Kitabı oku: «Lionel Forster, der Quarteron. Eine Geschichte aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg»

Yazı tipi:

Sophie Wörrishöffer

Lionel Forster, der Quarteron

Bearbeitet von Armin Wendt

Mit farbigen Vollbildern und Federzeichnungen

Saga

Ebook-Kolophon

Sophie Wörrishöffer: Lionel Forster, der Quarteron. © 1922 Sophie Wörrishöffer. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711487587

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Erstes Kapitel

Es war im Beginn der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts. Auf der Veranda eines schönen, stattlichen Landhauses im fernen Virginien sassen zwei Herren bei der Kaffeetasse und der Zigarre plaudernd zusammen, behaglich den Schatten der hohen, alten Bäume vor dem Hause geniessend und nur hie und da in eine lebhaftere Unterhaltung verfallend, besonders dann, wenn von der Seite der Stallungen her eine helle, jugendfrische Stimme deutlich herüberklang oder der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes den Sand in nächster Nähe der Veranda hoch emporwarf.

Ein schlanker Knabe von fünfzehn oder sechzehn Jahren trieb den Rappen zu immer keckeren Sprüngen, er lachte lustig, und sein braunes Lockenhaar flatterte im Winde. „Der ‚Ajax’ kennt mich noch, Onkel Trevor!“ rief er. „Vorwärts, mein Tier!“

Und ohne eine Antwort zu erwarten, brauste er wieder davon, während der Besitzer des Landhauses, Mr. Trevor, ihm lächelnd und doch mit einem unterdrückten Seufzer nachsah. „Ein prächtiger Junge, der Lionel,“ sagte er, „hübsch, klug und tapfer! Hätte mir der Himmel einen solchen Sohn geschenkt, wie glücklich wäre ich gewesen!“

Der andre Herr schien seine Antwort sorgfältig zu überlegen. „Du lebst zu einsam, Charles,“ sagte er dann. „Seit deine arme Frau gestorben ist, bist du nicht mehr aus dem Hause gekommen, das macht dich melancholisch. Ich glaube, diese schwarzen Tiere, die Neger, sind oft dein einziger Umgang.“

Der Squirea) nickte. „Häufig genug,“ versetzte er. „Aber ich sehe in den armen Kerlen wahrhaftig niemals Tiere, Manfred, — sie haben es gut bei mir, und sie lieben mich aufrichtig.“

Ein Blitz, böse und zornig, flammte in den Augen des andern. „Ganz besonders dieser Lionel, nicht wahr, Charles? Weiss der Bursche überhaupt, dass in seinen Adern afrikanisches Blut fliesst, dass er dein Eigentum ist, wie das Pferd, auf dem er reitet, oder der Boden, auf dem er sich so selbstbewusst ergeht?“

Mr. Trevor nahm die Zigarre aus dem Munde. „Er weiss es nicht, Manfred,“ sagte er mit scharfer Betonung, „und ich wünsche auch nicht, dass er es erfahre! Eins will ich dir übrigens bei dieser Gelegenheit sagen,“ setzte er dann hinzu. „Lionel und alle meine sonstigen Sklaven, mehr als zweihundert an Zahl, sind längst durch testamentarische Bestimmung in Freiheit gesetzt.“

„Charles,“ rief der andere, „ich bitte dich, du wolltest deinem Erben die Summe von zweihunderttausend Dollar zugunsten dieser Schwarzen willkürlich entziehen? — Wahrhaftig, hättest du Kinder, so würde das nie und nimmer geschehen!“

Der Squire lächelte. „Du irrst, Manfred. Mein Grundsatz steht mir höher als alle persönliche Zuneigung — und überdies, wer sagt dir, dass ich meinen Nachfolger nicht liebe?“

„Ihn — den — den —“

Die Stimme des magern Herrn schien vor Aufregung zu ersticken, er konnte seinen Satz nicht vollenden, sondern murmelte, als ihn der Squire ruhig fragend ansah, nur ein verwirrtes: „Entschuldige, Charles!“ — Dann wandte er sich zur Tür, aus welcher in diesem Augenblick ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren, an einer Krücke gehend, hervortrat. „Nun, Philipp,“ rief er, „wie geht es dir heute, mein guter Junge?“

Der schlanke Knabe mit dem blassen Gesicht und den mädchenhaft weissen Händen grüsste freundlich. „Guten Abend, Papa, guten Abend, Onkel Charles! — O wenn ich bedenke, wie ruhig und untätig wir hier sitzen indes andre, Glücklichere für eine geheiligte Sache ihr Leben einsetzen! Schlacht nach Schlacht wird geschlagen, und die Konföderierten gewinnen immer. Wohin soll das führen?“

Sein Vater lachte behaglich. „Zum vollen Siege!“ versetzte er. „Das Banner der Südstaaten ist vom Himmel selbst geweiht.“

Philipp schüttelte den Kopf. „Nimmer!“ bebte es über seine bleichen Lippen. „Nimmer! — Wäre ich ein kräftiger Mann, ein Mensch mit gesunden Gliedern, heute noch liesse ich mich für die Nationalarmee anwerben. Ich glaube sogar, auch du denkst wie ich, Onkel Charles?“

Der Squire reichte ihm lächelnd die Hand. „Ich denke so, Philipp, mein guter Junge,“ versetzte er, „ich habe dich lieb um deiner braven Gesinnung willen, aber wir dürfen über dieses Thema nicht so laut reden. Wenn heute ein Mann, der zweihundert Sklaven besitzt, für die Abolitionisten offen Partei nehmen wollte, so stände höchst wahrscheinlich von seinem Hause schon morgen kein Stein mehr auf dem andern.“

„Siehst du, Papa, dergleichen Greuel geschehen unter dem Banner der Südstaaten. — Fürwahr, Onkel Charles, ich bitte dich, vermache mir keinen einzigen Schwarzen, denn ich würde ihn sogleich laufen lassen.“

Das wohlwollende Antlitz des Gutsherrn wandte sich lächelnd zu dem erregten Knaben. „Ich vermache dir keinen Sklaven, mein guter Philipp, dessen darfst du sicher sein. Dein Onkel sorgt für dich, aber auf andre Weise, — durch ehrlich verdientes Geld.“

Es schien, als sei ein Schatten auf die ruhige, edelgeformte Stirn herabgesunken. Der Squire schüttelte leicht den Kopf. „Sonderbar,“ sagte er, „es ist nun heute schon zweimal von meiner Hinterlassenschaft gesprochen worden! Schickt mir der Tod seine Sendboten?“

„Torheit!“ rief hastig der Vetter. „Bist du abergläubisch, Freund Charles? Es tut mir leid, dich verstimmt zu haben. Es geschah unabsichtlich.“

Philipp bot seinem Verwandten herzlich die Hand. „Auch von mir, Onkel!“ sagte er mit einem offenen Aufblick der schönen blauen Augen. „Doch da kommt Lionel! Der Glückliche, er ist gesund und voll jugendlicher Kraft! Wahrhaftig, ich könnte ihn beneiden!“

Der Günstling des Hausherrn kam über den breiten Kiesweg dahergegangen und begrüsste schon von weitem durch ein fröhliches Kopfnicken die auf der Veranda versammelte Gesellschaft. „Nun, Onkel Charles,“ rief er, „hast du den Ajax bewundert? Wirklich, ich möchte ihn, wenn die Ferien zu Ende sind, nach Richmond mitnehmen!“

„Welch ein Unsinn!“ rief heftig Mr. Manfred Trevor.

Der Squire begütigte ihn. „Lionel soll das Pferd haben,“ sagte er, „und auch einen Schwarzen als Knecht dabei. Er ist jetzt kein Knabe mehr, sondern muss sich beizeiten auf den dereinstigen Plantagenbesitzer vorbereiten.“

Lionel flog dem väterlichen Freunde entgegen und umfasste ihn stürmisch mit beiden Armen. „Onkel Charles,“ rief er, „ach du goldener Onkel Charles, — den Ajax soll ich wirklich haben? Aber — aber ja, siehst du, auch einen Neger dabei? Der mein Eigentum wäre? Mein Sklave? Das kann nicht geschehen. Ich entsetze mich vor dem Gedanken, dass ein Mensch das Eigentum des andern sein könnte — ich mag an dieser Schmach meines Landes keinen Teil haben. Lieber, guter Onkel, bezahle für mich in Richmond einen freien Neger, willst du das?“

Der Squire nickte. „Du sollst den alten Ralph mit dir nehmen, Lionel. Er hat deine Eltern gekannt, hat dich selbst als kleines Kind auf den Armen getragen und ist mir mit Leib und Seele zugetan. Seinen Freibrief erhält er vor eurer Abreise.“

„Charles!“

„Nun, Manfred, was wolltest du sagen?“

„Bitte, bitte, — es war nur so ein unwillkürlicher Ausruf. Der Sklave Ralph, ein Mann in den besten Jahren, ist fünfzehnhundert Dollar unter Brüdern wert. Willst du diese grosse Summe der Laune eines Knaben opfern?“

„Ich kann mir diese Freude gestatten,“ antwortete der Hausherr ruhig. „Fünfzehnhundert Dollar haben für mich einen weit geringeren Wert als die Zuneigung treuer, ergebener Herzen.“

Lionel war während dieser Rede wie der Blitz davongesprungen. „Ich wette, er sucht den alten Ralph,“ lachte Philipp, „er will ihm die Freudenbotschaft brühwarm hinterbringen!“

„Um das übrige schwarze Gesindel rebellisch zu machen!“ setzte mit giftigem Tone sein Vater hinzu. „Fürchtest du nicht, dass sie dir das Haus über dem Kopfe in Brand stecken, mein guter Charles?“

Der Squire lächelte. „Meine Neger?“ sagte er. „Nein, Manfred! ich will den Kopf mit grösster Ruhe jedem einzelnen unter ihnen in den Schoss legen und so sanft schlafen, als wache bei meinem Lager ein Regiment Bewaffneter. Diese armen Leute sind grosse Kinder, wie man sie behandelt, so geben sie es zurück. Du darfst mir sicherlich glauben, dass diejenigen, welche von ihren Sklaven verraten oder bestohlen wurden, eine solche Züchtigung vollständig verdient hatten.“

Mr. Manfred Trevor blieb die Antwort schuldig. Vom Stall her kam Lionel mit einem grossen, kräftig gebauten Neger. „Onkel Charles,“ rief er, „der unkluge Ralph hat sich förmlich entsetzt, denke dir, er will gar keinen Freibrief haben! Er will unter keiner Bedingung dein Haus und deinen Dienst verlassen.“

Der Neger schüttelte den Kopf. „Ralph geht mit nach Richmond,“ sagte er, „o ganz gewiss, er geht mit, aber der Freibrief soll hierbleiben. Ralph mag keinen andern Herrn haben als Mr. Charly, den guten Squire.“

„Das sollst du auch nicht, törichter Bursche! Aber wäre es denn nicht besser und angenehmer, gar keinen Herrn zu haben?“

Der Neger sann nach. „Bei Mr. Charly will ich bleiben!“ Das war alles, was er auch diesmal zu antworten wusste.

„Siehst du wohl, Manfred!“

Der Squire entliess lächelnd den Riesen mit dem einfältigen Kinderherzen. Die beiden Knaben schlossen sich ihm an, und so kam es, dass die Herren einen Augenblick auf der Veranda allein blieben.

Charles legte zutraulich seine breite Hand auf die Schulter des Vetters. „Manfred, alter Junge, „begleitest du mich? Ich möchte einige Forellen fangen!“

„Danke, danke, — Stillsitzen ist mir ein Greuel.“

Er winkte mit der Hand und schlenderte langsamen Schrittes davon, um dann in der Nähe des Gutes an einem jäh abfallenden Felsen stehenzubleiben und starr ins Leere zu sehen. Bittere, hasserfüllte Gedanken mochten es sein, die hinter der bleichen, in tiefe Falten gelegten Stirn einander drängten und überstürzten, bittere, hasserfüllte Gedanken, die sich in dem Zucken der zusammengekniffenen Lippen aussprachen. Er murmelte halb abgebrochene Laute, er ballte die Faust, als wolle er schlagen.

„Warum andern alles und mir nichts?“ — — — —

Während er so, in Groll und Zorn versunken, allein und ungesehen am Rande des Felsens stand, waren Philipp und Lionel auf den grossen Hof des Gebäudes hinausgegangen und befanden sich nun unter der ganzen Schar der von ihrer Arbeit heimkehrenden Neger. Rechts und links umfassten die hübschen, sauberen Wohnungen den weitgedehnten Platz, überall auf steinernen Herden flackerte lustig das Feuer, und aus Töpfen und Pfannen drang der Duft dieser verschiedenen Mahlzeiten hinaus in die helle, warme Abendluft. Schwarze Frauen hantierten singend in den Küchen oder kamen mit ihren Krügen auf den Köpfen zum Brunnen, um Wasser zu holen, schwarze Kinder spielten im Sande.

Auch von den Feldern kamen die Leute nach Hause, und mehr als einer dieser schwarzen Gesellen näherte sich dem Knaben mit der Krücke, um ihm irgendeinen Gegenstand in die Hand zu drücken, grosse Käfer und Fliegen, Schmetterlinge und Vogeleier, seltene Blumen und sogar hie und da eine Schlange, die aber durch einen Messerstich in den Nacken getötet worden war. Sie alle wussten, ein wie eifriger Naturaliensammler Philipp war, und machten ihm gern Freude, indem sie ihm so oft wie möglich Insekten und Pflanzen von den Feldern mitbrachten.

Philipp und Lionel kehrten in das Haus zurück, um all diese neuen Dinge in die Sammlungen einzuordnen, und erst als Philipp den Katalog vornahm, in welchen er alles sorgsam einschrieb, griff Lionel zu seinem Hute. „Ich gehe noch in die Stadt, Philipp, willst du mit, dann soll Ralph meine Ponies vor den Wagen spannen!“

Der Krüppel schüttelte den Kopf. „Ich danke dir, Lionel, heute abend nicht mehr. Du reitest auch gewiss lieber deinen Ajax, du glücklicher Mensch mit den Muskeln und Nerven von Stahl!“

Lionel lächelte. „Wenn du je in Not oder Gefahr bist, Philipp, dann werde ich dich verteidigen, — meine Kräfte sollen immer auch die deinigen sein.“

Philipp nickte ihm freundlich zu. „Danke, danke! Spring’ nur davon, du, ich weiss ja ohnehin, dass du den Büchern nicht gerade das wärmste Interesse entgegenbringst.“

„Wahrlich, nein! Ich will ein Farmer werden und draussen in Wald und Feld meine Tage verleben, immer mit der Kugelbüchse auf der Schulter, halb Squire, halb Trapper, das ist’s, was ich mir wünsche.“

Philipp lächelte. „Was dir jedenfalls auch zuteil werden wird, Lionel. Du erbst doch unter allen Umständen dereinst diese Farm.“

Der andre schien betroffen. „Ich?“ sagte er gedehnt. „Aber ich bin nur ein Pflegesohn, kein Blutsverwandter des Onkels, — wie sollte ich also erben? Nein, nein, du wirst der Squire, und ich muss dann sehen, wo für mich der Tisch gedeckt ist.“

Die milden Züge des verkrüppelten Knaben trugen in diesem Augenblick einen sinnenden, beinahe trüben Ausdruck. „Lass uns nicht in die ferne Zukunft hinein unsre Pläne bauen wollen, Lionel! Wer weiss, was der nächste Morgen bringt? Es gibt viele Leute, die da behaupten, datz sich der Krieg gerade hier entscheiden müsse und dass die Nordstaaten den Sieg behalten werden.“

„Das sollen sie ja auch! Ich wünsche den Konföderierten alles Böse! Aber lieber wäre mir doch der ungestörte Friede.“

„Master Lionel!“ rief von unten her die Stimme des Sklaven Ralph, „wollen Sie mitfahren, Sir? Ich muss noch zur Stadt.“

„Gleich! Gleich! — Adieu, Philipp, ich will nur einen Freund begrüssen, in etwa zwei Stunden sehen wir uns wieder.“

Er nickte nochmals und sprang dann davon, um mit dem Sklaven zur Stadt zu fahren. Dort herrschte reges Leben und Treiben. In allen Strassen lungerten Haufen von Soldaten, nicht selten lärmend und betrunken, in Zank begriffen und grob gegen die Bürger, deren Häuser sie besetzt hielten, zerlumpte Gestalten mit den Ueberresten einstiger Uniformen, dazwischen Gesindel, heruntergekommene Subjekte, die, aus allen Teilen der Erde zusammengelaufen, den Truppen folgten, um, wo diese ihre Erpressungen vornahmen, unter irgendeinem Vorwande einen Teil der Beute zu erhaschen. Selbst Frauen waren darunter, Strassensängerinnen, Wahrsagerinnen, bettelnde Weiber, die vielleicht in ihrer Heimat das Zuchthaus verwirkt hatten und nun hinter den Regimentern herzogen.

Hie und da sah man prunkhaft gekleidete Offiziere hoch zu Ross, Equipagen, in denen über Nacht zu Millionären gewordene Spekulanten sich blähten. Das zuchtlose Treiben des Krieges machte überall seine schlimmen Einwirkungen geltend, hie und da gähnte in den Strassen die Lücke einer kürzlich entstandenen Brandstätte, schwarze Balken und zerborstenes Mauerwerk starrten empor, ohne dass sich eines Menschen Hand gerührt hätte, um die Trümmer wegzuschaffen und wieder aufzubauen, was bei Gelegenheit eines Streites oder in trunkenem Mute zerstört worden war.

„Wohin fährst du, Ralph?“ fragte Lionel.

„Zum Obersten Smith, Sir. Mr. Charly muss zehn Ochsen liefern und hundert Bushel Mais, — ich soll fragen, zu welcher Stunde das morgen geschehen kann.“

„Bekommt mein Onkel dafür keine Zahlung, Ralph?“

„O Massa Lionel, wohin denken Sie denn? Fünfzehn Schwarze, die jüngsten, kräftigsten Männer hat er schon zur Armee stellen müssen, — ohne einen Cent Ersatz! Puh! man weiss nicht, ob einer davon wieder nach Hause kommt. Wenn sie Hunger verspüren, die Herren Offiziere, oder wenn sie für ihre Pferde Futter brauchen, dann erhalten die Plantagenbesitzer ganz einfach den Befehl: So und so viel musst du bringen!“

Er versetzte im Aerger dem Braunen einen Hieb, welcher diesen zum schnellsten Laufe anspornte; nach wenigen Minuten hielt der Wagen vor dem Kommandanturgebäude, und nun verabschiedete sich Lionel für den Augenblick von seinem Begleiter. „In zwei Stunden bin ich wieder da, Ralph, willst du mich um diese Zeit in der ‚Blauen Traube’ erwarten?“

„Well, Sir, well, ich bin da!“

Lionel ging schnellen Schrittes durch die Strassen bis zu einem Hause, dessen Schaufenster das Eisenwarengeschäft verrieten. Die Tür war geschlossen und von innen mit einer Kette gesperrt.

„Wer ist da?“ fragte aus dem halbdunkeln Hintergrunde eine Frauenstimme.

„Guten Abend, Frau Neubert! Ich bin es, Lionel Forster von Seven-Oaks!“b)

„Ach — das freut mich ja sehr! Hermann, komm rasch herauf!“

Die Kette wurde entfernt und die Tür geöffnet; eine blasse, vergrämt aussehende Frau liess unsern Freund eintreten, indem sie gleich hinter ihm den Zugang wieder versperrte und dann erst beide Hände ausstreckte, um ihn zu begrüssen. „Wie Sie gewachsen sind, Lionel! Beinahe schon ein junger Mann zu nennen! — Ach, das ist eine traurige Zeit, in der wir uns wiedersehen!“

„Hoffentlich geht es Ihnen und den Ihrigen gut, Frau Neubert?“

Die blasse Frau trocknete die Tränen, sie führte den Gast in das Wohnzimmer, wo zwei Kinder von acht und zehn Jahren still und scheu in der Ecke spielten. „Gesund sind wir gottlob bis jetzt alle, mein lieber Lionel, aber die bittere Not steht vor der Tür, man weiss nicht mehr, wo aus noch ein.“

Ehe unser Freund zu antworten vermochte, erklangen draussen Schritte, und ein kräftiger, schlank gewachsener Knabe von Lionels Alter trat in das Zimmer. Selbst dieses jugendliche Antlitz zeigte einen Schatten des Grames auf der freien, edelgeformten Stirn, aber trotzdem brach kein Anblick des früheren Spielkameraden ein lauter Freudenruf von seinen Lippen. „O Lionel, Lionel, wie gut von dir, dass du kommst!“

Die beiden umarmten einander auf das zärtlichste. Bis zur Konfirmation waren sie Seite an Seite durch alle Klassen einer Privatschule der Stadt gegangen, bis dann Lionel nach Richmond zog, um sich dort weiter auszubilden, während Hermann als Lehrling in das Geschäft seines Vaters trat. Jetzt sahen sie einander seit dieser Trennung zum erstenmale wieder, und die Freude war auf beiden Seiten gleich gross. „Was für lange Gesichter ihr alle habt!“ rief Lionel. „Bei uns auf Seven-Oaks sind wir fröhlich und guter Dinge, an den Krieg denkt niemand.“

Frau Neubert seufzte. „Mr. Charles Trevor ist ein reicher Mann,“ sagte sie, „er kann die Verluste dieser schlimmen Zeit leichter ertragen.“

„Geht es denn wirklich mit den Geschäften so übel?“ fragte Lionel.

Ein leises: „Ach!“ war die einzige Antwort. Die beiden Kinder schlichen zur Mutter, während Hermann die Faust ballte. „Lass uns von etwas anderm sprechen,“ sagte er rasch. „Durch Klagen und Aechzen wird ja doch nichts besser, man macht sich nur selbst das Herz schwer.“

„Ich wollte dich bitten, mit mir nach Seven-Oaks hinauszukommen,“ rief Lionel. „Philipp Trevor ist auch da, — während der Ferien könnte dich dein Papa wohl entbehren!“

Frau Neubert und ihr Sohn sahen einander an. „Es geht unmöglich!“ sagte die Mutter. „Aber du könntest ja deinen Vater auf einen Augenblick herbeirufen, Hermann. Lass ihn selbst entscheiden!“

Hermann sprang davon. Nach einigen Minuten erschien er wieder und sagte, dass der Vater bitten liesse, ihn zu entschuldigen, Mr. Forster möge einen Augenblick mit zum Lager hinüberkommen

Frau Neubert schloss rasch hinter den beiden jungen Leuten die Tür. Lionel und Hermann gingen durch den Laden und dann über einen halbdunkeln Gang zum Hofe, wo sie im Gewirr hoher Speicherräume verschwanden und nach zwei Minuten in einen Schuppen traten, den bei ihrer Annäherung eine Hand von innen öffnete und ebenso schnell wieder versperrte. Vor den beiden Knaben stand Hermanns Vater, ein kräftiger, hochgewachsener Mann in der Mitte der vierziger Jahre mit einem entschlossenen, ausdrucksvollen Gesicht und lebhaft blitzenden braunen Augen. Er begrüsste treuherzig und freundlich den jungen Knaben, dessen Züge das Erstaunen, welches seine Seele empfand, unwillkürlich widerspiegelten.

„Es ist mir lieb, dass Sie kommen, Lionel,“ sagte er. „Hermann und ich vollbringen ein Werk, dessen Verantwortlichkeit schwer auf mir lastet.“

Er deutete auf den Hintergrund des geräumigen Lagerschuppens, wo die Erde bis zur Tiefe von fünfzehn Fuss mit Schaufeln ausgeworfen war. In der weilen Höhlung flimmerte das Licht einer Blendlaterne und warf seine Strahlen auf eine Anzahl grosser, mit Eisenreifen umspannter Kisten, die dicht gedrängt über und nebeneinander standen. „Sehen Sie, Lionel, das ist das Hab und Gut einer Reihe deutscher Familien,“ setzte er hinzu, „viele Tausende an Wert.“

„Aber weshalb vergraben Sie es denn hier im Speicher?“

„Weil man anfängt uns zu beobachten, zu verdächtigen, weil eine förmliche Deutschenhetze ins Werk gesetzt wird. Dieser Stadtteil beherbergt beinahe ausschliesslich deutsche Familien, alle wohlhabend, einzelne sogar sehr reich, das wissen die Amerikaner und haben nun behauptet, der Norden erhalte von uns bare Mittel zur Unterstützung seiner Zwecke. Man konfisziert und drangsaliert uns, man treibt uns auf jede Weise zur Verzweiflung, — das erweckt notwendig den Gedanken der Gegenwehr.“

Lionel lachte. „Sie verstecken die Wertsachen, um Ihr Eigentum zu retten, nicht wahr?“

„Natürlich, mehr als gefunden wird, kann man nicht konfiszieren.“

„Sieh hier, diese schwere Kiste,“ raunte Hermann, „es ist lauter Gold darin, Uhren, Ringe, Ketten, — Hunderttausende an Wert.“

Kiste nach Kiste wurde unter vereinten Kräften in den Schoss der Erde befördert und dann, als vollständig aufgeräumt war, die Grube mit Brettern äusserlich verdeckt. „Morgen kommt der Rest,“ meinte Herr Neubert, „ich will dem Himmel danken, wenn alles glücklich geborgen ist. Sollten dann von meinen deutschen Freunden wirklich einige in das Gefängnis gebracht werden, so ist doch so viel gerettet, dass ihre Familien vor Hunger und Elend bewahrt bleiben.“

Herr Neubert löschte das Licht der Laterne, dann begaben sich alle drei in das Haus, wo Frau Neubert und die Kinder eng aneinandergeschmiegt im Finstern sassen, während der Lärm von der Strasse heraufdrang.

Lionel hatte jetzt die grösste Eile, ihm blieb keine Zeit, das Abendbrot der Familie zu teilen, er musste ungesäumt das Wirtshaus zur blauen Traube aufsuchen, um mit Ralph den Heimweg anzutreten.

Herr Neubert begleitete seinen jungen Gast vor die Haustür; Hermann hatte die Mütze aufgesetzt, um den ehemaligen Schulkameraden bis zur blauen Traube zu bringen, und so gingen denn die beiden jungen Leute schnellen Schrittes davon, wobei Hermann absichtlich in eine Querstrasse einbog und dort verstohlen auf ein grosses, düster aussehendes Gebäude hinwies. „Das ist das Gefängnis, Lionel.“

Ein Grauen durchlief Lionels Seele. Das Dach war zum Teil zusammengestürzt, die Fenster mit Brettern vernagelt, — das Schweigen des Todes schien diese schreckensvolle Stätte zu beherrschen.

„Das war doch, wenn mich nicht alle meine Erinnerungen täuschen, des alten Schaumann Brauerei!“ rief Lionel. „Wie kann es also jetzt ein Gefängnis sein?“

„Das ist es auch erst seit wenigen Monaten. Den braven, ehrenfesten Herrn Schaumann, meinen Paten, haben die Unholde gelyncht, sein Weib und seine Kinder ins Elend gejagt. Dann brauchten sie für die Masse der übrigen ausgeplünderten und gefolterten Opfer einen Ort, der als Zwingburg dienen konnte, und nun wurde die Brauerei notdürftig wieder zusammengeflickt. Es sitzen gegen hundert unbescholtene Männer hinter den schwarzen Mauern gefangen, — die bestgehassten sogar in den Kellern, drei Stockwerke tief unter der Erde.“

„Hermann!“

„Es ist, wie ich dir sage, Lionel. Hast du seit deinem Hiersein schon das Wort, ‚Vigilanzkomitee’ gehört?“

„Niemals!“

Hermann atmete tief, seine Blicke schienen Funken zu sprühen, seine Faust war geballt. „Rowdies sind es,“ flüsterte er, „Schurken und Mordbrenner, sie haben aber die Gewalt in Händen, das Volk läuft ihnen blindlings nach. Da wird denn ein Wort, vielleicht achtlos hingeworfen, bis ins ungeheuerliche verzerrt und verdreht, da wird eine harmlose Handlung mit den Blicken hämischer Spionage betrachtet, und ehe sich’s der Unglückliche versieht, fliegt ihm die Vorladung dieses sogenannten, Vigilanzkomitees‘ ins Haus; er soll sich rechtfertigen, obgleich er nichts verbrochen hat.“

„Und dann?“ flüsterte Lionel, während sein Herz schneller schlug und eine geheime Unruhe ihn erfasst hielt, „und dann, Hermann?“

„Dann wird die Schuld herausgefunden, gleichviel, ob eine vorhanden ist oder nicht. Man sperrt den Verurteilten in die Keller der Brauerei, wenn man es nämlich nicht vorzieht ihn sogleich abzuschlachten. In beiden Fällen ist natürlich sein Eigentum der Konfiskation unrettbar verfallen.“

„Das ist ja entsetzlich!“ rief Lionel. „Und wohin hat sich die arme Frau Schaumann mit ihren Kindern begeben?“

„Das mag der Himmel wissen, — in der Stadt sind sie nicht geblieben. Wahrscheinlich haben alle in den Gebirgen ihren Tod gefunden.“

Lionel erbleichte. „Verhungert!“ sagte er. „In den Wäldern zugrunde gegangen! Und auf Seven-Oaks haben wir mehr Korn, mehr Herden und Obst, als in ganzen Jahren gegessen weroen könnte. — Kostet übrigens wirklich in der Stadt das Mehl achtzig Dollar das Fass?“ setzte er dann hinzu. „Es ist ja doch wohl durchaus unmöglich!“

„Keineswegs. Ich bin überzeugt, dass heute schon hundert gezahlt werden. Die Spekulanten kaufen alle Vorräte auf und machen nun den Preis nach eigenem Ermessen; es kann ja in den Bannkreis der Blockade nichts von draussen her eingeführt werden. Kaffee kostet zwölf Dollar das Pfund, Salz einen Dollar, — Tee gibt es überhaupt nicht mehr.“

Lionel verstummte, er dankte dem Himmel, als das Gasthaus erreicht war und Ralphs schwarzes Gesicht ihm wieder entgegensah. Die Pferde wurden vorgespannt, Hermann und Lionel besprachen noch den Plan der nächsten Tage und schieden dann mit der Hoffnung, einander schon morgen auf der Plantage wiederzusehen. Hermann sollte es nach so vielen ausgestandenen Leiden einmal für eine Zeitlang recht angenehm haben.

Der Wagen fuhr schleunigst davon, wie ein schwarzer Streifen verschwanden rechts und links die Seitenstrassen, dann kam das freie Feld und endlich der Wald, durch dessen grüne, weite Hallen ein Wiesenpfad, wie ihn die Natur erschaffen, hinausführte zur entfernten, am Fusse des Gebirgszuges liegenden Farm.

Bisher hatten Ralph und Lionel geschwiegen, jetzt endlich nahm der letztere das Wort.

„Sage mal, Ralph,“ fragte er, „hast du meine Eltern gekannt?“

„Ja, Sir.“

„Mein Vater war ein entfernter Verwandter des Onkels, nicht wahr?“

„Ich denke wohl, Massa Lionel.“

Unser Freund schüttelte den Kopf. „Weshalb tust du, als sei die Sache ein Geheimnis, Ralph? — Ich selbst war bei dem Tode meiner Eltern ein ganz kleines Kind und kann mich also aus diesem Grunde an nichts erinnern. War meine arme Mutter eine gute Frau, Ralph? Hatten die Schwarzen sie lieb?“

Der Alte nickte. „Mrs. Jane?“ sagte er halblaut. „O, sie war ein Engel, der Tod sass ihr in der Brust, seit Mr. Forster so weit fortgehen musste.“

„Mein Vater?“ rief Lionel. „Weshalb verliess er sie?“

Der Neger erschrak. „Er verliess sie nicht, Master Lionel! Nein, nein, es war nur eine notwendige Reise. Ganz gewiss, nur eine Reise.“

„Wohin denn?“ fragte ungläubig der Knabe. „Weshalb begleitete sie ihn nicht?“

„Das kann ich Ihnen unmöglich sagen. Vielleicht war sie schon damals zu krank, um sich auf die Reise zu begeben, vielleicht hatte sie auch andere Gründe, aber gewiss ist nur, dass Mr. Forster allein fortging.“

„Um niemals wieder zurückzukehren, Ralph?“

„Niemals. Er ist bald darnach gestorben.“

„Und meine arme Mutter wurde vor Gram krank, nicht wahr?“

„Ja, Sir, sie folgte ihrem Manne sehr schnell in das Grab.“

Lionel schüttelte den Kopf. „Eine eigentümliche Geschichte!“ sagte er. „Ich sehe da nie so recht auf den Grund, ich kann nicht erfahren, was mein Vater war, und ob überhaupt noch Verwandte von ihm leben. Onkel Charles ist mir in dieser Beziehung schon mehrfach ausgewichen, und heute machst du es ebenso, Ralph.“

Der Neger trieb die Pferde zu schnellerer Gangart. „Ich weiss nicht mehr, als was ich sagte, Sir, wirklich.“

Jetzt hielt der Wagen, und nach allen den aufregenden Empfindungen der letzten Stunden umgab die traute Stille des Landhauses sanft beruhigend die Sinne des Knaben. In der weiten Vorhalle brannte eine Kugellampe, auf der Veranda stand mit Flaschen und Gläsern der Abendtisch gedeckt, ein grosser Wildbraten dampfte in der Schüssel, frisches Gebäck und lockende Fruchtschalen füllten die Zwischenräume der schweren Gerichte. Vor dem Tische lagen die beiden Jagdhunde und erwarteten geduldig, was für sie abfallen würde.

Es ging durch Lionels Herz wie ein Messerstich. Hier der Ueberfluss, dort unten in der Stadt die bitterste Not! — Er vermochte, als sich die kleine Familie um den Tisch versammelt hatte, kaum zu essen, so sehr beschäftigte ihn das Schicksal der bedrohten Deutschen.

„Onkel Charles,“ sagte er, „du glaubst nicht, wie viel Elend ich in der Stadt mit eigenen Augen angesehen habe! Du solltest mir aus deinen grossen Vorräten von Lebensmitteln möglichst viel schenken, damit ich es den Armen in der Stadt überbringen kann, oder besser noch —“

Mr. Manfred Trevors Augen funkelten, das gelbe Gesicht wurde noch fahler. „Du wirst doch eine so unsinnige Bitte nicht erfüllen, Charles?“

„Ich kann es leider nicht, Manfred, das weisst du sehr wohl!“ sagte der Gutsherr. „Die Besonnenheit verbietet mir aus mehrfachen Gründen jedes Eingreifen in die Verhältnisse der Bedrohten.“

„Natürlich,“ murmelte Mr. Manfred, „natürlich. Du könntest erleben, dass der Pöbel hierherzöge, um Seven-Oaks dem Boden gleichzumachen und uns alle umzubringen.“

Der Gutsherr nickte. „Leider!“ seufzte er. „Leider! — So gern ich deinen Wünschen willfahren möchte, Lionel, es ist undenkbar. Du selbst musst in der Stadt jedes deiner Worte sorgfältig abwägen, mein guter Junge, — für einen Abolitionisten zu gelten, kann dir das Lynchgericht in jedem Augenblick zuziehen, ohne dass sich zu deinem Schutze irgendeine Hand erhöbe.“

Lionel schwieg. Er war mit den Ansichten seines Onkels nicht einverstanden, aber er fühlte, dass es unpassend sein würde, jetzt noch dagegenzusprechen, daher unterhielt er sich mit Philipp, und die beiden beschlossen, wenigstens den Inhalt ihrer Sparbüchsen heimlich zu verteilen. „Ich habe nur einen einzigen Dollar,“ gestand Philipp, „aber ich gebe ihn gern. Du bist gewiss reicher als ich, Lionel!“

„In meinem Kasten befinden sich mehr als hundert Golddollar, die sollen die Abgebrannten haben. Onkel Charles hat schon erlaubt, dass Hermann Neubert die Ferien mit uns verbringt, wir können also morgen zur Stadt fahren, um ihn zu holen und dabei gleich das Geld mitnehmen.“

Am andern Tage brachte Ralph sie im Wagen in die Stadt und vor Herrn Neuberts Haus. Im Nachbargebäude hatte über Nacht das Feuer gewütet und eine klaffende Lücke in die Strassenflucht hineingerissen. Wo waren die Unglücklichen, denen wilde Frevler die Heimat mit allem, was sie ihr eigen nannten, plötzlich und gewaltsam entrissen hatten?

„In dem Warenschuppen des Baumaterialienhändlers drüben hinter der Schenke,“ flüsterte Hermann, als Lionel diese Frage stellte. „Zwischen Kalktonnen und Bretterstapeln hat ihnen der unerschrockene Gastwirt ein Asyl gewährt.“

„Ich will gleich die Abgebrannten besuchen,“ rief Lionel, „ich will ihnen etwas Geld bringen und sie ermahnen, den Mut nicht zu verlieren.“

Er sprang, während sich Hermann zur Reise rüstete, über die Trümmer der verbrannten Häuser bis zu dem Schuppen, welcher ihm bezeichnet worden war, öffnete leise eine Tür und sah in das Innere des Raumes.

Auf einigen alten Wolldecken lag ein Mann, dessen Kopf und Hände verbunden waren, daneben mehrere Kinder mit bleichen Gesichtern, offenbar von Angst und Krankheit verzehrt. Die Unglücklichen hatten sich eng aneinandergeschmiegt, als wollten sie vereint der letzten Stunde entgegensehen; des Vaters verbrannte Hände hielten die Kleinen umfasst, ihre Köpfchen mit den blonden Haaren und den furchtsam blickenden Augen lagen dicht an seinem Herzen.

Vor der elenden Lagerstätte sass eine Frau von etwa fünfunddreissig Jahren; sie stützte den Kopf in die abgezehrte Hand und las mit vom Weinen unterbrochener Stimme den Ihrigen aus der Bibel vor.

„Guten Tag, liebe Frau,“ begrüsste sie Lionel, „fürchten Sie sich nicht, ich komme, um Ihnen meine paar Sparpfennige zu bringen, alles, was ich habe, aber recht von Herzen gegeben. Möchte es Ihre augenblickliche Not ein wenig lindern können.“

Er legte mit leiser Hand das Geld in den Schoss der Frau und wollte sich wieder entfernen, als ihn der Mann bat, doch noch einige Minuten zu bleiben. „Sind Sie ein Deutscher, junger Herr?“

„Nein, Sir, ich bin ein geborener Virginier und ein Verwandter der Familie Trevor auf Seven-Oaks. Glauben Sie denn, dass nur ein Deutscher mitleidig und teilnehmend empfinden könne?“

Der kranke Mann lächelte. „Das gewiss nicht,“ versetzte er, „aber in dieser bösen Zeit hält man unwillkürlich jeden Amerikaner für seinen Todfeind. Ach, junger Herr, vor einem einzigen kurzen Jahre war ich ein wohlhabender Mann, hatte mein blühendes Geschäft und zwei eigne Häuser, — jetzt bin ich ein Bettler, mein armes Weib, meine Kinder sind ruiniert für immer.“

Die Frau kniete neben seinem Lager, sie streichelte das überall verbundene, von Brandwunden bedeckte Gesicht, ihre Tränen fielen heiss auf die unschuldigen Stirnen der schluchzenden Kinder.

„Sieh, wie viel Geld wir jetzt haben, Martin! Gott ist wirklich bei uns, er hat den Retter in der Not hierhergeschickt. Hundert Golddollar, — damit kommen wir hinüber in das Gebiet der Nordstaaten.“

Der Kranke machte den vergeblichen Versuch, sich aufzurichten, er sank matt in die Wolldecken zurück, aber sein Auge glänzte und um die bleichen Lippen zuckte zum erstenmale ein Lächeln voll neuen Mutes.

„Und alles dieses Geld wollen Sie uns armen Verfolgten schenken, junger Herr? — Ach, der liebe Himmel lohne es Ihnen tausendfältig. Geben Sie mir Ihre Hand, Sir! Martin Reuter will zum Schuft werden vor Gott und den Menschen, wenn er diesen Sonntagmorgen jemals vergisst! So, das ist ein Eid wie jeder andere — möchte die Stunde kommen, in der es mir vergönnt ist, Ihnen einen Dienst zu leisten, junger Herr, ich will sie als die schönste meines Lebens betrachten.“

Lionel nahm vorsichtig die verbrannte Hand, er sprach einige freundliche Worte, mit denen er den Kranken zu beruhigen suchte, dann verabschiedete er sich.

„Gottes Segen mit euch allen! Adieu! Adieu!“

„Der Himmel vergelte es Ihnen, Sir! Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!“

Jetzt stand er draussen, das Herz voll einer stillen, überschwenglichen Freude. Welch eine Seligkeit ist es doch, fremde Tränen trocknen zu können!

Zweites Kapitel

Philipp und Hermann sassen schon auf dem Wagen. Man gelangte glücklich zur Plantage, wo der Hausherr den wohlbekannten Schulkameraden seines Pflegesohnes mit Gruss und Handschlag willkommen hiess; dann wanderte das Kleeblatt zunächst hinab in den Hof, um die Tiere zu besehen.

Eine seltsame Erscheinung kam ihnen dort entgegengeschritten. Ein ledernes Hemd, ebensolche Beinkleider und hohe Schaftstiefel bildeten den Anzug eines schlanken, noch jugendlichen Mannes, dessen Brust mit blitzenden goldenen und silbernen Medaillen geschmückt war. Im breiten schwarzen Ledergurt steckte das Jagdmesser, daneben sechsläufige Drehpistolen, deren blanke Griffe im Sonnenlicht funkelten. Eine Kugelbüchse und ein grauer Filzhut von gewaltigem Umfange vervollständigten diese achtunggebietende Ausrüstung. Zwei Jagdhunde, jedem Blick, jeder Handbewegung gehorchend, begleiteten den hübschen, stattlichen Jäger.

„Jack Peppers, der Trapper!“ rief Lionel. „Willkommen auf Seven-Oaks, Sir!“

Der Fremde dankte höflich. „Ist Mr. Charles Trevor zu sprechen?“ fragte er. „Ich möchte ihm gern eine Mitteilung machen.“

„Ueber eine Jagd, Sir? Sind Antilopen in der Gegend?“

„Besseres! Viel Besseres!“

„Doch unmöglich ein Jaguar?“

Der Trapper nickte. „Ein schwarzer noch dazu, ein Bestie wie ein Königstiger.“

Lionel klatschte vor Freude in die Hände. „Wo? mein guter Jack! Wo? Wird man zu Pferd die Stelle erreichen können?“

„Ganz bequem,“ versetzte der Jäger. „Die Raubkatze ist jedenfalls durch die Truppenbewegungen an der Grenze hierher verschlagen worden; sie hat ihr Lager im Röhricht an den grossen Sümpfen, da wo der Waldsaum den See streift.“

„Onkel Charles ist nur vor Tisch auf ein Stündchen davongeritten, um nach dem Weizen zu sehen. Ganz gewiss nimmt er schon morgen die Jagd auf. Wie glücklich wäre ich, wenn meine Kugel den Jaguar erlegte!“

Wenige Minuten später kam Mr. Charles nach Hause, der Trapper wurde vorgelassen und musste seinen Bericht wiederholen. Auch Manfred Trevor horchte hoch auf. „Ein Jaguar? Und unten in der Wildnis an den unübersehbaren Sümpfen? — sollte das eine Treibjagd geben?“

„Gewiss!“ rief der Gutsherr. „Ich kann fünfzig bis achtzig Schwarze stellen!“

Die Nachricht kam wie eine wahre Freudenbotschaft in das Haus; schon in aller Frühe des nächsten Tages sollte der Jagdzug beginnen, die Dienerschaft musste gleich das Zelt des Gebieters instand setzen, die Pferde auswählen, Vorräte zusammenpacken und Waffen putzen, alle Hände waren in fieberhafter Tätigkeit.

„Hast du eine gute Kugelbüchse für mich, Charles?“ fragte Manfred Trevor. „Ein armer Stadtgelehrter besitzt dergleichen nicht, wie du wohl weisst. Das heisst,“ setzte er schnell hinzu, „wenn du überhaupt gestattest, dass ich dich zur Jagd begleite!“

„Manfred, — welche Frage! Da in der Waffenkammer hängen Dutzende von Büchsen aller Art, suche dir eine aus und behalte sie gleich ein für allemal zum Andenken an mich.“

Die Farbe auf dem Gesicht des andern wechselte unaufhörlich. „Danke! Danke!“ sagte er hastig. „Wenn du es also gestattest, werde ich mich gleich heute nachmittag ein wenig einschiessen, — drüben im Walde. Man muss doch das Ding zu handhaben wissen. Wie ist es denn,“ setzte er gleich darauf hinzu, „nimmst du auch die beiden Knaben mit? Philipp muss natürlich zu Hause bleiben.“

„Das ist wohl leider nicht anders möglich, aber Lionel und Hermann können uns ja sehr gut begleiten.“

Manfred schwieg, indem er aus dem Fenster in den Hof hinabsah; es schien, als tobe in seiner Seele ein Kampf. Endlich ergriff er die im Waffenschrank ausgesuchte Kugelbüchse und begab sich nach kurzem Abschied hinaus in den Wald hinter dem Hofe. Hier befestigte er ein Kartenblatt an den Stamm einer Eiche und lud dann die Büchse.

Er zielte und schoss — aber seine Hand hatte so heftig gezittert, dass die Kugel weit an der Karte vorüberflog.

„Gut, dass du nicht schon den Jaguar vor dir hattest, Onkel!“ rief hinter dem Schützen eine jugendliche Stimme, und Lionel erschien auf der Lichtung, um mit einer Büchse, die er von der Schulter nahm, sekundenlang zu zielen und dann das Herz aus der Karte herauszuschiessen. „Hurra, getroffen! Jetzt bist du dran, Onkel Manfred!“

Dieser sah aus, als sei ihm ein Gespenst begegnet. Dann aber raffte er sich gewaltsam auf, und Hand und Auge waren plötzlich fest geworden. Der Schuss krachte, und die Kugel flog in das Loch, welches die Stelle des Herzens auf der Karte bezeichnete; noch zwei, drei andre folgten, dann sah Mr. Manfred Trevor spöttischen Blickes hinüber zu dem Pflegesohne seines Vetters. „Ich werde den Jaguar, wenn er mir zum Schusse kommt, nicht fehlen,“ sagte er in sonderbar bedeutsamem Tone. „Vorhin mag mir etwas ins Auge gekommen sein.“

Dann wandte er sich ab und schritt ohne Gruss davon.

Lionel sah ihm betroffen nach. „Onkel Manfred hasst mich,“ dachte er, „aber warum nur? Ich habe ihm nie etwas zuleide getan.“

An diesem Abend drehte sich das Gespräch am Herrschaftstische nur um den Jaguar. Erst zweimal während der zehn Jahre seines Hierseins hatte der Gutsherr eine Jagd auf das aus Virginien fast ganz verdrängte Raubtier mitmachen können, aber beide Male war es zufällig einem andern Teilnehmer der Partie zum Schusse gekommen, so dass es auf der Plantage keine Fussdecke gab, die aus einem selbsterbeuteten Pelz angefertigt worden wäre, — morgen vielleicht sollte der scheckige Räuber Mr. Charles Trevor vor die Flinte kommen. Der leidenschaftliche Jäger wollte endlich neben den Geweihen zahlloser Hirsche und Antilopen, neben ausgestopften Vögeln und Schlangenhäuten das bunte Fell des Jaguars sehen.

Mr. Manfred allein schien die freudige Spannung nicht zu teilen, von der alle andern bewegt waren. Bitterer Groll nagte an seinem Herzen, während seine Blicke zwischen Mr. Charles und Lionel verstohlen hin und hergingen. Sein eigener Sohn, der gesetzlich nächste Erbe von Seven-Oaks, schien nichts zu gelten, während dieser Fremde, ein Sohn der verachteten farbigen Rasse, volle Kindesrechte genoss und sich mit der Sicherheit des verwöhnten Lieblings im Hause bewegte. Ihm war Seven-Oaks zugedacht, das unterlag keinem Zweifel. Alle diese endlos gedehnten Fruchtfelder, diese Scharen von Sklaven, die nach Hunderten von Köpfen zählenden Herden und stattlichen Gebäude, — alles sollte Lionel erben.

„Manfred,“ sagte der Gutsherr, „woran denkst du so lebhaft?“

Der Angeredete fuhr auf. „Ich?“ stammelte er. „Ich? — Nichts! Nichts!“

„Du sahst aus, als wolltest du einen Todfeind erwürgen, Manfred!“

Mr. Trevor zuckte die Achseln. „Ich dachte an den Jaguar!“ stiess er hervor.

Am andern Morgen herrschte reges Treiben auf dem Hofe. Jack Peppers erschien mit dem Lederanzug und den beiden steifen ledernen Schutzvorrichtungen gegen Schlangenbisse, wie er sie vom Sattel herabhängend trug. Sein kleines sehniges Pferd, der „Robber“, tänzelte vergnügt, die blanken Waffen blitzten im Sonnenlicht. Zwei Packpferde wurden beladen, die schwarzen Treiber versammelten sich, und zuletzt erschienen auch die Herren, denen sich noch einige eilends aus der Stadt herbeigerufene Offiziere anschlossen. Nur Philipp blieb zu Hause, aber mit dem freundlichsten Gesicht und dem neidlosesten Herzen, er wünschte seinen Freunden eine fröhliche Jagd und glückliche Heimkehr; dem Gutsherrn reichte er noch zuletzt die Hand. „Leb wohl, Onkel Charles, viel Vergnügen!“

„Danke, mein guter Junge,“ klang es zurück. „Morgen nachmittag sehen wir uns wieder!“

Dann ritt er mit den übrigen davon, ein schöner, stattlicher Mann auf der Höhe des Lebens, ruhig in sich und glücklich, geliebt von allen, die ihm nahestanden. Sein vornehmes, das offenste Wohlwollen ausdrückendes Gesicht war leicht gebräunt, zwischen den Lippen dampfte die Zigarette, über den breiten Schultern hing am Lederriemen die Kugelbüchse, und munter und lustig umbellten die Rüden das tänzelnde Pferd.

Zunächst führte der Weg durch die Felder und Wiesen von Seven-Oaks, dann über eine steinige Ebene und zuletzt in den Wald hinein, dessen tausendjährige Stämme, von Ranken und Blumen umflochten, hoch in die Luft emporragten.

Es dämmerte bereits, als der Platz erreicht war, den Peppers für das Nachtlager bestimmt hatte. Hohe Felswände umgaben im Halbkreis ein kleines Tal, das mit laubreichen alten Bäumen bestanden war; hier konnten die Zelte aufgeschlagen werden, hier sollten Pferde und Gepäck bleiben, bis die Jagdgesellschaft mit dem Fell des erbeuteten Jaguars zurückkehrte, man liess sich häuslich nieder und errichtete zum Schutz gegen die Moskitos ein Feuer aus grünem Holz, an dem die Neger Kartoffeln in der Schale brieten.

„Denken Sie nicht, dass das Raubtier hierherkommen könnte?“ fragte Mr. Manfred Trevor den Trapper. „Es wäre doch möglich, wie?“

„Ganz unmöglich, Sir,“ versicherte Jack. „Der Jaguar begibt sich nicht in die Tiefe der Wälder, er bleibt am liebsten da, wo hohes Schilf steht.“

Mr. Trevor antwortete keine Silbe, er nahm seine Wolldecke, hüllte sich hinein und schien zu schlafen, während die übrigen um das Feuer sassen und von der bevorstehenden Jagd plauderten.

Bald aber verstummte jedes Gespräch, Jack Peppers und auch Mr. Charles Trevor schienen zu schlummern, nur Lionel lag noch wachend und sah mit hellen Augen zum Sternenhimmel empor. Seine Phantasie beschäftigte sich noch immer mit dem Jaguar. Wenn es ihm möglich war, auf irgendeine Weise die Bestie dem geliebten Onkel in die Schusslinie zu treiben, so sollte das sicherlich geschehen, — Mr. Trevor wollte so gern die Jagdbeute selbst erobern!

„Lionel!“ flüsterte neben ihm eine Stimme.

Er wandte den Kopf. „Onkel Charles?“

„Wachst du noch, mein Junge? — Komm, rücke ein wenig näher, aber lass die andern schlafen, — ich möchte einen Augenblick mit dir plaudern.“ Und der Gutsherr von Seven-Oaks legte den Arm um die Schultern seines Pflegesohnes und zog ihn voll Zärtlichkeit nahe zu sich heran. „Eigentlich bin ich ein ganz leichtsinniger Mensch,“ sagte er flüsternd, „ich mache mir deinetwegen heute abend heimliche Vorwürfe, Lionel.“

„Mein Gott, Onkel Charles, — aus welchem Grunde?“

Der Gutsherr wiegte den Kopf. „Hm, schon mancher Mann ist gesund und fröhlich aus dem Hause fortgegangen, um niemals wiederzukehren, — das könnte auch mir geschehen, und dieser Gedanke macht mir Sorge, Lionel, deinetwegen. Du wärest verloren, ein unglücklicher Mensch! — Ob wohl alle unsere Genossen schlafen?“

„Ich glaube es,“ versetzte der Knabe, seltsam durchschauert von dem Tone seines Wohltäters. „Was wolltest du mir sagen, Onkel Charles?“

„Als meine Frau und meine beiden Kinder in einem einzigen Jahre starben, da warst du ein kleines Bürschchen, — so recht eigentlich das letzte menschliche Wesen, welches mir Gott noch gelassen. Ich habe mein ganzes Herz an dich gehängt, Lionel, ich erziehe dich zum Gentleman und hinterlasse dir, wenn mich Gott abruft, meine Farm mit allem, was dazu gehört.“

Lionel fuhr auf. „Nein, Onkel Charles,“ flüsterte er, „nein, das darf nicht geschehen. Philipp ist dein gesetzlicher Erbe.“

Der Gutsherr lächelte. „Philipp bekommt sechzigtausend Dollar, das ist ein Vermögen, von dessen Zinsen er leben kann. Seven-Oaks dagegen bleibt dein, unter Brüdern wäre es schon seine halbe Million wert, aber wenn die Konföderierten den Sieg behalten und das Land im Preise steigt, so kannst du getrost noch hunderttausend hinzurechnen.“

Lionel schüttelte den Kopf. „Philipp würde mich nicht mehr liebhaben!“ sagte er. „Onkel Charles, bitte, vermache uns beiden die Farm, ihm und mir, wie es geschehen würde, wenn wir z. B. Brüder und deine eigenen Söhne wären.“

Mr. Trevor hob die Hand. „Dein Vorschlag zeugt von einem grossmütigen Herzen, mein guter Junge, er macht dir alle Ehre, aber zwei Gebieter für dasselbe Eigentum — nein, nein, das geht nicht, Lionel. Philipp würde überhaupt gar nicht dauernd auf dem Lande leben wollen, und endlich ist auch mein Testament in aller Form Rechtens vorhanden, — eben daher bin ich ja heute abend so unruhig. Mr. Mason, der Notar, ist als Offizier in den Krieg gezogen, die beiden Zeugen gleichfalls; vielleicht kommt keiner von ihnen jemals zurück.“

„Und darüber wolltest du dir heute schon Sorgen machen, Onkel Charles? Du, der noch dreissig und mehr Lebensjahre vor sich hat?“

Mr. Trevor schüttelte den Kopf. „Niemand kennt die Stunde, in welcher er abberufen wird,“ versetzte er in ruhigem Tone. „Und nun höre, was ich dir sagen will, mein Junge! Das Testament ist in meinen Händen geblieben, anstatt bei dem Friedensrichter niedergelegt zu werden, Mr. Mason hielt es so für besser, weil die Freibriefe sämtlicher Sklaven mit darin enthalten sind, — etwas, das in unseren Tagen böses Blut machen könnte. Sobald ich gestorben bin, muss das Dokument den Behörden vorgelegt werden, es darf um keinen Preis in eine andere als nur deine Hand gelangen, mein Junge! Darum sollst du erfahren, an welchem Orte ich es geborgen habe. Vorher versprich mir, keinem Menschen von dem, was ich dir jetzt sagen werde, eine Mitteilung zu machen!“

Lionel reichte ihm stumm die Hand, er war unfähig zu sprechen.

M. Trevor hob den Kopf. Ehe er dem Knaben an seiner Seite die bedeutungsschwere Mitteilung machte, beugte er sich ein wenig nach links hinüber, um in Manfreds blasses Gesicht zu sehen. Schlief der Mann mit dem ruhelosen Blick und dem scheuen, sonderbar verstörten Wesen?

Eine Sekunde nur, dann wandte sich der Gutsherr plötzlich ab. Mr. Manfred Trevor, sein Vetter, lag ohne Bewegung, wie ein Mensch, der fest schläft, aber dennoch war diese äussere Ruhe nur Schein, die Augen standen weit offen, und unversehens, ganz unerwartet hatte Charles Trevor ihren glühenden, leidenschaftlich erregten Blick aufgefangen. Zwar fielen die Wimpern augenblicklich herab, aber trotzdem wusste der Gutsherr, dass sein Vetter sich jedes gesprochenen Wortes erinnern würde, dass er auch jetzt noch unter der Maske des Schlafenden angestrengt lauschte, — ein unangenehmes Gefühl durchfröstelte sein Herz.

„Jetzt nicht,“ flüsterte er in das Ohr seines Pflegesohnes. „Schlafe, Lionel, schlafe, — wir sprechen uns morgen.“

Drittes Kapitel

Noch stand die Sonne nicht völlig am Himmel, der Tau lag auf den Grasspitzen, die Blumen schimmerten wie mit einem Silberschleier bedeckt; es war ein warmer, herrlicher Morgen, kirchenstill dehnte sich der Wald, nur leises Vogelsingen klang zuweilen durch die grüne Wildnis.

Jack Peppers ordnete den Vormarsch der Treiber, die das Unterholz von allen Seiten durchstreifen und so das kostbare Wild zwingen sollten, im dichten Schilf eines Sees Schutz zu suchen.

„Wie ist die Gegend beschaffen?“ fragte Mr. Manfred Trevor. „Eine offene Fläche?“

„Ein See, der in einen Sumpf ausläuft, Sir, dahinter die Gebirgskette. Ich bin überzeugt, dass uns die Katze nicht entkommen kann.“

Manfred hielt sich ständig an seines Vetters Seite, er verliess ihn keinen Augenblick, er machte es ihm ganz unmöglich, dem Knaben unbemerkt auch nur ein einziges Wort zuzuflüstern. Lionel dachte nicht mehr an die Unterredung dieser Nacht, er kümmerte sich wenig um Geld oder Erbschaft, sein Auge blitzte hell und fröhlich.

Eine Stunde weit führte der Weg durch den Wald, dann wurde das Unterholz seltener, und endlich schimmerte ein Wasserstreif in der Ferne den Jägern entgegen. Wie ein Keil, spitz und langgestreckt, bohrte sich ein Ausläufer des Sees in das Holz hinein, zu beiden Seiten mit hohem Schilf bewachsen.

Jetzt schienen die Hunde unruhig zu werden, sie schnupperten am Boden, ihr Haar sträubte sich, nur die gehorsamen Tiere des. Trappers waren noch zum Vorgehen zu bewegen, während die beiden Rüden des Gutsherrn winselnd zu den Füssen ihres Gebieters um Schutz zu bitten schienen.

Jack Peppers stand still. „Irgendwo im Schilf lauert die Bestie,“ sagte er leise. „Wir müssen uns jetzt trennen, so dass beide Ufer des Wasserarmes besetzt sind. Ich bleibe hier vorn, meine Hunde sollen die Unze heraustreiben.“

Er deutete mit der Hand die Richtung an, — leise schleichend suchten die beiden Männer in Begleitung der Knaben jeder für sich hinter einem dicken Stamm Deckung, und nun begann der Trapper die Hunde in Bewegung zu setzen. „Vorwärts, Happy, mein gutes Tier! Vorwärts, Carry! Sucht die Katze!“

Er selbst hatte das Gewehr an einen Baumstamm gelehnt und dafür vom Gürtel eine schwere Keule aus Eichenholz gelöst. Den Arm mit einem Schaffell umwickelt, stand er da wie ein römischer Fechter der Vorzeit, vollkommen ruhig, bereit, dem gefürchteten Raubtier entgegenzugehen.

Die Hunde drangen in die dichten Schilfmassen hinein, sie suchten mit gesenkten Schnauzen und schienen nach kurzer Frist die Spur gefunden zu haben. Ein wütendes Bellen verriet, dass ihr Todfeind entdeckt war.

Geier kreischten und flogen durcheinander, Hunderte ihrer hässlichen Sippe erschienen zugleich, ein wirres Flügelschlagen und Lärmen begleitete einen Chorus anderer Stimmen, die sich aus der Mitte des Schilfmeeres erhoben. Von rechts und links stürzte aufgeschreckt, in voller Todesangst, ein Rudel Wasserschweine kopfüber in die stille Flut, während aus dem grünen Rahmen derselben ein dicker, plumper Kopf mit glühenden Raubtieraugen zum Vorschein kam. Ein langer Schweif peitschte wütend die Halme, dass sie nach allen Seiten flogen, ein Brüllen erscholl gleich fernem Donner. Der schwarze Kopf sah nach vorn, als suche er den Angreifer, das riesige, einem Königstier an Grösse gleichkommende Tier stand aufrecht in seiner vollen Höhe und schlug herausfordernd mit den Pranken in die Luft, während von allen Seiten die Geier in ganzen Wolken herbeiflogen, um den Körper eines getöteten Wildschweines, das vor den Füssen des Jaguars im Schilf lag, mit ihren scharfen Schnäbeln zu zerhacken und als gute Beute an sich zu reissen.

Wenigstens zehn Schüsse fielen zugleich. Das Tier sprang hoch empor und sank auf alle vier Füsse zurück, es brüllte vor Wut und Schmerz, blutiger Schaum stand vor dem Maule, die Rückenhaare waren gesträubt, die Haltung geduckt, wie zum Sprunge. Noch im Todeskampfe schien es den einzig sichtbaren Angreifer, den Trapper, überfallen zu wollen.

Jack Peppers stand unbeweglich. Die Keule hielt er etwa in der Höhe seiner Augen, die Blicke waren fest auf das brüllende Raubtier gerichtet. Carry und Happy bellten immerfort um die Wette, — es schien, als dränge sich die Entscheidung des ganzen Unternehmens zusammen in diese eine Minute.

Dann wagte der Jaguar den Sprung, welcher ihm so oftmals zum Siege, zur reichen Beute verholfen hatte; er setzte an, um im Fluge den Trapper zu packen und zu Boden zu reissen. Ein breiter Blutstrom drang aus seiner rechten Seite hervor, die grosse Gestalt schien zu wanken, zu taumeln, sie berührte in einigen Fuss Entfernung vor dem kühnen Jäger den Boden, und nun war, ihr Schicksal besiegelt. Ein wuchtiger Hieb mit der Keule — und das Tier brach zusammen.

Aus den nächsten Gebüschen kamen die Neger herbei, um in ihrer kindischen Weise den toten Feind zu umtanzen und ihn zu verhöhnen. Auch die beiden Knaben erschienen, endlich Mr. Manfred Trevor, — wo aber blieb der Gutsherr?

„Onkel Charles!“ rief Lionel.

Keine Antwort.

„Onkel Charles, wo bist du? Wir suchen dich!“

Es blieb wieder alles still, auch der Trapper und Hermann riefen, so laut sie konnten, aber ganz umsonst, nichts regte sich, keine Stimme gab Antwort.

Lionels Herz fing an schneller zu schlagen. „Onkel Manfred,“ bat er, „rufe du doch auch! — Hast du denn nicht gesehen, wo Onkel Charles Stellung nahm?“

Mr. Trevor zuckte zusammen. „Ich?“ rief er. „Ich? Junge, wie kommst du darauf?“

Ehe Lionel antworten konnte, erklang aus einem der entfernteren Teile des Schilfes das laute Geschrei eines Negers, schwarze Hände hoben sich angstvoll in die Luft empor, ein schwarzes Gesicht sah kläglich hinüber zu der Gruppe weisser Männer. „O Mr. Charly! Mr. Charly! — Er ist tot!“

Lionel schrie laut auf. „Tot! — Barmherziger Gott, er sollte tot sein?“

Hermann war sogleich aufgesprungen und zur Unglücksstätte geeilt, ihm folgten Jack Peppers und Lionel, ebenso die übrigen Neger. Leise hoben liebevolle Hände die regungslose Gestalt des Gutsherrn vom Boden, leise trug man ihn auf den freien Platz hinaus und legte den Körper auf das Moos unter den Bäumen.

Jack Peppers bog Rock und Hemd zur Seite. Aus einer kleinen, blauschwarz erscheinenden Wunde in der Brust sickerte das Blut, die Augen waren fest geschlossen, das ganze männlich schöne Antlitz trug den Ausdruck eines tiefen, erschütternden Grames.

Lionel stand mit krampfhaft gefalteten Händen, unfähig zu sprechen, ja auch nur zu denken, — das plötzlich hereingebrochene entsetzliche Schicksal hatte ihn vernichtend getroffen.

Der Trapper untersuchte sorgfältig die Wunde. Sein Kopfschütteln, seine Blicke zeigten den Umstehenden deutlich genug, dass keinerlei Hoffnung vorhanden sei, dennoch sagte Jack Peppers mit leiser Stimme: „Das Leben ist noch nicht ganz entflohen, vielleicht hört uns auch der arme Mr. Trevor noch, also bitte, Gentlemen!“ — —

Und eine Handbewegung vollendete den Satz.

Lionel sank, aufgelöst in den bittersten Schmerz, neben dem Körper seines Wohltäters auf die Knie. „Onkel Charles!“ flüsterte er, halb erstickt von Tränen, „Onkel Charles, sieh mich doch noch ein einziges Mal an!“

Und als habe die Stimme des Knaben den Schleier einer todesähnlichen Erstarrung zerrissen, ging durch die Glieder des Sterbenden ein leichtes Zucken. — Die fest geschlossenen Augen öffneten sich langsam, der Blick suchte voll Zärtlichkeit den des Knaben, sekundenlang, — dann heftete er sich fest auf das blasse Antlitz des Mannes, der seinen Platz an dem alten Baumstamm immer noch nicht verlassen hatte, der die Wimper gesenkt hielt, als wolle er nicht sehen, was um ihn her vorging.

Der Sterbende sah ihn unausgesetzt an. Ueber die erbleichten Lippen kam kein Laut, aber das Auge zeigte klares Bewusstsein. Mit äusserster, letzter Anstrengung hob er die Hand und deutete auf Mr. Manfred Trevor, dann umschleierte sich der Blick, matt sank der Arm in das Moos, und alles war vorüber.

„Er ist tot!“ sagte leise der Trapper. „Friede seiner Seele!“

Lionel schluchzte laut. Er hatte mit beiden Armen die Brust seines Wohltäters umklammert, er konnte nicht glauben, dass so jählings für alle Zeit geschieden sein sollte.

„Wir haben hier nichts mehr zu tun,“ sagte seufzend der Trapper. „Ermannen Sie sich, junger Herr, wir müssen jetzt den Heimweg antreten.“

Er hob zaudernd und mitleidig den weinenden Knaben empor, dann nahm er das seidene Halstuch ab und band es dem Toten über das Gesicht. Vier Neger mussten nach seiner Anleitung aus Baumstämmen eine Bahre anfertigen, und die Leiche wurde behutsam darauf gelegt. Jack Peppers beeilte sich, den Kadaver des getöteten Tieres seiner bunten Haut zu entkleiden. In wenigen Minuten war die Arbeit vollendet, ein Neger erhielt das Fell, um es zu tragen, und nun setzte sich der traurige Zug in Bewegung.

Einige Neger wurden vorausgeschickt, um die Pferde und die Zeltstangen herbeizuholen. In der warmen Sommerluft musste der Tote spätestens am dritten Tage beerdigt werden, — man hatte keine Zeit zu verlieren.

Jack Peppers leitete das Ganze, er liess den Knaben still vor sich hinweinen und hörte nicht an, was ihm Mr. Manfred zuweilen sagte. Dieser letztere hatte jetzt seine Besonnenheit wiedergefunden, er schien ruhig und wiederholte wohl zehnmal, dass ihn das Unglück in eine Art von Betäubung versetzt habe. „Mein armer Charles!“ sagte er seufzend. „Ein so biederer Charakter, ein so guter, vortrefflicher Mensch! Wie grossmütig behandelte er das schwarze Gesindel, und doch hat ihn einer dieser Elenden erschossen.“

Der Trapper lächelte seltsam. „Das glaube ich nicht, Sir!“ versetzte er.

„Nein? Aber wer hätte es denn sonst tun sollen?“

„Ob auch kein Menschenauge den Finger gesehen hat, Sir, als er sich gegen den Hahn der Büchse krümmte, um die Mordkugel zu entsenden, so wird doch über diese Geschichte einmal abgerechnet, wenn das Soll und Haben der Menschheit zum Ausgleich kommt. So denke ich wenigstens!“

Damit liess er den Gentleman stehen und schnürte mit eigenen Händen die Leiche in das Leinentuch des Zeltes, dann wurde die Bahre auf den Rücken zweier Pferde befestigt, und mehrere Neger wurden beauftragt, die Tiere zu führen.

Da man mit den Leuten in jeder Stunde wenigstens einmal wechselte und die nötigen Mahlzeiten im Sattel einnahm, so gelang es, gegen Abend Seven-Oaks zu erreichen, — genau zu jener Stunde, in welcher der Gutsherr als glücklicher Schütze zurückzukehren gehofft hatte.

Philipp hatte mit dem Negerknaben Toby und der alten schwarzen Köchin Cassy einen Riesenkranz gewunden und über dem Portal des Hauses befestigt. „Willkommen“ stand mit grosser schöner Schrift darin; überall brannten rings an den Wänden bunte Papierlaternen, die der verkrüppelte Knabe mit eigenen Händen angefertigt hatte.

Da begann im Hof einer der Hunde zu bellen, und Toby horchte plötzlich auf. „Das ist Diana, sie hört auf eine halbe Meile jeden Ton! Die Jäger kommen nach Hause, Massa Fili, sie kommen mit dem bunten Fell! Hurra! Hurra!“

Wirklich erklangen Hufschläge, und wenige Minuten später hielt ein Neger vor dem Portale. Sein Zuruf alarmierte das Haus, binnen Sekunden wussten alle Bewohner, was geschehen war, und klägliches Weinen und Jammern durchschallte die Räume. Mr. Charly tot! Mr. Charly, der gütigste Gebieter in ganz Virginien! O, nun hatte der liebe Gott die armen Schwarzen verlassen, nun brach das Unglück über sie herein.

Wie versteinert stand Philipp. Onkel Charles tot! Der Schmerz betäubte ihn fast.

Und dann hielt, nur von dem Bellen der Hunde empfangen, der Reiterzug. Die weinenden Neger hatten sich vor der Tür zusammengedrängt, es waren Fackeln angezündet worden, und schweigend hoben mit schonender Hand die vertrautesten Diener des Heimgegangenen seine Leiche von der Bahre, auf der sie immer noch lag.

Ralph hatte sich, tapfer seinen Schmerz verbeissend, dem Adoptivsohn des Hauses genähert, er legte sanft die Hand auf Lionels Knie. „Wollen Sie nicht in das Haus kommen, Sir? — Ach bitte, sprechen Sie doch ein Wort, weinen Sie wenigstens, — aber nicht dieses erstarrte, todblasse Gesicht!“

Auch Philipp trat hinzu, er streckte erschüttert beide Hände aus. „Lionel, mein armer Lionel, Gott helfe uns das schreckliche Unglück tragen.“

Lionel schwankte im Sattel, ohne Ralphs kräftige Arme wäre er vielleicht gefallen. „Tot!“ murmelten die bleichen, zuckenden Lippen, „tot! O Philipp, er, der mein einziger Freund war, mein Wohltäter und Beschützer!“

Ein unerklärliches Etwas schnürte Philipps Kehle zusammen, er begnügte sich, Lionels Hand zu drücken und ihn der Fürsorge Ralphs zu überlassen, dann, nachdem die Leiche in das beste Zimmer des Hauses getragen worden war, suchte er seinen Vater, um womöglich über das geschehene Unglück etwas Näheres zu erfahren.

„Wie kam es, dass Onkel Charles erschossen wurde?“ fragte er.

Mr. Manfred zuckte die Achseln. „Einer der schuftigen Neger natürlich! Die Halunken haben niemals Peitschenhiebe geschmeckt, daher sind sie übermütig geworden.“

Philipp schüttelte den Kopf. „Ich wüsste keinen einigen, dem ich eine derartige Schandtat zutrauen möchte, Papa. Die armen Leute hatten alle ihren Gebieter von Herzen lieb.“

Mr. Trevor lächelte spöttisch. „Lassen wir das jetzt, Philipp! Der Verstorbene erwacht nicht wieder, auch wenn wir ihn noch so aufrichtig betrauern, — es ist also an der Zeit, unsere eigene Lage zu überdenken. Du bist der Erbe von Seven-Oaks, mein lieber Junge!“

Philipp sah auf. „Ich, Papa? — O nein!“

„Doch Kind, doch. Ich bin ein Vetter des Verstorbenen, unsere Väter waren Brüder, aber du stehst ihm in der Verwandtschaft noch um einen Grad näher, denn deine Mutter war seine Schwester. Ich wiederhole dir, du bist der rechtmässige Erbe von Seven-Oaks, natürlich mit der Beschränkung, dass ich, als dein Vater, bis zu deiner Majorennität das Vermögen für dich verwalte.“

Philipp schüttelte den Kopf. „Das mag ja alles sein, wie du sagst, Papa, wenigstens dem Gesetze nach, aber doch muss die Farm Lionels Eigentum werden, denn Onkel Charles hätte sie ihm vermacht, wenn —“

Ein flammender Zornblick traf den Knaben. „Unsinn!“ herrschte Mr. Trevor. „Lass mich derartige Worte von dir nicht nochmals hören, Philipp.“

„Sie sind aber doch die Wahrheit, Papa! Du kannst unmöglich beabsichtigen, den armen Lionel jetzt schutzlos in die Welt hinauszustossen.“

Ein höhnisches Lächeln kräuselte Mr. Trevors Lippen. „Schutzlos?“ wiederholte er. „Nein, mein guter Philipp, das wird nicht geschehen.“

Und dann ging er fort. Es gab zahllose Anordnungen zu treffen, man musste einen Boten zum Arzt schicken, einen anderen zum Friedensrichter, die Leiche wurde gewaschen und einstweilen bis auf weiteres im Salon aufgebahrt. Als der Leichenbeschauer kam, unterzog er sämtliche Mitglieder der Jagdgesellschaft einem vorläufigen Verhör, dann schloss man die Haustür, und alle Lichter erloschen. Hermann war nach schneller Uebereinkunft mit Lionel und Philipp in dem Wagen des Arztes zur Stadt zurückgefahren, er wollte aber in den nächsten Tagen wiederkommen und an dem Begräbnis des Gutsherrn teilnehmen.

Alles im Hause war todesstill, die Neger sassen in ihren Hütten und schluchzten, die Hausdiener kauerten stumm, voll Grauen in der Küche. Mr. Trevor hatte im oberen Stock sein Zimmer neben dem Schlafgemache des verstorbenen Gutsherrn, während dieses letztere wieder von einem kleinen, auf den Garten hinausgehenden Arbeitskabinett begrenzt wurde. Mit lautlosen Schritten gehend, erreichte der blasse, scheue Mann die beiden äusseren Türen, welche er verschloss, dann wurde mit der Matratze des Bettes das einzige Fenster im Kabinett sorgfältig verhüllt; Mr. Manfred überzeugte sich vom Schlafzimmer aus, dass kein Strahl der Lampe den Garten erreichen könne.

Ohne Stiefel auf den dichten Teppichen von Ort zu Ort schleichend, untersuchte Manfred Trevor alle Behälter in den Zimmern seines verstorbenen Vetters, um das versteckte Testament zu finden. Dieses Blatt musste er vernichten, ehe morgen die Behörde einschritt und vielleicht alles auf Lionels Aussagen hin unter Siegel legte.

Hier war der Schrank, in dem die Kleider hingen; Manfreds heisse Fingerspitzen tasteten überall umher. Kein Geheimfach? Kein doppelter Boden?

Nichts, gar nichts.

Jetzt kam das Arbeitszimmer an die Reihe. Sämtliche Schlüssel hatten sich in den Taschen des Toten befunden, er öffnete den Schreibtisch und sah hinein. Da lag Geld in einer kupfernen Schale: Gold — Tausende, ausserdem Banknoten in Stapeln, ein Buch, in welchem der Stand des Vermögens genau verzeichnet war.

Es griff wie mit Krallen in das Herz des verbrecherischen Mannes. Wenn er das Testament nicht auffand, so war alles verloren, alles; ein Fremder, ein Sohn der verachteten Rasse, erhielt das kolossale Erbteil.

Die fieberheisse Hand suchte und suchte. Auch hier kein geheimes Versteck?

Doch — ja! Der kleinste Schlüssel am Ring passte in ein Schloss, das nur der Blick des genauesten Beobachters entdecken konnte. Ein Fach sprang auf, ein versiegeltes, umfangreiches Paket fiel in die Hände des Suchenden. „Mein Testament“ stand auf der Vorderseite.

Manfred Trevor riss das Siegel ab, er sah heissen Blickes hinein in das eng beschriebene Dokument. Zuerst eine Namenliste von stattlicher Länge, — Jimmy und Billy und Lizabeth und Mary, wie die Schwarzen alle hiessen: von Ralhp, dem Vertrauten des Gebieters, bis zum letzten Stalljungen waren sie alle durch notarielle Akte in Freiheit gesetzt. — Ein satanisches Lächeln umspielte Mr. Trevors Lippen. Nie sollte irgendeines Menschen Auge diese Liste sehen.

Er steckte das Blatt zu sich. Gegen zweimalhunderttausend Dollar! Wer verschenkt sie wie den Cent, den der Bettler am Wege erhält? — — Wahrlich, er nicht!

Das Testament erklärte Lionel zum Erben von Seven-Oaks. Für Philipp war ein Kapital ausgeworfen, für ihn selbst, den Vetter und Schwager des Verstorbenen, nur der Genuss einer lebenslänglichen Rente, während das Vermögen, aus welchem diese bezogen wurde, nach seinem Tode dem Haupterben wieder zufiel.

Mr. Trevor schnitt eine Grimasse. „Wahrhaftig, eine fabelhafte Grossmut!“ zischte er. „Tausend Dollar jährlich, indes der Bursche, der Lionel, das zwanzigfache dieser Summe erhalten soll. Es ist nötig, ein wenig Vorsehung zu spielen.“

Er ordnete im Pulte jeden Gegenstand, liess Geld und Banknoten unberührt an ihrem Platze liegen und verschloss das Möbel, um dann die Schlüssel in eine Kassette zu werfen. Zuerst trug er die Lampe in sein eigenes Zimmer, darauf löste er die dichte Verhüllung des Fensters. Ein vorsichtiger Rundblick überzeugte ihn, dass der frühere Zustand in allen Punkten genau wiederhergestellt sei. Freier atmend, schloss er leise die Tür, verbarg die Papiere in seiner Brieftasche und sank schwer in den Sessel, der vor seinem Bette stand.

Viertes Kapitel

Als Lionel erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ein unbestimmtes Erschrecken war das erste, was er empfand, dann kam blitzschnell die Erinnerung an das geschehene Unglück und liess sein Herz schneller schlagen.

Von draussen öffnete eine Hand die Tür, Philipp kam an seiner Krücke in das Zimmer gehinkt. Er setzte sich auf den Bettrand, mit leiser, liebevoller Stimme tröstete er den Freund, das bleiche, durchgeistigte Gesicht mit den schönen, milden Augen trug einen Ausdruck lebendiger Freundschaft und Treue. „Mein armer Lionel,“ sagte er. „du musst aufstehen und hinabgehen in das Empfangszimmer. Man verlangt dein Zeugnis.“

Lionel sah auf. „Ueber welchen Punkt?“ fragte er.

„Mehrere von den Schwarzen haben behauptet, dass ihr Entlassungsschein ausgeschrieben sei und dass du von der Sache wissest, — so Ralph und die alte Cassy.“

Lionel nickte. „Es ist ein Testament vorhanden, Philipp, ich weiss es. Die Neger sind samt und sonders freie Leute, sie können über ihre Personen verfügen wie du und ich.“

Philipps Gesicht glänzte vor Freude. „O, der gute Onkel Charles! — Und wo ist das Testament, Lionel?“

„Jedenfalls im Schreibtisch des Verstorbenen. Ich werde gleich nachsuchen.“

Sie gingen zusammen in den Parlor, wo schon mehrere Amtspersonen den Knaben erwarteten. Auch Mr. Manfred Trevor war zugegen; sein Gesicht zeigte eine tödliche Blässe, sonst aber keinerlei Aufregung oder Unruhe.

Im Schaukelstuhl sass der Friedensrichter und liess seine Daumen umeinanderkreisen. Er war ein wohlbeleibter, älterer Herr mit einem spöttischen Gesicht und fuchsrotem Haar, das wie ein Kranz die riesige Platte umgab. Auf seiner Farm blühte die Sklavenzucht in üppiger Ausdehnung, er versorgte alljährlich den Markt in der Stadt mit schwarzer Ware und galt als sehr strenger Gebieter.

„Komm einmal her, junger Herr,“ rief er Lionel zu. „Du bist ein Neffe des verstorbenen Mr. Trevor, nicht wahr, mein Sohn?“

„Ja, Sir!“

„Ein Schwestersohn wahrscheinlich?“

Lionels Herz klopfte schneller, eine seltsame Unruhe hatte ihn plötzlich überfallen. „Ich weiss es nicht, Sir,“ versetzte er, „aber — — aber, für so nahe halte ich die Verwandtschaft nicht.“

Hier mischte sich Manfred Trevor in das Gespräch. „Erlauben Sie, mein Herr, ich kenne die Art der vorhandenen Beziehungen. Dieser junge Mensch war meinem teuren verstorbenen Freunde ein ganz Fremder, es liegt keinerlei Blutsverwandtschaft vor.“

„Onkel Manfred!“ rief Lionel. „Um Gottes Willen, was sagst du da? Wer bin ich denn? Wer war mein Vater?“

„Das wirst du in allernächster Zeit erfahren. Jetzt handelt sich’s einzig und allein darum, dem Herrn Friedensrichter möglichst genaue Auskunft zu geben.“

Lionels hübsches Gesicht wurde bald rot, bald blass. „Ich stehe zu Diensten,“ stammelte er.

„Nun, mein Sohn, wer du bist und wie es um deine Verhältnisse steht,“ fuhr der Friedensrichter fort, „das kümmert uns heute noch nicht, du sollst nur eine Frage beantworten. Mehrere Neger, die zum Eigentum des Verstorbenen gehören, behaupten, von ihrem Gebieter freigelassen zu sein, und stützen sich dabei auf dein Zeugnis. Was weisst du von der Sache? Es ist alles Schwindel, nicht wahr? Die Kerle werden ausgepeitscht und damit basta!“

Lionel schüttelte entschieden den Kopf, seine Augen blitzten, seine ganze stattliche Gestalt hatte sich höher aufgerichtet. „Nein, Sir,“ rief er, „die Leute haben recht, Onkel Charles hat in seinem Testamente mich zum Erben von Seven-Oaks eingesetzt und allen seinen Sklaven die Freiheit geschenkt.“

„Was? Ueber zweihundert Sklaven sollten freie Leute sein?“ rief der Friedensrichter zornig. „Hunderttausende hätte Mr. Trevor auf die Strasse geworfen und das in einem Augenblick, wo das Vaterland leidet und darbt!? — Bis ich diese Verfügung schwarz auf weiss sehe, mag ich zu Ehren des Toten nicht daran glauben. Hast du das Testament in Händen, mein Sohn?“

Lionel sah ihn ruhig an. „Nein, Sir,“ versetzte er, „aber ich weiss, dass es vorhanden ist. Erlauben Sie mir, die Dokumente des Verstorbenen zu durchsuchen!“

Er wollte das Zimmer verlassen, aber Manfred Trevor hielt ihn auf. „Soll der junge Mensch allein gehen, Sir?“ fragte er den Friedensrichter.

„Natürlich nicht!“ klang es zurück. „Ich hoffe übrigens von ganzer Seele, dass ein Testament mit so wahnsinnigem Inhalte nimmer gefunden werden möge.“

„Welcher Notar hat es denn aufgesetzt, Bürschchen?“ fragte er, sich schwer aus dem Schaukelstuhl erhebend, „weisst du es?“

„Ja, Sir, der Advokat Mr. Mason!“

„Gilt bei der Armee als verschollen. Und die Zeugen?“

„Zwei Männer, die sich bei der Fahne befinden.“

Der Friedensrichter lächelte. „Nun,“ sagte er, „wir werden ja sehen, wie die Sache steht. Bei der Behörde ist keine letztwillige Verfügung niedergelegt.“

Die beiden von dem verstorbenen Gutsherrn bewohnten Räume wurden gründlich, aber ohne allen Erfolg durchsucht, es fand sich kein Dokument, das Aufschluss gegeben hätte, kein Blatt Papier von Mr. Masons Hand. Der Friedensrichter lächelte schadenfroh.

„Alles Lügen,“ sagte er, „alberne Märchen!“

Und ohne sich weiter um den beleidigten Knaben zu kümmern, ging er davon. Philipp Trevor war der Erbe, dessen Vater als Vormund seines minderjährigen Sohnes einstweilen Herr und Gebieter, — damit basta!

Zu andern Zeiten hätte sich die Sache möglicherweise nicht so leicht gemacht, aber wo gab es in der augenblicklichen, alles beherrschenden Verwirrung der Dinge einen Gerichtshof, der für die Befreiung einer Anzahl von Negern eingetreten wäre? Draussen auf blutiger Walstatt focht man für die Erhaltung der Sklaverei und hier zu Hause sollte man das Gegenteil unternehmen?

Philipp hatte sich Lionel nähern wollen, aber sein Vater rief ihn mit barschem Tone zurück, — wie ein kalter Wind wehte es durch Lionels Seele, er schlich ungehört in den Saal, wo die Leiche aufgebahrt lag, und trat an den Katafalk, um wenigstens einige freundliche Worte mit Ralph zu wechseln, der bei dem Toten wachte.

Traurigen Blickes sah er in das schwarze Gesicht. „Ralph, ich glaube, es kommen jetzt böse Tage für uns alle. Das Testament meines armen Onkels ist nicht zu finden!“

Der Schwarze bewegte immer treulich den Federwedel über dem Totenantlitz seines Gebieters. „Wir müssen es eben ertragen Sir!“ raunte er. „Armer Massa Lionel, für Sie ist es ein schwerer Schlag, — ach, armer Knabe, armer Knabe!“ —

Ein Schauer rieselte durch Lionels Adern. „Du glaubst, dass mich Mr. Trevor jetzt aus Seven-Oaks verbannen wird, Ralph?“

Er hat sich eben dahin geäussert, dass ich der Familie meines Pflegevaters ganz fremd sei, — ist das wahr? Du hast meine Eltern gekannt und musst es am besten wissen.“

Der Neger seufzte, er schüttelte leicht den Kopf. „Ich mag darüber nicht sprechen,“ versetzte er. „Mr. Trevor ist ein harter Herr, — wer weiss, wie viele Peitschenhiebe wir beide bekämen.“

Dunkle Glut färbte das Gesicht des Knaben. „Peitschenhiebe?“ wiederholte er. „Ich? Ralph, wie wäre das möglich?“

Der Schwarze seufzte. „Es sind noch ganz andere Dinge möglich, Massa Lionel. Sie müssen von der Zukunft nicht viel Gutes erwarten, Sir.“

Eine beklemmende Ahnung legte sich wie ein Druck auf Lionels Herz. „Eins sage mir, Ralph,“ bat er, „du kannst es, ohne jemandes Gebote zu übertreten. War mein Vater ein schlechter Mann? Ist mit seinem Andenken irgendeine Schande verknüpft?“

Die Augen des Negers schienen plötzlich heller aufzuleuchten. „Schande?“ wiederholte er. „O nein, Sir, nein, Ihr Vater war ein Ehrenmann, es hat ihm niemals jemand etwas Böses nachgesagt, Sie brauchen sich seiner in keiner Weise zu schämen.“

Lionel atmete leichter, in seinen Zügen löste sich eine unerträgliche Spannung. „Dann ist alles gut,“ nickte er. „Ich danke dir, Ralph.“

„Sie sollten nun ein wenig hinausgehen in den Wald, Sir! Bis nach der Beerdigung wird Mr. Trevor sich um Sie nicht bekümmern.“

„Und nachher mir die Tür zeigen, — ich weiss es wohl, Ralph!“

Er drückte die Hand des Schwarzen und ging hinaus in das leuchtende Sommergrün der Umgebung, so unruhig und traurig wie nie vorher. Jetzt musste er, der bisher ein Sekundaner der Hochschule gewesen war, schon in allernächster Zeit als Knecht auf einer Farm arbeiten, Mr. Trevor würde ihm kein Stück Brot mehr geben wollen.

Eine Regung von Stolz durchflutete sein Inneres. Er hätte auch aus der Hand dieses Mannes keine Wohltat annehmen mögen. Mr. Trevor hasste ihn, das erfuhr er nicht erst heute, — es konnte zwischen ihnen beiden nie ein gutes Einvernehmen geben.

Philipp fand am Nachmittag Gelegenheit, dem Freunde flüchtig ein paar Worte zuzuraunen. „Halte aus, Lionel,“ sagte er, „sieh in jedem Augenblick auf den Tag, wo ich mündig werde, — dann hindert mich niemand, so zu handeln, wie es als fester Entschluss vor meiner Seele steht. Seven-Oaks wird wieder dein Eigentum.“

Lionel lehnte sein kaltes, blasses Gesicht an die Stirn des anderen. „Behalte mich lieb,“ sagte er tief erschüttert, „behalte mich lieb, Philipp! Ich habe auf der weiten Welt keinen Menschen ausser dir!“

Auf Philipps Lippen schien eine bange Frage zu schweben, sein mageres, kränkliches Gesicht hatte alle Farbe verloren, die heissen Hände bebten wie im Fieber. „Lionel,“ sagte er in gepresstem Tone, „ich bitte dich, sprich jetzt die Wahrheit, als ständest du vor Gott! — Hat dir der verstorbene Onkel Charles sein Testament selbst gezeigt?“

„Nein, Philipp, aber er hat mir den Inhalt Wort für Wort gesagt. Dir waren sechzigtausend Dollar bestimmt, mir die Farm und allen Sklaven die Freiheit.“

„Das weisst du ganz gewiss? Es ist kein Irrtum möglich?“

„Keiner!“

Philipp brauchte offenbar einige Zeit, sich zu sammeln. „Weshalb hat er dir aber in diesem Falle nicht gesagt, wo das Testament liegt, mein guter Lionel? Kannst du mir das erklären?“

Der Knabe nickte. „Onkel Charles war im Begriff, mir den Ort zu nennen,“ antwortete er. „Es ist gut versteckt, so lauteten seine Worte, und es ist von grösster Wichtigkeit, dass kein Mensch ausser dir es finde.“

Philipp hustete fortwährend leise vor sich hin, bei ihm ein Zeichen heftiger innerer Erregung. „Weiter!“ bat er, „weshalb erfuhrst du gerade das Hauptsächlichste nicht?“

Lionel wandte sich ab. „Ich bitte dich, verlange von mir keine Antwort auf die Frage, Philipp,“ sagte er in unsicherem Tone.

„Weil es mich schmerzen müsste, den Zusammenhang der Dinge kennen zu lernen?“

„Ich fürchte, — ja!“

„Dann war es in der Nacht vor seinem Tode, als Onkel Charles mit dir sprach? — Im Zelte? Als er alle übrigen schlafend glaubte?“

„Philipp, — du wolltest mir die Antwort erlassen!“

„Ich habe sie bekommen!“ sagte mit bebender Stimme der Krüppel. „Vier Prüfungsjahre liegen vor dir, Lionel, dann bin ich mündig! — O bete, bete, dass Gott mir das Leben erhalte bis dahin!“

Er reichte ihm die Hand und ging. Lionel begann in seinem Zimmer die Bücher zu ordnen. Latein, Griechisch, Mathematik, Litteraturgeschichte, — das war nun alles dahin. Vielleicht würde ihm Mr. Trevor nicht einmal gestatten, sein Eigentum mitzunehmen. Wie ein Prinz hatte er bis dahin gelebt, und über Nacht war er ein Bettler geworden.

Stunden vergingen, während er mit gestütztem Kopfe dasass, eine schlaflose Nacht folgte dem Tage voll Aufregung, und dann kam das Begräbnis. Wagen nach Wagen brachte aus der Stadt das Trauergeleite, die Räume füllten sich mit der vornehmsten Gesellschaft der Umgebung, Offiziere, Gutsbesitzer und Beamte brachten ihre Gaben an Blumen und Kränzen, der ganze Saal schien in einen Garten verwandelt. Am offenen Sarge hielt der Geistliche eine Rede, in der er die Verdienste, namentlich die Menschenliebe des Verstorbenen pries. Dann setzte sich am späten Nachmittag der Zug zu dem mehrere Meilen entfernten Gottesacker in Bewegung.

Die Bestattung sollte bei Fackelschein vor sich gehen, es warteten am Grabe mehrere Gesangvereine und eine Kapelle; der Leichenzug war vielleicht der stattlichste, den die Gegend jemals gesehen. Zunächst hinter dem Sarge fuhren Mr. Trevor und sein Sohn, dann folgte eine unübersehbare Reihe von Kutschen, hinter denen als letzte in dem Zuge die Schwarzen von Seven-Oaks gingen. Unter ihnen an Ralphs Seite befand sich Lionel. Mr. Trevor hatte ihn nicht aufgefordert, sich mit in den Wagen zu setzen, es blieb ihm daher, wenn er überhaupt der Leiche seines Wohltäters folgen wollte, nur übrig, mit den Negern zu Fuss zu gehen.

Leise, immer höher und höher anschwellende Klänge eines Chorales empfingen auf dem geweihten Boden den Sarg; zum Himmel empor stieg in schwarzen Wolken der Rauch der Fackeln, eine dichtgedrängte Menschenmenge liess den Zug vorüberziehen. Zuweilen klang verhaltenes Schluchzen, — arme alte Frauen weinten, Bettlerinnen, denen der Verstorbene aus der reichen Fülle seines Besitzes und seiner Nächstenliebe Wohltat über Wohltat gespendet hatte.

Jetzt sangen die Mitglieder der Gesangvereine, zu denen auch Charles Trevor gehört hatte. Die Träger setzten den kostbaren Metallsarg zu Boden, alles umstand das offene Grab, wunderbar ergreifend brausten die Töne über das stille, nächtliche Totenfeld. Dann trat der zweite Präsident eines Klubs ein wenig vor, um noch ein letztes Abschiedswort dem plötzlich dahingeschiedenen ersten Vorsitzenden desselben nachzurufen. „Möchte der ruchlose Mörder entdeckt werden,“ schloss er, „möchten alle, die heute den treuen und hochgeachteten Mitbürger beweinen, auch Zeugen werden der Strafe, die den Frevler ereilt! Aber selbst, wenn das Dunkel jener Todesstunde niemals gelichtet wird, wenn der Verbrecher auf Erden seiner Strafe entrinnt, so ist ihm diese damit doch keineswegs erlassen. Das Gewissen spricht, ob auch alle anderen Stimmen schweigen, zu ihm mit dem Posaunenschall des letzten Gerichts, um so lauter, je stiller und unangefochtener äusserlich sein Leben dahingeht. Er ist bestraft, er ist verurteilt schon in dieser Stunde, das muss uns, die wir den teuren Toten beklagen, wenigstens einigermassen trösten.“

Der Redner hatte geendet, und unter den Klängen eines neuen Chorals wurde der Sarg in die Gruft hinabgelassen. Einer nach dem andern traten die Herren des Gefolges vor, um eine Handvoll Erde auf die Blumen da unten hinabfallen zu lassen, auch Manfred Trevor bückte sich und nahm etwas Staub vom Boden.

Der Mann war so blass wie eine Leiche, seine Augen blickten starr, der feine Sand rieselte zwischen seinen Fingern auf die Erde, ohne dass er es bemerkte. Er stand wie jemand, der nicht weiss, was der nächste Augenblick ihm bringen werde. Und plötzlich, als er sich über den Rand der offenen Grube vorbeugte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte hinab auf den Sarg. Eine Wolke von Sand flog nach, mehrere Kränze wurden gewaltsam zerrissen, — ehe eine Minute verging, hatte der Knecht des Totengräbers eine Leiter herbeigeholt und in die Gruft gestellt, vier oder sechs Hände streckten sich aus und halfen dem halbbetäubten Manne an die Oberfläche der Erde. Man klopfte ihm den Staub von den Kleidern und führte ihn, der vor Schreck nicht zu sprechen vermochte, aus der Nähe des Grabes; dann, als die Herren des Gefolges ihrer Pflicht genügt hatten, kam die ganze Schar der Neger an die Reihe. Wie sie alle weinten und schluchzten, die armen Schwarzen, wie sie die Blumen auf dem Sargdeckel begruben unter der Erde, die als letztes Liebeszeichen hinabfiel in das düstere Haus des Todes!

Zusammengeworfen auf einen Haufen, verglühten die Fackeln und bedeckten mit purpurnem Schimmer rings in weitem Kreise den Himmel. Einer nach dem andern verabschiedeten sich die Gäste bei Manfred Trevor, der zusammengesunken in den Kissen des Wagens kauerte. Er musste jedem ein Dankeswort sagen, musste lächeln, obgleich seine Lippen zuckten, — wie ein Schleier lag es über dem Bewusstsein des aufgeregten Mannes.

Ein böses Zeichen, der Sturz in das offene Grab. Ob er bald dem Vorausgegangenen folgen solle? Jetzt, nun er über Hunderttausende verfügte? Ein Schauer durchrieselte seine Glieder. „Nicht sterben! Nein, nicht sterben!“

Zu Hause auf Seven-Oaks warf sich Mr. Trevor, tödlich erschöpft, in den Schaukelstuhl, trocknete die heisse Stirn und trank ein Glas Wasser nach dem andern. Was hatte der Redner am Schlusse seines Vortrages gesagt: ‚Der Schuldige ist verurteilt, schon in dieser Stunde.’ Er fuhr mit den Fingern durch das Haar. Die unsicher tastende Hand griff in die Brusttasche, um das dort versteckte Dokument zu befühlen, aber wie von einer Schlange gebissen, zog sie sich zurück. Die Tasche war leer.

Der kaum getrocknete Schweiss stand schon wieder in grossen Tropfen auf des erschreckten Mannes Stirn. Sollte er das Paketchen im Hausrock vergessen haben? Ein einziger Sprung brachte ihn zur Wand, er liess sich nicht so viel Zeit, um die Taschen zu untersuchen, sondern drückte und fühlte von aussen, — alles leer! Jedes Haar auf seinem Haupte begann sich zu sträuben. Wo war das Testament?

Er suchte nochmals, er kehrte jede Tasche um, er stürzte in den Schuppen und befühlte alle Polster der Equipage — umsonst, das Dokument war nicht zu finden.

Zu Tode ermattet, kam er wieder in sein Zimmer. Es drehte sich alles mit ihm im Kreise, seine Gedanken arbeiteten nicht mehr, er war wie vernichtet. Das Papier, an dessen Vorhandensein sich die Entscheidung knüpfte, das Papier, welches Tod und Leben in seinem Schosse barg, — es war fort.

Vielleicht in das Grab gefallen?

Ein neues Grauen rieselte durch Mr. Trevors Adern. In das Grab des Mannes, dessen letzten Willen er durchkreuzt hatte? — Streckte der Tote so gleichsam die Hand aus, um ihn auf seinem Wege anzuhalten?

Vielleicht auch lag das kleine Paket auf dem Wege, irgendwo zwischen Gras und Gebüsch, — vielleicht hatte es der Totengräber gefunden. — Bei diesem Gedanken richtete sich Manfred Trevor plötzlich auf. Er musste hinaus, ganz allein und ohne Säumen, kein fremder Blick durfte das Testament sehen.

Ralph bekam die Weisung, sogleich den leichten Wagen zu bespannen, und fünf Minuten später war Mr. Trevor wieder auf dem Wege zum Kirchhof. Nur dort konnte das Paket aus der Tasche gefallen sein, — nur dort. Aber wie viele Hunderte von Personen hatten sich zugleich mit ihm in der Nähe des Grabes befunden! Bettler in Scharen, Kinder, Neger, das Gesindel, welches den vornehmen Beerdigungen nachläuft. Jede dieser Persönlichkeiten konnte das kleine, längliche Paketchen entdeckt und aufgehoben haben. Vielleicht lasen gerade jetzt begierige Blicke den Inhalt, und ein spekulativer Kopf überschlug, wie viel Vorteil für ihn selbst bei der Sache herausspringen werde.

In einiger Entfernung von der Kirchhofspforte liess Mr. Trevor halten und ging zu Fuss den Weg bis an die grüne Hecke, welche das Gebiet des Todes umgab. Das Eisengitter war geschlossen, hier konnte er nicht hinein, er zwängte sich durch eine Lücke in der Hecke und lief zwischen den Leichensteinen zur Eingangspforte; von hier aus verfolgte er den noch ganz mit Blumen bestreuten Weg zum Grabe seines Vetters. Unruhig spähten nach rechts und links die Blicke, unruhig schlug in der Brust das Herz. Wie unzählig viele Füsse hatten in dem losen Sande ihre Spuren zurückgelassen!

Dort lag das Grab, — Manfred fühlte, wie ihm kalte Schauer durch alle Adern rieselten. Er wagte es hinzusehen, — die Grube war bereits ganz mit Erde gefüllt. Jedes Steinchen am Wege schob sein Fuss beiseite, jeden Zweig der umgebenden Gebüsche. Er suchte und suchte, bis ein Schwindel seine Sinne ergriff, — vergebens.

Jetzt gab es nur noch eine einzige Hoffnung, und auch diese schien sehr zweifelhaft. Man musste bei dem Totengräber Erkundigungen einziehen. Wieder ging Mr. Trevor an der Aussenseite der Hecke den ganzen Weg zurück bis zum Häuschen am vorderen Eisengitter; hier klopfte er, um Einlass zu erhalten.

Nach einer längeren Weile öffnete sich ein Fenster zu ebener Erde, eine Männerstimme fragte: „Wer ist da?“

Mr. Trevor trat näher. „Machen Sie einen Augenblick auf, Sir, ich wünsche mit Ihnen zu sprechen und verlange nichts umsonst.“

Der Totengräber beugte sich aus dem Fenster. „Ah!“ rief er, „der Gentleman, welcher in das Grab stürzte!“

Die Haustür wurde geöffnet, und Manfred konnte eintreten.

„Ist Ihnen ein kleines, in Wachstuch eingeschlagenes Paket eingeliefert worden?“ fragte er. „Ich glaube, es hier verloren zu haben.“

„Wo? Bei dem unglücklichen Zufall am —“

„Nein, ich hatte es später noch in der Hand. Aber beim Einsteigen in den Wagen, — es ist mir, als sei mein Rock an der Tür hängengeblieben. Sollten Sie wirklich nichts gefunden haben?“

„Nichts, Euer Ehren, ich schwöre es!“

Manfred fuhr mit der Rechten über die Stirn. „Das ist mir sehr fatal,“ sagte er heiser, — „es waren Briefe in dem Paket, Dinge, die nur für mich selbst einen Wert besitzen, aber doch — —“

Und er schüttelte den Kopf, wie es schien, unfähig, noch ein Wort hervorzubringen. Der Totengräber sah ihn an. „Wissen Sie auch ganz gewiss, dass das Päckchen nicht in die Grube gefallen ist, Euer Ehren? Morgen mache ich dem Geistlichen eine Meldung, erwirke die Erlaubnis, das Grab wieder zu öffnen und den Sarg herauszunehmen, dann kann —“

Manfred unterbrach zum zweitenmale den dienstfertigen Mann. „Ich sage Ihnen ja, dass ich das Päckchen noch auf dem Wege zur Equipage in der Hand hielt, Sir! — Guten Abend jetzt, hier ist eine Kleinigkeit für Ihre Mühe.“

Mit müden Schritten ging Mr. Trevor zum Wagen und liess sich ächzend in die Polster der Equipage fallen. Ihm graute vor dem Gedanken an eine nochmalige Eröffnung des Grabes, — die alte Furcht, die alten Zweifel umgarnten schon jetzt wieder seine Seele. Er sah allerlei Amtspersonen die Gruft umstehen und sah, wie die Spitzhacke des Totengräbers in das Paket hineinfuhr, um es gänzlich zu zerreissen. Die Papiere quollen heraus, die Namenliste der Schwarzen, Mr. Masons, des Notars Amtssiegel! —

Kalter Schweiss trat auf seine Stirn. Nein, nein, um keinen Preis durfte das Grab wieder geöffnet werden. Mr. Manfred wollte schon morgen den schwersten, kostbarsten Stein kaufen und hinausbringen lassen, so eine Granitplatte, die den ganzen Raum überdeckt, — sie wiegt ihre tausend Pfund, sie ist von unberufener Hand nicht so leicht zu entfernen. —

An dem Morgen, der auf diese Nacht folgte, hatte Jack Peppers, der Trapper, sich verabschiedet, und Lionel begleitete ihn eine Strecke Weges über die Farm hinaus. Der Knabe seufzte, als er dem ehrlichen Burschen zum Lebewohl die Hand reichte. „Könnte ich mit Ihnen in die Wälder ziehen, Peppers,“ sagte er. „Hätte ich irgendeinen bestimmten Beruf! — So, wie ich jetzt lebe, kann es unmöglich länger bleiben.“

Der Trapper wandte sich ab. „Das wird es auch schwerlich, Sir! — Ich habe mit Bezug auf den Tod des ermordeten Mr. Trevor meine Aussagen vor dem Richter gemacht, das war alles, was ich für Sie tun konnte, — so viel wie nichts, fürchte ich. Sie müssen eben die Prüfung ertragen und hoffen, dass Ihr Recht doch eines Tages zur Geltung kommen werde. Gott sei mit Ihnen, junger Herr!“

Sie trennten sich mit freundschaftlichem Händedruck, Lionel kehrte zur Farm zurück. Ein Hausdiener brachte ihm den Befehl, sogleich in Mr. Trevors Arbeitszimmer zu erscheinen. Auch Ralph wurde herbeigerufen.

„Sir,“ flüsterte der Schwarze, indem er die Hand des Knaben ergriff und fast krampfhaft drückte, „mein armer Massa Lionel, jetzt kommt das Unglück, jetzt bricht es herein. Gott der Allmächtige stehe Ihnen bei!“

„Möchte mich Mr. Trevor doch noch heute gehen heissen,“ murmelte Lionel, „ich werde schon Arbeit finden. Dieser Zustand des Hangens und Bangens ist unerträglich.“

Er klopfte. Mr. Trevors Stimme rief in herrischem Tone: „Herein!“ — Dann öffnete sich die Tür, um den Knaben und den Neger eintreten zu lassen. Am Fenster des Zimmers stand Philipp, wie es schien, einem erhaltenen Befehle gehorchend, blass und unruhig, mit nervös zuckenden Händen; er begrüsste Lionel nur durch einen schnellen Blick, dann sah er vor sich hin wie jemand, der eine böse Botschaft erwartet.

Mr. Trevor sass am Schreibtisch, sein Gesicht war fahl wie eine graue, verwitterte Wand, in den Augen glühte ein spöttisches, schadenfrohes Leuchten.

„Da bist du ja, Lionel,“ sagte die harte, unfreundlich klingende Stimme. „Du wolltest erfahren, wer deine Eltern gewesen sind, nicht wahr?“

Lionel fühlte die Schläge seines Herzens bis in den Hals hinauf. „Ich bitte um Auskunft, Sir!“ sagte er ruhig.

„Die soll dir werden. Dein Vater war Malcolm Forster, der Sklave eines Farmers in Kentucky, deine Mutter das Kammermädchen Jane, die Sklavin des verstorbenen Mr. Charles Trevor; — so, nun kennst du das Geheimnis deiner Geburt.“

Ein Schrei durchdrang die Stille des Zimmers, Philipp hatte ihn ausgestossen. „Vater! — O, um Gotteswillen, Vater!“

„Du schweigst!“ befahl Mr. Trevor.

Lionel hatte keinen Laut hervorgebracht; so sehr er sich auch bemühte, seine Fassung äusserlich zu bewahren, so wenig gelang ihm das in diesem verhängnisvollen Augenblick. Als er endlich sprach, bebte seine Stimme vor Erschütterung.

„Meine Eltern waren Quarterons, Sir?“

„Beide, ja!“

„Und nicht frei, nicht —“

„Beide das Eigentum weisser Herren!“

Lionel strich über seine Stirn, als werde es ihm plötzlich zu heiss. „Demnach bin ich ein Sklave, Sir? — Ihr Sklave?“

„Der meines Sohnes, ja!“

„O Lionel,“ rief Philipp, „Lionel, du wirst immer nur mein Bruder sein!“

Mr. Trevor liess den Einwurf unbeachtet. „Der Neger Ralph ist aus Kentucky mit meinem verstorbenen Verwandten, Mr. Charles Trevor, hierhergekommen,“ fuhr er fort, „ihm sind alle diese Verhältnisse aus der Erinnerung bekannt, er kann dir daher das Gesagte bestätigen und mir zugleich bezeugen, dass du, wie alle Farbigen auf Seven-Oaks, meines Sohnes Eigentum bist.“

Lionel nickte. „Machen wir es kurz, Sir,“ sagte er, alle seine Kräfte zusammenraffend, todesblass, aber ruhig. „Sie wollen mich verkaufen?“

Philipp fuhr plötzlich auf. „Nein!“ rief er, „nein, das soll nie geschehen! Vater, Vater, du kannst unmöglich in meinem Namen ein empörendes Verbrechen begehen wollen!“

Mr. Trevor lächelte kalt. „Ich bin dein Vormund,“ versetzte er, „und als solcher dem unmündigen Knaben keine Rechenschaft schuldig. Der ganze Bestand an Farbigen wird morgen in der Stadt zur Auktion gebracht, — also natürlich auch der Sklave Lionel. Ich ziehe es vor, in Richmond weisse Dienerschaft zu halten.“

Philipp trat an der Krücke seinem Vater näher. „Du wirst diesen Entschluss nicht ausführen!“ rief er mit funkelnden Blicken.

„Ich werde einen Schlingel, der sich gestattet, mich hofmeistern zu wollen, mit Ohrfeigen bestrafen, — merke dir das, mein Bürschchen!“ Dann deutete er zur Tür. „Ralph und Lionel,“ sagte er, „ihr könnt jetzt gehen. Du, Ralph, sagst den Leuten, dass sie sich sämtlich in Bereitschaft halten, morgens neun Uhr den Weg zur Stadt anzutreten. Seine persönlichen Kleidungsstücke darf jeder mitnehmen, weiter natürlich nichts.“

„Ja, Sir!“

Ralph zog den halb bewusstlosen Lionel mit sich fort und aus dem Hause. Während Mr. Trevor und sein Sohn Auge in Auge einander gegenüberstanden, während sie unbelauscht harte und erschütternde Worte wechselten, suchte der Neger den Knaben nach Möglichkeit zu trösten. „Es ist ja anzunehmen, dass Sie ein erträgliches Leben bekommen, Sir! — lassen Sie nur nicht gleich den Kopf hängen. Vielleicht kauft Sie ein Advokat oder gar ein Richter, um den teuren weissen Schreiber zu ersparen. Ein Sklave, der die Hochschule besucht hat, wird wahrhaftig nicht alle Tage gefunden, Ihr Los ist daher weit günstiger als das Ihrer Genossen.“

Die Worte wirkten auf das verwundete Innere des Knaben wie eine heilkräftige Medizin. Alle diese Armen, die verheirateten Leute, welche nun von den Ihrigen getrennt werden sollten, die Väter und Mütter, deren Kinder man verkaufen wollte, — waren sie nicht viel, viel unglücklicher als er selbst, dessen Jugend wenigstens jedes körperliche Ungemach leichter ertrug, dessen höhere Bildung ihm eine bessere, angenehmere Beschäftigung verhiess?

„Komm, Ralph,“ sagte er rasch, „wir wollen die Armen trösten!“

Auf dem Hofe sahen ihnen schon unruhige, angstvolle Gesichter entgegen. Die böse Botschaft hat Flügel, sie war auch hier ihrem Träger vorausgeeilt.

„Sprich, Ralph, sprich nur!“ erklang es um ihn her. „Was ist beschlossen? Wann werden wir verkauft?“

Und als er es ihnen mitgeteilt hatte, da brach der Jammer los. Die Frauen rangen die Hände, sie weinten laut, jede einzelne hatte einen besonderen Grund, weshalb sie glaubte, ganz unmöglich vertrieben werden zu können.

„Meine Kinder haben den Husten!“ rief eine. „Die kleinen Lieblinge würden sterben, wenn man sie aus ihren Betten nehmen wollte.“

„Und unsere Sachen?“ fragte ein Mann. „Mr. Trevor hat uns Tische und Stühle, Betten und Schränke geschenkt, in jeder Wohnung ist sogar eine Uhr. Sollen wir das alles verlieren?“

Ralph wandte sich ab. „Ich fürchte, ja, meine Freunde!“

„O, Massa Lionel, Massa Lionel, bitten Sie für uns!“

Der Knabe und Ralph sahen einander an. Niemand von den Negern ahnte, was der Vertraute des toten Gebieters von jeher gewusst hatte, ja als es nun bekannt wurde, da schien die traurige Tatsache den Armen am Geiste das eigene unselige Schicksal nur noch zu erschweren. Sie kamen und küssten die Hände des Knaben, sie weinten bitterlich. „O, Massa Lionel, Massa Lionel, das ist zu schrecklich, zu betrübend!“

Eine Verwirrung, eine Trostlosigkeit ohnegleichen hatte sich der ganzen Schar bemächtigt, einige schnürten ihre Kleidervorräte in Bündel, so gewissermassen das Einzige umklammernd, was sie aus Erden ihr Eigentum nannten, während die Männer meistens in dumpfem Groll beisammenstanden und das Unglück widerstandslos über sich hereinbrechen liessen.

Ralph zog den Knaben mit sich in seine Hütte. „Kommen Sir, Sir,“ sagte er, „vielleicht ist dieser Abend der letzte, den wir miteinander verleben. Sie wollten von ihren Eltern hören, — ich habe sie beide gekannt. Meines Herrn Besitztum und das der Familie Forster stiessen aneinander — Sie wissen ja doch, dass der Sklave keinen Familiennamen führt, sondern nach dem seines Eigentümers genannt wird —, nun wohl, auf der einen Plantage lebte als eine Art von Gesellschafterin der Tochter des Hauses, ein Mittelding zwischen Dienstbotin und Vertrauten die hübsche Quarterone Jane, — Ihre Mutter, Sir! Mein Gebieter war damals ein junger Mann, der Miss Forster, die Tochter seines Grundnachbarn, zu heiraten wünschte und daher auf der Farm ihres Vaters viel verkehrte. So kam es, dass auch Malcolm, sein Oberaufseher, manches Mal hinüberritt und, wie sich die jungen Herrschaften ihre künftige Heimstätte einrichteten, auch seinerseits daran dachte, die zierliche Jane zum Weibe zu erhalten. Mr. Trevor hatte, leutselig wie er war, nichts dagegen einzuwenden, auch Miss Forster, die Eigentümerin des Mädchens nicht, aber der alte Gentleman, Mr. Forster, machte beinahe einen Strich durch die Rechnung, er wollte unter jeder Bedingung den jungen Malcolm kaufen, während mein Gebieter ebenso dringend wünschte, ihn zu behalten. Der Sklave hatte die Aufmerksamkeit des alten Herrn Forster in hohem Grade erregt, weil er ein besonders tüchtiger Landwirt war, dem die Bestellung der Felder, die Pflege der Herden und so weiter, ganz allein übertragen werden könnte; Mr. Forster als gänzlich gelähmter Mann musste alles fremden Leuten in die Hände legen, und so klammerte er sich mit dem Eigensinn des Alters an den Gedanken, gerade diesen Sklaven als Eigentum zu erlangen. Malcolm sollte sein Verwalter werden. Alle Beteiligten suchten meinen Gebieter zum Nachgeben zu bewegen. Er wollte keinen Menschen verkaufen, darin ist er seinen Grundsätzen bis in den Tod treu geblieben, aber er liess sich auf Malcolms eigene Bitte bestimmen, diesen dem alten Mr. Forster zu schenken, und so wurde denn die Doppelhochzeit mit Glanz und Jubel gefeiert. Es vergingen Jahre, in denen der Herrschaft sowohl wie den Sklaven das Glück mit immer gleicher Treue zu lächeln schien, — dann brach das Verhängnis herein. Unter den Negern unseres Haushaltes erschien der Typhus; die junge Frau Trevor ging in Begleitung ihres Mannes von Hütte zu Hütte, um die Kranken zu pflegen, dabei wurde sie angesteckt, übertrug den gefährlichen Stoff auch auf ihre beiden Kinder und starb, während diese mit dem Tode rangen. Mein armer Gebieter musste alles, was er liebgehabt hatte, auf einmal verlieren, während auch das Lebensglück Ihrer bis dahin so zufriedenen Eltern in schrecklicher Weise zerstört wurde.“

Lionel horchte auf. „Mein Vater starb?“ forschte er.

„Nein, Sir, es war etwas anderes. Der alte Mr. Forster hatte schon längst das Zeitliche gesegnet, und an seiner Stelle verwaltete die Farm sein einziger Sohn, ein Lebemann, der bis dahin nichts verstanden hatte, als die Einkünfte des Gutes in den grossen Städten zu verschleudern. Er kannte von der Landwirtschaft nichts, und so kam es denn, dass zwischen ihm und Malcolm jeden Augenblick neue Streitigkeiten ausbrachen, bis sich der junge Mr. Forster eines Tages so weit vergass, seinen Sklaven einen Betrüger zu nennen. ‚Hund!’ schrie er ihn an, ‚du stiehlst mir die Hälfte des Ertrages, du bist ein Spitzbube, den ich auspeitschen lassen werde!’“

Lionel ballte die Faust. „Und das liess sich mein Vater bieten?“ rief er.

„Leider nein, Sir! Er schlug seinem Beleidiger die Reitpeitsche um die Ohren, er, der Sklave, dem Gebieter!“

Lionels Augen funkelten vor Freude. „Bravo!“ lief er. „Bravo, mein armer Vater, ich hätte es gemacht wie du!“

Ralph wiegte den Kopf. „O Sir, Sir, die Heftigkeit tut nimmer gut! Mr. Forster sann auf Rache, er liess seinen Sklaven weder peitschen, noch in das Gefängnis werfen, aber er verkaufte den, dessen ganze Seele an Frau und Kind gefesselt war, heimlich nach Brasilien. Erst als sich an dem Geschehenen nichts mehr ändern liess, erfuhr Mr. Trevor, wo der unglückliche Malcolm geblieben war, er machte seinem Schwager eine heftige Szene und setzte sogleich alle Hebel in Bewegung, um den Verbannten zurückzurufen, aber vergebens. Malcolm war kurz nach der Ankunft in jenem heissen Lande gestorben, und so liess sich natürlich für ihn nichts mehr tun. Wie ich schon neulich sagte, — die arme Missis Jane folgte ihrem Manne bald in das Grab, und so standen Sie selbst nun als sechsjähriges Bürschchen ganz allein in der Welt oder hätten doch auf Erden keinen Freund gehabt, wenn nicht Mr. Trevor in seiner Herzensgüte für Sie eingetreten wäre. Damals war ihm die Stätte, an der er Frau und Kinder so jäh verloren hatte, einigermassen unheimlich geworden, die Bilder der glücklichen Vergangenheit standen immer vor seiner Seele und liessen die Gegenwart nur um so trostloser erscheinen, er verkaufte daher das Gut und ging ganz aus Kentucky fort, um hierher nach Seven-Oaks überzusiedeln. Nur Sie und ich haben ihn begleitet, nur ich wusste, dass der kleine Bursche mit dem blonden Haar und der weissen Haut doch in seinen Adern einen Tropfen afrikanischen Blutes trug. Mr. Trevor liebte Sie, die Waise, wie ein eigenes Kind, je länger, desto inniger, er wollte Ihnen sein ganzes Eigentum hinterlassen, Sir! Seven-Oaks gehört Ihnen, und wenn auch jetzt die Bosheit siegt, wenn Sie bestohlen und in das Elend gestossen werden, so ist das doch nicht für immer. Der Tag kommt, an dem das Recht triumphiert, davon bin ich fest überzeugt!“

Lionel drückte ihm die Hand. „Meine armen Eltern!“ sagte er. „Wie mag mein Vater gelitten haben! Fortgeschleppt bei Nacht, gebunden wie ein Opfertier! — O Ralph, Ralph, muss nicht der Rächer auferstehen, um dem schwarzen Volke zu helfen?“

„Amen, Sir! Amen!“ — —

Fünftes Kapitel

Die letzte Nacht, die letzte für Lionel auf Seven-Oaks war vorüber, Vogelstimmen begrüssten den Morgen.

Es schlug sieben; Mr. Trevor ging rastlos in seinem Zimmer auf und ab, er wagte es nicht, an das Fenster zu treten, er liess den Kaffee, welchen ihm Toby brachte, unberührt. Sonderbar, mitten im heissen, südlichen Sommer schlich ein Frostgefühl durch alle seine Adern.

Dann wurde ihm gemeldet, dass die neue, weisse Dienerschaft aus der Stadt angekommen sei. Draussen auf dem Hofe hatten sich unterdessen die Schwarzen in Gruppen zusammengefunden, Mütter mit ihren Kindern, Greise am Stock oder geführt von andern, eine traurige Versammlung, deren Weinen die Luft ringsumher erfüllte. Immer wieder traten die Frauen in ihre Hütten und besahen zerrissenen Herzens die bescheidene Einrichtung, welche so lange ihr Eigentum gewesen. Der verstorbene Gebieter hatte jedem schwarzen Mädchen, sobald es heiratete, eine Aussteuer geschenkt, dem Burschen aber ein Stück Land überlassen, ein Schaf und eine Ziege aus der Herde, damit konnten sie für sich selbst wirtschaften, konnten sich kleine Annehmlichkeiten verschaffen, bunte Kleider, Spiegel und was sonst ein Negerherz erfreut. Wer sollte alle diese geliebten Schätze nach ihnen besitzen?

Jetzt öffnete sich die Eingangspforte, einer der neuen weissen Diener erschien mit einem Manne, dessen gemeines Aeussere den Emporkömmling verriet. Er trug halb städtische, halb ländliche Kleidung, einen Filz mit der Kokarde der Konföderierten, hohe Wasserstiefel und eine Reitpeitsche, mit der er gewohnheitsmässig fortwährend in der Luft herumfuchtelte. Jetzt trat er den vor Schreck verstummten Schwarzen näher und überflog musternd die einzelnen Gruppen.

„Wenn ich früher gelegentlich mal nach Seven-Oaks kam“, rief er lachend, „und anfragte, ob nicht ein Geschäft mit schwarzem Fleische zu machen sei, dann hätte mich wohl der verstorbene Mr. Trevor am liebsten mit den Hunden vom Hofe hetzen lassen, — jetzt haben sich die Zeiten geändert. Vorwärts Leute! Notieren Sie mir die Kopfzahl, Saunders.“

Während der Sklavenhändler noch hie und da ein paar gelähmte oder sonst schwache Alte in brutaler Weise ausschied, kam auch Lionel herab auf den Hof, und der Mann mit der Reitpeitsche bemerkte ihn sofort. „Aha, da ist der Sklave mit der Hochschulen-Physiognomie! Komm einmal her, mein Sohn! was kannst du denn ausser deinem Latein und Griechisch, he? — Brot essen, nicht wahr?“

Er lachte wohlgefällig über das, was er für einen Witz hielt, und Saunders stimmte sogleich mit ein. Lionel würdigte den brutalen Menschen keiner Antwort, er liess es ruhig geschehen, dass er wie ein Tier untersucht wurde.

Dann fuhr der Wagen des Sklavenhändlers vor, und die Schwarzen wurden zu vier und vier mit Stricken zusammengebunden. „Vorwärts!“ befahl der Händler.

Als einer der ersten im Zuge ging Lionel. Als sie an dem Hause vorüberschritten, sah er zu den Fenstern hinauf.

Ob er nicht den Freund seiner Kindertage noch zum letztenmale wiedersehen würde?

Alle Scheiben waren verhüllt, wie ausgestorben lag das Haus. Lionel ahnte im Herzen, was wirklich vorging, — Philipp drückte, vom Fieber geschüttelt, den Kopf in die Kissen seines Bettes und schluchzte bitterlich. —

Langsam bewegte sich der Zug der Sklaven durch den heissen Sommermorgen. Der Händler gebrauchte vom Wagen herab rücksichtslos die Peitsche, aber nur auf Augenblicke wurde dadurch der Marsch beschleunigt, Frauen und Kinder konnten nicht so schnell gehen, wie es der ungeduldige Mann verlangte.

Als die Stadt in Sicht kam, war es zwei Uhr nachmittags. Der Händler hatte schon vorher durch Plakate an den Strassenecken den bevorstehenden ausserordentlichen Verkauf bekanntmachen lassen, es konnte ihm daher an Angeboten nicht fehlen.

Lionel sah ängstlich umher. In dieser Stadt war er acht Jahre lang zur Schule gegangen, die grössere Hälfte der Bewohner kannte den Erben von Seven-Oaks, dem reichsten Gute der Umgegend, — und heute stand er hier als Sklave.

Es erforderte eine feste Willenskraft, ein unerschütterliches Gottvertrauen, um nicht dem jähen Wechsel der Geschicke an Leib und Seele zu erliegen.

Aus der nächsten Strasse näherte sich dem Zuge ein schlanker Knabe in Lionels Alter, blass und verstört, mit ausgestreckter Hand; er brachte kein Wort hervor, aber was seine Seele empfand, das zeigten deutlich die Tränen in den unnatürlich ernst blickenden Augen.

„Hermann!“ flüsterte Lionel. „Wie freut es mich, dass ich dich wiedersehe!“

Der Knabe bewegte die Lippen, aber auch jetzt versagte seine Stimme, er warf nur beide Arme um Lionels Nacken und küsste ihn mit der ganzen Innigkeit des Schmerzes, dann trat er zurück und liess den Zug der ermüdeten Schwarzen an sich vorüber.

Vor dem Auktionslokal standen Kopf an Kopf die Käufer in grosser Anzahl. Auf Seven-Oaks gab es unter den Negern keine Säufer und Diebe, das wusste die ganze Umgegend; alle Schwarzen waren getaufte Christen, guterzogene Leute, denen weder ein bescheidener Schulunterricht noch die spätere Anleitung zu allerlei Arbeiten gefehlt hatte, — man drängte sich also, um diese wertvollen Besitzstücke einander streitig zu machen. Auch Herr Neubert befand sich unter den Anwesenden, er trat zu dem langjährigen Schulfreunde seines Sohnes und begrüsste ihn voll tiefer Erschütterung.

„Mein armer Lionel, wie sehr beklage ich es heute, kein reicher Mann zu sein! Bei Gott, wenn ich über tausend Dollar zu verfügen hätte, so würde ich Ihnen die Freiheit erkaufen, aber wo nichts ist, Lionel, da hilft kein noch so guter Wille.“

Der Knabe drückte ihm dankbar die Hand. „Herr Neubert, ich weiss ja, wie gut Sie es meinen, Sir! Vielleicht schenkt mir der Himmel ein erträgliches Los!“

Der Kaufmann dämpfte seine Stimme noch mehr. „Es ist unser Friedensrichter, welcher Sie zu kaufen gedenkt, Lionel, ich weiss es. Mr. Dunkan, findet es sehr schlau und sehr begreiflich von Ihnen, dass Sie die Farm durch eine erfundene Geschichte an sich zu bringen gedachten, er meint nur, Sie hätten etwas vorsichtiger zu Werke gehen müssen, kurz, sein Urteil über Sie geht dahin: ‚Er ist ein verdammt schlauer Kopf, ein energischer Kerl, den ich mir zunutze machen werde.’ — Ob Sie da einen Betrug versucht haben oder nicht, das gilt ihm ganz gleich. Es kommt nun für Sie nur darauf an, sich mit Ihrem künftigen Gebieter so zu stellen, dass Ihre körperliche Freiheit so wenig wie möglich beschränkt wird, dass Sie zuweilen eine Abendstunde oder einen Sonntagnachmittag für sich behalten und zwar, um in mein Haus zu kommen oder mich und Hermann irgendwo zu treffen. Sie wissen, weshalb!“

Lionel wurde bald rot, bald blass. „Sie denken an die Flucht, nicht wahr, Sir?“

„Natürlich. Ich bin heute hier, um Ihnen zu sagen, dass alles unter der Hand vorbereitet wird und dass wir nicht aus der Stadt fortgehen, ohne Sie mit uns zu nehmen. In etwa vier Wochen ist, gefällt’s Gott, die Abreise möglich.“

Er schüttelte Lionel die Hand und ging. Mittlerweile hatte die Auktion begonnen. Man riss sich um die Ware, es wurden hohe Preise erzielt, das Geschrei der unglücklichen Frauen hallte von allen Punkten des Marktplatzes wider. Wer einen Knecht oder einen Arbeiter brauchte, der kaufte ihn, ohne gleich die Frau mit bezahlen zu können, wer eine Köchin suchte, der hatte vielleicht keine Gelegenheit, vier oder fünf Kinder derselben in seinem Hause unterzubringen, — und so wurden in vielen Fällen ganze Familien ohne Schonung auseinandergerissen.

Dann erschien die stattliche Gestalt des Friedensrichters, und alles machte dem gestrengen Herrn ehrerbietig Platz. Mehrere der besten Schwarzen waren für ihn ausgehoben, — niemand wagte es daher, durch neue Gebote den Preis hinaufzutreiben, man hielt sich einstweilen zurück und flüsterte nur in Gruppen miteinander.

Jetzt bestieg die alte Cassy mit gefesselten Händen den verhängnisvollen Block. In einer roten Jacke, in weisser Schürze und mit einer ungeheuren Haube auf dem Kopfe sah die erschrockene Frau komisch genug aus, ein Hagel von spöttischen Bemerkungen flog ihr entgegen. Erst als Mr. Dunkan zum Block trat, entstand allgemeines Schweigen.

„Diese vortreffliche Tante war Hofköchin von Seven-Oaks, nicht wahr, Sir?“ fragte er den Sklavenhändler. „Und man speiste da gut, ich weiss es aus Erfahrung. Sagen wir hundert Dollar, Sir!“

Der Händler lächelte gelassen. „Euer Ehren sind, wie es scheint, heute in ganz besonders heiterer Stimmung,“ sagte er.

„Weil ich mir die rotjackige Alte zulegen will? Hm, es scheint, dass das Beste schon verkauft ist. Sie haben da nur noch einige halbwüchsige Burschen, nicht wahr?“

„Zu dienen, Euer Ehren! Den jungen Menschen, von dem in diesen Tagen alle Welt spricht, den Lionel. Ein hübscher Bursche, denke ich, als Diener wie geschaffen für ein vornehmes Haus.“ Dann rief er mit lauter Stimme: „Nummer sechsundneunzig, der Sklave Lionel!“ — und als sich dieser gehorsam näherte, befahl er in herrischem Tone: „Sprich gleich einmal lateinisch, Bursche! dieser Herr gebietet es dir.“

Der Friedensrichter lachte hell auf. „Sage mir lieber, wie in Richmond deine Zeugnisse beschaffen waren, mein Bürschlein,“ bemerkte er. „In welcher Klasse sassest du?“

„In Obersekunda, Euer Ehren. Meine Zeugnisse liegen sämtlich in Seven-Oaks.“

„Schön, schön, du bist also imstande, deine Muttersprache fehlerlos zu schreiben, das ist etwas. — Nun, Mr. Brown, ich will einmal ein übriges tun. Elfhundert Dollar für Lionel und die heulende Alte da.“

„Zweitausend, Euer Ehren!“

„Keinen Cent mehr als elfhundert.“

Der Händler hob die Arme zum Himmel. „Und das für einen Sklaven, der lateinisch versteht! Hundert Dollar mehr, Euer Ehren!“

„Keinen Cent!“

Der Händler warf mit einem brutalen Stoss die alte Köchin vom Block. „Euer Ehren geben mir bei Kauf und Verkauf so manchen Dollar Verdienst,“ sagte er seufzend, „da muss ich denn heute ein Auge zudrücken. Marsch mit dir, Alte, jetzt gehörst du Seiner Ehren, dem Herrn Friedensrichter! Und du auch, Lionel. Küsst Eurem gütigen Gebieter die Hand!“

Mr. Dunkan wehrte ab. „Schicken Sie mir das Frauenzimmer ins Haus, Sir! — Du kommst mit mir, Lionel, ich will dir deine Instruktion jetzt gleich erteilen.“

Lionel ging schweigend neben seinem Gebieter durch die Strassen und musste sehen, dass aus allen Fenstern die Leute ihn angafften, als sei er ein wildes Tier, das der Marktschreier zur Schau stellt.

„Mein Schreiber sollst du werden, Lionel,“ sagte der Friedensrichter. „Für die Morgenstunden brauche ich dich im Büro, nachmittags wird dir Mrs. Dunkan diese und jene Beschäftigung im Hause anweisen. Wie du dich bettest, so schläfst du natürlich! Sind meine Schwarzen gehorsam und fleissig, so haben sie es gut, ich gebe ihnen dasselbe, was meine Tiere erhalten, ausgiebige Verpflegung, warmes, trockenes Unterkommen und gütige Behandlung, — im entgegengesetzten Falle tüchtige Peitschenhiebe. Weisst du nun, wie die Dinge stehen?“

„Ja, Euer Ehren!“

„Gut, dann trachte, dir meine Zufriedenheit zu erwerben. Für heute kann dich Mrs. Dunkan ganz allein behalten, ich habe noch eine Fahrt über Land.“

Das grosse Haus, welches er in einer freiliegenden, neueren Strasse der Stadt bewohnte, war jetzt erreicht, und der würdige Friedensrichter betrat die Vorhalle, um seinen eben gekauften Sklaven zuerst den verschiedenen Familiengliedern vorzustellen. Noch ehe das eigentliche Erdgeschoss sie aufnahm, tönte schon eine gereizte Frauenstimme den Ankommenden entgegen. „So, Dunkan, also du hast den Sklaven doch gekauft? Du hast es getan, obgleich ich dir dringend abriet?“

Der Friedensrichter räusperte sich mehrere Male. „Meine liebe Mary,“ versetzte er, „du brauchst von dem jungen Menschen keinerlei Notiz zu nehmen, du —“

„Komm herein, Dunkan, komm herein! Ich will dir zum zwanzigsten Male auseinandersetzen, weshalb der Sklave in unserem Hause nicht bleiben darf. Vielleicht wirst du dann doch endlich auf meine Worte hören.“

Der Friedensrichter verschwand eiligst; er wünschte gewiss lebhaft, die Auseinandersetzung mit seiner erzürnten Gemahlin den Ohren Lionels zu entziehen; ohne eine Silbe der Erklärung oder weiterer Befehle liess er den jungen Menschen stehen und ging davon.

Kaum eine halbe Minute später erschien die Dame des Hauses auf dem Flur, eine blasse, kränkliche Frau mit vergrämtem Gesicht und tiefliegenden Augen. „Was machst du hier?“ rief sie heftig. „Sklaven haben in der Vorhalle nur zu erscheinen, wenn sie gerufen werden.“

Und dann zerrten die mageren Hände heftig an einem Glockenstrange. „Prue, Prue, wo bist du? — Niemals ist die Person zur Stelle, wenn man ihrer bedarf!“

Aus der Küche kam mit eiligen Schritten eine Negerin, deren schwarzes Gesicht die lebhafteste Furcht verriet. „O Jesus, Missis, was gibt es denn?“

Die Dame fuhr mit dem Taschentuche über die Stirn. „Nimm diesen jungen Menschen mit dir, Prue, der Herr hat ihn heute gekauft, — für die nächsten Tage bleibt er hier, du musst ihm also Beschäftigung geben. Schnell, schnell, ich habe keine Zeit!“

Prue riss die Augen auf. „Der junge Herr da!“ stammelte sie. „O Missis, Missis, die zarte Haut, die blauen Augen. Missis will die alte Prue foppen, — das ist doch kein Nigger!“

Die Augen der kranken Frau schienen Feuer zu sprühen, sie zitterte am ganzen Körper. „Ein Sklave ist er, Prue, ich sage es dir, ein Sklave ist er, trotz seiner weissen Haut. — Gleich nimmst du ihn mit und lässt ihn Kartoffeln schälen.“

„Ja, Missis, ja! — Komm, Bursche!“

Die Negerin ging voraus, und Lionel folgte ihr. Er biss die Zähne zusammen, — fremde Blicke sollten nicht über ihn triumphieren, sollten die blutenden Wunden seines Inneren nicht sehen.

Eine Tür öffnete sich, Prue schob ihren neuen Schützling auf den Hof hinaus. Hier lagen rechts und links in einer langen Reihe die Wohnungen der Sklaven. Jede Familie hatte ihre mit einer Nummer versehene Hütte, in der sie schlief, während die Mahlzeiten in einem grossen Bretterschuppen abgehalten wurden. Von Freistunden oder Sonntagen war in diesem Hause überhaupt nicht die Rede, das hatte Lionel vorher schon gewusst. Man sah keine Gruppen spielender Kinder, hörte kein Singen oder Pfeifen, es war alles still wie in einem Gefängnishofe.

„Da ist der Brunnen,“ sagte Prue, „und hier ein Eimer. Hole Wasser, mein Junge!“

Als Lionel den Befehl vollzogen hatte, gab sie ihm ein Messer und einen Korb voll Kartoffeln. „So, nun setze dich dorthin und schäle die Früchte. Sollst du denn nicht mit den übrigen auf dem Felde arbeiten, oder wirst du gleich wieder verkauft?“

„Ich weiss es nicht, gute Frau!“

Prue sah, wie ungeschickt Lionel das Messer handhabte, und machte sich bei dieser Entdeckung eilends aus dem Staube. Die Missis hatte befohlen, den neuen Sklaven Kartoffeln schälen zu lassen, — jetzt mochte sie es auch selbst verantworten, wenn er die ganze Mahlzeit verdarb.

Lionel seufzte in sich hinein. Frühmorgens Abschreiber, nachmittags Küchenknecht, — das war eine trostlose Aussicht.

Ein Schatten fiel auf den Kartoffelkorb, und als Lionel den Kopf erhob, gewahrte er die langaufgeschossene, etwas schlotterige Gestalt eines Knaben von seinem eigenen Alter. Der junge Mensch hatte beide Hände in den Taschen, er gähnte laut und schüttelte sich dann wie eine nass gewordene Katze. „Guten Tag!“ sagte er nach einer Pause.

„Guten Tag, Mr. Dunkan.“

„Woher kennst du mich?“ fragte in hochmütigem Tone der andere.

„Wir waren, soviel ich weiss, in den beiden Unterklassen der hiesigen Schule ganz gute Kameraden, Mr. Benjamin!“

Der junge Mensch sah etwas verlegen drein. „Das mag sein,“ versetzte er leichthin, „man entsinnt sich nicht jedes kleinen Jungen. Wie heisst du denn überhaupt?“

Und als Lionel seinen Namen genannt hatte, schüttelte er den Kopf. „So heisst doch kein Nigger! Man nennt sie Pompejus oder Nero oder Achilles! — Ueberdies, wie kommst du zu dem Namen Forster? Ich habe Verwandte in Kentucky, die so heissen, und die nächstens hierherkommen; sie würden es sich sehr verbitten, dass ein Sklave ihren Familiennamen führt. Bist du vielleicht einmal der Sklave einer Familie Forster gewesen?“ fuhr Benjamin fort.

„Ich war noch niemandes Sklave, Sir!“

Der Sohn des Friedensrichters lächelte spöttisch. „Ja, ich vergass, du lebtest in Richmond, warst Sekundaner. Der frühere Besitzer von Seven-Oaks, Mr. Trevor, muss doch ein kolossaler Esel gewesen sein, dass er an einen Nigger so viel Geld verschwendete.“

Das Blut stieg heiss in Lionels Wangen, dennoch beherrschte er sich und schwieg.

Benjamin genoss in vollen Zügen den ruhmlosen Sieg. „Hast du Legitimationen?“ fuhr er fort. „Kannst du beweisen, dass du Forster heisst?“

„Seiner Ehren dem Herrn Friedensrichter werde ich die Beantwortung dieser Frage nicht schuldig bleiben, Sir.“

„Wohl aber mir?“ lachte Benjamin. „Das ist klug von dir, Bursche. Wie käme auch ein Nigger zu Legitimationspapieren? — Pferde und Hunde haben keine, weshalb also Sklaven?“

Lionel wechselte die Farbe. „Da sind freie Menschen besser daran!“ nickte er. „Schon als achtjährige Kinder erhalten sie Osterzeugnisse, in denen häufig genug zu lesen ist: ‚Konnte wegen Trägheit und Ungeharsams nicht mit versetzt werden!’“

Benjamins Augen sprühten Funken. „Du,“ zischte er, „willst du Prügel haben?“

„Als ob du mir welche geben könntest!“

„Das wollen wir gleich sehen!“

Messer und Schemel flogen durch die Luft, die Kartoffeln rollten über den Hof, und die beiden jungen Kampfhähne rangen miteinander, bis beide, aufeinander losschlagend, am Boden lagen.

In der Haustür erschien unglücklicherweise in diesem Augenblick Frau Dunkan. „Hilfe! Mörder! Hilfe!“ schrie sie sogleich voll Entsetzen. „Der Unmensch würgt mein armes Kind!“

Sie stürzte hinaus auf den Hof, der Friedensrichter kam hinter ihr her und riss die Kämpfenden voneinander. „Was geht hier vor?“ rief er voll Erstaunen. „Sprich, Lionel!“

„So?“ schluchzte seine Frau, „den Sklaven fragst du? — Aber freilich, der arme Benjamin ist der Sündenbock für alles, was geschieht; du bist ein Rabenvater, Dunkan, du —“

„Still!“ gebot der Friedensrichter. „Lionel, ich erwarte deine Antwort.“

„Mr. Benjamin hat mich auf das unerhörteste gereizt, Euer Ehren! Er nannte den Verstorbenen Mr. Trevor einen Esel, er sagte, dass Sklaven mit Pferden und Hunden auf gleicher Stufe ständen, — das konnte ich nicht ertragen.“

Der Friedensrichter zuckte die Achseln. „Seine gewohnte Art!“ sagte er. „Der Bursche ist die Plage meines Daseins!“

Er wollte sich abwenden, aber seine Frau hielt ihn am Arme fest. „Soll der Sklave nicht bestraft werden?“ stiess sie hervor.

„Nein, meine Liebe. Was hatte Benjamin mit ihm zu schaffen? Der Schlingel läuft zwecklos den ganzen Tag umher, nascht und faulenzt und steckt sich hinter seine Frau Mama, wenn ihn jemand nur schief ansieht. Geh’ fort!“

Benjamin schlich davon, während seine Mutter ihn tröstete und voll Angst fragte, ob er verletzt sei.

Der Friedensrichter sah den beiden nach, dann wandte er sich zu seinem neuen Sklaven. „Derartige Szenen dürfen nicht wieder vorkommen,“ sagte er nachdrücklich. „Du sollst Frieden halten, denn es ist wahrhaftig um des Burschen willen schon Streit genug im Hause. Jetzt sammle die Kartoffeln in den Korb und dann verschwinde, lass dir von dem Aufseher deinen Schlafplatz zeigen. Morgen früh bist du pünktlich um sieben Uhr im Büro.“

Und seufzend ging der geplagte Mann davon.

Lionel wandte sich, um nach irgendeiner Richtung den gepflasterten Hof zu verlassen, da ertönte aus einer der Sklavenhütten ein scharfer Pfiff, so dass Lionel unwillkürlich aufsah. Ein halb wie ein Weisser gekleideter Mulatte winkte ihm. „Du, komm einmal hierher!“

Lionel gehorchte. Der Mulatte deutete auf einen buntgestreiften Kattunanzug nebst grobem Strohhut und einem Paar schwerer Lederschuhe. „Da ist dein Zeug,“ sagte er. „Mrs. Dunkan befiehlt, dass du es gleich anlegst und mir deine Sachen gibst, — sie sollen an arme Leute verschenkt werden. Jede Woche einmal musst du die Sachen waschen, das merke dir, denn für Schmutzflecke gibt es Peitschenhiebe.“

Lionel hob die beiden ihm zugewiesenen Kleidungsstücke vom Boden auf.

„Sind Sie der Oberaufseher?“ fragte er.

„Jawohl: Sammy, der Mann mit der Lederpeitsche! Ich schlage auch auf anderen Besitzungen, Missis leiht mich aus gegen Entgelt.“

„Also Sie selbst sind auch Sklave?“

„Gewiss. Freie Nigger gibt es hier wohl sehr selten, sie gehen alle nach dem Norden.“

Und Sammy schlenderte davon, während Lionel den feinen hechtgrauen Sommeranzug, die Leinenwäsche und den Panamahut ablegte, um das lächerliche, blau und rot gestreifte Kostüm des Haussklaven anzulegen. Das war eine schwere Stunde, eine Aufgabe, welche die Kräfte unseres unglücklichen Freundes beinahe überstieg, — er, der immer wie ein Gentleman aufgetreten war, sollte jetzt mit unverhüllter Brust und nackten Füssen einhergehen, er sollte weder feine Manschetten, noch Taschentuch oder Kravatte wiedersehen. Auch der Spiegel fehlte dem Gemache, das zwanzig oder dreissig numerierte Betten enthielt, — Lionel schlich zaghaft hinaus, um wenigstens die freie Luft an seiner heissen Stirn zu fühlen. Ob es sich wirklich ertragen lassen würde, das Leben als Sklave?

Von der Strasse her kam ein kleiner Junge ihm entgegengelaufen. „Du, du, der Neger draussen vor dem Eingange will mit dir sprechen, — sieh, das hat er mir gegeben!“

Ein schmutziges Kinderhändchen öffnete sich vorsichtig, und glückstrahlende Blicke sahen auf die zwei Cents, welche darin lagen. „Siehst du! Nun kann ich mir Bonbons kaufen!“

Der kleine Bursche rannte wieder fort, und Lionel spähte hinaus, um zu erfahren, wer ihn zu sprechen wünsche. Am Gitter stand Ralph und streckte beide Hände aus, sein ehrliches Gesicht war voll Trauer, seine Stimme bebte. „Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen, Sir! — O, grosser Gott, dass ich meinen jungen Herrn in diesem Anzuge sehen muss!“

Lionel nahm die schwarzen Hände in seine beiden und umschloss sie fest. „Lass das, Ralph,“ sagte er, „denke auch nicht an mich. Bist du verkauft, Alter?“

Ralph nickte. „Ja, Sir, — nach Karolina, weit weg auf eine Pflanzung.“

„So werden wir ganz getrennt!“ rief Lionel. „Es fällt Schlag auf Schlag!“

„Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen, Massa Lionel! Toby und ich bleiben zusammen.“

„Grüsse ihn, den treuherzigen Jungen! — Und dann sage mir, Ralph, wie hiess in Kentucky die Farm der Forsters? Es kommen nächstens Verwandte des Friedensrichters von dort her zum Besuch, — möglicherweise ist es dieselbe Familie.“

Ralph nickte. „Sicherlich, Sir. Der Herr Friedensrichter war gelegentlich nach Seven-Oaks zu Tisch geladen; Mr. Trevor sagte, dass noch zwischen ihnen eine Art von Verwandtschaft bestehe.“

„Wie hiess die Farm?“ wiederholte Lionel.

„Parkers-Place, nach ihrem ersten Besitzer. Der Herr, welcher hierher zu kommen gedenkt, wird Mr. Nathanael Forster sein, derselbe Mann, den Ihr unglücklicher Vater mit der Reitpeitsche schlug. Gott gebe nur, dass das nicht etwa für Sie Böses bedeute, Massa Lionel!“

„Torheit!“ lächelte der Knabe. „Ich werde dem Manne aus dem Wege gehen, aber, wenn es die Umstände so fügen sollten, dass ich ihm feindlich gegenüberstehe, auch nicht weniger Mut beweisen als vordem mein armer Vater.“

Ralph seufzte. „Ein Advokat hat den Auftrag, Seven-Oaks zu verkaufen, Sir. Mr. Manfred Trevor reist mit seinem Sohne heute noch nach Richmond, er will lieber die Ernte auf dem Halme verderben lassen als länger in dieser Gegend leben. Nur einige Weisse bleiben des Viehes wegen auf der Farm zurück.“

Lionel war blass geworden. „Seven-Oaks in fremden Händen!“ sagte er leise. „Ach, Ralph, wenn das Testament zum Vorschein käme, wenn für uns Unglückliche ein Wunder geschähe!“

„Zu seiner Zeit!“ flüsterte der Neger. „Zu seiner Zeit, Sir. Und nun adieu! Ich habe mich heimlich fortgestohlen.“

„Adieu, Ralph! Gott behüte dich alle Zeit! Wie heisst der Ort, an den du gehst?“

„Das weiss ich nicht, Sir. Mein Gebieter ist nicht persönlich anwesend, er lässt sich eine Partie Sklaven durch einen Zwischenhändler schicken.“

Lionel wandte sich ab, es wogte und gärte in seiner Seele so stark, dass ihm keine Worte mehr zu Gebote standen, aber die Augen sprachen beredt, die zuckenden Lippen sagten mehr als alle Sätze. Noch einmal lagen die Hände ineinander, vielleicht zum letzten, ewigen Lebewohl, dann ging Ralph die Strasse hinab, und Lionel kehrte zum Hofe zurück. Zwischen ihm und dem Herrenhause stand ein dichtes, die Veranda von den Wohnungen der Schwarzen trennendes Gebüsch, er konnte also selbst nicht gesehen werden, während anderseits der weite Hof frei vor seinen Blicken dalag. Durch eine am anderen Ende desselben befindliche Eingangstür kamen gerade jetzt in langen Zügen die Neger von den Baumwollfeldern nach Hause, jede Person trug ihren Korb auf dem Rücken, Männer wie Frauen, jede setzte ihn ab an der grossen Wage, welche unter einem Dache auf dem Hofe stand und an der jetzt zwei Aufseher die gepflückte Baumwolle wogen, um festzustellen, ob der betreffende Arbeiter seine Schuldigkeit getan habe oder nicht.

Auch Sammy, der Mann mit der Peitsche, befand sich auf dem Hofe, er schleppte eine Bank aus dem Schuppen herbei und schwang das Prügelinstrument sausend durch die Luft, dann wartete er mit verschränkten Armen, als werde auch für seine Tätigkeit der geeignete Augenblick kommen.

Lionel trat näher hinzu, eine unangenehme Ahnung hatte sich seiner Seele bemächtigt; auf dem Pflaster dieses Hofes schien die Prügelstrafe eine gewohnte, täglich wiederkehrende Verrichtung.

„Scipio hat abermals drei Pfund Baumwolle zu wenig,“ rief der Aufseher. „Zwanzig Hiebe, Sammy, du weisst ja schon!“

„All right!“ tönte es von der Bank her.

Scipio bat mit gefalteten Händen um Gnade. Der Mann war alt, seine Glieder gekrümmt, das Haar weiss, das Augenlicht getrübt. „Ich kann die Kapseln nicht so genau mehr sehen,“ jammerte er, „Erbarmen, Sammy, Erbarmen! Auch du wirst einmal ein halbblinder Greis sein!“

Der phlegmatische Mulatte zuckte die Achseln. „Mach’s kurz, Scipio, das Geschrei kann dir gar nichts nützen. Ueberdies siehst du auch, dass ausser dir noch andere Leute bedient werden wollen.“

Er zog den kreischenden Alten mit einem kräftigen Ruck zu sich und warf ihn auf die Bank. Die Peitsche wirbelte durch die Luft, um scharf auf den Rücken des Opfers niederzufallen, ein durchdringendes Geschrei tönte über den Hof, grauenvoll genug, um Lionels innerste Seele erbeben zu lassen.

Nach rechts und links schlüpften die Neger, deren Körbe richtig befunden worden waren. Solange die entsetzliche Bank auf dem Hofe stand, fühlte sich niemand sicher, die armen Geschöpfe zitterten, sooft sie mit ihrer Last die Pforte erreicht hatten. Es ging auf der Besitzung des Friedensrichters streng nach Wahrheit und Gerechtigkeit, es wurde kein Sklave ohne Grund geschlagen, aber auch keinem die Strafe erlassen; wer faul gewesen war, erhielt Peitschenhiebe, das wussten alle und ergaben sich in ihr Schicksal.

Lionel ging in den halbdunkeln Raum, wo die unverheirateten Männer schliefen und warf sich auf das saubere, aber sehr harte Bett, welches ihm Sammy angewiesen hatte. Nicht weit von ihm lag Scipio und krümmte sich ächzend in unerträglichem Schmerz. Ein jüngerer Schwarzer, sein Sohn, legte ihm Wasserpolster auf die Wunden.

Lionel bedeckt das Gesicht mit den Händen. Zum erstenmale, seit das Unglück über ihn hereingebrochen war, weinte er glühende Tränen der Verzweiflung.

Sechstes Kapitel

Es war in der ersten Morgenfrühe des folgenden Tages. Nur wenige Personen belebten schon jetzt die Strassen, Leute, welche zur Arbeit gingen, denen man es ansah, dass ihr Tun und Treiben nur im Schatten der Nacht gedieh. Alle diese Menschen blieben, wenn sie an dem Hause des Eisenhändlers Neubert vorübergingen, stehen und sahen zur Tür des Gebäudes auf. Einige schlichen auch wohl auf den Zehenspitzen behutsam über den Fahrdamm und bis unter die Mauern des Hauses, dann aber eilten sie davon, als sei ihnen ein Gespenst entgegengefahren, manche sogar mit einem halberstickten Ausruf des heftigsten Schreckens.

Allmählich wurde der Verkehr lebhafter, herumlungernde Soldaten, Gesindel, das in irgendeiner Torfahrt oder auf einer Treppe übernachtet hatte, auch Offiziere kamen des Weges, und nun bildeten sich Gruppen, die bald zu einer dichtgedrängten Menge zusammenflossen.

Ein Schlüssel knarrte im Schloss, die Tür öffnete sich, und Herr Neubert sah auf die Strasse hinaus.

„Leute!“ fragte er mit ruhiger, weithin verständlicher Stimme, „was geht hier vor? Was habt ihr?“

Niemand antwortete ihm — da sah er im Morgenwind ein weisses Papierblatt hin und her flattern, es war mit einem Stift am Türrahmen befestigt und auf der vorderen Seite beschrieben. Ein schneller Griff brachte es in die Hände des erschreckten Mannes, er erbleichte, seine Füsse schienen den festen Halt zu verlieren, dann trat er plötzlich zurück in das Haus und schloss die Tür.

„Nun hat er’s!“ flüsterten einige.

„Verdientermassen! Man sah ihn immer mit den übrigen Deutschen die Köpfe zusammenstecken, sie haben auch in den Nächten Pakete getragen und allerlei Versammlungen abgehalten. Die Deutschen sollten alle mit blanker Waffe zum Lande hinausgetrieben werden!“

„Hurra für Jefferson Davis!“

„Hipp! Hipp! Hurra!“

Die Menge verlief sich, während drinnen im Hause der Kaufmann das verhängnisvolle Blatt ansah und ein Gefühl des aufsteigenden Entsetzens vergebens zu bekämpfen suchte. Was hier geschrieben stand, das kam einem Todesurteil gleich.

Frau Neubert und Hermann sahen dem Oberhaupte der Familie über die Schulter und lasen mit ihm. Eisige Schauer rieselten durch die Adern der Unglücklichen.

Auf dem weissen Blatte stand Folgendes:

„Vorladung!

Der Kaufmann Ferdinand Neubert wird von dem unterzeichneten Komitee hierdurch aufgefordert, sich am heutigen Abend um elf Uhr im Gasthause zum Stern Amerikas im kleinen Saale einzufinden und zwar zum Zwecke der Verantwortung gegen folgende Anklagen:

1 Parteinahme für die Nordstaaten. Abolitionistische Gesinnung.

2 Pläne zur Flucht durch die Belagerungslinie.

3 Unerlaubte Sympathien für Neger.

4 Teilnahme an heimlichen Versammlungen von Sklaven, (Aufwiegelung derselben durch Reden und Belehrungen.)

Es wird in der anberaumten Versammlung nach Recht und Billigkeit gerichtet werden; sollte aber der Kaufmann Neubert vorziehen, zur festgesetzten Stunde nicht zu erscheinen, so hat er von vornherein auf eine Verteidigung vollständig verzichtet und sich selbst der genannten Verbrechen schuldig erklärt. In diesem Falle ist sein Todesurteil hiermit ausgesprochen. Möge er sich versteckt halten, wo es sei, möge er zu Hilfe rufen, wen er wolle, der Richter Lynch wird ihn finden und seines Amtes walten.

Das Vigilanz-Komitee.“

Frau Neubert legte beide Hände über die Augen und schluchzte leise.

„Vater!“ flüsterte Hermann. „Gehst du hin?“

„Ich gehe,“ nickte der Kaufmann, „wir gewinnen damit Zeit.“

Frau Neubert erhob sich und streckte beide Arme aus.

„Mir ahnt Schlimmes!“ schluchzte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Sie bringen mich nicht gleich um, Anna, sie plündern mich nur aus und überlassen den Verarmten seinem Schicksal. Du weisst, dass unsere wertvollsten Besitztümer geborgen sind.“

Die weinende Frau kannte ihren Mann, sie wusste, dass es vergeblich sein würde, ihn überreden zu wollen, und ergab sich stumm. „Welch’ eine Zeit, in der wir leben!“ sagte sie mit gerungenen Händen. „Gott hat Amerika verlassen!“

„Er erbarmt sich endlich seiner schwarzen Kinder! — Und wenn auch über die Weissen noch so grosses Leid kommt, das Ziel wird doch erreicht!“ —

Er war sehr blass, als er diese Worte sprach, aber vollkommen ruhig. „Das Boot liegt sicher versteckt,“ sagte er. „Ich gebe nichts verloren, obwohl wir für unsere Kinder schwerlich morgen noch ein Obdach besitzen werden. Man macht das Haus dem Boden gleich! — Ach, wenn jetzt Mr. Charles Trevor noch lebte!“

Hermann trocknete sich die Augen. „Auch Lionel ist ins Elend gestürzt,“ seufzte er.

„Wir werden ihn mit uns nehmen, mein Junge!“ sagte der Vater.

Draussen wurde an die Tür geklopft, ein Freund aus der deutschen Kolonie hatte von dem Unglück gehört und kam, um zu trösten und seinen Beistand anzubieten. „Deine Frau und die kleine Schar nehme ich auf, Neubert,“ sagte er. „Es wird ihnen, solange mir mein Haus noch bleibt, an nichts fehlen. Packen Sie Ihre Sachen, liebe Frau Neubert. Nehmen Sie mit, soviel sich tragen lässt; Betten, Kleider, Hausgerät, — ich schicke später meine Knechte mit einem Wagen, um es hinüberzubefördern. Das beste wird dann sein, unter der Hand alles Entbehrliche zu verkaufen.“

Herr Neubert schüttelte den Kopf. „Es ist nur noch sehr wenig vorhanden,“ sagte er, „miteinander vielleicht kaum für fünfhundert Dollar. Aber das Haus! das Haus! — All’ mein sauer erworbenes Kapital steckt darin und geht ohne Rettung verloren. Diese Nacht fahren die roten Flammen darüber hin, — es ist nicht anders. Wir dürfen nur vorwärts sehen, Kinder! Kommt, lasst uns auswählen, was mitgenommen werden soll.“

Herr Behrens bot den Eltern und den Kindern zum Abschied die Hand, dann ging er mit dem Versprechen, in einigen Stunden einen Wagen zu schicken. Dieser Freund war treu, der Kaufmann konnte sich auf ihn vollständig verlassen.

Während des ganzen Tages wurde nun für den Umzug gerüstet, und als der Abend herabsank, fand sich die kleine Familie zum Abschied zusammen. Herr Neubert konnte den Seinigen die Todesblässe, welche sein Gesicht bedeckte, nicht verbergen, aber er war jetzt ruhig. „In zwei Stunden hoffe ich euch wiederzusehen,“ sagte er. „Geht mit Gott, die Trennung ist nur kurz.“ Hermann hing am Halse seines Vaters, er konnte vor Schmerz nicht sprechen, nur seine Blicke zeigten, was in ihm vorging. Herr Neubert streichelte das blasse Gesicht, er küsste den Knaben und zog ihn nahe zu sich. „Du darfst nicht weinen, Hermann, du musst dich tapfer beherrschen, mein Junge. Während ich selbst abwesend bin, sehen deine Mutter und deine Geschwister auf dich als auf ihren einzigen Beschützer.“

Der Knabe nickte, er biss die Zähne zusammen, um nicht zu schluchzen.

Noch ein letzter Kuss, eine schmerzvolle Frage des Kleinsten, warum der Papa nicht mitgehe, dann verliess Frau Neubert, umgeben von ihren Kindern, das Haus, in dem sie glückliche Jahre verlebt hatte und das sie nun, aller menschlichen Berechnung nach, nie wieder betreten würde. An der Tür kamen ihr Herr Behrens und seine Frau schon entgegen, um die gern gesehenen Gäste in Empfang zu nehmen.

Es dunkelte bereits. Neubert durfte keinen Augenblick mehr verlieren. Nachdem er das Haus von aussen geschlossen hatte, ging er schnellen Schrittes die Strassen hinab bis zum „Stern Amerikas,“ einer schmutzigen Schenke, die er freiwillig nie betreten haben würde. Der kleine Saal lag nach hinten hinaus, Herr Neubert konnte also nicht erkennen, ob sich dort eine Versammlung befand, er wollte eben seitwärts durch den Garten schlüpfen, als eine Hand seinen Arm berührte: „Ferdinand!“

„Behrens!“ sagte er gepresst. „Du bist also doch hier?“

„Ich will wenigstens in der Nähe bleiben, Neubert, falls es schlimmer ausläuft, als du erwartest.“

Der Kaufmann erschrak. „Du denkst, dass unsere Versammlungen im alten Schulhause entdeckt wären?“ flüsterte er.

„Ich fürchte, ja.“

„Dann müsste es im Schosse der Landsleute einen ehrlosen Verräter gegeben haben! Welchen deutschen Mann möchtest du dessen zeihen, Behrens?“

Der andere schüttelte den Kopf. „Ich weiss es nicht, Neubert, ich kann keinen bestimmten Verdacht aussprechen, aber die Sache scheint mir bedenklich. Hast du einen Revolver bei dir?“

„Nein! Wozu auch?“

„Weil du dich in eine Spitzbubengesellschaft begibst. Hier ist einer, ein sechsläufiger, — du kannst wenigstens einen persönlichen Angreifer damit in Schach halten.“

Der Kaufmann steckte mit einigem Widerstreben die Waffe in seine Brusttasche, dann, als es von einer nahen Kirche elf schlug, drückte er hastig die Hand des anderen und eilte in das Haus, wo ein schwarzer Kellner den späten Gast eintreten liess.

„Guten Abend, Gentlemen!“ grüsste dieser eine rauchende, trinkende und in ihrem Aussehen höchst seltsame Versammlung. „Ich bin Ferdinand Neubert, den Sie zu sprechen wünschten! Was steht Ihnen zu Diensten?“

Lauter verlarvte oder schwarz gefärbte Männer sahen ihm entgegen. Einige lagen in der Weise angeheiterter Fuhrknechte mit beiden Armen breit auf dem Tische, während andere sich auf den Hinterfüssen der Stühle schaukelten. Dampfende Groggläser standen vor allen. Bei dem mit ruhiger Stimme gesprochenen Grusse des Kaufmanns ging ein Murmeln durch die Reihen der Männer; einige lachten spöttisch.

„Warhaftig, du hast Mut, Geselle!“

„Ein gutes Gewissen habe ich!“ versetzte der Kaufmann.

Jemand schlug mit geballter Faust auf den Tisch, dass Gläser und Flaschen klirrten. „Die Gerichtssitzung beginnt. Ferdinand Neubert, weisst du, wer die sind, welche dich vorgeladen haben, die, deren Urteilsspruch jetzt erfolgen soll?“

Der Kaufmann bewahrte seine Ruhe. Er hatte sich so gestellt, dass ein geöffnetes, auf den Garten hinausgehendes Fenster ihm zur rechten für alle Fälle erreichbar blieb, jetzt sah er in das geschwärzte Gesicht des Vorsitzenden und antwortete: „Die Herren nennen sich das Vigilanz-Komitee. Aus eigener Machtvollkommenheit, soviel ich weiss.“

Der Geschwärzte nickte. „Wir zählen hier in der Stadt etwa zweitausend Mitglieder,“ fuhr er in bedeutungsvollem Tone fort, „im Lande einige hunderttausend. Das ist eine Macht, die du wahrscheinlich anerkennen wirst, Ferdinand Neubert!“

Aus der zerfetzten Tasche des Geschwärzten kam jetzt ein zusammengefaltetes Papier zum Vorschein, die Anklageschrift. „Ruhe!“ rief der Strolch, dann begann er mit erhobener Stimme seinen Vortrag. „Ferdinand Neubert, es wird dir schwer werden, die gegen dich vorliegenden Beschuldigungen zu entkräften. Fangen wir an mit dem ersten Punkte. Du bist ein heimlicher Anhänger der verfluchten abolitionistischen Lehre! Gibst du das zu?“

Der Kaufmann sah ihn an. „Hat nicht jeder unter uns das Recht seiner Gesinnung?“ sagte er. „Darf nicht jeder so urteilen und so handeln, wie es ihm dem Rechte gemäss erscheint?“

Der mit dem schwarzen Gesichte schüttelte den Kopf. „Ausflüchte!“ rief er. „Ich will ein Ja oder Nein hören. Bist du ein Anhänger der abolitionistischen Lehre?“

„Ja!“ antwortete Neumann. „Ich bin es! Ich mag nicht lügen!“

Ein Gelächter antwortete ihm. „Du scheinst ein sehr empfindsamer Charakter zu sein,“ fuhr der Fragesteller fort. „Aber desto besser für deine Richter, das Verfahren wird dadurch abgekürzt. Wir kommen jetzt zur zweiten Frage. Was schlepptet ihr nächtlicherweile hin und her, ihr verdammten Deutschen, die ihr alle wie Kletten zusammenhaltet?“

Neubert zuckte die Achseln. „Geschäftsangelegenheiten,“ versetzte er. „Dinge, die keinen Dritten kümmern.“

„Und über die du auch nicht sprechen willst, Kamerad?“

„Nein.“

„Punkt zwei ist eingestanden!“ rief der Vorsitzende. „Weiter im Text also! Du hegst Fluchtpläne, Ferdinand Neubert!“

„Ich will, wenn es mir möglich ist, mein Haus verkaufen und von hier abreisen, ja. Da ich kein Gefangener bin, so bedarf der Plan wohl auch keiner besonderen Erlaubnis.“

„Du scheinst viel Talent zum Rechtsverdreher zu besitzen, alter Junge. Schade, dass dir keine Zeit mehr bleibt, noch einer zu werden. Es kommt nämlich ein letzter Punkt der Anklage, und dieser bricht dir, wie ich glaube, den Hals. Sage mir, welchen Zweck hat es, wenn sich mitten in dunkler Nacht die Sklaven der Umgegend nach Hunderten im leerstehenden Schulgebäude der Washingtonstrasse zusammenfinden, he?“

Ein Murren durchlief den Kreis. Die Köpfe erhitzten sich mehr und mehr, die Augen funkelten hinter den Löchern der Masken. Worte wie „Verdammter Deutscher!“ oder „Schlagt den Hund zu Boden!“ wurden hie und da gehört.

„Ich will euch sagen, was die Abolitionisten im Schulhause treiben,“ fuhr der Sprecher fort. „Sie halten Ansprachen, sie belehren die Schwarzen über alle möglichen Gegenstände, am eindringlichsten aber über solche Dinge, die das Recht der Dienstboten in andern Ländern betreffen, sie wollen heimlich das Feuer so lange schüren, bis es in helle Flammen ausbricht. Die Haupträdelsführer dieser Unternehmungen sind Deutsche, und unter ihnen steht in unermüdlichem Eifer wieder einer den übrigen voran, — du, Ferdinand Neubert! Magst du es leugnen?“

Neuberts Augen flammten auf. „Nein,“ rief er mit starker Stimme, „nein, ich hasse und verabscheue die Sklaverei und ihre Anhänger! — Ein Mann, ein deutscher Mann sagt euch das in eure verlarvten Gesichter. Nun macht mit mir, was ihr wollt!“

Mehrere der anwesenden Buschklepper sprangen bei dieser Rede von ihren Plätzen auf und schienen den wehrlosen Kaufmann zu Boden schlagen zu wollen, sie brüllten vor Wut, Messer und Revolver blitzten im Lampenschein, es war ungewiss, was die nächste Minute bringen würde, als plötzlich der Vorsitzende mit herrischem Tone Halt gebot. „Berührt ihn nicht!“ rief er. „So lieb euch euer Leben ist, berührt ihn nicht! Der Landesverräter soll länger leiden, als während der wenigen Minuten, in denen eine Pistolenkugel tötet, er soll vor allen Dingen zuerst sein Urteil hören! Dein Besitztum ist hiermit konfisziert, Ferdinand Neubert!“ fuhr er fort, „du selbst bist vorläufig zur Gefängnisstrafe verurteilt. Ich sage ‚vorläufig!’ — denn die Freiheit bekommst du nicht wieder, wenn auch der Tag der Hinrichtung noch nicht bestimmt werden kann. Führt ihn in das Gefängnis! Kameraden!“

Die Gauner erhoben sich mit wildem Frohlocken, als plötzlich der Knall eines Pistolenschusses das Zimmer gleichsam erbeben liess. Die Lampe erlosch, Glassplitter flogen umher, ein kräftiger Arm packte von draussen die Schulter des Verurteilten, eine Stimme flüsterte in sein Ohr: „Rasch! Rasch! Hier hinaus!“

Gedankenschnell hatte Neubert begriffen, ehe Sekunden vergingen, stand er im Garten und glitt geräuschlos durch die Büsche davon. Während sich im Saale ein wahrer Höllenlärm entwickelte, lief er, so schnell ihn seine Füsse trugen, quer über Beete und Rabatten, über ein Kornfeld und zwischen Kühen, die erschreckt aufsprangen, aufs Geratewohl vorwärts. Es war Behrens, der ihn gerettet, dessen Kugel die Lampe zerschmettert hatte, aber er konnte den treuen Freund nirgends entdecken, er hatte sich selbst schleunigst in Sicherheit gebracht.

Neubert lief, bis alle seine Pulse zu zerspringen drohten, bis sich Funken vor seinen Blicken zeigten, dann endlich stand er, an einen Baum gelehnt, einen Augenblick still und horchte. Verworrenes Geräusch drang zu ihm, Geschrei und schwere Schritte; er konnte nicht bezweifeln, dass ihm die Raubgesellen folgten.

Er durchwatete einen seichten Bach und sprang an das entgegengesetzte Ufer. Wieder Felder und freie Flächen, wieder eine Strasse, dann ein Baumwollfeld, halb abgeerntet, — er stürmte durch die Furchen, immer verfolgt von den Stimmen der Wegelagerer, rastlos vorwärts ohne Ziel, ohne Aufenthalt.

Da stand plötzlich eine halboffene Pforte gerade vor ihm. Hinein! Hinein! Es war höchste Zeit.

Nichts regte sich zwischen den Gebäuden; der Kaufmann horchte. In dem weiten Hofe war alles todesstill, hinter ihm aber klangen Stimmen aus nächster Nähe. „Hier muss er sein! Sucht ihn! Sucht ihn!“

„Bedenkt, was ihr tut!“ rief ein andrer, „es ist das Hauswesen des Friedensrichters, zu dem dieser Hof gehört.“

„Einerlei! Mr. Dunkan hilft auch keinem Abolitionisten zur Flucht, er liefert ihn uns vielmehr sogleich aus.“

Jedes Wort drang zu den Ohren des Verfolgten. Er schlich an den Hütten der Neger dahin, immer im tiefsten Schatten, lautlos wie ein Geist, — jede Tür war verschlossen, sooft auch die tastende Hand den Drücker berührte, immer war es vergebens.

„Es ist zu Ende,“ dachte der gefolterte Mann. „Gott will, dass ich sterbe.“

Die letzte Tür lag vor seinen Blicken, — sie war ein wenig geöffnet, er konnte hineinschlüpfen und in dem grossen, vollständig finsteren Raume Atem schöpfend stillstehen. Zwei Reihen Betten standen an den Wänden, es war ein Schlafsaal, in dem er sich befand.

„Wer ist hier?“ fragte eine Stimme. „Sind Sie es, Sammy?“

„Jesus! — das ist Lionel!“

„Herr Neubert?“ raunte in höchster Bestürzung der Knabe. „Wie —“

„Pst! Man verfolgt mich. Lionel, können Sie mir keinen Schutz gewähren?“

„Kriechen Sie unter mein Bett, rasch! —“

Draussen erschien Lichterglanz, die Stimme des Mulatten wurde gehört. „Ein Flüchtling, Gentlemen? — Hier ist niemand!“

Ein Hund schlug an, Lionel erschrak heftig. „Die Dogge!“ flüsterte er. „Drücken Sie sich an die Mauer, Sir!“

Der Hund sprang die Tür hinein und fuhr auf Lionels Bett los, um wütend bellen. Ebenso schnell war ihm sein Herr nachgeeilt, jetzt fiel ein voller Lichtstrahl in den Raum, Lionel tat, als erwache er erst im selben Augenblick. „Sammy!“ rief er, „Sammy! was hat Ihr Hund?“

„Kusch dich, Warp! — Kusch dich!“

Das Tier gehorchte. Lionel drückte bedeutsam die Hand des Mulatten. „Bringen Sie das Tier weg!“ flüsterte er. „Die da draussen mit den Larven vor den Gesichtern sind die Todfeinde der Farbigen, die Männer vom Vigilanzkomitee, nicht wahr?“

Ein schlaues Lächeln glitt über das gelbe Gesicht; der Mulatte wandte sich achzelzuckend zu den draussen stehenden Männern. „Hier ist niemand, Gentlemen!“

„Aber weshalb bellte denn dein Hund, Aufseher?“

„Wir erhielten vorgestern einen neuen Sklaven, den Warp noch nicht kennt. Aber ich werde den gestrengen Mr. Dunkan wecken, er mag entscheiden, wie weit die Haussuchung gehen darf.“

„Lassen Sie nur, Aufseher!“ riefen bei diesem Vorschlag des Mulatten sechs Stimmen zugleich. „Es ist gut, wir fangen den Vogel auch an einem andern Orte.“

Und als wünschten sie nicht jetzt mit dem Friedensrichter zusammenzutreffen, machten sich alle davon.

Der Mulatte verschloss hinter ihnen den Zugang, dann kam er wieder in den Schlafsaal, wo Neubert und Lionel miteinander auf der niederen Bettstelle sassen und sich leise unterhielten. Als Sammy eintrat, reichte ihm der Kaufmann die Hand. „Erkanntest du mich, Aufseher?“ fragte er.

Der Gelbe lächelte. „Ich stand am Brunnen,“ versetzte er, „deshalb hörte ich alles, sah alles. Solange mein Arm Sie schützen kann, soll Ihnen nichts geschehen, Sir! Sie meinen es gut mit dem farbigen Volke!“

Die Stimme des Riesen zitterte, er war blass unter der gelben Haut. „Was fehlt Ihnen, Sammy?“ fragte Lionel. „Sie sind aufgeregt, traurig.“

Der Mulatte legte plötzlich beide Hände vor das Gesicht und schluchzte wie ein Kind. „Meine Frau,“ stammelte er, „meine arme Frau, — sie ist heute furchtbar geschlagen worden. Die arme Molly gehört dem Krämer drüben an der Ecke, und der will sie nicht verkaufen, weil er keine andere wiederfindet, um Haus und Kinder so ordentlich im Stande zu halten. Seine Frau putzt sich und geht in Gesellschaften, Molly muss alle Arbeit allein verrichten.“

„Und trotzdem wird sie so unbarmherzig geschlagen, Sammy?“

„Ja, Sir! Die Kinder des Krämers sind krank, Molly muss in jeder Nacht wachen, und da hat sie nun heute das Unglück gehabt, ihre Dame nicht so hübsch und so schnell frisieren zu können wie sonst wohl, — die armen Augen sind ihr nur so zugefallen. — Dafür hat sie grausame Strafe bekommen.“

Der Kaufmann drückte ihm die Hand. „Wenn es Gottes Wille ist, so wird das alles bald ein Ende haben, Sammy! Grüsse die übrigen im alten Schulgebäude, ich darf ja nicht wieder hinkommen, aber wo ich irgend kann, da wird es mein Bestreben sein, dem farbigen Volke zu nützen und den Greueln der Sklaverei entgegenzutreten, das magst du deinen Genossen von mir sagen.“

Hie und da hatte sich während dieser Rede ein schwarzer Kopf über den Bettrand erhoben, hie und da eine Hand sich ausgestreckt. Lionel sah mit Erstaunen, dass alle die armen, geknechteten Wesen den Vater seines Freundes persönlich kannten, er seufzte in Hinblick auf die ungeheure Gefahr, der sich Herr Neubert ausgesetzt hatte. Wohin sollte er flüchten? Wie die Vorbereitungen zur Abreise treffen, jetzt, wo ihn kein Auge sehen durfte?

Der Kaufmann wollte offenbar jetzt schon gehen, er strich mit der Rechten durch das Haar und nahm seinen Hut. „Adieu, Lionel, Gott beschütze Sie! Wenn es mir gelingt, mich verborgen zu halten, so sehen wir uns wieder! Adieu, Sammy!“

Alle Sklaven rechts und links in den Betten flüsterten den Abschiedsgruss, noch einmal lag Lionels Hand in derjenigen des Kaufmannes, dann befahl Sammy seinem Hunde, sich ruhig zu verhalten, worauf er selbst in die Nacht hinausging, um zu kundschaften. Hinter ihm her glitt Neubert, beide lautlos wie Schatten durch die Finsternis schleichend.

Es blieb alles still, auch auf dem Hofe des Herrenhauses. Sammy öffnete die vordere Pforte und sah hinaus, — nur einige Laternen schaukelten noch ächzend im Nachtwind, hie und da huschte eine Katze über den Weg, verschwanden behende Ratten an den Seiten der Rinnsteine. Kein Mensch war zu entdecken.

„Sir,“ flüsterte der Mulatte, „wollen Sie es wagen?“

Der Kaufmann nickte. „Ich muss, Sammy! Denke an meine arme Frau, die sich zu Tode ängstigt, an meine Kinder! — Ich muss zu ihnen und sie beruhigen. Adieu! Gott behüte euch!“ Der Mulatte sah den Flüchtling eilends die Strasse hinabgehen, sah, dass ihn niemand verfolgte oder anredete, und trat befriedigt zurück in den Vorgarten, dessen Pforte er wieder verschloss, um sich dann selbst in den Schlafsaal zu begeben und sein Lager zu suchen. Er sah nicht mehr, dass in dem Augenblick, wo seine Schritte verhallten, zwei dunkle Gestalten von rechts und links aus dem Schatten hervorsprangen und dem Verfolgten den Weg abschnitten. „Haben wir dich?“ sagte eine frohlockende Stimme. „Jetzt bist du uns verfallen!“

Der Kaufmann war ausserstande, sich zu widersetzen, seine Hände wurden auf dem Rücken zusammengebunden. Ein paar Fackeln dienten der Gesellschaft als Leuchten, und so ging es im Geschwindschritt zur Brauerei, die das Vigilanzkomitee als Gefängnis benutzte.

Rasselnd öffnete sich das Eisentor. Nun konnten die Masken fallen, — wer sich einmal hinter diesen Mauern befand, der kehrte nie wieder zu den Seinigen zurück.

Totenstille empfing die Ankommenden; wenn diese grausamen Henker ein neues Opfer in den Kerker schleppten, so kauerten die Gefangenen in den entlegensten Ecken, um weder gesehen noch gehört zu werden. Der ungezügelte Uebermut der Machthaber hätte ja in jedem Augenblick eine Hinrichtung anordnen und sogleich ausführen lassen können.

Man übergab dem Aufseher, einem stumpfen, brutalen Gesellen, den neuen Gefangenen und eilte dann fort, um das hauptsächlichste Geschäft dieser Nacht zu beginnen. Alle bewegliche Habe des Kaufmanns musste fortgeschafft und die Brandfackel unter sein Dach geschleudert werden.

„Da hinein!“ gebot der Aufseher. „Es ist Gesellschaft hier!“

Und mit einem rohen Lachen ging er wieder hinab, um seine Pfeife zu rauchen und dabei so lange der Flasche zuzusprechen, bis er auf den Steinen des Hofes einschlief und wie eine Sägemühle zu schnarchen begann.

Den schauerlichen Räumen fehlte alle Beleuchtung. Der Nachtwind fuhr durch die zerbrochenen Scheiben und brachte, sooft er kam, eine erfrischende Luftwelle, die wenigstens sekundenlang die Lungen erquickte. Zerbröckelnder Kalk fiel von den feuchten Wänden, die Decke zeigte klaffende Risse, der Fussssboden war schlüpfrig, ein Geruch wie von moderndem Stroh erhob sich überall, es raschelte verdächtig in den Ecken, als ob Ratten und Mäuse mit den Menschen diese Stätte des Elends teilten.

Erst ganz allmählich gewöhnten sich des Gefangenen Augen an das herrschende Halbdunkel, er sah an den Wänden des grossen Gemaches eine Anzahl menschlicher Gestalten, wie sie erbarmungswürdiger nicht gedacht werden konnten. Zerlumpte Gewänder umhüllten elende, abgemagerte Körper, denen nur noch ein letzter Rest von Lebensfähigkeit geblieben schien. Manche lagen auf dem Gesicht, ohne sich zu regen, andere kauerten gegen die Wand gelehnt, während einige wenige auf- und abschlichen, mit den Händen gestikulierten und abgerissene Sätze vor sich hinmurmelten.

Ein Grauen durchrieselte des Gefangenen Adern. Ob der Verstand dieser Unglücklichen dem furchtbaren Schicksal erlegen war?

„Guten Abend, Gentlemen!“ grüsste er.

Ein Gemurmel antwortete ihm. „Wieder einer!“ ächzte eine schwache Stimme. „Zwei hat der Aufseher heute im Hofe verscharrt.“

Herr Neubert suchte seinen Platz auf dem Stroh so nahe als möglich gegen die Fenster hin, dann legte er beide Hände unter den Kopf und sah durch die zersplitterten Scheiben zum Nachthimmel empor. Wie Schiffe vor dem Wind, so segelten kleine weisse und graue Wolken an dem scharf abgezeichneten Mondviertel vorüber, bald langsam, bald schnell, hier einzeln und dort in ganzen Zügen, die wie ein wanderndes Gebirge auf dem blauen Grunde dahinglitten.

Er bemerkte zuerst nicht, dass die Säume der Wolken im rötlichen Glanze zu strahlen anfingen, dass mitunter eine rote Lohe das Grau verdrängte, erst als eine langgestreckte, wehende Feuergarbe über den Himmel schlug, erwachte er jählings aus den Banden der schmerzvollen Träume, die ihn umsponnen hielten.

Sein Haus! Ihr ewigen Mächte, — sein Haus! Ruchlose Horden zerstörten, was er mit so unsäglicher Mühe erbaut hatte!

Jetzt hörte er die Sturmglocke, aber er wusste nur zu wohl, dass die Aufforderung aus metallenem Munde ungehört verklingen werde.

Röter und röter wurde der Himmel. Von seinem erhöhten Standpunkte sah der Kaufmann die halbe Stadt wie in ein Meer von Glut getaucht. Purpurner Schimmer umfloss die Spitzen der Dächer, purpurn rollte der Fluss seine Wellen. Endlich tönte ein dumpfes Krachen, Wolken und Funken stoben nach allen Seiten auseinander, dann schien die Wut der Flammen gebrochen, — nun lag das Wohnhaus zerschmettert und zerschlagen.

Aber eins durfte er sich doch zum Troste sagen in dieser furchtbaren Stunde: die Güter, die er im Keller vergraben hatte, waren wohlgeborgen.

Im Osten dämmerte bereits der neue Tag. Jetzt liess sich bei der herrschenden halben Beleuchtung die nächste Umgebung besser erkennen. Wie diese Menschen aussahen! Grau, leichenfarbig, mit kaum noch aneinanderhaftenden Lumpen bedeckt! Schaudernd wandte der Gefangene den Blick, es war ihm, als sollte er ersticken, er fühlte einen Schwindel, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Leise schlich er durch das grosse Zimmer, trat an eins der Fenster und sah auf die Strasse hinaus.

Aus der Torfahrt des gegenüberliegenden Hauses löste sich ein dunkler Körper und trat vorsichtig hinaus, ohne jedoch gleich von dem Gefangenen bemerkt zu werden. Dieser verfolgte seine eigenen trüben Gedanken, ihm fiel es nicht ein, sich um die Vorübergehenden zu bekümmern, bis plötzlich von der Strasse her ein kleiner Stein gegen das Fenster flog. Nun sah er hinab, und beinahe hätte ein Schrei verraten, was der ungliickliche Mann empfand. Da unten stand Hermann und streckte ihm beide Arme entgegen.

„Mein Junge!“ murmelte mit erstickter Stimme der Vater. „Ach, mein Junge!“

Dann kamen Männerschritte die Strasse herauf, und Hermann verschwand wie ein Schatten hinter der Torfahrt. In einem Augenblick war das traurige Widersehen zwischen dem Vater und dem Sohne vorüber.

Aber so kurz es gewesen, so viel Ruhe hatte es doch dem Gefangenen gebracht. Die Seinigen wussten nun, wo er sich befand, er schien nicht mehr so ganz verlassen, seit er das blasse, tränenvolle Gesicht seines ältesten Knaben gesehen. Vielleicht gab es doch früher oder später aus dieser Hölle eine Erlösung, vielleicht schlug auch ihm noch die Stunde, wo er frei wurde und zu den Seinigen zurückkehren konnte.

Siebentes Kapitel

Lionel hatte seine Arbeiten im Büro des Friedensrichters begonnen und zur grössten, aber unausgesprochenen Freude dieses gefürchteten Herrn vollendet; Mr. Dunkan rieb sich heimlich die Hände. Auf so billige Weise war noch nie ein Beamter zu einem tüchtigen Schreiber gekommen! — Der junge Mensch kannte nicht allein seine Muttersprache vollkommen genau, sondern er sprach auch ein hübsches Französisch und verstand alle lateinischen Ausdrücke, ebenso konnte er, wenn einmal ein Deutscher ins Büro kam, den Dolmetscher machen.

Mr. Dunkan hatte noch nie einen brauchbaren Schreiber erlangen können, weil er sich nicht dazu verstand, ihn gehörig zu besolden, — jetzt aber schien der jahrelange Verdruss endlich behoben, und der würdige Friedensrichter triumphierte.

Frau Dunkan suchte ihm diese Freude zu verderben. Sie liess Lionel den ganzen Nachmittag Holz spalten, in der Hoffnung, dadurch seine Hände für die Schreibarbeit untauglich zu machen.

Lionel hatte es sich anfänglich leichter gedacht, allen Umgang mit Gebildeten, alle Bücher und geistigen Anregungen zu entbehren, aber langsam bemächtigte sich seiner Seele eine verzehrende Ungeduld, eine alles beherrschende Sehnsucht nach dem Verlorenen, nach dem Leben von einst, dem eine so tiefe, so schreckliche Erniedrigung gefolgt war.

Da endlich fiel eines Nachts ein Lichtstrahl in dieses freudlose Dasein. Sammy kehrte erst gegen Morgen aus einer Versammlung zurück, leise legte er die Hand auf Lionels blasses Gesicht. „Du!“ flüsterte er. „Du! wach’ auf!“

Der Knabe öffnete halb schlafend in unbestimmtem Erschrecken die Augen. „Was gibt es, Sammy?“ rief er.

„Pst! es brauchen’s ja nicht gleich alle zu erfahren! Ein Brief für dich, — da! Ein Vertrauensmann hat ihn aus Richmond mitgebracht.“

Ein erstickender Freudenschrei brach über Lionels Lippen. „Aus Richmond, sagst du, Sammy? Ach, dann kommt er von Philipp Trevor! — Aber ich werde ihn vor Tagesanbruch nicht lesen können!“

Der Mulatte fingerte in seinem Gürtel. „Ich dachte mir schon, wie ungeduldig du wohl sein würdest, armer Schelm! Sieh da ist ein Stückchen Kerze, meine Frau hat es aus den Vorräten des geizigen Krämers stibitzt. So, und hier ist ein Zündholz.“

„Ach, Sammy, wie danke ich dir!“

Der breitrandige Strohhut verdeckte das aufzuckende Flämmchen, und nun erkannte Lionel die feine, regelmässige Handschrift seines Freundes. „Richtig von Philipp!“ jubelte er.

Der Mulatte legte mit fragendem, ungläubigem Blick die Hand auf den Arm des Knaben. „Du besitzest etwas, das ich sehr vermisse,“ raunte er. „Willst du es mit mir teilen, Lionel?“

„Was denn?“

„Das da!“

Und der herkulische Prügelmeister des friedensrichterlichen Hauses legte scheu wie ein bestrafter Schulknabe die Fingerspitzen auf den jetzt entfalteten Brief. „Ich kann nicht schreiben, Lionel.“

„Und da wolltest du, dass ich dich unterrichte, Sammy? Von Herzen gern! Du weisst nicht, welch’ einen grossen Trost das mir bereiten wird! Doch lass mich erst lesen, was Philipp schreibt,“ setzte er dann hinzu.

Der Mulatte hielt ihm das Lichtstümpfchen, und so überflog unser Freund vier gedrängte Seiten, die alle nur von Liebe, von wandelloser Treue sprachen. Philipp wusste, dass Lionel im Hause des Friedensrichters lebte und welche Aufnahme er gefunden hatte, es waren ihm alle, auch die unbedeutendsten Einzelheiten genau bekannt. „Harre aus, Lionel, mein Freund, mein Bruder,“ so schloss er, „harre aus ohne Zweifel oder Verzagen. Der Tag, an dem du frei wirst, kommt mit Sicherheit, daran halte dich. Du darfst alsdann nicht krank, nicht am Leibe oder der Seele gebrochen sein, das bedenke wohl! Du sollst vielmehr, wenn dir alle deine Rechte zurückgegeben sind, ausruhen von den Mühen der Vergangenheit, sollst recht, recht glücklich sein. Ach könnten wir beide tauschen! Mich brennt die Erinnerung an dich wie Feuer, mein armer Lionel, sie verzehrt mich, quält mich in jeder Stunde, darum hilf mir den Tag erringen, an dem ich dir alles vergelten kann. Ich bekümmere mich jetzt zum ersten Male um das Geschick der Schwarzen, um die Stimmung im Lande und den grossen Gedanken des gegenwärtigen Krieges, ich erfahre, dass eine ganze Anzahl ehrenwerter Männer mit Leib und Seele gegen die Fortsetzung der Sklaverei eintritt und dass sie schon jetzt bemüht ist, den Geisteszustand der Neger zu heben und zu fördern. Nächtlicherweile unterrichten diese, zum Teil hochstehenden Leute die armen Schwarzen im Lesen und Schreiben, geben für sie ihr Geld und ihre Kräfte freudig dahin, erziehen sie zu Christen und freien, den Weissen völlig gleichstehenden Staatsbürgern. Der Weg dahin ist sehr weit, aber das Ziel edel. Der Sohn eines Predigers, mein Nebenmann in der Klasse, besorgt diesen Brief in deine Hände, liebster Lionel, er ist ein eifriger Abolitionist und macht alle nächtlichen Versammlungen mit. Auf gleichem Wege erhälst du demnächst eine Summe Geldes, die dir vielleicht kleinere Erleichterungen zu schaffen vermag und die du mit Ruhe nehmen kannst, denn sie ist weiter nichts als dein Eigentum, das zurzeit in meinem Verwahrsam liegt. Mit Bezug auf das liebe alte Seven-Oaks kann ich dir sagen, dass sich kein Käufer finden will; die unruhigen Zeiten scheinen wohl nicht geeignet, um solche Geschäfte zustande zu bringen. Und nun lebe wohl, mein geliebter Lionel! Ich werde dir häufiger schreiben und hoffe, dass du gelegentlich antwortest oder doch wenigstens eine Botschaft sendest. Meine Briefe vernichte jedesmal gleich; es könnte, wenn sie entdeckt werden, über eine Reihe guter Menschen Unheil hereinbrechen. Bitte, vergiss das nicht. Mit altgewohnter unwandelbarer Treue

dein Philipp Trevor.“

Lionel hatte halblaut gelesen, Sammy stand mit lauschendem Ohr neben ihm. „Ja,“ bestätigte er, „ja, du musst den Brief verbrennen, schon meinetwegen, hörst du! Mrs. Dunkan liesse uns beide totpeitschen, wenn sie die Sache erführe. Komm, halte das Blatt an die Flamme.“

Schweren Herzens gehorchte Lionel. Die stäubende schwarze Asche wurde zerstreut und zertreten, Sammy versteckte den Rest der Kerze im Gürtel und legte sich auf das harte Bett, um noch eine Stunde zu schlafen. Lionel hatte ein Gefühl, als sei ein schöner Traum zerronnen und habe der rauhen Wirklichkeit Platz machen müssen. Ach, Philipp würde wohl halten, was er versprach, aber war es denkbar, das Elend der Sklaverei so lange zu ertragen?

Lionel überblickte im Mondlicht die Reihen seiner Schicksalsgenossen. Da lagen Männer mit weissen Haaren, Leute, die sechzig und mehr Jahre zählten. Geduldig trugen die Armen das Elend ihres Lebens, ohne zu murren. Sollte er weniger stark sein als diese armen Geschöpfe? Nein, er wollte sich üben im Ertragen, er wollte ausharren und, was ihm Gott auferlegte, wie ein Mann zu Ende führen.

Am Nachmittag beim Holzspalten sang Lionel zum erstenmale vor sich hin. Er arbeitete schneller und leichter als je zuvor, bis der Abend herniedersank und am Schuppen die grosse Glocke zum Nachtessen läutete. Sammy schwang mechanisch, als sei er selbst ein lebloses Instrument, die Peitsche, dann endlich konnten sich die Schwarzen in ihre Schlafräume zurückziehen.

Abermals kam das Lichtstümpfchen zum Vorschein, eine Schiefertafel, Griffel und Bleistift. Lionel schrieb seinen Brief an Philipp, während Sammy das kleine „i“, den leichtesten Buchstaben des Alphabetes zu malen versuchte. Schwarze, gelbe und beinahe weisse Gesichter sahen im Kreise dem beneideten Mulatten zu, hier malte ein besonders eifriger das „i“ geduldig immer wieder in die leere Luft, dort kratzte ein andrer es mit einem eisernen Griffel in die Wand.

„Lionel,“ flüsterte Sammy, rot vor Aufregung, „Lionel, ich kann es schon. Siehst du!“

Das „i“ mit dem ungeheuern Tüpfel stand auf windschiefen Beinen da, es liess sich mit einiger Mühe als das, was es vorstellen sollte, erkennen, und Sammy ging voll Stolz an das „o,“ um auch dieses seinem Wissensschatze einzuverleiben.

„Wie die Buchstaben heissen, das weiss ich schon lange,“ erklärte er. „In allen Negerversammlungen werden sie uns gezeigt, damit wir die Bibel lesen lernen.“

Erst spät erlosch das Lichtstümpfchen, Lionel hatte ein paar Zeilen des Dankes an Philipp geschrieben, der Brief wanderte in den Ledergürtel des Mulatten, und Auge nach Auge schloss sich zum Schlummer, nur Lionel wachte noch immer, ohne Schlaf finden zu können.

Am andern Tage kam der erwartete Besuch im Hause des Friedensrichters an. Mr. Nathanael Forster aus Parkers-Place, Kentucky, wollte einige Wochen dableiben, Sklaven einkaufen und dann über Richmond nach Hause zurückkehren. An diesem letzteren Orte studierte sein Neffe die medizinische Wissenschaft, der hatte kürzlich sein Examen sehr gut bestanden, und nun holte ihn der Onkel ab, um in seiner Gesellschaft die Freuden einer Sommerreise zu geniessen.

Mr. Nathanael wurde mit offenen Armen empfangen. „Old Natty,“ wie Dunkan ihn nannte, war ein schwerreicher Mann und allein deshalb schon dem Friedensrichter überaus sympathisch, er quartierte den liebenswürdigen Gast im schattigsten Zimmer des Hauses ein und bot alles auf, um dem reichen Verwandten den Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten.

Frau Dunkan riet ihrem Sohn, sich bei dem Onkel tunlichst in Gunst zu setzen. „Vielleicht nimmt er dich als Lehrling auf, Ben,“ sagte sie seufzend. „Du könntest Farmer werden. Onkel Nathanael hat keine Söhne, vielleicht adoptiert er dich.“

Benjamin wandte sich ab. Hinauszuziehen auf das platte Land, wo es keinen Konditor gab und wo man keine Puddings und Gelees essen konnte, das erschien ihm sehr wenig verlockend. Wozu denn auch?

Papa hatte ja Geld genug, gegen dreihundert Sklaven wenigstens und in der Stadt mehrere Häuser, — weshalb sollte man da arbeiten und sich plagen? Das fiel ihm wahrhaftig nicht ein.

Zwischen dem Friedensrichter und Mr. Nathanael Forster kam die Rede natürlich gleich auf den meuchlings ermordeten Besitzer von Seven-Oaks, Mr. Forsters Schwager. Ein Wort gab das andere, und sehr bald hatte der Gast erfahren, wer der junge Sklave sei, dessen hübsches Aeussere ihm vom ersten Augenblick her so seltsam bekannt vorkam. Eine rote Lohe schlug über sein Gesicht, — das also war der Sohn des Mannes, dessen Peitschenhiebe ihn einst vor Jahren so empfindlich getroffen hatten, dass er wochenlang das Zimmer hüten musste!

Er liess diese Erinnerung unberührt, aber der Groll hatte neue Wurzeln geschlagen. Der ruhige, furchtlose Blick des Knaben liess ihn überdies glauben, dass dieser alles wisse, — und so standen sich die beiden, der alte reiche Mann und der arme Knabe, in bewusster Feindschaft gegenüber. Unser junger Freund hielt sich in vorsichtiger Entfernung, er fürchtete, durch irgendeine Voreiligkeit seiner eigenen Sache zu schaden, besonders da es in den letzten Tagen wieder ganz neue, unerwartete Ueberraschungen gegeben hatte. Sammy besuchte fast jede Nacht die geheimen Versammlungen und hatte abermals für Lionel einen Brief mitgebracht, zwar nicht von Philipp Trevor, aber von einem, der dem Knaben beinahe ebensoviel galt wie jener. Hermann schickte einige ermunternde Worte und erzählte ihm, dass die Vorbereitungen zur Flucht so gut wie beendet seien. „Wenn nur mein Vater erst aus dem Gefängnis befreit wäre!“ schrieb er. „Das ist’s, was noch viele Mühe, viele Sorgen kosten wird! Kannst du es möglich machen, mein guter Lionel, so komme nach zehn Uhr abends einmal an die Pforte, welche das Besitztum des Friedensrichters von der offenen Strasse trennt. Ich möchte über einen so bedeutsamen Gegenstand nicht gern schreiben. Sammy und sein Hund werden dir kein Hindernis in den Weg legen.“

Lionel sah auf. Der Mulatte schaukelte an seinen Fingerspitzen den schweren Pfortenschlüssel, er lächelte bedeutsam, ohne zu sprechen. Lionels Auge blitzte. Er und der Prügelmeister waren längst die vertrautesten Freunde geworden, er duzte sogar den gewaltigen Beherrscher der Peitsche und stand bei ihm in grösster Gunst.

„Sammy,“ flüsterte Lionel, „darf ich gehen?“

„Wenn du versprichst wiederzukommen, — ja!“

Lionel lächelte. „Natürlich, Sammy! Und könnte ich noch in dieser Nacht frei werden für immer, so sollte es nicht geschehen, wenn ich, um das Ziel zu erreichen, einen Freund verraten müsste.“

Als die Stunde gekommen war, schlich Lionel mit dem Schlüssel in der Tasche hinaus zur Pforte, öffnete und schloss hinter sich wieder zu.

Ein Schatten löste sich von der gegenüberliegenden Seite der Strasse, eine schlanke Knabengestalt kam in Sprüngen geflogen. „Lionel! Mein armer Lionel!“

Sie umarmten und küssten einander, die beiden Unglücklichen, denen alles geraubt war, seit sie sich zuletzt auf Seven-Oaks die Hände drückten. Dann bat Hermann den Freund, ihn zum Gefängnis zu begleiten. „Mein armer Vater erwartet mich,“ sagte er.

„Kannst du denn zu ihm?“ fragte Lionel.

„Ach nein, aber ich gehe in jeder Nacht unter dem Fenster vorüber, — wir haben uns eine förmliche Briefpost eingerichtet. Vater kennt den Fluchtplan und erwartet nur die Benachrichtigung, wann er ausgeführt werden kann. Das Schiff liegt jetzt, beinahe ganz geladen, in der verborgenen Bucht eines Flussarmes, den die Gärten mehrerer deutscher Gesinnungsgenossen begrenzen; sobald Vater frei ist, erhälst du einen Wink, und wir reisen ab.“

„Und wie wollt ihr das Befreiungswerk ausführen?“ fragte Lionel. „Habt ihr schon einen Plan?“

Hermann nickte. „Wir wollen durch die Abzugskanäle ins Gefängnis eindringen. Die sind ja breit und hoch genug, dass man durchkriechen kann. Lionel, bist du bereit, mit noch zwei anderen Verbündeten und mir selbst hinabzusteigen, — mitten in der Nacht, um meinen armen Vater zu retten?“

„Gewiss, du darfst auf mich zählen, Hermann.“

Sie waren während dieser Unterhaltung bis in den Schatten des Gefängnisses gelangt, sie schlichen durch das Halbdunkel der Sommernacht geräuschlos vorwärts und untersuchten alle Torfahrten, alle Hecken und Kellerzugänge der Umgebung, — Gottlob! es war niemand anwesend.

Dann hielt Hermann die Hände an den Mund, und das Prusten und Fauchen eines gereizten Katers klang täuschend ähnlich durch die Nacht. Im ersten Stock erschien hinter den Eisengittern ein wachsbleiches, vom Bart dicht umrahmtes Männerantlitz, eine Hand sandte Grüsse auf die Strasse hinab und schob dann durch die verbogenen, unregelmässigen Stäbe ein zusammengefaltetes Blatt Papier, das sich an einer dünnen Schnur langsam flatternd hinabsenkte, um unten von Hermanns Händen begierig erfasst und in Sicherheit gebracht zu werden. Sekunden vergingen, dann enthielt die Schlinge einen Brief, der hinaufwanderte, eine tüchtige Schnitte Fleisch mit Brot und ein plattes Likörfläschchen, — noch ein leichtes, kaum wahrnehmbares Zeichen, und der Gefangene holte mit kräftigen Zügen seinen Schatz zu sich empor, während Hermann und Lionel auf die andere Strassenseite hinüberschlüpften, um noch einmal einen Blick und einen stummen Gruss mit dem Eingekerkerten auszutauschen. Wieder fauchte der Kater, das hiess „Gute Nacht!“ — dann verschwanden die Knabengestalten wie Schatten an der nächsten Ecke.

„So mache ich’s in jeder Nacht!“ raunte Hermann. „Vater bekommt einen langen Brief, den die Mutter, wir Kinder und die deutschen Freunde gemeinschaftlich schreiben, ein Blatt Papier zur Antwort und an Lebensmitteln, was wir erlangen können. Gott sei gelobt, es ist noch jedesmal glücklich ausgeführt worden, mich hat kein Auge gesehen. Aber nun lass’ uns von der Befreiung sprechen,“ setzte er dann rasch hinzu. „Du kommst an dem Abend, welchen ich dir bezeichnen werde, in unser Haus, und sobald die Strassen menschenleer sind, öffnen wir den nächsten Zugang zu den Kanälen. Zehn Verbündete helfen uns, das mühselige Werk auszuführen, indem sie Wache Halten und ganz besonders durch Zeichen von oben her den Weg zum Gefängnis andeuten. Ohne diesen Beistand würden wir uns in den vielen Ecken und Winkeln der Strassen allzuleicht verirren, denn es darf kein Licht gebrannt werden. Dich brauchen wir notwendig dazu, denn unter allen unseren Freunden sind nur zwei, Herr Behrens und der Schlossermeister, die für den Weg durch die engen Zugänge nicht zu breit und auch für die ganze anstrengende Unternehmung geschmeidig genug sind. Von unserer Wohnung bis zum Gefängnis sind mindestens tausend Schritte zu durchmessen.“

„Schön, — und wenn wir das Ziel erreicht haben, was dann?“

„Das will ich dir sagen. Die alte Brauerei liegt auf einem bedeutend erhöhten Punkte, nicht wahr? Ihre Keller haben also mit den Kanälen etwa das gleiche Niveau; von den Eisschächten geht ein breiter, gewölbter Gang bis zu den städtischen Abzugssielen, — da hinein müssen wir dringen. Mein Vater wird zur betreffenden Stunde im untersten Keller sein, das ist das Gefängnis des Gefängnisses, — es stehen fünf Fuss Wasser darin.“

„Und da hinein sperrt man die unglücklichen Opfer?“

„Als Strafe für Vergehen gegen die Hausordnung, ja.“

Lionel drückte kräftig seine Hand. „Verlasse dich auf mich, Hermann, — was ich vermag, um deinem Vater zu helfen, das soll wahrhaftig geschehen.“

Sie waren jetzt bei der Gartenpforte wieder angelangt und trennten sich.

„Gute Nacht! Gute Nacht!“

Die grosse Pforte schloss sich, Lionel gelangte ungefährdet in seine Hütte. Der Mulatte wachte noch, er nahm mit einem Seufzer der Erleichterung seinen grossen Schlüssel wieder in Empfang. „Du bist ein ehrlicher Mensch,“ sagte er. „Nicht jeder wäre wiedergekommen.“

„Hast du gezweifelt, Sammy?“

„Nein, nein, das nicht gerade. Aber — selbst ausgepeitscht werden und auf dem Felde Baumwolle pflücken, das möchte ich doch nicht.“

Der andere Morgen brachte die gewohnte Arbeit im Büro, und dann gab es vollauf in der Küche zu tun. Denn an diesem Abend war zu Ehren des reichen Gastes grosse Gesellschaft im Hause des Friedensrichters. Lionel musste Flaschen aus dem Keller holen und abstäuben, Messer schleifen, Früchte pflücken und Gläser putzen. Als die ersten Equipagen vorfuhren, wurde er im frischgewaschenen Kattunanzug hingeschickt, um den Tritt herabzulassen.

Diese oder jene ältere Dame streichelte mitleidig sein blasses Gesicht. Auf Seven-Oaks war er der beneidete Erbe, — hier ein Sklave, dessen nackte Füsse im Sand der Strasse standen. „Armes Kind,“ hörte er die halblauten Stimmen sagen, „wahrlich, das ist ein hartes Los!“

Es kamen Offiziere, die häufig Onkel Charles auf Jagdzügen begleitet hatten, Beamte und Professoren, — Lionel nahm ihnen Hüte und Ueberröcke ab, er bürstete denen, welche zu Fuss gingen, die Kleider.

Er hatte die erste Bitterkeit des Schmerzes überwunden oder wenigstens doch bis auf einen kleinen Rest besiegt. Es gab nur noch einen Gedanken, der ihn rebellisch machte. Wenn Mr. Nathanael Forster irgendeinen persönlichen Dienst von ihm verlangte, dann wollte er sich widersetzen. Diesem Manne einen Gegenstand zu reichen oder gar seinen Bedienten zu spielen, — nein, das wäre unmöglich gewesen.

Vorläufig schien nichts dergleichen zu drohen. Mr. Nathanael Forster war von den vornehmsten Besuchern derartig umlagert, dass ihm für etwas anderes gar keine Zeit blieb.

Was den liebenswürdigen Benjamin betrifft, so versorgte er sich an diesem Abend mit allen möglichen Leckerbissen auf das ausgiebigste, er trank hier ein Glas Sekt und ass dort eine Pastete, bis sein blasses Gesicht wie Karfunkel erglänzte und das immer rege Verlangen nach Bosheiten aller Art auf den Höhepunkt stieg, zumal Onkel Nathanael sich um seinen Neffen gar nicht zu kümmern schien.

In den Sälen war ein Orchester errichtet, man tankte und bedurfte im Augenblick der Sklaven fast gar nicht, Lionel konnte also auf ein paar Augenblicke hinausschlüpfen, um nach Sammy zu sehen. Der Mulatte wollte um zwölf Uhr zu Hause sein, und so durfte er darauf rechnen, ihn jetzt — denn es war eben halb eins — zu finden.

Sammy war vor kurzem mit mehreren andern Sklaven nach Hause gekommen. Er hielt einen Brief und ein vielfach gesiegeltes leinenes Päckchen hoch empor. „Der Geistliche hat mir’s für dich gegeben, Lionel,“ sagte er. „Es ist schwer, — du bist wahrhaftig ein glücklicher Mensch.“

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