Kitabı oku: «Faule Mieten»

Yazı tipi:

Sonja Rudorf

Faule Mieten

Frankfurt Krimi


Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag

© 2021 Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Satz/E-Book: Julia Desch, Societäts-Verlag

Umschlaggestaltung: Bruno Dorn, Societäts-Verlag

Umschlagabbildung: Alexander Levitsky/Shutterstock

Printausgabe ISBN 978-3-95542-409-1

E-Book ISBN 978-3-95542-426-8

1

Die Villa schlief. Körniges Licht lag auf ihren Holzstufen. Noch waren sie unberührt. Man konnte spüren, ob jemand sie betreten hatte, man musste nur den Kopf ein wenig zur Seite neigen und ins Halbdunkel lauschen. Und dann war da der Atem, lautlos und unbewegt, ein Atem wie kurz vor dem Erwachen. Niemand außer ihr hörte den Atem der Villa.

Ellen ließ ihren Blick über das Ölbäumchen auf dem Fenstersims gleiten, bevor sie aus dem Türrahmen trat und in ihre Wohnung zurückkehrte. Die Stille im Treppenhaus war schön, jeden Morgen aufs Neue.

Sie öffnete die Fensterläden in ihrer Küche. Sechsuhrfünfzehn. Im Stift brühten sie gerade Kaffee für die Stationen auf. Noch war die Baustelle schräg gegenüber verwaist. Schlaff hing das Gerüstnetz zwischen den Metallstreben. Sie schob die Gardine vor und bereitete sich ein üppiges Frühstück zu. Bevor der Baulärm begann, saß sie längst im Wohnzimmer, das nach Osten zeigte und auf den rückwärtigen Garten hinausging. Irgendwann kehrte wieder Frieden in der Straße ein. Erst gestern hatte sie einer Freundin im Kino erzählt, wie gut es tat, nicht mehr arbeiten zu müssen und sich später noch behaglich durch die Spätsendungen gezappt. Eine kleine Stadtvilla pflegen statt gebrechlicher Menschen, gar nicht so schlecht. Sie biss in ihr Wurstbrötchen. Während des Frühstücks ging sie die Besorgungen des Tages durch. Wandfarbe und Klebeband, dazu Pinsel vom Baumarkt. Nachher würde sie die Wände des Wäschebodens vom Schimmel befreien und die nassen Flecken übertünchen. Im Flur raschelte es. Bella schoss in die Küche und schlug ihre ausgefahrenen Krallen in den Sisalstamm. Zwei Sätze, und sie blickte triumphierend von der obersten Plattform des Kratzbaumes auf den gedeckten Tisch. Verrücktes Vieh.

Es war zehn Uhr, als Stimmen von der Straße zu ihr hereindrangen. Maren stand mit zwei Männern vor dem Gartentor und bat sie schließlich in die Villa. Zwei Männer. Der eine schmal und groß, mit blütenweißem Hemd unter der Lederjacke und Bluejeans, der andere korpulent. Nein, dick.

Ellen eilte in den Flur und presste ein Auge an den Spion, doch sie waren schon in der Wohnung gegenüber verschwunden. Kurze Zeit später folgten sie Maren durchs Treppenhaus. Im Geiste zählte sie die Stufen mit. Zweiter Stock! Die helle Stimme des Studenten ertönte, dann eine dunklere, ruhig und bestimmt. Was wollten die von Joschua? Jetzt verebbte das Gespräch, aber niemand kam herunter. Es ging hoch ins Dachgeschoss.

Der Dachboden!

Wahllos zerrte Ellen Blusen aus dem Kleiderschrank, ließ in der Dusche Wasser darüber laufen und hastete mit der eingeweichten Wäsche die Stufen hinauf. Am letzten Treppenabsatz hielt sie inne. Ihr Atem ging schwer. Sie war fünfzig und übergewichtig; dazu hatte die Neugier sie schneller als sonst die Stufen hinauf und ihr die Luft aus den Lungen getrieben.

»Guten Morgen.« Der Große mit der Lederjacke lächelte freundlich. Er trug Latexhandschuhe. »Kriminalpolizei. Steiner.« Sein Blick glitt über ihren Wäschekorb. »Und Sie sind?«

»Ellen Beetz. Ist was passiert?«

»Kennen Sie den Mieter dieser Dachmansarde näher?«

»Herrn Fischer? Nein, der wohnt doch erst seit zweieinhalb Monaten hier. Wieso?« Ihr Atem schnarrte.

»Wann haben Sie ihn denn das letzte Mal gesehen?« Der Kommissar postierte sich vor der Tür zum Dachboden und versperrte ihr die Sicht. Wo waren Maren und der Dicke?

»Gestern Mittag. Bei den Mülltonnen habe ich ihn kurz gesehen. Hat er was verbrochen?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Bloß so.«

»Herr Fischer ist gestern tot aufgefunden worden.«

Unwirklich drangen die nächsten Worte des Kommissars an ihr Ohr, die von einer Ermittlung sprachen.

»Tot?… Ist er da drin, in seiner …?« Sie schnappte nach Luft. Wie viele Tote hatte sie im Stift gesehen, aber hier im eigenen Haus, und noch dazu ein junger Mann. Die Vision eines wächsernen Gesichtes trat vor ihre Augen, und mit diesem Bild setzte der Schwindel ein. Sie spürte das Treppengeländer in ihrem Rücken und einen festen Griff an ihrem Oberarm, während ihr der Kommissar riet, sich zu setzen. Von der Treppe aus wirkte er riesig.

»Keine Ahnung, warum er seine Mansarde nicht abgeschlossen hat. Vielleicht, weil hier jeder jedem vertraut.« Maren trat aus der Dachetage. »Herr Boehm im ersten Stock könnte zu Hause sein, der macht seinen Weinladen erst gegen Mittag auf. Und Frau Kücherer. Die Gute ist etwas vergesslich und manchmal verwirrt. Soll ich mitgehen?«

»Nicht nötig. Mein Kollege kennt sich mit Demenz aus, das ist in Ordnung.«

»Wie wahr.« Unter dem Arm des korpulenten Polizisten, der nun vom Dachboden kam, klemmte ein Laptop. »Das nehme ich mit. Und werde bei Bedarf nochmal auf ihr freundliches Angebot zurückkommen.«

Er nickte Maren zu. Ächzend begleiteten die Holzdielen seinen Abstieg.

Kurz darauf ertönte aus dem ersten Stock die Türklingel, und wenig später die erfreute, zu laute Stimme der Mieterin.

Die treuherzige Kücherer. Jetzt würde sie mit ihrem Rollstuhl wenden und ihm voraus in ihre Küche fahren, um ein Gläschen Port aus dem Schrank zu holen. Hauptsache Unterhaltung.

Ellen rappelte sich auf und zog ihre Bluse über den Hosenbund.

Prüfend sah der Kommissar sie an, bevor Maren in seinem Rücken fragte, ob sie noch etwas tun könne.

»Ihr Gedächtnis nach auffälligen Dingen durchforsten«. Er reichte ihr eine Visitenkarte und ließ sie am Treppenabsatz stehen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich daran erinnerte, dass sie nicht allein war.

»Geht’s wieder?«

Ellen nickte. Unter ihnen, im zweiten Stock rechts öffnete sich die Tür. Die freundliche Stimme Steiners blieb unerwidert, bis Viktor Boehm ihn hereinbat. Stille senkte sich über das Treppenhaus. Doch diesmal war es keine schöne Stille.

Auch Maren war ohne ein weiteres Wort den Weg nach unten angetreten. Wieso redete sie nicht mit ihr? Ellen nahm ihren Wäschekorb und lief hinterher. Kurz bevor sie das Erdgeschoss erreichte, schnappte die Tür gegenüber ihrer Wohnung zu. Unschlüssig stand Ellen in der Diele, bevor sie ebenfalls in ihre Wohnung ging.

»Was für ein Angebot?«, simste sie, während sie Bella auf ihrem Schoß mit der freien Hand durchs Fell strich. Doch ihr Handy blieb stumm.

Ein toter Mieter in der Villa. Das brachte Unglück. Neun Monate hatte sie stillgehalten, die Villa, wie bei einer Geburt. Und dann gebar sie diese Brut.

Draußen schlug die Haustür zu, die beiden Männer stiegen in einen olivgrünen Mercedes. Was sie wohl auf dem Laptop von Torben Fischer finden würden? Dieser nette Mensch, der für jeden ein freundliches Wort auf den Lippen trug und sich so gut in die Gemeinschaft integriert hatte.

Das Schrillen der Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Maren ließ sich nicht lange hereinbitten und ging schnurstracks ins Wohnzimmer durch.

»Der Fischer ermordet! Das gibt’s doch gar nicht. Was für ein Glück, dass sie ihn nicht in seiner Mansarde abgestochen haben.« Sie schob zwei Plüschkissen zur Seite und ließ sich auf das Sofa nieder.

»Tee?« Beinahe hätte ihre Stimme versagt, dabei war es doch nur Maren, die schon wieder so frisch aussah, als sei nichts gewesen. Sie hatte neuen Lippenstift aufgelegt, und der Nasenstecker funkelte wie ein Diamant aus dem gebräunten Gesicht.

»Hast du nichts Stärkeres?«

Ellen fing ein Lächeln auf, das nach Verzweiflung aussah. Sie war wohl doch nicht die Einzige, die ein Mord im Haus aus der Fassung brachte. Und was würde erst Hanna Vers aus dem zweiten sagen. Die wohnte direkt unter ihm. Sie ließ die Teekanne in der Küche links liegen und entnahm der Vorratskammer eine Flasche Pfirsichlikör. Etwas anderes bekam sie um diese Uhrzeit nicht herunter.

Als sie zurückkam, saß Maren auf der vorderen Kante des Sofas, als habe sie Angst, in seine Tiefen gezogen zu werden. Hinter ihr krochen die Strahlen einer späten Märzsonne übers Polster. In diesem Licht sah es aus, als regne es Staub.

»Die haben gefragt, wer für die Villa zuständig ist.« Maren nahm das gefüllte Glas entgegen, leerte es auf Ex und schüttelte sich. »Boah, also echt.«

»Und dann?«, hörte Ellen sich fragen und nippte am Likör.

»Gings weiter wie im Film. Dieser Steiner hat mir seinen Ausweis gezeigt und gefragt, ob sie reinkommen können. Kaum waren wir in der Wohnung, sagt er: Herr Fischer wurde heute Morgen tot im Park gefunden.«

»Im Park?« Bella, die um ihre Beine schnurrte, nahm Reißaus. »In welchem?«, fragte Ellen leiser nach.

»Im Sinaipark. Ein paar Meter von hier! Abgestochen.« Die Flasche Pfirsichlikör wanderte in Marens Hand und nach wenigen Sekunden auf den Tisch zurück. »Eiskalt abgestochen. Und jetzt kommt das eigentlich Krasse.«

Der Staub im Sonnenlicht stand still. Ellen blinzelte. Sie war sich nicht sicher, ob sie das hören wollte. Was konnte denn noch krasser sein, als abgestochen im Park zu liegen?

»Der Typ war Immobilienmakler. Und jetzt rate mal, bei welcher Firma.« Marens Augen blitzten auf, Ellen kannte dieses elektrisierte Braun, Kurzschlussaugen nannte sie es bei sich, wenn Maren wirklich wütend war, und wie von diesem Stromschlag getroffen, schlug der Blitz der Erkenntnis unbarmherzig nun auch bei ihr ein, und sie erfasste mit einem Mal das wirkliche Ausmaß der Situation.

»Er sagte doch, er nimmt eine Auszeit«, hörte sie sich krächzen, »von seinem Bürojob und seiner Ehe. Einmal habe ich sogar ein Streitgespräch am Telefon mitbekommen.«

»Seine Scheidungsgeschichte stimmt. Das, was er von seiner Tussi erzählt hat, kann man nicht erfinden. Aber alles andere.« Maren winkte ab. »Er hat sich ja ausrechnen können, dass er den Dachboden nicht kriegt, wenn wir gewusst hätten, für wen er arbeitet.«

»Und jetzt?«

»Jetzt hat sich seine Frau die Scheidung gespart.« Maren lächelte, dass es einen gefrieren konnte. »Vielleicht lernen wir sie kennen, wenn sie seine Sachen abholt. Ich bin gespannt.«

2

Einbauküchen! Jona Hagen schlug den Schrank mit dem Ellbogen zu. Für jedes Kochutensil musste man eine Tür öffnen und dazu wissen, hinter welcher genau das Gesuchte stand. Einbauküchen waren so uninspirierend wie Büroarchive, wie Tonic ohne Gin, wie Kochen ohne ein Gläschen Wein. Sie seufzte. Wie konnte man nur keinen einzigen Tropfen Alkohol im Hause haben? Zum dritten Mal öffnete sie den Hängeschrank mit den Vorräten. Gewürze, Dosen, Packungen mit Nudeln, Reis, gläserweise Eingemachtes und Süßkram. Von geistigen Getränken keine Spur. Dabei war Ulf doch ein Gourmet. Sie leerte die Pfanne, in der die Goldbrassen bis vor Kurzem noch auf Ingwer und Chili gebrutzelt hatten, über dem Mülleimer aus. Natürlich war Jakob genau in dem Moment an der Küchentür vorbeigestreift, in dem die Doraden angebrannt waren. Gut, dass sie ein paar Fische mehr gekauft hatte. Die Ersatzgoldbrassen würde sie im Ofen backen, auch wenn sie ihnen dafür den Kopf abtrennen und sie bis zum Schwanz aufschlitzen musste.

Aus dem Flur drangen Geräusche, ein Schlüssel klimperte. Kurz darauf spürte sie zwei Hände um ihre Taille.

»Was wird das denn Schönes?«

Jona wandte sich um, doch in dem scharfkantigen, schmalen Gesicht war keinerlei Ironie zu erkennen.

»Sorry. Das war Dorade, die erste. Der zweite Akt landet in fünfundzwanzig Minuten auf dem Tisch. Laut chefkoch.de. Beim Kochen bin ich ohne Vino irgendwie blockiert.«

»Dann geh ich mal in den Keller. Da warten hundert Fläschchen darauf, deine Blockade zu lösen.«

»Du hast einen Weinkeller?« Jona trat einen Schritt zurück und konstatierte das feine, inzwischen so vertraute Lächeln in seinem Gesicht. Heute sah es erschöpft aus.

»Wieso weiß ich das nicht?«

»Etwas muss man ja noch in petto haben.«

Fünf Minuten später kehrte er mit zwei Flaschen Sauvignon Blanc zurück.

»Eine für die Fische, die andere für uns. Soll ich dir helfen?«

Bei der Umarmung drückte seine Dienstwaffe gegen ihre Brust.

»Nimm lieber eine Dusche und entspann dich. Du siehst schrecklich aus.«

Bei Tisch wurde wenig geredet. Steiner lobte die Dorade, sein Sohn schaufelte anstandslos eine Gabel nach der anderen in sich hinein. Das Klirren des Bestecks erinnerte Jona an ihre Kindertage. Ungutes Schweigen, und niemand, der es zu durchbrechen wagte. Außer ihr natürlich. Jona, das Enfant terrible.

»Morgen ziehen sie das Gerüst hoch.« Sie schob sich eine Kartoffelscheibe in den Mund und fing Steiners Du-kannst-gerne-hierbleiben-Blick auf. Ohne zu kauen, würgte sie den Bissen hinunter. »Einen Winzbalkon an die Küche gepappt und Einheitsbäder im Luxuschromstil. Ich will das nicht, selbst wenn ich es mir leisten kann. Die denken, die können einem diktieren, was schön ist. Dabei geht es nur um Kohle.« Ihre Kehle brannte. Der Sauvignon Blanc half auch nicht wirklich. Tief atmen, bis die heiße Welle der Wut abgeflaut war, riet sie ihren zu Jähzorn neigenden Patienten. Wie schwer das war! Sie schielte zu Botticellis Venus. In Originalgröße, knapp drei auf zwei Meter, hing der auf Leinen gezogene Kunstdruck an der Längsseite des Wohnzimmers. Sollte die Liebesgöttin jemals zornig gewesen sein, hatte sie das glühende Gift in Melancholie verwandelt.

Jona legte ihr Besteck beiseite und lächelte in die Runde.

»Schön, dass ich hier willkommen bin. Ich glaube, ich ziehe wirklich morgen bei euch ein. Mein Kleiderschrank passt gut in Jakobs Zimmer. Taschen und Jacken stopfe ich hinter sein Bett. Die paar Mal, die ich Besuch von einer Freundin kriege, kann Ulf ja in die Kneipe gehen. Und ich bekoche euch jeden Abend, sobald ich von der Praxis heimkehre.«

Unkommentiert standen ihre Worte im Raum, der Vierzehnjährige verzog keine Miene.

»Mensch, bist du gut erzogen.« Jona legte die Gabel nieder und sah dem blassen Jungen ins Gesicht. Der Anflug eines Bartflaumes lag auf seinen Wangen. »Ich würde einen Horror kriegen, wenn mir das jemand ankündigen würde. Schreikrämpfe oder Mordgedanken. Keine Sorge, ich habe es nicht ernst gemeint.«

Doch statt zu lachen, stand Jakob auf und verließ das Zimmer.

»Oje. Soll ich ihm nachgehen?«

Steiner winkte ab. »Ich fürchte, er ist unglücklich verliebt.«

»So witzig war es auch nicht. Ich bin gestresst von dem Baulärm.« Sie sah auf. »Außerdem verliere ich gerade mein Zuhause.«

Eine ungemütliche Stille breitete sich aus. Ulf zog seine Brille ab und rieb sich die Augen, bevor er ihr einen um Nachsicht bittenden Blick zuwarf.

»Wir suchen nächstes Wochenende in der Zeitung, einverstanden? Es gibt immer Angebote. Auch für so Familien wie uns.«

»Weißt du, was für ein Haifischbecken dieser Wohnungsmarkt geworden ist? Teuer und korrupt. Ich habe im Netz nach einer Vierzimmerwohnung geschaut. Wahnsinn.«

Steiner nickte.

»Und dann dieses pikierte Schweigen, wenn du fragst, ob sie noch was Preiswerteres haben.« Sie holte Luft, um die Sekretärin eines Maklerbüros nachzuahmen, und spürte Steiners Hand auf ihrem Unterarm.

»Nicht heute, bitte.«

»Ist irgendwas passiert?«

Ulf schwieg einen Moment. »Er hatte diese Sportschuhe an. Genau die gleichen, die ich mir letzte Woche auch gekauft habe.«

»Wer?«

»Der Tote. Die gleichen Laufschuhe, das gleiche Trikot. Für einen Moment dachte ich, ich liege da.«

Jona ließ ihren Blick über die aufrecht sitzende Gestalt ihres Freundes gleiten. So angegriffen kannte sie ihn nicht. Den Bullenblues hatte es mal ein ehemaliger Patient aus dem Polizeimilieu genannt, wenn man die Gewalt nicht mehr auf Distanz halten konnte. Von ihm hatte sie auch gelernt, dass dieser Blues so lange sein Lied spielte, bis man ihm zuhörte. Ulf schien ihn gut zu kennen. Wieder eine neue Seite von ihm.

Instinktiv spülte sie die mitfühlenden Worte mit einem Schluck Weißwein hinunter. Aus Jakobs Zimmer drangen leise Klänge der Gitarre, die sie ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.

»Wenn du erzählen magst – ich bleibe gerne«, sagte sie schließlich, »aber ich könnte mir vorstellen …«

Sein dankbarer Blick ließ sie verstummen. Schweigend räumten sie den Tisch ab. An der Tür hielt er sie noch einmal fest.

»Nächste Woche fangen wir mit der Wohnungssuche an, versprochen.«

»Ich lass mein Handy an.« Sie grub ihr Gesicht in seine Halsbeuge. »Und rück mich bei Jakob wieder in ein gutes Licht.«

»Nicht nötig. Er hat dich längst ins Herz geschlossen, er kann es nur nicht zeigen.«

Das Licht im Treppenhaus erlosch in dem Moment, in dem die Wohnungstür sie aus seiner Welt ausschloss. Jona tappte im Dunkeln die Stufen hinunter.

***

In ihrer psychotherapeutischen Praxis fühlte sie sich noch am wohlsten. Arbeiten mit Menschen, die etwas vom Leben wollten und einen ehrlichen Blick darauf wagten, es gab nichts Schöneres. Zudem lenkten die Gespräche mit den Patienten sie von dem Gefühl des Verlustes ab, das sie seit Wochen begleitete. Bornheim war nicht verschwunden, nur weil ihre Vermieter beschlossen hatten, aus den liebenswerten Einzimmerwohnungen sanierte Luxusschnittchen zu machen. Leben ist da, wo man selbst ist. Am Küchenschrank ihrer Wohnung, die sie Ende des Monats räumen musste, hing noch die Karte mit diesem Spruch. Jona wischte den Gedanken an die leeren Gewürzregale fort und notierte sich auf ihrer To-Do-Liste Keller ausräumen. Mixer, alte Skier, Gartenstühle, Farbtuben, Tage- und Skizzenbücher, Weinkisten, Weihnachtsschmuck und Briefe von Menschen, die längst in anderen Welten Fuß gefasst hatten. Wenn sie an all die aufgetürmten und ineinander geschobenen Relikte ihres bisherigen Lebens dachte, wurde ihr ganz anders. Sie sollte einen großen Container bestellen und die Zeugen ihrer Vergangenheit für immer im städtischen Abfallmeer begraben.

Es war später Nachmittag, als ihr letzter Patient die Praxis verließ. Nicht nur er hatte sich heute sehr verletzlich gezeigt; auch die essgestörte Managerin war bei der Schilderung ihres Streites mit der Tochter besonders emotional geworden. Ob das an ihr lag, an der aufgewühlten Stimmung, die sie unterschwellig ausstrahlte?

Sie sann über diese Frage nach, ohne zu merken, dass ihre Kollegin Ute die Praxisküche betrat.

»Redebedarf?« Ute knotete ihr Lockenhaar im Nacken zusammen. Das Sommersprossenmeer in ihrem Gesicht war Jona so vertraut wie dieser intensive Blick, dem für gewöhnlich nichts entging. Einen Moment zögerte sie, dann schüttelte sie den Kopf.

»Etwas mehr Schlaf wäre gut.«

»Oder etwas weniger Pastis.« Ute klimperte mit den Wimpern. »Ich krieg gleich noch einen Patienten. Lass uns morgen mal in Ruhe Pause machen. Hasta luego.«

Jona sah ihr nach. Seit ihrer Auszeit in Spanien trug sie sommers wie winters Espadrilles und lachte unbekümmert auf, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Wie gerne wäre sie ihr ins Sprechzimmer gefolgt und hätte ihr Herz ausgeschüttet, doch bevor sie etwas andeuten konnte, klingelte es an der Tür.

Zu Hause warteten die vorgefalzten Umzugskartons. Lange blieb sie am Fenster stehen und sah auf die Straße, die ihr seit Jahren das Gefühl gab, ein Teil dieser Stadt zu sein.

Über dem Dachfirst war der Mond aufgegangen, der oft in ihr Zimmer spähte, heute schon am frühen Abend. Wenn sie ihren Kopf aus dem Fenster streckte, konnte sie rechts an der Ecke die Bäckerei sehen. Mehr als einmal hatte sie sich warme Schokocroissants aus den blauen Plastikwannen stibitzt, die morgens angeliefert wurden, und einen Fünfeuroschein gut versteckt an die Palette geklemmt. Damit war jetzt Schluss. Genau wie mit spontanen Besuchen in der Apfelweinkneipe gegenüber oder einem Spaziergang über die Bergerstraße, wenn die Großstadtmelancholie sie nach allem greifen ließ, was Leben versprach. Es wurde ohnehin Zeit für den Abschied vom Weltschmerz. Sobald sie mit Ulf und Jakob zusammenzog, würde sie Teil einer Familie sein. Sie betrachtete das gegenüberliegende Haus mit dem Giebel, das ihr noch nie so schön vorgekommen war, und ließ das Klingeln ihres Handys verstreichen. Dreiundvierzig Jahre musste sie werden, um vom Alleine-Wohnen Abschied zu nehmen. Sie war eine Einzelgängerin, in den Augen ihres Vaters unvermittelbar, in denen ihrer Schwester ein Unikat. Wie stark ihre Verliebtheiten auch gewesen waren, wie wild die Abenteuer, immer hatte es in ihrem Leben einen Ort gegeben, an dem sie sich verkriechen konnte und der nur ihr gehörte. Sie war der Singlewohnung treu geblieben, wenn man von dem fünfmonatigen Fiasko mit Giorgo absah. Der italienische Fotografiestudent hatte ihre Welt aus den Angeln gehoben, um sie für eine dezentere Version ihrer selbst zu verlassen. Danach hatte sie sich geschworen, keine Kompromisse mehr einzugehen und alleine zu wohnen. Und jetzt war sie es, die Ulf zur gemeinsamen Wohnungssuche drängelte!

Das Leben an der Seite eines Kriminalkommissars würde nicht leicht werden. Knapp und so liebenswürdig, wie das am Steuer im Straßenverkehr eben ging, hatte er ihr am Morgen mitgeteilt, sein Tag sei straff. Fallrecherche bei einer Immobilienfirma, der Besuch der Witwe des Verstorbenen, Dienstbesprechung, später noch Elternabend. Sie würde sich an seinen erschöpften Abendanblick gewöhnen müssen, und an einen Alltag auch jenseits ihrer Verliebtheit.

»Grins nicht so«, fuhr sie Mister Bones, das medizinische Skelett an, das im Flur nonchalant ihre Tasche und zwei Jacken auf seinem Skelettkörper trug. »Sonst sortier ich dich aus.«

Was konnte sie überhaupt ins Nordend zu Steiner und seinem Sohn mitnehmen, ohne die Dreizimmerwohnung zu überfrachten?

Ihr Blick schweifte durch die Wohnung. Den Futon auf keinen Fall. Und ihr Designerkühlschrank passte auch nicht in diese verfluchte Einbauküche. Sie brauchte eine Abstellkammer, besser noch ein kleines Studio. Seit ihr Gartenatelier letzten Winter abgebrannt war, besaß sie keinen Rückzugsort mehr, und gemalt hatte sie seither auch nicht.

Den Rest des Abends verbrachte sie damit, im Halbdunkel des Zimmers zu sitzen.

Ulf würde ihre SMS verstehen. Nie waren sie sich so nahe wie in den Momenten, in denen sie wortlos ihre Unvollkommenheit stehen ließen.

Am Morgen wurde sie unsanft vom Baulärm geweckt. Sie trank zwei Espresso in der Küche, bevor sie eine Umzugskiste in die Mitte ihres Wohnzimmers stellte und anfing, wahllos Kleidungsstücke einzupacken.

Die scharlachrote Bluse, Kordhosen in verschiedenen Farben, das Pailletten-T-Shirt und ihre geliebte, gepunktete Jacke mit den weit ausgeschnittenen Taschen. Darüber die solideren Sachen für wichtige Anlässe. Weiße Blusen, dunkle Jeans. Schwarze Budapester. Sie warf ihre Clogs Größe 43 hinterher. Wie sollte sie ausmisten, wenn an jedem Teil ein Stück Identität hing? Sie klappte den Karton zu und blieb eine Weile darauf sitzen, bis sie beschloss, dem Tag ein anderes Gesicht zu geben und ins Bad verschwand.

Auf der Vespa kehrten ihre Lebensgeister zurück. Sie klappte das Visier auf und sog die frische Frühlingsluft ein. Wenn sie den Papierkram auf ihrem Praxisschreibtisch ignorierte, war sie frei bis zum Mittag. Die Südseite des Mains lag in der Sonne, wie lange war sie nicht mehr am Flussufer spazieren gegangen, und anschließend ins Städel. Während sie sich zu erinnern versuchte, welche Ausstellung lief, fand sie sich auf der dreispurigen Adickesallee wieder. Steiner! Sie fuhr also geradewegs zum Polizeipräsidium. So sah ihre Freiheit aus; jedenfalls das, was ihr Unterbewusstsein sich darunter vorstellte. Die Vespa röhrte, als sie den Gasgriff bis zum Anschlag aufdrehte, doch mit dem Auftauchen des Präsidiums verdichtete sich der Verkehr und kam vor der roten Ampel zum Erliegen. Endstation Steiner. Ihr Herz pochte, als sie mit laufendem Motor an der Kreuzung stand, fünfzig Meter Luftlinie von seinem Büro entfernt, und mit jeder Faser ihres Körpers in Versuchung, diese fünfzig Meter zu überwinden.

Nur unwillig folgte sie der Aufforderung der grünen Ampel und bog nach der Kreuzung rechts in eine Seitenstraße ein. Ruhig war es hier. Sie geriet auf eine breite Spielstraße, vorbei an Mietshäusern und einem Abenteuerplatz, ließ sich von der fremden Kulisse leiten, die abseits der großen Straßen ihr Eigenleben führte.

Mit der nächsten Abzweigung gelangte sie ins Villenviertel. Wie von Zauberhand schien die Zeit angehalten. Ein prächtiges Haus reihte sich an das nächste. So sah also ein wohlfeiles Wohnviertel aus. Eines, das sich selbst genügte. In den Anblick einer mächtigen Trauerweide verloren, wich sie im letzten Moment einer Filmspule aus, die über die Straße rollte. War das gerade Sperrmüll gewesen? Sie bremste ab und sah in den Rückspiegel. Tatsächlich Sperrmüll. Und auf der anderen Seite, etwas zurückgesetzt, ein Mehrparteienhaus im Gerüst. Also auch hier. Von wegen Zauberhand. Bevor sie wieder Gas geben konnte, blieb ihr Blick im Rückspiegel hängen. Ein Mann in Jeans und Baseballkappe warf ein Regalbrett auf den Sperrmüllhaufen und verschwand wieder aus dem Bildausschnitt.

Ob hier jemand auszog oder nur ausgemistet wurde?

Jona parkte ihre Vespa am Gehsteig und schlenderte die wenigen Meter zu Fuß zurück. Ein Blick nach links ließ sie überrascht stehenbleiben. Im Schutz einer Blätterhecke erstreckte sich eine Rasenfläche, in deren Mitte eine malerische Villa stand. Dass die Fensterläden brüchig waren und Putz von der Fassade bröckelte, tat ihr keinen Abbruch. Im Gegenteil. Jona ließ den Anblick der kleinen Stadtvilla auf sich wirken. Sechs freistehende Steinstufen führten zu einer Eingangstür, wie man sie aus alten Filmen kannte. Als sie den Mann mit der Baseballkappe aus der Haustür treten sah, verspürte sie eine kleine Aufregung.

»Entschuldigen Sie.« Sie ignorierte seine verschlossene Miene. Er sah müde aus, und unrasiert. »Ziehen Sie aus?«

»Mein Bruder«, antwortete er und verstaute die Schreibtischlampe im Kofferraum seines Wagens.

»Es geht mich nichts an. Aber wieso zieht man denn aus so einer Villa aus?«

Jona zwang sich, dem durchdringenden Blick des Mannes standzuhalten, der sich an seinen Volvo lehnte.

»Mein Bruder … hat sich etwas vergrößert.« Er lächelte schief. »Aber falls Sie eine Wohnung suchen – das hier ist nur eine Dachmansarde. Vielleicht versuchen Sie es eher da drüben.« Er deutete auf das eingerüstete Haus in seinem Rücken. Hier entstehen Eigentumswohnungen für Sie, verriet ein Banner.

»Nein danke.«

Ihr Gegenüber lächelte, diesmal freundlich.

»Die Vermieterin dieser Villa wohnt selbst hier. Frau Keiler. Erdgeschoss rechts. Einfach mal klingeln.« Er wandte sich wieder seinem Kofferraum zu, und Jona besah sich das schmiedeeiserne, vom Rost zerfressene Klingelschild. Sechs Mietparteien. Ein neuer Kosmos. Warum, verdammt nochmal, nicht. Sie drückte den Klingelknopf rechts unten, und beinahe im gleichen Moment ertönte der Summer.

3

Rückzugsgedanken, kenn ich. So ’ne kleine Flucht aus dem Alltag, es gibt nichts Besseres.« Das raue Lachen der Vermieterin schallte durch die Küche. Schwarz, Gold, Silber, andere Farben gab es hier nicht. Wie auf einer Raumstation, dachte Jona und trank ohne mit der Wimper zu zucken den Tütenespresso, den Frau Keiler vor sie gestellt hatte. Dass diese Frau gelegentlich aus dem Alltag ausbrach, glaubte sie ihr aufs Wort. Was für eine Energie. Selbst ihr Lachen war dynamisch.

Als die Türklingel ging, sprang sie mit den Worten auf, das sei bestimmt einer ihrer zukünftigen Mitmieter.

Jona sah ihr nach. Zwanzig Minuten Smalltalk, ein Lächeln bei der Erwähnung der Immobilienhaie im Viertel und die schnörkellose Wahrheit über den Grund ihrer Zimmersuche hatten ihr die Tür geöffnet. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Der Preis war unfassbar günstig. Wie gut, dass sie durchs Dichterviertel gefahren war, statt zu Steiner ins Präsidium. Einen Moment wurde ihr heiß. Nur da hatte sie der Wahrheit einen kleinen Schnörkel verliehen. Was er wohl dazu sagen würde, dass sie einen Lehrer aus ihm gemacht hatte?

Sie trat ans Fenster. Rasen, Büsche, eine Hecke, deren ungeschnittene Zweige in alle Richtungen zeigten. Für dieses Viertel nahm sich der Vorgarten schmucklos aus.

Von hier sah man, wie unauffällig sich das gusseiserne Gartentor zwischen die hohen Bäume schmiegte. Kein Wunder, dass es von der Straße kaum zu sehen war.

»Gefällt Ihnen die Aussicht?« Frau Keiler stand im Türrahmen und musterte sie unverhohlen. »Hintenraus ist es gepflegter. Und von oben nochmal anders.« Sie klimperte mit dem Schlüssel in der Hand.

Zwei Minuten später unterdrückte Jona einen kleinen Freudenschrei. Die Zwölfquadratmeterbude, wie es die Vermieterin nannte, besaß weder Schrägen noch eine Dachluke, sondern ein großes Fenster. Helles Licht floss in den Raum und auf den Steinboden. Eine olivgrüne Tapete mit goldenen Ornamenten zierte die Wände.

»Sie können natürlich auch neu tapezieren. Ihr Vormieter fand Geschmack daran.« Ihr Lachen klang nach zwei Schachteln Zigaretten am Tag. »Toilette ist über den Gang, mit etwas größerem Waschbecken.«

Jona öffnete einen der Fensterflügel. Der Ausblick hatte etwas Erhabenes; über die Baumkronen hinweg konnte sie auf das stuckverzierte Wohnhaus jenseits der Straße sehen. Daneben, etwas zurückgesetzt, dieses Baugerüstmonster. Hier entstehen Eigentumswohnungen für Sie, las sie ein zweites Mal, diesmal von oben. Am Horizont ragte der schlanke Fernmeldeturm in den Himmel, und die Miete, die Frau Keiler ihr noch einmal bestätigte, zerstreute jeden Zweifel.

Als sie eine Viertelstunde später das Haus verließ, sah sie das Dornbuschviertel mit anderen Augen.

In der Praxis empfing sie das Plätschern des Sandsteinbrunnens, und eine von Utes Patientinnen, über eine Zeitschrift gebeugt, nickte ihr vom Wartebereich aus zu. Wie schaffte Ute dieses Arbeitspensum, eine Sitzung nach der anderen? Erst kurz vor eins werkelte ihre Kollegin in der Praxisküche. Jona stürzte aus ihrem Sprechzimmer.

»Endlich. Setz dich mal, ich muss dir was erzählen.« In wenigen Worten schilderte sie ihren Beinah-Sturz über eine Filmrolle, die ihren Blick zu einem Sperrmüllhaufen gelenkt hatte, der wiederum zur Villa, zur Vermieterin, zu ihrem neuen, außergewöhnlichen Dachatelier.

»Ein Zimmer im Dichterviertel? Hast du nicht letztes Jahr noch gesagt, keine zehn Pferde …«

»… das ist was anderes. Die Gegend da ist voller Schönheit und Widersprüche. Die lebt.«

»Aha.« Ute streifte ihre Espadrilles von den Füßen und zog ihre Füße auf den Stuhl. »Und was willst du dort machen?«

»Pass auf: Zwölf Quadratmeter, lichtdurchflutet. Eine komplette Wand wird Leinwand. Kühlschrank auf der anderen Seite. Meine Musikanlage daneben. Über den Steinboden kommt ein dicker, roter Teppich, und darauf mein Futon. Dann kann ich vorm Einschlafen direkt in den Himmel sehen.«

»Ich denke, du willst zu Ulf ziehen?«

»Da ist ja noch sein Sohn, schon vergessen? Wir brauchen mehr Platz.«

Utes Gesichtsausdruck war unmissverständlich.

»Okay. Ich brauche mehr Platz. Noch habe ich nicht unterschrieben. Termin ist morgen früh. Aber ich glaube, ich mache das. Diese Dachkammer schickt der Himmel.«

»Na, da bin ich ja mal gespannt, was dein Superbulle dazu sagt.«

Ihre Blicke maßen sich aneinander, bis die Türklingel die Stille zerriss und Ute lächelnd aus der Küche ging.

Es dämmerte bereits, als Jona ihre Praxis verließ und den Weg über die Adickesallee nahm. Steiner saß wie verabredet in seinem Mercedes, als sie auf den Parkplatz des Präsidiums vorfuhr. Ein feines Lächeln spielte um seinen Mund.

»Heute ist dein Abend«, er nahm einen Helm vom Beifahrersitz und stieg aus dem Wagen. »Essengehen, Wohnungsangebote im Internet suchen oder andere Dinge, die dir Freude bereiten.« Die Fahrertür schlug zu.

»Und Jakob?«

»Bei einem Freund. Die machen Party heute Abend. Ich habe ihm erlaubt, dort zu übernachten.«

»Dann lass uns spazieren gehen.«

»Ostpark?«

»Lieber hier ein bisschen. Es wird bald dunkel.«

»Hier?« Steiner ließ seinen Blick von der Adickesallee über die Kreuzung zur Eschersheimer Landstraße gleiten. Dicht an dicht jagten die Autos stadtauswärts.

Kurz darauf fädelten sie sich mit der Vespa in den Feierabendverkehr ein. Der Sinaipark war nur wenige Minuten entfernt, beim Spaziergang zwischen der Wiese und dem angrenzenden Naturschutzgebiet würde sie ihm von ihrem neuen Atelier ganz in der Nähe erzählen. Steiner tippte gegen ihre Schulter und rief etwas.

»Sind gleich da«, brüllte sie nach hinten und parkte wenig später den Roller auf dem Gehsteig.

»Voilá, der schönste, kleine Stadtpark Frankfurts.«

»Lass uns anderswo spazieren.«

»Warum denn?«

»Arbeit«, sein Blick glitt zum Park und verweilte dort, als spiele sich hinter den Büschen ein Schauspiel ab, das nur er sehen konnte. Jona spürte die Anspannung, die von seinem Körper ausging. Es dauerte eine Weile, bis er das Schweigen brach. »Ich war erst Montagabend hier. Mit Kovac, meinem Kollegen. Eine Hundebesitzerin ist spätabends über eine Leiche gestolpert. Den Jogger, von dem ich dir erzählt habe. Wie er dalag, blutüberströmt, der Körper verdreht, in diesen Sportklamotten.« Ulfs Stimme klang plötzlich heiser. »Entschuldige.«

»Ist doch okay.« Sie lächelte aufmunternd.

Natürlich fiel seine stoische Ruhe nicht vom Himmel. Wieso hatte sie sich nicht klargemacht, dass Ulf ein so feiner und erfolgreicher Kommissar war, weil er für seine innere Balance sorgte.

»Magst du erzählen oder vielleicht mal mit mir an den Ort gehen?«

»Das ist nichts für …«

»Therapeutinnen?« Sie zwinkerte und verstaute ihren Helm im Topcase.

Der Sinaipark war trotz der einsetzenden Dämmerung noch belebt. Auf dem Streetballplatz spielten Jugendliche Basketball, vereinzelt keuchten Läufer an ihnen vorbei. Es dauerte nicht lange, bis sie die gegenüberliegende Seite des Parks erreicht hatten. Dort, wo kurz hinter der Biegung des Schotterwegs ein weiterer zu einem Spielplatz führte, säumte ein Bankcarré die kleine freie Fläche. Jona setzte sich auf eine der Bänke und besah sich das, was vor Kurzem ein Tatort gewesen war. Nur eine feine Schicht Sand, von etlichen Schuhsohlen zertreten, wies noch darauf hin, dass hier Blut geflossen war. Auch Ulf starrte auf die Stelle.

»Hast du eine Idee, warum hier, in der Nähe der Häuser?« Jona schlang ihre Jacke fester um sich. »Wo man von den Balkonen aus alles beobachten kann. Du hast gerade gesagt, der Mord ist gegen neun Uhr abends verübt worden, da werden doch Hunde ausgeführt. Und durch diesen Seitenarm kann jederzeit jemand den Park betreten.«

»Vielleicht ließ es sich hier gut warten. Die Bäume gegenüber bieten Sichtschutz.«

»Es war doch ohnehin dunkel.«

»Der Tote trug eine Grubenlampe auf dem Kopf. Die war vollkommen zerschmettert. Die Scherben … ach, egal.«

»Ulf. Ich hab in meiner Praxis schon ganz andere Sachen gehört.«

Es war schon zu dunkel, um Ulfs Blick zu erkennen, der lange auf ihr lag. »Wenig Kampfspuren. Aber viel Blut. Elf Einstiche; da hat jemand eine Rechnung beglichen.« Er ging in die Hocke und strich mit der Hand über einen Baumstamm, der am Wegrand stand. »Die KT hat hier Reste einer Nylonschnur gefunden, und Rindenabrieb. Der Täter hat die Schnur zwischen diesen Baumstamm und die Buche neben deiner Bank gespannt und dann im Schutz der Bäume auf sein Opfer gewartet.«

»Aber nicht lange. Den Park umrundet man in sechs oder sieben Minuten.«

»Genau. Glück für ihn, dass niemand vorher vorbeiging und stürzte.«

»Du weißt nicht, wie oft er es probiert hat«, erwiderte Jona. »Wieso eigentlich »er«?«

Verdutzt sah Steiner auf. Zwei Hunde kamen über die Wiese geschossen und jagten an ihnen vorbei. »Ich hatte dein kriminalistisches Gespür verdrängt.« Die Andeutung eines Lächelns huschte über sein Gesicht. »Meine Kollegen haben sämtliche Mieter der Wohnanlage befragt. Keiner hat etwas gesehen.«

Jona ließ ihren Blick über die Häuserreihen mit den ausladenden Balkonen gleiten. Die Lichter in den Fenstern sahen einladend aus. »Schafft das denn eine Frau überhaupt, einen sportlichen Typen mitten im Lauf zu überwältigen?« Jetzt lief doch ein kleiner Schauer über ihren Rücken. Steiner saß mittlerweile neben ihr auf der Bank. Seit er über den Mord sprach, wirkte er gefasster. »Er war chancenlos. Erst der Sturz. Und dann ging ein Messerstich direkt in seinen Hals. Die Rechtsmedizin meinte, es könnte der erste oder zweite gewesen sein, der dann auch tödlich war. Danach hat jemand nur noch wie besinnungslos auf ihn eingestochen. In den Arm, in den Bauch, in seine Genitalien.«

»Rache«, entfuhr es Jona.

»Oder jemand, der es wie Rache aussehen lassen wollte«, wandte Steiner ein. »Ein Immobilienmakler, Mitte dreißig, sportlich, in einer persönlichen Krise kurz vor der Scheidung. Auch beruflich lief es wohl gerade nicht so gut.«

»Wieso lief es beruflich nicht gut? Ich denke, er war Makler. Die schwimmen doch in Geld.« Sie vernahm, wie Ulf scharf Luft einzog und legte beschwichtigend eine Hand auf sein Bein.

»Anscheinend war er nicht besonders beliebt. Er kapselte sich in letzter Zeit laut seiner Kollegen immer mehr ab. Auch von seinem neuen Domizil wussten die wenigsten. Das Arbeitsverhältnis hätte nächsten Monat geendet – im gegenseitigen Einvernehmen.«

»Seltsamer Zufall. Gibt es da keinen Verdächtigen?«

Steiners Blick war eindeutig. Sie hatte Vorurteile gegen die ganze Branche. Gut, dass sie nicht ermittelte.

»Und seine Frau?«

»Hat keine Miene bei der Nachricht seines Todes verzogen.«

Ein Terrier mit rotem Leuchthalsband tippelte an ihnen vorbei und bohrte seine Schnauze in den Sandflecken, bevor ein schriller Pfiff ihn zurückflitzen ließ. »Wahrscheinlich war sie komplett überfordert«, sinnierte er. »Ich stelle mir das schwierig vor, wenn du dich nach einer Ehekrise trennst und dein Ex-Partner genau nach der Trennung ermordet wird. Und du bleibst mit deiner Wut und deiner Trauer zurück.«

»Noch-Mann.«

»Wie bitte?«

»Per Gesetz waren sie noch verheiratet. Das Ex bezieht sich also nur auf ihre Gefühle füreinander.«

Jona starrte auf den Sandflecken. Aus dem brutal ermordeten Jogger war innerhalb weniger Minuten ein unglücklicher Immobilienmakler mit Ehe-und Finanzproblemen geworden. Wie ein Fremdkörper kroch Ulfs Arm um ihre Schulter.

»Manchmal bist du mir unheimlich. Deine Formulierung hat ein Motiv ins Spiel gebracht. Aber wir haben die Vermögensverhältnisse schon ermittelt. Das Haus gehört seiner Frau.«

»Das ist doch schon mal gut«, sagte Jona gedankenversunken, während das Wort Domizil in ihrem Kopf Schleifen zog. Sie sollte aufhören, über geheime Domizile zu reden, bevor sie Steiner von ihrem eigenen erzählt hatte.

»Lass uns ein wenig laufen«, schlug sie vor, »mir ist kalt.«

4

Die Sonne goss warme Strahlen in ihr Wohnzimmer. Ellen lehnte sich ins Sofa zurück und schloss die Augen. Diese Albträume rissen an ihren Nerven. Heute Nacht der Treppenlift von Frau Kücherer, in dem sie plötzlich gesessen hatte. Rauf und runter in einem Irrsinnstempo, ohne dass sie aussteigen konnte, und dann ging es weiter nach unten, durch den Keller, unter die Erde, Hunderte von Metern in die Tiefe, es roch kalkig, das Mauerwerk verengte sich, sie konnte nach dem Schimmel in den Steinritzen greifen. Kein Boden unter ihr, nur Schwärze, in die sie einfuhr, bis ein Ruck … Sie schreckte auf und griff instinktiv nach der Katze, die zu ihr auf die Couch gesprungen war.

Die Bilder des Albtraumes hatten sie für einen Moment in ihren Strudel gezogen. In wenigen Minuten verschwand die Sonne hinter dem Haus. Sie spähte in den Wintergarten. Die schwarzgoldene Chaiselongue, auf der Maren öfter lag und in Prospekten blätterte, war leer. Im vorderen Bereich standen ihr eigener Ohrensessel und das runde Teetischchen, als warteten sie auf ihr Kommen. Sie musste sich erst an die gemeinsame Nutzung des Glasanbaus gewöhnen. Es war Marens Idee gewesen, Kakteen und Pflanzen der verstorbenen Traute Wismar aus dem Wintergarten zu räumen und jeder von ihnen die Hälfte zur freien Einrichtung zu überlassen. Sie war es auch, die den Hinterausgang des Hauses verschlossen hatte und so den Mietern den Zugang zum Garten verwehrte.

Aber wirklich genutzt hatte den nur der Student aus dem zweiten Stock, um in der Hängematte zu liegen und seine Joints zu rauchen. Jetzt saß er öfter auf dem Balkonaustritt im Dach und blies seine Dampfschwaden in den Himmel. Ob Joschua von seinem Nachhilfeunterricht für Schüler und dem Job im Parkhaus leben konnte? Egal. Die schmale Miete war pünktlich auf dem Konto, und er war hilfsbereit, gerade Frau Kücherer gegenüber. Neulich war er nach den Einkäufen sogar auf einen Tee bei ihr geblieben. Über was ein Philosophiestudent und eine dement werdende ältere Dame sich wohl unterhielten?

Sie trat mit dem Handbuch für Gartenpflege hinter das Haus. Rote Rüben, Möhren und Chicorée waren schon ausgesät, dazu Kopfsalat und ein ganzes Beet kleiner Kohlrabi-Pflanzen. Fehlte nur noch der Triebschnitt bei den Obstbäumen. Sie waren spät dran, fast schon zu spät. Zwei Rotkehlchen flohen aus dem Apfelbaum, als sie die Leiter davorstellte und mit einer Gartenschere in der Hand die Sprossen hinaufstieg. Die großen Äste hatte sie letzte Woche gemeinsam mit Torben Fischer abgesägt und Baumwachs auf die Wundränder gestrichen. An den Holm der Leiter geklammert, besah sie sich den Aststummel. Hier waren sie stehengeblieben letzte Woche, und hier genau hatte Fischer ihr das »Du« angeboten, um sie bei einer anschließenden Limonade zu fragen, ob die Pflege des Anwesens sie nicht überfordere. Was für eine hinterhältige Frage, jetzt, wo sie wusste, was er wirklich gearbeitet hatte. Das Holz zersplitterte unter der Wucht, mit der sie die Gartenschere zusammenpetzte. Fruchtholz. Das war genau verkehrt. Wenn sie nicht aufpasste, brachte sie sich um die Früchte. Warum war sie immer so naiv und beantwortete alle Fragen? Sie fasste in den Apfelbaum, bekam einen kräftigeren Zweig zu fassen. Mitteltrieb, hatte dieser Heuchler gesagt. Und dass man hier noch Konkurrenztriebe ausschneiden musste. Konkurrenztriebe ausschneiden! Energisch trennte sie einen Zweig nach dem anderen vom Ast und hielt erst inne, als ihre Hand zu schmerzen begann. Ihre Kehle schmerzte mindestens ebenso. Sie atmete tief durch, bis der Druck in ihrer Brust nachließ. Es war unangebracht, jemanden zu mögen, der einem etwas wegnehmen wollte, Maren hatte recht. Aber das half nicht. Sie mochte diesen jungen Mann, der selbst etwas verloren gewirkt hatte und der jetzt tot war. Ermordet. Ihr wurde schwindlig. Vorsichtig stieg sie von der Leiter und rieb ihre klammen Hände aneinander, dann griff sie zur Teleskopschere. Von hier unten konnte sie wenigstens kleine Seitentriebe kappen. Nach kurzer Zeit zitterten ihre Arme von dem Gewicht des Werkzeuges. Als sie sich umdrehte, stand Maren in der geöffneten Tür des Wintergartens und winkte.

»Du hast noch nichts zur neuen Mieterin gesagt«. Maren goss Tee in beide Tassen und sank auf ihre Chaiselongue. Sie schien guter Laune. Als gehöre Torbens Tod der Vergangenheit an und hätte nicht die Villa besudelt. Gewalt zog Gewalt nach sich, wusste sie das nicht? Im Garten zwitscherten die Vögel, als wollten sie beweisen, wie lächerlich diese Gedanken waren. Was sollte sie zur neuen Mieterin sagen? Sie kannte diese Frau mit den kurzen, braunen Haaren ja gar nicht. Groß wie ein Mann, bunt gekleidet wie ein Papagei. Das war alles, was sie vom Küchenfenster aus hatte sehen können.

»Herr Fischer ist noch nicht mal unter der Erde. Das sieht doch seltsam aus, wenn gleich wieder jemand da einzieht.«

»Im Gegenteil.« Maren steckte sich eine Zigarette an und schob mit dem Fuß die Tür des Wintergartens weiter auf. »Es wäre eher verdächtig, wenn wir sie leer stehen lassen.«

Der Rauch ihrer Zigarette schwebte durch den Anbau, blaugraue Schlieren im Sonnenlicht.

»Ellen, aus dieser Totenkammer muss wieder ein Wohnort werden. Je schneller, desto besser.«

»Du hättest mich trotzdem fragen müssen.«

Der Dampf zog Richtung Garten und löste sich allmählich auf.

»Tut mir leid, es ging alles so schnell, und es kam mir perfekt vor. Eine nette Frau, die gut in diese Mietgemeinschaft passt und die Dachkammer nur als Zweitwohnsitz möchte. Und sie hat einen soliden Job.«

»Ich denke, sie ist Therapeutin.«

»Mit eigener Praxis. Wenn das nicht solide ist. Ich hab diesmal gegoogelt, damit wir nicht noch eine Überraschung erleben.«

»Eine Therapeutin, Maren. Denk doch mal nach. Die durchleuchtet uns alle, die ist darauf trainiert, menschliche Abgründe zu durchschauen.«

»Hast du denn welche?« Marens Lachen klang eine Spur zu laut. »Ellen, da ist nichts, was sie sehen könnte. Alles gut.«

Alles gut. Wie sie diesen Ausspruch hasste, den jeder bei jeder Gelegenheit auf den Lippen trug. Dabei war nichts gut. Heute Morgen im Treppenhaus hatte sie es schon gespürt. Eine fiebrige, schleichende Unruhe, eine Krankheit. Jemand zapfte die Villa an, wie ein Virus, der seinen Organismus von innen lahmlegte. Warum glaubte Maren ihr nicht, dass etwas vor sich ging, was nicht zu greifen war. Den Blick starr auf die Tasse Tee in ihren Händen gerichtet, sprach sie es zögernd aus.

»Die Villa atmet anders als sonst«, wiederholte Maren, wobei sie jede Silbe einzeln betonte. »Die Villa atmet oder was?«

»Sie ächzt. Und damit meine ich nicht die Holzstufen.«

Ellen versuchte ein Lächeln, ohne aufzusehen. »Sie hat einen Grundpuls, verstehst du? Und der flattert. Nervös.« Hitze trieb in ihr Gesicht. Es war verboten, so etwas zu sagen, auch wenn es der Wahrheit entsprach. Seit die Polizisten vor ein paar Tagen ihre Pforte betreten hatten, war die Villa von etwas befallen. Sie schnaufte, wimmerte, setzte sich gegen etwas zur Wehr, jede Nacht konnte sie es hören, jede verfluchte, durchwachte Nacht.

Für einen Moment sah es aus, als würde ein Lachen an Marens Gesichtszügen zerren. Aber das war Täuschung. Maren sah sie besorgt an, bevor sie den Wintergarten verließ und wenig später mit einer Schale Plätzchen zurückkam, die sie auf das Teetischchen zwischen ihnen stellte.

»Wie meinst du das – Puls der Villa?«

Plötzlich war jede Überheblichkeit von Maren abgefallen, und im Scheinwerferlicht ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit entspannte sich Ellen und das Gedankenkarussell hielt an.

Wie damals.

An dem Tag, an dem sie ihre Mutter tot im Bett aufgefunden hatte. Warum sie ausgerechnet Maren angerufen hatte, die zu der Zeit in Berlin wohnte und sich seit Jahren nicht gemeldet hatte, wusste sie bis heute nicht. Aber dass es die richtige Entscheidung gewesen war, war ihr im Gedächtnis geblieben.

Während sie auf der Bettkante ihrer toten Mutter saß, zu Füßen leere Sektdosen, eine umgefallene Whiskyflasche und eine Packung, in deren Blister keine einzige Schlaftablette mehr steckte, fragte Maren mit ruhiger Stimme, was genau geschehen sei. Kommentierte weder, dass die Mutter die Schlaftabletten aus ihrer, Ellens Tasche, gestohlen haben musste, noch, dass Ellen genau jene Tabletten einer lebensmüden Heimbewohnerin in guter Absicht aus deren Schrank entwendet hatte. Das Argument, sie habe den Freitod ihrer Mutter erst ermöglicht, ließ Maren nicht gelten. Stattdessen zerschlug sie ihren Gedanken, bei der Polizei alles wahrheitsgetreu anzugeben und ertrug wortlos ihre Selbstvorwürfe. Noch nie hatte jemand so mit ihr gesprochen, so zugewandt. Am Ende, nach einem zweistündigen Telefonat, hatte Maren ihr ruhig und geduldig Anweisungen gegeben, was zu tun sei. Die Schuld war nach jenem Gespräch von ihrer Seite gewichen bis zu dem Tag, an dem …

»Ellen?«

Marens Blick lag noch immer auf ihr.

»Ich kann das mit dem Puls nicht erklären. Es ist wie eine Schwingung, die ich aufnehme. Und die mir Angst macht.«

Eine bedeutungsschwere Stille folgte.

»Wovor hast du wirklich Angst?«

»Ich hätte den Brief abschicken sollen. Das war unrecht.«

»Welchen Brief?« Es dauerte einen Moment, bis Maren begriff. »Ach Gott, Ellen. Das war doch gut, für alle. Traute Wismar hatte eine glückliche Zeit, und jetzt haben wir eine. Wir verkaufen die Villa nicht, wir lassen die Mieter kriminell günstig weiterwohnen – alles so, wie sie es wollte.«

»Aber dieser Mord jetzt.« Ellen schluckte die Worte, die ihr auf der Zunge lagen, hinunter. Heimsuchung. Das klang nach den Gedanken einer Verrückten.

»Ich weiß, dass es damit nichts zu tun hat«, flüsterte sie, »ich mochte ihn nur so gerne. Letzte Woche hat er mir noch beim Ausschneiden der Obstbäume geholfen.«

»Weißt du was – ich helfe dir.« Maren sprang auf.

Wenig später standen sie vor dem alten Pflaumenbaum und beratschlagten, wie sie das dicht verzweigte Astwerk ausdünnen sollten.

»Erstmal das tote Holz entfernen.«

»Eine gute Idee«, sagte eine Männerstimme in ihrem Rücken.

Wieder trug der Kommissar ein blütenweißes Hemd, diesmal unter einer Jeansjacke. Seine Hände steckten in den Hosentaschen, als schlendere er durchs Viertel.

»Das Gartentor stand offen, und ich dachte, ich schau mal …«

»… wie man Pflaumenbäume richtig ausschneidet?« Maren lächelte auf diese bestimmte Art. Flirtete sie? Jedenfalls erwiderte der Kommissar ihr Lächeln.

»Ich dachte, das macht man etwas früher. Aber ich wollte mir das Grundstück ansehen. Die Immobilienfirma Greif beziffert den Wert auf 2,1 Millionen. Ich war neugierig.«

»Es ist ein Juwel, das diese Abzocker aufpolieren und für eine horrende Summe auf den Markt werfen wollen. Was glauben Sie, wie oft Post von denen im Briefkasten liegt. Wie oft Anrufe kommen. Hätte ich gewusst, dass Herr Fischer für diese Agentur gearbeitet hat …«

»Er war ja nicht der Einkäufer für dieses Objekt.« Der Kommissar begutachtete die Gartenschere, die auf dem Rasen lag. »Obwohl sich einige die Zähne ausgebissen haben, auch schon bei der ehemaligen Besitzerin, Frau Wismar, wenn ich nicht irre.«

Ellen ließ die Teleskopstange sinken. Diabolisch. Jetzt wusste sie, was hinter diesem freundlichen Blick lag.

»Sie irren nicht. Sie hat es mir unter der Bedingung anvertraut, alles so zu lassen, wie es ist.«

Warum erzählte Maren das? Und warum führte sie aus, wie sehr sie die Wünsche der verstorbenen Freundin respektiert hatte. Merkte sie nicht, dass dieser Steiner nur Stichpunkte lieferte, damit sie redete. Sich um Kopf und Kragen redete. Dass auch er gute Nachbarschaft schätze, hatte er gerade gesagt und dabei wie nebenbei die Regentonne an der Ecke inspiziert. Neulich wollte er noch ihr Alibi für den Mordabend wissen. Jetzt erzählte er seelenruhig, dass Immobilienmakler noch ganz andere Saiten aufziehen konnten.

»Niemand kriegt diese Villa.« Der Rasen unter ihren Füßen wankte, als sie zwei Schritte auf den Kommissar zutrat. »Sie beherbergt uns, wir pflegen sie. So einfach ist das.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Durfte die Polizei einfach so in ihren Garten eindringen?

»Dann sind Sie die guten Geister des Hauses!«

»Sounds good.« Maren lächelte den Kommissar an, wie nur sie das konnte. »Ich würde eher sagen: Win-win. Wir haben unseren Seelenfrieden, nette Menschen im Haus und ein Auskommen, und die Mieter können es sich leisten, hier zu wohnen. Das wissen sie zu schätzen.«

Von der Straße ertönte ein Scheppern, dem ein Fluch folgte. Er klang anders als das übliche Gebrüll der Bauarbeiter. Und es war eindeutig ihr Gartentor, das zugefallen war. Als Schleifgeräusche folgten, legte Ellen die Teleskopstange auf den Rasen und lief Richtung Vorgarten. Die neue Mieterin kam ihr entgegen. Im Schlepptau ihrer Linken klemmte ein eingerollter Futon und eine prall gefüllte Tüte, mit der anderen Hand hielt sie ein medizinisches Skelett an der Aufhängung in die Höhe, bemüht, es nicht auf den Boden schleifen zu lassen.

»Ich brauche noch den Schlüssel«. Keuchend trat sie in den Garten. »Und ich bringe jemanden mit.« Ein Rütteln an der Aufhängung ließ die Gebeine des Skeletts klappern. »Er ist hilfsbereiter, als er aussieht. Darf ich vorstellen …« Sie lächelte in die Runde und verstummte, als ihr Blick auf den Kommissar fiel. Auch er wirkte mit einem Mal verkrampft. Einige Sekunden verstrichen, in denen niemand etwas sagte. Nur ein Vogel setzte unbeirrt seine Lockrufe ab, die unerwidert blieben.

Maren löste sich als Erste aus der Starre und hieß die neue Mieterin willkommen. Nach einer kurzen Entschuldigung half sie mit der Tasche und verschwand mit ihr zum Haupteingang.

Inzwischen war die Sonne hinter der Villa verschwunden. Im Schatten wirkte der Garten verlassen. Warum ging der Kommissar nicht? Stand da wie ein Ölgötze. Sie musste etwas sagen. Vielleicht zur neuen Mieterin, die der Kommissar angestarrt hatte, als hätte er noch nie ein weibliches Wesen in Schlaghosen und Windblouson gesehen.

»Wenn ich Ihnen noch weiterhelfen kann«, sagte sie vorsichtig.

Steiner drückte Daumen und Zeigefinger gegen seine Nasenwurzel.

»War das eine Mieterin von Ihnen?«

»Gerade frisch eingezogen. Eine Therapeutin und Künstlerin.« Schweigend quittierte sie sein Nicken, mit dem er sich verabschiedete, und sah seiner steifen Gestalt nach. Als das Gartentor hinter ihm zufiel, presste sie ihre Hände aneinander. Er hatte sie auch für eine Vermieterin gehalten. Sollte er noch einmal auftauchen, musste sie das richtigstellen.

5

Die Holzdielen knarrten, Stimmen hallten im Treppenhaus. Im ersten Stock stand das Flurfenster offen und trug das Knallen des Korkens ins Freie. Sekt am Nachmittag mit allen Mietern, wieso waren Maren und sie vor neun Monaten nicht auf die Idee gekommen, ihren Einstand in der Villa zu feiern? Ein handgeschriebener Zettel an der Innenseite der Eingangstür hatte ausgereicht, um die gesamte Mieterschaft in der Diele zu versammeln. Selbst Herr Boehm hatte einen Freund gebeten, ihn für die letzten Stunden in seinem Weinladen zu vertreten und sich in Schale geworfen.

Ellen sah zu, wie die Perlen im Glas aufstiegen und sich auf der goldenen Oberfläche kräuselten. Das Glas in ihren Händen und das Korkenknallen weckten alte Erinnerungen.

Sekt für die guten Tage, Whisky für die schlechten. Ihre Mutter trank nicht erst, seit ihr zweiter Mann sie verlassen hatte und es ruhig wurde in der Wohnung am Hafen. Am Osthafen, im Wohnblock, der Schieflage hatte. Tagelöhner und Sozialbaracken mit Pöbelcharme hatte dieser Keiler gebrüllt, bevor er sich seine eigene Tochter schnappte, um für immer zu gehen. Ab da wurde ihr Trinken exzessiver. Ab da gab es wieder nur Mutter und sie. Schäumende Sekttage wurden seltener, die Whiskynächte stiegen ins Unermessliche. Nur wenn es ihrer Mutter gelang, einer Arbeit nachzugehen, floss Prickelwasser. Bis zu ihrem letzten Tag vor sieben Jahren Whisky, Schlaftabletten und Sekt.

Ellen führte das Glas an die Lippen und verharrte im letzten Moment. Sieben Jahre hatte sie keinen Sekt mehr angerührt. Aber Jona Hagen hatte ihr ein Glas in die Hand gedrückt, und nun stand sie mit den Mietern zusammen im Treppenhaus und wartete darauf, bis jeder ein gefülltes Glas in den Händen hielt. Gute Stimmung brachte die Neue mit, das musste man ihr lassen. Ein Kniff am Oberarm riss sie aus ihrer Betrachtung.

Die alte Kücherer! Saß im Drehsitz des Treppenliftes und hielt ihr Glas in die Höhe. Ihr weißes Haar kräuselte sich dicht am Kopf, wahrscheinlich hatte sie wieder selbst daran herumgeschnitten. Dass alte Menschen so eigensinnig waren. Ellen schüttelte den Kopf. Burning down the house schallte es aus Marens geöffneter Wohnungstür. Eine Hausparty war so richtig nach ihrem Geschmack. Sie wippte mit den Hüften zu den Bässen und verschwand nach einem kurzen Wortwechsel mit Jona Hagen in ihrer Wohnung. Gleich darauf verstummte die Musik.

Die Neue trat in die Mitte der Holzdiele. Aus der Nähe sah sie älter aus, als es die Kleidung erwarten ließ. Jeans mit Schlag und ein gepunktetes Sweatshirt. Sie war nur unmerklich kleiner als Herr Boehm, mindestens einsachtzig. Apart sah das aus, die grünen Augen zu dem braunen Kurzhaarschnitt. Wenn die jemanden um den Finger wickeln wollte, dann gute Nacht. Vom Typ her glich sie Maren. Ob sie auch Anarchopotenzial in sich trug? Jetzt erhob sie ihr Glas.

»Alle da?«

»Hanna fehlt«, konstatierte der Student vom Treppenabsatz her.

»Frau Vers ist unpässlich.« Maren sah kurz zu ihr herüber und zuckte mit den Achseln. Sie musste heute Mittag bei ihr gewesen sein. Warum vertraute Hanna Vers sich Maren an. Warum nicht ihr?

»Na dann, auf gute Nachbarschaft.« Die Therapeutin drehte sich einmal im Kreis und lachte. Ein Schluck Sekt schwappte auf die Holzdielen und verschwand unter dem Taschentuch, das sie zu Boden fallen ließ. Ellen erwiderte ihr Lächeln. Es war einfach so aus ihr herausgeflossen. Der Schaumwein perlte in ihrem Mund, und die Musik, die Maren nach dem Toast wieder leiser anstellte, ging ihr in die Beine. Vielleicht hatte sie Recht, aus dieser Totenkammer musste wieder ein Wohnort werden. Kühl prickelte der nächste Schluck auf ihrer Zunge. Dem Dachboden Leben einhauchen, das könnte der Neuen gelingen. Ellens Blick wanderte zur Eingangstür, wo Viktor Boehm auf sie einredete. Vermutlich ging es um Wein. Bei ihm ging es immer um Wein oder klassische Musik. Seine Wangen glühten, mit dem Körper schirmte er sie von den restlichen Mietern ab.

»Unser Dionysos!«, bemerkte der Student in ihrem Rücken, und die alte Kücherer kicherte. Heute schien sie glasklar zu sein. Wenn sie bloß nicht von Torben anfing. Ellen stellte ihr leeres Glas auf dem Treppenabsatz ab. Ob sie mal nach Frau Vers sehen sollte? Die Neue kam auf sie zu, streckte ihr die Hand entgegen.

»Die gute Seele des Hauses, habe ich gehört.« In ihrer Miene lag kein Spott. Gute Augen, so viel Wärme darin.

»Wer sagt denn sowas?«

»Alle, mit denen ich geredet habe. Dann wird es stimmen.«

Die Hand der Therapeutin lag noch immer in ihrer. Plötzlich überschwemmte sie eine Welle der Dankbarkeit.

Herr Boehm füllte die Gläser auf. Endlich wieder Gespräche im Haus. Ihre Gläser stießen gegeneinander, ein Klirren wie Musik, bis Maren in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit rückte. Maren fixierte etwas hinter ihr Gelegenes, und im gleichen Moment wandte auch Jona Hagen ihren Blick zur Treppe.

Wie ein Geist schwebte Hanna Vers die Stufen herunter. Sie wirkte noch schmaler als sonst, die geblümte Bluse nahm jede Farbe aus ihrem Gesicht. Dass sie bis eben gelegen hatte, war unschwer an ihrem zusammengedrückten Haar zu erkennen. Vielleicht war sie wirklich krank. Psychisch krank, wie Maren es gestern angedeutet hatte. Ein verkrampftes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, während sie auf Jona Hagen zusteuerte und eine Schachtel in ihren Händen vor sich hertrug, als sei es eine Mission, Pralinen zu überreichen.

»Sekt?«

Hanna Vers schüttelte den Kopf. Das Glas Orangensaft, das die Therapeutin ihr reichte, steckte wie ein Fremdkörper in ihrer Hand. Die Augen hinter der randlosen Brille auf die Neue gerichtet, fragte sie schüchtern, ob sie ab jetzt in der Dachkammer wohne.

»Es ist eher ein Rückzugsort, wenn ich mal nachdenken oder malen möchte.«

»Ich wohne unter Ihnen. Und ich bin froh …« Sie brach den Satz ab und schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Froh, dass jemand so nettes jetzt dort einzieht.« Wieder das scheue Lächeln, das unvermittelt abriss. Wie fahrig sie war.

Zum ersten Mal hatte es der Therapeutin die Sprache verschlagen. »Auf gute Nachbarschaft«, sagte sie nach kurzem Zögern und berührte Frau Vers am Oberarm.

Ein neues Lied setzte ein und wischte den seltsamen Auftritt fort. Warum war sie heruntergekommen? Seit vorgestern harrte sie in ihrer Wohnung aus. Erschöpfung stand auf ihrer Krankschreibung. Psycho, hatte Maren gesagt, als sie Dienstagabend aus ihrer Wohnung kam. Sie sei starr geworden bei der Nachricht von Torbens Tod. Starr und zittrig. Auch jetzt stand sie vor der Neuen, als könnte sie ein falsches Wort in die Krise stürzen.

Ellen leerte ihr Sektglas in einem Zug und stellte sich zu den beiden.

»Wenn es nach Essen duftet, kann man sicher sein, es kommt aus der Wohnung von Frau Vers.«

»Das zieht dann hoffentlich zu mir hoch.«

Die Neue lachte und kramte in ihrer Umhängetasche. Sie schien absorbiert von ihrem Glück über das Zimmer und bot jedem von den Zigaretten an, die sie aus der Tasche befördert hatte. Der Student griff als einziger zu und führte sie an seine Nase. »Nelke.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, bevor er der Therapeutin zum Rauchen vor die Tür folgte.

Hanna Vers sah ihnen nach. Sie schien zu zögern, ob sie den beiden folgen sollte und nippte am Orangensaft, bevor sie das Glas abstellte und kurz darauf in ihre Wohnung zurückkehrte. Unschlüssig sah Ellen zu Maren. Ein Schulterzucken war alles, was der dazu einfiel. Und Viktor Boehm ließ noch einen Korken knallen. Take me to the matador, schallte es durch den Hausflur, Marens Lippen bewegten sich zu dem Text, fehlte nur noch, dass sie anfing, laut zu singen. Plötzlich schien ihr die Party seelenlos. Sie beugte sich zu Frau Kücherer, die mit geröteten Wangen im Treppenlift saß und den Trubel genoss.

»Alles okay?«

Das Strahlen in dem faltigen Gesicht war Antwort genug. Am Türrahmen gegenüber prosteten sich Maren und Herr Boehm zu. Niemand sagte etwas. Ihr fiel auch nichts ein. Erst als die beiden vom Rauchen zurückkehrten, wurde es belebter. Auf Marens Frage begann Jona Hagen von den Bildern zu erzählen, die sie in der Dachkammer malen wollte.

Am frühen Abend löste sich der Umtrunk allmählich auf.

***

Die Bauarbeiten am Haus gegenüber ruhten, und das bläuliche Flimmern in den Fenstern verriet, wer um diese Uhrzeit schon fernsah. Ellens Blick fiel auf die Vespa vor dem Gartentor. Ob die Neue schon heute in der Mansarde übernachtete? Sie raschelte mit der Futterpackung, doch das typische Tapsen von Katzenpfoten blieb aus. Vermutlich war Bella während der Feier ins Freie entwischt und streifte durch die Vorgärten. Vorsichtshalber öffnete Ellen ihre Wohnungstür, doch auch im Treppenhaus war von der Katze keine Spur. Das Aftershave von Herrn Boehm hing noch in der Luft. Und von oben kamen leise Klopfgeräusche. Von einem Nagel, der in die Wand getrieben wurde, oder pochte jemand gegen eine Tür? Sie konzentrierte sich. Da war es wieder. Knöchel an einer Tür, wenn sie es richtig deutete. Der Lautstärke nach im zweiten Stock.

»Bella«, rief sie laut und stieg die Holzstufen nach oben. »Bella.« Wieder das dezente Klopfen. Doch als sie den Absatz des zweiten Stockwerkes erreichte, stand sie allein dort. Und jetzt hörte sie auch, dass die Geräusche aus der Wohnung von Frau Vers kamen, begleitet von harschen Gesprächsfetzen. Führte sie Selbstgespräche?

Unschlüssig blieb Ellen vor der Holztür stehen, deren Glaseinsatz ein Tuch verhüllte, dann gab sie dem Drang nach und klingelte. Drinnen erstarben die Geräusche. Auch im Treppenhaus war es still. Die Villa hielt den Atem an. Nur ihr eigener Puls rauschte in den Ohren. Sie sollte wieder nach unten gehen, dachte sie, während ihr Daumen erneut auf die Klingel drückte. Endlich ein Rascheln. Die Tür öffnete sich einen Spalt und Hanna Vers, barfuß und mit einem weißen Kaftan bekleidet, sah sie unheilvoll an, bevor sie die Tür vollständig öffnete. Die Frage, ob alles in Ordnung sei, blieb Ellen im Hals stecken. Erst als die Mieterin die Hand mit dem Pfefferspray sinken ließ, folgte sie der Einladung ins Innere. In der Küche brannte eine Kerze auf dem Tisch und beleuchtete flackernd zwei leere Teetassen.

Dunkelheit hatte sich über das Dichterviertel gesenkt. Unbeteiligt hing die blasse Mondsichel am Himmel, als hätte sie sich für immer von der Erde losgesagt. Ellen fuhr ihre schmalen Konturen mit den Augen nach. Zum ersten Mal erkannte sie tatsächlich die runde Klinge eines Werkzeuges darin.

Von hier konnte man die grellroten Scheiben des Ginnheimer Spargels sehen, wie eine galaktische Raumstation ragte er in den Himmel. Wo blieb Frau Vers? Es war schon Minuten her, dass sie sich entschuldigt hatte, um im Bad zu verschwinden. Im Geiste versuchte Ellen, den bruchstückhaften Bekenntnissen der Mieterin Sinn zu verleihen. Dass sie das im Fall einer Befragung erzählen musste, stand fest. Deswegen fürchtete sie sich auch vor einem Besuch des Kommissars. Hanna Vers hatte von Schritten aus der Dachkammer erzählt, die ihr in die Träume gefolgt wären. Von rätselhaften Geräuschen bis in die Nacht hinein. Sein Anschleichen, sein plötzliches Neben-Ihr-Auftauchen, wenn sie Wäsche auf den Dachboden hängte. Mit jedem weiteren Wort schien es, als habe Torben Fischer ihr Leben diktiert. Hanna Vers, die zwar ein zurückhaltendes, etwas verstaubtes Dasein führte, aber doch im Leben stand. In einer Bank arbeitete. Die noch nie ihre Tür verriegelt hatte oder jemandem mit Pfefferspray in der Hand begrüßte.

Mehrmals war das Wort ›Schuld‹ gefallen. Es ging um Erinnerungslücken. Hatte sie wirklich gesagt, sie wisse nicht genau, an welchem der vergangenen Abende sie im Sinaipark gewesen sei? Man konnte doch nicht wegen ein paar Gläschen Wein vergessen, ob man abends in einen dunklen Park gegangen war. Und warum überhaupt? Auch darauf hatte die Mieterin keine Antwort gewusst. Das alles klang … verrückt. Ellen sah auf die beiden Tassen Tee, die Frau Vers in die Spüle geräumt hatte. Auf ihre Frage nach Besuch war sie nicht eingegangen. Unruhig durchquerte sie die spartanisch eingerichtete Küche und trat in den Flur. Wenigstens kamen Wassergeräusche aus dem Bad. Als sie sich umdrehte, jagte das Schrillen der Türklingel ihr Adrenalin durch die Adern.

Durfte sie öffnen? Sie schob einen Zipfel des Tuches zur Seite und erkannte durch den Glaseinsatz das Rot von Marens Bluse. Was wollte denn die schon wieder bei Frau Vers?

»Komme gleich«, rief es aus dem Bad.

Unschlüssig zog Ellen die Tür auf und sah in ein lächelndes Gesicht, das sich bei ihrem Anblick verdüsterte.

»Was machst du hier?«

»Ich mache mir Sorgen um Frau Vers.«

»Ich auch.« Maren schob sich in die Wohnung.

Wenig später saßen sie zu dritt in der hell erleuchteten Küche.

Hanna Vers trug wieder ihre bunte Bluse vom Nachmittag. Der Versuch, sich zu schminken, hatte rote Flecken auf ihren Wangenknochen hinterlassen. Ellen konnte den Blick nicht von der Stirn abwenden, die nass glänzte, von den kleinen Pusteln unter dem Haaransatz. Doch niemand bemerkte, dass sie starrte. Seit Maren die Küche betreten hatte, schien sie selbst unsichtbar.

»Und Sie sind sicher, dass Sie am Dienstagabend bei mir gewesen sind? Die ganze Zeit?« Die Frage der Mieterin klang wie eine Bitte, ihr das Gegenteil zu bezeugen, die Maren mit einem bedauernden Kopfnicken abschlug. Sie wirkte angestrengt, als sie hinzufügte, dass sie darüber doch schon am Mittag gesprochen hatten.

»Worüber denn?«, entfuhr es Ellen.

Eine Pause entstand, und Hanna Vers griff sich theatralisch an die Schläfen.

»Das, was ich die ganze Zeit versuche zu erklären. Meine Ängste. Und auch die Ausfälle. Ich kann mich an den Dienstagabend kaum erinnern. Ich hatte Kopfschmerzen am nächsten Morgen. Mein Kopf war Matsch.«

Maren zog die Augenbrauen hoch, »Sie haben eine ganze Flasche Rotwein getrunken. Filmriss nennt man das.«

»Aber da ist ein Film. Ein unheimlicher. Fetzen davon spuken in meinem Kopf herum.« Ihr Blick ging ins Leere, als spulten sie sich gerade auf einer inneren Leinwand ab. Im Schein der Deckenlampe wirkten ihre Gesichtszüge schärfer.

»Da ist dieser Park. Es war dunkel. Ich bin spazieren gegangen. Auf dem Weg. Es war kalt, aber ich hatte eine Jacke an. Oder hatte ich die ausgezogen? Weiß nicht. Und dann …«, angestrengt sah sie in die Ferne, »… dann lag ich da. In der Finsternis.« Sie biss sich auf die Lippen. »Ich lag im Gestrüpp. Über mir kein Himmel, nur schwarze Bäume. So dicht. Ich war … begraben von diesem Dickicht.«

»Und dann?«, fragte Ellen mit trockenem Mund.

»Habe ich geschrien. Ich rappelte mich auf und rannte und rannte und … dann war es morgen, und ich bin in meinem Bett aufgewacht.«

Ellen stieß die Luft aus. »Sind Sie sicher, dass es kein Albtraum war?«

»Ich kenne den Unterschied zwischen Albträumen und meinen …«

»Ängsten«, ergänzte Maren nach einer Weile.

»Aussetzern.«

»Frau Vers«, Maren drehte an ihrem Nasenstecker, ein Anzeichen, dass sie langsam die Geduld verlor, »wir kennen uns seit über zwei Jahren, und seit neun Monaten wohnen wir im selben Haus. Ich habe noch nie ein lautes Wort von Ihnen gehört.«

»Vielleicht vermischen Sie manches?« Kaum ausgesprochen, bereute Ellen ihre Worte. Sie hatten freundlich klingen sollen, aber die Panik in ihrer Stimme brachte alle drei zum Schweigen. Was geschah hier eigentlich?

Sie wollte in ihre Wohnung zurück. Bella füttern, zu Abend essen, und zwei Episoden der neuen Krimi-Staffel sehen.

Gerade als sie im Begriff war aufzustehen, schob Hanna Vers den Ärmel ihrer Bluse nach oben. »Und was ist das?« Wie eine Anklage prangte der Abdruck von fünf Fingern als blau verfärbtes Hämatom auf ihrem Oberarm. »Muss ich das der Polizei nicht zeigen, wenn sie nochmal ins Haus kommt?«

Maren betrachtete die Druckstelle auf dem Arm. »Ich weiß nicht. Lieber nicht. Und Sie wissen nicht, woher das stammt?«

Aus dem Treppenhaus ertönte Gepolter. Wie auf Kommando verstummten sie alle drei. Etwas Metallenes schepperte von Stufe zu Stufe bis zum unteren Treppenabsatz. Die Neue schien mit einem Möbelstück zu kämpfen.

Es dauerte eine Weile, bis Ruhe im Hausflur einkehrte und Maren nach ihrem Wohnungsschlüssel griff.

Schweigend verabschiedeten sie sich von der Unglücklichen, schweigend liefen sie die Treppe hinunter. Erst als sie sich in der Diele gegenüberstanden, ergriff Maren das Wort. »Durch den Wind, sage ich nur.« Sie klaubte zwei Chips vom Boden auf. »Und ich sag dir noch etwas.« Ihr Gesicht kam so nahe an Ellens heran, dass ihr Zigarettenatem zu riechen war. »Ich habe sie am Montagabend aus dem Haus gehen sehen, auch wenn sie behauptet, die Abende zu verwechseln. Sie wirkte ganz normal, als ginge sie einkaufen. Sie hat Fischer bestimmt nicht abgemurkst. Trotzdem gut, dass Steiner sie nicht angetroffen hat.«

In ihrer Küche brannte noch Licht. Ellen sackte in den Stuhl und starrte auf den Sisalstamm, an dem Bella sonst ihre Krallen schärfte. Kaum zu glauben, was sie gerade erfahren hatte. Vielleicht saß Hanna Vers noch am Holztisch, nur wenige Meter über ihr, mit ihrem Film im Kopf und diesem verrückten Blick. Beim Hinausgehen hatte sie ihn auf sich gespürt. Sie wusste nicht allzu viel über die nette, zurückgezogene Frau. Sechsunddreißig. Viel zu jung, um blumige Blusen zu tragen und sich nach der Arbeit zu Hause zu vergraben. Schon Frau Wismar hatte den Kopf über sie geschüttelt. Die braucht mal einen Mann, hatte die alte Kücherer letztens gesagt und gekichert. Torben Fischer war ein Mann, und er hatte direkt über ihr gewohnt. Und laut eigener Aussage in Scheidung gelebt.

Ellen stützte ihr Kinn in die Hände. Von oben war die Stimme des Moderators zu hören, dessen Show Frau Kücherer liebte. Aus dem Wohnzimmer vernahm sie ein Maunzen. Sie fand Bella vor der gekippten Tür im Garten. Im Schein des Bewegungsmelders glänzten die braunen Knopfaugen. Ihre Barthaare waren blutverschmiert, und vor ihren Pfoten lag eine tote Ratte.

6

Jona erwachte vom Läuten der Kirchenglocken. Das Kabel mit der nackten Glühbirne hing über ihr wie eine weiße Sonne, deren Licht erloschen war. Wenn sie ihren Nacken überstreckte, konnte sie in den farblosen Himmel sehen. Aber das war keine gute Idee. Der Schmerz schoss sofort zwischen ihre Brauen. Sie schloss die Augen und tastete nach dem Handy. Zehn Uhr. Und keine Nachricht von Ulf. Um diese Uhrzeit hatte er längst mit seinem Sohn gefrühstückt. Automatisch wählten ihre Finger die vertraute Nummer und drückten die Verbindung wieder weg. Der Gedanke, einfach so seine Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören, war seltsam.

Sie lag in einem Paralleluniversum, abgeschnitten von ihrem bisherigen Leben, randvoll mit Bildern und Eindrücken der letzten vierundzwanzig Stunden. Kaum zu glauben, dass über ihnen das gleiche Flugzeug am Himmel seine Kondensstreifen zog.

Wie sollte sie Ulf die ganze Geschichte erzählen, die mit einem Sperrmüllhaufen begann und in der Küche von Maren Keiler endete, jetzt, wo ihnen diese Leiche dazwischengekommen war, die Leiche des Toten, in dessen Mansarde sie lag. Es musste sich um die Mansarde des ermordeten Immobilienmaklers handeln, von der Ulf im Park erzählt hatte, warum sonst war er im Garten der Villa gewesen? Das konnte doch kein Zufall sein.

Sag einfach die Wahrheit, hatte Ute ihr am gestrigen Abend nach dem zweiten Calimocho beim Spanier geraten. Und das so schnell wie möglich. Nach ihrem vierten Calimocho hatte sie ihr nahegelegt, bis zum nächsten Tag zu warten.

Jona stand auf und spülte eine Kopfschmerztablette mit eiskalter Cola hinunter. Ihr Designerkühlschrank, ihr Futon auf dem roten Teppich und zwei Eimer mit Pinseln und Farbtuben in der Ecke. Sie konnte nicht verhindern, dass der Anblick ihres neuen Zimmers sie glücklich machte. Eine Künstlerbude. Wann wurde sie erwachsen? Morgen würde ihr geregeltes Leben in der Praxis weitergehen. Sie musste mit Ulf reden. Und davor frühstücken. Ob es im Wohnviertel um diese Uhrzeit irgendwo Schokocroissants gab?

Zwanzig Minuten später nippte sie zwischen Süßigkeiten und Kaltgetränken an einem Espresso. Vom Ofen in ihrem Rücken zog ein Duft nach frischen Brötchen durch den Raum. Sonntagmorgens glich die Tankstelle einer Bäckerei. Kaum jemand tankte. Eine Angestellte reichte Backwaren, Getränke und Zeitungen über die Theke, aus den Boxen rieselte Popmusik. Auch eine Art, die Menschen aus dem Viertel kennenzulernen. Jona lächelte der Frau hinter der Theke zu. Ihr gefiel der Ort. Ob Ulf hier tankte? Das Präsidium lag in der Nähe. Wie oft war sie in Versuchung gewesen, ihn anzurufen. Bei der letzten Fahrt zwischen Bornheim und der Villa im Dornbusch hatte sie den Weg über das Nordend genommen, um dann doch nicht in die Neuhofstraße einzubiegen. Seit wann wich sie Konflikten aus?

Wieder schob sich sein müdes Gesicht in ihre Erinnerung. Er bat um Schonung, und in ihr explodierten die Wünsche. Es muss doch mehr als Alles geben, hörte sie ihren Vater spöttisch sagen und leerte den Pappbecher bis zum letzten Tropfen, doch auch der zuckrige Bodensatz konnte diesen Gedanken nicht versüßen.

Das in Papier gewickelte Schokocroissant wurde ihr über die Theke gereicht. Sie drückte der Angestellten einen Fünfeuroschein in die Hand und verließ die Tankstelle. Auf dem Gehsteig hinter den Zapfsäulen eilte eine schmale Gestalt in Sportanzug dem Park entgegen. War das die scheue Mieterin von gestern? Hanna Vers? Jona fixierte die Frau. Ihr Gang wirkte selbst auf die Distanz getrieben. Ein Tuch verdeckte die Hälfte ihres Gesichtes. Aber die Haare und die Körperhaltung verrieten sie. Ohne nachzudenken, überquerte Jona die Tankstellenanlage und folgte ihr. Hanna Vers war schon in den Schotterweg des Parks eingebogen. Mit am Körper abgewinkelten Armen schritt sie aus. Trieb sie Sport? Bei dem gestrigen Sektumtrunk hatte sie geistesabwesend gewirkt und war erst nach einer Weile aufgetaut. Umso erstaunlicher ihre Einladung auf eine Tasse Tee, als sie sich noch einmal kurz am Treppenabsatz begegnet waren. Sie schien einsam. Ihr Lächeln, die verkrampften Schultern. Und dann ihr Schweigen, als sie sich gegenübersaßen. Der Blick voll stummer Erwartung. Warum, verdammt, musste sie immer auf so etwas reagieren. Ob es ihr nicht gut ging. So etwas fragte man doch nicht beim ersten Treffen. Hanna Vers schien nur darauf gewartet zu haben.

Ein Liebespaar kam ihr entgegen. Jona wich den beiden aus und bemühte sich um einen Schlendergang. Der Park war übersichtlich; wenn Hanna Vers ihn umrundete, würde sie sie zwangläufig irgendwann sehen oder an ihr vorbeilaufen. Die einzige versteckt liegende Bank, die ihr einfiel, war die am Tatort. Aber das war perfide. Als sie ihren Blick wieder nach vorn wandte, war Frau Vers verschwunden.

Erleichtert biss Jona in ihr Croissant. Unter ihren Sohlen knirschte der Schotter, die Vögel zwitscherten. Sie würde ihren Spaziergang fortsetzen, ohne nach ihrer Nachbarin zu forschen. In der Praxis begegneten ihr täglich genug Neurosen. Aber seltsam war ihr plötzliches Abtauchen doch. Sie ließ ihren Blick schweifen und erhaschte auf dem gewundenen Pfad ins Gehölz einen Fetzen des bordeauxroten Sportanzuges. Was machte Frau Vers im Gestrüpp der Sinai-Wildnis? Jetzt bückte sie sich. Hatte sie etwas verloren an diesem gefällten Baumstamm, hinter dem sie erneut verschwunden war? Irritiert näherte sich Jona dem Pfad. Noch immer schien ihre Nachbarin wie vom Erdboden verschluckt. Plötzlich tauchte sie auf und stand wie eingefroren. Ob sie Hilfe brauchte?

Der Himmel war inzwischen fahl, aber immerhin pochte es nicht mehr hinter ihrer Stirn. Nur ihr Denken schien verlangsamt. Keine Eingriffe, keine Übergriffe, befahl sie sich im Geiste. Was gingen sie die Marotten ihrer Mitmieterin an? Sie war gestern schon viel zu tief in das Gespräch über Ängste und Selbstzweifel eingestiegen.

Erst nach endlosen Sekunden wandte sie sich ab und folgte dem Schotterweg bis zum Ende des Parks. Rechts ging es in eine Grünanlage. Ihre Gedanken wanderten zu Ulf. Wie es schien, hatten sie den ersten richtigen Konflikt. Es war 36 Stunden her, seit sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, und sein fassungsloser Blick im Garten der Villa ging ihr nach.

Sie blieb an einem Bronzekunstwerk stehen. Ein Mann saß auf einer Bank, ein zweiter stand abgewandt hinter ihm. Die perfekte Nichtkommunikation. Willkommen im Club, dachte sie und wählte, nachdem sie sich neben der sitzenden Skulptur niedergelassen hatte, Ulfs Nummer. Keine fünf Sekunden später hatte sie ihn in der Leitung.

***

Die Stufen zum Eingangsportal des Polizeipräsidiums kamen ihr steiler als sonst vor. Am Empfang wusste man bereits von ihrem Besuch. Die Beamtin hinter der kugelsicheren Trennscheibe gab das Drehkreuz frei. Das letzte Mal hatte sie den Innenhof in Vorfreude auf Ulfs Umarmungen überquert und es nicht erwarten können, durch die langen Gänge des hinteren Gebäudes zu seinem Büro zu kommen. Jetzt schien es ihr mit jedem weiteren Schritt unmöglicher, seiner Bitte, ins Präsidium zu kommen, gefolgt zu sein. Es war sein Bereich, sie eine Besucherin.

Ulf telefonierte mit dem Rücken zu ihr, als sie die angelehnte Tür des Büros aufschob. Graues Licht floss in den Raum, der ihr verändert vorkam. Vielleicht, weil vor dem Whiteboard eine zusätzliche Stellwand stand. Bevor sie sich bemerkbar machen konnte, beendete Steiner das Telefonat.

»Entschuldige.«

»Bist du im Dienst?«

»Nein.« Er bat sie ins Zimmer. Wie bei einer Vorladung. Mit spröder Stimme lehnte sie ein Wasser ab. Zwei Meter zwischen ihnen, und keine Regung in seiner Miene.

»Das, was ich dir sagen muss, wird dir nicht gefallen.« Er trat zur Stellwand und tippte mit dem Finger auf das Foto einer brutal erstochenen Leiche in Jogginganzug.

»Dein Vormieter«, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. »Er wohnte nicht zufällig in dieser Villa. Sein Kollege Moritz Krampner gab gestern zu Protokoll, dass Torben Fischer geradezu verbissen gewesen sei, dieses Anwesen unter Vertrag zu kriegen. Er war verschuldet, und das Haus, in dem er vor seiner Trennung lebte, gehört seiner Frau. Wie du ja bereits weißt.«

Jona starrte auf die hingestreckte Person und musste an die olivfarbene Tapete denken, auf die der junge Mann noch kurz vor seinem Tod geschaut hatte.

»Keiner in der Firma hat es geschafft, die Besitzerin umzustimmen«, fuhr Steiner fort, »und Fischers Name kannte sie bis dato nicht.«

»Maren Keiler?«

»Wir reden von Traute Wismar. Die Frau Keiler das Haus im Falle ihres Todes zugedacht hat.«

»Und die ist jetzt tot?« Jona musterte die schmalen Augen hinter den Brillengläsern. Sie waren rot gerändert.

»Seit zweieinhalb Monaten. Die Erbangelegenheit läuft noch. Und vermutlich rechnete sich Fischer bei der neuen Vermieterin Chancen oder zumindest einen gewissen Einfluss aus.«

»Das ist Spekulation.«

»Eine Hypothese. Nimm seinen Laptop. Wir wissen nicht, wer die Daten geschreddert hat. Aber dass sie vor seinem Tod vernichtet wurden, hat die KTU bestätigt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Torben Fischer es selbst getan hat. Sensible Daten vielleicht über das Haus, die Vermieter, über Vermögensverhältnisse.«

Aus dem Flur drangen Stimmen. Mit zwei Schritten war Ulf bei der Tür und drückte sie leise ins Schloss. Sensible Daten. Wahrscheinlich durfte er kein Wort davon preisgeben. Sie trat näher an die Stellwand. Ein Männername stand links vom Foto des Toten, und rechts der Name ihrer Vermieterin.

»Da haben wir Moritz Krampner, der gestern im Präsidium war. Er sagt, sie würden sich auch privat gut verstehen. Und …«, Ulf stand plötzlich so dicht neben ihr, dass ein Hauch seines Aftershaves zu ihr wehte, »… er war noch am Montag zwei Stunden vor seinem Tod bei ihm.«

Ob das schon verdächtig sei, hörte Jona sich fragen, während ihr die Kraft aus den Knochen wich. Wieso diskutierte sie mit Ulf über den Fall, statt endlich die Worte auf ihre Dachkammer zu lenken, statt ihn zu berühren, irgendwie, um diesen Bann zu brechen?

»Wenn er uns das freiwillig gesagt hätte, nein. Wir mussten ihn erst mit der Handyauswertung von Fischer konfrontierten. Er war der letzte Anruf auf seiner Liste. Angeblich bot Krampner ihm an, vorübergehend bei ihm zu wohnen.« Steiner räusperte sich. »In der Ermittlungsarbeit wimmelt es von guten Menschen und edlen Motiven.«

»Und Frau Keiler?«

»Schien perplex, als sie von seinem wahren Beruf erfuhr. Ihr wird die Villa gehören und eine Barschaft. Da gibt es noch eine enterbte Tochter von Frau Wismar, der ein Pflichtanteil zusteht. Wenn man sie findet. Astrid Wismar hat sich seit Jahren von ihrer Mutter und dem ganzen Spießerland, wie es der Notar formulierte, losgesagt. Eine Aussteigerin.«

Aussteigerin. Jona trat einen Schritt zurück. Unwillkürlich musste sie an Ute denken, die letztes Jahr auf eine kleine Insel ausgewandert war, um dann nach Monaten in der Praxis zu stehen, als sei nichts gewesen. Auswandern, wie weit war das weggerückt von ihr. Sie hatte jetzt zwei Zuhause. Wenn sie so weitermachte, bald keines mehr.

»Warum steht denn dann Frau Keilers Name an der Wand?«

Ulf zog seine Brille ab und wischte sich über die Augen.

»Setz dich mal.«

Sie rollte den Drehstuhl zu sich und verfolgte, wie Ulf aus dem Vollautomaten in der Ecke zwei Espresso zog. Sie wollten an diesem Wochenende gemeinsam nach einer Wohnung suchen. Vielleicht hatte sie alles kaputt gemacht. Der Blick, den er ihr von der Stellwand zuwarf, war nicht zu deuten.

»Bist du wirklich in diese Villa gezogen?«

»Ausgewichen. Als Rückzug und Atelier.« Sie zwang sich, den Blick nicht von Steiners verletztem Gesicht zu wenden. Es entsprach der Wahrheit. Ihrer Wahrheit. Steiners Wahrheit sah vermutlich anders aus. Schon allein das, was er ihr bisher erzählt hatte, konnte ihn seinen Job kosten.

Als lese er in ihren Gedanken, sprach er genau diesen Satz aus, bevor er von den ersten Indizien berichtete, die auf Ungereimtheiten in den Unterlagen der Immobilienfirma Greif schließen ließen.

***

Gott sei Dank hatten sie das Gespräch abgebrochen und auf morgen vertagt. Dass Ulf nicht schlief, hörte sie an seiner Art, Luft zu holen. Zur Seite gerollt, lag er neben ihr im Bett und atmete seine Sorgen in die Dunkelheit. Seine größte war, sie in Gefahr zu bringen. Die Kripo, die Steuerfahndung, und sie, seine Lebenspartnerin, als Mieterin direkt am Schauplatz des Geschehens. Es könne gefährlich werden, wie oft hatte er das wiederholt und Szenarien entworfen, in denen jemand sie zusammen sah und falsche Schlüsse zog. Als würde sie sich von der Kripo einspannen lassen.

Jona schlüpfte aus dem Bett und schlich durch die dunkle Wohnung auf den kleinen Balkon. Im Haus gegenüber waren mehrere Fenster erleuchtet. Die Stadt schlief nie. Sie zündete sich eine Nelkenzigarette an und sah zu, wie die Glut sich knisternd durchs Papier fraß. Die letzte hatte sie gemeinsam mit dem Studenten vor der Tür geraucht; es schien Ewigkeiten her. Und es war schön gewesen. Wie lange hatte sie schon nicht mehr mit einem jungen Menschen geredet, der die Welt philosophisch betrachtete? In ihrer Welt ging es immer nur darum, Probleme anzugehen. Ulfs Welt bestand aus Opfern, Tätern und dem Versuch, eine Gerechtigkeit herzustellen, die es ohnehin nicht gab. Dass Joschua der Welt moralfrei begegnete und keine Urteile fällte, war erfrischend.

Ulf hatte davon gesprochen, dass der Tote bei Joschua ein- und ausgegangen sei, angeblich, weil es keine Waschmöglichkeiten in der Mansarde gab. Es war absurd, darin mehr als reine Freundlichkeit zu sehen. Aber Ulf hielt ja auch Maren Keiler für gefährlich, und Ellen Beetz dazu. Herrje, wenn er die beiden beim Sektempfang erlebt hätte. Alles, was sie wollten, war in Ruhe dort zu leben. Und sie boten den Maklerbonzen die Stirn. Absurd, dass es schon verdächtig war, wenn jemand sich an diesem Mietenwahnsinn nicht beteiligte und sich weigerte, seine Träume zu verkaufen. Die kleine Gemeinschaft der Villa war speziell und liebenswert. Wieder fiel ihr die scheue Bewohnerin aus dem ersten Stock ein, die ihr Interesse und ihren Zuspruch förmlich aufgesaugt hatte. Morgen sollte sie mal kurz vorbeisehen, ob es ihr wieder besser ging. Aber kurz, einer neuen Nachbarin angemessen, und etwas unverbindlicher. Sie drückte ihre Zigarette in Steiners Aschenbecher aus und zählte vier weitere Stummel, die definitiv nicht von ihr waren.

Gegenüber erlosch das Licht in einem Fenster. Wieder einer, der Ruhe gefunden hatte. Fröstelnd lief sie ins Schlafzimmer zurück und erfasste den dunklen Schatten am Fenster erst, als Ulf sich ihr zuwandte.

»Den Wunsch nach einem eigenen Zimmer kann ich gut verstehen.«

Die Stille, die seinen Worten folgte, stand zwischen ihnen. Jona spürte, wie ihr Körper sich anspannte. Eine ganze Weile standen sie sich im Dunkeln gegenüber, dann hörte sie das Knacken seiner Fußgelenke.

»Vielleicht ist dir entgangen, dass ich auch keinen Rückzug habe, seit du hier wohnst.«

»Nein, ist es nicht.« Sie griff nach seinem Arm und fasste ins Leere.

»Der Einzige mit eigenem Zimmer ist Jakob«, sagte er mit gepresster Stimme, »und für den ist die Situation schwierig genug. Ich tue, was ich kann, um dir ein neues, gutes Zuhause zu geben, und du mietest dir heimlich einen Rückzugsort. In der Mansarde eines Toten, dessen Mordfall ich betreue. Hast du eine Ahnung, was das bedeutet? Wenn du denkst, alles …« Er brach den Satz ab.

Nein, sie dachte nicht, dass sich alles um sie drehte. Sie hatte noch nicht mal eine Ahnung, wo sie stand.

Zwei Schritte trennten sie von seiner reglosen Silhouette. Zwei Schritte und das Wissen, dass sie den Kosmos seiner Person nie ganz begreifen würde. Dass sie sich liebten, weil jeder für sich ein Kosmos war, hautnah und unerreichbar.

Ihr Entschuldige klang rauer als beabsichtigt. Die Gedanken waren plötzlich verstummt. Alles war verstummt. Sie griff nach seinen Händen. Spürte seine warmen Lippen, seine Muskeln, seinen Körper, der sich in ihrer Umarmung entspannte. Hörte sich sagen, dass sie eine Grenze ziehen würde, für eine Weile, eine Grenze zwischen sich und der Villa. Dass sie morgen damit beginnen würde, nach einem letzten Besuch.

***

Es dämmerte bereits, als sie am nächsten Abend ihren Roller parkte und das verrostete Gartentor aufdrückte. Die Villa thronte im Garten, nur erreichbar über den steinernen Treppenaufgang, der ihr etwas wie Würde verlieh.

Im Treppenhaus roch es nach altem Holz und Äpfeln. Das Deckenlicht legte einen gelben Schein auf die ausgetretenen Stufen. Jona blieb im Vorraum der Diele stehen und lauschte einen Moment in die Stille, der ein leises Schleifgeräusch unterlegt war. Das Geräusch kam von unterhalb der Treppen. Bisher war ihr gar nicht aufgefallen, dass es Kellerräume gab. Ob der Geruch nach gelagertem Obst den Vorratskammern entströmte? Sie setzte einen Schritt nach vorn und stand plötzlich im Dunkeln. Wieder dieses Geräusch. Dazu ein Sirren.

»Hallo?«

Niemand antwortete. Kurz entschlossen trat sie die Stufen ins Untergeschoss hinunter, vorbei an einem blinden Spiegel und einem Garderobenständer, hinter dem eine Eisentür offenstand. Von der Schwelle aus bot sich ihr ein seltsamer Anblick. In der Mitte eines unverputzten Gewölbes beugten sich der Student und Ellen Beetz über ein auf den Sattel gestelltes Fahrrad. Hinter ihnen bedeckten Sägen, Gartengeräte und Schraubenschlüssel die Wände, in der rechten Ecke stand eine Töpferbank. Niemand hatte beim Einzug diese perfekt ausgestattete Werkstatt erwähnt, die sich in dem fensterlosen Raum versteckte. Als Jona an die offene Eisentür klopfte, schreckten beide auf.

»Hey.« Joschua lächelte. »Wieder da?«

Mühsam erhob sich Frau Beetz und wischte die ölverschmierte Hand an ihrer Gartenschürze ab. Das Neonlicht leuchtete unbarmherzig ihr müdes Gesicht aus.

»Ich will nur ein paar Sachen von oben holen. Und mich bei Frau Vers nochmal für die Pralinen bedanken.«

Ihr nächster Satz wurde vom Klimpern unterbrochen, mit dem der Schraubenschlüssel zu Boden ging. Ellen Beetz stoppte ihn mit dem Schuh. »Ich kann es ihr später ausrichten.«

»Das mache ich lieber persönlich.«

»Zu spät.« Diesmal war es der Student, der ihr entgegentrat. In seiner schmucken Hose und dem Leinenhemd wirkte er fehl an diesem Ort. Unwillkürlich fiel ihr Blick auf seine sauberen Hände. Erklärte er seiner Nachbarin, was zu tun war, statt mitzuhelfen? »Heute Nacht kommt Hanna nicht nach Hause.«

»Herr Zingler!«

»Sorry«, erwiderte der Student und sah Ellen Beetz mit ehrlichem Bedauern an, »aber es gibt nichts, was sich lange verheimlichen lässt.« Er strich sich über seinen Vollbart. »Hanna ist zur Polizei gegangen und hat behauptet, sie hätte Torben Fischer umgebracht.«

»Wir glauben das alle nicht«, beeilte sich Ellen Beetz zu sagen. »Das ergibt doch keinen Sinn.«

»Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.« Joschua zuckte mit den Schultern. »Sagt jedenfalls Adorno in seiner negativen Dialektik. Ich kann auch nicht glauben, dass Hanna so etwas getan hat. Andererseits ist sie aufs Präsidium gegangen und hat denen ihre Schuld wie ein ordentlich geschnürtes Päckchen auf den Tresen gelegt. Und diese Helden haben sie dabehalten und sich auf die Schulter geklopft für ihren tollen Erfolg. Ich glaube, die Beerdigung hat sie in eine Krise gestürzt. Der Bulle mit dem weißen Hemd, der einen Besen verschluckt hat, hat sie wohl verfolgt.«

Steiner! Jonas Gesicht glühte. Natürlich war er zur Beerdigung von Torben Fischer gegangen, er war der zuständige Kommissar und auch der, bei dem eine Geständige zuerst landete. Was sie alles gar nicht wissen durfte. Aber wieso war Hanna zur Beerdigung gegangen? Doch nicht wegen ihrem Gespräch nach dem Sektempfang.

»Wieso Mord?« fragte sie so bestürzt wie möglich. »Der Mann, der die Wohnung meines Vormieters ausräumte, sagte mir, sein Bruder hätte sich wohnlich vergrößert.«

»Wohnlich vergrößert – das ist stark.« Der Student grinste kurz. Ohne Vorwarnung stieß Ellen Betz das Fahrrad um. Oder hatte sie sich daran festhalten wollen? Als sie sich wieder gefangen hatte, legte sie die Gartenschürze ab und ordnete ihr drahtig wirkendes, graues Haar.

»Wir haben versucht, Privatsphäre zu achten. Wer kennt schon die Geschichte seines Vormieters?« Ihr Blick verlor die Schärfe, als sann sie über diese Frage nach, bevor sie unvermittelt von Hanna Vers zu erzählen begann, von ihrem freundlichen, zurückgezogenen Wesen, ihrer Schreckhaftigkeit, die mit dem Einzug von Torben Fischer zugenommen hätte. »Dieser Mord hat sie durcheinandergebracht, genau wie die Angst vor einem Verhör.«

Genau wie ein Gespräch über Ängste, fehlendes Selbstvertrauen und Mut. Jonas Magen krampfte sich zusammen. »Gesteht man deshalb einen Mord?« Unwillkürlich glitt ihr Blick über die Sägen an der Wand.

»Sie hat manchmal diese Bilder im Kopf. Da geht was durcheinander bei ihr. Selbst Maren ist es nicht gelungen, sie von ihrer fixen Idee abzubringen. Und jetzt läuft irgendwo ein Mörder frei rum, und Frau Vers bezahlt für ihre Ängste. Das ist nicht gerecht.«

»Gerechtigkeit gibt es nicht.« Jona fing den interessierten Blick des Studenten auf und wandte sich an Ellen Beetz, die neben seiner schmächtigen Gestalt plump wirkte, und verzweifelt.

»Außerdem wird niemand verurteilt, wenn nur irgendein Zweifel an der Richtigkeit der Aussage besteht.«

»Kennen Sie sich damit aus?«

»Ich hatte vor langer Zeit mal eine Klientin in der Praxis, die in Schwierigkeiten war«, hörte Jona sich sagen, während in ihrem Kopf eine Alarmglocke schrillte.

»Bevor Sie gehen, bitte kurz bei mir klingeln«, sagte Joschua, »ich hab noch den Toilettenschlüssel zur Dachmansarde.«

»Ich gehe jetzt gleich.«

»Dann komme ich gerade mit. Danke, Frau Beetz, ich schaue nachher nochmal vorbei.«

Summend lief der Student neben ihr die Stufen hinauf. Vor seiner Haustür sah er ihr das erste Mal ins Gesicht.

»Ich besitze keinen Schlüssel zur Dachtoilette. Aber die Beetz hätte dich nicht so schnell aus ihrem Gebet entlassen. Auf einen Tee?«

Zwei Minuten später saß Jona auf einem sperrmüllverdächtigen Küchenstuhl und verfolgte, wie der Student Tee aufbrühte und den Inhalt einer angebrochenen Kekspackung auf einen Unterteller dekorierte. Ihr war noch immer flau. Wieso musste sie Hanna nur an dem Abend beschwören, auf ihre innere Stimme zu hören, egal was andere sagten. Sie kannte sie doch gar nicht. Ein fast therapeutisches Gespräch unter Sekteinfluss; wenn sie das Ute erzählen würde. Jona sah auf. Was hatte der Student gerade gesagt – dass er einfache Einrichtungen mochte?

Sie sah sich in der Küche um. Dass hier nicht gekocht wurde, fiel selbst ihr auf. Die wenigen Dinge, die in den offenen Regalen standen, sahen nach Instantgetränken und Fingerfood aus. Was sich hinter dem Vorhang des oberen Hängeschranks verbarg, würde er ihr bestimmt nicht lange vorenthalten. Seine Attitüde, materiellen Dingen nichts abgewinnen zu können, stand zu deutlich im Raum. Im Gegensatz zur Patchworkeinrichtung nahm sich seine Kleidung makellos aus. Hemd und Stoffhose. Am Flurhaken ein Jackett. Sie schob den Gedanken an Hanna Vers’ leere Wohnung gegenüber fort, während ihr der Student eine Tasse Tee reichte und sich einen Küchenhocker an den Tisch heranzog.

»Danke.« Jona blies in den Tee. »Auch für die Rettung eben.«

»Nichts gegen Frau Beetz. Sie ist mehr als in Ordnung. Auch wenn sie denkt, ich mache den ganzen Tag nichts anderes als Joints rauchen und Löcher in die Luft philosophieren.«

»Und machst du noch etwas anderes?«

Joschua strich sich über den Bart. »Vorlesungen besuchen, Referate schreiben, Thesen prüfen, nachdenken, zweimal in der Woche Nachtdienst im Parkhaus, Mathe-Nachhilfe geben, mit Freunden ausgehen, Gedichte schreiben und …«, er lächelte, »noch ein paar andere Dinge.«

»Wie Frau Beetz Tipps beim Rad reparieren geben.«

»Eher andersrum. Ich habe ihr zugesehen, um was zu lernen. Sie kann alles, und sie macht auch alles im Haus. Manchmal denke ich, sie weiß auch alles.«

»Von der Aktion von Frau Vers hat sie nicht gewusst.« Jona sah in das junge, bärtige Gesicht des Studenten und fragte, wie er die Situation einschätze. Mit einem Schlag erlosch die Koketterie darin.

»Wenn du einmal in den Lauf einer Pistole geschaut hast, dann bleibt da was zurück. Nackte Angst um deine Existenz.«

»Geht es auch etwas undramatischer?«

»Das mit der Pistole ist keine Metapher. Vor ein paar Jahren hat ein Vermummter Hanna in der Sparkasse eine vors Gesicht gehalten. Taschen auf, Geld rein. Geisel für zwei Stunden. Seitdem hat sie Flashbacks und Phasen, in denen sie sich wie in einem Film vorkommt. So hat sie es mir erklärt.«

»Depersonalisation!«, murmelte Jona, das hatte sie bei ihr mit keinem Wort erwähnt. Nur diese Selbstzweifel. Sie versuchte sich vorzustellen, wie die beiden gemeinsam an einem Tisch saßen und über persönliche Dinge sprachen. Immerhin duzte er sie.

»Hanna ist nicht immer schräg drauf. Sie kann auch lustig sein. Letzten Sommer haben wir im Vorgärtchen gesessen und den Vögeln in den Bäumen Gespräche angedichtet.«

»Nüchtern?«

»Naja, ein paar Haschkekse waren im Spiel. Ich wollte sie einfach mal lockermachen. Ist gelungen.« Er verschränkte die Hände hinter seinem Nacken. »Was ist denn das Leben wert, wenn man sich nicht ab und zu frei fühlt?« Wie zur Bekräftigung zwitscherte ein Vogel vor dem Fenster. »Später war sie froh über diese Erfahrung.«

Jona schwieg. Ein Blick in sein Gesicht genügte, um zu sehen, dass er selbst wusste, wie übergriffig diese Aktion gewesen war.

»Torben Fischer hat sie auch mal auf einen Wein eingeladen. Ist aber abgeblitzt.« Er zuckte mit den Schultern. »Zu anhänglich, denke ich mal. Und dann stand er unter Strom. Gerade abends. Wie ein Tiger lief er in der Mansarde auf und ab und hat ins Telefon gebrüllt, das hab sogar ich gehört. Und Hanna hat unter ihm gewohnt.«

»Wusstest du, dass sie zur Polizei wollte?«

»Nee, keinen Schimmer. Sonst hätte ich es ihr ausgeredet.«

Sein Handy klingelte. Nach einem Blick auf das Display trat er zum Fenster und rief etwas in den Vorgarten hinunter. Als er sich umdrehte, wirkte er belebter.

»Das Treffen in der Shisha-Lounge habe ich ganz vergessen. Sorry.«

Jona beobachtete die beiden vom Flurfenster aus. Die junge Frau auf dem Hollandrad, die vor dem Gartentor wartete, war ebenso zierlich wie Joschua. Sie umarmte ihn kurz, bevor sie gemeinsam davonradelten. Er war überzeugt von Hannas Unschuld. Und ihr ging das seltsame Gebaren der Mieterin im Sinaipark nicht mehr aus dem Kopf. Ein so zerbrechlicher Mensch konnte doch nicht bestialisch morden. Oder vielleicht gerade doch, aus einer Angst heraus. Langsam stieg sie die Stufen ins Dachgeschoss hinauf und suchte nach dem ersten Eindruck, den sie von Hanna Vers hatte. Sie war als Letzte zum Sektempfang dazugestoßen, und ihre Körpersprache beim Überreichen der Pralinen sagte … Jona blieb auf dem Treppenabsatz stehen … tu mir nicht weh! Hanna Vers wirkte wie ein Mensch, der darum bat, verschont zu bleiben – und damit jedem ausgeliefert war, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, diese Rolle zu übernehmen.

War das Torben Fischers Rolle gewesen?

Sie schloss die Dachkammer auf und sah im gleichen Moment das Foto des verdrehten Leichnams vor sich. So hell das Licht der Glühbirne auch die Kammer ausleuchtete, es blieb ein Schatten darin. Vor ein paar Tagen hatte der Tote hier noch energisch und lautstark telefoniert. Und sich Raum genommen, vielleicht über die Grenzen der Mansarde hinaus.

Sie wurde das Gefühl nicht los, dass der Raum noch immer Torben Fischer gehörte. Selbst ihr Futon wirkte in diesem Licht fremd. Wenn sie zurückkehrte, würde sie die Wände weißen.

Mit ihrem Laptop und zwei kleineren Taschen bepackt, trat sie wenig später die knarzenden Holzstufen hinab. Niemand hatte sie gebeten, sich abzumelden, wenn sie die Dachmansarde nicht nutzte. Es war ein Rückzugsort, nicht ihre Wohnung. Warum sie bei der Vermieterin klingelte, wusste sie selbst nicht.

7

Frankfurt platzte aus allen Nähten. Wo immer eine Fläche frei wurde, pflanzte sich ein neues Bauprojekt in die Lücke. An jeder Ecke hämmerte und bohrte es, in manchen Straßenzügen steckten gleich mehrere Gebäude in der Zwangsjacke eines Gerüstes. Ganze Wohnkomplexe lagen hinter Gitter. Längst gehörten die Immobilienagenturen, in deren Schaufenster neue Wohnobjekte wie Brillant Colliers hingen, ins Straßenbild eines jeden Stadtteils.

Auch das Ostend, in dem Ellen ihre Kindheit verbracht hatte, war seiner ungeschliffenen Mentalität beraubt worden, um saniert und veredelt zum Wohlfühlhafen der Finanzbranche zu werden.

Das Dichterviertel im Dornbusch war eines der begehrtesten Wohngebiete. Immer wieder hatte Maren ihr die Vorzüge aufgezählt und von den Villen und alleenartigen Straßen geschwärmt.

Ellen lief durch die Parkanlage, die den Dornbusch von ihrer alten Heimat trennte. Egal, was Maren sagte; ihr Herz schlug im Platenviertel. Hier kannte sie sich aus, hier kannte man sich, kannte sie. Das Platenviertel war das bessere Ostend, so hatte es ihre Mutter immer gesagt, nachdem sie umgezogen waren. Und es stimmte. In der Siedlung lebte es.

Es war die gleiche Luft, die durch ihre Lungen floss, der gleiche Nieselregen, der ihre Haut benetzte und auf Büsche und Asphalt niederging, und doch roch der Frühling hier in der Platensiedlung intensiver. Ellen ließ ihren Blick über die vertrauten Holzbalkone schweifen. Reihenhäuser in Siedlungen, für sie der Inbegriff von Geborgenheit. Das Nebeneinander verschiedener Kulturen besaß etwas Beruhigendes, auch wenn es nicht immer ruhig war. Ein Teil von allem sein, statt exklusiv zu wohnen – war nicht das die wirkliche Heimat?

Noch zwei Querstraßen, dann war sie dort, wo sie sich seit Torben Fischers Tod im Stillen wieder hin wünschte.

Wenn Maren das hören würde! Für sie war die Villa der ultimative Wohnort. Aber ein Haus war noch kein Zuhause. Das hatte sie Maren damals schon gesagt, auch wenn die ihre Worte wie lästige Insekten verscheucht hatte. Wahrheiten ließen sich nicht wegwedeln.

Ellen trat vor die Haustür. Wie immer suchten ihre Augen die Klingelschilder nach einer Veränderung ab. Kurz nach ihrem Auszug war Ulrike aus dem Erdgeschoss links fortgezogen. Die schüchterne Ulrike. Hatte endlich jemanden gefunden, der sie liebte, und war ihm in eine andere Stadt gefolgt. Sie zog ihren Schlüssel aus der Handtasche und ließ ihn, als im Nebenhaus die Tür aufging, schnell wieder zurückgleiten, um ordnungsgemäß zu klingeln. Wie zu erwarten, dauerte es mehrere Minuten, bis der Türdrücker summte.

Frau Kubitsch stand auf ihren Rollator gestützt an der Türschwelle, als Ellen schwer atmend die letzten Stufen in den dritten Stock nahm. Der Einkaufsbeutel war prall gefüllt mit Köstlichkeiten. Die alte Dame naschte gerne. Seit ihrem Einzug in den Neunzigern hatte Frau Kubitsch ihre schützenden Hände über sie gehalten und der Mutter öfter mit Geld ausgeholfen. Jetzt war es an Ellen, ihr den Lebensabend zu versüßen.

»Kaffeezeit.« Ellen stellte die Taschen ab. Es war zehn Uhr morgens, aber Plätzchen und Selbstgebackenes zauberten immer ein Lächeln in das Gesicht ihrer ehemaligen Nachbarin. Bis zum Mittag tauchten sie in alte Geschichten aus dem Viertel ein.

Später nahm sie den Bus und fuhr weiter zum Baumarkt an der Friedberger Warte. Als sie am Dichterviertel vorbeikam, versuchte sie einen Blick in die schnurgerade Straße zu erhaschen. Von einer blauen Vespa war nichts zu sehen. Schon waren sie über die Kreuzung und ließen den Ort hinter sich, an dem plötzlich alles anders war.

Ob man wegen Erinnerungsfetzen einen Mord gestand, hatte Jona Hagen gestern Abend gefragt. Ellen drückte sich ans Fenster und ließ die Gebäude an sich vorbeiziehen. Links das amerikanische Konsulat, das mit seinen meterhohen Eisenstäben wie ein Gefängnis aussah. Ein Konsulat hinter Gittern. Gut möglich, dass Hanna Vers schon hinter solchen saß und auf den Haftrichter wartete. Jetzt hielten sie auch noch direkt vor diesen umzäunten Flachbauten. Traurig sah das aus. Noch während sie sich drehte, fesselte etwas an der Tankstelle gegenüber ihre Aufmerksamkeit. Ein Lieferwagen, bordeauxrot, und quer über die Längsseite der bekannte Schriftzug: Boehm-Weine. Auf dem Beifahrersitz saß eine Brünette mit kurzen Haaren. War das … Maren? Maren, die sich vorbeugte und nach etwas im Fußraum griff. Wieso saß sie bei Viktor Boehm im Auto? Kein zu privater Kontakt mit den Mietern, das war ihre Ansage gewesen. Persönlich, aber nicht privat. Schlingernd fuhr der Bus an. Ellen drängte an ihrer Sitznachbarin vorbei in den Gang und drückte den Stoppknopf. An der nächsten Haltestelle stieg sie aus. Diesmal musste Maren ihr Rechenschaft ablegen. Fünf Minuten später saß sie im nächsten Bus und fuhr mit klopfendem Herzen nach Hause.

Die Villa wirkte verlassen. Ein farbloser Himmel filterte das Licht aus ihrem Antlitz, das heute nichts weiter als eine unnahbare Fassade war, selbst der Student aus dem zweiten hatte sein Fenster geschlossen. Mit einem Quietschen gab das Eisentor nach. Ellen lief durch den Vorgarten und erhaschte aus dem Augenwinkel eine Bewegung hinter Marens Küchenfenster. War ihr gemeinsamer Tripp mit Viktor Boehm also beendet.

Und wenn Maren es einfach zugab? Sie ging ohnehin ständig mit Leuten aus. Dass sie selbst nicht automatisch zu diesem Kreis gehörte, hätte sie sich denken können. Noch in Straßenschuhen lief sie zum Kühlschrank und verschlang zwei Wiener Würstchen. Es dauerte eine Weile, bis sich ihr Puls beruhigte. Sie starrte ins Innere des Kühlschranks. Wurstdosen, aufgetürmte Quarkpackungen und ein Stück Kuchen vom Wochenende. In der Tür stand der Pfirsichlikör, von dem sie nach dem Polizeibesuch letzte Woche zusammen getrunken hatten. Warum misstraute sie Maren immer, bis die ihr das Gegenteil bewies und ihr die eigene Kleinheit vor Augen führte.

Eine Erinnerung schlich sich in ihre Gedanken. Die Kühlschranktür fiel unter der Wucht ihrer Bewegung zu, und Ellen begann, durch die Wohnung zu tigern. Was wusste sie schon über Marens Leben jenseits der Villa, außer dass sie noch immer gelegentlich als Floristin in dem Blumenladen aushalf? Von den damals geplanten gemeinsamen Unternehmungen war nicht mehr die Rede, seit sie Tür an Tür wohnten. Maren konnte sich einfach nicht in ein geregeltes System einfügen. Schon als Kind nicht. Immer wollte sie etwas anderes.

***

Im Treppenhaus ging eine Tür. Sie spähte durch den Spion. Maren! Wohin denn jetzt schon wieder, mit ihrer schwarzen Lacktasche über der Schulter und einer Tüte in der Hand, aus der ein Zollstock ragte. Sie stürzte ans offene Küchenfenster und zuckte unter ihrer eigenen, lauten Stimme zusammen. Maren hielt am Gartentor inne und kam ein paar Schritte auf sie zu.

»Alles in Ordnung?«

»Entschuldige, fährst du in die Stadt?«

»Die andere Richtung, zum Friseur. Oder ist es wichtig?«

Ellen winkte ab. Nicht wichtig. Vor dem Haus gegenüber zogen Kranführer Betonplatten in die Höhe, Bella sprang auf den Küchenstuhl, Besorgungen standen nicht an; sie hatte nichts weiter zu tun, als dem nachzugehen, was Maren als Luxus bezeichnete: Müßiggang. Im Wohnzimmer sank sie in die Polster und legte ihre schweren Beine auf den Couchtisch, als plötzlich der Zollstock Eingang in ihre Erinnerung fand. Wozu in Gottes Namen brauchte Maren beim Friseur einen Zollstock? Du lügst, sagte sie halblaut, und im gleichen Moment drängte die Erinnerung, die sie beim Kühlschrank überfallen hatte, nun doch in ihr Bewusstsein.

»Zeig mal deine Taschen«, hatte der Filialleiter zur damals Siebenjährigen gesagt. Und Maren? Kopfschütteln, das Ausweichen vor seinen zupackenden Händen und die Wut, mit der sie die verpackten Eistüten in den Mülleimer geschmettert hatte und davongerannt war. Hätte sie nicht hinter ihr gestanden und ein gutes Wort für Maren eingelegt, wer weiß, wie es ausgegangen wäre. Später auf der Straße nur trotzige Erwiderungen. Süßigkeiten stehen mir zu, hatte Maren ihr, der Achtzehnjährigen, ins Gesicht geschrien und dabei mit dem Fuß aufgestampft, als gälte es, die ganze Welt darunter zu zermalmen.

Ellen setzte sich aufrecht. Was war so falsch daran, für sein eigenes Glück zu sorgen, wenn es niemand anders tat?

Der nächste Gedanke trieb ihr die Hitze ins Gesicht.

Wie sie auf die Idee mit dem Wintergarten gekommen war, wusste sie nicht mehr. In ihrem Rücken maunzte Bella, die es nicht gewohnt war, eingeschlossen zu sein.

Stumm lieferten sich die Möbel in dem Glasanbau ein Duell; ihr gepolsterter Ohrensessel gegen Marens elegante Chaiselongue. Sie starrte gegen die silbernen Lamellen, bevor sie vorsichtig die Klinke der Verbindungstür hinunterdrückte. Abgeschlossen. Atemlos kehrte sie durch ihre Glastür in die eigenen vier Wände zurück.

Genau vor neun Monaten, in einer anderen Zeitrechnung, hatte Maren ihr ein Duplikat des Generalschlüssels gegeben, um ihr im Notfall Zugang zu allen Wohnungen zu gewähren. Seitdem klebte er am Boden einer Teedose. Eine Schrecksekunde lang war sie sicher, er sei verschwunden, dann hielt sie die Teedose kopfüber in den Händen und löste den Klebestreifen vom Blech. Schwer lag der Schlüssel in ihrer Hand. In zehn Minuten würde er wieder am Platz liegen, als hätte sie ihn nicht aus seinem neunmonatigen Schlummer geweckt.

Im Treppenhaus war es still. Maren war unterwegs, wohin auch immer, Herr Boehm im Weinladen, die Vespa der Therapeutin stand nicht im Vorgärtchen, Frau Vers saß in Untersuchungshaft, und Frau Kücherer von oben im Rollstuhl fest. Blieb noch der Student. Sie eilte die Stufen in den Keller hinunter und spähte nach seinem Fahrrad, doch der Kellervorraum war leer.

Nur das Haus war Zeuge. Mit zittriger Hand schob sie den Schlüssel ins Schloss und schlüpfte in die Wohnung. Es roch nach Marens Parfum, Maiglöckchen, nach Kaffee und abgestandenem Zigarettenrauch. In der Küche sah es aus wie immer. Stylisch und aufgeräumt. Ein Brief hob sich vom schwarzen Tisch ab, flüchtig aufgerissen. Ellen warf einen Blick auf das Kuvert. Die Telefonrechnung.

Im Wohnzimmer empfing sie der bekannte Anblick. Ledersofa, Chrommöbel, ein Fernseher, der die halbe Wand einnahm. Vor der Stehbar auf der anderen Seite fehlten die goldenen Hocker. Einem Impuls folgend trat sie an die Glastür, die zum Wintergarten führte, und entriegelte sie. Nur für den Notfall. Der Gedanke, wie sie durch die Glastür in den gemeinsamen Wintergarten flüchtete, ließ Panik in ihr aufsteigen. Ihr Blick jagte über die silberne Vitrine. Fünf Minuten. Fünf Minuten für die Vitrine und das Sideboard mit den großen Schubladen im Flur, und dann zurück in die eigene Wohnung. Sie öffnete die Vitrine. Gläser, Keramikaschenbecher, Feuerzeuge und eine Shisha, darunter Schubladen. Die oberen enthielten Papiere aller Art. Sie griff nach einem Schnellhefter und legte ihn gleich wieder zurück. Ihr war heiß. Als sie die unterste Schublade aufzog, setzte ihr Atem aus. Auf einer schwarzen Samteinlage ruhten Schmuckstücke, die ihr nur allzu bekannt waren. Halskettchen, ein Collier mit Brillanten, Goldreife und ein antikes Armband. Dazu mehrere Ringe mit funkelnden Steinen.

Geschenke, summte es in ihrem Kopf, Geschenke, die eigentlich ihr gehörten.

Davon hatte Maren nichts erzählt. Immer nur davon, wie glücklich Frau Wismar nach einem ihrer Besuche oder ihrer Ausflüge war. Sie nahm den Goldreif heraus und sah die fleckigen Handgelenke der alten Dame vor sich. Es gab keinen Tag, an dem sie nicht an die verstorbene Traute Wismar dachte. An die freundlichen blaugrauen Augen und die vertraulichen Gespräche, in denen sie ihr aus ihrem Leben erzählte. Sie war bestimmt enttäuscht gewesen, dass sie sich nach ihrer Kündigung nie mehr hatte blicken lassen. Nicht einmal auf ihre Beerdigung hatte sie gehen können.

Ein Medaillon fiel ihr ins Auge. Vorsichtig nahm sie es auf und drehte es, und tatsächlich, es war DAS Medaillon, das Heiligtum von Frau Wismar, tagelang war sein Verschwinden Gesprächsstoff gewesen und die Zimmer von Mitbewohnern, die sie in ihrem Wohntrakt besucht hatten, beiläufig nach dem Stück durchsucht worden. Vergeblich. Der freche Blick ihres Gatten, vielleicht dreißigjährig, für alle Zeiten jung geblieben in dieser eingerahmten Erinnerung, hatte nichts von seiner Lebendigkeit eingebüßt. Fassungslos starrte Ellen auf das Antlitz des Toten, über dessen Verlust Frau Wismar untröstlich gewesen war.

Maren hatte beteuert, jeden Winkel in der Stiftswohnung abgesucht zu haben und Traute Wismar in ihrem Beisein am Telefon wortreich getröstet, während das Medaillon längst in ihrer Schublade lag.

Ellen legte es zu den anderen Schmuckstücken und schloss die Vitrine.

Sie hatte keine Kraft mehr, die großen Fächer und Schubladen des Sideboards zu inspizieren, keine Kraft mehr für weitere, verstörende Entdeckungen.

Ein letzter Kontrollblick durch den Spion gab den Blick auf ihre eigene Wohnungstür frei. Über dem Milchglaseinsatz hing ein Hufeisen zur Vertreibung des Bösen. Dabei waren in diesem Haus schon zwei Gebote gebrochen werden. Erst ein Mord, jetzt Marens Diebstahl. Vielleicht auch noch eine Falschaussage von Frau Vers oder … sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu denken. Aus dem Treppenhaus ertönte ein dumpfer Schlag. Ellen schlüpfte aus der Wohnung und schloss zweimal ab, bevor sie etwas atemlos die Holzdielen in den ersten Stock hinaufstieg.

Wie erwartet lag die alte Kücherer neben ihrem Rollstuhl. Sie war mutiger als die meisten Alten, die sie aus dem Heim kannte, und wagte ohne fremde Hilfe den Aufstieg in den Treppenlift, der ihr öfter misslang. Kaum saß sie in der Senkrechten, lächelte sie wieder.

»Haben Sie einen Moment Zeit?«

***

Mit der Nacht war Stille ins Viertel eingezogen. Dunkelheit saß hinter dem Fenster, ein frischer Wind streifte durch den Garten und zerrte an den Sträuchern. Bella hatte nicht streunern wollen, sie lag an ihren Oberschenkel geschmiegt auf der Couch. Ellen lagerte ihre Beine hoch. Ihre Knie schmerzten. Aber es hatte gutgetan, die alte Kücherer durchs Viertel zu schieben. Die schnurgerade Straße entlang zum Reformhaus, dem Obstladen und der Stadtteilbücherei; Stationen, die sonst oft der Student für sie abklapperte. Der sei mit Frauen beschäftigt. Abends die Therapeutin, nachts eine junge Frau. Die Jugend. Ach, sie sei auch noch so jung im Herzen. Munter hatte die Rentnerin im Rollstuhl vor sich hingeplappert, während ihr selbst das Atmen schwer geworden war. Aber lange Erwiderungen waren ohnehin sinnlos. Die Alte hörte nicht mehr gut. Seit neuestem zeigte sie auch Ansätze von Demenz. Man wusste nie, was sie mitbekam und ob das, was sie ausplauderte, der Wahrheit entsprach.

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10 temmuz 2025
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9783955424268
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