Kitabı oku: «Die Rabenringe - Gabe (3)»

Yazı tipi:

Siri Pettersen

Die Rabenringe

Gabe

Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt


Für alle, die an ihrem ersten Buch schreiben.

Und für dich und alle, die verloren haben. Für euch, die ihr so voller Narben seid, dass euch schlecht wird, wenn andere sagen, ihr hättet Glück gehabt. Für euch, die ihr daran zweifelt, dass ihr jemals ein Ganzes werden könnt, weil ihr in so viele Stücke zerbrochen seid. Für euch, die ihr glaubt, nie wieder aufstehen zu können. Das hier ist euer Buch.


Zurück aus Draumheim

Rime lief den Hang hinauf, in der Gewissheit, dass ihn im Dunkeln niemand sehen konnte. Er erreichte die Hügelkuppe, presste sich an einen Felsvorsprung und blickte hinunter auf die Ebene. Was eine verlassene Gegend hätte sein sollen, war ein ausgedehntes Zeltlager. Die Zelte standen in schnurgeraden Reihen, ein Muster, das man nur dort fand, wo Ordnung die treibende Kraft war. Wo jemand den Befehl hatte.

Ein Heer.

Es war zu dunkel, um seine Größe zu erkennen. Ein paar Tausend Mann vielleicht, den Fackeln nach zu urteilen. Er bemerkte Spuren im Schnee. Ein Netz von schwarzen Adern zwischen den Zelten. Männer versammelten sich um ein Lagerfeuer direkt unter ihm. Sie gingen mit federnden Schritten und lachten laut. Rime kannte diese Stimmung. Der erste oder zweite Abend, vermutete er. Früh genug würden sie stumm mit gebeugten Rücken dasitzen. Alle, die nicht erfroren waren oder krank in den Zelten lagen.

Die Wimpel hingen schlaff herab, aber er wusste, dass sie das Zeichen des Sehers trugen. Es war das Heer von Mannfalla, das draußen vor der Stadt lagerte. Warum? Worauf warteten sie? Welchen Befehl hatten sie erhalten und von wem?

Sie hatte recht.

Damayanti hatte gesagt, dass er sie hier finden würde. Sie hatte auch gesagt, dass es um ihn ging. Um Ravnhov. Aber ihre Verbindung zum Rat war mit Urd gestorben. Die Vermutungen der Tänzerin waren nicht fundierter als seine eigenen.

Es konnte eine Übung sein, natürlich. Standortwechsel. Oder Truppenbewegungen im Kielwasser des Krieges …

Die Erklärungen kamen ihm sehr dünn vor. Unruhe nagte in seiner Brust. Das beklemmende Gefühl, dass nichts so war, wie es sein sollte.

Lag es vielleicht an den Rabenringen? War es überhaupt möglich, sich zwischen den Welten zu bewegen, ohne das Gefühl zu haben, den Boden unter den Füßen zu verlieren? Verunsicherung war wohl zu erwarten?

Nein. Das hier war mehr als ein Gefühl. Es war eine Gewissheit, die ihn daran hinderte, geradewegs nach Hause zu gehen. Er war kaum zwanzig Tage weg gewesen und in dieser Zeit hatte jemand die Krieger aus ihren Betten gescheucht. Die Wachen an der Stadtmauer waren verstärkt und mehrere der Gardisten durch Männer ersetzt worden, die er noch nie gesehen hatte.

Da stimmte etwas nicht.

Er musste mit Jarladin sprechen.

Rime lief wieder hinunter zur Stadt. Der feuchte Schnee knirschte unter seinen Füßen. Er näherte sich der Stadtmauer und bewegte sich vorsichtiger, geduckt hinter Wacholderbüschen. Vier Gardisten patrouillierten über dem Tor. Ansonsten war die Steinmauer über lange Strecken leer, eine grau gefleckte Schlange in der Dunkelheit. Er schlich zurück zu der Stelle, über die er gekommen war, ein Mauervorsprung, der ihn vor den Torwächtern verbarg.

Rime zog die Handschuhe aus, klopfte den Schnee ab und steckte sie in die Tasche am Rucksack. Dann umarmte er die Gabe und begann zu klettern. Die Unebenheiten der Steine gaben ihm gerade genug Halt, um vorwärtszukommen. Er zog sich über die Kante, überwand die Mauer und ließ sich auf der anderen Seite auf ein Hausdach fallen. Ein Dachziegel löste sich und rutschte abwärts. Rime warf sich hinterher und erwischte ihn gerade noch, bevor er über die Dachrinne fallen konnte.

Mit dem Ziegel in der Hand saß er da und lauschte. Ein Stück entfernt fiel eine Tür zu. In der Gasse unter ihm raschelte etwas. Eine Ratte. Sie schlug ihre Zähne in eine tote Taube und versuchte, sie über gefrorenes Laub mit sich zu ziehen.

Rime legte den Dachziegel zurück an seinen Platz und lief über die Dächer weiter, hinauf nach Eisvaldr. Den ganzen Weg über standen die Häuser dicht nebeneinander. Erst kurz vor der Mauer musste er wieder hinunter auf die Straße.

Die Mauer selbst war kein Hindernis. Schon immer waren die Leute ungehindert zwischen Mannfalla und Eisvaldr hin- und hergewechselt. Trotzdem waren auch hier die Wachen verstärkt. Gardesoldaten säumten alle Bogengänge. Ein Zeichen, das deutlicher war als ein Wegweiser. Hier regierte die Angst.

Rime verzog sich in die Gasse hinter einem Wirtshaus. Durch ein leicht geöffnetes Fenster drang Gesang heraus. Halb ertrunkene Strophen, aber sogar die Töne waren auf dieser Seite der Stadt sauberer. Er nahm den Rucksack ab und verschob die Schwerter zum Mittelgurt, sodass sie verborgen entlang des Rückgrats lagen und nicht wie eine Kriegserklärung hinter seinen Schultern aufragten. Dann zog er sich die Kapuze tief ins Gesicht und überquerte den Marktplatz. Die Gardisten beobachteten ihn mit trägen Blicken, ließen ihn aber ungehindert nach Eisvaldr hinein.

Heimatstadt. Stadt des Rats. Stadt des Sehers.

Des Sehers, den er getötet hatte.

Mit dem Gedanken kam die Erinnerung. Naiell, fauchend wie eine in die Ecke getriebene Katze. Der Körper, der dem Schwert Widerstand geboten hatte. Das Blut auf Hirkas nackten Füßen. Ihr Blick. So voller Trauer. So abgrundtief enttäuscht.

Ich bin so, wie ich bin.

Rime warf einen Blick hinauf zum Steinkreis. Der stand dort in falscher Unschuld, wie die Spitze eines Eisbergs. Die Steine reichten so tief hinab, dass sie in einer Höhle unter Mannfalla von der Decke hingen. Von dort war er gerade gekommen, vor allen Blicken verborgen.

Hier an der Oberfläche waren sie nur bleiche Monolithen vor dunklem Himmel, ganz oben an der Treppe, wo einmal der Ritualsaal gewesen war. In dem er selbst gestanden hatte, mitten im Kreis, umringt von allen lebenden Seelen der Stadt, während Schwarzfeuer zu seinen Füßen verblutete. Wofür?

Rime beugte den Nacken und ging weiter. Er hatte genug Zeit mit Trauer und Wut verschwendet, mehr, als er sich vorzustellen ertrug. Jetzt musste er herausfinden, was während seiner Abwesenheit passiert war.

Jarladins Haus lag ganz oben am Hang, eines von vielen gepflegten Häusern der Ratsfamilien. Rime schlich zwischen winterkahlen Obstbäumen bergauf. Hielt sich auf den Wegen, um keine Spuren im Schnee zu hinterlassen. Er musste unentdeckt bleiben, wenigstens bis er mit Sicherheit wusste, was vor sich ging. Er sprang über die kleine Steinmauer auf der Rückseite des Hauses. Es war spät, aber hinter einem Fenster im oberen Stock sah er flackernden Kerzenschein.

Das Haus war ein Prachtbau im andrakarischen Stil mit Säulenreihen und Schnitzereien in dunklem Holz. Kinderleicht zu erklettern.

Rime zog sich auf ein Schrägdach hinauf und schlich am Rand entlang zum Fenster. Er legte die Hand ans Glas und ließ die dünne Reifschicht schmelzen, sodass er hineinsehen konnte.

Jarladin war allein im Zimmer. Er saß auf einem gepolsterten Schemel und starrte in eine Feuerstelle, als wartete er darauf, dass die Flammen zur Nacht erloschen. Er drehte ein leeres Glas in den Händen. Sein breiter Rücken war gebeugt. Rime war sich schmerzlich bewusst, dass er selbst ein Teil dessen war, was den Ratsherrn bedrückte. Er war verschwunden. Ohne Ankündigung oder Erklärung.

Er kämpfte gegen den Impuls, wieder hinunterzuklettern. Verschwunden zu bleiben. Ein schwarzer Schatten in der Winternacht. Wann hatte er eigentlich seinen Platz drinnen im Warmen gehabt?

Tu, was notwendig ist.

Rime warf einen Blick über die Schulter, versicherte sich, dass er allein war. Dann klopfte er drei Mal an die Scheibe. Jarladin fuhr zusammen. Ließ das Glas zu Boden fallen, ohne dass es zerbrach. Er starrte zum Fenster, ging darauf zu, blinzelnd und mit hochgezogenen Schultern. Dann erkannte er ihn. Er riss ungläubig die Augen auf und machte sich an den Fensterhaken zu schaffen.

Rime bewegte sich ein wenig zur Seite, um Platz zu machen. Jarladin schlug das Fenster weit auf und packte Rime, als wollte er ihn vor einem Absturz retten. Er half ihm ins Zimmer und zog ihn an sich. Rime wurde von bärenstarken Armen umschlossen und ertrank in Wärme.

Der Ratsherr schob ihn wieder von sich. Hielt ihn eine Armlänge auf Abstand, während er ihn von Kopf bis Fuß betrachtete. Er legte seine Pranke an Rimes Kopf, griff ihm ins Haar, als wollte er ihn zausen, tat es aber nicht. Seine Augen wurden feucht. Rime wappnete sich innerlich, wohl wissend, dass der warme Empfang nur von kurzer Dauer sein würde. Der Wechsel zeichnete sich bereits auf Jarladins Gesicht ab. Schmerzliche Freude verwandelte sich in Verwirrung.

»Wo bist du gewesen?«, murmelte er.

Rime wich zurück und schloss das Fenster, ohne zu antworten.

»Wo bist du gewesen?!« Jarladins Stimme brach, als ahnte er Schlimmes.

Rime blickte zu einem Sessel am Feuer. Wünschte, er könnte sich hineinsinken lassen. Ausruhen. Schlafen. Ohne zu träumen. Stattdessen musste er Rede und Antwort stehen, musste versuchen, das Unerklärliche zu erklären.

»Du würdest mir nicht glauben, wenn ich es dir erzählte«, sagte er.

»Wo bist du gewesen, Rime An-Elderin?« Schwelender Zorn jetzt. Die Drohung hing stumm zwischen ihnen. Er brauchte eine Erklärung und sie musste gut sein. Jarladin hatte vielleicht geglaubt, er sei tot, aber seine Reaktion verriet eine tiefere Verzweiflung.

Rime zwang sich zu fragen. »Was ist passiert?«

»Was passiert ist?« Jarladin wiederholte die Worte, als läge alle Dummheit der Welt darin. »Was passiert ist?! Du hast deinen eigenen Mester im Kampf getötet und bist verschwunden! Das ist passiert! Ganz Mannfalla war dort, aber seitdem hat dich niemand mehr gesehen. Ich dachte, du würdest im Draumheim schlafen, Rime! Dass Darkdaggar dich am Ende doch noch getötet hätte. Ich dachte …«

Rime sah weg. Wollte Jarladins Blick ausweichen. Es nützte nicht viel, denn der Ratsherr blickte auch von einem Porträt an der Wand auf ihn. Ebenso wie der Rest der Familie, gerahmt in Gold. Ganz gleich, wohin Rime sich auch drehte, er wurde gesehen. Er war ein kalter Fremder in einem warmen Raum. Einem Raum, der ihn an Ravnhov erinnerte, mit steinerner Feuerstelle und Balken unter dem Dach. Ein geschützter Ort, aber nicht für ihn.

»Und die anderen? Was haben die gedacht?«

Jarladin breitete die Arme aus. »Was glaubst du? Die Erklärungen waren ebenso wild wie vielfältig. Schwarzröcke haben dich getötet, um Schwarzfeuer zu rächen, Ravnhov hat dich bei lebendigem Leib verbrannt, du hast dich in der Ora ertränkt oder noch besser: Der Rat höchstselbst hat dich umgebracht. Letzteres erfreute sich in den Bierstuben großer Beliebtheit, als hätten wir nicht genug Probleme! Rime An-Elderin verschwunden, nach Duell und Mordanklage. Deine Abwesenheit hat uns vergiftet, was hast du denn gedacht?! Du warst der Rabenträger!«

Jarladin nahm ein neues Glas von einem Tablett auf dem Tisch. Er wollte sich aus einer Flasche einschenken, aber sie war leer. Nicht ein Tropfen kam heraus. Die Fingerknöchel um den Flaschenhals wurden weiß.

»Die Hunde sind aufeinander losgegangen. Eine Familie misstraute der anderen, natürlich. Altes Unrecht waberte durch die Korridore. Und jetzt schließen sie Bündnisse. Kaufen Söldner. Stellen ihre privaten Armeen auf und glauben, sie täten es heimlich, aber jeder Dummkopf kann sehen, dass Geld aus Mannfalla abfließt. Hinaus in die Provinzen. Die ganze Welt weiß, dass der Rat im Begriff ist, zu stürzen. Bald sehen wir die Reiche gegeneinander kämpfen, das ist passiert, Junge! Danke der Nachfrage!«

Rime setzte sich auf den Schemel. Fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

Darum also lagerten Soldaten vor dem Stadttor. Sie waren auf dem Weg in andere Landesteile. Als Geschenk. Zur Stärkung von Bündnissen. Gekauft aus Gründen der Loyalität …

Schlechte Zeichen, aber nichts, was man nicht reparieren konnte. Es gab noch Hoffnung. Immer noch leere Stühle im Rat. Der von Urd, der von Darkdaggar. Die musste man doch nutzen können, um Stabilität herbeizuführen.

»Hat jemand Anspruch auf Darkdaggars Platz erhoben?«

Jarladin lachte halb erstickt. Die Wahrheit zog sich wie eine Narbe über sein Gesicht.

Rime erhob sich. Spürte Kälte unter die Haut kriechen. »Er hat ihn immer noch?«

Die Frage hing unbeantwortet in der Luft. Rime hob die Stimme. »Er hat versucht, mich zu töten, und sitzt immer noch im Rat?«

»Du warst nicht hier!«, fauchte Jarladin. »Du warst nicht hier, um irgendein Urteil zu vollstrecken. Darkdaggar behauptete, er habe aus Notwehr gehandelt. Er sagte, du seist in sein Haus gekommen. Ungebeten. Hättest ihn bedroht. Er hatte nichts zu verlieren, Rime. Nichts. Also ist er aufs Ganze gegangen. Hat Ravnhov die Schuld gegeben. Immerhin warst du dort, als der Anschlag auf dich verübt wurde. Und die Räte haben ihm geglaubt oder so getan, als glaubten sie ihm. Weil sie es glauben wollten! Weil sie ihn brauchten. Und weil du für sie eine wandelnde Katastrophe warst, seit du Rabenträger wurdest. Die meisten am Tisch hätten dich eigenhändig umgebracht, wenn sie gekonnt hätten, also ja, Darkdaggar hat immer noch seinen Stuhl. Wenn du wenigstens den Auftragsmörder am Leben gelassen hättest, dann hätten wir einen Zeugen gehabt, aber so …«

Rime lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Er lachte frostig. »Du hörst dich an wie Hirka. Leben und leben lassen, was? Glaubst du wirklich, Darkdaggar hätte zugelassen, dass er aussagt? Der Mann war in dem Moment tot, als er den Auftrag angenommen hat!«

Wut bringt nichts. Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst.

Für einen Moment glaubte er, Schwarzfeuer habe das gesagt, aber es waren Ilumes Worte. Ilume, die Mutter seiner Mutter. Ein Flüstern aus Draumheim. Und eine scharfe Erinnerung an die Politik, die er nie beherrscht hatte.

Er sah Jarladin an. Den Stier mit dem weißen Bart. Das Feuer färbte sein halbes Gesicht rot. Der Rest lag im Schatten, als stünde er mit einem Fuß im Draumheim.

»Ich bin jetzt hier«, sagte Rime. »Der Schaden kann behoben werden. Wir haben viele Möglichkeiten, wir können …«

»Rime … Der Rat hatte nur einen Traum und der war, dich loszuwerden. Diesen Traum hast du eigenhändig erfüllt. Es ist vorbei. Sie werden dich nie zurücknehmen. Eir trägt jetzt wieder den Stab. Ich dachte, die Schriftgelehrten und das Volk würden protestieren, aber niemand hat auch nur einen Stein geworfen. Sie haben gehört, dass du Ravnhov einen Stuhl versprochen hast. Sie haben gehört, der Fürst habe dich am Ende umgebracht, weil du dein Wort nicht gehalten hast. Darkdaggar hat gute Arbeit geleistet, dir etwas anzuhängen. Du hättest den Verstand verloren. Du hättest in Reikavik ein unschuldiges Kind getötet. Einen Jungen.«

Die Worte trafen Rime wie Schläge. Öffneten eine Wunde aus Erinnerungen. Das Dorf am Fluss. Sie hatten geglaubt, es wären Nábyrn. Totgeborene. Aber alles, was sie vorfanden, war ein angeschossener Bär in einem Erdkeller. Das Kind … Der schmächtige Oberkörper, gegen die Wand gelehnt. Rotes Haar. Tote Augen. Er erinnerte sich daran, wie der Mann, der den Jungen getötet hatte, vor ihm kniete. Und er erinnerte sich an den Geschmack seiner eigenen Wut. Trotzdem hatte er gezögert. Schwarzfeuer hatte es erledigt. Schwarzfeuer, der sein eigenes Leben geopfert hatte, um ihn zu lehren, wie man etwas vollendet.

Rime packte Jarladins Arm. »Du weißt, was geschehen ist, Jarladin! Ich habe nie … Ich würde nie …«

Rime begegnete seinem Blick und verstand.

Es spielte keine Rolle, ob er getötet hatte oder nicht. Schwarzfeuer war als Einziger mit ihm in dem Haus gewesen und er konnte nichts mehr bezeugen. Er auch nicht.

Rime sank wieder auf den Schemel. Er hatte vergessen, was er Hirka vor einer halben Ewigkeit selbst erklärt hatte: dass die Wahrheit für den Rat ohne Bedeutung war, solange sie keinen Nutzen brachte.

Jarladin kam zu ihm, ragte vor ihm auf wie der Stier, der er war.

»Also sag mir, Rime … Wo bist du gewesen?«

Rime fühlte sich schwer. Hinabgezogen in einen Sumpf aus Toten. Aus Unrecht. Seine Gedanken waren vernebelt. Als hätte er getrunken. Als ob nichts mehr wirklich wäre.

Tief in seinem Inneren wusste er, dass er etwas erreicht hatte. Etwas, das wichtig und all das hier wert war. Es würde sich anhören wie Wahnsinn, aber er musste es erzählen.

»Ich war bei ihr«, begann er. »Bei den Menskr. Ich habe totgeborene Brüder gefunden, alt wie die Gabe. Nábyrn, die sich immer noch an den Krieg erinnern. Einer von ihnen ist ihr Vater. Sie ist eine Halbblinde, Jarladin. Halb Mensk, halb Totgeborene. Tochter eines Heerführers im Exil. Und ich habe Ihn gefunden. Den Seher …«

Jarladin strich sich mit der Hand übers Kinn. Eine verräterische Geste. Rime wusste, was er dachte. Dass der Rat recht hatte. Dass Rime An-Elderin, Ilumes Enkel, den Verstand verloren hatte. Dass er wahnsinnig geworden war. Krank im Kopf.

Rime blickte zu ihm hoch. »Es gab ihn, Jarladin. Es gab den Seher.«

Jarladin verschränkte die Arme vor der Brust. »Und was hast du getan, als du ihm begegnet bist?«

Rime war wie gelähmt. »Ich habe ihn getötet.«

»Du hast den Seher gefunden und du hast ihn getötet?«

Rime nickte. Starrte auf die Feuerstelle. Die Flammen waren erloschen. Rote Glut tanzte auf dem verkohlten Holz. Eigentlich hätte er etwas anderes als Leere fühlen müssen.

»Du hast also deinen eigenen Troll bezwungen. Du bist ihr bis weiß der Seher wohin gefolgt und jetzt kommst du zurück und glaubst, die Welt habe stillgestanden. Dass nichts, was du getan hast, Konsequenzen gehabt hat. Als hätten nicht alle ihren Troll, mit dem sie kämpfen.«

Rime stand auf. »Du glaubst, ich bilde mir das nur ein …«

Jarladin zeigte auf ihn. »Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand, um dich zu beschützen! ALLES! Du hattest einen Freund am Tisch und du bist verschwunden! Ohne ein Wort! Ich habe dich verteidigt. Ich …« Er verstummte. Legte den Kopf schräg. Starrte ihn mit wachsendem Unglauben an. Sein Blick suchte nach etwas, von dem Rime wusste, dass er es nicht finden würde: seinen Schwanz.

Keine Erklärung würde helfen. Zwischen ihnen hatte sich ein Abgrund aufgetan. Die Fronten waren zu schroff und er würde nicht gewinnen können. Nicht heute Abend.

Der Ratsherr wurde blass. Wich zurück. Seine Reaktion verschaffte Rime eine erschreckende Befriedigung, als hätte er urplötzlich die Macht zurückerhalten. Die Freiheit, verdammt zu sein.

Rime trat dicht an ihn heran. Jarladin beugte sich zurück. Versuchte Abstand zu gewinnen, als spräche er mit einem Pestkranken. Vielleicht tat er das ja auch.

Ich bin die Fäulnis. Nicht sie.

Rime flüsterte ihm heiser ins Ohr. »Ich habe ihn abgeschlagen. Ich bin ein Schwanzloser geworden. Ein Mensk. Und du glaubst, ich hätte es aus Wahnsinn getan? Aus Schwermut? Ich habe es getan, weil ich musste. Du sprichst von einem kommenden Krieg. Reich gegen Reich, ein zersplitterter Rat, und du glaubst, schlimmer kann es nicht werden? Ich kann dir von Dingen berichten, die dein Blut gefrieren lassen, Jarladin. Reich gegen Reich ist ein Spiel gegen das, was kommt. Versuche einmal, Welt gegen Welt aufzuhalten. Das ist es, wogegen ich kämpfe.«

Jarladin wandte sich ab. »Du folgst ihr, das ist alles.« In seiner Stimme lag keine Überzeugung.

»Nicht mehr. Das ist vorbei. Wie alles andere.« Rime fühlte sich von seinen eigenen Worten aufgespießt. Ein jäher, unerwarteter Schmerz, der ihn zwang, Jarladin den Rücken zuzukehren. Er öffnete das Fenster und sprang auf den Fenstersims. Hockte dort eine Weile und sammelte sich, ehe er sich wieder umdrehte.

»Ich wusste nicht, wen ich hier antreffen würde, Jarladin. Freund oder Feind. Aber ich weiß, wer Darkdaggar ist. Wozu er imstande ist, wenn er unter Druck gerät. Und du musst damit rechnen, dass er dich im Auge behält.«

»Du glaubst zu wissen, was in Ratsmitgliedern vorgeht, Rime? Du, der sich selbst nie als dafür geeignet befand?«

»Ich glaube zu wissen, was in einem Mörder vorgeht.«

Jarladin trat einen Schritt zurück. Sein Fuß stieß gegen das Glas, das zu Boden gefallen war. Es zerbrach in zwei Teile, offenbar war es doch nicht so unversehrt, wie es den Anschein gehabt hatte.

»Du bist hier nicht sicher, Jarladin. Weder du noch deine Familie. Du hast nur wenige Freunde im Rat und Darkdaggar ist gefährlich. Vielleicht solltet ihr Mannfalla besser verlassen.«

»Niemals.«

Rime hatte nichts anderes erwartet. »Dann versprich mir wenigstens, dass du versuchst, den Rat noch eine Weile zusammenzuhalten.«

»Du willst, dass ich ihn zusammenhalte? Den Rat, den du so erbittert versucht hast zu zerschlagen?«

An einem anderen Tag hätte Rime über die Ironie gelächelt. »Ja. Ich will, dass du ihn zusammenhältst. Denn jetzt weiß ich, was die Alternative wäre. Was danach kommen könnte. Und das würde keinem von uns gefallen.«

Er richtete sich auf dem Fenstersims auf und machte sich bereit zum Sprung.

»Du hast es ihnen leicht gemacht«, sagte Jarladin hinter ihm. »Früher hätten sie nie gewagt, dich umzubringen. Sie hätten einen Volksaufstand gefürchtet. Oder, noch schlimmer, einen Aufstand der Schwarzröcke. Beides brauchen sie nun nicht mehr zu fürchten. Für sie bist du tot, Rime.«

»Und das werde ich auch bleiben.« Rime umarmte die Gabe und warf sich hinaus in die kalte Nacht.


Dreysíl

Vom Dunkel ins Licht.

Blendendes Weiß. Schneegestöber.

Wind peitschte weiße Flocken an ihr vorbei. Schräg. Oder war sie im Begriff, zu fallen?

Hirka lehnte sich gegen die Felswand. Stein. Schnee. Sie war hindurch.

Sie kämpfte gegen die Übelkeit. Atmete tief ein. Es stach in der Lunge. Kalt. So kalt. Etwas knarrte.

Sie blickte auf das Metallkästchen in ihrer Hand. Reif breitete sich auf der Oberfläche aus, bildete Rosen um ihre Fingerspitzen. Sie klemmte sich das Kästchen unter den Arm und zog die Ärmel des Strickhemds über die Hände.

Wo bin ich?

Sie überwand das Schwindelgefühl und richtete sich auf. Das, woran sie gelehnt hatte, war keine Felswand. Es war einer der Steine im Kreis, durch den sie gerade gekommen war. Die Größe hatte sie getäuscht. Sie ragten hoch über ihr auf. Streckten sich hinauf zu … einem Dach?

Hirka schützte ihre Augen mit der Hand vor dem Licht und blinzelte zu einer zerborstenen Decke hinauf. Scharfe, spitze Teile wiesen in den Himmel. Sie befand sich in einem Saal oder eher einer Ruine, die einmal ein Saal gewesen war. Größer als alles, was sie jemals gesehen hatte. Eis war eingedrungen und hing von den Bogengängen, die sich über mehrere Stockwerke erstreckten. Der Wind blies durch große Löcher in den Wänden. Und sie stand bis zu den Knien im Schnee. Drinnen und draußen zugleich.

Eine Bewegung zog ihren Blick an. Ein Mann kam auf sie zugelaufen. Sie hörte das Geräusch seiner Schuhe, die durch die gefrorene Schneedecke brachen. Jemand rief ihm etwas hinterher. Eine Stimme, die durch den Wind schnitt.

»Keskolail!«

Der Mann lief weiter, ohne sich umzudrehen. Er war jetzt ganz nah. Wilder Blick in weißen Augen. Ein Totgeborener. Hirka ließ das Kästchen fallen und griff nach dem Messer an der Hüfte. Fand es nicht. Angst packte sie.

Im Stiefel! Es ist im Stiefel!

Sie würde nicht mehr dazu kommen, es herauszuziehen. Im selben Moment, als sie das dachte, begriff sie, dass der Mann sie überhaupt nicht beachtete. Während er lief, war sein Blick auf einen Punkt hinter ihr gerichtet, zwischen den Steinen. Dorthin wollte er.

Eine Bogensehne sang. Hirka öffnete den Mund, um ihn zu warnen, aber es war schon zu spät. Der Pfeil versank in seinem Rücken. Der Mann erstarrte, seine Beine gaben nach und er fiel vor ihr auf die Knie. Sie streckte sich ihm entgegen, wollte helfen, aber ihre Füße steckten im Schnee fest. Sie mühte sich, loszukommen.

Er sah sie an. Bannte sie mit weißen Augen. Das Wilde darin war verschwunden. Der sichere Tod schien ihn zu verwundern. Er hob die Hand, kratzte mit den Klauen über ein tropfenförmiges Mal auf seiner Stirn. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, entblößten die Eckzähne. Dann kippte er vornüber und blieb mit dem Gesicht im Schnee liegen. Ein schwarzer Pfeil ragte aus seinem Rücken. Er hatte sich durch die Jacke gebohrt. Kurz und kräftig. Es kam ihr widersinnig vor, dass etwas so Kleines eine solche Bestie fällen konnte.

Tod. In einer Welt, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Einer Welt, die vielleicht noch nie ein Ymling oder Mensch gesehen hatte. Und Tod war das Erste, was sie sah. Was hatte er Unrechtes getan?

Und ich? Habe ich etwas Unrechtes getan?

War sie auch ein Ziel? Hirka befreite sich aus dem Schnee und blickte zurück. Die Steine sahen tot aus. Es war zu spät für eine Umkehr.

Vier Gestalten kamen jetzt auf sie zu. Drei von ihnen blieben ein Stück entfernt stehen, die vierte ging geradeaus weiter. Eine Frau. War sie es, die gerufen hatte?

Sie bewegte sich mit einer aufrechten und starken Selbstverständlichkeit. Als ob niemand sie jemals berühren könnte. Ein Umhang flatterte hinter ihr, so schwerelos, dass er mehr zu schmücken als zu wärmen schien. Ihr Leib war in Leder geschnürt. Die Stiefel reichten bis zu den Knien. Aber Oberschenkel und Arme waren nackt.

Hirka überlief ein kalter Schauer. Sie zog ihren eigenen Umhang enger um den Körper. Was hatte sie erwartet? Dass alle gekleidet waren wie Graal bei den Menschen? Oder nackt wie die, die sie in Ymsland gesehen hatte? Sie wusste es nicht. Wusste nicht, was sie erwartet hatte.

Sie hob das Kästchen auf, das sie in den Schnee hatte fallen lassen.

Die Frau blieb breitbeinig vor ihr stehen. Ihre Lippen waren schwarz. Die Haare auch. Eine Flut von langen Zöpfen, die in grellem Kontrast zu dem bleichen Gesicht standen.

Unwillkürlich machte Hirka einen Schritt zurück. Blickte zu totgeborenen Augen auf. Ein milchweißer Schleier, ohne Schattierungen. Der Blick war schwierig zu lesen, wie bei allen Blinden, die sie gesehen hatte.

Umpiri. Sie sind Umpiri und du bist eine von ihnen.

Die Frau legte den Kopf schräg. Beugte sich zu Hirka vor, als wollte sie ihr die Zähne in den Hals schlagen. Hirka wagte nicht, sich zu rühren. Die Totgeborene atmete durch die Nase ein, als nähme sie Witterung auf. Eine ausgesprochen tierische Handlung. Hirka hielt den Atem an. Warf einen schnellen Seitenblick zu der toten Gestalt im Schnee. Die Gefahr, das gleiche Schicksal zu erleiden, schien ihr greifbar nah. So, als wäre sie der Gnade eines wilden Tieres ausgeliefert. Naiell war auch tierisch gewesen, aber nicht auf diese Art. Vielleicht hatten er und Graal etwas von Ymlingen und Menschen angenommen.

Sie ist ein Freund! Graal hat versprochen, dass ich einen Freund treffen werde.

Die Frau richtete sich wieder auf. Hirka meinte, einen Anflug von Schmerz über ihr Gesicht gleiten zu sehen, aber das musste sie sich eingebildet haben. Schmerz schien diesem Geschöpf fremd zu sein.

»Es ist also wahr …«, sagte die Frau in gebrochenem Ymsländisch. Es klang nicht wie eine Frage.

Hirka erinnerte sich, dass die Blinden ihresgleichen am Geruch erkennen konnten, also vermutete sie, dass die Frau von ihr als Halbblut sprach, aber sie antwortete nicht. Das Gefühl, unerwünscht zu sein, war zu stark.

»Ich bin Skerri, aus Modrasmes Haus.«

»Hirka«, erwiderte Hirka.

»Hirka? Ist das deine Art, dich vorzustellen?« Die Missbilligung war unverkennbar.

Hirka nickte.

»Jetzt nicht mehr. Jetzt bist du Hirka, Tochter des Graal, Sohn von Raun aus Modrasmes Haus. Und du hast viel zu lernen.« Skerri deutete auf das Kästchen. »Ist das …?«

Hirka nickte wieder. Endlich sah sie die Andeutung eines Lächelns auf Skerris Gesicht. Ein leichtes Zucken der schwarz gemalten Lippen. Naiells Herz in einem Kästchen. Das war es, was nötig war, um sie zu erfreuen? Hirka schauderte es.

Skerri warf einen Blick zu den drei anderen. »Keskolail!«

Hirka erkannte das Wort wieder, das sie vor wenigen Augenblicken gehört hatte. Einer von ihnen kam auf sie zu und Hirka begriff, dass es wohl sein Name war. Also hatte er auf Skerris Befehl geschossen. Warum?

Keskolail war ein großer Mann. Deutlich mehr bekleidet, in einer schwarzen Jacke mit einem zottigen Schaffell um die Schultern. Er trug einen Bogen. Sein Haar war stahlgrau, aber er konnte unmöglich älter als vierzig sein. Obwohl … er war ein Umpiri. Er hätte auch mehrere Tausend Jahre alt sein können, nach allem, was Hirka wusste.

Er trug das gleiche Zeichen auf der Stirn wie der Getötete. Einen grauen Tropfen. Als er den Kopf drehte, sah Hirka, dass es keine Zeichnung war. Es hatte Tiefe. Wie ein matter Edelstein. Er ging in die Hocke und zog den Pfeil aus dem Rücken des Toten. Es klang, als zerbräche etwas. Blut tropfte von der Spitze in den Schnee. Hirka starrte ihn an, aber er beachtete sie nicht. Warf nicht einmal einen Blick zu ihr oder Skerri.

Er wischte die Pfeilspitze in einer Handvoll Schnee ab und steckte den Pfeil in einen Köcher, den er am Gürtel trug. Dann packte er den Toten im Nacken und zog ihn durch eines der klaffenden Löcher in der Wand mit sich nach draußen.

Hirka konnte das Gefühl von Machtlosigkeit nicht abschütteln. Wo war sie hineingeraten? Sie sah Skerri an. Ihre Haut war bleich wie der Himmel, machte all das Schwarze scharf und bedrohlich. Das Haar. Die Lippen. Das Leder. Sie war schwarz und weiß. Nichts dazwischen. Sie war die einzige totgeborene Frau, die Hirka je gesehen hatte. Hirka klammerte sich an den Glauben, dass Graal sie brauchte. Er hätte sie nicht in den Tod geschickt.

»Er war nicht auf dich aus«, sagte Skerri, während ihr Blick der makabren Spur des Toten folgte.

»Worauf dann?«

»Die Gabe«, erwiderte sie, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Sie drehte sich abrupt um. Die schwarzen Zöpfe peitschten über ihren Rücken, beschwert von Perlen an den Enden. Sie ging zu den beiden, die warteten.

Hirka blickte zurück, aber Ymsland war weg. Alles, was sie zu sehen bekommen hatte, war eine dunkle Höhle unter Mannfalla, in die die Steine hineinragten. Und Damayanti. Die gnadenlose Tänzerin hatte sie ohne einen einzigen Blick auf die Oberfläche hierher weitergeschickt. Sie hatte die Stadt nicht sehen dürfen. Lindri nicht besucht. Sie hatte ein Versprechen zu halten und jetzt war sie hier zu Hause.

Wo ist hier?

Hirka folgte Skerri, mehr aus dem Gefühl heraus, es zu müssen, als dass sie es wollte. »Wo sind wir?«

»Das ist Nifel, die zerstörte Stadt. Wir bleiben nicht hier.«

Hirka widerstand der Versuchung zu fragen, was sie zerstört hatte. »Aber … die Welt? Wie nennt ihr …«

»Dreysíl. Das erste Land.«

»Ah …« Hirka schob sich ihren Beutel bequemer zurecht. Schnee war in den Saal geweht und hatte sich zu Wällen aufgetürmt. Am Ende waren die Wände eingestürzt. Zerbrochene Säulen ragten wie Knochen aus dem Schnee. Bei einer von ihnen warteten die beiden Männer. Skerri gab ihnen ein Handzeichen und sie verschwanden nach draußen, bevor Hirka sie grüßen konnte. Sie hatte nur gesehen, dass der eine ebenso leicht bekleidet war wie Skerri. Trotz des Wetters.

»Wohin gehen wir?«

»Ginnungad«, antwortete Skerri, ohne sich umzudrehen.

»Ist das weit?« Hirka spürte, wie die Kälte ihr in die Knochen drang. Sie hielt Ausschau in der Hoffnung, Pferde und einen Wagen zu entdecken, aber es war nichts anderes zu sehen als Schnee. »Habt ihr keine Pferde?«

»Wozu?«

Hirka war drauf und dran, wieder im Schnee stecken zu bleiben.

»Um darauf zu reiten.«

War es vielleicht die Sprache? Skerri wirkte nicht sehr gewandt in Ymsländisch. Es war, als spräche sie es nur widerwillig. Aber sie blieb stehen. Drehte sich zu Hirka um und bleckte die Eckzähne. »Sehe ich aus, als müsste ich getragen werden?«

Hirka schüttelte den Kopf. »So habe ich das nicht gemeint …«

»Vier Tage. Ginnungad ist vier Tage entfernt.« Skerri ließ ihren Blick über Hirka wandern, von Kopf bis Fuß. Selbst in den blinden Augen war die Enttäuschung offensichtlich. »Sagen wir sechs Tage«, fügte sie bissig hinzu und ging weiter.


Zuflucht

Rime kroch übers Dach, bis er an den Rand kam. Er hielt inne. Lauschte. Das Eis am Flussufer knirschte. Aus einem Fenster ein paar Häuser weiter leerte jemand einen Waschzuber. Er wartete noch eine Weile. Musste vorsichtig sein. Hierherzukommen konnte Lindris Leben gefährden.

Das Teehaus war so etwas wie ein Zufluchtsort geworden. Ein sicherer Ort im Niemandsland. Lindris Tür war immer offen und Rime konnte nirgends anders hin. Jedenfalls nicht, ohne dass sich das Gerücht in Mannfalla verbreitete, und das durfte nicht passieren.

Nicht, bevor er einen Plan hatte.

Es war windig geworden. Er rieb sich die Hände, versuchte, Leben in die erfrorenen Finger zu zwingen. Ein Tag und eine Nacht draußen in dieser Kälte, da hatte es selbst die Gabe aufgegeben, ihn warm zu halten.

Er packte die Dachkante, rollte sich über den Rand und ließ sich hinunter auf die hölzerne Plattform. Sie ragte hinter dem Teehaus ein Stück auf den Fluss hinaus, wie ein Bootssteg. An der Hauswand standen ein Schaukelstuhl und eine eisbedeckte Laterne. Eine Kletterpflanze, die sich um die Balken rankte, war über den Winter verdorrt.

Durch eine haarfeine Ritze zwischen Tür und Rahmen konnte er drinnen Licht erahnen. Rime klopfte an. Lange blieb es still, dann wurde die Tür ein klein wenig geöffnet. Ein Auge blinzelte durch den Spalt.

»Ich bin es«, flüsterte Rime.

Lindri zuckte zusammen, als hätte er sich verbrannt. Die Tür ging mit einem lang gezogenen Knarzen auf. Er ließ die Kerze fallen, die er in der Hand gehalten hatte. Sie rollte über die Plattform und erlosch. Rime hielt sie mit dem Fuß auf. Der Teehändler schnappte nach Luft und schlug das Zeichen des Sehers. Wich zurück.

Rime ergriff seinen Arm. »Nein! Nein, ich bin nicht tot, Lindri! Hörst du? Ich bin nicht tot.«

Die Angst in Lindris Augen verblasste. Er zog Rime ins Haus. Rasch steckte er den Kopf hinaus und blickte sich um, ehe er die Tür wieder schloss. So, als hätte er mit mehreren gerechnet oder als könnte er einfach nicht begreifen, wie Rime hierhergekommen war.

Das Hinterzimmer war eng, vollgestopft mit Kisten und Jutesäcken. Die Luft war schwer von Heustaub. Das löste eine jähe Erinnerung in Rime aus. Hier hatte er mit Schwarzfeuer gestanden, in der Nacht, als die Schwarzröcke nach Reikavik gerudert waren. Sie hatten über Dinge gestritten, die jetzt banal wirkten. Was hatte Schwarzfeuer noch gesagt?

Du kannst die Welt nicht vom Draumheim aus beherrschen, Junge.

Lindri drängte ihn weiterzugehen, hinein ins Teehaus. Tische und Bänke standen grau in der Dunkelheit. Die Nacht hatte dem Holz alle Farbe geraubt.

»Setz dich, setz dich«, sagte Lindri und schob ihn freundlich, aber bestimmt zu einer Bank an der Feuerstelle. Die Flammen waren erloschen, aber etwas von der Wärme hing noch im Raum. Genug, dass Rime begriff, wie durchgefroren er war.

Lindri stocherte mit dem Schürhaken in den verkohlten Holzresten.

»Lass gut sein, Lindri. Kein Feuer. Niemand darf wissen, dass ich hier bin.«

Lindri kramte im Holzstapel. Riss ein Stück Birkenrinde ab und begann Feuer zu machen, als hätte er kein Wort gehört. Rime wollte erklären, wollte warnen, dass es nicht ungefährlich war, ihm Obdach zu geben, aber er wusste, dass Lindri nicht zuhören würde. Der runzlige Teehändler hatte Hirka bei sich aufgenommen, ohne an seine eigene Sicherheit zu denken. Auch nachdem er erfahren hatte, dass sie ein Mensk war. Leere Tische waren der Preis, den er dafür bezahlte.

Er hatte auch Rime schon beherbergt. Als Rabenträger. Als Damayanti ihm den Schnabel gegeben hatte. Und jetzt als entehrten Ratssohn und Totgeglaubten.

Das Feuer flackerte auf und begann zu knistern. Tauchte Lindri, der vor den Flammen hockte, in ein warmes Licht. Er war im Nachthemd, wie Rime jetzt sah. Mit einer Strickjacke darüber, die sich an den Ärmeln auflöste.

Er erhob sich mit sichtlichem Unbehagen und nahm Rime gegenüber Platz. Das Alter hatte seine Augen zuwachsen lassen, hatte sie klein und rund gemacht. Er legte eine schwielige Hand auf Rimes. Die Wärme brannte sich durch eine Schicht von Einsamkeit.

Rime schluckte. »Du glaubst also nicht, was sie über mich sagen?«

»Erzähl mir, was passiert ist, dann werde ich dir sagen, was ich glaube«, erwiderte Lindri mit besänftigender Ruhe.

Rime lachte halb erstickt. Er ließ den Strom der Worte kommen, obwohl er wusste, dass nichts von dem, was er sagte, einen Sinn ergab. Er konnte nicht aufhören. Es war, als ob er zum ersten Mal in seinem Leben etwas Echtes teilte. Also erzählte er. Vom Besuch in der Menschenwelt. Von den Brüdern Graal und Naiell. Einer tausend Jahre alten Feindschaft. Der eine im Exil, der andere der Seher persönlich. Der Seher, den er getötet hatte.

Die Lüge, mit der er aufgewachsen war, existierte nicht mehr. Stattdessen hatte er die Geschichte von dem Blinden gefunden, der sein eigenes Volk verraten und Ymsland erobert hatte.

Er erzählte von Hirka und ihrer Abstammung. Dass sie eine von ihnen war. Von denen, die durch die Tore brechen und nach Ymsland kommen würden, um sich zurückzuholen, was sie einst verloren hatten. Und es gab nichts, was er tun konnte, um sie aufzuhalten. Jetzt nicht mehr. Jetzt, da er das bisschen Macht, das er besessen hatte, vergeudet hatte.

Er redete, bis er keine Worte und keine Kraft mehr hatte. Faltete die Hände und stützte das Kinn darauf. Sah Lindri an. Wartete auf eine Reaktion auf all das, was er gesagt hatte, aber es kam keine. Lindri saß da und nickte vor sich hin. Seine Lider waren so schwer, dass Rime für einen Moment glaubte, er sei eingeschlafen. Aber dann richtete Lindri sich auf und schlug die Hände auf die Schenkel.

»Die Welt wird also untergehen? Ist es das, was du sagst?«

»Das ist eine gute Schlussfolgerung«, erwiderte Rime.

»Ja, dann bleibt nur eins zu tun.« Lindri erhob sich langsam. Die Falten in seinem Gesicht wurden tiefer, verrieten die Schmerzen in den Knochen.

»Und was?«, fragte Rime.

»Tee machen.«

Lindri ging zum Tresen und zündete eine Kerze unter einer der schwarzen gusseisernen Kannen an. Sie standen in einer Reihe, zeigten alle mit ihren Tüllen in dieselbe Richtung.

»Tee machen? Ist das die Antwort auf den Untergang der Welt?«

»Hast du einen besseren Vorschlag?«

Rime starrte auf die Tischplatte. Sie war grob wie Treibholz, voller Kerben und Wunden.

Nein, er hatte keinen besseren Vorschlag. Der Sturm würde kommen, ganz egal, was er tat.

Lindri stellte die Kanne vor ihn auf den Tisch. Ein satter Duft stieg auf. Es roch verdächtig nach etwas sehr viel Stärkerem als Tee. Lindri setzte sich wieder und schob Rime einen vollen Becher hin.

»Du hast also den Seher getötet? Den Bruder ihres Vaters?«

»Er hätte sie getötet, wenn er die Gelegenheit dazu bekommen hätte.«

Rime legte eine Hand auf seine Hosentasche. Spürte die Konturen der Muschel, des Amuletts, das er ihr geschenkt hatte, damals, als sie Ymsland verließ. Jetzt gehörte es wieder ihm. Überreicht von Graal, ohne Erklärung. War das Graals Art, ihm zu sagen, dass er sie vergessen sollte? Dass sie eine halbe Totgeborene war, der ein ganz anderes Schicksal bestimmt war als Rime?

Er hoffte es, denn die andere Möglichkeit war schlimmer: dass Hirka Graal gebeten hatte, ihm die Muschel zu geben. Dass es ihr Wunsch gewesen war.

Die Brust wurde ihm eng. Er griff nach dem Becher und leerte ihn in einem Zug. Das Gebräu war wohltuend stark. Brannte sich seinen Weg hinunter in den Magen.

Er hatte nicht geahnt, wie stark das Verlangen war, bis er sie wiedergetroffen hatte, in dem Raum, der vor Musik pulsierte. Der so lebendig war, voller Menskr. Odinskinder, so weit das Auge reichte. Aber er hätte genauso gut mit ihr allein sein können, denn er hatte alles und jeden um sich herum vergessen.

Er hätte sie genommen, auf der Stelle, wenn er die Chance dazu gehabt hätte. So stark, so überwältigend war es.

So zerstörerisch.

Er hatte idiotische Dinge getan – ihretwegen. Dinge, die nicht nur ihn selbst vernichtet hatten, sondern die nun auch drohten den Rat zu vernichten. Ravnhov. Ymsland.

Er hatte den Schnabel genommen. Hatte sich selbst zum Sklaven gemacht. Etwas, das er weder Jarladin noch Lindri erzählt hatte. Niemand durfte wissen, dass er eigentlich machtlos war. Graals Launen ausgeliefert.

Graal war gefährlicher, als es Hirka bewusst war. Er würde sie beide gegeneinander ausspielen, wenn er musste. Die einzige Hoffnung war, dass auch Graal sie liebte. Rime hatte den Vaterstolz in seinen Augen gesehen. Aber auch eine hemmungslose Bereitschaft, über Leichen zu gehen.

Dasselbe sagt sie auch über mich.

»Ich weiß, was du bist und was nicht, Rabenträger.« Lindri füllte den Becher erneut. Er redete, als hätte er Rimes Gedanken gelesen.

»Ich bin kein Rabenträger mehr, Lindri. Ich bin tot, nach allem, was die Leute wissen.«

»Wenn du gestattest, Rime An-Elderin … Du hast mir erzählt, was passiert ist, und jetzt werde ich dir erzählen, was ich glaube. Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen und ich erinnere mich gut an den Tag, an dem du geboren wurdest. Das ist noch nicht so lange her.«

»Das war vor fast zwanzig Wintern, Lindri.«

Der Alte lächelte, dass die Krähenfüße sich bis zu den Schläfen hinzogen. »Das Kind, auf das alle gewartet hatten. Das Kind, von dem der Seher sagte, es werde leben. Ich dachte, was ist denn das für ein Leben für einen Jungen. Mit einer solchen Bürde aufzuwachsen. Schon am selben Tag haben sie Amulette mit deinem Bild verkauft, wusstest du das?«

Rime wusste es nur allzu gut. Er kratzte mit dem Fingernagel an einer Kerbe im Teebecher. Sie kam ihm bekannt vor, hatte er nicht schon früher aus diesem Becher getrunken? Er nahm einen neuen Schluck. Der Geruch stach ihm in die Nase.

»Wie ich das sehe, Rime, bist du in einem Käfig aufgewachsen. Ein Käfig, um den alle Welt dich beneidet hat, aber dennoch ein Käfig. Alles war darauf ausgerichtet, dass du einer von ihnen werden solltest. Sie haben sich geirrt. Du wurdest stark genug, um deinen eigenen Weg zu wählen. Ich billige bei Weitem nicht alles, was du getan hast, aber an deinem Willen ist nichts auszusetzen.«

Der Wind heulte ums Haus. Lindri rieb sich die Handgelenke, als hätte ihn das Geräusch daran erinnert, wie kalt es war.

Er fuhr fort: »Sie sagen viel über dich. Und ich selbst habe geglaubt, du seist für uns verloren. Vor allem, als du mit der angemalten Frau hierhergekommen bist. Der Tänzerin. Aber das war etwas anderes als die Lust eines jungen Mannes, nicht wahr? Ich lebe seit einem Dreivierteljahrhundert, Rime. Glaubst du, ich hätte nie etwas von Blindwerk gehört? Sie hat etwas mit dir gemacht, das weiß ich. Du brauchst mir nicht zu sagen, was. Ich vermute, du hast das gebraucht, um Hirka zu folgen. Und ja, du hast Schwarzfeuer getötet. Deinen eigenen Mester. Aber das war seine Entscheidung, nicht deine. Du wurdest getäuscht. Welcher Mann an deiner Stelle hätte nicht dasselbe getan?«

Rime sah weg. Lindris Verständnis war schlimmer, als es seine Missbilligung hätte sein können.

»Rime … Du bist ein junger Mann. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass es mit den Jahren einfacher wird, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden, aber so ist das nicht. Im Gegenteil. Je älter man wird, desto mehr hat man gesehen. Und ich habe zu viele Leute Fehler begehen sehen, als dass ich glauben könnte, es sei einfach, sich für das Richtige zu entscheiden.«

Rime lachte kurz. »Das ist nicht das, was sie sagt …«

»Hirka ist nicht in Eisvaldr aufgewachsen. Du schon. Du bist ein Ratssohn. Man hat dich nie gelehrt, was das Richtige ist. Man hat dich gelehrt: Solange du es bist, der etwas tut, so lange ist es das Richtige. Die Familien sind das Gesetz. Das Gesetz sind die Familien. Trotzdem kämpfst du einen Kampf gegen dich selbst und das macht dich zu einem guten Mann, Rime. Einem starken Mann. Nur starke Männer ertragen es, alles zu verlieren.«

»Und starke Frauen«, entgegnete Rime. Er spürte, wie seine Schultern sich senkten. Er stieß seinen Becher gegen Lindris, wie zu einem Skål. Verschüttete etwas Flüssigkeit, die in die Furchen des Holzes lief, bevor er sie wegwischen konnte.

»Weißt du, warum sie das macht, Lindri? Weil sie glaubt, sie verhindert einen Krieg. Sie glaubt, sie kann den Blinden ihren Blutdurst ausreden. Das ist es, was sie macht. Sie glaubt, sie kann sie dazu bekehren, den Frieden zu lieben. Dummes Mädchen … Sie kann einen Stein zur Weißglut bringen und sie wird sie nur noch verrückter machen.«

Lindri versuchte, ein Lächeln zu verbergen.

Rime trank den letzten Rest Tee aus. »Was?«

»Sie bringt das Beste und das Schlechteste in dir hervor, Rime.«

Das stimmte. Aber es spielte keine Rolle mehr. Sie gehörte ihm nicht, würde es nie tun. Sie hatte sich für eine andere Welt entschieden. Für ein anderes Leben. Falls sie sich je wiedersahen, würde es auf dem Schlachtfeld sein. Er konnte nicht die Hände in den Schoß legen und tatenlos darauf warten. Er musste handeln.

Nur vorher ein bisschen ausruhen. Hier. Am Tisch.

»Darkdaggar hat die Kontrolle über den Rat, Lindri. Über das Heer.«

»Ja, wem sagst du das.«

»Aber nicht über die Schwarzröcke. Sie sind eine gefährlichere Armee als die von Mannfalla. Die einzige, die den Blinden standhalten kann. Er darf sie nicht übernehmen, Lindri.«

Rime versuchte, seine Gedanken in Worte zu kleiden, aber sie entwischten ihm. Waren unmöglich zu greifen. Wie die Schwarzröcke. Die schwarzen Schatten, die außerhalb von Darkdaggars Reichweite waren. Aber wie treu waren sie dem Rat jetzt ergeben? Wer hatte nach Schwarzfeuer die Führung übernommen? Und wie würden sie Rime empfangen? Den Mann, der seinen eigenen Mester getötet hatte. Ihren Mester.

»Bin ich noch ein Schwarzrock? Was denken sie jetzt über mich?«

»Das kann man nicht wissen, Rime.«

»Ich muss es herausfinden. Ich habe keine andere Wahl.«

»Das kannst du morgen auch noch.«

Rime spürte eine Wolldecke um die Schultern und begriff, dass er dabei war, einzuschlafen.


Ein Problem

Dichter Schneefall machte es schwierig zu sehen, wohin man die Füße setzte. Der Wind war schärfer geworden, ging bis auf die Knochen. Hirka hatte jedes Kleidungsstück angezogen, das sie besaß. Den Pullover, den Stefan ihr geschenkt hatte, ein zweites Strickhemd, den Regenumhang von Pater Brody über den Umhang von Jarladin. Leute, die sie vielleicht nie mehr wiedersehen würde. Ob sie überhaupt noch mal jemanden sah?

Bisher deutete alles darauf hin, dass sie in dieser frostigen Ödnis einschneien würde. Irgendwann würden die Blinden es leid sein, auf sie zu warten, und sie einfach liegen lassen. Und in hundert Jahren würden Totgeborene ein Gerippe ausgraben. Etwas, das einer Verwandten von Graals totem Raben glich. Knochen und Hautfetzen in einem Pullover mit englischem Text, den keiner auch nur im Entferntesten begreifen würde.

Hirka zwang sich zu einem Lächeln, um sich aufzumuntern. Sie war umgeben von Totgeborenen, in der Art von Wetter, in dem Leute verschwanden, und sie hatte keine Ahnung, wohin sie unterwegs war. Humor war das wichtigste Werkzeug, das sie zum Überleben besaß.

Sie stapften eine steile Anhöhe hinauf, die mit dem Himmel verschmolz. Eine blau-weiße Einöde, die sie blendete, wenn sie zu lange darauf starrte. Bisher hatte sie keinen einzigen Baum gesehen, auch keine Anzeichen von Leuten. Nur Eis und Schnee.

Hirka spannte die Kiefermuskeln an, um zu verhindern, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Ihre Wangen waren so kalt, dass es sich anfühlte, als platzten sie auf, und der Schweiß war zu Eisperlen im Haar erstarrt. Sie musste bei jedem Schritt mühsam die Füße aus dem Schnee ziehen. Der Stock war eine gute Hilfe. Ein hohler Stab, der wenig wog, aber viel aushielt. Alle hatten einen. Sie hatten gesagt, man könnte durch ihn atmen, falls man von einer Lawine verschüttet wurde, und dass er es leichter machte, gefunden zu werden. Es deutete auch nichts darauf hin, dass sie es scherzhaft gemeint hatten.

Hirka wusste, dass sie bald anhalten musste. Sie schmeckte vor Erschöpfung schon Blut auf der Zunge.

Sie blinzelte zu Skerri. Die Frau ging in unermüdlichem Rhythmus vor ihr und hinterließ eine Spur, die es allen leichter machte, die nach ihr kamen. Nicht ein einziges Mal hatte Hirka gesehen, dass sie den Umhang enger um den Körper zog. Es war unbegreiflich, dass sie nicht erfror.

Auf dem Rücken trug sie einen röhrenförmigen Behälter aus Leder. Er erinnerte an einen Köcher, war aber zu groß für Pfeile. Etwas sagte Hirka, dass sie nicht darauf zu hoffen brauchte, er könnte eine Decke enthalten.

Jedes Mal, wenn Skerri sich umdrehte, um nachzusehen, wo Hirka blieb, schlugen die Perlen in den schwarzen Zöpfen gegen den Köcher. Es klang wie Hagel. Das Geräusch hatte inzwischen seine eigene Bedeutung erhalten. Eine Anklage, die Hirka vorwärtstrieb.

»Wer ist eigentlich Modrasme?«, rief Hirka in der Hoffnung, dass ein Gespräch sie dazu bringen würde, langsamer zu gehen.

»Die Älteste in unserem Haus«, antwortete Skerri. Sie warf Hirka einen Seitenblick zu. »In deinem Haus«, ergänzte sie. Es klang eher wie eine Drohung als wie ein Trost.

»Also erhalten die Häuser ihre Namen nach den Ält…«

»Wir reden, wenn wir da sind.«

Hirka biss sich auf die Lippe. Vielleicht war einer der anderen zugänglicher? Sie blickte zurück. Die drei Männer, die ihr folgten, gingen hintereinander. Hungl hieß der ganz am Ende. Ein soldatischer Typ mit dunklem Haar und einem kleinen Ziegenbart. Vor ihm ging Grid, ebenso leicht bekleidet wie Skerri und der Einzige, mit dem diese ein paar Worte gewechselt hatte. Anscheinend kannten sie sich gut. Wäre er nicht ebenso blond gewesen, wie Skerri dunkel war, hätte Hirka sie für Geschwister gehalten. Obwohl – die Umpiri bekamen selten mehr als ein Kind. Ein Umstand, der Graal und Naiell wohl die Position verschafft hatte, die sie vor dem Krieg innegehabt hatten.

Der Erste hinter Hirka war der Mann mit dem stahlgrauen Haar und dem Schaffell um die Schultern. Keskolail, der geschossen hatte. Hirka zögerte einen Moment, aber ihre Erschöpfung war größer als ihre Angst, also blieb sie stehen, um auf ihn zu warten. Skerri ergriff sie am Arm und zog sie weiter.

»Sprich nicht mit den Gefallenen«, sagte sie.

»Wer sind …«

»Wir besprechen seine Strafe, wenn wir im Lager angekommen sind.«

Lager …

Schon das Wort wärmte wie ein Feuer. Hirka schöpfte neue Kraft und krümmte den Nacken gegen den Schnee.

Aber warum sollte er bestraft werden? Hirka warf einen verstohlenen Blick zu dem Mörder hinter ihr. Zu dem Tropfen auf seiner Stirn. Kein anderer hatte so etwas. Er hatte sie immer noch nicht angesehen. Es war, als existierte sie nicht für ihn. Und augenscheinlich sollte er auch nicht für sie existieren.

Der Hang wurde so steil, dass Hirka ihre Hände zu Hilfe nehmen musste, um voranzukommen. Sie verzichtete darauf, ihre Finger zu betrachten, so blau gefroren, wie sie sicher waren. Wenigstens schneite es hier oben nicht mehr so stark.

»Habt ihr keine Wege?«, fragte Hirka.

Skerri sah sie über die Schulter an. »Wege? Du meinst, du bist bereit, gesehen zu werden?«

Das klang nicht so, als erwartete sie eine Antwort, also sagte Hirka nichts mehr.

Das Gelände wurde flacher und sie kamen auf eine verschneite Ebene, gesäumt von windschiefen Birken. Die ersten Bäume, die Hirka zu Gesicht bekam. Ein Rabe schrie. Sie konnte ihn nicht sehen, aber sie spürte vor Erleichterung einen Kloß im Hals. Hier gab es Leben. Anderes Leben als nur Blinde.

Eine Gruppe von spitzen Zelten ragte am anderen Ende der Ebene auf. In Windrichtung waren sie dick eingeschneit, aber die Zelttücher blähten sich trotzdem. Hirka sah sich um und entdeckte mindestens drei Plätze, die mehr Schutz vor dem Wind geboten hätten. Wie es schien, hatte niemand einen Gedanken darauf verschwendet.

Ihre Hoffnung auf einen Wagen und eine warme Mahlzeit war dahin. Beides würde sie hier kaum vorfinden. Sie bemerkte, dass sie schon wieder zurückgefallen war, und beeilte sich, zu Skerri aufzuschließen.

»Das ist das Lager?«, fragte sie. »Hier schlaft ihr? Auf der Ebene?«

»Ja.«

»Aber … Was, wenn Raubtiere kommen?«

Skerri sah sie an. Eine steile Falte auf der Stirn zog sich hinab bis zur Nase. »Was meinst du?«

»Wir sollten vielleicht … Was, wenn wir angegriffen werden?«

Skerri bleckte die Zähne. Hirka wich einen Schritt zurück und wäre beinahe gestolpert. Die Umpiri brauchten keine Raubtiere zu fürchten. Sie waren Raubtiere.

»Meinst du, dass wir einen Angriff nicht überleben würden?«

Hirka schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, überhaupt nicht. Ich dachte mehr … an mich. Im Grunde …« Ihre Worte wurden immer leiser und versiegten. Sie schrumpfte unter Skerris Blick zusammen. Fühlte sich wie ein Haar in der Suppe.

Warme Suppe …

Skerri ging weiter. Hirka folgte ihr, während sie in Gedanken eine Liste über Dinge anlegte, die sie, wie sie gemerkt hatte, besser nicht ansprechen sollte. Pferde nicht. Wagen vermutlich auch nicht. Nichts, was andeutete, dass die Umpiri nicht selbst gehen konnten. Oder dass sie erschöpft waren. Und unter gar keinen Umständen etwas, das andeutete, sie müssten sich vor irgendetwas fürchten.

Zwei Totgeborene kamen ihnen entgegen. Beides Frauen. Sie waren ganz verschieden. Eine war dunkelhaarig und trug eine knöchellange Tunika. Wie ein Prediger oder ein Schriftgelehrter. Die andere war blond, gekleidet in Leder und Felle wie ein Jäger. Oder ein Krieger, dem grimmigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Sie unterhielten sich mit Skerri in einer Sprache, die Hirka nicht verstand. Blindensprache.

Die Sprache der Umpiri.

Sie klang fremd und doch vertraut. Die Worte lösten etwas in ihr aus. Wie ein Duft, den man seit Kindertagen nicht mehr gerochen hat. Neu, aber trotzdem ein Teil von ihr.

Die beiden Frauen blickten Hirka an. Sie knickten ganz leicht mit einem Knie ein, als eine Art Gruß. Hirka hatte das Gefühl, dass sie dasselbe tun sollte. Sie beugte das Knie und spürte im selben Moment eine Hand im Nacken. Skerri hatte sie gepackt und trieb sie vor sich her zu einem Zelt. Sie schob Hirka an dem Fell vorbei, das vor der Zeltöffnung hing, und Hirka stolperte hinein. Sie wartete darauf, dass Skerri ihr folgen sollte, aber die blieb draußen und bellte den anderen Befehle zu.

Hirka war es recht. Sie blickte sich um. Hier war kaum Platz für zwei. Das Zelttuch wurde in der Mitte von einem Stab hochgehalten. Der Boden war uneben, aber trocken, obwohl er aus Stoff bestand. Wahrscheinlich war er doppelt gelegt oder hatte eine gefettete Unterseite. Zwei Wolldecken lagen zusammengerollt auf einem Tierfell. Sonst enthielt das Zelt nichts. Nicht einmal eine Öllampe oder etwas zum Trinken.

Hirka ließ ihren Stock fallen und sank auf die Knie. Sie war durstig, hungrig und müde, hätte aber nicht sagen können, was am meisten.

Durstig.

Sie streifte den Beutel ab und löste den ledernen Wasserbehälter, der an der Außenseite hing. Sie hatte unterwegs versucht zu trinken, aber es hatte nur wenige Pausen gegeben und das Wasser war zu kalt gewesen. Sie nestelte am Verschluss. Er war festgefroren, sie hatte nicht die Kraft, ihn zu öffnen. Ihre Finger waren gefühllos.

Ihre Augen begannen zu brennen, sie war den Tränen gefährlich nah. Was war los mit ihr? Wollte sie gleich am ersten Tag heulen, an einem Ort, den sie sich selbst als Reiseziel ausgesucht hatte? Um des Friedens willen. Damit keine Totgeborenen in Ymsland einfielen. Das musste sie sich in Erinnerung rufen. Daran musste sie sich klammern. Frieden. Und daran, das Wissen zu erlangen, das sie brauchte, um Rime vom Schnabel zu befreien.

Sie schloss die Augen. Er hatte einen Schnabel im Hals. Einen Rabenschnabel. Graal hatte Macht über ihn, so wie er sie über Urd gehabt hatte. Und Urd war verfault …

Hirka warf den Wasserbeutel von sich. Spürte einen störenden Schneeklumpen unter dem Fußboden und schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein.

Was hatte sie eigentlich erwartet? Was hatte sie gedacht, welche Leute sie hier treffen würde? Eine Familie? War sie so naiv gewesen? War sie noch immer nichts anderes als ein junges Mädchen, das sich danach sehnte, irgendwo zu Hause zu sein?

Das Türfell wurde beiseitegeschoben und Skerri kam herein. Hirka sprang auf. Sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie Skerris Gesicht sah. Das schwarze Haar und die schwarzen Lippen auf der bleichen Haut. Wäre sie keine Umpiri gewesen, hätte Hirka sie auf rund fünfundzwanzig Winter geschätzt. Jung, fast mädchenhaft. Eine gruselige Kombination aus süß und gefährlich.

»Setz dich«, knurrte sie. Hirka gehorchte.

Skerri ließ sich ihr gegenüber nieder. Das Lederkorsett knarrte und fügte sich dem starken Körper.

»Kuro«, sagte sie und nickte zu dem Kästchen, das oben auf dem Beutel befestigt war.

»Kuro?« Hirka hatte nicht erwartet, den Namen hier zu hören. Das war ihrer, sie hatte ihn sich selbst ausgedacht, als Naiell noch ein Rabe war.

»Herz«, erwiderte Skerri ungeduldig. »Es bedeutet Herz. Lass mich ihn sehen.«

Hirka hätte über die Bedeutung gelächelt, wenn sie die Kraft dazu gehabt hätte. Sie band das Kästchen los und nahm es auf den Schoß. Es war bescheiden, gemessen an seinem Inhalt. Eine unscheinbare Metallschachtel, matt wie eine abgenutzte Messerklinge. Kalt unter den Fingern. Bevor sie durch die Tore gegangen war, hatte sie sich Sorgen gemacht, dass das Eis darin schmelzen könnte. Was für ein Witz …

Hirka löste die Scharniere an den Seiten und öffnete den Deckel. Naiells Herz lag begraben in zerstoßenem Eis. Bleich wie eine geballte Faust. Hirka bildete sich ein, ihn immer noch riechen zu können. Graals Bruder. Ihr Onkel. In Ymsland war er der Seher gewesen. Hier in Dreysíl war er etwas ganz anderes. Verbrecher. Volksfeind.

Skerri riss das Kästchen an sich. Schloss die Augen und holte tief Luft, als wäre der Geruch Nahrung. Ihre Lippen verzogen sich zu einem verächtlichen Grinsen.

»Naiell …«

Es war ein Flüstern, so heiser von Hass, dass Hirka begriff, wie nahe ihm diese Frau gestanden haben musste. Sie mussten sich gekannt haben. Hirka starrte sie an. »Du warst dort …«

Skerri öffnete die Augen. Milchartig waren sie. Wirklichkeitsfern. Gerichtet auf etwas weit außerhalb des kleinen Zelts. »Ich habe einen Eid geschworen, als der Krieg vorbei war. Als ich begriff, dass er uns verraten hatte. Als ich sah, wie er seinen Bruder gefangen nahm und quälte. Ich schwor, dass ich dieses Herz mit meinen eigenen Klauen herausreißen würde. Ein Jahrtausend lang habe ich darauf gewartet, seinen Geruch wieder wahrzunehmen. Ein Jahrtausend. Und nun ist er hier. Was bleibt jetzt noch, als zurückzuholen, was uns gehört?«

Hirka antwortete nicht. Sie fürchtete, dass Skerri ihr an die Kehle springen würde, wenn sie etwas Falsches sagte. Die schwarzen Lippen zuckten. Die Totgeborene kämpfte mit einer Vergangenheit, an der Hirka keinen Anteil hatte. War sie deshalb so zornig? Weil Hirka sein Herz bei sich trug? Hatte Rime getan, was Skerri am liebsten selbst erledigt hätte?

Die Luft schien gesättigt von Unbehagen. Hirka tippte mit dem Finger gegen den Deckel, sodass er zufiel. Skerri erwachte aus ihrer Trance. Fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Das Schwarz verblasste nicht. War das eine Tintenstichelei? Hatte sie sie dauerhaft gefärbt?

Sie stellte das Kästchen hin.

»Wir haben ein Problem, Hirka.« Sie schüttelte den Kopf, dass die Zöpfe flogen. Wie ein Tier, das sein Fell trocken schüttelt.

»Was für ein Problem?«

»Dich.«

Hirka wollte widersprechen, aber sie war zu nervös. Und widerstrebend neugierig, was genau das Problem sein sollte.

Skerri legte den Kopf schräg. Eine vogelartige Bewegung, die an Graal und Naiell erinnerte. Hirka wagte eine Frage.

»Skerri, sind wir miteinander verwandt?«

Skerri blinzelte, als wäre sie von der Frage überrumpelt worden, aber sie fing sich rasch wieder. »Wir sind verwandt, aber nicht blutsverwandt. Wir gehören zum selben Haus. Du wirst deine Blutsverwandten treffen, wenn wir nach Ginnungad kommen, und genau da liegt das Problem. Ich muss den Raben jetzt schicken. Ich muss Nachricht geben, dass du hier bist. Dass du gekommen bist. Aber was soll ich sagen?«

»Wie meinst du das?«

Skerri hob das Kinn. Sah sie von oben herab an, als wäre sie eine Idiotin. »Du bist wie sie! Schau dich doch an! Du hast Augen wie sie. Du hast keine Klauen. Keine Zähne. Du bist langsam. Schwach. Jämmerlich, wie sie. Du bist mehr Mensk als Umpiri. Und du sprichst nichts anderes als Tiersprache.«

Hirka spürte, wie ihr Gesicht erstarrte. Scham beschlich sie, als wäre sie in die Vergangenheit zurückgeworfen worden. Sie war in Elveroa. Bei Vater, der immer versuchte, sie zu verstecken, weil er begriffen hatte, was sie war. Bei Ilume, die sie abwies, wenn sie nach Rime fragte. Sie war das Ungeheuer. Das schwanzlose Odinskind. Auch hier.

Sie war wieder klein. Und das ärgerte sie. Hirka biss die Zähne zusammen.

»Tut mir leid, wenn ich nicht das bin, was du erwartet hast.«

Skerri schnaubte. »Dass es dir leidtut, nützt auch nichts. Wir müssen was Anständiges aus dir machen, bevor du vorgezeigt werden kannst, und zwar schnell. Ehrlich gesagt wusste ich gleich, dass wir dieses Problem bekommen würden, als ich von dir hörte. Graal war ein bisschen … ausweichend.«

»Du bist also diejenige, die mit ihm spricht?«

»Ich. Sonst niemand.«

Hirka fiel auf, mit welchem Stolz sie das sagte. Graal war jemand von Bedeutung, das war vermutlich auch der einzige Grund, warum sie selbst noch am Leben war. Und wennschon. Sie war nicht bereit, sich durch einen Vortrag über all das zu quälen, was mit ihr nicht stimmte. Den hatte sie schon allzu oft gehört.

»Sag mir einfach, was zu tun ist, Skerri.«

Skerri betrachtete sie eine Weile prüfend. Dann erhob sie sich abrupt. »Ich sage, dass du gekommen bist. Mehr nicht. Dann werden wir sehen, was wir hinkriegen. Die Sprache ist das Wichtigste. Du kannst nicht deren Sprache in unser Haus schleppen. Ǫni wird dich unterrichten, während wir unterwegs sind.«

»Ǫni?«

»Eine Dienerin. Sie arbeitet für unser Haus. Sie ist gelehrt und kann dir beibringen, vernünftig zu sprechen. Und wie du dich benehmen sollst.« Skerris Blick wanderte über ihren Körper. »Um die Kleidung kümmern wir uns später.«

Sprache, Benehmen, Kleidung … All das hätte Hirka nicht gleichgültiger sein können. Wenn sie einen Gelehrten brauchte, dann jemanden, der sich auf die Gabe verstand.

»Was ist mit …« Hirka hätte beinahe »Blindwerk« gesagt, verkniff es sich aber gerade noch. »Was ist mit der Gabe? Ich muss mit jemandem reden, der mir alles über die Schnäbel erzählen kann.« Sie legte ihre Hand an den Hals, um zu unterstreichen, was sie meinte.

Skerri starrte sie ausdruckslos an.

Sie musste einen anderen Ansatz finden. Etwas, das in Skerri den Wunsch auslöste, ihr zu helfen. Ihr zu antworten. Mit anderen Worten, sie musste Skerri bei ihrem Stolz packen.

»Habt ihr wirklich keine Gabengelehrten?«

Skerris Augen verengten sich zu weißen Schlitzen. »Selbstverständlich haben wir die! Die Besten! Wir haben Gabenschleuderer und Seher, aber die brauchen dich nicht zu interessieren. Das ist im Moment nicht vordringlich.«

Seher? Die Blinden hatten Seher?

Natürlich. Wie hätte er sonst auf die Idee kommen sollen?

Hirka stieß ein kurzes Lachen aus. Naiell hatte seine eigene Welt verlassen, aber etwas mitgenommen, das er kannte.

Skerri wandte sich zum Gehen. »Dies ist dein Zelt«, sagte sie. »Bleib hier. Ǫni holt dich, wenn ich den Raben geschickt habe. Dann wirst du die anderen kennenlernen.«

Sie schob das Fell beiseite. Licht fiel herein. Sie sah Hirka wieder an. »Und noch etwas: Wenn du noch einmal versuchst, das Knie vor jemandem zu beugen, der von geringerem Stand ist als du, werde ich dir deine Knie zertrümmern.«

Skerri verschwand mit peitschenden Zöpfen.

Hirka schloss die Augen.

Nicht nach Pferden fragen. Nicht die Wahl der Lagerplätze kritisieren. Nicht das Knie beugen.


Richterin

Hirka hatte sich lange nach Klarheit gesehnt. Nach Information. Aber jetzt begann ihr zu dämmern, dass zu viele Informationen schlimmer waren als gar keine.

Ǫni bedeutete »Zunge« auf Umǫni, wie die Sprache hieß. Das war der Rufname der Frau, die ihre Lehrerin sein sollte, und Hirka begriff, wieso. Ǫni redete ununterbrochen, ohne Pause. Im Gegensatz zu Skerri bereitete es ihr offenbar keine Qualen, Ymsländisch zu sprechen, aber sie war ja auch zu jung, um den Krieg erlebt zu haben. Das machte sie neugieriger als Skerri und vermutlich weniger voreingenommen.

Die Sprache hatte sie vor zwei Jahren zu lernen begonnen, auf Wunsch von Skerri. »Wunsch« war das Wort, das Ǫni benutzte. Hirka hatte den Verdacht, dass »Befehl« der Sache wohl näher kam. Erst jetzt hatte die Gelehrte erfahren, wofür das nötig war. Es war ein gut gehütetes Geheimnis, dass nicht mehr alle Steintore tot waren.

Ǫni interessierte sich lebhaft für alles, was Hirka von anderen Welten zu erzählen wagte, und sie musste sich immer wieder selbst zurücknehmen, um das zu tun, was sie tun sollte: Hirka beibringen, wie sie sich zu benehmen hatte. Und natürlich auch, wo ihr Platz in der Hierarchie war. Das schien das Allerwichtigste zu sein.

Von allen Blinden, denen Hirka begegnet war, erschreckte Ǫni sie am wenigsten. Vielleicht, weil sie Grübchen hatte, wenn sie lächelte. Oder weil ihr braunes Haar den Eindruck von Wärme vermittelte. Ihre Tunika war weit geschnitten und überhaupt nicht dafür gemacht, ihren Körper zur Schau zu stellen. Und dann redete sie, natürlich. Das half schon, weil es sonst niemand tat.

Hirka war sich sicher, dass sie über eine Stunde mit der Frau im Zelt gefangen gewesen war. Bisher war sie noch keinem der anderen offiziell vorgestellt worden. Auf Skerris Anweisung, vermutete sie.

Ǫni hielt das Fell am Zelteingang zur Seite, sodass Hirka hinausblicken konnte, während sie sich unterhielten. Die vier anderen waren draußen. Nur Skerri fehlte. Ǫni zeigte auf Grid, der ein Stück entfernt stand und Schnee aus dem hohlen Stab stocherte. Er trug eine enge Weste, die mit Fell gesäumt war. Seine nackten Arme waren sehnig und stark.

»Grid ist noch keine dreihundert Jahre alt, aber er hat viele … wie heißt das? Viele Wettkämpfe gewonnen. Er übt mit Skerri, sie sind gute Freunde. Skerri und Grid sind die einzigen Dreyri hier. Das bedeutet, sie sind …«

»Vom Blut der Ersten …« Hirka erinnerte sich nur allzu gut.

»Ja, genau. Dreyri, von den alten Blutlinien. Nur die Dreyri haben Häuser, die Namen tragen. Wir anderen sind gewöhnliche Leute. Umpiri. Wir arbeiten für die Häuser. Hungl und Tyla dort drüben dienen beide in Modrasmes Haus.«

Hirka betrachtete sie. Hungl mit dem Ziegenbart. Tyla mit dem blonden Haar. Sie war am Steinkreis nicht dabei gewesen, sondern hatte hier im Lager mit Ǫni gewartet.

»Sie sehen nicht aus wie Diener. Eher wie Krieger«, sagte Hirka.

Ǫni verbarg ein Lächeln hinter der Hand. »Wir sagen Diener. Die Häuser haben keine Krieger. Oder Wachen. Das gehört sich nicht. Stattdessen haben sie Diener. Weil …«

»Weil sie es nicht nötig haben, sich beschützen zu lassen …«

Ǫni nickte eifrig. »Hungl spricht ein wenig Ymsländisch, aber nicht sehr gut, und …« Sie sah Hirka an. Biss sich nervös auf die Lippe. »Du musst gut Umǫni sprechen, bevor das höchste Haus dich zu Gesicht bekommt.«

Hirka tat, als hätte sie es nicht gehört. Die Vorstellung, präsentiert zu werden, brachte sie trotz der Kälte ins Schwitzen. Es war jetzt schon sonnenklar, dass sie die Erwartungen, die man an sie stellte, nicht erfüllen würde.

»Ist das ein Lagerfeuer, was sie dort herrichten?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Ja, ich weiß, dass du schneller frierst als wir. Am besten halten die Dreyri die Kälte aus. Sie frieren auch, aber …«

»Ihnen ist wichtiger, so zu tun, als wäre es nicht so?«

»Du lernst schnell.«

»Und er?« Hirka nickte zu dem Mann mit dem Tropfen auf der Stirn. Stahlgraues Haar und steinernes Gesicht. Er ging mit einem Armvoll knorriger Äste auf die Feuerstelle zu.

»Er ist Kwessar. Einer der Gefallenen. Sie waren zu zweit, aber ich habe gehört, dass der andere heute gestorben ist. Deshalb muss man immer zwei haben. Damit einer den anderen töten kann, falls nötig. Aber mehr als zwei sollte man nicht mitnehmen.«

Hirka folgte ihm mit dem Blick. Er ließ das Holz an der Feuerstelle fallen.

»Warum nicht?«

»Nun«, erwiderte Ǫni. »Wenn man mehr als zwei Männer mitnimmt, die nichts zu verlieren haben, dann ist man selbst schuld, wenn es schiefgeht, nicht wahr?«

Hirka brannten eine Menge Fragen auf der Zunge, aber Ǫni ließ ihr keine Chance. »Die Gefallenen gehören nicht zu den Häusern. Sie sind Außenstehende. Du siehst das an dem Tropfen und am Namen. Sein Name war Kolail, aber da er ein Gefallener ist, wird er Keskolail genannt. Kes ist eine Vorsilbe, die von Kwessar kommt, das bedeutet …«

Plötzlich stand Skerri in der Zeltöffnung. »Du verschwendest Zeit, Ǫni. Hast du ihr beigebracht, wie sie sich vorstellen soll? Welches die höchsten Häuser sind?«

Ǫni kam eilig auf die Füße. Skerri schickte sie weg und hockte sich vor das Zelt. Hirka zwang sich, am Eingang sitzen zu bleiben, obwohl es verlockend war, wieder ins Zelt zu kriechen. Skerri sah sie an.

»Hungl und Keskolail haben den Krieg mitgemacht. Das bedeutet, dass sie solche wie dich schon gesehen haben. Sie wissen, was sie erwarten können. Aber wir können uns nicht erlauben, dass sich Gerüchte über deine Schwachheit verbreiten. Wir müssen gleich von Anfang an zeigen, wer du bist. Dafür werden wir jetzt sorgen. Ich werde dir eine Frage stellen, und das Einzige, was du antworten sollst, ist ›die Raben‹. Das kannst sogar du. Verstehst du, was ich sage?«

Hirka verstand nicht, nickte aber trotzdem.

Skerri stand auf und bedeutete ihr, mitzukommen. Hirka kroch aus dem Zelt. Sie dachte kurz daran, umzukehren und ihren Umhang zu holen, traute sich aber nicht. Sie folgte Skerri zum Lagerfeuer. Hungl und Tyla hatten sich Schneehaufen gebaut, auf denen sie saßen und zusahen, wie das Feuer wuchs. Ǫni kam angelaufen und setzte sich ebenfalls. Grid blieb stehen, natürlich. Es war wohl peinlich für die Dreyri, sich hinzusetzen.

Der Gefallene saß ein wenig abseits und klaubte Eisstücke aus dem Schaffell.

Skerri zeigte auf Hirka, während sie sich auf Umǫni an die anderen wandte. Hirka war ein bisschen schlecht. Sie wusste nicht, was passieren würde, nur, dass sie eine Rolle zu spielen hatte. Wenn sie nur wüsste, welche …

Als Skerri geendet hatte, wandte sie sich an Hirka.

»Keskolail hat einen Pfeil in deine Richtung geschossen. Wie lautet dein Urteil, Hirka, Tochter des Graal, Sohn von Raun aus Modrasmes Haus?«

Hirka runzelte die Stirn. Urteil? Wurde sie aufgefordert, ihn zu bestrafen? Den Mann mit dem Tropfen? Sie nahm es an. Doch wohl nicht, weil er einen Mann getötet hatte, das hatte er ja auf Skerris Befehl hin getan? Vielleicht wurde ihm vorgeworfen, dass er einen Pfeil in Hirkas Richtung geschossen hatte. Als wäre sie je in Gefahr gewesen. Ein Mann, der ein Ziel in solchem Abstand treffen konnte, und das bei dem Wetter … Er hätte nicht danebengeschossen.

Also warum?

Skerri hatte ihr aufgetragen, »die Raben« zu antworten. Was hatten Raben damit zu tun?

Plötzlich begriff sie. Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag in den Magen.

Man verfüttert die Toten an die Raben.

Die Ratsfamilien in Ymsland ließen die Toten von den Raben fressen. War das ein weiterer Brauch, den Naiell von hier mitgebracht hatte? Das bedeutete, dass sie jetzt aufgefordert wurde, einen Mann zum Tode zu verurteilen. Dazu, Rabenfutter zu werden. Weil er einen Befehl ausgeführt hatte?

Die Stille hing wach und fordernd um das Feuer. Die Flammen streckten sich im Wind, als wollten sie nach ihr greifen.

Hirka war es kalt bis ins Mark. Sie hatte gehört, was sie sagen sollte, doch die Worte wollten ihr nicht über die Lippen. Sie starrte den Mann an, den sie verurteilen sollte, aber er erwiderte ihren Blick nicht. Auch nicht die Blicke der anderen. Er wusste, was vor sich ging, trotzdem saß er da und säuberte das Schaffell, als ginge ihn das nichts an. Stahlhaar. Stahlblick. War er durch und durch aus Stahl?

Hirka musste etwas sagen. Alle sahen sie an. Warteten auf sie. Sie begriff nicht, warum, aber Skerri war offenbar auf ihre Bestätigung angewiesen, um das zu bekommen, was sie wollte. Hirka räusperte sich.

»Mir wurde gesagt, dass Umpiri keine Umpiri töten.«

Hungl war gerade dabei, einen Schluck aus einem Wasserbeutel zu trinken, prustete aber das meiste wieder aus. Tyla sah ihn scharf an und er riss sich zusammen. Ǫni sah aus, als würde sie ihre eigene Unterlippe essen.

Skerri krümmte den Nacken wie ein wütender Stier. Hirka sah, wie ihre Zöpfe zitterten.

»Du bist neu hier und kennst die Gebräuche nicht«, sagte sie mit erzwungener Beherrschung. »Dafür müssen wir Verständnis haben. Er ist kein Umpiri. Er ist Kwessar. Einer der Gefallenen. Aber da niemand hier ein Urteil vollstrecken kann, werden wir deine Entscheidung aufschieben, bis wir in Ginnungad sind. Denk bis dahin darüber nach.«

Skerri ging an ihr vorbei und verschwand in ihrem Zelt. Grid schien für einen Moment verwirrt. Dann nickte er Hirka zu und folgte Skerri.

Hirka blieb am Feuer stehen, unsicher, was sie tun sollte. Ihr Blick fiel auf Klauen, die sich über Knien krümmten. Auf spitze Eckzähne. Sie war umgeben von Fremden. Und die hatten erwartet, dass sie ein Todesurteil sprach. Die Kleidung dieser Leute wirkte auf einmal fehl am Platz. Wie ein Deckmantel.

Hirka hörte das Zittern in ihrem eigenen Atem. Sie schlug die Hände zusammen in dem vergeblichen Versuch, die ganze Sache abzuschütteln. »So, was muss man tun, um hier etwas Essbares zu bekommen?«

Hungl grinste in sich hinein. Ǫni stand auf. »Ich hole die Kekse.«

Hirka sah Keskolail an.

Kolail. Er heißt Kolail.

Hirka wusste, dass sie ihn nie anders nennen würde als Kolail, jetzt, da sie erfahren hatte, dass das sein richtiger Name war.

Er hob den Blick. Sah sie zum ersten Mal an. Sein Gesicht war ausdruckslos. Dann schlug er die Augen nieder und fuhr fort, Eis aus seinem Schaffell zu brechen.


Kolail

Das Schneetreiben hatte aufgehört. Hatte Platz gemacht für einen kalten Nebel, der Mutlosigkeit hervorrief. Aber Hirka hatte Vorkehrungen getroffen. Nach einer eisigen Nacht mit wenig Schlaf war sie aufgestanden und hatte ihr Überlebensprojekt in Angriff genommen. Strümpfe. Die dicken Wollsocken. Die Hose über den Stiefeln verschnürt, damit sie nicht stecken blieb.

Sie hatte Streifen aus der Wolldecke geschnitten und sich um Hände und Finger gewickelt. Sie hatte auch Schnee im Wasserbeutel geschmolzen, aber der war längst leer. Die paar letzten Tropfen darin waren zu Eis gefroren. Der Gedanke daran machte sie noch durstiger. Und das Zelt, das sie oben auf dem Beutel trug, machte sie schwerer als am Tag zuvor.

Aber sie stapfte weiter, sich bewusst, dass Tyla und Kolail direkt hinter ihr gingen. Sie blinzelte nach vorn zu den anderen. Schatten im Nebel, die den Weg vor ihr bahnten. Nichts deutete darauf hin, dass sie vorhatten, jemals anzuhalten. Vor allem nicht Skerri und Grid. Immer weiter voran. Immer an der Spitze.

Aber Hirka war als Erste aufgewacht. Das hatte ihr reichlich Zeit verschafft und das Gefühl, endlich einen Vorsprung zu haben. Der war kaum der Rede wert, aber im Moment stellte sie keine großen Ansprüche.

Naiell hatte auch viel geschlafen, erinnerte sie sich. Beinahe überall, wo es sich machen ließ. Im Gewächshaus in York. In Stefans Auto. Im Flugzeug. Hirka lächelte, bis ihr einfiel, wie zum Draumheim alles gelaufen war. Dass sie sein Herz in einem Kästchen auf dem Rücken trug.

Hungl und Tyla hatten beide in dem Zelt geschlafen, das direkt neben ihrem stand. Ob sie so verhindern wollten, dass sie sich davonmachte oder dass jemand ihr etwas antat? Hirka wusste es nicht. Beides sorgte nicht dafür, dass sie sich sicherer fühlte.

Sie hatte Skerri am Abend zuvor getrotzt. Hatte irgendeinen morbiden Plan durchkreuzt, den sie nicht durchschaute. Vermutlich würde die Totgeborene ihr den Hals umdrehen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot.

Hirka hatte das beklemmende Gefühl, dass ihr Leben auf einer Messerschneide balancierte, die sie nicht einmal sehen konnte. War sie gut genug oder nicht gut genug? Für was? Und nach wessen Meinung?

Sie befürchtete, dass sie es schneller herausfinden würde, als ihr lieb war.

Wenigstens hatte sie erfahren, dass es hier Seher gab. Umpiri, die sich auf Blindwerk verstanden. Einige von ihnen wussten sicherlich, wie sie die Gabe zurückbekommen konnten. Naiell hatte sie zerstört, unterstützt von den Toten, und in einem Moment geistiger Umnachtung hatte sie Graal versprochen, das wieder in Ordnung zu bringen. Im Tausch gegen Frieden. Hatte sie eigentlich selbst geglaubt, was sie gesagt hatte? Das war Wahnsinn. Die Gabe heilen …

Rime heilen.

Hirka krümmte den Nacken und marschierte weiter. Sie lief direkt in Hungl hinein, der stehen geblieben war. Er drehte sich zu ihr um, mit Reif in seinem Ziegenbart.

»Der Pfad … Er ist weg«, sagte er hilflos in einer Mischung aus Ymsländisch und Umǫni. Er deutete auf Skerri und Grid. Die beiden standen zusammen und berieten sich, direkt neben einer dunklen Wunde am Berg, wo der Pfad hätte sein sollen.

Ǫni kam angelaufen. »Der Pfad ist weggebrochen. Sie werden einen anderen Weg finden. Warte hier, Hirka«, sagte sie und winkte Hungl mit sich.

Tyla drängte sich an Hirka vorbei und folgte ihnen, um nachzusehen, was passiert war.

Hirka lehnte sich an die Felswand, dankbar für die Pause. Dafür, einen Augenblick allein sein zu können. Aber ganz allein war sie nicht.

Sie drehte den Kopf. Kolail stand direkt neben ihr, die Klauen im Schnee vergraben. Er trank durch sie. Hirka hatte die anderen das auch tun sehen. Ob sie mit dem Mund oder den Klauen tranken, schien völlig egal zu sein. Verdammt ärgerlich. Sie hatte einen gefrorenen Wasserbeutel, der wie eine Rassel klang, und er brauchte nur die Klauen in den Schnee zu stecken und konnte sich satt trinken …

Hirka nahm den Beutel ab und stellte ihn neben sich. Sie ballte Schnee in der Hand zusammen und steckte sich einen Brocken in den Mund. Er schmolz langsam. Ein Tropfen. Zwei. Die Zunge wurde kalt und taub. Sie spuckte den Schnee wieder aus. Merkte, dass Kolail sie beobachtete. Was war das für ein Zug um seinen Mund? Verwunderung? Oder versuchte er zu verbergen, dass er sich amüsierte?

Sein Schaffell war ebenso grau wie sein Haar. Es sah aus, als hätte sich schmutziger Schnee um seine breiten Schultern gelegt. Er hatte dichte Bartstoppeln und einen kräftigen Unterkiefer. Fast wie Vater, wie sie verwundert feststellte. Ein blinder und etwas hässlicherer Thorrald.

Der Gedanke an Vater versetzte ihr einen Stich von Wehmut. Es war lange her, dass ihr die Erinnerung an ihn so nahe gewesen war. Sie konnte nicht daran denken. Musste sich auf etwas anderes konzentrieren. Auf ihren Überlebenswillen. Auf Wasser. Sie brauchte Wasser.

Sie ging zu Kolail und nahm seine Hand. Er entzog sie ihr. Starrte sie an, als hätte sie versucht, sie ihm abzuschlagen. Hirka deutete auf ihren Mund. »Wasser …«

Er runzelte die Stirn, wodurch der Tropfen sich näher an seine Nasenwurzel bewegte. Sie griff wieder nach seiner Hand und jetzt ließ er sie gewähren. Sie hob seine Hand an ihre Lippen.

»Warte …«

Das war das erste Wort, das sie ihn sagen hörte. Ymsländisch.

Es stimmt. Er hat den Krieg mitgemacht.

Er steckte die Klauen wieder in den Schnee. Zog sie heraus und ließ sie von Hirka ergreifen. Sie legte seine Finger in ihren Mund und spürte, wie Wasser ihren Hals hinunterfloss. Wärmer als alles, was sie seit über einem Tag getrunken hatte. Es tat unglaublich gut.

Sie umfasste sein Handgelenk und sog an seinen Fingern. Seine Klauen zitterten auf ihrer Zunge. Dann riss er die Hand zurück.

Hirka wurde von dem Gefühl gepackt, etwas Furchtbares getan zu haben. Etwas, das sie nicht hätte tun sollen. Ein Wassertropfen rann von ihren Lippen. Sie wischte ihn mit dem Handrücken ab, bevor er zu Eis werden konnte.

Kolail sah starr an ihr vorbei. Hirka drehte sich um.

Vor ihr auf dem Pfad stand Skerri. Ihre schwarzen Lippen wurden schmal. Sie schnauzte Kolail an, unverständliche Worte. Kolail ging an Hirka vorbei. Verließ sie. Ließ sie allein mit Skerri zurück. Es fühlte sich an wie ein Verrat.

Skerri kam wütend auf sie zu, holte aus und versetzte ihr eine Ohrfeige. Hirka hatte den Arm gehoben, aber zu spät, um sich zu schützen. Der Schlag brannte auf ihrer Wange.

»Du rührst die Gefallenen nicht an! Du demütigst dein Haus nicht!«

Hirka wich zurück. Spürte warmes Blut hinunter zum Kinn laufen. Panik erfasste sie. Die Klauen … Wie viel Schaden hatten sie angerichtet? Sie berührte ihre Wange und blickte auf ihre Hand. Zwei rote Streifen färbten den provisorischen Wollhandschuh. Kleine Kratzer, nicht schlimm. Die Kapuze war im Weg gewesen.

Skerri starrte sie an. Ihre Wut schien verraucht zu sein, sie wirkte jetzt eher verwirrt. Hirka begriff, dass Skerri darauf wartete, dass sich die Wunden schlossen. Es gab ihr einen bitteren Geschmack von Befriedigung.

»Es stimmt. Ich verheile nicht so wie ihr.«

Skerri schloss die Augen und seufzte resigniert. »Nicht mal das hast du geschafft zu erben … Es ist nicht geplant, dass du überlebst, oder?«

Sie zog die Kapuze enger um Hirkas Gesicht. »Lass es sie nicht sehen. Sie halten sowieso schon nicht viel von dir.« Dann ging sie.

Hirka schluckte ihren Ärger hinunter und folgte ihr.


Hirka konnte nicht schlafen. Sie hatten ihr Lager an einem Eisberg aufgeschlagen, der aus dem Schnee ragte und sich über die Zelte krümmte wie ein enormer Reißzahn. Drohend. Drückend. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, hörte sie ihn knacken. Als könnte er jeden Moment brechen und sie unter sich begraben.

Skerri hatte den Platz ausgesucht. Zweifellos aus Rache, weil Hirka sich über den vorigen Lagerplatz beschwert hatte.

Hungl schnarchte im Zelt nebenan. Er klang wie ein knurrender Hund. Das Eis knirschte.

Hirka wälzte sich wieder auf die andere Seite. Das Strickhemd wickelte sich um ihren Körper. Sie meinte, gebratenen Fisch zu riechen. Offenbar eine Einbildung. Also hatte ihr Gehirn wohl unter der Kälte gelitten … Seit sie hierhergekommen war, hatte sie noch nichts Anständiges zu essen gesehen. Die Blinden steckten ihre Klauen in grüne Kekse, die grauenhaft schmeckten. Ǫni hatte gesagt, dass sie aus Tang gemacht wurden und aus einem Pilz, der in Höhlen gezüchtet wurde. Sie enthielten fast alles, was ein Umpiri brauchte.

Hirka hatte gefragt, ob sie nie auf normale Art aßen. Auf Hirkas Art. Sie taten es an einigen wenigen Feiertagen im Jahr und waren am nächsten Tag sterbenskrank. Es war, als hätten sie früher mal richtig gegessen, aber einfach damit aufgehört. Dafür tranken sie jede Menge seltsames Zeug. Wahrscheinlich, weil es akzeptabel war zu sitzen, wenn man trank.

Aber sie hätte schwören können, dass sie Fisch roch. Fetten, frischen Fisch …

Sie kroch zum Zelteingang, schob das Fell beiseite und spähte hinaus.

Ein Stück entfernt sah sie rote Glut in der Dunkelheit. Die Reste des Lagerfeuers.

Sie zog ihre Stiefel an. Die waren kalt, aber trocken. Dann wickelte sie sich in die Wolldecke und ging nach draußen, von der Wärme und dem Geruch angelockt wie ein Tier. Es war so dunkel, dass sie fast nichts anderes sehen konnte als den Schnee zu ihren Füßen. Die Nächte hier waren pechschwarz, schwärzer als in Ymsland.

Am Feuer saß jemand und stocherte mit einem Stock in den Glutresten. Er war groß und trug ein zottiges Fell um die Schultern.

Kolail.

Hirka zögerte. Ihre Wange brannte immer noch von Skerris Klauen. Aber sie konnte keine Scham darüber empfinden, dass sie jemanden berührt hatte, ganz gleich, was man von ihr erwartete. Sie war nicht länger Fäulnis. Sie konnte berühren, wen sie wollte. Sitzen, bei wem sie wollte. Essen, mit wem sie wollte.

Sie ging näher heran, überzeugt, dass er sie längst gehört hatte. Ihr Magen kribbelte nervös und das lag nicht nur am Hunger. Hirka wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was. Sie waren einander überhaupt nicht vorgestellt worden.

»Kolail?«

Er stieß ein Wiehern aus, eine Art abgehacktes Lachen. »Nicht hier.«

Es dauerte einen Moment, bis ihr aufging, was er meinte. Dass er hier nicht so genannt wurde.

Sie ging zu ihm hin. »Aber das ist dein Name?«

Er nickte. Auf dem Stein neben ihm war Platz.

»Darf ich mich setzen?«, fragte sie.

Er sah aus wie ein Toter, der Stahlmann. Graues Haar, graue Bartstoppeln, die Wangen ein wenig hohl. Und dann die Totgeborenen-Augen, die immer verdreht aussahen …

Sie hatte lange gebraucht, um sich an Naiells Augen zu gewöhnen. Sie waren der lebende Beweis für all die Mythen über die Blinden.

»Ich möchte meinen, du hast die Freiheit, alles zu tun, wonach dir der Sinn steht«, erwiderte er bitter.

Sie lockerte die Decke gerade so viel, dass sie sich setzen konnte. Ein Stock steckte im Schnee, schräg über das Feuer gelehnt. An seinem Ende war eine Forelle aufgespießt, lang wie ein Unterarm. Der Geruch von verbranntem Fett ließ ihren Magen knurren. Hirka lief das Wasser im Mund zusammen.

»Ich wusste nicht, dass ihr Fisch esst«, sagte sie.

»Greif zu.«

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie zog den Stock aus dem Schnee und biss herzhaft in den Fisch. Drei große Bissen schluckte sie hinunter, bis ihr einfiel, ihn zu fragen, ob er auch etwas wollte. Er schüttelte den Kopf.

Hirka konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas so Köstliches gegessen hatte. Sie verputzte alles, was an dem Fisch essbar war. Nur die Mittelgräte und der Kopf hingen noch am Stock. Kolail schlug seine Klauen hinein. In kürzester Zeit schrumpften die Überreste zu etwas zusammen, das an ein Haarknäuel erinnerte.

Wie war es möglich, dass sie diesem Volk angehörte? Floss in ihren Adern wirklich Blut von etwas, das so grundsätzlich anders war als sie selbst? Sie waren so vollkommen und so grausam zugleich. Und so … furchtlos. Sie dagegen hatte ihr Leben lang Angst gehabt.

»Wie alt bist …«

»Sag mal«, fiel er ihr ins Wort, »wen von uns beiden versuchst du zu töten? Mich oder dich?«

»Stirbst du davon, dass du mit Leuten sprichst?«

»Stell dich nicht dumm, das passt nicht zu dir.«

Er hatte recht. Sie wusste genau, was er meinte. Er war ein Gefallener. Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber dass er kein Freund sein sollte, das war deutlich genug geworden. Sie entschied sich für eine ehrlichere und direktere Annäherung.

»Ich hatte gestern Abend die Möglichkeit, dein Leben zu beenden. Das reicht wohl.«

»Wenn du auf ein Dankeschön wartest, kannst du lange hier sitzen.«

»Wenn du glaubst, ich brauche ein Dankeschön, damit ich jemanden am Leben lasse, dann hast du schon viel zu lange hier in der Kälte gesessen.«

Er erwiderte ihren Blick, sagte aber nichts.

Sie rieb sich die Finger mit Schnee ab, um das Fischfett loszuwerden. »Warum hast du nichts gesagt, als sie dich bestrafen wollte?«

Er gab wieder ein Wiehern von sich. Schüttelte den Kopf, als wäre die Frage idiotisch. Es dauerte eine Weile, bis er antwortete.

»Weil ich schon todgeweiht war, als Glimau anfing zu rennen.«

Glimau …

Hirka spürte, wie sich das Essen in ihrem Magen zusammenballte. Der Mann, den er getötet hatte, war nicht länger ein Fremder im Schnee. Er hatte einen Namen. Das Feuer spuckte Glutfunken in den schwarzen Himmel.

»Wieso das?«, fragte sie.

Kolail warf einen Blick zu den Zelten und senkte die Stimme. »Ich hätte es sein lassen können, zu schießen, und wäre dafür gestorben. Ich hätte versuchen können, ihn einzuholen, hätte es nicht geschafft und wäre dafür gestorben. Oder ich hätte schießen können und vielleicht überlebt. Was hättest du getan?«

»Danebengeschossen?«

Er sah sie an. Das Licht des Feuers flackerte gelb in seinen Augen. Sie senkte den Blick. Wusste, dass sie zu leichtfertig geantwortet hatte. Zu selbstsicher. In Wahrheit hatte sie keine Ahnung, was sie getan hätte. Sie verspürte den Drang, den Schaden wiedergutzumachen. Etwas zu sagen, was ihm klarmachte, dass sie verstand. Dass sie nicht dumm war.

»Ich weiß, dass es nicht darum ging, wohin du geschossen hast. Es ging darum, dass die anderen mir den gleichen Respekt entgegenbringen sollten wie ihr. Das war es, was sie wollte.«

Der Gedanke war bestialisch. Hirka biss sich auf die Lippe. Skerri hatte sie aufgefordert, das Todesurteil über einen Mann zu sprechen, um Tatkraft zu beweisen. Um Angst zu verbreiten. Weil Hirka so war, wie sie war.

»Aber das wird nie geschehen«, fuhr sie fort. »Ich sehe nicht aus wie sie. Wie ihr. Ich bin …«

»Klein.« Kolail stützte die Ellbogen auf die Knie und beugte sich vor. Er war allzu groß und allzu nah. Seine Unterarme waren in schäbiges Fell geschnürt. »Du bist klein. Langsam. Schwach. Frierst leicht. Man muss dir den ganzen Tag zu trinken geben. Kein Wunder, dass sie schon Wetten über dich abschließen. Tyla hat zwei Scheiben gewettet, dass du krepierst, bevor wir da sind, und offen gesagt wäre das auch das Beste für dich. Jeder Dummkopf kann sehen, dass du noch einen weiten Weg zurücklegen musst, bevor aus dir eine Dreyri wird. Bevor du annähernd wie jemand bist, der Modrasmes Haus angehört.«

Hirka starrte ihn an. Er lächelte nicht, aber der Zug um seinen Mund verriet, dass er sich amüsierte. Das wärmte sie mehr als das Feuer.

»Findest du nicht, dass du ein bisschen zu ehrlich bist?«, fragte sie. »Wenn man bedenkt, dass ich mir eine passende Strafe für dich überlegen soll, bevor wir angekommen sind?«

Wieder dieses wiehernde Lachen. Der graue Haarschopf zitterte. »Als hättest du jemals in deinem Leben jemanden bestraft.«

Hirka merkte, wie ihr Lächeln verblasste. Die Erinnerung an Micke drängte sich auf. An das Messer, das sie in ihn hineingestoßen hatte, in der Gasse an der Kirche. Warmes Blut auf kalten Händen.

Kolail sah sie an. »Ach, das hast du? Wohl unabsichtlich?«

Sie schüttelte den Kopf. Krallte die Finger in die Wolldecke, die sie vor der Brust zusammenhielt. Sie hatte Leben genommen und es war kein Unfall gewesen. Sie hatte Angst gehabt. Verzweifelte Angst, ja. Aber dennoch … Tief im Innern wusste sie, dass die Klinge ihren Weg zwischen seine Rippen nicht zufällig gefunden hatte.

Kolail zuckte die Schultern. »Na, dann werde ich eben eine weitere Kerbe im Stock sein. Du hast mich bereits zum Tode verurteilt. Wenn du glaubst, sie lässt dich mit etwas anderem davonkommen, bist du dümmer, als du aussiehst.«

»Und das quält dich nicht? Dass sie dich ohne Grund umbringen wird?«

»Früher oder später hätte sie einen Grund gefunden. Egal, Karnickel sterben.«

Hirka drehte sich zu ihm um. Dachte, sie hätte sich verhört. »Karnickel? Was haben Kaninchen damit zu tun?«

»Das ist eine … Wie nennt ihr das? Eine Redensart?«

»Es ist eine Redensart, dass Kaninchen sterben?«

Er nickte. Hirka stand auf. »Das ist die dümmste Redensart, die ich je gehört habe.«

Er zuckte wieder die Schultern.

Hirka zog die Wolldecke höher, um nicht draufzutreten. »Danke für den Fisch«, sagte sie.

»Der war nicht für dich.«

Sie wusste, dass er log. Er hätte den Fisch roh essen können, wenn er gewollt hätte. Mit den Klauen. Es gab keinen Grund, ihn über dem Feuer zu braten. Keinen anderen Grund als sie.

Sie wandte sich zum Gehen.

»Jetzt, da die Welt bald auf den Kopf gestellt wird«, sagte er hinter ihrem Rücken. »Jetzt, da du hier bist, die große Hoffnung, der Weg zur Gabe. Da muss ich einfach fragen … Was ist dein Plan?«

Hirka tat, als hätte sie ihn nicht gehört. Sie zog die Wolldecke fester zusammen und stapfte weiter.

Was ist dein Plan?

Eine so kleine Frage. Und trotzdem, von allem, was sie die letzten Tage gehört hatte, war dies das Erschreckendste.


Risse

Sie hatten einen halben Tag wegen des weggebrochenen Pfads verloren, aber jetzt waren sie laut Skerri nur noch einen Tagesmarsch von Ginnungad entfernt.

Hirka schwankte zwischen Erleichterung und Panik. Erleichterung, weil sie bis ins Mark fror und sich nach einem warmen Bett sehnte. Panik, weil nichts darauf hindeutete, dass sie sich darauf freuen sollte, jemanden in dieser Stadt zu treffen. Nicht einmal ihre eigene Familie.

Das Gespräch mit Kolail hatte ihr das Gefühl gegeben, wie Naiell zu sein. Eine falsche Seherin. Was glaubten diese Leute, welche Hoffnung sie mitbrachte? Welche Hoffnung glaubte sie selbst im Gepäck zu haben?

Sie krümmte den Nacken gegen den Wind. Sah hinunter aufs Eis. Sie waren lange auf einem zugefrorenen Fluss gegangen. Er wand sich wie eine Schlange auf dem Grund einer Klamm. Am Anfang war es unheimlich gewesen, aber inzwischen war sie daran gewöhnt, in die dunkelblaue Tiefe hinunterzublicken. Unter ihr verliefen Risse in alle Richtungen. Gefrorene Blasen erinnerten an Wolken. Einige lagen dicht unter der Oberfläche, andere tief unten im Eis. Es war, als ginge man über den Himmel.

Senkrechte Felswände ragten zu beiden Seiten des Flusses auf. Es gab keine andere Möglichkeit, als vorwärtszugehen. Aber es wirkte sicherer als alles andere, was sie gesehen hatte: undurchdringliche Landschaften. Kalt und wüst. Mittlerweile hatte sie erkannt, warum es sinnvoll war, immer einen Stock dabeizuhaben.

Ǫni ging langsamer, damit Hirka wieder zu ihr aufschließen konnte. Die Gelehrte ließ sie selten lange in Ruhe. Sie wurde mit jedem Tag angespannter. Und fordernder. Drängte Hirka, auswendig zu lernen. Zu wiederholen. Ihre Unruhe war ansteckend. Hirka nahm an, dass sie unter starkem Druck von Skerri stand.

Und von denen, die in Ginnungad warten.

»Du hast den Unterschied verstanden, ja? Bei den Wörtern für ›ich‹? Du sagst ›ozá‹ bei allen, die einen niedrigeren Rang haben. Bei mir zum Beispiel. Aber ›óz‹, wenn du selbst den niedrigsten Rang hast.«

Hirka lachte wiehernd. »Ich denke, dann bleibe ich bei ›óz‹ …«

Ǫni riss die Augen auf. »Nein, nein! Im Gegenteil. Hast du nicht zugehört? Du bist Hirka, Tochter des Graal, Sohn von Raun aus …«

»Modrasmes Haus, ich weiß.«

Die Sprache war komplex, aber sie schlug eine Saite in ihr an. Die Laute kamen ihr ganz natürlich über die Lippen und sie konnte viele Wörter erraten. Es war, als hätten sie seit ihrer Geburt in ihr geschlafen.

Hirka hob den Blick zum Himmel. Er wurde langsam dunkel. Bald würde das Nordlicht kommen, grün geflammt und ungestüm. Ein Stück voraus knackte das Eis dumpf. Keiner der anderen schien darüber beunruhigt zu sein.

»Ǫni, warum haben wir uns nicht mit Seilen aneinandergebunden?«

»Warum sollten wir?«

Hirka stampfte mit dem Fuß aufs Eis, um zu zeigen, was sie meinte. Es kam ihr idiotisch vor, etwas so Einfaches erklären zu müssen. »Für den Fall, dass etwas passiert, verstehst du? Wir sind ja sieben Leute. Wenn du einbrechen würdest, könnten wir anderen dich wieder heraufziehen.«

Die Grübchen erschienen auf Ǫnis Wangen, aber sie lächelte nicht. Hirka hatte bemerkt, dass sie sich auch zeigten, wenn Ǫni ärgerlich war.

»Seile würden Furcht bedeuten, dass etwas passieren könnte. Seile würden bedeuten, dass du nicht glaubst, es allein zu schaffen. Dass du die anderen brauchst.«

Hirka antwortete nicht. Es gab vieles, was die Umpiri nicht brauchten, hatte sie gelernt. Waffen zum Beispiel. Der Einzige, der offen Waffen trug, war Kolail. Sie hatte den Verdacht, dass auch Hungl und Tyla Messer besaßen, aber gesehen hatte sie keine. Auch kein Werkzeug. Würden die Umpiri essen wie andere Leute, hätten sie wohl auch keine Löffel benutzt. Löffel wären ein Zeichen dafür gewesen, dass sie nicht in der Lage waren, eigenhändig zu essen.

»Und was ist hiermit?« Sie hob den Stock an. »Zeigt er nicht, dass ich Angst habe, unter dem Schnee begraben zu werden?«

Ǫni zögerte, aber nur kurz. »Das ist etwas anderes. Er zeigt, dass du weißt, es könnte eine Lawine kommen, doch du gehst trotzdem dort.«

Hirka schüttelte resigniert den Kopf. Ǫni war fast vierhundert Jahre alt. Es war nicht zu fassen. Wurde man so, wenn man eine halbe Ewigkeit lang lebte? Außerstande, etwas zu fürchten? Jemanden zu brauchen?

Ǫni machte eine Handbewegung, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Geste, die in Ymsland ein Knuff in die Seite wäre. »Schau …«

Sie näherten sich einem gefrorenen Wasserfall. Er stürzte eine Felswand hinunter wie eine Lawine aus blauen Kristallen. Skerri und Grid standen dort und wechselten einige Worte. Setzten die Rucksäcke ab. Hier würden sie ihr Nachtlager aufschlagen. Unter sich das Eis und über sich den Wasserfall.

Hirka fluchte innerlich. Sie wünschte, sie hätte nie ein Wort über Lagerplätze gesagt. Sie setzte ihren Beutel ab und löste das zusammengerollte Zelt. Fand eine gerade noch annehmbare Stelle auf der schmalen Schneezunge am Fuß der Felswand und rollte es aus. Das Zelt war ihr einziger Zufluchtsort. Ein Tuch zwischen ihr und den anderen, das war alles. Aber genug, um sie selbst sein zu können. Sich gehen zu lassen, ohne Angst zu haben, ihre Gefühle zu zeigen. Sie konnte es gar nicht schnell genug aufbauen.

Die anderen stellten ihre Zelte dicht neben ihres. Hungl und Kolail hatten Kleinholz dabei, von einem Lawinengebiet weiter oben. Genug, um ein kleines Feuer zu entfachen. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie geglaubt, es sei ihretwegen. Aber wahrscheinlich wollten sie nur etwas Heißes trinken.

Hirka betrachtete ihr Zelt. Am liebsten wäre sie sofort hineingekrochen, aber der Hunger siegte.

Sie zog ihr Messer und ging ein Stück aufs Eis hinaus, kniete sich hin und begann zu hacken. Hungl und Tyla warfen ihr vom Flussufer aus verstohlene Blicke zu. Sie hatten sich am Feuer niedergelassen. Hirka kehrte ihnen den Rücken zu und hackte weiter.

»Was machst du da?«, hörte sie Kolails Stimme hinter sich.

»Ich will fischen«, antwortete sie, ohne sich umzudrehen.

»Dir ist aber schon klar, dass es wieder hell sein wird, bevor du fertig bist?«

Sie schaufelte eine Handvoll zerstoßenes Eis aus der Vertiefung. Hackte weiter. Sie spürte, dass er immer noch dicht hinter ihr stand. Dann kniete er sich hin, zog ein Messer, das wesentlich größer war als ihres, und begann zu hacken. Hirka verbarg ein Lächeln.

Abrupt hielt er in der Bewegung inne. Drehte den Kopf, als ob er lauschte. Dann sprang er auf. Hirka drehte sich um. Sie hatte auch etwas gehört. Ein Rumpeln.

Sie stand auf. Oben an der Felskante, wo der Wasserfall seinen Ursprung hatte, bewegte sich etwas. Tiere? Eine Masse aus Steinen und Eis brach ab. Teilte sich im Fallen in kleinere Stücke. Raste auf die Zelte zu.

Hirka schrie. Spürte, wie ihre Lippe aufplatzte. Sie wollte zu den Zelten rennen, wurde aber zurückgehalten. Kolail zog sie an sich und hielt sie mit eisernem Griff fest. Er brüllte zu den anderen hinüber, dass ihr fast die Ohren abfielen. Worte, die sie nicht verstand.

Sie versuchte, sich loszureißen. »Sie werden sterben! Sie werden sterben!« Hirka hörte Skerri rufen. Das Echo tanzte zwischen den Felswänden.

Die anderen kamen auf sie zugelaufen. Die enorme Masse donnerte zu Boden. Explodierte in einer Fontäne aus Schnee und Eis. Eine unfassbare Kraft. Hirka stand wie gelähmt da und sah zwei der Zelte verschwinden. Das Feuer wurde in alle Richtungen geschleudert.

Dann brach das Eis. Ein unheimliches Krachen, das sich den Fluss entlang fortpflanzte. Hirkas Knie drohten zu versagen.

»Lauf!« Kolail stieß sie vorwärts. Sie lief auf das Flussufer zu. Auf ein Zelt zu, das lichterloh brannte. Auf Hungl und Tyla zu.

Skerri rannte ihr entgegen. Ihre schwarzen Zöpfe wehten. Sie streckte sich nach Hirka aus und packte sie. Ihre Klauen bohrten sich in den Unterarm. Hirka wurde gezogen. Stolperte vorwärts. Hörte das Knacken unter ihren Füßen. Der Untergrund gab nach, die Welt geriet ins Wanken. Das Eis trug nicht mehr.

Kolail!

Sie drehte sich um. Er folgte ihr, aber ein Spalt öffnete sich im Eis zwischen ihnen. Um sie herum. Die Eisscholle, auf der er stand, begann sich zu bewegen. Drohte zu kippen. Er war zu schwer!

»Kolail!« Hirka riss sich los. Verlor das Messer. Stürzte vornüber aufs Eis. Es schaukelte unter ihr. Skerri schrie hinter ihr, packte sie am Fuß. »Er ist ein Gefallener!«

Hirka streifte den Stiefel ab. Zog sich weiter. Ein Gefallener … Hohle Worte. Sie tastete nach dem Messer, bekam es zu fassen. Rammte es ins Eis und klammerte sich daran.

Wo war Kolail? Alles, was sie sah, waren schaukelnde Eisschollen. Einige stießen zusammen und türmten sich wie Berge auf. Das Wasser um sie herum war schwarz und schnell.

Ein Stock ragte aus der Flut auf. Kolail! Er ertrank!

Hirka hielt sich mit einer Hand am Messer fest und griff mit der anderen nach dem Stock. Kolails Hand ragte aus dem Wasser. Sie packte sie. Sein Gewicht drohte sie in die Tiefe zu ziehen. Das Eisstück, auf dem sie lag, begann zu sinken. Eiskaltes Wasser umschloss ihren Körper.

Sie schrie. Spürte einen erneuten Griff um ihren Fuß. Sie wurde zurückgezogen. Ihr Unterkiefer schrammte übers Eis. Kolail hing an ihr fest. War sie es, die ihn hielt? Sie wusste es nicht. Ihre Hand war an seiner festgefroren. Sie spürte nichts mehr, nur dass jemand sie an den Füßen hinter sich herzog. Zwischen Feuer und Eis. Das brennende Zelt flatterte im Wind.

Kolail riss sich los. Kroch auf allen vieren weiter, wie ein halb ertrunkener Eisbär.

Hirka wurde auf die Füße gestellt. Sie starrte hinauf in Skerris Gesicht. Hinauf in rasende Wut. Die Augen waren jetzt ebenso schwarz wie die Lippen. Skerri schüttelte sie. Hirka fühlte nur die Bewegung. Es tat nicht weh. Alles war taub.

»Er ist ein Gefallener! Ein Mörder! Du bist eine Dreyri! Die Jüngste in Modrasmes Haus! Du bist von Graals Blut und du riskierst dein Leben für ihn?! Weißt du nicht, wie viel mehr du wert bist als ein Gefallener? Antworte mir! Verstehst du, wer du bist?«

Sie zeigte auf den Köcher, der ihr nach vorn auf die Brust gerutscht war. »Ich hätte das verlieren können! Geht das in deinen Kopf?!«

Hirka starrte auf den schäbigen Lederbehälter. In dem Moment begriff sie, was es war. Ein Rabenskelett. Natürlich. Genau so eins, wie Graal es hatte, und die einzige Möglichkeit, ihn zu erreichen.

Die Kälte war nicht mehr so schlimm. Es war beinahe mild. Aber Hirka wusste, was das bedeutete. Es war kein gutes Zeichen.

Sie blickte sich um. Ein Chaos aus zerbrochenem Eis. Sie war ein Insekt, verloren in einer Salzschüssel. Hungl, Tyla, Grid … alle waren am Leben. Alle.

Kolail erhob sich schwankend. Er hatte sich die Arme um den Körper geschlungen wie einen Knoten. Er fiel wieder vornüber auf die Knie.

Hirka taumelte auf das brennende Zelt zu. Wärme …

Vor den Flammen sank sie zu Boden. Wenn sie gekonnt hätte, wäre sie ins Feuer hineingegangen. Hätte sich verbrennen lassen. Ǫni begann, sie auszuziehen. Hirka hätte sich am liebsten dagegen gewehrt, aber sie wusste, dass es notwendig war. In nasser Kleidung würde sie sterben, schneller, als sie einmal blinzeln konnte. Sie hörte, wie ihre Zähne aufeinanderschlugen. Ǫni zog ihr trockene Kleidung über, ohne dass Hirka ihre Arme spürte. Dann wurde sie in eine Decke gehüllt. Sie lag mit dem Rücken zum Feuer. Vor ihr stand Skerri und schrie Kolail an. Ihre schwarzen Lippen öffneten und schlossen sich, so langsam wie in einem Traum.

»Iss ghené woykhail!«

Die Zöpfe fegten über ihren Rücken, während sie ihre Fäuste schüttelte. Blieb die Zeit stehen, wenn man dabei war, zu erfrieren? Hirkas Blick fiel auf den Holzstock. Sie hatten recht gehabt. Er half, dass man gefunden wurde. Nicht nur unter einer Schneelawine. Sie zog ihn zu sich heran, klemmte ihn sich in die Achselhöhle. Falls sie überlebte, würde sie ihn nie wieder loslassen.

Kolail sah nicht so aus, als beachtete er Skerris Wutanfall. Er starrte Hirka an. Das graue Haar war zu Eis gefroren. Seine Haut war blau. Er verzog die Lippen zu einem hilflosen Grinsen. Eine Art Lächeln, begriff sie.

»Was habe ich gesagt?«, stieß er heiser aus. »Karnickel sterben.«


Balanceakt

Garm Darkdaggar blickte auf den Weg hinunter, der zum Haus führte. Er schlängelte sich im Licht von fast hundert Fackeln, die gegen den Wind kämpften. Die Wagen näherten sich in stabilem Rhythmus. Hufeisen klapperten auf Steinplatten. Türen wurden geöffnet und Gäste stiegen aus. Ratsleute. Adelige, Kaufleute, Bürokraten. Freunde. Und der eine oder andere Feind, wenn man realistisch sein wollte, und das war er in höchstem Maße.

Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wen er kommen sah. Mochte es laufen, wie es wollte. Am wichtigsten war, wer nicht kam.

Im Stockwerk unter ihm nahmen Gelächter und Stimmengewirr zu. Er leerte das Weinglas und stellte es auf dem Schreibtisch ab. Strich mit den Händen über das glänzende Holz. Der Tisch hatte an dem Tag, als Rime in den Raum gestürzt kam, seinen Charakter geändert. Er war immer so etwas wie ein Anker gewesen, eine Sicherheit. Jetzt war er nur noch ein Hohn. Ein Möbelstück, an das er sich geklammert hatte. Entsetzt wie ein Schwein, das geschlachtet werden sollte.

Er hatte geglaubt, er sei zu alt für so etwas. Zu … praktisch veranlagt. Er war ein Mann der Lösungen. Nicht der geballten Fäuste. Nicht der Furcht. Das hatte er hinter sich gelassen. Aber es war etwas ganz Eigenes, vor einem Schwarzrock zu stehen. Einem jungen, wutentbrannten Mann. Stahl auf der Haut zu spüren.

Das war so weit weg von allem anderen, was er erlebt hatte. So ungehemmt. Wildheit und Wahnsinn. Und die ganze Zeit kam dieser Gedanke hoch, dass man sich so doch nun wirklich nicht benehmen konnte.

Aber das hatte er getan, Rime An-Elderin.

Darkdaggar hob den Blick. Das Licht der Fackeln schimmerte auf den Rahmen an der Wand. Die Karten. Länder, Städte und Gebiete. Von Ländereien verstand er etwas. Es gab nichts Schöneres als Landkarten. Sie zeigten die Welt genau so, wie sie war. Wie sie immer gewesen war. Alles an seinem Platz. Länder, geschaffen von Gesetzen. Wenn es etwas gab, worin er sich auskannte, dann waren es Gesetze. Was also sollte man machen, wenn junge Männer so taten, als gäbe es sie nicht? Wenn sie sich in jugendlichem Übermut selbst Recht verschafften? Was sollte man tun, wenn sie kamen? Wenn das, was es schon immer gegeben hatte, nicht gut genug für sie war?

Darkdaggar hatte getan, was er musste. Er hatte das Duell akzeptiert. Und er hatte es in der Gewissheit getan, dass er sterben würde. Rime An-Elderin hatte viele Fehler, aber kämpfen konnte er. Dass Schwarzfeuer sich entschieden hatte, an seiner Stelle zu kämpfen, bedeutete nichts weniger, als ihm das Leben zu schenken. Eine Rettungsleine. Aber nicht einmal Schwarzfeuer hatte es geschafft, den Jungen zu besiegen, den er selbst ausgebildet hatte. Wäre Rime danach nicht spurlos verschwunden, würde er heute nicht hier stehen.

Er war so kurz davor gewesen, alles zu verlieren. Den Sitz im Rat. Das Zuhause. Die Familie. Die Freiheit. So zerbrechlich war die Wirklichkeit, dass ein Atemzug genügte, um sie einstürzen zu lassen. Wer hätte das gedacht …?

Er ging zu einer der Karten von Mannfalla und versuchte, sie gerade zu rücken. Es nützte nichts. Der Rahmen war das Problem, er war ein wenig schief. Er musste einen neuen anfertigen lassen. Besser, er brachte in Ordnung, was er in Ordnung bringen konnte. Weiß der Seher, es gab genug Dinge, die nicht in seiner Macht standen.

Er hatte es geschafft, den Stuhl im Rat zu behalten, aber es waren äußerst unruhige Zeiten. Nichts war sicher. Nichts hatte seinen Platz gefunden. Gab es etwas Schlimmeres?

Er brauchte diesen Abend. Er hatte Freunde zu gewinnen. Musste seine eigene Position festigen und die Vorstellung von Rimes Wahnsinn. Ob ihm das gelingen würde oder nicht, blieb abzuwarten.

Die Tür wurde einen Spalt geöffnet.

»Garm?« Elisa steckte den Kopf herein. Sie kam auf ihn zu, wohl wissend, wie gut sie aussah. Ihr Kleid schimmerte blau, betonte das Blau ihrer Augen. Was täte er nur ohne sie? Ein Fels von einer Frau. Er hatte eine gute Wahl getroffen.

Sie strich ihm mit der Hand über das schüttere Haar. »Tyrme und Freid sind gekommen.«

Er legte den Arm um ihre Taille und ging mit ihr hinunter zu den Gästen. Sobald sie die Treppe hinabschritten, richteten sich alle Blicke auf ihn. Erhobene Gläser klirrten und Seide raschelte. Er hatte Freunde. Er hatte Elisa. Er hatte Töchter. Ergebene Diener. Spielte er seine Karten richtig aus, würde er alles noch haben, wenn der Abend vorbei war.

Darkdaggar ging zum Ende des Raums und betrat eine Bühne, auf der später die Tänzer auftreten würden. Der wichtigste Augenblick seines Lebens war gekommen. Er war hier. Jetzt.

»Freunde!« Die Kraft in seiner Stimme erfüllte ihn mit Freude. Das Stimmengewirr erstarb.

»Freunde, ich muss ein paar Worte sagen, auch wenn ich heute Abend eigentlich gar keine habe. Ich bin sprachlos. Ich bin tief, ja zutiefst dankbar für die Unterstützung, die ihr mir in dieser schwierigen Zeit habt zuteilwerden lassen.«

Jäh aufbrandender Applaus unterbrach ihn. Er ließ ihn ausklingen, bevor er fortfuhr. »Ich will ehrlich sein, ich war nahe daran, alles zu verlieren. An ungezügelten Jugendzorn. An Irrsinn. An Rime An-Elderin. Dass ich in Lebensgefahr schwebte durch einen Freund der Familie … Ilumes Enkelsohn …«

Beipflichtendes Gemurmel aus mehreren Richtungen. Er setzte eine kummervolle Miene auf. »Dass Ravnhov versucht hat, ihn zu töten, überrascht mich nicht. Dass sie es jetzt vielleicht geschafft haben, ist auch keine Überraschung, wie sehr es uns auch schmerzt. Ich werde vermutlich nie erfahren, warum er sich entschied zu glauben, ich sei daran beteiligt. Ja, ich hatte ihn in den Ratssitzungen herausgefordert, so wie es ja von uns erwartet wird. Dass wir einander herausfordern. Aber ich habe nie versucht, ihm das Leben zu nehmen.«

Er legte eine Pause ein. Ließ die Worte einwirken. »Ich habe niemals versucht, Rime An-Elderin zu töten. Das habe ich zu meiner lieben Elisa gesagt. Wisst ihr, was sie darauf erwiderte? Sie sagte ›Das weiß ich‹. Ich fragte, woher sie diese Zuversicht nehme. Woher sie das wisse.« Er sah Elisa an. »Was hast du darauf geantwortet, Liebste?«

Elisa schüttelte verlegen den Kopf, so wie sie es vorher besprochen hatten. Sie erhielt ermunternde Zurufe und gab nach. Antwortete leise aus der ersten Reihe: »Ich habe gesagt: Weil es dir gelungen wäre.«

Darkdaggar wiederholte ihre Antwort mit lauter Stimme. »Weil es dir gelungen wäre!«

Gelächter explodierte im Raum. Applaus brandete auf. Das Geräusch von Vertrauen. Das Geräusch von Erfolg.

Er lächelte. »Sie kennt mich gut. Ja, es wäre mir gelungen, wenn ich versucht hätte, ihn zu töten.«

Er wählte einen ernsteren Gesichtsausdruck. Ließ das Gelächter verebben. »Freunde, wir können nicht anders, als darüber zu lachen. Aber wir wissen alle, dass wir uns mitten in einer Tragödie befinden. Rime An-Elderin ist verschwunden. Viel Einsatz wurde geleistet, um ihn zu finden. Um die Antworten zu finden. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass er nicht mehr lebt. Der Bruder seines Vaters ist mit seiner Familie ausgezogen. Ilumes Haus steht leer. ›Der schlafende Drache‹ ist tot. Und das ist besonders tragisch für uns, die wir mit Rime zusammen im Rat gedient haben und ihn am Ende sahen. Die sahen, wie er tiefer und tiefer im Wahnsinn versank. Ein Verfolgungswahn. Blinde. Totgeborene. Andere Welten …«

Darkdaggar legte die Finger auf das Ratsmal an seiner Stirn. Schloss die Augen für einen Moment, als quälte ihn das alles. Das war nicht schwer. Die Tragödie war keine Lüge.

Er richtete sich wieder auf. »Aber wir können unsere Bitterkeit nicht auf einen Verrückten richten. Einen Toten. Wir können nur unser Äußerstes tun, um die Fehler wiedergutzumachen. Und heute habe ich einen Jahresunterhalt an Mannfallas bestes Pflegeheim zum Wohle der Geisteskranken gespendet.«

Ein anerkennendes Seufzen lief durch die Reihen der Gäste.

Ein schlaksiger Mann reckte den Hals drüben an der Tür. Es war Kunte. Er bewegte sich unruhig. Was auch immer er zu sagen hatte, es war offenbar eilig.

Darkdaggar nahm ein Glas von Elisa entgegen und hob es hoch.

»Auf Familie und Freunde!«

»Familie und Freunde!«, wiederholten sie alle und klatschten Beifall, während er von der Bühne stieg. Eine Harfe begann im Nebenraum zu spielen. Die Leute bewegten sich dorthin. Darkdaggar entschuldigte sich und ging zu Kunte.

»Hat das nicht Zeit?«

Kunte schüttelte den Kopf. Darkdaggar führte ihn die Treppe hinauf ins Arbeitszimmer. Er hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als Kunte losplatzte. »Er lebt! Ich habe ihn gesehen!«

Er brauchte den Namen nicht zu sagen.

Darkdaggar starrte auf den Schreibtisch. Die Ecke eines Blattes zuoberst auf dem Stapel hatte sich aufgerollt. Er strich das Papier mit dem Daumen glatt, aber es rollte sich wieder zusammen. Er seufzte. Kunte konnte sich getäuscht haben.

»Wo?«

»Beim Teehändler in der Daukattgata. In der Gasse am Fluss.«

»Bist du dir sicher?«

Kunte antwortete nicht. Darkdaggar wischte seine eigene Frage mit der Hand weg. »Natürlich bist du dir sicher. Was wissen wir sonst noch?«

»Er war vermutlich auch bei Jarladin, aber da können wir nicht sicher sein. Eine Bewegung auf einem Dach. Das Licht könnte uns einen Streich gespielt haben.«

Darkdaggar strich die Ecke des Papiers noch einmal glatt. Und wieder rollte es zurück.

»So … Er ist zurück, gibt sich aber nicht zu erkennen. Wir müssen annehmen, dass er es auch nicht tun wird. Nicht, ohne dass es … dramatisch wird. Aber das ist ein Problem. Ein echtes Problem.«

»Willst du, dass ich … etwas unternehme?«

Darkdaggar sah ihn an. »Was meinst du?«

Kunte fuhr sich mit der Hand durch das lange und etwas zu fettige Haar.

»Willst du, dass ich mich darum kümmere? Um das Problem.«

Darkdaggar machte ein Gesicht, als wäre er schockiert. »Nein, um des Sehers willen, Kunte! Wir sind doch keine Wilden. Wäre ich ein Mörder, wäre ich längst nach Ravnhov gezogen.«

Kuntes Schultern sanken ein ganzes Stück herab und er lächelte dümmlich. Darkdaggar verbiss sich ein Lachen. Kunte gegen einen Schwarzrock? Ein solcher Kampf wäre schnell vorbei. Das war einer der Gründe, warum er Kunte in Ravnhov nicht eingesetzt hatte. Vielleicht hätte er das tun sollen? Stattdessen hatte er einen Taugenichts von Mittelsmann benutzt, der auch noch ausgeplaudert hatte, wer dahintersteckte. Gegenüber dem Mann, der den Mord ausführen sollte! Gab es eigentlich keine Grenzen für Unfähigkeit mehr?

Darkdaggar legte den Arm um Kuntes Schulter. Vermied es, sein Haar zu berühren.

»Jedenfalls vielen Dank, Kunte. Du bist ein guter Freund. Ein loyaler Freund. Das weiß ich sehr zu schätzen. Ich möchte dich nur darum bitten, dass die Sache unter uns bleibt.«

»Selbstverständlich. Wir werden die Augen offen halten. Herausfinden, wo er hinwill.«

»Oh, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiß, wohin er will.«

Darkdaggar öffnete die Tür.

»Eine Sache noch, Garm-Fadri … Ich glaube, etwas stimmt nicht mit ihm.«

»Das hätte ich dir schon vor langer Zeit sagen können, aber woran denkst du genau?«

Kunte zögerte. »Er hat keinen … ja, keinen Schwanz. Nicht mehr.«

Darkdaggar runzelte die Stirn. »Keinen Schwanz?«

»Keinen! Es muss etwas vorgefallen sein. Vielleicht hat er ihn im Kampf verloren?«

Die Erkenntnis kam, schön wie ein Punkt auf einer Karte. Darkdaggar lächelte.

Er hat ihn abgeschlagen. Er ist ihr gefolgt.

»Das werden wir wohl nie erfahren«, sagte er und schob Kunte aus dem Zimmer, damit er in Ruhe nachdenken konnte. Rime An-Elderin.

Wo bist du gewesen, Rime?

Und Jarladin … Er wusste also, dass Rime zurück war. Und er hielt es vor dem Rat geheim. Was bedeutete, dass er keinem von ihnen vertraute. Oder hatte er sich mit einigen der anderen verbündet? Eir?

Darkdaggar fuhr sich mit der Hand über die Lippe. Er hasste es, zur Tat gedrängt zu werden. Er war ein besonnener Mann. Geduldig. Ordentlich. Fehler wurden begangen, wenn man es eilig hatte. Aber jetzt musste er handeln. Schneller, als ihm lieb war.

Er nahm das widerspenstige Blatt vom Stapel und knüllte es zu einer Kugel zusammen. Er durfte sich das nicht zu Herzen nehmen. Das waren gute Nachrichten. Jetzt wusste er wenigstens, woran er war, und konnte entsprechend planen. Rime An-Elderin stand der Tod gut zu Gesicht. Ein entehrter Ratssohn. Dabei musste es bleiben.

Darkdaggar steckte die Papierkugel in die Tasche und ging wieder hinunter zu seinen Gästen. Die waren inzwischen auf andere Gedanken gekommen. Die Unterhaltung des Abends war die beste, die man für Geld kaufen konnte. Eine Tänzerin. Darkdaggar hatte um etwas Geschmackvolles gebeten, aber das hier war alles andere als das. Sie war leicht bekleidet. Der Tanz vulgär. Er balancierte auf schmalem Grat zwischen kunstvoll und unanständig. Zwischen etwas, das Respekt verdiente, und etwas, das niemand vor einem Publikum sollte tun müssen.

Sie hatte zwei andere Tänzer dabei. Ein Mädchen und einen Jungen, beide noch nicht alt genug für das Ritual, aber sie schienen in ihrem jungen Leben noch nie etwas anderes getan zu haben als zu tanzen.

Applaus erfüllte den Raum, als sie ihre Darbietung beendeten, und hielt an, bis die Tänzer das Haus verlassen hatten.

Als der Abend vorbei war und auch die Gäste gegangen waren, fand Darkdaggar einen orangefarbenen Schal auf einem Hocker unter der Treppe. Er war aus schimmerndem, durchsichtigem Stoff. Und dazu eine kleine Karte mit nur einem Wort:

Damayanti.


Ein neuer Mester

Der Mond hing tief zwischen den Bergen. Halbvoll und rot.

Rime nahm den üblichen Weg nach Blindból hinein. Er hatte überlegt, einen anderen Weg zu gehen, aber wozu sollte das gut sein? Er würde ohnehin nicht ungesehen ins Lager kommen. Und auch wenn sein Körper ihm etwas anderes sagte, sollte er eigentlich nichts zu befürchten haben. Er war kein Gesetzloser. War nicht für tot erklärt worden. Man hatte ihn nicht einmal offiziell als Rabenträger abgesetzt. Er war einfach nur weg gewesen.

Fragte sich nur, ob die Schwarzröcke das auch so sahen. Nach Schwarzfeuers Tod war er nicht mehr in Blindból gewesen. Würden sie ihn als Mörder betrachten? Als Verräter? Hatte Darkdaggar sie vielleicht schon für sich gewonnen?

Die Bäume standen frostweiß in der Dunkelheit. Bäume, an denen er schon unzählige Male vorbeigegangen war. Blindból war der einzige Ort, an dem er sich zu Hause fühlte. Hatte er hier immer noch ein Zuhause?

Seine Gedanken kreisten um das, was er sagen wollte, aber das war eine sinnlose Übung. Alles stand und fiel mit den Schwarzröcken. Wie viele von ihnen glaubten Darkdaggars Lügen? Wie viele nahmen an, dass er tot war? Oder wahnsinnig?

Vielleicht war er ein Wahnsinniger. Er war in einer anderen Welt gewesen. Einer Welt, die über seinen Verstand ging. Er hatte sich den eigenen Schwanz abgeschlagen. Seinen eigenen Mester getötet. Hatte sich dem Blindwerk hingegeben. Verbarg einen Schnabel im Hals, der ihn zum Sklaven eines Totgeborenen machte. Und er war der Einzige, der den Krieg zwischen den Völkern kommen sah.

Die Summe all dessen war zweifellos beunruhigend.

Ein Wahnsinniger.

Dass er an Macht eingebüßt hatte, war seine geringste Sorge. Er hatte sowieso nie im Rat sitzen wollen. Er hatte nur Veränderung gewollt. Aber wozu?

Er kam an die Hängebrücke und blieb stehen. Die Schneedecke fing das Mondlicht ein und machte die Brücke in der Dunkelheit sichtbarer als sonst. Ein glitzernder Pfad in der Nacht. Er dachte an Launhugs Gestalt, zusammengekrümmt auf der Brücke. Halb tot vor Verletzungen und Selbstverachtung, nachdem er in Ravnhov versagt hatte. Wie hätte die Welt ausgesehen, wenn Launhug es geschafft hätte? Wenn Hirka nicht auf dem Dach gewesen wäre und Eirik das Messer in den Rücken bekommen hätte? Wie hätte die Welt ausgesehen, wenn Ravnhov keine Gefahr mehr wäre?

Ein Blutbad …

Ravnhov war der einzige Ort, der die Kraft hatte, Mannfalla die Stirn zu bieten. Ohne Ravnhov hätten die Reiche neue Allianzen geschmiedet. Wären in den Kampf gezogen, jeder gegen jeden. Letztlich war es besser, zwei starke Männer zu haben als eine Bierstube voller Leute, die glaubten, sie könnten gewinnen.

Rime betrat die Brücke. Sie dröhnte unter seinen Schritten. Er nahm eine Bewegung im Dunkel auf der anderen Seite wahr und wusste, dass man ihn entdeckt hatte. Es gab keinen Weg zurück. Er setzte die Kapuze ab. Wollte erkannt werden. Er hatte nicht vor, sich zu verbergen.

Er erreichte die andere Seite und ging zwischen den Bäumen weiter. Sie bildeten ein schützendes Dach über dem Weg, bis hin zum Lager. Die Sehnsucht schnürte ihm die Brust ein, als er die Lichter sah. Warme, flackernde Lichter. Eins vor jeder Hütte.

Zu Hause.

Und sie hatten ihn kommen lassen. Das war ja schon mal was. Doch es fing jetzt erst an. Jetzt, da die Last all dessen, was geschehen war und was noch kommen würde, ihn zu ersticken drohte. Jetzt würde er vor seinen Leuten stehen und ihnen beweisen müssen, dass er noch bei Verstand war.

Es war spät. Teezeit. So wie jeden Abend. Rauch stieg von den Dächern auf, die verstreut zwischen den Bäumen lagen. Drei Feuer brannten auf dem Hof. Schwarzröcke saßen auf langen Bänken und nie hatten sie ihren Namen mehr verdient: schwarze Schatten.

Die lebhaften Gespräche waren verstummt. Vergessen war der Tee, war das Abendessen. Einige saßen mit dem Suppenteller auf dem Schoß da. Andere hatten sich erhoben. Schweigend und abwartend folgten sie ihm mit dem Blick.

Er ging auf das nächstliegende Feuer zu. Auf die Gesichter, die er am besten kannte. Männer, die ihm früher gefolgt waren. Er hörte, wie einige seinen Namen flüsterten. Ein Geräusch, das wie Wind in den Blättern durchs Lager wehte. Einer von ihnen stand auf und ging ihm entgegen. Mandelförmige Augen in einem breiten Gesicht.

Jeme.

Jeme war mit ihm auf dem Bromfjell gewesen. Jeme wusste Bescheid. Er war ein Freund. Musste es sein.

Er blieb vor ihm stehen. Sein Blick wanderte über Rimes Körper, als sähe er ein Gespenst.

»Sie sagten, du seist …« Der Mann konnte den Satz nicht beenden.

Rime nickte. Es brauchte nicht mehr Worte.

Jemes Hand legte sich um seinen Nacken. Dann zog er Rime an sich, bis sie Wange an Wange standen. Jemes Wärme auf Rimes unterkühlter Haut.

»Rime … Immer kommst du zu spät zum Abendessen. Immer.« Er gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Rimes Hals wurde rau. Daheim. Er hatte immer noch ein Zuhause.

Jeme ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. Seine Augen waren blank und auch Rime kämpfte gegen das Brennen unter seinen Lidern.

Eine Gestalt war neben Jeme aufgetaucht. Eine Frau.

»Rime An-Elderin …«, sagte sie mit schiefem Lächeln. Er streckte die Hand aus. Sie ergriff sie mit festem Händedruck.

»Ich bin Orja. Mesterin Orja für dich.«

Rime glaubte, seine Überraschung gut zu überspielen. Es gab nur wenige weibliche Schwarzröcke und noch weniger Mesterinnen.

»Ich habe Schwarzfeuers Platz übernommen, aber keine Sorge. Ich werde nicht zulassen, dass du es dir zur Gewohnheit machst, deine Vorgesetzten zu töten.« Sie ging zurück zum Feuer. Dort wimmelte es inzwischen von Leuten, das ganze Lager hatte sich versammelt. Sie blickte Rime wieder an.

»Du lebst. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass es bedeutet, ein Sturm kommt auf uns zu, nicht wahr?«

Er nickte. »Der schlimmste, den je einer von uns gesehen hat«, erwiderte er.


Schwarz gekleidete Krieger saßen um das Feuer. Einige hatten sich hingelegt, wohl wissend, dass ein neuer Tag bevorstand und sie nicht länger würden schlafen dürfen, nur weil Rime von den Toten zurückgekehrt war. Aber die meisten blieben sitzen. Sie wollten nicht so tun, als wäre dies ein Abend wie jeder andere.

Anfangs war das Gelächter noch nervös, während sie wild fabulierten, wie sie diese Tore nutzen würden. Diese Rabenringe.

Einige behaupteten, sie würden alles aufgeben, was sie besaßen, in der Hoffnung, an einen besseren Ort als diesen zu kommen. Andere wollten sie als Fluchtwege in einem raffinierten Räuberleben nutzen, in dem sie Reichtümer aus allen erdenklichen Welten zusammenplünderten. Torgar erntete Lob für seine Idee, in jeder Welt eine Frau zu haben, bis jemand darauf hinwies, dass es in keiner Welt eine Frau gab, die Ja zu Torgar gesagt hätte.

Das führte zu vorhersehbaren Spekulationen darüber, wie viel Mann ein Ymling war, verglichen mit Männern in anderen Welten.

Das Gelächter schallte über den Platz, während Teekannen die Runde machten.

Rime war froh, dass keiner von ihnen ahnte, was es erforderte, zu reisen. Sie fragten natürlich, aber er sagte, er wisse es nicht. Es gab allzu vieles, was er nicht sagen konnte. Deshalb klafften große Löcher in seinen Erklärungen und Orjas lange Blicke sagten ihm, dass sie es merkte.

Er konnte von Graal erzählen, dem Totgeborenen, der nicht eher ruhen würde, bis Ymsland den Nábyrn gehörte. Und er konnte von Hirka erzählen, die jetzt bei ihnen war, in dem vergeblichen Versuch, sie aufzuhalten. Von dem Schnabel konnte er niemals jemandem erzählen.

Aber dass er sich den Schwanz abgeschlagen hatte, um in der Welt der Menschen zu überleben, das konnte er nicht verheimlichen. Das müsste sich doch auf das Gleichgewicht auswirken, meinten sie. Sveinn, der sein Licht immer unter den Scheffel stellte, sagte, selbst er könnte Rime jetzt besiegen. Die anderen lachten. Irgendwer sagte, jetzt könnte jeder Rime besiegen. Da lachten sie noch lauter.

Aber dann fiel ihnen wieder ein, wen Rime zuletzt besiegt hatte. Sie dachten daran, dass der unbesiegbare Schwarzfeuer nicht in ihrer Mitte saß und es auch nie mehr tun würde. Ihre Blicke wurden unruhig und sie suchten sich ein anderes Gesprächsthema.

Als sich die Gelegenheit ergab, zog Rime sich still zurück. Er hatte kaum ein paar Worte mit Orja gewechselt, aber gehört hatte er mehr als genug. Sie würde ihn nicht unterstützen.

Er folgte einem schmalen Pfad zu einer der Übungshallen. Sie lag ganz oben auf dem bewaldeten Berggipfel. Das Dach war weiß von Schnee. Es war so gebaut, dass es ein Stück über die Wände hinausragte und eine schmale Veranda schützte, die sich rund ums Haus zog. Wie oft war er auf Händen diesen ganzen Weg gelaufen? Wie oft hatte er von vorn anfangen müssen, weil er umgefallen war?

Rime betrat die Veranda und öffnete die Falttür. Der Wind fuhr hinein, als wäre in dem leeren Raum ein Sog. Er riss eine Wolke aus Puderschnee mit sich, der sich in die Kerben des Fußbodens legte. Einige davon waren jahrhundertealt. Andere so neu, dass sie von ihm stammten. Kerben von seinem Schwert. Von seinem und Schwarzfeuers.

Rime schloss die Augen. Er konnte beinahe hören, wie Stahl auf Stahl traf. Holzstock auf Holzstock. Glaubte den Geruch von Schweiß wahrzunehmen. Schwarzfeuers Stimme, wie ein Echo aus Draumheim.

An dem Tag, an dem ich gegen dich verliere, wird es aus Liebe geschehen.

Rime spürte, wie sich seine Lippen verzogen. Er musste gegen das aufsteigende Weinen ankämpfen. Gegen die Trauer, die er nicht zulassen wollte.

Was hätte er denn tun sollen? Welche Wahl hatte er denn gehabt? Darkdaggar davonkommen lassen? Ihn nicht herausfordern? Und als er sah, dass sein Gegner Schwarzfeuer war, hätte er da sein Schwert wegwerfen sollen? Sich töten lassen?

Das Geräusch von Schritten auf dem Pfad. Da kam jemand.

Orja.

Sie blieb in der Tür stehen, die Hände in die Seiten gestemmt.

»Du bist nicht einverstanden«, sagte sie.

Das war nicht das, woran Rime gedacht hatte, aber er berichtigte sie nicht. Sie kam einen Schritt näher. »Wir sind Schwarzröcke, Rime. Wir können uns nicht aussuchen, auf wen wir hören oder von wem unsere Befehle kommen sollen. Ob wir einverstanden sind oder nicht, wir sind das Werkzeug des Rates. Ganz gleich, aus wem der Rat besteht.«

Rime drehte sich zu ihr um. Sie war zwischen dreißig und vierzig Winter alt. Ihr dunkles Haar war im Nacken geschnürt.

»Ich bin in Eisvaldr aufgewachsen«, erwiderte er. »Ich weiß, wie das läuft.«

»Und warum versuchst du dann, etwas anderes zu tun?« Sie hatte die Stimme erhoben. »Was dachtest du, was wir sagen würden?«

»Du hast deine Wahl getroffen«, antwortete Rime.

Sie kam mit raschen Schritten auf ihn zu. Zeigte auf ihn, als hätte er protestiert. »Rime An-Elderin, du hast mehr bekommen, als du dir hättest erträumen können. Du wirst gesucht, aber du bist kein Gesetzloser. Sie suchen dich immer noch als einen Vermissten. Deshalb steht es dir frei, hierzubleiben. Niemand wird dich verraten. Hundert Männer dort draußen würden ihren Arm für dich opfern. Manche sogar ihr Leben.«

»Das beruht auf Gegenseitigkeit.« Er wandte ihr wieder den Rücken zu.

Sie seufzte. »Glaubst du, ich würde dir nicht helfen, wenn ich könnte? Ich kann mir vorstellen, dass du recht hast, Rime, durchaus. Nach allem, was ich gehört habe, ist es mehr als wahrscheinlich, dass Darkdaggar dich umbringen wollte. Nicht nur er, sondern auch die anderen. Aber wir können nicht danach handeln, was wir glauben. Und wenn es so kommt, wie du sagst, dass die Reiche aufeinander losgehen, dass Totgeborene in Ymsland einfallen … ja, dann folgen wir den Befehlen des Rates, auch dann.«

Rime sah sie an. Er wusste nicht, mit wem sie diskutierte, aber er war es nicht. Sie lehnte sich gegen die Wand. Verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe viel über dich gehört, Rime. Du hättest die meisten der Männer da draußen dazu bringen können, ihre Befehlshaber zu verraten. Garm Darkdaggar im Schlaf abzuschlachten. Du hast gehört, was sie gesagt haben, sie wären dir durch Tore in unbekannte Welten gefolgt, wenn nötig.«

»Aber du nicht?«

Sie seufzte wieder. »Weißt du, warum sie mich nach Schwarzfeuers Tod zur Mesterin befördert haben? Hier in Blindból war ich gar nicht die Nächste in der Reihe. Ich wäre in Haglefjell an der Reihe gewesen, aber sie haben mich hierher versetzt. Warum?«

Rime konnte sich eine Menge Gründe vorstellen, aber er nannte keinen davon. Sie fuhr fort: »Weil sie erwartet haben, dass die Männer protestieren. Was sagt dir das?«

Rime lächelte. »Dass der Rat seine eigenen Krieger nicht kennt.«

Sie lächelte zurück. »Genau. Sie haben nie auch nur einen Tag bei den Schwarzröcken verbracht. Sie verstehen nicht, dass Disziplin das Einzige ist, was uns antreibt. Protestieren? Wir protestieren nicht, wir führen aus! Ich war ein Werkzeug für sie. Ein Hilfsmittel, um das Vertrauen der Schwarzröcke zurückzugewinnen. Der Plan war einfach: Sie befördern mich, warten auf Proteste, und wenn welche gekommen wären, hätten sie ihren guten Willen bewiesen, indem sie mich ersetzt hätten. Dass ich immer noch hier bin, liegt am Unverstand des Rates. All das weiß ich und trotzdem werde ich ihre Befehle befolgen. Wir sind dem Rat unterstellt. Deshalb ist Abwarten das Einzige, was wir tun können.«

»Abwarten bis …?«

Die Frage schien sie zu überraschen. Er nutzte die Gelegenheit und fuhr fort: »Bis sie dich auffordern, das Gesetz zu brechen? Nein, die Gesetze machen sie ja selbst … Bis sie auf Unschuldige losgehen? Nein, es steht uns nicht zu, über Schuld zu entscheiden, das ist ihre Aufgabe … Bis sie dir befehlen, dich in dein eigenes Schwert zu stürzen? Wieso, dafür bist du doch da. Wenn der Rat es wünscht, ist es genau das, was du zu tun hast.«

Rime hörte selbst den Zorn in seinen Worten, aber es musste raus. »Wenn du sagst, dass wir abwarten sollen, dann bedeutet das überhaupt nichts. Du hast dein Herz längst in die Hände des Rates gelegt. Du hast auf die Freiheit, deine eigene Meinung zu haben, verzichtet. Das ist dein gutes Recht, aber komm nicht mit falschen Gründen dafür an. Komm nicht an und behaupte, es sei dein moralischer Standpunkt, der dem zugrunde liegt, denn Moral hast du längst anderen überlassen.«

Sie ging zur Tür. »Wenn das so wäre, Rime, dann wäre der Rabe längst unterwegs mit der Nachricht, dass du zurück bist. Vorläufig werde ich respektieren, dass du nicht gefunden werden willst.«

»Was also werdet ihr tun, wenn euch der Rat befiehlt, Ravnhov anzugreifen, für einen Mordversuch, hinter dem Darkdaggar gesteckt hat? Ravnhov ist der einzige aufrechte Verbündete in einem Kampf gegen die Totgeborenen.«

Sie ließ ihn stehen und ging, aber von draußen war ihre Antwort zu hören.

»Wir warten ab.«


Ein Gefallener

Hirka wusste, dass es Skerri war, die hereinkam, schon wegen des Geräusches am Zelteingang. Merkte es an der schroffen Art, wie sie das Fell zurückschlug.

Skerri blieb vor ihr stehen. Hirka hob den Blick nicht, sie begnügte sich damit, auf Skerris Stiefel zu starren. Schwarzes Leder, kreuzweise geschnürt bis hinauf zu den Knien. Nackte Schenkel, bleich und stark. Jeder Muskel wie in Stein gemeißelt. So beeindruckend. So fremd. So furchteinflößend.

»Wir müssen weiter«, sagte sie.

Hirka horchte in sich hinein. Ihr Körper war wieder warm geworden, dank der Steine, die Ǫni von der Feuerstelle geholt und um sie herumgepackt hatte.

Sie setzte sich auf, steif und widerwillig. Skerri ließ ein Bündel vor ihr fallen. Die Kleidung, die sie angehabt hatte. Die Sachen waren jetzt trocken. Sie öffnete den Mund, um zu fragen, wie es Kolail ging, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Es war besser, sie nicht unnötig zu reizen. Ǫni hatte schon gesagt, dass es ihm gut ging. Dass alle mit dem Leben davongekommen waren.

»Grid hat Spuren gefunden«, sagte Skerri. »Sie sind mit ziemlicher Sicherheit aus der Stadt gekommen.«

»Spuren von wem?« Hirka ließ die Decke von den Schultern gleiten und zog ihr Strickhemd an.

»Was glaubst du?«, schnauzte Skerri. Dann stieß sie einen langen Seufzer aus. Hirka begriff, dass die Frau tatsächlich versuchte, sich zu zügeln.

»Hör zu, Hirka«, sagte sie und ging vor ihr in die Hocke. »Du musst wissen, dass dies nicht unsere Art ist. Wir sind Umpiri. Wir verstecken uns nicht. Wir greifen nicht aus dem Hinterhalt an. Das haben die Niedrigsten der Niedrigen getan. Eine verwerfliche und erbärmliche Tat! Von Leuten, die nicht einmal wagen, ihr Gesicht zu zeigen.«

Hirka erstarrte in der Bewegung, einen Ärmel halb übergestreift. »Das haben Leute mit Absicht getan?«

Der weiße Blick wurde schmal. »Gefallene. Oder Hauslose. Das kann ich dir versichern.«

»Warum?«

»Weil keine anderen so etwas getan hätten!«

»Nein, ich meine, warum sind wir angegriffen worden?«

Skerri sah weg. Die Perlen in ihren Zöpfen schlugen gegeneinander wie Hagel. Skerri hatte ihr eigenes Wetter. Sie trommelte mit den Klauen auf ihre Knie. Nach einer Weile hatte sie die Worte gefunden, die sie suchte.

»Du musst wissen, dass Dreysíl nicht mehr das ist, was es war. Früher hielt uns die Gabe zusammen. Du hättest Ginnungad in seiner Blütezeit sehen sollen. Nach dem Krieg haben sich die Dinge geändert. Wir haben jetzt mehr Gefallene. Mehr von den Niedrigen. Und was früher nicht schwierig war, ist nun …«

»Schwierig?«

Skerri sah sie wieder an. »Alle pflegten zu wissen, welchen Platz sie hatten. Die Vorstellung, die du draußen auf dem Fluss gegeben hast, macht die Sache nur schlimmer.«

Bei den Worten spürte Hirka ein Frösteln im Nacken, als hätte man ihr das Fell gegen den Strich gebürstet. Sie zog mühsam ihre Hose an. Ihre Knie waren steif. Wollten sich einfach nicht gerade strecken.

Sie wusste mehr darüber, seinen Platz zu kennen, als die meisten anderen. Sie war ein Odinskind gewesen. Die Fäulnis. Ein Mensk. Die Niedrigste der Niedrigen zu sein war ihr Leben gewesen. Kolail hätte genauso gut sie sein können. Ertrinkend. Sterbend. Nicht wert, dass man eine Hand danach ausstreckte. Zorn schwelte in ihrer Brust, aber sie wusste, dass sie ihn ersticken musste.

»Wie wird man ein Gefallener?«

»Man tötet«, erwiderte Skerri. »Man vergießt das Blut seiner eigenen Leute. Verstehst du?«

Hirka sah sie an. »Ich verstehe. Man wird zu der Waffe, die ein anderer zum Töten benutzt.«

Skerris Blick wurde unsicher. Dann ging ihr der Sinn der Worte auf und ihr Blick wurde schwarz. Sie erhob sich. »Du wirst nie eine von uns werden! Du bist aus Modrasmes Haus und sprichst immer noch wie ein Tier! Du lässt dich zu den Gefallenen herab, ohne zu …«

Hirka stand auf. Fauchte die Totgeborene an: »Ozá kwo kwessere dósem!«

Ich bin auch eine Gefallene.

Die Worte kamen aus ihrem Inneren. Worte, von denen sie nicht geahnt hatte, dass sie sie kannte, aber sie fühlte die Wahrheit darin. Sie wusste, dass sie dafür würde büßen müssen, aber sie hatten sich nicht aufhalten lassen. Und was noch schlimmer war, sie hatte die überlegene Form des Wortes »ich« benutzt. So als hätte sie zu jemandem von niedrigerem Rang gesprochen.

Skerri blickte auf sie herab. Sie war einen guten Kopf größer. Etwas in ihrem Gesicht änderte sich. Darin stand nicht mehr nur Wut allein. Hirka hätte schwören können, dass sie auch eine Spur von Unsicherheit sah. Was würde eine Frau wie Skerri tun, wenn sie Angst bekam?

Hirka wollte es lieber nicht herausfinden. Sie wechselte das Thema.

»Ich habe den Seher fallen sehen, Skerri. Ich weiß, dass es hart ist, wenn man Veränderungen ins Auge blicken muss. Dinge passieren. Unvorhersehbare Dinge. Die Leute sind, wie sie sind, ganz gleich, woher sie kommen, und Furcht gibt es überall. Auch bei den Umpiri. Wenn nicht, wären wir dann heute angegriffen worden?«

»Wir wurden angegriffen, weil Kolail uns verraten hat«, antwortete Skerri. Etwas von ihrer Angespanntheit war verschwunden, zu Hirkas Erleichterung.

»Das bezweifle ich«, erwiderte sie.

»Du glaubst, du kennst uns? Du glaubst, du verstehst die Umpiri? Er ist der einzige Gefallene hier.«

Hirka zitterte und das lag nicht nur an der Kälte. Sie riss sich zusammen. Hielt eine Fassade aufrecht, die sehr zerbrechlich war, wie sie merkte. »Wer weiß alles, dass ich komme?«

»Unser Haus und unsere engsten Freunde in den obersten Häusern. Sonst niemand.«

»Sonst niemand?« Hirka lachte kurz. »Ein Geheimnis, von dem mehr als drei Leute wissen, ist kein Geheimnis.«

Sie fürchtete, sie wieder beleidigt zu haben, aber Skerri hatte den Blick gehoben und starrte in die Luft. »Du hast recht. Eine konkurrierende Familie. Leute, die nicht wollen, dass wir wieder zu alter Größe aufsteigen.«

Einen Augenblick lang fühlte Hirka mit ihr. Spürte die Last der Wirklichkeit, in der die Blinden lebten. Die Rangstufen. Die Regeln. Die ständige Forderung, Kraft und Stärke zu zeigen. Und davon sollte sie ein Teil werden?

Skerri blickte sie wieder an. Ihre schwarzen Lippen strafften sich. »Du solltest das wert sein«, sagte sie und verschwand durch die Zeltöffnung.

Hirka war wieder allein. Sie musste sich an der Zeltstange festhalten, um nicht zusammenzusinken.


Ginnungad

Die Entfernung bis Ginnungad ließ sich an der Stimmung ablesen. Die zog sich zusammen wie ein Knoten. Hungl, Tyla und Kolail gingen stumm als Letzte in der Reihe. Skerri und Grid wechselten halblaute Worte. Die Ausnahme war Ǫni, natürlich, die immer hektischer wurde.

»Und du darfst nicht husten, seufzen oder gähnen. Nicht, solange du in Gesellschaft von Höhergestellten bist. Und natürlich nicht mit dem Finger zeigen! Du darfst ihnen auch nicht den Rücken zuwenden, bevor du die Erlaubnis dazu erhalten hast, und du darfst unter gar keinen Umständen die Eckzähne entblößen.«

»Die Eckzähne?« Hirka zog eine Augenbraue hoch.

»Oh …« Ein Hauch von Rosa erschien auf Ǫnis Gesicht. »Immerhin hast du ja eine Andeutung davon«, ergänzte sie, als hätte sie etwas gesagt, was einer Rechtfertigung bedurfte.

Hirka fuhr sich mit der Zunge über die Eckzähne. Sie waren nicht spitzer als sonst.

»Was ist mit Essen? Ich darf wohl in Anwesenheit von Leuten auch nichts essen?«

Ǫni schlug sich die Hand vor den Mund. »Du liebe Güte … Mögen die Höchsten dir gnädig sein, wenn du das tust! Die einzige Ausnahme sind die Feste. Wenn Mahlzeiten serviert werden und du zum Essen eingeladen bist.«

Was zwei Mal im Jahr vorkommt. Fantastisch …

Hirka biss sich auf die Unterlippe. Am Anfang hatte sie geglaubt, all diese Regeln wären reine Erfindung. Um sie auf die Probe zu stellen. Ein Spaß. Und wenn Ǫni nicht so nervös gewesen wäre, hätte sie das wohl immer noch geglaubt.

Sie näherten sich einer aus Stein gehauenen Brücke. Sie spannte sich über einen Abgrund, der tief in den Berg schnitt. Trotzdem hatte sie kein Geländer. Nichts, woran man sich festhalten konnte.

Skerri und Grid betraten sie, ohne zu zögern. Ǫni auch. Hirka zwang sich, ihnen zu folgen, ohne nach unten zu schauen. Sie richtete den Blick fest auf einen Sockel, der auf der anderen Seite aufragte. Als sie die Brücke überquert hatte, sah sie, dass es eine perfekte sechseckige Säule war, mit kleinen Runen, die auf allen Seiten eingeritzt waren. Die Säule reichte ihr bis zu den Schultern. Sie musste einmal höher gewesen sein, denn oben war sie abgebrochen.

Sie holte Ǫni ein. »Ist das ein Wegweiser?«

Ǫni warf einen Blick zu dem Sockel. »Gewissermaßen. Dies ist der alte Weg nach Ginnungad. Er wird nicht mehr benutzt. Aber hier stand eine Statue. Der Bootsmann. Die Leute pflegten Münzen in sein Boot zu legen, wenn sie daran vorbeikamen.«

»Für Glück und so was?«

»Na ja … Wohl eher, um Unglück abzuwenden.«

»Was ist mit ihm passiert?«

»Er war aus Gabenglas gemacht«, antwortete Ǫni. »Bevor die Gabe verschwand. So etwas ist heute viel wert, deshalb wurde er gestohlen. Aber wir haben Zeichnungen von ihm, falls du sie sehen möchtest.«

Hirka blickte zurück zu dem Steinstumpf. »Was ist Gabenglas?«

Die angestrengten Grübchen erschienen wieder in Ǫnis Wangen. Das taten sie immer, wenn Ǫni entdeckte, wie wenig Hirka wusste. Immer, wenn ein neues Thema auftauchte, das ausführlichere Erklärungen erforderte.

»Gabenglas ist Stein, geformt mit der Gabe. Mit den Händen. Die besten Künstler konnten die Natur in ihrem Erscheinungsbild formen. Konnten eins werden mit der Gabe und Gestein ziehen. Feuer und Wasser auch, behaupten manche, aber ich weiß nicht … Hast du nie Steingeflecht gesehen?«

Hirka schüttelte den Kopf. Sie wollte Ǫni nicht unterbrechen. Das hier war wichtig. Das hier waren Dinge, über die sie unbedingt alles erfahren wollte. Die Namen der Häuser und auf wen sie nicht mit dem Finger zeigen durfte, das war ihr herzlich egal. Aber die Gabe und wie sie die Welt formen konnte …

Wie den Baum des Sehers. Naiells Vernichtung.

»Oh, du wirst sprachlos sein, Hirka! Die ältesten Orte in Ginnungad haben ganze Wände aus der Zeit vor dem Krieg. Stein, der zu Mustern gewebt ist, die du nie für möglich gehalten hättest. Fast alles in Hods Haus ist Gabenwerk. Und die alten Türme waren so gebaut. Aber die meisten sind jetzt zerstört. Der Berg war so gedehnt, dass nichts da war, um ihn aufrecht zu halten, als die Gabe verschwand. Die Stadt brach zusammen. Das war viele Hundert Jahre vor meiner Zeit.«

»Und du bist geboren, nachdem die Gabe weg war? Das heißt also, du hast sie nie kennengelernt? Du hast nie etwas geformt?«

Ǫni senkte den Blick auf den Weg, während sie gingen. »Man muss nicht immer etwas gekannt haben, um zu wissen, dass man es vermisst.«

Hirka hatte das Gefühl, zu persönlich geworden zu sein. Einen wunden Punkt berührt zu haben. Sie versuchte, die gedrückte Stimmung aufzulockern.

»Und wie ging das vor sich? Man zeigte einfach auf etwas und dann … schwups, ein Turm?«

Ǫni lachte. »Wann war jemals etwas so einfach?« Sie faltete die Hände vor der Brust und zog sie langsam auseinander. »Man formte Dinge. Wie aus Lehm, verstehst du? Es gibt tüchtige Gabenschleuderer, die man fragen kann, ich weiß nur, was ich gelesen habe. Aber sie haben die schönsten Dinge erschaffen!«

»Sofern sie nicht gestorben sind«, kam es von Kolail. Hirka drehte sich um. Er hatte sich ihnen angeschlossen, ohne dass sie es gemerkt hatte.

»Sie sind gestorben?!«

Er zuckte die Schultern, als wollte er sagen, das verstehe sich doch von selbst.

»Zuhauf. Oder sie haben sich verletzt. Haben sich verbrannt, wenn sie zu nahe gekommen sind. Haben sich geschnitten, wenn sie die Kanten nicht unter Kontrolle hatten. Einige haben es geschafft, sich aufzuspießen. Die Gabe hält interessante Arten zu sterben bereit.«

Ǫni warf Kolail einen schrägen Blick zu. »Er übertreibt. Die allermeisten …«

»Erzähl ihr von Felke«, unterbrach er sie.

Hirka sah Ǫni an. »Felke?«

Ǫni seufzte. »Das ist mindestens zwölfhundert Jahre her. Felke war einer der Besten. Er hat in Nifel an einer Brücke gearbeitet, die sich zwischen zwei Häusern spannte. Der Stein wurde zu heiß und die Luft war zu kalt, da ist ihm die Brücke unter den Füßen zersprungen. Ist alles auf die Häuser gefallen.«

Kolail tauchte an Hirkas Seite auf. »Sie haben ihn auf einem Dach gefunden«, sagte er. »Mit dem Körper voller Glas. Er war halb Stein, halb Mann. Karnickel sterben, sagte ich das nicht?« Er zog an ihnen vorbei.

Hirka starrte auf seinen Rücken. Auf die Schultern mit dem Schaffell, die so breit waren, dass sie schon auf einer allein hätte sitzen können. Ihr war schlecht. Sie dachte an den Baum des Sehers. Glasartiger Stein, bizarr verästelt wie Tinte in Wasser. Allein der Anblick hatte genügt, um Hlosnian um den Verstand zu bringen. Es war ihm nie gelungen, etwas Ähnliches zu erschaffen. Was vielleicht auch kein Wunder war, denn den Baum hatten Kräfte geformt, die Hlosnian nie meistern konnte. Aber die Blinden hatten es gekonnt.

Hirka hatte einmal ein Stück entfernt von Ravnhov in einem Wasserfall gestanden, zusammen mit einem Blinden. Sie hatte gesehen, wie er den Fluss zu Staub werden ließ. Etwas, das nur in der Macht von Göttern liegen sollte. Eine jähe Angst schoss ihr durch die Brust.

Götter … Dreysíl war von Göttern bevölkert. Was, wenn das Fehlen der Gabe das Einzige war, was sie im Zaum hielt? Wozu würden sie in der Lage sein, wenn sie die Gabe zurückbekamen? War das wirklich etwas, wobei sie ihnen helfen wollte?

Ǫni legte ihr eine Hand auf den Arm. Hirka zuckte zusammen.

»Warte hier«, sagte Ǫni und ging zu Skerri und Grid, die ein Stück vor ihnen stehen geblieben waren.

Hirka ging zu Kolail. »Was haben sie zu besprechen? Wo liegt das Problem?« Die Angst machte ihr zu schaffen. Sie hatte sich vor dem hier gegraust, seit sie angekommen war, und das Warten war das Schlimmste. Konnten sie es nicht endlich hinter sich bringen und zusehen, dass sie die Stadt erreichten?

»Sie diskutieren, welchen Weg sie nehmen und wie sie dich ungesehen durch die Stadt bringen sollen.« Kolails Stimme erinnerte an die von Naiell. Rau wie bei einem Raben und tief aus der Brust.

»Können wir das nicht alle zusammen diskutieren?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Merkte, dass es nicht mehr so kalt war.

»Sie sind Dreyri. Sie diskutieren nicht mit anderen.«

Er hatte recht. Bisher hatte sie noch nicht erlebt, dass Skerri jemanden in eine Entscheidung einbezog oder um Rat fragte. Allenfalls besprach sie sich mit Grid, der offenbar würdig genug war. Aber auch ihn behandelte sie wie einen Welpen.

Kolail sprach leise, wohl wissend, dass sie überhaupt nicht miteinander reden sollten. »Zuerst einmal müssen sie dich nach Hause bringen. Dann müssen sie was Anständiges aus dir machen. Eine Dreyri. Gelingt ihnen das, werden sie dich Hods Haus vorstellen, nehme ich an. Bis dahin bist du ein Geheimnis. Niemand darf dich sehen oder riechen. Du wirst offiziell vorgestellt werden. Mit viel Spektakel, könnte ich mir denken.«

Er hörte sich an, als ob er es hasste, sich aber trotzdem darüber amüsierte.

»Dann schleichen wir uns eben hinein! Verstecken uns.«

»Sie sind Dreyri. Sie …«

»Verstecken sich vor niemandem, jaja, ich verstehe langsam, wie das läuft.«

Kolail lachte wiehernd. »Also, vielleicht überlebst du länger als ich.«

Hirka stocherte mit dem Stock im Schnee. Sie wusste genau, wovon er sprach. Seiner Strafe. Die sie sich auf Skerris Anweisung hin ausdenken sollte.

Kolail spuckte in den Schnee. »Sie wird nichts anderes akzeptieren, als dass ich Rabenfutter werde. Und du wirst dich fügen müssen.«

Hirka sah ihn an. Bekam Lust, ihm mit der Faust auf den Stahltropfen in der Stirn zu schlagen, sodass er es richtig merkte.

»Sieht es so aus, als hätte ich ein Talent dafür, mich zu fügen?«

Kolail antwortete nicht.

Ǫni kam zurück. Der Saum ihrer Tunika war nass vom Schnee.

»Sie werden dich von der Südseite hineinbringen.« Sie klang beinahe entschuldigend.

Kolail meckerte. »Von Süden? Wirklich? Da haben sie sich ja was ausgedacht. Ich glaube, keiner von ihnen hat jemals seinen Fuß dorthin gesetzt.«

Ǫni schürzte die Lippen und tat, als hätte sie ihn nicht gehört. »Skerri will vermeiden, dass wir auf Dreyri treffen, vor allem aus höheren Häusern. Deshalb müssen wir andere Wege gehen. Komm.«

Sie bogen um einen Felsvorsprung und vor ihnen öffnete sich die Landschaft in alle Richtungen. Ein Gletscher erstreckte sich bis zum Horizont, so weit, dass sie kein Ende sah. Er wurde eins mit dem Himmel. Weiß gegen Grau.

An mehreren Stellen hatten sich Gletscherspalten gebildet, was hoffentlich bedeutete, dass sie ihn nicht überqueren mussten.

»Ginnungad«, sagte Ǫni und nickte zu dem Gletscher.

Hirka schirmte die Augen mit der Hand ab, sah aber keine Stadt. Nichts, was auch nur entfernt an Behausungen erinnerte.

»Wo?«

»Das wirst du bald sehen«, erwiderte Ǫni.

Sie gingen über den nackten Bergkamm weiter. Gelbes Heidekraut schaute aus dem Schnee. Hirka wurde mehr und mehr klar, dass die Gletscherspalten viel größer waren, als sie zuerst gedacht hatte. Es war ein ganzes Netz aus Spalten. Sie zogen sich wie Adern durchs Eis. An mehreren Stellen stieg Rauch empor, und plötzlich ging Hirka auf, was sie sah.

Sie blieb stehen, gelähmt von dem Ausmaß. Gegen diese Gletscherspalten war die Alldjup-Schlucht ein Kratzer in der Erde. Das hier waren Abgründe. Sie schnitten tief ins Eis und durch den schwarzen Fels darunter. Hirka konnte Öffnungen in den senkrechten Wänden erahnen. Siedlungen. Rauch. Lichter. Treppen.

»Im Eis … Die Stadt liegt im Eis …«

»Nicht ganz«, antwortete Ǫni, anscheinend unbeeindruckt. »Das ist Grundgestein mit einer dicken Eisschicht darüber. Viele Straßen und Häuser liegen im Berg, deshalb siehst du sie von hier oben nicht, aber schau …« Sie zeigte in die Ferne. »Dort, wo das Eis blauer ist, da ist nur Eis. Du kannst es von hier aus nicht sehen, aber die Stadt erstreckt sich bis zum Meer.«

Ǫni zog sie mit sich weiter. Hirka wäre fast gestolpert, es war schwer, sich von dem Anblick loszureißen. Ganz hinten am Horizont sah sie eine dunkle Vertiefung im Eis. Eine Kante? Ein gefrorener Wasserfall?

Es dämmerte und Hirka fiel sofort wieder ein, wie schnell hier die Nacht kam. Bald würde man die Hand nicht mehr vor Augen sehen können.

Skerri blieb stehen. Die anderen taten es ihr nach, wie ein Echo. So war es immer. Ǫni setzte ihren Rucksack ab und suchte eine graue Tunika heraus, die sie Hirka gab. »Hier, zieh das an.«

Hirka gehorchte. Mehr Kleidungsstücke anzuziehen, das musste man ihr nicht zweimal sagen. Skerri kam zu ihnen und setzte Hirka die Kapuze auf.

»Lass sie auf, bis wir zu Hause sind. Achte darauf, dass niemand dein Gesicht sieht. Oder deine Hände. Und ab sofort sagst du kein Wort mehr, verstanden?«

Hirka nickte.

Die Kapuze hing ihr tief ins Gesicht. Das Einzige, was sie sehen konnte, war der Boden direkt vor ihr. Skerri führte die kleine Gruppe in eine Talsenke, wo zwei Wege aufeinandertrafen. Noch bevor sie unten angekommen waren, war es dunkel.

Sie gingen den Weg weiter, jetzt enger beisammen als zuvor.

Eine Felswand ragte ein Stück vor ihnen im Tal auf, schwarz und massiv vor dem Nachthimmel. Hirka legte den Kopf in den Nacken. Die Wand war so hoch, dass sie zu schwanken schien.

Der Weg mündete in einen Tunnel, eine eiförmige Öffnung im Fels. Hirka kam sich vor wie ein Insekt, als sie hineingingen. Verschluckt von einem riesigen, schwarzen Nichts. Die Wände waren glatt wie schwarzes Glas. Wenn etwas mit der Gabe geschaffen worden war, dann musste es dies sein. Kein lebendiges Wesen konnte so etwas meißeln.

Dann kamen die Geräusche. Echos von etwas, das sich auf der anderen Seite befand. Wieder tauchte eine Öffnung auf. Ein eiförmiger Mund am Ende des Tunnels. Es war, als ginge man durch einen Schlangenhals und würde ausgespuckt. Hinaus auf eine Straße.

Hirka konnte gerade noch einen überraschten Ausruf unterdrücken. Die Straße befand sich auf dem Grund einer Schlucht. Schwarze Felswände ragten zu beiden Seiten auf, so hoch, dass Hirka unter ihrer Kapuze das obere Ende nicht sehen konnte. Häuser waren direkt aus dem Felsgestein gehauen worden. Türen, Fenster, Balkons ohne Geländer, Treppen … Wege und kleine Passagen wanden sich in verschiedenen Höhen, verschwanden im Berg und kamen anderswo wieder heraus. Und das Aufsehenerregendste von allem: eine Unzahl von Brücken.

Davon gab es so viele, dass es aussah, als hätte jemand versucht, die Felswände zusammenzukleben. Hätte sie mit Teer bestrichen und wieder auseinandergerissen, sodass zahllose zähe, leimartige Fäden zwischen ihnen erstarrt waren. Dicke und dünne. Hoch oben und tief unten.

Ihr war selbst nicht klar, was sie erwartet hatte. Eine Art tief verschneites Ravnhov vielleicht? Das hier jedenfalls nicht.

Und Leute waren hier! Blinde. Totgeborene. Leute, die lachten. Redeten. Riefen. Sie saßen an Tischen und tranken. Zogen Karren, darauf Käfige mit kleinen Vögeln und Fässer voller Fisch, Kleiderbündel und Werkzeug. Wenigstens gab es einige hier, die Werkzeug benutzten.

Alltägliches Treiben, so vertraut, dass dies hier auch Mannfalla hätte sein können. Wohlbekannte Geschäftigkeit in fremder Umgebung.

Kolail und Ǫni gingen dicht neben ihr, damit sie mit niemandem in Berührung kam. Es duftete nach Essen. Essbarem Essen! Dann gab es also noch andere Speisen als die ekligen Kekse. Der Hunger drohte ihre Müdigkeit zu übertrumpfen.

Jemand spielte an einem Fenster weiter oben im Fels. Tiefe Flötentöne. Direkt daneben das Geräusch einer Winsch. Seile bewegten Körbe von einer Straßenseite zur anderen.

Hirka dachte an all das, was sie gesehen hatte, seit sie das erste Mal durch die Tore gegangen war. York. London. Venedig. Sie dachte an die Türen, die sich von selbst öffneten. An Stefans Pistole. An das Museum, wo sie den Fußboden zerstört hatten. Dinge, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Trotzdem war nichts so fremd gewesen wie das hier. Vielleicht, weil alle Gesichter, die sie sah, weiße Augen hatten? Vielleicht waren es die Klauen? Oder war es die Gewissheit, dass alle, die sie sah, Tausende von Jahren leben würden?

Sie fühlte sich vollkommen matt. Unendlich müde. Sie konnte von dem, was sie sah, nichts mehr aufnehmen. Es wurde zu viel. Tagelang durch froststarre Einöde und jetzt das? Sie gingen an Marktständen vorbei, an denen Tee verkauft wurde, wie sie glaubte, aber wie sich herausstellte, war es Tabak. Vorbei an zweifelhaften Höhlen, in denen bärtige Blinde saßen und tranken. Sie sah, wie Kolail einem Mann zunickte, der vor einer Schankstube stand und einen Wolf an der Leine hatte. Hinter ihm bemerkte sie eine rote Tür unter einem morschen Überbau.

An mehreren Stellen öffneten sich neue Spalten und neue Straßen in der Felswand. Es wurde plötzlich wärmer. Kolail riss sie zurück, gerade noch rechtzeitig, um nicht von dem Dampfstrahl getroffen zu werden, der aus einem Spalt zwischen zwei Ständen schoss.

»Pass auf, wo du langgehst.«

Hirka hatte nicht die Kraft für eine Antwort. Wie sollte sie da die Kraft haben, der Familie gegenüberzutreten? Bei dem Gedanken wurde ihr wieder eiskalt. Sie war hier. In derselben Stadt wie Graals Eltern. Ihre Großeltern. Familie. Ihre Knie wurden weich. Kolail packte ihren Arm und stützte sie. Sie gingen in eine Straße, die aufgeräumter wirkte. Hier waren die Leute leichter bekleidet.

Dreyri. Die obersten Häuser.

Die Straße öffnete sich am Ende. Zu einem Krater. Nein, Krater war nicht das richtige Wort. Es gab kein Wort dafür. Das hier war das Ende der Welt. Ein Schlund ins Innere der Erde. Die Straße kam tief unten in der Kraterwand heraus, aber dennoch konnte Hirka den Grund nicht sehen. Es war zu dunkel. Die Straßen waren auch hier aus dem Fels gehauen worden. Straßen und Häuser, rundherum. Tausende von Lichtern ließen das riesige Loch wie einen Sternenhimmel wirken. Das hier war die Mitte der Stadt. Der Ursprung aller Spalten. Aller Straßen.

Hirka hatte sich in großen Höhen immer wohlgefühlt, aber jetzt wurde ihr schwindlig. Sie fühlte sich leer. Erschöpft. »Warum?«, murmelte sie. »Was ist das hier?«

»Wahnsinn«, erwiderte Kolail.

Sie musste zusammengesunken sein, denn er fing sie auf und trug sie auf seinen Armen weiter. Skerri hinderte ihn nicht daran. Vielleicht, weil die breite Brust eines Gefallenen das beste aller Verstecke war? Hirka entglitten die Gedanken und ihr Bewusstsein erlosch.


Blut von meinem Blut

Draußen tosten die Wellen. Ein Geräusch, das sie beinahe vergessen hatte.

Das Meer.

Wo bin ich?

Hirka schlug die Augen auf. Sie lag auf der Seite und starrte gegen eine Wand. Sie war eingesperrt.

Kalte Angst überkam sie. Sie stemmte die Hände gegen die Wand. Die knarrte, ohne nachzugeben. Der Raum begann zu schwingen. War sie auf einem Boot?

Sie setzte sich auf. Kein Käfig. Kein Boot. Sie saß in einem Bett. Was sie für eine Wand gehalten hatte, war eine hohe Umrandung. Es war, als würde man in einem geflochtenen Korb sitzen. Er schaukelte vor und zurück. Hing an Seilen, die hinauf zur Decke liefen.

Hirka fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Kam sich wie ein Dummkopf vor.

Sie rutschte zu einer Öffnung am Fußende und setzte die Füße auf einen kühlen Steinboden. Stand auf. Die graue Tunika hatte sich um ihren Körper gewickelt, während sie schlief. Wer hatte sie zu Bett gebracht?

Der Raum war groß. Schwarz. Aus Stein gehauen. Die Wände waren rau und uneben, wie in einer Höhle, aber Decke und Fußboden waren blank poliert. Ein offenbar beabsichtigter Kontrast. Sie blickte hinunter auf ihre Füße und sah ihr Spiegelbild. Als ginge sie auf einem dunklen See.

Es hätte kälter sein müssen. Woher kam die Wärme? Hier waren keine Feuerstellen. Keine Lampen, die brannten. Das bleiche Licht fiel durch eine Glaswand herein. Sie war aus mehreren kleinen Scheiben zusammengesetzt, die sich leicht nach außen wölbten. Sie waren in den Ecken dunkler, mattiert mit etwas, das an Asche erinnerte. Das gab ihr das Gefühl, durch Vogelaugen zu blicken.

Hirka ging zu der Wand und legte die Hand ans Glas. Dann erkannte sie, wo sie war. Sie blickte auf einen Krater. So groß, dass sie fast einen ganzen Tag brauchen würde, um ihn einmal zu umrunden. Seine Wände führten schräg hinab ins Felsgestein, durchlöchert von Häusern.

Sie befand sich ganz oben am Rand. Direkt unter dem Eis. An mehreren Stellen zogen sich Spalten durch die Eisschicht bis hinunter in den Fels. Schluchten. Straßen. Wie die, durch die sie am Abend zuvor gegangen war.

Ginnungad. Die erste Stadt. Die Hauptstadt der Blinden.

Windstöße peitschten Schnee vom Gletscher gegen das Fenster und heulten den Krater hinab. Das war das Geräusch, das sie geweckt hatte. Von dem sie gedacht hatte, es sei das Meer.

Jemand klopfte an. Hirka zuckte zusammen, sich jäh zweier Dinge bewusst: Sie sollte ihre Familie treffen und sie sollte jemanden zum Tode verurteilen.

»Ja?« Sie räusperte sich.

Ǫni kam durch eine Schiebetür herein, die fast nicht von der Wand zu unterscheiden war. Sie wirkte verändert, jetzt, da sie sich hatte zurechtmachen können. Das braune Haar bauschte sich um ihr Gesicht. Sie trug eine Schale mit Brühe, die nach Fisch roch.

Ihre Wangengrübchen vertieften sich. »Du musst uns verzeihen, wir haben nicht gewusst, wie groß dein Bedarf an Essen und Wärme ist.« Hirka nahm die Schale entgegen und trank sie sofort aus. Ǫni wirkte peinlich berührt, und Hirka erinnerte sich. Man nahm vor anderen Leuten keine Nahrung zu sich. Sie wurde rot.

Ǫni zeigte auf eine Regalreihe neben der Tür. »Dort drüben findest du Kleidung. Sachen, die Skerri gehört haben. Natürlich nur, bis wir neue für dich haben anfertigen lassen.«

Hirka sah Skerri in engem Leder mit Schnüren und Spangen vor sich. Sie schüttelte den Kopf. »Danke, aber … ich kann meine eigenen Sachen anziehen.«

Ǫni schürzte die Lippen ein klein wenig. »Kraft und Schönheit soll man sehen. Du kannst dir von den Sachen selbst etwas aussuchen. Das Bad ist dort.« Sie zeigte auf eine Schiebetür direkt gegenüber vom Bett. Dann drehte sie sich um und wollte gehen.

»Ǫni, wie ist das entstanden? Das Loch?« Hirka nickte zum Fenster.

»Da war immer ein Loch, aber es wurde größer, als sie nach der Gabe gegraben haben«, antwortete Ǫni. »Du solltest dich lieber beeilen, sie warten schon alle. Du bist die Jüngste in Modrasmes Haus und keiner von ihnen hat dich bisher zu Gesicht bekommen.«

Ǫni verschwand auf demselben Weg hinaus, auf dem sie gekommen war. Hirka schob die Tür zum Bad auf. Vor ihr führte eine Treppe direkt hinunter ins Wasser. Eine Grube im Boden, groß genug, um ausgestreckt darin zu liegen. Und das Wasser war warm.

Den Göttern sei Dank!

Sie riss sich die Tunika vom Leib und ließ sich genüsslich hineingleiten. Falls es das letzte Bad in ihrem Leben sein sollte, dann wollte sie es jedenfalls richtig auskosten.


Hirka zog an dem Strickhemd, aber es war immer noch zu kurz. Weigerte sich, den Nabel zu bedecken. Es war sehr locker gestrickt, aus einem glänzenden Garn, das es wie eine unbrauchbare Kettenbrünne wirken ließ. Was für ein nutzloses Kleidungsstück. Aber sie musste ihr Bestes tun, um sich anzupassen.

Sie ging dem Stimmengeräusch nach. Der Korridor hatte Wände, die sich nach innen neigten, wie ein umgestürztes Boot. Er mündete in einen rechteckigen Saal, an dessen Ende sich die Decke öffnete. Durch die Eisschicht darüber fiel blaugrünes Licht auf eine Gruppe von Leuten. Zu vielen Leuten. Ǫni stand ein Stück abseits von den anderen an einer Wand. Hirka merkte, wie ihr der Atem stockte. Sie zog wieder an dem Strickhemd. Fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, ohne große Hoffnung, dass es half.

Die Familie. Ihre Familie. Blutsbande.

Sie hatten sie entdeckt. Die Gespräche verstummten. Es wurde so still, dass Hirka das Geräusch ihrer Sohlen auf dem Steinfußboden hörte. Den Wind hörte, der über die Fenster fegte. Endlose Reihen von gewölbten Glasscheiben. Würde sie all diesen Blicken entgehen, wenn sie einfach durch das Fenster sprang und sich in den Krater stürzte? Wohl kaum … Nach dem Unwetter zu urteilen, hielt das Glas eine Menge aus.

Sei stolz. Furchtlos. Sei eine Dreyri.

Hirka straffte die Schultern und hob das Kinn. Ǫni kam zu ihr und stellte sich wie ein Schatten hinter sie. Bereit zu helfen. Zu übersetzen. Zu unterstützen. Hoffte sie wenigstens.

Sie waren alle so fremd. Hirka wurde bewusst, dass sie allein in einem Raum mit Totgeborenen war. Starken, tierischen Wesen mit Klauen und Milchglasblick. Sie holte tief Luft, bebend.

Ein Mann kam auf sie zu. Ein starker Mann, wie durch das enge schwarze Strickhemd gut zu erkennen war. Er trug einen kurz geschnittenen Vollbart und langes Haar, das herzergreifend rot war. Rot … Wie ihr eigenes Haar. Es wallte ihm auf die Brust hinunter. Hirka straffte die Lippen, damit sie aufhörten zu zittern.

Er blieb vor ihr stehen. Breitschultrig, aber mit schmalen Hüften. Sie hob den Blick. Die Stille verlangte nach Taten. Sie musste etwas sagen. Kein anderer sagte etwas. Alle warteten auf ihn. Dass er sie abschätzte. Sie verstieß oder aufnahm.

Er drehte sich zu den anderen um und breitete die Arme aus. »Haaaah!«

Hirka zuckte zusammen. Das war halb Lachen, halb Ausruf. Er warf den Kopf zurück und lachte noch einmal. »Haaaah!« Dann drehte er sich wieder zu ihr um. Sagte etwas, das sie nicht verstand.

»Sie spricht miserabel Umǫni«, sagte Skerri und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Mann ließ sich nichts anmerken. »Sie hat mein Haar!«, sagte er auf Ymsländisch. »Die Tochter meines Sohnes!«

»Und Augen wie ein Tier«, kam es von Skerri.

Hirka wünschte, sie wüsste, was sie Skerri getan hatte. Außer dass sie ein Herz mitgebracht hatte, das Skerri nur zu gern selbst herausgeschnitten hätte.

»Mein Haar …«, flüsterte er. Dann kämmte er mit den Klauen durch ihr Haar. Hirka presste die Arme an den Körper. Kämpfte gegen den Drang, ihn zu berühren.

»Seht!«, sagte er halb erstickt. »Seht, wie jung sie ist! Seht sie euch an!«

Er schlang die Arme um sie. Ihr Gesicht wurde gegen eine steinharte Brust gedrückt. Sie spürte, wie seine Finger sich um ihren Kopf legten. Sein Bart stach auf ihrer Kopfhaut. Er sog ihren Geruch ein. »Die Tochter meines Sohnes. Blut von meinem Blut.«

Er zog sich wieder zurück, ohne sie loszulassen. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht.

»Ich bin Raun«, sagte er. Der Name grub sich in ihr Herz und begann zu wachsen. Machte es ihr beinahe schwer, zu atmen.

»Ich bin Hirka«, antwortete Hirka.

»Und ob du das bist. Und ob du das bist«, erwiderte er, als hätte sie gerade gesagt, sie sei eine Göttin.

Der Moment wurde durch ein schneidendes Frauengelächter zerstört. »Das da? Das sollen wir Hods Haus präsentieren?«


Modrasmes Haus war eine siebenköpfige Familie, die Dienerschaft nicht mitgerechnet. Raun, der Rothaarige, war freundlich und gut aussehend. Seine Frau Uhere hatte kurzes schwarzes Haar und einen leichten Unterbiss. Der verlieh ihr etwas Grimmiges, als würde sie die ganze Zeit die Zähne zusammenbeißen. Raun und Uhere. Graals Vater und Mutter. Ihre Großeltern. Hirka wiederholte es in Gedanken immer wieder, aber es blieb trotzdem unwirklich.

Im Haus lebte auch Uheres Vater, Lug. Ein magerer Mann mit glattem Haar, das ihm ins Gesicht hing wie eine dunkle Gardine. Er hatte eine jüngere Frau, Cirra. Die beiden hatten eine gemeinsame Tochter, Vana, mit ihren 298 Jahren die Jüngste in der Familie. Bis Hirka aufgetaucht war natürlich.

Vana lag wie hingegossen in einem Sessel voller Tierfelle und spielte mit einer Halskette, die sie sich um den Finger wickelte. Sie hatte braunes, lockiges Haar und volle Lippen, die zu groß für das Gesicht wirkten.

Modrasme war das Oberhaupt der Familie. Über 3700 Jahre alt, aber ohne eine einzige Falte im Porzellangesicht. Sie würdigte niemanden eines Blickes. Saß nur auf einem hochlehnigen Stuhl da und starrte ins Leere. Ihr Silberhaar wallte bis hinunter zur Taille.

»Lasst mich sie sehen«, sagte sie schließlich. Raun führte Hirka zu ihrem Stuhl. Hirka wäre beinahe vor ihr auf die Knie gefallen, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. Sie lehnte sich etwas vor, auf Modrasmes erhobene Hand zu. Auf dem Gesicht der Frau, die dem Haus ihren Namen gegeben hatte, lag ein müder Ausdruck. Nicht erschöpft, eher so, als könnte nichts sie jemals beeindrucken. Sie legte eine kühle Hand an Hirkas Wange. Betrachtete sie eine Weile, dann seufzte sie und wedelte mit der Hand, als wollte sie alle wegscheuchen.

Das schien Skerri und Vana zu erheitern, denn sie lächelten einander zu. Auf welche Weise Skerri der Familie angehörte, blieb unklar für Hirka. Aber sie sprach, als wäre sie der Mittelpunkt. Hirka hatte Mühe, den Gesprächen zu folgen, bekam aber mit, dass sie sich offen über Hirkas Mängel unterhielten. Die Sprache. Die Augen. Die stockdürren Ärmchen. Die fehlenden Klauen … Hirka hasste es langsam, dass sie keine hatte. Die anderen sprachen über sie, als wäre sie nicht anwesend.

Ǫni übersetzte ihr alles. Sie flüsterte Hirka ins Ohr, sich offenbar nicht bewusst, wie weh die Worte taten.

Wie war es dazu gekommen? Wie war sie in eine Situation geraten, in der sie eine Art Rettung für eine totgeborene Familie war? Das waren Fremde! Mit fremden Leben und fremder Lebensart, und was ihnen wichtig war, zählte für Hirka nicht. Weder Haus noch Ehre. Für sie gab es nur eins, was zählte, und das war die Gabe. Das Wissen dieser Leute war der einzige Weg, den Schnabel zu verstehen.

Hirka beugte den Kopf zu Ǫni. »Sag ihnen, dass ich einen Seher treffen muss. Sag, dass es wichtig ist.«

Ǫni schüttelte den Kopf. »Andere Dinge sind viel wichtiger.«

Hirka bestand darauf. »Sag es.«

Ǫni übersetzte. Die anderen sahen sich an, als verstünden sie die Bitte nicht. Vana lachte hochmütig in ihrem Sessel, aus dem sie sich immer noch nicht erhoben hatte. Seltsam für eine Dreyri, nach allem, was Hirka gelernt hatte.

Es war Uhere, die antwortete. Ihre Großmutter, die aussah, als wäre sie um die dreißig Winter alt, und so sah sie sicher schon seit einer ganzen Ewigkeit aus. Das schwarze Stirnhaar hing ihr vor den Augen. Ein Anflug von Sorge streifte ihr Gesicht. Sie trug einen Halsschmuck, der erdrückend eng aussah.

»Kein Seher kann dir helfen bei dem, was du jetzt tun musst. Die Zeit ist knapp. Hods Haus weiß, dass du hier bist, und sie werden dich bald sehen wollen. Wenn wir Glück haben, kannst du bis dahin einen Satz auf Umǫni zustande bringen. Und wenn wir noch mehr Glück haben, kannst du dich bewegen und kleiden, wie es sich gehört. Bis dahin ist kein Platz für etwas anderes.«

Hirka blickte zu Boden.

Raun hob ihr Kinn mit einer Klaue an. »Kleinigkeiten. Sie wird bereit sein. Sie ist unser Blut. Unser jüngstes Blut.« Hirka bemerkte, dass Skerri und Vana sich Blicke zuwarfen.

»Du bist die beste Nachricht seit …« Raun vollendete den Satz nicht.

»Nicht für ihn«, kam es schnippisch von Vana, die zum anderen Ende des Raums nickte.

Ein glatzköpfiger Diener, den Hirka bisher noch nicht gesehen hatte, kam mit Kolail im Schlepptau herein. Der Gefallene blieb ein Stück vor ihnen stehen. Er machte ein Gesicht, als langweilte er sich. Nicht, als hätte er nur noch wenige Augenblicke zu leben.

Hirka merkte, wie es ihr kalt über den Rücken lief. Sie hatte so etwas wie einen Plan gehabt. Eine Idee, die sie noch vor einer Weile ganz brauchbar gefunden hatte. Jetzt zerrann sie wie feiner Sand.

»Keskolail! Komm!« Raun winkte ihn näher heran. Kolail gehorchte. Er vermied es, Hirka anzusehen.

»Skerri sagt, du hast einen Pfeil abgeschossen, es habe nicht viel gefehlt und du hättest eine Dreyri getroffen. Stimmt das?«

Kolail nickte. Hirka fiel die Kinnlade herunter. Hätte sie dichter bei ihm gestanden, hätte sie ihm einen Fußtritt versetzt. Konnte er nicht wenigstens versuchen, die Sache zu erklären?

»Und du hast es bei schlechter Sicht getan, in vollem Bewusstsein des Risikos?«

Kolail nickte wieder. Sein stahlgraues Haar stand in alle Richtungen ab, was von dem Wetter draußen zeugte. Hirka machte einen Schritt auf Raun zu. »Er musste. Er hat getan, was ihm befohlen worden war.«

»Ja, das will ich doch sehr hoffen«, erwiderte Raun. Skerri lächelte schief. Hirka war wie gelähmt. Wut und Verzweiflung brauten sich in ihr zusammen. Es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben, aber sie musste. Wenn sie ihren Gefühlen nachgab, hatte sie verloren.

Raun sah sie an. »Dies ist Dreysíl. Er wusste, was er tat, er kennt die Regeln. Aber du bist diejenige, die er belästigt hat. Wie also ist dein Urteil, Hirka?«

Hirka atmete tief ein, um ihren Herzschlag zu beruhigen. »Er hat sein Ziel getroffen. Im Schneesturm und aus großem Abstand«, sagte sie. »Das beweist, dass ich nie in Gefahr war. Er ist ein hervorragender Schütze, und wo ich herkomme, bestraft man die Leute nicht dafür, dass sie ihr Handwerk verstehen.«

Raun nickte und strich sich über den Bart, als würde er nachdenken. Skerri stöhnte resigniert. Öffnete den schwarzen Mund, um etwas zu sagen. Hirka sprach weiter, um ihr keine Möglichkeit zu geben, alles kaputt zu machen.

»Aber ich verstehe, dass Regeln befolgt werden müssen. Deshalb habe ich mir überlegt …« Sie schloss einen Moment die Augen. Unsicherheit war jetzt fehl am Platz. Sie musste deutlich werden. »Meine Strafe ist, dass er mir dienen soll. Er soll mich alles über das Leben und die Leute hier lehren. Alles, was ich wissen muss.«

Raun verschränkte die Arme vor der Brust. »Ǫni ist die beste Lehrerin, die du dir wünschen kannst. Du brauchst niemand anderen.«

Hirka hob das Kinn ein wenig an. »Ǫni kann mich über das Leben an der Spitze unterrichten. Ko… Keskolail kann mich über das Leben am Boden unterrichten. Nur ein Dummkopf würde eins von beiden ignorieren.«

Raun zog eine Augenbraue hoch. »Einer der Gefallenen hat dein Leben in Gefahr gebracht und du willst ihn bestrafen, indem du ihm das Leben schenkst?«

Hirka zuckte die Schultern. »Nach dem, was ich gehört habe, ist es sowieso kaum lebenswert. Warum es also nicht für etwas Nützliches verwenden?«

Raun warf den Kopf zurück. »Haaaah!« Sein Lachen war ein Siegessignal. Hirka versuchte, ihre Erleichterung zu verbergen. Sie wusste, dass sie gewonnen hatte.

»So, Keskolail«, sagte Raun. »Ich nehme an, wir brauchen mit diesem Urteil nicht vor den Rat zu treten. Nimmst du es an?«

Kolail nickte wieder. Das war alles, was er getan hatte, seit er gekommen war.

»Gut! Du kommst, wenn du gerufen wirst, und tust, was sie dir sagt, bis sie es für gut befindet, dich gehen zu lassen. Andere Gelegenheitsarbeiten darfst du weiterhin übernehmen, solange sie dich nicht braucht. Du darfst jetzt gehen.«

Kolail warf Hirka einen Blick zu. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie wusste, was er ihr zu sagen versuchte. Sie war eine Närrin. Sie hatte gewonnen, aber sie hatte Skerri getrotzt.

Dafür würde sie bezahlen müssen. Mochten die Götter wissen, womit.


Die Quelle

Rime war dem Netz aus Pfaden und Hängebrücken, das die Schwarzröcke angelegt hatten, so tief nach Blindból hinein gefolgt, wie es ging, aber noch bevor er den halben Weg nach Ravnhov hinter sich gebracht hatte, war auch damit Schluss. Danach musste er seinem Instinkt folgen, um durchs Gebirge zu kommen. Das türmte sich um ihn herum auf, in Windrichtung mit Streifen von Schnee. Das Gelände veränderte sich mit den Jahreszeiten. Was beim letzten Mal noch ein sicherer Weg gewesen war, konnte diesmal zur Todesfalle werden. Man musste aufpassen.

Die Kälte war weniger grimmig als noch vor einem Tag. Es war bald Frühlingsanfang, der Schnee war schon weitgehend geschmolzen. Zumindest ermöglichte er ihm das Vorankommen. Er ließ mit sich handeln.

Im Gegensatz zu Orja.

Die neue Mesterin der Schwarzröcke war unbeirrbar in ihrer Loyalität zum Rat. Er konnte sie auch nicht zu sehr unter Druck setzen, immerhin wohnte er sozusagen gnadenhalber im Lager. Er hatte gehofft, Ravnhov die Rettung zu bringen. Ein Heer schwarzer Schatten. Jetzt kam er mit nichts als schlechten Nachrichten. Mobilisierung in Mannfalla. Ein bevorstehender Krieg. Obwohl er nicht daran zweifelte, dass Eirik längst davon erfahren hatte.

Aber der Fürst auf Ravnhov war wenigstens der Einzige in ganz Ymsland, der sich darüber freuen würde, dass Rime noch lebte. Zusammen würden sie eine Lösung finden. Würden Freund von Feind trennen und Bündnisse schmieden, die Darkdaggar und Mannfallas Heer auslöschen konnten, und sich danach einem größeren Feind stellen.

Eirik hatte auch seine eigenen Leute, die hinter ihm standen. Er würde Rat wissen, wie Rime die Schwarzröcke zurückgewinnen konnte. Wie er Orja auf seine Seite bringen konnte. Das war der wichtigste Teil des Plans. Ohne Schwarzröcke brauchten sie es gar nicht erst zu versuchen.

Am Himmel zog es grau herauf. Rime wurde langsamer. Die Gegend war ihm bekannt, sie rührte an eine Erinnerung, bei der es ihm im Körper kribbelte.

Die Quelle.

Sie lag vor ihm in einer Senke. Der Schnee am Rand war geschmolzen. Dampf stieg aus dem grünen Wasser auf und verzerrte den Blick auf die Berge dahinter.

Er blieb stehen. Ein Schwarm Krähen flog krächzend auf und verschwand. Ihm war, als verschwände seine Kraft mit ihnen. Er blieb geschwächt zurück, mit Erinnerungen, die ihm das Herz schwer machten.

Dort an dem Stein hatte sie ihren Beutel abgelegt. Und gleich daneben hatte er seine eigenen Männer getötet. Launhug war im Wasser verblutet. Sie hatten ihr Leben geopfert, um einen Seher zu verteidigen, von dem er gewusst hatte, dass es ihn nicht gab. Die Schwarzröcke hatten die Leichen längst abgeholt. Alle Spuren hatte der Schnee zugedeckt.

Aber sein Körper erinnerte sich. Ein Stich in der Seite, dort, wo Stahl ihn aufgeschlitzt hatte.

Rime starrte auf das Wasser. Er hatte weiterwandern wollen, aber sie hatte darauf bestanden, wie nur sie es konnte. Hatte gesagt, sie müssten baden. Hatte mit Flöhen und Ungeziefer gedroht.

Seine Welt hatte in Trümmern gelegen. Den Seher gab es nicht, Urd hatte Ilume ermordet und Ravnhov war der einzige Ort, wo sie hinkonnten. Und sie sprach von Flöhen …

Er lächelte. Die Schwerter auf seinem Rücken wurden ihm plötzlich schwer. Damals war alles so hoffnungslos erschienen. Aber da hatte er nicht gewusst, wie hoffnungslos es noch werden konnte. So wie jetzt.

Er ging hinunter zur Quelle und setzte seinen Rucksack auf die Erde. Stellte die Schwerter gegen einen Stein. Er begann sich auszuziehen. Getrieben von dem Drang, Wärme zu spüren. In der Zeit zurückzugehen. Zu der Zeit, bevor sie sich von ihm abwandte. Vor Darkdaggar. Vor dem Schnabel.

Er legte seine Kleider zusammen und packte sie oben auf den Rucksack. Der Schnee schmolz um seine nackten Füße. Er ließ sich vorsichtig ins Wasser hinab. Es brannte auf der Haut. Liebkoste ihn und bestrafte ihn. Rime schloss die Augen. Lag da zwischen Wärme und Kälte. Zwischen Wasser und Schnee.

Hier hatte sie auch gelegen. In demselben Wasser. Das Mädchen, das die Welt auswrang wie einen Lappen. Das Mädchen, für das er so unglaublich viele Dummheiten begangen hatte. Das Mädchen, das er geküsst hatte.

Sein Körper erwachte. Wurde hart. Er erinnerte sich. Ihre Lippen auf seinen. Ihre Hand, die ihm über den Nacken strich, auf der Jagd nach nackter Haut. Jetzt hasste sie ihn, aber das war nicht immer so gewesen.

Leid und Lust vermischten sich in seinem Körper. Wurden zu einem Drang, der nach Linderung verlangte. Zu einer Forderung, die er erfüllen musste. Sie hatte ihn gewollt, damals. Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie miteinander geschlafen, auf der Stelle. Er wusste es.

Rime führte die Hand zum Schritt. Spürte ein Jucken im Hals.

Im Hals …

Graal!

Aus dem Jucken wurde Schmerz. Ein ganz anderer Schmerz. Ein anderes Fordern. Sein Puls ging schneller. Ob deswegen, weil er hart oder entsetzt war, das wusste er nicht. Der Kontrast verursachte ihm Übelkeit. Er warf sich im Wasser herum, griff nach seinen Kleidern und fand die kleine Flasche von Damayanti. Blindenblut. Rabenblut. Und die Götter mochten wissen, was noch alles.

Was soll ich sagen?

Damayanti hatte sicher bereits von Darkdaggar erzählt und dass Rime keinen Stuhl mehr im Rat hatte. Es war sinnlos, das verheimlichen zu wollen. Wie wütend ihn das gemacht hatte, blieb abzuwarten.

Rime biss die Zähne zusammen. Versuchte, sich gegen das Unausweichliche zu wehren. Sich selbst zum Aushalten zu zwingen. Eine Illusion von Kontrolle zu schaffen. Es war zwecklos. Je länger er wartete, desto schlimmer wurden die Schmerzen.

Er umarmte. Öffnete den Mund. Ließ ein paar Tropfen in den Hals fallen und spürte, wie der Schnabel zum Leben erwachte. Das Ding bewegte sich wie ein Tier. Er bezwang seine Übelkeit. Spuckte Blut.

»Graal …«

Er zog sich aus dem Wasser. Verharrte auf allen vieren im Schnee. Die Worte pressten sich aus seinem Hals hervor, als wären es seine eigenen.

»Wann ungefähr hattest du vor, es mir zu erzählen?«

Rime stieß ein keuchendes Lachen aus. »Was denn? Such dir was aus, es ist genug da«, antwortete er.

»Rime, ich bilde mir ein, dass ich nicht zur Schadenfreude neige, und es gibt unter diesen Umständen auch wirklich wenig, um sich darüber lustig zu machen. Aber was habe ich dir gesagt? Habe ich nicht gesagt, dass du mit jedem Tag, den du weg bist, an Macht verlierst? Habe ich nicht gesagt, dass du niemals hättest kommen dürfen?«

Rime zwang ein tiefes Husten herauf, als könnte das die Qualen lindern. Er wusste nur allzu gut, dass er ihm ausgeliefert war. Nackt und machtlos im Schnee. Er war es gewohnt, kämpfen zu können. Auf das einschlagen zu können, was ihn bedrohte. Aber das hier war unmöglich zu besiegen. Dieses Gefühl war neu und es machte ihn wütend.

»Schwer zu sagen«, erwiderte er. »Du bist jemand, der gern redet, und hast eine Menge gesagt.«

»Das ist kein Spiel!«

Der Schnabel öffnete sich. Rime griff sich an den Hals. Hustete Blut. Roter Regen im Schnee. Es blieb eine Weile still.

»Rime … Ich wünschte, ich wäre dir nie begegnet. Dann wäre es einfacher. Aber so, wie es jetzt ist, möchte ich dich gerne schonen. Aus Respekt. Vor dir und vor ihr. Das hier muss nicht schwierig sein.«

Rime fiel vornüber in den Schnee. »Respekt? So nennst du das? Aus Respekt vor ihr hast du sie zum Draumheim geschickt?«

»Zu ihrem eigenen Volk, Rime. Das ist ihr Zuhause. Sie wird hohes Ansehen gewinnen. Wird unser Haus erheben. Sie wird es besser haben, als sie es an irgendeinem anderen Ort haben könnte. Und glücklicher werden, als du sie je machen kannst.«

»Ansehen?« Rime lachte grimmig. »Du glaubst, das macht sie glücklich? Du kennst sie überhaupt nicht, ist dir das klar?«

»Ich bin ihr Vater.«

»Du bist ein Drecksack.«

Rime wartete auf eine Welle von Schmerz, aber sie kam nicht. Er rollte sich auf den Rücken und legte den Arm übers Gesicht. Die Kälte begann, sich unter seine Haut zu fressen.

»Sollen wir es später noch einmal versuchen, wenn du dich besser benehmen kannst, Rime?«

Rime spürte seine Lippen zucken, aber er antwortete nicht. Seine Wut wurde von der Gabe angefacht. Wuchs mit jedem Herzschlag.

Graal sprach weiter, als hätte er gesiegt. »Du hast deine Macht verloren. Damit machst du es mir schwerer. Jetzt musst du dafür sorgen, dass Darkdaggar nicht die Kontrolle über die Schwarzröcke gewinnt.«

»Glaubst du, ich bin ein Idiot?« Rime schluckte Blut. Er war nicht überrascht, dass sie dasselbe Ziel hatten. Keiner von ihnen wollte den Schwarzröcken auf dem Schlachtfeld begegnen.

Graal seufzte. Linderte den Schmerz wie eine kühle Brise. »Ohne mich wärst du zweifellos einer. Sei froh, dass du den Schnabel genommen hast. Ich kann dich wenigstens am Leben erhalten.«

Rime kroch wieder hinunter zum Wasser.

Am Leben … Wie lange? Bis der Krieg vorbei ist? Bis ich das getan habe, wozu du mich brauchst?

Er war ein Werkzeug. Eine Waffe. Ein Sklave. Aber wenn Graal glaubte, er würde aus Furcht vor Schmerzen für die Blinden kämpfen, dann hatte er sich geschnitten.

»Du hörst bald von mir«, sagte Graal. »Und dann erwarte ich, dass du die Schwarzröcke wieder unter deiner Kontrolle hast und dass sie bereit sind, gegen den Rat zu kämpfen.«

Die Wahrnehmung von Graal verschwand. Rime war wieder allein. Er sank ins Wasser hinab. Holte sich die Wärme zurück in den Körper. Aber er konnte nicht aufhören zu zittern.


Auf dem Grund

»Die ersten Familien wohnen immer noch ganz oben, sieh mal.« Ǫni zeigte hinauf zum Rand des Kraters. »Das sind die ältesten Gebäude in Ginnungad.«

Hirka legte den Kopf zurück und versuchte hinaufzuschauen, ohne dass jemand ihr Gesicht unter der Kapuze sah. Das war eine absolute Bedingung, um sich draußen aufzuhalten.

Die Häuser, von denen Ǫni sprach, lagen in großen Höhlenöffnungen am Nordende der Kraterwand. Hochgereckt und bizarr, als wären sie von selbst aus dem Fels gewachsen.

Von der Gabe geschaffen.

Sie folgten dem Weg, der sich in einer Spirale den Krater hinabschraubte. Ǫni blieb stehen. »Da. Die Redenzunge.« Sie zeigte auf etwas, das an den Anfang einer Brücke erinnerte. Es ragte wie eine Zunge aus der Felswand, ein Stück weiter unten im Krater. »Von dort werden alle Ausrufe gemacht. Von dort wird die Nachricht über dich verkündet werden, falls sie dich akzeptieren.«

Hirka starrte auf die graue Steinzunge. Sie sah eher aus wie eine Stelle, von der man sich in den Tod stürzte, als wie eine, an der man Reden hielt. Obwohl, für sie waren die beiden Möglichkeiten einerlei.

Die Redenzunge lag viel zu tief unten, um ein Teil des regierenden Hauses zu sein, das sich ganz oben befand. »Ich dachte, sie gehört zu Hods Haus?«

»Das tut sie auch«, erwiderte Ǫni. »Alles, was du zwischen ganz oben und der Redenzunge siehst, ist Hods Haus.«

»Ah …«

Kolail räusperte sich, als wollte er etwas sagen, aber er tat es nicht. Er folgte ihnen wie ein Schatten, immer dicht auf den Fersen. Er war der Einzige, der sie begleiten konnte. Hungl und Tyla waren als Diener von Modrasmes Haus bekannt und hätten unerwünschte Aufmerksamkeit erregt. Hätten die Leute neugierig auf das Mädchen unter der Tunika gemacht. Einen Gefallenen dagegen sah niemand an. Höchstens mit Abscheu.

Zwei Frauen kamen ihnen entgegen. Sie trugen einen bunten Teppich zwischen sich. Ǫni gab ihr ein diskretes Handzeichen und Hirka senkte den Kopf. Sah zu Boden, während die Frauen vorbeigingen.

»Das ist sinnlos«, flüsterte Hirka. »Ich bin kein Geheimnis mehr.«

Die Familie hatte in den letzten Tagen eine Reihe von Einladungen und Geschenken erhalten. Vieles deutete darauf hin, dass ein Gerücht die Runde gemacht hatte. Das Gerücht, dass etwas geschehen war. Etwas, das den Rang von Modrasmes Haus ändern würde.

Ǫni lächelte angestrengt und wartete, bis die Frauen ein gutes Stück entfernt waren, bevor sie antwortete. »Du bist mit dem Schicksal der Leute verbunden. Mit den Steintoren und der Gabe. Du bist die größte und entscheidendste Nachricht seit dem Krieg!« Sie warf einen Blick in die Runde. Senkte die Stimme wieder. »Du bist Graals Tochter. Was glaubst du, was Hods Haus sagen würde, wenn andere dich vor ihnen sehen würden? Das ist ausgeschlossen! Benutze deinen Verstand, Hirka!«

Hirka hatte das schon gehört. Viele Male. Die Begegnung mit Hods Haus war alles, worauf sie warteten. Alles, worauf sie sich vorbereitete. Sie würde Naiells Herz als Geschenk mitbringen und ein Gegengeschenk erhalten. Etwas, das größer war, als sie sich vorstellen könnte, hatte man ihr gesagt. Es sollte wohl spannend klingen, aber ihr verursachte es Gänsehaut. Hirka sah dem Treffen und dem Geschenk ungefähr ebenso freudig entgegen, wie sie es bei ihrem Ritual getan hatte.

»Dann lass uns zu den Höhlen gehen«, sagte sie. »Dort sind keine Dreyri. Niemand, der sich für uns interessiert.«

Ǫni rieb sich nervös die Hände, zerrissen zwischen dem Drang, sie zurechtzuweisen, und der Pflicht, zu dienen. Zwischen Ablehnung und Gehorsam. »Ich verstehe nicht, was du dort willst, da sind nur Ratten und Pilze. Und das Südende ist kein Ort für dich, das hast du doch wohl gesehen, als du gekommen bist? Außerdem habe ich immer noch nicht mit dem Schneider gesprochen oder …«

»Ǫni, wenn ich nicht bald etwas sehe, was wächst, verliere ich noch den Verstand.«

Ǫni seufzte. »Keskolail, weißt du von diesen Erdhöhlen? Kennst du den Weg?«

Es gab Hirka jedes Mal einen Stich, wenn jemand seinen Namen verhunzte. Mit dem kleinen Wort, das so viel sagte. Dass er ein Gefallener war. Dass er getötet hatte. Und dass nichts, was nach Kes kam, von Bedeutung war.

Kolail nickte, anscheinend unberührt von dem, was sie so ärgerte.

Er führte sie in eine Straße, weg vom Krater, und nahm eine Reihe von Abkürzungen. Schmale Treppen und Seilaufzüge, die zwischen den einzelnen Ebenen verliefen.

Hirka hatte immer noch Mühe zu begreifen, wie Hilfsmittel in dieser Welt betrachtet wurden. Pferde waren nicht gut, weil sie zu nutzen hieße, dass man schwache Füße hatte. Dass man nicht imstande war, selbst zu gehen. Mit Seilaufzügen war das etwas anderes, denn fliegen konnte ja niemand. Das zuzugeben, war keine Schande.

Manche Werkzeuge waren beschämender als andere. Messer waren beispielsweise ein Eingeständnis, dass die Klauen nicht scharf genug waren, während gegen einen Pinsel wenig einzuwenden war. So ließen sich alle Waffen und Werkzeuge danach einordnen, wie beschämend es war, sie zu benutzen.

Dasselbe galt für die Kleidung. Sich einen dicken Pelz anzuziehen hieß, dass man zugab, in seiner eigenen Haut nicht überleben zu können, während ein dünner Umhang eher schmückend sein konnte. Man konnte Türen abschließen, weil man unersetzliche Dinge besaß, die nicht zerstört werden durften, aber man konnte keine Türen abschließen, weil man Angst hatte, überfallen zu werden. Balkons hatten kein Geländer. Sie ragten wie Lippen aus dem Fels, weil niemand Angst hatte, hinunterzufallen. Zumindest würde es sich niemand anmerken lassen, falls es doch so war.

Es war ein ewiger Balanceakt zwischen Überleben und Angeben. Ginnungad brodelte vor Hochmut.

Kolail führte sie durch eine schmale Gasse, die in die Südstraße mündete. Hirka erkannte eine schräge Brücke, die sie schon an dem Abend bemerkt hatte, als sie hier angekommen waren. Das war alles, was sie sah, bevor Kolail sie in einen Tunnel führte. Er vergrößerte sich und wurde zu einer weiteren Straße. Keine offene Schlucht, sondern eine von denen, die im Berg lagen. Lichter glühten aus offenen Fenstern. Nur einige hatten Glasscheiben und es wurden immer weniger, je weiter sie gingen. Es wurde wärmer, ohne dass Hirka Feuerstellen sah. Aber inzwischen hatte sie gelernt, warum das so war. Die Wärme stammte von heißen Quellen in der Nähe des Gletschers und wurde durch Kanäle verteilt. Ein launisches System. Es gab Straßen, wo sich das Eis an die senkrechten Felswände klammerte, und andere, wo es von oben abschmolz und heruntertropfte.

Je weiter sie kamen, desto mehr Leute waren auf den Straßen und sie trugen immer bessere Kleidung. Es waren weniger nackte Bäuche und blau gefrorene Beine zu sehen. Vielleicht hatten sie es aufgegeben, sich hier zu verstellen? Waren aus dem Wettbewerb ausgestiegen?

Ǫni wurde langsamer und blickte sich um. Sie fühlte sich sichtlich unwohl. »Sind wir hier sicher?« Sie sah Kolail an.

Er verzog keine Miene. »Manche von uns wohnen hier und wir leben noch.«

Hirka stellte sich neben ihn. »Wohnst du hier? Zeigst du mir, wo?«

Er antwortete nicht. Hirka sah sich um. Baufällige Häuser aus Stein und Holz kletterten die Höhlenwände hinauf, als hätte ein betrunkener Riese sie übereinandergestapelt. Aus den Bierstuben drang Lärm und Geschrei. Sie hatte Bettler erwartet, sah aber keine. Armut hatte in Ginnungad ein anderes Gesicht als in Ymsland.

»Da«, sagte Kolail nach einer Weile. Es klang eher wie ein Grunzen. Er nickte zu einem Haufen aus Hütten, der fast bis zur Höhlendecke reichte.

»Welche davon?«

»Die mit den Fensterläden«, sagte er. »Wo du nicht hineinsehen kannst, weil der, der darin wohnt, es nicht mag, wenn Leute ihre Nase in Sachen stecken, die sie nichts angehen.«

Sie verstand den Wink und fragte nicht weiter. Sein Atem roch nach süßlichem Rauch, deshalb vermutete sie, dass er eine lange Nacht gehabt hatte.

Die Straße schraubte sich weiter hinab. Die Luft wurde warm und feucht. Der Weg endete an einem länglichen Raum mit einer Reihe von Grotten an jeder Seite. Eine Gruppe von Aufsehern hing vor der nächstgelegenen Öffnung herum. Als sie Ǫni bemerkten, nahmen sie Haltung an. Ǫni ging mit der größten Selbstverständlichkeit an ihnen vorbei und in eine der Grotten hinein. Hirka folgte ihr mit Kolail. Dort drinnen war es warm wie in einem Gewächshaus. Und es gab Beete. Beete voller Erde, dunkler, wunderbarer Erde. In langen Reihen und steilen Terrassen. Als Hirka den Duft roch, spürte sie einen Kloß im Hals. Sie kämpfte gegen den Drang, auf die Knie zu fallen und in der Erde zu graben.

Zwischen den Beeten gingen Umpiri, die sich um die Pflanzen kümmerten. Sie erkannte Pilze, Wurzeln, Zwiebelgewächse … Einige der Arbeiter hatten sich Körbe umgehängt, in die sie die Ernte legten. Die Leute waren mager und ihre Rücken krumm von jahrelanger Arbeit.

Mein Volk hungert.

Graals Worte. Sie hatte angenommen, dass er meinte, es hungere nach der Gabe, aber vielleicht war es viel einfacher als das.

»Hast du gesehen, was du sehen wolltest?« Kolail klang barsch. Angespannt.

Hirka sah ihn an. »Was ist?«

»Wir sollten nicht hier sein.«

Hirka blickte sich um und begriff, was er meinte. Mehrere der Arbeiter hatten innegehalten. Ihre Blicke folgten Ǫni, die zwischen den Beeten herumspazierte, als würden sie ihr gehören. Hoch aufgerichtet wie eine Dreyri. Gekleidet in eine Dienerschaftstunika, die offenbar den höheren Häusern vorbehalten war.

Hirka ging zu ihr. »Ǫni …«

Als Ǫni sich umdrehte, zerplatzte ein Ball aus Erde auf ihrem Gesicht. Sie schrie auf. Humus rieselte auf ihre Brust und blieb in den Falten ihrer Tunika liegen.

Ein Aufseher kam angelaufen. Er packte einen glatzköpfigen Mann, nahm ihn in den Würgegriff und drückte ihm das Kinn hoch. Der Mann leistete keinen Widerstand. Seine Augen waren schwarz. Leer. Er drohte zu ersticken. Hirka zerrte an Ǫnis Arm. »Halt ihn auf! Sag ihm, er soll aufhören!«

Ǫni riss die Augen auf. »Aufhören?! Sieh mich an! Sieh, was er unserem Haus angetan hat!«

Hirka blickte in ihre Augen. Fremd. Weiß. Die Wangengrübchen, die ihrem Gesicht einen Ausdruck von Wärme verliehen hatten, wirkten plötzlich grotesk. Zwischen ihr und Ǫni gähnte ein Abgrund. Ǫni, die von allen Blinden, die Hirka kennengelernt hatte, noch am ehesten an einen Ymling erinnerte. Trotzdem würden sie einander nie verstehen können. Und jetzt hatte sie keine Zeit, es zu versuchen.

»Ǫni, sag ihm, er soll den Mann loslassen, oder ich zeige mein Gesicht. Ich meine es ernst.« Hirka legte eine Hand an die Kapuze, bereit, ihre Drohung wahr zu machen.

Ǫni fauchte ein paar Worte auf Umǫni. Worte, die Hirka zum Glück noch nicht gelernt hatte. Der Aufseher sah sie verwundert an, ließ den Mann aber los. Ǫni lief mit wehender Tunika zum Ausgang.

Kolail schob Hirka vor sich her aus der Erdgrotte. Er blieb dicht hinter ihr, wie um sie zu beschützen. Sie blickte zurück. Der glatzköpfige Mann rang nach Luft. Rieb sich den Hals, während er ihnen nachschaute. Dann erstarrte er, als hätte er ein Gespenst gesehen. Hirka erkannte, welchen Fehler sie gemacht hatte.

Sie hatte nicht nachgedacht. Hatte es vergessen. Mitten in all dem Aufruhr hatte sie genau das getan, womit sie eben gedroht hatte. Sie hatte seinen Blick erwidert.


Sie gingen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Ǫni sagte kein einziges Wort. Ihre Grübchen waren tief und grimmig. Hirka versuchte, ihre Angst zu bezwingen. Sie weigerte sich, es zu bedauern. Sie würde sich nicht einreden lassen, dass sie etwas Falsches getan hatte. Ganz egal, wie Ǫni das sah. Ganz egal, wie jeder einzelne Umpiri in Ginnungad das sah.

»Warte …« Hirka wischte Erde von Ǫnis Tunikarücken. Die gebildete Dienerin schien einen Moment lang mit sich zu kämpfen. Dann senkte sie die Schultern. »Du hast viel zu lernen, das weiß ich. Das verstehe ich. Aber wie soll ich dir etwas beibringen, wenn du nicht auf mich hören willst?«

»Ich werde nie lernen, unschuldige Leute zu bestrafen, Ǫni.«

»Unschuldige? Er war alles andere als unschuldig! Hast du keine Augen im Kopf?!«

Kolail stand neben ihnen und beobachtete sie verstohlen.

Ǫnis Blick irrte hin und her. Was leicht zu übersehen war, da es nur die wechselnden Reflexe in den weißen Augen verrieten. »Hirka, ich werde deiner Familie nicht erzählen, was heute vorgefallen ist. Ich bin bereit, es deiner Unwissenheit zuzuschreiben. Du verstehst nicht, wie die Dinge hier funktionieren.«

Hirka hätte beinahe verächtlich geschnaubt. Wenn Ǫni den Mund hielt, dann eher aus eigenem Interesse als Hirka zuliebe, da war sie sich ziemlich sicher.

»Ich verstehe nicht, wie die Dinge irgendwo funktionieren, Ǫni. Nicht hier. Nicht bei den Menschen. Und nicht bei den Ymlingen, obwohl ich dort aufgewachsen bin. Das Einzige, von dem ich weiß, wie es funktioniert, ist das hier.« Sie schlug sich mit der Faust gegen den Brustkorb über dem Herzen. »Und ich weiß, dass man niemanden umbringt, nur weil er mit Erde geworfen hat!«

»Es geht hier nicht um Erde!«

Die Leute auf der Straße drehten die Köpfe. Kolail legte eine Hand auf Hirkas Rücken. Führte sie und Ǫni zwischen zwei Stände, die Säcke und Wanderstäbe verkauften. Ǫni senkte die Stimme und wiederholte: »Es geht nicht um Erde. Es geht darum, dass sie sich Dinge erlauben, die sie früher nie getan hätten.«

»Wer tut das? Und warum?«

Ǫni holte tief Luft. »Du musst wissen, dass sich die Dinge über einen langen Zeitraum verändert haben. Angefangen hat es in der Nachkriegszeit, als man nach der Gabe gegraben hat. Viele hohe Häuser sind so nah wie möglich an die Grabungen gezogen und haben die Hauslosen verdrängt. Plötzlich war es nicht mehr so, dass nur die Mächtigen hoch oben wohnten. Die Leute wohnten gemischt. Seitdem ist nichts mehr, wie es mal war, obwohl eine Art Ordnung wiederhergestellt wurde.«

Hirka sah aus den Augenwinkeln, dass Kolail zuhörte. Ǫni sprach leise weiter. »Und ohne Gabe hat der Handel gelitten. Gabenglas und Kunstwerke, die vor dem Krieg geschaffen worden waren, werden gestohlen, niedergerissen und in alle Welt verkauft. Die Preise sind absurd hoch, weil alle wissen, dass es keinen Nachschub mehr geben wird. Mit den Fenstern in deinem Schlafzimmer könnte man einem ganzen Stadtteil den Lohn zahlen und die Elenden wissen das! Verstehst du, was ich meine? Es wird immer schlimmer.«

Hirka hatte den Verdacht, dass sie es besser verstand als Ǫni selbst, aber das sagte sie nicht.

»Wieso wird es schlimmer?«

Ǫni warf einen Blick zu Kolail. Er schnaubte. »Glaubst du, ich weiß das nicht?«

Hirka sah die beiden an. Versuchte, wie die Umpiri zu denken. Es so zu sehen wie sie. Und sie begriff.

»Kann sein, dass du es weißt, Kolail, aber Ǫni möchte nicht, dass du es aus ihrem Mund hörst.«

Kolail trat dicht an sie heran und knurrte: »Dann sage ich es für sie! Die Elenden tun Dinge, die sie früher nie getan haben, weil sie es können. Die Dreyri waren seit den Ersten immer die Überlegenen. Waren fruchtbarer und hatten Verbindungen zu den Raben. Die oberen Häuser waren den unteren überlegen. Und die unteren Häuser den Hauslosen. So ist es immer gewesen. Aber ohne Gabe sind sie nicht besser als wir anderen. Weder stärker noch mächtiger. Ohne die Gabe sind wir gleich.«

Die beiden Blinden starrten einander an wie Wildkatzen. Keiner von ihnen war Dreyri, aber trotzdem betrachteten sie sie auf ganz verschiedene Weise.

Und ich? Was bin ich?

Ǫni legte vorsichtig eine Hand auf Hirkas Rücken, wie um sie von ihm wegzuführen. »Du spielst mit deinem Leben, Keskolail«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Kolail antwortete nicht. Hirka hatte den Verdacht, dass er dem Tod schon oft ein Schnippchen geschlagen hatte. Er sah sie an. »Kann ich gehen?«, fragte er. Seine Bitterkeit war unmöglich zu überhören. Sie nickte und schluckte ein Gefühl von Scham hinunter, dass sie diejenige war, die ihm die Erlaubnis geben konnte. Er drehte ihnen den Rücken zu und ging.

Die Stille zwischen ihnen war den ganzen Heimweg über frostig. Hirka hatte gehofft, es würde besser werden, wenn sie angekommen waren, aber dort war es noch schlimmer. In Modrasmes Haus war es still wie im Draumheim.

Was ist passiert?

Skerri stand mit verschränkten Armen am Fenster und sah hinaus. Sie würdigte sie kaum eines Blickes. Raun lehnte am Tisch. Sein rotes Haar spiegelte sich im schwarzen Glas. Er nahm eine Art Scheibe hoch und reichte sie Hirka.

»Gratuliere«, sagte er. Es klang nicht so, als ob er es ernst meinte.

Hirka nahm sie entgegen. Es war eine dünne, runde Scheibe aus einem seltsamen Material, irgendetwas zwischen Glas und Stein. Gabenglas.

Buchstaben, die sie nicht deuten konnte, waren in die Oberfläche geritzt.

Sie zwang sich zu fragen. »Was ist das?«

Raun richtete sich auf. »Eine Einladung. Die Zeit ist gekommen, Hods Haus kennenzulernen.«

»Die erste, die wir seit dem Krieg erhalten haben«, kam es von Skerri am Fenster. Das ascheartige Glas warf lange Schatten.

Hirka starrte auf die Symbole. Unverständliche Zeichen, die ineinanderzufließen schienen. Ihre Hand zitterte. Sie spürte einen scharfen Schmerz im Finger. Ein Tropfen Blut quoll hervor. Sie hatte sich an der Kante geschnitten.


Glück gehabt

Der Sturm tobte. Schnee vom Gletscher peitschte in unregelmäßigen Abständen gegen das Fenster. An Schlaf war nicht zu denken.

Hirka starrte hinauf an die Decke. Sah ihr Spiegelbild in poliertem Stein. Alles war schwarz. Die Zimmerdecke. Die Bettdecke. Das Kopfkissen. Der hängende Schlafkorb. Das Einzige, was herausstach, war ihre Haut. Und das rote Haar, das über das Kissen floss. Es sah aus, als wäre sie im Begriff zu ertrinken, in einem unendlichen, schwarzen Meer.

Falls sie ertrank, müsste sie wenigstens am Morgen nicht aufstehen. Nicht Hods Haus besuchen.

Kopfschmerz hämmerte hinter den Schläfen. Das Ergebnis des tagelangen Paukens von Sprache, Namen und Benehmen. Von allem, was sie tun und nicht tun sollte, wenn sie vor Hod und Tyr aus dem regierenden Haus stand. Sie hatte sie noch nicht getroffen, hasste sie aber bereits. Weil niemand von etwas anderem sprach. Weil sie ihretwegen schlaflos wach lag.

Aber das tat der Schneider wohl auch. Er hatte versprochen, das Kleid bis morgen fertig zu haben. Kleid … Allein bei dem Wort bekam sie schon Juckreiz. Sie wälzte sich auf die andere Seite.

Dieser Besuch war so unbegreiflich wichtig für alle. Eine Hoffnung, das Haus zu einer Größe zu erheben, die sie einmal besessen hatten. Es war beinahe tragisch. Aber Hirka hatte Graal versprochen, ihnen die Ehre zurückzubringen.

Und die Gabe …

Ein Versprechen, das sie wahrscheinlich nie würde halten können. Ein Versprechen, das durch Kolails Worte komplizierter geworden war. Die Gabe war das, was die Unterschiede in dieser Gesellschaft bewirkte. Die Gabe bestimmte den Rang und sie bevorzugte die Dreyri. War es da nicht eigentlich gut, dass sie sie nicht mehr hatten?

Ihre Gedanken kreisten. Sie war übermüdet.

Nur Raun glaubte, dass sie ihre Sache bei Hods Haus gut machen würde, niemand sonst, das wusste sie. Skerri am allerwenigsten. Hirka war sich nicht sicher, was schlimmer war: die Erwartung, dass sie die Ehre einer Familie wiederherstellen würde, oder die Drohungen von denen, die glaubten, sie werde versagen?

Der Preis fürs Versagen ist der höhere.

Falls sie versagte, würde Graal andere Wege finden. Sich Ansehen kaufen, indem er Umpiri durch die Steintore schickte. Zur Gabe. Wie viele? Nur die Familie oder ganz Ginnungad? Jeden einzelnen Totgeborenen in Dreysíl, nach Ymsland hinein?

Und was würde er mit Rime machen?

Hirka griff sich an den Hals. Stellte sich vor, wie es sein musste, einen Schnabel dort drinnen zu haben. Knochen von einem toten Raben. Sie erinnerte sich an den Geruch von Urd, damals auf dem Bromfjell. Das halb verfaulte Loch in seinem Hals … Es schnürte ihr das Herz zusammen.

Es musste eine Möglichkeit geben, ihn zu retten. Wenn sie ihr nur erlaubt hätten, den Seher zu treffen. Einen, der wusste, wie. Vielleicht war es Graal, der im Weg stand? Er wollte natürlich nicht, dass sie Rime befreite.

Hirka presste die Hände an den Kopf. Zu viele Erwartungen. Niemand, dem sie vertrauen konnte.

Sie setzte sich auf. Das Bett begann zu schaukeln. Sie robbte zum Fußende und kletterte hinaus. Ging zum Fenster und legte die Stirn an das kühle Glas. Von der Gabe geschaffen. Mit Asche gesprenkelt. Mit den Händen geformt, aus lebendem Stein und mehr wert, als sie sich vorstellen mochte.

Sie hielt es hier drinnen nicht mehr aus. Sie musste raus. Ausflüge auf den Balkon waren alles an Frischluft, was sie seit der Einladung bekommen hatte. Das hier war ein Gefängnis. Ein sehr üppiges Gefängnis.

Hirka zog ihre Sachen an. Ihr eigenes Strickhemd und ihre eigene Hose. Dann streifte sie die Tunika über und setzte die Kapuze auf. Steckte das Messer in die Socke.

In den letzten Nächten hatte es Unruhen in der Stadt gegeben. Hauslose hatten Fenster eingeschlagen. Hatten gestohlen, was einen Wert besaß, und wertlose Sachen verbrannt. In vielen der Straßen waren Wachen unterwegs, aber Ginnungad war eine große Stadt, deshalb hatte es nicht viel geholfen.

Das ist meine Schuld.

Hirka wusste, dass sie gesehen worden war. Sie war der Beweis dafür, dass die Tore wieder offen waren. Etwas braute sich zusammen und die Umpiri konnten es riechen.

Aber sie würde nicht lange draußen bleiben. Nur einen kleinen Spaziergang machen, um den Kopf frei zu bekommen. Sie würde die Leute meiden. Und gefährliche Gegenden auch.

Sie öffnete die Schiebetür einen Spalt. Schaute hinaus auf den Flur. Sie hörte, wie Vana in ihrem Zimmer kicherte. Dann ein weiches Stöhnen. Gesehen hatte sie Vanas Freund noch nicht, ihn nur nachts gehört. Besser, sie nahm einen anderen Weg.

Den Balkon.

Sie zog ihre Stiefel an, griff nach dem Wanderstock und öffnete die Balkontür. Sie musste sich wegen des Sturms kräftig dagegenstemmen, bis sie auf die glatte Steinlippe hinaustreten konnte. Der Weg darunter war rutschig vom Schneematsch, aber breit genug. Sie konnte es schaffen, ohne über die Kante zu rutschen und auf dem Boden des Kraters zu landen. Nicht, dass das schlecht gewesen wäre. Dann müsste sie nicht Hods verdammtes Haus besuchen.

Hirka sprang auf den Weg und ging eine Treppe hinunter zur nächsten Ebene. Dort war es ruhiger, obwohl sie das Unwetter oben auf dem Eis immer noch hören konnte. Sie bog in die nächstgelegene Spalte. Eine der größten Straßen.

Sie musste vorsichtig sein. Sich an sichere Orte halten. Aber das Freiheitsgefühl war so berauschend. Wimpel flatterten an den Brücken. Dampf aus den Wärmeschächten zischte aus Rissen in den Wänden, die sie zu meiden gelernt hatte. Selbst jetzt in der Nacht waren Leute unterwegs. Kneipen verkauften Tabakwaren und Getränke. Ein Glasbläser arbeitete noch, die Tür weit geöffnet. Und je weiter sie ging, desto lebhafter wurde es. Hunde bellten. Aus den Bierstuben kam Musik und Gesang. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie die Geräusche an sich gedrückt, um sich über die Dinge zu freuen, die in allen Welten gleich waren. Sogar hier, wo die Leute Tausende von Jahren alt wurden und mit Klauen aßen. Und dennoch tranken sie wie alle anderen. Spielten. Rauchten. Liebten sich. Und sie riefen und schrien.

Schrien?

Hirka blieb stehen. Sie hörte das Geräusch von splitterndem Glas. Leute rannten vorbei und rempelten sie an. Die Rufe nahmen zu und sie zog sich in eine winzige Gasse zurück. Die war kaum breiter als sie.

Aufruhr … Und sie hatte sich mitten hinein verlaufen. Angst packte sie. Sie war viel weiter gegangen, als sie vorgehabt hatte. Sie musste zurück!

Sie machte vorsichtig einen Schritt auf die Straße hinaus. Brennende Fetzen regneten vor ihr herab. Sie wich wieder in die Gasse zurück, presste sich in die Dunkelheit. Die Geräusche, über die sie sich eben noch gefreut hatte, waren verstummt. Jetzt waren da Geräusche von Angst. Von Wut. Von Leuten, die vorbeirannten. Manche mit Tropfen auf der Stirn, manche ohne. Wächter und Gesetzlose wild durcheinander. Wer war Aufrührer und wer konnte ihr helfen? Das ließ sich unmöglich sagen.

Es war zum Verzweifeln. In weniger als einem Tag sollte sie vor Hod und ihr Haus treten und noch immer verstand sie nicht, wer in dieser Stadt wer war. Noch immer war sie eine Fremde. Dumm genug, um daran zu sterben.

Nein! Leben, nicht sterben.

Schwarzer Rauch wälzte sich durch die Straße. Begann in die Gasse einzusickern. Hirka zog sich die Kapuze vor den Mund und lief weiter hinein. Konnte sie einen anderen Weg finden, der nach Hause führte? Was sollte sie sonst tun? Sie konnte nirgendwohin.

Kolail …

Sie war nicht weit weg. Alle Hauptstraßen verliefen von der Kratermitte nach außen und das bedeutete, dass diese Gasse zur Südstraße führen müsste. Aber das war eine Gegend, in der Ǫni sich unsicher gefühlt hatte. Eine Gegend, von der man sich besser fernhielt …

Eine Flasche zerschellte direkt hinter ihr. Jemand öffnete ein Fenster und rief zu ihr hinunter. Die Gegend mochte so schlecht sein, wie sie wollte, alles war besser, als hier stehen zu bleiben.

Hirka lief durch die Gasse und kam auf die Südstraße. Auch hier herrschte Tumult. Sie erkannte den Tunnel wieder, der zu den Grotten führte, überquerte die Straße und huschte hinein. Die Geräusche waren sofort gedämpfter. Das letzte Mal war es hier ziemlich belebt gewesen. Jetzt wirkte es fast ausgestorben. Die Stühle vor den Bierstuben waren leer. Vereinzelt hasteten Leute vorbei, auf dem Weg zu den Unruhen. Um sich daran zu beteiligen, nahm sie an.

Zu beiden Seiten stapelten sich Stockwerk um Stockwerk die schiefen Häuser. Die nächstgelegenen neigten sich über die Straße; unbegreiflich, dass sie nicht längst herabgestürzt waren. In den Fenstern brannten Laternen. Nach oben hin wurden die Lichter immer kleiner, verrieten, wie hoch diese Grottengänge tatsächlich waren.

Die Treppe, die hinauf zu Kolails Behausung führte, lag eingeklemmt zwischen den Häusern. Sie hörte, wie in einem Schuppen ein Stück entfernt gestritten wurde. Dem Geruch nach zu urteilen, hatten die Häuser ein Gemeinschaftsklo ganz in der Nähe.

Ein schlaksiger Mann stand in der Dunkelheit unter einem Balkon. Er hatte die bemüht gleichgültige Haltung eines Drogenverkäufers. Sie war bei einem aufgewachsen, ihr machte man nichts vor. Sie wusste auch, dass nur wenige von ihnen so waren wie Vater, deshalb beeilte sie sich, die Treppe hinaufzukommen, und fand die Tür, von der sie annahm, dass es Kolails war.

Sie zögerte. Eine Lawine von Gedanken hinderte sie daran, anzuklopfen. Wie gut kannte sie Kolail eigentlich? Wie viel wusste sie über die Gefallenen? Warum war sie heute Nacht überhaupt nach draußen gegangen? Um an die Luft zu kommen oder um abzuhauen? Sie sollte nicht hier sein …

Hirka setzte sich auf die Treppe. Schiefe Stufen, denen man ansah, dass sie ohne die geringste Beteiligung der Gabe in den Fels geschlagen worden waren. Sie lehnte den Kopf an die Wand. Horchte auf ihren Herzschlag und auf das ferne Geschrei in den Straßen.

Da kommt jemand!

Hirka sprang auf. Griff den Stock fester, bereit zuzuschlagen, falls sie musste. Ein großer Mann kam die Treppe herauf. Schwankend. Er grunzte. War er betrunken? Hirka schlich weiter hinauf. Drückte sich an die Wand und versuchte, sich unsichtbar zu machen, aber es war zwecklos.

Der Mann blieb stehen. Er schlug die Kapuze zurück und sah sie an.

Kolail!

Sie starrten einander in der Dunkelheit an. Was zum Draumheim machte er um diese Zeit draußen?

Die Antwort stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er schloss die Augen für einen Moment. Presste die Lippen aufeinander. Er war nicht froh, sie zu sehen. Dann steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte um. Er hatte Mühe, die Tür zu öffnen. Stöhnte. Das Geräusch kannte Hirka. Er war nicht betrunken, er war verletzt. Möglicherweise beides.

Hirka riss die Tür auf und schlüpfte unter seine Armhöhle, um ihn zu stützen. Seine Jacke roch wie der Wolf, neben dem sie bei den Menschen geschlafen hatte. Sie legte ihn auf ein Bett, das gleich am Eingang stand, und schloss die Tür hinter sich.

Der Raum war kleiner als die Kate in Elveroa. Sie tastete sich vorwärts, während ihre Augen sich langsam an die Dunkelheit gewöhnten. Die Steinwände waren rau und uneben. Das einzige Fenster war eine Luke mit einem Fensterladen davor. Darunter stand eine Werkbank mit Schleifsteinen, Messern, Federn und Pfeilen. Eine Holzschüssel. Und das, was sie suchte – eine Öllampe.

»Feuerzeug?«

Er grunzte als Antwort. Sie wiederholte, für den Fall, dass er das Wort nicht verstand: »Feuerzeug. Feuer. Licht!«

»Schublade«, keuchte er und zeigte mit einer krummen Klaue. Fast sofort fiel seine Hand wieder zurück aufs Bett. Hirka riss die Schublade auf. Kramte darin, bis sie etwas fand, was entfernt nach einem Feuerzeug aussah. Wenigstens erzeugte es Funken. Sie bekam die Lampe in Gang und stellte sie auf einen Hocker neben dem Bett. Das war kein schwebender Bettkorb, so wie sie ihn hatte. Es war eine einfache Bettpritsche, die den größten Teil des Raums einnahm.

Kolail lehnte den Kopf an die Wand. Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Sein Haar hing in spitzen Büscheln herab, wie kleine Messerklingen. Er versuchte, sich bequemer hinzusetzen. Entblößte die Eckzähne in einer Grimasse. Hirka sah einen roten Fleck auf seinem Strickhemd, an der Seite, direkt unter den Rippen. Sie zog an dem Hemd. Er packte ihre Hand.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2024
Hacim:
542 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783038801153
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