. Er war kalt. Sein Haar war lang und vom Rabenblut verklebt.

Kuro …

Er öffnete die Augen. Hirka schauderte. Suchte in dem Weißen, um etwas zu finden, woran sie den Blick heften konnte, fand aber nichts. Er stützte sich auf die Ellenbogen. Die Kiefer spannten sich an, als versuchte er zu verbergen, wie viel Anstrengung ihn das kostete. Genauso hätte Rime es gemacht.

Es gelang ihm, sich halb hochzuhieven, ehe er ihr in die Arme fiel. Sie hielt ihm eine Hand unters Kinn und hob die Tasse. Er streckte den Hals danach. Er verstand. Sie wagte es nicht, ihn die Tasse selbst halten zu lassen, sondern führte sie an seine Lippen, die bläulich waren.

»Ich habe nur eine halbe Tasse«, sagte sie und versuchte zu lachen. Er reagierte nicht. Sie drehte die Tasse, damit er sehen konnte, dass sie so geformt war, als sei es nur die Hälfte einer Tasse. »Eine halbe Tasse. Verstehst du?«

Nein. Und eigentlich war es auch nicht besonders lustig.

Er trank. Hirka hielt die Tasse ganz fest. Er gurgelte, hustete, erholte sich aber und trank, bis sie leer war. Dann sackte er zusammen, blieb auf dem Rücken liegen, den Kopf auf ihrem Schoß. »Mehr«, murmelte er.

Hirka starrte ihn an. Es war zwar nur ein Wort, aber ein Wort, das sie kannte. Er schloss die Augen.

»Du sprichst Ymsländisch! Hallo? Du, Blinder!« Sie rüttelte ihn. Er schlug die Augen wieder auf und sie zuckte zusammen. Etwas Schwarzes hatte sich darin bewegt. Wie ein Tropfen Tinte in Milch. Aber jetzt war es wieder weg.

»Wári«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.

»Woher? Woher was? Ich verstehe nicht …«

»Wári! Gabe. Gib mir die Gabe!«, zischte er. Aber die Anstrengung wurde zu viel. Sein Kopf fiel zur Seite und sein Körper erschlaffte.

Gabe …

Das schönste Wort, das sie je gehört hatte. Und es kam von einem Nábyrn. Einem Totgeborenen. Der Kloß in ihrem Hals wurde größer und ihr wurde klar, dass sie mehrmals gezweifelt hatte. Daran gezweifelt hatte, dass es Ymsland noch gab. Daran gezweifelt hatte, dass es sie selbst noch gab, manchmal. Aber hier lag er und sprach ihre Sprache. Sagte Wörter, die sie nicht gehört hatte, seit sie weggegangen war. Bat um etwas, was sie ihm nie würde geben können. Nicht einmal, wenn die Gabe hier existierte, hätte sie ihm helfen können. Sie war Hirka. Ein Odinskind. Sie konnte nicht umarmen.

»Du weißt ja gar nicht, was es hier alles gibt«, flüsterte sie. »Du hättest um Zauberei bitten können, mit deren Hilfe man mit Leuten überall auf der Welt sprechen kann. Oder um Licht, das nie ausgeht. Oder um einen Wagen, der von selbst fährt, schneller als jedes Pferd. Du hättest um warmes Wasser bitten können, das im Haus fließt! Schokolade. Eingefangene, aufbewahrte Geräusche in einer kleinen Dose. All das hätte ich dir geben können. Aber nie die Gabe, Nábyrn.«

Beim letzten Worte zuckte seine Oberlippe. Ein spitzer Eckzahn schimmerte in der Dunkelheit.


Todesangst

Graal lehnte die Stirn ans Klavier und ließ den Fingern freien Lauf. Chopins vierte Ballade, von seinen Klauen auf den Tasten entstellt. Er versuchte, so wenig wie möglich mit den Fingerspitzen zu spielen, und das gelang ihm immer besser. Doch das Kratzen war trotz all seiner Bemühungen zu hören. An guten Tagen war es nur eine Erinnerung daran, wer er war. An schlechten Tagen … Nun ja, da war es wohl im Grunde genommen genauso. Er hielt es nur unterschiedlich gut mit sich selbst aus.

Es lief immer gleich ab. Eine schleichende Unzufriedenheit, die sich über tiefe Frustration so weit steigerte, dass er außer sich vor Wut mit den Fäusten auf die Tasten eindrosch, bis sein maßloser Zorn das zerstörte, was hätte entstehen können. Unschöne Gewalt. Dafür konnte er dem Instrument auch nicht die Schuld geben. Es war ein Meisterwerk von Fazioli. Das Problem lag in der Wiedergabe. Beim Interpreten. Und dieses Problem hatte der Komponist nie gehabt.

Er gab auf und beendete das Spielen. Legte das Ohr ganz auf die Tasten und lauschte den Klängen, die es dort nicht mehr gab. Den toten Klängen. Am schönsten war das Unvollendete. Es war leichter, so zu denken, als etwas darzubieten. Vor allem jetzt, da so viel auf dem Spiel stand.

Er hörte, wie Isac die Treppe im Flur herunterkam. Seine Schritte wurden immer zögerlicher, je mehr er sich näherte. Das bedeutete, dass er Neuigkeiten hatte, von denen er nicht genau wusste, wie er sie überbringen sollte. Ein schlechtes Zeichen, für sie beide. Graal blieb über das Klavier gebeugt sitzen.

Isac öffnete die Tür und trat ein. »Sie ist es. Da gibt es keinen Zweifel«, sagte er mit gespieltem Optimismus.

Graal starrte auf seine Krallen. »Weißt du, was Chopin zu mir sagte, bevor er starb, Isac?«

Isac ging zum Barschrank. »Ach, ist heute wieder einer von diesen Tagen?«, murmelte er.

Graal ignorierte ihn. »Er sagte, ich hätte zum Üben die Ewigkeit vor mir, würde aber trotzdem kein so guter Musiker wie er werden. Nicht wegen der Krallen, sondern weil mir die Angst vor dem Tod fehle. Was meinst du, Isac? Ist das der Grund, warum sich mein Volk seit Tausenden von Jahren nicht verändert hat? Leben wir zu lange, um etwas von Wert zu schaffen?«

Isac schnaubte. »Ganz offensichtlich ist es genau umgekehrt«, antwortete er. »Man hat unbegrenzte Möglichkeiten, das zu tun und zu lassen, was man will, wenn man keine Angst zu haben braucht, dass einem die Zeit davonläuft.«

Graal richtete sich auf. »Ja, das musst du wohl fast sagen, du, der du jetzt tot wärst, wenn ich dich nicht genommen hätte.«

Er ließ den Wörtern etwas Zeit, damit sie sacken konnten, bevor er weitersprach: »Aber du hast recht. Bei allem, was die Menschen tun, geht es um ewiges Leben. Die Kunst ist eine Suche nach der Unsterblichkeit. Die Frage ist nur, was sie davon haben. Was also hast du erreicht, mein Freund, was du nicht erreicht hättest, wenn du sterblich wärest? Wie viel bedeutender ist deine Existenz heute? Wie viel mehr hast du zustande gebracht?«

Isac schenkte sich ein Glas Gin ein und goss einen bescheidenen Schluck Tonic dazu. »Weiß ich nicht«, antwortete er, setzte sich aufs Sofa und legte die Füße auf den Tisch. »Aber ich habe eine Ewigkeit lang Zeit, um das herauszufinden.« Er grinste.

Graal schaute ihn an. Er hatte Isac seit dreißig Jahren. Die Zeit war nicht der Rede wert, aber es kam ihm schon lange vor. Isac würde nicht bleiben. Vielleicht wusste er das schon. Vielleicht war das der Grund, warum er frecher wurde. Ein Versuch, sich zu erneuern, sich interessant zu machen. Er war über fünfzig gewesen, als Graal ihn genommen hatte. Einen witzigen und intelligenten Mann. Britisch bis in die Fingerspitzen. Doch in letzter Zeit hatte er angefangen, Hemden in grellen Farben mit zu langen Kragenecken zu tragen. Dadurch bekam er Ähnlichkeit mit einem abgehalfterten Popstar. Sein Haar war blond und hing ihm über die Ohren. Mit einem Mittelscheitel. Das half keineswegs.

War die Midlife-Crisis bei den Menschen vielleicht genetisch kodiert? Wurde man davon befallen, ganz gleich, ob man sterben würde oder nicht?

Graal stand auf. Isac wurde unruhig und nahm die Füße vom Tisch.

»Das ist nicht deine Schuld, Graal«, sagte er, als gebe es etwas zu entschuldigen. »Es liegt an diesem Raum.« Er breitete die Arme aus und verschüttete Gin auf dem Boden. »Es ist unmöglich, hier drinnen keine Depressionen zu bekommen! Wer verkleidet schon ein Zimmer mit schwarzem Stein? Und wer baut schon ein Haus halb in den Berg hinein? Von allen Wohnorten, die du hast, ist das hier der schrecklichste. Versteh mich nicht falsch, ich kann den James-Bond-Schurken-Charme erkennen, aber meine Güte, man will doch auch wohnen. Und dieses … Ding da.« Er warf einen Blick auf den Rabenkadaver auf dem Tisch. »Das ist keine Kunst, nur weil es widerlich ist.«

Graal ging zur Fensterfront. Das Glas ragte schräg über die Klippenkante. Die Berge lagen blau und still unter ihm, so weit sein Auge reichte. Er wusste, dass Isac das Fenster immer mied, weil es ihm eiskalte Schauer über den Rücken trieb.

»Der Rabe?«, fragte Graal.

Es dauerte etwas, bis Isac verstand, was er meinte.

»Oh, der Rabe, ja. Genau. Ja, sie haben ihn gesehen. Sie trug ihn in einem Karton. Sie sind sich sicher, dass sie es ist.«

Graal drehte sich zu ihm um. »Was sind also die schlechten Neuigkeiten?«

Isac setzte das Glas an die Lippen und trank, als würde es ihm helfen, die Worte zu tarnen. »Sie haben sie seit ein paar Tagen nicht gesehen. Aber sie ist es! Und wir wissen, wo sie ist.«

Graal seufzte. »Sie hat sie entdeckt, Isac.«

»Niemals. Sie ist ein Teenager, die kriegen doch einen Scheiß mit. Und auf diese Sache sind gute Leute angesetzt, nur die besten. Die oberste Liga.« Isac formte mit Daumen und Zeigefinger eine Geste, als spreche er über ein vorzügliches Gericht.

Graal hatte den Geschmack seiner eigenen Wut im Mund. Stechen wie von Stahlsplittern auf der Zunge. Blut, das kochte. Fehler konnte er sich nicht leisten und er war umgeben von Menschen. Von Menschen, denen die Voraussetzungen fehlten, zu verstehen, und die sie auch nie haben würden. Sie lebten schlicht und einfach nicht lange genug. Menschen machten Fehler. Das lag in ihrer Natur.

»Komm her, Isac.«

Isac sackte dort, wo er saß, zusammen. Die Eiswürfel begannen im Glas zu klirren. Das war der Vorteil, wenn man wahre Macht besaß. Man brauchte sie nie auszuüben. Oder sie zu demonstrieren. Sie war immer gegenwärtig. Wie ein Teil von einem selbst.

Isac stand auf und kam zum Fenster. Er blieb ein Stück entfernt davon stehen und hütete sich davor, hinauszugucken. Stattdessen starrte er Graal an, als sei er eine Rettungsboje in stürmischer See.

»Isac, ist es mir nicht gelungen zu vermitteln, wie wichtig das hier ist?«

»Doch! Sie wissen es. Jeder Mann weiß.« Es war nicht untypisch für Isac, dass er sich hinter anderen versteckte, wenn es darauf ankam.

»Aber weißt du es?«

»Klar weiß ich das. Das kleine Fräulein wird in ein paar Tagen hier sein. Sie und der Rabe. Darauf gebe ich dir mein Wort, Joshua.«

Dass Isac es vermied, seinen richtigen Namen auszusprechen, war ein deutliches Zeichen seiner Verunsicherung. Und dafür, dass er selbst an seine Worte glauben musste.

»Wie kannst du mir dein Wort geben, wenn du da draußen nicht selbst dabei bist, Isac?«

Schweiß perlte auf Isacs Stirn hervor und glänzte an seinem Haaransatz. »Ich … ich werde natürlich dabei sein! Das liegt jetzt in meinen Händen! Sicher wie in der Bank von England.«

Graal nahm seinen Arm und führte ihn ans Fenster. Er brauchte seine Macht nicht zu demonstrieren. Er war, wer er war, und brauchte bloß anzudeuten, dass er sie besaß.

»Was würde passieren, wenn wir jetzt hier runterfielen?«, fragte er und nickte zum Abgrund unter ihnen.

Isac lachte angestrengt. »Wir würden zerschmettert werden.«

»Genau. Wir würden zerschmettert werden. Alle beide. Aber weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?«

Isac stand stumm da. Vermutlich gab es zu viele Antworten. Zu viele Unterschiede. Doch er lächelte. Sein Blick war nervös und dennoch voller Liebe. So war die Macht. Sowohl Angst als auch Liebe wecken zu können. Dazwischen auszutarieren. Ein kaum vorstellbares Paar in ständigem Kampf um die Kontrolle.

»Wir würden beide dort liegen, Isac. Gerädert, zerschlagen. Arme und Beine von den Felsen in Form gepresst. Du würdest liegen bleiben, wogegen ich … Meine Knochen würden zueinanderfinden, wieder zusammenwachsen. Langsam, aber sicher. Ich würde am Ende wieder aufstehen. Trotzdem bist du der Glückliche von uns beiden.«

Isac schluckte. »Aus deinem Mund klingt das nicht so.«

Graal schaute ihn an. »Zerstörung ist schmerzhaft. Aber der Schmerz ist kein Vergleich zu den Qualen beim Heilen. Es ist immer leichter, Dinge zu zerschlagen, als sie zu reparieren. Glaub mir, wenn ich sage, du bist der Glückliche von uns.«

Isacs Augen wurden feucht. Seine Mundwinkel zuckten, als wollte er etwas sagen, doch Graal wollte nichts hören.

»Isac, du machst den gleichen Fehler wie so viele andere, wenn sie den Tod aus dem Blick verlieren. Sie glauben, es kommt immer wieder eine neue Chance. Aber diesmal gibt es keine neue Chance. Es gilt jetzt oder nie. Tausend neue Jahre würden nichts nützen. Darum ist kein Preis zu hoch. Nichts, absolut nichts ist wichtiger als das. Verstehst du, was ich sage?«

Isac nickte und senkte den Blick.

»Gut. Lass mich jetzt allein. Ich habe zu tun.«

Isac ging dankbar auf die Tür zu.

»Diskret«, rief Graal ihm hinterher. »Vergiss das nicht.«

Dann kehrte er Isac den Rücken zu und wartete, bis er hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloss. Er ging zum Raben. Der stand aufrecht, erstarrt im Prozess vom Kadaver zum Skelett. Fleisch und Federn waren schon vor langer Zeit versteinert. Selbst er konnte daran nichts mehr riechen. Er ballte die Hand zur Faust, bohrte eine Kralle in die Handfläche und ließ die Tropfen auf den Schnabel fallen. Blut auf Knochen.

Er lauschte. Wartete auf das Geräusch von Leben. Sterbende Töne waren schön, aber in Wirklichkeit hatten die Töne, die noch nicht geboren waren, etwas ganz Besonderes.

Der Kadaver begann zu knarren. Der Nacken rührte sich. Der Vogel öffnete den Schnabel. Es dauerte nicht lange, bis er ihre Stimme hörte. Weich und strotzend vor Selbstsicherheit.

»Graal, ich habe Neuigkeiten, deretwegen du mir einen Antrag machen wirst.«

Er gestattete sich ein Lächeln. »Gut, denn gerade jetzt bist du die Einzige, auf die ich mich verlassen kann, Damayanti.«


Rabenblut

Der Turm des Sehers stand verwaist da. Er war sonst immer durch eine schmale Brücke mit dem Ritualsaal verbunden gewesen, doch jetzt, da es weder Saal noch Brücke gab, ragte der Turm wie ein Warnsignal der Götter aus der Landschaft. Letzter Halt vor Blindból.

Das gelbe Glas hatte man aus den Fenstern entfernt und wollte es im neuen Ratssaal wiederverwenden. Nur das schwarze Skelett stand noch wie ein kaputter Leuchtturm ganz oben auf der Klippe.

Rime wusste, wenn er dort hinaufging, würde er Bruchstücke des Baumes finden. Vermutlich würden sie noch genau an derselben Stelle liegen wie in der Nacht, als er ihn zerschlagen hatte. Alles war wie immer. Und nichts war wie immer.

Die Gärten hinter Eisvaldr lagen unter einer Schneedecke. Zu beiden Seiten des Weges lugten weiße Blumen hervor, die der Wintereinbruch überrascht hatte. Das Wasser im Vogelbecken vor ihm war gefroren. Eiszapfen funkelten an seinem Rand wie Wolfszähne.

Rime blieb stehen. Hlosnian ging hinter ihm. Hier war der beste Ort für Gespräche. Sogar in großen Sälen konnte die Gabe den Klang weit tragen und dieses Gespräch war nicht für die Ohren des Rates bestimmt.

Er fischte die Ampulle aus der Tasche und reichte sie Hlosnian. »Ich wollte dich schon längst fragen, aber die wissen, wie sie mich beschäftigt halten.« Hlosnian nahm die Ampulle entgegen, zog den Korken heraus und roch daran. »Du willst sie also vergiften?«

Rime konnte einfach nicht anders und musste lachen. »Das Risiko besteht früher oder später. Aber das da ist kein Gift, soweit ich weiß. Das da ist die Tinte, die sie während des Rituals verwenden. Sie machen damit den Jugendlichen ein Zeichen auf die Stirn, wenn sie fertig sind. Nach ein paar Tagen verblasst es.«

Hlosnian verschloss die Ampulle und gab sie ihm zurück. »Ja, auf meine alten Tage habe ich schon einige Rituale gesehen, junger Mann.«

»Nun, alter Mann, ich könnte jedenfalls wetten, dass du nicht wusstest, dass sie damit bei ihnen die Gabe schwächen.«

Hlosnian zog eine buschige Augenbraue hoch. »Mit Tinte? Wie … Aaah … Rabenblut.«

Rime nickte. Jetzt galt es, Hlosnian auf die richtige Fährte zu setzen. Ein Gespräch mit ihm kam einem oft so vor wie drei Gespräche gleichzeitig, vor allem, wenn es um etwas Wichtiges ging.

»Sie sagen, es sei eine Mischung aus Kräutern, Tinte und Rabenblut. Wusstest du das?«

Der Steinflüsterer antwortete nicht gleich. Der Wind erfasste seinen roten Umhang, sodass er seine Füße umspielte.

»Blut, Rime. Geht es nicht immer darum? Wir leben dadurch. Wir sterben daran. Es entscheidet, wer wir sind. Wann wir sind. Man erzählt sich, die Gabe sei daraus geschaffen. Aus Blut der Erde. Der Erde, die wiederum unser Blut färbt. Der Kreislauf ist geschlossen.«

»Du klingst wie ein Schriftgelehrter.«

Der Steinflüsterer rümpfte die Nase. »Schriftgelehrte. Was wissen die schon über die Gabe? Die Gabe liebt Blut. Du hast es auf dem Bromfjell gesehen. Urd zwang die Steine empor. Blut von Raben. Feuer aus Stein. Blut verändert Leute. Es verändert auch dich.«

»Alle verändern sich, Hlosnian.«

»Oh, na … Manche mehr, manche weniger.« Hlosnian fegte den Schnee vom Vogelbecken und zeigte auf das gefrorene Wasser. »Schau runter und sag mir, dass du jetzt dasselbe siehst wie vor ihr.«

Rime schaute weg. Es dürfte nicht so schwer sein, zu tun, was der Steinflüsterer sagte. Dennoch wollten die Beine ihn nicht näher tragen.

»Blut ist Blindwerk, Rime. Ich habe getan, worum du mich gebeten hast. Die Zunft hat in den letzten Tagen mehr über die Rabenringe geredet als in den letzten zehn Wintern zusammen, aber eine klare Antwort bekommst du nicht. Es gibt so viele Ansichten wie Steinflüsterer, aber wenn du mich fragst, dann hat der Seher so die Tore geschlossen. Er zog die Gabe aus allen Männern und Frauen. Toten wie lebenden.«

Rime lächelte schief. »Der Seher? Glaubst du immer noch an ihn, Hlosnian?«

»Die Frage ist, ob du immer noch zweifelst. Du hast den Baum gesehen. Du hast ihn zerstört. Du solltest es besser wissen.«

Rime hatte den Gesprächsfaden verloren. Er konnte nicht zulassen, dass sich Hlosnian durch Reden um die Sache drückte. »Was hat der Baum damit zu tun?«

»Was nichts mit dem Baum zu tun hat, ist ein Gespräch überhaupt nicht wert.«

»Hlosnian …«

»Du musst aufpassen, wenn ich spreche! Ich sage doch, wie es ist. Der Baum entstand nicht aus sich selbst heraus. Er wurde von jemandem erschaffen. Von der Gabe erschaffen. Die Kraft sprengte das Gebirge in Blindból. Schuf die Kluft durch Ravnhov bis ganz zur Alldjup-Schlucht, erzählt man sich. Glaubst du, so was kommt aus dem Nichts?« Hlosnian schlug gegen die Kälte die Hände zusammen. Der Schnee stob von seinen fingerlosen Handschuhen auf.

Rime seufzte. »Du hast keine Ahnung, oder?«

Hlosnian hob die Brust wie einen Blasebalg. »Natürlich nicht, aber das hat auch niemand sonst!«

Rime hielt ein Lächeln zurück. Der Steinflüsterer bürstete den Schnee von den langen Blumenstielen neben ihnen. »Schau sie dir an, Junge, und stell dir vor, das Wasser, durch das sie leben, sei die Gabe. Was würde passieren, wenn du aus ihnen mit einem kräftigen Saugen jeden Tropfen herausziehen würdest? Sie würden verwelken und absterben. Oder stell dir das Gegenteil vor! Was wäre, wenn du mehr Wasser in sie hineinzwängen würdest, als sie trinken könnten? Dann wären sie genauso tot, stimmts? Und das ist es, was ich sagen will: Die Tore starben, weil alles, was an Gabe vorhanden war, in die Erschaffung des Baumes ging. Die Adern verwelkten. Die Steine sanken in einen Dämmerschlaf.«

Rime versuchte, die Erinnerungsbruchstücke zusammenzusetzen. Er wusste genau, was ein Zuviel des Guten bedeutete, wenn es um die Gabe ging. Er hatte mehr als jemand sonst davon aufgesogen. Durch Hirka. Was wäre geschehen, wenn der Strom seine Kraft verdoppelt hätte, als er vor dem Rat geschwebt hatte, umgeben von den Raben? Hätte er es überstanden? Oder hätte es seinen Körper gesprengt?

War es das, was Urd Vetle angetan hatte? Hatte er durch seinen eigenen Sohn mehr Gabe gezwungen, als auszuhalten möglich war? Es hatte den Jungen jedenfalls zerstört, ihn in der Kindheit eingefroren.

Rime lief ein kalter Schauer über den Rücken. Es fühlte sich wie ein Vorgeschmack auf Draumheim an. Eine kohlrabenschwarze Dunkelheit, die ihn gesehen hatte und nicht wieder loslassen wollte.

Er schaute Hlosnian an. »Wenn sie also die Gabe während des Rituals durch die Leute ziehen und sie mit Rabenblut markieren …«

Hlosnian tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Dann können sie die Gabe in eine andere Richtung zwingen. Obwohl ich glaube, dass du die Wirkung überschätzt. Aber die Wege können verkümmern. Oder gesprengt werden. Zu viel oder zu wenig ist beides gleich schlecht.«

»Und das war es, was Urd auf Bromfjell getan hat? Die Gabe hervorziehen mit Rabenblut?«

»Ach was!«, schnaubte Hlosnian. »Unsinn! Das hieße, die Türen einzureißen, während man sie öffnet. Es vernichtet dich. Vernichtet andere. Blindwerk, Rime. So was macht man nicht.«

»Das hat dem Rat aber nie jemand erzählt«, sagte Rime und schaute weg. Er wollte nicht, dass der Steinflüsterer ihm die Enttäuschung ansah. Oder erkannte, wie wichtig es für ihn war, die Rabenringe zu öffnen.

»Du redest so, als hätten sie gewusst, was sie tun.« Hlosnian lächelte.

»Alle wissen, was sie tun. Die Frage ist nur, ob sie damit leben können oder nicht.«

Rime steckte die Ampulle in die Tasche, doch er wusste, dass Hlosnian recht hatte. Nicht einmal Jarladin kannte eine Antwort auf die Frage, ob die Zeichen auf der Stirn eine Wirkung hatten. Sie hatten jahrhundertelang eine Vorschrift befolgt. Unter dem Vorwand, das Volk für die Blinden weniger anziehend zu machen. Und um die Gabenreichen ganz heimlich zu schwächen.

Aber es spielte keine Rolle, ob es funktionierte oder nicht. Es würde nicht noch einmal passieren, dafür hatte Rime gesorgt.

Hlosnian starrte auf das Eis, auf sein Spiegelbild. Ihn schien etwas zu bedrücken.

»Ich habe es selbst genommen, Rime.«

»Was hast du genommen?«

»Rabenblut.«

Rime trat einen Schritt näher. Der Steinflüsterer krümmte den Rücken wie ein Hund. »Ich habe es genommen, nur ein Mal. Und ich bin nicht der Einzige. Es wird vor den Zunfttreffen verkauft. Ich weiß es. Du weißt es. Es steckt Kraft im Blut. Steinflüsterer nehmen es, um die Stimmen besser zu hören, aber das endet immer in einer Katastrophe. Immer.«

»Was ist also geschehen? Hast du die Quelle der Gabe gefunden? Den Sinn des Lebens?« Rime lächelte, um die Missbilligung in seiner Stimme abzumildern. Es war nichts Neues, dass Leute im Rausch alles Mögliche taten.

Der Steinflüsterer schaute zu ihm hoch. »Ich wurde nie wieder ganz der Alte. Das ist nichts für uns.«

»Das ist Opia auch nicht, aber die Leute nehmen es trotzdem«, entgegnete Rime.

Hlosnian schlug gegen die Kälte die Arme um sich. Blickte über die Schulter in die Richtung, aus der sie gekommen waren, als bereue er es, dass er so weit gegangen war. »Du siehst mich jetzt mit anderen Augen, stimmts?«

Die Frage überraschte Rime. Hlosnian kümmerte es sonst wenig, was andere von ihm hielten. Das war fast wie ein Markenzeichen des eigensinnigen Steinflüsterers.

»Nein«, antwortete Rime und lächelte. »Dass du auf die eine oder andere Weise bekloppt bist, ist schon immer offensichtlich gewesen.«

»Ach was! Alle sind auf ihre ganz eigene Art bekloppt, Junge.«

Hlosnian legte Rime eine Hand auf die Schulter. »Rabenblut öffnet die Wege. In dir selbst, aber nicht in den Steinen. Es ist kein Reiseblut«, erklärte er. »Das hat niemand von uns. Ich habe es nicht. Du hast es nicht. Ich bezweifle, dass überhaupt irgendein Lebewesen es hat. Also kommen wir nirgendshin. Aber sie hatte es. Älter als die Sünde, stärker als Rabenblut.«

»Das stimmt nicht, Hlosnian. Wir sind durch die Tore gekommen, genauso gut wie sie. Es geht nicht um Blut.«

»Es geht immer um Blut. Wir sind von dieser Welt in diese Welt gereist. Das ist keine lange Strecke. Es ging gut, weil wir hier zu Hause sind. Aber sie … Sie lässt mich vieles hinterfragen.«

Rime spürte, dass die Luft kälter wurde. Hatte er das Problem von der falschen Seite betrachtet? Vielleicht gab es nichts, was die Gabe bei den Steinen stärker machen konnte. Musste er sich selbst vielleicht stärker machen?

Er sah den Steinflüsterer an. »Du irrst dich in einem Punkt, Hlosnian.«

»In den meisten Dingen, hoffe ich. Woran denkst du?«

»Wenn es so was wie Reiseblut gibt, dann ist sie nicht die Einzige, die es hat. Die Blinden hatten es auch.«

»Du grübelst zu viel, Junge. Können wir jetzt zurückgehen, bevor ich mir den Schwanz abfriere?«

Hlosnian wandte sich zum Gehen. Sein Umhang schleifte durch den Schnee. Die Schneekristalle funkelten auf dem schäbigen Saum.

Rime guckte ins Vogelbecken und sah sein eigenes Gesicht, im Eis eingefroren. Er war blass wie ein Blinder.


Die offene Kirche

Hirka fuhr zusammen. Fast wäre sie eingeschlafen.

Das lag am Ventilator über der Tür. Sein sachtes Surren war einschläfernd.

Sie schaute zu dem Blinden, der auf einem Stapel aus Säcken mit Erde lag. Sie hatte ihr Ersatzstrickhemd über ihn gebreitet. Nicht, weil sie dachte, dass er fror, aber … Hätte sie dort nackt gelegen, dann wäre sie froh gewesen, wenn jemand sie zugedeckt hätte.

Sein Körper zuckte nicht mehr und er atmete ruhiger, zum Glück.

Zum Glück? Er war Nábyrn!

Sie zog die Knie an und lehnte den Kopf an die Wand. Hier drinnen war sie von Pflanzen umgeben, deren Namen sie nicht kannte. Grüne Sprösslinge standen in Töpfen überall auf den Bänken und Tischen. Blumen hingen in Tonkruken von der Decke. Es sah aus wie in einem sommerlich wuchernden Wald. Aber draußen war die Welt weiß. Nasse Schneeklumpen peitschten gegen die Fenster, schmolzen beim Hinabrutschen und türmten sich unten auf der Erde zu Matschhaufen auf. Sie saß in zwei Welten gleichzeitig. In einer, in der Dinge geboren wurden, und in einer anderen, in der Dinge starben. Sie war sich bloß nicht ganz sicher, was das eine und was das andere war.

Es war gut, dass es dunkel war. Das war für sie ein Vorteil, da hatte sie alles im Griff. Sie wusste, dass sie alles, was draußen war, besser sah, als sie selbst gesehen wurde. Niemand konnte sich an sie heranschleichen. Sie schluckte. Erinnerte sich an die Hände des Mannes um ihren Hals. An die Verzweiflung, nichts zu begreifen. Aber er hatte bekommen, was er haben wollte. Er war jetzt bestimmt schon über alle Berge. Wen hatte sie dann gesehen, bevor sie herkam? Wer hatte sie verfolgt? Das mochte der Seher wissen.

Der Seher …

Hirka setzte sich auf und starrte den Blinden an. Alles, was sie über den Seher gehört hatte, wirbelte ihr durch den Kopf. Ein Durcheinander aus Wörtern und Bildern. Er war der Blinde, der seinen eigenen Leuten den Rücken zugekehrt hatte, um Ymsland zu retten. Er nahm die Gestalt des Raben an. Der Seher, den man tausend Jahre lang angebetet hatte. Der Seher, den es nicht gab. Hatte sie nicht genau das geschehen sehen? Kuro hatte seine Gestalt geändert. Vom Raben zum Blinden.

Unsinn! Sieht er etwa wie ein Gott aus?

Hirka krabbelte zu dem Mann. Sie hob die Hand, um ihn mit einem Finger zu piksen. Überlegte es sich aber anders und zog sie zurück. Das war gefährlich. Er war nicht mehr so geschwächt. Sie nahm eine kleine Pflanzschaufel für den Fall, dass er aufwachen sollte. Seine Haare rochen säuerlich nach Rabenblut. Er hatte mehrere geplatzte Adern am Schlüsselbein. Sie breiteten sich wie Bäume aus Tinte unter seiner Haut aus. Die Verletzung sah unpassend auf dem muskulösen Körper aus. Er hatte hohe Wangenknochen, die an Rimes erinnerten. Sein Mund stand halb offen und entblößte das einzig Ungewöhnliche in dem sonst so schönen Gesicht: die Eckzähne.

Er rührte sich nicht. Sie schob seine Oberlippe vorsichtig mit dem Daumen hoch. So lang waren sie nicht. Nicht so lang wie Wolfszähne. Er drehte den Kopf und sie zog schnell den Arm zurück. War sie verrückt? Hatte sie nicht schon mehr als genug von den Blinden gesehen? Wenige wussten besser als sie und Rime, wozu sie in der Lage waren. Ihnen hatte Urd sie versprochen. Als Opfer. Im Tausch gegen was? Wissen über Blindwerk?

Aber der hier konnte keiner von ihnen sein. Der hier war Kuro. Ihr Rabe.

Nein. Nicht mehr. Sie hatte selbst die Reste dessen, was von Kuro noch übrig geblieben war, eingesammelt. Ein blutiger Brei, den sie draußen in eine Mülltonne geworfen hatte. Kuro war tot. Sie hatte ihn verloren. Alles, was noch übrig war, war dieses Wesen. Ein hübsches Untier. Stärker und besser gebaut als jeder Ymling, den sie gesehen hatte. Göttlich? Ja, aber er war jung, erschöpft und roch nach Blut und Verderbnis. Das taten Götter nicht. Außerdem schmatzte der Seher nicht im Schlaf, da war sie sich ganz sicher.

Rime hätte es gewusst.

Rime hätte ihn geweckt und Antworten verlangt. Und er hätte sie beide beschützen können, wenn der Blinde aufwachte. Was konnte sie tun? Ihn mit einer Pflanzschaufel piksen? Sie warf sie weg, schüttelte über sich selbst den Kopf. Das alles war unwirklich. Sie sollte besser von hier wegkommen. Wer auch immer da draußen auf sie wartete, konnte nicht schlimmer sein als das, was hier drinnen war. Und außerdem war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand kam. Es war zwar die Nacht zu Sonntag und die meisten Menschen hatten frei, aber das bedeutete nicht, dass niemand ins Gewächshaus kommen würde.

Aber wohin sollte sie gehen? Sie hatte wenig Geld und Essen, und jetzt hatte sie sich auch noch um einen Totgeborenen zu kümmern. Sie machte die Augen zu. Die Erkenntnis war eine Last. Ja, sie würde sich bald auf den Weg machen. Doch sie wusste: nicht weil sie weglaufen wollte, sondern um ihm zu helfen.

Sie wusste, wie es in der Welt zuging, und er würde sie nicht verstehen. Sie konnte ihn nicht allein auf all das Unbekannte loslassen. So wie es ihr ergangen war. Er brauchte Kleidung. Und Essen. Und er musste ein Bad nehmen, aber sie wusste nicht, wo sie eins auftreiben sollte. Die einzige Möglichkeit war die Kirche …

Konnte sie es wagen? Pater Brody wusste ja noch nicht, dass sie abgehauen war. Das würde er erst im Morgengrauen feststellen. Aber wenn sie jetzt das Gewächshaus verließ, wäre sie nicht sicher. Jemand hatte sie verfolgt. Sie wusste nicht, wer oder warum. Sie musste warten, bis es hell wurde und sie nicht mehr allein auf der Straße war. Niemand würde ihr etwas tun, wenn sie von Leuten umgeben war.

Das war ein seltsamer Gedanke. Und den hatte ausgerechnet sie, die sie sich unter Leuten immer am unsichersten fühlte. Zu Hause war es schon schlimm genug gewesen und hier war es noch schlimmer. Obwohl sie eine von ihnen sein sollte. Ein Mensch. Hier waren alle Odinskinder. Emblasprösslinge. Fäulnis. Warum fühlte sie sich dann so fremd hier?

Hirka stand auf, nahm eine große, buschige Pflanze vom Tisch und stellte sie neben den Blinden. Er schlief noch immer tief und fest. Sie holte noch ein Gewächs. Und noch ein weiteres. Am Ende hatte sie ihn gut hinter einer grünen Wand versteckt. Das Ganze war bestimmt sinnlos. Wenn jemand käme, würden sie ihn ohnehin finden. Aber etwas musste sie tun.

Sie hörte, dass draußen Autos vorbeifuhren. Die ersten Menschen waren aufgewacht. Sie schulterte ihren Beutel und schlich aus dem Gewächshaus.

Der Himmel war grau. Die Kälte nicht mehr so beißend. Sie ging am Zaun entlang zum Fluss. Große Löcher hatten sich jetzt ins Eis geschmolzen. Auf der anderen Seite des Zauns fand sie den Weg zurück zur Kirche, während sie gegen das Gefühl kämpfte, dass sie eine Dummheit machte. Es kam ihr vor, als müsse sie die Füße mit aller Macht weiter vorantreiben. Sie schaute sich verstohlen um, aber es waren nicht viele Menschen zu sehen. Sie war sich unsicher, wie viel Zeit ihr blieb, bis Pater Brody die Kirchentüren öffnete, darum fing sie an zu laufen.

Was sollte sie sagen? Sollte sie erzählen, dass sie eigentlich abgehauen war? Oder sollte sie nur sagen, dass sie die Nacht draußen verbracht hatte? Und was sollte sie von dem Blinden erzählen?

Nein! Er musste ein Geheimnis bleiben. Pater Brody würde ihn als Teufel bezeichnen. Er hatte Angst vor Teufeln. Hirka war zwar noch nie einem über den Weg gelaufen, aber sie hatte das Gefühl, dass sie Ähnlichkeit mit den Totgeborenen hatten. Sie könnte sagen, ihr sei ein Mann begegnet. Ein normaler Mann, der Hilfe brauchte. Pater Brody würde ihr ein paar Kleidungsstücke geben, die er für die Armen gesammelt hatte. Da war sie ganz sicher.

Hirka blieb vor der Kirche stehen. Graue Vertiefungen im Schnee verrieten, dass Pater Brody schon da war. Jay und ihre Mutter auch. Die Spuren mussten von ihrer kleinen Schwester stammen. Aber da waren noch mehr. Mehr als sonst immer. Unruhe schoss in Hirkas Brust hoch. Etwas stimmte nicht. Sie stieg die Treppe hinauf und fasste die Tür an. Sie war offen. Sie schob sie vorsichtig auf und schlüpfte hinein, hörte Geräusche aus dem Kircheninneren. Ein Kind weinte. Männer stritten. Zwei davon.

»Was weißt du eigentlich über Kinder?«

»Genug. Ich weiß, dass sie reden. Das machen Kinder so. Sie reden!«

»Mann, sie hat doch gerade eben erst stehen gelernt! Was glaubst du denn, was so eins reden kann? Und wir kriegen einen Arsch voll Probleme!«

»Wir haben schon einen Arsch voll Probleme, Isac!«

Hirka drückte sich an die Wand. Sie hörte, wie im Kirchenschiff eine Tür aufgemacht wurde. Eine dritte Männerstimme übertönte alle anderen: »Sie ist auch nicht da oben. Aber sie hat da garantiert gewohnt.«

»Hat? Hat gewohnt?! Du hast doch gesagt, sie ist schon seit mehreren Tagen nicht mehr draußen gewesen! Kannst du diese Göre endlich zum Schweigen bringen!?«

»Wenn das Mädchen nicht hier ist, dann kannst du dich gleich erschießen. Damit machst du alles einfacher. Er wird dich sowieso umbringen, weil du verdammt noch mal nicht zugehört hast!«

Hirka tastete im Gesagten nach bekannten Wörtern, verstand aber viel zu wenige. Und es hallte im Kirchenschiff, was die Sache noch schwieriger machte. Doch sie begriff immerhin so viel, dass sie hinter ihr her waren. Sie legte ein Ohr an die Wand. Hörte das Blut darin rauschen. Ihr Puls hämmerte. Sie musste wieder von hier weg.

Das Kind …

Das Mädchen da drinnen weinte immer noch, jammerte nach der Mutter. Das Wimmern schnitt Hirka ins Herz. Sie konnte die Kleine nicht einfach dort zurücklassen. Sie musste sie irgendwie mitnehmen. Und die anderen? Wo waren die anderen? Sie musste sehen … Bloß ganz kurz hineingucken.

Sie beugte sich vor und linste ins Kircheninnere. Sie erstarrte. Wusste, dass sie von hier weglaufen sollte, konnte es aber nicht. Ihre Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Den Mittelgang entlang. Auf Jay zu, die mit dem Gesicht am Boden lag. Ihre Kopfhörer waren herausgefallen. Sie lagen in einer Pfütze aus etwas Rotem.

Dilipa lag gleich daneben mit dem Kopf zwischen den Bankreihen. Die Frau starrte aus toten Augen zu ihr hoch. Hirka hatte das Gefühl im Gesicht verloren. Hatte sie gerade einen Albtraum? Lag sie im Draumheim? Sie blickte auf.

Drei Männer standen vor dem Altar und starrten sie an, als sei sie ein Gespenst. Einer hielt Jays kleine Schwester am Nacken fest. Das Mädchen schluchzte. Seine Beine hatten unter ihm nachgegeben, sodass es halb in der Hand des Mannes baumelte.

Hirka suchte nach Worten. Wut und Trauer drohten sie zu ersticken. Sie blieb kurz vor ihnen stehen. Starrte sie an. Sie starrten zurück. Die Zeit stand still.

Dann brach der Größte von ihnen in Gelächter aus. Er hatte blonde Haare und trug ein grelles Hemd mit Zickzackmuster. Er breitete die Arme aus. »Vielleicht gibt es doch einen Gott«, sagte er und kam auf sie zu. Hirka sah ein schwarzes Bündel über dem Altar hinter ihm liegen. Pater Brody.

Hunde. Wahnsinnige Hunde. Wilde Tiere. Das waren sie. Hirka schaute zu Jays kleiner Schwester. Es gab nur eins zu tun. Nur eins würde die Männer das Mädchen vergessen lassen.

Hirka wirbelte herum und lief zurück zur Tür. Die Männer riefen durcheinander. Jemand packte ihren Regenponcho. Zog sie zurück. Der große Mann drückte ihr die Hand auf den Mund. Sie hörte einen Knall. Jays kleine Schwester hörte auf zu weinen. Die zwei Männer schrien einander an. Der sie festhielt, sagte ihnen, sie sollten das Maul halten. Er roch nach verfaultem Essen.

Plötzlich hielten zwei sie fest. Der Dritte kickte die Tür auf. Nickte. Sie zerrten sie nach draußen. Sie trat um sich, schlug, biss. Dann kamen die Tränen. Sie schleiften sie durch den Schnee, zwischen den Grabsteinen hindurch und in die dunkle Gasse hinter dem Armenhaus.


Blut an den Händen

Hirka saß auf der Rückbank und rüttelte an der Autotür. Sie war abgeschlossen. Aber sie musste raus. Jetzt. Bevor sie losfuhren. Solange sie noch den Kirchturm sehen konnte. Das ergab keinen Sinn, war aber das Einzige, worum ihre Gedanken kreisten. Wenn die sie erst einmal von hier fortgeschafft hatten, dann war alles vorbei. In einer unbekannten Umgebung fand sie sich nicht zurecht.

Zwei der Männer saßen vorn und schrien sich an. Der Wagen wurde angelassen und machte einen Satz in die dunkle Gasse hinein. Der größere der beiden schlug den, der fuhr, und das Auto blieb plötzlich stehen. Hirkas Kopf prallte gegen den Sitz vor sich. Dann wurde sie wieder zurückgeworfen, doch der Beutel fing die größte Wucht des Aufpralls ab. Die Tür auf der anderen Seite baumelte offen und Hirka warf sich über den Sitz, um hinauszukommen. Sie wurde von dem dritten Mann zurückgeschubst. Es war der Mann, der ihr in der Kirche entgegengekommen war. Der, den sie Isac genannt hatten.

Er setzte sich auf die Rückbank mit den Füßen nach draußen. »Haltet’s Maul!«, schrie er und hob die Hand. Die anderen verstummten. Hirka hatte so große Angst, dass ihr die Füße zitterten. Sie spürte, wie etwas am Fußgelenk drückte.

Das Messer …

Sie schaute auf ihre gelben Stiefel hinunter. Wippte mit dem Fuß ein wenig und fühlte, wie das Futteral in der Wollsocke hin- und herrutschte. Das Messer war noch da. Das ließ sie hoffen. Sie musste es nur ruhig angehen. Die beste Gelegenheit abwarten.

Der Mann, der fahren sollte, war klein und hatte Todesangst. Sein Rattengesicht war schweißnass und er murmelte immer wieder ein und denselben Satz vor sich hin: »Das geht schief. Das geht schief.« Der andere Kerl war kräftig. Er stieß den verschwitzten Ängstlichen mehrmals wütend mit dem Ellenbogen an, wirkte aber genauso verunsichert. Das war ein gutes Zeichen. Ängstliche Männer machten Fehler. Früher oder später.

Isac legte einen Finger an die Stirn und seufzte. Er benahm sich nicht wie die anderen. Er war ruhiger. Schien keine Angst zu haben. Sie wusste, dass er am gefährlichsten war, vor ihm musste sie sich am meisten in Acht nehmen.

»Micke, kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte er den kleinen Mann, der sichtlich ängstlicher wurde. »Kannst du mich erschießen, wenn ich noch einmal auf die Idee kommen sollte, dich zu einem Auftrag mitzunehmen? Hmm? Wenn ich so blöd sein sollte, könntest du dich dann meiner erbarmen, damit es mir erspart bleibt, Zeuge zu werden, wie du so ein …«, er schlug im Takt seiner Worte mit der geballten Faust auf den Autositz, »… totales … Scheiß … Chaos … anrichtest!«

»Er hat meinen Namen gesagt«, murmelte Micke. »Jetzt weiß sie, wie ich heiße! Man verwendet keine Namen bei einer Operation!«

»Gott steh mir bei …« Isac verdrehte die Augen. »Das hier sollte sauber und ohne Blut ablaufen. Ohne Blut, Micke. Das hier ist kein Film! Du fährst keinen Meter, bevor du hinter dir aufgeräumt hast! Hörst du, was ich sage?«

»Aufräumen? Was zum Henker … Wir haben sie doch! Wir sind draußen. Ich gehe da nicht mehr rein! Man geht nie zurück, Isac! Das ist Regel Nummer eins im Feld. Schnell rein, schnell raus, oder?«

»Ich schlage ihm die Glotze ein«, flüsterte Isac und rieb sich die Nasenwurzel. Im Auto wurde es still. Die beiden anderen starrten den Mann am Steuer an.

»Was? WAS? Wir haben das, warum wir hergekommen sind!«

»Sie, aber nicht den Raben. Willst du ihn anrufen und ihm das erzählen?«, fragte Isac.

Micke schluckte.

»Nein, das dachte ich mir. Dann müssen wir einen Raben herzaubern.«

»Können wir nicht einfach einen von denen da hinten nehmen? Das ist doch egal …«

»Das sind Krähen, du Idiot.« Isac guckte Hirka an. »Es grenzt doch an ein Wunder, dass er überhaupt auf zwei Beinen geht, oder?«

Sie gab keine Antwort, angewidert, dass er versuchte, sie in seinen Scherz mit einzubeziehen. Die Kerle auf den Vordersitzen waren jetzt sehr nervös. Der größere fluchte und stieg aus dem Wagen. Er zündete sich eine Zigarette an.

»Wo ist der Vogel, mein Fräulein?« Isac lehnte sich zu ihr herüber. Er roch verfault. Seine Kleidung war sauber, aber er roch trotzdem. Von den anderen schien es keinem aufzufallen. Merkte nur sie etwas davon? Das erinnerte sie an Urd. Der Geruch aus seinem Hals beim Steinkreis in Ravnhov. Seine Männer schienen sich auch nicht geekelt zu haben. Aber es war Micke, der getötet hatte. Ohne es zu bereuen. Als sei es sein Recht, das Leben anderer zu beenden. Das von Pater Brody. Von Jay. Von Dilipa. Von einem Kind. Von einem fünfjährigen Kind … Das war nicht auszuhalten. Hirka spürte, wie ihre Lippen zitterten, und kniff sie zusammen.

Isac zog sie ins Freie und drückte sie gegen das Auto. »Wo ist der Rabe?«

Hirka zuckte die Schultern. »Er ist ein Vogel. Sie fliegen immer, wohin sie wollen«, antwortete sie.

Isac kam ihr noch näher. Sie drehte den Kopf weg, um seinen Atem nicht riechen zu müssen, aber er kam mit dem Gesicht hinterher. Seine Augen wirkten blass. War er krank? Dem Geruch nach zu urteilen müsste er schon tot sein. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit ihm, doch sie weigerte sich zu zeigen, wie sehr ihr das Angst machte.

»Was ist nur los mit dir?«, fragte er. »Was ist nur so unglaublich Besonderes an dir, dass ich den ganzen Weg herkommen musste, um nach dir zu suchen? Was hast du, was wir nicht haben, hmm?«

Er machte nicht den Eindruck, als erwarte er eine Antwort. Aber sie antwortete trotzdem: »Eine Seele.«

Sie hatte nicht mit einer Reaktion gerechnet, doch Isac starrte sie eine Weile mit offenem Mund an. Dann fing er sich wieder. Warf den blonden Haarschopf zurück. Eine viel zu jugendliche Geste für einen Mann von bestimmt über fünfzig.

»Es ist schon total schräg, wenn man einen Raben als Haustier hat«, meinte er und zog an seinen Jackenaufschlägen, als säßen sie nicht richtig. »Das bedeutet doch wohl, dass du ihn magst, oder? Und da wäre es doch schade, wenn wir diese Kirche jetzt abfackeln müssten. Ich frage mich …« Er hob ihr Kinn mit der Hand. »Wie riechen wohl verbrannte Federn? Was meinst du?«

Der große Kerl lachte in sich hinein und warf die Kippe auf den Boden. Trat sie aus. Dann öffnete er die Wagentür und holte einen Behälter heraus. Öl, vermutete Hirka. Er begann etwas in seiner Tasche zu suchen, während er an ihnen vorbei zur Kirche ging.

Ihre Wut besiegte die Angst. Hätten sie sie töten wollen, dann hätten sie das schon längst getan. Aber sie lebte. Das machte sie mutiger. Sie starrte Isac an.

»Eines Tages«, begann sie, »da kommst du zu mir und bettelst mich an, dein Leben zu schonen.«

»Aber nicht heute«, antwortete Isac und schubste sie zurück ins Auto.

Micke rieb sich mit den Händen das Gesicht. »Isac, wir müssen weg. Wir verplempern hier unsere Zeit!«

»Wir gewinnen Zeit, du Hirni! Wenn wir jetzt abhauen, haben wir in einer Stunde einen Massenmord in den Medien, besten Dank auch dafür. Jetzt kriegen wir stattdessen einen Brand. Wenn wir Glück haben, dann bringt uns das ein paar Stunden Vorsprung. Und wenn du noch ein Mal das Maul aufmachst, werfe ich dich ins Feuer.«

Hirka steckte den Arm in den Stiefel. Langsam, damit keiner etwas mitbekam. Sie tastete unter das Hosenbein und griff nach dem Messer.

»Da kommt er«, sagte Micke und guckte durchs Rückfenster.

Zwei Mal knallte es irgendwo. Micke duckte sich hinter das Steuer. Hirka zog das Messer und warf sich aus dem Auto. Die Tür traf Isac, wodurch er auf den Asphalt sank. Er griff sich an die Brust. Ein Blutfleck breitete sich um seine Finger aus. Wurde vom Hemdmuster aufgesogen. Er starrte zu ihr hoch. Verwirrt.

Es knallte wieder. Das Geräusch schien aus den Wänden der dunklen Gasse zu kommen, war nicht näher zu orten. Jemand packte sie. Sie wirbelte herum. Es war Micke. Er zog sie an sich und starrte zum Himmel. »Wer ist das? Wer zum Henker ist das?« Sie sah, wie etwas entfernt eine Gestalt die Feuerleiter hinabkletterte, das letzte Stück sprang. Micke zog einen Gegenstand aus der Innentasche seiner Jacke und drückte ihn an ihren Kopf. Es war eine Waffe. Das wusste sie jetzt. Und sie wusste, was er in der Kirche getan hatte. Er würde es wieder tun. Sie umklammerte das Messer fester.

»Ich werde dich retten«, sagte sie.

Mickes Augen flackerten. Er begriff nichts. Er hielt ihr die Waffe unters Kinn und schluchzte. Entweder er oder sie. Hirka rammte ihm das Messer in die Brust. Genau unterhalb der Rippen. Drückte es hoch. Er riss die Augen auf. Sie lehnte sich gegen ihn, flüsterte ihm ins Ohr: »Du brauchst nie mehr Angst zu haben, Micke.« Die Waffe in seiner Hand fiel zu Boden. Hirka zog das Messer wieder heraus. Von dem Geräusch wurde ihr schlecht. Er sackte zusammen und blieb gegen den Autoreifen gelehnt liegen.

Der Dritte.

Hirka drehte sich um. Der muskulöse Kerl mit dem Ölbehälter kam von der Kirche angelaufen. Er war groß. Sie würde nie allein mit ihm fertigwerden. Es knallte wieder. Er blieb auf der Stelle stehen, fiel auf die Knie. Sein Körper schwankte vor und zurück. Hinter ihm sah sie, wie Flammen aus der Kirche schlugen. Ein Alarm heulte. Dann kippte er zur Seite.

Jemand lief an ihr vorbei. Die Gestalt, die die Treppe heruntergekommen war, ging neben dem Mann am Boden in die Hocke. Sie hörte etwas knacken. Einen Augenblick dachte sie, der Mann habe dem Toten einen Finger gebrochen, doch sie konnte beide Hände sehen, darum musste es also etwas anderes gewesen sein.

Dann kamen die Sirenen. Die Polizei. Hirka hatte sie schon einmal gehört, das war das Geräusch des Untergangs. Der Endzeit. Sie presste ihre Hände auf die Ohren. Sie zitterte. Sie zitterte so heftig, dass sie das Geräusch nicht richtig aussperren konnte. Das Blut lief vom Messer zwischen ihre Finger. Der Mann, der sie gerettet hatte, erhob sich wieder und kam auf sie zu. Sie hätte ihn überall wiedererkannt. Er war es. Der Mann mit dem Kapuzenpullover. Sie hielt das Messer vor sich, während sie zurückwich.

Er ging an ihr vorbei und setzte sich ins Auto. »Komm«, sagte er, »wir haben keine Zeit.«

Hirka starrte die Flammen an. Warum musste alles brennen? Warum war alles, was sie anfasste, dem Untergang geweiht? Ihr einziger Wille war zu heilen, Dinge zusammenzusetzen. Ymsland … Sie stand auf dem Hügelkamm und sah die Hütte brennen. Vater war tot. Alle waren tot.

Sie bewegte sich wie gebannt, setzte sich zu dem Fremden ins Auto. Er startete den Motor. Der Wagen rollte vorwärts. Sie hörte einen dumpfen Aufprall und guckte nach hinten. Es war Micke. Er war umgefallen, als das Auto sich in Bewegung gesetzt hatte. Hirka legte die Hand auf die Scheibe.

»Nichts anfassen!« Der Mann im Kapuzenpullover zog ihre Hand vom Fenster weg. Der Wagen neigte sich zur Seite. »Dann finden sie uns.« Sie verstand nicht, was er meinte. Sie berührte doch den Sitz, sie saß doch darauf. Und er auch. Er sah sie an. »Polizei? Fingerabdrücke?« Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. Er trug Handschuhe.

»Mich finden sie nicht«, sagte sie und umklammerte ihren Beutel.

»Die finden alle früher oder später. Warum sollten sie dich nicht finden?«

»Mich gibt es nicht«, antwortete sie.

Er lachte auf. »Wunschdenken, Mädchen.«

Er bog auf eine größere Straße ab. Zwischen eine Menge anderer Autos. Dann beschleunigte er.


Widerstand

Die Schwerter schlugen klirrend gegeneinander und Rime stand plötzlich Schwarzfeuer von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der Gesichtsausdruck des Mesters strahlte so viel Ruhe aus wie immer. Er ließ nichts durchblicken, wenn er kämpfte. Wegen der dunklen Haut leuchteten die Augen weißer als bei anderen Männern. Vielleicht war das der Grund, warum es so schwer war, an ihm etwas abzulesen. Auf seinem kahlen Schädel war nicht ein Schweißtröpfchen.

Rime aber schwitzte. Jetzt zurückzuweichen bedeutete verlieren. Ihm brannten die Arme und das wusste der Mester. Rime sah den Anflug eines Lächelns in seinen Augen. Er biss die Zähne zusammen. Er war gefangen. Das erinnerte ihn wieder an Hirka.

Rime rammte seine Ferse Schwarzfeuer auf die Zehen. Der Mester gab ein Grunzen von sich und sprang rückwärts. Rime folgte ihm mit drei Schlägen, bis sein Schwert dem Mester an der Gurgel lag. Der Mester lachte. Und diese Heiterkeit war der einzige Grund, warum Rime die Oberhand gewonnen hatte. Die Male, die er Schwarzfeuer überrumpelt hatte, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen, und dieses Mal gehörte nicht dazu.

»Wer hätte gedacht, dass sie dich mehr übers Kämpfen lehren sollte, als ich es konnte«, grinste Schwarzfeuer.

Rime ließ den Arm mit dem Schwert sinken. »Sie?«, fragte er, obwohl er ganz genau wusste, wer gemeint war.

»Du warst nie leidenschaftlich, bevor du sie getroffen hast.«

Rime war enttäuscht, dass der Mester ihren Namen nicht aussprach. Ihn von anderen zu hören, machte sie wirklich. Als befinde sie sich irgendwo in der Nähe. Irgendwo dort, wo er sie erreichen konnte.

Er ging zur Mitte des Raumes zurück und hob abermals das Schwert.

Schwarzfeuer kam auf ihn zu. »Und ich dachte schon, du würdest fett und faul davon werden, dass du am Tisch in Eisvaldr sitzt. Rabenträger brauchen nicht zu schwitzen. Oder hat man am Stab so schwer zu tragen?« Er begann, Rime zu umkreisen, nicht wissend, dass er eine Wunde aufgerissen hatte, die niemand sehen konnte.

Rime folgte seinen Bewegungen. »Ich habe den Stab nur ein einziges Mal getragen und das war bei der Weihe.«

»Kein Seher. Kein Stab. Kein Rabe auf der Stirn. Wie willst du führen, wenn dich niemand sieht?«, fragte Schwarzfeuer und führte einen Schlag gegen seine Seite. Rime drehte das Schwert und parierte. Er lehnte es ab, sich entmachten zu lassen.

»Das Wichtigste ist, dass sie mich hören.«

»Das zu glauben, bist du nicht dumm genug.«

Schwarzfeuer brachte eine Reihe von Schlägen an, die Rime rückwärts zwangen. Er wich der Klinge aus und es gelang ihm, den Mester zu umrunden. Schwarzfeuer belohnte ihn mit einer Verschnaufpause.

»Rime, du dienst niemandem, wenn du gegen sie arbeitest. Der Rat ist eins. Ihr wurdet für diese Aufgabe geboren.«

»Niemand ist für diese Aufgabe geboren! Kein Gott hat uns das Anrecht auf die Stühle gegeben!«

Rime schob die Falttüren auf und ging hinaus auf die Felskante. Er hatte immer geglaubt, dass er in Blindból zur Ruhe kommen würde, doch in Wahrheit hatte er noch nie Ruhe gefunden. Alles, was er hatte, waren Augenblicke des Vergessens.

Der Nebel weit unter ihm war dichter als sonst. Der Schnee hatte sich bei allen Bergen auf dieselbe Seite gelegt. Der Wind peitschte ihn von den Gipfeln und dadurch sah es so aus, als löse sich der Fels gerade auf.

Er hörte hinter sich Schwarzfeuers Schritte im Schnee.

»Du wirst den Tag hassen, an dem du gegen mich verlierst«, sagte Rime.

»An dem Tag, an dem ich gegen dich verliere, wird es aus Liebe geschehen«, sagte der Mester. Die Worte kamen unerwartet. Ausgesprochen ohne die geringste Spur von Wärme und dennoch … war es eine Erinnerung daran, dass er Unterstützung, eine Familie hatte.

»Sie kämpfen gegen mich, Mester. Mehr als du mit dem Schwert. Jeden Tag finden sie etwas Neues, damit ich schweige. Damit ich in Vergessenheit gerate. Wenn sie mich töten könnten, dann würden sie es tun.«

Schwarzfeuer stellte sich neben ihn. »Dann solltest du vielleicht eine Weile schweigen.«

Rime schaute ihn an. »Ein feiger Rabenträger? Kannst du dir etwas Gefährlicheres vorstellen?«

Schwarzfeuer gab keine Antwort. Rime steckte das Schwert in das Futteral auf dem Rücken. »Sie wollen, dass ich eine Frau finde.«

»Ja, das würde viele Probleme lösen.«

»Genau das sage ich auch immer! Nichts wird besser, wenn ich …«

»Nein, ich meine es so«, sagte Schwarzfeuer. »Das würde tatsächlich viele Probleme lösen.«

Kurz dachte Rime, er habe sich verhört. Der Mester der Schwarzröcke sollte doch der Erste sein, der den Gedanken verwarf, Probleme durch eine Heirat zu lösen. Rime ballte die Fäuste. Nicht einmal Schwarzfeuer stand auf seiner Seite.

»Die Leute haben davon nicht mehr Essen auf dem Tisch, dass wir Geld für eine Verlobungsfeier ausgeben.«

Schwarzfeuer lachte in sich hinein. »Wie viele von solchen Entschuldigungen hast du auf Lager?«

»Viele«, antwortete Rime und schaute in eine andere Richtung.

»Du siehst das aus dem falschen Blickwinkel, Rime. Überleg mal, was es dir bringen kann, und nicht, was es dir nimmt. Ich höre, dass man sich von einem Mädchen aus dem Norden erzählt. Das würde den Rat und Ravnhov zweifelsohne einander näherbringen, ganz gleich, ob sie wollen oder nicht.«

Rime sagte nichts. Er wusste, dass es stimmte, aber es erschien ihm dennoch unwesentlich. Das ging ihn nichts an. Das Einzige, was ihn etwas anging, das waren die Tore.

Schwarzfeuer deutete mit dem Schwert. In einiger Entfernung kletterten rund fünfzig Schwarzröcke die senkrechte Felswand hinauf. Auf ihren Rücken trugen sie geflochtene Körbe mit Deckeln, die Fisch, Geflügel und Winterfutter enthielten. Sogar das Überleben wurde in Blindból zur Übung und meistens wurden die Neulinge fürs Klettern eingesetzt. Die schwarze Uniform verschmolz mit dem Fels. Manchmal sah es so aus, als schwebten die Körbe von selbst hinauf.

»Sie klettern mehrmals am Tag bergauf und bergab«, sagte Schwarzfeuer. »Um sich am Leben zu halten. Um uns am Leben zu halten. Erinnerst du dich?«

Erinnerst du dich? Ich habe noch immer die Spuren der Riemen auf den Schultern.

»Ja, ich erinnere mich.«

»Wenn der Tag um ist, legen sie sich schlafen. Und am nächsten Morgen stehen sie auf und machen alles wieder von vorn. Aber dann kommt die Wintersonnenwende. Dann sitzen sie in den Hütten um die Feuerstellen und trinken vergorenen Tee und Wein. Sie krempeln die Ärmel hoch und zeigen ihre Narben vor. Lachen über ihre Fehler, beschenken sich mit Dingen, die sie hergestellt, gekauft oder gestohlen haben. Und am Morgen danach können sie lange schlafen.«

»Lange?« Rime hob eine Augenbraue und der Mester besaß so viel Anstand, sich etwas peinlich berührt zu räuspern.

»Ja, länger als an den anderen Tagen zumindest. Aber meine Frage an dich ist: Wollen wir ihnen diesen Abend wegnehmen?«

»Natürlich nicht, Mester.«

»Warum nicht?«

»Weil die Tage ohnehin schon anstrengend genug sind.« Rime wusste, dass er in eine Falle tappte, aber Schwarzfeuers Fallen konnte man nur schwer aus dem Weg gehen. Man landete in ihnen, ob man wollte oder nicht.

»Das stimmt. Die Tage sind ohnehin anstrengend genug. Ein Fest kann für ein ganzes Jahr Schufterei entschädigen.«

»Lass uns doch ein Fest ohne Frauen machen.«

Schwarzfeuer schaute ihn an. »Du bist Rabenträger. Sie können dich nicht dazu zwingen. Aber wenn du eine Familie gründen würdest, könnte das Volk feiern. Sie würden alle vergessen, die bei Ravnhov gestorben sind. Könnten die Asche vergessen, die das Getreide unter sich begräbt. Sie würden sogar den Raben vergessen. Das Einzige, was sie sehen würden, wäre Jugend, Hoffnung und Liebe. Eine neue Generation An-Elderin. Etwas von Bestand im Chaos. Und wie du es auch drehst und wendest, du bist derjenige, der das Chaos verursacht, Rime. Und das Schlimmste, was dir passieren kann, sind warme Arme, zu denen du abends ins Bett kriechen kannst. Es gibt im Leben Unangenehmeres, Junge.«

Rime starrte ihn an.

Schwarzfeuer war offensichtlich amüsiert. »Ja, was denn? Hast du etwa gedacht, man ist ohne Gegenleistung Rabenträger? Dass du nichts opfern müsstest?«

Rime antwortete nicht. Was sollte er sagen? Er hatte bereits das Einzige geopfert, das für ihn je von Bedeutung gewesen war. Sich an eine andere zu binden, kam einem Todesurteil gleich. Das war, als würde er sich damit abfinden, dass Hirka verloren war. Dass sie nie wieder zurückkam.

Ein schwarz gekleideter Schatten kam zwischen den Bäumen angelaufen. »Mester Schwarzfeuer! Ein Rabe!« Der Mann kam bei ihnen an und tat sein Bestes, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er außer Atem war. Er reichte Schwarzfeuer eine weiße Briefhülse mit dem Siegel des Rates. Das Rabenzeichen gab es noch, obwohl es den Seher nie gegeben hatte.

Schwarzfeuer reichte Rime die Hülse. »Das ist dein Siegel.«

Rime nahm sie, zog das zusammengerollte Papier heraus und las, während sich ihm die Haare auf den Armen sträubten. »Das ist von der letzten Heeresgruppe aus Ravnhov. Sie stehen kurz vor Mannfalla. Sie sagen, dass sie zu wenige Leute haben und dass sie angegriffen worden sind. Mehrere sind schwer verletzt.«

Schwarzfeuer nickte. »Ich weiß. Aber wir haben vor mehreren Wochen jede Hilfe geschickt, die uns zur Verfügung stand.«

»Nein. Sie sind jetzt angegriffen worden, kürzlich.« Rime reichte ihm den Brief. »Und nicht von Ymlingen. Sie sagen, es sind Nábyrn.«

Schwarzfeuer riss das Papier an sich. Niemand hatte die Blinden gesehen, seit Bromfjell explodiert war. Am Schicksalstag. Am Tag, als Urd starb und der Ritualsaal einstürzte. Als Hirka noch da war. Nun war sie fort und alles hatte darauf hingedeutet, dass es sich mit den Blinden auch so verhalten würde.

Rime umklammerte die Briefhülse. Schwarzfeuer sah ihn an.

»Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst, Rime An-Elderin. Vielleicht hast du den Grund gefunden, den du brauchst, um das Fest abzusagen.«


Der Jäger

Ich habe getötet.

Der Gedanke kam, ehe sie überhaupt wusste, dass sie wach war. Blut hatte ihre Hand gewärmt, als sie das Messer hielt. Sie hatte getötet. Sie war gefallen. »Du sollst nicht töten«, hatte Pater Brody gesagt. Hirka wünschte, er hätte stattdessen gesagt: »Du sollst nicht sterben.« Würde er dann vielleicht noch leben?

Ihre Augen fühlten sich geschwollen an und sie erinnerte sich, dass sie geweint hatte. Das war nicht gerecht. Das Aufwachen sollte unbeschwert, erinnerungslos sein, zumindest für eine Weile. Das hatte sie früher auch schon oft gedacht. In einer anderen Welt. In einer anderen Zeit. In der Hütte in Elveroa, als die Möwen vor dem Fenster schrien und Vater draußen im Zimmer saß und getrocknete Sonnenträne zerstieß. Sie war damals aufgewacht und ein normales Mädchen gewesen. Bis sie sich erinnerte.

Odinskind. Fäulnis. Was bin ich jetzt?

Sobald sie die Augen aufmachte, wäre alles weg. Keine Hütte. Keine Läden vor dem Fenster. Nicht einmal richtige Holzwände. Bloß ein kahles Zimmer in einem Hotel. Ein hohes Wirtshaus, wo niemand jemand anderen kannte. Sie hörte das Rauschen der Stadt. Das war da beim Aufwachen und es war da beim Einschlafen. Dass die Leute hier nicht verrückt wurden, war nicht zu verstehen. Dann fiel ihr wieder ein, was passiert war. Und sie begriff, dass sie genau das waren: verrückt. Alle. Sie hätte nie herkommen dürfen.

Wäre sie in Ymsland geblieben, dann wären sie immer noch am Leben. Pater Brody, Jay und ihre Mutter. Die kleine Schwester. Der Schmerz schwoll in ihrer Brust an. Eine vielschichtige Trauer um alles, was sie verloren hatte, und alle, die sie nicht behalten durfte. Sie war geboren, um ständig auf der Flucht zu sein.

Vorher war sie wenigstens nicht ganz allein gewesen. Sie hatte Kuro gehabt. Einen Freund, der wusste, dass sie die Wahrheit sagte, weil sie zusammen hergekommen waren. Sie hatten ein ›Wir‹ gebildet. Jetzt gab es nur noch sie.

Und den Blinden …

Sie musste hier weg. Sie musste zurück zum Gewächshaus, bevor ihn jemand fand. Bevor er allein herumlief. Nackt. Und ohne etwas über diesen Ort zu wissen, so wie sie bei ihrer Ankunft.

Hirka öffnete die Augen. Eine Lampe mit grünem Schirm summte auf dem Nachttisch. Sie hatte immer noch ihre Kleider an, aber jemand hatte sie zugedeckt. Das musste er gewesen sein. Der Mann, der sie überfallen hatte. Und sie gerettet hatte. Der Mann mit dem Kapuzenpullover. Es roch nach Rauch. Hirka drehte sich vorsichtig um. Er saß auf einem Stuhl beim Fenster und starrte in den grauen Himmel. Die Kapuze war heruntergezogen und sein braunes Haar stand vom Kopf ab wie dickes Gras. Die Spitzen waren von der Sonne gebleicht. Er sah jetzt wie ein anderer aus. Jetzt, da sie wusste, dass er ihr nichts tun würde.

Seine Hand trommelte auf der Armlehne. Zwischen den Fingern steckte eine brennende Zigarette. Jay hatte auch geraucht, aber heimlich, damit ihre Mutter es nicht herausfand. Davon starben Leute, hatte sie gesagt. Aber das hatte Jay nicht umgebracht.

Der Mann warf ihr einen kurzen Blick zu und zuckte zusammen, als er sah, dass sie wach war. Er drückte auf seinem Mobiltelefon herum. »Es ist vier Uhr nachmittags«, erklärte er. »Du hast ein paar Stunden geschlafen.«

Hirka setzte sich im Bett auf. Die Leute hier waren von Zeit wie besessen. Als gebe es nie genug davon. Sie musste nur aus dem Fenster gucken. Der Himmel zeigte an, wie lange sie geschlafen hatte. Sie brauchte die Zeit nicht in noch kleineren Stücken.

Sie stand auf und trat ans Fenster. Sie war hoch oben. Ein Stück entfernt sah sie die Kirche, umgeben von Autos und blinkenden Lichtern. Sie konnte nicht erkennen, wie viel davon noch übrig war, aber der Turm stand noch. Schwarz vor Ruß. Leute hatten sich in Gruppen vor dem Portal versammelt. Lagen sie immer noch da drinnen? Pater Brody und die anderen?

»Setz dich«, sagte der Mann und zeigte auf den anderen Stuhl. Hirka tat, was er sagte. Sie hatte ihn schon genug geärgert, weil sie ihn gezwungen hatte, in der Stadt zu bleiben, nicht wegzufahren. Sie hatte ihm nicht einmal erzählen können, warum es so wichtig war. Aber er hatte sich darauf eingelassen. Aus Gründen, die bestimmt keiner von ihnen verstand.

Er holte seine Waffe heraus. Ein schwarzes, abgewinkeltes Metallstück, das jetzt viel hässlicher war, seit sie wusste, wozu man es benutzte. Er legte es auf den Glastisch zwischen ihnen.

»Ich gehe davon aus, dass du nicht die geringste Ahnung hast, was das hier ist, oder?«, fragte er. Hirka gab keine Antwort. Sie wusste es und wusste es auch wieder nicht.

Seine Füße wippten nervös auf und ab. Er trug eine blaue Hose aus dickem Stoff. Die hatte einen besonderen Namen, an den sie sich aber nicht mehr erinnern konnte. Von denen kamen im Armenhaus viele an und die meisten waren in besserem Zustand als seine, die Löcher an den Knien hatte und unter den Taschen dünn gescheuert war. Er beugte sich auf dem Stuhl vor.

»Kein Mensch reagiert nicht auf eine Glock an der Schläfe. Keiner.«

Er zog an der Zigarette und drückte sie danach in einem Glas aus, obwohl sie noch nicht zu Ende geraucht war. »Aber du«, sagte er und musterte sie. Er war vielleicht doppelt so alt wie sie. Seine Augen waren braun wie das Haar. Sie erkannte den blassen Streifen an der Lippe wieder, eine Narbe, die sie etwas nach oben zog. Unter den Bartstoppeln fast nicht zu sehen.

»Wie kommt es also, dass sich eine Jugendliche mit der Mündung am Kopf nichts anmerken lässt? Das frage ich mich. Und weißt du, was? Mir fallen nur zwei mögliche Antworten ein.« Er lehnte sich wieder zurück. »Entweder hat sie so eine Situation schon so oft erlebt, dass sie sich beherrschen kann und nicht um ihr Leben bettelt. Was unwahrscheinlich ist. Oder aber sie kapiert ganz einfach nicht, was los ist. Also: Das hier ist eine Glock 19. Eine Neun-Millimeter-Handfeuerwaffe. Eine Pistole. Aber du hast keine Ahnung, was das ist, oder?«

Hirka glaubte, dass sie verstand, was er sagte, obwohl die Hälfte der Wörter für sie neu war. Glock? Pistole? Sie schaute die Waffe auf dem Tisch an. »Das ist eine Waffe. Die tötet Leute«, antwortete sie und zuckte mit den Schultern in dem Versuch, sich den Anschein zu geben, als spreche sie schon ihr Leben lang über solche Dinge.

»Ja, das weißt du jetzt. Aber das wusstest du vorher noch nicht, oder?«

Hirka schüttelte den Kopf. Es war sinnlos, so zu tun, als wüsste sie Dinge, von denen sie keine Ahnung hatte. Der Mann hatte ihr trotzdem geholfen, wenn auch offenbar widerwillig.

»Genau. Und du bist vorher noch nie Fahrstuhl gefahren?«

»Fahrstuhl?«

»Hotelfahrstuhl. In dem wir rauffuhren, als wir hier ankamen.«

»Aha … nein.«

»Und du hast auch keine Ahnung, was die hier wert sind?«

Er ließ drei Steine auf den Tisch rollen. Es waren ihre. Die hatte er ihr weggenommen. »Das sind meine!« Hirka griff nach ihnen. »Sie waren ein Geschenk«, fügte sie hinzu und schaute ihn vorwurfsvoll an. Er war hier der Dieb. Nicht sie.

»Das heißt also nein? Du hast keine Ahnung, was sie wert sind?«

»Doch. Oder … nein, nicht hier.«

»Genau. Und das ist ja das Interessante, oder? Du weißt, was sie woanders wert sind, aber nicht hier. Dann habe ich da noch eine andere Frage.« Er beugte sich wieder vor. »Wo zum Henker kommst du her?«

Hirka biss sich auf die Lippe. Zu erzählen, woher sie kam, brachte nie etwas Gutes.

»Hast du was zu trinken?«, fragte sie.

Kurz machte er ein ratloses Gesicht. Als habe ihn noch nie jemand um so etwas Einfaches gebeten. Doch er stand auf und ging ins Badezimmer. Hirka warf einen Blick auf die Ausgangstür. Sollte sie versuchen zu fliehen? Das hier war vielleicht die beste Gelegenheit, die sich ihr bieten würde … Sie spannte sich auf dem Stuhl an, hatte aber schon zu lange gewartet.

Er kehrte zurück und stellte ein Glas Wasser vor sie hin. Hirka trank es bis auf den letzten Tropfen aus. Er fragte nicht, ob sie mehr haben wollte.

»Hast du die jemandem gezeigt?«, fragte er. »Die Steine?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Aber ich habe das getan. Und ich würde gut auf sie aufpassen, wenn ich du wäre. Fuck, was für eine Verschwendung. Mit denen da könnte ich in Rente gehen und du hast keinen blassen Dunst. Ich sollte sie mir nehmen, das sollte ich machen.«

»Das hast du doch auch.«

»Fuck …« Er schaute hinaus auf die Lichter, die weiter weg bei der Kirche blinkten. »Ich dachte, die gehören denen. Ich dachte, du hättest was mit denen zu tun. Aber du hast auch keine Ahnung, wer die sind, oder? Du hast noch nie was von Vardar gehört? Oder von den Vergessenen?«

Sie schüttelte den Kopf. Er rieb sich das Gesicht mit der einen Hand. Er sah müde aus.

»Wie heißt du?«, fragte Hirka und zog auf dem Stuhl die Füße unter sich hoch. Sie wäre am liebsten irgendwo hochgeklettert, doch es gab nichts, worauf sie hätte klettern können. Er lächelte schief. Dadurch sah er anders, fast freundlich aus. Das hatte sie nur nicht sehen können, solange er ein gefährlicher Feind war. Was er vielleicht auch immer noch war. Sie wusste es nicht. Jedenfalls war er alles andere als ein Freund.

»Stefan. Ich heiße Stefan Barone.« Er sah aus, als sei er über seine eigene Antwort erstaunt. Sie hoffte, dass es daran lag, dass er die Wahrheit sagte.

»Ich bin Hirka.«

»Komischer Name, aber das ist wohl kein Wunder. Woher kommst du, Hirka?«

»Woher kommst du?«

Sein Blick glitt über sie, als suche er etwas, woran er sich heften konnte. Etwas, das ihm helfen konnte, sich zu entscheiden, ob er antworten sollte oder nicht.

»Mein Vater war Schwede, meine Mutter war Italienerin. Zu Hause kann man an tausend verschiedenen Orten sein, solange es dort Hotels und Bekannte gibt. Das letzte halbe Jahr habe ich in etwa zehn Ländern in Europa gewohnt. Aber das sagt dir nichts, oder?«

»Mein Vater war aus Ulvheim, meine Mutter kenne ich nicht. Bevor ich zehn war, hatte ich das meiste von Ymsland von einem Wagen aus gesehen, und ich bin zu Fuß durch Blindból gelaufen. Aber das sagt dir bestimmt auch nichts.«

Stefan lachte und massierte sich den Nacken. Er war ein erwachsener Mann, hatte aber trotzdem etwas Verlorenes. Hirka grinste kurz und merkte, dass sie schon lange nicht mehr richtig gelächelt hatte. Der Raum fühlte sich gleich wärmer an. Sie wusste nicht, woran das lag, doch sie konnte plötzlich die Schultern etwas entspannen. Steckte so viel Kraft darin, jemandem seinen Namen zu nennen? Vielleicht war es ihr gelungen, das Eis so weit zu brechen, um wegzukommen. Zurück zu dem Blinden.

Und was wollte sie dort machen? Rumsitzen, bis noch mehr Männer kamen?

»Was ist mit deiner Lippe passiert?« Hirka zeigte auf ihre eigene Lippe, für den Fall, dass sie die falschen Wörter verwendet hatte.

»Ich bin so geboren. Und es ist nicht schön, wenn man da hinstarrt.«

»Ich finde es schön«, sagte Hirka. »Ja, also nicht hinstarren. Aber deinen Mund.«

Stefan lachte und drückte wieder auf seinem Telefon herum. »Mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe: Du bist gerade einem Kidnappingversuch durch ein paar Kranke entkommen. Du hast keine Ahnung, wer die waren oder was die von dir wollten. Jeder Cop in York schiebt Überstunden, um uns zu finden. Ein fremder, bewaffneter Mann sitzt einen Meter von dir weg. Und du redest über meinen Mund?«

Hirka zuckte die Achseln und starrte zu Boden. »Ich habe nichts Falsches gemacht. Ich weiß nicht, warum das so gekommen ist.«

Stefan legte das Telefon wieder aus der Hand und stand auf. Sie sah, dass er um den Hals eine Kette trug. Die verschwand unter dem Pullover.

»Kanntest du mal jemanden, der richtig krank war, Hirka?«

Hirka unterdrückte ein Lächeln. Sie bezweifelte, dass Stefan genauso viele Kranke gesehen hatte wie sie, doch sie antwortete nicht.

»Ich meine richtig krank, Hirka. Jemand, der weiß, dass er bald sterben muss? Stell dir vor, du siehst eine todgeweihte Person ein Jahr später quicklebendig wieder. Und drei Jahre später. Und dreißig Jahre später.« Er schaute Hirka an. »Und nicht nur am Leben, sondern auch keinen Tag älter. Was würdest du dann denken?« Er zündete sich eine neue Zigarette an, machte aber nicht den Eindruck, als würde er sie genießen.

»Ich kann dir sagen, wer die waren, Hirka. Einer davon war ein gedungener Gewohnheitsverbrecher, vor dem nun niemand mehr Angst haben muss. Bei dem anderen bin ich mir nicht sicher, aber das wird sich noch herausstellen. Der Dritte …« Er sah Hirka fast flehend an, als hätte sie ihn zum Reden gezwungen. »Er war früher auch einmal ein Mann. Bevor er ein Raubtier wurde. Ein Blutsklave. Krank.«

Isac.

Hirka brauchte nicht zu fragen. Es gab keinen Zweifel, wen er meinte.

»Er hatte sich mit etwas angesteckt. Etwas, das sich über Generationen verbreitet hat. Die Bescheid wissen, halten die Klappe, denn das ist eins dieser Dinge, von denen wir nichts wissen sollen, verstehst du? Man macht das, was man kann, oder? Ich jage sie, schon seitdem ich ein Teenager war.«

Er lief jetzt im Zimmer auf und ab. Hob Gegenstände an und stellte sie wieder hin. Suchte nach Worten. »Sie nennen sich Vardar. Ich habe sie bis hierher verfolgt und sie verfolgen dich. Zuerst dachte ich, du gehörst zu ihnen, aber du bist gesund, oder? Und trotzdem sind sie hinter dir her. Ich kapiere nur nicht, warum.«

Er redete zu schnell und benutzte zu viele neue Wörter, als dass sie alles verstand.

»Was ist ein Blutsklave?«, fragte sie.

Er blieb stehen und schaute sie wieder an. »Einer, der schon längst hätte tot sein müssen, aber immer noch lebt, weil jemand das so will.«

»Wer will das so?«

»Das rauszufinden versuche ich schon mein ganzes Leben. Würde ich die Quelle kennen, dann würde ich hier nicht meine Zeit vergeuden. Ich weiß nur eins mit Sicherheit, nämlich dass er kein Mensch ist.« Stefan setzte sich wieder hin. »Und es macht mir Sorgen, dass du jetzt nicht lachst oder mich anguckst, als wäre ich aus einer Anstalt getürmt. Was sagt das eigentlich über dich aus? Dass du keine Angst vor dem Unmenschlichen hast?«

Sie konnte ein Lachen nicht zurückhalten. Er schaute sie forschend an. Es war schwierig, in Worte zu fassen, wie sehr alles auf den Kopf gestellt war, aber sie gab sich Mühe. »Ich bin es gewohnt, Menschen zu fürchten. Kein Mensch zu sein, ist sehr gut da, wo ich herkomme. Glaub mir.«

Er betrachtete sie genau. »Und wenn das stimmt, was du sagst … Warum hast du das niemandem erzählt?«

Sie schloss die Augen. Er hatte wirklich leicht reden. Er war einer von den Glücklichen, die nie erklären mussten, wer oder was sie waren. Hirka wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte.

»Weißt du, ich dachte, ich käme nach Hause. Ich dachte, sobald ich hier bin, würden alle sehen, dass ich so bin wie ihr. Ein Odinskind. Ihr würdet mich mit offenen Armen empfangen. Das dachte ich.«

Hirka wusste, dass sie den Mund halten sollte, aber die Worte hatten einen Funken entzündet. Sie brannte. Sie musste reden. Musste ihm begreiflich machen, was alles mit dieser Welt nicht stimmte. Wie schlecht sie schien.

»Zuerst, als ich hier ankam, begriff ich nichts! Ich lief. Ich lief am Tag und in der Nacht. Das Wasser war sauer, aber ich habe es trotzdem getrunken. Und obwohl die Bäume verwelkt waren, habe ich mich gefreut, sie zu sehen. Weil ich weiß, was Bäume sind, sie sind etwas Vertrautes. Etwas Echtes. Und dann sah ich diese …« Sie war jetzt gestresst und vergaß die Worte. »Autos! Und die rasten und ich … Am Anfang versteckte ich mich. In toten Wäldern ohne Tiere. Da gab es nichts zum Leben. Darum habe ich mich an die Straße gestellt und gewunken, aber niemand hielt an. Dann warf ich einen Stein. Und dann hielt einer an. Er kam raus und ich war froh, weil er mich gesehen hatte. Weil ihr jetzt wusstet, dass ich hier war. Ich dachte, er würde mich in eine Stadt bringen. Irgendwohin, wo ich wohnen konnte. An einen Ort wie Ravnhov. Und dass ich dort dann Tee trinken und abends Geschichten aus Ymsland erzählen würde und …«

Hirka stand auf. »Aber er schüttelte mich. Schrie, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Da biss ich ihn in den Arm und lief weg. Danach traf ich andere und ich versuchte zu erklären, zu sagen, dass ich durch Stein gekommen war, aber sie verstanden nicht, was ich sagte. Dann fing ich an, auf Dinge zu zeigen und zu fragen, wie sie hießen. Aber es war schwierig. Ich … ich habe Essen gestohlen.« Sie schluckte.

»Pater Brody war der Erste, der mir zuhören wollte. Ich sah all die Menschen, die zu ihm hineingingen, und ich dachte, da wäre so was wie ein großer Sehersaal. Ich folgte den anderen. Ich legte mich auf einen … Stuhl. Wie heißt das noch? … Auf eine Bank. Und Pater Brody hat mich nicht weggejagt. Ich durfte bleiben. Er fragte mich jeden Tag immer dasselbe, bis ich zu verstehen anfing. Er kannte viele und ich erzählte, wer ich war, und weißt du, was? Das spielte für sie keine Rolle! Sie sagten, ich würde nicht begreifen, was ich da redete. Dass ich mir das ausdachte. Einige guckten mich an, als wäre ich mit dem Kopf auf einen Stein gefallen. Eine alte Frau hat mir das ins Gesicht gesagt. Über andere Welten spricht man nicht, sagte sie.« Hirka hatte immer schneller gesprochen und jetzt musste sie Luft holen. »Ich bin nicht dumm. Und ich bin nicht verrückt. Also: Ja, ich habe Leuten erzählt, wer ich bin. Hast du noch mehr gute Ratschläge?«

Sie nahm ihren Beutel. »Außerdem ist es egal, was ich sage. Ich bin trotzdem eine Fremde. Es hat für euch keine Bedeutung, dass wir aus derselben Sippe kommen. Dass auch ich ein Mensch bin.«

Stefan hielt sie am Arm fest. »Du kommst also aus einem Disney-Traumland, oder was? Einem Ort, wo keiner tötet, stiehlt oder lügt? Ist das da so? Sind dort alle gleich, wo du herkommst?«

Sie riss sich los. »Nein! Aber da, wo ich herkomme, wissen alle, dass es so ist. Keiner tut so, als sei es besser, als es ist. Es gibt Mörder und Heilkundige. Arme und Reiche. Hier glaubt ihr, alle haben, was sie zum Überleben brauchen, aber das stimmt nicht. Ihr seid alle blind. Blind …« Ihre Stimme brach ab. »Aber das macht es wenigstens leichter, unsichtbar zu sein.«

Er stand auf. Sie wich einen Schritt zurück. Stefan war mindestens einen Kopf größer als sie und breitschultrig. Er nahm eine Strähne ihrer Locken und zwirbelte sie zwischen den Fingern.

»Wenn du hättest unsichtbar sein wollen, dann hättest du dir eine andere Farbe aussuchen müssen.«

»Die habe ich mir nicht ausgesucht. Mit der bin ich geboren.«

»Wirklich? Du bist mit so roten Haaren geboren?«

»Genauso wie du mit dieser Lippe geboren bist. Verstehst du das Problem? So, jetzt gehe ich. Ich kann nicht hierbleiben. Ich habe einiges zu tun. Kann ich die hier mitnehmen?« Hirka zeigte auf eine Packung Kekse, die auf dem Tisch lag. Sie hatte jetzt keine Ruhe mehr. Fühlte sich verwundbar und nackt. Wie der Totgeborene, der auf sie wartete.

»Bitte sehr. Wenn du meinst, dass du es noch schaffst, etwas zu essen, bevor sie dich finden, greif zu.« Stefan schob die Hände in die Taschen, davon überzeugt, dass seine Worte sie zum Bleiben veranlassen würden.

»Lass sie kommen. Du hast mich doch zuerst gejagt.« Sie steckte die Kekspackung in den Beutel.

Er seufzte. »Du, es tut mir leid. Ich habe viel mehr gesagt, als ich sollte, aber ich musste rausfinden, ob du eine von denen bist. Von den Kranken. Jetzt weiß ich, dass du nicht zu denen gehörst, aber sie jagen dich. Und sie sind nicht wie andere Menschen. Die Krankheit macht was mit ihnen. Mit dem Kopf. Das ist eine Infektion. Der Körper kämpft gegen das Fremde, verliert aber immer. Früher oder später. Du bist nicht sicher, Hirka.«

»Das bin ich noch nie gewesen. Außerdem sind sie tot.«

»Es kommen andere.«

»Dann muss ich wohl in Bewegung bleiben. Darin bin ich ziemlich gut.«

Hirka zog sich die Stiefel an. Ihr Messer lag auf dem Boden. Sie zögerte kurz, bevor sie es wieder in die Wollsocke steckte. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wofür sie es benutzt hatte.

»Wo ist mein Regenponcho?«

»Er hängt in der Dusche«, sagte er. »Wenn ich du wäre, würde ich ihn verbrennen. Da war Blut dran. Und dadurch finden sie dich.«

Sie biss die Zähne zusammen, unterdrückte die Schuldgefühle. Es war nicht mehr zu ändern. Sie lebte, weil sie getötet hatte.

Sie holte den Regenponcho, streifte ihn über und öffnete die Tür. Das fiel ihr schwerer, als sie gedacht hätte. Sie hatte keinen festen Bezugspunkt mehr. Stefan war der einzige. Er war nicht ungefährlich, das war offensichtlich, aber sie vertraute ihm. Er hatte nicht vor, ihr zu schaden. Er verfolgte Leute, die sich angesteckt hatten. Aber da, wo sie sich fürs Heilen entschieden hätte, hatte er sich fürs Töten entschieden.

Wie dem auch sei, sie konnte nicht bleiben. Sie hinterließ eine Blutspur, wohin auch immer sie ging. Sowohl hier als auch in Ymsland. Bei Stefan zu bleiben, hieße, ihn zu töten.

»Danke für die Hilfe«, sagte sie.

»Nicht, dass es mich was anginge, aber du rennst in den Tod, Mädchen! Willst du, dass ich dich gegen deinen eigenen Willen hierbehalte? Ich kann dich dazu zwingen, wenn ich muss.«

»Das wirst du nicht tun.«

»Weil?«

»Weil ich glaube, dass du keinen Platz für andere außer dich selbst hast, Stefan Barone«, antwortete sie und ging.


Umpiri

Lass ihn bitte in Sicherheit sein. Lass ihn in Sicherheit sein.

Hirka war den ganzen Weg vom Hotel gerannt. Die Frau hinter dem Tresen hatte nur gewinkt, als sie vorbeigesaust war. Ohne Fragen zu stellen. Ohne sie zu verfolgen. Aber Hirka rannte trotzdem.

Es wurde langsam dunkel. Sie war mehrmals im Schnee stecken geblieben, hatte die Stiefel herausziehen müssen und jetzt waren sie voller Schmelzwasser, aber sie konnte nicht stehen bleiben. Und sie konnte auch nicht auf direktem Weg zum Gewächshaus laufen. Zuerst musste sie sich vergewissern, dass ihr niemand gefolgt war.

Sie durchquerte den Park, wo der Schnee unberührt lag. Folgte dem Verlauf der Straßen in einem Kreis, sodass sie wieder beim Ausgangspunkt ankam. An der Ecke desselben Parks. Ihre eigenen Spuren waren die einzigen, die sie entdecken konnte. Gut. Dann war Stefan nicht hinterhergekommen. Auch niemand anders.

Sie lief auf kürzestem Weg zum Gewächshaus. Sie hatte keine Zeit, am Fluss entlangzurennen, also kletterte sie über den Zaun und sprang auf der anderen Seite hinab. Der Schnee um das Gewächshaus lag nach wie vor unberührt da, zum Glück. Er war nicht weggegangen. Und niemand hatte ihn gefunden. Aber das würde nicht lange auf sich warten lassen. Sie mussten sich vor Sonnenaufgang einen anderen Unterschlupf suchen.

Hirka schlich ins Gewächshaus, vorsichtig zwischen all den Pflanzen hindurch bis zur Abseite in der hintersten Ecke. Er war nicht da. Das Rabenblut auf den Steinplatten war getrocknet, aber dort lag kein Totgeborener. Ihr war übel. Sie hob die Säcke mit Pflanzenerde hoch, als würde er plötzlich darunter auftauchen. Sie schaute sich um, mit einem Mal sicher, dass er dort irgendwo war. Sie blickte nach oben.

Und da saß er. Wie ein Vogel, auf einem Balken unter dem Dach. Die Knie ragten zu je einer Seite und er hielt die Arme vor sich. Er legte den Kopf schräg. Blinzelte aus weißen Augen. Hirka setzte den Beutel ab.

»Ich sehe, dass es dir besser geht«, stellte sie trocken fest, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie kam sich blöd vor, weil sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte.

Er streckte die Füße zum Dach, bis er auf den Händen dort auf dem Balken stand. An seinem Körper war kein Gramm Fett zu viel und sie konnte jeden einzelnen Muskel arbeiten sehen. Bei einigen war sie sich sicher, dass sie sie noch nie gesehen hatte. Weder bei Ymlingen noch bei Menschen. Die dünnen, die die Wirbelsäule entlangliefen, und die Wölbungen um die Schulterblätter … Er schwang sich herum. Langsam, wie um zu zeigen, was er konnte. Dann sprang er geschmeidig auf den Boden und lächelte sie an.

Sie machte einen Schritt zurück. Er stand unheimlich dicht vor ihr. Und es gab an ihm nichts Schwaches mehr. Er war mehr Nábyrn, als sie in Erinnerung hatte.

Sie öffnete den Beutel und gab ihm den Apfel und die Kekse. »So kannst du hier nicht rumlaufen«, sagte sie und nickte zu seinem Schritt. »Normale Leute laufen nicht nackt rum.« Es tat gut, wieder ihre eigene Sprache zu sprechen, obwohl sie nicht wusste, wie viel er verstand. Er nahm das Essen und sie zog schnell die Hand zurück. Seine Krallen waren eklig und sie erinnerte sich daran, wie er ihre Hand festgehalten hatte.

Er umkreiste sie ein paarmal. Einen Augenblick erwog sie, wegzulaufen, aber dann setzte er sich auf die Säcke mit der Erde und bohrte die Krallen in den Apfel. Die Schale begann zu schrumpeln, sich zusammenzuziehen, zu verfaulen, während sie zuschaute. Hirka blieb der Mund offen stehen.

»Du isst mit den Krallen …«, flüsterte sie und schloss den Mund wieder, damit sie nicht wie ein Schwachkopf aussah.

»Das würdest du auch tun, wenn dir die Entwicklung größere Gnade erwiesen hätte.«

Hirka schlug ihre Hand auf den Mund und wich zurück. Seine Stimme war tief und rau. Aber er sprach feineres Ymsländisch als sie.

»Siehst du?«, fragte er. »Von genau diesen Dingen spreche ich. Überhaupt keine Körperbeherrschung. Es grenzt an ein Wunder, dass du überhaupt am Leben bist.« Er schüttelte den Apfelrest von den Krallen. »Hast du noch etwas Nahrhafteres als das?«

Langsam dämmerte ihr, dass ihr weder Dank noch Lob winkten. Nicht, dass sie dergleichen erwartet hätte. Sie hatte nicht einmal damit gerechnet, sich mit ihm unterhalten zu können. Sie war darauf vorbereitet gewesen, um ihr Leben zu rennen.

Sie ging zu ihm. Es war kaum vorstellbar, dass es ihn gab. »Du bist einer von den Blinden. Nábyrn.«

Etwas in seinen Augen regte sich wieder. Er stand auf. Beugte sich mit gebleckten Reißzähnen über sie. Sein langes Haar streifte ihr Gesicht. Sie war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Furcht und Faszination hielten sie gefangen.

Er fauchte: »Totgeboren? Du nennst mich totgeboren? Ich bin Naiell. Ich bin Dreyri. Ich bin Umpiri, in mir fließt das Blut der Ersten. Ich lebe seit drei Mal tausend Jahren. Ihr seid in Massen geboren worden von Müttern, die im Sterben liegen, noch bevor ihr aus ihnen rauskommt, und ihr nennt uns Totgeborene? Morgen seid ihr alle weg. Was seid ihr, wenn nicht Leichen?«

Hirka fiel hintenüber und blieb auf den Steinplatten sitzen. »Dreitausend …«

Er richtete sich auf und schaute seine Krallen an. »Die Welt sieht plötzlich etwas anders aus, habe ich recht? Und was das Sehen betrifft, kann ich dir versichern, dass ich besser sehe, als du es je getan hast oder tun wirst. Ihr seid die Blinden, die ihr nicht seht, dass wir sehen.«

»Dreitausend Jahre …« Sie starrte ihn an. Das war nicht möglich.

Er breitete die Arme aus, wie um alles zu bestätigen, was er gesagt hatte. Oder vielleicht, damit sie ihn ausgiebig anstarren konnte. Das war auch das Einzige, wozu sie in der Lage war. Starren. Ihre Atemzüge blieben irgendwo in der Brust stecken, als habe sie einen Schlag bekommen. So viel Tod. Jay. Ihre kleine Schwester, die nur ein paar Jahre hatte leben dürfen. Sie waren jetzt nicht mehr. Und hier stand er und behauptete … Dreitausend …

Sie hatte über ihre Gedanken gelacht, wer er sein könnte. Der Blinde in Gestalt eines Raben. Aber genau das war er. Er war der, für den sie ihn gehalten hatte. Für den Raben, der nicht sterben konnte, und der stand jetzt hier vor ihr.

Und das ihr, die sie nach Ravnhov geflohen war, sich in Mannfalla versteckt hatte, alles, um dem Raben, dem Seher zu entkommen. Und dann war er die ganze Zeit da gewesen! Sie hatte ihn mit Honigbrot gefüttert. Sie hatte … Sie hatte ihn verleugnet.

Plötzlich schämte sie sich.

»Wir glaubten nicht … Wir haben gesagt, dass es dich nicht gibt! Du warst nicht dort! Warum warst du nicht dort? Den Seher gibt es nicht!«

Er ging vor ihr in die Hocke und legte den Kopf schräg.

»Schau noch einmal hin!«

Hirka wusste, dass ihr der Mund offen stand. Sie hob die Hand, um ihn zu berühren, zog sie aber wieder zurück an die eigene Brust. Ihr Herz schlug heftig. Erwartungsvoll. Sie musste etwas tun. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Das hier veränderte alles.

Rime! Ich muss mit Rime sprechen!

Nach allem, was sie gemacht hatten, nach allem, was geschehen war … Und da saß sie hier, in der Welt der Menschen, mit Ymslands Geschichte vor sich. Mit dem, was eine Lüge sein sollte. Die Bilder wirbelten rasch an ihrem inneren Auge vorbei: das Ritual, die Zeichen auf den Kleidern des Rates, die Skulpturen, die Mythen, alles.

Er stand auf und redete mit seiner heiseren Stimme weiter. »Das Problem ist natürlich, dass ich nicht der Einzige bin. Die Rabenringe haben tausend Jahre lang geschlafen und dann kommst du, kleine Sulni, und alles verändert sich. Umpiri sind wieder nach Ymsland gekommen und das ist eine Situation, die wir uns nicht gewünscht haben. Und du kannst durch die Steine gehen, als kennten sie dich. Nicht gerade ein gutes Zeichen, können wir uns wohl zu sagen gestatten. Die Frage ist doch, warum du hier bist und was du zu tun gedenkst«, sagte er und es gelang ihm, es vollkommen anders als eine Frage klingen zu lassen.

»Was? Ich …« Hirka suchte nach einer Antwort. Nach einem Sinn. Seine Ausdrucksweise war etwas seltsam, aber sie verstand jedes Wort. Glaubte er etwa, sie hätte es sich ausgesucht, dass sie hier war? Sie war Kuro gefolgt, als sie durch den Steinkreis gegangen war. Zu einem unbestimmten Ort, von dem sie gehofft hatte, dass er ein Zuhause sein würde. Denn die Raben wissen so was.

»Ich bin dir gefolgt«, antwortete sie.

»Hmm. Ja. Leute haben die Neigung, das zu tun, nicht wahr?« Er lächelte. Seine Eckzähne kamen zum Vorschein. Hirka musste den Drang bekämpfen, die Hände an ihren Hals zu heben.

»Du bist hier, Sulni, weil jemand da draußen will, dass du hier sein sollst. Du bist eine Steinwanderin, geschaffen, um Türen aufzubrechen, die nie hätten geöffnet werden sollen. Ist das ein Freund von dir?«

»Was? Wer denn?«

»Der da draußen rumschleicht.«

Stefan!

Hirka stand auf. Es kostete sie einige Mühe, nicht wieder hinzufallen. Was sollte sie machen? Was sollte sie sagen? Stefan würde es nie verstehen. Und der Blinde … Er würde … Sie schaute ihn an.

»Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob er ein Freund ist. Vielleicht. Was sollen wir machen?«

»Wir können ihn töten oder ihn reinbitten. Was hältst du für das Beste, Sulni?«

»Ich glaube … Ich heiße nicht Sulni. Mein Name ist Hirka.«

»Ich bin Naiell. Ich weiß, wer du bist. Sollen wir ihn hereinbitten, was meinst du?« Er sah amüsiert aus, lachte aber nicht.

Naiell. Der Seher heißt Naiell.

Von dem Namen bekam sie eine Gänsehaut. Er war fremd und vertraut zugleich. Als habe sie ihn schon einmal gehört, obwohl sie wusste, dass sie ihn noch nicht gehört hatte. Hirka ging zwischen den Pflanzen hindurch zur Tür. Sie öffnete sie, sah aber niemanden da draußen.

»Stefan?«

Er stand plötzlich vor ihr, mit geröteten Wangen.

»Er sagt, ich soll dich reinbitten.«

»Er?«

Hirka ging zurück und hörte, dass Stefan ihr folgte. »Nur eine kleine Warnung«, flüsterte sie. »Er ist nackt. Und ziemlich … von oben herab.«

Stefan folgte ihr zwischen den Pflanzen hindurch. Zu Naiell. Er zog gleich die Pistole, als er ihn sah. Hirka rief, aber es war zu spät. Naiell war schon über ihm. Hirka hörte, wie etwas knackte, und die Waffe fiel zu Boden. Stefan schrie. Er sank an der Wand zusammen und hielt sich den Ellenbogen. Sie lief zu ihm. Sie wollte ihm helfen, aber er ließ sie nicht in seine Nähe.

Stefan starrte sie nur an. Genauso verwirrt wie enttäuscht. »Ich habe das Schlimmste verschwiegen, um dich zu schonen, oder? Ich dachte, du müsstest das nicht wissen, und dann … Fuck! Wenn ich gewusst hätte …«

Er starrte Naiell an. »Die Pest geht da draußen um. Sie ist ein Mann. Er kann Leute an sich binden. Töten und heilen zugleich. Ich jage ihn seit fünfzehn Scheißjahren und oft zweifele ich, dass er wirklich existiert. Aber du bist es, oder? Du bist die Quelle.«

Stefan warf einen Blick auf die Pistole auf dem Boden. Hirka hob sie auf, damit er keine Dummheit anstellen konnte. »Du hast mein Wort, dass er nicht der ist, den du jagst«, sagte sie. »Naiell ist mit mir hergekommen. Das ist noch nicht mal ein Jahr her. Wir sind beide Fremde hier.«

»Naiell?« Stefan wiederholte den Namen, als sei es erstaunlich, dass er einen hatte. Hirka kannte das Gefühl.

»Das ist egal«, sagte Stefan. »Weiß der Henker, was die sind, aber die sind ein und dasselbe. Alle beide.« Er versuchte, den Ellenbogen zu beugen. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerzen.

Naiell sah sie an. »Was sagt er?«

Sie begriff, dass Naiell nicht ein Wort des Gesprächs verstanden hatte. Dadurch kam bei ihr das angenehme Gefühl auf, Oberwasser zu haben. Sie übersetzte ins Ymsländische, was Stefan gesagt hatte.

Naiell fauchte wütend. »Der Emblaspross irrt sich. Wir sind überhaupt nicht ein und dasselbe.«

Hirka übersetzte es Stefan. »Er sagt, dass sie überhaupt nicht ein und dasselbe sind, er und der, den du jagst.«

»Und woher zum Henker will er das wissen, wenn er gerade erst hergekommen ist?«

Hirka schaute wieder Naiell an. »Woher weißt du das?«

Naiell bleckte die Zähne. »Sí wai umkhadari dósal.«

Hirka und Stefan schauten einander an. Die Worte gehörten zu einer Sprache, die keiner von ihnen verstand. Naiell sah Hirka an und wiederholte auf Ymsländisch:

»Er ist mein Bruder.«


Lebewohl

Krankenhaus. Der letzte Vorposten der Menschen. Ein Tor zum Tod, umrankt von gerade so viel Aberglauben, dass sich die Leute dorthin trauten. Ein Ort für Praxis und Technik. Und ein Tempel für die Sterbenden. Die Vernunft ließen sie draußen. Drinnen gab es nur Raum für Gebete. Vergebliche Hoffnungen darauf, dass alle in weißen Kitteln in der Lage waren, für Rettung zu sorgen.

Graal ging durch die Korridore und witterte jedes Leben, das kurz vor dem Ende stand. Sogar die Gesunden waren Sterbende. Alle Menschen waren Sterbende, verleugneten es jedoch mit einer Intensität, die beinahe komisch war. Wenn sie gewusst hätten, wer er war und welche Macht in seinen Adern floss, würden sie sich gegenseitig zu Tode trampeln, um zu ihm zu kommen. Kein Preis war zu hoch, wenn die Zeit fast abgelaufen war.

Er betrat die Abteilung, die sie Isolierstation nannten. Ein optimistischer Name für einen Bereich, in dem man im besten Fall die Türen etwas häufiger schloss. Niemand unternahm auch nur einen Versuch, ihn aufzuhalten oder zu fragen, wohin er wollte. Das hatte er auch nicht erwartet. Isac lag in einem tristen Raum, umgeben von Maschinen und Schläuchen. Technologie, um das zu sehen, was die Menschen selbst nicht sehen konnten. Sein Kopf war bandagiert und Graal konnte am Geruch erkennen, dass sie ganze Arbeit geleistet hatten, um ihn zu retten. Wirklich schade. Er mochte keine Verschwendung. Mühe sollte sich lohnen.

Er schloss die Tür hinter sich und trat ans Bett. Isac drehte den Kopf. Langsam wie eine Marionette. Es sah aus, als würde es wehtun. Seine Augen strahlten, als er Graal erblickte. Man hätte es rührend nennen können, wenn die Liebe nicht durch Verzweiflung vergiftet gewesen wäre.

»Graal …« Isac tastete nach seiner Hand. »Du bist gekommen.«

»Ja, ich bin gekommen, Isac.«

Dann kam das Unvermeidliche. Die Ausreden. Für alles, was schiefgegangen war. Für alles, was nicht Isacs Schuld war. Details. Eine Studie in menschlichem Versagen. Ein Gebet zu dem Gott mit dem größten Vergebungspotenzial von allen: dem Gott des Unvorhersehbaren.

Isac hatte nie begriffen, wie wichtig der Auftrag war, das wurde jetzt in aller Deutlichkeit klar. Doch das war ein Problem, für das es keine Lösung gab. Konnte jemand, der nur knapp achtzig Jahre zu leben hatte, je verstehen, was wesentlich war?

Das Seltsame war, dass es immer schwieriger wurde. Im Lauf der ersten paar Hundert Jahre war es leichter gewesen, den Menschen zu erklären, was wichtig war. Obwohl sie zu der Zeit nur halb so lange lebten.

Graal blendete Isacs Stimme aus. Er setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett und schaltete den Fernseher mit einer schmutzigen Fernbedienung ein. Eine traurigerweise übersehene Ansteckungsquelle. Er zappte, bis er einen Nachrichtensender fand. Eine Frau mit Mikrofon stand vor einer Kirche. Im Hintergrund blinkte Blaulicht. Er stellte den Ton leiser. Ertrug es nicht, hinzuhören.

Isac sprach nicht mehr. Er wusste, was jetzt kam. Sein helles Haar klebte an den Schläfen. Er hatte grüne Ringe unter den Augen.

»Isac, was habe ich dir letztes Mal gesagt, bevor du gingst?«

»Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war …«

»Das eine Wort, das ich benutzt habe, Isac. Welches Wort war das?«

Isac schluckte. »Diskret.«

Graal schloss die Augen, lauschte dem Piepen der Maschinen, dem Rasseln von Isacs Lungen. Der Geruch nach verletztem Fleisch und Desinfektionsmitteln war aufdringlich.

»Ich habe es versucht, Graal. Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war zu spät! Micke war eine miese Wahl. Wir hatten nie vor … Es sollte nicht so weit kommen …« Er keuchte die Sätze hervor.

Graal legte einen Finger auf Isacs Lippen. Isac ergriff seine Hand und sog den Geruch ein, als sei darin mehr Nahrung enthalten als im Tropf, der neben dem Bett hing. Was vermutlich auch der Fall war.

»Diskret, Isac. Diskret!« Graal stand auf. Er wurde selten wütend. Dafür hatte er schon zu lange gelebt. Doch jetzt bebte er vor Zorn. Er zeigte auf den Fernsehbildschirm. »Diskret! Ein Pater! Ein Pater, eine Frau und ihre beiden Töchter. Ein kleines Kind! Blutüberströmt in einer Kirche, mitten in der Stadt! Ein Schlachtfest! Ein Mittwinteropfer!«

»Wir haben … immer noch Zeit, wir können …«

Graal setzte sich wieder. Er starrte zu Boden. Glattes, giftgrünes Linoleum. »Ich mag Kinder. Habe ich das schon mal erwähnt, Isac? Kinder sind unsere Zukunft, sagt man hier. Aber sie verstehen nicht, was das bedeutet. Ich verstehe es. Und ich mag Kinder. Hätte ich dir das sagen sollen, Isac?«

Isac blinzelte jedes Mal, wenn er seinen Namen hörte. Graal umklammerte die Armlehne des Stuhls so fest, bis das Holz zersplitterte. »Ich mag Kinder. Und du hast sie nicht. Du weißt noch nicht mal, wo sie ist. Es ist zum Verzweifeln, Isac.«

»Einen Tropfen, Graal. Nur einen einzigen Tropfen, dann verspreche ich es! Du wirst sie bald haben!« Isac reckte sich ihm entgegen. Der Venen-Infusionsschlauch, den man in seinen Handrücken gebohrt hatte, war im Weg und das reichte, damit ihn die Kräfte verließen. Graal zog seine Handschuhe aus und holte ein Papier aus der Tasche. Er faltete es auseinander.

»Es kommt vor, dass ich mir selbst einen Brief schreibe«, erklärte er. »An guten Tagen. Damit ich mich erinnere, dass nicht alles so ist, wie es sich an den schlechten Tagen anfühlt. Weißt du, was ich hier geschrieben habe? Ich habe geschrieben, dass Irren in der Natur des Menschen liegt. Dass ich vergeben und geduldig sein muss.«

Isac verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Graal war klar, dass das ein Versuch war, wie üblich einschmeichelnd zu lächeln. Das war überaus unpassend, so blass und mager, wie er da im Krankenhauskittel lag. Wenigstens hatte man ihm das Hemd in der schreienden Farbe ausgezogen.

»Das habe ich an einem guten Tag geschrieben«, sagte Graal und steckte das Blatt Papier wieder in die Tasche. »Heute ist kein guter Tag.«

Isacs Hand auf dem Laken zitterte. Graal fummelte an den Maschinen herum. Sie konnten weder für noch gegen etwas gut sein.

»Über die Menschen kann man ja vieles sagen, aber Kugeln können sie zumindest rausholen, wie ich sehe. Du hast lange gelebt, Isac. Du bist über achtzig Jahre alt, siehst aber immer noch wie fünfzig aus. Du hast mehr als die meisten bekommen.«

»Graal, bitte …«

»Du hast nichts zu fürchten. Niemand hier ahnt, wer du bist. Und sie haben auch keine Ahnung, was dir fehlt, darum musst du damit rechnen, dass du noch eine Weile hier liegen bleibst. Bis sie zur Erschöpfung Proben genommen haben. Das ist Glück unter diesen Umständen. Das Unwissen der Ärzte hält die Polizei auf Abstand.«

Isacs Augen wurden feucht. In ihnen lag nicht mehr die geringste Spur von Arroganz. Er war nicht mehr Vardar. Es war nur noch eine Hülle übrig. Ein Mensch.

Graal ging zu Isacs Jacke, die an einem Haken an der Wand hing. Er steckte einen Brief in die Jackentasche. »Alles, was du wissen musst, steht hier drin. Wo du deine Sachen abholen kannst. Wo du Geld abheben kannst. Du wirst keine Not leiden. Nicht, bevor die Schmerzen kommen. Versuche, dass sie dir von hier Hydromorphon mitgeben. Das ist ein Morphinderivat. Das wird helfen.«

Er ging wieder zur Tür. Isac begann, wie ein kleiner Junge zu weinen. Es war eine Qual, es mit anzuhören, aber Graal konnte nichts mehr tun. Er hatte Isacs Leben bereits um ein halbes Mannesalter verlängert. Jetzt musste er allein zurechtkommen. Einige konnten ein Jahrhundert schaffen, vielleicht sogar mehr, konnten mit sekundärem Blut überleben. Isac konnte das nicht. Er war zu abhängig. Graal gab ihm noch fünf Jahre. Mehr nicht.

»Graal … Ich liebe dich.«

Graal schaute den Menschen auf dem Bett an. »Nein, Isac, du liebst das, was ich für dich tun kann«, widersprach er und verließ das Zimmer.

Isacs Schrei ging in einem röchelnden Hustenanfall unter.

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Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2024
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552 s. 5 illüstrasyon
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9783038801146
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