Kitabı oku: «Mariedl»
Zum Buch
Das größte Weib, das je gelebt hat – so wird Mariedl, geboren 1879, bezeichnet. Bereits in der Pubertät erreicht sie eine Größe von 2,17 m. Eigentlich träumt sie von einer eigenen Familie, doch welcher Mann liebt schon eine Riesin? Das Mädchen hat immer Hunger und kann von ihrer armen Bergbauernfamilie kaum ernährt werden. Doch sie hat Glück, denn eines Tages taucht Melchior Balthusi auf – ein Schaubudenbesitzer, der die sanfte Mariedl in die weite Welt entführt …
Sophie Reyer
Mariedl
Die Riesin von Tirol

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung der Südtiroler Landesregierung

© Edition Raetia, Bozen 2020
1. Auflage
Grafik Umschlag: Dall’O & Freunde
Foto Umschlag: Sammlung Paul Felizetti
Grafisches Konzept und Druckvorstufe: Typoplus
Lektorat: Verena Zankl
Korrektur: Helene Dorner
ISBN 978-88-7283-739-9
e-ISBN: 978-88-7283-752-8
Der Verlag bedankt sich bei Samantha Schneider und Inga Hosp, die mit ihrem Buch „Die Riesin von Ridnaun. Abnormitäten, Kuriositäten, Schaustellungen“ (Edition Raetia 2001) die Grundlage für diesen Roman geschaffen haben.
Anregungen an info@raetia.com
Unser gesamtes Programm finden Sie unter www.raetia.com.
Inhalt
1.Prolog
2.Riese Landschaft: Ridnaun
3.Großer Großvater
4.Die erste Schuld
5.Große Pulte für große Mädchen
6.Maria und die Kühe
7.Im Volksblatt
8.Es geht weiter
9.Pfarrer Engl
10.Die Sprache der Musik, die Sprache der Wissenschaft
11.Der gütige Arzt
12.Endlich ein Bett!
13.Maria wird berühmt
14.Die große Stadt
15.Rita und die große Show
16.Mariedl und der erste Auftritt
17.Weiterreisen
18.Eroberungen
19.Alte Liebe
20.Kolossale Freaks
21.Verlorene Lieben
22.Hamburg
23.Eine besondere Show
24.Clive Darril
25.Schlagzeilen
26.Man kommt sich näher
27.Wurstlprater, Fixstarter
28.Riesin Brummbär
29.Seekrank
30.Mariedl und die Musik
31.Das London Hippodrome
32.Kastanien und Kürbisse
33.Der Sturz
34.Der Besitzer wird wütend
35.Ein echter Heiratsantrag
36.Neues Terrain
37.Automobilwerbung
38.Manchester
39.Hull
40.OXO
41.Back home
42.Heimat und weiter
43.Zurück in Berlin
44.Hannover
45.Wer nicht wagt
46.Bremen
47.Mariedls Geschenk
48.Immer noch
49.Altern
1. Prolog
Eine Riesin, werden sie später sagen. Und zugegeben: Das hört sich gut an – Mariedl, die Riesin. Die Riesin von Ridnaun! Wohlklingend, nicht wahr? Tritt um die Jahrhundertwende einfach als Schaustellerin, Gauklerin auf – und das als Frau! Und diese großen Hände, die massigen Füße, der Körper, der sich in einem normalen Menschenbett krümmen müsste, kaum zur Ruhe käme! Exotisch, finden Sie nicht, nein? Im Gedächtnis der Menschen wird sie bleiben, diese Mariedl. Die Monsterfrau mit ihren zwei Komma siebenundzwanzig Metern! Ungewöhnlich, wird man sagen.
Und so mancher Voyeur erfreut sich an ihren Geschichten. Die Zirkusqueen, die da in Tiroler Tracht auftritt, der Freak mit den großen, langen Armen, die da so herabbaumeln, als wären sie Fremdkörper. Ja, im Wiener Prater wird sie viele Jahre später noch zu finden sein, in Wachs gebannt, diese Dame. Und ist sie auch nicht die größte Frau der Welt: Maria ist zumindest eine Frau von Welt! Wen wundert es da, dass die Erinnerungen an sie noch heute wach sind in dem kleinen Südtiroler Tal?
Was heute noch wirklich greifbar ist von ihr, ist zeitgenössischen Zeitungsartikeln und Werbeannoncen zu verdanken. Aber wie viel davon stimmt wirklich? Und könnten sich die Dinge vielleicht doch ein wenig anders zugetragen haben? Wer war die Riesin von Ridnaun? Und vor allem: Wie? Wie war diese Mariedl, abgesehen von ihrer Größe?
Vielleicht gibt es eine Antwort hier in der morgendlich schlafenden Landschaft von Ridnaun, deren Bergriesen friedlich daliegen wie eh und je. Wir müssen auf die Reise gehen: dorthin, wo alles beginnt.
2. Riese Landschaft: Ridnaun
Des Morgens scheint die Landschaft zu schlafen, wenn sich die Schwere des Sommers über sie senkt. Hin und wieder kreuzt ein Vogel mit zackigem Flug das Firmament, es wippen und zittern die Gräser der Weiden und Wiesen im leichten Wind, der sie streichelt, kaum merklich das Gras frisiert: Ridnaun. So liegt es da, das Tal, schlummert in den Morgenstunden vor sich hin, nordwestlich von Sterzing in Südtirol. Hohe, bewaldete Gebirgsketten ragen schroff in den Sommerhimmel hinein, hier und da ist einer der spitzen Gipfel von Schnee und Eis überzuckert. Über achtzehn Kilometer erstreckt sich die Region, umfasst mehrere Dörfer. Da wird es später über Gasteig weiter nach Stange, Mareit, Ridnaun und Maiern gehen – und würde man die nördliche Seite des Schachts betreten, so würde man in Telfes ankommen. Jetzt aber liegt der Riese Landschaft, der stetig anwächst, bloß schlafend da und begrüßt den Morgen.
Wir schreiben das Jahr 1879, und Ridnaun ist eine kleine Gemeinde im hintersten Teil des Tales. Der kleine Ort neben Maiern erwacht gerade zum Leben. Und siehe: Bald schon krähen die ersten Hähne, sickert der Tau in den Boden, beginnt die Sonne, noch ein orangeroter Ball, immer höher zu steigen. Kostbar sind diese Morgenstunden, so wissen die Bewohner des Dörfchens: Die Arbeit ruft! Die Landschaft will beackert, das Vieh auf die Weide getrieben werden!
Man lebt hier von der Landwirtschaft, Viehzucht, Milchwirtschaft – und hin und wieder verliert sich der eine oder andere Arbeiter auch im Bergwerk am Schneeberg, wo, so munkelt man, angeblich die Zwerge leben! Ehrlich! Und darum habe man dort, so erzählen die Bewohner des Dorfes, vom 13. bis zum 15. Jahrhundert sogar Silber abgebaut.
Menschliche Riesen hat im Tal lange Zeit keiner gesehen. Dann jedoch kommt die Maria.
Es ist also ein Sommer, in dem alles anfängt. Ein Sommer, in dem der Wind hinter dem Haus das Gras peitscht. Wie ein wilder Gesang klingt es, die Tage riechen nach Stroh, Hitze und Arbeit. Der Vater, ein einfacher Bauer, befindet sich gerade mit dem Hund beim Vieh. Er ist ein kleiner rothaariger Mann, der Josef genannt wird. Josef, der Rote. „Der Rote hat gut getanzt“, sagt man im Dorf gerne über ihn.
Josef Faßnauer ist also mit dem Hund unterwegs, als seine Frau Theresia niederkommt.
Im Garten tummeln sich die Kühe. Im Haus ein Schrei, der sich verdoppelt. Neues Leben, zwischen den Lenden der Theresia Faßnauer herausgerutscht.
„Ein Mädchen!“, hört man die Stimme der Hebamme.
Theresia Faßnauer verdreht nicht die Augen. Josef, Bauer und Hofbesitzer, ist ein guter Mann. Er wartet nicht auf einen Buben für den Hof. Er liebt Mädchen. Er schweigt gerne und seine Augen schimmern vor Güte. Manch einer im Dorf hänselt ihn wegen seiner roten Haare, doch das ist ihr egal. Denn die Hände dieses Bauern Josef sind wie Teig, und eine gute Partie ist er obendrein; die Kapelle des Dorfes wird von ihm betreut und beschützt die ganze Familie. Sie ist der Maria Schnee geweiht. Und so wird auch das Kind heißen, weiß Theresia längst schon: Maria!
Theresia dreht den Kopf, auf dem ein zarter Schweißfilm glänzt, zur Seite. Ihre Finger strecken sich langsam in die Luft, greifen nach dem Wesen, das man ihr überreicht. Runzelig und ein wenig hässlich sieht es aus, verschrumpelt. Sie seufzt, schließt die Augen.
Da kommt Josef nach Hause, tritt keuchend an seine Frau heran, Schweiß auch auf seinem Haupt. Er wischt ihn von der Stirn. Die Hitze drückt. Schlafend liegt die Kammer da, in diesem Haus im hintersten Teil des Ridnauntals, das von den Riesen der Gebirge umgeben ist. Es liegt an der Schattenseite.
„Maria!“, sagt Theresia da und lächelt Josef an.
Das Kind aber schreit und schreit, hat weder Ablehnung noch Zustimmung in sich, da ist nur Helligkeit, ein Zuviel an Welt, das den Blick sticht. Denn anstrengend ist es zu beginnen. Eben noch hat eine Blase aus schummriger Düsternis und Wärme Maria umgeben, und dann das! Dieses Lärmen und Tönen um sie, diese vielen Farben! Maria schreit, sie weint, während die Nabelschnur abgeschnitten wird und man sie, kleines Bündelchen, in Theresias Arme legt.
Die Mutter streicht dem Kind über den zarten Kopf, lächelt.
„Maria“, wiederholt sie wispernd.
Josef lächelt.
„Weib!“, sagt er zufrieden. Einfach nur: „Weib!“
Er setzt sich an die Kante des Bettes, hält ein wenig Theresias Hand. In seinem Gesicht schläft die Güte der Landschaft, die hinterm Haus beginnt: das große Schweigen, die sprachlose Wildheit des Grases, wenn Gewitter und Hagelkörner es aufwühlen. Da ruht der Stein, der Fisch im schlammigen Teich, der hinter der Landstraße liegt. Ein großer Friede ist in seinem Gesicht.
Theresia Faßnauer wird müde. Das Kind schreit. Es ist der Schmerz, am Leben zu sein.
Der bellende Hund läuft dem Roten nach in die Stube, kläfft laut. Das Brüllen des winzigen, faltigen Bündels scheint ihn aufgeregt zu haben.
„Ruhig“, sagt Josef und fährt liebevoll mit der flachen Hand über dessen Kopf, wieder und wieder. Die Kuppen streichen, der Blick geht ins Leere.
Als er in das Zimmer zurückkehrt, zuckt auf seinem Mund erneut ein Lächeln auf, während er das Kind betrachtet, das neben der Frau auf dem Bett liegt.
Der Hund beruhigt sich. Seine rosige Zunge lappt aus dem Mund, er hechelt. Unter den Händen spürt Josef das Zwerchfell pochen. Er krault den Nacken des Tieres, greift dann nach dem Kind. Auch das Schreiende pocht, pulsiert vor Leben. Als wäre die Dichtigkeit der Welt für diesen kleinen Körper zu viel, denkt Josef.
„Was sagst?“, fragt Theresia mit matter Stimme.
„Gut hast das g’macht!“, sagt Josef.
„Ich weiß“, sagt Theresia.
Normalerweise ist sie eine geschwätzige Frau. Wie die Weiber aus dem Dorf liebt sie das Leiern der Rosenkränze, den Tratsch, den man auf der Parkbank hinterm Bauernhaus des Abends gern treibt, wenn Tau das Gras benetzt. Doch die Geburt hat sie erschöpft.
Für einen Moment herrscht Stille zwischen ihnen.
Josef, der stets mit allem zufrieden ist, lächelt wieder.
„Moidl“, meint er dann zärtlich und fährt über den hellen Haarflaum, der den Schädel des Kindes überzieht.
Theresia nickt.
„Moidl, ja, eine kleine Heilige!“
So ist es beschlossen.
Dann wird es wieder still zwischen den beiden. Nur der Wind pfeift von den Riesen der Gebirge zu ihnen her und durch das Hoffenster herein. Mehr nicht. Es ist eine Vertrautheit zwischen ihnen, eine Seligkeit, die nur zwischen Menschen liegen kann, die sich lieben.
Das Kind ist zwischen sie gebettet: Es hat einen inneren Frieden. Es ruht zwischen den Eltern in der sie umgebenden riesenhaften Landschaft. Maria ist geboren.
3. Großer Großvater
Es ist immer ein Wunder, wenn neues Leben wächst. Und doch geschieht es wie nebenher. Hände werden größer, Beine wachsen sich aus. Auch Marias. Gerade Marias. Moidl, wie die Ridnauner sie nennen.
In den ersten Jahren gestaltet sich Marias Dasein unaufgeregt. Die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen. Marias Sommer sind bestimmt durch das Spiel mit der Schwester Rosa, die ein wenig jünger ist als sie, und die Arbeit auf der Weide. Wehende Kleider, die um die Füße baumeln, sie streicheln, sich zart, gleichzeitig aufregend anfühlen. Aufregend wie das Kitzeln des Grases unter den Sohlen. Aufregend wie die Blase der Schweine, die beim Schlachten entnommen wird und mit der dann, während man das Fleisch auf dem Feuer grillt, Ball gespielt wird.
Spielen: Das ist es, was Maria und Rosa am liebsten tun. Oft läuft Rosa der Schwester hinterher, eine riesige Puppe aus Stroh mit sich schleppend. Sie spielen, die Mutter nachahmend, Hausmütterchen, mit einem Tuch um den Kopf. Schon damals ist eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Und das wird so bleiben. Auf allen zukünftigen Reisen wird Rosa die Riesenschwester begleiten. Jetzt aber ist diese blonde Kleine mit dem Puppengesicht selbst noch ein Kind. Und sie ist die Anführerin. Quirlig und aufmüpfig weiß sie um ihre Macht. Maria ist zwar größer, aber gutmütiger und ein wenig dumpf – sie lässt sich leicht manipulieren, sagt zu Rosas Ideen meist „Ja!“ und lächelt gütig.
Rosa ist eine Draufgängerin. Doch ihr Charme kompensiert.
„Wart!“, ruft sie der Maria nach, wenn die mit großen Schritten voraneilt, um des Nachmittags nach getaner Arbeit wieder ein wenig zu spielen.
Zum Brunnen vor der Kapelle zieht es sie. Für die Kinder ist es eine Weltreise; der Feldweg lang und gefährlich. Die Beine muss man einziehen, wenn Schlangen des Weges kriechen. An den Rand muss man flüchten, sobald einer der Gaukler mit einem Leiterwagerl kommt, oder eines der Pferde, deren Hufe laut rattern. Im Sommer zieren schneckenartig zusammengerollte Ballen aus Laub die Straße, sehen aus wie die Nussschnecken, die Maria nur zu Weihnachten zu essen bekommt. Rosas Füße laufen, straucheln, sie will unbedingt schneller sein. Maria drosselt ihr Tempo und folgt der Schwester zum Brunnen vor der Kapelle, beginnt eifrig zu schöpfen wie sie.
„Ich koch jetzt Suppe“, sagt Rosa. „Für den Vater.“
Maria nickt. Obwohl sie älter ist, lernt sie von der Schwester. Sie übernimmt: die Gesten, die Art zu gehen. Denn Rosa scheint viel sicherer zu sein!
So lässt Maria sich von Rosa, der sie doch an Größe und Stärke um einiges überlegen ist, auf einem kleineren Heuballen neben den Brunnen ziehen – wie das kratzt unter den Pobacken! Maria und Rosa klettern auf einen größeren Ballen und schlenkern mit den Beinen, sehen in die Ferne und trinken von dem Wasser, das ein bisschen lehmig schmeckt. Die Sonne brennt, die Hitze sticht.
Sonst geschieht nichts. Und das ist gut so, denn die Kinder sind müde. Hin und wieder ein Habicht am Himmel, der gurrende Schreie ausstößt.
Maria sieht in die Tiefe des Brunnens. Ihr ist ein wenig bang.
„Deine Füße sind viel kürzer als meine!“, sagt sie dann zu Rosa.
„Das macht nix“, meint die. „Dafür ist deine Nase flacher! Du gerätst eben nach dem Großvater.“
„Ja?“, meint Maria und betrachtet sich selbst zweifelnd. Manchmal kommt sie sich unendlich fremd vor, wenn sie ihre Glieder betrachtet: wie eigenartige Gebilde, die nicht zu ihr gehören.
„Iss, Moidl!“, meint da die Schwester und holt eine Semmel aus der Rocktasche und ein wenig Milch, die sie in ihrem Schürzchen verstaut hat.
Maria stopft Semmel und Milch in sich hinein, bis ihr schlecht wird, sich alles aufbauscht in ihrem Mund. Rosa ist angetan.
„Wie schnell du essen kannst!“, ruft sie.
Beschämt zuckt Maria mit den Achseln und kaut weiter. Essen ist immer gut. Ob es auch hilft gegen die Angst vor der Höhe auf dem Heuballen? Egal. Maria seufzt und entspannt sich. Rosa sitzt neben ihr und riecht nach Milch und Sonnenbrand.
In dem Moment hüpft etwas vom benachbarten Baum auf sie herab.
„Ein Kätzchen!“, ruft Rosa aus.
Maria betrachtet das kleine Bündel, das nun zwischen ihnen sitzt und leise maunzt.
„Wie herrlich!“, kommt es aus Maria, und sie betrachtet das Tier genau. Es muss gerade geboren worden sein! Es hat einen roten Gaumen und passt genau in eine Hand, so winzig und zart ist es, noch ganz ohne Fell, nur von einem Flaum bedeckt. Sie könnte es zerdrücken, denkt Maria – stattdessen aber will sie es wiegen und besonders gut zu ihm sein. Maria denkt, dass sie die Kätzchen lieb hat.
„Erzähl doch mehr vom Großvater!“, bittet sie Rosa, während sie das Tier hin und her schaukelt. Denn Rosa kann so gut erzählen, so unbedarft und hell ist ihre Stimme, und ihr Lachen perlt und kitzelt, fühlt sich an wie nieselnder Regen.
„Also, unser Ahnherr, das war ein rechter Hüne!“, meint Rosa wispernd.
Was die Rosa für Worte kennt!, denkt Maria. Bestimmt ist das so, weil sie dem Dorfpfarrer Engl besonders neugierig lauscht, sagt sie sich und geht in der Magie der Erzählung verloren, während es in ihren Armen schnurrt und summt. Hüne, das muss wohl ein großer Mann sein, oder?
„Der Großvater war ein wackerer Riese. Gegessen hat er wie ein Heudrescher, und er konnte, stell dir das vor, das Dach mit seinen Füßen heben. Ehrlich!“, fährt Rosa mit großen Augen fort.
Maria ist fasziniert. Sie betrachtet ihre eigenen Beine. So stark wäre sie auch gern!
„Erzähl weiter!“, bettelt sie, doch es ist zu spät – die Mutter kommt mit starken Schritten anmarschiert, die Hände in den Rocktaschen: „Abmarsch, Kinder, heut ist nix mehr mit Spielen!“
Enttäuscht verzieht Rosa die Lippen zu einem Strich.
„Warum?“, will sie greinend wissen.
„Genau!“, echot Maria mit der bassigen Stimme, die ihr eigen ist.
„Warum?“, fragen die Mädchen dann noch einmal im Chor.
Theresia seufzt und wischt sich die Hände, die noch ein wenig schmutzig vom Teig sind, an ihrem rot-weiß karierten Rock ab.
„Gäste gibt’s!“, erklärt sie lapidar.
Mit einem Stöhnen hüpft Rosa, gefolgt von der verträumt an den Großvater denkenden Maria, vom Heuballen und hastet hinter der Mutter her. Maria muss nicht hasten, ihre Beine sind fast so lang wie die der Mutter. Beeilen tut sie sich dennoch, aber bloß innerlich. Gäste – sie weiß, was das heißt! Denn ein neues Phänomen beginnt gerade im Ridnauntal Fuß zu fassen: der Fremdenverkehr.
Ausschlaggebend war die Eröffnung der Bahnlinie Bozen–Innsbruck. Maria hat sie schon einmal gesehen, und großen Respekt hat sie vor dem Schnarren und Rauschen des Zuges, dem Singen der Maschinen! Angeblich liegt es an diesem Monster, dieser Bahn, dass immer mehr Leute ins Tal kommen. Der Ausbau der Straße von Sterzing nach Mareit, die weiter nach Ridnaun führt, sowie die Eröffnung einer Gendarmeriestation und andere Neuerungen machen es den Besuchern leicht. Der Schwarm an Touristen bleibt nicht aus. Rundherum floriert es. Der Deutsche und der Österreichische Alpenverein organisieren in diesen Tagen durch die Errichtung von Schutzhütten und Wanderpfaden die Erschließung der Berge für die Gäste.
Immer wieder kehren Wandernde auch bei ihnen am Hof ein, kaufen Käse oder Milch, trinken etwas oder lassen sich von der Mutter bekochen. Dann helfen die beiden Töchter freilich stets brav aus. Vor allem Maria. Nie schimpft sie. Die Milchkannen, die Äpfel, das Laub. Wieder und wieder packen ihre Arme zu. Bereits jetzt schon, in frühen Jahren.
„Arbeiten kann die Moidl!“, sagt die Mutter dementsprechend anerkennend, kaum dass sie heimgekehrt sind, Kartoffeln zu schälen, um einen der Gäste zu bekochen. Maria lächelt, ihr Blick kippt beim Schneiden ein wenig nach innen, während die Mutter Öl in die Pfanne gießt.
Maria träumt von dem starken Großvater und ein wenig von der Sanftheit des Kätzchens. So ist auch dieser Sommertag ein guter Tag.
4. Die erste Schuld
So wächst es heran, dieses besondere Mädchen. Und zugegeben: Maria wächst schneller als die anderen. Im ersten Schuljahr ist Maria so groß wie die Kinder beim Ausschulen. Und manchmal macht ihre laute Stimme den Kindern richtig Angst.
Natürlich kennen alle im Dorf Maria, sie, der es so leichtfällt, auf Heuballen zu klettern, und die im Laufen alle mit Gelassenheit besiegt. Und die die Musik liebt, von Kindertagen an. Während die kecke Schwester Rosa des Nachmittags backt oder kocht, spielt Maria gern mit der Ziehharmonika, und manchmal summt sie dazu, sanft wie eine Hummel. Dann ist Maria wie verändert.
Wie ihr Haar im Wind fliegt, wie der Wind ihr über die Stirn streicht, wenn sie da am Hof sitzt! Ganz bei sich ist Maria da! Sie kostet den Wind. Den Wind, der sie mit seinen Lippen streift, der sie leckt, wieder und wieder.
Auch das sind die Sommer im Hof in den ersten Jahren, süßlich weiß, und die Steppe hinterm Haus flattert und flirrt nur so von Insekten. Ein Bild jagt das andere, die Welt stürzt in Maria hinein. In sie, das Riesenkind. Vor den flüchtigen Schatten der Bäume, die sich im Wind wiegen, zerrinnt die Welt. So gefällt es ihr.
Leer und friedlich ist es hier, nur Ebene und Boden, von dem Rauch aufsteigt. Allein der Sonnenaufgang macht die Welt bunt, übergießt sie mit einer orangenen, vor Schönheit fremden Glut.
Und diese Luft! Maria trinkt so gern die Luft. Wie voll sie ist, erfüllt von sich! Der Tag, an dem man nicht arbeitet, scheint dann unendlich lang, die Stunden des Sommers bröckeln nur so dahin in der Hitze, und Musik ist das Einzige, das gegen die Langeweile hilft. Aber die Langeweile macht Maria keine Angst. Denn alles scheint aufgehoben zu sein in sich selbst. Und Maria kann beobachten, was sie will. Kann lange Zeit still halten. Wie ein Baum steht sie manchmal einfach bloß da in der sirrenden Landschaft, sieht die Dichtigkeit der Welt an, die sie umgibt. Da schläft ein Gänslein im Schatten des Baumes. Da sitzt eine Fliege, reglos. So, als würde sie einfach nur auf ihren Tod warten. Oder? Maria lernt die Ruhe von der Fliege.
„Träumst schon wieder?“, meint da die Rosa, die gerade mit wackerem Schritt in den Hof kommt.
Maria lächelt still.
„Lass uns eine Mutprobe machen“, sagt die Schwester und führt ihre Lippen ganz nah an Marias großes Ohr heran: „Wir schauen, wer es schafft, beim Greißler eine Salzgurke zu stehlen. In Ordnung?“
Maria zögert. Sie bewundert Rosa, doch sie ist fromm – und man soll nicht begehren eines Fremden Gut, das hat sie doch gelernt! Ein Gebot soll das sein, vor dem großen Gott!
„Stehlen darf man nicht!“, sagt Maria deshalb zweifelnd, denn sie weiß, dass so eine Salzgurke was Besonderes ist.
„Sei kein Angsthase, Moidl! Bist du nur groß oder bist du auch mutig? Sag!“
Da seufzt Maria – und ohne ein weiteres Wort folgt sie der Schwester nach, die sich wuselnd wie ein Eichhörnchen in Bewegung setzt, den Feldweg entlang.
Im Tal also das Kaufhaus. Sie betreten es mit zögerlichen Schritten, und während Rosa über die Mutter zu plappern beginnt und damit Hanna Bacher, die dicke Verkäuferin mit den dünnen Strichlippen, in ein Gespräch verwickelt, geht Maria an das Fass mit den Salzgurken heran. Ein riesengroßer Schlund ist es. Ein Bauch, aus dem Maria mit ihren Händen vorsichtig zwei Gurken fischt.
Maria kann gut beobachten. Sie sieht aus den Augenwinkeln, wie geschickt Rosa Hanna Bacher ablenkt – und schiebt die triefenden Dinger tief in ihr Schürzentäschchen hinein. Aber: Langsam und bedacht ist sie dabei. Denn sie weiß: Jede ruckartige Bewegung zieht nur Aufmerksamkeit auf sich. Und die will Maria nicht. Auch sonst nicht. Weil sie doch eh so groß ist, da schauen die Leute ohnehin schon genug! In solchen Momenten hat Maria gelernt, sich unsichtbar zu machen – und das tut sie auch jetzt, um Rosa ihre Stärke zu beweisen.
„Danke also!“, sagt die Schwester da mit einem Mal laut, greift nach dem Apfelsaft, den sie von Hanna Bacher erstanden hat, und geht rasch auf Maria zu, um sie aus dem Laden zu schieben. Die krümmt sich im Verabschieden, macht sich so klein, wie es nur geht.
„Ich gäb’ euch ja gern einen Krapfen gratis mit“, seufzt Hanna Bacher, „aber so schnell schießen die Preußen nicht!“
„Die Preise heißt das doch!“, entgegnet Rosa altklug, die im Schulunterricht brav zugehört hat und immer wach ist wie ein Schwamm. Dass die Preußen nämlich ein Volk sind und mit dem Verkaufen nichts zu tun haben, so viel hat sie gelernt!
Anna Bacher aber ignoriert ihre Aussage. Von Bildung hat sie wenig Ahnung. Ihre Arbeit ist eine mit den Händen. Decken falten, Kuchen und Brot backen, dem Vieh die Wolle scheren. Das ist alles. Ihr Blick folgt den beiden Mädchen nach.
„Du wirst auch immer größer!“, ruft sie Maria hinterher.
Diese schaut sich nur kurz um und lächelt schief.
„Geschafft!“, meint Rosa, als sie wieder auf dem Feldweg sind, und drückt ein wenig gegen Marias Backe. „Du bist meine Heldin! Groß und stark wie unser Ahnherr!“
Ahnherr! Wieder fällt Maria auf, was die Schwester für Worte weiß – und das, obwohl sie doch jünger ist als sie! Sie nickt, doch mit einem Mal fällt ihr das Schlucken schwer. Auch später, als sie die Salzgurke essen sollte. Beide Gurken wird Rosa bekommen.
Als es zu dämmern beginnt, kriecht die Schuld noch tiefer in Maria hinein. Das Bauernhaus ist abends stets eine Schattenwelt, manchmal dumpf und friedlich, ja gemütlich, manchmal aber auch erschreckend. So auch an diesem Abend, nach Marias erstem Verbrechen. Zitternd starrt Maria aus dem Fenster und erwartet das Nachtmahl. Hinterm Haus nichts als rotverbrannte Ebene. Die Sonne ist ein Schlag ins Gesicht, das Gras säuselt, knistert und knackt unterm Gewicht des Windes.
Auch jetzt kann Maria nicht essen.
„Iss, du brauchst es!“, meint die Mutter, ihr noch einen zweiten Knödel auf den Teller schiebend.
Maria schüttelt den Kopf.
Theresia Faßnauer will ihr über die Schulter streichen, doch Maria zuckt zurück. Der Körper der Mutter erscheint ihr mit einem Mal zu weich, zu rund und perfekt, Maria kann ihn nicht ertragen. Sie selbst kommt sich unförmig und klobig vor. Egal wie viele Gurken sie auch stiehlt, denkt Maria mit einem Mal, nie wird sie dazugehören. Nie so sein wie Rosa oder Theresia.
„Ach, lass sie!“, meint der Vater gütig lächelnd.
In dem Moment will sie am liebsten sein wie der Vater Josef, der Rote, der da am Tisch sitzt und kaut. Anders ist er als die Frauen. Er plappert nicht, leiert keine Rosenkränze, er schweigt meistens, und wenn er etwas sagt, ist es ehrlich.
„Hast keinen Appetit?“, will Theresia besorgt wissen und befühlt Marias Stirn.
Maria schüttelt den Kopf. „Ich glaub, ich geh’ schlafen“, murmelt sie.
„Ist gut, Kind“, sagt Theresia ein wenig besorgt und drückt sie an sich.
Aber es fühlt sich nicht gut an. Der wogende Busen schnürt Maria den Atem ab. Macht ihre Schuld noch größer. Sie giert nach dem Vater. Dass sie sein will wie ein Mann, ein richtiger, starker Ahnherr, ein Kämpfer!, denkt Maria. So wartet sie auf Josefs Blick – doch der bleibt aus.
Schnell schläft Maria ein an diesem Abend. Doch mitten in der Nacht erwacht sie aus schrecklichen, brauenden Träumen. Kurz geht sie auf und ab, kauert sich auf den Flur, das lichtlose Knarren der Tür ist zu hören. Maria lauscht ein wenig und beginnt dann wieder einzunicken. Doch plötzlich schreckt sie erneut aus dem Schlaf hoch. Was ist das? Ein Donnern und Dröhnen ertönt, dass ihr ganz bang wird! Mit pochendem Herzen eilt Maria zurück in ihre Kammer, öffnet das Fenster und blickt hinaus. Da, ein Blitz! Er durchzuckt hell und drohend das Firmament. Gottes Hand greift als Leuchtader vom Himmel herab und wischt den Restschlaf aus ihrem Blick. Gott bestraft mich!, denkt Maria, und ihr wird das Herz schwer.
Regen sprüht sich aus, nasse Rinnsale entstehen auf dem Pflaster des Hofes, das vor ihr liegt. Da muss Maria aufstehen. Und sie hastet mit raschen Beinen zu dem heiligen Ort: der Kapelle. Der Regen klebt ihr das Haar an den Schläfen fest, aber das ist egal. Maria läuft und läuft, atmet schwer, immer wieder zucken die Blitze. Töt’ mich doch, Gott!, denkt das Riesenmädchen, während es zitternd vor der Kapelle zum Knien kommt. Schlammig ist das Gras, es drückt sich in ihre bloßen Füße hinein. Unter ihr schwappt und zischelt es.
„Verzeih mir, Maria“, flüstert sie. „Ich weiß schon, das soll man nicht tun. Und ich trag’ deinen Namen!“
Keine Antwort tönt von der Kapelle.
„Ab jetzt“, wispert Maria in den Regen hinein, „ab jetzt werd’ ich brav sein! Ehrlich!“
Und mit einem Mal ist eine Stille in ihr.
5. Große Pulte für große Mädchen
„Also, das wird nix!“, meint die Lehrerin Rosalie Magd, eine hagere Dame mit hochgebundenem Knödel, und schiebt ihre Brille auf der Nasenspitze zurecht. Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien.
Maria weiß nicht, wo sie hinsehen soll. Sie ist inzwischen zehn Jahre alt, aber aussehen tut sie nicht so, das weiß sie. Maria blickt schuldbewusst auf ihre viel zu langen Glieder.
„Ich fürchte, mein Kind“, säuselt die Lehrerin, und das Wort Kind klingt wie fremd in ihrem Mund, „wir müssen dir eine eigene Schulbank aufstellen.“
Mit zitterndem Blick sieht Maria um sich, findet schließlich einen Anknüpfungspunkt: Rosa. Klein, selbstbewusst und gerade sitzt die Schwester da auf ihrer Bank und sieht Maria zuversichtlich an. Wie ein spitzer Pfeil wirkt Rosa.
„Große Helden brauchen große Bänke“, platzt sie heraus, die Schwester in Schutz nehmend.
„Dich hat keiner g’fragt, Rosa!“, entgegnet die Lehrerin.
Maria sieht deren Gesicht an, in dem welk ein Mund liegt. Der Mund der Lehrerin ist ein vertrocknetes Blatt, denkt sie. Aber sie nickt nur und nickt. Steht sofort brav auf, der Lehrerin zu helfen. Das Heben der Schulbank stellt für sie kein Problem dar.
Mit eingezogenen Schultern, Schildkröte spielend, hievt Maria das Holzpult, das eigentlich für große, also erwachsene Menschen wie die Lehrerin gedacht ist, in den Raum. Platziert sich möglichst weit hinten, sodass sie nicht noch mehr auffällt. Das freilich entgeht der Lehrerin nicht. Sie lüpft ein wenig ihren viel zu langen, kartoffelsackähnlichen Rock und meint mit greller Stimme: „Nicht so weit im Eck, Maria. Wir wollen schon, dass du zu uns gehörst, oder?“
Die Riesin blickt sich zweifelnd um, schaut wieder in Rosas Gesicht, sieht ihr zuverlässiges Nicken. „Ja!“, meint sie dann flach.
Bald schon beginnt der Unterricht, und man ist zum Glück mit anderen Dingen beschäftigt. Mit Kreide gilt es, auf die Schiefertafeln zu malen, Rechenaufgaben zu lösen, über das Vieh auf der Weide zu lernen, die Buchstaben nachzumalen, die Rosalie Magd mit ihrer krakeligen Schrift auf die Tafel kritzelt. Maria zieht die Beine ein unterm Pult, macht sich winzig und kippt vornüber in ihre Bücher. Die Buchdeckel sind ein Schutz, ähnlich wie ein Panzer oder die Rüstungen, von denen Rosa mal erzählt hat – so was haben nämlich nur die Ritter! Kaum blickt die Riesin auf in diesen Stunden.
„Mutterl, geht’s heim?“, will später auf dem Heimweg auch noch dazu eine Frau wissen, als Rosa und Maria über die Äcker zurück zum Hof wandern.
In Maria kriecht die Schamesröte hoch. Sie spürt, wie ihre Wangen heiß werden. Mutterl! Sie nennt sie Mutterl, denkt, dass sie eine erwachsene Frau ist!
„Ich bin ja selber noch Schülerin!“, antwortet Maria da und bemüht sich, die tiefe raue Stimme möglichst frisch und hoch klingen zu lassen – vergebens! Wie sehnt sie sich danach, eine Stimme zu haben wie die anderen Mädchen, die mit ihren Brezelzöpfen. Piepsig sind sie, hell und klar, und wenn sie lachen, dann klingt es unschuldig und kitzelig.
Rasch gehen Rosa und Maria weiter. Dass diese beschämende Begebenheit später eine beliebte Anekdote sein wird, weiß Maria jetzt noch nicht – und auch nicht, dass sie aus ihren vermeintlichen Schwächen bald schon Kapital schlagen wird. Denn: Alles kann verwandelt werden! Aber noch ist Maria bloß Kind, das von der Welt in einen zu großen Körper hineingeworfen wurde, die Seele winzig, krümmt sich zusammen in dem viel zu großen Raum, zieht sich zurück von allen und allem. Die Riesin Maria ist eine Schnecke. Nur die Musik tröstet und das Rauschen des Windes. So auch jetzt, als sie mit Rosa, den Lederranzen geschultert, neben dem Feldweg schlendert.
„Ob diese Frau wohl Gast beim Sonklarhof war?“, überlegt Rosa, die merkt, dass ihre Maria ein wenig zerknirscht aussieht.
In diesen Tagen nämlich ist der Sonklarhof, in dem immer wieder gern die Fremden einkehren, ein wichtiges Gebäude. Lang bereits steht er da, dieser Holzhof mit dem kleinen Erker und den ausladenden Hintergärten, hat der Vater einmal erzählt. Das ist lang, weiß auch Maria, denn sie kann die Jahre nicht an ihren Fingern abzählen!
Jetzt gehört der Gasthof der Anna Klotz, die sehr eingebildet ist. Vollbusig und leuchtend kennt jeder im Dorf diese rotwangige Anna mit den sinnlichen Lippen.
„Eingeheirat’ hat sie sich bei den Reichen!“, hat Theresia einmal abschätzig über sie gesagt. „Und sie denkt, sie weiß alles. Bloß weil der Mann Postmeister, Meisterschütze und ein fanatischer Alpinist ist!“, erinnert sich Maria an die Worte der Mutter.
„Na, was meinst?“, reißt Rosa Maria aus ihren Gedanken.
„Glaubst, war die ein Gast beim Sonklarhof?“
Maria zuckt nur mit den Schultern und sieht weiter auf den Weg.
Zum Glück kommen sie bald schon an einer Quelle vorbei. Maria hat die Quellen lieb, denn sie muss da immer an die Gottesmutter denken, die doch die Quelle des Lebens ist, wie alle sagen! So sieht sie verträumt dem Fluss des Wassers zu. Welle springt hier über Welle, überschlägt sich. Das Wasser hat seinen eigenen Rhythmus, einen Rhythmus des Friedens, der groß ist und gütig. Eine Art der Musik, die immer wieder sich selbst überspringt und die einen nach innen zieht, ganz hin zu sich selbst! Es braucht keine Worte, denkt Maria und blickt in die Sonne, die zwischen den Blätterdächern aufflammt. Ganz dünnhäutig ist ihr Zuhören. Das Wasser nichts als eine zerbrechliche Membran, die sich leicht zerdrücken ließe – und dann wieder doch nicht. So wie sie selbst irgendwie, denkt die Riesin: groß und grobschlächtig, aber innen ganz sanft, mit einem Herzen aus Glas. Sie sieht in die Wipfel, in den Himmel hinein, und der Blick wogt von Ferne zu Ferne. Das Ufer, die Lippe der Quelle, wispert geheimnisvoll.
„Was träumst denn schon wieder?“, murrt Rosa, während sie den elterlichen Hof erreichen.
„Ach nix“, entgegnet Maria, als sie die Küche betritt und ihren Ranzen ablegt.
Rosa natürlich kann ihren Mund nicht halten, und schon bald weiß es ein jeder. Freilich zuerst die Mutter, dann Hansl, Bernadette, Anna und Seppl, ja sogar der Vater hat’s gehört: „Eine eigene, größere Schulbank haben s’ aufgestellt, nur für die Moidl!“, ruft Rosa aus.
Maria schämt sich, aber die Mutter hat zum Glück anderes zu tun. „Ach ja?“, meint Theresia nur und knetet weiter ihre Knödel.
„Ich will auch eine eigene große Bank!“, ruft Seppl, der Letztgeborene, dessen rundes Gesicht ein heller Haarkranz umgibt, laut.
„Stimmt das wirklich?“, will Anna, die jüngste Schwester, mit ungläubigem Augenaufschlag von Maria wissen.
Diese aber schweigt bloß.
Rosa nickt und ihre hellen Locken wippen, die Wangen werden noch ein wenig rosiger dabei!
„Stellts euch vor“, wechselt der Vater, der zu merken scheint, dass Maria sich schämt, das Thema, „die Hallers erweitern ihr Anwesen um einen Speisesaal und um einen Trakt mit zwanzig Betten!“
Theresia verdreht die Augen. „Die können sich’s leisten“, meint sie lapidar.
Ein wenig scheint sie neidisch zu sein. Denn die Familie Haller hat viel Geld. Sie kann sich’s sogar leisten, den Hof nur in den Sommermonaten geöffnet zu haben. Achtzig Betten besitzt dieses Hotel, dazu jene zwanzig im Gästehaus! Und Strom haben sie auch, die Hallers, das ist etwas ganz Besonderes, weiß Maria Bescheid.
„Allerhand Komfort, ehrlich!“, meint Josef. „Die Reichen werden immer reicher.“
Theresia nickt und wäscht sich ihre Hände im Zuber, trocknet sie dann in der Schürze ab.
„Siebzehn Bergführer haben sie jetzt schon, die begleiten die Gäste. Wie der Haller das schafft, dabei auch noch die Teplitzer Hütte und das Kaiserin-Elisabeth-Schutzhaus zu betreiben?“, rutscht es der Magd Hedwig da heraus, die sich sofort auf die Lippen beißt und wieder den Knödeln zuwendet, als sie Theresias forschen Blick sieht.
Josef seufzt. „Manche sind eben mit Reichtum gesegnet!“
Maria überlegt. „Warum eigentlich wir nicht?“, will sie mit tiefem Ton wissen.
Die Mutter streicht ihr das Haar aus dem Gesicht und meint dann, den Topf für die Knödel auf den Herd hievend: „Weil der Herrgott was anderes will von uns!“
Josef verdreht nun die Augen: „Herrgott hin oder her. Wenn du viel lernst, über die Arbeit am Hof und übers Vieh und in der Schule, und hart arbeitest, dann mehrst auch das Geld!“
Maria begreift. Doch diese Idee gefällt ihr nicht. Sie lernt nicht gern. Die Worte im Schulbuch stechen wie Nadeln, Stecknadeln, zwicken ihr in ihren Blick. Sie sind ihr nicht weich genug; flirren und piksen ihre Augen noch, wenn sie sie längst geschlossen hält. Sie würde am liebsten nur liegen und träumen.
„Braucht man denn wirklich viel Geld, um glücklich zu sein?“, fragt Maria den Vater.
„Nein“, entgegnet Theresia. „Aber manches wird leichter!“
Maria überlegt wieder. Ob es ihr irgendwie gelingen könnte, die Eltern reich zu machen? Schließlich will sie, dass es die Familie gut hat.
Sie sieht die Mutter an, und für einen Moment wandert eine Wolke der Traurigkeit über ihren Kopf. Sie weiß selbst nicht warum! Aber dann wischt sie die dumpfen Gedanken ganz schnell weg und bemüht sich, guten Mutes zu sein.
„Soll ich dir bei den Krapfen helfen?“, will die Riesin von der Mutter wissen.
„Gutes Mädchen“, meint Theresia. „Ja, anpacken kannst! Deine eigene Bank, die hast dir verdient!“
Da wird die Riesin rot und greift rasch nach der Butter, um die Töpfe auszuschmieren.
6. Maria und die Kühe
Die Sprache der Tiere ist besonders, so viel hat Maria früh gelernt. Bereits in jungen Jahren liebt sie sie. Hat eine Freude mit ihnen, und wie! Das Vieh auf die Weide treiben, das sagt der Riesin zu. Denn die Kühe sind ihr ähnlich: sind dankbar, groß und träge und wollen nichts als ein wenig Gras fressen. Dicht bewimpert und gut sind ihre Augen, blicken um sich, friedlich. Nichts geschieht, außer dass vielleicht einmal eine mit ihrem Schwanz in die Luft peitscht, gegen eine Fliege ausschlägt, die sich in der Hitze auf den trägen, fetten Leib gelegt hat.
Als Maria eines Tages zur Quelle am Felsen streift, um Wasser zu holen, erscheint wieder eine kleine Katze am Wegesrand. Ihre Augen sind gerötet, ein wenig müde sieht sie aus. Maria lächelt sie an. Mit einer vorsichtigen Bewegung hebt die Riesin das winzige Tier in die Höhe und trägt sie mit sich. Dabei stößt sie murrende Laute aus, die die Katze schließlich erwidert, nachdem sie ein wenig kläglich gemaunzt hat.
Die Riesin Maria kann brummen, kann Wesen in den Schlaf brummen, wenn sie will. Als die Katze einschläft, platziert Maria sie unter einem Baum auf der Heide und geht zu den Kühen zurück.
„Na, meine schönen Mädchen?“ Maria streicht über deren Flanken, klopft die gemütliche Haut der Tiere. Sie ist jetzt elf und verrichtet daher noch mehr Arbeit.
Die Tage sind dicht getaktet. Maria streift in den Hof, um Brennholz zu holen. Dann melkt sie die Kühe, fasst die Milch in einen Topf und karrt Brennholz und Milch zu ihrem Lager. Die Katze liegt inzwischen eingerollt in sich selbst da.
„Gleich kommt Rettung!“, ruft Maria ihr zu und beginnt ein Lied zu singen.
Dann hebt sie die Katze an ihren Bauch, beginnt zu summen. So hat es auch die Mutter mit ihr gemacht, als sie noch klein war. Zärtlich flößt Maria der Katze die Milch ein. Ein Maunzen dringt aus dem Tier.
„So eine Freude machst“, sagt die Riesin leise. Glücklich, dass die Katze trinkt.
Dann aber heißt es, wieder zur Hauptaufgabe zurückzukehren: Die Kühe warten! Und Maria macht ihre Aufgabe gewissenhaft. Sie kennt jedes Kalb, jede Kuh, sie kennt alle Flecken, alle Farbstrukturen auf den großen, kompakten Leibern. Bereits als sie klein war, haben die Kälber an ihren Fingern genuckelt wie an Fläschchen, sie eingesogen, als wären es Zitzen. Kitzelig war das, samtig und besonders hat es sich angefühlt, und die Riesin hat es geliebt. Sie sieht den Kühen in die großen, traurigen Augen, und denkt, wie schön sie diese Tiere doch findet.
In dem Moment kommt Josef des Weges. Er zieht einen Wagen mit sich.
„Auf, Moidl!“, ruft er.
„Ja, Vater?“ Maria wendet ihm gutmütig ihr Gesicht entgegen.
„Zeit ist’s Holz zu ziehen. Der Hermanndl hat eine Ladung bestellt.“
Die Riesin nickt. Der Hermanndl ist ein Müller, der nicht weit des Faßnauer-Hauses wohnt. Immer wieder spielt ihr Vater gern mit ihm Karten, man trinkt oder geht auf die Jagd. Ob der Hermanndl ein Freund ist, hat sie sich oft gefragt. Aber Freundschaft, das ist kein Wort, das ihr Vater benützen würde. Große Männer tun das nicht, weiß Maria inzwischen. Auch wenn sie in Wahrheit friedlich sind und eine leberfleckige Haut haben.
Josef nähert sich seiner Tochter, die gerade wie ein Baum in der Landschaft steht. Hier darf sie es, die Moidl. Denn sie vertraut ihm. Vertraut den Gräsern, Kühen und Bäumen, bewegt sich in ihnen wie in ihrem Element. Hier macht ihre Größe keine Angst, denn ihre Augen sind gütig und ihre Hände zart, sie wissen, wie man nimmt und gibt und wie man streichelt.
Nun gilt es, die Kuh einzuspannen. Resi, eine braun gescheckte mit einem weißen Fleck auf der Stirn – grad da, wo die magischen Einhörner, von der Rosa immer erzählt, ihr Horn tragen, ist dran.
Dann geht’s los über holprige Wege. Stets schreitet Maria schweigend neben dem Vater einher. Der ist kein Mann der großen Worte – und wozu auch? Die Natur summt ohnehin, hier ist alles bei sich, hier spricht alles für sich, es gilt nur, zu lauschen, gilt, seine Kraft aufzusparen für den Feldweg: einen Schritt nach dem anderen, und die Schritte müssen fest und bedacht gesetzt werden. Einatmen, ausatmen. In der Anstrengung kommt Maria zu sich und denkt an die heilige Gottesmutter und dass Opfer einen Menschen schön machen. Darum, sagen alle, hat ja auch der liebe Jesus sich geopfert, oder?
Hin und wieder ächzt der Wagen, die Räder rattern über den Kies. Steiler und steiler wird der Weg. Da merkt die Riesin, wie Resi müde wird. Sie hört das beleibte Tier hinter sich atmen, erst zaghaft, dann intensiver. Schließlich kommt sogar ein Schnauben aus der Kuh. Gleichzeitig sieht Maria ein Kreuz aus Stein: „Ludwig Messerschmied 1811“ steht daruntergeschrieben, und mit einem Mal wird der Riesin bang. Abgestürzt muss da einer sein! Mit leicht zittrigem Blick sieht Maria den Hang hinab und dann zu Josef hin, auf dessen geröteter Stirn sich ein Schweißfilm gebildet hat. Der Weg fällt schräg ab, Maria hechelt, kommt vor Angst außer Atem, und als spüre die Kuh ihre Unsicherheit, verweigert sie sich schließlich. Bleibt stehen. Scharrt aus, schlägt mit den Hufen gegen den Feldweg.
Josef dreht sich um, wird wütend. In seinem Hemd haben sich Schweißränder gebildet.
„Komm“, wispert die Riesin, aber die Kuh schnaubt wieder. Schüttelt den Kopf.
Josefs Hand, breit und kerbig, holt aus, will nach dem Leib des Tieres schlagen.
„Nicht!“, ruft die Riesin und fängt seine Hand gerade noch mit der ihren ab.
Josef stutzt. Wie stark seine Tochter ist! Gerade erst elf, weist sie schon mehr Kraft auf als er selbst! Er betrachtet die Tochter, wie sie da mit langgezogenem Gesicht, großen Kulleraugen und starkem Blick vor ihm steht, und muss mit einem Mal an seinen eigenen Vater denken. Auch der war ein Hüne gewesen. Ein großer, roter Riesiger. Ähnlich still und gutmütig wie seine Tochter, die sich da mit einem Mal so heldenhaft vor ihm aufbäumt.
„Geh, Vater, tu die Resi da weg, das ziehe ich hinauf“, hört er Maria nun sagen. Josef kann es kaum glauben. Aber dann nickt er, nickt und sieht, wie seine Tochter mit wackeren Schritten das Tier abschnallt und den Wagen über den knirschenden Kies zieht. Es knarrt und knattert.
Das Holz biegt sich, die Räder wollen sich nur langsam drehen. Da begreift Josef, dass das Kind die Kuh liebt. Und die Kuh sie: Mit treuherzigem Blick schreitet Resi hinter seiner Tochter drein, die sich nicht aufregt, die nur atmet, ein und aus. Regelmäßig und bedacht. Josef folgt der Tochter und der Kuh, und er kommt sich mit einem Mal sehr klein vor.
Als sie die nächste weite Ebene erreicht haben, seufzt Maria kurz auf. „Ich muss mich hinsetzen!“
Josef nickt, wischt sich den Schweiß aus dem schütteren Haar und betrachtet die Tochter. Maria schimpft nicht, stöhnt nicht, sie setzt sich bloß bedächtig unter einen Baum und streichelt die Flanken der Kuh, die ihr die Nase gegen die Wange stupst, beinahe zärtlich. Josef kann es nicht fassen. Und dann kommen Worte aus ihm, dem schweigsamen Vater. Worte, die Maria nicht mehr vergessen wird: „Gut hast das g’macht, mein Mädchen!“
7. Im Volksblatt
So verstreichen die Tage, und mit knapp zwölf Jahren misst Maria bereits nahezu zwei Meter. Die größte Frauensperson des Bezirks ist sie jetzt, und das geht freilich an keinem im Dorf vorüber.
„Die Moidl ist im Tiroler Volksblatt!“ So erscheint Rosa eines Tages im Frühling, ein großes Blatt Papier in der Hand, und strahlt über das ganze Gesicht.
Theresia, die gerade dabei ist, die Milch fürs Frühstück zu wärmen, blickt nur kurz auf. „Na, das war klar, nach all den Fremden, die immer schauen kommen und dich Mutterl nennen“, meint sie lapidar zu Maria, die innerlich ganz klein wird.
„Ist die Moidl jetzt ein Held?“, will Hansl wissen, während er mit großen Augen das Faltblatt betrachtet. Lesen kann er zwar noch nicht, aber dass es was Besonderes ist, wenn über einen geschrieben wird, das ist auch ihm nicht entgangen.
Der Riesin Maria ist es peinlich. Sie betrachtet die Milchhaut, die in ihrer Schale schwimmt, und ihr Blick klappt mehr und mehr nach innen. Nur schnell trinken und das Frühstück hinunterwürgen!, sagt sie sich.
Maria ist traurig. Aber nicht nur wegen des Volksblatts. Ein wenig mag sie den Pepi, der vor ihr auf der Schulbank sitzt. Sie denkt an ihn. Der Pepi hat große braune Augen und eine helle Haut. Samtig ist er und ein wenig kompakt. Und vor allem ganz und gar nicht groß. Wie ein Monster wirkt sie neben ihm, das weiß sie. Und dass sie eingesperrt ist; gefangen in einem viel zu großen Körper, der die anderen Kinder um mehrere Köpfe überragt. Sie schämt sich dafür, und sie mag die Schule nicht. Auch wenn sie ihre eigene Bank hat und man sie in Ruhe lässt.
Unglücklich ist Maria. Wenn sie in der Schule ist, blickt sie aus dem Fenster, summt unmerklich das Klingen des Windes mit. Und sie wartet. Darauf, wieder nach Hause zu dürfen. Dann hilft die Arbeit, das Umherhieven der Kübel, das Füttern der Kitzlein, das Scheren der Schafe.
Wenn aber die Nacht herankriecht, wird es ihr oft wieder unendlich bang. Sie merkt, wie sie immer größer wird. Ihr ganzer Körper beginnt gleichzeitig, fühliger und fühliger zu werden. Die Augen sind Fühler. Sie wollen den Pepi betrachten, aber der ist zu schön und Maria ein hässliches, in sich gekrümmtes Ding. Sie darf das nicht. Sie verbietet es sich, ihn anzusehen. Nur aus dem Fenster sehen ist gut. Wenn der Baum hinterm Haus blüht, erinnert er anpink gefärbte Wolken. Wer leben will, muss gewisse Gedanken ausblenden, das lernt die Riesin jetzt. Sie muss vergessen. Muss den Pepi vergessen. Sie kann es sich nicht erlauben, zu viel an ihn zu denken. Stattdessen sucht sie Trost bei der Gottesmutter. Maria faltet die Hände, sie betet: „Liebe Mutter, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm’!“
Der Puls hinter der Stirn ist wie ein Hammer, durchzuckt sie, scheint sie zu zersprengen, während sie sich in sich selbst hineinbiegen muss, innerlich. Sich ganz klein macht. Trotzdem ist ihr bang. In allem spürt sie ihre eigene Falschheit, spürt, dass sie einfach nicht richtig ist, nicht so wie die anderen.
Auf den Heimwegen von der Schule, weiß Maria, glänzen aber noch immer die Umrisse der Quelle, die hinter ihrem Haus liegt im frühen Licht. Wie damals, als sie klein war. Allein darin liegt der Friede. Sonst nichts.
8. Es geht weiter
Gar nichts tun kann Maria dagegen, dass es sich so aus ihr heraus wächst. Sie weiß, alle schauen. Sie weiß, alle wollen etwas von ihr, als gäbe ihr übergroßer Körper Antworten auf irgendwelche Fragen. Sie ist doch bloß ein Schulkind! Das singen will, träumen und ein wenig den Pepi lieben, so ganz geheim. Aber auch der hat irgendwie Angst vor ihr, betrachtet sie immer nur mit viel zu großen Augen.
Doch das macht ihr nichts mehr aus, nach außen hin. Denn das Leben geht weiter. Der Alltag. Die Arbeiten zu Hause und auf dem Feld, die Maria mit Geschick verrichtet; das brauchen die Eltern, weiß Maria Bescheid. Sie haben nämlich wenig Geld, und da heißt es, sie brav zu unterstützen! Auch das Lernen betreibt die Riesin weiterhin. Auch das muss so sein.
Zumindest gibt es im Winter einen Monat, der sie erfreut. Dezember heißt er. Denn da ist Nikolaus und auch Weihnachten.
Doch bevor es so weit ist, dürfen sie in diesem Jahr einmal ausnahmsweise Onkel Beppo besuchen, der Koch in der großen Stadt Wien ist. Und: Wien ist magisch. Das wurde ihr erzählt, und das darf sie jetzt selbst erleben. Denn überall stehen sie, diese besonderen Läden. Sowohl um St. Stephan herum als auch in den Vorstädten. Es sind Zelte von Zauberern.
Und als sie ankommen in der großen Stadt, schimmert es bereits überall in scharlachroter Glut, im Zittern der flackernden Kienspäne im Licht. Blasse, offene Kerzen. Backwerk duftet Maria entgegen, ja, es türmt sich hier in diesen Bretterbuden auf, ist Gebirge, das man in den buntesten schillernden Farben verziert hat.
„Gefallen dir die Lebzelten?“, fragt Theresia, und Maria nickt.
Gierig saugt sie den Geruch von zarten Gewürzen ein, wieder und wieder. Der Anblick von verkleideten Nikoläusen, die mit Rauschebärten umherstreifen, vermischt sich mit denen von Wachslichtern und Tannenbäumen, und die Welt ist vermengt mit Staunen.
Abends, wenn Maria die Petroleumlampe an ihrem Bett anzündet, schimmert dieses Staunen noch weiter, und in Maria gehen dann Welten auf. Die Sehnsucht beginnt in ihr zu flammen, sie denkt kurz an die weite Welt, an das Singen, und ob es nicht vielleicht doch noch etwas zu entdecken gibt!
Doch bald wird sie wieder zu Hause sein, der Ausflug in die Stadt ist kurz und der Alltag hat mehr Gewicht, weiß die Riesin, und sie schiebt ihre Sehnsüchte wieder fort, genau wie die Gedanken an den Pepi. Denn alles geht irgendwie weiter.
9. Pfarrer Engl
Wie seltsam, denkt Maria, dass ich jedes Jahr älter werde! Zeit ist etwas, das sie nicht begreift. Noch ist sie innerlich klein und liebt wie jedes Kind die Wiederkehr, und dazu gehören diese Weihnachtsrituale, genau wie das Beten gegen Abend. Sie machen das Herz froh. Die Zweige der kahlen Bäume im Hinterhof ächzen, als man nach Hause zurückkehrt.
Der kleine Hansl wird weinerlich, weil er noch keines der Adventskästchen aufmachen darf, die die Mutter für die Kinder gebastelt hat.
„Erst morgen!“, mahnt der Vater.
Das will Hansl nicht hören.
„Brav sein“, sagt da Theresia, „weil sonst bringt dir der Nikolaus nichts! Und das Christkind erst recht nicht!“
Dass das Bravsein nur ein Vorwand der Erwachsenen ist, hat Maria längst begriffen.
Aber es ist ihr egal. Denn sie liebt Weihnachten. Sie liebt das Funkeln, das Knistern des Christbaums, das Knacken von ein wenig Gebäck, wie es aufbricht im Mund, und die flammenden Bäume.
Und die Freude, die Aufregung, liegt auch an diesem Abend in der Luft. In ein paar Wochen schon kommt das Christkind, und dann ist Maria trotz der Kälte heiter. Fast so schön ist das, als würde sie den Pepi sehen.
Auch der Dorfpfarrer Engl kommt um die Weihnachtszeit vorbei. Maria hat Achtung vor ihm, denn er spricht ja mit der Gottesmutter. Und darum muss man einen besonderen Eindruck bei ihm hinterlassen!
„Guten Tag, Herr Pfarrer!“, sagt Maria darum artig, während sich auch der Rest der Familie um ihn schart.
Theresia serviert Plenten. Der ist herrlich einfach, wie Schleim legt er sich weich in den Bauch hinein und macht Maria glücklich. Und die Mutter kocht ihn so gut! Plenten, das ist ein in der Pfanne gebrutzelter und gestockter Brei aus Maismehl, Wasser und einer Prise Salz. Salz ist kostbar, weiß Maria, es ist fast wie Silber, das die Zwerge in den Bergen hüten, wie Rosa immer erzählt.
Manchmal, wenn die Ernte glücklich ausfällt, gibt es auch Apfelmus. So wie heute. Dann isst Maria besonders langsam, denn sie will es genießen. Dieses Einfache, von dem alle immer sprechen, scheint für Maria das Beste zu sein.
So schlemmt sie nun vor dem Pfarrer, um nicht reden zu müssen, und schluckt mit jedem Bissen die Scham hinunter, die sie ob ihrer Größe hat.
„Ein Teller voll Plenten oder Mus genügt nicht; drei Schüssel müssen’s schon sein!“, grinst da Theresia.
„Ach ja?“, entgegnet Herr Engl und schiebt sich die Brille auf der Nase zurecht.
„Aber sonst ist sie nicht wählerisch“, nimmt Theresia die Tochter sofort in Schutz.
Ja, denn die Riesin hat früh gelernt, dass es das Beste ist, nicht zu viel zu fordern, zu wollen. Dass dann keine Enttäuschung geschieht, weil etwas zu wenig ist.
Der Pfarrer nickt.
„Ein gutes Mädchen ist’s, die Riesin!“, meint er und blickt für einen Moment in das Schneetreiben hinaus.
„Ja“, entgegnet Theresia und wischt sich ihre Hände in der Schürze ab. „Allein –“, sie zögert kurz.
„Ja?“, will der Geistliche wissen und betrachtet die Frau.
„Nun, das Bett ist ein wenig klein geworden, und die Moidl schläft schlecht“, gibt Theresia zu und senkt beschämt den Blick zu Boden.
Herr Engl schaufelt ein wenig Plenten in sich hinein, kaut und denkt nach.
„Ich werd’ sehen, was sich machen lässt!“, sagt er, denn es ist Weihnachten.
Die Riesin isst beschämt weiter, ihr Rücken knickt ein wenig ein. Gut, dass die Zeit vergeht, denkt sie, und träumt ein wenig von der Stadt, während sie ins Schneetreiben hinaussieht.
10. Die Sprache der Musik, die Sprache der Wissenschaft
Die Messe ist es, die Maria besonders liebt. Manchmal darf sie sogar bei Herrn Mossbacher, dem Organisten, sitzen, und das ist dann eine sehr große Ehre. Denn die Riesin liebt das majestätische Dröhnen der Orgel, liebt es, wenn im Leib des Kirchhauses diese monumentalen Klänge erschallen. Wie gebannt schaut sie dann von der Empore in die Kirche hinunter. Der Herr Pfarrer steht hinter einem prunkvollen, golden verzierten Altarbild in einem wallenden Gewand und hält die Hostie in den Händen. Vor ihm, in engen Sitzreihen stehend, die Masse der Dorfbewohner.
Die Menschen sehen klein aus von oben, die mit Heiligenfiguren bemalten Deckengewölbe hingegen wirken mächtig. Maria kann den Mund kaum noch zumachen. Sie schaut und schaut. Sucht nach bekannten Gesichtern in der Menge. Auf einmal sieht sie Rosas Haarschopf zwischen den anderen Köpfen aufleuchten, ihr besonderes Blond.
„Willst sehen, wie ich die Pedale tret’?“, fragt Herr Mossbacher, ein feister, freundlicher Mann, mit flüsterndem Atem.
Maria nickt. Sie reißt sich vom Anblick Rosas los, nimmt die Hände von der Steinbalustrade und nähert sich Herrn Mossbacher, der an seinem klobigen Instrument sitzt. Maria zieht sich ein Stück weit in die Höhe, setzt sich auf den Orgelsitz und zieht brav die Beine ein. Wie groß sie neben dem kleinen dicklichen Kerl aussieht!
Die Riesin bemüht sich, still zu sein. Sie schaut die langgezogenen Pfeifen mit den Schlitzen an, die nebeneinander aufgefädelt auf der Empore stehen. Ein Chor – Menschen, die kleine abgegriffene Büchlein vor sich aufschlagen und mit ernsten Mienen in Richtung Pfarrer starren – hat sich vor den Orgelpfeifen positioniert.
„Wie falsch die singen!“, wispert Herr Mossbacher der Riesin zu.
„Ja!“, brummt Maria bemüht leise.
Herr Mossbacher nickt, und die Haut um seinen Hals schlabbert dabei ein wenig.
Die Riesin blickt zu Boden und wäre jetzt gern kleiner, damit sie sich nicht krümmen muss. So könnte sie nämlich spielen wie der Herr Mossbacher. Mit gestreckten Beinen und flinken Sohlen!
Der Organist lächelt schief, der Chor beginnt in schrägen Viertelnoten zu singen. Die Riesin verzieht vor Begeisterung das Gesicht und blickt die hölzernen Pedale an, die unter ihren Füßen aufgereiht sind. So vergeht die erste Hälfte der Messe.
Doch nach der zweiten Hälfte passiert das Malheur: Die Riesin, ergriffen von der Predigt, rutscht ein Stück weit nach vorn, und siehe – da stupst eine ihrer monumental großen Zehen leicht auf eines der Pedale. Plötzlich bricht ein Orkan los. Ein schmetternder Klang erfüllt den Raum, die ganze Kirche dröhnt. Maria zuckt zusammen. Du böses Mensch!
Mit zusammengepressten Lippen fleht sie die Gottesmutter um Hilfe an. Dann sieht sie sich schüchtern um. Der Herr Mossbacher hockt mit aufgerissenem Mund da und starrt sie an. Als er aber merkt, wie erschrocken sie selbst ist, meint er bemüht zärtlich: „Alles gut, mein Kind!“
Beschämt blickt Maria ihre viel zu langen Finger an und beginnt an den Nägeln zu kauen. So geht auch dieser Gottesdienst vorbei.
Nach der Messe schieben sich die Dorfbewohner gegenseitig aus der aus allen Nähten platzenden Kirche. Weiber mit Kopftüchern und krummen Beinen schlängeln sich aneinander vorbei. Ranzig riechende Münder kommen nahe an Maria heran. Sie selbst hinkt bestürzt und mit eingezogenem Hals hinter Herrn Mossbacher her. Ob auch der Pepi da ist?
„So groß geworden, die Moidl!“, ruft eine Frau, deren Zähne schief sind und gelblich schimmern.
Die Riesin versucht ein Lächeln. „Man wird älter, Frau Greiner!“, meint sie bemüht höflich. „Gott schenkt jedem das Seine!“
„Aber was war denn mit der Orgel los heute?“, flüstert die Frau dann, ihren speichelziehenden Mund dem Ohr des Herrn Mossbacher nähernd.
Maria spielt Schildkröte, macht sich winzig und atmet nicht mehr, lässt den Blick umherspringen. Endlich: Sie sieht Rosa wieder in der Menschenmenge an der Hand ihres Vaters, dieses ruhigen rothaarigen Mannes, der sich gekonnt durch die Masse boxt.
„Rosa!“, ruft sie mit bassiger Stimme.
Die Schwester löst sich vom Vater, läuft auf Maria zu. Sie umarmen einander.
Sofort stellt Rosa die erste Frage: „Sag, warst du das mit dem unerwarteten Dröhnen?“
Maria blickt zu Boden und schweigt.
Zum Glück wird nicht weiter darüber geredet, man tritt den Heimweg an. Doch auf der Anhöhe des Sonklarhofs wartet bereits die nächste Episode: Sie treffen nämlich auf einen gewissen Professor Carl Arnold.
Der ist ein häufiger Besucher des Hofes. Er nippt noch einmal an seinem Glas Wein und betrachtet die beiden, als sie vorbeikommen.
„Ich hab’ gehört, du bist die Moidl!“, ruft er.
Maria kennt das schon, sie dreht sich beschämt weg und sagt: „Ja, ich weiß, jeder kennt mich hier!“
Freundlich lacht Carl Arnold. „Das stimmt!“
„Ja, weil ich halt allen über die Köpfe schieß’.“
Er deutet dem Mädchen, sich neben ihn zu setzen. Maria folgt, brav wie sie ist, und Rosa hastet mit neugierigem Blick hin und her.
Wie sanft das Kind erscheint, und wie eingeschüchtert!, denkt Carl Arnold, und mit einem Mal tut es ihm im Herzen weh. Er hat auf sie gewartet, sie, von der man erzählt, dass kein Mannsbild im ganzen Tal ihr gleiche, dass sie sogar den größten Hünen schon kopfhoch überwachsen habe. Er weiß längst, dass die Riesin am Sonntag dieses Weges kommt, heim von der Kirche. Und mit einem Mal schämt sich der Arzt, so sensationslüstern zu sein.
Maria betrachtet mit gebanntem Blick den Fremden. Ob sie wohl fesch genug ist vor so einem hohen Herrn aus der Stadt?, fragt sich die Riesin. Sie, die nur in ein schwarzes bäurisches Sonntagsgewand mit kurzem Fürtuch gehüllt ist.
Maria verkriecht sich tief in ihr Halstuch, zieht den Kopf ein, obwohl’s doch Frühling ist. Sie weiß, dass ihr Gesicht dadurch noch länger und ovaler erscheint, schließlich hat sie’s im Spiegel gesehen, aber es hilft nichts: Klein muss Maria sich machen, so klein sie nur kann.
Sie hockt sich neben Herrn Arnold und klappt den Körper noch mehr zusammen. Neben ihr, winzig klein und zart, Schwester Rosa. Schön und hübsch ist sie, weiß Maria. Sie wird sie schon beschützen!
„Sag, liebe Maria“, meint Doktor Arnold beschämt und schiebt sich seine Brille auf der Nasenspitze zurecht, „wie lang bist denn schon so … groß?“
Maria merkt, dass der Mann sich für ihre Größe schämt, und sie schämt sich mit ihm und noch mehr dafür.
Rosa kommt ihr zum Glück zuvor: „Keiner wird groß geboren, oder?“, sagt sie schlau – und da lacht der Arzt, prustet los, und Rosa, mit ihrem gewinnenden Wesen, stimmt mit ein.
Maria betrachtet den Professor und merkt mit einem Mal, dass dieses Lachen gut ist, es kommt von Herzen.
„Gestatten, dass ich mich vorstell’“, meint er jetzt, „bevor ich weiter tu mit diesen dummen Fragen! Ich heiß’ Arnold, und ich bin ein Arzt!“
„Ja …“ Maria weiß nicht, was sie sagen soll.
„Ich hab’ gehört, dass du ein Bett brauchst, ein neues!“
Da weiß die Riesin nicht recht, was sie mit der Aussage soll, und senkt den Blick beschämt zu Boden. „Ja“, brummt sie wieder, und der Ton ihrer Stimme kommt ihr unendlich fremd vor.
„Darf ich dich denn einmal untersuchen? Vielleicht könnt’ ich dir helfen, ein bisserl Geld aufzustellen!“
„Almosen brauchen wir nicht!“, platzt Rosa heraus.
Maria aber gefällt der Gedanke an ein neues Bett, tatsächlich kann sie in dem alten kaum noch schlafen, knickt des Nachts immer mehr in sich zusammen wie ihre geliebte Ziehharmonika. Sie entgegnet bemüht versöhnlich: „Also da müssen S’ schon die Eltern fragen!“
Für einen Moment ist es still, und frischer Wind weht von der Weide.
„Das werd’ ich tun!“, meint Arnold dann freundlich und zieht seinen Hut etwas mehr ins Gesicht. Die Sonne ist herausgekommen.
11. Der gütige Arzt
Bereits am nächsten Tag pocht Carl Arnold ans Tor der Familie Faßnauer. Mit kritischem Blick lässt Theresia ihn eintreten.
Bei Knödeln kommt man ins Gespräch.
„Wissen Sie, bei der Maria, da handelt es sich um einen speziellen Fall der Makrosomie“, sagt der Arzt.
„Hören S’ doch auf mit den Worten!“, entgegnet Theresia nur.
„Verzeihen Sie!“
Arnold schiebt sich wieder die Brille auf der Nase zurecht und fährt sich durch die stoppeligen Locken.
„Das sind bloß Worte, ich weiß! Die Makrosomie ist eine Form des Riesenwuchses. Immer noch weitgehend rätselhaft.“
In dem Moment ergreift Josef das Wort. „Und was wollen S’ jetzt tun mit der Moidl? Sie ausstopfen lassen und ausstellen?“, fragt er barsch.
Seine Augen lodern. Lodern wie das rote Haar, das schütter seinen Kopf bedeckt.
Beschämt sieht Doktor Arnold zu Boden. Dass es tatsächlich Versuche mit Kaninchen gibt, verschweigt er lieber. Die armen Tiere hat man mit Arsen gefüttert, was zur Folge hatte, dass sie längere Knochen bekamen. Gern würde er ins Dozieren geraten, denn er liebt seinen Beruf. Doch er beißt sich auf die Lippen, bemüht sich zu schweigen. Dass Worte immer eine Form von Vergeblichkeit haben, denkt der Gelehrte, und er nimmt, wie immer, wenn er dabei ist, sich für etwas zu begeistern, beim Reden seine Hände zur Hilfe.
„Ich mein’ es nur gut mit der Maria“, sagt er, in der Luft herumfuchtelnd. „Sehen S’, sie könnte anders leben, wenn man wüsste, woher ihr Wuchs kommt. Das arme Mädchen kann ja kaum noch auf der Schulbank sitzen!“
In dem Moment betritt die Riesin den Raum. Dass es um sie geht, begreift Maria sofort.
„Guten Tag, Herr Arnold!“, brummt sie mit bemüht freundlicher Stimme. Aber als sie das Schweigen der Mutter und des Vaters sieht, wird ihr ganz bang. Etwas drückt sich in ihr Wesen ein, und Maria merkt, dass sie da irgendwo in ihrem Inneren ein Loch hat, eine Leere, in die sie fällt. Obwohl das doch gar nicht geht! Jetzt zieht es sie nach unten, und das Ende, das Ziel dieses Abgrunds, heißt Dunkelheit. Eine Unfähigkeit der Sprache nimmt von Maria Besitz, und ein Gefühl, das so etwas wie Trauer ist, fliegt auf sie herab wie ein Vogel. Er spielt mit Maria, er kichert und lacht sie aus: „Du bist anders, anders!“, ruft er. Maria blickt zu Boden.
Da sieht Carl Arnold sie an und lächelt schief. In seinem Blick ruht etwas Sanftes. Nein, es ist nicht Mitleid wie bei den anderen, weiß Maria da – es ist Güte. Und plötzlich beginnen die Augen des Doktors zu leuchten gegen das Loch in ihr, gegen die Finsternis.
„Salat gibt’s!“, tönt da Theresia laut und bemüht freundlich und ruft die Kinder aus dem Hof zusammen.
Maria blickt schnell wieder zu Boden. Ganz heimlich nur schaut sie wieder auf.
Rosa stürmt als Erste heran, gefolgt von Seppl und der kleinen Anna. Hansl, der gerade mit einem Messer geschnitzt hat, hinkt hintendrein.
So serviert die Dienstmagd Pellkartoffeln mit Milch und Fleisch, und das Essen lenkt ab. Aber nicht alle, denn die Riesin ist immer noch nicht sicher, was sie von der Güte des Doktors halten soll. Essen wird sie heute nichts, die Salatblätter haben Rippen, leben wie Fleisch. Die Riesin will nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, das Kauen ist einfach zu laut.
„Machen S’ uns reich?“, will der kleine Seppl, der gerade mit der Milchhaut in seiner Schale spielt, wissen und betrachtet den von fern hergereisten Herrn mit großen Augen.
Doktor Arnold lacht. „Nein. Ich will bloß, dass es der Maria gut geht!“, meint er.
„Die Moidl ist anders, gell?“, platzt es da aus der kleinen Anna, die ihn mit puppenäugigem Glänzen ansieht.
Doktor Arnold betrachtet die riesigen, dunklen Augen des Mädchens, sieht dann Maria an und meint schließlich: „Ja. Wir sind alle anders. Die Maria ist eben groß. Und weil sie da anders leben muss als kleinere Menschen, muss man ihr dabei helfen.“
Maria starrt aus stummen großen Augen den Herrn mit den braunen Locken und der Nickelbrille an, betrachtet sein Backenhaar, seine in Handschuhen steckenden langen Finger, die fremd und edel anmuten. Das sind Worte, die hätte die Gottesmutter persönlich gesprochen, oder?, denkt sie, und sie kann es kaum begreifen. Ob der Arzt es auch ehrlich und ernst meint? Ob er ihr helfen wird, sie gar mitnimmt in die ferne Welt?, beginnt sie zu träumen. In eine Welt aus Jahrmarktklängen, aus Bretterbuden und Gesang, ähnlich dem Weihnachtsmarkt, den sie in Wien hat sehen dürfen und der sie in Gedanken nicht loslässt? Die Riesin merkt, wie etwas in ihr hochkriecht. Ein Wort wie Hoffnung wird groß in diesem Zimmer.
Da greift der feine Herr mit einer ruhigen Geste nach ihren vom Stuhl lose herabbaumelnden Fingern und lächelt.
„Ich hab’ eine Idee, Maria! Wir fangen so an: Wir kaufen dir ein Bett, in dem du gut liegen kannst. Ja?“
Da scheint es der Riesin, als habe der Mann über seinem Gesicht, das von hohen Backenknochen gezeichnet ist, einen Heiligenschein flimmern. Für einen Moment tritt die Gottesmutter selbst aus seinem Antlitz und schimmert der Riesin entgegen.
Und sie weiß: Carl Arnold wird Wort halten.
Bald schon trommelt er sämtliche Feriengäste, die mit ihm auf dem Sonklarhof wohnen, zusammen, und man ordnet an, eine Liegestatt für das Riesenmädchen zu fabrizieren, in der es ausgestreckt schlafen kann.
Doktor Arnold ist Feuer und Flamme. Die sanfte Große mit den gütigen Augen einer Kuh hat ihm imponiert. Und so schreibt er in der Illustrierten Touristenzeitschrift Alpenfreund im Juli 1896 einen Artikel über die Spende.
Kaum naht der nächste Sonntag, macht sich Maria wie jedes Wochenende auf, der Gottesmutter zu danken. Aber siehe – was erblickt sie da für einen Rummel, als sie neben Herrn Mossbacher aus der Kirche tritt? Menschen mit großen Gesten scharen sich um sie, bekannte und unbekannte Gesichter. Die Riesin wird hin- und hergeschoben, kann sich kaum erwehren. Am Arm packt man sie.
„Gestatten, ich bin ein Reporter vom Volksblatt!“, schnattert da ein Mann mit viel zu schnellem, hechelndem Atem und schiebt die Riesin vor sich her. Maria blickt sich paralysiert um, sieht die Gäste vom Sonklarhof und dazwischen irgendwo Rosas Schopf, der in der Masse verschwindet.
„Wir würden dich gern fotografieren“, fährt der Mann mit raschem Atem fort, „dich zu einem Tableau arrangieren, wenn genehm!“
Was der für Worte kennt!, denkt die Maria, fast noch geheimnisvoller als die von Rosa! Sie weiß nicht, was ein Tableau ist, und der seltsame große Kasten, der dem Mann um den langen Hals baumelt, macht ihr ein wenig Angst. Aber gutmütig wie sie ist, nickt sie.
Maria wird neben eine mit Glöckchen ausstaffierte Kuh gezogen, man hängt ihr ein rot-weiß kariertes Tüchlein um und heißt sie die alte, zerschundene Schürze ablegen.
„Bitte lächeln!“, meint der Mann, lüpft kurz seinen Hut und versteckt sich hinter dem Apparat. Ein Knacken und Knarren ertönt, und der Mann drückt einen Knopf.
„Stell dich doch gerader hin!“, ruft Rosa aus. „Du bist die Heldin aller Kühe!“
Da muss Maria mit einem Mal lachen. Was für ein Rummel, und all das nur für sie allein! Stramm streckt sie ihre Brust dem Alpenhimmel entgegen und betrachtet die Gebirge, die um sie liegen, so, als würde der Körper sagen können: „Ich bin wer!“
Der Mann mit dem Kasten allerdings bekommt nicht genug, ordnet die anwesende Menge, um Maria an.
Das also ist ein Tableau!, denkt Maria. Sie sieht freundliche Mundwinkel, schmunzelnde Männer im Alpengewand, Frauen in einer Art Kranz um sie herum, zum Teil sitzend, zum Teil stehend. Da – der hat noch gefehlt! Die Riesin freut sich, als Carl Arnold neben ihr erscheint. Auf seinen feinen Spazierstock gestützt, stellt er sich neben Maria und hakt sich bei ihr unter. Sie merkt, wie ein Lächeln aus ihr herausfließt, das sich warm und weich anfühlt. Ihr Blick schmilzt Doktor Arnold entgegen, und auch er lächelt.
„Und still!“, tönt es da.
Wieder hört die Riesin ein Knarren und Knattern, und wie auf Kommando erstarrt die ganze Gruppe. Dann hat das Magnesiumblitzgewitter zum Glück ein Ende, und Maria wird weitergeführt! Aber – was ist das? Gerührt betrachtet sie eine übergroße, fast an einen Wagen erinnernde Liegestatt aus Holz, die da zwischen im Gras im Vorhof des Kirchgangs steht! Maria kann es kaum glauben, und sie merkt, wie ihre Augen sich mit Tränen füllen. Schon will sie dem Doktor danken, doch alles geht zu schnell, der Mann mit dem Kasten zerrt sie mit sich, heißt die Riesin sich niederlegen.
Maria tut alles, brav und glücklich, sie ist gutmütig wie ein Lamm. Liegend wird sie in der neuen Bettstatt geknipst, aus der Vogelperspektive aufgenommen. Maria aber schaut zu dem Arzt, diesem hohen Herrn, dessen Gesicht zwischen den anderen schimmert. Dass das Bild eine Sensation in der Lokalzeitung wird, ist Maria egal. Sie wird jetzt schlafen können wie jeder andere Mensch auch, muss sich beim Liegen nicht mehr krümmen. Nachts sind die Schatten viel weniger laut.
„Danke, du Gottesmutter!“, wispert Maria an diesem Abend, bevor sie einschläft.
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