Kitabı oku: «Der Jungzelleneffekt»
DR. SLAVEN STEKOVIC
Dr. Slaven Stekovic
Der Jungzellen-Effekt
Alle Rechte vorbehalten
© 2018 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Lucas Reisigl
ISBN 978-3-99001-277-2
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
Fast schon fasten
Alt werden oder jung bleiben
Gesundheitsspanne statt Lebensdauer
Viel Lärm um ein Nichts
Gestatten: Autophagie
Fasten ohne fasten
Das Essen
Das Fasten
Der Lebensstil
Der Selbstversuch: Erziehe deinen Körper
Der langlebige Mensch
Die Rezepte
FAST SCHON FASTEN
Sie hieß Matusa und wurde 110 Jahre alt. Matusa Rubic. Meine Urgroßmutter. Ich kannte sie nicht. Aber mit ihr hat alles begonnen. Alles, das ist mein wissenschaftliches Aufgabengebiet, die Altersforschung.
Ich sage das gleich einmal vorweg, weil es immer das Erste ist, was die Leute mich fragen. Wenn ich irgendwo mit Menschen zusammenkomme und man sich erzählt, wer man ist und was man so macht, läuft das bei mir meistens nach demselben Prinzip ab.
»Slaven Stekovic«, sage ich, »ich bin Molekularbiologe.«
»Ah, Molekularbiologe, interessant«, sagen die meisten.
Dann entsteht eine Pause. In dieser ergibt sich oft ein ganz anderes Thema und der Molekularbiologe ist vergessen. Manchmal jedoch fragen die Leute weiter. Üblicherweise: »Was genau macht denn eigentlich ein Molekularbiologe?«
»Unterschiedlich«, antworte ich. Aber damit komme ich selten durch. Deshalb ergänze ich, bevor mich jemand womöglich für unhöflich hält: »Ich zum Beispiel beschäftige mich mit dem Altwerden.«
Meist entsteht wieder eine Pause. Die Leute schauen mich an und sind nicht sicher, was sie von mir halten sollen. Ich kann das verstehen, mir ginge es wahrscheinlich genauso, würde ich mir gegenüberstehen: einem unverkennbar jungen Mann, vermutlich keine dreißig, was derzeit gerade noch richtig vermutet ist, der seine Tage mit dem Altern verbringt.
»Aha«, sagen die meisten.
»Jetzt schon?«, fragen manche.
Wie kommt ein junger Mann nur auf so was, denken alle. Was hat so einer mit Altersforschung am Hut?
»Die Matusa ist schuld«, sage ich dann, oft schon, bevor die Frage tatsächlich gestellt ist. »Die Matusa war meine Urgroßmutter«, erkläre ich. »Sie ist mit 110 friedlich eingeschlafen, und sie war nicht die Einzige in meiner Familie, die dermaßen alt geworden ist.«
»Wirklich?«, fragen die meisten. »110 Jahre?«
»Ja«, sage ich, »die Frauen der mütterlichen Seite meiner Verwandtschaft hatten allesamt die Tendenz, sehr alt zu werden und dabei ziemlich gesund zu bleiben. Mit über neunzig standen sie noch fest im Leben. Und wenn es dann doch irgendwann vorbei war, waren sie immer noch so fit, dass sie mit beiden Beinen ins Grab hätten springen können. Sie waren sozusagen Instanzen des gesunden Alterns.«
Irgendwann habe ich mich gefragt: warum eigentlich?
Und stieß auf das Fasten.
Ich stieß noch auf einiges mehr im Lebensstil meiner Verwandtschaft, was sich mit aktuellen Forschungsergebnissen deckt.
Zum Beispiel, wieso der Mensch älter wird, wenn er genug schläft.
Warum er nicht gar so alt wird, wenn er zu viel schläft.
Weshalb er am ältesten wird, wenn er zur richtigen Zeit schläft.
Wie viel Lebenszeit ihn eine Käsekrainer kosten kann.
Was Tomaten mit Mozzarella und Olivenöl mit dem Lebensalter zu tun haben.
Wieso Nudeln vor dem Schlafengehen nicht das beste Rezept sind, um hundert Jahre alt zu werden.
Warum Menschen miteinander älter werden als alleine.
Wie der Alkohol Lebensjahre schluckt.
Warum Frauen älter werden als Männer.
Meine Vorfahren haben mir die meisten der Antworten über Generationen hinweg vorgelebt. Allen voran Matusa. Die mütterliche Linie meiner Verwandtschaft stammt aus den kroatischen Bergen im Hinterland von Split. Die Unerbittlichkeit dieser Gegend erlegte ihnen einen extrem harten Alltag auf. Einfachheit und Bescheidenheit wurden Tradition. Die Lebensumstände waren ungemütlich, die Lebensbedingungen bitter. Heute würden wir so ein Leben eine Mühsal nennen. Und doch war es im Hinblick auf ein hohes Alter in geistig und körperlich guter Verfassung besser als jeder Überfluss, der uns heute so selbstverständlich zur Verfügung steht.
Aber dazu kommen wir noch.
Es war natürlich nicht nur Matusa, die meine Berufswahl beeinflusste. Sie erweckte nur das erste Interesse in mir. Allerdings ist es irgendwie kurios, dass auch der zweite wichtige Impuls dazu, was ich mit meinem Leben anstellen könnte, aus der Verwandtschaft kam. Schon als Teenager zeigte sich bei mir das Familienleiden: zu hoher Blutdruck. Die Idee zur Altersforschung lag mir sozusagen im Blut.
Meine Diagnose bekam ich mit 17, nicht unbedingt überraschend. Herrje, ich auch, oje, naja. Wenn sich die ganze Familie mit demselben Thema herumschlägt, macht niemand ein großes Theater. Noch dazu waren die Werte nicht komplett außer Rand und Band. Meinen übereifrigen Blutdruck sah ich nur in Form von Zahlen auf einem Messgerät. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich irgendwie gestört hätte.
Das kommt daher, dass Bluthochdruck ein zutiefst hinterhältiger Kerl ist. In Wahrheit weiß man nicht einmal, dass er überhaupt da ist. Still und heimlich tut er sein Tagwerk, aber kein Mensch bekommt wirklich mit, was er dabei anrichtet, bis es tatsächlich ernst wird. Okay, hin und wieder hat man Ohrensausen, es bricht einem der Schweiß aus oder man fühlt sich wie jemand, der es eilig hat und dem gerade fünfmal hintereinander der Parkplatz vor der Nase weggeschnappt wurde. Aber sonst? Ab und zu war ich auch ohne Parkplatzsuche ein bisschen aufgeregt, aber das war schon alles. Man spürt nichts, insbesondere als junger Mensch.
Das Einzige, was mich daran erinnerte, dass in meinem Körper etwas nicht ganz in Ordnung war, waren die Messungen und ein Medikament, das ich einnehmen musste. Besser gesagt: einnehmen hätte sollen. Meine Mutter ist Ärztin und verschrieb mir das Mittel. Ich habe es nicht genommen. Mir ging es ja gut.
Trotzdem habe ich zwei weitere Ärzte aufgesucht, die mir genau dasselbe Medikament in derselben Dosis verschrieben. Daraufhin war ich einsichtiger und dachte: Wenn dir drei Ärzte, einer davon deine Mutter, unabhängig voneinander sagen, dass das Medikament gut für dich ist, dann sei nicht bockig und nimm es. Alle drei versicherten mir, dass es ein komplett harmloses Mittel wäre. Der Punkt sei eher der, dass ich es bis ans Ende meines Lebens schlucken müsste. Ich begann also mit dem Rest meines Lebens.
Nach einer gewissen Zeit bemerkte ich, dass ich kaum aus dem Bett kam, was allerdings rein gar nichts mit Sex zu tun hatte. Ich brauchte ewig, um aufzustehen. Für mich eine vollkommen neue Erfahrung, die mir äußerst ungelegen kam. Üblicherweise mache ich die Augen auf, bin wach, springe aus dem Bett und bin bereit für den jungen Tag. Auf einmal brachte ich die Augen nicht mehr auf, wurde nicht und nicht wach, blieb eine Dreiviertelstunde länger im Bett liegen als früher und hatte rein gar nichts übrig für den jungen Tag.
Die Erklärung dafür fand ich im Beipacktext meines Betablockers. Diese Präparate sind nicht nur gängige, sondern auch sehr gut entwickelte Medikamente. Bluthochdruck ist so verbreitet wie Schnupfen in der Übergangszeit, nur dass er das ganze Jahr über da ist. Die Nachfrage ist also riesig und der Markt noch viel riesiger. Außerdem gehören Betablocker zu den Medikamenten, die nicht heilen, sondern Symptome kontrollieren. Jahrelang und unverzichtbar. Die Pharmaindustrie liebt solche Mittel und steckt gern Geld in sie hinein, weil es sich so schön rentiert. Damit steigert sich die Qualität stetig, man bekommt gute Ware. Und die medizinischen und technologischen Möglichkeiten eröffnen immer neue Verbesserungen. Kein Medikament ist jemals perfekt.
Viele Menschen, die Medikamente nehmen, leben mit der einen oder anderen Nebenwirkung. Oft sind sie weit erträglicher als die Symptome, die man ohne das Präparat hätte. Oft sind sie lebensnotwendig, oft das kleinere Übel. Und oft hat man die Wahl, ob man lieber mit den Symptomen oder den Nebenwirkungen lebt.
Egal wie ausgereift mein Betablocker also war, in seiner Funktion als Blutdrucksenker war er kein Aufputschmittel. Er beeinflusste meinen Tagesrhythmus, er beeinträchtigte meine Lebensqualität, und irgendwann, so fürchtete ich, könnte er sich auf meine Psyche auswirken. Und das wollte ich nicht.
Obwohl Bluthochdruck an sich keine Erkrankung ist, kam ich trotzdem nicht umhin, ihn zu behandeln. Lässt man es einfach so laufen, wird aus einer physiologischen Veränderung irgendwann ein echter Schaden. Früher oder später hat man ein Problem, mitunter ein gravierendes. Ich musste mir etwas einfallen lassen.
Und stieß wieder auf das Fasten.
Den letzten Impuls für die Wahl dieses Forschungsthemas gab mir der Biochemiker Professor Frank Madeo, mein langjähriger Mentor und Doktorvater. Allerdings nicht gleich. Zuerst ließ er mich fast über beide Ohren in die Altersforschung eintauchen, bis ich kurz vor Beginn meiner Dissertation stand. Wir arbeiteten gemeinsam am Institut für Molekulare Biowissenschaften der Karl-Franzens-Universität in Graz. Ich war Teil seiner Gruppe und wurde nach und nach ein immer wichtigeres, immer verzahnteres Rädchen im alltäglichen Laborleben. Wir beschäftigten uns gerade Tag für Tag mit den Auswirkungen des Fastens auf den Körper und das Altern, als wir irgendwann zusammensaßen und auf meinen Blutdruck zu sprechen kamen. Ich erzählte ihm von meinem Medikament und meinen Bedenken.
Professor Madeo sah mich an und sagte: »Slaven, du sitzt an der Quelle und bist blind. Probier’s doch mit Fasten, das könnte funktionieren.«
Professor Frank Madeo ist kein Arzt, sondern Biochemiker wie ich, und es gab nur wenige wissenschaftliche Grundlagen für diesen Vorschlag. Trotzdem war mir sofort klar, dass das tatsächlich funktionieren könnte. Signifikante Effekte des Fastens auf den Blutdruck waren nach unserem Erkenntnisstand durchaus denkbar. Franks Idee brachte mich auf ein Experiment.
Fasten statt Betablockern.
Selbstversuche sind in der Wissenschaft keine Seltenheit. Gerade in der Altersforschung gibt es viele gute Leute, die die Dinge an sich selbst austesten. Genau das machte ich. Ich setzte das Präparat ab und begann, Fasttage einzulegen.
Und schau! Wir hatten Glück: Es funktionierte.
Frank Madeo hat mich wissenschaftlich begleitet und vorgegeben, in welche Richtung sich die Forschung bewegen sollte. Beruflich habe ich ihm zu danken, dass ich dorthin gekommen bin, wo ich jetzt stehe. Noch dankbarer aber bin ich dafür, dass er mich auch emotional begleitet hat. Er war zwar nicht der Erste, durch den ich auf das Fasten gestoßen bin. Aber durch ihn bin ich nicht nur meine Betablocker, sondern auch meinen Bluthochdruck losgeworden.
Ich habe das Medikament jedenfalls irgendwann abgesetzt. Allerdings würde ich niemandem, der an massiv erhöhtem Blutdruck leidet, empfehlen, einfach so drauflos zu fasten, ohne das mit einem Arzt zu besprechen. Rein wissenschaftlich haben wir noch nicht einwandfrei geklärt, wie genau, unter welchen Bedingungen und ob es bei jedem funktioniert. Meine Werte waren auch keine Katastrophe, sondern bloß minimal aus dem Ruder. Sie pendelten gerade einmal zwischen normal und leicht erhöht.
Schön und gut, mag sich jetzt jemand denken, einen pipifeinen Blutdruck hat er, großartig. Seine Richtung im Leben hat er gefunden, super. Ein paar weibliche Methusalems hat er in der Familie, wunderbar.
Aber was genau hat das mit Fasten zu tun?
Was passiert dabei in unserem Körper?
Und vor allem: Was hat das mit dem Altern und unseren Zellen zu tun?
Diese Fragen haben wir uns auch gestellt und nach vielen Jahren der hochklassigen Forschung sind wir nah an der Wahrheit dran.
ALT WERDEN ODER JUNG BLEIBEN
Altersforschung ist total uninteressant.
Wenn ich mit jemandem von Altersforschung rede, sehe ich das Grauen in den Augen meines Gegenübers aufblitzen. Dritte Zähne, grauer Star, neue Hüften, es rasselt nur so herunter hinter der gekräuselten Stirn. Das Alter malt da seine Bilder gerade in den dunkelsten Farben.
Das Wort Forschung wird aufgefressen von dem größten Schreckgespenst der Menschheit, dem Altwerden. Dem Nicht-mehr-schön-Sein. Dem Nicht-mehr-mit-dabei-Sein. Dem Nicht-mehr-Mitkönnen. Dem abenteuerlosen Dasein am Rande. Dem Tod.
Alter ist nicht nur die Lebensphase der Weisheit am Lebensende. Alter ist das Letzte in der Ära des Jugendwahns. Und das ist jetzt gar nicht zeitlich gemeint.
Wenn ich aber von der Langlebigkeitsforschung rede, sehe ich die Neugier in den Augen meines Gegenübers aufblitzen. Glatte Haut, reges Hirn, gute Kondition, die Augenbrauen machen richtige Luftsprünge nach oben. Der Traum von der ewigen Jugend malt sogleich Bilder in den leuchtendsten Farben.
Das Wort Forschung erhebt sich wie ein Versprechen über die Sterblichkeit des Menschen. Langlebigkeit ist kein langsames Dahinsterben. Langlebigkeit ist ein Mitspielen, ohne auf die Reservebank zu müssen. Langlebigkeit ist das Beste am Menschen der Zukunft.
Und das ist ganz generell gemeint.
Gefühlsmäßig besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen möglichst langsam alt werden und möglichst lange jung bleiben. Heißt eigentlich dasselbe und doch liegen Welten dazwischen.
Beim Altwerden haben wir den Fortschritt in der Medizin, die Sorge um die Pflege und die Hoffnung auf einen gnädigen Tod im Schlaf im Kopf.
Das Jungbleiben suggeriert uns die Möglichkeit, die Natur auszutricksen. Und dabei setzen wir alles auf die Forschung.
Auf einmal ist die Altersforschung total interessant. Gleichzeitig klingt das alles sehr abstrakt, fast utopisch.
Die Lebenserwartung der Menschen in Europa liegt für Frauen bei 81 und für Männer bei 75 Jahren. Japanische Frauen sind mit 87 die ausdauerndsten Erdenbürger. Bei den Männern bringen es die Bewohner des kalten Islands auf heiße 81 Jahre. Island und Japan, nicht unbedingt Nachbarländer. Allein das deutet leise darauf hin, dass die Aussicht auf ein langes Leben nicht so sehr in den Genen liegt. Wenn die Bedingungen so unterschiedlich sind, muss noch etwas anderes mitspielen.
Tatsächlich hat die Wissenschaft herausgefunden, dass die Gene nur zu etwa 25 Prozent ausschlaggebend dafür sind, wie viel Lebenszeit uns vermutlich zusteht. Die restlichen 75 Prozent bestimmen Umwelteinflüsse, Ernährung und Lebenswandel.
Wir haben also selbst in der Hand, wie lange wir es schaffen, auf diesem Planeten auszuharren. Und das ist etwas, was uns Forscher fasziniert.
Das reine Ausharren ist allerdings nicht das Ziel. Wir sind interessiert an Möglichkeiten, wie wir ein längeres Leben erfreulicher hinkriegen. Gesünder, fitter, lebensfroher. Das ist uns ja im Laufe der Menschheitsgeschichte schon ganz gut gelungen.
Schauen wir einmal kurz über die Schulter zurück.
Unser Organismus ist dafür geschaffen, schnell und kurz zu leben, möglichst viele Nachkommen zu zeugen und dann zu sterben, damit die Ressourcen für die Nachwelt frei werden. Wir geben unsere Gene weiter. Wir hinterlassen Kinder. Wenn die Kinder ihrerseits Kinder haben, werden wir nicht mehr gebraucht und gehen ab von der Weltbühne. Das ist der Plan der Natur. Klingt nachvollziehbar.
Angefangen hat der Homo sapiens sapiens vor etwa 130.000 Jahren mit einer Lebenserwartung von gut drei Jahrzehnten. Vierzig wurde kaum jemand. So ähnlich könnte es heute noch sein. Unter denselben Bedingungen würden wir nicht älter werden als damals. Die meisten von uns kämen nicht über den knackigen Vierziger hinaus, weil uns irgendwelche Viren oder Bakterien dahinraffen würden. Und wenn uns keine Infektion ereilt hätte, dann hätte uns ein Löwe gefrühstückt.
Gegen böse Viren und Bakterien helfen uns heute Antibiotika. Wir werden krank, schmeißen uns ein paar Tabletten in den Hals und schon leben wir munter ein paar Jährchen weiter. Gegen die Löwen helfen uns keine Antibiotika, aber die haben mittlerweile mehr Angst vor uns als wir vor denen. So kann das die längste Zeit mehr oder weniger problemlos dahingehen. Bis wir an die Grenzen unserer Biologie stoßen. Dagegen ist nach wie vor nichts zu machen. Irgendwann muss jeder sterben.
Früher haben die überlebt, die das stärkste Immunsystem hatten. Heute können auch Menschen mit einem schwachen Immunsystem ein ansehnliches Alter erreichen. Medizin, Technik, Hygiene und was sich der Mensch im Laufe der Zeit sonst noch gegen Pest, Cholera und andere Katastrophen einfallen ließ, haben uns die ersten zusätzlichen Jahrzehnte geschenkt. Und die jüngsten Prognosen, dass wir durchaus 100 oder 120 Jahre alt werden können, sind realistisch, da ist man sich ziemlich einig.
Die Technologie ist unser Jungbrunnen.
Unsere Zukunftsaussichten waren noch nie so gut wie heute. Sicher, man wird das Alter weiterhin an der Haut ablesen können. Immerhin macht sich auf ihr schon der Unterschied zwischen einem 25- und einem 35-jährigen Menschen bemerkbar.
Auf der Haut steht etwas über den Lebensstil geschrieben. Sie merkt sich, wie viel sie der Sonne ausgesetzt war. Sie legt sich in Falten, wenn sie zu wenig Wasser und zu viel Ärger abbekommen hat. Sie addiert, wie vielen Achteln Wein sie zuprosten musste. Sie reißt die Poren auf und schnappt nach jedem Schnaps nach Luft. Sie laboriert am Nikotin, leidet am Stress, zittert unter der Kälte und platzt fast bei falscher Ernährung. All das kostet uns Schönheit, aber auch Lebenszeit.
Und all das beeinflusst auch Herz, Leber, Nieren und Konsorten. Die Organe halten viel aus, wenn man bedenkt, wie lange sie ohne Pause im Einsatz sein müssen. Einige können sich regenerieren, die meisten kranken lassen sich gegen gesunde austauschen, viele sind mit Medikamenten aufzupäppeln. Unlängst wurde sogar die erste Kopftransplantation für 2018 angekündigt. Dr. Frankenstein war noch vor wenigen Jahrzehnten nur ein futuristisches Märchen. Heute sind wir gar nicht so weit entfernt von diesem gespenstischen Szenario.
Endlos ist das Leben trotzdem nicht. Die Natur lässt viel zu, aber irgendwann streikt der Organismus. Bis auf wenige Gegenstimmen liegt die derzeit in der Wissenschaft weithin akzeptierte definitive Obergrenze bei etwa 130 Jahren. Spätestens dann ist wirklich Schluss. Wenn es nach der Biologie geht.
Trotz allem, was wir in den Medien hören, war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch durch die Hand eines anderen stirbt, noch nie so gering wie heute. Davor können wir uns offenbar schützen. Nur vor uns selbst können wir uns nicht schützen. Unsere Zerbrechlichkeit ist die größte Gefahr. Krankheit ist viel wahrscheinlicher als Gewalt. Herzerkrankungen, Krebs, Lungenentzündung, das sind unsere wahren Feinde.
Wir leben mit dem Fuß auf Vollgas. Work-Life-Balance schaut so aus: Stress bei der Arbeit, schlafen, Stress bei der Arbeit, schlafen, so geht es von Montag bis Freitag, dann kommt das Wochenende, da hat man nur Stress zu Hause, dann ist endlich Montag und man ist froh, dass es den Stress in der Arbeit gibt. Wenn man so lebt, ist man ständig überlastet. Irgendwann gibt etwas auf – die Psyche, das Herz oder sonst was. Jeder von uns hat seine Sollbruchstelle.
Bis es so weit ist, bombardiert uns der Körper mit Signalen. Dort sticht es, da wird was taub, hinten zwickt’s, vorne drückt’s. System am Limit. Mayday. Wir ignorieren die Warnungen. Und während wir noch feierlich über Entschleunigung reden, rasen wir auf den Burnout zu. Auf eine Gesellschaft am Weg zum Zusammenbruch. Mit 4000 Umdrehungen fahren wir im zweiten Gang auf der Autobahn Richtung Sanatorium.
Man fragt sich, wozu man da ein längeres Leben braucht.
Sicher, ich habe das jetzt in recht plakativen Farben gezeichnet. Überzeichnet war es allerdings nicht. Die Sehnsucht des Menschen ist, irgendwann von dieser Autobahn herunterzukommen. Eine Abzweigung zu finden, die in die Ausgeglichenheit führt. In eine Idylle, in der die Welt noch in Ordnung scheint. Das wäre dann aber bloß das andere Extrem.
Auch in der Medizin gibt es seit Jahrhunderten den Traum vom Äquilibrium in unserem Körper. Alles sollte ausbalanciert sein. Bitte keine Schwankungen, nur so bleibt unser Körper erhalten. Mittlerweile sehen wir, dass das ein ausgemachter Unsinn ist.
Unser Körper ist genau für das Gegenteil ausgelegt. Wir sind dafür gebaut, ab und zu einen Löwen zu treffen, mit dem wir entweder kämpfen oder vor dem wir wegrennen. Das Gehirn aktiviert sofort die innere Streitmacht. Das Adrenalin schnalzt hinauf, das Cortisol überschwemmt den Körper, das Testosteron rauscht durch uns durch. Der Körper braucht auch das.
Unser Bauplan ist für die Abwechslung konzipiert. Permanente Balance ist Gift. Gleichmut macht gleichgültig. Die goldene Mitte, die Aristoteles angestrebt hat, liegt nicht in der Natur des Menschen. Die großen Dinge des Lebens erreicht man nicht durch die Mittelmäßigkeit. Die Theorie des griechischen Philosophen wurde zu Recht bald angezweifelt. Wie alles, was der Mensch hervorbringt. Wissen bleibt nie am selben Stand.
Auch was das Altern betrifft, fand man immer neue Haupttäter. Im Mittelalter hat es geheißen, Zähne seien böse. Zähne verkürzen das Leben. Es war ja offensichtlich: Alte Menschen hatten keine Zähne im Mund. Das konnte umgekehrt bloß heißen: Nur ohne Zähne wird man alt. Der Sonnenkönig Louis XIV., heißt es, ließ sich deshalb alle Zähne ziehen.
Ich bezweifle, dass er deswegen 77 wurde. Aus heutiger Sicht ist da nur insofern was dran, als Zahnhygiene mit Herzerkrankungen zusammenhängt, und Herzinfarkte ein langes Leben nicht fördern.
Interessant ist, dass sich die abartigsten Methoden, das Alter zu überlisten, mittlerweile sogar mit der modernen Forschung erklären lassen. Meinen Studenten an der Grazer Uni nenne ich als Beispiel gern die Geschichte vom Grafen Dracula und der ungarischen Blutgräfin Elisabeth Báthory. Die blaublütige Dame hat reihenweise junge Frauen um die Ecke gebracht, um in ihrem Blut zu baden, weil das die Haut so straff und geschmeidig hält. Aus wissenschaftlicher Sicht kein sauberes Experiment.
Die Inspiration zum berühmtesten Vampir der Literaturgeschichte könnte auf sie zurückgehen. Oder, was lange geläufiger war, auf den rumänischen Grafen Vlad III. Drăculea, der sich im Kampf gegen das Osmanische Reich redlich den Ruf eines Schlächters erarbeitet hat. Am liebsten war ihm die Pfählung seiner Feinde. Jedenfalls hat sich die Idee, Blut zu trinken, um jung zu bleiben, durch diese Geschichten in der Öffentlichkeit etabliert.
Als Wissenschaftler der Stanford University vor ein paar Jahren ein Experiment starteten, das Blut tatsächlich als den Jungbrunnen ausweist, für den man es so lange gehalten hat, werden sie nicht an diese Vorbilder gedacht haben. Die Parallele ist trotzdem verblüffend. Das Forscherteam hat in seiner Studie junge und alte Mäuse in einem Blutkreislauf zusammengeschlossen. Der Effekt war sensationell: Die alten Mäuse wurden wieder jünger und fitter.
In der ästhetischen Chirurgie arbeitet man mit der Reinigung des eigenen Blutes und der Isolierung von Stammzellen. Nachdem das verjüngte, gesäuberte Blut wieder in den Körper zurückgespritzt ist, kann man einwandfrei die Erfolge an der Haut erkennen. Das behaupten jedenfalls die ästhetischen Chirurgen. Eine Reihe weltberühmter Musiker und Hollywood-Stars hat sich durch solche jährlichen Blutwäschen zumindest äußerlich relativ fit gehalten. Damit sind wir auch schon bei den größten Problemen des Alterns.
Eines davon ist der Lebenswandel. Man muss sich gar nicht allzu sehr bemühen, um sich selbst ein paar Jahre Lebenszeit abzuzwacken. Es genügt schon, zu viel Zeit in der prallen Sonne zu verbringen. Als man Krebs noch nicht diagnostizieren konnte, brachte niemand Sonne und Krankheit in Verbindung. Heute wissen wir, dass uns die UV-Strahlen unseres nächsten Sterns, der uns das Leben auf der Erde überhaupt ermöglicht, auch ein paar Jährchen Lebenszeit verbrennen können, wenn wir sie falsch dosieren.
Natürlich war auch das Essen immer ein Thema, wenn es darum ging, möglicherweise früher abtreten zu müssen als nötig. Allerdings haben die Übeltäter ziemlich häufig gewechselt.
Einmal war es das Fett. Da liefen zaundürre Schauspielerinnen in unzähligen Hollywood-Filmen mit fettarmen Dressings über die Kinoleinwände. Vor allem Amerikaner produzierten haufenweise Low-Fat-Produkte, mit denen sie zuerst die Regale der Supermärkte und dann die Käufer vollstopften.
Was damit erreicht wurde, war allerdings das Gegenteil von dem, was die Offensive gegen das Fett eigentlich sollte. Die möglichst fettlose Ernährung macht die Menschen immer dicker und dicker. In Amerika, wo es in weiten Teilen viel schwieriger als in Europa ist, sich gesund zu ernähren, ist Adipositas zur Volkskrankheit Nummer eins geworden. Gleich neben dem Diabetes, der ja eine Art Zwilling der Fettleibigkeit ist. Fett war also nicht der Bösewicht.
Als Nächstes stellte man die Kohlenhydrate an den Pranger. Das waren die Jahre der Fisch-und-Gemüse-Diäten. Alles, nur keine Nudeln. Irgendwas, wenn’s nur keine Kartoffeln sind. Jeden Monat winkten neue proteinreiche Abnehmformeln von den Titelblättern der Zeitschriften. Lebensjahre hat man damit nicht herausgeschunden.
Für einen Molekularbiologen sind das alles Spielwiesen mit Blumen in den buntesten Farben. Trotzdem kam ich nicht direkt dort an.
Mein persönlicher Zugang, der mich in die Arme der Altersforschung gelotst hat, war ein Umweg. Schon seit meiner Kindheit wollte ich Musiker werden. Mit 16 bin ich zur Philosophie übergelaufen. Allerdings störte mich bald, dass ich mir nicht, wie ich angenommen hatte, selbst meine Gedanken machen konnte, sondern die anderer Menschen auswendig lernen sollte. Da meine Mutter, die auf mich wie vermutlich jede Mutter auf jeden Sohn ihren Einfluss hatte, Ärztin ist, kam als Nächstes die Medizin in Betracht.
Meine Mutter hatte sich eine geschickte Taktik ausgedacht, um mir klarzumachen, worauf ich mich da einlassen wollte. Sie traf sich mit ihrer besten Freundin, ebenfalls eine Ärztin, mit mir zum Kaffee, und die beiden unterhielten sich vor mir ganz beiläufig über den Alltag in einer niedergelassenen Praxis. Über die fünfzig, sechzig Patienten täglich, über die eingebildeten und echten Krankheiten, die Wunden und Wehwehchen. Diese Seite der Medizin war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Meine Mutter hatte offenbar vorher gewusst: Ich wollte im Umfeld für die Menschen arbeiten, nur nicht unmittelbar an ihnen. Und da kam die Molekularbiologie ins Spiel. Das Fach war gerade so richtig im Kommen. Da ging es um Genetik und die Zukunft der Medizin.
Wie funktioniert die Zelle?
Was passiert auf der biochemischen und genetischen Ebene?
Welche Moleküle bestimmen unsere Krankheiten und wie?
Da war die Entscheidung gefallen. Meine Tante, eine Zellbiologin in Kroatien, besorgte mir Fachliteratur und ich verschwand zwischen den Seiten. Ich kippte total hinein in die Welt der Moleküle. Es war wie früher in der Schule. Als Zehnjähriger habe ich viel geschwänzt, war aber vermutlich der einzige Schüler, der dabei nicht in Begleitung eines Mädchens oder eines Fußballs war. Ich war in der Bibliothek und traf mich mit der griechischen und nordischen Mythologie. Mit 17 vergrub ich mich in die Grundwerke der Biochemie und Molekularbiologie.
Wer damit ganz sicher nie gerechnet hat, ist übrigens meine Chemieprofessorin im Gymnasium. In der Abschlussklasse war ich so eine Niete in dem Fach, dass sie mich sitzen lassen wollte. Daraufhin habe ich sie mit großer Verve angelogen. Ich habe ihr gesagt, dass ich Wirtschaft studieren und Chemie im Leben nicht mehr brauchen werde. Sie war gnädig. Heute habe ich meinen Doktor in Biochemie. Das Leben liebt Ironie.
Von Altersforschung als Spezialgebiet war zu Beginn noch keine Rede. Und dann kam Matusa, meine 110 Jahre alte Urgroßmutter und mit ihr die Frage, warum meine Familie so voller weiblicher Methusalems war und die Männer so deutlich früher abtraten. Diese Diskrepanz brachte mich in die Startlöcher.
Der zweite Grund liegt tief in mir selbst. Ich bin ein Rebell. Autoritäten liegen mir nicht. Die Beschäftigung mit der Alterung ist für mich eine Verneinung des Todes als Autorität. Darauf setzte ich später auch den Fokus in meiner Dissertation, weil ich es als Aufgabe der Forschung sehe, gerade auf diesem Gebiet die Endlichkeit des menschlichen Lebens zu hinterfragen.
Die Verneinung des Todes läuft auf ein paar existenzielle Fragen hinaus:
Müssen wir wirklich sterben?
Was bestimmt unser Ablaufdatum?
Und wie kann man es hinauszögern?
In unserer Gesellschaft konzentriert sich das Verständnis von Alterung ausschließlich auf den Tod. Das beschäftigt mich, weil ich es für die völlig falsche Herangehensweise halte. Alterung hat nichts mit dem Tod zu tun. Alterung hat etwas mit dem Leben zu tun.
GESUNDHEITSSPANNE STATT LEBENSDAUER
Betrachten wir die Geschichte des Lebens eines Menschen, nicht die seines Sterbens. Setzt man sich als Wissenschaftler mit diesem Leben auseinander, hat die Forschung so viel mehr Sinn.
Es geht nicht mehr darum, wie alt ich werde.
Es geht darum: Wie werde ich alt?
Wie lebe ich?
Es ist nicht der Endpunkt, den die Wissenschaft messen will. Es sind die Zwischenstationen. Einer, der es schafft, Forschung in diesem Sinne zu betreiben, ist Professor Frank Madeo, der mich viele Jahre betreut und begleitet hat. Anfang des Jahrtausends hat er als Biochemiker Aufsehen erregt, als er den programmierten Zelltod in einfachen Organismen wie Bierhefe entdeckte. Er war der Erste, der gezeigt hat, dass auch einzellige Organismen in der Lage sind, sich zum Sterben zu entschließen. Alle haben ihn ausgelacht. Warum sollte eine Zelle beschließen, jetzt sterbe ich?
Wie sollte das gehen?
Und wo wäre da der Sinn?
Madeo zeigte, wo der Sinn lag: Auch Zellen können Altruisten sein. Auch ein einzelliger Organismus wie Hefe ist in der Lage, sein eigenes Leben für das Leben seiner Tochterzellen aufzugeben. Unglaublich. Vorher war die gängige Meinung, dass es kaum größere Egoisten gibt, als unsere winzigsten Bestandteile. Die Biologie ist vom Standpunkt der Evolution betrachtet ein einziger Krieg zwischen den Genen. Es gibt ein ganzes Buch darüber, wie egoistisch Gene sind. »Das egoistische Gen« ist der Titel. Darin wird die Selbstsucht der DNA beschrieben, und dass den Genen völlig egal ist, was mit dem Rest des Organismus wird. Sie schauen ausschließlich auf sich selbst. Und dann entdeckt ein italienisch-deutscher Biochemiker in Graz, dass Zellen sich für andere aufopfern.
Einer meiner Kollegen beginnt seine Vorträge über unsere Arbeit immer mit einer Geschichte: »Ich habe eine gute Nachricht für Sie«, sagt er, »bevor Sie heute schlafen gehen, werden Milliarden Ihrer Zellen sterben. Diese Zellen sterben, damit andere leben können. So bleiben wir gesund.«
Besser lässt sich der Geist hinter unserer Arbeit nicht ausdrücken. Es geht nicht um das Negative in der Forschung, es geht um das Positive. Wir sind Diener der Gesellschaft. Wir forschen nach dem, was den Menschen nützt.
Nach dem programmierten Zelltod fragte sich Madeo: Wenn Zellen so zu sterben imstande sind, wie leben sie dann? Mitten in dieser Thematik bin ich dazugestoßen.
Ich war sehr an der Krebsbiologie interessiert, mit der sich einer seiner Mitarbeiter in Zusammenhang mit dem Stoffwechselthema auseinandersetzte. Aus dem Projekt ist letztlich nichts geworden. Wie eine Zelle hat es beschlossen zu sterben.
Ich wurde Teil des Teams, gerade als wir das taten, was in der Wissenschaft sehr unüblich ist. Madeo hat die Arbeit am Zellsterben nicht als abgeschlossen betrachtet und sich einer anderen Substanz zugewandt. Er wollte wissen: Wie funktioniert dieser Zelltod und was können wir damit machen?
Unüblich ist das deshalb, weil Wissenschaftler sich gerne auf dem Gebiet, das sie beherrschen, spezialisieren. In unserem Fall wäre das die Screening-Methode gewesen, im Zelltodmessen war Madeo der Experte. Er hätte das Verhalten immer neuer Substanzen untersuchen und seine Erkenntnisse veröffentlichen können. Fertig, die nächste Substanz bitte. Aber er dachte vollkommen anders, und diese Auffassung, wie man Wissenschaft auch betreiben könnte, brachte er seinem Team bei: Wenn eine Fragestellung beantwortet wird, untersucht weiter, was dahintersteckt. Geht in die Tiefe.
Daraufhin begannen wir zu testen, welche Naturstoffe in der Lage sind, das Leben der Zellen zu verlängern. Wir haben zehntausend Substanzen auf die Zellen draufgeschmissen, wie das im Labor so heißt, und beobachtet, was sich tut. Wann sterben die Zellen, wann sterben sie nicht?
Eine dieser zehntausend Substanzen war Spermidin, ein körpereigener Stoff, der nicht nur, aber am geballtesten in der Samenflüssigkeit vorkommt. Dabei fiel auf, dass ein Stamm unserer Versuchsreihe mit relativ wenig Spermidin schnell alterte, während die Zellen mit reichlich Spermidin länger lebten. Die Bestätigung fand man in der Fruchtfliege und im Wurm.
Spermidin war der Knaller unter allen Substanzen.
Das Paper darüber wurde 2009 in der Fachzeitschrift Nature Cell Biology publiziert und ging um die Welt. Das war der Zeitpunkt, wo Graz sichtbar wurde. Innerhalb kürzester Zeit haben Blätter wie The Guardian oder das Time Magazine die Nachricht aufgegriffen. Selbst die Metro-Zeitung in New York hat berichtet. Von Japan bis in die USA war die Meldung eine Story wert. Graz wurde zu einem Mekka für die Spermidin- und Langlebigkeitsforschung. Diese zwei Themen werden uns durch dieses Buch begleiten.
Den Tod verzögern, das ist unsere tägliche Arbeit. Aber sie nützt den Menschen nur, wenn wir die Qualität des Lebens verändern. Healthspan statt Lifespan.
Die Lebensspanne bringt gar nichts, wenn sie nicht in Gesundheit gelebt werden kann. Wir spielen nicht Schach mit dem Tod wie der Ritter bei Ingmar Bergman.
Der Film des schwedischen Regisseurs heißt »Das siebente Siegel« und hat mich immer beeindruckt. Der Ritter reitet von einem Kreuzzug zurück und begegnet dem Tod, der ihm eröffnet, dass er demnächst sterben muss. Der Ritter überredet den Tod zu einem Schachspiel und dem Deal, dass er leben darf, solange der Tod ihn nicht schachmatt setzt. Und dann spielen sie, sie spielen den gesamten Film hindurch.
Ich fühle mich mit diesen Szenen sehr verbunden, weil sie genau das sind, was wir tun. Der Ritter weiß genau, dass er irgendwann sterben wird, die Frage ist nur, wann.
Wann kommt der entscheidende Zug?
Wann ist das Spiel aus?
Der Ritter versucht, die Strategien zu verstehen, um das Endergebnis vermeiden zu können. Genau dadurch erfährt er viel mehr über sich selbst, über das Spiel, über sein Leben. Gegen Ende des Spiels ist nicht mehr die Frage, wann er stirbt und warum, sondern nur noch, wie das Spiel war.
Toller Film, schwarz-weiß, sehr hypnotisch, endlose Dialoge, die oft im Schweigen enden. Man sollte sich den Film nicht anschauen, wenn man müde ist. Lange Zeit hört man nur den Wind. Bergman hat damit, wie er einmal in einem Interview sagte, seine Todesangst überwunden. Altersforschung auf Schwedisch sozusagen.
Aus welcher Richtung man sich der Altersforschung auch immer nähert, eines ist sie mit Sicherheit: eine Investition in die Zukunft. Eingeschränkte Mobilität, Muskelabbau, beschädigte Gelenke, Osteoporose, schwacher Herzmuskel, Kreislaufprobleme, Bluthochdruck, Krebs, Demenz, Diabetes, Störung der Entgiftung der Organe. Jede einzelne dieser Alterserscheinungen ist ein guter Grund, Altersforschung zu betreiben.
Insbesondere, wenn dabei etwas entdeckt wird, das den Anschein erweckt, viele dieser Leiden gar nicht erst aufkommen zu lassen. Fasten ist so eine Entdeckung. Früher haben uns die Lebensumstände dazu gezwungen. Heute müssen wir es uns wieder neu beibringen.
Lebensverlängerung auf ganz natürlichem Weg.
Das Zauberwort dabei heißt Autophagie. Ein Prozess, bei dem sich die Zellen selbst aufräumen und den Müll abtransportieren, zerhäckseln oder etwas Neues daraus machen. Dieses körpereigene Zellrecycling hält jung.
In der Übersetzung für den Anti-Aging-Markt heißt jung vor allem: schön auszusehen. Anti-Aging befasst sich damit im rein ästhetischen Sinn. Außen, nicht innen. In der Wissenschaft bedeutet jung etwas ganz anderes, nämlich die Funktion des Körpers zu erhalten. Innen, nicht außen.
Der Mensch will beides. Er will so lange wie möglich jung und so lange wie möglich gesund bleiben. Der Weg dorthin ist möglicherweise einfacher, als man glaubt. Die Forschung zeigt, dass Fasten die Autophagie einschaltet, die die Zellen in unserem Körper permanent von Müll befreit und das Leben dieser Zellen verlängert.
Das war die lange Antwort auf die Frage, wozu die Altersforschung gut ist. Die kurze kam im Frühling 2017 aus einem Labor in Peking:
In einem Versuch initiierten Forscher bei Mäusen Leukämie. Bevor sich die Krankheit entwickeln konnte, ließen sie eine Gruppe der Tiere fasten und die andere nicht. Das Ergebnis war, dass die Leukämie bei den fastenden Mäusen wenig Auswirkung auf die Lebensdauer hatte. Sie schienen den Krebs gut im Griff zu haben. Die Mäuse, die nicht gefastet haben, entwickelten große Tumore und starben viel früher.
VIEL LÄRM UM EIN NICHTS
Das Beste, was der Mensch für sich tun kann, ist: nichts.
Verrückt, nicht?
Ich tue nichts, und alles wird besser.
Natürlich bezieht sich dieses Nichts nur aufs Essen und gilt bloß tageweise. Das Alles hingegen ist nicht allzu übertrieben. Fasten beeinflusst Körper, Geist, Wohlbefinden, Gesundheit und Lebensdauer wie kaum etwas anderes. Wenn wir uns überlegen, welchen Aufwand wir sonst treiben, um so eine Breitenwirkung zu erzielen, ist Fasten ein stattliches Phänomen.
Dass es dabei nur aus einem Unterlassen besteht, fasziniert mich als Privatmensch Slaven. Als Molekularbiologe Stekovic fesselt es mich bis in die letzten Winkel unserer Zellen.
Einige Fasten-Effekte kennen wir aus Erfahrung, andere sind erforscht. Manches ist bewiesen, etliches wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit angenommen.
Dass es den Organismus generell sehr positiv beeinflusst, ist seit Hippokrates keine Neuigkeit. Er sagte es ungefähr so: Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübungen und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei. Er lag ziemlich richtig, der gute alte Vater der Medizin.
Fasten kann zum Beispiel chronische Krankheiten wie Rheuma oder Arthritis und Stoffwechselstörungen wie Diabetes lindern. Es ist eine Möglichkeit, Gewicht zu regulieren und ohne große Schwankungen zu halten. Es hebt die Stimmung. Es verjüngt den Körper und den Geist. Und es verlängert das Leben allein schon dadurch, dass es so viel Lebensverkürzendes gar nicht erst zum Zug kommen lässt.
Weil man nicht Wasser predigen und selber Wein trinken kann, sage ich das nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Versuchsperson. So oder so habe ich ein Drittel meines Lebens mit dem Fasten verbracht. Mitunter lebte ich in einer futterlosen Einöde. Einem ernährungstechnischen Funkloch.
Mitten im Fressparadies der Überflussgesellschaft war ich immer wieder umhüllt von diesem segenbringenden Nichts. Es ist, als hätte ich mich im blinden Fleck des Schlaraffenlandes einquartiert. Draußen schlugen sich die anderen den Bauch voll, im Labor hörte ich zuzeiten weder Kauen noch Schmatzen. Schon gar nicht mein eigenes. Rund um mich herrschte Fastenzeit. Allerdings nicht ausgerufen von der Kirche, sondern von der Wissenschaft.
In den wildesten Forscherjahren befand ich mich im Ganzkörpereinsatz im Dienste der Wissenschaft. Während ich versuchte, meinen Blutdruck auszuhungern, waren meine Arbeitstage damit ausgefüllt, die Biochemie mit Erkenntnissen übers Fasten zu füttern. Wir hatten eine groß angelegte Fasten-Studie am Institut laufen. Professor Frank Madeo und Professor Thomas Pieber waren Initiatoren und Leiter der Studie, ich war tief in die Organisation und Durchführung des Projektes verstrickt. Ganz profan ausgedrückt, ging es in meinem Leben damals um nichts anderes als darum, nicht zu essen.
Natürlich ist das eine völlig unwissenschaftliche Übertreibung. Der Mensch braucht Energie, der Mensch muss essen. Und das ist nur die ganz geschmacklose Kurzformel, immerhin gibt es ja auch noch so etwas wie den Genuss.
Der Mensch muss nur nicht so viel essen, wie er glaubt, und vor allem nicht pausenlos.
Im Sinne der Wissenschaft wurde jeden zweiten Tag gehungert. Man nennt es intermittierendes Fasten, Intervall-Fasten, Kurzfasten, alternierendes Tagesfasten oder die Heute-nichts-morgen-alles-Diät. Gemeint ist damit immer dasselbe:
Einen Tag wird nicht gegessen.
Am nächsten wird gegessen, und zwar alles.
Dann wird wieder einen Tag nichts gegessen.
Am nächsten wieder alles.
Und so weiter.
In der Öffentlichkeit hat sich die Methode über die Gemeinschaft rund um den Kabarettisten Bernhard Ludwig herumgesprochen, die sie großteils zum Abnehmen als Diät betreibt. In Wahrheit ist das Prinzip uralt.
Fasten ist ein Erbe aus der Steinzeit, als das Essen noch vier Beine hatte und sich zierte, auf den Speiseplan zu hüpfen. Außerdem kam so ein Wildschwein nicht alle halben Stunden vorbei, mitunter ließ sich wochenlang nichts Essbares blicken. Lief den Jägern ein Hase vor den Knüppel, gab es einen Appetithappen, schleppten sie einen Bären heim in die Höhle, brachen Schlemmerwochen an. Dazwischen blieb den Menschen gar nichts anderes übrig, als zu fasten.
In diesem Modus befinden wir uns heute noch.
Ich werde immer wieder gefragt, wieso wir Menschen uns nicht längst an unsere sitzenden Berufe und das ständig vorhandene Futter gewöhnt haben, warum der Stoffwechsel unseren geänderten Lebenssituationen hinterherhinkt, und wie lange die Verdauung die neuen Zeiten noch verschlafen will.
»Naja«, antworte ich, »evolutionär gesehen sind diese Veränderungen erst ein paar Stunden her.«
»Ja schon«, heißt es dann, »aber es ist trotzdem 5000 Jahre her, dass wir aus der Steinzeit heraus sind. Seit 9000 Jahren ist der Mensch sesshaft, hat Getreide angebaut, Vieh gezüchtet, seine Ernährung umgestellt. Er ist vom Nomaden zum Bauern geworden und hat sich vom Keulen schwingenden Kraftlackel zum Schreibtischtäter entwickelt, den die Technologie in einen Homo technologicus verwandelt.«
»Stimmt«, sage ich, »bloß, dass diese 5000 Jahre 100 000 Jahren gegenüberstehen, in denen der Mensch sein Essen nicht in einem Supermarktwagen zur Kassa fuhr. Es kommt nicht darauf an, die Jahre zu zählen, sondern darauf, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Eins zu zwanzig in diesem Fall. So gesehen können wir uns noch auf eine ganze Weile Urmensch-Stoffwechsel einrichten.«
Die Geschichte erscheint dann ganz logisch. Es wirkt absurd, dass uns Ernährungsexperten zu fünf, schön über den Tag verteilten Mahlzeiten raten. Erklärt wird uns das mit der Gier. Indem wir unaufhaltsam nachschieben, soll der Heißhunger keine Chance kriegen und wir zwischendurch weniger versucht sein zu naschen.
Die Rechnung geht für mich nicht auf. Selbst Zwischenmahlzeiten wie Obst oder ein Joghurt sind in einem so überladenen Essensplan nichts anderes als Naschen, wenn auch einen Hauch gesünder als irgendwas aus der Imbissbude.
Abgesehen davon, dass ständiges Essen den Insulinspiegel hochhält, dadurch unsere Zuckervorräte im Körper aufgebraucht werden und der Hunger überhaupt erst wieder ausgelöst wird, ist es, als würde eine endlose Reihe Beutetiere an uns vorbeitraben, jedes den Schwanz des Vordermannes im Maul. Steinzeit-Essen auf dem Fließband, wie heute das Sushi beim Japaner. Die Parade würde nie abreißen, und wir könnten uns herauspicken, worauf wir Gusto haben. Hunger könnte man das mit Sicherheit nicht nennen. Der kommt nur auf, wenn zwischendurch einmal Pause ist. Und auf einmal ist es gar nicht mehr so verrückt, das Fasten.
Was mich angeht, war es meine erste Fastenzeit, nicht aber mein erster Selbstversuch. Ich habe verschiedene Ernährungsregime ausprobiert, davor aber eher in Bezug auf bestimmte Aminosäuren, die auch in meiner wissenschaftlichen Karriere eine Rolle spielten. Ich wollte der Chemie, von der wir umgeben sind, nicht nur theoretisch, sondern auch persönlich auf die Schliche kommen. Wobei ich gar nicht an große Industrien, synthetische Herstellung oder die Riege an Genussverstärkern, Farbstoffen oder E-Nummern denke. Chemie ist in jedem Apfel, jeder Wurst, in jedem Glas Wasser. Das ist die ganz natürliche Chemie. Die, aus der das Leben ist.
Die Biochemie ist die Schnittstelle zwischen Biologie und Chemie. Sie beschäftigt sich damit, wie die Chemie im biologischen Sinn funktioniert, und was sich in weiterer Folge auch auf die Medizin übertragen lässt. Vor allem experimentiere ich deshalb mit unterschiedlichen Lebensstilen, weil ich überzeugt bin, dass wir unseren Körper sehr gut steuern können, wenn wir bewusst leben.
Für die meisten Menschen, die noch keine Erfahrung mit dem Fasten haben, ist diese Art des bewussten Lebens vorerst aber völlig unvorstellbar. Um nicht zu sagen: ein Horror.
Sie sehen sich unterzuckert auf wackeligen Beinen durch den Tag staksen, mit zitternden Händen alle paar Minuten ein Glas Wasser trinken, von dem sie die Hälfte verschütten, und gegen Abend vor lauter Schwäche auf alle Viere sinken, um irgendwann ins Bett zu kriechen. Sie sind überzeugt, spätestens am frühen Nachmittag das Handy nicht mehr am Ohr halten zu können und zum Feierabend hin nicht mehr erfassen zu können, was in einer dreizeiligen SMS steht. Sie sind sicher, dass sich zu Mittag die ersten leichten Entzugsaggressionen bemerkbar machen, die dann in dem Maß anschwellen, in dem sie die Kraft verlässt, den Zorn auch herauslassen zu können. Das Einzige, was am Ende des Tages noch knurrt, ist ihr Magen.
Schließlich münden derartige Hungervisionen immer in dieselbe Frage:
Wie lässt sich das denn durchhalten?
Die Antwort ist recht pragmatisch: mit Arbeit und Kaffee. Arbeit ist die beste Ablenkung vom Hunger. Den man zwar gar nicht hat, aber das glaubt einem anfangs niemand. Und Kaffee, allerdings ohne Milch und Zucker, unterstützt das Fasten. Das Phänomen kennt jeder, der morgens keine Zeit fürs Frühstück hatte, und erst am Nachmittag draufkommt, dass er auch das Mittagessen hat ausfallen lassen.
In Wahrheit ist es noch viel einfacher. Das wirklich Essenzielle am Fasten ist: gar nicht erst mit dem Essen anzufangen.
Denn kaum erhält der Körper auch nur das kleinste bisschen Zucker, will er mehr. Jede Kalorie, die in den Organismus gelangt, jagt ein einziges Signal durch ihn durch: Leute, gleich gibt’s mehr! Das ist gleichzeitig der Weckruf für den Hunger, der den Rest des Tages dann keine Ruhe mehr gibt.
Vermutlich habe ich damit die letzten Hoffnungen zerstört. Ich sehe das oft in den Gesichtern von Menschen, für die schon eine klare Suppe am Tag nichts ist. Nimmt man ihnen die auch weg, ist es noch schwieriger, Gabel und Messer für einen Tag aus der Hand zu legen. Das nächste Stadium ist: den Löffel abzugeben.
Für alle, die Schummeln im Hinterkopf haben, ist Fasten tatsächlich zu anstrengend. Denn dann bedeutet es: Dafür, dass ich kein Essen bekomme, muss ich mich auch noch unglaublich plagen.
Um es gleich einmal gerade heraus zu sagen: Ganz mit links geht es nicht, das Fasten. Ein bisschen Disziplin braucht man immer. Aber es ist weit einfacher, als mit dem Rauchen aufzuhören. Immerhin darf man am nächsten Tag wieder essen.
Die nächste bange Frage ist: Von wann bis wann muss man fasten?
Darüber gibt es wilde Diskussionen unter Wissenschaftlern. Die einen sagen, man soll morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann essen. In dem Fall ist das Prinzip des Tagesfastens völlig klar: alle drei Mahlzeiten auslassen.
Die anderen sind wieder der Meinung, man könnte auch erst gegen Abend mit dem Essen beginnen und seine Kalorien in einer Sitzung verfuttern. Das wirkt, als wäre es schon das halbe Fasten. Da könnte es sich doch auch ausgehen, 24 Stunden zu fasten. Da gibt es dann keine Fasttage, sondern eher ein tägliches Ritual, dessen Sinn bisher allerdings nicht so genau untersucht wurde.
Ob das dem Rhythmus der Natur entspricht, ist aber die wichtigere Frage. Dieser Rhythmus hat mit den drei Hauptsignalen zu tun, die den Körper von außen steuern: hell und dunkel, kalt und warm, fasten und fressen.
Damit sind Mensch und Tier mit der Natur verbunden. Das sind die drei Stimuli, die uns von außen kontrollieren. Lange Zeit haben wir sie völlig unabhängig voneinander betrachtet. Aber das sind sie nicht. Sie haben eine Schnittmenge: eine Gruppe von Genen, unter anderen auch die sogenannten CLOCK-Gene. Nach ihnen tickt die innere Uhr im Menschen, die mit den Hell-Dunkel-Phasen auf der Erde synchronisiert ist.
Licht ist das Signal, das uns die Orientierung von außen liefert. Aus dem Tag-Nacht-Rhythmus, dessen Erforschung durch Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young übrigens den Nobelpreis 2017 für Medizin wert war, erkannte der Mensch, wann er jagen sollte. Nämlich vorzugsweise dann, wenn sich Beute herumtrieb, die er sehen konnte und er selber einigermaßen sicher war. Was den Tag eindeutig favorisierte. Insbesondere in der Früh war der Pirschgang eine sichere Bank. Die meisten Tiere saßen am Wasser und waren einigermaßen mit sich selbst beschäftigt. So leichtes Spiel hatte der Mensch den ganzen Tag über nicht mehr.
Licht und Dunkel haben also direkt mit dem zweiten Signal, Fasten oder Fressen, zu tun.
Nachtaktive Tiere schlafen nur deshalb tagsüber, weil sie in ihrem Lebensraum Futter eher im Dunkeln finden und dann außerdem auch selber seltener gefressen werden. Sie haben sich angepasst und umgestellt.
Menschliche Nachteulen haben sich auf ähnliche Art angepasst. In ihrem Fall ist es eine kulturell bedingte Umstellung. Eine Prägung durch die Eltern. Eine Notwendigkeit aus Jobgründen. Eine bloße Angewohnheit. Unsere Gesellschaft lässt es zu, nachtaktiv zu sein. Vor allem deshalb, weil es Nahrung rund um die Uhr gibt.
Von der Evolution her gesehen ist Nahrung der erste Kontakt zwischen Lebewesen und Umgebung. Aus ihm haben sich die Arbeitszeiten der Organe zu gewissen Tageszeiten ergeben. Dafür ist eine Gruppe von Genen zuständig, die nichts mit dem Schlafrhythmus und der inneren Uhr zu tun haben, sondern mit dem Stoffwechsel verbunden sind. Und dann gibt es auch noch einen gewissen Einfluss, der mit der hormonellen Steuerung zu tun hat.
Es ist also nicht egal, ob untertags oder in der Nacht gefastet wird. Der circadiane Rhythmus, was so viel bedeutet wie: rund um den Tag, unterstützt das Fasten einfach besser.
Selbst das dritte Außensignal, die Temperatur, trägt seinen Teil dazu bei. Um reibungslos zu funktionieren, braucht der Körper stabile 37 Grad. Damit laufen seine großen Motoren Herz und Hirn samt den anderen Organen störungsfrei. Damit können die Moleküle auf zellulärer Ebene am besten arbeiten. Enzyme funktionieren nur bei einer gewissen Temperatur und in einem gewissen Milieu, auch Blut und sonstige Flüssigkeiten im Körper haben es gern so warm.
Denken wir das Ganze noch ein bisschen weiter.
Ist es draußen warm oder kalt, brauche ich zusätzliche Energie, um meine Körpertemperatur zu erhalten oder den Körper zu kühlen. Unser autonomes Nervensystem schafft das alles, ohne dass wir es überhaupt merken. Es arbeitet unabhängig von unserem Willen.
Die Entscheidung, muss ich den Körper aufwärmen oder kühlen, findet dagegen im zentralen Nervensystem im Gehirn statt. Von dort wird der Befehl samt To-do-Liste in den Rest des Körpers weitergeleitet.
Braucht der Körper mehr Wärme, passiert genau dasselbe, was auch beim Fasten passiert. Es wird Fett abgebaut und in chemische Energie umgewandelt. Indem die Moleküle zerstückelt werden, entsteht Energie in Form von chemischen Verbindungen, die entweder für die Funktion der Zellen oder für die Herstellung der thermischen Energie, also Wärme, verwendet werden.
Dieser Prozess findet im braunen Fettgewebe statt. Ja, das gibt es auch im Körper, in der Gegend unter dem Schlüsselbein rund um das obere Brustbein.
Der Unterschied zwischen dem weißen und braunen Fett ist die Anzahl der Mitochondrien. Diese Organellen in unseren Zellen sind hauptsächlich für die Energieproduktion verantwortlich, sind aber auch die Schnittstelle für den Stoffwechsel der Zelle. In diesen winzigen Kraftwerken der Zelle wird ständig etwas auf- oder abgebaut. Sei es Fett, seien es Proteine, Aminosäuren oder Zucker.
Die Mitochondrien sind ausgesprochen interessante Bestandteilchen unserer Zellen. Ihr Aufbau ist einzigartig, vor allem haben sie etwas, das keine einzige andere Organelle in unserem Organismus hat: Ein Mitochondrium hat eine eigene DNA. Alle anderen Organellen werden durch DNA im Zellkern, dem sogenannten Kontrollraum der Zelle, gesteuert. Die Mitochondrien sind allerdings kleine Rebellen. Sie wollen unabhängig und autark sein. Ganz so frei von dem Zellkern sind sie trotzdem nicht, denn ein gutes Zusammenleben funktioniert nur dann, wenn man Rücksicht aufeinander nimmt. Und genau das machen auch diese kleinen Wunder der Natur.
Warum sich die Mitochondrien zu solchen Extrawürsten entwickeln durften, ist noch ein bisschen umstritten. Der größte Teil der Wissenschaftler kann sich aber für die Erklärung erwärmen, dass die Mitochondrien, evolutionär betrachtet, Parasiten in unseren Zellen waren. Unter dem Elektronenmikroskop erkennt man deutlich, wie groß die Unterschiede zu einer menschlichen Zelle sind, und wie sehr sie bakteriellen Zellen ähneln. Ihre DNA hat die klassische Form der Doppelhelix, aber von den Informationen, die sie enthalten, und vor allem wie sie abgelesen werden, ist ein Mitochondrium ein Bakterium.
Die Vermutung ist, dass sich irgendwann in der Evolution ein Bakterium in unsere Zelle verirrt hat und dadurch ein Synergismus entstanden ist. Das Bakterium hat seinerseits das aufgegeben, was in der Zelle schon vorhanden war, nämlich Bausteine zum Leben zu liefern. Das ist auch der Grund, warum es allein nicht mehr überlebensfähig gewesen ist. Die Zelle hat ihrerseits profitiert, indem sie einen Zugang zu einer sehr effizienten Energieproduktion bekam.
Solches Tauschen ist in der Natur nicht ganz selten. In Zusammenarbeit von zwei Organismen entstand mitunter plötzlich etwas ganz Neues. Man schaut sich etwas voneinander ab, und jeder hat seinen Nutzen daraus.
Die Mitochondrien sind weit effizienter und liefern viel größere Energiemengen als die Zelle es ohne sie schaffen würde. Der Nachteil dieser effizienten Energieherstellung ist die Fehleranfälligkeit. Wenn dabei etwas schiefläuft, läuft ordentlich was schief. Dann haben wir einen Super-GAU in unseren Kraftwerken. Die Katastrophe hat einen Namen, den wir vor allem aus der Kosmetik kennen. Wir haben es mit den freien Sauerstoff-Radikalen zu tun. Sie zerstören die Zelle aus dem Inneren heraus.
Und damit sind wir wieder beim Essen.
Die Polizeitruppen in den Zellen, die das bis zu einem gewissen Grad in Ordnung bringen können, sind die sogenannten Antioxidanzien. Vitamin C zum Beispiel kann die Rabauken abfangen und neutralisieren. Das geht auch ganz ohne Nahrungsergänzungsmittel, ein Apfel oder eine Orange bringen die Randalierer auch zur Räson.
Der kleine Ausflug in die Tiefen unserer Zellen zeigt, wie unglaublich verzahnt das System ist. Wie eines mit dem anderen zusammenhängt, und nichts unabhängig vom anderen betrachtet werden kann. Das ist in jeder Zelle so. Das gilt für Körper, Geist und Seele.
Machen wir eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit, zurück zu meiner Uroma Matusa und den anderen langlebigen Frauen in meiner Verwandtschaft.
Die Familie meiner Mutter kommt aus der Gegend von Split, nicht direkt vom Meer, wo die Landschaft heute scharenweise Touristen anzieht, sondern aus den kroatischen Bergen. Dort lebten die Menschen nicht vom Tourismus, dort lebten die Menschen von dem, was der Boden hergab. Und das ist nach wie vor denkbar wenig.
Dieses Kroatien in den Bergen ist ein Kontrast zu dem, was wir als moderne Menschen in Zentraleuropa kennen. Insbesondere, wie man dort mit dem Essen umgeht. Bemerkenswert fand ich immer, dass es ausgerechnet die Menschen in dieser Gegend, auf der zuweilen das Prädikat hinterwäldlerisch klebt, längst schon vormachten, worüber andere gerade zu reden begannen. In der Überflussgesellschaft war das Schlagwort der bewussten Ernährung aufgekommen. Die Leute in diesen Bergen praktizierten sie aber schon seit Jahrhunderten. Sie ernährten sich sozusagen unbewusst bewusst. Ich konnte beobachten, wie die Medien immer neue Namen für etwas erfanden, das sie seit Jahrhunderten einfach Leben nennen.
In manchen Dingen sind die Hinterwäldler dem Fortschritt voraus. Ich darf das so sagen, ich bin genetisch einer dieser Hinterwäldler. Und die Wissenschaft hat mich gelehrt, dass die traditionelle Art, in der sich meine Vorfahren ernährt haben, verdammt modern ist.
Das Stichwort heißt nicht nur bewusste Ernährung, vor allem heißt es: fasten.
Das unwirtliche Land machte nicht zwangsläufig Vegetarier aus seinen Bewohnern, aber Fleisch war eindeutig ein Sonntagsbraten. Wobei Braten auf eine falsche Fährte führen würde. Traditionell wurde das Fleisch, das tatsächlich nur sonntags auf den Tisch kam, gekocht und nicht gebraten. Es schwamm in viel Suppe mit viel Gemüse. Das Rundherum war das, was satt machte. Das Stückchen Fleisch, das für jeden abfiel, wäre ein bisschen einsam im Magen herumgelegen. Unter der Woche aßen sie großteils Teigwaren, auch das hauptsächlich mit Gemüse. Und zwischendurch wurde gefastet.
Wenn man in der Gegend unterwegs ist, sieht man in diesen Dörfern nach wie vor noch sehr viele alte Leute. Das sage ich jetzt nicht als Wissenschaftler, sondern als Spross einer der hiesigen Familien, als Besucher und Beobachter. Viele alte Menschen auf einem Fleck bilden schließlich keine Basis für eine gültige Erkenntnis, und es gibt einen ganzen Haufen Gründe dafür.
Zum Beispiel, dass die Jüngeren gern in die Stadt gezogen sind. Dass die Leute hier kein leichtes Leben haben und deswegen älter ausschauen, als sie sind. Dass ihnen die Sonne Furchen ins Gesicht gebrannt hat. Oder dass niemand wusste, wie alt sie wirklich waren, weil nicht immer gleich nach der Geburt Zeit war, sie als neue Gemeindemitglieder anzumelden, und mitunter Jahre verstrichen, bis sich so ein Amtsweg dann doch einmal ergab.
Sie sind ungenau, diese Beobachtungen, emotional und aus dem Bauch heraus, und doch untermauern auch sie das, was ich später in akribischer Forschung herausgefunden habe.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.