Kitabı oku: «Es gibt nur deinen Weg»

Yazı tipi:

Inhaltsverzeichnis

Es kann alles sein

Falsche Entwarnung

Dommis Augen

Bis ins Mark

Verhandlung mit Gott

Meine Haare

Schlechte Venen

Bettzeug

Verschmutzte Flüsse

Warten

Cortison

Sudoku

Grauen

Kämpfen

Nur keine Wellen!

Violettes Licht

Komm, großer schwarzer Vogel

Mika Häkkinens Frau

Die Maus

Bindegewebe

Der Krebs der Perfektionisten

Krankheitsgewinn (»Wehr-Macht«)

Schäfchen

Hightech-Check

»ER« ist zurück (2005)

Mabthera

Katzis

Namyohorengekyo

Akzeptieren lernen

Hasentraum

Die Sterbende

Aqua-fitten

Zen

Eine blaue Samtmaske

»ER« schon wieder ... (2007/08)

You’ve got mail

Butoh

Visualisieren

Das zeichnende Kind

Cortisonbäckchen

Gott ist eine Katze

Die Zahnlose

Tagebuch

Dominiques Matura

Leichte Mädchen

ER«: David gegen Goliath (2012/13)

Wolken

Übers Sterben

Der heilende Entschluss

Dommis Hochzeit

Der Kenner stirbt in Wien

Unterwegs

Die große Entscheidung

Endlich

Blick in die Zukunft

Mozart

Anhang

Literatur

Die Autorin

Copyright


Für meine Schweizer und meine Wiener Freundinnen

Es kann alles sein

Healing is a biological, psychological and spiritual process, a journey whose ancient secrets are stored in every cell of our body. The modern world has accustomed us to quick results in every realm, including the medical. We lack the patience for long journeys; we want all our travels to be by airplane. But a journey was different in the ancient world. In those days to travel meant to endure hardship and danger. Even today, healing is still more like the ancient than the modern journey. We may have learned to travel by airplane, but actual healing, cell by cell, still proceeds the old way.

Healing Lazarus, Lewis Richmond

»Es kann alles sein ...«, sagt der Arzt und schaut auf die Geschwulst an meinem Hals. Obwohl ich die Antwort scheue, frage ich nach: »Was alles?«

»Eine allergische Reaktion oder eine Viruserkrankung.«

»Was noch?«

»Es könnte ... Das ist unwahrscheinlich in Ihrem ­Alter. Mit 43 ...«

»Was?«

»Es könnte Lymphdrüsenkrebs sein.«

Da weiß ich es. Bevor es noch in irgendeinem klinischen Befund steht, weiß ich es.

Ich lächle den freundlichen Arzt automatisch an, denke, er kann ja auch nichts dafür, verabschiede mich höflich, eine Überweisung zu einem Spezialisten in der Hand, gehe ruhig aus der Ordination Richtung Wagen. Mein Körper ist auf Autopilot eingerastet, so wie damals, als man mir mitgeteilt hat, ich müsse sofort auf die Intensivstation gebracht werden, mein Leben und das meines ungeborenen Kindes sei in Gefahr.

Auf einmal sitze ich im Auto, ohne mich an den Weg, an das Suchen des Schlüssels in der Handtasche zu erinnern. In mir ist es leer – ich kann nichts denken, außer: »Was soll ich jetzt denken?« Black-out, Time-out.

Durch die regennasse Windschutzscheibe sehe ich die Autos auf der Autobahnbrücke vor mir von Tropfen zu Tropfen hüpfen, rasen. Sie verdichten sich zu farbigen Schlieren, wo der Regen nasse Felder auf dem Glas hinterlässt. Ich sehe die Autos, nehme sie nicht wahr. Ich höre den Verkehrslärm, nehme ihn nicht wahr. Ich sitze eine ganze Weile. Denke kurz: Ich muss hier weg, der Parkschein läuft ab. Ich kann mich nicht bewegen. Nur sitzen. Ich muss heim. Dommi wartet.

Ich massiere mit meinen Fingerknöcheln das Brustbein, das in einem Schraubstock eingeklemmt ist. Atme tief durch. Mein Kopf ist ein mit Nichts prall gefüllter Ballon, was hereindringt klingt dumpf, hohl, als würde jemand mit dem Finger von außen an den Ballon schnippen.

Ich verstehe nichts, denn da ist kein Problem, ich suche keine Antwort, denn da ist keine Frage. Da ist nichts außer den vorbeirasenden Autos, die mich nichts angehen. Ich sitze, schaue, warte – nein, ich warte nicht einmal.

Auf einmal wird alles in mir wieder lebendig. Das Hirn wacht auf, beginnt zu plappern. Auto starten, auf die Autobahn, nach Hause fahren, auf dem Weg einkaufen, zuerst noch zum Bankomaten ...

Das Hirn sagt, was zu tun ist, erklärt mir die Welt, wie immer. Ich will nicht aufwachen, will nur still und schmerzlos sitzen.

Meine Seele ist wund. Eine Brandblase. Was tue ich hier? Wer bin ich? Ich bin nichts. Ein Furz im All. Ich bin alles. Alles, was ich bin. Nichts und gleichzeitig 100% »Ich«.

Ich halt’s nicht aus. Ich bin nichts und alles. Ich habe Krebs. Ich habe ein Kind. Dommi. Ich muss es ihr sagen. Was denn sagen, ich weiß ja selbst nichts ...

Ich sehe Autos, Menschen, Schirme, Hunde, Häuser, Straßenbahnen, Bäume im Wind, eine nasse Katze. Alles wie immer. Ich muss mich jetzt konzentrieren. Ich muss heimfahren. Ich kann das. Es ist alles wie immer.

Und es wird auch alles weitergehen wie immer. Die Autos werden fahren. Die Hunde werden spazieren geführt werden. Die Bäume werden sich im Wind biegen.

Alles wird sein wie immer.

Nur ich werde tot sein.

Als ich den Motor starte, schaltet sich automatisch das Radio ein.

Mozart-Requiem. Lacrimosa.

Falsche Entwarnung

Es ist Freitag, ein grauer Jännertag 2001, es schneegrieselt vor den hohen Fenstern. Ich stehe neben meinem Kollegen Tom in einem SBB-Seminarraum in Zürich.

Vor 17 Jahren bin ich der Liebe wegen in die Schweiz gekommen, habe einen Schweizer geheiratet. Die Liebe ist verflogen, ich bin in der Schweiz hängengeblieben, vor allem, um meiner damals noch kleinen Tochter den Kontakt zum Vater zu ermöglichen. Wäre ich damals ungebunden und allein gewesen, hätte mein Heimweh mich gleich zurück nach Wien gezogen.

Nicht an zu Hause denken!

Personalbeurteilungsseminar in Zürich: Tom trägt seinen Part des Kurses vor, die Teilnehmer hören zu, lassen sich erklären, wie man Mitarbeiterbeurteilungen korrekt durchführt. Ich habe meinen Teil des Seminars geleistet, bin unkonzentriert, mache ein interessiertes Gesicht und warte auf die Pause.

Ich gehe zum Fenster, während die Kursteilnehmer den Raum Richtung Cafeteria verlassen, winke dem Kollegen zu, dass ich gleich nachkomme. Ich rufe in der Ordination des Hals-Nasen-Ohren-Arztes an, der mir vor ein paar Tagen einen Lymphknoten hinten am Hals entfernt hat, um zu schauen, ob die Geschwulst vorne am Hals Krebs ist oder nicht. Das Ergebnis wird für Anfang nächster Woche erwartet, »wenn Sie Glück haben, ist es schon am Freitagnachmittag da.«

Eigentlich bin ich mir sicher, dass ich Krebs habe – schon seit dem ersten Besuch beim praktischen Arzt. Trotzdem zittere ich, als ich die Handytasten drücke. Die Unsicherheit ist schlimmer als jede Sicherheit. Seit Tagen hänge ich in der Luft zwischen Alltag und Arzt-Urteil, kann kaum schlafen und möchte mir meine Anspannung vor Dommi, der ich die Untersuchungen schließlich doch erklären musste, nicht anmerken lassen.

Endlich hebt eine der Sprechstundenhelferinnen ab. Das Schweizer Begrüßungsritual dauert heute nervtötend lange. »Ordination Doktor N. Grüessech, mein Name ist XY. Was kann ich für Sie tun?« »Guten Tag Frau XY.« Man muss das Gegenüber immer mit Namen ansprechen – Gott sei Dank habe ich den Namen der Ordinationshilfe verstanden. »Hier spricht Knoll.« Dann muss ich warten. Die Bernerinnen und Berner sind gemächliche Menschen, es vergehen ein paar Sekunden bis eine Antwort, quasi die Gegenbegrüßung, folgt. Erst wenn sie mich ebenfalls begrüßt hat, darf ich zu meinem Anliegen kommen. »Grüessech Frau Knoll.« Eigentlich müsste ich jetzt noch einmal ihren Namen sagen.

»Haben Sie meine Ergebnisse schon bekommen?«, platze ich heraus.

Die junge Frau raschelt in Unterlagen. »Ja, hier habe ich etwas, Frau Knoll. Laut dem Befund, den ich vorliegen habe, haben Sie keinen Krebs. Sie sind, wie ich das sehe, gesund.«

Ungläubigkeit, Überraschung und Skepsis. Ich fühle mich wie auf den Kopf geschlagen. Wie konnte ich mir so sicher sein, dass das Ergebnis positiv – also für mich negativ – sein würde? Wie konnte ich nur meiner Intuition vertrauen? Oder wollte ich mir irgendein Drama einreden? Ich weiß nicht, was ich denken soll. In all dem Gefühlswirrwarr kommt ein Gefühl nicht vor: Erleichterung.

»Frau Knoll, Sie haben am Mittwoch den Termin zum Entfernen der Fäden.«

»Danke, ich weiß. Auf Wiederhören.«

Mein Kollege meint, die Anspannung der letzten Tage durch das Warten auf den Befund sei wohl sehr groß gewesen, die Erleichterung würde schon noch kommen. Er lädt mich auf einen grauslichen Automatenkaffee in Plastikbechern ein, wir stoßen auf die gute Nachricht an.

Am übernächsten Tag, den 21. Jänner, feiert meine Tochter ihren 13. Geburtstag.

In mir hat sich immer noch keine Freude eingestellt, ich bin immer noch erstaunt über den ärztlichen Befund und ärgere mich vor allem über mich selber, dass ich so genau zu wissen geglaubt hatte, dass ich krank sei. Wie dumm kann man sein? Ich sollte mich einfach freuen, und nicht sinnlose und destruktive Gedanken wälzen.

Wieso bin ich so undankbar?

Ich habe eine Torte gebacken und zur Feier des Tages – und meiner Gesundheit – stoßen meine Tochter und ich mit Prosecco an. Wir umarmen einander, halten uns fest, ich spüre, wie Dommis Anspannung abfällt.

Drei Tage später, am 24. Jänner, gehe in zu meinem Termin. Der Arzt steht hinter seinem Schreibtisch, vor ihm ein paar Bogen Papier, er schüttelt mir die Hand, fragt mich, wie es mir geht.

»Danke, gut! Nach den erfreulichen Neuigkeiten!«

»Was für Neuigkeiten? Hat Sie das Warten nicht belastet?«

»Ihre Ordinationshilfe hat mir am Freitag Entwarnung gegeben!?«

»Wie, am Freitag? Die Befunde sind doch gerade erst gekommen!«

In meinem Magen und in meinem Herzen verschiebt sich etwas.

»Es tut mir leid, Frau Knoll. Sie haben ein Non-Hodgkin-Lymphom ...«

Also doch!

In mir ist es auf einmal ganz ruhig. Ich warte auf einen Schreck, auf Angst, auf Wut, auf Tränen – nichts. Weinen wäre jetzt angemessen, denke ich. Erwartet der Arzt, dass ich in Tränen ausbreche? Oder zu schreien anfange? Meine Augen sind staubtrocken. Da ist nichts. Es ist still. In mir und im Raum. Natürlich, wie dumm von mir: Das ist der Schock. Dann: Wie sag ich es Dommi?

»Frau Knoll?! Sie wissen, Lymphome sind sehr gut behandelbar!«

»Ich weiß.«

Der Arzt hatte rund um die Lymphknotenentnahme gebetsmühlenartig wiederholt, selbst wenn ich Krebs hätte, würde man den beim heutigen Stand der Medizin gut in den Griff bekommen können.

»Hätten Sie gerne etwas zur Beruhigung ...«

Ich bin ganz ruhig.

»... eine Spritze, oder Tabletten?«

Wie sag ich es Dommi?

»Nein, danke. Aber vielleicht können Sie mir etwas für später mitgeben? Vielleicht brauche ich zu Hause dann etwas.«

Plötzlich bin ich unendlich müde. Ich merke kaum, wie der Arzt mir die paar Fäden aus der Narbe am Hals zieht und dabei beruhigend auf mich einredet. Ich mag den Arzt. Obwohl ich nicht zuhören kann und seine Worte an mir vorbeigehen, gibt er mir das Gefühl, dass, wenn schon nicht alles »gut«, dann doch zumindest große Zuversicht angebracht ist.

»Kennen Sie einen Onkologen, Frau Knoll?«

So weit habe ich bisher dann doch nicht zu denken gewagt, Intuition hin oder her.

»Ich kann Ihnen helfen bei der Suche. Es gibt einen sehr guten Arzt – mir fällt zwar sein Name nicht ein, warten Sie ...« Er setzt sich an den Computer und tippt herum, schreibt mir einen Namen auf. Später wird sich herausstellen, dass es doch nicht der Onkologe war, den der HNO-Arzt gemeint hatte, denn mit diesem, einem kleinen zynischen Mann, werde ich so meine Schwierigkeiten haben. Erst nach einem Wechsel werde ich einen sehr guten, kompetenten, mitfühlenden Onkologen finden – und viele Jahre bei ihm bleiben.

»Kann ich noch etwas für Sie tun?«

Ich merke, wie schwer es dem Arzt fällt, das Gespräch zu beenden – einerseits hat er mir die Krebsdiagnose mitteilen müssen, er hat sich viel Zeit für mich genommen, andererseits warten draußen noch andere Patientinnen.

Bevor ich gehe, entschuldigt er sich noch einmal für den gravierenden Fehler seiner Ordinationshilfe. Er deutet an, dass er überlegt, sie hinauszuwerfen – so ein schweres Versehen darf einfach nicht passieren. Das will ich nicht, und ich bitte ihn, sie von mir aus gebührend zurecht zu weisen, aber Fehler passieren halt, wo Menschen arbeiten. Und wegen ihres Irrtums hatte ich wenigstens noch ein friedliches Geburtstagsfest mit Dominique – so möchte sie eigentlich lieber genannt werden als »Dommi«.

Ich verlasse die Ordination, höre noch, wie der Arzt seine Praxishilfe barsch zu sich ins Zimmer ruft, dann stehe ich auf der Straße.

Ein absurder Gedanke: In einem Film würde ich jetzt »ziellos durch die Gegend laufen, ich habe gar nicht darauf geachtet, wo ich bin, plötzlich bin ich dort-und-dort wieder zu mir gekommen ...«

Ich weiß, wo ich bin und wohin ich will. Zum Zug und nach Hause.

Ich muss mich konzentrieren: Es muss jetzt schnell viel getan werden. Was zuerst?

Ich rufe meinen Chef an und sage, dass ich auf unbestimmte Zeit ausfallen werde, weil ich – ich sage das Wort jetzt zum ersten Mal von unzähligen folgenden Malen – weil ich Krebs habe. Es müssen alle meine Termine der nächsten Monate auf die Kolleginnen und Kollegen verteilt werden.

Ich arbeite im Diagnostik-Team der Schweizerischen Bundesbahnen, einem Team von zehn Psychologinnen und Psychologen. Wir testen Lokführer-Anwärter/innen und führen Assessments durch zur Personalrekrutierung im Management. Ich beurteile also Menschen. Täglich bewerte ich Persönlichkeitsmerkmale, Verhalten und Leistungen von Kandidaten (meistens sind es Männer) auf ihre Tauglichkeit für bestimmte Berufspositionen bei der Bahn, und ich verfasse darüber psychodiagnostische Berichte. Ich liebe meinen Job.

Mein Vorgesetzter, ein junger Mann und großer Zyniker, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, antwortet lange nicht. Ich habe nicht viel Geduld, beende das Gespräch mit dem Versprechen, mich zu melden, wenn ich besser abschätzen kann, wie lange ich nicht werde arbeiten können.

Dann rufe ich Sylvia an, meine beste Freundin. Die wird einen kühlen Kopf behalten – in meinem geht es drunter und drüber, weil mir auf einmal alles einfällt, was nun organisiert werden muss. Zwar kann ich lauter klare Gedanken fassen – aber es sind viel zu viele. Der drängendste: Wie sage ich es Dommi? Ich mag mir nicht vorstellen, wie entsetzt sie sein wird. Mir wird flau im Magen. Sylvia verspricht, sich auf den Heimweg zu machen und sofort zu mir nach Hause zu kommen, um dabei zu sein, wenn ich mit Dominique reden muss.

Mittlerweile bin ich beim Bahnhof Bern angekommen. Ich rufe meine Eltern in Wien an, meine Mutter hebt ab – »Mama, ich muss euch was sagen – ich hab Krebs ...« Rund um mich eilen Pendler zu ihren Intercity- und Regionalzügen. »Um Gottes willen ...« Ich mag plötzlich nicht mehr: »Ich bin unterwegs. Ich melde mich am Abend.« Trotz des schwierigen Verhältnisses zu meinen Eltern tut es mir leid, dass ich sie so erschrecken muss.

In Wünnewil angekommen habe ich eine Idee: Der Weg vom Bahnhof zu meiner Wohnung führt am Haus von Dominiques Klassenlehrers vorbei. Auf gut Glück läute ich an, er ist daheim. Ich erkläre kurz und trocken, dass ich Krebs habe (jetzt habe ich das Wort schon ein paar Mal gesagt – es klingt fremd und löst keinerlei Gefühl in mir aus). Ich frage ihn, ob ich meine Tochter die kommenden beiden Tage aus der Schule nehmen darf, um über ein langes Wochenende mit ihr nach Wien zu fliegen. Denn mir ist auf der Zugfahrt klar geworden: Ich muss unbedingt heim, nach Wien. Zu meinen ältesten Freunden. Zu meinen Eltern. In meine Stadt, in meine Heimat. »Mein Land« wird die Schweiz, bei aller Liebe und bei all ihren Vorzügen, und trotz all meiner wunderbaren Freundinnen hier, nie sein.

In der Schweiz gibt es so gut wie keine stichhaltigen Gründe, um ein Kind auch nur für einen einzigen Tag aus dem Unterricht zu nehmen. Der Lehrer ist ehrlich erschüttert. Selbstverständlich soll ich mit Dominique nach Wien fliegen. Er umarmt mich.

Dann muss ich nach Hause, zu Dommi, in die Wohnung. Ich, die sonst nie langsam gehen kann, die immer ins Rennen und Hetzen kommt, muss mir Zeit lassen, damit Sylvia, die auch erst mit dem Zug heimfährt, etwa gleichzeitig mit mir ankommt. Die letzten Meter kann ich meine Beine kaum vom Boden heben. Es ist wie in einem Albtraum, einerseits will ich weiterkommen, andererseits kann ich mich nur im Zeitlupentempo bewegen.

Wie soll ich es Dommi sagen?

Dommis Augen

Ich werde Dommis entsetzte Augen nie vergessen.

Mit einem Schrei – »Mami!« – springt sie auf und rennt aus der Wohnung. Ich fühle mich ohnmächtig und hilflos. Mir wird schlecht. Mein Herz klopft ohnehin seit Minuten zum Zerspringen. Ich bin zu schwach, um aufzustehen und ihr nachzugehen.

Meine Freundin Sylvia, in dieser Situation – und in all den folgenden Jahren – eine liebevolle, zuverlässige, unterstützende Freundin, sagt, ich solle sie besser einen Moment alleine lassen.

Tausend Gedanken jagen einander in meinem Hirn: meine Tochter ist 13 Jahre alt und in der Pubertät. Ich erinnere mich sehr ungern an diese Zeit in meinem Leben, die geprägt war von Unsicherheit, Scham und von erster, zaghaft aufkommender Kritik an den bestehenden Verhältnissen und den Eltern, was damals sofort im Keim erstickt wurde mit den Worten, die als Befehl gemeint waren:

»Nur keine Wellen!«

In dieser ohnehin schwierigen Phase der Selbstfindung, der Zweifel und aller möglicher Ungewissheiten, in dieser Phase des Unverstandenseins von den Eltern – in diesem Fall der Mutter, weil ich Dominique alleine erziehe – , in dieser Phase der Stimmungsschwankungen und des Gefühlschaos, mitten in dieser sensiblen Lebensphase platzt nun eine Bombe.

Ich fühle Schuldgefühle und schlechtes Gewissen sich in mir als Klumpen in meinem Herzen aufbauen, den ich viele Jahre mit mir herumschleppen und an dem ich lange leiden werde. Ich muss meine Tochter, die ich doch liebe und die ich vor den Härten des Lebens beschützen möchte, mit meinem Krebs schockieren, ich muss sie belasten mit meiner Krankheit, die möglicherweise bald zu meinem Tod führt. Ich bin so müde.

Als Dominique irgendwann wiederkommt, nehmen wir einander in die Arme. Wir haben keine Tränen. Es ist noch zu früh. Wir halten einander lange fest. Dann beginnt Dommi zu fragen. Doch ich kann immer nur antworten: »Ich weiß es nicht.«

Später setzen wir uns zusammen vor den Fernseher und schauen gemeinsam Dommis Lieblingssendung »Gute Zeiten, schlechte Zeiten.«

Life must go on.

Bis ins Mark

Die Entnahme des Lymphknotens hat gezeigt, dass ich ein Lymphom habe, ein niedrig malignes, heißt: es wächst langsam, und dass es sich »in einem fortgeschrittenen Stadium befindet«. Als nächstes muss in einer Operation untersucht werden, wie weit der Krebs sich in mir ausgebreitet hat. Ganz schlecht wäre es, wenn er schon das Knochenmark angegriffen hätte.

Diese Untersuchung hat den Ruf, sehr schmerzhaft zu sein. Ich bin nervös, fahre am Morgen mit der Bahn ins Spital. Ich habe das Angebot einer Freundin abgelehnt, mich zu begleiten – so schlimm wird’s nicht werden. Und ich bin schon mit so vielem allein fertig geworden. Da muss sie nicht ihren freien Tag opfern.

Der Arzt, der erste der beiden Onkologen, weht weißmantelig heran, würdigt mich kaum eines Blickes. Beim letzten Besuch in seiner Ordination hat er gefragt, wie es mir gehe. Auf meine Nachfrage, ob er psychisch oder physisch meine, war seine Antwort: »Psychisch interessiert mich nicht«. Ich werde mir einen anderen Arzt suchen. Jetzt, vor dem Eingriff, erklärt er mir ungern und knapp die Details der Beckenkamm-Stanzung. Nach einer örtlichen Betäubung wird mittels einer Hohlnadel ein ca. 2 cm langer Zylinder aus dem Beckenknochen gestanzt und das Knochenmark später mikroskopisch untersucht. Daran wird man sehen können, wie weit fortgeschritten der Krebs ist.

Auf dem Bauch liegend höre ich, wie er den Schwestern Anweisungen gibt. Nach dem kurzen Stich der Lokalanästhesiespritze spüre ich nichts mehr, nur hin und wieder einen leichten Druck auf das Becken. Eine der Schwestern steht neben mir, legt mir ihre Hand auf den Arm, und berichtet mir auf meine Bitte hin, was hinter beziehungsweise in meinem Rücken vor sich geht. Ich will immer alles genau wissen.

Sie kommentiert: Jetzt wird überprüft, ob die Anästhesie wirkt, jetzt wird die Spezialnadel hergerichtet, jetzt sticht der Arzt in die Haut über dem Beckenkamm, jetzt muss er kräftig drücken und drehen, um den Knochen anzubohren. Ich höre ihn atmen. Die Krankenschwester an meiner Seite kann sich einen leisen Kommentar nicht verkneifen: »Das ist die einzige Gelegenheit, bei der man Onkologen bei der Arbeit schwitzen sehen kann ...« Alle haben es mitbekommen, denn es ist sehr still im OP, ich höre gedämpftes Lachen hinter den grünen Gesichtsmasken.

Der Arzt klingt ein bisschen verzweifelt: »Mein Gott, sind das harte Knochen!« Ich murmle in die Liege: »Österreichische Nachkriegsqualität.«

Dann geschieht eine Zeitlang nichts. Ich spüre keinen Druck mehr auf den Knochen, die Schwestern scheinen sich leise über irgendetwas zu unterhalten, was mit der Operation nichts zu tun hat. Der Onkologe entfernt sich ein paar Schritte von der Liege, die Atmosphäre hat sich merklich entspannt. Was ist los? Ist es schon vorbei, darf ich aufstehen?

»Nein«, erklärt mir meine »Beruhigungsschwester«, es ist noch nicht vorbei, aber der schwierigste Teil ist geschafft, »die Hohlnadel steckt nun in Ihrem Beckenknochen.« Ja – und jetzt? Mittagspause?

»Jetzt müssen wir alle kurz warten, bis jemand mit einem speziellen Behälter kommt, um das Knochenmark, wenn es dann aus dem Körper gezogen werden wird, sofort zu kühlen. Die Kühltasche wird erst bestellt, wenn die Nadel im Knochen steckt.«

Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Szene von außen betrachtet wirkt: ich liege auf dem Bauch, aus dem Rücken ragt eine lange Nadel, rundum heitere Gespräche.

Eines muss ich sagen: So völlig unsensibel sich der Onkologe im persönlichen Umgang mit mir erwiesen hat, so begabt scheint er auf technischem Gebiet zu sein. Ich habe von diesem gefürchteten Eingriff gar nichts gespürt. Später wird mir eine der Schwestern in allen Punkten Recht geben: der Arzt sei ein Holzklotz im persönlichen Umgang, aber bei dieser OP könne ihm keiner das Wasser reichen.

Als die Türe zum OP sich öffnet, ist plötzlich die anfängliche Konzentration wieder da. Es geht jetzt schnell, und ein kleiner Teil meines Rückenmarks wird gekühlt abtransportiert. Jetzt können wir alle aufatmen, es ist gut gegangen.

Ich möchte sofort aufstehen – es ist ja vorbei –, aber die Krankenschwester rät mir, es langsam angehen zu lassen. Immerhin sei das gerade ein Eingriff gewesen. Aber ich bin doch stark, so etwas kann mir doch nichts anhaben. Dennoch bleibe ich halt noch liegen. Wenn ich schon nicht aufstehen soll, möchte ich mir – weil ich ja immer alles genau wissen will – wenigstens noch diese spezielle Hohlnadel anschauen.

Das war keine gute Idee. Als ich die blutverschmierte lange Metallnadel sehe, und mir vorstelle, wie die in mich gebohrt wurde, wird mir flau im Magen. Mit einem Mal beginne ich unkontrolliert zu zittern.

Die Krankenschwester legt ihre warmen Hände auf meinen Rücken und redet beruhigend auf mich ein. Wieder einmal habe ich meine Nervenstärke überschätzt. Mit einem Mal bin ich sehr dankbar dafür, dass mein lieber Freund Fritz darauf bestanden hat, mich nach dem Eingriff mit dem Auto nach Hause zu bringen. Wahrscheinlich wartet er schon draußen auf dem Gang.

Die Schwester hilft mir beim Anziehen, ich bin wackelig auf den Beinen, stütze mich erst auf ihren Arm, hänge mich dann bei Fritz ein. Kaum sitze ich auf dem Beifahrersitz überfällt mich wieder ein so heftiger Schüttelfrost, dass ich mir beim Versuch zu sprechen auf die Zunge beiße. Der treffende Wienerische Ausdruck »scheppern wie ein Kluppensackerl« fällt mir ein: klappern wie ein Sack Wäscheklammern. Genauso »scheppere« ich, mir ist eiskalt. Es ist immer dasselbe mit mir: Ich will so taff sein – und habe auch nur Nerven.

Seit der Heimfahrt vom Spital weiß ich, wie wichtig eine starke Sitzheizung ist.

Verhandlung mit Gott

Ich möchte sie drücken, uns beide trösten, ihr – wie in einer Seifenoper – zuversichtlich lächelnd versprechen, dass »alles wieder gut« wird. Dass ich ihre Matura erleben werde. Dass wir beide feiern werden. Ich bin für die zweite Chemotherapie im Spital. Mein Herz tut weh – ich möchte Dominique bei mir haben.

Die junge Krankenschwester kommt schwungvoll ins Zimmer, den Galgen vor sich herrollend, an dem vier Plastikbeutel unterschiedlicher Größe baumeln, jeder mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt. Ich weiß, der kleinste ist der schlimmste. Vor dem hab ich Angst. Von diesem Mittel habe ich nach der ersten Therapie Halluzinationen bekommen – so stelle ich mir einen Drogen-Horrortrip vor. Grauenvolle Fratzen sind auf mich herabgestürzt, ich bin bewegungsunfähig auf dem Boden gelegen, mein Körper hat sich angefühlt wie ein Luftballon mit einer kleinen Bleikugel irgendwo in der Leere – mein Herz, das schmerzhaft geklopft hat.

Ich weiß, diese Wirkung muss nicht unbedingt jedes Mal auftreten, aber ...

Auf dem Spitalsnachttischchen stapeln sich weise Bücher über Selbstheilung, Spontanremissionen, Buddhismus und Spiritualität. Was habe ich vor kurzem gelesen? Ich soll mich nicht schon im Vorhinein fürchten. Ich solle die Angst loslassen. Ich kann das Wort nicht mehr hören. Wie soll das gehen? In den Büchern steht, Loslassen bedeutet, im viel zitierten Hier und Jetzt leben. »In Situationen, die scheinbar aussichtslos sind, verstärkt sich zunächst der normale Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment – und somit das Leid – um ein Vielfaches. Das Jetzt wird fast unerträglich. Es innerlich zuzulassen, das »so-Sein« des Jetzt zu akzeptieren, scheint unmöglich und sinnlos.« (E. Tolle)

Genau!

Die Schwester hängt die erste Flasche an, die größte, die Flüssigkeit tropft in den Schlauch und von dort in meine Vene.

Also: »hier und jetzt«, also: Chemotherapie, also: Spitalsbett, also: Desinfektionsgestank.

Wie geht es mir hier und jetzt?

Ich habe das Glück, allein in einem Zweibettzimmer zu liegen.

Und das erste Mittel, das gerade in mich rinnt, vertrage ich gut. Und ich habe nur leichte Kopfschmerzen.

Und durchs Fenster scheint die Sonne.

Also hier und jetzt: alles gut.

Und mehr ist im Moment nicht.

Also: entspannen.

In meinen schlauen Büchern steht, es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Schmerzen und Leiden. Schmerzen gehören zum Leben und sind nicht zu vermeiden. Punkt. Klingt schlimm, ist es auch. Dennoch versuchen wir, Schmerz zu vermeiden und zu leugnen. Psychopharmaka, Schmerzkiller und alle Arten von Ablenkungen versprechen uns, uns das Wahrnehmen des Schmerzes zu ersparen. Doch Schmerzen sind unausweichlich.

Im Gegensatz zum Leiden: Das Leiden kann man vermeiden. Denn das Leiden »macht man sich selber«. Leiden bedeutet, den Schmerzen etwas hinzufügen. Darüber nachdenken. Damit hadern. Sich ausmalen, was alles passieren könnte. Phantasieren, wie es wäre, wenn alles anders wäre. Bewerten, wie aussichtsreich oder aussichtslos eine Situation ist.

In den weisen Büchern steht sinngemäß: Verstehe die direkten Ursachen in dir selbst für dein Leiden. Und höre auf, zu den Ursachen beizutragen. Dann verschwindet auch dein Leiden. Der Buddhismus ist ein großer Befürworter der Eigenverantwortung. Unsere Gedanken betrachten das Hier und Jetzt als Hindernis auf dem Weg, wo wir eigentlich hinwollen: in die Zukunft, in irgendeine Situation, in der dann alles gut sein wird. Alles, nur nicht jetzt. Überall, nur nicht hier. Das ist Leiden.

In unserem Kulturkreis bewerten wir ständig. Wir merken es gar nicht. Dauernd beurteilen wir Situationen, andere Menschen, uns selbst. Alles wird eingeteilt in gut versus schlecht, freundlich versus aggressiv, schön versus hässlich, angenehm versus schmerzhaft, erstrebenswert versus vermeidend und so weiter.

Natürlich können wir im Alltag nicht nicht bewerten. Bewertungen sind nützlich und zeitsparend, wenn z.B. Entscheidungen gefällt werden müssen. Andererseits tragen sie zum Leiden bei.

Ich bin sozusagen »programmiert« auf’s Bewerten und Beurteilen, habe ich doch einen Beruf, in dem ich tagtäglich Menschen psychodiagnostisch bewerten, in Kategorien einteilen und über sie gewisse Urteile fällen muss. Dafür werde ich bezahlt. Und als analytischem Menschen fällt mir diese Arbeit leicht, in der ich erfolgreich bin.

Und ich soll jetzt das Bewerten loslassen.

Es geht mir plötzlich alles auf die Nerven. Der Krebs, die Chemo, die weisen Bücher, die buddhistischen Ratschläge, der Berner Dialekt, die freundliche Onkologieschwester. Alles. Aber es nützt ja nichts und wenn ich schon hier liege, kann ich ja versuchen, etwas zu lernen.

Ich reiße mich zusammen.

Wenn ich also sage: diese Situation hier und jetzt ist relativ angenehm – allein im Zimmer, fast nichts tut mir weh, die Sonne scheint –, dann merke ich natürlich nichts vom Leiden durch Bewerten, denn ich fälle eine positive Bewertung. Aber wenn ich Schmerzen hätte, und ich würde mir vorsagen: meine Situation ist schlimm, niemand kann verstehen, wie es mir geht, wieso bin ich so gestraft mit dem Krebs, niemand wird mich besuchen kommen, das letzte Chemo-Mittel wird mich wieder furchtbar hernehmen, ich werde nicht schlafen können, ich belaste Dominique mit meiner Krankheit, ich gehe ihr damit auf die Nerven – dann leide ich. Aber es sind nicht die Schmerzen, an denen ich leide, sondern die Gedanken, die ich mir dazu selbst mache. Das ist alles außerhalb des Hier und Jetzt des Spitalsbettes. Irgendwo habe ich gelesen: »Leiden stellst du ab, indem du das abstellst, was in dir das Leiden erzeugt.«

Wenn man – ich? – es schafft, alles das, was ist, zu akzeptieren, kann man – ich? – sich vom Leiden befreien und das Leiden loslassen. Alles, was nicht gerade jetzt passiert, ist unwichtig. Jetzt – jetzt – jetzt ...

Jetzt habe ich keine Venenentzündung.

Nicht gut, nicht schlecht. Es ist, wie es ist.

Jetzt habe ich starke Kopfschmerzen.

Nicht schlecht, nicht gut. Es ist, wie es ist.

Jetzt scheint die Sonne durchs Spitalzimmerfenster.

Nicht gut, nicht schlecht. Es ist, wie es ist.

Jetzt fehlt mir meine Tochter.

Es ist, wie es ist.

Jetzt bin ich traurig. Ich spüre einen Druck auf der Brust. Ich kann nicht weinen. Es ist, wie es ist.

Neben mir beginnt das Kontrollgerät am Galgen zu piepsen. Die Schwester kommt, hängt den leeren Beutel ab und den nächsten an. Sie schaut mich fragend an. Ich signalisiere ihr: alles »normal«, nur traurig halt. Sie drückt mir leicht den Unterarm, lächelt mich kurz an und geht wieder. Ich bin froh und dankbar um diese Geste – sie scheint mich zu verstehen. Ich würde gar nicht sprechen wollen.

Mein Magen verkrampft sich ein bisschen. Ist das Ärger? Dass ich mich schon wieder in vorausschauenden Gedanken verliere, anstatt im Hier und Jetzt zu bleiben? Dass ich schon wieder überlege, wie ich die Nebenwirkungen der letzten Chemo-Flasche überstehen werde, ob ich für die Nacht um ein Schlafmittel bitten soll, ob es dumm ist, noch ein Medikament mehr einzunehmen, oder ob das auch schon egal ist.

Aber vielleicht sind die Magenschmerzen auch nur Hunger. Ich habe kaum gefrühstückt. Es ist später Vormittag. Eigentlich sollte man doch erwarten dürfen, dass man in einem Spital etwas zu essen bekommt. Jetzt bin ich eindeutig verärgert. Und hungrig. Aber noch ist nicht Mittagessenszeit.

Wieder fallen mir die buddhistischen Texte ein: Wer Dinge erwartet – wer sich Erwartungen macht – kann enttäuscht werden. Wer keine Erwartungen hat – sich keine Erwartungen macht – kann auch keiner Täuschung unterliegen. Der Täuschung, andere wüssten, was ich brauche. Oder der Täuschung, andere seien da, um mir meine unausgesprochenen Wünsche zu erfüllen.

Aber haben wir Menschen nicht sozusagen automatisch Erwartungen? Darf ich nicht erwarten, ein stilles, unbedeutendes Leben zu führen und im Gegenzug dafür, dass ich nichts Böses tue und mich bemühe, ein halbwegs guter, sozial verträglicher Mensch zu sein, von Schicksalsschlägen verschont zu werden?

Wie viele Idioten werden gesund steinalt?! Ups – das ist nicht gerade buddhistische Gelassenheit, die da aus mir flucht. Naja – ich habe ja auch erst angefangen zu üben: das Loslassen, das Keine-Erwartungen-Haben, die Gelassenheit.

Haha – Gelassenheit, wenn man solche unerfreulichen Prognosen hat wie ich, ganz allein ist mit der pubertierenden Tochter und sich Sorgen machen muss um den Job, weil der junge Chef sich unsterblich fühlt und nicht gerade empathisch ist ...

Shit-shit-shit. Jetzt bin ich aber arg abgeglitten.

Ist gar nicht so leicht, die Gedanken nicht einfach wild und ungezähmt laufen zu lassen, sondern zu disziplinieren. Also: Ich versuche, wieder ins Hier und Jetzt zu gelangen (auch dieser Ausdruck, so klug er ist, und so schwierig die Idee zu verwirklichen ist, geht mir ein bisserl auf die Nerven, weil er so inflationär angewendet wird).

Als die Schwester kommt, um den dritten Beutel anzuhängen, bitte ich sie um eine Kleinigkeit zu essen. Kein Problem. Mit ein paar Nüsschen lässt sich die Zeit bis zum Essen gut überstehen.

Ich habe vor kurzem begonnen, mich von gewissen Erwartungen zu verabschieden. Also ich versuche es zumindest. Das ist nicht leicht, denn mein Leben hat die längste Zeit auf bestimmten Annahmen beruht, die ich wohl als Erwartungen bezeichnen darf:

- ich bin ein gesunder Mensch – falsch

- ich werde als Psychologin Karriere machen – falsch

- ich werde mit Dommi ihre Matura feiern – falsch

- ich werde mit meinen Enkelkindern im Schönbrunner Schlosspark Eichkatzerln füttern – falsch

- ich werde als stolze Brautmutter meine Tochter einen sympathischen jungen Mann heiraten sehen – gut, an der Reihenfolge Hochzeit / Kinder könnte ich noch feilen ...

Dennoch: alles falsch.

Ich werde tot sein.

Aber sind das nicht auch schon wieder Erwartungen? Sollte ich jedes »falsch« durch »vielleicht« oder »wer weiß« ersetzen?! Das Schwierige ist, nicht zu wissen, keine Gewissheit zu haben, wie – und ob überhaupt – es weitergeht: »es«, mein Leben.

Jetzt einmal den heutigen Tag überstehen! Ich döse weg.

Die Schwester hängt die vierte Flasche, die Angst-Flasche an.

Im gleichen Tempo, in dem das Medikament in meinen Körper tröpfelt, verlässt mich die Lebensenergie. Ich spüre, wie eine Welle der Schwäche sich in mir ausbreitet, sich meines Körpers bemächtigt. Ein Tsunami der Ohnmacht. Ich muss wehrlos mit anfühlen, wie die Gedanken sich in Nichts auflösen, wie mich alle Kraft verlässt. Als würde das Leben aus mir fliehen, um Platz zu machen für die zerstörerische Arbeit der Chemikalien, die mich vor dem Tod bewahren werden.

Vielleicht.

Was im Moment von mir bleibt: im hellen Spitalszimmer das Gefühl eines hohlen Körpers, in den Gift tropft. In der leeren Körperhülle eine schwere Seele.

Im Halbdämmer beginne ich ein Gespräch mit Gott. Oft in den letzten Tagen habe ich gehadert: Wieso gerade ich, die ich nie so exzessiv geraucht habe wie der G., die nie so unmäßig gefressen hat wie die U., die nie so viel gesoffen hat wie die T. und nie so unverantwortlich gerast ist wie der H.

Heute ist mir nicht nach schimpfen, ich bin erschöpft vom buddhistischen Denken. Bevor ich wegdämmere, versuche ich noch die katholische Verhandlungsschiene, die ist mir von Kindheit an vertraut: Ich schwöre Gott, dass ich nicht nur weniger, sondern gar nie mehr rauchen werde, dass ich meine durch die Chemos angegriffene Leber gar nie mehr mit einem einzigen Schluck Alkohol belasten werde, und dass ich mich ab sofort und ausschließlich gesund ernähren werde – und diese meine guten Vorsätze nicht so lasch und lausig brechen werde wie all die vergangenen Gelöbnisse.

Ich verspreche treuherzig und ehrlich, meine Schwester zu mögen, meine Eltern auszuhalten, nie mehr schlecht über meinen dummen Chef zu sprechen (für das Denken kann ich keine Garantie übernehmen), und im Übrigen alle Therapien ohne Jammern über mich ergehen zu lassen – wenn er mir nur einen einzigen Wunsch erfüllt: »Bitte lass mich Dommis Matura erleben.«

Meine Haare

Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

Viktor Frankl

Niemand hat mich darauf vorbereitet, dass das Ausfallen der Haare auch körperlich weh tun würde. Es fühlt sich an wie damals, als ich als kleines Mädchen manchmal meine langen braunen Locken zu zwei Rossschwanzerln gebunden trug, die ich mit Haargummi ganz straff zusammengezurrt hatte. Beim Auflösen der Zopferln hat die Kopfhaut genau so weh getan wie jetzt. Ich stehe auf – auf dem Kopfpolster bleibt ein leicht verfilzter Schleier brauner Haare zurück.

Mir wird flau im Magen. Wie beim Abwärtsfahren auf der Hochschaubahn. Mein Herz ist ein Sack voll Tränen, weich, schwer. Doch zwischen meinem Herz und den Augen gibt es eine unsichtbare Barriere. Die Tränen kommen nicht bis zu den Augen. Ich bin trocken wie ein Stück Holz. Ich würde so gerne weinen können. Das würde mich erleichtern. Aber ich bin im »Funktionsmodus«, im »Ich-ertrage-alles-Modus«, im »Nur-nichts-anmerken-lassen-Modus«, auch gegenüber mir selbst. Mir ist schlecht. Ich möchte schreien.

Ich streiche das feine Haarvlies mit den Fingern vom Kissen. Meine Haare!

Nichts wird mich in den folgenden Jahren meiner Krankheit noch einmal so erschüttern.

Die Kältehaube hat nicht verhindern können, dass ich eine – das Wort ist furchtbar – eine Glatze bekommen werde. Seit dem Beginn der Therapien hat mir eine der freundlichen Krankenschwestern immer die Eishaube auf den Kopf gepresst, die aussieht wie eine unförmige Schimütze oder wie ein riesiger Eierwärmer. Zwischen zwei Silikonschichten wird ein Gel auf vier Grad abgekühlt. Durch die Kälte sollen sich die Blutgefäße unter der Kopfhaut verengen, sodass die Medikamente nicht an die Haarwurzeln herankommen und die Haare erhalten bleiben. Die enganliegende Haube hat während der mehrstündigen Infusionen immer Kopfschmerzen ausgelöst, aber ich wollte alles dafür tun, um meine Locken zu retten, die Onkologieschwestern haben mich darin bestärkt und mir Mut zugesprochen.

Ich gehe ins Bad, zögere, in den Spiegel zu schauen – aber ich sehe aus wie immer in den letzten Wochen: mein Gesicht unnatürlich rosig und schwammig vom Cortison, Ringe unter den Augen. Ich wage nicht, meinen Kopf zu berühren, will nicht, dass noch mehr Haare ausfallen. Mir ist gleichgültig, was Ärzte und Freunde mir beteuert haben: »Sie werden sehen, Frau Knoll, selbst wenn Ihre Haare ausfallen sollten, sie wachsen wieder nach, das kann ich Ihnen versichern!«, »Mach dir keine Sorgen, Sonja, die kommen wieder! Bei meiner Freundin sind sie schöner nachgekommen als vorher!« Mir ist das alles scheißegal. Meine Haare sind wunderschön, ich will sie nicht schöner. Ich will sie nicht verlieren! Mein Magen verkrampft sich in ohnmächtiger Wut.

Unter dem warmen Wasserstrahl der Dusche rinnen meine Haare in braunen Schlieren den Körper hinunter. Beim Föhnen fliegen sie, leicht wie Löwenzahnfallschirmchen, einfach so vom Kopf. Ich muss nachher das Bad saugen. Aber jetzt muss ich mich zusammennehmen. Ich schminke mich ein bisschen, ziehe mich an, bereite das Frühstück vor. Dominique muss in die Schule.

Ich mache mich auf den Weg nach Bern zum Frisör. Zuerst muss ich noch zum Onkologen, dem kleinen zynischen Mann, der die Beckenkammstanzung zwar gut hinbekommen hat, aber der mich weder ernst nimmt noch mir richtig zuhört. Und der mir ungefragt eine Lebensspanne von »maximal 10 Jahren« zumisst.

»Genießen Sie’s, Frau Knoll, alt werden Sie nicht mit dem Krebs!«

Später werde ich zu einem Kollegen wechseln, einem der gewissenhaftesten Ärzte, die ich im Laufe der Jahre kennenlerne, mit ruhigen Augen und einem liebevollen Lächeln. Aber noch sitze ich in der Ordination des Kleinen. Er fragt mich nicht, wie es mir geht, sagt nur: »Aha, hat die komische Eishaube nix gebracht, hab ich Ihnen gleich gesagt!« Er kommt auf mich zu, greift mir auf den Kopf, zupft mit spitzen Fingern ein Büschel frisch gewaschener Haare heraus und wirft meine Haare achtlos in den Papierkorb. »Na, dann ...« murmelt er – soll heißen, ich muss jetzt zum Perückenmacher.

Der Frisör, der auf Perücken für Krebskranke spezialisiert ist, hat mir Wochen zuvor bei meinem Besuch in seinem Laden gesagt, sollten die Haare trotz Eishaube ausfallen, könne ich ihn immer am Handy erreichen. Ich könne wirklich jederzeit anrufen. Auch am Wochenende. Sicher!

Ich bin berührt vom Einfühlungsvermögen dieses Mannes, der mit mir, wie schon mit Hunderten Kranken vor mir, miterlebt, wie weh meine Seele tut, wie ohnmächtig ich mich fühle, wenn die Haare einfach so ausgehen, ohne dass ich es verhindern kann.

Er erklärt mir, dass ich nicht warten darf, bis alle Haare endgültig ausgefallen sein werden, das könne wochenlang dauern. Es sei besser, sie jetzt ganz kurz zu schneiden und gleich eine Perücke anzupassen. Er schaut sich meine Haarfarbe und Frisur an, holt aus dem Lager aus Hunderten Perücken drei zur Auswahl, von denen er später eine meinem Stil anpassen und zurechtschneiden wird. Die ganze Zeit über spricht er ruhig, sachlich und mitfühlend - ich fühle mich gut aufgehoben bei ihm. Er greift zur Tondeuse, wie man in der Schweiz den Haartrimmer nennt, mit dem man schicke Kurzhaarfrisuren schneidet. Er stellt die minimale Schnitthöhe für eine Stoppelglatze ein. Dann fallen meine Haare – es sind immer noch so viele! – in dunklen Büscheln zu Boden.

Ich bin dankbar, dass der Frisör nicht versucht, mich aufzuheitern.

Es gibt keinen Trost.

In ein paar Wochen, wenn auch die Haarstummeln abgefallen sein werden, wird mein Schädel völlig kahl sein. Die Haare werden aber auch sonst überall ausfallen, bis ich keine Augenbrauen, keine Wimpern, keine Achselhaare, keine Schamhaare mehr haben werde. Mein ganzer Körper wird nackt sein.

Wenigstens werde ich mir im Sommer die Beine nicht rasieren müssen.

Schlechte Venen

Die Krankenschwestern im Spital begrüßen mich herzlich, sie kennen mich mittlerweile, ich bin schon zum vierten Mal hier – und werde mit dieser Art Krebs, der behandel- aber nicht heilbar ist, noch oft kommen müssen. Sie freuen sich offenbar, mich zu sehen, denn ich bin eine unkomplizierte Patientin. Worüber die Krankenschwestern sich nicht freuen, sind meine Venen. Die sind schlecht. Dafür kann ich nichts, aber ich muss es jedes Mal ausbaden, wenn wieder daneben- oder durchgestochen wird und ich mit einem violetten Bluterguss in der Armbeuge nach Hause gehe. Gottseidank ist es kühl und ich trage lange Ärmel. Diesmal wollen die Schwestern sich – und mir – das Venensuchen ersparen.

»Bevor Sie sich umziehen (heißt: das unsägliche hinternfreie Spitalsnachthemd überwerfen) lassen Sie sich bitte im Soussol (=Untergeschoss) anstechen.«

Ich fahre mit dem Lift vom hellen 6. Stock in die Unterwelt.

6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – E – UG

Kalte Neonröhren, ausrangierte metallene Spitalbetten, die den Durchgang halb versperren, muffige Luft, dicke Rohre an der Decke, Kabelschächte: die Eingeweide des Spitalsbetriebs.

Nach ein paar Metern stoße ich eine Schwingtüre auf und stehe in einem spärlich beleuchteten Raum mit einem zweiten Ein- bzw. Ausgang schräg gegenüber, und einer frisch überzogenen Liege in der Mitte. Bei meinem Eintreten flammen Neonlampen auf.

Vom anderen Eingang her stürmt eine Gestalt mit Gesichtsmaske und blutbesudelter Schürze über weißem Kittel herein. Jenseits der hinter ihr zuschwingenden Türe erkenne ich ein glänzend gekacheltes Zimmer mit verschiedenen metallen schimmernden und rot blinkenden Geräten. Natürlich: die Notfallambulanz!

Die Frau nickt mir zackig-auffordernd zu. »Ich komme zum Anstechen! Auf der Onkologie sagen sie, ich habe schlechte Venen.«

Ich bin mir meiner Schuld bewusst.

Mit einem Ruck reißt die Schwester ihren Mundschutz vom Gesicht, – fehlen ihr ein paar Zähne? – deutet mir, mich auf die Liege zu setzen. Sie nestelt eine plastikverschweißte Nadel von irgendwoher aus ihrem Kittel hervor, reißt die Nadelumhüllung einhändig auf und fixiert mit der anderen Hand meinen linken Arm an ihrem Bauch. Ohne die Vene mit einem Gummischlauch am Oberarm zu stauen stößt sie die Nadel mit einer geschmeidigen Bewegung in die Armbeuge – sitzt.

Während sie sich den Mundschutz wieder überzieht, murmelt sie beim Aufstehen genervt: »Schlechte Venen gibt’s nicht.«

Bettzeug

Wenn ich zur Chemotherapie fahre, achte ich darauf, dass mein Bettzeug nicht ganz frisch gewaschen ist. Wenn ich nach Hause zurückkomme und ins Bett muss, möchte ich mich selbst riechen, nicht ein Waschmittel. Der Geruch meines eigenen Körpers gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Daheim in meiner Höhle suche ich Schutz und Sicherheit.

Dann will ich mich von der Welt absondern und Ruhe finden zum Heilen.

Verschmutzte Flüsse

Ich schwimme in der Aare. Das Wasser ist sehr kalt, es ist milchig-grünlich, es kommt direkt von den Gletschern der Alpen. Ich muss kräftig mit den Armen rudern, der Sog des Flusses ist stark. Etwas streift scharf und schmerzhaft meine Beine. Ich versuche, durch das Wasser zu sehen, was mich verletzt hat. Das rostige Gerüst eines Tisches oder Sessels treibt neben mir im Wasser. Ich schaue mich um – da schwimmen noch andere Gegenstände an der Oberfläche, alle dreckig oder halb verrottet. Das Gerümpel wird immer mehr. Ich fühle mich fast bedroht davon. Auch das Wasser ist mit einem Mal nicht mehr sauber. Rost, kleine Farbpartikel, Fäkalien – die Aare gleicht einer Kloake! Der Fluss ist völlig verschmutzt.

Traum Nov. 2000

Ich sitze bei meinem Homöopathen, von dem ich mich während der Chemotherapien begleiten lasse, und erzähle ihm den Traum von vor ein paar Monaten.

»Ich hatte vor der Diagnose immer wieder solche Träume von Flüssen.« »Von verschmutzten Flüssen?«

»Ja – immer so oder so ähnlich wie der, den ich Ihnen gerade erzählt habe. Manchmal war das Wasser durch die Abwässer von Fabriken verfärbt, manchmal war es voll kaputter Möbel ...«

Seit der Diagnose beschäftigt mich die Frage, wie ich mir den Krebs des Immunsystems vorstellen muss. Das Wort »lympha« bedeutet »klares Wasser«. Die Lymphgefäße durchziehen – ähnlich den Blutgefäßen – fast den ganzen Körper. Sie transportieren das Gewebswasser, die Lymphe, die der Drainage der Körpergewebe und dem Transport verschiedener Substanzen und Abwehrzellen dient. Die Lymphe nimmt dabei auch Stoffwechselendprodukte (Abfallstoffe und Kohlendioxid) aus den Geweben auf. Schließlich wird sie über das im Körper verzweigte Netz der Lymphbahnen in der Nähe des Herzens wieder in den Blutkreislauf zurückgeführt.

»Faszinierend!«, der Arzt beugt sich interessiert vor.

»Ja, man kann sich Lymphdrüsenkrebs genau so vorstellen. Ihr System ist verunreinigt. Sie werden herausfinden müssen, was genau die spezifischen Verschmutzungen in Ihrem Leben sind!«

»Und jetzt wird es darum gehen, mein Fluss-System im Körper zu reinigen?«

»Genau! Alles Schädliche muss raus, damit Ihre Lymphe wieder ihren eigentlichen Namen verdient. Klares Wasser.«

Warten

Mein Leben ist in einen »Warten-Modus« gelenkt worden. Ich warte auf die nächste Chemo, ich warte darauf, dass die Erschöpfung nachlässt, ich warte auf das Ergebnis des Bluttests, dann werde ich wissen, ob ich auf die nächste Chemo warten muss, ich warte auf das Abklingen der Nebenwirkungen, ich warte auf das Ende des Therapiezyklus, ich warte auf den nächsten Onkologentermin.

Das Warten macht mich müde.

Ich bin aus dem Leben geworfen worden, in einen Leer-Raum, einen Warte-Raum. Das Fortschreiten des Lebens, das aktive, selbstbestimmte, das unabhängige Leben, mein Leben, ist zu einem Stillstand gekommen.

Wann werde ich wieder leben statt zu warten?

Cortison

Im Inneren meines Körpers herrscht Aufregung, überdrehte unhörbare Motoren, lautloses hektisches Dröhnen, Herzhämmern: Das Cortison versetzt den Puls in Aufruhr. Der Körper schreit nach Ruhe. Das tonlose Rasen in mir lässt Stille nicht zu. Ich möchte weinen. Ich möchte schlafen.

Also Wach-bleiben-Müssen. Nachdenken. Nach. Denken. Was denn denken? Eindösen. Was hab ich grad gedacht? Die verschwommenen Gedanken sinken wieder zurück in den Dämmer. Ich bringe nur einfache Sätze zustande. Keine Nebensätze. Nur Basales. Banales. Welcher Wochentag ist heute? Wann kommt Dommi heim? Ich hätte gern Tee.

Das Denken rinnt zäh durchs Hirn. Ich kann meinen Gedanken zuschauen. Wie sie entstehen. Wie kleine Luftblasen. Wie sie bedächtig aufsteigen in der Zähigkeit des Sirups. Sich, kaum an der Oberfläche, langsam auflösen. Die klebrige Masse ist wieder luftblasenlos. Alles in Zeitlupe.

Manchmal tropft ein wichtiger Gedanke ins Dämmern: »Ich muss aufs Klo!«

Schleppe mich ins Bad. Gehen ist Schlafwandeln. Alles ist nur halb. Halb bewusst. Halb schwindlig. Dann sinke ich schwitzend vor Anstrengung wieder zurück ins Bett. In anstrengenden Herzklopfschlummer. Ich vibriere heiß und lautlos. Übermüdet und überdreht.

Ich höre den Wohnungsschlüssel in der Türe – ist es schon so spät? Schon Nachmittag? Dominique kommt von der Schule nach Hause. Und ich hab gar nicht gekocht für sie. Hat sie in der Schule etwas gegessen? Ich spüre einen leichten Stich im Magen, das schlechte Gewissen. Kenne ich seit vielen Jahren. Ich bin berufstätig. Will alles unter einen Hut bringen. So gut wie möglich. Ich will meiner Tochter täglich frisches Essen kochen. Sie bei ihren schulischen Anforderungen unterstützen. Ich will mir die Krankheit möglichst nicht anmerken lassen. Damit sie nicht noch mehr leiden muss meinetwegen – mit Glatze und Dauererschöpfung.

Bei den Assessments, die ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen durchführe, werde ich in ein paar Wochen natürlich wieder »fit und top« sein müssen. Anders – so hat mir mein junger und vor Gesundheit strotzender Vorgesetzter zu verstehen gegeben – brauch ich gleich gar nicht mehr zu kommen. Ersatz für mich findet sich im Handumdrehen. Ich brauch es nur zu sagen. Die Berufswelt ist halt tough. Sorry ...

Ich mag gar nicht daran denken, kann mir nicht vorstellen, je wieder genug Kraft für den Beruf zu haben, den ich gerne ausübe, mich je wieder konzentrieren zu können.

Also kämpfen. Wie all die vergangenen Jahre auch. Allein kämpfen. Kämpfen um den Job, kämpfen um die Gesundheit, kämpfen gegen die Zeit, in der ich nicht gleichzeitig im Büro sein und meine Tochter vom Zug abholen kann. Schnell auf dem Heimweg einkaufen, nach Hause, kochen. Dann ins Bett fallen. Ab Freitag schlechtes Gewissen, weil ich an den Wochenenden mit Dominique kein »Programm« machen, nichts unternehmen kann wie andere, »richtige« Familien. Ihr Vater, der mit dem Aufbau seiner zweiten Familie beschäftigt ist, nimmt seine Tochter nicht öfters zu sich als er muss. Nicht, dass er sie nicht gernhätte – aber so wirklich unterstützt fühle ich mich nicht.

Ist ja auch nicht notwendig. Wir sind ja nicht mehr verheiratet. Er hat mir gegenüber keine Verpflichtungen mehr.

Ich merke, wie mir ein bisschen übel wird vor Verzweiflung. Aber ich will so nicht weiterdenken, Hilflosigkeit und Verbitterung schwächen mich. Ich setze mich im Bett auf, ziehe eine der dünnen Baumwollmützen über die Glatze, um meiner Tochter meinen haarlosen Anblick zu ersparen. Sie kommt zu mir ins Schlafzimmer. Bussi.

Sie dreht sich halb weg. Sie ist ein bisschen angepisst, dass ich sie nicht vom Zug abgeholt habe. Ich entschuldige mich dafür, bereite ein Z’Vieri vor – eine Jause, wie man zu Hause in Wien sagen würde.

In Wien ... Nein, jetzt nicht dran denken, keine Zeit für Heimweh.

Ich mache Tee für uns beide – Kaffee würde ich im Moment nicht vertragen, der würde meinen Körper zusätzlich aufheizen. Dommi geht ins Bad und bürstet hingebungsvoll ihre wunderschönen langen Locken. Als kleines Kind hatte sie eine goldene Löwenmähne. Was für ein herziges Mädchen sie war. Immer so sonnig. Was für eine hübsche junge Frau aus ihr geworden ist.

Ich habe ihr mit meinem Krebs die Sonne genommen. Sie ist ernst geworden, oder sauer, oder überfordert, oder traurig, auf jeden Fall schweigsam. Wieviel davon ist ihre Pubertät, wieviel davon mein Krebs – bin ich schuld dran?

Wieder der Schlechte-Gewissen-Stich.

»Wie war’s in der Schule?«

»OK.« Sie schaut mich nicht an.

»Einen Mehrwortsatz bitte!«

»Es – war – ganz – OK.«

»Na geh, bitte!« Ich werde unwirsch.

»Wir haben die Matheschularbeit zurückbekommen. Fünf.« Jetzt strahlt sie plötzlich, womöglich gegen ihren Willen. Ich freue mich sehr. Fünf ist in der Schweiz die zweitbeste Note. In Mathe, ihrem Angstfach. Sprachen sind ihr lieber. Ich stehe auf und drücke sie fest. Sie lässt es geschehen, versteift sich nicht wie so oft in letzter Zeit. Ich hab sie so lieb.

»Und sonst?«

»Nix. Viele Hausaufgaben.« Und weg ist sie, in ihrem Zimmer.

Erwarte ich zu viel, wenn ich mir wünsche, dass sie mich fragt, wie es mir geht? Heute, nach einer weiteren Chemotherapie, die mich ganz offensichtlich mitnimmt? Oder kann sie das ganz einfach nicht, weil sie mich nicht schwach erleben will? Die Psychologin in mir erwacht kurz. Erkundigt sie sich nicht, weil sie nicht ertragen kann, ihre Mutter zu verlieren? Ich verstehe meine Tochter, es tut trotzdem weh.

Ich würde auch gern gedrückt werden.

Sudoku

Ich nehme eines der Gratisblätter aus der Box am Bahnsteig. Der politische oder wirtschaftliche Inhalt ist mir egal. Ich suche die Seite vor dem Fernsehprogramm. Ich reiße ungeduldig die Seiten herum, suche nach dem Quadrat, bestehend aus kleineren Quadraten, manche mit Ziffern gefüllt. Je weniger Ziffern, desto schwerer. Sudoku. Ich wühle in der Handtasche nach dem Druckbleistift.

In Bern steigt gottlob niemand in die S-Bahn, den ich kenne, mit dem ich mich unterhalten müsste. Ich fange gleich mit dem schwereren der beiden Zahlenrätsel an, das leichtere ist dann die »Nachspeise«. Es wird eine gute Fahrt, wenn ich in den 17 Minuten vom Bahnhof Bern bis nach Hause beide gelöst habe. Beim Einfahren in meine Station fülle ich die letzten beiden leeren Kästchen aus. Ein gutes Omen. Ich werde wieder gesund werden.

Zu Hause muss ich nicht sofort etwas für’s Abendessen vorbereiten und schnappe mir sofort eines der drei herumliegenden Sudoku-Büchlein. Eigentlich ist es ein Kalender, und ich habe bereits alle Sudokus bis Ende August fertig. Jetzt ist März.

Wann hat diese Sudoku-Sucht begonnen? Seit wann fühle ich mich getrieben, die 9 x 9 Kästchen mit Zahlen zu füllen? Seit wann gehe ich ohne Sudoku-Büchlein in der Handtasche nicht mehr aus dem Haus? Sudoku besteht aus 81 Kästchen in 9 x 9 Reihen angeordnet, in die nach bestimmten Regeln Zahlen einzufügen sind, die man durch Kombinieren und Logik ermitteln kann. Es gibt kein Raten, kein Fühlen oder Erahnen, sondern Regeln, Vorschriften, an die man sich halten muss, will man erfolgreich sein. Wenn man diese Regeln kennt und befolgt, kann man ein Sudoku korrekt lösen und des Erfolgs gewiss sein. Das Rätsel ist klar strukturiert, Analyse und logisches Denken führen zum Ziel.

Mein Leben ist gerade das Gegenteil. Ich fühle mich in einem Spiel gefangen, dessen Regeln ich nicht kenne, die ich daher nicht befolgen kann. Ich weiß nicht, wie ich handeln soll, um zum Ziel zu gelangen. Und mit Analyse und Logik geht schon gar nichts. Ich komme mir vor wie in einem Labyrinth, sehe immer nur ein kleines Stück Weg vor mir, links und rechts Mauern, ständig Abzweigungen, und ich weiß nicht, welche ich nehmen soll, weil ich weder deren Möglichkeiten noch die Alternativen kenne. Mein Leben besteht aus Fragezeichen, Ausrufezeichen und Bindestrichen ohne Text dazwischen. Ich finde keine Antworten, weil ich nicht einmal die Fragen kenne. Es gibt nur unsichere Informationen und Wahrscheinlichkeiten.

Niemand kann mir klare Handlungsanweisungen fürs Überleben geben.

Die Ärzte nicht.

Die Psychologen nicht.

Die Ernährungsberater nicht.

Die Eltern nicht.

Und Gott redet sowieso nicht mit mir.

Sudoku bedeutet Überschaubarkeit. Das methodische Ausfüllen der Kästchen vermittelt Sicherheit und das Gefühl, durch Nachdenken etwas zu erreichen. Hier kann ich mich darauf verlassen, dass es eine Lösung gibt, wenn ich das Richtige tue. Und es gibt eine richtige Art der Lösung, die ich verstehe und beherrsche. Es gibt einen Weg zum Ziel.

Hier habe ich die Kontrolle. Hier wird alles gut.

Grauen

Die Medikamente greifen die Nerven an.

In manchen Nächten kann ich das Grauen sehen.

Es beginnt unter der Matratze, lauert unter dem Schlafzimmerboden.

Ich schwebe knapp über einem schwarzen Teich unter meinem Bett – es ist das Nachtmeer, das Totenmeer, das Grauenmeer. Ich starre hinein. Ich sehe mein bleiches Gesicht verzerrt, zersplittert vom schäumenden Wasser.

Ich weiß: Unter der Oberfläche lauern spitzzahnige Raubfische aus den tiefsten Tiefen, mit dünnen, sich schlängelnden Barteln und gezackten Rückenschuppen. Ihre riesigen milchigen Augen glotzen mich ausdruckslos an. Sie warten nur darauf, dass ich ins Wasser stürze – das kann jeden Augenblick geschehen. Sie werden mich zerreißen. Ihre glitschigen Leiber werden sanft und kalt an meinen Beinen, meinem Bauch, meinen Armen entlangstreichen, wenn ich ins Bodenlose sinke.

Mir ist schlecht. Ich möchte erbrechen.

Ich möchte aus dem Albtraum erwachen.

Ich bin wach. Im Nebenzimmer schläft mein Kind.

Ich schreie mein Entsetzen in meinen Kopfpolster.

Kämpfen

»Guten Morgen, Herr Doktor Jeschko!«

Der Onkologe muss immer lächeln, wenn ich ihn begrüße. In der Schweiz gelten Titel und akademische Grade nicht viel, nicht einmal Ärzte werden als Herr oder Frau »Doktor« angesprochen. Eine Schweizerin würde mit »En guete Tag, Härr Jeschko« grüßen.

Seit ein paar Wochen habe ich nun diesen neuen Onkologen. Ich fühle mich gut aufgehoben und ernst genommen.

»Guten Morgen, Frau Knoll. Wie geht es Ihnen heute?«

»Todmüde. Ich komm kaum aus dem Bett in der Früh!«

»Dann bleiben Sie doch liegen! Sie wissen, Sie sollen sich schonen. Die Chemo ist keine Vitaminkur ...«

»Ich tu ja eh schon nix mehr, lieg nur mehr in der Wohnung herum!« Ich werde ein bisserl ungeduldig – von allen Seiten höre ich, dass ich nichts tun soll, dem Körper Zeit lassen und Gelegenheit geben, sich von der Chemo-Tortour zu erholen.

Und wer, bitte, erledigt dann, was erledigt werden muss? Ich lebe allein mit einer 13-Jährigen, kann mir keine Putzfrau leisten, keinen Koch, keine Einkäuferin. Und meine Freundinnen, die mir ihre Hilfe anbieten, mag ich nicht zu oft strapazieren, die haben ihre eigenen Familien.

»Sie haben eine Tochter, nicht wahr?«

Ja, eben! schreit es ärgerlich in mir –

»Ja, Dominique, sie ist jetzt 13 Jahre alt«, antworte ich ruhig.

»Wie geht es Ihnen mit ihr? 13 kann ein schwieriges Alter sein.«

»Wem sagen Sie das! Nach dem ersten Schock der Diagnose hat sie sich ziemlich zurückgezogen, sie will mit mir nicht über die Krankheit sprechen. Wenn ich mit Freundinnen darüber am Telefon rede, geht sie aus dem Zimmer. Ich bemühe mich, dass unser Alltag so normal wie möglich weiterläuft.«

Ich merke an meiner Wortwahl, dass ich den Begriff »Krebs« vermeide. Es ist immer »die Krankheit«.

»Wie soll ich mir das vorstellen, Frau Knoll. Sie leben wie zuvor!?«

»Ich möchte meine Tochter nicht zusätzlich zu meiner Krankheit noch mit anderen Dingen belasten. Vielleicht schone ich sie ja auch zu sehr. Sie muss sich nur um die Schule kümmern, braucht mir nicht helfen – ich schaue, dass ich den Haushalt alleine mache, langsamer halt als bisher. Ich will alles so normal wie möglich ...«

»Aber Sie sind in einem Ausnahmezustand! Auch wenn Sie das nicht möchten: Ihr Leben ist im Moment nicht normal – was auch immer das heißt. Die Chemotherapien belasten Sie ungemein!«

»Ja, eh ... Aber es gibt Tage, da tu ich wirklich gar nichts«, entschuldige ich mich fast, »... so wie heute. Ich bin so unendlich müde ...«

»Naja, Sie sind doch geduscht, wie ich einmal annehme« – Grinsen – »Sie sind angezogen, zur Bahn gegangen und hergefahren. Haben Sie schon etwas zum z’Morge gegessen?«

»Ich bin ins Lädeli bei mir gleich um die Ecke, frische Brötli für meine Tochter und mich holen – sie hat eine anstrengende Zeit in der Schule. Dann hab ich gschwind unsere Betten abgezogen, damit die Wäsche, während ich bei Ihnen bin, waschen kann – aber das ist ja keine Arbeit, das macht die Maschine. Dann hab ich Dommi zu ihrem Zug gebracht und bin nach Bern und hab was besorgt gleich um die Ecke vom Bahnhof. Jetzt bin ich hier.«

»Gschwind dies, gschwind das, gschwind jenes ... Frau Knoll!«, sagt er mit freundlich-zurechtweisendem Ton. »Für andere ist das ein Tagesprogramm. Es ist zehn Uhr morgens, wenn ich Ihnen zuhöre, werde ich müde! Das nennen Sie gar nichts getan?«

»Ja, das nenne ich so! Davon kann ich doch nicht schon so fertig sein!«

Der Onkologe wird ernst: »Frau Knoll – Sie haben jetzt die fünfte Chemo-Infusion im Blut. Ihnen sind die Haare ausgegangen. Sie haben Albträume vom Onkovin, Ihnen wird übel vom Gestank Ihres Körpers. Sie können tagelang nichts essen wegen der Speiseröhren-Entzündung. Sie bekommen eine der am schwersten verträglichen Therapien, weil Sie noch jung sind.«

Ich muss ihn unterbrechen. Ich spüre Tränen stechend hinter den Augäpfeln aufsteigen. Nur kein Selbstmitleid. Heulen bringt nichts. »Ich hab Sie nicht verstanden – können Sie das bitte wiederholen?« Ich grinse ihn an.

»Was?« »Das mit dem jung sein. Weil fühlen tu ich mich wie 183 ...«

»Sie sind jung für diese Art von Krebs. Sie sind« – er blättert in den Akten – »gerade einmal 43 Jahre alt. Üblicherweise haben alte Menschen ein Non-Hodgkin-Lymphom. Deshalb erhalten Sie die volle Ladung Zytostatika, die weniger robuste Menschen als Sie es sind gar nicht vertragen würden.«

»Ich vertrag’s schon, aber ich ertrag’s nicht mehr. Deshalb wollt ich heute einen Termin bei Ihnen. Ich mag nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich bin todmüde. Ich hab keinen Appetit – und glauben Sie mir, Herr Doktor: wenn mir einmal der Appetit vergeht, steht die Welt nicht mehr lang. Ich wache jede Nacht mehrfach schweißgebadet auf, oft bin ich zu schwach, mir einen Tee zu machen, dabei muss ich ja viel trinken, damit das Zeug ausgeschwemmt wird. Ich bin so unendlich müde.«

»Seit ich Sie kenne – immerhin seit ein paar Monaten –, managen Sie Ihr Leben und das Ihrer Tochter in absolut perfekter Manier. Sie sind immer gepflegt, geschminkt, Sie versorgen Ihre Tochter, erledigen den Haushalt, kümmern sich um die Katzen, halten Kontakt zu Ihren Freunden, Sie nehmen Ihre Untersuchungstermine zuverlässig wahr, kommen zu den CTs, Blutabnahmen, Infusionen ins Spital ...«

Ja, so soll es ja auch sein. Ich mache kein Geheimnis draus, dass ich schwer krank bin, aber es soll niemand drunter leiden müssen.

»Sie sind eine Kämpferin, ich hab den Eindruck, Sie lassen sich nicht unterkriegen. Aber bitte, Frau Knoll: lassen Sie ein bisschen nach!«

Ich verstehe nicht. Ich sehe nicht, wo ich weniger machen könnte. Wenn Dominique in der Schule ist, lege ich mich manchmal ein, zwei Stunden nieder. Dann hole ich sie mit dem Auto von der Bahn ab. Das könnte ich vielleicht sein lassen, denn weit ist es nicht zu Fuß von der Station bis zu uns nach Hause. Aber da ist das schlechte Gewissen, was ich meiner Tochter antue, dass sie Angst um mich haben muss.

Der Arzt schaut mich fragend an.

»Ich schlafe eh schon so viel ...«

»Schlafen Sie mehr. Schlafen Sie noch mehr. Schlafen Sie 20 Stunden. Stehen Sie nur mehr auf, um ins Bad zu gehen und um etwas zu essen oder trinken.«

Ich weiß, was er meint, und ich würde gerne. Aber wer soll dann kochen? Ich antworte nicht, habe den Eindruck, er nimmt mich im Moment nicht ernst. Wenn ich etwas nicht mache, bleibt es un-gemacht, was ich nicht tue, bleibt un-getan! Ist das so schwer zu verstehen?

»Ihr Körper, Frau Knoll, arbeitet seit Monaten täglich 24 Stunden lang unter höchstem Stress! Da spielt sich ein Töten und Absterben von Millionen und Abermillionen Zellen in Ihnen ab! Ich bemühe das Bild nicht gerne, aber: In Ihrem Körper herrscht Krieg! Die Millionen toten Zellen müssen abtransportiert werden und ausgeschieden, es müssen rasch neue gebildet werden. Im Moment ist Ihr Körper eine noch effizientere chemische Fabrik als sonst. Alles läuft auf Hochtouren. Das ist sehr anstrengend für Ihren Körper!«

Jetzt wird mir ein bisschen mulmig zumute. Ein so intensives Sprechen in den höchsten Steigerungsstufen ist unschweizerisch, normalerweise wird nicht übertrieben beim Reden, alles ist wohltemperiert. Die letzten Worte klingen doch äußerst eindringlich.

»Was soll ich denn machen?«

Ich bin verzweifelt, ich fühle mich gefangen, merke, wie ich aggressiv werde.

Wieso versteht das keiner?

»Gut, wenn das so ist, dann muss ich Sie aus dem Verkehr ziehen.«

Er nimmt ein Blatt Papier aus der Schublade.

Das klingt so verlockend – ja, bitte! Ab – weg – fort! Eine Zeit lang keine Verantwortung, keine Pflichten, nur auf mich selbst schauen. Und schlafen. Ich fühle mich zu Tode erschöpft und die Vorstellung ist großartig.

Schlafen, dösen, rasten, liegen, faulenzen, vermodern – wie wundervoll!

»Haben Sie schon einmal etwas von der Lukasklinik in Arlesheim gehört?«

»Ja, klar! Die Anthroposophische Krebsklinik in Basel. Dort könnte ich hin?«

»Ich würde Sie dort hin überweisen, wenn Sie das möchten. Ich würde Ihnen raten, einmal hin zu fahren und ein Gespräch mit einem dortigen Arzt zu führen. Dann können Sie sich entscheiden. Ich habe hier ein Informationsblatt.«

»Wie lange bleibt man denn in dieser Klinik?«

»Etwa zwei bis drei Wochen.«

Das wäre der Himmel auf Erden. Zwei bis drei Wochen schlafen, schlafen, schlafen ...

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