Kitabı oku: «Dem Paradies so fern. Martha Liebermann»

Yazı tipi:

Sophia Mott

Dem Paradies so fern
Martha Liebermann

Roman

Mit einem Nachwort

von Hans Gerhard Hannesen


Für meine Söhne Moritz und Felix und für Annette

Inhalt

Herbst 1941

18. Oktober 1941

Was vom Leben bleibt, sind Bilder und Geschichten

18. Oktober 1941

Ich bin doch nur ein Maler

20. Oktober 1941

Hundert Siege berichtet, keiner erdichtet

31. Oktober 1941

Das Schifflein fährt auf den Wellen so sacht, still ist die Nacht, die Liebe nur wacht

4. November 1941

Da muss ich eben auch noch lernen, wie man solche Bilder versteht

11. November 1941

Was, heiraten wollen Sie? Das ist nichts als Zeitverschwendung

14. November 1941

Dezember 1941

Wenn man nach Berlin reinkommt gleich links

11. Dezember 1941

Allet mit diesen zehn Fingern in zwee Jahren ermalt

15. Dezember 1941–Januar 1942

4. Januar 1942

März 1942

Jedenfalls sollte jeder seinen Kohl pflanzen

Hoffentlich sehen die Arbeiter bald ein, dat se nich zwanzig Mark am Tag verdienen können, ohne zu arbeiten

Da ham doch vor allem die Weiber nach ihrem Jefühl jewählt

Seien Sie versichert, der Sturm bricht bald los

Gesamtrahmen d. Pol. Unerfüllbar

13. März 1942

2. Mai 1942

Dat ick all det dann nich mehr sehen werde

15. Mai 1942

Jetzt wird allet anders

Mai 1942

Juli 1942

Das wird lange, lange dauern

August 1942

September 1942

Schəma jisroëil adaunoi elauhëinu adaunoi echod

Berliner Luft, Luft, Luft

4. Oktober 1942

Abschied vom Paradies

November 1942

Berlin, November 1942

Kopenhagen, November 1942

Entscheidungen

Stockholm, November 1942

Berlin, November 1942

Stockholm, November 1942

Berlin, Dezember 1942

Februar 1943

5. März 1943

Epilog Vom Füllen der Leerstellen

Nachwort

Literatur

Herbst 1941

Der Schlaf, wenn er kommt, ist voller Träume, die so wirklich erscheinen, als müssten sie das Leben sein. Das aber ist ein Albtraum. Martha lauscht auf das Pochen der Standuhr im Flur, tock-tock, tock-tock, der Schlag hinkt ein bisschen, und dennoch geht die Uhr ganz richtig, viel länger schon als Marthas Herz schlägt, das jetzt auch manchmal zu hinken scheint, wenn sie sich aufrichtet, zur Seite dreht oder aufstehen will. Manchmal schmerzt es, als würde es sich verkrampfen, bis es klein und hart wird. Eine Faust in ihrem Brustkorb. Nie hat sie ihr Herz zuvor so gespürt, es hat vielleicht einmal schneller geschlagen, es hat geklopft, niemals hat es geschmerzt. Es hat seinen Dienst versehen, ohne in Erscheinung zu treten, zuverlässig, still, beinahe heimlich, wie ein kleines Tier in ihrem Inneren verborgen; jetzt lauscht sie manchmal darauf, auf dieses fremde Wesen. Sie hat sich nie Gedanken darum gemacht. Nun muss sie sich über vieles Gedanken machen.

Tock-tock, tock-tock, die Musik all ihrer Nächte, seit sie ihr das Radio weggenommen haben, eintöniger, trockener Rhythmus der Zeit, die zäh dahinfließt in der Nacht und dennoch zu schnell vergeht, weil nichts besser wird mit ihrem Fortschreiten, sondern nur schlimmer, jeden Tag ein bisschen unerträglicher. Und jeden Tag denkt sie, es ginge nun gerade noch, so werde sie es schon aushalten können. Erst jetzt weiß sie, dass sie es schon lange nicht mehr aushalten kann.

Das Licht erlischt. Vollkommene Finsternis. Ihr Zimmer ein Sarg. Wenigstens kein Fliegeralarm heute Nacht. Tock-tock, tock-tock, noch schlägt ihr Herz im hinkenden Zweivierteltakt mit der Uhr. Ihre Hände liegen auf der Decke, fremd wie ihr Herz, fadenscheinige, fleckige Haut, abgetragen.

Das Licht geht an. Es kriecht aus dem Lämpchen auf ihrem Nachttisch gerade bis zum Fußende ihres Bettes. Sie lässt es immer eingeschaltet, meist ist es sowieso ohne Strom. Wenn es aufflackert, suchen ihre Augen das Vertraute, umrunden Konturen, die langsam sichtbarer werden, wie bei dem Kinderspiel, als sie Münzen unter ein Papier legten und mit einem Bleistift darüberfuhren, bis Ziffern, Buchstaben oder die Silhouette des König sich darauf abzeichneten. Vieles wird nur noch im Kopf sichtbar, die Erinnerung ist so gegenwärtig wie die Gegenwart.

Max, da ist Max, blanker Schädel, Raubvogelnase, hochgezogene Augenbraue. Immer zwischen 60 und 70 Jahren, nie als junger Mann, eilt er durchs Zimmer, tritt über Schwellen, immer kommt er gerade herein, nie geht er hinaus. Nur wenn er malt, bleibt er auf der Stelle. Das Unruhige lebt in ihren Träumen fort – und das Banale. Er fragt nach dem Essen und ob sich Besuch angesagt habe, er bemängelt, dass ein Strauß Pfingstrosen zu alt sei, das Wasser faulig rieche, und erregt sich darüber, dass der Strauß fortgenommen wurde, der doch gerade erst seinen eigentlich Reiz entfaltet habe.

Käthe lacht. Sie ist die Einzige, die über so etwas lachen darf. Sie sitzt mit übergeschlagenen Beinen und wippt mit der Fußspitze. »Aber, Papa!« Ihr Kopf schief gelegt. Der Gesichtsausdruck mokant. Bei ihr ist alles ein Vorzug. Die kurze Bubikopffrisur endet knapp über dem Ohrläppchen. Max: »Die schönen, langen Haare!« und dann doch: »Mach nur, Kind, man muss mit der Zeit jehen.«

Automobile holpern, Fuhrwerke quietschen, Hufe rutschen über die Kopfsteine, ein Zeitungsjunge ruft Schlagzeilen aus. Er konkurriert mit dem Leierkastenmann: »Du, du sollst der Kaiser meiner Seele sein.« Die Stadt drängt durch die Fenster.

Martha öffnet die Balkontür und tritt auf die Terrasse hinaus. Im Wind klingeln Ringe und Haken an den Takelagen der Segelboote. Die Leierkastenmelodie verweht über dem Wannsee. Das Wasser liegt schwarz mit weißen Tupfen. Max kommt wieder einmal über die Schwelle, diesmal über die ihres Sommerhauses: »Lass uns een Rundjang durch den Jarten machen.« Einer ihrer Dackel wackelt hinter ihnen her. Es duftet nach Flieder. Parksand knirscht unter ihren Sohlen. Käthe hakt sich ein.

Das ist das Tableau. Max und sie, Käthe in der Mitte, Marie, die Enkelin, und der Dackel. Selten, eigentlich nie, der Schwiegersohn Riezler.

Das Licht geht aus. Die Angst kommt. Was sich in ihrem Gedächtnis die schönsten Plätze gesucht hat, ist ihr jetzt Beschwernis, liegt auf der Seele als Verlust.

Jetzt würde Martha gerne aufstehen und davonlaufen. Wenn es hell wird, mag sie nicht mehr fliehen. Da ist das Bett die Trutzburg gegen das Draußen. Ihr Leben findet fast nur noch in diesem Bett statt und drüben im Turmzimmer im Sessel, ihr Radius ist klein geworden, dreht sich allein ums Überleben, bei jeder Drehung wird er enger, formt eine Spirale, die sie tiefer zieht, am Ende wird sie sich nur noch um sich selber drehen, schneller und schneller, Schwindel ergreift sie, das zerrt an ihrem Dasein, wie ein Abfluss aus dem Leben, blubb und weg.

18. Oktober 1941

Als er vors Haus tritt, steht diese schwarze Limousine auf der gegenüberliegenden Straßenseite wie eine Drohung. Zu Beginn des dritten Kriegsjahres gibt es selbst im Tiergartenviertel kaum noch Privatfahrzeuge, und wem es gelungen ist, seinen Wagen vor der Beschlagnahme zu retten, der hat keinen Treibstoff. Vielleicht will die Gestapo ihn einschüchtern.

Edgar Baron von Uexküll läuft die Admiral-von-Schröder-Straße hinunter. Nur einmal sieht er kurz über die Schulter und stellt fest, dass die dunkle Limousine ihm im Schritttempo folgt, so wie er es erwartet hat. Er bummelt betont langsam am Landwehrkanal entlang. Gegenüber vom Shell-Haus bleibt er stehen und stützt die Ellenbogen auf das Geländer. Im Wasser verzittert die wellenförmige Fassade zum Zerrbild. Der Traum einer anderen Zeit! Heute residiert in dem Gebäude das Oberkommando der Marine. Kriegerische Nutzungen haben sich der Moderne bemächtigt.

Der Motor in seinem Rücken tuckert gleichmäßig. Uexküll biegt in die Matthäi-Straße ein. Auf dem Platz vor der Kirche wartet seine Droschke. Der Fahrer stochert mit dem Schürhaken im Holzvergaser. Er hat gerade ein paar neue Holzwürfel aufgelegt, und aus dem Fülldeckel qualmt es rußig.

»Det is eenfach zu frisch«, flucht er und wirft den Deckel zu. Dann wischt er sich die Ascheflocken von den Schultern und nimmt auf dem Fahrersitz Platz. Uexküll setzt sich in den Fond. »Det Problem mit die Badeöfen is, man kann jut heizen mit die Dinger, aber nich fahrn.«

Begleitet von Gasverpuffungen, setzt sich der Wagen ruckhaft in Bewegung. Als sie den Landwehrkanal überquert haben und in die Potsdamer Straße einbiegen, dreht sich Uexküll noch einmal um und sieht die Limousine, die ihnen in kurzem Abstand folgt. Er bittet den Fahrer, in die Kurfürstenstraße abzubiegen, dann in die Nettelbeckstraße. Sie fahren den Tauentzien hinunter bis zum Auguste-Viktoria-Platz und umrunden die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Die Limousine klebt an ihnen wie Pech.

Der Taxifahrer wirft einen Blick in den Rückspiegel und sagt: »Wenn Se ne Stadtrundfahrt machen wollen, Meester, denn mach ick Sie ‘n Pauschalpreis.«

»Fahren wir zum Potsdamer Platz zurück.«

Es ist ein prachtvoller Tag, morgens hat er kühl und herbstlich feucht begonnen, dann aber hat die Sonne die Luft sommerlich erwärmt. Am Potsdamer Platz herrscht beinahe so viel Betrieb wie zu Friedenszeiten. Die Gehsteige sind gefüllt mit jungen Frauen in hübschen, leichten Kleidern, ihre Beine sind gebräunt vom Sommer am Wannsee. Im Gleichschritt, eingehakt bei der Kollegin oder der Freundin, bummeln sie an den Schaufenstern vorbei, während die wenigen jungen Männer in Uniform und vom Krieg beschwert wie Holz im Gedränge treiben. Aus den Seitenstraßen fließen stetig neue Rinnsale von Menschen zu. An Hindernissen wie Litfaßsäulen und den Masten der Bogenlampen teilt sich die Flut, beschleunigt sich in Strudeln vor den Abgängen zur U-Bahn und spült zugleich neue Pulks von Büromädchen nach oben. Militärisches dominiert auf der Fahrbahn, dazwischen überfüllte Straßenbahnen, wenige Busse. Die meisten Berliner radeln, solange es das Wetter zulässt.

»Halten Sie hier!«

Der Droschkenkutscher sagt: »Lassen Se uns noch hundert Meter weiterfahrn, Meester, inne Leipzijer. Da is die Haltestelle vonne Tram. Wenn wa die überholen, bevor die Türen uffjehn, denn muss die Limousine hinter uns stehn bleiben. Denn können Se sich verkrümeln.«

Die Droschke passiert die Torhäuser am Leipziger Platz und schiebt sich am Wertheim vorbei. An der Haltestelle stoppt die Bahn. Der Taxifahrer gibt Gas. Uexküll hört das mahnende Bimmeln des Straßenbahnfahrers. Als er sich umdreht, sieht er, dass die Tram ihren menschlichen Inhalt ausschüttet, der sich kreuz und quer über die Fahrbahnen ergießt. Die dunkle Limousine ist zurückgeblieben.

Der Droschkenfahrer biegt in die Wilhelmstraße ab, hält. Baron Uexküll schiebt ihm einen größeren Geldschein zu, springt aus dem Wagen und drückt sich in einen Hauseingang. Die Taxe rollt in dem Moment zurück auf die Fahrbahn, als die schwarze Limousine um die Ecke biegt. Sie haben nicht bemerkt, dass er ausgestiegen ist, denkt Uexküll erleichtert, während der Wagen an ihm vorüberzieht.

Er beschließt, mit der U-Bahn zur Friedrichstraße zu fahren und dort in die S-Bahn umzusteigen. Die Droschkenfahrt ist ein Vorkriegsreflex gewesen. Am besten wäre er den Weg durch den Tiergarten zu Fuß gegangen. Zwischen Kaiserhof und der Reichskanzlei viel SS und Leute vom SD. Sie schwirren wie Wespen um ihr Nest. Dahinter reihen sich in schnurgerader Flucht die neuen Zentren der Macht, immer größere und glattere Steinberge, einschüchternd, die Vorbeihuschenden auf das Maß von Mäuschen reduzierend.

Uexküll beschleunigt seine Schritte. Wenige Meter, dann ist die Treppe zur Station Kaiserhof erreicht. Er springt die Stufen hinunter. Auf dem Perron steht eine dunkle Masse von Menschen, die Einfahrt einer Bahn muss kurz bevorstehen. Um Treibstoff für das Militär zu sparen, sind viele Buslinien eingestellt, die Fahrzeuge an die Front geschafft worden. Man hat dafür den Takt der U-Bahnen erhöht und sie sind jetzt voller als jemals zu Friedenszeiten.

Ein warmer Luftzug mit dem typischen Geruch von Gummi und Metall quillt aus dem Tunnelloch. Das Quietschen der Bremsen begleitet die Einfahrt der Bahn, die Menge schiebt in Richtung der Gleise. »Von der Bahnsteigkante zurückbleiben!«, krächzt der Lautsprecher. Die Türen öffnen sich, Aussteigende drängen durch das Spalier derer, die zusteigen wollen. Uexküll schiebt mit, macht ein, zwei Reihen gut, Schulter an Schulter gepresst, fühlt er fremde Wärme, riecht Gerüche fremder Wohnungen. »He, nich drängeln, det jilt ooch für de besseren Herrschaften«, wer will schon des anderen Nächster sein, dann flutet die Menge in den Waggon und nimmt ihn mit.

Edgar Baron von Uexküll ist Spross einer weit verzweigten, in Deutschland, Schweden und Estland angesiedelten Adelsfamilie. Die estländischen Uexkülls gehörten der dortigen deutschen Minderheit an und waren, vor der Revolution und der Unabhängigkeit Estlands, russische Staatsbürger. So trat der in Reval geborene, vielsprachige junge Mann in den russischen diplomatischen Dienst ein. Mit der Revolution verlor er seinen Arbeitgeber und seine Heimat und suchte sich in Berlin eine neue. Uexküll hat erst bei einer Bank und dann bei der Allianz in der Presseabteilung Karriere gemacht. Sehr spät hat er geheiratet und noch später, als er schon glaubte, es werde nichts mehr damit, einen Sohn bekommen. Der ist jetzt drei Jahre alt. Uex, wie seine Freunde den Baron nennen, führt ein großbürgerliches Leben, er bewohnt eine Wohnung im Tiergartenviertel und gehört dem deutschen Herrenclub an. Die Beziehungen aus seiner Zeit als Diplomat pflegt er, soweit sie ihm nicht ins feindliche Lager entglitten sind. Die Zugänge zur eigentlichen Macht, die Verbindungen in die Ämter der Wilhelmstraße sind weitgehend verloren gegangen. Ein nie zuvor erlebter Wechsel der Vorzeichen hat stattgefunden. Statt Sommernachtstraum Götterdämmerung.

Zu End’ ewiges Wissen! Der Welt melden

Weise nichts mehr.

Andere haben sich anpassungsfähiger gezeigt. Uexküll erlebt gerade zum zweiten Mal, dass ihm eine Heimat fremd wird. Er ist entschlossen, diesmal um seinen Platz zu kämpfen.

Am Lehrter Bahnhof steigt er aus der S-Bahn. Von hier sind es nur wenige Schritte über die Spree, dann ist er im Alsenviertel, bis vor Kurzem gediegene Adresse vieler Botschaften in der direkten Nachbarschaft zum Reichstag. Die Planungen des Generalbauinspektors Speer für eine Nord-Süd-Achse quer durch den Tiergarten, an deren einem Ende eine monströse Halle stehen soll, die das ganze Alsenviertel unter sich begraben wird, hat dem Quartier inzwischen die Anmutung einer halb ausgeräumten Wohnung gegeben. Die gepackten Kisten stehen bereits in der Ecke, Vertrautes, lieb Gewordenes betrachtet man mit wachsender Wehmut und dem sicheren Wissen, dass man es bald hinter sich lassen muss. Die Siegessäule ist schon weg, zum großen Stern geschleppt. Zwischen Reichstag und Alsenstraße klafft eine Brache.

In der Alsenstraße wohnt aber noch immer Hanna Solf, Witwe des ehemaligen Botschafters in Samoa und Japan. Eine Frau von natürlicher Autorität. Ihr Mann hat sie gern mit den Worten vorgestellt: »Die schießt Löwen.« Das war auch wörtlich zu verstehen. Aus ihrem schöngeistigen Nachmittagstee hat sich ein Kreis entwickelt, der längst um Handfesteres kämpft. Sie kennt viele, die vom Regime bedroht sind.

Hanna Solf empfängt Uexküll mit Erleichterung. Sie habe sich Sorgen gemacht, sein Ausbleiben befürchtet. Er schildert sein Abenteuer mit der vermeintlichen Gestapo-Limousine und versucht, die Sache herunterzuspielen. »Ich weiß ja nicht einmal, ob das tatsächlich Gestapo war.«

Hanna Solf findet, man erkenne Spitzelfahrzeuge und Spitzel doch auf den ersten Blick, vor ihrer Haustür stünden sie auch immer.

»Man muss leider jedem misstrauen«, meint Gräfin Maltzan, »weil die deutsche Neigung zur Unterordnung alle menschlichen Regungen negiert«. Dann lacht sie bitter. »Ich habe solche Vorsicht aus eigener Erfahrung erlernen müssen.« Mit einem kräftigen Schnauben stößt sie den Rauch ihrer Zigarette aus. »In einer kleinen Runde, der ich glaubte, vollkommen vertrauen zu können, habe ich einmal erzählt, wie ich gleich im ersten Kriegsjahr bei der Brief-Zensurstelle zwangsverpflichtet war.« Sie habe da, zuständig für die Buchstaben K–L, auch die Post des Grafen Keyserling kontrollieren müssen. »Wie wir alle wissen, äußert sich der ja gern ohne Rücksicht auf irgendwelche Gefahren abfällig über das Regime. Um ihn zu schützen, ist mir tatsächlich nichts anderes übriggeblieben, als seine Briefe mit auf die Toilette zu nehmen und sie dort aufzuessen. Sie zu zerreißen und sie hinunterzuspülen, habe ich als zu riskant verworfen. Es hätte ja wieder etwas nach oben kommen können. Man stelle sich vor: Eine beinharte Nazianhängerin nach mir auf der Toilette oder eine von diesen furchtsamen Denunziantinnen, die glauben, die Nazis blickten wie Götter allwissend aus der Toilettenschüssel und nähmen sie hops, wenn sie es nicht anzeigte.« Die Gräfin drückt ihre Zigarette im Ascher aus und dreht sie so lange mit dem Daumen platt, bis der Rest zu einem flachen, bräunlichen Knopf reduziert ist. Erst dann lässt sie seufzend die Pointe folgen: »Schließlich habe ich Keyserling angerufen und ihn gebeten, wenigstens kein Büttenpapier mehr zu verwenden, weil das so schwer zu schlucken sei.« Sie wartet, bis die Lacher verklungen sind. »Bald nachdem ich diese Anekdote erzählt hatte, bin ich verhaftet und stundenlang verhört worden.«

So könne es einem ergehen, wenn man nicht auf eine gute Pointe verzichten wolle, seufzt Graf Bernstorff.

Die Gräfin erwidert, manches sei nur in Form einer guten Pointe noch zu ertragen.

Maria von Maltzan hat so gar nichts Damenhaftes an sich, findet Uexküll. Sie ist dicklich, nicht besonders hübsch, hat den rauen Charme eines Berliner Bierkutschers, ist dabei hochintelligent und ziemlich dominant. Nach einer gescheiterten Ehe studiert sie jetzt Tiermedizin. Die Gräfin kann sehr unterhaltsam von Tierseuchen, Sektionen und den Zuständen in Schlachthäusern erzählen. Gelegentlich versorgt sie die Mitglieder der Teegesellschaft mit Fleisch, das sonst in der ganzen Stadt nicht mehr zu haben ist. Nur wer ihre haarsträubenden Geschichten erträgt, isst es mit Vergnügen.

Ob Uexküll schon gehört habe, dass heute eine erste Umsiedlung von Juden in den Osten stattgefunden habe, fragt Bernstorff.

Natürlich hat Uexküll davon gehört. »Es sind Bekannte von mir unter den Evakuierten gewesen.«

»Von der Levetzowstraße in Moabit, wo sich das Sammellager in der Synagoge befindet, mussten die Menschen laufen bis nach Halensee und dann über die Ringbahnbrücke.« Dort hat Bernstorff den Zug selbst gesehen. »Ein Gewährsmann hat mich verständigt, dass es zum Bahnhof Grunewald geht. Aber schon in Halensee waren viele am Ende ihrer Kräfte. Die Leute hatten ja auch Gepäck dabei. Es ist wie ein Gefangenentransport gewesen. Wenn jemand ausruhen wollte, sich auf seinen Koffer setzte, kam sofort ein Polizist und hat ihn weitergetrieben. Es müssen an die 1000 Leute gewesen sein.«

Graf Bernstorff ist sichtlich mitgenommen. Seine Hand mit der Zigarette zwischen den Fingern zittert stark. Glut fällt auf seine Hose. Er bemerkt es nicht. Uexküll möchte ihn aufmerksam machen, aber er ist zu müde. Er sieht zu, wie der kleine, brennende Fetzen noch einmal kurz aufleuchtet, dann in den Stoff sinkt und plötzlich verschwindet, als würde er immer weiter fallen, sich durch die Haut fressen, den Knochen annagen, einen Schwelbrand entzünden und Bernstorff schließlich von innen zu Asche verwandeln, bis er sich vor seinen Augen mit einem Atemhauch plötzlich in staubige Flocken auflöst. Uex schüttelt sich. Die Glut hat nur einen kleinen dunklen Fleck hinterlassen.

Drei Monate ist Bernstorff im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen. Er spricht weder über die vermutlichen Gründe noch über das, was er dort erlebt hat. Aber er ist deutlich verändert zurückgekehrt, schmaler geworden, das Gesicht ist grau, voller Flecken und Furchen, als hätte man aus einem prallen Ballon die Luft herausgelassen. Man munkelt, dass seine Schwägerin, die mit Karl Wolff, dem Leiter der Adjutantur des Reichsführers der SS, ein Verhältnis unterhält, seine Verhaftung erwirkt habe. Es ging um eine Erbschaftsangelegenheit. Nach Bernstorffs Freilassung wurde sie tatsächlich zugunsten der Schwägerin geregelt.

Aber natürlich hat Bernstorff der Gestapo auch sonst reichlich Material geliefert. Er macht gerne Witze über die NS-Größen und scheut sich nicht, sie überall und ohne Rücksicht darauf, wer ihm zuhört, zu erzählen. Zehn Jahre ist er an der Botschaft in London tätig gewesen, bis die Nazis ihn 33 rausgeschmissen haben. Das Reden ist seine diplomatische Berufskrankheit. Damit gräbt er sich gerade sein eigenes Grab.

»Ich habe Dr. Lilienthal unter den zu Evakuierenden gesehen. Er ging Hand in Hand mit seiner Frau. Als er mich am Straßenrand entdeckte, ließ er ihre Hand los und zog den Hut, als würden wir uns Unter den Linden beim Sonntagsspaziergang begegnen.«

Auch Gräfin Maltzan weiß zu berichten, dass Bekannte sorgfältig die sogenannten Listen ausgefüllt hätten, die man vor der Deportation zugestellt bekomme und in denen das gesamte persönliche Eigentum dokumentiert werden müsse. »Und dann sind sie am nächsten Morgen ganz brav in die Levetzowstraße gegangen. Viele glauben immer noch, dass sie Gehorsam und Gesetzestreue vor Schlimmerem bewahrt.« Eine Vorstellung, die der Gräfin vollkommen fremd ist.

Frau von Thadden sieht das anders. »Es ist das Letzte, was sie haben, sie sind ihrer deutschen Seele treu.«

»Die wird auf diese Weise auch bald perdu sein«, braust die Gräfin auf.

Elisabeth von Thadden stammt aus einem pommerschen Adelsgeschlecht, ist Anfang 50, ein ältliches Fräulein, Lehrerin, Mitglied der bekennenden Kirche und zu jeglichem Opfer bereit, wie Jesus in Gethsemane am Vorabend der Kreuzigung, während Gräfin Maltzan sich im Ernstfall mit einer Browning, die sie in der Tasche trägt, verteidigen würde bis zur letzten Kugel.

»Frau Liebermann«, sagt Hanna Solf, »wir müssen uns um Frau Professor Liebermann kümmern!«

Bis jetzt habe sich die 84-jährige Witwe des Malers Max Liebermann beharrlich geweigert, Deutschland zu verlassen. Nun müsse sie angesichts der neuesten Entwicklung unbedingt noch einmal gedrängt werden, ihre Entscheidung zu revidieren. »Ich glaube, sie ist sich noch immer nicht bewusst, dass es hier nicht nur um Besitz, Geld oder die Bilder ihres Mannes geht, sondern vielleicht um ihr Leben.« Die alte Dame würde keinesfalls so einen Transport in irgendein Lager im Osten, das Leben unter primitiven Umständen, überstehen. Man müsse sie noch einmal mit allen denkbaren Schrecken konfrontieren, auch wenn das hart sei.

Bernstorff berichtet, dass Kurt Riezler, Martha Liebermanns Schwiegersohn, Kontakt zu ihm hielte und ihn immer wieder darum bäte, der Schwiegermutter gut zuzureden. Es sei in New York, wo Riezlers jetzt lebten, doch für alles gesorgt, ein Affidavit für die Einreise zu besorgen jederzeit möglich.

Sie müsse nur erst hier herauskommen, sagt Uexküll. Das sei wohl das größere Problem.

»Dafür ist es zu spät«, konstatiert Gräfin Maltzan gewohnt direkt. Vielleicht sei es besser, Frau Liebermann zu verstecken.

Diese Idee löst bei den anderen Kopfschütteln aus.

Das sei mit solch einer alten Frau nicht mehr zu machen, man könne sie nicht bei Gefahr im Verzug in einen Schrank stecken, vollkommen undenkbar.

Zweifellos, sagt Bernstorff, sei eine Emigration nach Amerika die beste Lösung. Doch zunächst müsse man näher Liegendes ins Auge fassen. Die Schweiz oder Schweden, beide Möglichkeiten müsse man sondieren, von da aus könne man weitersehen.

Frau Solf glaubt zu wissen, dass Bilder aus der Liebermann’schen Privatsammlung in die Schweiz gebracht worden seien. Da müsse man ansetzen. Da könne man auf einen finanziellen Grundstock hoffen, den man ohne Zweifel brauchen werde. »Und Schweden?«

Baron Uexküll ist mit dem an der schwedischen Botschaft als Attaché tätigen Rutger von Essen befreundet, hat Bekannte in Stockholm.

»Zuerst einmal muss Frau Liebermann zustimmen«, fasst Hanna Solf zusammen, »sonst hat ja alles keinen Sinn. Mögen Sie noch einmal mit ihr reden, Uex? Sie wohnen doch beinahe um die Ecke.«

Bernstorff bietet sich an mitzukommen. Als die beiden Herren die Treppe hinuntergehen, sagt er: »Kennen Sie übrigens den? Eine Bombe kracht zwischen Hitler, Mussolini und Stalin. Wer überlebt? – Europa!«

Was vom Leben bleibt, sind Bilder und Geschichten

»Was vom Leben bleibt, sind Bilder und Geschichten«, hatte Kultusminister Becker bei der Eröffnung von Max großer Ausstellung in der Akademie Goethe zitiert und Max hatte es natürlich nicht lassen können, ihn zu korrigieren: »Det kenn ick nich. Det is nich von Joethe.« Über seinen Lieblingsdichter brauchte ihm keiner was zu erzählen. Martha aber fügte für sich hinzu: ›Es bleiben auch die Kinder.‹ Wie leicht vergessen die, die große Worte machen, was eigentlich fortdauert. Aber natürlich verlassen einen die Kinder eines Tages und manchmal auch die Geschichten und vielleicht sogar die Bilder. Mit jedem Verlust verliert man gelebtes Leben. Nur was erinnert werden kann, ist gewesen. Und manches wird erinnert, was niemals gewesen ist.

Da sind die Orte des Spiels und der scheinbar endlosen kindlichen Freiheit gewesen. Sie beschränkten sich in Wahrheit auf eine Wiese, ein bisschen Gebüsch, hinter dem man sich versteckte, und einem Teich mit Enten, der Martha groß wie das Meer oder wenigstens wie der Wannsee vorkam.

Schätze verwahrte sie in der Schürzentasche, ihrem heiligen Gral, der entweiht wurde, jedes Mal, wenn er in die Wäsche kam. Wenigstens legte das Kindermädchen Murmeln, Steinchen, Blättchen, verschrumpelte Kastanien und leere Schneckenhäuschen auf Marthas Nachttisch, bevor sie das Kleidungsstück zur Wäsche gab. Dort lagen die Zeugen eines Lebens, von dem die Erwachsenen nichts verstanden, entblößt, im Licht des Tages oder der Lampe ihrer Magie beraubt, bis sie am nächsten Morgen in eine neue Schürzentasche wanderten und diese zu einem heimeligen, heimlichen Ort belebten. Um den herum rankten sich Abenteuer, so aufregend, dass sie sie noch in den Schlaf verfolgten.

Eine erste Freundin. Nie erfuhr Martha einen Nachnamen, Adresse oder aus welcher Familie das Mädchen stammte. Ihre Verbindung bestand einzig darin, dass auch Bertha regelmäßig mit ihrem Kindermädchen in den Monbijoupark kam und dass Marthas Mädchen die gleiche Vorliebe für eine bestimmte Bank hatte.

Eines Tages hockte sie neben ihr am Boden, schnippte eine fensterglasklare Murmel in Marthas Richtung und sagte: »Willst du meine Freundin sein?!« Es war beinahe keine Frage, die sie stellte, sondern eine Forderung, und Martha antwortete unsicher: »Wenn du meinst.« »Wollen wir Ball spielen?« »Wenn du meinst.« »Lass uns an den Teich gehen.« »Wenn du meinst.« »Gib mir mal den Stock.« »Wenn du meinst.« Bertha platzte der Kragen, sie streckte Martha die Zunge heraus und äffte sie nach: »Wenn du meinst, wenn du meinst, wenn du meinst!«

Das Kindermädchen setzte dem aufkeimenden Streit ein Ende, indem es Martha an der Hand fasste und wegzog. Es wurde Zeit, nach Hause zu gehen. Noch als sie bereits auf dem Monbijouplatz angelangt waren, drehte sich Martha an der Hand des Mädchens um und blickte zurück, dorthin, wo schon lange nichts anderes mehr zu sehen war als die Torhäuser, die Parkmauern und darüber das grüne Gewölk der Gartenanlage.

Am nächsten Tag war Bertha wieder da. Wieder hockte sie am Boden, zog mit einem Stock Linien in den Sand, die die Begrenzungen einer imaginären Wohnung darstellten. »Da ist der Salon. Da das Esszimmer, da ist die Küche. Ich bin die Mutter, du bist das Kind.« Martha wollte nicht das Kind sein. Kind sein bedeutete in diesem Spiel wie im wahren Leben, gehorchen zu müssen, und die strenge Erzieherin Bertha ließ zahllose Anweisungen auf Martha niederprasseln. »Jetzt will ich die Mutter sein!«, sagte sie.

»Nein, ich habe keine Lust mehr.« Bertha wischte mit einem Ast die Linien fort, der Salon verschwand im märkischen Staub. Sie zog ihre durchsichtige Murmel aus der Tasche und schnippte sie weit fort, bis vor die Füße eines Spaziergängers. »Hast du keine Murmeln?« Doch, auch Martha hatte welche. Ihr größter Schatz war eine dunkelblaue, in der hellere Einschlüsse eine Spirale bildeten. Sie zog sie hervor. Berthas Begehren war deutlich in ihren Augen zu lesen. »Gib sie mir.« »Nein.« »Nur für kurz.« »Nein.« »Ich gebe dir dafür die durchsichtige.« Ein zögernder Austausch. Bertha ließ sofort die blaue Murmel in ihrer Schürzentasche verschwinden. »Ich will aber meine Murmel wiederhaben. »Getauscht ist getauscht.« »Nur für kurz hast du gesagt.« Martha zerrte an Berthas Schürze. Bertha kreischte. Die Kindermädchen erhoben sich seufzend. Die Streitenden wurden getrennt. Martha weinte.

Aber auch zu Hause kehrte das Leid wieder, kurz vor dem Schlafengehen. »Warum weint das Kind?« Die Mutter entlockte ihr den Kummer. Das Mädchen wurde angewiesen, die Murmel zurückzufordern. Als ob damit alles erledigt gewesen wäre! Es war ihre eigene Hilflosigkeit, die Martha verstörte, einem fremden Willen ausgeliefert zu sein, und natürlich die Murmel, die war es auch. Die durchsichtige lag auf ihrem Nachtschränkchen. Ein Pfand.

Am nächsten Tag gab es eine frische Schürze und Martha packte die Murmel hinein. An der Hand des Mädchens hüpfte sie zum Monbijoupark. Bertha kam lange nicht. Martha langweilte sich. Und dann stand Bertha plötzlich doch hinter ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Hast du meine durchsichtige Murmel noch?« Martha wischte das Feuchte auf ihrer Backe weg und zog die Murmel heraus. Sie hatte gut auf sie achtgegeben. Bertha hielt die blaue hoch. Sie hatten beide achtgegeben. Sie konnten einander vertrauen.

Das Kindermädchen forderte den Austausch der Murmeln. Jede solle ihre eigene wieder nehmen. Das war gar nicht mehr wichtig. Aber der Anweisung musste Folge geleistet werden. Es war klar, dass die Welt der Erwachsenen sich jetzt in ihre Freundschaft mischte, das Gleichgewicht zerstörte. Martha hatte gepetzt.

Später saßen sie am Rand des Ententeiches. Bertha hob plötzlich den Arm und schleuderte ihre Murmel so weit sie konnte in den kleinen See. Martha zögerte. Dann holte auch sie aus. Ihre blaue Murmel versank mit einem weichen, schmatzenden Laut.

Die Freundschaft mit Bertha endete so beiläufig wie sie begonnen hatte. Martha erinnerte sich später nicht daran, irgendein Leid empfunden zu haben. Ihre Familie zog in die Französische Straße, wer auf sich hielt, rückte in Richtung Tiergarten vor, der Zug nach dem Westen hatte sie erfasst, immer weiter weg von den Wurzeln, die nicht allein im Osten Berlins, sondern noch weiter in Hinterpommern in einem kleinen Kaff namens Märkisch Friedland lagen.

Das Mädchen ging jetzt mit ihr und den Geschwistern sehr viel lieber zum Tiergarten. Über die Hauptwege rollten Equipagen, es konnte sein, man sah den Regentenkönig mit seinem Gefolge bei einer Ausfahrt, Reiter trabten auf ihren Pferden vorbei, führten die schönen Gäule vor, warfen sich in die Brust und blickten von oben herab auf das Volk. Es war viel Militär unterwegs, auch in kleinen Gruppen zu Fuß, mit umgeschnallten Säbeln, die an die glänzenden Stiefel schlugen, und alle blickten sich um, ob sie gesehen wurden oder ob sie jemanden sahen, die jungen Offiziere ein hübsches Mädchen, ein Kindermädchen wie Marthas, dem man heute ein paar Blicke und morgen ein paar Worte zuwarf, übermorgen ging man zum Tanz ins »Alte Türmchen« am Kreuzberg und am folgenden Wochenende fuhr man mit ihr vielleicht irgendwo ins Umland in eine Pension.

Martha und ihre Geschwister wurden sich selbst überlassen. Die Kinder spielten auf den Nebenwegen, die schnurgerade und unheimlich verschattet durch den lichten Wald führten. Dass man so weit blicken konnte und doch nicht sah, was dort am Ende, wo ein wenig Licht einen winzigen Punkt setzte, war, machte das Geheimnis. Es war eine Mutprobe, hineinzulaufen, so weit, wie man sich traute, dorthin, wo es angeblich wilde Tiere gab, die unversehens aus dem Gebüsch hervorspringen konnten, Wildschweine, Hirsche, Füchse.

»Da dieser Schatten, ist da nicht was? Wer traut sich mit mir zu kommen? Es bewegt sich. Ich habe ein tiefes Brummen gehört.« – Jetzt raschelte es im Gebüsch und alle liefen sie schreiend zurück zur Promenade, nur um bald wieder aufzubrechen zu einer nächsten Expedition.

An den Wegen entlang verliefen schmale, verschlammte Rinnsale. Ihr Gefälle war gering, nie wurden sie ausgegraben und gereinigt, Abwässer vom Schifffahrtskanal wurden hineingedrückt, so fing die Brühe an zu stinken. Im Dämmerlicht der Baumschatten sah man aus den Gräben Faulgase in bunten Blasen aufsteigen, die zerplatzten wie ein kleines Feuerwerk.

»Das sind Elfenrülpser«, sagte Marthas Bruder Benno und schickte gleich selbst einen hinterher. Die Kinder sprangen über die übel riechenden Rinnen, Benno sprang zu kurz, rutschte auf der anderen Seite des Grabens ab und fiel in den Dreck. Er stank so fürchterlich, dass er auf dem hastig angetretenen Heimweg ein paar Schritte hinter ihnen laufen musste. Als sie in die Französische Straße einbogen, hefteten sich ein paar Nachbarskinder an ihre Fersen und schrien: »Kieckt ma da, der dreckije Judenbengel!«

Das Kindermädchen wurde vom »Fräulein« abgelöst. Ihm wurde nicht mehr die ganz unkritische und heiße Liebe zuteil, die noch dem Mädchen gegolten hatte. Fräuleins waren Lehrerinnen, Respektspersonen, man sollte ihnen gehorchen, aber sie waren in der Erwachsenenwelt selbst wenig geachtet. Das Empfinden, das man solch einer Existenz entgegenbrachte, hatte einen Beigeschmack von Herablassung, auch wenn das Fräulein an allen familiären Ereignissen teilnahm, als gehörte es tatsächlich dazu. Erinnerungen an diese Frauen waren ins Anekdotenhafte verzerrt, wie jene an das Fräulein Brasig, ein große, grobknochige Person mit tiefer Stimme und einem dunklen Flaum auf der Oberlippe. Marthas Mutter nannte sie heimlich »Herr Brasig«, und der Vater sagte manchmal scherzhaft, wenn sie vom Essen aufstanden: »Brasig, kommen Sie, lassen Sie uns im Herrenzimmer eine gute Zigarre rauchen.« Die Brasig ließ sich alles mit einem sauren Lächeln gefallen. Einmal sprang sie in die Bresche, als Marthas Schwester Else nicht imstande gewesen war, den Belsazar am Mittagstisch lückenlos und fließend aufzusagen, wie es der Vater gewünscht hatte. Beim Vortrag der Ballade fand die Brasig zu plötzlicher Größe und offenbarte schauspielerisches Talent, welches man ihr nie und nimmer zugetraut hätte, indem sie mit unvergesslicher Geste, einem entschlossenen Schnitt der Handkante unter ihrer blassen, bereits leicht faltigen Kehle, das letzte Verspaar vortrug: »Belsazar ward aber in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht.« Noch Jahre später zitierten die Familienmitglieder unter großem Gelächter jene Worte, begleitet von wildem Augenrollen und der Bewegung der flachen Hand an der Kehle.

Vollkommen überrascht war Martha, dass gerade dieses Fräulein sie eines Tages verließ, um zu heiraten. Sie bekam zum Abschied von Marthas Vater eine Art Aussteuer und eine kleine Mitgift. Dass einer die Brasig liebte, unbegreiflich.

18. Oktober 1941

Uexküll und Bernstorff treten hinaus auf die Alsenstraße. In einem Hauseingang gegenüber weicht eine schemenhafte Gestalt zurück. Bernstorff packt Uexküll am Arm. »Uexküll, ich muss mit Ihnen reden. Ich liebe Ihre Frau!«, sagt er sehr laut.

Uexküll weiß nicht recht, was er antworten soll. »Was denken Sie denn, was ich jetzt tun werde«, fragt er schließlich. »Soll ich Sie zum Duell fordern?«

»Wir müssen reden. Gehen wir ein paar Schritte.«

Bernstorff schiebt Uex in Richtung Tiergarten. An der Straßenecke sieht er sich noch einmal um und kichert.

»Sehen Sie, es hat funktioniert. Unser Aufpasser fand den Streit zweier Herren um eine Dame nicht wert, die Verfolgung aufzunehmen.«

Es ist schon beinahe dunkel, als Uexküll und Bernstorff durch die Siegesallee gehen. Am Tag gleißend in weißem Marmor, stehen die Hohenzollern und ihre Vorfahren jetzt finster in ihren Heckennischen. Der Erste in der Reihe preußischer Herrscher, die die Prachtstraße säumen, ist Albrecht der Bär, er streckt ihnen das Kreuz entgegen, seine linke Hand am Schwert, die Augen zusammengekniffen.

Bernstorff hält inne und sagt: »Was meinen Sie, Uex, ist das Kreuz Schuld an der menschlichen Katastrophe? Kriecht aus der alten Feindschaft zwischen denen, die den Messias gemordet haben, und denen, die die Nachfahren seiner Anhänger sind, tatsächlich die neue Schuld?«

Es sei Albrecht dem Bären in diesem besonderen Falle kein Vorwurf zu machen, antwortet Uex trocken. Im Übrigen seien die Kriege Albrechts in erster Linie expansionistisch gewesen und weniger idealistisch. Was die aktuelle Lage betreffe, sehe er wieder einmal nicht den Gegensatz zwischen Christen und Juden, sondern den zwischen den Zeitgenossen mit einem Glauben und denen, die einem Kult anhängen, der kein Gewissen kenne.

Sie nehmen ihren Weg schweigend wieder auf. In den Gebüschen hinter den Denkmälern raschelt es, vielleicht Vögel, die sie aufgeschreckt haben, oder Ratten.

»In der Nacht«, sagt Uexküll, »ist hinter den Altvorderen das ideale Versteck für Strauchdiebe.«

Bernstorff lacht und klopft mit seinem Stock in einem raschen Staccato vor sich auf den Kies.

»Bis jetzt ist Frau Liebermann in ihrer Wohnung wohl ziemlich unbehelligt geblieben?«, fragt er.

»Beinahe ein Wunder«, bestätigt Uexküll. Natürlich habe sie, wie alle wohlhabenden Juden, unglaubliche Sühneleistungen zahlen müssen, Konten seien gesperrt, das Haus in Wannsee schon lange zwangsverkauft worden, aber von tätlichen Angriffen, Anpöbeleien, ebenso wie einem Umzug in eine Judenwohnung sei sie bisher verschont geblieben. Zwei Haushälterinnen kümmerten sich nach wie vor rührend um sie. Sie leide keine Not.

Bernstorff sagt, man müsse Frau Liebermann klarmachen, dass sie, auch wenn sie sich ganz in ihrer Wohnung vergrabe, nicht sicher sei vor den Nachstellungen der Nazis. Schonung sei jetzt nicht mehr opportun. »Sie muss wissen, was ihr droht. Dabei sollten wir nicht übertreiben, aber auch nichts auslassen.«

Er glaube nicht, sagt Uex, dass Frau Liebermann so unwissend sei. »Sie ist eine intelligente Frau, geistig noch vollkommen auf der Höhe, unsentimental und stark.« Wenn sie sich bisher geweigert habe, zu emigrieren, hänge das eher mit ihrem Verständnis von Pflichtgefühl und einer Form von Bescheidenheit zusammen. Um sich selbst habe sie nie große Geschichten gemacht. »Alles drehte sich immer nur um ihren Mann.«

Bestimmt aber, meint Bernstorff, überschätze sie ihre Stärke. Alle überschätzten ihre Stärke. Angesichts der nackten Gewalt werde man klein und jämmerlich. Er drückt die Faust, die er um den Knauf des Spazierstocks geschlossen hat, an die Brust, zieht tief Luft ein und fügt nach ein paar Schritten hinzu: »Jeder wird klein und jämmerlich.«

Sie überqueren die Charlottenburger Chaussee. Die grünen Tarnnetze, die über die Chaussee ebenso wie über die Linden gespannt sind, um den feindlichen Bombern die Orientierung zu erschweren, knattern leise im Abendwind. Durch die Löcher des Netzes blitzt ein letztes magentafarbenes Abendrot.

»Tochter und Enkelin sind der Schlüssel. Wir müssen Frau Liebermann klarmachen, wie sehr beide die Sorge um ihre Mutter und Großmutter belastet, und dass ein Wiedersehen nur durch die Ausreise möglich ist. Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende könnten sie in Versuchung führen, abzuwarten. Doch danach sieht es im Moment nicht aus. Wenn Hitler den Russlandfeldzug gewinnt, ist das Regime auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte stabilisiert.«

»Die Siegesmeldungen sind meiner Meinung nach alle nur Propaganda«, sagt Uexküll. »Die Schlacht ums russische Reich ist noch lange nicht gewonnen.« Er kenne das Land zu gut. Sein Reservoir an Menschen sei unerschöpflich, an Leidensfähigkeit auch. »Wenn der Winter kommt, wird sich das Blatt wenden, glauben Sie mir«.

»Wir sind nicht mehr in Napoleons Zeiten.«

»Nein, aber Russland ist nicht kleiner geworden, die Winter nicht weniger streng, die Straßen nicht viel besser. Der Nachschub wird das Problem werden.«

Er wolle auf eine Wende hoffen, auch wenn natürlich niemand Lust auf den russischen Bolschewismus habe, meint Bernstorff. Vielleicht sei die Angst davor noch der einzige Antrieb für den Rest an Kriegslust im Volk.

»Die einen hoffen auf Sieg und Schluss, die anderen auf Niederlage und Schluss«, seufzt Uexküll. »Kriegsbegeisterung hat nicht die gleiche Konjunktur wie 14–18. So weit reicht das Erinnerungsvermögen der Deutschen noch.« Gerüchte hätten sich dagegen zur geltenden Währung entwickelt. Jeder kenne ein neues: Separatfrieden mit England, Militärputsch von rechts. Überhaupt das Militär! Die Unzufriedenen hofften, die Offiziere würden es schon machen. Hitler sei überhaupt ahnungslos. Alle Schuld seinen Schergen. Wenn der Führer nur wüsste, was los sei! Der gute Mensch vom Obersalzberg.

Das Abendrot, plötzlich ausgeknipst, lässt ein fahles Rauchgrau zurück und ein wenig Helligkeit hinter dem Horizont. Gleich wird es stockfinster sein. Wegen der Verdunkelungsvorschrift ist die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet. Bernstorff klemmt sich den Stock unter die Achsel und zieht eine Taschenlampe hervor.

»Geben Sie acht, nicht dass einer denkt, sie seien bewaffnet«, warnt Uexküll.

»Die Pistole habe ich in der anderen Tasche. Ich möchte mir in diesem Staat nicht noch ein Bein brechen, wenn schon der Hals in ständiger Gefahr ist.«

Der Taschenlampenstrahl zittert ihren Füßen voraus.

»Jedenfalls werden Devisen für Martha Liebermanns Flucht unerlässlich sein«, nimmt Uexküll den Faden wieder auf. »Alles, was sich in ihrer Wohnung befindet, ist längst registriert und kann nicht zu Geld gemacht werden.«

»Wir müssen jede Verbindung nutzen, vor allem Bürgen in der Schweiz oder Schweden finden. Und wie ist das nun mit der Kunstsammlung in der Schweiz?« fragt Bernstorff.

So viel er wisse, meint Uexküll, habe das Dr. Walter Feilchenfeldt organisiert. Er sei einer der Geschäftsführer der Galerie Cassirer gewesen, über die in erster Linie die Bilder Liebermanns verkauft worden seien. Seine Geschäftspartnerin Grethe Ring sei eine Nichte Martha Liebermanns. »Formidable Frau! Sie erinnern sich an den Fall Wacker, die Van-Gogh-Ausstellung 1928?! Angeblich alles Bilder aus russischem Privatbesitz und alle falsch. Es gab Expertisen von de la Faille und Meier-Graefe.« Aber Feilchenfeldt und Ring hätten sich nicht täuschen lassen. Vor allem Rings Auftreten vor Gericht sei ganz große Bühne gewesen. »33 mussten Ring und Feilchenfeldt liquidieren, jedenfalls sahen sie keine andere Möglichkeit, um einer Arisierung zuvorzukommen.«

»Und Ihre Verbindungen nach Schweden, Uex?«

»Max Liebermann war mit Anders Zorn, dem schwedischen Maler, befreundet. Seine Witwe lebt in Mittelschweden in Mora und kümmert sich um den Nachlass. Der müsste man schreiben und sie auf Martha Liebermanns Schicksal aufmerksam machen.«

Bernstorff hebt die Taschenlampe und strahlt das Standbild Otto des Faulen an. Der letzte Wittelsbacher auf preußischem Thron steht mit schlaff eingeknickter Hüfte, seine Mundwinkel hängen missmutig herab. »Otto der Faule ist mir immer der Liebste gewesen«, sagt Bernstorff, »weil Mensch. Die anderen sind doch alle nur Stein gewordene Ansprüche an ein Preußentum, das mir angesichts der heutigen Lage allerdings als kultiviert erscheint. Der Nationalsozialismus ist dagegen der Triumph des mittelmäßigen Mannes. Die Gefahr ist, dass er jede Form von Qualität hasst und alles auf sein hoffnungsloses Maß reduzieren möchte. – Und übrigens«, fährt er nach einer kurzen Pause fort, »ich liebe ihre Frau wirklich.«

Uex lächelt: »Ich weiß. Alle lieben meine Frau.«

Martha hat ihren Daumen als Lesezeichen zwischen die Seiten ihres Buches geklemmt und mit einem Seufzer innegehalten. Es ist ein Wunder, dass sie mit dieser Brille, die ein Optiker lange vor dem Krieg angefertigt hat, überhaupt noch etwas erkennen kann. Sie blinzelt in die Sonne, die tief stehend über den First des Nachbarhauses scheint. Heute ist es schwer, eine neue Brille zu bekommen. Alles ist heute schwer zu bekommen, nicht nur für Juden, aber für die besonders.

Das Reichswirtschaftsministerium bestimmt, dass Juden keine Kleiderkarten und keine Bezugsscheine für Textilien, Schuhe und Sohlenmaterial erhalten. Ihre Versorgung soll ausschließlich durch die Reichsvereinigung garantiert werden.

An manchen Tagen und wenn das Licht nicht gut ist, bemerkt sie nach einer Weile, dass sie nur noch aufs Papier starrt und aus den schwarzen Strichen, Bögen, Häkchen und Kreisen Sätze entziffert, die sie mehr träumt, als sie wirklich zu lesen. Es ist, als sei sie in ihre Kindheit zurückgekehrt, als sie voller Stolz aus den wenigen ihr bekannten Buchstaben Worte und Sätze erfand, die zu den Bildern auf den gegenüberliegenden Seiten passten. Ihr Vergnügen ist unverändert geblieben, die Seiten umzuwenden, das Papier zwischen den Fingerspitzen auf und ab gleiten zu lassen, Dünndruckpapier etwa, das beim Wenden flattert und ein wisperndes Geräusch erzeugt, während das dickere Bütten pelzig und steif sich sträubt und nur zu einem stumpfen Fauchen fähig ist.

Die Nachwelt werde sie dereinst für eine reizlose und hinfällige Person halten, hat Martha manchmal scherzhaft geklagt, weil Max sie auf seinen Bildern meist ruhend und lesen darstellte. Lesend hat sie versucht, das Leben zu begreifen, ohne die Abenteuer der Realität zu vermissen, bequem im Sessel, auf der Chaiselongue, im Liegestuhl oder auf einer Gartenbank sitzend, den Gedanken anderer folgend, wie durch ein Labyrinth mit exotischen und unbekannten Pflanzen, wilden Tieren und Abenteuern, die zu bestehen in ihrem Anspruch nicht geringer gewesen sind als das wahre Leben. Auch in der Graf-Spee-Straße haben sich ihre Gewohnheiten nicht verändert. Ihr Lesesessel hat hier seinen Platz im Türmchen gefunden, das, aus der Front des Hauses leicht vorspringend, die nördliche Ecke des Bauwerks markiert.

Im Herbst nach Max Tod ist sie in die Graf-Spee-Straße 23, Hochparterre, gezogen, eine großbürgerliche Flucht von vielen Zimmern mit allem Komfort. Es gab eine zentrale Gasheizung, einen Gaskühlschrank und einen Gasherd, natürlich Telefonanschluss. Heute wärmt die Gasheizung kaum noch. Der Hauswart hat Öfen aufgestellt. Und der Kühlschrank hat nichts mehr zu kühlen, auf dem Herd kochen Kartoffeln und Rüben. Von den Hausangestellten sind nur noch Marie Hagen und Alwine Walter übrig geblieben. Die anderen haben sich weniger aus Überzeugung, denn aus Furcht verabschiedet.

Aber am Anfang unterschied sich ihr Leben in der Graf-Spee-Straße noch wenig vom bisher gelebten. Besucher kamen, eine Ausstellung im Jüdischen Museum wurde anlässlich des ersten Todestags von Max zusammengestellt. Sie war ein großer Erfolg. 6.000 Liebermann-Freunde fanden sich ein, unter ihnen auch die treue Käthe Kollwitz. So hatte Martha sich das Witwendasein vorgestellt. Ausstellungen eröffnen, das eine oder andere verkaufen, das eine oder andere verleihen, Ruhm erhalten, mehren, es hätte ihre große Zeit werden sollen, Witwenherrschaft.

Martha setzt die Lesebrille ab. Draußen knattert ein dreirädriger Tempowagen vorbei, beladen mit Baumaterial für die japanische Botschaft am oberen Ende der Straße, die noch immer nicht ganz fertiggestellt ist. Schippen und Spitzhacken klappern auf der Pritsche.

Tempo, Tempo, sagt die Welt, Tempo, Tempo, Zeit ist Geld. Hast du keinen Tempowagen, wird die Konkurrenz dich schlagen.

Hinter dem lärmenden Gefährt fallen Blätter vom Baum und schweben beiläufig zu Boden, machen noch ein paar Zuckungen im aufgewirbelten Staub. Das Rumpeln und Knattern entfernt sich, wird leiser, bricht ab. Martha sieht auf die leere Straße hinaus. Die Sonne ist hinter dem gegenüberliegenden Haus verschwunden. Wie lange wird es dauern, bis draußen die nächste Bewegung stattfindet, bis ein Auto kommt, ein Mensch vorübergeht, das nächste Blatt fällt? Ihre Wahrnehmung der Außenwelt beschränkt sich seit Wochen auf diesen Ausschnitt, das Stück Straße, das Nachbarhaus, den Baum vor dem Fenster, das Pflaster und ein kleines Stück Himmel, wenn sie nahe an die Scheibe heranrückt und den Kopf nach oben dreht.

Die Verordnung über den Stern, den sie am Mantel tragen soll, ist vor etwa vier Wochen herausgekommen. »›Für L–Z‹«, las Marie Hagen aus dem Jüdischen Nachrichtenblatt vor, »›erfolgt die Ausjabe am Donnerstag, dem 18. September durchjehend von 8 bis 20 Uhr in den nachstehend anjejebenen Verteilungsstellen: für die Bewohner der Verwaltungsbezirke Charlottenburg und Tierjarten in der Synajoge Levetzowstraße oder in der Schule Joachimstaler Straße. Die Ausjabe erfolgt nur jejen Vorlegung des lila Bezugsausweises der Reichshauptstadt Berlin. Wer für andere mitbesorgt, muss deren lila Ausweis mitbringen und ihre jenaue Kennkartennummer mit Kennort. Die Ausjabe des Kennzeichens erfolgt jejen Zahlung von 0,10 RM. Jeder kann zunächst nur einen Stern erhalten.‹«

»Levetzowstraße, det ist zu weit, ick jeh inne Joachimstaler«, hat Marie gesagt.

»Ich brauche den Stern nicht.«

»Ick hol den. Wenn Se mal zum Arzt müssen.«

»Dr. Wolff kommt doch hierher.«

»Oder wenn Se mal een Besuch machen wollen.«

Aber seitdem ist Martha tatsächlich nicht mehr ausgegangen.

»Frau Professor, det is doch viel zu finster zum Lesen!« Marie hat die Tür aufgerissen, wie immer ohne zu klopfen. Sie schaltet das Licht an. »Na, und denn machen wir ooch gleich de Verdunkelung runter! Sonst jibt et Ärjer mit dem Blockwart.«

Die Person nimmt sich in letzter Zeit doch sehr viel heraus. Martha beschließt, strenger zu werden. Es klingelt. Marie geht öffnen. Sie meldet die Herren Uexküll und Bernstorff.

Noch am gleichen Abend schreibt Martha an Emma Zorn:

Hoffentlich haben Sie mich nicht ganz vergessen.

Aber das hat sie bestimmt nicht. Die Jahre, die man sich nicht gesehen hat, zählen kaum im Gedächtnis zweier alter Frauen, die seit dem Tod ihrer berühmten Männer nur noch nachleben.

Meine Bitte an Sie geht nun dahin, bei den schwedischen Behörden für mich gut zu sagen.

Von Emma Zorns Gesundheitszustand weiß Martha nichts. Emma ist doch sogar ein paar Jahre jünger als sie gewesen. Alter bekommt im Alter wieder eine größere Bedeutung. Man nennt seine Jahre mit Stolz, wie ein Kind. Immerhin weiß Martha, dass Emma Zorn lebt.

Ich denke noch gern an die guten Stunden, die wir in Paris und Berlin und zuletzt noch am Wannsee gemeinsam verlebten.

Anders Zorn hat es aus einfachsten Verhältnissen zu Wohlstand, Ansehen und Ruhm gebracht. Er hat amerikanische Präsidenten und russische Prinzessinnen porträtiert. Fleiß, Strebsamkeit, merkantiler Erfolg durch ehrliche Arbeit, Werte, die auch für Max galten, Kunst als hohes Handwerk, da war er mit Zorn auf einer Linie, auch wenn Max sich den Reichtum nicht hat erarbeiten müssen, dafür aber umso mehr den Erfolg. Emma stammte wie Martha aus wohlhabender jüdischer Familie.

Ich bin 84 Jahre alt und habe bis vor einigen Monaten niemals an eine Auswanderung gedacht.

Anders nannte sich einen schwedischen Bauer. Er war auf dem Hof seiner Großeltern aufgewachsen, das uneheliche Kind einer Saisonarbeiterin und eines deutschen Bierbrauers. Erfolg bestand für ihn aus Wohlleben und Wut auf seinen Vater, den er nie kennengelernt hatte. Seine Durchsetzungsfähigkeit war beinahe furchterregend, er zweifelte nie an sich.

In den 1890er-Jahren suchten Zorns so wie Max und Martha das Glück an einem Ort einzufangen. Das Haus nannten sie Zorngarden, der See hieß Siljan. Max und Martha waren mehrmals eingeladen. Sie dachten sich das Haus wie Anders, urwüchsig und gastlich, knisterndes Feuer, Trinkgelage an riesigen Holztischen aus einem Stamm gehauen. Sie reisten nie dorthin.

Aber mir ist jetzt die Situation unerträglich geworden, und ebenso wie die heutigen Verhältnisse unvorstellbar waren, ebenso ist es nicht möglich zu ahnen, was noch passieren kann.

Ob Emma überhaupt weiß, was in Deutschland passiert? Wenn sie noch klar im Kopf ist, dann weiß sie es, sie ist immer gut informiert gewesen, eine kritische, rational denkende Person, Gegenpol zu Anders instinktgesteuertem Wesen. Auf den ersten Blick passte sie gar nicht zu Anders, war viel zu fein, zu intellektuell und nicht besonders hübsch. Ein kleines jüdisches Mädchen mit Schlafzimmerblick und krausem Haar. Er lebte ungeniert seine Vorliebe für Modelle mit riesigen Busen und dicken Hintern aus. Aber beide wussten zu gut, was sie aneinander hatten. Emma lehrte Anders, sich in der bürgerlichen Welt zu bewegen, sie war seine Eintrittskarte in eine Gesellschaftsschicht, in der er seine Bilder verkaufen musste. Und er lehrte sie, ihren Mangel an Schönheit durch besonders extravagante Kleidung und Selbstbewusstsein auszugleichen. Bloß nicht wegducken, war seine Devise. Gemeinsam waren sie um die ganze Welt gereist. Einmal wäre Anders beinahe an Darmtyphus gestorben. Aber im nächsten Jahr fuhren sie schon wieder nach Algier. Emmas Wagemut entfachte noch jetzt in Martha so etwas wie Neid, ihr selbst war es nie gelungen, Grenzen zu überschreiten, sie brauchte es nie, jetzt fehlte ihr die Übung.

Ich danke jeden Morgen dem Schicksal, dass mein Mann diese Zeit nicht erlebt und dass meine Tochter mit Mann und Kind dies Land verlassen konnten, weil mein Schwiegersohn einen Ruf an die Universität in New York bekam.

Max bat Anders, ein Porträt Marthas zu malen. Der arbeitete stumm, ächzend wegen seiner Körperfülle, unter seinen Augen straffte sich Martha, saß sehr gerade. Max hielt sich fern, drückte sich im Arbeitszimmer herum, erst am Ende der Sitzungen kam er und begutachtete das Werk. Er hätte es bestimmt ganz anders gemacht.

Das Porträt zeigt eine nach außen gewandte Martha, schön stark und stolz. Er malte die Menschen von ihrer besten Seite. Das bescherte ihm seinen Erfolg.

Meine Bitte an Sie geht nun dahin, für mich bei den schwedischen Behörden gut zu sagen. Pekuniär liegt keine Schwierigkeit vor, denn meine Kinder werden natürlich für die Kosten meines Aufenthaltes dort aufkommen.

Für Max saß sie selten so lange Modell. Sie hintertrieb es im Grunde, sprang plötzlich auf, musste noch dies und das erledigen. Es war deshalb kein Wunder, dass ihr Mann lieber die Gelegenheiten nutzte, wo sie schlafend oder in ein Buch vertieft das Gemalt-werden nicht einmal bemerkte. Es konnte aber nicht wirklich an der fehlenden Zeit liegen. Es lag vielmehr an ihrer Unlust, sich in den Mittelpunkt zu stellen, den forschenden Blick auf sich zu ertragen, der den Schatten und dem Licht auf ihrem Körper folgte, und es dauerte einfach immer so entsetzlich lange.

Das Porträt, das Zorn von Max malte, erschreckte Martha. So war er doch nicht, so melancholisch, traurig, von der Welt enttäuscht? Aber später kam es so, da sollte er so werden. Auch Anders konnte in die Tiefe blicken.

Sobald ich näher weiß, um was ich sie eigentlich bitten soll, schreibe ich wieder, inzwischen wäre es mir eine große Freude, wenn Sie mir ein Wort der Einwilligung schickten. In aller Freundschaft und Verehrung.

Ihre Martha Liebermann.

Ich bin doch nur ein Maler

Manchmal sucht sie in ihrer Erinnerung nach einer ersten Begegnung. Vergeblich. Max ist schon immer da gewesen. Schnipsel im Kopf. Hier die Liebermann-Jungs vor der Synagoge, dort Max bei einer Bar Mizwa, die widerspenstigen Locken in der Mitte gescheitelt, mit Pomade gebändigt, die hochgezogenen Augenbrauen, plötzlich ein Schnäuzer, frühe Männlichkeit, er war ja so viel älter als Martha. Ihre Familien waren eng befreundet, es gab entfernte verwandtschaftliche Beziehungen über eine Großtante Marthas, »allet een Stamm«, sagte Max, und es war ihm gerade recht so. Gleiche Herkunft, gleiche Werte, Garanten für ein zufriedenes Leben. Das Extravagante hob sich Max für seine Kunst auf.

»Der Max Liebermann will Maler werden.« Maler! In einer Dynastie erfolgreicher Kaufleute! Der Skandal wurde hinter vorgehaltener Hand weitergegeben, am Mittagstisch auch bei den Marckwalds diskutiert. »C’est incroyable!« Durch die Betonung zum Tadel geformt, klebte dieser kurze Satz an ihm, beinahe ein Leben lang: »Max will Maler werden!« Der Erfolg sollte den Makel tilgen und tat es auch, aber sein Vater erlebte das nicht mehr, nicht die höchste Anerkennung, das Einzige, was wirklich zählte in so einer Familie, also nicht mehr die Große Goldene Medaille in Berlin, den Professorentitel, die finanzielle Unabhängigkeit.

Als sie noch Schüler waren, hatte der Vater seine Söhne durch ein Fensterchen in der Tür ihres Jungenzimmers beobachtet, ob sie auch fleißig lernten. Das Fensterchen blieb in Max Kopf. Deshalb wollte er immer alles noch besser machen, musste alles besser machen, und obwohl es längst keiner mehr verlangte, machte er alles immer besser. »Ich bin ja nur ein Maler.« Das »nur« nie vergessen zu betonen. Er meinte es wirklich so.

Marthas Vater starb, als sie 13 war. Sein Todeskampf verschluckte alles Leben. Man ging auf Zehenspitzen. Der Arzt kam, leise Gespräche, Krankenbericht der Mutter, dann entfernten sich die Schritte, die leichten der Mutter kehrten zurück, Anweisungen, Klappern von Waschgeschirr, plötzliches Hasten des Hausmädchens, eine Tür fiel zu. Innehalten. Verwandte kamen. Niemand kümmerte sich um die Kinder. Benno nahm fünf Kekse auf einmal aus der Schale. Marthas Hündchen fiel im Schlaf vom Sessel, drehte sich im Flug und landete auf den Beinen. Sie lachte und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund.

Max Vater wurde ihr Vormund. Wenn sie damals schon gewusst hätte, dass sie mit diesem strengen Mann einmal unter einem Dach leben würde, bis er, krank und hinfällig, gepflegt werden musste und schließlich dahinstarb wie ein welkes, bitteres Kraut!

»Achtung, Onkel Louis kommt!« Benno hatte ihn vom Fenster aus gesehen. Da war er schon auf der Treppe. Sie hörten seinen gemessenen, aber nicht schweren Schritt, das Klappern seines Spazierstocks auf den Stufen. Die Mutter ging ihm entgegen bis zur Tür, das tat sie sonst bei niemandem. Sie nahm ihm selbst den Mantel ab und reichte ihn dann erst dem Mädchen weiter.

Louis hatte einen altmodischen Backenbart, der von den Koteletten ausgehend in einem Dreieck nach unten bis zum Hals wucherte. Es sah aus, als seien die Haare, die ihm auf dem Kopf fehlten, nach unten gerutscht, und Martha hatte Lust zu lachen. Sie machte einen Knicks. Während sie in die Knie sank, verschwand ihre Hand in der knochigen, harten von Louis Liebermann. Er hielt sie lange, noch als Martha aus der Beugung wieder aufgetaucht war. Sie hatte Angst, er ließe sie nicht mehr los.

Später malte Max diese Hand mit einer gewissen Nachlässigkeit. Der Vater war böse darüber. Das war doch nicht die Hand eines Kaufmanns, die alles fest im Griff hielt. Verschwommen, beinahe konturlos lag sie auf seinem Schoß, die unvermeidliche Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger. Alt fand sich der Vater dargestellt. Max malte, was er sah. Die Wahrheit fand er nie hässlich.

Viel später banden sie dem Vater bei Tisch einen Latz um, damit er seine Weste nicht bekleckerte.

20. Oktober 1941

Die Standuhr misst den Rest ihres Lebens. Ihr unregelmäßiger Pendelschlag hallt vom Eingang den langen Gang hinunter, vorbei an all den Zimmern, in denen sich ihr abgelebtes Leben verbirgt und die Martha seit Wochen nicht mehr betreten hat: Das Speisezimmer mit dem Renaissancetisch und den passenden Lederstühlen, auf denen sie so viele Stunden gesessen hat mit Max und Käthe, der Enkelin Maria, mit Gästen. Rechts und links stehen die beiden Kredenzen, mit den verschiedenen Servicen darin, Schalen, Tassen, Karaffen, Kerzenständern, Porzellanfiguren, schöne Dinge, die Max in nie versiegender Begeisterung von den Antiquitätenhändlern nach Hause trug. Max, der Augenmensch. Neues wurde rasch zu Vertrautem, Puzzleteile ins Gesamte gefügt, Leerstellen nicht zugelassen. Jetzt ist nichts mehr auszufüllen, jetzt gilt es, zusammenzuhalten, was noch da ist.

Das Silber ist jedenfalls weg! Alles Edelmetall hat Martha schon 38 abgeben müssen. Sie durfte gerade mal ein Messer, eine Gabel, einen großen und einen kleinen Löffel behalten, 200 Gramm pro Person, und das Zahngold im Mund, ausreichend, um weich gekochte Steckrüben und Kartoffeln zu Brei zu drücken, in den Mund zu schieben und schließlich alles mit den Goldzähnen zu kauen. Henkersmahlzeiten. Was braucht denn auch eine alte Frau noch Tafelsilber für 48 Personen! Wenn sie einen nur endlich in Ruhe ließen! Kein Widerstand also, kein Stück heimlich zurückbehalten, den großen Kasten mit dem Rokoko-Silber, das bei feierlichen Anlässen am Pariser Platz auf dem Tisch gestanden hat, zusammen mit ihrem persönlichen Schmuck, Broschen, Perlen, den Brillantringen, meist Geschenken von Max, in eine Kiste gepackt. Der Portier trug alles zur Pfandleihanstalt in die Jägerstraße, da war die Sammelstelle.

Was noch da ist, ist mit kleinen Narben und Schründen versehen, Spuren ihres Lebens. Den Querbalken im Fußkreuz des Renaissancetisches hat einer ihrer Dackel benagt, immer wenn er sich nicht genug beachtet fühlte. Die Sitzgarnitur im Salon ist auf der rechten Seite einen Hauch mehr ausgeblichen als auf der linken, da hatten sie immer eine Decke liegen. Irgendwann ließen Max und sie die Dinge altern wie Lebewesen.

Die unteren zwei Schubladen der Barockkommode klemmen. Wenn man sie öffnet, verströmen sie einen eigentümlichen Geruch, stumpf und holzig. Darin liegen Erinnerungen an andere Tage, plötzlich aufleuchtend, als benötige jenes Areal im Hirn, das sie verwahrt, nur eben den Reiz der kleinen Trouvaillen, um alles in starken Farben und, als sei es erst gestern gewesen, wieder vor Augen zu haben. Ihre Atelierfeste, die Gäste, Konversationen, gelungene Dinners werden von den Einladungs- und Menükarten erweckt, das hübsche japanische Deckchen, auf das Wachs getropft ist, ruft den alten Ärger wieder hervor, als sie das Malheur entdeckte. Daneben, in Papier eingewickelt, liegt ein Kristallstöpsel ohne Karaffe, daneben sechs chinesische Porzellanschälchen, eines mit einem Riss, daneben ein Seidenfächer. Schicht um Schicht sich absetzenden Ehelebens. Ein wunderbarer Schrecken, wenn man in der Hand hält, was man Jahre nicht mehr gesehen hat.

Wenn sie fortginge, müsste sie alles zurücklassen, die Kleinigkeiten, deren Wert mehr in der Erinnerung liegt, ebenso wie die Antiquitäten und Kunstgegenstände. Das gelebte Leben beansprucht weit mehr Platz als das noch zu lebende Leben, das beansprucht beinahe gar nichts mehr.

Martha hängt nicht an den Dingen ihres Geldwertes wegen. Nichts haben Max und sie angeschafft, um sich damit zu schmücken, vielmehr sind es die schönen Dinge selbst gewesen, denen die Ehre galt, gehegt und bewundert zu werden. Sie hat gehofft, dass Käthe das später übernehmen würde. Aufzugeben ist nun schwerer als auszuharren, vielleicht kann man einiges wenigstens nachkommen lassen.

Vor allem aber die Bilder! Das meiste stammt von Max selbst, wie das große Doppelporträt der Eltern, Käthe als junge Frau mit ihrer Tochter Maria und der Kinderfrau im Garten am Wannsee, Martha im schwarzen Kleid. Aber auch zwei Landschaften von Manet sind noch da, Bilder von Max Lehrer Steffeck und die beiden Porträts von Max und Martha, die Anders Zorn gemalt hat. Für Menzels Zeichnungen ist nur Platz im Küchenkorridor geblieben, trotz der Größe der Wohnung.

Gut, dass Max bereits im Jahr 33 die wertvollsten Stücke seiner Sammlung in die Schweiz geschickt hat, 14 Gemälde, alles Franzosen, sein Lieblingswerk darunter, das Spargelbündel von Manet.

Manchmal erscheinen Besucher, die unter dem Vorwand, helfen zu wollen, ihr eine Zeichnung oder ein Bild für wenig Geld abzuschwatzen versuchen. Martha bleibt freundlich, aber denen gibt sie kein Blatt.

Da ist zum Beispiel diese angebliche Freundin von Käthe gewesen. Sie trug einen Fuchs um den Hals, das tote Vieh bleckte seine spitzen Zähnchen auf solidem braunen Tweed, als gäbe es noch was zu lachen: Sieh mal, so werden sie sich demnächst die Juden um den Hals hängen, einen als Dekoration, einen zum wärmen. Und die Fuchsbeine baumelten so tot herab.

Sie sei bei einigen der fantastischen Atelierfeste gewesen am Pariser Platz, sagte die Besucherin, der Fuchs musste mit ihr nicken, erinnern Sie sich?

Die Augen der Besucherin wanderten an den Wänden entlang, parallel mit denen des Fuchses. Sie habe ja noch so herrliche Zeichnungen und Bilder. Und wenn Sie sich doch mal von etwas trennen müsse, wenn sie Geld benötige, man wisse ja, es sei nicht leicht heutzutage. Als Martha schwieg, ein freundliches, aber bestimmtes Schweigen, da ging die Frau, der Fuchsschwanz schlug hin und her mit der weißen Quaste auf dem Tweed-Rücken.

Schlimmer aber sind die, die sie tatsächlich kennt aus guten Tagen und die auch nur kommen, das Verbliebene zu sichten. Da ist es nicht leicht, die Haltung zu wahren. Und wozu denn auch? Ein Leben lang ist ihr Haltung als etwas Unerlässliches erschienen, etwas, das einen auszeichnet, eigentliches Merkmal eines gewissen Ranges in der Gesellschaft, das man nicht kaufen, sondern nur üben kann. Nun fragt sie sich, ob nicht gerade ihre Haltung in Wahrheit eine Schwäche ist, die es den Verbrechern leicht macht, mit ihr zu tun, was sie wollen. Verstellen müsste man sich, lügen können. Haltung gilt nur etwas in einer Gesellschaft, in der Regeln gelten. Hier werden die Regeln nach dem Bedarf der Machthaber jeden Tag neu geschrieben. Wenn man ihnen gehorcht, erfinden sie sofort eine andere, gegen die man verstoßen hat. Schwer ist es geworden, nicht den Rücken zu beugen. Wozu auch?! Das kostet nur Kraft, und manchen hat es schon das Leben gekostet. Ist sie das wert, die Haltung? Denen nötigt das doch keinen Respekt ab, da braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben, das sind ja überkommene Vorstellungen einer toten Gesellschaftsform. Heute gilt einzig nur noch das Recht des Stärkeren, auch wenn die Nazis ständig von deutscher Ehre faseln. Tyrannei leerer Worte. Wie in einem Wolfsrudel beißt der Stärkere den Schwächeren vom Fressen weg. Ja, wie dumm ist man denn gewesen, dass man nicht rechtzeitig einen Stock genommen und die räudigen Viecher vertrieben hat?

Hundert Siege berichtet, keiner erdichtet

Ein Jahr nach Heinrich Marckwalds Tod, als die Siegesparade zur Feier des gewonnenen Krieges gegen Frankreich durchs Brandenburger Tor und die Linden hinauf ziehen sollte, lud Louis Liebermann Ottilie Marckwald und ihre vier Töchter ein, das Spektakel von seinem Haus aus anzusehen.

Sie hatten sich früh auf den Weg gemacht. Dennoch waren die Straßen bereits fast unpassierbar. Sie gingen über die Mauer- und die Behrenstraße bis zur Einmündung der Wilhelmstraße. Aber als die kleine Abordnung der Marckwalds an die Linden kam, ließen die Ordner sie nicht mehr passieren. Dicht gedrängt standen die Menschen bis zur Absperrung. Viele hatten sich Stühle mitgebracht, auf die sie steigen wollten, wenn der Zug sich näherte. In den Fenstern Gesicht an Gesicht, die Balkone bis zur Belastungsgrenze mit Menschen gefüllt, auf dem Brandenburger Tor standen sie, sogar auf die Dächer der Torhäuser waren einige geklettert, Fresskörbe, Kisten mit Bier und Wein wurden an Seilen hinaufgezogen, der Proviant für eine lange Wartezeit. Wer seinen Platz gefunden hatte, winkte berauscht, auch vom gemeinschaftlichen Glücksgefühl.

Sie seien eingeladen, versuchte die Mutter den Ordner zu überreden, bei Liebermanns, Pariser Platz Nr. 7. »Hier könn Se nich mehr durch.«

Martha war 14 und Margarethe gerade mal zehn Jahre alt. Beide hatten keine Lust, zu den Liebermanns zu gehen. Die Wohnung des Vormunds war zu dunkel und ungemütlich, das Leben hatte dort eine Schwere, die sie nicht gewöhnt waren, aber die Mutter bestand darauf, dass sie alle zusammen hingingen, alle außer Benno, für den machte der Besuch keinen Sinn. Denn natürlich ahnte die Mutter, dass der Vormund die Einladung ausgesprochen hatte, um die Marckwald-Töchter seinen Söhnen zu präsentieren. Ein Angebot, das man nicht ausschlagen konnte.

Immer noch fand sich keine Möglichkeit, die Straßenseite zu wechseln. Riesige Bilder, auf Segeltuch gemalt, überspannten die Linden, Historienbilder in Übergröße. Die einzelnen Truppenteile wurden auf Ehrensäulen gewürdigt.

Kurz und klar, warm und wahr! Hundert Siege berichtet, keiner erdichtet!

Das galt der Feldtelegrafie. Die Mutter näherte sich erneut einem Ordner. Sie hatte etwas aus ihrem Täschchen geholt, wechselte ein paar Worte mit dem Mann und schob ihre Hand in seine Jackentasche. Martha kannte diese Geste, diese rasche, aber diskrete Handbewegung, plötzliche Vertraulichkeit vortäuschend, wo das Geldgeschenk im Grunde unüberbrückbaren Abstand signalisierte. Peinlich! Beflissenheit folgte, ein schiefes Lächeln. »Na, denn woll’n wa mal.« Und der Ordner hob kraft seines Amtes das Absperrungsseil.

»Nun kommt bitte.« Die Marckwalds duckten sich unter dem Seil durch.

Wenn Martha wenigstens ein Kränzchen aus Lorbeer bekommen hätte. Einen Lorbeerkranz mit ein paar Blüten im Haar. Dann hätte sie ausgesehen wie eine der Ehrenjungfrauen, die ihren Lorbeer dem frisch gekrönten Kaiser überreichen durften. Aber es hatte in der ganzen Stadt keinen Lorbeer mehr gegeben. Geschäftstüchtige Berliner hatten die Buchsbaumhecken um die Rabatten auf den großen Plätzen und im Tiergarten zusammengeschnitten, aber das war nicht dasselbe.

Es war ein wunderbarer Sommertag, dieser 16. Juni 1871, als stünde der Herrgott mit den Berlinern, mit den Preußen, mit allen Deutschen im Bunde. Die meisten fanden das auch richtig so. Endlich hatte man dem blutlechzenden Franzmann Einhalt geboten und dazu die deutsche Einheit gewonnen mit dem preußischen Wilhelm als Kaiser. Berlin war nun Hauptstadt des Reiches. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern war!

Charlottes Stirn glänzte. Sie zog ein Tuch aus dem Täschchen. Auch Else war nervös. Eben noch hatten die beiden gelacht und getuschelt. Hatten sie über die Liebermann’schen Söhne gesprochen?

Georg war bereits in die Firma eingetreten. Kam ganz nach seinem Vater. Würde bestimmt mal Kommerzienrat. Und Max? Ob der überhaupt da war? Studierte in Weimar Malerei. Das mit dem Malen war ein Minuspunkt. Bestenfalls konnte man es als Liebhaberei verbuchen. Schließlich war da noch Felix. Eigentlich zu jung, fand Charlotte, ein bisschen zu weich und sentimental in der Erscheinung, fand Else. Reich würden sie alle drei sein.

Es gab Bowle und Kuchen, für die Herren Herzhafteres. Martha versöhnte sich beinahe mit dem Besuch bei den Liebermanns. Die Wohnung war übervoll mit Gästen. So düster und ruhig, wie es ihr sonst vorkam, war es heute nicht. Der Festzug nahte und alle stürzten in Richtung Tiergarten. An den Fenstern Gedränge, wie unten auf der Straße. Einige Gäste waren auch hinauf aufs Dach gegangen. Die Mutter verbot es den Mädchen: »Kinder, wenn ihr an so einem Tag runterfallt.«

Als die ersten Truppen durchs Tor hindurch waren, wechselten alle zu den Fenstern in Richtung Pariser Platz. Die Fahnen der Besiegten wurden vorbeigetragen.

Irgendjemand zählte 81 Trikoloren. »83«, sagte ein anderer. »Ne, 81 und det joldene Federvieh dazu.« Gemeint waren die Adler auf den Standarten. Ein einziger Jubelschrei toste über den Platz. Auch drinnen wurde »Hurra« gebrüllt. Martha hielt sich die Ohren zu. Die Männer tranken einen Cognac, Courvoisier. »Meine Herren, hier erleben wir Weltgeschichte.«

Dann kam der Kaiser. Vor ihm Bismarck, die Generäle Moltke und Roon. Die Menschen auf der Ehrentribüne erhoben sich von ihren Plätzen. Wieder Hochrufe, Applaus, die Militärkapelle hörte auf zu spielen, schließlich völlige Stille. Man konnte das Tschilpen eines Spatzen hören und ein sehr leises Rauschen der vieltausendköpfigen Menge, als wäre es ihr Atem. Die Ehrenjungfrauen traten vor und eine begann ein Gedicht aufzusagen. Ihre Worte verwehten über den Platz, aber Fetzen des hohen Stimmchens drangen bis zu den Fenstern hinauf. Dann nahm die Ehrenjungfrau ihren Kranz vom Haar und reichte ihn Kaiser Wilhelm. »Ein Hoch unserem Kaiser«, krächzte eine heißere Stimme in die weihevolle Stille, Gelächter. »Hoch, hoch hoch«, antwortete die Menge, die Kapelle fing wieder an zu spielen und die Herren im Liebermann’schen Salon stießen auf die neue Verfassung an. Für die Juden brachte sie die rechtliche Gleichstellung. »Nun wird alles anders.«

Ein paar besonders wilde Jungs rannten mit Holzsäbeln zwischen den Gästen herum und schrien: »Stillgestanden!« und »Achtung!« Das waren die Söhne von Max Onkel Adolph. Sie stießen mehrere Bowlegläser um und bekamen schließlich von ihrem Vater je eine Kopfnuss. »Mensch, Jungs, heute ist Anstand patriotische Pflicht.«

Willy heulte.

31. Oktober 1941

Emma Zorn antwortet nicht. Wahrscheinlich, das muss man in Rechnung stellen, gehen die Uhren in Mittelschweden langsamer. Wahrscheinlich gehen sie bei einer 81-Jährigen noch langsamer. Baron Uexküll hat auf eine Art seismografischer Sensibilität gehofft, denn die Nachrichten, das weiß er von seiner Freundin, Gräfin Bonde, kommen bereits gefiltert in Schweden an, nicht allein, weil man in der schwedischen Presse keine diplomatischen Verwicklungen riskieren will, die am Ende vielleicht zu kriegerischen führen könnten, es ist schließlich auch die Unmöglichkeit, mit Worten zu sagen, was droht, es ist das stete Versagen der Sprache gegenüber dem Gefühl, das die Gefahr schon wittert, wo die eigentliche Katastrophe noch bevorsteht. Man hofft, sie käme nicht.

Nach außen scheint Deutschland noch immer so etwas wie ein zivilisierter Staat zu sein. Der Krieg hat die Durchhaltemoral der Bevölkerung nicht sonderlich beschädigt. Zarah Leander singt ihre Lieder und reist ungehindert zwischen ihrer schwedischen Heimat und Deutschland hin und her. Ihre Filme sind auch in Schweden populär. Aber der Druck nimmt täglich zu.

Man kann nicht länger warten. Baron Uexküll macht sich ohne das so dringend benötigte Schreiben auf den Weg zur schwedischen Botschaft. Die liegt nur ein paar hundert Meter von seiner Wohnung entfernt in der Rauchstraße. Die Botschaft ist in einer typischen Tiergartenvilla untergebracht, die Räume sind großbürgerlich ausgestattet mit schweren Ledersesseln, Perserteppichen, Antiquitäten. Bilder zeigen schwedische Motive, die königliche Familie, das königliche Schloss, Landschaften. Uexküll erkennt ein paar zartfarbige Pastelle von Zorn, junge, rosige Bäuerinnen beim Bade, und ein paar Arbeiten des schwedischen Prinzen Eugen, dunkler im Ton, vielleicht geschmackvoller, aber lange nicht von solch überwältigender Technik wie die Zorn’schen Bilder. Niemals hat Uexküll bessere Darstellungen des Wassers gesehen, Wellen, Wogen, Kräuselungen, Spiegelungen und Reflexe, Darstellungen, die nicht allein echt wirken, sondern einen das Wasser fühlen lassen, die Kälte auf der Haut, wenn die Hand aus dem Boot heraus unter die Oberfläche taucht, das Kitzeln der kleinen Luftblasen auf dem Handrücken, während der Kahn, begleitet vom Knarren der Riemen, vorwärtsgleitet.

Der Leiter der Gesandtschaft, Arvid Richert, erwartet den Baron in einem Salon mit Blick auf die Terrasse. Dort werden im Sommer die Empfänge gegeben, Uexküll ist schon oft geladen gewesen, seiner diplomatischen Vergangenheit und der freundschaftlichen Beziehungen zu Attaché Rutger von Essen wegen. Die Beziehungen sind so eng wie die Wege nah. Kaum einer der Gäste, wenn er denn aus Berlin kommt, wohnt nicht im Tiergartenoder Alsenviertel. Man wird vorgestellt, trifft sich auf der nächsten Veranstaltung wieder, vergisst einander und erinnert sich, sobald man den anderen braucht oder selbst gebraucht wird.

Arvid Richert hat schon von Martha Liebermanns Schicksal gehört. Er werde tun, was in seiner Macht stehe. Der Standardsatz. Was steht in seiner Macht? Richert ist ein Mann knapp über die 50 mit feinen Gesichtszügen, trägt Fliege und das Haar seitlich gescheitelt, über den Ohren kräuseln sich ein paar Locken. Seine Augen sind undurchdringlich, in den leicht hochgezogenen Augenbrauen hängt Bedauern. Es gäbe schlimme Schicksale dieser Tage in Deutschland.

»Wir brauchen natürlich am Ende doch Frau Zorns Unterstützung. Tochter und Schwiegersohn in Amerika sind gut, aber keine wirkliche Sicherheit für den schwedischen Staat, weil nicht greifbar. Durch die Kriegsereignisse wird es wohl kaum möglich sein, dass Frau Liebermann kurzfristig in die USA weiterreist. Der zivile Schiffsverkehr ist fast vollständig zum Erliegen gekommen, ebenso der Luftverkehr, beides, soweit noch vorhanden, im Übrigen überaus riskant. Frau Zorns Zusage, für den Unterhalt ihrer alten Freundin aufzukommen, und ihr Antrag auf Erteilung einer Einreisegenehmigung sind unerlässlich.«

»Wir warten jeden Tag auf ihre Antwort, aber leider …«

Richert meint zu wissen, dass Emma Zorn sehr hinfällig geworden sei. Sie sei beinahe blind. Alle Post gehe durch die Hand ihrer Sekretärin Gerda Boethius. Die sei aber hauptsächlich mit der Arbeit am Zornmuseum beschäftigt. Frau Zorn wisse, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibe.

Zeit? Wie viel Zeit hat Martha Liebermann noch, denkt Uexküll. Verzögerungen führen vielleicht zur Katastrophe, während der Nachruhm des großen Mannes gepflegt wird.

»Frau Zorn war immer karitativ tätig«, fährt Richert fort. »Sie hat einen guten Teil ihres Vermögens in Kinderheime und Schulen investiert, sie wird auch ihre alte Freundin nicht vergessen.«

Uexküll hofft das. Ein paar Tage werde er noch warten. Aber eigentlich sei jeder weitere Tag einer zu viel. Richert habe doch auch Kenntnis von den ersten Umsiedlungen in den Osten bekommen? Man könne nicht zulassen, dass Frau Liebermann, Witwe eines weltberühmten Malers, so behandelt werde. Es sei das Ansehen Deutschlands in der Welt ohnehin ein anderes geworden, aber Schweden, Schweden habe noch eines zu verlieren. Ob man sich eventuell auch an den Prinzen Eugen wenden sollte? Dem habe Max Liebermann immerhin zur Aufnahme in die Akademie der Künste verholfen. Es müsse im Interesse einer Nation wie der schwedischen sein, der Witwe Max Liebermanns Asyl zu gewähren.

Richert lächelt. Ein Lächeln, das Verständnis ausdrückt, kein Versprechen gibt. Wir geben aber unser Bestes, sagt es. Mehr haben wir nicht. Es ist nicht immer das, was die Antragsteller wollen.

Schweden steht unter Druck. Das nordische Brudervolk der Deutschen fühlt sich in bedrohlicher Umarmung. 90% der schwedischen Exporte gehen nach Deutschland. Aus schwedischem Eisenerz bauen die Deutschen ihre Kanonen. Mit der Brüderlichkeit könnte es vorbei sein, wenn das Brudervolk nicht mehr tut, was von ihm erwartet wird.

»Ich werde Svante Hellstedt schreiben. Er ist im Außenministerium für ausländische Passanträge zuständig. Ein Freund. Ich werde ihm die Lage schildern. Er kann sich direkt an Olof Lamm wenden, Emma Zorns Neffe, der sie in finanziellen Angelegenheiten berät. Wenn Emma Zorns Gesuch eintrifft, haben wir schon den Boden bereitet.« Der Erfolg der gesamten Aktion hänge aber leider nicht allein von den schwedischen Stellen ab, fügt Richert hinzu. Die deutschen Behörden ließen einfach immer weniger Ausreisen zu. Die Strategie gegenüber den Juden habe sich verändert. Auswanderungen würden behindert, wenn überhaupt noch genehmigt, dann mit hohen Geldforderungen verbunden. Der kriegerische Staat brauche Devisen. »Es ist einfach sehr spät für Frau Liebermann!«

»Ich weiß«, seufzt der Baron.

Uexküll tritt auf die Rauchstraße hinaus. Eine lockere Schicht trockener Blätter bedeckt das Trottoir. Der Wind hat die letzten zuverlässig von den Ästen geholt, es raschelt um seine Füße. Vieles bleibt jetzt liegen. Die Sorgen der Hausbesitzer und ihrer Verwalter gelten dem kommenden Winter, der Versorgung mit Kohlen, dem Luftschutz. Blätter sind da sekundär.

Uex wird noch einmal Martha Liebermann aufsuchen und ihr vom Ergebnis der Unterredung berichten. Mit seinen Schuhen pflügt er eine Spur durch das Laub, das sich auftürmt wie die Bugwelle vor einem Schiff. So haben sie es als Kinder in Vana-Vigala gemacht. Wer die höchste Bugwelle zustande bekam, war Sieger, und wer langsam und stetig vorwärts schritt, hatte eindeutig die größeren Chancen als die, die kopflos in die Blätterhaufen hineinrannten. Kleines Kinderglück! Heute ist das nicht mehr so einfach. Die Verpflichtung, anderen zu helfen, und die Verantwortung, die er dafür trägt, Frau und Kind heil durch die Diktatur zu bringen, lasten auf ihm.

Der Wind hat mir ein Lied erzählt, von einem Glück, unsagbar schön. Er weiß, was meinem Herzen fehlt.

Seine Füße machen das Schlagzeug: krsch, schrrr, krsch, schrrr.

Für wen es schlägt und glüht, er weiß für wen.

Uex hat seine Frau bei einer Laienspielaufführung kennengelernt. Sie war der Star der Truppe. Schön, charmant, gertenschlank. An jenem Abend trug sie ein Kleid in Goldfarben. Das Oberteil, in Falten zur Körpermitte gerafft wie eine Korsage, ließ sie noch schlanker aussehen. Sie war fast nur ein Hauch und die eleganteste Frau, die er je gesehen hatte.

Das Schifflein fährt auf den Wellen so sacht, still ist die Nacht, die Liebe nur wacht

Charlotte heiratete keinen Liebermann, sondern einen Herrn Goldberger. Er war auch an jenem 16. Juni 1871 bei Liebermanns zu Gast gewesen, war der Bruder einer angeheirateten Cousine, kein sehr hübscher Mensch, klein und rundlich wie ein Kind, hatte er aber einen überaus wachen Verstand, beste Aussichten und versprach, als Bankier Großes zu leisten, was er dann auch tat. Er wurde Mitbegründer der Dresdner Bank und nationalliberaler Abgeordneter, doch das erlebte Charlotte nicht mehr.

Oft sprach er in der Französischen Straße vor. Der erste Schwiegersohn wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt. Man wollte nichts verderben. Nun galt es ein Lebensglück zu machen.

Martha erinnerte sich an jene Wochen und Monate vor der Hochzeit wie an ein aufflackerndes Feuerwerk mit vielen kleinen, bunten Höhepunkten – das Aussuchen des Hochzeitskleides, die Zusammenstellung der Gästelisten, das Kennenlernen neuer Verwandten. Immer blieb ihr das Bild: Charlotte in Reisekleidern, in der kurzen Jacke mit dem kleinen Hermelinkragen. Ihre beinahe fremde Erscheinung als verheiratete Frau in der nagelneuen Garderobe. Noch einmal wandte sie sich an der Tür um, im Hintergrund Goldberger im dunklen Anzug. »Wir sind in Eile, Charlotte, der Zug wartet nicht.« Dann ging sie hinaus. Das letzte Bild, eine Falte der über dem Gesäß hoch aufspringenden Tournüre, die beinahe in der Tür eingeklemmt wurde, ein kurzer Augenblick des Verharrens, dann glitt das Stück Stoff durch den sich schließenden Spalt.

Als Charlotte aus den Flitterwochen in Italien zurückkam, ging es ihr schon schlecht. Sie fühlte sich matt, abgeschlagen. Fieberschübe folgten, Durchfall, Magenkrämpfe, Flecken auf der Brust. Martha und Margarethe ließ man nicht zu ihr, und sie blieben allein mit ihren Vermutungen und Ängsten. Es war wie beim Vater. Die Erwachsenen wandten sich ab. Wenn man sie fragte, schüttelten sie nur den Kopf: »So ein Unglück.« Martha schnappte »Fleckfieber« und »Typhus« auf. Und: »Von der Reise mitgebracht.«

»Keen Wasser trinken, wat nich abjekocht is«, wusste das Mädchen Sofie, »und keen Obst, nischt Rohet. Da isset drin, det wees man.«

Martha schlich sich in die Bibliothek des Vaters, wo sie in Meyers Konversationslexikon »Typhus« nachschlug.

Charlotte starb. Schlimmer noch als der Tod des Vaters hieb ihr Tod eine Kerbe ins Leben. Die Mutter wurde nie mehr ganz so wie zuvor. Man merkte es kaum, und es war doch danach alles ein bisschen gedämpfter bei ihr, leiser. Nun mochte sie auch nicht mehr in der Französischen Straße bleiben.

Das Tiergartenviertel wuchs gerade zum neuen Quartier der wohlhabenden Berliner heran. Martha zog mit ihrer Mutter und den Geschwistern in die Victoriastraße. Da war Else schon mit Georg Liebermann verlobt. Also hatte es doch etwas gebracht, die Einladung bei den Liebermanns wahrzunehmen. Gleich zwei Ehen gestiftet an einem Nachmittag. Die Hochzeitsvorbereitungen wurden nicht weniger aufwendig, aber sachlicher angegangen als bei Charlotte. Dass der Tod sie sich so mitten aus dem Glück gegriffen hatte, saß tief. Das war gerade mal ein Jahr her.

Im November heiratete also Else. Martha trug jungfräuliches Weiß, ein kurzes Kleid, es endete in einer Menge Rüschen oberhalb der Knöchel, hatte ein nicht allzu tiefes, viereckiges Dekolleté, Puffärmel, einzig eine fliederfarbene Schärpe gab ihrer Erscheinung ein bisschen Individualtät, ansonsten reihte sich Martha ein in eine Schar junger Mädchen, alle in ähnlich kindlichen Kleidern, die am Rande der Tanzfläche saßen, wie weiße Tauben auf einer Stange.

Aus dem schlaksigen Jungen Max war ein aufstrebender Künstler geworden, sein Anderssein trug er dezent, aber doch deutlich zur Schau, eine Spur Arroganz lag in der Lässigkeit, mit der er den konventionellen Ansprüchen genügte, die die Familie an ihn stellte.

Die Schönheit seiner Schwägerin fiel ihm auf. Er ließ sich dreimal auf ihrer Tanzkarte eintragen, aber noch hatte er keine Zeit, sich zu irgendetwas zu verpflichten. Verzicht auf sinnliches Glück, schrieb er später, festige den künstlerischen Charakter. Er hatte Angst, es möchte ihn etwas von seinem Weg abbringen. Mit Martha hüpfte er im Galopp übers Parkett.

»Und Sie gehen wirklich nach Paris?«

Gleich fort zu Schiff und übers Meer Bis nach Paris im Flug’ daher – Weil’s keine Stadt mehr geben kann, Wo man so herrlich leben kann! –

»Aber ja.«

»Werden Sie nicht Heimweh nach Berlin haben?«

»Wohl kaum.«

Das war gelogen. Er hatte auch in Weimar oft Heimweh gehabt. Das Leben hätte doch für ihn so einfach sein können. Er wollte es sich nicht einfach machen.

Martha war klug. Sie glaubte ihm nicht. Und er wusste, dass sie ihm nicht glaubte. Wahrscheinlich gefiel ihm das. Sie war ein bisschen pausbäckig zu dieser Zeit, Reste von Babyspeck auf den Hüften.

Dann spielte die Kapelle »An der schönen blauen Donau«.

Das Schifflein fährt auf den Wellen so sacht, still ist die Nacht, die Liebe nur wacht, der Schiffer flüstert der Liebsten ins Ohr, dass längst schon sein Herz sie erkor.

»Für die Spree sollte es so einen Walzer geben«, sagte Martha.

Max lachte. »Der Berliner ist kein Typ für den Dreivierteltakt. Bei uns herrscht der preußische Marsch vor.«

Sie drehten und drehten sich. Martha dachte, die Welt drehe sich um sie. Aber sie war ja noch ein Mädchen im kurzen Kleid.

Sie hätte auch einen anderen nehmen können. Hatte es ernsthaft andere Optionen gegeben? Jedenfalls vergingen zehn Jahre, in denen sie beide irgendwie übrigblieben, wie bei einer Stuhlpolonaise, plötzlich schwieg die Musik und nun den rechten Mann gesucht, hier ein Schokoladenfabrikant, der immer die Pralinenschachteln zum Kaffee mitbrachte und asthmatisch schnaufte, wenn er es die Treppe hinauf geschafft hatte, oder der hübsche Possenreißer, »der ist ein Goj, der kommt nicht infrage«. Einen Nichtjuden zu heiraten, zu dieser Zeit noch undenkbar, dann ging die Musik wieder los und wieder tanzte man im Kreis, das Kleid war länger geworden, der Cul de Paris höher, dann verschwand die Tournüre aus der Mode, um noch einmal aufzutauchen, gerade als Max heimkehrte.

Aber bevor er endgültig nach Hause kam, ging er nach München. Martha ging ins Theater, auf Bälle, zu Landpartien. Es war ein Leben, das angenehm auf der Stelle trat. Max lief in einem Kreis außen herum. Er wartete, dass die Musik aufhörte zu spielen, oder fürchtete er es? Einen Platz suchen, ankommen, das hätte das Ende aller hochfliegenden Pläne sein können, noch war er unterwegs.

Georg lud seine beiden Schwägerinnen ein, gemeinsam mit ihm und Else, das »Schloss« seines Onkels Adolph zu besuchen. Die Villa war eine Sehenswürdigkeit im neuen Tiergartenviertel. Schon als sie sich im Bau befand, waren die Berliner auf dem Weg zum Hofjäger-Etablissment, einem schlichten Ausflugslokal mit dem Werbespruch: »Hier können Familien Kaffee kochen«, an der Baustelle vorbei flaniert und hatten den Neorenaissancepalast, der da emporwuchs, bewundert.

»Er ist kolossal stolz auf alles und freut sich über den Besuch hübscher Damen«, sagte Georg.

Martha fasste unwillkürlich nach dem Arm ihrer kleinen Schwester Margarete, als sie die achteckige, zentrale Halle betraten. Solch ein Entree hatten in Berlin sicher nur noch der Kaiser oder der Kronprinz. Alle wandten den Blick nach oben zu den in gedämpften Farben gehaltenen Oberlichtern.

Adolph freute das ehrfürchtige Schweigen der Mädchen. »Es ist zwar von Heidecke entworfen«, sagte er, »aber der hat sich ganz an meine Vorstellungen gehalten. Das Entree ist doch beinahe das Wichtigste. Es ist wie bei einem Menschen. Wenn er dir klein und verdruckst daherkommt, dann willst du ihm nichts Edles und Kluges mehr zutrauen.«

Die Ritter von Liebermann blieben allzu gerne im Äußerlichen stecken. Seit der Kaiser Adolph Liebermann geadelt hatte, nannten ihn seine Nichten und Neffen spöttisch den Vonkel. »Du wirst sehen, Georg, es kommt auch für uns Juden endlich die Zeit, wo wir als vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft und nicht nur als geduldete Händler und Geldgeber unserem deutschen Vaterland dienen dürfen«, sagte er. Georg war sich da nicht so sicher, man sah es seinen leicht hochgezogenen Augenbrauen an.

Das eigentliche Zentrum des Hauses war die Bildergalerie, die sich über zwei Stockwerke im Westflügel erstreckte und bei Gesellschaften als Tanzsaal diente. Eine über Berlin hinaus bekannte Sehenswürdigkeit. Gelegentlich gaben fremde Menschen, die sich auf Reisen befanden, ihre Karte ab und baten, sie besichtigen zu dürfen, was meist gern bewilligt wurde. Es gab einen geschulten Diener, der, wenn die Herrschaften keine Zeit hatten, den Museumsführer machte. Das Hauptstück bildete das Eisenwalzwerk von Menzel.

Es war ein großformatiges Bild, das Innere einer Eisenhütte darstellend. Kein eigentlich schönes Bild, wer mochte schon die Darstellung schwitzender, schmutziger Arbeiter als schön empfinden, aber es gab kaum jemanden, der nicht davon fasziniert war. Wenn man sich dem Bild näherte, schien es zunächst nichts weiter als eine finstere Höhle darzustellen, in der ein helles Licht glomm, und so, wie sich das Auge erst an einen dunklen Raum gewöhnen muss, dauerte es auch hier einen Moment, bis man in den vielfältigen Schattierungen von Dunkelheit die ersten Leiber und Silhouetten von Arbeitsgeräten, Schnüren, Räderwerk erkennen konnte, die glühenden Schienen, die die Arbeiter eben in die Walze zu schieben versuchten, und kleine Szenen, wie die Männer beim Einnehmen ihrer Pausenmahlzeit. Ein jeder stand und schaute und suchte nach Neuem, das er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Dabei glaubte man, das Stampfen und Zischen der Maschinen zu hören, das Klingen der Hämmer, man roch den Qualm des Feuers, spürte die Hitze auf der Haut, als stünde man selbst mittendrin.

»Ein Meisterwerk«, sagte Adolph stolz. »Es ist ganz lebendig, nicht wahr? Menzel hat endlos viele Skizzen und Studien in Königshütte dafür angefertigt. Das passt für einen Liebermann!«

Die Liebermanns betrieben selbst in Schlesien eine Eisengießerei und eine Maschinenfabrik.

Er würde es sich nicht in den Salon hängen, sagte Georg, es würde ihn ständig an seine Arbeit erinnern.

»Das Bild macht Furore. Der Kronprinz hat anfragen lassen, ob er es einmal besichtigen dürfe.«

Das beeindruckte selbst Georg. »Der Kronprinz will dich besuchen?«

»Ich sage dir, wenn der Kronprinz Friedrich Wilhelm und die Kronprinzessin Viktoria einmal den Königs- und Kaiserthron besteigen werden, dann werden wir, aus den bedeutenden jüdischen Familien, endlich den Rang in diesem Staate erhalten, der uns gebührt. Ein Besuch wäre ein deutliches Zeichen.«

Nur eine Stärkung des Volkes als Souverän könne für die Juden eine echte Veränderung bringen, sagte Georg.

»Ich weiß, ich weiß, du setzt wie Benjamin und Louis auf die Fortschrittspartei. Aber ich denke, ein fortschrittlicher Kaiser wird das Volk insgesamt einen. Das kann doch eine Partei mit 8,6% der Stimmen bei der Reichstagswahl gar nicht. 8,6%! Wir sollten jetzt nach der Reichsgründung alle an einem Strang ziehen.«

Rina musste eingreifen. Vordringlicher schiene ihr die Frage, wie man den Tee, den man zweifellos dem Thronfolgerpaar anbieten müsse, gestalten solle. Adolphs Schwester, Julie Gerson, verfüge über glänzende Beziehungen zur Kaiserin Augusta, die könne man fragen. »Man will doch keinesfalls etwas falsch machen.«

»Das Ansehen der Berliner Juden hängt vielleicht vom richtigen Eclair ab«, spottete Georg.

Später, als der Wagen des Prinzen und der Prinzessin tatsächlich durchs Tiergartenviertel rollte, gingen auch Martha und Margarethe hinaus, um einen Blick auf die hohen Herrschaften zu erhaschen. Das System war geschlossen wie ein Aquarium.

»Wir sind nur die kleinsten Fische«, sagte Marthas Mutter.

Doch die Gründerzeitblase, die durch die hereingepumpten, französischen Reparationen gewachsen war, platzte. Spekulationsobjekte blieben Spekulation, auf staubigen Plätzen knickten im Wind die Schilder ein, die einmal den Bau eines zukunftsweisenden Unternehmens verkündet hatten. Kleine Jungs benutzten sie als Zielscheiben und gaben ihnen den Rest. Auch Adolphs Traum zerrann bereits im Jahr nach jenem denkwürdigen Besuch des Kronprinzen, wurde aufgezehrt von einer Fehlspekulation. Er musste seine Gemäldesammlung auflösen und bei Lepke versteigern lassen. Das Haus konnte als Wohnstatt für die Familie nur gerettet werden, weil der älteste Bruder Benjamin das gesamte Anwesen kaufte.

Wie gut, dass keiner der Söhne im heiratsfähigen Alter gewesen war. Ottilie Marckwald hob die Augen zur Zimmerdecke. Arm wurde Adolph aber natürlich nicht. Else erzählte, er habe das Eisenwalzwerk für 11.000 Reichsmark gekauft und nun für 30.000 der noch nicht einmal eröffneten Nationalgalerie angeboten. Essenzielle Bedürfnisse, wie Reisen nach Baden-Baden und Bad Kissingen, ein eigener Kutscher und Pferde, die Ausbildung der Söhne waren jedenfalls gesichert. Aber der Gipfel war erreicht, der Zenit überschritten, alle Bemühungen hatten diesem einen Augenblick, der kurzen Stunde gegolten, als der Thronfolger in seinem Hause geweilt hatte und Adolph sich als der kultivierteste, kunstverständigste seiner Untertanen präsentieren konnte. Das hohe Glück des gelungenen Moments, es hatte alles gepasst. Nun zehrte Adolphs Familie von der Erinnerung.

4. November 1941

»Ach, Herr Baron!« Marie Hagen empfängt Uex mit Verschwörermiene. Noch im Hausflur tuschelt sie: Es gehe der Frau Professor nicht gut. Sie ließe es sich nicht anmerken, aber man bemerke es eben doch. Sie esse kaum noch etwas, behaupte, keinen Appetit mehr zu haben. Wegen des ewigen Mangels, der herrsche, sei das ja praktisch, aber man müsse doch auf ihre Gesundheit achten. »Sonst brauchen wa uns keene Sorjen mehr um die jroße Reise zu machen.«

»Die große Reise«, ihre Chiffre für eine Auswanderung, noch leiser gehaucht als das Übrige, als würden sie belauscht.

»Noch immer keine Post aus Schweden?«, fragt Uexküll.

Marie schüttelt den Kopf.

Martha Liebermann sitzt klein, noch kleiner, als sie ihm vor zwei Wochen erschienen ist, aber tadellos gekleidet und aufrecht in ihrem Sessel. Ihre Augen sind wach, die Geste herrschaftlich: »Danke, Marie.«

Uexküll berichtet über seinen Besuch in der schwedischen Botschaft. Jetzt gelte es nachzulegen. »Sie müssen noch einmal an Emma Zorn schreiben. Vielleicht ist der Brief verloren gegangen, von der Zensur abgefangen. Ich werde von dem Schreiben eine Kopie an meine Freundin, Gräfin Bonde in Stockholm, schicken. Sie soll versuchen, mit Frau Zorn persönlich zu telefonieren.« Im direkten Kontakt könne man besser klären, was machbar sei, wo die Schwierigkeiten lägen. Außerdem ginge es viel schneller.

Die Zeit verrinnt wie Sand aus einer Sanduhr, die ein Leck hat, und mit ihr die Chancen, aber das sagt er nicht laut. Martha Liebermann spürt es wahrscheinlich sowieso. Selbstverständliches braucht man nicht auszusprechen. Sie bedrängt niemanden mit ihrer Furcht. Nur manchmal sieht man an einer kurzen Abwesenheit, dem Taschentuch, das sie nervös durch ihre Fingern zieht, dass sie daran denkt, was sein könnte, wenn alle Versuche vergeblich blieben.

»Bitte setzen Sie sich gleich hin und schreiben Sie an Frau Zorn. Ich warte so lange.«

»Gut.«

Martha Liebermann erhebt sich erstaunlich schnell und sicher. Für den kurzen Weg zum Sekretär benötigt sie einen Stock, aber sie schwankt nicht, ihre Schritte sind klein, trippelnd.

»Ich werde in etwa noch einmal das Gleiche schreiben wie beim ersten Mal. Vielleicht ist ja der Brief wirklich nicht angekommen. Ich denke, es hat wenig Sinn, eindringlicher zu werden. Wenn sie es will und kann, wird sie antworten.«

Die Bedenken liegen in der Luft, sie, Emma Zorn, könnte es vielleicht aus irgendeinem Grund nicht wollen. Aber welcher sollte das sein?

Uexküll betrachtet inzwischen die Bilder an der Wand. Sie sind bedeutend feiner ausgesucht als das Sammelsurium in der schwedischen Botschaft, wo vieles durcheinander hängt, weil man den und jenen Künstler vielleicht nicht zurücksetzen wollte. Hier dagegen sieht man jedem Bild an, dass es ausgewählt worden ist, weil es eine bestimmte Qualität erfüllt, die über das Motiv oder den dekorativen Effekt hinausgeht.

Da hängen die beiden Porträts von Zorn, nicht allzu großformatige Brustbilder. Das eine, dunkel gehalten, zeigt Max Liebermann im Alter von vielleicht 40 Jahren. Er hat den linken Arm auf die Lehne eines Fauteuils gelegt, Licht fällt von rechts auf die herabhängende Hand und den bereits kahlen Schädel des Professors. Auffällig der üppige, noch ganz dunkle Schnauzer, der, nach der Mode der Zeit in zwei Spitzen gezwirbelt, bis zur Mitte der schmalen Wangen reicht. Der Professor blickt melancholisch mit seiner typisch nach oben gezogenen rechten Braue. Unter dem Kinn hält eine Lavallière den Kragen zusammen.

Das Porträt von Martha Liebermann ist heller. Sie posiert vor einem grünen Hintergrund, ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht ist ganz beleuchtet. Sie hält sich sehr gerade und strahlt den ihr eigenen Stolz aus, der ihren Körper auch jetzt noch aufrecht hält. Das Kleid, das sie trägt, ist schwarz, mit keulenförmigen Ärmeln und einem rechteckigen, von einem Satinband eingefassten Ausschnitt, aus dem eine hochgeschlossene weiße Spitzenbluse heraussieht.

»Zwei sehr schöne Arbeiten«, sagt Uexküll.

Martha wendet sich kurz um und lächelt.

»Ja, nicht wahr?!«

»Was ist das für ein roter Punkt am Revers Ihres Mannes?«

Der rote Fleck ist winzig, ein kleiner Wischer mit dem Pinsel, eine Form nicht auszumachen. Es ist das einzige Rot auf dem ganzen Bild, das sonst sehr dunkel ist, und es wirkt, als habe Zorn aus Versehen ein bisschen Farbe auf die Leinwand gespritzt.

»Das ist das Band der légion d’honneur«, sagt Martha. »Sie hatten ihn gerade aufgenommen, und er war so stolz darauf. Ein Deutscher, der in die Ehrenlegion aufgenommen wird! Zorn hat den kleinen roten Punkt gesetzt und gesagt: Orden dürfen nie fehlen. Maler bekommen nicht so viele. Er hatte ihn selbst auch erhalten. Sie waren wie die Kinder. Eine glückliche Zeit.«

Heute gilt Zorn unter den jungen Künstlern in Schweden als etwas antiquiert, aber er hat den Status eines Klassikers, die Porträts müssten sich also auf dem schwedischen Markt verkaufen lassen, denkt Uexküll, oder könnte es im Interesse des Zorn-Museums liegen, zwei gelungene Werke des Meisters zu erwerben? Wie viel würden die Bilder wohl bringen?

Ob Frau Liebermann bereit wäre, sie zu opfern, um ihren Lebensunterhalt in Schweden zu sichern? Sie schreibt zügig, ohne abzusetzen. Es ist still. Einzig das Pendel einer Uhr, die irgendwo draußen im Flur steht, macht ein dumpfes Tock-tock, Tock-tock. Schließlich hält sie inne, prüft das Geschriebene, seufzt und schwenkt das Blatt, um es zu trocknen. Eine kokette, beinahe heitere Geste. Uexküll springt auf. »Erlauben Sie?« Der Brief unterscheidet sich in manchen Formulierungen tatsächlich kaum von dem ersten, den sie vor zwei Wochen geschrieben hat. Wie oft mochte sie die Zeilen memoriert und überlegt haben, ob sie vielleicht zu schwach waren, Emma Zorns Mitleid zu erregen?

»Perfekt«, sagt der Baron. »Ich erlaube mir, das Schreiben zu kopieren. Nun werden wir die Sache noch einmal mit mehr Energie angehen. Ich lasse nicht locker, bevor Emma Zorn sich nicht geäußert hat.«

Da muss ich eben auch noch lernen, wie man solche Bilder versteht

Martha zog mit der Mutter und Margarethe schließlich auch in die Tiergartenstraße. Ihre Wohnung war nur ein paar Häuser von Adolphs Palais entfernt. Salon und Speisezimmer gingen direkt zum Tiergarten hin, der auf der anderen Straßenseite begann. Der Platz kam ihnen beinahe ländlich vor. Man lebte ruhig, zu dritt hatten sie es behaglich.

Manchmal besuchten die beiden Mädchen ihre Schwester, die mit Georg auf der anderen Seite des Tiergartens wohnte. Wenn sehr schönes Wetter war, gingen sie geradewegs durch den Wald, die Flora-Allee entlang. Von Weitem sah man den Floraplatz mit der Statue, der beinahe die Hälfte des Weges markierte. Heute wussten sie, die ferne Gestalt war kein Waldgeist, keine Hexe, wie sie als Kinder gefürchtet hatten, sondern eine Statue aus Stein, aber noch immer war es ihnen ein wenig unheimlich, durch den langen, grünen Tunnel zu wandern, manchmal drehten sie sich um, ob ihnen jemand folgte, immer waren sie erleichtert, wenn die Bäume zurückwichen, der Platz sich öffnete und niemand dort war, den man, wenn man weiterging, nun im Rücken gehabt hätte. Es war ein schöner Schauder, der sie erfüllte, während das Sonnenlicht, durch die Nadeln der Kiefernbäume wie durch ein Sieb gefiltert, auf dem bemoosten Weg zitterte. Manchmal bellte der Hund, kläffte einen verkrüppelten Baum an, witterte die Spur eines Wildes, dann lachten sie aufgeregt, fassten sich unter und drückten sich aneinander, wie sie es früher getan hatten, als sie mit dem Bruder mutig das Dickicht erforschten.

Else war meist allein. Georg ging seinen Geschäften nach. Die Wirtschaftskrise ließ auch die Liebermann’schen Fabriken nicht unberührt. Man machte die Dannenberg’sche Kattunfabrik zu Geld und wandelte die Eisenhütte in Schlesien in eine Aktiengesellschaft um. So hatte man wenigstens sein Kapital gerettet. Aber Georg verspürte noch keine Lust, sich zur Ruhe zu setzen.

»Er ist nach Falkenau gefahren. Er muss sich um unsere neue Tuchfabrik dort kümmern.«

Unsere, dachte Martha, wie schnell das ging. Wie leicht sich Frauen in ein neues Gewirke von Familie einfügten!

»Bist du glücklich?«

Else schnaubte beleidigt: »Natürlich bin ich glücklich.«

»Aber wir hatten es doch recht schön zusammen.«

»Ach, Martha!«, sagte Margarethe.

»Was macht denn Georgs Bruder, der Maler?«

»Ist noch immer in Paris. Aber es geht nicht recht voran. Es scheinen ihm keine großen Erfolge beschieden. Georg meint, dass es überhaupt eine Liebhaberei sei. Wenn er wenigstens nicht darauf bestünde, so schreckliche Dinge zu malen. Hässliche alte Bauernweiber, schmutzige, dunkle Stuben! Wer will sich so etwas in den Salon hängen!«

In den Gazetten wurde Max »Schmutzmaler« genannt. Die Familie genierte sich. Ein Vetter sprang vor Schreck vom Trottoir und wäre beinahe überfahren worden, als man ihm vorschlug, sich von Max porträtieren zu lassen. Bald darauf kam Max auf Besuch nach Berlin. Else schlug vor, gemeinsamen ins Theater zu gehen, doch Max stürzte, als er einen Freund besuchen wollte, in irgendeinem finsteren Berliner Treppenhaus und brach sich das Bein. Es war ein komplizierter Bruch, man verhieß ihm, dass es lang dauern könne mit der Genesung. Nun saß er wieder bei seinen Eltern am Pariser Platz. Sie stellten ihm eine Staffelei ins Teezimmer, malen konnte man auch im Sitzen.

Georg fand, sie sollten den Kranken besuchen, er selbst habe zu wenig Zeit, aber Else und Martha, die könnten doch gehen. Sie fanden Max zeichnend, den Skizzenblock auf dem hoch gelagerten Gips abgestützt.

Das Jungenhafte war weniger geworden, ebenso wie seine Haare, aber er vibrierte vor Energie, drehte mit den Händen die Reifen seines Krankenstuhls, rollte alle Augenblicke einen Zentimeter vor und einen zurück, was ein scheußliches Quietschen auf dem Parkett verursachte.

Wie solle er das ein halbes Jahr aushalten, begrüßte er die Schwägerin und ihre Schwester. »Die Treppe zu rasch hinuntergesprungen, die Strafe folgte auf dem Fuße, wie man sagt, bei mir war es wörtlich zu nehmen, vielleicht war es auch zu viel Bohnerwachs, über die preußischen Reinlichkeit kann man leicht zu Fall kommen, das sähe mir ähnlich. Und als ich mich holterdipolter auf dem Treppenabsatz wiederfand, war das Bein so scheußlich verdreht wie ein Putzlumpen, der gerade ausgewrungen wird.«

Er wurde bedauert.

Diese Unruhe! Mal nahm er einen großen Zeichenblock zur Hand, da hörte wenigstens das Quietschen des Rollstuhls auf, dann legte er den Block auf die Seite, nahm ihn wieder auf, er betrachtete die Schwestern, erst Else, dann Martha und wieder Else, setzte einen Strich, fuhr rasch, Augenbrauen skizzierend, über das Blatt, mit dem Stift den Nasenrücken fassend, die Lippen nur andeutend, den Bogen der Wange in einem Schwung, war das Martha oder war es Else? Wie rasch aus dem Blatt ein Gesicht aufstieg! Der Zauber geborgen in der Andeutung, am schönsten im Vorausahnen. Er hielt die Skizze hoch. »Martha«, sagte Else, »Else« sagte Martha. »Sie müssen draufschreiben, wer von uns beiden es sein soll. Noch ist zu wenig zu erkennen.« Er malte ein Oval unter die Spitze eines hohen Kragens. Martha trug dort eine Brosche.

Im Herbst war er so weit genesen, dass er zur Kur nach Bad Gastein aufbrechen konnte. Die Eltern begleiteten ihn. Wieder war er fort und es war keine Rede davon, dass er nach dieser Reise in seine Heimatstadt zurückkehren wolle. Stattdessen schickte er Postkarten aus Venedig, wohin er von Gastein aus weitergefahren war. Malerkollegen, die er dort traf, allen voran Lenbach, rieten ihm, nach München zu kommen, das sei die Stadt für einen Maler, und so blieb er auf dem Rückweg einfach dort.

»Die Eltern haben ihm seine Sachen aus Paris schicken lassen«, berichtete Else.

Während des Winters war wenig von ihm die Rede, aber im Sommer 1879 stellte Max bei der Internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalast in München das Bild aus, an dem er den ganzen Winter gearbeitet hatte: Jesus im Tempel. Es gab einen Eklat.

Georg tobte: »Kann mein Bruder nicht ein einziges Mal ein Gemälde ausstellen, das keinen Skandal macht? Ein einziges Mal nur ein Stillleben oder eine Landschaft? Muss sich denn ein Jude ausgerechnet mit Jesus im Tempel beschäftigen? Jesus im Tempel! Da ist doch leicht zu erahnen, dass die christlichen Herren Kunstkritiker nie zufrieden damit sein können. Und warum hat er ihn dargestellt wie einen Bengel aus dem Scheunenviertel? – Schmutzig – schreibt Pietsch hier«, Georg klatschte die Vossische Zeitung auf den Teetisch: »Sein Jesusknabe, ein plumper, nacktbeiniger, schmutziger Junge in, drücken wir’s zart aus, isabellfarbigem Hemd.«

Else sagte, er habe sich gewiss nicht gedacht, dass es so einen Aufruhr geben würde.

»Eben! Eben, das hat er sich nicht gedacht. Was er unseren Eltern damit antut zum Beispiel, die ihm sein Künstlerleben finanzieren, hat er nicht bedacht. Die trauen sich ja nicht mehr auf die Straße. Es ist nichts als Provokation allerübelster Art.« Wenn sein Bruder glaube, so eine gewisse Berühmtheit zu erlangen, dann habe er sich einen Weg gewählt, der ihnen allen eher schade als Ehre bringe.

Es entstand im Luftholen ein Moment der Ruhe, da sagte Martha mit ihrer klaren, ruhigen Stimme: »Er malt, wie er meint, dass es sein muss.«

Georg überlegte einen Moment, wie viel Höflichkeit gegenüber einer Schwägerin nötig war, dann sagte er: »Ihr werdet sehen, dass solche Darstellung den Hass auf uns Juden, der gerade wieder am Aufblühen ist, nur weiter befeuern wird.«

Er hatte recht.

Der Hof- und Domprediger Adolf Stöcker donnerte sogar von der Kanzel herab, dass lauter jüdisches Geschmeiß, die christlichen Dinge verhöhne und verspotte.

»Stöcker ist Sohn eines Wachtmeisters«, sagte Felix, »was will man da anderes erwarten.«

»Wirklich beunruhigend ist, dass der Hof ihn schließlich zu dem gemacht hat, was er ist«, hielt Georg entgegen.

Mindestens ebenso beunruhigend sei Treitschkes Einfluss, sagte Felix. »Stöcker ist nur für die Bigotten zuständig, Treitschke zieht die Intelligenz an. Er fasziniert, das ist das Schreckliche. Daraufhin sind die meisten geneigt zu glauben, es sei schon was dran an seinen Auslassungen über die Juden. Ich habe es selbst erlebt. Wenn er in seinen stets überfüllten Vorlesungen die absurdesten Behauptungen herausbrüllt – der Alte ist ja stocktaub –, dann springen die Studenten, vor allem die korporierten, auf Tische und Stühle und schwenken ihre Taschentücher zum Zeichen ihrer Zustimmung. Es ist fatal, dass gerade jetzt, wo die Juden bereit sind, ganz und gar in diesem Staate aufzugehen, und ihre größten Leistungen für ihn erbringen, nicht mehr allein auf den Gebieten des Handels, sondern gerade in der Wissenschaft und auch in der Kunst, sich solche Stimmen erheben.«

»Es ist nicht fatal, es ist normal. Da spielt doch Neid und Missgunst die größte Rolle. Und nun, da wir eine Wirtschaftskrise haben, sind die Juden natürlich auch wieder schuld. Im Übrigen erlaube ich mir, was die Leistungen in der Kunst anbetrifft, die unseres Bruders anzuzweifeln. Das Einzige, was er wirklich geschafft hat, ist, die Stöckers und Treitschkes noch mehr von ihrer Theorie zu überzeugen. Darauf hätten wir nun wirklich verzichten können.«

Die Familie war zweigeteilt in der Einschätzung der Affäre. Felix, Max jüngerer Bruder, der ihm von den Geschwistern am nächsten war, und die Schwester Anna standen auf Max Seite. Georg und der Vater fanden das Ganze eine reine Eselei, die nichts als Peinlichkeit verursache.

»Und das ist noch milde ausgedrückt«, sagte der Vater. Die Mutter meinte: »Der Junge sollte nach Hause kommen und heiraten. Wenn er erst einmal Familie hat, wird er sich seiner Verantwortung bewusster sein.«

Die Eltern Liebermann beschlossen, im Herbst nach Bad Gastein zu fahren, und fragten ihr Mündel Martha, ob es nicht Lust habe mitzureisen. Else, gerade schwanger und mit hausfraulichen Pflichten ausgelastet, wolle nicht. Max Schwester ebenso wenig. Martha fand das Zusammensein mit dem Vormund nach wie vor mühsam, die Gespräche zäh, aber im Grunde gab es keine Möglichkeit, »nein« zu sagen, ohne die Liebermanns zu brüskieren. Auf dem Weg nach Gastein wolle man übrigens dem Künstlersohn in München einen Besuch abstatten. Zwei Tage, nicht länger. Vielleicht wollten sie ihm ins Gewissen reden. Vielleicht hofften sie, ihn heimholen zu können. Vielleicht war Martha ihr Köder.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
25 kasım 2025
Hacim:
301 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783869152677
Telif hakkı:
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