Kitabı oku: «Israel»

M E I N E M
G E L I E B T E N
S O H N E L I A S
G E W I D M E T
Wolfgang Sotill
ISRAEL
40 EINFACHE FRAGEN
40 ÜBERRASCHENDE ANTWORTEN
Fotos von Christian Jungwirth

1WARUM 40 FRAGEN? EIN VORWORT
LAND & LEUTE
2WAS SOLLTE MAN WISSEN, WENN MAN NACH ISRAEL FÄHRT?
3WIE GEFÄHRLICH IST EINE REISE NACH ISRAEL?
4WELCHE ORTE SOLLTE MAN UNBEDINGT BESUCHEN?
5SPRECHEN SIE JIDDISCH, HEBRÄISCH ODER ARABISCH?
6WAS MACHT JERUSALEM SO HEILIG, SO SCHWIERIG, SO EINZIGARTIG?
7WER IST DAS ÜBERHAUPT: EIN JUDE?
8WORÜBER LACHEN JUDEN, WENN SIE LACHEN?
9SIND JUDEN INTELLIGENTER ALS NICHTJUDEN?
10WAS HAT EUROPA MIT DEM KONFLIKT IM NAHEN OSTEN ZU TUN?
11WARUM HÖRT MAN VON ISRAEL STÄNDIG IN DEN MEDIEN?
12WANN HÖREN DIE JUDEN ENDLICH AUF, VOM HOLOCAUST ZU REDEN?
13SIND DIE SIEDLER EIN HINDERNIS FÜR DEN FRIEDEN?
14SIND ARABER IN ISRAEL AUCH PALÄSTINENSER?
15WARUM HAT ISRAEL AUSREICHEND WASSER?
JUDENTUM – CHRISTENTUM – ISLAM
16WORAN GLAUBEN JUDEN?
17WARUM IST DER PLATZ DES FELSENDOMS AUCH JUDEN HEILIG?
18WAS BEDEUTEN DIE SYMBOLE DES JUDENTUMS?
19IST DIE SYNAGOGE DIE KIRCHE DER JUDEN?
20WIRD AN DER KLAGEMAUER NUR GEKLAGT?
21WIE BEGEHEN JUDEN DEN SCHABBAT?
22WIE SCHMECKT KOSCHERES ESSEN?
23SIND DIE JUDEN EIN AUSERWÄHLTES VOLK?
24WER IST EIN ORTHODOXER JUDE?
25WAS HAT DAS JUDENTUM FÜR DIE WELT GELEISTET?
26WIE VERSTEHEN JUDEN DIE TORA?
27WIE KANN MAN SICH DAS LAND ZUR ZEIT JESU VORSTELLEN?
28WIE VIELE KINDER LIESS HERODES IN BETLEHEM TÖTEN?
29WAR JESUS JUDE?
30WARUM WAR JESUS DEN FÜHRENDEN JUDEN IM WEG?
31WIE VERLIEF DER PROZESS GEGEN JESUS?
32WIE MUSS MAN SICH EINE KREUZIGUNG VORSTELLEN?
33WARUM FÜHLT SICH JESUS AM KREUZ VON GOTT VERLASSEN?
34WARUM LEHNEN DIE JUDEN JESUS ALS MESSIAS AB?
35IST GOLGOTA ALS ORT DER KREUZIGUNG HISTORISCH GESICHERT?
36WARUM VERSETZEN DIE KREUZFAHRER DIE ARABER NOCH IMMER IN ANGST?
37WIE KOMMT ÖSTERREICH ZU EINEM HOSPIZ IN JERUSALEM?
38WARUM IST JERUSALEM DIE DRITTHEILIGSTE STADT IM ISLAM?
39WARUM STEHT ÜBER MARIA IM KORAN MEHR ALS IN DER BIBEL?
ZEITTAFEL
40WAS WAR WANN?
Anmerkungen
Danksagung
Der Autor
WARUM 40 FRAGEN?
EIN VORWORT

EINE FRAGE wird mir bei der Vor- oder Nachbereitung von Reisen und nach Vorträgen immer wieder gestellt: „Welches Buch empfehlen Sie?“ Die Liste der bemerkenswerten Publikationen ist lang, aber kaum jemand findet in der Geschäftigkeit des Alltags Zeit für die Lektüre mehrerer Bücher. Die meisten suchen eine Publikation, die umfassend, fundiert und verständlich Orientierung bietet. Dieses Buch enthält Fragen, die mir Touristen und Pilger während meiner langjährigen Tätigkeit als Reiseleiter wiederholt gestellt haben. Das inhaltliche Spektrum ist dementsprechend breit und reicht vom Nahost-Konflikt bis hin zum jüdischen Witz. Mein Ziel ist es, Fakten zu vermitteln, Zusammenhänge aufzuzeigen und Klischees aufzubrechen.
Die Motive jener, die nach Israel reisen, sind sehr unterschiedlich: Manche kommen als fromme Pilger, denen vornehmlich an den christlichen heiligen Stätten gelegen ist. Andere sehen sich als „kulturell Interessierte“. Für sie ist die Religion oft zur religiösen Kultur geschrumpft, die Glaubensdecke ist womöglich dünn geworden und von vielen Fragezeichen begleitet. Nicht selten suchen sie im Land der Bibel den naiv-vertrauenden Glauben ihrer Kindheit oder eine Bestätigung dafür, warum sie sich von ihrer Kirche distanziert haben. Das eine ist nicht, das andere sehr leicht zu entdecken.
Immer wieder reisen Menschen auch aus politischen Gründen. Sie wollen ihre Solidarität mit einer der beiden Gruppen des Konflikts bekunden. Ihr bevorzugtes Interesse gilt Orten, an denen arabische Selbstmordattentäter viele Juden getötet haben, oder auch den Flüchtlingslagern der Palästinenser. Auch wenn ihr Interesse vordergründig profan und politisch ist, so wollen sie doch die prominentesten Adressen der Religionsgeschichte besuchen: die Grabeskirche, die Westmauer, die großen Moscheen, Betlehem …
Was auch immer der Grund für eine Reise ist – für alle stellt sich der Besuch des Landes als „geistiges Abenteuer“ dar. Sie müssen sich damit auseinandersetzen, Bilder, die sie aus den Tagen ihrer frühen Kindheit von den biblischen Orten in sich tragen, mit der Realität in Einklang zu bringen. Plötzlich ist der Stall der Geburt Jesu kein Stall mehr, sondern eine Höhle. Und der Garten Getsemani, der Ort der Verhaftung Jesu am Ölberg, ist kein lauschiges Wäldchen, sondern nur eine Gruppe von 16 Bäumen. Und selbst die stammen nicht aus der Zeitenwende, sondern wurden von Kreuzfahrern gepflanzt. Man sieht: Die eigenen Vorstellungen erfüllen sich im Land der Bibel oft nicht.
Dazu kommt bei Pilgern die Frage, welchen Stellenwert die Bibel für sie hat. Sind die Psalmen doch mehr als bloß eine wunderbare Dichtung? Und ist das Hohelied der Liebe, in dem es heißt „ein Beutel Myrrhe ist mein Geliebter, der zwischen meinen Brüsten ruht“ (1,13) nicht doch anders zu lesen als nur eine Allegorie des Verhältnisses Jesu zu seiner Kirche? Darf dieses Lied, das König Salomon als Verfasser zugeschrieben wird, erotische Literatur sein, voll Lebensfreude und Zärtlichkeit? Man kann das Land der Bibel bereisen und nur bestätigt sehen, was man auch zu Hause schon gewusst hat. Man kann sein Wissen aber auch erweitern. Das ist einem lebendigen Glauben geschuldet.
Dieses Land ist uns allen irgendwie Heimat und doch hat es viele Seiten an sich, die uns fremd sind und uns verunsichern – etwa: Wie gehe ich mit dem zeitgenössischen Judentum um, das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und von allen nachfolgenden Päpsten als göttliche Offenbarungsreligion gehandelt wird? Wie bringe ich diese biblische Sicht in Einklang mit meinem Solidaritätsgefühl, das ich den unter dem Konflikt stark leidenden Palästinensern entgegenbringe? Manche Reiseleiter machen es sich einfach und unterscheiden zwischen den „guten Juden“ in biblischer Zeit und den „bösen Israelis“ der Gegenwart. Das ist schlichtweg falsch.
Schon an diesen wenigen Fragen erkennt man: Israel ist ein ewiges Verwirrspiel des Intellekts und auch der Gefühle. Vor allem dann, wenn man erkennen muss, dass die maschinelle Menschenvernichtung der Shoa nicht nur ein Aspekt der jüdischen Geschichte, sondern auch einer der österreichischen und der deutschen ist. Nach dem Besuch der Holocaust-Memorialstätte Yad Vashem habe ich des Öfteren Gespräche geführt, die sehr persönlich waren: „Was hat mein Vater, der an der Ostfront eingesetzt war, gewusst? War er aktiv an Judenerschießungen beteiligt? Gesprochen hat er über seine Zeit im Krieg jedenfalls nie, sondern die verlorenen Jahre immer nur mit dem Satz zusammengefasst: ,Es war eine schwere Zeit.‘“ Solch ein Resümee lässt viele Deutungen zu.
Ich wiederhole mich, wenn ich sage: Israel ist ein geistiges Abenteuer, ein, wenn man ihn nur zulässt, bereichernder Prozess, der mit einer einzigen Reise freilich nicht beendet ist. Darum sollten Sie verstehen: Auch eine noch so fundiert geführte Tour kann nie der Endpunkt, sondern immer nur der Ausgangspunkt für weitere Fragen sein – egal ob im Bereich des Glaubens oder in der Politik.
Ich war als Student in Jerusalem sehr orientierungslos. Ich hatte arabische Freunde und jüdische. Beide Seiten waren sehr nett, sehr hilfsbereit, sehr kumpelhaft. Zu beiden fühlte ich mich hingezogen, während diese mehr oder weniger strikt gegeneinanderstanden. Lange Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen der jeweils anderen Gruppe gegenüber. In diesem Schlamassel meiner Gefühle suchte ich Rat. Und zwar bei dem Benediktiner Laurentius Klein, mittlerweile verstorbener Abt der deutschen Benediktinerabtei Dormitio Mariae am Berg Zion. Seine Antwort lautete: „Weißt du, je länger ich im Land bin, desto weniger durchblicke ich die politischen Zusammenhänge. Wenn du aber unbedingt eine Antwort hören willst, dann sage ich dir: Mit dem Herzen bin ich oft auf der Seite der Araber, mit dem Kopf aber auf der der Israelis.“1 Diese Antwort ist wahrscheinlich die beste, die ich jemals zum Konflikt gehört habe. Wohl aber auch die schwierigste, weil sie sich unserem Streben nach eindeutigen Kategorisierungen entzieht. Dabei wünschen wir so sehr, Gutes und Böses, Recht und Unrecht klar erkennen zu können. Stattdessen zwingt uns Israel in einer offenen Gedankenwelt zu leben, in der es eben nicht immer nur eine einzige richtige Antwort gibt. Es ist ein Land, in dem man mit Antworten auf Fragen überrascht wird, die man gar nicht gestellt hat.
Israel zwingt seine aufmerksamen Besucher auch in neue Kategorien der Geschichtsbetrachtung. Eines der ältesten Völker der Erde, das wunderbare Leistungen für die Welt erbracht hat – die Idee des Eingottglaubens und der Nächstenliebe und vieles andere mehr –, steht vor der Frage: „Wird es diesen Staat, den einzigen sicheren Hafen für Juden auf der Welt, für unsere Kinder oder Enkelkinder noch geben?“ Eine Frage, die sich in Europa niemand von seinem Land zu stellen braucht. Solch eine permanente Bedrohung lässt Menschen nachdenklicher, aber auch lebensfroher werden. Das ist wohl auch der Grund, warum so viele junge Menschen aus Europa für ein paar Tage nach Tel Aviv fliegen, um dort die Intensität des Lebens in besonderer Weise zu spüren.
Israel wirft Fragen über Fragen auf. Warum aber sind es in diesem Buch ausgerechnet 40? Die Zahl 40 spielt in der Bibel eine große Rolle. 40 Tage dauerte die Sintflut, 40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai, um die Gesetzestafeln in Empfang zu nehmen, 40 Jahre dauerte die Wüstenwanderung des Volkes Israel von Ägypten ins gelobte Land, 40 Tage und 40 Nächte ging der Prophet Elias in schwerer Niedergeschlagenheit zum Berg Horeb, 40 Tage fastete Jesus, um sich auf seine Sendung vorzubereiten. Die Zahl 40 steht immer für einen Zeitraum, der eine Wende, eine Umkehr und einen Neubeginn ermöglicht. Ich wünsche mir, dass die Leserin, der Leser nach der Lektüre der 40 Antworten Israel mit neuen Augen sieht. Niemand erwartet eine unkritische Jubelstimmung, aber sehr wohl fundierte Urteile, die keine oberflächlichen Vorurteile mehr sind. Das ist es, was Israel verdient. Nicht mehr und nicht weniger.

LAND
&

LEUTE

WAS SOLLTE MAN WISSEN, WENN MAN NACH ISRAEL FÄHRT?

ES SOLL Sie nicht abschrecken, wenn ich sage: Der Flughafen von Tel Aviv ist der gefährlichste Ort, wenn Sie in einer Gruppe reisen. Dort verschwinden die meisten Leute. Und andere, nach denen der Guide – vermeiden Sie in Israel den Ausdruck „Führer“– nie gesucht hat, tauchen plötzlich auf. Aber der Reihe nach. Die Gruppe war noch vollzählig, als ich sie in der Wartehalle des Flughafens in Empfang nahm. Aber keine zwei Gehminuten später war ein Mann verschwunden. Zugegeben: Ich hätte noch einmal nachzählen müssen, aber da mir von der Ankunftshalle in Ben Gurion bis zu dem davor wartenden Bus noch nie jemand verloren gegangen war, dachte ich gar nicht daran. Wir fuhren ohne ihn los. Der abgängige Herr, ein pensionierter Lehrer, hat sich die Fahrt nach Tiberias mit Zug und Bus schließlich selbst organisiert. „Ich habe Israel schon ein wenig kennengerlernt“, schwärmte er geradezu, als er am Abend im Hotel zur Gruppe stieß. Er sei ganz begeistert von dem Land, denn er habe so viele hilfsbereite Leute getroffen.
Ein anderes Mal habe ich meine Reiseteilnehmer doch gezählt. Mit dem Ergebnis, dass ich eine Person zu viel im Bus hatte. Wie sich herausstellte, war es eine betagte Frau, die die Reise von ihren Kindern zu einem runden Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Reiseunerfahren hatte sie sich am Flughafen einer deutschsprachigen Gruppe angeschlossen, von der sie glaubte, es sei die ihrige. Das war unsere Gruppe aber nicht. Auf die Frage, bei welchem österreichischen Unternehmen sie gebucht habe, wusste sie ebenso wenig eine Antwort wie auf jene nach dem Hotel, in dem sie wohnen sollte. Einen so alten Menschen, der die Sprache des Landes nicht versteht und sich nicht zu helfen weiß, kann man nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Einige Telefonate später hatten wir ihre Gruppe ausfindig gemacht. In charmantem Kärntnerisch bedankte sich die 80-Jährige mit den Worten: „Eigentlich würde ich gerne bei euch bleiben. Ihr seid so nett!“
Was möchte ich Ihnen damit sagen? Israel ist ein kleines, überschaubares Land mit vielen warmherzigen und hilfsbereiten Menschen. Vieles lässt sich ganz unkompliziert organisieren, selbst wenn es manchmal ein wenig chaotisch zugeht. Diesem Lebensstil, Kleinigkeiten nicht zu problematisieren, sondern sie unkonventionell zu lösen, steht allerdings auch ein striktes staatliches Regelsystem gegenüber, das zur Aufrechterhaltung der Sicherheit – auch Ihrer – dient. So dürfen Sie nur einreisen, wenn Ihr Reisepass vom Tag der Abreise aus Israel zumindest noch sechs Monate und einen Tag gültig ist. Visum braucht man als österreichischer oder deutscher Staatsbürger keines. Bei der Einreise erhalten Sie keinen Stempel in Ihren Pass, dafür aber eine scheckkartengroße Kopie des Passes, die Sie bis zur Abreise aufbewahren sollten.
Schwierig kann sich die Einreise allerdings gestalten, wenn ihr Pass Stempel aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Iran aufweist. Das führt zu ernsthaften Komplikationen. Im Allgemeinen sind die Sicherheitskontrollen aber meist schon nach wenigen kurzen Fragen erledigt. Dramatische Berichte, die immer wieder die Runde machen, die Israelis würden Reisende schikanieren, Koffer auf der Suche nach Waffen und Sprengstoff durchwühlen, Bücher durchleuchten und sogar Früchte durchschneiden, gehören ins Reich der Vergangenheit. Die Sicherheitskräfte sind im Allgemeinen professionell, freundlich und hilfsbereit. Immer wieder bin ich über die Handhabung der Sicherheitsbestimmungen überrascht. So darf man in Israel zum Beispiel Wasserflaschen mit an Bord von Flugzeugen nehmen, was in Europa streng verboten ist.
Manche, besonders ältere oder kranke Menschen, haben Bedenken, was die medizinische Versorgung betrifft. Sie dürfen selbstverständlich alle persönlichen Medikamente im Flugzeug mit sich führen. Wenn Sie medizinisch-technische Geräte, wie etwa zur Atmungsunterstützung, benötigen, empfiehlt es sich, eine Beschreibung des Geräts mitzunehmen. Wer im Rollstuhl reist, muss dies der Fluglinie rechtzeitig bekannt geben. Wenn vor Ort gesundheitliche Probleme auftreten, darf ich Sie beruhigen. Die medizinische Versorgung in Israel ist erstklassig. Es kann allerdings empfindlich teuer werden, wenn man im Krankenhaus behandelt werden muss. Daher sollten Sie mit einer guten Versicherung vorsorgen.
Die meisten Fragen von Reisenden beziehen sich aufs Geld. Es ist nicht notwendig, in Europa israelische Schekel zu schlechten Konditionen zu kaufen. Nehmen Sie Euro mit und wechseln Sie bei einem autorisierten „Moneychanger“. Die Kurse sind meist besser als in den Hotels oder am Flughafen. Niemand, der Geld wechseln will, geht in Israel in eine Bank. Dort ist der administrative Aufwand zu hoch und die Wartezeit zu lang. Sehr viele Geschäfte und Restaurants akzeptieren auch Euro- oder Dollar-Banknoten. Das Netz an Bankomaten ist in seiner Dichte ausreichend. Solche, die in religiös-jüdischen Wohnvierteln aufgestellt sind, funktionieren am Schabbat nicht. Nur schwer zu beantworten ist die Frage, wie viel Geld Sie mitnehmen sollten. Das hängt ganz von Ihren Bedürfnissen und finanziellen Möglichkeiten ab. Ich hatte einmal einen Reiseteilnehmer, dessen Goldene Kreditkarte ihm nach wenigen Tagen den Dienst versagte, weil er hemmungslos Ikonen und auch Diamanten eingekauft hatte. Andere Reisende kommen mit ganz wenig Geld aus.
Ein weiterer schwieriger Punkt ist die Frage nach Trinkgeldern. In Israel wird für diverse Dienstleistungen Trinkgeld erwartet, in einem Restaurant sollten es zumindest zehn Prozent sein. Seien Sie vorsichtig, wenn Sie essen gehen. Die Preise sind sehr hoch und alkoholische Getränke wirklich teuer. Das Wasser mit Minze oder Zitrone, das Ihnen obligatorisch in jedem Restaurant auf den Tisch gestellt wird, können Sie problemlos trinken.
Wenn Sie individuell reisen, kommen Sie sowohl in Israel als auch in den Palästinensergebieten mit Englisch sehr gut durch. Sollten Sie einen Mietwagen nehmen, dann beachten Sie, dass Sie mit einer israelischen Nummerntafel nicht ins Westjordanland reisen können. Auch wenn Sie das Fahrzeug bereits von zu Hause aus bei einer internationalen Agentur gebucht haben, sollten Sie Orte wie Betlehem oder Jericho meiden, da Sie dort keinen Versicherungsschutz haben. Eine Ausnahme stellen die Straßen durch das Jordantal von Galiläa bis zum Toten Meer und jene von Jericho nach Jerusalem dar. Auf diesen Straßenabschnitten sind Sie versichert. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut und Sie können das Land auch mit öffentlichen Bussen bereisen. Sammeltaxis, Sheruts genannt, finden Sie an nahezu allen Verkehrsknotenpunkten.
Telefonieren mit dem Handy und die Nutzung des Internets können sehr teuer werden. Immer wieder höre ich diesbezüglich Klagen von Reisenden. Auch wenn Israel im Sport Europa zugerechnet wird, beim Telefonieren ist das nicht der Fall. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Anbieter vor der Reise über die entsprechenden Konditionen. Die Internet-Abdeckung ist im ganzen Land hervorragend und WLAN gibt es auch in den meisten Reisebussen.
Das Fotografieren ist beinahe überall erlaubt. Und sollte es einmal verboten sein, dann werden Sie mit Warntafeln darauf hingewiesen. Auch wenn es verlockend ist, am Schabbat an der Westmauer die Kamera zu zücken – verzichten Sie darauf. Respektieren Sie die Privatsphäre und die religiösen Gefühle von Menschen. Es wird auch nicht gerne gesehen, wenn Sie arabische Frauen fotografieren. Es ist ein Gebot der Höflichkeit und des Respekts, zu fragen, bevor man den Auslöser drückt. Wenn jemand bereit ist, sich fotografieren zu lassen, erwartet er/sie eine kleine Gegenleistung, ein Bakschisch. Geschäft ist eben Geschäft.
Noch ein Tipp: Berücksichtigen Sie bei Ihrer Reiseplanung die religiösen Feiertage der einzelnen Religionen. Der Freitag ist der heilige Tag des Islam, am Samstag ist Schabbat und der Sonntag ist der christliche Feiertag. Dementsprechend gestalten sich die Öffnungszeiten verschiedener Sehenswürdigkeiten. Die Westmauer sollten Sie an einem Montag- oder Donnerstagvormittag besuchen, denn dann können Sie dort eine Bar Mitzwa miterleben.
Sie können Israel zu jeder Jahreszeit besuchen, von Anfang Jänner bis Ende Dezember. In den Wintermonaten kann es am See Gennesaret, am Toten Meer und in Eilat durchaus frühlingshafte Temperaturen haben. Regenfälle können zwar sehr intensiv sein, dauern aber selten länger als einen Tag. In den Monaten März, April und Mai und im Herbst ist es angenehm warm, aber nicht heiß und zudem niederschlagsarm. Und im Hochsommer? Da sind nur wenige Touristen im Land, denn es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass in Jerusalem die Temperaturen oft angenehmer sind als in Mitteleuropa.
Traditionell beenden Juden den Seder-Abend zu Pessach mit dem Wunsch: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Vielleicht haben ja auch Sie Lust, sich diesem Wunsch anzuschließen.

WIE GEFÄHRLICH IST EINE REISE NACH ISRAEL?

EINE LEHRERIN rief mich zwei, drei Jahre vor ihrer Pensionierung immer wieder an und fragte: „Wann fahren Sie das nächste Mal nach Israel?“ Ich nannte ihr Termine, aber einmal waren es berufliche, dann wiederum private Gründe, deretwegen sie verhindert war. Als sie dann in Pension war, meldete sie sich tatsächlich zu einer Reise an. In den Wochen davor telefonierten wir mehrfach, sprachen über alles Mögliche, aber von Sicherheitsbedenken war dabei nie die Rede. Drei Wochen vor Reiseantritt leuchtete ihre Nummer erneut auf meinem Handy auf. Aufgeregt erklärte sie mir, dass sie sich abmelden wolle, denn ihre Frisörin habe ihr erklärt, dass es zu gefährlich sei, nach Israel zu fahren. Auf meine Frage, ob die Frisörin Nahosterfahrung habe, verneinte sie. Nein, das zwar nicht, aber das sage ihr ihr Bauchgefühl.
Die Angst vor Israel treibt manchmal seltsame Blüten, wie Markus Bugnyar, Rektor des Österreichischen Hospizes in der Altstadt von Jerusalem, erfahren musste. Bei einer Sicherheitskontrolle am Flughafen Wien-Schwechat wandte sich ein Passagier, dessen Flug gleich nebenan abgefertigt wurde, an ihn und meinte: „Sie fliegen nach Tel Aviv? Sie fliegen in die Hölle!“ Bugnyar erwiderte beiläufig: „Aber die ist sehr gut besucht.“
Tatsächlich schreibt Israel immer neue Besucherrekorde. Schon 2017 war mit 3,6 Millionen Besuchern aus aller Welt ein Rekordjahr, das 2018 noch einmal deutlich übertroffen wurde. Man überschritt erstmals die Zahl von vier Millionen Touristen. Die Beruhigung im Nahost-Konflikt motivierte in den ersten acht Monaten des Jahres 2018 rund 161.000 Deutsche und 23.500 Österreicher, das Land zu besuchen. Das sind Zuwachsraten gegenüber dem Rekordjahr 2017 von 24 beziehungsweise 25 Prozent.
Wie gefährlich ein Land ist, ist keine Frage der subjektiven Befindlichkeit, sondern kann objektiviert werden. Leicht kann man im Internet recherchieren, wie viele Touristen in Israel verletzt oder gar getötet worden sind. Gibt man die dementsprechenden Suchbegriffe bei einer Internet-Suchmaschine ein, findet man heraus, dass 2016 eine Britin und 2017 ein US-Bürger ums Leben kamen. Statistisch gesehen ist jede Stadt in Israel für Touristen also sicherer als London, Köln, Berlin, Madrid, New York, Tokio, Istanbul oder Moskau. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Dennoch erlebe ich immer wieder, dass sich Reiseteilnehmer als besonders mutig empfinden, wenn sie nach Israel fliegen. Sie erklären mir oft schon während der Busfahrt zum Flughafen, wer ihnen nicht aller von der Reise abgeraten habe: beste Freunde, der Schwager, Arbeitskollegen, sogar die Schwiegermutter. Ein Ehepaar berichtete mir, es habe vor Reiseantritt vorsorglich seinen Nachlass geregelt. Man wisse schließlich nicht, ob man im Heiligen Land nicht von einer Rakete getroffen würde.
Ob stille Helden oder Ehepaare, die bereit sind mit dem Leben abzuschließen – sie alle erwarten von ihrem Reisebegleiter eine Bekräftigung ihres Entschlusses, Zuspruch und Ermutigung. Ich sage dann: „Sie werden nicht die Einzigen sein, die das Land besuchen. Ganz im Gegenteil.“ Beim Anblick der Menschenmassen, die sich vor den heiligen Stätten drängen, relativiert sich dann der Heldenmut. Die Angst ist verflogen, sobald die Leute im Land sind. Sie geben an, sich „sicher, wie in Abrahams Schoß“ zu fühlen.
Israel ist also keine Risiko-Destination. Das bestätigen zahlreiche Touristen, die das Land besucht haben, und das lässt sich auch an Statistiken ablesen. Dass viele Menschen dennoch Bedenken haben, dorthin zu fahren, ist aufgrund der Medienberichterstattung verständlich. Ich rate Menschen, die Ängste haben, sich bei Experten zu informieren. Eines ist klar: Absolute Sicherheit gibt es in Israel nicht. Aber die gibt es auch sonst nirgends auf der Welt. Mit einem Wort: Besuchen Sie Israel, das Land wird Sie in so vielfältiger Weise bereichern, faszinieren und Ihren Blick weiten.

WER IST DAS ÜBERHAUPT: EIN JUDE?


Die Antwort finden Sie auf Seite 40.
WELCHE ORTE SOLLTE MAN UNBEDINGT BESUCHEN?

DAS IST eine Frage des Anspruchs: Sind Sie ein lebensfroher Tourist, dann ist Tel Aviv mit seinen Restaurants, Bars und Clubs die erste Adresse. Als Pilger werden Sie möglichst viele heilige Stätten besuchen, als Kulturreisender Museen, Ausgrabungen oder auch die Oper in Tel Aviv. Als politisch Interessierter werden Sie möglicherweise Kibbuzim, den Golan oder das Westjordanland besuchen. Dann werden Sie die Mauer zwischen Israel und Palästina entlangwandern und in Betlehem Hunderte Graffiti sehen, die auf die Situation der Araber in den besetzten Gebieten aufmerksam machen. Darunter finden sich auch einige Arbeiten des britischen Streetart-Künstlers Banksy, dessen Identität noch immer ungeklärt ist. Wenn Sie Orte wie Nablus oder Ramallah besuchen, werden Sie dort hören, wie schwierig das Leben hinter der 2002 errichteten Mauer geworden ist. Aber kaum jemand wird Ihnen erzählen, dass sich durch den Mauerbau die Zahl der arabischen Selbstmordattentate in Israel erheblich reduziert hat.
Als jemand, der das Land seit 1977 mehrfach im Jahr als Journalist, Buchautor und Reiseleiter bereist, rate ich Ihnen: Versuchen Sie nicht, nur Ihre eigene politische oder religiöse Kultur wiederzufinden. Das ist ohnedies nur schwer möglich, denn die einzelnen historischen Stätten, deren Geschichte und die dazugehörigen Religionen sind eng miteinander verwoben. Einige Beispiele: Man kann den Felsendom, der an die Nachtreise des Propheten Mohammed erinnert (Sure 17), nur verstehen, wenn man weiß, dass sich im siebten Jahrhundert mit dem Judentum und dem Christentum bereits zwei monotheistische Religionen in der Stadt etabliert hatten, die der junge Islam überwinden wollte. Oder: Man kann in der Paternoster-Kirche am Ölberg die Anrede Gottes als „Vater unser“ nur dann in ihrer ganzen Dimension wertschätzen, wenn man weiß, dass Juden aus Ehrfurcht den Namen Gottes nicht einmal aussprachen. Auch Betlehem ist nicht nur der Geburtsort Jesu, sondern auch jener von König David. Die direkte Abstammung Jesu aus dem Geschlecht Davids war wiederum die Voraussetzung dafür, dass er überhaupt der Messias sein konnte.
Es gilt, immer und überall überraschende Entdeckungen zu machen. Die Kuppel der in den 1960er-Jahren fertiggestellten katholischen Verkündigungskirche in Nazareth wurde beispielsweise nach jüdisch-kabbalistischen Grundsätzen errichtet. Das Land der Bibel ist also weder kulturell noch religiös eindimensional.
Zu den Orten, die man unbedingt gesehen haben muss, gehören die heiligsten Stätten der drei monotheistischen Religionen: die Westmauer (auch: Klagemauer), die Geburtskirche, die Grabeskirche und der Felsendom samt Al-Aqsa-Moschee. Die Westmauer ist Tag und Nacht zugänglich. Dort kann man auch – ausgenommen am Schabbat – immer fotografieren. Am besten besucht man diese westliche Begrenzungsmauer des herodianischen Tempels am Montag- oder Donnerstagvormittag, wenn 13-jährige Juden im Rahmen einer Bar Mitzwa ihre religiöse Großjährigkeit feiern. Sie können dort tolle Fotos machen.
Die islamischen Heiligtümer sind von Sonntag bis Donnerstag (meist zwischen 7 und 11 Uhr und 12.30 bis 13.30 Uhr) geöffnet. Das Betreten der Moscheen ist nach einer muslimischen Verordnung aus „Sicherheitsgründen“ verboten. Der Felsendom mit seiner achteckigen Architektur, seiner vergoldeten Kuppel und seinen wunderbaren Fayence-Fliesen ist es aber wert, aus der Nähe betrachtet zu werden. Um überhaupt auf den Tempelplatz zu gelangen, muss man Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen, bei denen den Besuchern Bibeln oder Kreuze ebenso abgenommen werden wie Alkohol oder Computer-Tablets. Muslimische Wächter achten streng darauf, dass Frauen „züchtig“ gekleidet sind.
Ein Tipp: Sollten Sie den Tempelplatz aus irgendwelchen Gründen nicht besuchen können, dann gehen Sie in das „Jewish Quarter Café“ in der Tiferet Israel Straße im jüdischen Viertel, der Eingang befindet sich beim „Burnt House“. Dort gehen Sie am besten in den ersten Stock des Selbstbedienungsrestaurants (ausgezeichnete Küche!). Von dort haben Sie einen wunderbaren Blick auf die Westmauer, die Moscheen und den Ölberg im Hintergrund.
Ein Tipp zur Grabeskirche: Suchen Sie diese in den späten Nachmittagsstunden auf. Dann sind bereits viele Touristen auf dem Weg zurück in ihre Hotels und Sie können auch die besondere Zeremonie verfolgen, wenn Wajeeh Nusseibeh, ein Moslem, die Tür der Grabeskirche nach einem vorgeschriebenen Ritual versperrt. Wenn Sie ein Frühaufsteher sind, dann lohnt sich der Besuch des Gotteshauses, in dem sechs Konfessionen beheimatet sind, an Sonntagen zwischen 5.30 und 8 Uhr. Dann erleben Sie die Kirche beinahe ohne Touristen und liturgisch belebt. Zeitgleich feiern die Griechen, die Franziskaner, auch die Armenier, die Kopten und die Syrer ihre heiligen Messen. Nur die orthodoxen Äthiopier leben und feiern abgesondert am Dach der Kirche. Auf jeden Fall erleben Sie am Heiligen Grab eine kirchliche Vielfalt, die ihre Einheit in Christus sucht. Kritiker sagen freilich, nirgends sei die Zerrissenheit der Christenheit so augenscheinlich wie gerade an diesem Ort.
Ins Programm jedes Israel-Reisenden gehört die Holocaust-Memorialstätte Yad Vashem. Gerade als Österreicher oder Deutscher ist es wichtig, diesen Ort der Erinnerung zu besuchen, um das heutige Israel mit seinen Sicherheitsbedürfnissen besser verstehen zu können. Es geht aber auch darum, anzuerkennen, dass die Shoa nicht nur ein Teil der jüdischen Geschichte, sondern sehr wohl auch einer der mitteleuropäischen ist. In Yad Vashem erfährt man, was in den Schulen hierzulande lange Zeit verschwiegen wurde: die Dimension und die Brutalität der Judenverfolgung. Man sollte das Museum, die „Allee der Gerechten“, das Kindermemorial und die Halle mit der ewigen Flamme sehen. Auch ein Blick in die modern gestaltete Synagoge lohnt sich. Für Kinder unter 15 Jahren ist der Besuch allerdings nicht empfehlenswert.
Sehenswert ist das Israel-Museum in Jerusalem. Im Freigelände befindet sich ein Modell der Stadt zur Zeit Jesu im Maßstab 1:50. In der Nähe ist der „Schrein des Buches“, in dem die Rollen von Qumran gezeigt werden. Dort bekommen Sie einen guten Einblick in das Leben der Essener-Gemeinde. Vorbei am Skulpturengarten – dort stehen Werke von Auguste Rodin – sollte man sich auch Zeit für das Hauptgebäude des Museums nehmen. Dort ist vor allem die archäologische Abteilung (Unterabteilung Zeitenwende) sehenswert. Schon die Präsentation der Exponate – ganz ohne Schutzglas – fällt positiv auf. Dort sind der Sarkophag von Herodes dem Großen, Zöpfe und Sandalen eines Mädchens aus Masada und ein Ossuarium, das die Knochen von Joseph bar Kajaphas beinhaltet hat, ausgestellt. Kajaphas war der Hohepriester und jüdische Ankläger im Prozess gegen Jesus. Damit werden biblische Ereignisse unmittelbar erlebbar. Neben dem Ossuarium liegt ein 11,8 Zentimeter langer Nagel aus der Zeit Jesu. Er ist der einzige archäologische Beweis für Kreuzigung durch Annagelung. Wenn man vor diesem Exponat steht, kann man ermessen, welche Schmerzen Gekreuzigte bis zum Eintritt ihres Todes erlitten haben.
Reisen hat für viele Menschen auch mit Lebensfreude und Genuss zu tun. Deshalb empfehle ich Ihnen den Markt Mahane Yehuda in der jüdischen Neustadt (leicht mit der Straßenbahn erreichbar). Bei orientalischen Snacks und einem süffigen „Alexander“-Bier bekommen Sie den Kopf frei, sollten Ihnen die archäologischen, politischen und religiösen Informationen zu viel geworden sein. Mahane Yehuda ist ein Ort, an dem man in das Alltagsleben der Israelis eintauchen kann.
Fahren Sie auch ans Tote Meer, das Gefühl der Schwerelosigkeit im Wasser ist einzigartig. Bedenken Sie: „Wildes“ Baden ist zwar nicht verboten, sie werden es aber bitter bereuen, wenn Sie sich nach dem Bad im Salzwasser (ca. 32 Prozent Salzgehalt) nicht mit Süßwasser duschen können. Zudem sei vor Spaziergängen in „closed areas“ gewarnt. Es könnte sich unter Ihren Füßen ein „sink hole“ auftun, eine mehrere Meter tiefe Erdhöhle, die nur oberflächlich von Erde bedeckt ist. Völlig ungefährlich und wunderschön ist hingegen der Besuch des Nationalparks von Ein Gedi. Dort können Sie auf gesicherten Pfaden durch die Judäische Wüste wandern. Dabei werden Sie überrascht sein, wenn Sie inmitten der kahlen Landschaft Wasserfälle sehen, in deren Nähe sich fast immer Klippdachse – ähnlich unseren Murmeltieren – tummeln. Mit ein wenig Glück sieht man auch Steinböcke.
Wer religiös interessiert ist, sollte am See Gennesaret die christlichen heiligen Stätten besuchen: die aus byzantinischer Zeit stammenden Mosaike von Tabgha, die an die Speisung der 4000 beziehungsweise 5000 Menschen erinnern, Kapernaum, das Zentrum jesuanischen Wirkens, und die Kirche auf dem Berg der Seligpreisungen, die inmitten einer wunderbar gepflegten Gartenanlage liegt. Neben den historischen Stätten sollte man sich auch noch für die Landschaft und die Natur Zeit nehmen. Es empfiehlt sich ein leichter 20-minütiger Spaziergang von den Seligpreisungen hinunter zum See. Dabei kann man ein Gespür dafür entwickeln, wie die Menschen vor 2000 Jahren gelebt haben. Um sich in die Zeit Jesu zurückzuversetzen, ist es zudem hilfreich, Texte aus dem Neuen Testament zu lesen. Gleichnisse wie jenes vom Senfkorn, das in die Erde fällt und tausendfache Frucht bringt, oder jenes vom Schaf, das verloren geht, oder jenes vom Sturm am See ermöglichen es Ihnen, sich der faszinierenden Person Jesus von Nazareth anzunähern.
Ein Ort, der besonders für Österreicher von Bedeutung ist, ist die Küstenstadt Akko, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Der Legende nach sollen hier während des Dritten Kreuzzugs die Nationalfarben Rot-Weiß-Rot entstanden sein. Auch wenn das historisch nicht belegt ist, so ist Akko als die schönste und besterhaltene Kreuzfahrerstadt des gesamten Orients doch einen Besuch wert.
Wenn Sie an Bauhaus-Architektur interessiert sind, dann sind Sie in Tel Aviv richtig. Tel Aviv, „Hügel des Frühlings“, ist eine pulsierende Großstadt, die an London oder Frankfurt erinnert. Es gibt nicht viel zu besichtigen, dafür umso mehr zu erleben, bevorzugt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Sie können am frühen Abend bei einem Bummel durch das pittoreske Jaffa am Hafen einen Aperitif zu sich nehmen, dann in einem der ausgezeichneten, aber auch hochpreisigen Restaurants ein Abendessen genießen und sich schließlich bis in den Morgen in diversen Bars und Clubs vergnügen. Vorausgesetzt, man kann sich das leisten.

SPRECHEN SIE JIDDISCH, HEBRÄISCH ODER ARABISCH?

NEIN? DOCH! Sie werden sich wundern, wie viele Ausdrücke und Redewendungen Ihnen vertraut sind. Wie gut Ihr Hebräisch beziehungsweise Jiddisch ist, zeigt Ihnen folgender Text:
In einem Beisl treffen sich zwei ausgekochte Typen. Über dem einen schwebt der Pleitegeier und er ist schon ziemlich geschlaucht, weil seine Mischpoche (Verwandtschaft) den Kies (Geld), den sie ihm vorgestreckt hat, wiederhaben will. Deswegen macht diese auch einen ziemlichen Pahöll (Aufregung):
Der Onkel habe mit ihm sogar schon Tacheles geredet – es sei alles ein einziges Tohuwabohu. Und das mit dem Malochen (Arbeiten) sei nicht so seins, er überlege vielmehr, mit seiner Schickse abzuhauen. Worauf sein Freund sagt: „Red net so einen Kohl. Ich habe ein paar Ezzes (Ratschläge) für dich: Da gibt es in einem Kaff, gar nicht weit von hier, einen sehr betuchten Haberer. Man muss aufpassen, denn er ist ein bisserl meschugge (verrückt) – aber bei dem machst einen Bruch (Einbruch) und ich stehe dir Schmiere. Mit einem bisserl einem Massel (Glück) kannst du einen richtig guten Reibach (Gewinn, Beute) machen. Dann ist deine Saure-Gurken-Zeit vorbei. Halleluja, ich wünsch Dir Hals- und Beinbruch. Pass aber auf, sonst geht’s für uns beide in den Knast. Und das wäre nicht so dufte.
Zunächst waren es die Beschäftigung mit den Texten der Bibel, die zahlreiche Termini aus dem Hebräischen über das Lateinische ins Deutsche einfließen ließ. Dazu gehören Ausdrücke wie Amen, Halleluja, Hosanna, Jubel, aber auch Messias. Durch die Juden, die im Mittelalter in ihrer Alltäglichkeit nicht mehr das „heilige Hebräisch“, sondern Jiddisch sprachen, kam es schließlich zu einer deutlichen Beeinflussung des Deutschen. Die jiddische Mischsprache aus dem Mittelhochdeutschen, dem Hebräischen und dem Slawischen entwickelte sich nach 1350 in Osteuropa. Dorthin waren viele Juden geflohen, nachdem sie in Westeuropa beschuldigt worden waren, mit der Pest die christliche Bevölkerung ausrotten zu wollen. Die einzige Gruppe in Israel, die bis heute kein Neuhebräisch spricht, sondern immer noch „jiddelt“, sind die aschkenasischen Juden aus Osteuropa. Sie halten an dem Jiddischen ihrer Vorväter, das sie allerdings in hebräischen Buchstaben schreiben, fest.
Den meisten Reisenden sind einige Ausdrücke aus dem Jiddischen vertraut. Dass auch viele Lehnwörter aus dem Arabischen stammen, erstaunt sie aber sehr. Diese sind vor allem durch die Kreuzfahrer ins Deutsche übernommen worden. Aber schon früher hatte es durch die Eroberung Spaniens (711) und Siziliens (827) eine Beeinflussung der europäischen Sprachen durch das Arabische gegeben. Am folgenden Textbeispiel wird ersichtlich, wie viele Wörter aus dem Arabischen entlehnt wurden.
Ahmed war ein einfacher Seemann, aber er legte Wert darauf, immer gut gekleidet zu sein. Seine blaue Jacke war leicht mit Watte gefüttert, seine Mütze saß perfekt. So, wie er sich präsentierte, hätte man meinen können, er sei ein Admiral. Tatsächlich aber war er ein armer Schlucker, der sich in den Häfen mit den Touristen ein Zubrot verdiente, wenn sie ihn baten, sich vor einem Kamel zu präsentieren. Dann zückten sie ihre Kameras. Zwischen Ahmet und den Touristen stimmte einfach die Chemie. In ihm sahen sie den typischen Vertreter der arabischen Rasse. Er mochte die Fremden auch, auch wenn er als frommer Muslim nicht verstehen konnte, dass sie immer Alkohol tranken. Für das Trinkgeld kaufte er sich dann einen Kaffee, den er mit viel Zucker süßte. Dazu kaute er Weißbrot mit Sesam und wenn er besonders gut gelaunt war, verzauberte er die Welt – „Simsalabim“ – mit seiner Gitarre. Abends ging er zurück an Bord und holte sich sein Essen. Nicht selten gab es Spinat. Danach legte sich Ahmed müde auf seine Matraze und träumte davon, ein Admiral zu sein.
Kulturaustausch ist selten eine Einbahnstraße und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sich über 300 deutsche Termini im Hebräischen finden. Dafür gibt es zwei Gründe: Viele Wörter drangen in den letzten Jahrhunderten vom Deutschen über das Jiddische ins Hebräische ein. Technische Vokabeln wie Kupplung oder Kugellager kamen durch die deutschen Juden am Beginn des 20. Jahrhunderts dazu. Deutsch war zu dieser Zeit als Wissenschaftssprache so dominant, dass die Gründungsväter der ersten Hochschule für Juden in Palästina, dem „Technion“ in Haifa, 1913 beschlossen, es als Unterrichtssprache zu verwenden. Der Konflikt zwischen den germanophilen Professoren auf der einen Seite und den zionistischen Studenten und ihren Geldgebern auf der anderen Seite war vorprogrammiert. Er konnte nur mithilfe der osmanischen Polizei geschlichtet werden.
Zu diesem Zeitpunkt war Neuhebräisch oder Ivrit, wie man das vom weißrussischen Zionisten Eliezar Ben-Jehuda (1858–1922) reaktivierte biblische Hebräisch nannte, noch nicht so weit entwickelt, dass es für Spezialgebiete, wie jenes der Technik, Ausdrücke hätte anbieten können. So setzten sich die bautechnischen Begriffe Spachtel oder der Spritz im Neuhebräischen bis heute durch.
Ben-Jehudas Verdienst war es, das seit der Zeit um 200 nach Christus nur mehr als Sakralsprache verwendete Hebräisch wieder zu einer lebendigen Alltagssprache zu machen. Diese sollte die Kommunikationsbasis für das Zusammenleben aller Juden aus aller Welt im Land werden. Und das wurde sie auch. Und wer es nicht lernte, lebte höchst gefährlich. Bis heute erzählt man die Geschichte, dass ein Neueinwanderer, der nicht Ivrit konnte, im Unabhängigkeitskrieg Israels 1948 den Befehl seines Vorgesetzten nicht verstand und, statt in den Schützengraben zu springen, aufrecht stehen blieb. Er wurde vom Feind erschossen.
Um die Leistung Ben-Jehudas zu würdigen, stelle man sich vor, das Latein eines Cäsar, Sallust oder Ovid würde heute wiederbelebt und wir müssten „ein Wienerschnitzel mit Erdäpfelsalat und dazu einen leichten Sommerspritzer“ in lateinischer Sprache bestellen.
Ganz leicht war es freilich auch für Ben-Jehuda nicht. Man erzählt sich, dass er seine Kinder in seiner Jerusalemer Wohnung eingesperrt habe, wo sie alles hatten: Spielzeug, einen Hund, eine Katze und auch sonst alles, was sich Kinder wünschen. Zwei Dinge hat er ihnen strengstens verboten: das Haus zu verlassen und mit anderen Kindern in einer anderen Sprache als Neuhebräisch zu sprechen. Im Haus Ben-Jehudas wurde nämlich nur Ivrit gesprochen. Als seine Frau Hemda sich in der neuen Sprache nicht ausdrücken konnte und sich darüber auf Russisch beschwerte, soll Ben-Jehuda gesagt haben: „Wenn Du schon nicht Ivrit sprechen kannst, dann schweig wenigstens in Ivrit!“
Neben der Reaktivierung der Sprache ist es Ben-Jehudas Verdienst, dass er kurz vor seinem Tod Sir Herbert Samuel, den britischen Hochkommissar über Palästina, überzeugen konnte, Ivrit neben dem Arabischen und Englischen als dritte Amtssprache im Land einzuführen. Dies war ein wichtiger Meilenstein für die noch kleine jüdische Gemeinde in Palästina. Die Sprache bildet die Klammer in einer heterogenen Nation von Einwanderern. Wie viel Deutsch im Hebräischen steckt, zeigt Ihnen das folgende Textbeispiel.
WIE VERLIEF DER PROZESS GEGEN JESUS?


Die Antwort finden Sie auf Seite 172.
Moischeles Laitmotiv war: Alles mit der Ruhe. Jetzt, wo ihn der Hexenschuss so plagte, wollte er sich von seinen beiden Baustellen, eine an der Autobahn, die andere in einem Kindergarten, ausruhen. Diesmal aber hatte er die Schlafstunde in seinem Zimer zu sehr ausgedehnt – das brachte ihn unter Tzugzwang. Dazu hatte er es sich auch nicht nehmen lassen, noch einen Schluck Kaffee und einen Biss von seinem Jausenbrot zu nehmen. Zu allem Überfluss kam auch noch, dass bei dem starken Regen der Winker und auch der Wischer seines Autos nicht richtig funktionierten. Weil er so wenig sah, fuhr er über einen Randstein und hatte nun einen Platfus. Als er ausstieg, um diesen zu beheben, verstand er, dass dieser Tag wahrlich schwierig war. Denn der Ritsh-Ratsh an seiner Jacke klemmte auch noch und er war völlig durchnässt, bis er den Reifen gewechselt hatte. Seine Tsaitnot war mittlerweile ziemlich groß. Als er endlich an der Baustelle ankam, war der Aisenbeton schon längst geliefert – sein Chef hatte ihn übernommen. Der schrie verärgert: „Sie haben kein Talent, etwas zu organisieren. Das Beste, was sie machen können, sind Luftgeschäfte.“ Diese Worte trafen Moischele sehr. Um den Tag wenigstens irgendwie gut zu beenden, ging der Fainschmecker am Abend in ein Restaurant und bestellte seine Lieblingsspeise: gefilten Fisch. Zum Abschluss nahm er noch einen Leck vom Eis.
Ich hoffe, Sie sind jetzt davon überzeugt, dass auch Sie ein wenig „jiddeln“ und Hebräisch und Arabisch sprechen. Israel ist mit seinen Einwanderern aus über 100 Staaten ein polyglottes Land. Dort wird von vielen Menschen auch Deutsch gesprochen. Es ist gefährlich zu glauben, man werde in Israel nicht verstanden, wenn man Deutsch spricht. Die folgende Begebenheit soll Ihnen dies verdeutlichen.
Zwei österreichische Studenten fuhren in Jerusalem mit dem öffentlichen Bus. Sie hatten keinen Sitzplatz, als dem einen eine ziemlich dicke Dame auffiel. Er sagte zu seinem Freund: „Wenn die dicke Kuh aufsteht, können wir uns beide niedersetzen. “An der nächsten Station stieg die Frau aus. Beim Verlassen des Busses wandte sie sich den beiden zu und sagte: „Muh!“

WAS MACHT JERUSALEM SO HEILIG, SO SCHWIERIG, SO EINZIGARTIG?

DREI JAHRE war Yoram bei der Armee, zuletzt diente er als Panzerkommandant. Danach hatte er das Bedürfnis nach Distanz und Veränderung. Er zog nach Südamerika. Ein Jahr lang fuhr er als Rucksacktourist von einem Land ins nächste. In Bolivien konnte er schließlich seinen während eines Panzereinsatzes geborenen Traum umsetzen. Er wollte möglichst tief in möglichst unberührte Regionen des Dschungels vordringen. Drei Tage lang war er mit einem Bootsführer unterwegs, ehe er in das allerletzte an einem Seitenfluss des Rio Grande gelegene Dorf kam. Dort gab es keinen zivilisatorischen Druck, die Tage wurden einzig vom Aufgang und Untergang der Sonne bestimmt. Kinder spielten mit ihm, vertrauensvoll näherten sich auch die Erwachsenen. Yoram fand hier jene Ruhe, nach der er sich im engen, lauten, überhitzten Panzer oft gesehnt hatte.
Die Ureinwohner waren neugierig, woher der Fremde wohl stamme. Mit seiner Antwort „aus Israel“ konnten sie nichts anfangen. Nicht mit der Namensnennung, nicht mit der geografischen Lagebeschreibung. Als die Zeit des Abschieds näherkam, bedankte sich Yoram bei seinen neu gewonnen Freunden mit einigen nur wenige Zentimeter großen Kreuzen aus Olivenholz, auf deren Querbalken „Jerusalem“ aufgedruckt war. Es folgte, zu seiner großen Überraschung, eine Explosion der Gefühle. Männer wie Frauen umarmten ihn, sie küssten ihn, sie luden ihn ein – nein, sie zwangen ihn – noch ein paar Tage zu bleiben. Einen Mann aus Jerusalem lässt man eben nicht so leicht ziehen.
Diese Episode beweist: Jerusalem ist mehr als nur eine Adresse – es ist eine Chiffre. Eine Chiffre für das Göttliche in dieser Welt, für Reinheit, Schönheit und für den „wahren Glauben“. Aber auch für Aberglauben, für Bigotterie, für zerstörerischen Fundamentalismus. Jerusalem ist eine beliebte Adresse für alle Sehnsüchte, die Menschen bewegen, und für die Beschwernisse des Lebens, die sie hier hoffen, abladen zu können. Pilger aller drei monotheistischen Religionen kommen, um an ihren jeweiligen heiligen Stätten zu beten. Nicht selten haben sie auch noch die Bitten und Gebetswünsche jener im Gepäck, die zu Hause geblieben sind: „Zünde für mich am Heiligen Grab eine Kerze an!“, „Steck einen Zettel in die Ritzen der Westmauer!“ Flehentliche Bitten, die davon ausgehen, dass ein Gebet in Jerusalem von Gott eher erhört werde als anderswo. Säkulare Israelis witzeln: „Jedes Gebet in Jerusalem ist ein Ortsgespräch mit Gott.“
Als Beobachter kann man sich freilich nie ganz sicher sein, ob der Enthusiasmus der irdischen Stadt oder nicht doch dem himmlischen Jerusalem gilt. Diese Frage stellt sich bei Christen und auch bei Juden. Christen, vor allem jene, deren Glaubenswelt stark von Emotionen bestimmt ist, meinen, Jesus in den verwinkelten Gassen der Stadt auch heute noch spüren zu können. Sie fühlen sich ihm im Leiden verbunden, wenn sie mit einem Holzkreuz, das sie sich bei den Franziskanern an der Geißelungskapelle ausleihen, die 14 Stationen der Via Dolorosa durchbeten. Dass sie sich dabei ununterbrochen die Aufdringlichkeit der arabischen Händler – „See my shop – half price!“ – gefallen lassen müssen, kann ihre Besinnung nicht stören. Religion ist eben auch in Jerusalem ein Geschäft – eines bis zur Unerträglichkeit, wenn am Straßenrand etwa Dornenkronen feilgeboten werden. Pilger, die ihren Kreuzweg zu einem wahrhaft religiösen Erlebnis machen wollen, meditieren deshalb in den frühen Morgenstunden den Leidensweg Jesu. Da haben die Geschäfte noch geschlossen.
Die Frage „Irdisches oder himmlisches Jerusalem?“ ist auch bei Juden nicht klar zu unterscheiden. Oft genug suchen sie in ihren letzten Lebenstagen die Stadt auf, um dort begraben zu sein, wo die Ankunft des Messias prophezeit wird. Das war vor 2000 Jahren schon so und so ist es auch heute noch. Jene Juden, die sich diese letzte Reise nicht mehr organisieren konnten, sei es, dass sie zu früh gestorben sind, sei es, dass sie nicht das nötige Geld aufbringen konnten, setzte man in manchen Gegenden Europas mit einem Ast in der Hand bei. Sie sollten sich unterirdisch ihren Weg nach Jerusalem graben können, um dabei zu sein, wenn der Messias in sein Horn stößt. Jerusalem, Endstation Sehnsucht.
Eine der großen Ideen, die mit dieser Stadt verbunden ist, ist die Vorstellung von der Ankunft des Messias. Mehrere Propheten sprechen davon, dass er am Tag des Jüngsten Gerichts mit der Morgensonne erscheinen werde. Ob es der jüdische Messias sein wird oder der wiederkommende Christus, wer weiß? Wir werden es erwarten müssen. Auf jeden Fall wird sein Auftritt gewaltig sein, wie der Prophet Sacharja (14,3) schreibt: „Doch dann wird der Herr hinausziehen und gegen diese Völker kämpfen wie am Tag seines Kämpfens, am Tag der Schlacht. Seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen, der im Osten gegenüber von Jerusalem liegt. Der Ölberg wird sich von seiner Mitte her spalten nach Osten und Westen zu einem großen Tal.“ Zu diesem Ereignis des letzten irdischen Tages, dieser apokalyptischen Schlacht des Guten gegen das Böse, werde nach Auffassung mancher Muslime die Kaaba aus Mekka nach Jerusalem kommen und auch die Gebeine Mohammeds würden auf wundersame Weise erscheinen.
Jerusalem wird damit auch im Islam zu jenem Ort, an dem sich die Weltgeschichte vollendet. Sie endet, wo sie begonnen hat. Denn der Felsen, der im Zentrum des Felsendoms liegt, ist nach islamischer Auffassung der Grundstein der Welt. In fernen oder auch nahen Tagen wird er zu deren Schlussstein werden.
An diesem letzten Tag wird Gott die Menschen von den Toten auferstehen lassen, wie Ezechiel (37,12) schreibt: „Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.“ Um als Erste dabei zu sein, wenn der letzte Tag des Gerichts anbricht, lassen sich Juden seit Jahrhunderten am Westabhang des Ölbergs bestatten. Das ist die allererste Adresse für einen Grabplatz in der Heiligen Stadt. Man hat einen Blick auf die Altstadt und die goldene Kuppel des Felsendoms und man hat die Verheißung, in der ersten Reihe zu stehen, wenn der herbeigesehnte Erlöser endlich erscheint. So eine prominente Adresse kostet freilich viel Geld: 50.000 Dollar und mehr zahlt man für ein Grab. Viele Plätze sind nicht mehr frei. Es gilt sich zu beeilen, denn die Preise werden noch steigen.
Eine Dame der feinen Londoner Gesellschaft wollte in den 1920er-Jahren auf den Messias nicht länger warten. Täglich zog sie am Nachmittag mit einem Esel und dessen Besitzer – feinstes Geschirr aus Silber und dünnwandiges Porzellan in den Satteltaschen – auf den Ölberg. Sie wollte der erste Mensch sein, mit dem der Messias seinen Fünfuhrtee schlürft. Gekommen ist er trotz der vornehm-gastlichen Einladung nicht, wie wir wissen.
Manche Menschen werden unter dem Eindruck der Heiligkeit Jerusalems „meschugge“, verrückt. Psychologen sprechen vom „Jerusalem-Syndrom“, einer Erkrankung, bei deren Verlauf die Betroffenen oft neue Identitäten annehmen. Christen sehen sich plötzlich als Jesus oder Maria, Juden als König David oder als Mutter Lea oder Rachel. Gefährlich sind diese Menschen im Allgemeinen nicht, denn sie heilen nicht, errichten auch das davidische Großreich nicht wieder, sondern sie genügen sich selbst. „I am Jesus, praise the Lord, five Dollar, please“, rief ein US-Amerikaner am Jaffa-Tor, während er sich entkleidete. Noch trug er seine Unterwäsche, als eine Polizeistreife vorfuhr, ihn in eine Decke hüllte und ihn abführte. Wir Zuseher waren alle befremdet, zugleich aber auch amüsiert.
In ihrer Ichbezogenheit lassen sich diese Menschen ganz gerne fotografieren und nehmen auch ganz gerne ein paar Dollar dafür. Meist findet der Spuk ein rasches Ende, denn sie werden in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, dort medikamentös ruhiggestellt und am Tag darauf wieder nach Hause geschickt. Zu Hause in Oregon oder in Nancy sind sie plötzlich nicht mehr Jesus oder David, sondern diejenigen, die sie schon zuvor waren: Mr Smith oder Monsieur Lafontaine. Die Idee des Messias ist hochkonzentrierte Heiligkeit, die toxisch wird, sobald man zu viel von ihr bekommt. All diese Sehnsüchte und Projektionen sind der Heiligkeit der Stadt geschuldet. Juden, Christen und Muslime sind hier mit ihren Traditionen auf engstem Raum beheimatet. In der Altstadt, die kaum einen Quadratkilometer groß ist, sind Westmauer, Felsendom, Al-Aqsa-Moschee, Via Dolorosa und Grabeskirche räumlich dicht gedrängt. Damit ist die Stadt die spirituelle Heimat der beinahe halben Menschheit. Mit solch einem Superlativ kann keine andere Stadt dieser Welt aufwarten.
Geschichtsfälschung gehört ebenfalls zu dieser Stadt. Ein Wächter am Felsendom, der streng darüber wachte, dass kein Mann seine Frau berührt, erklärte mir bei einem meiner Besuche auf dem Tempelplatz, dass der Prophet Mohammed hierhergekommen sei, weil hier die „kürzeste Verbindung zwischen Erde und Himmel“ bestehe. Zu Zeiten des Propheten sei an diesem Ort „nichts außer dem nackten Felsen“ gewesen. Die Tatsache, dass der Felsendom am Ort des jüdischen Tempels errichtet wurde, verschwieg er. Wissentlich oder unwissentlich?
Natürlich gehören zu den religiösen Wahrheiten, die keineswegs den historischen Wahrheiten entsprechen müssen, auch zahlreiche Legenden. Wie jene vom Nabel der Welt im griechisch-orthodoxen Katholikon der Grabeskirche. Dieser Nabel wird meist nicht als solcher erkannt, sieht er doch aus wie ein mit einem Kreuz versehener Laib Brot. Griechisch-orthodoxe Christen wissen allerdings um die Bedeutung dieses Steins: Ursprünglich sei dieser Nabel riesig gewesen. Durch die Berührung vieler Gläubiger greife er sich langsam ab und werde immer kleiner. Und wenn er einmal ganz verschwunden sein wird, erscheint der Messias. Dies erklärte mir eine Pilgerin aus Athen. Trotz der hohen Besucherfrequenz in der Grabeskirche sei tröstlich vermerkt: Das wird wohl noch einige Generationen dauern.
Die Vorstellung von Jerusalem als dem Nabel der Welt findet sich bis ins späte Mittelalter in einzelnen Weltkarten. Am oberen Rand der Karte sieht man Jesus, der vom Osten mit der aufgehenden Sonne als der verheißene Messias erscheint. Unten, im Westen, stehen die Säulen des Herkules, der über die Meerenge von Gibraltar den Schriftzug spannt: „Non plus ultra“, „Nicht darüber hinaus“. Das war als Warnung für die Seeleute gedacht, als man noch glaubte, die Welt sei eine Scheibe. Als Amerika 1492 entdeckt wurde, strich man die Verneinung weg und machte daraus den ermutigenden Aufruf: „Plus ultra“, „Darüber hinaus“. Dieser Schriftzug findet sich heute noch in der spanische Flagge. In der Mitte der Welt war Jerusalem.
Auch die Juden verorten den Nabel der Welt in Jerusalem. Eine rabbinische Überlieferung sagt: „So wie der Nabel in der Mitte des Menschen ist, so befindet sich das Land Israel in der Mitte der Welt. Und so ist auch Jerusalem in der Mitte des Landes Israel, und das Heiligtum befindet sich in der Mitte Jerusalems, und der Tempel in der Mitte des Heiligtums, und die Bundeslade mit den Gesetzestafeln in der Mitte des Tempels, und vom Grundstein vor dieser Lade ging die Gründung der ganzen Welt aus.“
Jerusalem ist eine Stadt, die kaum einen Besucher unberührt lässt. Viele sind völlig hingerissen, nur wenige lehnen sie kategorisch ab. Die wechselhafte Geschichte, die wetteifernden, aber zugleich reiche Traditionen bewahrenden Religionen, die großen Ideen und die nicht minder großen Trugschlüsse machen es allerdings schwer, die Stadt zu begreifen. Der Versuch von Reiseleitern, mit mehr Information Klarheit zu schaffen, schlägt oft fehl. Diese trägt eher zur Verwirrung der Besucher bei. Eine 3000-jährige Geschichte, die man auf engstem Raum sehen kann, sowie das Nebeneinander von drei Religionen, die in sich wiederum getrennt und oft genug zerstritten sind, kennt man in Europa nicht. Das fasziniert, aber es verunsichert auch. Viele Reisende kapitulieren beim Versuch, während eines kurzen Aufenthaltes diese Stadt zu verstehen, die 17-mal zerstört und noch viel öfter erobert wurde. Sie begeben sich deshalb lieber auf eine emotionale Ebene. Es berührt sie, wenn sie den Muezzin hören, dessen Stimme von den Glocken der Grabeskirche übertönt wird. Sie sind begeistert, wenn sie einen orthodoxen Juden sehen, der sich mit seinen Kindern am Weg zur Westmauer zwischen den am Boden sitzenden arabischen Frauen durchdrängt, die intensiv duftende Minze verkaufen. Es ekelt sie, wenn sie Schafsköpfe an Haken an der Straße baumeln sehen und sie sind betroffen, wenn sie am Damaskus-Tor Bettlern begegnen. Selbst die Verunsicherung nach jedem Einkauf im Bazar, ob sie für die Holzkrippe oder das Stoffkamel womöglich doch zu viel bezahlt haben, gehört zu den emotionalen Augenblicken. Es sind viele intensive Eindrücke, die in Erinnerung bleiben. Der nachhaltigste ist aber für beinahe jeden Reisenden der erste Blick vom Ölberg auf die Stadt. Sie liegt zu Füßen des Besuchers, die Sonne spiegelt sich in der Kuppel des Felsendoms. Sie sieht so friedlich aus, auch wenn man weiß, dass dieser Schein trügt.
Jerusalem ist für geistig eng geführte Gläubige aller Religionen eine leicht zu bereisende Adresse, denn sie wollen ohnehin nur sehen, was sie schon vor Beginn der Reise erwartet haben: die heiligen Stätten ihrer Religion. Für Reisende, die ein kulturelles Interesse über ihre Konfession hinaus haben, ist es wohl eine äußerst schwierige Destination. Sie werden bereichert und zugleich irritiert sein von der Glaubenstiefe, der Vielfalt aber auch der Widersprüchlichkeit der Stadt. Sie müssen sich entscheiden, ob sie es mit Aldous Huxley halten, der von Jerusalem als einem „Schlachthaus der Religionen“ sprach, oder ob sie Simon Sebag Montefiore zustimmen, dem Verfasser einer „Biografie“ über Jerusalem. Er kommt in seinem Buch zum Schluss, dass Jerusalem eine „tragende Säule der Weltgeschichte“ sei.

WER IST DAS ÜBERHAUPT: EIN JUDE?

DIE FRAGE ist ganz einfach zu beantworten: Das weiß niemand. Nicht einmal in Israel, das sich als der Staat der Juden definiert, ist man sich darüber im Klaren. Nur die Antisemiten haben es sich immer schon leicht gemacht. So meinte Wiens legendärer Bürgermeister Karl Lueger (von 1897 bis 1910): „Wer ein Jud is, das bestimm ich!“ Und andere Judenhasser glaubten, Juden am Geruch oder an der Nase erkennen zu können. Alle schienen es zu wissen, nur die Juden selbst nicht.
Die bis in die 1960er-Jahre gültige Definition lautete: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren oder vor einem orthodoxen Rabbiner zum Judentum übergetreten ist. Die Konversionen fallen dabei kaum ins Gewicht und machen weltweit nur rund ein Prozent aus.
Der Umstand, dass die Mutter – und nicht wie in den meisten anderen Kulturen der Vater – für die religiöse Zugehörigkeit eines Kindes zuständig ist, zeigt die praktische Denkweise im Judentum. Denn „mater certus, pater semper incertus est“ sagt der Lateiner, der damit ausdrückt: Wer die Mutter eines Kindes ist, ist immer sicher; wer der Vater ist, hingegen nicht. Diese Definition nach der Mutter trägt aber auch noch die Komponente einer sozialen Verantwortung für die Frauen in sich. Wird eine Frau nach einer Vergewaltigung schwanger, dann wird diese häufig – und das nicht nur im Orient – aus der Gemeinschaft ausgestoßen und bleibt schutzlos zurück. Im Judentum hingegen verbleibt sie mit ihrem Kind im Schutzbereich der Familie und damit auch im Volk. Was der Ausschluss aus einer Gesellschaft bedeutet, in der die Familie – und nicht ein säkularer Staat – das soziale Netz bildet, kann man sich vorstellen.
Die Bedeutungslosigkeit des Mannes in dieser Frage verkehrt sich in den letzten Jahrzehnten allerdings gegen das Judentum: Viele Juden in den USA, die nur eine geringe Bindung an ihre Herkunft und Religion haben, ehelichen auch Nichtjüdinnen, deren gemeinsame Kinder dann freilich keine Juden mehr sind. Das bedeutet für ein kleines Volk einen erheblichen Aderlass. Deswegen gibt es auch immer wieder Vorstöße von Politikern, auch jene Kinder als Juden anzuerkennen, bei denen nur die Väter, nicht aber die Mütter jüdisch sind. Aber bislang war diesen Bemühungen kein Erfolg beschieden – zu restriktiv denken die religiösen Parteien und die wichtigen Rabbiner des Landes.
Nach dem Schock der Shoa war es für den 1948 gegründeten Staat Israel ein zentrales Anliegen, Juden aus der ganzen Welt die Einwanderung zu ermöglichen und ihnen die Staatsbürgerschaft zu verleihen. Israel brauchte die Zuwanderer auch vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit den arabischen Nachbarn und die heimatlosen Menschen aus dem Nachkriegseuropa nahmen die Einladung gerne an. In dieser Situation kümmerte man sich wenig um die Frage „Wer ist ein Jude?“, die es zwischen Religionszugehörigkeit und Nationalität zu beantworten galt.
Es war ausgerechnet der 1922 in Polen geborene Jude Oswald Rufeisen, der den jungen Staat mit seiner Einwanderung im Jahre 1959 in Verlegenheit brachte. Rufeisen war nämlich vom Judentum zum Christentum konvertiert und Karmelitermönch geworden. Dies veranlasste den Einwanderungsbeamten, ihn nicht mehr als Juden einzustufen. Und als solcher fiel Rufeisen nicht mehr unter das „Gesetz der Rückkehr“, das jedem Juden weltweit die Möglichkeit der Einwanderung gewährt und damit auch automatisch die israelische Staatsbürgerschaft zugesteht. Rufeisen widersprach dieser Sichtweise, denn als geborener Jude habe er das Recht zur Immigration. Zudem hatte er den moralischen Bonus auf seiner Seite, denn er, der perfekt Polnisch, Deutsch und Russisch sprach, war unter den Nazis Dolmetsch und konnte so 1942 mehr als 300 Glaubensgenossen im Ghetto von Mir (Weißrussland) das Leben retten. Rufeisen verklagte den Staat Israel, was das Land in eine tiefe Staatskrise stürzte. Am Ende verlor er zwar den Prozess, aber er bekam die Staatsbürgerschaft dennoch verliehen. Und Israel ergänzte die ursprüngliche Definition (Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde) um den Zusatz „und wer keiner anderen Religionsgemeinschaft angehört“.
War Rufeisen, dessen Biografie von der russischen Literatin Ljudmila Ulitzkaja unter dem Titel „Daniel Stein“ erschienen ist, noch ein Einzelfall, so sollte die Frage in den Jahren nach dem Zusammenbruch der UdSSR noch viel virulenter werden. Denn damals wanderten rund 1,4 Millionen Russen in Israel ein, von denen rund eine Million eine jüdische Mutter hatten. Etwa 350.000 Einwanderer hatten aber nur einen jüdischen Vater oder andere jüdische Vorfahren, was zur Einwanderung nach Israel zunächst ausreichte. Sie wurden, auch wenn sie keine Juden waren, Israelis, bekamen die Staatsbürgerschaft, zahlten Steuern und leisteten den Militärdienst ab. Sie waren Staatsbürger, denen nur eine Sache verwehrt blieb: zu heiraten. Das Standesregister liegt nämlich ausschließlich in den Händen der Rabbiner und diese können wiederum niemanden verheiraten, der nicht nach dem Religionsgesetz ein vollwertiger Jude ist. Und eine säkulare Eheschließung gibt es nicht. In Israel findet man aber aus jedem Schlamassel einen Ausweg: Man fährt nach Zypern oder auch nach Las Vegas, heiratet dort und lässt zu Hause seine Ehe anerkennen.
Die nicht geklärte Frage „Wer ist ein Jude?“ hat neben der privaten Dimension auch noch politische Aspekte. Wenn es ein demokratischer Staat nicht schafft, den einzelnen Bürger zu definieren, dann kann er auch die Summe seiner Bürger nicht umschreiben. Das hat dazu geführt, dass der Judenstaat bis heute noch immer keine Verfassung hat, in der auch die Landesgrenzen definiert würden. Das wiederum lässt viele Araber befürchten, dass sich der Judenstaat im gesamten Gebiet zwischen Euphrat und Nil ausbreiten könnte. Indiz dafür sei die Flagge, die ober- und unterhalb des Davidsterns zwei blaue Linien zeigt. Araber sehen in diesen Linien die beiden Flüsse symbolisiert. Tatsächlich ist die Flagge aber dem jüdischen Gebetsschal, dem Tallit, nachempfunden.

WORÜBER LACHEN JUDEN, WENN SIE LACHEN?

EIN ALTER Jude ist mit einer jungen, attraktiven Frau verheiratet, die ihn ständig betrügt. Shlomo, ein Freund des Betrogenen, will diesen darüber aufklären, worauf der Gehörnte sagt: „Es ist doch besser, mit 20 Prozent an einer guten Sache beteiligt zu sein, als mit 100 an einer scheußlichen.“2
Im Gegensatz zu den meisten Gesellschaften, deren Witz häufig darauf abzielt, andere zu verhöhnen, lachen Juden oft – und oft auch über sich selbst. Der Humor ist geistreich, hintergründig und voller Lebensweisheit. Der jüdische Witz diene weniger der Unterhaltung, als dass er eine Ventilfunktion ausübe, erklärt die Soziologin Salcia Landmann, der wir eine reiche Sammlung von Judenwitzen zu verdanken haben. Der jüdische Witz sei ein Kampf gegen die feindliche Umwelt, gegen die übermächtige eigene Tradition, ein Kampf gegen die schweren Bürden des Alltags und für mehr Freiheit. Thematisch kreisen die Witze um menschliche Schwächen, vermeintliche Eigenschaften wie Geiz und Geschäftssinn, das Ehe- und Sexualleben und vor allem die Religion. Auch wenn Juden die religiöse Praxis oft sehr ernst nehmen, so ist doch erlaubt, was in anderen Glaubensgemeinschaften streng verpönt ist: sich über Religionsgesetze, Inhalte des Glaubens und auch über Gläubige lustig zu machen.
Geht ein Jude in eine Fleischerei und sieht in der Vitrine eine saftige Schweinsstelze liegen. „Geb er mir ein Kilo von dem Fisch“, sagt er zum Fleischhacker, der darauf antwortet: „Das ist kein Fisch, sondern eine Schweinsstelze.“ Darauf der Jude: „Hab ich ihn gefragt, wie der Fisch heißt? Geben soll er mir ein Kilo.“
Warum sind Juden beschnitten? Weil Frauen lieber zu reduzierter Ware greifen.
Eine Frau läuft zum Rabbi, weil ihr Kind Durchfall hat. Dieser empfiehlt: „Sprich Tehillim!“ (Bete die Psalmen!) Die Jüdin folgt dem Rat, das Kind wird gesund. Wenig später leidet es an Verstopfung. Wieder fragt die verzweifelte Mutter den Rabbi um Rat, der erneut empfiehlt: „Sprich Tehillim!“ „Aber Rabbi“, ruft die Frau entsetzt, „Tehillim stopfen doch!“
Die Tatsache, dass es bei vielen Religionsgesetzen auch eine raffinierte Form der Umgehung gibt, illustriert folgende Geschichte von zwei Rabbinern. Zu deren Verständnis muss man allerdings wissen, dass der Schabbat eintritt, wenn die ersten drei Sterne am Himmel erkennbar sind. Dann ist es nicht mehr erlaubt, weiter als bis zur Synagoge zu gehen.
Zwei Rabbinerschüler unterhalten sich, wessen Rabbi der bedeutendere sei. Moischele: „Stell dir vor, mein Rabbi und ich gehen an einem sonnigen Tag spazieren und erläutern die Tora. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, es fängt an zu regnen. Was macht mein Rabbi? Er breitet die Hände aus, er segnet das Land und links ist Regen und rechts ist Regen und wir gehen trockenen Fußes in der Mitte hindurch.“ Darauf Shlomo: „Das ist gar nichts. Mein Rabbi und ich gehen an einem Freitag nach dem Mittagessen spazieren. Auch wir erläutern die Tora: Plötzlich wird es finster, die ersten Gestirne sind am Himmel erkennbar, es ist Schabbat. Was macht mein Rabbi? Er breitet seine Hände aus und segnet das Land. Und links war Schabbat und rechts war Schabbat und wir gehen in der Mitte durch.“
Moses hat gerade am Berg Sinai die Zehn Gebote Gottes erhalten und wendet sich nun an sein Volk: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Die gute ist, dass ich Gott auf zehn Gebote runterhandeln konnte. Die schlechte: Das sechste (Du sollst nicht ehebrechen) ist immer noch drin.“
Juden betrachten auch andere Religionen kritisch:
Sitzen ein Rabbi und ein katholischer Priester bei einem Festessen zusammen. Beginnt der Pfarrer zu stänkern: „Wann werden Sie endlich Schweinefleisch essen, Rabbi?“ Dieser antwortet: „Bei Ihrer Hochzeit, Hochwürden.“
Eine eigene Kategorie stellen Witze über jene Juden dar, die zum Christentum übergetreten sind, um so ihre Herkunft zu verbergen. Heinrich Heine sprach vom Judentum als einer „angeborenen Krankheit“, der man durch die Taufe entfliehen könne, um das „Eintrittsbillett in die europäische Zivilisation“ zu lösen.
Shlomo steht vor der Taufe und weiß nicht so recht, was er anziehen soll. Er fragt einen christlichen Freund um Rat. Der antwortet: „Keine Ahnung. WIR tragen Windeln.“
WARUM IST DER PLATZ DES FELSENDOMS AUCH JUDEN HEILIG?


Die Antwort finden Sie auf Seite 101.
Im Krisenjahr 1929 gehen zwei Juden über die 5th Avenue in New York, wo sie ein Transparent über die Straße gespannt sehen: „Jeder Jude, der sich taufen lässt, bekommt 50 Dollar.“ Shlomo und Moischele überlegen nicht lange und beschließen, dass sich einer taufen lässt und dann mit dem anderen die 50 Dollar teilt. Nach 20 Minuten kommt Moischele aus der Kirche, die Pejes kleben vom Taufwasser noch an seinen Wangen, als Shlomo seinen Anteil einfordert. Moischele antwortet gereizt: „Das ist es, was wir Christen an euch Juden nicht mögen: das ewige Schnorren.“
Das Thema Taufe macht auch vor dem lieben Gott nicht halt, vor dessen Richterthron ein kürzlich verstorbener, völlig zerknirschter Rabbi klagt:
„Stellen Sie sich vor, mein Sohn hat sich taufen lassen.“ Darauf der liebe Gott: „Na und?“ „Meiner auch.“ Darauf der Rabbi: „Was haben Sie dann gemacht?“ Gott: „Ein Neues Testament.“
Eine Kategorie von Witzen widmet sich dem Thema Antisemitismus, den manche Juden immer und überall wittern.
Chaim, der gerade aus dem Funkhaus kommt, trifft seinen Freund Shmuel. Dieser fragt den stotternden Chaim, was er denn beim Radio gemacht habe. Chaim antwortet: „I-ch. I-ch ha-be mich um die Ste-lle ei-nes A-an-sa-gers be-worben.“ „Und, hast du den Job bekommen?“ „N-ein, d-as si-nd al-les A-a-a-nti-se-miten.“
New York, 1938: In der U-Bahn sitzen sich zwei gerade aus Deutschland eingewanderte Juden gegenüber. Grün liest die jüdische Zeitung „Forverts“, Blau das NS-Hetzblatt „Der Stürmer“. „Wieso lesen Sie dieses furchtbare Blatt?“, fragt Grün. Darauf Blau: „Schauen Sie, was in Ihrer Zeitung steht. Überall sind die Juden Flüchtlinge, man verfolgt sie, wirft Bomben in ihre Synagogen. Da lese ich lieber die Nazi-Postille, denn die ist zuversichtlicher. Die schreibt, dass wir die Banken besitzen, auch Zeitungen und viele große Firmen. Wir beherrschen die Welt.“
Jüdischer Humor ist oft auch bitter. So bitter, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
In einem osteuropäischen Städtchen verbreitet sich die Nachricht, dass ein Kind ermordet worden sei. Die entsetzten Juden packen ihre Sachen zusammen und bereiten sich auf die Flucht vor. Da kommt der Synagogendiener. Schreiend läuft er durchs Getto und verkündet: „Gute Nachricht: Das ermordete Kind war jüdisch.“
Die Unterstellung, Juden würden christliche Kinder entführen und deren Blut zur Zubereitung ihrer ungesäuerten Pessach-Brote verwenden, hat in der Geschichte oft zu grausamen Judenverfolgungen geführt. Heinrich Heine beschreibt eine solche in seiner Erzählung „Der Rabbi von Bacharach“. Somit ist die Nachricht, dass es sich bei dem toten Kind um ein Judenkind handelt, tatsächlich eine gute. Lächeln oder gar lachen kann man darüber freilich nur schwer. Schon Sigmund Freud meinte: „Der Witz ist die letzte Waffe der Wehrlosen.“
Zahlreiche Witze zielen auf die Beziehung zwischen Eheleuten ab.
Sara, für den Abend in großer Garderobe, sagt zu ihrem Mann: „Moischele, du musst doch zugeben, hübsch bin ich noch immer, nicht?“ Moischele: „Du hast recht, hübsch bist du noch immer nicht.“
Eine Frau betrachtet sich im Spiegel und sagt mit Genugtuung: „Dieses Ekel gönne ich ihm!“
„Itzig, warum hast du dir eine so hässliche Frau genommen?“ „Weißt du, sie ist innerlich schön.“ Darauf sein Freund: „Nu, lass sie wenden!“
Beliebt sind auch jene Witze, die Namensänderungen zum Inhalt haben. Viele sind allein schon wegen des jiddischen Sprachidioms unterhaltsam.
Treffen sich zwei Juden und stellen sich gegenseitig vor: „Angenehm, Eisenstein.“ Worauf der zweite antwortet: „Angenehm, Asch.“ Der erste: „Darf ich fragen, was sie gezahlt haben, um loszuwerden das R?“
Wien, wenige Tage nach dem Anschluss 1938. Adolf Stinkfuß geht zum Magistratsbeamten und bittet darum, seinen Namen ändern zu dürfen. Dieser zögert, willigt aber dann doch ein und fragt den Antragsteller, wie er künftig heißen möchte: „Moritz Stinkfuß“, sagt dieser.
Oft erzählt ein Witz mehr über die Lebenswelt einer Gesellschaft als eine wissenschaftliche Abhandlung. Die Kombination aus allgemein gültiger menschlicher Erfahrung und spezieller Lebenssituation der Juden macht ihren Witz so einzigartig.
Ein Christ, ein Moslem und ein Jude unterhalten sich über der Frage, wann das menschliche Leben eigentlich beginne. Für den Christen ist es der Zeitpunkt, in dem Ei- und Samenzelle verschmelzen. Der Moslem meint, mit der Geburt. Der Jude sagt: „Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist.“

SIND JUDEN INTELLIGENTER ALS NICHTJUDEN?

HÄUFIG, WENN ich auf die großen Leistungen des Staates Israel oder auch auf jene der Juden in der Geschichte verweise, wird dies mit „Kein Wunder – die sind doch intelligenter als wir!“, kommentiert. Und jedes Mal beschleicht mich ein Unbehagen, denn nie kann ich mir sicher sein, ob dies ein Ausdruck der Wertschätzung und Bewunderung oder ein von Neid beseelter Ausdruck einer antijüdischen Gesinnung ist.
Betrachtet man die Vergabe der Nobelpreise seit dem Jahr 1901 als Gradmesser für die allgemeine Intelligenz eines Volkes, so ist die jüdische Überlegenheit offenkundig, denn etwa ein Drittel aller Preisträger waren beziehungsweise sind Juden. Exakter: Es waren bislang 15, die ihn für Literatur erhielten und neun, die sich für ihre Bemühungen um den Frieden in dieser Welt verdient machten. 35-mal ist die höchste Auszeichnung dieser Welt jüdischen Chemikern, 54-mal Physikern, 27-mal Wirtschaftswissenschaftlern und gar 57-mal Medizinern verliehen worden. Zum Vergleich: Bislang wurde der Preis erst elf Muslimen zuerkannt, dazu kommen noch zwei arabische Christen. Stellt man die Bevölkerungszahlen gegenüber, dann wird die Diskrepanz noch deutlicher. 1,6 Milliarden Muslime stehen gerade einmal 15 Millionen Juden gegenüber.
Die Zahlen sind unbestritten, deren Interpretation ist es nicht. Rechte, aber auch linke antisemitische Kreise im Westen, vor allem aber manche Muslime sehen darin eine biologische Überlegenheit der jüdischen Kultur, die es zu bekämpfen gilt. Diese ziele darauf ab, andere Völker zu unterjochen, auszubeuten, zu versklaven. Sie argumentieren vermutlich aus einem kulturellen Minderwertigkeitsgefühl heraus. Zum Vergleich: Seit dem Jahr 1901 gab es je einen muslimischen Preisträger in Chemie und Physik, zwei weitere im Bereich der Literatur und sieben für den Frieden.
Als ich den bekannten israelischen Historiker Yehuda Bauer fragte, ob Juden intelligenter seien als Nichtjuden, lachte er laut auf und antwortete kurz und entschlossen: „Nein, das sind sie nicht.“3 Die Ergebnisse der Intelligenzforschung würden das klar belegen, einzig das Wissen habe sich ganz anders entwickelt. Dessen Grundlage wiederum sei das Lernen. So habe es bei den Juden nie Analphabetismus gegeben, auch bei den Frauen nicht. Bauer: „Im Gegensatz zur christlichen Welt, wo der Priester Texte vorlas und das Volk nur vorformulierte Kurzantworten gab, haben im Judentum Männer und Frauen die Thora und die Gebetbücher immer selbst gelesen.“4 Es ist eine etwa 2500-jährige Lehrtradition, die auf das Deuteronomium (6,4 ff) zurückgeht, wo es heißt: „Du sollst deine Kinder belehren.“ Zumindest dreimal am Tag, wenn Juden das „Schma Israel, Adonai Eloheinum Adonai Echad“, das „Höre Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig“, erklären, sprechen sie auch davon, ihren Kinder Wissen zu vermitteln. Schon in der Zeit des babylonischen Exils begriff das Volk Israel, dass es nur überleben würde, wenn es seine Traditionen aufrechterhält. Die beste Methode, diese weiterzuführen, bestand darin, sie zu studieren und zu lehren.
Die Lehrtradition im Christentum ist wesentlich jünger. In Österreich geht sie auf den 6. Dezember 1774 zurück, als Maria Theresia für alle habsburgischen Länder die „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen“ erließ. Wie wenig das Gesetz befolgt wurde, zeigt sich am Beispiel des 100 Jahre später geborenen steirischen Schriftstellers Peter Rosegger, dessen Werke immerhin in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Der zu seiner Zeit (1843–1918) hoch angesehene Literat war zwar sechs Jahre bei einem Wanderlehrer eingeschrieben, er besuchte den Unterricht aber nur gelegentlich, weil er am elterlichen Hof arbeiten musste.
Auf Rosegger, der geradezu privilegiert war, traf zu, was der Schriftsteller Amos Oz (1939–2018) und seine Tochter, die Historikerin Fania Oz-Salzberger, in dem Buch „Juden und Worte“ beschreiben: „Während in anderen Kulturen die Buben der Obhut ihrer Mütter überlassen wurden, bis sie alt genug waren, einen Pflug zu ziehen oder ein Schwert zu schwingen, begann bei den Juden die Akkulturation der jungen Generation in die alte Überlieferung, sobald die Knirpse mit etwa zwei Jahren Wörter verstehen und nicht selten im Alter von drei Jahren auch lesen konnten. Der Unterricht begann, kurz gesagt, bald nach dem Abstillen.“5
Die Knaben gingen ab dem dritten, spätestens ab dem fünften Jahr in den Cheder, wo ihnen der Lehrer die hebräische Schrift und Sprache an Hand von Bibeltexten beibrachte. Mit acht, neun Jahren, konnten die begabteren Buben bereits ganze Teile der Tora auswendig. Danach folgte die höhere Stufe, jene der Kommentierung der Bibel. Dabei wurden die Kinder in den Disziplinen Erinnern, Lernen und Disputieren unterrichtet. Die Begabteren setzten das Studium in einer Torahochschule, einer Yeshiwa, fort. Und das ist kein leichtes Studium, denn der Tag beginnt um 7.00 Uhr und endet kaum vor 23.00 Uhr. In einem Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ bekennt ein Gastautor: „Viele können sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie schwierig und hart und intensiv das Talmudstudium ist. Nichts von dem, was ich an der Universität durchgemacht habe, ist vergleichbar mit den hohen Ansprüchen des Torastudiums und der Disziplin, die es fordert. Darin liegt einer der Gründe für die Tatsache, dass so viele, die durch diese harte Lehre gingen, es draußen in der Welt, im beruflichen und wirtschaftlichen Wettbewerb, so weit bringen.“6
Bei diesem Studium in einer Yeshiwa wird den jungen Männern beigebracht, wie man vom Kleineren auf das Größere schließt und wie es geht, dass man von der allgemeinen Situation Rückschlüsse auf besondere Lebensumstände zieht. Zentrales Anliegen war es auch, immer wieder Fragen zu stellen. So entstand eine dialogische, ironische, in sich immer wieder gebrochene Welt des Denkens, deren Ziel nicht die Anhäufung von kognitivem Wissen, sondern die intellektuelle Beweglichkeit war. Freilich: Dafür bedarf es auch eines besonderen Verhältnisses zwischen Lehrer und Schüler. Der Lehrende ist – so klug er auch sein mag – nicht die unangreifbare Autorität. Ganz im Gegenteil: „Die jüdische Tradition gestattet, ja ermutigt den Schüler, sich gegen den Lehrer zu stellen, ihm zu widersprechen und bis zu einem gewissen Punkt darzulegen, dass er unrecht hat. Das ist bis zu einem gewissen Grad der Schlüssel zur Erneuerung“7 befinden Oz und Oz-Salzberger. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis besteht also nicht in einer hierarchischen Abhängigkeit, sondern in einem wechselseitigen, gemeinsamen Lernprozess. Und so wird von jedem 13-jährigen Juden, der seine Bar Mitzwa feiert, erwartet, dass er einen „chidusch“, eine neue Erkenntnis bei der Interpretation der ihm vorgelegten Torastelle, beisteuert. Er soll etwas Neues herausfinden und nicht bloß Altbekanntes wiedergeben. Und die einzigartige Besonderheit daran: Er darf mit seinen Ideen auch falsch liegen, ohne sofort zurechtgewiesen zu werden. Dies nimmt die Angst vor Fehlentscheidungen und gesellschaftlichen Verurteilungen. Die Tradition der jahrhundertealten Lernpraxis führte auch dazu, dass Israel eine höchst erfolgreiche Start-up-Nation ist. Amos Oz weist darauf hin, dass das Judentum stets „eine Kultur des Zweifels und der Diskussion gepflegt hat, ein offenes Spiel der Deutungen und Gegendeutungen, Umdeutungen und widersprüchlicher Deutungen. Die jüdische Zivilisation zeichnet sich von Anfang an durch ihre Streitlust aus.“8
Grundlage dieses Lernens sind die Bücher. Weit vom Jerusalemer Tempel entfernt, zerstreut in alle Welt, blieben den Juden nur die Bücher. Juden hatten keine Reliquien, keine apostolische Erbfolge, keine Heiligenstatuen oder Bilder – alles, was ihnen blieb, waren Bücher. Wenn Juden bei Pogromen um ihr Leben rannten, aus dem brennenden Haus oder der brennenden Synagoge flüchteten, nahmen sie stets das Wertvollste, ihre Kinder und ihre Bücher, mit.
Das Wort ist also der Schlüssel zur Kontinuität im Judentum. Juden tragen ihren Gott in Form der Tora bei sich. Heinrich Heine spricht in diesem Zusammenhang vom „portablen Gott“. Texte und Bücher sind es auch – bei aller Unterschiedlichkeit der Interpretationen –, die das Judentum zusammenhalten. So treffen sich ein Jude aus Buenos Aires, einer aus Novosibirsk und ein deutscher Jecke, bei aller Verschiedenheit, die ein Russe, ein Argentinier und ein Deutscher aufweisen, doch auf einer gemeinsamen Ebene. Auf der Basis der gemeinsamen Kultur, die von den gemeinsam gelesenen Büchern ausgeht. Diese Kultur mag widersprüchlich sein, aber es bleibt dennoch dieselbe Kultur.
Lust an der intellektuellen Auseinandersetzung, aber auch der den Juden eigene Humor, bringen einen besonderen Charakterzug hervor: die Chuzpe. Unter Chuzpe versteht man eine Mischung aus intelligenter Unverschämtheit, Charme und unwiderstehlicher Dreistigkeit. So nehmen Juden Könige und Rabbiner, Glaubensgenossen und Andersgläubige aufs Korn und machen dabei selbst vor Gott nicht halt. Das wiederum bedeutet: Es gibt keine Tabus im Denken. Ein Beispiel: Ursprünglich galt Gott als alleiniger Schöpfer. Seit der Erschaffung von Adam und Eva kann er aber nicht mehr allein agieren. Adam und Eva sind zu zweit, Gott steht allein. Auch sind seine Gebote „nicht mehr im Himmel“, wie es im Buch Deuteronomium (30,11) heißt. Das wiederum befähigt die numerische Mehrheit der Juden gegenüber dem einen Gott über die Tora und deren Interpretation allein zu entscheiden. Bei so viel Chuzpe fragen sich die Juden natürlich: Was denkt Gott über seine Entmachtung? Die Antwort kann man im Talmud nachlesen: „Rabbi Nathan begegnete dem unsterblichen Propheten Elia und fragte ihn: ,Was tat der Heilige, gelobt sei Er, zu eben jener Stunde?‘ Er antwortete: ,Er lachte und sprach: Meine Kinder haben mich besiegt.‘“
Wenn fromme Juden lernen, dann geht es nicht darum, jüdische Geschichte nach rein objektivierbaren Kriterien zu begreifen, sondern es geht „um ein Wissen, bei dem das Schaffen des Menschen dargestellt und zugleich ein Gespür für eine göttliche Gegenwart vermittelt wird“, legen Oz und Oz-Salzberger dar. Lernen sei also Gottesdienst und Gottesdienst sei immer auch Erkenntnisgewinn.
Nach diesem Exkurs sollte klar sein: Die hohe Zahl der Nobelpreisträger beruht nicht auf Chromosomen, sondern auf einer jahrhundertealten Tradition des Lernens. Eines Lernens, das nicht als notwendige und zeitweilige Beschäftigung gesehen wird, die später vom „richtigen Leben“ abgelöst wird. Lernen ist im Judentum existenziell.

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