Kitabı oku: «Im Auge des Betrachters»
Im Auge des Betrachters
1 Vorwort
2 Kapitel 1
3 Kapitel 2
4 Kapitel 3
5 Kapitel 4
6 Kapitel 5
7 Kapitel 6
8 Kapitel 7
9 Kapitel 8
10 Kapitel 9
11 Kapitel 10
12 Kapitel 11
13 Kapitel 12
14 Kapitel 13
15 Kapitel 14
16 Kapitel 15
17 Kapitel 16
18 Kapitel 17
19 Kapitel 18
20 Kapitel 19
21 Kapitel 20
22 Kapitel 21
Vorwort

Das Buch, das du in den Händen hältst, wurde mit der Intention geschrieben, dich zum Nachdenken anzuregen. Ich wollte nicht irgendein Buch schreiben, nur um ein Buch geschrieben zu haben. Es ging nicht darum, eine reine Unterhaltungslektüre zu verfassen, die man als Leser so schnell wieder vergessen, wie man sie gelesen hat. Ziel war es vielmehr, dass bestimmte Sätze oder Fragen, die im Buch auftauchen, etwas in dir ansprechen, etwas in dir auslösen, etwas in dir vorantreiben, das dich deinen Blick auf die Welt schärfen lässt. Es gibt eine Menge versteckter Botschaften in diesem Buch und keine klaren Antworten. Ich bin der Auffassung, das jeder Mensch nur selbst zu Erkenntnissen gelangen kann und mögliche Richtungen, Wegweiser und Blickwinkel aufzeigen alles ist, was andere dazu beitragen können. Wer andere nur belehrt und ihnen nicht selbst die Chance gibt zu lernen, der verpasst es, ihnen langfristig zu helfen. Aber genug der einleitenden Worte. Mögen dich genau die Inhalte dieses Buches ansprechen, die für dich am wertvollsten sind. Viel Spaß beim Lesen.
Kapitel 1

Jährliches Seefest bei herrlichem Spätsommerwetter
“Du bist der Nächste Johnny, Rob wird noch ungefähr zehn Minuten auf der Bühne stehen. Wenn du also noch irgendwelche letzten Rituale hast, dann mach sie jetzt.” Ich nicke nur. Nein, nein, letzte Rituale habe ich nicht. Solche Rituale sind ohnehin eher etwas für Menschen, die zusätzlichen Halt benötigen. Ich wende mich ab und gehe ein kleines Stück weiter, um einen Blick auf die feiernde Menge zu erlangen. Ausgelassen hüpfen die Fans zum Takt auf und ab und an den Mündern erkennt man, dass die meisten die Texte aus dem Effeff beherrschen. Das Publikum ist nicht mehr ganz jung, die meisten zwischen 25 und 40 Jahren. Einige Ältere sind auch dabei, wobei älter relativ ist, 50 vielleicht. Diese Musik ist eben nur etwas für die jetzige Generation. Die ältere Generation mit ihrer Pop- und Rockmusik ist viel zu weich, zu indirekt. Dort geht es immer nur um die Liebe, die Eine und wie sie einen wieder verlässt. Einfach nur öde. Bei der jüngeren Generation wird alles nur noch elektronisch gemacht, kaum noch Texte, nur noch Beats und schrille Töne. Keine Ahnung, wie man das aushält. Aber das gleiche dachten meine Eltern auch immer von der Musik, die ich höre. Ist wahrscheinlich eines dieser universellen Gesetze.
Vereinzelte Schleierwolken zieren den ansonsten blauen Himmel. Der Sommer in diesem Jahr ist glücklicherweise nicht so heiß, wie der letzte. Im vergangenen Jahr musste sogar ein Event ausfallen - es gab quasi hitzefrei, wie in der Schule damals. Verrückte Welt. Warm ist es aktuell trotzdem wieder, die jüngsten Nachrichten meldeten sogar, es könne sein, dass es im nächsten Sommer zu einem Wassermangel kommt - bei uns! Ich sag ja, verrückte Welt. Wenigstens geht heute ein wenig Wind. Eine kühle Brise an einem herrlichen Sommerabend, da könnte man auch zu Hause auf der Dachterrasse sitzen und sich ein frisches Bier vom Fass gönnen. Nur eines, der Körper soll schließlich fit bleiben. Seit viereinhalb Jahren läuft das Workout, jeden Tag, für 90 Minuten - so viel Zeit muss sein. Dieser Körper ist schließlich alles, was man hat.
Die Bühne besteht aus drei Teilen, allesamt ca. 20m breit. Die Band zur Begleitung spielt auf der linken Seite, der Sänger selbst in der Mitte, direkt unter dem futuristischen Banner des Seefests. So richtig passt der Banner mit seinen geschwungen Formen nicht ins Bild, wir Rapper sind doch eher kantig und ecken hier und da an. Auf dem rechten Bühnenabschnitt ist Platz für den Chor oder für die Tänzer. Warum die Organisatoren nur die Hauptkünstler auf der mittleren Bühne haben wollen, ich weiß es nicht. Aber es ist die achtzehnte Auflage des Seefests, also werden die schon wissen, was sie tun. Die Lichtshow jedenfalls kann sich sehen lassen und dass trotz des geringen Kontrastes zur Sommersonne, die immer noch recht hoch am Horizont steht. Erste längere Schattenwürfe der Fichten sind jedoch erkennbar, reichen aber noch nicht ganz bis zum See. Im See selbst schwimmen tatsächlich noch Enten. Die scheinen sich an der ohrenbetäubenden Musik, die aus den zahlreichen großen Standlautsprechern kommt, nicht zu stören. Hin und wieder machen Sie das Headbanging mit und tauchen ein und oder zweimal ihren Kopf unter Wasser. Danach paddeln sie weiter seelenruhig durch das schimmernde Wasser.
Das Areal ist riesig, bis zu 10.000 Fans sollen hier sein. Das ist schon eine ganze Menge. Mein erster und einziger Auftritt hier vor zwei Jahren war noch vor nur knapp 5.000 Fans und trotzdem ein voller Erfolg. Mit einem gelungenen Auftritt heute könnten die Verträge mit zwei Plattenproduzenten vielversprechend aufgestockt werden. Vielleicht reicht es dann auch endlich für den absoluten Tophit. Bislang war die beste Chartposition Nummer sechs. Das kann ja nicht das Ende der Messlatte sein. Drei Hits waren in den Top 10. Das ist für einen Rapper zwar schon beeindruckend, aber Rob, der arrogante Idiot, der gerade noch auf der Bühne steht, hat mit seinem aktuellen Hit sogar Platz drei geschafft - lächerlich, wenn man sich die Lyrics genauer anhört. Und Frank hat es sogar auf Platz zwei geschafft, was allerdings schon eine ganze Weile her ist. Zwei Jahre? Vielleicht sogar drei. Ich weiß es nicht mehr. Muss ich ihn später mal fragen. Die Fans heute jedenfalls scheinen weiter gut drauf zu sein, trotz der Tatsache, dass sie kaum Platz um sich rum haben. Eng gedrängt sind sie alle, wie Hühner in Käfighaltung. Nur dass es keinen richtigen Käfig gibt, lediglich Ordner in gelben Westen, die wohl als Hauptaufgabe haben, den Platz direkt vor der Bühne so gerappelt voll wie möglich zu halten. Das doch recht große Polizeiaufgebot scheint bislang nichts dagegen zu haben. Die halten sich weiter im Hintergrund auf, aber das mag auch andere Gründe haben. Schließlich ist dort etwas mehr Schatten und in all der Uniform schwitzt man bei dem Wetter schon leicht mal.
Der Parkplatz, vor dem sich die Polizisten aufgestellt haben, ist jedenfalls bis auf den letzten Platz gefüllt. Und nicht nur dass, Steven hat mir vorhin gesagt, dass selbst die Zufahrtsstraßen kilometerlang zugeparkt sind. Aber Steven übertreibt auch gerne mal. Ist schon immer witzig mit ihm, hin und wieder ist er der reinste Chaot, aber dann gibt es auch wieder Momente, da wirkt er wie der Dalai Lama. Schätze als Drummer muss man ein wenig verrückt sein. Er ist übrigens jemand, der Rituale hat. Jetzt wischt er wahrscheinlich gerade mit dem gestickten Tuch seiner verstorbenen Großmutter seine Drumsticks ab, nicht irgendwie, sondern von unten nach oben - immer von unten nach oben - genau sieben Mal. Er meint sieben sei seine Glückszahl. Glück - meiner Meinung nach hat das Leben nichts mit Glück zu tun, wenn man hart schuftet, kann man alles erreichen. Die drei Top 10 Hits sind nicht auf Grundlage von Glück entstanden, sondern weil wir täglich an uns arbeiten und uns nicht mit weniger als dem Besten zufriedengeben. Und genau das ist der Grund, warum wir es auch auf Platz eins schaffen werden. Vielleicht ja schon mit dem neuen Lied Harte Bandagen, das wir heute das erste Mal live spielen werden.
“Eine Minute noch Johnny! Wo steckt dein Drummer?”, fragt mich einer der Organisatoren. “Keine Panik, der beendet nur noch gerade sein Ritual, bin mir sicher, er ist jede - da kommt er doch. Stellt ihr nur sicher, dass mit der Technik alles funktioniert, den Rest besorgen wir dann schon.” Na dann wollen wir mal - drei Songs singen, drei krasse Performances abliefern und drei Mal wird die Crowd ausrasten. Los geht es mit Schmerz, dann Gegen den Rest der Welt und schließlich der neue Hit Harte Bandagen. Als Steven sich neben mir aufstellt, kann ich mir einen Spruch nicht verkneifen. “Steven, bist du bereit, hast du deinen Stick wieder mal poliert?”, necke ich. Er kennt meine Eigenheiten und weiß inzwischen damit umzugehen. “Haha, mach dich nur lustig.”, antwortet er, “Es sind vier Sticks und ja, frisch geputzt und poliert. Let’s go!”


Auf einer Bühne zu stehen, ist nicht immer leicht. Ich kann mich noch erinnern, dass ich als kleines Kind enormes Lampenfieber hatte, als wir eine Schulaufführung hatten, bei der ich die Raupe Nimmersatt gespielt habe. Minutenlang habe ich mich geweigert, auf die Bühne zu gehen und selbst meine Mutter konnte mich nicht beruhigen. Als Kind kann man jedoch sehr von anderen Kindern beeinflusst werden und als mir der große Bruder meines besten Freundes Gregor von seinem Lampenfieber berichtet hat und sagte, dass man von der Bühne aus ohnehin ganz anders wirkt, als man denkt und dass die Menschen einen dafür bewundern, diesen Mut zu haben, in andere Rollen zu schlüpfen, da konnte ich meine Angst für ein paar Sekunden ablegen und trat auf die Bühne.
Ich habe es geliebt - von dort an wusste ich, dass mein Weg irgendwann etwas mit dem Auftritt vor anderen Personen zu tun haben sollte. Es war ein tolles Erlebnis. Dass ich einmal als Rapper auf der Bühne vor mehreren tausend Leuten auftreten würde, hätte ich damals aber für ziemlich unmöglich gehalten - aber ich hätte auch nicht gewusst, was einen Rapper auszeichnet. Musikinstrumente haben mich jedenfalls früher nicht wahnsinnig angezogen, Musik zu hören jedoch schon. Zumindest bestätigen mir das meine Eltern immer wieder, wenn sie mir Geschichten von früher erzählen, als ich noch zu klein war, um mich daran zu erinnern. Einmal soll ich bei einem Geburtstag von einem Freund auf den Tisch geklettert sein und dort getanzt haben - wie gut, dass es zu der Zeit noch nicht üblich war, alles auf Video festzuhalten. Auch verwunderlich, wenn ich so darüber nachdenke, dass ich davor scheinbar kein Lampenfieber hatte. Ist wahrscheinlich die Unbekümmertheit in dem Alter.
Die Scheinwerfer, die auf die mittlere Bühne gerichtet sind, leuchten so grell, dass sie einen Großteil der Wahrnehmung der Umgebung einschränken. Immerhin die Reihe der blauen Dixi-Toiletten, die von zahlreichen kleinen Schlangen bedürfnisreicher Menschen belauert werden, sind noch zu erkennen. Der überwiegende Teil der Zuschauer wartet allerdings gespannt auf den ersten Beat. Das Mikrofon liegt fest in meiner Hand, die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen - eines meiner Markenzeichen. In der ersten Reihe steht eine vierköpfige Gruppe leicht bekleideter Frauen. Sie sind Anfang 30, würde ich schätzen. Ihre Augen sind groß und funkeln, als ich die Hand hebe und ihnen zuwinke. Etwas weiter rechts hat ein Vater seinen kleinen Sohn auf den Schultern. Ob die Lautstärke für den Jungen nicht zu laut ist? Manche Menschen schrecken vor nichts für ihr eigenes Vergnügen zurück. Aber der Vater ist auch wegen mir gekommen, von daher werde ich ihm und seinem Sohn eine tolle Show bieten. Der Beat setzt ein. Jubel schallt mir entgegen. Steven am Schlagzeug hat ein breites Grinsen im Gesicht und mein Gitarrist Manuel lässt das erste Riff leichthändig über die Saiten gleiten. Beide sind absolut hervorragend auf ihrem Gebiet. Fünf, sechs, sieben, acht.
“Wenn ich Morgens aufstehe, wenn ich dann voll drauf gehe, mich kurz wieder aufrege, dann doch hundert Pro gebe, werden all die Taten, die mich den Tag erwarten, nacheinander starten, dann kann der Schmerz noch warten.” Der Song Schmerz beschreibt ein dunkles, wohlmöglich das dunkelste Kapitel meines bisherigen Lebens. Er handelt von dem immer wiederkehrenden Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen - in meinem Fall meines besten Freundes Gregors, den ich kannte, seitdem ich vier Jahre alt war. Anderthalb Jahre ist das her und seitdem schwebt eine dunkle Wolke über vielen Gedanken in meinem Kopf. Doch der musikalische Erfolg des vergangenen Jahres, die Liebe der Fans zu den Texten, nehmen die Trauer immer wieder ein wenig. Es ist ein Balanceakt, jeden Tag aufs Neue. “Voller Schmerz, berührst mein Herz, auch heute noch, man wärst du doch, hier bei mir, dann würd ich dir, sagen, was noch offen ist, seit ich dich so krass vermiss.” Man, wie viel haben wir zusammen gemacht, über Jahrzehnte hinweg. So traurig der Song für mich auch ist, so sehr erinnert er mich auch an die genialen Zeiten, die wir hatten. Die Streiche, die wir unseren Eltern gespielt haben, die Ausflüge, die wir mit den zwei kleinen Chiwawas von Gregor gemacht haben und nicht zu vergessen, den Urlaub, bei dem wir beide unseren ersten Kuss mit den schwarzhaarigen Zwillingsschwestern hatten. Was haben wir nicht alles erlebt. “All das ist reine Spekulation, selbst gemachte Manipulation, keine Aktion sondern Reaktion, und was bleibt, das ist der Hohn, ist reiner Schmerz - du weißt schon…”
Ein Meer aus Händen hängt in der Luft, der Schlussakkord klingt aus und Getöse der Menge durchhallt die plötzliche Stille der Lautsprecher. Die Scheinwerfer gehen für einen Moment aus. Beim Anblick der Menge fällt mir die fast durchweg dunkle Kleidung auf. Anhänger von Rap sind nicht die farbenfrohesten Menschen, wie es aussieht. Immerhin bringen die roten und grünen Bandanas einiger Fans sowie die Goldketten ein wenig Abwechslung ins Bild. Ansonsten kommt die meiste Farbe von der Haut der Frauen in der Menge - eine reizende Blondine mit vollen roten Lippen sticht dabei besonders hervor. Sie steht zwar erst irgendwo in Reihe zehn, ist aber ein wahrer Blickfang. Sie legt wert auf ihren Körper, das kann man sofort erkennen. Sehr sympathisch. Die Scheinwerfer gehen wieder an, aber nicht die vorderen, sondern dieses Mal die oberen. An Lichteffekten wird beim Festival hier nicht gespart. Steven ist wieder voll dabei, irgendwie bewundernswert für jemanden, der nicht im direkten Rampenlicht steht.
Gegen den Rest der Welt handelt von einem Einzelgänger, der ein ums andere Mal von seinen ehemaligen Freunden verraten wurde. Mit jedem Schicksalsschlag zieht er sich weiter zurück, isoliert sich und sieht sich der Welt allein gegenüber. “Bist mir in den Rücken gefallen, Julius Caesar fühlte ähnlich, innerlich möchte ich die Fäuste Ballen, hältst du mich für dämlich?” Diese Rolle des unterdrückten Helden ist schon oft verfilmt worden, aber in der Realität sind diese Menschen meist gar keine Helden, sondern Opfer - Opfer des Systems, Opfer von Vorurteilen oder Opfer ihrer Umgebung. Meist beginnt das schon in ganz frühen Jahren. Mein Blick schweift auf den kleinen Jungen in der ersten Reihe. Was für eine Zukunft ihn wohl erwartet? Wird er auch mal Opfer sein oder steht er auf der Seite derjenigen, die andere zu Opfern machen? “Habt gehetzt, habt gemobbt, habt mich zum Rückzug gezwungen, habt mein’ Elan gestoppt, hab nur noch mit mir gerungen.” Ist man erst mal in dieser Abwärtsspirale drin, kann man dagegen kaum noch etwas tun. Früher haben die Menschen Krieg erlebt und das muss grausam gewesen sein, aber immerhin hatten sie einen Feind, der nicht sie selbst war. Doch heute? So viele Menschen leiden und sind unzufrieden mit sich selbst, sehen sich selbst als den Gegner, den es zu besiegen gibt. “Ich bin allein, und das ist gut so, was ihr mir gebt, das brauch ich nicht, ich bin allein, und das ist gut so, eure Wörter haben kein Gewicht. Ich bin fürs Leben, aber ich bin kein Held, ich bin einfach nur, gegen den Rest der Welt.”
Wie viele von den applaudieren Fans sich wohl mit diesem Song identifizieren können? Die meisten sind wohl in Gruppen da, aber einige sicher auch allein oder als fünftes Rad am Wagen. Nach dem Tod von Gregor habe ich mich beim Ausgehen mit neuen Freunden häufig so gefühlt. Natürlich bin ich berühmt und gut aussehend. Da kommt man schnell in Kontakt mit neuen Menschen, aber was nützt das, wenn alles oberflächlich bleibt? Die anderen haben gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Jokes, gemeinsame Sprache. Was bin ich für sie? Ein Promi, mit dem man sich ablichten kann. Hier ein Selfie, da eine Party im VIP-Bereich, aber sonst? Wenigstens bei den Frauen gibt es Tieferes. Die geben sich schließlich nicht nur mit einem Foto zufrieden, sondern nehmen gerne mehr und zu gutem Sex habe ich noch nie nein gesagt.
Erneut gehen die Scheinwerfer aus, die Menge tobt und kopiert meine Pose mit nach unten geneigtem Kopf und nach oben ausgestreckter Faust. Das Adrenalin pumpt - gleich werden wir sehen, wie gut unser neuester Hit ankommt. Die Polizisten wirken etwas aktiver und beunruhigter, befürchten vielleicht, dass die Menge durch die Songs aggressiver wird. Aber der Veranstalter schenkt in den vier großen, mobilen Getränkewagen keine hochprozentigen Sachen aus. Ein bisschen Bier gibt es und ein wenig Wein, zu dem aber wenn nur die Frauen greifen. Es gibt sogar ein Gehwegkonzept dafür, so dass die Menschen nicht an den Wagen verharren, sondern weiter wandern müssen. Bis sie beim nächsten Wagen ankommen, vergeht schon einiges an Zeit in den Warteschlangen - ein gutes Konzept um komplett Besoffene zu verhindern, aber dass es nicht zu völliger Orientierungslosigkeit bei den Gästen führt, ist schon verblüffend. Liegt bestimmt an den vielen Ordnern in ihren schicken gelben Westen.
“Willst du hoch hinaus, fahr die Ellenbogen aus, bring dich in Position, denn nur dann stimmt auch der Lohn, achte auf deine Gegner, handle jetzt und nicht später, denn wenn du erst mal oben bist, läuft’s von alleine ganz gewiss.” Es ist schon merkwürdig, dass wir Menschen als soziale Wesen bezeichnet werden und uns gegenseitig so viel Unsoziales antun. Die paar reichsten Menschen haben kaum Probleme noch mehr Geld anzuhäufen, weil sie sich alle Voraussetzungen dafür einfach kaufen können. Die Armen hingegen können die besten Ideen haben, aber sind nicht in der Lage diese umzusetzen, weil ihnen der Start fehlt. Entweder besitzen sie das Geld nicht oder sie haben schlichtweg zu wenig Zeit, sich neu zu orientieren, weil sie mit dem Überleben selbst beschäftigt sind. Zur Elite zu gehören, war schon immer erstrebenswert, um ein gutes Leben zu führen. Ich bin froh, dass ich dazu gehöre. Ich brauche mir keine Gedanken darüber machen, wie es ist, nicht zu wissen, wo die Miete für den nächsten Monat herkommen soll, wann mein Kind mal mit auf Klassenfahrt fahren kann oder ob es morgen überhaupt noch was zu essen gibt. Neulich habe ich in einer Studie gelesen, dass zwei Prozent der Menschen genauso viel Reichtum besitzen wie die ärmere Hälfte. Das Schlimmste daran ist, dass unter dieser ärmeren Hälfte zehn Prozent Kinder sein sollen. Wenn man sich das ausrechnet, was das in Zahlen bedeutet, wird einem schwindelig. Ist doch verrückt, dass das nicht besser verteilt wird. “Nur du weißt, was das beste für dich ist - lass dir von andern nichts sagen, kämpf mit harten Bandagen! Niemand weiß, wie erfolgreich du jetzt bist - lass dir von andern nichts sagen, kämpf mit harten Bandagen! Verfolge dein Ziel, denn nur so wirst du reich - lass dir von andern nichts sagen, kämpf mit harten Bandagen! Dreh dich bloß nicht um, denn sonst wirst du zu weich - lass dir von andern nichts sagen, kämpf mit harten Bandagen!” Wer nicht mehr tut als alle anderen, der verliert den Kampf und den Anschluss. Ich stände nicht hier auf der Bühne, wenn ich nicht jeden Tag alles dafür tun würde, besser zu sein als all die anderen Rapper da draußen - all die arroganten Robs, all die abgelenkten Flops. Oh, ich liebe es, wenn sich meine Gedanken reimen, vielleicht sollte ich da auch ein Lied drüber schreiben.
Die Crowd jedenfalls geht ordentlich mit, das läuft genauso wie erhofft. Harte Bandagen kommt richtig gut an, der Beat ist auch einfach phänomenal, da hat sich Steven selbst übertroffen. Eine Gruppe Männer springt sich mit der Brust voraus gegenseitig entgegen und plustert sich dabei lachend auf. Es ist schön, zu wissen, dass meine Musik solche Wirkung hat, dass sie Menschen aus ihrem Alltag rausreißt und die Welt um sie herum mal für ein paar Minuten vergessen lässt. Und dann beginnt das Spiel von vorn - höher, schneller, weiter, dem anderen immer einen Schritt voraus sein. “Danke schön! Thank you! Ihr seid die Besten!” Noch einmal die Faust in die Luft strecken. Die Lichter verblassen und es geht runter von der Bühne.
Im abgesperrten Backstagebereich begegnet uns Frank Farell und zwinkert mir zu. “Digga, geile neue Platte, aber hör gut hin, ich werd die Leute noch mehr zum Feiern bringen! Lass uns nachher noch quatschen Digga, ja?” Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sicher bin ich mir nicht, ob er einen Satz ohne das Wort ‘Digga’ sagen könnte. Schon bemerkenswert wie viel Energie der Kleine hat, reicht mir gerade mal bis zur Schulter und dabei bin ich mit meinen 1,83m ja auch nicht riesengroß. “Klar doch, ich bin noch ein Weilchen hier, lass es krachen da draußen!” Wir haben uns das erste Mal bei einem Benefizkonzert für benachteiligte Jugendliche getroffen und uns auf Anhieb gut verstanden. Wir haben den selben Humor, wie es scheint und können uns herrlich über all die anderen Rapper lustig machen - gerade die ohne vernünftige Karren. Ein bisschen Stil sollte man schon haben.
In der Nähe der Garderobe wird es von der Lautstärke etwas leiser, so dass Manuel, Steven und ich eine kleine Feedbackrunde machen können. Steven möchte das immer, er liebt eben seine Rituale. “Leute, der Auftritt war mega oder? Habt ihr gemerkt, wie geil der Beat bei Harte Bandagen ankam?”, legt er auch direkt los. “Ja, Steven, das war Gänsehautstimmung, ist dir heute besonders gut gelungen!”, entgegnet Manuel. “Und all die Fäuste! Toll, nach den letzten zwei Monaten mit den kleineren Auftritten und all den Proben, mal wieder so viele Menschen zu begeistern!”, fährt er fort. “War nur viel zu kurz, hätten lieber zwei Künstler weniger sein sollen und dafür noch ein bis zwei Songs mehr.”, werfe ich ein. Steven verdreht die Augen. “Jetzt mach mal halblang und genieß, was wir da auf die Beine gestellt haben. Immer dieser Pessimismus!” Irgendwie hat er ja recht. “War schon cool, ja, nur wie gesagt zu kurz. Ist doch die Wahrheit.” Manuel schaltet sich ein, “Du bist echt nicht leicht zufrieden zu stellen.” Ich schaue ihm in die Augen und antworte, “Doch doch, wenn wir endlich von Platz eins der Charts grüßen, dann bin ich zufrieden!” Dem Gelächter folgt ein Abklatschen und die Entscheidung, dass wir darauf doch erst einmal anstoßen sollten. Gut, dass es Backstage eine eigene kleine Bar gibt, wobei Bar übertrieben ist - es ist mehr ein Tisch, hinter dem ein älterer Mann Mitte 40 ein paar Kisten Bier gestapelt hat und uns drei Flaschen davon reicht. Immerhin besser als draußen anzustehen. Es klirrt, “Auf den nächsten Nummer eins Hit!”


“Digga!”, tönt es hinter mir, wer das wohl sein könnte. “Hey, Frank, alles klar? Zufrieden mit deinem Auftritt?” Eine Antwort benötige ich bei dem Grinsen in seinem Gesicht eigentlich nicht. “Digga, logisch, hast du die Party verpasst? Ein Song krasser als der andere, Digga!” Ich sag’s ja, kein Satz ohne dieses Wort. “Aber klar doch, konnte mir nicht verkneifen, den ein oder anderen Blick auf deine Fans zu werfen. Hast du die junge Dame links an der Bühne gesehen, mit dem tiefen Ausschnitt? Die hat dich gefeiert! Und war obendrein nicht mal doppelt so groß wie du.” Witze über seine kleine Statur ist er natürlich gewohnt. “Digga, natürlich ist sie mir aufgefallen. Das wäre eine Frau, die mich heut zur Afterparty begleiten dürfte. Vielleicht sehe ich sie ja gleich noch, dann packe ich sie mit ein. Bist du später auch noch da?” Der Veranstalter hatte bekannt gegeben, dass es eine VIP-Afterparty im nächstgelegen Club geben wird - alle Künstler und Bandmitglieder kommen natürlich umsonst rein. Los geht es wohl gegen 23 Uhr, die Karten für alle anderen sind auf 100 beschränkt, also einigermaßen exklusiv. Für mich wäre es kein Problem noch ein, zwei Frauen mitzubringen, das geht immer klar. Die Veranstalter wollen uns Stars nie vergraulen und erfüllen so ziemlich jeden Wunsch. “Du solltest dich auf die Suche machen, sonst springt sie noch mit jemand anderem in die Kiste.”, rate ich ihm, “Ich weiß noch nicht, ob ich später dabei bin, könnte sein, dass Manuel es eher ruhig haben will nach dem Auftritt. Er ist ja schnell mal müde.” Ehrlicherweise hätte ich sagen sollen, dass ich es heute eher ruhig angehen lassen will und die Jungs sicher nichts dagegen hätten, aber ein bisschen Flunkern für ein gutes Bild bei Frank ist schon okay. “Ach was, mit wem denn, Digga? Rob? Dem laufen doch alle weg. Hast du von dem Gerücht gehört, dass er vor kurzem in einer Nacht gleich bei drei Frauen abgeblitzt ist, Digga? Die alle später mit anderen Heim gegangen sind. Haha, der Junge hat nicht nur keinen Geschmack bei Plattenfirmen, er hat auch keinen Stil bei Frauen und trotzdem denkt er, er wäre der Held der Welt, Digga. Crazy!”
Im Rapgeschäft bleibt fast nichts geheim. Ein Fehltritt macht so schnell die Runde, dass am nächsten Tag quasi die gesamte Szene Bescheid weiß. So viel macht das allerdings nicht aus, es gehört fast zum guten Ton, dass über einen gelästert wird, teils aus Neid, teils aus Langeweile, teils aus Boshaftigkeit und teils einfach aus Humor. Ich wage dennoch zu bezweifeln, dass an all den Geschichten tatsächlich was dran ist - vielleicht an 30 bis 40 Prozent, aber mehr auch nicht. “In der Tat, Zubu Records ist wirklich das letzte Label, gehen über Leichen die Jungs. Wenn die Gerüchte stimmen, haben sie schon mindestens vier Karrieren in diesem Jahr durch ihre Schmutzkampagnen auf dem Gewissen. Ich kann mir echt nicht erklären, wieso Rob nach seinem letzten Erfolg gerade dahin gewechselt ist.” Frank lacht, “Digga, vielleicht wollen die einfach als einzige übrig bleiben, dann schaffen sie es mit ganz viel Glück tatsächlich mal in die Top 20!” In der Tat ist die beste Platzierung eines Songs vom Label Zubu Records Platz 23 und dass, obwohl es das Label schon seit der Übernahme durch diesen Multimillionär vor sieben Jahren mit allen Mitteln versucht, bessere Hits zu landen. Aber keiner der wirklich guten will hin. Mich haben sie vor zwei Jahren gefragt, keine Chance. Ich bin glücklich mit meinen Jungs, manchmal schludern sie etwas, aber das Arbeitsverhältnis ist top, da gibt es nichts zu meckern. Und sie haben schon andere Künstler in die Top 10 vor uns gebracht. Wer einmal Erfolg hatte, der wird ihn auch wiederholen. Nach kurzem Plausch über die letzten Trackideen für Franks neues Album, das im nächsten Jahr erscheinen soll, trennen sich unsere Wege. “Digga”, sagt er zum Abschluss, “überleg’s dir mit der Party! Ich geh mal die hübsche Frau suchen, wir sehen uns später, Digga!”
So ein Backstagebereich bei einem Festival ist manchmal gar nicht so extravagant, wie sich einige das vorstellen. In erster Linie geht es um Abschirmung von den Fans, damit die Künstler sich in Ruhe vorbereiten und nach dem Auftritt wieder runterfahren können. Viel Mühe hat sich der Veranstalter diesmal aber wirklich nicht gegeben. Es wurden lediglich ein paar Gerüste hochgezogen, große Planen drüber gehangen und das war es dann auch fast schon. “Hoffentlich sieht’s bei der Party später nicht so runtergekommen aus.”, sagt Steven. “Ach, sollen wir da heut echt hin, meinst du das lohnt sich?”, entgegne ich. “Aber klar doch, beim VIP Ausgang warten bereits zwei nette Ladies, die uns begleiten wollen. Ich hab da schon mal was klargemacht.” Steven und ich sind die Singles in unserer Band, beide noch jung und frei. Andere in meinem Alter sind schon verheiratet, klar, aber ich will mich nicht festlegen und Zeit hab ich noch genug. Außerdem war bislang keine dabei, die mich wirklich geflasht hat. “Die zwei muss ich mir erst einmal anschauen, nicht dass du wie letztes Mal einfach wieder zu voreilig warst.” Nach unserem letzten kleinen Auftritt hatte Steven nämlich auch eine Gruppe Frauen angequatscht und mitgenommen, die sich als die reinsten Tussies rausstellten. Also ich bin ja auch für gutes Aussehen, aber die kannten einfach gar kein anderes Thema und waren sich auch zu schade, irgendetwas an körperlicher Bewegung zu unternehmen, was ihrem hochpolierten Auftritt hätte einen Schweißfleck verpassen können. Der Abend wurde dementsprechend öde und machte mich mit der Zeit sogar aggressiv.
Wie Manuel das immer mit uns aushält? Er ist sieben Jahre älter als ich und angeblich glücklich verheiratet. Seine Frau scheint sein Leben als Gitarrist eines Rappers nicht sonderlich zu interessieren. Sie war zwar schon hin und wieder mal mit bei Auftritten dabei, aber meist macht er sein eigenes Ding. Hat natürlich auch was, wenn man sich in bestimmten Situationen nicht sieht und so einige monatelange Touren, wie man sie von großen Rockbands vielleicht schon mal gehört hat, haben wir noch nie gemacht. Das längste war eine Woche und die kann man auch mal ohne seine Frau aushalten. “Komm mit, ich stelle euch vor, die eine hat schon nach dir gefragt. Eine hübsche Brünette, schlank, ungefähr deine Größe, mit einem schwarzen Minirock und einem leichten Top. Sie trägt diese großen Ohrringe, wie heißen die nochmal? Kreolen? Die Haare hat sie offen, relativ kurz, nur bis zu den Schultern und ein einladendes Lächeln.”, führt Steven aus. “Alter, wie merkst du dir all das, bist du sicher, dass ich mitkommen soll? Vielleicht willst du sie lieber für dich haben!” Steven hat echt ein Talent für diese Details. Manchmal kann ich einen ganzen Abend mit einer Frau verbringen und muss am nächsten Tag darüber grübeln, welche Haarfarbe sie hatte. “Nein, nein.”, lacht er, “Du solltest erst mal die Andere sehen, die ist eher mein Typ!”
Der erste Eindruck der zwei Frauen ist in Ordnung, definitiv besser als beim letzten Mal. Steven hat uns vorgestellt und die Stimmen der beiden sind freudig, herzlich und wohlklingend. Wenn es etwas gibt, dass ich bei andern bemerke, ist das die Stimme. “Steven hat uns gesagt, ihr zwei seid heute Abend bei der Afterparty am Start und dass wir euch begleiten dürfen. Ist das euer Ernst, wir würden uns total freuen!” Wie leicht es doch ist, Anschluss zu finden, wenn man berühmt ist. Die Frauen schmeißen sich einem quasi an den Hals. “Das lässt sich einrichten, ganz ohne Begleitung wollen wir da nicht auflaufen. Wir brechen später vom Hotel aus auf, am einfachsten wäre es, wenn wir uns dort treffen. Seid ihr mobil?” Beide nicken. “Stephanie ist mit ihrem Porsche hier, sie liebt schnelle Autos, dafür lässt sie auch mal den Alkohol links liegen, stimmt’s?” Schon faszinierend wie schnell Menschen einem sympathisch werden können. Autos sind doch einfach das Geilste auf der Welt. Reinsetzen, losfahren, den Stress des Alltags hinter sich lassen und die Geschwindigkeit genießen. Stephanie merkt an, “Oh ja, schnelle Autos sind ein Traum, ich liebe das Design von deinem BMW Johnny - einzigartig, aggressiv und elegant zugleich!” Mit einem schelmischen Lächeln zu ihrer Freundin fügt sie noch hinzu, “Aber heute werd ich mir schon noch den ein oder anderen Cocktail gönnen, man lebt ja nur einmal.”
Im Anschluss tauscht Steven noch die Nummern mit den Frauen aus und wir machen ab, uns gegen 22:30 Uhr am Hoteleingang zu treffen. Die Frauen können ihr Glück kaum fassen. Früher hatte ich immer den Eindruck, Männer liefen Frauen hinterher, aber in den vergangenen Jahren hat sich meine Meinung doch erheblich gewandelt, es ist keine Frage des Geschlechts, sondern eine des Ansehens. Bist du ein Star, will jede mit dir schlafen. Zurück im Backstagebereich berichten wir Manuel von unseren Plänen, aber dieser winkt ab. “Heute nicht Jungs, meine Frau und ich gehen später noch gemeinsam Essen, heute vor 17 Jahren haben wir uns kennengelernt. Das hat sich so etabliert. Sie holt mich später vom Hotel ab. Ihr kommt sicher auch ohne mich zurecht.” Ganz gewiss, ein wenig neidisch bin ich schon. 17 Jahre, faszinierend.
Zeit die Sachen zusammenzupacken. Angereist waren wir heute Morgen mit unserem kleinen Bus, frisch lackiert, schwarz, mit zwei dicken, silbernen Querstreifen, die von unten halb die Fahrer- und Beifahrertür bis ungefähr zur Mitte hoch laufen und dann dynamisch nach Hinten führen. Für uns drei reicht der kleine Bus, für andere Bands wäre die Kiste schon etwas zu eng. Mir war wichtig, dass die PS Zahl stimmt, da blieb nur der T6 mit allen Extras, die man sich so vorstellen kann: Getönte Scheiben, Sitzheizung, Head-Up Display, alles voll elektrisch, einfach zum verlieben. Am Sound mussten wir selbst ein wenig basteln, aber jetzt stimmt der Bass und der Klang ist vom Feinsten. Da wir früh morgens vor all den Besuchern in den Bussen und Autos angekommen waren, konnten wir noch auf dem Hauptparkplatz parken, so dass unser Equipment schnell aus- und eingeladen werden kann. Das machen wir allerdings zum Großteil nicht mehr selbst, anders als früher, als wir noch kleine unbekannte Musiker waren. Damals hat man sich auch schon mal blöd verhoben und musste dann den nächsten Tag mit verzerrtem Gesicht proben. Heute kommen die Veranstalter selbst auf uns zu und bieten uns Hilfe an. Wie schon gesagt, Star muss man sein.
Das Festival ist noch voll im Gang, gerade versucht ein Anheizer die Stimmung nochmal explizit hochzupushen. Diese Jungs scheinen immer extrem gut drauf zu sein, aber hinter der Bühne sieht man auch oft ein anderes Bild. Auf dem Weg zu unserem Bus kommen wir an einer Gruppe Jugendlicher vorbei, die sich etwas abseits im Kreis versammelt hat. Es sind neun, sechs Jungen und drei Mädchen, allesamt noch nicht oder gerade erst volljährig, würde ich schätzen. Kommen bestimmt aus der Gegend hier und wollten sich das Event der Älteren mal anschauen. Ein Mädchen scheint mich erkannt zu haben, zeigt mit dem Finger auf mich und macht sich direkt auf den Weg zu uns. Mit Sprung im Schritt und einem breiten Grinsen im Gesicht sagt sie, “Hi, hi Johnny! Ich bin echt ein großer Fan von dir, würdest du mein Cappy signieren? Hier, ich hab auch einen Stift.” Das Mädchen ist auf jeden Fall noch keine achtzehn, eher vierzehn, mit großen Augen, die mich hoffnungsvoll ansehen. “Hi”, ich warte. “Oh, ich heiße Christine.”, sagt sie freudig. “Hi, Christine. Das mache ich doch liebend gerne. Soll ich etwas Bestimmtes schreiben? Bist du aus der Gegend hier?” Sie schüttelt den Kopf, “Nein, schreib einfach was Schönes. Ja, bin ich, meine Freundinnen und die Jungs sind alle wegen mir hier, weil ich dich unbedingt live sehen wollte. Dein neuer Song ist mega cool!” Das nenne ich einen wahren Fan. Ich schreibe Für meinen jüngsten und mutigsten Fan Christine - dein Johnny. Sie würde mir am liebsten um den Hals springen, hält sich jedoch zurück und hüpft auf die Cappy lächelnd nur kurz auf der Stelle. Dann dreht sie sich um, schreit mir noch ein Danke hinterher und berichtet ihren Freundinnen und Freunden, was sie gerade erlebt hat.
Wir gehen weiter, der Klang der Musik aus den Lautsprechern ist selbst hier noch gut zu hören. Von Vogelgezwitscher oder anderen Naturgeräuschen ist nichts übrig. Trotz zahlreicher Mülltonnen sieht der Boden stark verdreckt aus. Abfälle zieren hier und dort die Wege und das Gestrüpp, sogar in einer der großen Fichten hängt Müll. Wie der da wohl hoch gekommen ist? Die Menschen und ihr Planet führen manchmal eine sehr merkwürdige Beziehung. In dem kleinen Waldstück westlich von unserer Position haben sich zwei lachende Männer versteckt. Sie scheinen bester Laune und rufen uns zu, “Hey Jungs, Bock auf ne kleine weiße Prise?” Die haben uns scheinbar nicht erkannt, so berühmt sind wir dann doch noch nicht. Widerliche Typen, wie kann man nur andere dazu anstiften, Drogen zu nehmen. “Ihr seid abartig und solltet euch was schämen, ihr Idioten!”, platzt es mir raus. Steven hält mich zurück, “Johnny, bleib ruhig, lass denen doch ihren Spaß.” Wegsperren sollte man diese Leute, ruinieren nicht nur ihr eigenes, sondern auch die Leben anderer und ihrer Familien. “Man sollte diesen Deppen einfach mal eine scheuern, würde bestimmt helfen.” Ich lasse mich von Steven mitziehen und nach und nach verschwinden die beiden Gestalten aus meinem Blickfeld. “Jetzt fahren wir erst einmal zurück ins Hotel, da vorne ist unser Bus. Hast du die Schlüssel?”, fragt Manuel. “Ja”, antwortet Steven, “Ich fahr uns schnell hin.” Was die beiden sonst noch bequatschen, bekomme ich nicht mit. Meine Gedanken sind bei den zwei Vollidioten hängen geblieben, meine Miene erstarrt. Ohne Worte nehme ich meinen Platz hinten im Bus ein, balle die Fäuste und schließe meine Augen.
Kapitel 2

Einige Tage später in einem Wohnviertel mit Reihenhäusern
Die grünen Zahlen des Weckers erhellen den sonst dunklen Raum. Geklingelt hat er nicht, es ist 4:50 Uhr. Mein Körper zittert, ich wische mir den Angstschweiß von der Stirn. Alles nur wegen diesem Traum. Immer und immer wieder kehrt er zurück und immer und immer wieder reagiert mein Körper auf ähnliche Weise. Im Traum ist es Nacht, die Sterne am Himmel sind deutlich zu erkennen, der Mond ist halb gefüllt und erhellt die Landschaft. Mein Vater steht aufrecht vor mir und zeigt in Richtung eines Hügels, gesprochen wird nicht, alles geschieht mit Zeichensprache. Das Gewehr in seiner Hand verheißt nichts Gutes. Langsam pirschen wir uns vor, nur wir beide sind weit und breit zu sehen. Welchen Auftrag wir haben, weiß ich nicht. Nach einem Drittel des Anstiegs hält mein Vater inne und lauscht. Außer dem Zirpen der zahlreichen Grillen ist nichts zu hören. Wir gehen weiter, die Beine allzeit gebeugt, um das Gewicht besser abzufedern. Ich habe meine Augen meist nach Hinten und zur rechten Seite gerichtet, mein Vater übernimmt die anderen Gebiete. Nach zwei Dritteln des Weges hält er erneut inne. Wieder ist kein unnatürliches Geräusch zu vernehmen. Er deutet mir an, dass wir uns das letzte Stück robbend fortbewegen sollten, um noch unauffälliger zu sein. Wir lassen uns zu Boden und kriechen Meter für Meter näher an die Hügelkuppe. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Auf der rechten Seite, etwas abhängig, ist ein Waldstück zu erkennen, zahlreiche Tannen ragen meterhoch in die Luft und werfen ihre Schatten in unsere Richtung. Sie wirken wie bedrohliche Riesen, die kommen, um uns zu holen und in absolute Schwärze zu verbannen. Hinter uns liegt das Tal, aus dem wir emporgestiegen sind. Ein kleines Dorf ist in der Ferne erkennbar, zwei, drei Laternen erhellen es. Ansonsten relativ kurz geschnittene Wiesen und abgeerntete Felder wohin man blickt, kaum Deckung. Wir haben Glück gehabt, dass wir bislang nicht aufgefallen sind. Ich blicke zu meinem Vater, er schaut konzentriert nach links. In dieser Richtung scheint es nach einem kleinen Tal noch einmal gute 20m höher zu gehen. Auch dort ragen Bäume empor, mehr von diesen furchteinflößenden Tannen. Bewegungen sind nicht auszumachen. Vor uns erstreckt sich zwischen all den Wäldern ein Pfad von links nach rechts, gesäumt von einem kleinen Holzzaun auf beiden Seiten. Eine Sitzbank erlaubt den Blick in unsere Richtung, sie ist leer.
In der Ferne ragt ein unidentifizierbares Bauwerk ein Stück in die Luft, könnte ein alte Ruine sein oder ein alleinstehendes Haus. Auch meinem Vater ist es aufgefallen. Das werden wir uns genauer ansehen, gibt er mir zu verstehen. Sein Plan ist es, die Dunkelheit der Tannen zu unserer Rechten zu nutzen, wir robben also noch ein kleines Stück weiter in diese Richtung und verschwinden im Schwarz der Schatten. Nachdem wir uns aufgerichtet haben und einige Schritte gegangen sind, werden die Umrisse des Objektes klarer. Es scheint sich um eine kleine Scheune mit einem Speichertank daneben zu handeln. Das Scheunendach verläuft spitz zu und der Tank ragt daneben ein paar Meter höher in den Nachthimmel. Licht brennt keines. Wir setzen unseren Weg fort, müssen gleich aber wieder die Schatten verlassen. Mein Vater stoppt und hält einmal mehr den Zeigefinger vor den Mund. Er lauscht. Ein leichtes Klappern ist zu hören oder ist es mehr ein Quietschen? Dann knackt es plötzlich hinter uns im Wald. Blitzartig drehen wir uns um und werfen uns zu Boden. Der Ast, so meine Vermutung, muss ein gutes Stück im Wald zu Bruch gegangen sein. Es ist wieder ruhig. Dann wieder das Quietschen aus der anderen Richtung, kaum wahrnehmbar. Zeit, sich zu entscheiden, wir können hier nicht ewig verharren. Mein Vater deutet auf die Scheune, wir robben los. Das Quietschen verstummt immer wieder, kommt dann zurück und wird manchmal von einem Klappern gefolgt. Es handelt sich offenbar um eine schwingende Tür oder ein Fenster, das im leichten Wind hin und her schwingt und dann gegen den eigenen Rahmen stößt, ohne zu schließen. An sich ein gutes Zeichen, denn es deutet darauf hin, dass die Scheune verlassen ist. Ich drehe mich um, war das da ein Schatten, der sich bewegt hat oder spielen mir meine Augen einen Streich? Verdammt schwer, irgendetwas in der Dunkelheit der Bäume zu erkennen. Es sind vielleicht noch 50m bis zur Scheune, als ein lauter Knall ertönt. Keine Armlänge neben mir trifft etwas den Boden, das war knapp. Es vergehen keine zwei Sekunden, dann knallt es wieder. Jemand aus dem Wald schießt auf uns. Agil springt mein Vater auf und läuft in möglichst geduckter Haltung Zickzacklinien. Ich tue es ihm gleich und versuche, schnell voran zu kommen. Normalerweise kann man 50m in ein paar Sekunden zurücklegen, doch mir kommt es vor, als würden wir minutenlang versuchen, den Schüssen auszuweichen. Wieder ein Knall, das Holz der Scheune splittert. Mein Vater ist knapp vor mir, ich blicke hinter uns und sehe gleich zwei Funken aufblitzen, die Schüsse werden gefolgt von einem Aufstöhnen. Kurz nur. Dann sinkt mein Vater vor mir zu Boden und ich reiße die Augen auf und erwache.
Hannes Truggenbrot, Ehemann von Svenja Truggenbrot, Vater von Rolf Truggenbrot, verstorben im Alter von nur 36 Jahren. Damals war ich 12 Jahre alt. Die genauen Umstände des Todes sind bis heute nicht bekannt. Mein Vater war beim Wehrdienst und wurde für einen Einsatz ins Ausland geschickt, ja, in ein Kriegsgebiet, aber laut offizieller Stelle nicht gefährlich. Eigentlich sollte sein Einsatz nur vier Wochen dauern, doch er wurde zweimal verlängert und in der elften Woche erreichte meine Mutter dann die Nachricht. Ein Hauptmann, so erzählt sie immer, stand an einem Novemberabend vor unserer Haustür. Er berichtete, dass Papa in einem nächtlichen Einsatz verschollen sei. Der Funkkontakt sei plötzlich abgebrochen und da nach zehn Tagen keine Spur von ihm auffindbar war und die Gegend dafür bekannt ist, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Gefangenen zu machen, schätzten die Offiziere vor Ort die Überlebenschancen auf unter einem Prozent.
Sie sollten recht behalten, obgleich der Leichnam nie gefunden wurde. Nur wenige Wochen später begannen die Alpträume und dauern bis heute, 32 Jahre später an. Auf Grund meines Berufes als Journalist habe ich viele Quellen angezapft, um mehr Klarheit über die Vorfälle damals zu bekommen, aber gebracht hat es nichts. Immer wieder verlief ich mich in Sackgassen, immer wieder verliefen sich die Spuren im Sand. Bei den Einsätzen sind noch zwei weitere Männer spurlos verschwunden und die damals verantwortlichen Offiziere sind inzwischen alle tot. Einige Dokumente sind wegen Geheimhaltung noch weitere zwanzig Jahre unter Verschluss, andere Dokumente sind zwar zugänglich, aber meist fast durchgehend geschwärzt. Es stinkt alles zum Himmel. Bei meinen Recherchen hatte ich stets das Gefühl, dass die Wahrheit einfach nicht ans Licht kommen soll. Ob die Träume jemals aufhören? Ich bezweifle es.
Die Nachricht über den vermutlichen Tod meines Vaters traf meine Mutter und mich hart und unerwartet. Ich habe ihn abgöttisch geliebt. Jeden Tag, an den ich mich erinnern kann, zeigte er mir, wie viel ich ihm bedeutete. Er sagte es nicht nur, er zeigte es. In seinen Gesten und in seiner Mimik lag reine Liebe für mich. Er war ein unglaublich guter und geduldiger Lehrer, der mir erklärte, wie die Natur funktioniert, was es mit den Sternen auf sich hat und wieso es Ebbe und Flut gibt. Er regte meine Neugier an und ließ mich alles erforschen, was ich wollte. Meiner Mutter fiel mehr die Rolle zu, mich hier und da in meinen Bestrebungen zu zügeln und zu bremsen. Auch sie wollte natürlich nur das Beste für mich, aber wuchs irgendwie mit der Zeit in diese Rolle hinein. Nach dem Tod konnte sie diese Rolle leider nie wirklich ablegen, blieb die Mahnerin und war übervorsichtig bei allem, was auch nur im Ansatz gefährlich hätte sein können. Dies brachte einen klaren Bruch in unsere Beziehung, weshalb ich mich öfters aus dem Haus schlich, Hauptsache weg von ihr und ihrem Aufsichtswahn. Wozu diese Ausflüge führten, wenn ich dann wieder heimkehrte, kann man sich denken.
Hilfe im täglichen Leben bekam meine Mutter durch meinen Onkel, der sich verstärkt um die Aufgaben kümmerte, die sonst mein Vater erledigt hatte: Reparaturen, Verwaltungskram und die Gartenarbeit. Er war auch Journalist und ermutigte mich immer wieder, mich auch in dieser Richtung zu betätigen. Ich machte mehrere Praktika bei Zeitungen und schrieb für die Schülerzeitung monatlich mindestens zwei lange Berichte. Recherchieren machte mir Spaß und deckte meine große Neugier zumindest zum Teil ab. Ich fragte meinen Onkel damals, ob er nicht herausfinden könnte, was wirklich passiert sei, aber er antwortete nur, dass ihm die Hände gebunden seien. Damals konnte ich nicht fassen, dass er sich nicht mehr dahinter zu klemmen schien. Er war nicht so gut im Erklären wie mein Vater. Heute weiß ich, was ihn in seinen Recherchen stoppte. Wir haben uns schon oft über das Thema unterhalten. Der Tod von Hannes Truggenbrot bleibt nach wie vor ein Rätsel, Nachforschungen werden große Steine in den Weg gelegt und immer mehr Menschen, die Informationen hätten, versterben. Mit ihnen stirbt auch das Wissen über die Vorfälle. Wer weiß, ob die Wahrheit je ans Licht kommen wird.
Ich schalte das Licht meiner Nachttischlampe ein und sehe mich um. Die weißen Wände starren mir ausdruckslos entgegen, die ebenso weiße Decke wirkt erdrückend. Außer meinem nussbraunem, viertürigen Kleiderschrank, meinem farblich dazu passendem Nachttisch mit zwei Schubladen, meinem 1,60m breiten Metallbett und meinem viereckigen Bambuswäschekorb ist das Zimmer leer. Der laminierte Boden hat bereits zwei Dellen vom Vormieter und der kleine darauf befindliche grüne Teppich, ein Überbleibsel aus meiner letzten Beziehung, ist fast der einzige Farbklecks, der erkennbar ist. Die Jalousien sind unten, Gardinen hab ich nicht. Wofür auch? In den zweiten Stock kann man von der Straße ohnehin nicht hineingucken. Das letzte Mal, das eine Frau hier übernachtet hat, ist Jahre her, vier oder fünf. Sie sagte, es sei lieblos eingerichtet, so steril und eintönig. Ich habe da kein Auge für, klar ist es einfach gehalten, aber eben auch praktisch. Keine Pflanzen, die man gießen muss und die dann doch eingehen, keine kitschigen Objekte oder Fotos, die einen an längst vergangene Zeiten erinnern und auch kein sonstiger Krimskrams, der nur unnötig Geld kostet.
An ein Wiedereinschlafen ist nicht zu denken. Nicht unbedingt, weil ich es nicht könnte, eher, weil ich es nicht will. Die reale Welt um 4:55 Uhr ist deutlich friedlicher als die Traumwelt. Kaum eine Menschenseele ist auf den Beinen und erst nach und nach wird der Geräuschpegel des Alltags die Oberhand über die Stille ergreifen. Stille ist etwas Merkwürdiges, kurz aushalten kann man sie ja, aber dann macht sie einen verrückt. Ich überlege das Radio meines Weckers einzuschalten, aber gleich kommen nur die Nachrichten, man kann den Tag auch angenehmer starten. Von den neuesten Dingen in der Welt erfahre ich noch früh genug. Die Beine aus dem Bett geschwungen, richte ich mich langsam auf und strecke mich, hole meine grauen, gefilzten Hausschuhe unter dem Bett hervor, werfe meinen weißen Morgenmantel über und begebe mich durch den kleinen Flur in die Küche. Selbige ist nur knapp 10qm groß und dennoch viel zu überdimensioniert. Allein gekocht hab ich hier noch nie. Aber die Kaffeemaschine ist top und der Wasserkocher hat auch schon Wasser für den ein oder anderen Tee erhitzt. Es ist auch nicht so, dass ich nicht Vorräte da hätte, nur schmeiße ich 80 Prozent davon irgendwann nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums weg. Reinste Geldverschwendung, aber im Notfall will man ja doch was da haben. Zuletzt aussortiert habe ich vor ungefähr zwei Wochen. Eine ganze Klappkiste habe ich entsorgt, mir war nicht einmal bewusst, dass ich überhaupt so viel gekauft hatte. Von Konfitüre über Knäckebrot bis hin zu Dosengemüse war alles dabei, teilweise über ein Jahr abgelaufen. Bei ein paar Wochen schmeiße ich die Sachen nicht gleich weg, aber irgendwann ist die Grenze dann auch erreicht. Eine Zeit lang war ein Kollege regelmäßig nach der Arbeit mit zu mir gekommen, als wir gemeinsam an einem Artikel über den geplanten Autobahnausbau durch den Nachbarort geschrieben haben. Da gingen einige der kleineren Sachen weg, zum Beispiel so asiatische Terrinen und vorgefertigte Pfannkuchen, die man nur in der Pfanne heiß machen muss. Höchstwahrscheinlich habe ich danach einmal zu viel eingekauft und als ich dann wieder komplett allein war, stapelte sich alles im Abstellraum. Wie dem auch sei, jetzt ist wieder Platz und Besuch hat sich für die nächsten zwei Wochen bislang nicht angekündigt.
Ich öffne die Jalousien in allen Zimmern und blicke schließlich im Wohnzimmer durch das große Klappfenster hinaus. Im letzten Jahr ließ der Vermieter alle Jalousien elektrisch umstellen, davor musste man noch selbst kurbeln, jetzt reicht ein Knopfdruck und in aller Seelenruhe fährt eine Lamelle nach der anderen nach oben. Gegenüber steht quasi das selbe Reihenhaus wie das, in dem ich wohne. Dahinter nochmal und dahinter nochmal. Viermal das genau gleich Bauwerk, einzig unterschieden durch die Menschen, die es bewohnen. Die Fassade wirkt trist, was aber auch nur so wirken kann, weil meine Fenster das letzte Mal vor - ich muss überlegen - wahrscheinlich vor zwei Jahren geputzt wurden. Damals kam meine Mutter zu Besuch und ich wollte keinen völlig schockierenden Eindruck hinterlassen. Ist mir allerdings nur zum Teil gelungen. Das Dach läuft leicht spitz zu, bietet aber keinen Platz für einen Dachboden. Die Wohnungen besitzen alle einen kleinen Balkon. Wenn man sich ganz dünn macht, passen sogar zwei Stühle drauf. Ich selbst verbringe nie Zeit dort, aber andere Parteien haben ihre tatsächlich mit Pflanzen behangen oder sogar einen kleinen Grill dort stehen, quasi eine zweite Küche - nichts für mich.
Automatisch führt mich mein Weg ins Badezimmer. Zeit für den schlimmsten Moment des Morgens: den Blick in den Spiegel. “Du siehst heute schlimm aus.”, murmele ich vor mich hin. Die Augenränder sind tief, die Augen selbst klein. Die Wangen, früher straff und rund, fallen langsam ein und hängen nur noch schlaff da. Die Haare sind völlig zerzaust, der Bart zu lang. “Kein Wunder, dass du so niemanden findest.” Ich greife zum elektrischen Bartschneider und stutze den Bart zurecht. Danach schnappe ich mir meinen Kamm und versuche, die Haare geschickt über die kahlen Stellen zu verteilen. Geht schon irgendwie, so genau schaut eh keiner hin. Zeit für die nächste Tasse Kaffee. Eine der zwei Birnen der Küchenlampe flackert, die andere ist seit Monaten kaputt. Muss ich unbedingt mal dem Vermieter sagen, der soll sich drum kümmern.


Die Funktionskleidung saß auch schon mal besser. Wäre ich letzte Woche doch noch zweimal mehr trotz des schlechten Wetters gelaufen. Man wird nicht jünger darf nicht so häufig als Ausrede gelten, die Beine hochzulegen und nichts zu tun. Die neuen Laufschuhe allerdings fühlen sich fantastisch an, leicht und doch gut gepolstert federn sie meine Schritte ab. Der nächste offizielle Marathon ist nur noch knapp zwei Monate weg, bis dahin steht drei- bis viermal die Woche laufen auf dem Programm - immer mindestens einen Halbmarathon und mindestens einmal in der Woche auch die Gesamtstrecke. So schnell wie vor fünf Jahren bin ich nicht mehr, aber bei den letzten drei Rennen war ich immer unter den besten Fünf in meinem Alter. In den Rennen merke ich den Unterschied zu den alltäglichen Läufen. Letztere sind durch hügeliges Terrain und daher bedeutend anstrengender als die flachen Laufstrecken, bei denen es um Medaillen geht. Zwei Silbermedaillen liegen in der Schublade meines Schreibtisches, für Gold hat es nie gereicht. Ich rede natürlich nicht von Olympia, das waren immer ganz andere Dimensionen mit all den Stars aus Afrika.
Eines der Probleme, wenn man in einer Stadt Marathon laufen möchte, ist der Verkehr. Es dauerte knapp sechs Monate, bis ich eine Strecke gefunden hatte, bei der ich auf keine Ampel warten musste und ohne anzuhalten durchlaufen konnte. Dabei handelt es sich um einen Rundkurs, der entlang der Goethestraße führt, beim Theater links reingeht, vorbei am Zoo und dem kleinen Naturschutzgebiet bis an den Stadtrand. Von dort aus schwenke ich in Richtung Tannenallee, dann wieder links in die kleine Parkanlage beim Sendeturm, vorbei an meiner Arbeitsstätte und über die Fußgängerbrücke zurück wieder Richtung Goethestraße. Beim ganzen Marathon drehe ich zwei von diesen Runden. Heute habe ich die Zeit dafür, schließlich war ich ja früh hoch.
Als ich am Theater vorbeilaufe, lese ich auf einem der Schilder, dass heute Abend eine Vorführung von einem regionalen Künstler läuft, über den ich auch schon geschrieben habe. Sein Name ist Bernard Veteri und sein neuesten Stück Der Preis der Erkenntnis soll sehr tiefgründig sein. Vielleicht kann ich es mir zu Recherchezwecken demnächst anschauen. Ein paar Minuten später ist die kleine Parkanlage, wie ich erwartet hatte, noch ziemlich verlassen. Lediglich eine ältere Dame mit Hund begegnet mir dort, würdigt mich allerdings keines Blickes. Wer weiß, wo sie mit ihren Gedanken war. An der Fußgängerbrücke, die über insgesamt vier Spuren verläuft, hängt ein großer Banner, der mir ins Auge fällt. Welchen Sinn oder von wem er dort aufgehängt worden ist, erschließt sich mir zwar nicht, aber in großen Buchstaben ist dort zu lesen: Das Wahre vom Bequemen zu unterscheiden, erfordert Mut. Klingt wie aus einem Film, irgendwas, das eine alte, weise Frau zu einer jungen Frau sagen würde.
Nach Ende meiner ersten Runde kommen mir Seitenstechen, das passiert mir alle paar Wochen immer wieder mal. Gewöhnlich verschwinden die Schmerzen aber nach kurzer Pause schnell und ich kann meinen Lauf fortsetzen. Wäre heute Wettkampf, würde ich selbstverständlich durchlaufen, aber den Zwang brauche ich mir in meinem Alter, jetzt beim normalen Laufen, nicht zu geben. Ich halte deshalb in der Nähe eines Kiosks an, neben dem eine Litfaßsäule steht. Wer liest die Anzeigen darauf überhaupt noch im Zeitalter von Smartphones und Social Media? Mindestens eine Person, ertappe ich mich selbst. Nochmals Werbung für das Theater, eine entlaufene Katze wird vermisst, veraltete Anzeigen von diversen Konzerten und noch so ein seltsamer Spruch, der ohne Grund dort steht: Wie eine Pflanze irgendwann den Weg durch den Asphalt findet, so findet auch der Kern der Wahrheit irgendwann den Weg durch das Geflecht an Lügen. Ob das alles Teil einer großen Kampagne ist? Aber wofür?
“Die neuen Forschungsergebnisse sind bahnbrechend. Niemand hätte gedacht, dass so etwas möglich ist.”, höre ich einen jungen Mann sagen. Seine Gesprächspartnerin erwidert, “Ich zuallerletzt! Ich bin damit aufgewachsen, dass es nichts, aber auch gar nichts gibt, was in der Lage wäre, die chemische Verbindung zwischen diesen Molekülen aufrechtzuerhalten - es macht ja auch gar keinen Sinn.” Wahrscheinlich sind die zwei Arbeitskollegen, irgendwelche Forscher. Der Mann nickt. “Eigentlich nicht, aber die Versuche haben es ein ums andere Mal gezeigt. Die veröffentlichten Paper scheinen stichfest zu sein. Ist ein wenig so, wie die Menschen sich gefühlt haben müssen, als die Erkenntnis aufkam, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, sondern sich um die Sonne dreht.” Sie lacht nur. “Also dieser Vergleich ist doch etwas überzogen. Du sollst doch nicht immer übertreiben.”, ermahnt sie ihren Gesprächspartner und fügt dann an, ”Aber ich weiß, was du meinst. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, damit diese Entdeckung Auswirkungen auf unser aller Leben haben wird.” Worüber die zwei wohl genau sprechen? Nachdenklich blickt der Mann gen Himmel: “Das weiß wohl nur Gott, aber wenn du mich fragst, nicht lange. Bei all dem wissenschaftlichen Fortschritt, den die Menschheit in den letzten Jahren gemacht hat, bei all der Beschleunigung und bei all dem rasanten Wandel finden die schlauen Köpfe da oben bestimmt innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre diverse geniale Anwendungen. Und der Markt regelt den Rest, das ist ja bekannt.” Es wird Zeit weiterzulaufen, denn das Seitenstechen hat aufgehört. Worum es bei dem Gespräch genau ging, finde ich leider nicht heraus. Aber was soll’s, auf in die zweite Runde.
Am Ende meiner zweiten Runde, die ich ohne jegliche Beschwerden absolviere, halte ich noch kurz beim Bäcker um die Ecke - ja, den gibt es hier tatsächlich noch - und hole mir zwei belegte Brötchen mit Salat, einem saftigen Stück Fleisch und ein paar Gurken und Tomaten. So günstig kann man es ja nicht selber machen, zumal die Zeit für die Zubereitung wirklich besser genutzt werden kann. Ich bezahle bar, da gehöre ich zur aussterbenden Sorte. Die meisten Menschen, die mir in meinem Alltag sonst beim Einkaufen auffallen, sind überzeugte Kartenzahler. Ich mag das Kleingeld aber irgendwie und für meine Laufrunden habe ich immer einen kleinen Bauchbeutel dabei.
Wieder daheim angekommen, packe ich mir eines der Brötchen für die Arbeit ein, das andere verzehre ich zusammen mit einer weiteren Tasse Kaffee. Beim Überfliegen der Zeitung stoße ich auf kein besonders spannendes Thema, aber auf der Arbeit werde ich sicher noch über was stolpern. Eigentlich gibt es ja heutzutage keinen Tag mehr, an dem nicht irgendetwas Weltbewegendes geschieht. Der Kaffee ist schon ein wenig abgekühlt inzwischen, das tut der Wirkung aber keinen Abbruch. Ich fühle mich fit für den Tag und die verkürzte Nacht auf Grund des Alptraums ist fast vergessen. Ich springe noch schnell unter die Dusche, putze die Zähne und schmeiße mich in meinen legeren, dunkelblauen Anzug. Viele der Kollegen tragen inzwischen nur noch Jeans und T-Shirt oder Pullover zur Arbeit, aber ich finde, elegante Kleidung gehört schon zum guten Stil, gerade auch, wenn man mal Interviews führt. Es muss ja nicht piekfein sein, also keine Krawatte oder so, aber ein bisschen Klasse gehört sich schon.
Beim Anziehen meiner Schuhe fällt mir ein, dass ich noch zwei Dokumente mit zur Arbeit nehmen wollte. Ich stapfe ins Arbeitszimmer, blicke auf einen Berg Papiere und zwei große Tafeln mit Zeitungsausschnitten und Pinnadeln, die Verbindungen anzeigen, ganz so wie man es aus guten Filmen kennt. Ich bin altmodisch, was das betrifft. Andere machen inzwischen alles digital und brauchen kaum noch Papier und Tafeln, aber mir ist das zu eingeengt. Ich brauche das Bild möglichst lebensgroß vor mir. Dann funktioniert mein Kopf besser und Zusammenhänge fallen mir auf, die ich sonst nie erkennen würde. Es dauert bestimmt zehn Minuten, bis ich die beiden Dokumente gefunden habe, aber was lange währt, wird gut, heißt es ja so schön. Ich müsste mal wieder etwas mehr Ordnung schaffen, dann ginge es bestimmt schneller. Am liebsten hätte ich eine Sekretärin, die das für mich erledigt, aber wer blickt schon durch das Chaos, was ich tagtäglich fabriziere. Der Gedanke ringt mir ein Lächeln ab.
Auf dem Hausflur ist es laut. Michael und Dennis müssen zur Schule beziehungsweise in den Kindergarten. Die zwei haben beide ein unfassbares Organ, was sie auch mehr als genug in Schreiwettbewerben gegeneinander demonstrieren. Ich frage mich, was in der Erziehung dort falsch läuft. Wahrscheinlich sind die Eltern einfach zu lasch, lassen den Kindern alles durchgehen. Ich sage ja nicht, dass es früher richtig war, die Kinder mit dem Rohrstock zu schlagen, aber in gewisser Weise übertreiben es die meisten Eltern jetzt in der anderen Richtung. Egal was das Kind tut, es ist ein Engel, böse Worte oder Zurechtweisungen sind verpönt. Die Folge ist mangelnder Respekt vor Erwachsenen, Missachtung von einfachsten Verhaltensregeln und fehlendes Gespür dafür, wann eine Grenze erreicht ist. Manchmal mache ich mir echte Sorgen über die zukünftigen Erwachsenen und dabei bekleckert sich meine Generation schon nicht mit Ruhm.
Ich öffne die Wohnungstür und ein kreischendes “Ich will meine Jacke aber heute nicht anziehen. Es ist viel zu heiß!”, peitscht mir entgegen. “Tag.”, sage ich kurz und knapp. “Guten Morgen Herr Truggenbrot, welch schöner Tag heute, wie geht es Ihnen?”, fragt Frau Dinsel, ich glaube Jennifer ist ihr Vorname. “Den Umständen entsprechend.”, antwortete ich, ohne genauer auf selbige einzugehen. Nach kurzem Stutzen sagt sie: “Die Kinder haben schlecht geschlafen die Nacht und sind etwas aufgebracht. Ich bitte das zu entschuldigen, sie können hin und wieder ganz schön Krach machen.” Hin und wieder ist gut, denke ich mir, bis 21 Uhr ist täglich nicht an ruhiges Arbeiten von zu Hause aus zu denken. Immer wieder schreien die Kinder, immer wieder gibt es Gemecker und immer wieder knallen Türen. Erst wenn die Gören im Bett sind, wird es ruhiger. “Ja.”, ist alles, was ich hervorbringe und beginne, die Treppe hinab zu steigen. Frau Dinsel wünscht mir noch einen schönen Tag. Kurz vor der Haustür angekommen, höre ich eines der Kinder fragen: “Mama, wieso ist der Mann so seltsam und redet so wenig?” Ich bilde mir ein, einen Seufzer zu hören, “Ach Dennis, wahrscheinlich ist er nur sehr im Stress wegen der Arbeit. Du weißt doch, er ist Journalist, das ist ein anstrengender Job.” Damit hat es nicht so viel zu tun, genervt von deinem Lärm würde es besser treffen.
Ich trete hinaus ins Freie und lege die knapp 200m zur Bushaltestelle zurück. Ich besitze zwar seit meinem zwanzigsten Lebensjahr einen Führerschein, aber ein eigenes Auto besitze ich nicht. Die wichtigsten Orte sind zu Fuß oder mit dem Bus erreichbar. Das war auch schon als Kind immer so, weshalb mir die Vorstellung eines eigenen Autos immer irgendwie befremdlich vorkam. Mein Onkel drängte mich damals, den Führerschein zu machen, wofür ich ihm unterm Strich auch dankbar bin. Es gab vereinzelte Momente, in denen ich ihn gut gebrauchen konnte. Zuletzt fahre ich aber lediglich noch von der Arbeit aus, wenn meine Recherche verlangt in kleine, abgelegenere Orte zu reisen. Privat nehme ich mir im Zweifel einfach ein Taxi. Zur Arbeitsstelle sind es von hier aus lediglich vier Bushaltestellen, die Busse sind meist noch einigermaßen leer und ich finde in der Regel noch einen Sitzplatz. Meistens stehe ich allerdings trotzdem, für die paar Stationen lohnt es sich ja nicht, sich extra hinzusetzen. So alt fühle ich mich dann an den meisten Tagen doch noch nicht.
An der Bushaltestelle sehe ich schon wieder eines dieser Plakate. Dieses Mal steht drauf: Man will nur wissen, was einem hilft, das eigene Weltbild zu bestätigen. Mit dem Spruch kann ich wenig anfangen. Für meine Recherchen will ich allerlei Dinge erfahren, als Journalist muss man schließlich nachhaken und der Wahrheit auf den Grund kommen. Da kann man sich nicht nur hinstellen und sich die Kirschen raussuchen. Wie sollte das denn funktionieren? Man muss schon immer versuchen, möglichst viele Seiten zu beleuchten, um ein umfassendes Bild zu bekommen. Wenn ich Nachforschungen anstelle, reichen sogar meine zwei großen Tafeln in manchen Fällen nicht aus, aber zum Glück habe ich noch zwei weitere im Keller stehen. Wenn es wirklich eng wird, hole ich eine oder sogar beide davon auch noch hoch. Aber gut, nicht jeder Mensch ist journalistisch ausgebildet und weiß diese Dinge. Kann schon sein, dass der Spruch für andere zutrifft.
Ich bin an diesem Morgen der einzige Gast, der auf den Bus wartet. Drei Minuten habe ich noch Zeit und blicke mich um. Die Straßen sind normal gefüllt, die wenigen Fußgänger sind mit geneigtem Kopf auf ihre Handys fixiert und sehen sich wahrscheinlich die aktuellen Aktionskurse an. Oder sie surfen in den sozialen Medien. Da fällt mir ein, dass ich doch auch noch was nachschauen wollte. Ich zücke mein Handy, aktiviere mit meinem Daumen den Zugang und prüfe die neusten Nachrichten. Sieben sind es heute Morgen. Sechs davon brauche ich nach Kenntnisnahme der Absender gar nicht erst zu lesen und die siebte ist von meiner Mutter. Aus Pflichtgefühl öffne ich sie. Sie würde sich freuen, wenn ich mich mal wieder bei ihr melde. Ihr Auto müsste mal wieder in die Reparatur, ob ich nicht Zeit hätte, mal vorbeizuschauen. Ich antworte kurz und knapp, dass es vielleicht am Wochenende klappen könnte. Lust habe ich ja keine.
Als ich mit 24 Jahren endlich ausgezogen bin, hatte ich die Schnauze komplett voll von meiner Mutter. Dieses ewige Genörgel war nicht mehr auszuhalten. Die ersten drei Jahre danach habe ich sie nicht einmal besucht. Nicht mal zu Weihnachten haben wir uns gesehen. Sie war zwar nicht besonders glücklich darüber, aber das war mir egal. Im Endeffekt hat dann wieder mal mein Onkel dafür gesorgt, dass wir uns zumindest wieder ein bisschen annähern. Wir haben einander einfach nicht viel zu erzählen. Sie interessiert sich nicht dafür, was ich mache, sondern immer nur dafür, ob ich endlich eine Frau gefunden habe. Natürlich nicht. Und wenn würde das eh nicht lang halten. Schau dir doch die Beziehungen in der Welt an, das lohnt sich doch alles nicht, sage ich ihr immer. Aber wenn sie das akzeptieren würde, hätte sie wahrscheinlich nichts mehr zu meckern. Wir telefonieren inzwischen regelmäßig einmal im Monat, das reicht uns beiden - mir vor allem - dann aber wieder. Unser Verhältnis hat sich über die letzten Jahre insgesamt zwar stabilisiert, aber Freude bereitet mir ein Besuch trotzdem nicht. Es ist auszuhalten, sofern es nicht zu lange dauert und nicht zu viele Fragen gestellt werden.
Ich wollte doch aber noch irgendwas anderes schauen. Vergessen, fällt mir schon wieder ein. Da kommt auch der Bus, sechs Minuten Verspätung, ganz schön viel für die frühe Uhrzeit. Er hält mit der hinteren Tür neben mir, so dass ich genug Zeit habe, die Aufschrift zu lesen: Heute schon aufgewacht? Werbung für Matratzen, auf denen man himmlisch gut schlafen können soll. Aufgewacht schon, sonst könnte ich das ja jetzt nicht lesen, denke ich mir. Bei all dem Blödsinn wäre eine weitere Runde Schlaf vielleicht gar nicht so verkehrt, aber auf der Arbeit werde ich dazu keine Zeit haben. Ich steige ein und halte meine Fahrkarte hoch. Der Busfahrer erkennt mich im Spiegel und nickt mir zu, die Tür schließt und der Bus setzt sich in Bewegung. Kaum ist der Bus losgefahren, klingelt mein Handy. Das Display signalisiert einen Anruf von Richard Zweigritter, meinem Chef und Redaktionsleiter der Zeitung. Wir kennen uns seit meinem Vorstellungsgespräch vor etlichen Jahren. Er war damals federführend bei meinem Interview und beeindruckte mich zutiefst mit seinem Wissen und seiner Menschenkenntnis. Auf Anhieb haben wir uns verstanden und fortan ist er so etwas wie mein Ziehvater in der Zeitung geworden. Klar lernt man im Studium so allerlei über Journalismus, aber die Praxis sieht doch immer etwas anders aus. Was ich von Richard gelernt habe, könnte ich zwar heute schon in einem großen Band über das perfekte Schreiben von Artikeln zusammenfassen, aber würde wohl trotzdem nur einen Bruchteil seines Wissens wiedergeben.
“Guten Morgen Richard, ich bin auf dem Weg zur Arbeit, was kann ich für dich tun?”, begrüße ich ihn. “Guten Morgen Rolf, ich habe eine Frage. Traust du dir zu, einen Artikel oder sogar eine Reihe von Artikeln über einen Musiker zu schreiben? Ich weiß, das ist sonst nicht dein Gebiet, aber hast du nicht schon mal so etwas gemacht?” Vor ein Paar Jahren war tatsächlich mal eine lokale Band ins Rampenlicht gerückt, weil sie einen sehr erfolgreichen Song produziert hatte. Als sie daraufhin erstaunlich hohe Beträge für soziale Stiftungen gespendet haben, sind sie auch in meinen Fokus gerückt und ich habe sie interviewt. Beeindruckende Menschen waren das, die sehr bodenständig waren und sich nicht viel aus ihrem plötzlichen Ruhm machten. Was sie jetzt machen, weiß ich aber nicht. Ich habe ewig nichts mehr von ihnen gehört. “Ja, da war mal was. Aber wir haben doch mit Christian und Evelyn zwei Mitarbeiter, deren Ressort dazu viel besser passt oder gibt es besondere Hintergründe?” Christian und Evelyn sind beide im Kulturbereich tätig, während ich mich mehr um Soziales und Recht kümmere, manchmal auch in Richtung Unterhaltung aber eher selten. “Christian hat Urlaub die nächsten zwei Wochen und unglücklicherweise fällt Evelyn wegen eines Unfalls mindestens vier Wochen aus. Du bist mein erster Ersatzkandidat, weil ich weiß, was du drauf hast. Komm bitte in mein Büro, sobald du da bist, ja?” Ich antworte ihm, dass ich das natürlich mache und wir dann vor Ort alles Weitere besprechen können. Es piept und eine weibliche Stimme benennt den nächsten Stop, noch eine Haltestelle.
Kapitel 3

Am selben Tag in einem Bürogebäude in der Innenstadt
Die Waage der Justitia ziert den Hintergrund, in großen, alt und elegant wirkenden Buchstaben ist das Wort Diplom zu lesen und der Stempel der Universität ist rund und kräftig. Im goldenen Bilderrahmen hängt das wertvollste Dokument meines Lebens über dem kleinen Barschrank mit eingebautem Minikühlschrank, auf dem ein Gläserset aus drei Teilen aufgebaut ist. Das vierte Glas halte ich selbst in der Hand, gefüllt mit einem kleinen Schluck Whiskey. Selbiger war nicht ganz billig, knapp unter 100€ die Flasche, aber der Geschmack rechtfertigt das. Wenn es etwas gibt, was das Geld wert ist, dann sind das die Dinge im Leben, die für eine ekstatische Begeisterung der Sinne sorgen und dazu gehört dieser speziell in Schottland gebraute Whiskey definitiv.
Mein Blick schweift durch den mit Mahagonimöbeln ausgestatteten Raum, in dem die Regale eindrucksvoll eine schier unglaubliche Auswahl an Weltliteratur, prall gefüllten Ordnern mit Falldaten und eine riesige Sammlung Bänder voller Gesetzestexten präsentieren. Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Dieser inspirierende Satz steht auf einer Tafel an der gegenüberliegenden Wand. Es ist nicht der einzige Spruch dieser Art, denn in jedem der drei Geschäftsräume hängen zwei Exemplare mit motivierenden Zitaten großer Menschen. Die zweite Tafel im Raum besagt: Wer kein Ziel hat, kann auch keines erreichen. Die Tafeln sind ein Teil meines Alltags, eine Erinnerung an das, was ich erreichen will. Meine Ziele habe ich immer vor mir, ich weiß, wo ich hinwill.
Zwei weitere Fälle sind heute Morgen reingekommen. Ich wusste, es wird ein guter Tag, als ich die letzten Stufen der Tiefgarage empor trat, die Morgensonne mir ins Gesicht schien und ich die Aufschrift Rechtsanwalt Dr. Thomas Frei neben der Eingangstür laß. Neben all den exquisiten Geschäften, den großen Lofts und den unzähligen Eingängen von Steuerberatern und Versicherungsexperten, fällt der Eingang gar nicht so sehr auf. Dennoch ist die Gegend absolut perfekt und verspricht reiche Kundschaft. Dass ich den Standort einmal übernehmen könnte, hatte ich nicht erwartet, aber zwei Zufälle sorgten dafür. Zum einen war da mein Praktikum, das ich als 19-jähriger in genau diesem Gebäude absolvierte. Der Vorbesitzer, auch ein Anwalt, galt als Legende in der Stadt und irgendwie sah er etwas in mir, das ihm gefiel. Dem ersten vierwöchigen Praktikum folgte noch ein zweites, dieses Mal über drei Monate. Wir verstanden uns prächtig und Jahre später bekam ich einen Anruf, ob ich nicht Interesse hätte, die Location zu übernehmen. Finanziell wäre das für mich allein jedoch nie machbar gewesen, so dass ich auf Hilfe angewiesen war. Der zweite Zufall trat auf, als ich Herrn Russ kennenlernte, einen weiteren Rechtsanwalt, der beim Strandurlaub auf den Malediven zufällig das Hotelzimmer neben mir hatte und sich gleich zweimal in der Tür irrte. So lernten wir uns kennen und schätzen. Ich konnte ihm damals schon ansehen, dass er nicht nur über eine Menge Geld verfügte, sondern auch gern vieles davon ausgab. Das runde Gesicht, die weit geöffneten Augen und die großen Nasenlöcher wiesen darauf hin. Trotzdem fiel mir die Frage, ob er sich vorstellen könnte, die Miete für die Erdgeschosswohnung mit zu bezahlen und gemeinsam zu nutzen, nicht einfach. Im Nachhinein aber bin ich heilfroh, es getan zu haben, zumal er nur zwei Sekunden nachdachte und dann mit breitem Lächeln zusagte. Es sei eine tolle Idee und er wolle schon seit längerer Zeit seinen Standort ändern und näher im Zentrum arbeiten. Was wir dann innerhalb eines halben Jahres aus der Fläche gemacht haben, gleicht einem dieser Makeovers aus den typischen Frauenfilmen, in denen das Mauerblümchen zum Model wird. Das Einzige, was vom ursprünglichen Interior geblieben ist, ist Frau von Gesollte, die Sekretärin des Vermieters, die ich schon aus meiner Zeit als Praktikant kannte. Sie ist so gut, dass sie es schafft, für Herrn Russ und mich alles zu organisieren, ein wahres Talent. Offiziell könnte sie nächstes Jahr in Rente gehen, aber ich hoffe, dass sie noch ein bis zwei Jahre dranhängt.
Der erste Fall, der heute reingekommen ist, betrifft einen Nachbarschaftskleinkrieg, bei dem es in aller erster Linie um Lärmbelästigung geht. Der Kläger behauptet, mein Mandant würde zu unmenschlichen Zeiten Gartenarbeit verrichten und darüber hinaus mit lauter Musik die Nachtruhe stören. Er klagt jedoch alleine, was schon mal ein Zeichen dafür ist, dass mein Mandant nicht allzu sehr gegen gesetzliche Auflagen verstößt. In der Akte zu dem Fall ist ein Bild des Klägers mit dabei, auf dem sein Gesicht älter wirkt als die 52 Jahre, die im Profil stehen. Die dunklen Augen sind offen und rund, die Augenbrauen sehr kurz und gerade. Demzufolge ist er wahrscheinlich ein Mensch, der zu impulsiven Entscheidungen, basierend auf seinen Emotionen, neigt. Die Lippen sind schmal, das Kinn eher dünn, besonders durchsetzungsfähig ist er also auch nicht. Die Stirn ist flach und nicht besonders ausgeprägt, was zum Eindruck passt, dass er geradlinig denkt und im Fall nicht mit Überraschungen seinerseits zu rechnen ist. Strategisch werden wir sehr faktenbasiert vorgehen und immer wieder emotionale Stiche setzen, so dass der Kläger möglicherweise die Fassung einmal verliert, dann sollte das Urteil schnell gefällt sein. Mein Mandant ist unschuldig.
Im zweiten Fall geht es etwas brisanter zu. Der Anruf kam früh am Morgen, eine gewisse Frau Yunoma war am Apparat, die aufgebracht schilderte, dass sie von einer Bekannten gehört hätte, ich sei der beste Anwalt der Stadt und dass sie meine Hilfe bräuchte. Am vergangenen Wochenende sei es nämlich im Rahmen einer Feier zu sexueller Belästigung gekommen, für die es mindestens zwei Zeuginnen gäbe und darüberhinaus auch der Barkeeper davon mitbekommen haben müsste. Mein erster Eindruck war, dass sie Recht hat - ich bin tatsächlich der beste Anwalt der Stadt. Aber auch im Fall hat sie offenbar gute Argumente für sich, so dass ich mit ihr vereinbarte, sie solle sich mit Frau von Gesollte kurzschließen, um einen Termin auszumachen. Ich muss gleich mal nachfragen, was daraus geworden ist.
Ein paar mehr Informationen brauche ich schon, bevor ich sicher bin, dass der Fall positiv für mich ausgeht. Das wäre was! Aktuell fehlen nämlich nur noch zwölf Fälle, zwölf Fälle bis zu den tausend! Tausend gewonnen Fälle! Und das in meinem Alter! Damit würde ich nicht nur der beste Anwalt der Stadt sein, ich wäre sogar unter den besten zehn des Landes und würde endlich in die Fußstapfen meines Vaters und dessen Vaters treten, denn beide waren auch extrem erfolgreiche Anwälte. Selbst meine Mutter hat sehr erfolgreich als Strafverteidigerin gearbeitet und sich einen Namen gemacht. Anwalt sein, dass liegt uns allen im Blut. Tausend gewonnene Fälle mit 40 Jahren, das ist diese magische Grenze und ich schnuppere schon dran.
Gerade das letzte Jahr lief unglaublich gut. In den vergangenen knapp elf Monaten habe ich bereits 196 Fälle erfolgreich bestritten, das sind fast 18 Fälle pro Monat. Verloren habe ich nicht einen Fall. Ich gebe zu, dass ich in all der Zeit nicht besonders viel geschlafen habe - und der Urlaub fiel obendrein das Jahr auch noch aus. Gelohnt hat es sich aber und ich musste einmal mehr feststellen, dass es wirklich nur auf die Vorbereitung und die Kommunikation ankommt. Wenn man die Kläger und die Richter einzuschätzen weiß, dann kann man sich immer die richtige Strategie zurecht legen. Natürlich muss man auch frühzeitig erkennen, ob ein Fall gewinnbar ist oder nicht, weshalb ich auch bestimmt schon über 200 Fälle dieses Jahr abgelehnt habe. Das mache ich aber in der Regel schon nach dem ersten Treffen mit der jeweiligen Person. Das Gesicht, die Mimik und die Körpersprache sagen so viel über eine Person aus, wenn das die Leute wüssten, sie wären verblüfft. Vieles von dem, was ich über das Lesen von Menschen gelernt habe, stammt noch aus der Zeit meiner Praktika. Mein Mentor hat mich damals immer wieder auf die vielen kleinen Details aufmerksam gemacht, die dafür wichtig sind. Thomas schau, hast du das Zucken der Mundwinkel gesehen, das sind Mikroexpressionen. Wenn die so aussehen, stehen sie für Verachtung. Der Typ ist geprägt von seinen Vorurteilen gegenüber Frauen. Hab ich gestaunt, als sich das im Laufe der Verhandlung immer mehr zeigte. Ein anderes Mal erklärte er mir Thomas, siehst du die Kopfhaltung, immer leicht nach unten blickend? Das ist Scham. Sie vermeidet auch direkten Augenkontakt zum Opfer. Und da, das Schlucken bevor sie antwortet. Alles Zeichen dafür, dass sie schuldig ist. Mir wurden damals die Augen für eine ganze neue Welt geöffnet, seither bin ich fasziniert und verschlinge Literatur zu dem Thema und überprüfe die Hypothesen, die darin aufgestellt werden. Dank meines Berufes habe ich die Möglichkeit, so vielen Menschen zu begegnen, da bietet sich das einfach an. Und das Beste ist, wenn man dieses Hintergrundwissen besitzt, können Gegenargumente noch so logisch klingen, die Indizien bewahrheiten sich laufend. Ich würde behaupten, es ist Zwischen-den-Zeilen-lesen-2.0.


Ich erhebe mich aus meinem gepolsterten Lederstuhl und drehe mich um. Die große Fensterfront mit den langen, halbdurchsichtigen Gardinen breitet sich vor mir aus. Ich gehe zur Schiebetür und ziehe sie zur Seite, woraufhin mir frische Luft entgegen strömt, während ich auf die Veranda trete, auf der ein kleiner Zweisitzer steht, überdacht und gemütlich. Zwei kleine Stufen führen von der Veranda in den extra angelegten Garten, der einen Hauch von Zen hat, eine gewisse Schlichtheit. Alles wirkt abgestimmt und die kleinen Steinberge an den Wegrändern haben etwas faszinierendes. Die Idee für diesen Garten hatte ich, weil mir wichtig war, ein Rückzugsgebiet zu haben, das möglichst nah an der Arbeitsstätte ist. In einer Zeitschrift hatte ich dann gelesen, dass gerade im dicht besiedelten Stadtraum der Trend im Kommen ist, selbstangelegte Kleingärten zu kreieren. Die Autoren nannten es damals quasi eine Oase der Zuflucht inmitten der Großstadt, was mir sehr gut gefiel. Eigens für den Garten haben Herr Russ und ich dann Pedro eingestellt, der zweimal die Woche kommt und den idyllischen Garten pflegt.
Der kleine Teich am nördlichen Ende ist ein wahrer Hingucker und Pedros ganz besonderer Stolz. Zunächst waren wir dagegen, weil er einen Brunnen dafür bauen musste und das rechtlich nicht ganz einfach war. Sein Konzept aber war überzeugend und ich möchte den Teich mit seinen zwölf Goldfischen nicht missen, weil ich seit der Inbetriebnahme jeden Tag aufs Neue herkomme und die Fütterung übernehme. Die Fische bekommen nicht besonders viel, aber dafür hochwertige Nahrung, da dies laut Pedro immens wichtig sei, weil gerade hier in der Stadt den Pflanzen und Algen einige natürliche Stoffe zum richtigen Gedeihen fehlen würden. Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht aus, aber vertraue ihm. Das Futter riecht etwas streng, aber irgendwie gehört das dazu und stört mich auch nie lange, denn wenn die Fische mich kommen sehen, schwimmen sie immer schon gespannt auf die tägliche Ration an die Oberfläche und lenken mich entsprechend ab. Pedro sagt, einige der Fische sind bereits über acht Jahre alt, was für Freiluftfische ein beachtliches Alter darstellt. Einige von ihnen erkenne ich inzwischen am Muster, bin aber niemand der deswegen der Namensgebung verfällt. Der Fisch mit dem leicht dunkleren Silberstreifen an der rechten Seite war die letzten Tage etwas träge, scheint sich aber über das Wochenende wieder gefangen zu haben und schwimmt heute deutlich schneller durchs Wasser. Gierig verschlingen die Fische alles, was ich ihnen vorsetze und blicken dann fast fragend nach dem Motto auf: War das jetzt schon alles? Ich zucke mit den Achseln, “Ja, alles schon weg, morgen gibt es mehr.”
Während ich die Fische beobachte, wie sie sich langsam wieder verteilen, denke ich an die Zukunft. Die Schallmarke der tausend gewonnenen Fälle ist nah, selbst überregional hat dies schon für Aufsehen gesorgt und weil in zwei Monaten ein großer Kongress stattfindet, bei dem immer Redner mit besonderen Talenten oder Werdegängen sprechen dürfen, wäre es elementar wichtig, die fehlenden zwölf Fälle schnellstmöglich zu gewinnen. Der Veranstalter hat bereits bei mir angefragt und vorgeschlagen, dass ich dort sprechen könnte, sofern denn die tausend bis nächsten Monat geknackt sind. Ein bisschen Vorbereitungszeit braucht so eine Veranstaltung ja und Planungssicherheit spielt in diesen Tagen eine wichtige Rolle. Nach den letzten Monaten und den zwei heutigen Fällen dürfte das alles aber definitiv ein Kinderspiel werden. Was auf den Kongress folgen könnte, sind große Aufträge, eine Menge PR und wer weiß, vielleicht habe ich irgendwann so viel Erfolg, dass ich Herrn Russ nicht mehr brauche, um die Miete zu stemmen. Eine riesige Kanzlei mit mehr eigenen Mitarbeitern hätte schon was für sich.
Genug der Pause. Langsam schlendere ich zurück über den mit Kieseln ausgelegten Weg, schließe die Schiebetür hinter mir und betrete kurz darauf das Vorzimmer, in dem sich Frau von Gesollte aufhält und telefoniert. Sie gibt mir ein Handzeichen, dass es nur eine Minute dauert, weshalb ich selbstverständlich warte. Seit insgesamt 43 Jahren arbeitet sie nun in diesem Büro, eine unfassbare Zeit. Sie sagt, sie habe alles gesehen, was man in Anwaltsbüros sehen könne, inzwischen sei sie kompetent genug, um 80 Prozent der Fälle selbst zu lösen. Für die anderen 20 Prozent, fügte sie lächelnd hinzu, würde ich dann doch noch benötigt werden. Sie legt auf. “Haben Sie den Termin mit Frau Yunoma vereinbart? Sie hatten mir keine Nachricht gegeben.” Skeptisch zieht sie eine Augenbraue hoch, eine Fähigkeit, die ich nie gelernt habe. “Ein bisschen mehr Respekt im Ton, bitte. Frau Yunoma war etwas ungewiss, weil ihre Tochter noch zwei Auftritte diese Woche hat. Sie wollte das klären und sich noch einmal melden. Das hat sie noch nicht getan.” Ich räuspere mich. “Verzeihung, Sie wissen ja, die Tausendermarke fällt möglicherweise mit genau diesem Fall, ich kann es gar nicht abwarten.” Sie schüttelt mit dem Kopf. “Ob die nun heute, morgen oder in zwei Wochen fällt, ist doch egal. Sie sind und bleiben ein guter Anwalt.” Guter Anwalt reicht aber nicht. “Sie wissen genau, dass der Kongress demnächst stattfindet und ich die PR gut gebrauchen kann, von daher muss jetzt alles etwas schneller gehen. Rufen Sie Frau Yunoma noch einmal an und machen Sie für diese Woche noch etwas aus - am besten morgen.” Sie verdreht kurz die Augen und lenkt dann ein, “Wird gemacht.” Man wird nicht der beste Anwalt der Stadt, indem man Zeit unnötig verstreichen lässt oder sie mit unangebrachtem Geschwafel verbringt. Hin und wieder muss man auch Tacheles reden und dann läuft es. Frau von Gesollte kennt diese Art von mir, auch wenn sie nicht immer damit einverstanden ist.
Ich will mich gerade abwenden und zurück ins Büro gehen, da öffnet sich die Tür von Herrn Russ. “Guten Morgen Herr Frei, wie geht es Ihnen heute?”, eröffnet er das Gespräch. “Guten Morgen Herr Russ, alles bestens bei mir, danke. Haben Sie den Fall Kemper gegen Zeitz verfolgt? Ich habe mich kaputt gelacht!” Beim angesprochenen Fall ging es um einen Arbeitsunfall in einem Schlachtbetrieb, bei dem einer der Mitarbeiter einen Finger verloren hat. Der Fall war eigentlich sonnenklar und doch schaffte es der Angeklagte Kemper, vom Schadenersatz frei gesprochen zu werden. “Ja ein wenig. Dr. Schönberger hatte Herr Zeitz vertreten oder? Hatten Sie nicht gesagt, der Fall sei klar?” Dass der Fall in der Größe überhaupt bekannt wurde, liegt daran, dass der Bruder des Chefredakteurs einer lokalen Zeitung den Schlachtbetrieb leitet und es entsprechend in den Medien vor Ort rumging. “Er war glasklar, der Typ ist schuldig, da gibt es gar keinen Zweifel. Aber wenn man sich eben jemanden so inkompetenten wie Dr. Schönberger ins Boot holt, muss man sich nicht wundern. Der hat seine Hausaufgaben einfach nicht gemacht. Es gab mindestens zwei Zeugen, die hätten aussagen können und beim einen hat er die Glaubwürdigkeit nicht gesichert und den anderen hat er gar nicht erst in den Zeugenstand berufen. Ein wahres Trauerspiel, wenn Sie mich fragen.” Herr Russ schüttelt mit dem Kopf und sagt: “Das war nicht das erste Mal, dass ihm ein sicher geglaubter Fall entgleitet. Erinnern Sie sich an den rausgeschmissenen Mieter damals? Der hatte ja noch Glück, dass er bei der Revision jemand anderen gefunden hat.” Mit jemand anderem meint er mich, aber ich binde es ihm nicht auf die Nase. “Ja, wenn ich im Vorfeld wüsste, dass der Schönberger die andere Seite vertritt, würde ich jeden Fall annehmen, egal, wie aussichtslos er erscheint.” Gelächter von beiden Seiten halt durch das Vorzimmer, nur Frau von Gesollte arbeitet ruhig an ihrem rund geformten Schreibtisch weiter. “Ich werde mal dem Asiaten um die Ecke einen Besuch abstatten, es ist mal wieder Zeit für All-You-Can-Eat und ich habe mächtig Kohldampf.” Mindestens einmal die Woche geht Herr Russ dort essen. Asiatisch ist nicht so meins, außer richtig gut gemachte Sushi mit dem richtig guten Fisch, der allerdings bei einem Buffet nie aufgetischt, sondern stets durch B-Ware ersetzt wird. “Na dann guten Appetit.” Herr Russ verabschiedet sich, wirft seinen schwarzen Mantel über und verlässt den Raum. “Sie sollten mehr lachen Frau von Gesollte, ist gut für die Gesundheit.” Wieder so an argwöhnischer Blick, “Kommen Sie erst mal in mein Alter, dann dürfen Sie mir auch Gesundheitstipps geben.”


Es ist 14 Uhr und damit Zeit für meine nachmittägliche Meditation in der Gartenlaube. Umringt von einer fast zwei Meter hohen Buchsbaumhecke steht eine kleine hölzerne Bank aus Eiche, die Platz für eine Person bittet. Darum verteilt sind viele kleine Pflanzen, die nicht nur optisch durch ihre Farben begeistern, sondern vor allem durch ihren Duft dafür sorgen, dass man den Alltagsstress im Nu vergisst. Die Bank ist gepolstert und kann bei Bedarf mit einer Plane überdacht werden, die an vier dünnen Holzpfählen angebracht ist. Wenn dann der Regen auf die Plane prasselt und die Luft gleich viel frischer riecht, sind das die tollsten Momente. Heute aber ist es trocken, die Sonne kommt hin und wieder mal durch die Wolkendecke hindurch und beglückt einen mit einem Wärmeschwall. Ich nehme einen tiefen Atemzug und verlagere mein Bewusstsein zu den Düften der Blumen. Zur Zeit blühen vor allem zwei Rosensorten: die Alba Maxima, eine weiße Sorte, die sehr robust daherkommt und die leicht rosa-orangene Charles Austin, deren fruchtiger Duft, den der Alba Maxima übertönt. Mit dem Ausatmen des nächsten Atemzuges schließe ich meine Augen und beginne, meine Gedanken zu beobachten. Manchmal nutze ich ein Mantra, um fokussierter zu bleiben, aber jetzt ist mir gerade nicht danach. Stattdessen lasse ich den Gedanken freien Lauf, ohne sie besonders beeinflussen zu wollen. Diese Art der Meditation kann sehr interessant sein, wenn man eine neugierige Grundhaltung einnimmt, was man denn wohl dieses Mal für Gedanken haben wird. Ich finde es immer erstaunlich, wie viele Gedanken einem durch den Kopf schwirren und wie häufig es zu Gedankensprüngen kommt, bei denen man plötzlich völlig andere Themen bearbeitet als noch im Augenblick davor. Nur durch das bewusste Beobachten der Gedanken kann man selbst entscheiden, welchen Gedanken man tiefer folgen möchte. Es ähnelt schon fast einer Kunst, bei der ich mich frage, wieso sie nicht offiziell an Schulen gelehrt wird.
Der erste Gedanke, der mir deutlich wird, ist der an mein an der Wand hängendes Diplom, was nicht grundlos ist, denn heute vor genau zehn Jahren habe ich es bekommen. Wie die Zeit verfliegt. Ich erinnere mich, an die Zeremonie der Übergabe, wie alle Absolventen in ihren schwarzen Anzügen einer nach dem anderen auf die Bühne der Universitätsaula geholt wurden und an die zwei Gastredner, die von dem Alltag der Arbeitswelt schwärmten. Meine Atmung beruhigt sich mehr und mehr, die Erinnerung verblasst und Ruhe tritt ein. Ein leichtes Plätschern im nicht weit entfernten Teich ist zu vernehmen, vielleicht ein Frosch, der ins Wasser gesprungen ist. In der scheinbaren Ferne, auch wenn es nur wenige Meter sind, fahren Busse, Taxis und andere Autos durch die Straßen, aber im Großen und Ganzen hält sich der Verkehr hier in der Regel in Grenzen, da die meisten Zufahrten nur für Anlieger sind. Das Zentrum der Stadt ist gesetzlich ohnehin autofrei, so dass die großen Parkhäuser alle etwas weiter außerhalb zu finden sind. Meine Gedanken kehren zurück zur Zeremonie und wie ich meinen Eltern in die Augen blicke, stolz auf das Geleistete. Sie applaudieren und doch habe ich den Eindruck, dass es für sie das Selbstverständlichste auf der Welt ist, dass ich mein Diplom nun in den Händen halte. Am Abend setzt sich mein Vater zu mir an den Tisch und sagt: “Junge, jetzt beginnt der Ernst des Lebens, jetzt musst du zeigen, dass du ein Anwalt vom Schlag Frei bist. Enttäusche uns nicht!”
Die Fußstapfen waren immer schon groß. Während andere Kinder auf Spielplätzen Fußball spielten oder sich die Zeit vor Spielekonsolen vertrieben, gab es bei mir ständig Nachhilfe, denn eine Zwei war eben nicht gut genug. Ich sehe meinen Mathelehrer vor mir, wie er verzweifelt versucht, mir die geometrischen Formeln zur Berechnung von Zylindern und Trapezen zu erläutern. Eine schreckliche Zeit war das! Als ich eine Eins minus in der Arbeit nach Hause brachte, war meine Mutter stinksauer. “Wir bezahlen ein halbes Vermögen für den Nachhilfelehrer”, sagte sie, “und das ist alles?” Danach sah ich ihn nie wieder.
Ich atme tief ein und langsam wieder aus. Die Erinnerung verblasst und Schwärze und Stille treten an ihre Stelle. Eine tägliche Meditation ist wie eine Kurzkur, eine Kur der Gedanken, ein Aussortieren des Mülls, der sich in der Vergangenheit angesammelt hat. Jeden Tag ein bisschen was rausbringen, das lindert den Stress ungemein. Selbst die großen Firmen haben neuerdings den Nutzen für ihre Mitarbeiter entdeckt, die extra Pausen zur Meditation anbieten, so dass die Angestellten dann viel konzentrierter und effektiver ihrer Arbeit nachgehen.
“Wenn du mal groß bist, wirst du der beste Anwalt der Stadt sein.”, höre ich meinen Vater sagen. Ich bin vielleicht neun Jahre alt und es ist Weihnachten, was unschwer an den dicken, roten Kerzen, die am Christbaum brennen, dem lila Lametta, das in deren Licht glänzt, und dem großen Stern, an der Spitze, der das Licht der kleinen Flammen spiegelt, zu erkennen ist. Im Hintergrund läuft Weihnachtsmusik und die ganze Familie ist schick gekleidet. Ich habe soeben eines meiner Geschenke ausgepackt und ein Gesetzbuch zum Vorschein gebracht, was mich offenbar etwas irritiert hat schauen lassen, so dass sich mein Vater gezwungen fühlte, das Geschenk zu erklären. Nachdem er mit seinen Erklärungen fertig ist, blicke ich ihn mit großen Augen an: “Toll, Papa, dann werde ich genauso vielen Menschen helfen wie du.” Er entgegnet: “Na, ich hoffe, noch vielen mehr, du wirst ja schließlich noch erfolgreicher als ich. Dafür werden wir alles tun, stimmt’s?” Ich nicke, “Stimmt, Papa!”, und umarme ihn, “Danke!”
Einige Atemzüge später höre ich, wie Kieselsteine unter der Last von Schritten zur Seite geschoben werden. Ein letzter tiefer Atemzug und ich öffne langsam meine Augen. Sie müssen sich kurz an die Helligkeit gewöhnen, sehen dann aber wieder klar die Farben der Rosen und das dunkle Grün der Hecke. Die Schritte kommen näher. “Thomas, hey, störe ich?”, erklingt es von hinter der Hecke.
Die raue Stimme ist mir seit 33 Jahren bekannt. In der Grundschule sind Vincent und ich uns das erste Mal begegnet, seine schwarzen Haare trug er damals lang mit Pferdeschwanz, ein für unsere Schule ungewöhnlicher Look. Lange Zeit sah ich ihn als Sonderling, der nicht so richtig in Gruppen passen wollte, denn Sport hat er gemieden, so gut er konnte, Musik war ihm ein Dorn im Auge und in den Pausen vertrieb er sich die Zeit meist mit dem Beobachten von Käfern und Spinnen. In der vierten Klasse wurde er mir für ein Gruppenprojekt zugeteilt, woraufhin ich lautstark protestierte. All mein Protest jedoch fand kein Gehör und so kam es, dass wir uns eines Nachmittags bei ihm trafen - nicht bei mir, mein Vater hätte ihn nie im Leben reingelassen. Sein Zimmer in einem kleinen Haus am Stadtrand war gepflegt und überaus ordentlich. Er besaß eine ganze Reihe an Büchern über Tiere und Insekten, aber auch zahlreiche Krimis und Romane. Als ich ihn darauf ansprach, ihn eher für einen Comic-Typ zu halten, sagte er, “Nein, nein, das ist nichts für mich. Ich bilde mich lieber in richtigen Büchern, die sind so viel schöner geschrieben.” Ich erzählte ihm von den Gesetzbüchern, die wir zu Hause in den Regalen haben, woraufhin er versicherte, dass er auch schon eines davon gelesen habe. Er fügte jedoch direkt hinzu, dass es ihm so schwer gefallen war, all die Bedeutungen in den Paragraphen zu verstehen, dass er es frühzeitig abbrach und lieber warten wollte, bis er etwas älter sei, bevor er wieder zu einem solchen Buch greift.
Dass Vincent auch einmal Anwalt werden würde, hätte ich damals nicht erwartet, aber er behielt seinen Plan bei, las weiter, bildete sich ausgiebig und ging schließlich zusammen mit mir auf die gleiche Universität. Ich würde ihn nicht als meinen besten Freund, aber doch als den treuesten Wegbegleiter bezeichnen. Einmal die Woche kommt er entweder in meiner Kanzlei oder ich bei seiner Arbeitsstelle rum und wir quatschen ein wenig über die Neuigkeiten in unserem Leben.
“Hi Vincent! Nein, du störst nicht, ich bin gerade fertig mit meiner Meditation.”, begrüße ich ihn. “Dass du das so durchziehst, jeden Tag, bei jeder Temperatur, ob die Sonne scheint oder es schneit. Ich finde es immer wieder faszinierend. Hast du die tausend endlich geknackt oder dümpelst du immer bei neunhundertirgendwas rum?” Der herausfordernde Tonfall in seiner Stimme hatte einige Zeit gebraucht, bis er zum Vorschein kam, zuvor wirkte er mir gegenüber lange Zeit sehr zurückhaltend und konnte sich nicht wirklich öffnen. Don’t judge a book by it’s cover. Inzwischen kann er wahrlich frech sein, manchmal gar gemein, aber auf eine lustige Art. “Noch nicht ganz, aber die zwölf fehlende Fälle sollten ein Kinderspiel werden, heute Morgen sind wieder zwei reingekommen.” Er zieht symbolisch seinen Hut, “Das klingt doch super! Du bringst dann hoffentlich den Champagner, wenn es soweit ist, vorbei, das muss schließlich gefeiert werden!” Als Kind konnte man Vincent auf keine Feier bekommen, was er aber inzwischen vehement nachzuholen versucht - ob Festivals, Kneipentouren, Clubbesuche, er ist überall dabei und lässt sich durch nichts erschüttern. Manchmal schlägt er dabei über die Strenge, sitzt dann stundenlang am Tresen, halb schlafend, den Kopf zwischen den Armen, nur um urplötzlich aufzuspringen und wie ein Verrückter rumzuhampeln. Langweilig ist es mit ihm nicht, aber ich bin froh, dass er genug andere, jüngere Freunde hat, die all diese Events mit ihm machen. “Das geht klar.”, sage ich.
Ein paar Sekunden vergehen wortlos, dann frage ich, “Wie lautet dein Caserecord der letzten Woche?” Seine Augen drehen sich nach rechts oben, ein Zeichen, das er in seiner Erinnerung kramt. “Drei abgeschlossene Fälle, ein Vergleich, eine Niederlage und ein Sieg. So ähnlich wie es dem Club ergangen ist!”, lacht er. Seine Liebe zum Fußballverein ist lächerlich, er will nie ins Stadion gehen, aber schaut nicht nur jedes Spiel live vor dem Fernseher, sondern auch nochmal in der Zusammenfassung am Abend. “Die Jungs sind derzeit einfach grottenschlecht.”, sage ich, “Hätte ich damals nicht aufgehört, würde ich denen heute den Rang mit links ablaufen. Ich meine die Szene im Derby? Das kann doch nicht wahr sein, wie man aus der Distanz den Ball nicht versenkt. Wenn ich nur die Zeit hätte, zweimal die Woche zu trainieren, da wäre ich Stammspieler bei denen.” Vincent kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. “Du? Wann hattest du das letzte Mal Fußballschuhe an? Gingen wir da nicht noch zur Grundschule?” Um ehrlich zu sein, ich glaube mit Mitte 20. Aber ich war gut und hätte ich tatsächlich mehr Zeit investiert, wer weiß, ob ich es nicht zum Durchbruch geschafft hätte. “Das spielt doch keine Rolle. Was die können, kann ich auch, selbst in meinem Alter. Entweder der Trainer weiß einfach nicht, wie er das Maximum aus seinen Spielern rausholt oder die Spieler sind schlichtweg unfähig.” Die Mannschaft liegt mit zwei Punkten Vorsprung vor den Abstiegsplätzen seit Monaten in einer brenzlichen Situation und von der überschwänglichen Euphorie des Meisterschaftstitels von vor acht Jahren ist nichts mehr übrig. “Ich schätze, es ist der Trainer.”, sagt Vincent, “Er wechselt immer viel zu spät aus und hat kein klares Spielkonzept - mal Kontern, mal Pressing, mal lange Bälle, mal kurze Direktpässe - das ist zu wenig systematisch.” Das nächste Spiel der Mannschaft ist Sonntag, danach kommen nur noch zwei weitere Spiele. “Die steigen bestimmt noch ab, die Flaschen!”, antworte ich, “Der Sieg vorletztes Spiel war ja quasi ein Geschenk vom Schiri. Erst diese völlig überzogene rote Karte, dann der nicht gegebene Elfer und schließlich das nicht gepfiffene Foul kurz vor dem Tor. Da sollte man mal auf Wettbetrug untersuchen!” Vincent hebt den Finger, “Hör mal, der Sieg war sauber rausgespielt. Ja, vielleicht war ein bisschen Glück dabei, aber das gehört eben zum Spiel dazu.” Na klar, ein bisschen Glück, ich sage ja, seine Liebe zum Verein ist lächerlich, der Kerl sieht nur, was er sehen will.
Kapitel 4

Ein paar Stunden zuvor bei der Redaktion des Stadtblatts
Die Augen gen Himmel gerichtet blicke ich die Front des achtstöckigen Bürokomplexes hinauf. Tonnen an Stahlbauträgern wurden mit riesigen Kränen Stockwerk für Stockwerk in luftige Höhe gebracht. Die Bauzeit mit nur zwei Jahren verblüffte nicht nur die Verantwortlichen der Stadt selbst, sondern sorgte auch im Umfeld für Aufmerksamkeit. Im Vorfeld war der Bau nämlich lange umstritten gewesen. Insbesondere die Kirche klagte, da das Gebäude selbiger den Rang als höchstes Bauwerk der Stadt ablief - und es handelt sich bei unserer Kirche nicht um eine Dorfkirche. Die Bevölkerung war gespalten und es kam immer wieder zu heftigen Debatten unter den Verantwortlichen. Einen allgemeinen Bürgerentscheid gab es trotzdem nicht. Unter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass die Lobbyarbeit der zwei großen IT-Unternehmen im Komplex den größten Einfluss auf die letztlich positive Entscheidung zum Bau hatten. Mit Jahresumsätzen von fast hundertmillionen Euro lässt sich schon einiges bewegen. Im Nachhinein ist der Aufschrei der Bevölkerung nicht wirklich laut geworden, zumal die Arbeitslosigkeit in der Stadt durch den Bau und die zahlreichen Neuanstellungen nach Fertigstellung leicht gesenkt werden konnte. Für die Kirche war es quasi der Anfang vom Ende, was die Skyline betrifft. In den letzten Jahren sind weitere vier ähnlich hohe Gebäude dazu gestoßen, eines davon ein Hotel, das quasi im Handumdrehen die bisherige Hotellandschaft der Stadt gefressen hat und seither eine Art Monopolstellung besitzt. Nur weit außerhalb gibt es noch kleinere Hotels, die mittleren in der Innenstadt sind alle verschwunden. Das nächste große Bauwerk ist schon in Planung und könnte das neue höchste Gebäude werden, wenn es die Zustimmung der regionalen Politik erhält. Da es sich bei den Befürwortern unter anderem wieder um die zwei IT-Unternehmen handelt, deren Wachstum kein Ende zu kennen scheint, stehen die Chancen für den Bau sehr gut.
Noch aber ist meine Arbeitsstätte die Nummer eins in Sachen Höhe. Die auf jeder Etage symmetrischen vier Büroeinheiten sind im Viereck angelegt und auf allen Ebenen identisch. In der Mitte befinden sich vier dazu passende Aufzugschächte, die qualitativ top sind und seit der Inbetriebnahme nie ausgefallen sind. Auf allen Etagen bis auf das Erdgeschoss, wo sich der Empfang, zwei Kantinen und zwölf Tagungsräume befinden, gibt es nur Büros, Wohnfläche wurde nicht geschaffen. 28 Firmen sind demzufolge ansäßig, was die Anreise mit dem Auto wegen der beschränkten Parkmöglichkeiten für viele unausstehlich macht. Busse hingegen halten alle zehn Minuten und fahren in verschiedenste Richtungen.
Von der Bushaltestelle zum Eingang sind es knapp 100m, lang genug, die Fensterfronten zu bewundern. Auf der Westseite sind Fensterputzer aktiv, rund einmal im Monat kommt eine Firma und benötigt knapp eine Woche um alle Stockwerke abzuarbeiten. Gerüste müssen auf- und abgebaut werden, man ist etwas wetterabhängig und das reine Putzen dauert auch seine Zeit. Ganz oben auf dem Gebäude gibt es eine Aussichtsplattform, die einen sensationellen Ausblick über die Stadt gibt. Hin und wieder begebe ich mich in der Mittagspause dort hinauf und genieße die Höhenluft. Wenn die Sonne allerdings zu stark scheint, ist es temperaturmäßig kaum auszuhalten, zumindest nicht in den Monaten Mai bis August.
Die Redaktion befindet sich im sechsten Stock, der Aufzug unten steht sofort bereit und fährt heute ohne Zwischenstop in wenigen Sekunden hoch. Die Türen gleiten auf und ich zücke meine Chipkarte. Die gesamte Büroeinheit ist mit einer Glastür gesichert, die sich nur öffnet, wenn man eine entsprechende Chipkarte mit Zugangsberechtigung besitzt. Der Verlust einer solchen Karte kann den Arbeitnehmer teuer zu stehen kommen, allerdings nur, wenn er es nicht rechtzeitig meldet. Im Grunde ist die Lösung einfach, man programmiert den Code um und speichert ihn auf den existieren Karten. Das Problem ist am ehesten der ansonsten etwas hinterherhinkende Gebrauch von allem, was mit IT zu tun hat. Die Internetverbindung ist weiterhin nur die Zweitschnellste und den Änderungsvorschlägen wird immer wieder entgegen geworfen, dass es doch mit der bisherigen Technik klappe und diese vor allem stabil laufe. Würde man etwas Neues anschaffen, wisse man ja gar nicht, ob es nicht zu viel mehr Komplikationen käme. So ganz überraschen kann diese Einstellung bei einem konservativen Blatt natürlich nicht. Die Folge ist jedoch, dass alles, was den IT-Support betrifft etwas langsam vonstatten geht. Das ist kein rein technisches Problem, sondern liegt auch an mangelnder Manpower.
Die Eingangstür öffnet sich und ein “Guten Morgen Herr Truggenbrot!” hallt mir von der Rezeption entgegen. Wieso wir immer noch eine Rezeption hier oben besitzen, die dazu noch ganztägig besetzt ist, ist mir ein wenig schleierhaft. Zu tun hat dort über den Arbeitstag gesehen jemand vielleicht für zwei Stunden, der Rest ist Zeit totschlagen, da vieles bereits am Empfang im Erdgeschoss geklärt wird. Vielleicht gibt es die Rezeption weiterhin wegen des ersten optischen Eindruckes. Die Redaktion legt da viel wert drauf, alles ist farblich auf die Blautöne der Zeitung abgestimmt und das helle Mobiliar ist äußerst stilvoll eingerichtet. Große Topfpflanzen zieren die Ecken des Empfangs, überall ist viel Platz, so dass der Raum unheimlich groß wirkt. Auf der linken Seite befinden sich die zwei großen Konferenzräume, die letztes Jahr endlich auch mit Beamern ausgestattet wurden. Wie gesagt, es geht hier ziemlich konservativ zu. Daneben befinden sich noch zwei Mitarbeiterbüros sowie das Büro des Chefredakteurs. Auf der rechten Seite sind außer den Toiletten nur noch Mitarbeiterbüros. Alle sind für maximal drei Personen ausgelegt und meist mit zwei dauerhaft besetzt. Nur wenn es zu gesteigertem Workload für ein Thema kommt, wird der dritte Platz durch Umverteilung gefüllt. Das Prinzip hat sich bewährt und klappt über alle Resorts hinweg vor allem für die Recherche sehr gut. Alle Arbeitsplätze sind mit ergonomischen Stühlen ausgestattet, die keinen Wunsch offen lassen. Leider müssen sich alle Mitarbeiter nach wie vor mit zwei mittelgroßen Monitoren begnügen, während es bei vielen anderen Zeitungen mittlerweile üblich ist, auf drei großen Bildschirmen zu arbeiten. Vielleicht werden ja nächstes Jahr welche angeschafft.
Ich öffne die weiße Tür mit der Nummer acht. Tanja, meine Kollegin, ist noch nicht da. Sie kommt häufig erst eine Stunde später als ich, bleibt dafür aber entsprechend länger. Das hat den Vorteil, dass unser Büro durchgängig besetzt ist, da sich auch unsere Mittagspause in der Regel unterscheidet. Wirklich anders als bei mir zu Hause sieht es auch hier nicht aus. Hunderte Blätter säumen meinen Schreibtisch, der Kopierer blinkt und verlangt nach einem neuen Toner und das Telefon zeigt unbeirrt die 23 Anrufe auf dem Anrufbeantworter. Die sind alle abgehört, aber auf Grund eines technischen Defektes werden seit rund zwei Wochen dennoch 23 Anrufe gemeldet. Es dauert eben immer etwas länger mit diesen technischen Dingen.
Ich starte meinen PC, lege mir meine Dokumente von zu Hause zurecht, werfe einen Blick auf das Faxgerät und mache mir dann erst einmal einen Kaffee. Ein paar Minuten habe ich noch, denn beim Gang durch die Rezeption habe ich gesehen, dass mein Chef, der mich ja zu sich bestellt hat, noch im Gespräch ist. Der Kaffee wird auf jeden Fall nicht schaden. Nach gut drei Minuten ist der Rechner hochgefahren und ich mache mir einen Überblick der eingegangenen Mails. Die Hälfte lösche ich sofort, zwei markiere ich mir als besonders wichtig und den Rest werde ich bearbeiten, falls ich die Zeit dafür habe. Das Icon der App zeigt mir jedoch 124 an, weshalb das mit dem falls ich Zeit dafür habe doch eher utopisch ist. Ich greife zum Telefon und wähle die Kurzwahl der Rezeption. “Ist Richard noch im Gespräch?”, frage ich. “Hallo Herr Truggenbrot, nein, er verabschiedet gerade seinen Gast. Soll ich Sie ankündigen?”, antwortet die Stimme aus dem Telefon. “Nicht nötig, er weiß Bescheid.” Ich lege auf. Einen Schluck Kaffee später erhebe ich mich und mache mich auf den Weg zu ihm.
“Hallo Richard, du wolltest mich sprechen.” Richards Büro ähnelt dem aller anderen, hat aber nur einen Arbeitsplatz. Es ist sehr überschaubar eingerichtet, ein paar immergrüne Pflanzen, eine Couch und ansonsten die zwei Schreibtische, das war es. Neben der Eingangstür stehen für den Bedarf noch zwei weitere Stühle. Die Wände sind mit allerlei Urkunden geschmückt, die Erfolge der Zeitung aufweisen, Bilder gibt es keine, auch nicht auf dem Schreibtisch. Richard hat Familie, so viel weiß ich, zwei Söhne glaube ich, aber die Seite seines Lebens trennt er strikt von seiner Arbeit und ich habe gelernt, nicht weiter nachzufragen. “Guten Morgen Rolf, du sahst schon mal besser aus, schlecht geschlafen?” Mit den Jahren kennt mich Richard sehr gut. “Ja”, antworte ich, “mal wieder dieser Traum. Aber ich war schon laufen heute Morgen, ist schon fast wieder vergessen. Was hat das jetzt mit diesem Musiker auf sich?”
Er durchsucht die Blätter auf seinem Schreibtisch, scheint aber auf Anhieb nicht zu finden, wonach er sucht. “Wie schon gesagt, Christian und Evelyn fallen aus und ich brauche jemanden, der sich um die Sache kümmert. Du bist meine erste Wahl. Es geht ganz grob um einen Rapper namens Johnny C., bei dem einem seiner Bandmitglieder Vergewaltigung vorgeworfen wird. Irgendwie sowas. Außerdem haben die jüngst auf einem Festival gespielt und einen neuen Song präsentiert. Daher gibt es genügend Material, um daraus eine gute Story zu machen.” Der Rechtsbezug macht den Fall für mich gleich interessanter. Kriminalfälle haben mich immer schon fasziniert und wenn ich mal Zeit für Fernsehen opfere, dann für einen der rar gewordenen, guten Krimis. “Interessant. Eine Vergewaltigung habe ich noch nicht behandelt, woher hast du die Info? Ich hätte bestimmt schon davon gehört, wenn das schon öffentlich wäre. Johnny C. ist ja durchaus bekannt bei uns in der Stadt.”
Richard sucht weiter in seinen Papieren. “Die Info basiert auf internen Quellen, mehr kann ich dir gerade gar nicht sagen. Ein bisschen selbst recherchieren wirst du noch müssen, aber meine Quelle sagt, dass der gesamte Vorfall hoch brisant ist und Karrieren zerstören wird.” Er flucht kurz, “Ich finde das Übersichtspapier grad nicht, tut mir leid. Ich reiche es dir nach, sobald es mir in die Finger fällt. Du kannst ja mit ein wenig Online-Recherche anfangen. Tanja wird dich unterstützen, kommt heute aber noch etwas später als gewöhnlich, weil sie noch einen Arzttermin hat. Ach ja, und ab Morgen ist noch eine Praktikantin bei dir, eine Anna oder Anne Friedrich, sie bleibt für sechs Wochen.” Das auch noch, der muss ich dann bestimmt wie der letzten Praktikantin erst mal wieder viel erklären. Die war echt der totale Reinfall. “Waren wir uns nicht einig, dass erst mal keine Praktikanten mehr zu mir kommen?”, frage ich. “Die hier ist anders, glaub mir, die hat echt was auf dem Kasten, du wirst sie mögen.” Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. “Na, wenn du meinst.” Richard blickt plötzlich ernst: “Wenn du diesen Artikel schreibst, mach deutlich, dass wir als Zeitung uns ganz klar gegen jede Art der Vergewaltigung und was da nicht sonst noch passiert ist, richten. Wir haben einen Ruf in der Stadt und dem Umfeld und es gibt Dinge, die können wir nicht schönreden.” Ich stutze etwas, denn solch eine Aussage kommt von Richard nicht oft. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es so etwas sogar noch nie. Perplex nicke ich leicht. Er lächelt und wechselt das Thema. “Wie war dein Date neulich?”
Von Zeit zu Zeit probiere ich es eben noch einmal. Meine Oma mit ihren stolzen 87 Jahren wünscht sich ja so sehr ein Ur-Enkelkind. Natürlich wäre eine Frau zu finden schon eine tolle Sache, aber so richtig funken will es einfach nicht. Eine Kollegin aus der Sportabteilung hatte das Date am letzten Samstag verkuppelt. Sie hatte mir im Vorfeld gesagt, dass Tina eine reizende Persönlichkeit hätte, total lieb sei und mir auf Anhieb gefallen müsse. Sie sei lediglich Single, weil sie sich immer die falschen Männer aussuche. Damit sollte jetzt ein für alle Mal Schluss sein. Wie kommst du dann auf mich, hatte ich lachend gefragt.
Jedenfalls trafen wir uns in einem Café in der Innenstadt, nicht weit entfernt von der Kirche. Wir hatten abgemacht, dass sie einen roten Pullover und ich eine schwarze Weste tragen würde. Natürlich hatten wir auch im Vorfeld Fotos voneinander gesehen, dafür hatte meine Kollegin gesorgt, aber auf Fotos kann man ja heutzutage nicht mehr so sehr vertrauen. Wenn ich an den Anblick heute Morgen im Spiegel denke, würde ich das Foto, das Tina zu Gesicht bekommen hatte, für absoluten Fake mit ganz viel Bearbeitung und Zeitversatz von vielleicht zehn Jahren halten. Tina trug eine runde Brille, hatte die dunklen Haare offen, ungefähr schulterlang und wippte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, als ich am Café eintraf. Auf ihrem roten Pulli stand in großen Buchstaben Tierfreund, ein erstes Statement. Wir hatten nie Haustiere als ich klein war, vielleicht habe ich auch deshalb nie verspürt, mir ein eigenes anzuschaffen. Ehrlicherweise hätte ich aber auch gar keine Zeit für ein Tier, die Arbeit macht sich schließlich nicht von selbst und ganz fest sind die Arbeitszeiten ja ohnehin nicht. Da gibt es sicher bessere Herrchen, bei denen ein Hund - wenn überhaupt, dann käme ein Hund in Frage - aufgehoben wäre.
“Bist du Tina?”, hatte ich trotz der eindeutigen Zeichen gefragt. Sie nickte und sah dem Foto, das ich bekommen hatte, gar nicht so unähnlich. Sie wirkte lediglich ein ganz kleines bisschen rundlicher und die offenen Haare ließen sie jünger wirken. “Hi, äh, ich bin Rolf. Schön dich kennenzulernen.” Ich streckte ihr die Hand entgegen. “Hallo Rolf, gleichfalls, ein bisschen was habe ich ja schon über dich gehört.” Sie lächelte und schüttelte mir dabei kurz die Hand. “Sollen wir uns draußen einen Tisch nehmen, drinnen ist es immer so laut.”, schlug ich vor. “Klar, kein Problem.”, antwortete sie und zeigte auf einen freien Tisch: “Den da vielleicht?” Ich nickte und wir setzten uns. Ich schaute in die Getränkekarte, suchte mir ein alkoholfreies Radler aus und blickte zu ihr. Sie schien etwas verstört, sagte aber nichts. Ich hielt ihr die Karte hin und sie suchte sich selbst etwas. Worüber sollte ich bloß mit ihr sprechen? Das ist immer wieder mein Problem bei diesen Dates, ich will ja nicht die ganze Zeit von meiner Arbeit reden und aktuelle Politik besprechen, soll beim ersten Date nicht so gut ankommen. Da würde ich mich aber wenigstens auskennen. “Ich nehme eine Rhabarberschorle.”, verkündete sie stolz. Das habe ich mir auch nur merken können, weil ich Rhabarber absolut unausstehlich finde. “Gut. Was machst du beruflich?” Dem irritierten Ausdruck in ihrem Gesicht entnehme ich, dass die Frage wohl zu früh kam, dennoch antwortet sie, “Ich bin Tierpflegerin im Tierheim in der Nordstraße. Kümmere mich um streunende Katzen und Hunde und päppele sie auf.” Das Tierheim kenne ich nicht, die Nordstraße sagt mir etwas, aber ganz genau einordnen kann ich sie nicht. “Ah, okay, du magst Tiere wohl? Ich arbeite als Journalist beim Stadtblatt. Du weißt schon, in dem großen Hochhaus mit den ganzen Firmen.” Sie nickt. “Ja, klar, weiß ich von Manuela, sie arbeitet ja auch dort. Wie gefällt dir die Arbeit? Und ja, ich mag Tiere über alles, die sind so knuffig und treu. Ich habe selbst einen Hund, eine Katze, zwei Kanarienvögel und ein Aquarium mit diesen Guppies, kennst du die? Herrliche Geschöpfe.” Manuela hieß die Kollegin aus der Sportabteilung, richtig, mir war der Name entfallen. “Ja, schon mal davon gehört.” Der Kellner kommt und nimmt unsere Bestellung auf. Es blieb bei dem einen Getränk. Wir haben dann irgendwie den Faden verloren und hatten uns fortan nicht mehr viel zu sagen. Sie schien sich auch gar nicht für mich zu interessieren.
“Hätte besser laufen können.”, antworte ich Richard, nachdem er sich geräuspert hatte und mir auffiel, dass ich in Gedanken versunken war. “Also war jetzt eher ein Flop. Wir hatten uns nichts zu sagen und sie kannte kein anderes Thema als ihre Haustiere. Ich bin ja jetzt nicht gegen Tiere, aber”, beginne ich. “Aber was?”, fragt Richard. “Ich weiß auch nicht, hat einfach nicht gefunkt.” Mein Chef zieht die Mundwinkel nach unten und nickt. “Es funkt ja auch nicht immer gleich beim ersten Mal. Du wirst schon noch jemanden finden, bist schließlich ein netter Kerl, der eine Menge auf dem Kasten hat. Trefft ihr euch trotzdem nochmal?” Nochmal? Nein, danke. Ich kann meine Zeit besser vertreiben als jemanden anzuschweigen. “Ich denke nicht. Wahrscheinlich wird das nichts mehr mit der Ehe und den Kindern. Das Gute ist, dass mich dann niemand von der Arbeit ablenken kann. Außerdem halten Beziehungen ja ohnehin nicht, die Statistik über die Scheidungsraten lügt ja nicht und von Jahr zu Jahr werden es mehr.”, füge ich hinzu. “Ach Rolf, lass den Kopf nicht hängen, zu jedem Topf gibt es auch einen Deckel. Aber wenn du die Arbeit schon ansprichst. Deadline für den ersten Entwurf ist in 48 Stunden. Wir wollen hier schnell handeln und dann bei der nächsten größeren Teamsitzung alles Weitere besprechen.” 48 Stunden ist nicht viel Zeit für ein Thema, von dem man gar keine Ahnung hat. Irgendwas scheint an diesem Bericht anders zu sein. “Puh, das wird aber eng. Ich schaue mal, was sich machen lässt.” Richard setzt wieder sein ernstes Gesicht auf. “Rolf, der Artikel wird wichtig. Ich setze dich ran, weil du der Beste für den Job bist. Mal schauen reicht da nicht. Verstehst du?” Ich sage ja, irgendwas ist anders, so kenne ich Richard gar nicht. Es gehört sich aber nicht, seinem Chef länger zu widersprechen. Ich seufze und stimme zu. “Ich bekomme das hin. Dann mache ich mich auch mal an die Arbeit. Hoffentlich kommt Tanja nicht allzu spät heute.” Richard erläutert, “Tanja ist beim Arzt, hab ich doch vorhin gesagt. Sie wird später kommen und dir heute nicht so viel helfen können. Ich suche gleich nochmal nach dem Dokument und lasse es dir rein reichen.” Beim Arzt, ausgerechnet heute. “Ah, okay.” Ich stehe auf, drehe mich um und verlasse das Büro.
Zurück in meinem Büro angekommen, fahre ich die elektrischen Jalousien zu, die Sonne blendet aus diesem Winkel für die nächste Stunde. Ich denke über das Gespräch mit Richard nach, vor allem die Art und Weise wie er das mit der Vergewaltigung ausgedrückt hat und wie der Standpunkt der Zeitung ist. Es gibt Dinge, die können wir nicht schönreden, hatte er gesagt. Eine komische Aussage, ich bin gespannt, was die Recherchen über diesen Johnny C. und seine Band ergeben werden. Richard lässt mir bei meinen Artikeln sonst sehr viel Freiheiten, an einen Hinweis auf die konservative Haltung unserer Zeitung kann ich mich nicht erinnern. Und es gab auch schon Artikel, in denen ich ziemlichen Schwachsinn fabriziert habe. Allen voran der Text über die geplante Abschaffung des Studententickets, was sich als völlige Ente erwies. Damals war ich natürlich noch recht unbeholfen und zu meiner Verteidigung hat das Zwei-Quellen-Prinzip in dem Fall versagt. Beide Informanten hatten sich über Umwege auf dieselbe Ausgangsperson bezogen, was ich mit etwas mehr Zeit wohl auch herausgefunden hätte. Leider wollte ich mir diese Zeit selbst nicht geben und unbedingt eine echte Schlagzeile produzieren. Richard hat mich damals geschützt und sich hinter meinen Artikel gestellt, das kam nicht überall gut an. So wie heute habe ich ihn noch nicht erlebt. Mach deutlich, dass wir uns gegen jede Art der Vergewaltigung richten. Seine Informationen müssen verdammt gut sein, vielleicht kennt er das Opfer selbst. Das würde natürlich sein Verhalten erklären. Mal sehen, wann Tanja kommt, sie ist in den Anfangsrecherchen deutlich schneller als ich und mit dem Computer kommt sie auch besser zurecht. Ich fange am besten trotzdem schon mal an. Wo ist nochmal der Browser… Da. Richard, wieso kannst du mir nicht mehr verraten? Naja, er wird schon wissen, was das Beste für die Zeitung ist, das hat er oft genug bewiesen.
Eine knappe Stunde später bin ich nicht viel schlauer als vorher und Tanja ist auch immer noch nicht wieder da. Das Telefon klingelt, ich hebe ab. “Hallo Herr Truggenbrot, könnten Sie nochmal kurz zum Chef rein? Er möchte Sie noch einmal sprechen.” Natürlich. Wahrscheinlich hat er das Dokument gefunden, nachdem er vorhin gesucht hatte und möchte mir noch etwas persönlich dazu sagen. In Richards Büro angekommen, fällt mein Blick auf einen der drei Zeitungsausschnitte, die eingerahmt in randlosen Bilderrahmen an der Wand hängen. Serienkiller Matthias S. endlich gestoppt - Entscheidende Hinweise durch Bevölkerung, ist dort in der Überschrift zu lesen. Unsere Zeitung hatte entschieden zur Aufklärung beigetragen, da wir den Kontakt zur Zeugin herstellen konnten. Das ist auch zwischen den Zeilen zu lesen, aber offensichtlicher wollte es Richard damals nicht haben. Er sagte, ihm sei genug, dass er wisse, wie sehr wir zur Aufklärung beigetragen haben und dass wir die Welt zu einem etwas besseren Ort gemacht hätten. “Danke, dass du nochmal reingekommen bist.”, eröffnet Richard das Gespräch. “Gar kein Problem, die fünfzig Schritte schaffe ich grad noch.”, entgegne ich. Er lächelt kurz. “Ich finde das Papier einfach nicht, wahrscheinlich liegt es bei mir zu Hause, dann bringe ich es dir morgen mit. Ich habe es wohl in der Hektik heute vergessen. Du musst also die nächsten Stunden ohne vorgefertigte Planung und Kontakte vorankommen.” Das ist nicht das, was ich hören wollte. “Oh Mann, ich hab eben schon eine Stunde gesucht und bin kaum schlauer geworden. Tanja ist immer noch nicht im Haus. Ich weiß nicht, ob das mit den 48 Stunden wirklich klappen wird unter den Umständen.” Eine gewisse Verzweiflung mischt sich dabei in den Ton meiner Stimme, ich hasse es, Richard zu enttäuschen. Beruhigend antwortet er, “Rolf, bleib ganz ruhig. Ich weiß doch, wozu du fähig bist. Und den Standpunkt der Zeitung kennst du ja bereits, hangle dich daran entlang. Videos und Artikel zum Rapper selbst sollte es ja genug geben, er ist ja kein Unbekannter.”
Mir brennt auf der Zunge zu fragen, was so Besonderes an diesem Fall ist. Ich würde ihm gern sagen, dass er sich so komisch verhält und mir das Sorgen bereitet. Aber bin ich der Richtige, diese Fragen zu stellen? Zweifel machen sich breit. Richard bemerkt, dass ich mit mir hadere. “Was ist los, Rolf? Irgendwas möchtest du doch noch sagen.”, ermutigt er mich, den Mund zu öffnen. “Nichts Wichtiges. Kannst du mir nicht noch mehr über den Fall sagen? Ein paar mehr Ansatzpunkte wären schon wichtig.”, ist alles, was ich hervorbringe. Klartext schreiben geht, aber Klartext reden, damit habe ich manchmal so meine Probleme. “Ich kann dir wirklich nicht mehr sagen. Die Sache kommt von oben. Ja, ich bin der Chefredakteur hier und kann eine Menge bestimmen, aber auch ich berichte meinem Chef und muss mich an Vorgaben halten. Der hat den Artikel ganz oben auf die Agenda gesetzt und Zeitdruck gemacht. Das ist aber wirklich alles, was ich noch sagen kann. Vertrau mir, mach deinen Job und zeig, was du drauf hast. Ich weiß, 48 Stunden ist echt knapp, aber wenn es unter den Umständen einer hinbekommt, dann du.” Er war schon immer ein motivierender Mensch, das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich ihn so schätze. “Okay, ich frage nicht wieder nach und mache mich an die Arbeit. Bis später vielleicht.”
Die Zusammenhänge in den Hierarchien im alltäglichen Leben sind einem manchmal einfach nicht bewusst. Natürlich hätte ich mir denken können, dass mein Chef auch seine Anweisungen von oben bekommt. Wer bekommt die schließlich nicht? Das ist ja etwas ganz Natürliches. Die Welt funktioniert nunmal in dieser Pyramidenform. Die Menschen an der Spitze geben die Richtung vor und je tiefer man nach unten kommt, desto weniger wissen die Menschen dort, über die Beweggründe für diese Richtung Bescheid. Es macht ja auch alleine aus dem Grund schon Sinn, weil die Intelligenz der Menschen unterschiedlich ist. Was der eine innerhalb weniger Sätze versteht, dafür braucht ein anderer Monate. Jeder muss deshalb seinen Platz in der Pyramide finden. Mein Platz ist unter Richard. Habe ich immer noch das Gefühl, dass er mehr weiß, als er mir verrät? Ja, irgendwie schon, aber es wird legitime Gründe geben, warum er mir nicht mehr sagen kann. Die Sache kommt von oben. Wahrscheinlich weiß er selber nicht alles, weil ihm sein Chef auch nur einen Teil sagen kann. Das macht zwar die Arbeit für mich nicht leichter, aber die Suche nach der Wahrheit hat ja auch was für sich. Schließlich ist das der Hauptgrund, warum mich Journalismus Tag für Tag immer wieder reizt.
In der Mittagspause vertrete ich mir ein bisschen die Beine an der frischen Luft. Es ist angenehm warm, ohne ins Schwüle überzugehen. Vor ein paar Minuten rief Tanja kurz an. Sie schaffe es heute erst nach dem Mittag reinzukommen, weil sie trotz ihres Termins ungewöhnlich lange bei ihrem Arzt warten musste. Immerhin hat sie Bescheid gesagt. Ein paar grundlegende Dinge über die Band Johnny C. habe ich erfahren, aber das gehe ich dann mit ihr alles nochmal kurz durch, wenn sie da ist. Der Rapper selbst heißt eigentlich John Seeberger und Johnny C. ist offenbar Englisch zu verstehen, im Sinne von Johnny Sea, als Kurzform für seinen Namen. Die Leute kommen auf Ideen. Über die sonstigen zwei Bandmitglieder aber ist außer den Namen Manuel und Steven nicht viel herauszufinden. Selbst die Nachnamen sind bislang ein Rätsel. Vielleicht gehört sich das so, wenn es einen Star gibt, der im Rampenlicht steht. Außerdem ist Tanja in diesen Online-Recherchen viel besser, ich stochere nur rum und Suche die Nadel im Heuhaufen. Meine Zeit kommt, wenn es um die Zusammenhänge geht. In meinem Kopf bastle ich schon an den Tafeln und Pinnwänden zu Hause, ziehe Verbindungen, ergänze versteckte Informationen. Bleibt die Frage, ob die Zeit bis übermorgen ausreicht, um tiefer einzusteigen. Zur Not muss ich mir doch das ein oder andere aus den Fingern saugen. Wäre auch nicht das allererste Mal.
Es ist eines der großen Probleme, die wir als Tageszeitung haben. Vieles dreht sich darum, schnell zu reagieren und in kürzester Zeit, Artikel zu veröffentlichen. Man möchte schließlich so tagesaktuell wie möglich sein. Schafft man das nicht, sind andere Zeitungen schneller und ehe man sich versieht, ist die Nachricht schon wieder so veraltet, dass eine Veröffentlichung sich gar nicht mehr lohnt. Dann wäre die ganze investierte Arbeit umsonst. Magazine haben es da leichter. Die können ihre Beiträge über Wochen oder gar Monate vorbereiten und sind dadurch auch deutlich faktenbasierten. Sie können immer wieder prüfen, Quellen abgleichen, nochmal prüfen, Zusammenhänge klären und wieder prüfen. Wir von der Tageszeitung hingegen brauchen auch Bauchgefühl. Das lernt man in diesem Geschäft, wenn auch manchmal auf die harte Tour. Die Magazine mögen akribischer sein, aber letztlich ist für einen guten Journalisten wichtig, dass er seiner Intuition in den richtigen Momenten folgt. Die wirklichen Top-Journalisten arbeiten im Tagesgeschäft. Hilfreich ist, wenn man gute Quellen besitzt, denen man vertrauen kann. Das ist wieder wie mit der Pyramide. Man muss eben die richtigen Leute über sich kennen, dann kommt man auch an die notwendigen Informationen. Ich muss mir allerdings eingestehen, dass ich in diesem Fall hinsichtlich Informanten aus der Musikbranche leider etwas mau besetzt bin. Höchstens Herrn Preis könnte ich mal anrufen, der weiß am ehesten etwas oder kann mich zumindest weiterleiten. Das werde ich nach der Pause mal in Angriff nehmen, nachdem ich mein belegtes Brötchen gegessen habe. Oder besser noch etwas später, wenn ich Tanja, sofern sie dann endlich da ist, aufgeklärt und an die Arbeit geschickt habe.
Kapitel 5

Am folgenden Tag im Aufnahmestudio von Record 431
“Hast du Steven heute schon gesehen?”, ruft Manuel aus dem Aufnahmeraum. Ich gieße mir gerade ein Glas Wasser in der Lounge ein, um die Stimme wieder ein bisschen zu ölen. Die Lounge ist quasi das Spielzimmer des Aufnahmestudios. Drei große Sofas mit lauter weicher Kissen zum Entspannen, eine Nische mit Kühlschrank, Kaffeeautomat und Wasserkocher für die Verpflegung und eine Tischtennisplatte für die Unterhaltung - da schlägt das Herz höher. Unsere Kooperation mit dem regionalen Aufnahmestudio läuft von Beginn an, wir waren als Band immer hoch zufrieden mit den Gegebenheiten und von daher gab es auch nie das Thema eines Wechsels. Der Name Record 431 ist durch eine lustige Geschichte entstanden. Die ursprünglichen Gründer des Studios waren ihrerseits Musiker und probten in ihren eigenen Garagen. Der Leader der Band war für seine verrückten Ideen bekannt und interessierte sich schon immer für die indische Kultur. Nach einer zweimonatigen Reise inklusive dreiwöchigem Aufenthalt in einem Ashram kam er ganz begeistert zurück. Er sagte, es sei alles eine Sache der Aufmerksamkeit, seid immer aufmerksam. Ständig erinnerte er seine Bandmitglieder von ihren Tätigkeiten nicht abzuschweifen. Das gipfelte dann bei einer Probe darin, dass er das typische Einzählen four, three, two, one in four, three, one umwandelte. Die Folge war, dass die halbe Band den Einstieg verpasste, worauf er laut auflachte und wiederholte four, three, one - pay attention! Zwölf Monate später gründete er das Aufnahmestudio und der Name Record 431 bleibt ihm bis heute treu.
“Nein, hab ihn noch nicht gesehen.”, antworte ich Manuel, während ich das Aufnahmestudio betrete. “Schätze, dass er noch Dinge wegen der Klage zu tun hat, von der er gestern erzählt hat. Schon verrückt, was die ihm da vorwerfen. Das muss ja am Abend des Festivals bei der VIP-Party gewesen sein. Also ich kann mich zwar nicht mehr an alles erinnern, aber besonders auffällig war da nichts.” Steven hatte erzählt, dass eine Frau, die er auf der Feier kennengelernt hatte, ihn wegen sexueller Belästigung angezeigt hätte und dass ihn das zu allerlei undurchschaubarem Papierkram und aufwendiger Organisation bringen würde. Er selbst hatte direkt gesagt, dass die Vorwürfe unhaltbar seien, weil alles, was an dem Abend vorgefallen war, in beidseitigem Einverständnis passiert sei. Ins Detail ist er dabei nicht gegangen, aber für mich klang es so, dass die beiden zumindest mal rumgemacht haben. Klar sei er betrunken gewesen, fügte er noch an, aber doch nicht mehr als sonst. Wie diese Frau auf solche Ideen käme, wäre ihm schleierhaft. Es wird sich schon alles aufklären waren dann seine letzten Worte, bevor er das Aufnahmestudio gestern verließ.
Zu meiner Überraschung bekam ich gestern Abend dann noch einen Anruf von einer Zeitung, keine Ahnung wie die meine Nummer rausgefunden haben, aber scheinbar sitzen da Experten. Die Frau am Telefon sagte, ihr Kollege und sie würden gern sehr zeitnah einen Artikel über das Festival und die neue Single rausbringen, ob sie nicht am nächsten Tag, also heute, vorbeikommen könnten. Publicity ist natürlich gut für das Geschäft, also habe ich, ohne lang nachzudenken, zugesagt. Die zwei haben sich für 13 Uhr angekündigt. Sie hätten es am liebsten schon vormittags gemacht, also scheinen sie es wirklich eilig zu haben. Bei uns standen aber unter anderem noch Videoschnitte an, die ich nicht verschieben wollte. Das ist auch der Grund, warum Manuel schon da ist, sonst hätte er heute Vormittag auch frei machen können, weil Steven ja nicht da ist. Bei einem der Clips war aufgefallen, dass ein Scheinwerfer falsch stand und die Beleuchtung von Manuel beim Spielen der Gitarre unvorteilhaft war. Daher sollte er die Szene heute nochmal drehen, das ging auch problemlos ohne Steven. Der Aufnahmeraum verfügt neben den Musikwerkzeugen über einen Greenscreen, vor dem sich alles Mögliche machen lässt. Die Techniker für den Videoschnitt sind krass drauf, was die alles an Effekten und Hintergründen da rein bekommen, unglaublich! Die Leute glauben, wir wären für die Videos sonst wo unterwegs, auf Inseln in der Karibik oder in großen verlassenen Werkhallen. Alles Bullshit, eine grüne Wand, das reicht, den Rest macht die Technik. Das ist nicht ganz billig, aber verglichen mit dem Flug in die Karibik und der aufwändigen Innendekoration einer solch geschmückten Werkhalle kommen wir wahrscheinlich so auch noch günstiger weg. Schneller ist es obendrein.
“Wann wollten diese Reporter kommen, hast du gesagt? 13 Uhr?”, fragt Manuel. “Ja, genau. Wir haben also noch ne Stunde.”, antworte ich. Ludwig, unser Produzent, sitzt neben uns und sichtet das neu aufgenommene Videomaterial mit uns. Er wirkt zufrieden und hat etwas von einem dieser Wackeldackel, die ständig den Kopf auf und ab bewegen. Er murmelt diverse Male Dinge vor sich, die aber nicht in voller Gänze zu meinen Ohren vordringen. Ohne Ludwig wären wir aufgeschmissen. Der Organisationsaufwand, den er betreibt, ist für uns normal Sterbliche überhaupt nicht denkbar. Er kümmert sich nicht nur um alles rund um die Herausgabe der einzelnen Singles und Alben, er schiebt auch noch im Bereich Marketing alles an, sorgt für die Auftritte, spricht mit Werbepartnern und handelt die besten Deals mit Versicherern und Medien aus.
Heute Morgen war er etwas sauer auf mich, dass ich den Reportern zugesagt habe, ohne ihn im Vorfeld zu informieren. Ich hatte das zwar direkt nach dem Telefonat gemacht, allerdings wäre es ihm deutlich lieber gewesen, wenn ich mit der Zusage gewartet hätte. Er sagte, man solle sich vorher stets über diejenigen informieren, die Informationen von einem haben wollen. Nicht, dass am Ende etwas veröffentlicht wird, was wir gar nicht veröffentlicht haben wollen. Ich beschwichtigte ihn mit dem Hinweis, dass die lokale Zeitung, auch wenn konservativ, bislang immer gut über uns berichtet hat. Überzeugen ließ er sich davon nicht, vor allem die Tatsache, dass Reporter, die einem anderen Resort als sonst zugeteilt sind und gar nichts mit Musik im eigentlichen Sinne zu tun haben, die Interviewanfrage gestellt haben, stieß ihm übel auf. Eine der Eigenschaften, die ich an ihm schätze, ist aber, dass er sowas ziemlich schnell verzeiht. Wahrscheinlich liegt das daran, dass er so viel zu tun hat und sich die Zeit nicht nehmen kann, lang über Vergangenes zu grübeln. “Das gefällt mir!”, sagt er als alle Ausschnitte durchgelaufen sind. “Jetzt muss das nur noch wie besprochen zusammengeschnitten werden und dann haben wir das nächste Stück des Puzzles fertig. Unser nächstes Album wird der Hammer, ich sage es euch. Wir haben nochmal große Schritte in Punkto Professionalität gemacht.” Recht hat er. Es ist erstaunlich, wie viel Luft nach oben manchmal noch ist, wenn man denkt, man sei schon spitze. “Absolut”, sage ich, “was wir in den letzten Monaten auf die Beine gestellt haben, kann sich sehen lassen.” Manuel nickt.
Wir begeben uns zurück in die Lounge und lassen uns auf den Sofas nieder. Ludwig kann kaum die Füße still halten und lehnt sich zu uns vor. “Jungs, wenn die Reporter gleich kommen, lasst mich zuerst mit ihnen reden. Ich habe noch eine gute halbe Stunde Zeit, bevor ich los muss. Okay?” Wir stimmen zu. “Danke. Ich kläre dann schon mal das Wesentlichste mit denen ab und dann können sie für Detailkram und O-Töne zu euch kommen. Habt ihr schon was von Steven gehört? Falls er noch kommt, während die Reporter hier sind, lasst ihn nicht mit denen reden. Keine Ahnung, ob schon irgendwas bezüglich der Anzeige nach Außen gedrungen ist, aber ich will nicht, dass er zum jetzigen Zeitpunkt mit denen darüber spricht. Mir kommt das ohnehin schon vom Timing der Interviewanfrage etwas spanisch vor.” Ich wende ein, “Die klangen am Telefon jetzt nicht danach, dass sie uns deswegen interviewen wollen. Die Themen sollen ja Harte Bandagen und das Festival sein.” Ludwig macht ein skeptisches Gesicht, “Siehst du, deswegen will ich zuerst mit denen reden. Du bist naiv. Die Sache von Steven war beim Festival, beziehungsweise in der Nacht. Und glaubst du ein Reporter kommt ernsthaft zu dir und sagt Hey Johnny, Lust, zu der sexuellen Belästigung Stellung zu nehmen, wir wollen da einen ausführlichen Artikel drüber schreiben. Wenn da was dran ist, zerfleischen wir dich! Das glaubst du nicht oder?” Es gehört wohl zu einem guten Produzenten dazu auch die Worst-Case-Szenarien im Kopf zu haben. “So krass sicher nicht, aber”, beginne ich. “Nichts aber! Wir sollten uns in der Sache bedeckt halten, solange wir selber da nichts Genaues drüber wissen. Der Einzige, der momentan zu wissen scheint, was an dem Abend passiert ist, heißt Steven und war betrunken.” Noch während er spricht, denke ich wieder an die Feier zurück. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Steven an dem Abend zu weit gegangen ist und wirklich jemanden sexuell belästigt hat. Ich meine, come on, es ist Steven. Wenn ich ihn irgendwie schützen kann, werde ich das tun. Stupide Gerüchte! “Ich habe nichts mitbekommen, was ihn belasten würde.”, erkläre ich. Ludwig entgegnet, “Wir alle nicht. Und gewiss klärt sich die Sache auch schnell auf. Und vielleicht hast du ja recht, dass die Reporter tatsächlich nur wegen des Festivals und des neuen Hits kommen, sind ja schon logische Gründe.” Er atmet tief durch. “Will noch jemand einen Kaffee? Ich könnte noch einen vertragen.”
Etwas früher als erwartet, gegen 12:45 Uhr, treffen die zwei Reporter ein. Die Frau vom Telefonat gestern stellt sich als Tanja Moos vor, ihr Kollege Rolf Truggenbrot übernimmt von dort an das Gespräch. “Schön, dass Sie sich die Zeit so spontan für uns genommen haben. Wir würden gerne so viele Perspektiven wie möglich in unseren Artikel einfließen lassen und daher kurze Interviews mit allen von Ihnen führen. Wir würden uns dann aufteilen, damit wir zügig damit fertig werden.”, erklärt er. Ludwig schreitet sofort ein, “Guten Tag, ich bin Herr Müller, der Produzent der Band und hauptverantwortlich für Publicity. Sie können beide mit mir sprechen und wenn dann noch Fragen offen sind, die anderen kurz interviewen. Glücklicherweise sind Sie etwas früher als gedacht hier und daher sollte die Zeit, die ich habe, reichen, um Ihnen alles Wichtige mitzuteilen. Kommen Sie mit, wir ziehen uns in die Aufnahme zurück, dort sind wir ungestört.” Schon beeindruckend wie selbstsicher Ludwig die Initiative ergreift, direkt aufsteht und den zwei verdutzten Reportern keine Chance bietet, Widerworte loszuwerden. Anstatt die Fragen der Reporter abzuwarten, ist auf dem Gang Ludwig zu hören: “Worüber genau wollen Sie denn eigentlich schreiben, das ist ja alles sehr kurzfristig.”
Eine gute halbe Stunde vergeht. Was die zwei Reporter und Ludwig im Aufnahmestudio alles diskutieren, weiß ich nicht. Manuel und ich haben zwischendurch schon eine Partie Tischtennis gespielt, er thront danach mal wieder auf dem Siegerpodest. In diesem Fall bedeutet das, dass er ein Bein auf den Couchtouch gehievt und beide Arme nach oben gerissen hat. Ich bin zwar deutlich kräftiger als er, aber der Junge hat Reaktionen, krass. Zur Bestrafung mache ich zwanzig Liegestütz, ein wenig Workout bei der Arbeit schadet ja auch nicht und zwanzig sind wirklich nichts. Wenn ich meine richtigen Workouts mache und die Arme und der Rumpf dran sind, kommen in einer Session schon mal an die 300 zusammen. “Ich hätte gerne noch weiter mit Ihnen gesprochen, aber jetzt drängt die Zeit und ich muss los.”, ist Ludwig aus dem Gang zu vernehmen. “Alles Weitere erfahren Sie von Johnny und Manuel. Vielen Dank für das Gespräch, machen Sie es gut.” In der Lounge angekommen, richtet er das Wort an uns. “Das meiste sollte bereits geklärt sein, die restlichen Interviews führen die beiden einzeln. Frau Moos wird dich interviewen Johnny und Herr Truggenbrot dich Manuel. Danach sprechen die zwei auch noch mit der Tontechnik und dem Bühnendesigner.” Er dreht sich kurz zu den zwei Reportern, blickt uns dann ernst an und fährt etwas leiser fort: “Sie haben auch nach Steven gefragt und was es mit dem Gerichtsverfahren auf sich hätte. Das bedeutet, sie haben davon bereits Wind bekommen. Ich habe jedoch nichts zu den Anschuldigungen gesagt und sie direkt abblitzen lassen. Keine Ahnung, was sie genau wissen, ich wollte da nicht selbst bohren. Haltet euch bedeckt, ja?”
Während Herr Truggenbrot und Manuel sich auf den Weg ins Aufnahmestudio machen, um ihr Interview dort durchzuführen, begeben sich Frau Moos und ich in den Raum für die Tontechnik. Ein Mitarbeiter mit großen Kopfhörern ist dort noch an den zwei riesigen Mischpulten mit all den Reglern und Knöpfen beschäftigt und bemerkt gar nicht, dass wir hinein kommen. Als ich ihm auf die Schulter tippe, fährt er schreckhaft zusammen, reißt sich die Kopfhörer vom Kopf und dreht sich um. “Du hast mich erschreckt.”, sagt er danach fast ausdruckslos. “Sorry, Dennis, du hast uns wohl nicht kommen hören. Wir brauchen den Raum für ein Interview, das hier ist Frau Moos von der Zeitung.” Sie streckt ihm die Hand entgegen, doch er hat sich bereits abgewendet, seine kleine Tasche geschnappt und sich auf den Weg aus dem Raum gemacht.
“Ein”, kurze Pause, “sonderbarer Mensch.”, lässt Frau Moos verlauten. “Er ist etwas speziell und gern für sich. Mag andere Menschen nicht sonderlich, macht aber einen klasse Job als Tontechniker. Setzen Sie sich.” Der Raum ist dunkel verkleidet, was eine etwas bedrückende Stimmung erzeugt. Goldene Elemente wie eine Schallplatte, drei Kleiderhaken, die Füße der Tische und Stühle und diverse Accessoires sorgen für ein leicht vornehmes Ambiente. In einer Ecke des Raumes ist ein runder Tisch, natürlich mit Goldrand, mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch stehen zwei Gläser und eine Flasche Wasser. Wir setzen uns und ich fülle die Gläser. Nach dem ersten Schluck und einem kurzen Danke beginnt das Interview. “Ihr Produzent hat uns erzählt, ihr richtiger Name lautet John Seeberger, Sie sind 33 Jahre alt, nicht verheiratet und haben das Ziel, einen Nummer eins Hit zu landen. Das war für uns natürlich wenig Neues. Auch war für uns nicht neu, dass Sie Ihre Texte selber schreiben. Seit wann sind Sie schon als Songwriter aktiv?” Sie wirkt ein wenig steif. “Mein erstes Lied habe ich als Teenager geschrieben und in der Schule aufgeführt, zum Abschluss. Ich hatte dort einen 20-minütigen Auftritt bekommen und einige bekannte Lieder nachgesungen, ehe ich als letzten Akt mein eigenes präsentierte. Die anderen Schüler mochten es, die Lehrer nicht so sehr. Es war frech. Das Schreiben hat mir damals viel Spaß gemacht und fortan bin ich dabei geblieben.” Sie notiert sich Stichworte in ihrem Block. “Gab es eine Inspiration für Ihren aktuellen Hit Harte Bandagen?”, möchte sie wissen. Ich muss an Gregor denken. Er ist meine Inspiration für so viele Lieder. Sein Tod hat mich erst zu dem gemacht, der ich bin. “Nein, nicht direkt. Das Leben ist hart und zeigt das in vielen Situationen. Mein Produzent hat es richtig gesagt, ich will einen Nummer eins Hit. Dafür muss man besser sein als alle anderen. Das geht nicht mit einem Kuschelkurs.” Es geht natürlich in diesen Interviews auch immer ein bisschen darum, sein Image aufrechtzuerhalten. Nicht jeder Rapper muss der absolute Hardcore-Gangster sein, aber weiche Rapper kommen bei den Fans nicht gut an.
Sie fragt mich ein paar weitere Sachen zum neuen Song, die ich in Ruhe beantworte. Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht und zeigt das stolz immer wieder mit kleinen Bemerkungen. Als nächstes geht es um das Seefest, bei dem wir den Song das erste Mal live gespielt haben. “Wie war es, auf der Bühne zu stehen und den Song das erste Mal live zu performen? Und wie empfanden Sie die Reaktion der Zuschauer?” Ich rufe mir die Szenen zurück vor mein inneres Auge. Das war schon ein geiler Auftritt! “Stevens Drums haben gerockt! Es war der beste erste Auftritt, den wir mit einem Song bislang hatten, würde ich sagen. Die Stimmung war astrein, die Fans haben gefeiert und unsere Performance stimmte bis ins letzte Detail. Ich freue mich schon auf die Charts in den nächsten Wochen. Auf der Bühne zu performen hat immer etwas Spezielles, sonst würde ich nicht das tun, was ich tue.” Bei der Erwähnung von Steven schaute sie kurz von ihrem Block auf, schrieb dann jedoch fleißig weiter. Ich dachte immer, dass alle Journalisten inzwischen Tonbänder benutzen. Scheinbar habe ich mich geirrt. “Sind Sie bis zum Ende des Festivals geblieben? Haben Sie die Ausschreitungen vor Ort noch mitbekommen?” Was für Ausschreitungen? Als wir mit unserem T6 weggefahren sind, war nichts von Ausschreitungen zu sehen. “Nein, wir sind vorher schon gefahren, weil wir noch ins Hotel zurück wollten, ehe es Abends auf die VIP-Party ging, zu der wir eingeladen waren. Von Ausschreitungen hat da niemand was erzählt, was soll denn vorgefallen sein?” Ich versuche, mich zu erinnern, ob ich etwas im Nachhinein gelesen habe, aber muss mir eingestehen, dass der Kater am folgenden Tag mich davon abgehalten hatte. “Es gab eine Schlägerei mit mindestens zwölf Personen, sogar ein Krankenwagen musste kommen und die Polizei nahm drei Menschen in Gewahrsam.” Halb so wild, sowas kommt schon mal vor. “Davon weiß ich nichts. Ein paar Idioten gibt es natürlich bei so einer Großzahl an Besuchern immer.”, stelle ich fest.
“Sie sprachen die Afterparty an, waren Sie mit der ganzen Band dort?”, fragt sie. “Nein, Manuel war nicht mit dabei und unser Produzent hatte auch Besseres zu tun. Ich hatte auch nicht so richtig Lust im Vorfeld, aber Steven hat mich überzeugt. Ein paar Jungs aus der Technik sind uns später auch noch dort begegnet.” Wieder schaut sie beim Namen Steven auf. Die mahnenden Worte Ludwigs hallen durch meinen Kopf. Ihr haltet euch bedeckt, ja? “Steven wollte also unbedingt zu der Feier? Gab es dafür einen Grund?”, hakt sie nach. “Steven feiert einfach gerne und eigentlich ist das auch üblich, dass wir uns als Stars bei diesen Afterparties zeigen.” Jetzt hat sie so richtig Lunte gerochen. “Gerne feiern mit Alkohol und Frauen?”, rutscht es ihr heraus. “Das gehört beides häufig dazu, aber ich dachte es soll in diesem Interview um die neue Single und unseren Auftritt beim Festival gehen. Wir wissen beide, worauf Sie hinauswollen mit ihrer Anspielung. Steven hat nichts Falsches an dem Abend gemacht, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Mehr werden Sie von mir diesbezüglich aber nicht hören. Wenn Sie weitere Fragen zu den anderen Themen haben, beantworte ich die gerne.” Reporter können manchmal ziemlich dreist sein. Da machen wir extra für die zwei Platz in unseren Planungen und dann kommt so ein vorwurfsvoller Unterton. Sie rudert danach etwas zurück und stellt noch zwei, drei uninteressante Fragen, was bei mir den Eindruck verstärkt, dass es doch vorrangig um Steven geht. Was hat er nur die Nacht angestellt? Ich hoffe, Manuel hält sich ebenso gut an die Vorgabe von Ludwig wie ich.
Als wir den Raum verlassen, wartet Manuel schon in der Lounge, von dem Reporter ist nichts zu sehen. “Wo ist mein Kollege?”, möchte Frau Moos wissen. “Der wollte sich noch ein bisschen umschauen und einen Blick in den Mini-Flugzeughangar werfen.”, antwortet Manuel. “Den was?”, fragt sie verdutzt. “So nennen wir liebevoll die Halle neben dem Tonstudio mit all den Accessoires und Bühnenelementen für die Videoaufnahmen. Das reinste Schlaraffenland für kreative Menschen sage ich Ihnen. Folgen Sie dem Gang hier und dann am Ende die linke Tür.”, erklärt er und fügt lachend hinzu, “Von da aus sehen Sie schon den Eingang zum Hangar, also zur Halle.” Sie bedankt sich und wünscht uns noch einen schönen Tag.
“Wie war dein Interview? Die Reporterin bei mir war ziemlich vorwurfsvoll und wollte über Steven Bescheid wissen. Als hätte es Ludwig gewusst!” Manuel versichert, dass bei ihm nichts dergleichen vorgefallen sei, er habe aber ja auch nichts groß erzählen können, weil er ja nicht dabei war. Auch wieder wahr. Mal sehen, wann Steven hier auftaucht und was er dann an Neuigkeiten zu seinem Fall mitbringt.


Tanja und ich fahren im Bus zurück zum Redaktionsgebäude und arbeiten die Interviews währenddessen auf. Wahnsinnig viel Neues haben wir dabei nicht erfahren. Der Produzent Ludwig Müller hatte von Anfang an klar gemacht, dass zu den Vorfällen in der Seefestnacht keine Angaben von der Band gemacht werden und wollte sich auch selbst dazu nicht äußern. Schade natürlich auch, dass der interessanteste Gesprächspartner, der Drummer Steven Uttensen, gar nicht vor Ort war. Hätten wir das im Vorfeld gewusst, hätten wir uns den Weg eventuell gespart. Tanja hatte in ihrem Gespräch keinen Zugang zum Rapper gefunden, sagt sie. Er habe sehr früh abgeblockt und ihr gar unterstellt, das Interview nur zu führen, um belastendes Material gegen den Angeklagten zu bekommen. Vielleicht war sie nicht feinfühlig genug, Interviews führen ist nicht ihre große Stärke.
Mein Interview mit dem Gitarristen lief gut, hatte nur den Haken, dass dieser selber nicht auf der VIP-Party war. Trotzdem konnte er mir einige Hinweise zur Zeitlinie geben, die er anhand von Handynachrichten belegen konnte. Der Start der VIP-Party war für 23 Uhr geplant. Gegen 22:30 Uhr wollten sich der Drummer und der Rapper mit zwei Frauen vor dem Hotel treffen, eine davon ist wahrscheinlich die Klägerin, aber das müssen wir noch abschließend prüfen. Die erste Nachricht über die Party kam erst gegen 0:20 Uhr, weshalb davon auszugehen ist, dass die vier nicht direkt dorthin gefahren sind. Im Verlauf der Nacht kamen sporadisch und unregelmäßig noch ein paar Nachrichten dazu. Ich kenne die Inhalte der Nachrichten jedoch nicht. Zwei weitere Bilder, die zum Gitarristen gesendet wurden, zeigen den Angeklagten beim Tanzen in der großen Menschenmenge. Diese sind gegen 1:30 Uhr und 1:50 Uhr von Johnny C. gesendet worden. Der Veranstalter hatte uns im Vorfeld des Interviews mitgeteilt, dass die Feier gegen 4:30 Uhr zu Ende war, sich aber bereits gegen 3:30 Uhr größtenteils auflöste. Wie der Drummer und der Rapper genau nach Hause gekommen sind, ob allein oder in Begleitung und wann, ist völlig unklar. Es gibt noch eine Menge zu recherchieren, bevor wir hier etwas Stichfestes sagen können.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.