Kitabı oku: «Der Ruul-Konflikt 3: In dunkelster Stunde»
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Weitere Atlantis-Titel


Eine Veröffentlichung des
Atlantis-Verlages, Stolberg
Oktober 2021
Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin
Titelbild: Thomas Knip
Lektorat und Satz: André Piotrowski
ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-006-3
ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-052-0
Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich.
Besuchen Sie uns im Internet:
www.atlantis-verlag.de
Kapitel 1
Leuchtspurgeschosse, brennende Gebäude und Explosionen erhellten den nächtlichen Himmel. Dicht über den überfüllten Straßen flogen Schwärme von Helikoptern in Richtung Raumhafen. An Bord drängten sich die Bewohner der kleineren Ortschaften rund um die planetare Hauptstadt, die das Glück gehabt hatten, dass man sie noch hatte evakuieren können, bevor der Feind anrückte.
Justin Hazard presste seinen Körper eng an die Hauswand, in dem vergeblichen Versuch, die endlosen Flüchtlingsströme vorbeizulassen. Alles, was laufen konnte, war heute Nacht auf den Beinen. Einige drückten sich die wenigen Habseligkeiten, die sie aus ihren Häusern retten konnten, an ihren Leib, als wären sie aus purem Gold. Die weitaus meisten führten aber lediglich mit sich, was sie am Leib trugen. Oft sogar nur ein altes Nachthemd, einen verknitterten Pyjama oder ein eilig aus einem Wäschestapel gefischtes T-Shirt. Und alle bewegten sich in dieselbe Richtung.
Die Straße führte zum einzigen Raumhafen des Planeten und war breit genug, dass zwei große Busse bequem aneinander hätten vorbeifahren können. Doch die Menschenmassen drohten sie vollkommen zu verstopfen. Sollte es so weit kommen, würde es den Slugs die Einnahme der Kolonie nur noch leichter machen.
Plötzlich schrie jemand in der Menge schrill auf und zeigte zum Sternenhimmel. »Da oben! Da oben!«, brüllte er immer wieder in Panik. Seine Stimme nahm einen fast weinerlichen Tonfall an. Die Menschen in seiner Umgebung folgten seinem Wink. Pupillen weiteten sich voller Angst. Bewegung kam in die Menge. Erst versuchten einzelne und schließlich ganze Trauben von Flüchtlingen, sich mit Ellbogen und Fäusten einen Weg aus der Umklammerung der Masse zu bahnen.
Justin sah nach oben, um herauszufinden, was die Leute so in Aufregung versetzt hatte. Er brauchte nicht lange zu suchen. Aus der Raumschlacht über der Kolonie hatte sich ein dichter Schwarm kleiner Objekte gelöst, die schnell größer wurden. Es wirkte fast, als wären einige Sterne am nächtlichen Firmament lebendig geworden und fielen vom Himmel.
Wenn dem nur so wäre, dachte Justin, unfähig, etwas gegen das drohende Unheil zu unternehmen. Er musterte die in Panik geratene Menge in dem Wissen, dass es kein Entkommen geben würde. Nicht zu Fuß. Nicht mit den wenigen Waffen, die sie hatten. Die Wahrheit war weitaus schlimmer.
Die Reaper stürzten wie eine Meute hungriger wilder Hunde vom Himmel und eröffneten sofort und ohne Mitleid das Feuer in die Menge. Der Angriff hatte keinerlei militärischen Sinn und war von jedwedem Standpunkt nur als barbarisch zu bezeichnen. Aber Justin war durchaus klar, der Angriff diente auch nur einem einzigen Zweck, nämlich die ohnehin schon bestehende Panik der Bevölkerung noch zu verstärken.
Bei dieser dichtgedrängten Menge mussten die Slugs nicht mal zielen. Die Laserwaffen der Ruul leisteten ganze Arbeit. Sie fuhren wie Sensen aus tödlicher Energie unter die Menschen und mähten sie reihenweise nieder. Nach wenigen Sekunden schon war die Luft erfüllt von Schmerzens- und Todesschreien. Es stank nach Ozon, Blut und purer Angst.
Zwei der Helikopter wurden getroffen. Der erste wurde praktisch glatt wie mit einem Skalpell in der Mitte in zwei Teile geschnitten. Die Bruchstücke krachten auf das Pflaster und gingen sofort in Flammen auf. Die Menschen an Bord hatten nicht den Hauch einer Chance.
Der zweite verlor den Heckrotor durch einen direkten Treffer. Der Hubschrauber drehte sich trudelnd um die eigene Achse, während aus seinem Heck Feuer und Qualm brachen. Durch die entstehende Fliehkraft wurden Menschen aus dem geöffneten Mannschaftsabteil durch die Luft geschleudert.
Die Maschine drehte sich noch dreimal und geriet dabei hinter einige Gebäude und außer Sicht, doch Justin hörte gleich darauf einen dumpfen Aufprall und eine Explosion, die vom schnellen Ende des Helikopters zeugte.
Die übrigen Hubschrauber beeilten sich, so schnell wie möglich in die temporäre Zuflucht der Luftabwehr rund um den Raumhafen zu gelangen. Nur eine der Maschinen – ein Nachzügler – eröffnete knatternd aus einem schweren MG, das aus dem Mannschaftsabteil ragte, das Feuer auf die Slug-Jäger. Es war eine Verzweiflungstat. Der Schütze hatte keine Chance, die Reaper zu treffen. Sie waren schlichtweg viel zu schnell. Zum Glück für den Helikopter und seine Insassen waren die Slug-Piloten gerade anderweitig beschäftigt. Sie säten Tod und Zerstörung unter die panikerfüllten Menschen.
Justin gönnte dem abgestürzten Wrack des Helikopters nur einen beiläufigen Blick und verdrängte die Frage, wie viele Menschen die beiden Hubschrauber wohl befördert hatten.
Mehrere Gebäude entlang der Straße wurden von Laserfeuer getroffen und ganze Hausecken explodierten unter dem Beschuss oder brachen einfach weg. Das Haus, das sich Justin als Deckung ausgesucht hatte, wurde ebenfalls getroffen und überschüttete ihn mit einem Schwall Mörtel, Steinsplittern und Staub. Abwesend klopfte er sich die Uniform ab, wobei er die Umgebung keine Sekunde aus den Augen ließ.
Einer der Soldaten in seiner Begleitung – er war noch ziemlich jung, im Höchstfall gerade zwanzig – ließ sich von der allgemeinen Panik anstecken. Sein unsteter, angsterfüllter Blick schoss von einer Seite zur anderen. An dessen Haltung erkannte Justin, dass der Junge kurz davorstand, seine Waffe wegzuwerfen und davonzurennen.
»Wenn du das machst, bist du tot«, flüsterte Justin ihm so ruhig er konnte zu. Der Kopf des Jungen fuhr überrascht zu ihm herum.
»S… Sir??«
»Mit Bewegung machst du sie auf dich aufmerksam«, erläuterte er dem verdutzten Frischling. »Wenn du wegrennst, knallen sie dich ab. Bleib ganz ruhig. Die Slugs werden gleich wieder abdrehen.«
»W… Woher wissen Sie das?«
»Standard-Taktik der Slugs für Luftangriffe«, erklärte Justin. »Ihre Jäger greifen weiche Ziele nie länger als fünfzig Sekunden an. Weiß der Teufel, wieso das so ist, aber in der Vergangenheit haben die Slugs das immer so gehandhabt. Sie werden gleich wieder an Höhe gewinnen und dann vergehen ein paar Minuten, bis sie uns die nächsten Jäger auf den Hals hetzen.«
Justin betrachtete Uniform und Rangabzeichen des jungen Soldaten. Er nickte wissend. »Private bei den 3. Pionieren. In Morrisons Kompanie, wenn ich mich nicht irre.«
Der Junge starrte ihn erstaunt an. »J… Ja, bin erst vor zwei Tagen eingetroffen. Frisch von der Erde.«
»Wärst jetzt sicher lieber wieder dort, nicht wahr?!«, erwiderte er mit mehr als nur einem Hauch Zynismus.
Dem Jungen entging die in den Worten enthaltene bittere Ironie und er nickte nur müde. »Und Sie sind …? Wenn ich fragen darf?«
Justin wunderte sich, ob die Ausbilder auf der Erde nachgelassen hatten oder ob einfach die Rekruten dümmer waren als zu seiner Zeit. Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Rekrut nicht die Ränge zu unterscheiden wusste und einen höherrangigen Offizier auf diese Weise ansprach. Sein Blick glitt nach unten und er entdeckte die Erklärung für das sonderbare Verhalten des Jungen.
Seine Uniform war zerrissen und von Ruß und Dreck verschmutzt. Dort, wo am Kragen eigentlich stolz seine Rangabzeichen hätten prangen sollen, zierte nun ein ausgefranstes Loch seine Uniform. Die Abzeichen musste er irgendwo auf seiner überstürzten Flucht aus Versehen abgerissen haben.
»Major Justin Hazard, 2. Bataillon der 1. Ursus-Rangers.«
Dem Jungen verschlug es glatt die Sprache. Ihm wurde klar, er stand einem waschechten Bataillonskommandeur gegenüber. Die rechte Hand fuhr nach oben zur Karikatur eines Saluts. Die Szene hätte einer gewissen Komik nicht entbehrt, wäre sie nicht dermaßen ernst gewesen.
»Private Lance Stollner«, stellte sich der Junge nun endlich vor. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Major. Ich … ich …«
Justin winkte nur ab. »Schon gut. Ich kann schon verstehen, dass sie verwirrt sind. Wenn ich mich so ansehe, glaube ich, selbst meine eigene Mutter würde mich im Augenblick nicht erkennen.«
Justins Blick glitt über die anderen Männer und Frauen in seiner Begleitung. Es waren im Ganzen etwa zwei Dutzend, wobei er selbst den höchsten Rang innehatte. Allesamt gut ausgebildete Männer und Frauen. Trotzdem drängten sie sich schutzsuchend aneinander, als könnte die gegenseitige Nähe sie vor den angreifenden Reapern beschützen.
Sie stammten aus den verschiedensten Waffengattungen. Kaum zwei von ihnen trugen die gleiche Uniform. Artillerie, Infanterie, motorisierte Infanterie und sogar zwei Panzerfahrer waren dabei. Teilweise trugen sie Uniformen von Einheiten, die bereits seit Stunden nicht mehr existierten – so wie sein eigenes Bataillon.
»Mein Gott«, flüsterte er niedergeschlagen. »Wie konnte es nur so weit kommen?«
Dass er laut gesprochen hatte, bemerkte er erst, als Stollner ihn fragend aus großen Augen ansah.
»Sir?«, hakte er nach. Unschlüssig, ob Justin mit ihm gesprochen hatte.
»Nicht so wichtig«, wehrte er ab.
Ein Staff Sergeant schob sich an Stollner vorbei, ohne den Private zu beachten, und zeigte nach oben. »Sie ziehen ab. Wir sollten weiter.«
Die Reaper drehten tatsächlich ab. Ganz so, wie er es prophezeit hatte. Der Angriff endete so unvermittelt, wie er begonnen hatte. Zurück blieben Berge von Leichen, Ströme von Blut und furchtbares Leid. Die Straße war durch das Laserfeuer an vielen Stellen aufgebrochen oder geschmolzen. Verbrannte Leiber lagen überall. Einige bewegten sich noch schwach. Gebäude waren in Brand geschossen worden oder nur noch Ruinen. Es war kaum zu glauben, dass dies gestern Abend noch ein ruhiges Wohngebiet gewesen war.
Den Menschen wurde langsam bewusst, dass der Beschuss vorläufig aufgehört hatte. Vorsichtig wagten sie sich aus ihren Löchern und hinter ihren Verstecken hervor, packten ihre wenigen Habseligkeiten erneut zusammen und marschierten weiter. Wer sich in der Mitte der Straße eingekeilt in die Menschenmenge befunden hatte, hatte kaum eine Chance gehabt. Dort war das Sterben am schlimmsten gewesen.
»Wir müssen hier weg«, drängte der Staff Sergeant.
Justin nickte abwesend. »Dann los, Carson.«
Der Jägerangriff hatte zumindest einen Vorteil gehabt. Die Straße war nun nicht mehr verstopft und sie kamen wesentlich schneller voran. Der Raumhafen war nur noch eine Meile entfernt. Sie mussten ihn erreichen, wenn sie den Planeten verlassen wollten. Die Evakuierung lief bestimmt schon auf Hochtouren.
Er bemerkte, dass Stollner ihm nicht von der Seite wich. Als würde seine Gegenwart Schutz vor dem Wahnsinn bieten, der die Ursus-Kolonie befallen hatte.
»Sir?«, wagte Stollner zu sagen, während sie die Straße entlangeilten. Vorbei an Tausenden von verängstigten Menschen.
»Ja?«
»Darf ich etwas fragen? Was ist passiert? Wie konnten die Slugs uns das nur antun? In der Ausbildung wurde uns immer wieder gesagt, wir wären den Slugs technologisch um etliche Jahre voraus. Und jetzt das.«
Justin dachte gründlich über die Frage nach. Seine Gedanken glitten fast einen ganzen Tag zurück. Er hatte dienstfrei gehabt, als der Alarm losging. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich in einem Restaurant in Lacross befunden, der planetaren Hauptstadt von Ursus. Zusammen mit einigen Freunden, um den Geburtstag seines Cousins zu feiern, der ebenfalls Offizier bei den 1. Rangern war.
Gewesen war, verbesserte sich Justin voller Trauer. Denn sein Cousin Joseph war inzwischen tot. Die Freunde hatten sich sofort auf den Weg zurück zu ihren Kasernen gemacht. Ob von ihnen überhaupt noch jemand am Leben war, wusste Justin nicht. Er konnte es nur hoffen.
Einzelne Bataillone waren noch in derselben Stunde ausgerückt. Sein eigenes 2. Bataillon hatte nicht dazugehört. Informationen waren zu diesem Zeitpunkt Mangelware gewesen. Man wusste nur, dass eine ruulanische Streitmacht gelandet war, man die Situation aber im Griff hatte. Er schnaubte kurz und humorlos auf. Die Wahrheit hätte nicht weiter entfernt sein können.
Nur eine Stunde später war Generalalarm ausgelöst worden und sämtliche auf Ursus stationierten Truppen hatten ausrücken müssen. Dann war der Wahnsinn erst richtig ausgebrochen. Die Frontlinie befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits weniger als zehn Meilen vor der Stadt. Sein Bataillon hatte sie nicht erreicht. Über die Hälfte des Weges lag noch vor ihnen, als die Ruul sie zuerst erwischten.
An die Einzelheiten des Kampfes konnte sich Justin kaum noch erinnern. Es wirkte alles wie ein weit entfernter Traum, den man schon fast vergessen hatte, sobald man aufwachte. Nur eins wusste er noch: Die Ruul hatten ihnen furchtbar zugesetzt. Und am Ende des Gefechts war sein Bataillon aufgerieben worden. Die wenigen Überlebenden waren geflohen in dem Versuch, wenigstens das nackte Leben zu retten.
Bruchstücke des Kampfes kamen ihm in den Sinn. Klobige, ruulanische Panzer, die aus dem Hinterhalt das Feuer auf seinen Konvoi eröffneten, hundeähnliche Kreaturen mit sechs Beinen und spitzer Schnauze, die über seine Leute herfielen und sie in Stücke rissen. Die Schreie seines Adjutanten, der neben ihm verblutete. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Vielleicht war es besser, sich nicht an alles zu erinnern.
»Ich weiß es nicht, Lance«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Ich weiß es einfach nicht.«
Justin war nicht der Einzige, der beobachtete, wie die drei Reaper wieder an Höhe gewannen. Nur zwei Häuserblocks entfernt verfolgte Sergeant Major Hank MacIntyre von der planetaren Ursus-Miliz den Steigflug der feindlichen Jäger.
Der Zigarrenstummel in seinem Mundwinkel verströmte einen widerlich abgestandenen Geruch in dem kleinen Raum. Aber die anderen sechs Männer – alle in der matt grauen Uniform der Miliz – versuchten, den Gestank zu ignorieren, der von der Zigarre ausging. Keiner kam auf die Idee, den Sergeant Major zu bitten, das ekelhafte Ding wegzuwerfen.
MacIntyre verzog seine spröden, aufgesprungenen Lippen zu einem zufriedenen Grinsen. Die Reaper wussten es noch nicht, doch ihr Steigflug würde ein jähes Ende nehmen. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf und tätschelte fast liebevoll den Geschützlauf neben sich.
Irgendein Scherzkeks hatte die Karikatur einer Frau daraufgemalt und darunter den Schriftzug Die heiße Betty geschrieben. Na ja, wem so etwas gefiel?! MacIntyre quetschte seine bullige Gestalt, die mehr an einen Wrestler denn an einen Soldaten erinnerte, an zweien seiner Untergebenen vorbei und setzte sich auf den Sitz der Flakbatterie.
»Fletcher, Debrovskaja. Ihr müsst mir Geschwindigkeit und Entfernung angeben. Wenn die erste Salve nicht hundertprozentig sitzt, haben wir danach ein ernstes Problem.«
»Geht klar, Sarge«, erwiderte Fletcher mit mehr löblichem Eifer. Debrovskaja sagte gar nicht dazu, sondern stellte sich einfach neben das Geschützrohr und beobachtete an dessen Lauf entlang das Trio sich schnell entfernender Jäger.
MacIntyre musste kein Gedankenleser sein, um zu erkennen, was in den Köpfen seiner Leute vor sich ging. Sie fragten sich, warum sie nicht längst auf dem Weg zum Raumhafen waren, anstatt hier in einer sinnlosen Geste eines zum Scheitern verurteilten Widerstandes einige ruulanische Jäger abzuschießen.
Aber MacIntyre wollte verdammt sein, wenn er die Slugs so einfach davonkommen ließ. Vorher wollte er ihnen wenigstens noch eine blutige Nase verpassen. Zum Glück hatte er auf dem Rückzug diese verlassene Geschützstellung entdeckt. Man hatte sie in einem leeren Gebäude eingerichtet. Das Dach war abgedeckt und durch eine einfach Plane mit der grauen Tarnbemalung für Stadtkämpfe ersetzt worden. Und die Ruul hatten sie tatsächlich nicht entdeckt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Luftabwehrstellungen, die in der Zwischenzeit identifiziert und zerstört worden waren. Die frühere Besatzung dieser Stellung allerdings musste beim ersten Anzeichen des Angriffs geflohen sein.
Verfluchte Feiglinge!, wetterte er in Gedanken.
Aber zumindest hatten sie das Geschütz intakt zurückgelassen. Sogar bereits geladen und feuerbereit. Dadurch ergab sich die Chance, noch einmal etwas zu bewirken. Er bezweifelte, dass je jemand etwas davon erfahren würde, dass eine kleine Handvoll Milizionäre ein paar Jäger abgeschossen hatte. Egal ob Freund oder Feind. Aber er würde es wissen, und das genügte schon.
»Also«, forderte er seine Leute auf. »Sagt an.«
»Entfernung etwa fünfzehn Meilen und nimmt schnell zu«, begann Fletcher. »Sie müssen etwas vorhalten, sonst erwischen Sie sie nicht.«
»Alles klar. Debrovskaja?«
»Geschwindigkeit etwa dreihundert würde ich schätzen.«
»Gut, gut.«
MacIntyre richtete das Geschützrohr aus und zielte gemäß Fletchers Vorschlag ein wenig vor die drei Reaper. Die vier Männer, die nicht am Vorgang des Feuerns beteiligt waren, warteten unbehaglich in einer Ecke. Wie bestellt und nicht abgeholt.
»Jaaa … So ist es richtig.« Die Reaper gewannen weiterhin schnell an Höhe. Nicht mehr lange und sie waren außer Reichweite. Wenn er etwas unternehmen wollte, musste es jetzt geschehen. Er atmete noch einmal tief durch und drückte dann beide Auslöser bis zum Anschlag durch.
Das Geschütz röhrte einmal verächtlich und ein Zittern durchlief die Konstruktion. MacIntyre befürchtete schon, sie hätten beim Ausrichten etwas falsch gemacht, da die Batterie keine Anstalten machte zu feuern. Doch dann stieß der Lauf in schneller Folge Granaten aus. So schnell, dass die Projektile nur als schemenhafte Objekte wahrgenommen werden konnten.
MacIntyre hatte alle Hände voll zu tun, um das Geschütz auf die Reaper gerichtet zu halten. Der Rückstoß war gewaltig und auch für jemanden mit seinem Körpermaßen nicht unbedingt ein Kinderspiel. Das Ergebnis konnte sich jedoch sehen lassen.
Der Reaper auf der rechten Seite wurde voll getroffen und zerfetzt. Der linke hatte etwas mehr Glück. Falls man in diesem Zusammenhang von Glück reden konnte. Beide Tragflächen wurden abgerissen und die Maschine trudelte Richtung Oberfläche zurück. Der Pilot hatte keine Chance, den Fall abzufangen, und konnte nur hilflos abwarten, bis der Jäger aufschlug.
Der Ruul am Steuer des führenden Reapers allerdings musste ein geübter und erfahrener Pilot sein. Bereits als der erste Jäger explodierte, begann der Reaper ein kompliziertes Ausweichmanöver, wobei er seinen anderen Flügelmann sogar als Deckung benutzte.
Das Geschützrohr verstummte. Die Munition war verschossen. MacIntyre verfolgte die Flugbahn des überlebenden Jägers, der nur als kleiner Lichtpunkt am Himmel erkennbar war.
Dem Slug musste ebenfalls aufgefallen sein, dass der Beschuss aufhörte, denn plötzlich ändere er die Richtung.
»Oh, Scheiße!«
MacIntyre sah in die Runde, aber seine Leute waren vor Angst wie erstarrt. Sie hatten nur Augen für den sich nähernden Tod aus den Wolken.
»Bewegt euch, verdammt!«, fluchte der Sergeant Major. »Sonst sind wir alle erledigt.«
Als hätte diese Ankündigung den Bann gelöst, fanden Fletcher und Debrovskaja ihren eigenen Willen wieder. Fletcher öffnete die Abdeckung an der Oberseite der Flakbatterie, während sein Partner ins Nebenzimmer eilte und mit einem weiteren Munitionsstreifen zurückkehrte.
Gemeinsam fummelten sie an der Flak herum und versuchten unter Aufbietung all ihrer Kräfte, den Munitionsstreifen in die schmale, dafür vorgesehene Öffnung zu pressen. Unterdessen ließ MacIntyre den angreifenden Reaper nicht aus den Augen.
Mit einem metallischen Klicken gelang es den Milizionären endlich, die Munition einzuführen und die Abdeckung wieder zu schließen.
»Geschafft!«, verkündete Fletcher triumphierend.
Aber MacIntyre wusste, dass es bereits zu spät war. Der Reaper eröffnete aus seinen Bordwaffen das Feuer auf die ungeschützte Stellung.
Die pure Wucht des Angriffs riss die Flakbatterie aus ihrer Verankerung und schleuderte MacIntyre davon. Sein Flug durch den Raum konnte nur Sekundenbruchteile gedauert haben, doch ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Er prallte gegen etwas Hartes und der Aufprall trieb ihm sämtliche Luft aus den Lungen. Der Sergeant Major japste, doch der Sauerstoff war jetzt mit Mörtel, Staub und kleinsten Partikeln angereichert und er hustete würgend. Außerdem war die Luft nun so heiß, dass er sich beim Einatmen die Luftröhre versengte.
Zwinkernd versuchte er, etwas in seiner Umgebung zu erkennen. Keine einfache Aufgabe, da der ganze Raum von aufgewirbeltem Staub und Dreck verdunkelt wurde. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse. Was er sah, war jedoch nicht wirklich ermutigend.
Das Flakgeschütz lag auf dem Rücken. Das Rohr war verdreht und von Hitze geschwärzt. Von Debrovskaja war nur noch eine verrenkte, schwarz verbrannte Gestalt übrig.
Seine vier Leute, die in der Ecke gestanden hatten, waren nicht mehr da. Einschließlich der ganzen Zimmerecke. Der gesamte Bereich war einfach verschwunden. Nur Brandflecken zeugten davon, was mit seinem Männern geschehen war.
MacIntyre versuchte, sich aufzurichten, aber stechender Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Vorsichtig betastete er seine rechte Seite und kam zu dem Schluss, mindestens eine Rippe war gebrochen. Zwar hatte er Schmerzen beim Atmen, aber soweit er das beurteilen konnte, rasselte seine Lunge nicht bei den einzelnen Atemzügen. Dies ließ ihn hoffen, die gebrochene Rippe hatte nicht seinen Lungenflügel perforiert.
Vorsichtig, seine rechte Körperseite schonend, kroch er näher. Das Geschütz hatte sein letztes Gefecht erlebt. Der Reaper hatte längst wieder abgedreht. Der Pilot war wohl zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Wäre die Munition im Nebenraum getroffen worden, wäre die Arbeit in der Tat perfekt gewesen. Dann würde er jetzt nicht mehr hier sitzen.
»Es tut mir leid«, flüsterte er leise in den Raum hinein. Er war für seine Leute verantwortlich gewesen, hätte sie in Sicherheit bringen müssen. Und nun waren sie tot. Geopfert in einer sinnlosen Geste. »Es tut mir so unendlich leid.«
Ein kurzes Stöhnen ließ ihn aufhorchen. Nichts. Er glaubte schon, sich getäuscht zu haben. Doch dann stöhnte wieder jemand. MacIntyre biss die Zähne zusammen und unterdrückte den Schmerz, während er das zerstörte Geschütz umrundete.
Auf der anderen Seite, halb unter dem verdrehten Lauf eingeklemmt, lag Fletcher. Schwer verletzt, aber noch am Leben.
»Fletcher?!«, MacIntyre konnte es kaum glauben und sank vor dem verletzten Kameraden auf die Knie. »Fletcher? Können Sie mich hören?« Nur halb benommenes Stöhnen war die Antwort.
Ohne auf seine eigenen Schmerzen zu achten, griff der Sergeant Major nach dem zerstörten Geschütz und stemmte sich mit allen seinen nicht unbeträchtlichen Kräften dagegen. Dicke Schweißperlen rannen ihm aus allen Poren und durchtränkten die Reste seiner Uniform. Der Schmerz in seiner Seite war unbeschreiblich, aber er konnte nur daran denken. Fletcher zu befreien.
MacIntyre konnte später nicht mehr sagen, wie er es geschafft hatte, das Bewusstsein nicht zu verlieren, geschweige denn die Flak von Fletcher herunterzuhieven. Aber es gelang ihm irgendwie. Mit letzter Kraft lud er sich den verletzten Kameraden auf die Schultern und machte sich auf den langen Weg zum Raumhafen. In der zweifelhaften Hoffnung, dass es für zwei abgehalfterte Milizionäre noch einen Platz auf einem der Fluchtschiffe geben würde. Diese kleine Hoffnung war alles, was MacIntyre noch auf den Beinen hielt.
Die Luft in dem provisorischen Zelt war zum Schneiden dick. Es roch nach Schweiß und nach Uniformen, die zu lange nicht gewechselt worden waren. In der Mitte des Zelts standen um einen kleinen Kartentisch drei Männer, von denen nur einer sich sein Unbehagen nicht anmerken ließ.
Lieutenant Colonel Ibrahim Karalenkov vom Marine Corps des Terranischen Konglomerats stand stocksteif und hoch aufgerichtet im Raum. Für einen Marine war er relativ schmächtig. Eine körperliche Eigenart, die er durch die Präsenz seiner Persönlichkeit wieder wettmachte. Sein Ego füllte dafür fast jeden Zentimeter des Raumes aus.
Sein markantes Gesicht mit dem arabischen Teint und dem beginnenden Dreitagebart war in tiefe Sorgenfalten gelegt. Die Mundwinkel hingen vor Enttäuschung etwas nach unten. Er war dabei, die Schlacht um Ursus zu verlieren. Und verlieren war etwas, das er nicht gewohnt war.
Jeder der beiden anderen im Raum anwesenden Männer war ranghöher als Ibrahim. Trotzdem bestand kein Zweifel daran, wer hier im Endeffekt das Sagen hatte.
Der Mann, der ihm gegenüberstand, war Lieutenant General Edwyn Nyssa, der Kommandeur der planetaren Miliz von Ursus. Und in dieser Funktion war er zugleich der Befehlshaber der örtlichen Infanterieregimenter der Terranischen Konglomerats-Armee, kurz TKA. Aber so, wie es aussah, schwand mit jeder Minute mehr der Einfluss, den Nyssa auf die Situation hatte, da seine Leute mit erschreckender Geschwindigkeit und Effektivität abgeschlachtet wurden.
Ibrahim verzog das Gesicht zur bitteren Karikatur eines Lächelns. Er hielt für gewöhnlich nichts von Milizen. Die meisten wurden überhaupt nur in Kriegszeiten mobilisiert und gingen ansonsten ganz normalen Berufen nach. Freizeitsoldaten, die man besser dazu einsetzte, den Verkehr zu regeln, als gegen den Feind zu kämpfen. Meistens waren sie schlecht ausgebildet und stellten für eigene Truppen eine größere Bedrohung dar als für den Gegner.
Nur konnte er ihnen hier und heute keinen Vorwurf machen. Seinen eigenen Truppen erging es nicht viel besser. Die Ruul drehten sie allesamt durch den Fleischwolf.
Der feiste Milizgeneral mit den Pausbäckchen, dem Wanst, über den sich eine Uniform spannte, die mindestens eine volle Nummer zu klein war, und der Halbglatze zog ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich über die glänzende Stirn. Im Grunde seines Herzens tat ihm der Mann sogar leid. Nyssa war Zahnarzt im Zivilleben und mit dieser Krise deutlich überfordert.
Der andere Mann, der rechts von Ibrahim stand, war Sandro Meskalla, der Gouverneur von Ursus. Der mit einem Meter sechzig sehr kleine Meskalla war einer der Ersten gewesen, der sich mit seiner Familie am Raumhafen eingefunden hatte. Nur für den Fall, dass die Evakuierung unvermeidlich wurde.
Für Ibrahim, der mit Begriffen wie Ehre und Pflichterfüllung aufgewachsen war, ein eindeutiges Zeichen von Feigheit, das den Gouverneur in seinen Augen nicht unbedingt an Respekt gewinnen ließ.
Ob Feigheit oder nicht, die Entscheidung, den Raumhafen aufzusuchen, mochte von Meskallas Standpunkt aus äußerst klug gewesen sein. Denn er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits erkannt, was den beiden anderen Männern damals noch verborgen blieb. Der Planet war verloren. Es gab nichts, das er oder sonst jemand tun konnte, um das zu verhindern.
»Und nun?«, fragte der Gouverneur. Wohl mehr um die Stille zu vertreiben, als dass er wirklich auf eine sinnvolle Antwort gehofft hatte. Meskalla sah dabei demonstrativ Nyssa an, der unter dem Blick des Gouverneurs anfing, noch heftiger zu schwitzen.
»Zunächst ist es wichtig, dass wir unsere Stellung sichern«, begann der General, wobei er Hilfe suchende Blicke in Ibrahims Richtung warf. »Colonel? Wären Sie so freundlich, uns einen kurzen Bericht zu geben?«
Ibrahim unterdrückte nur mit Mühe einen genervten Stoßseufzer, aber technisch gesehen war Nyssa tatsächlich ranghöher. Auch wenn er über die bessere Ausbildung und die weit höhere Erfahrung verfügte. Jedoch war er Soldat genug, um zu wissen, dass die militärische Rangfolge gewahrt werden musste. Selbst wenn dies für ihn hieß, vor Nyssa zurückzustecken.
»Das 1. Bataillon meiner Marines hat einen Kordon um den Raumhafen etabliert. Unterstützt werden meine Leute durch vier verstärkte Schützenkompanien der Miliz und zwei weitere Bataillone, die aus den Überresten dreier Regimenter der TKA zusammengelegt worden sind. Das ist im Augenblick alles an Truppen, was wir zur Verfügung haben, um den Raumhafen zu verteidigen.«
»Im Prinzip also vier Bataillone?«, murrte Meskalla erschüttert. »Gestern hatten wir noch das Äquivalent von neun verschiedenen Regimentern auf dem Planeten. Die Marines nicht mitgerechnet. Was zum Teufel ist mit denen passiert?«
»Die Ruul sind passiert«, erwiderte Ibrahim, bevor Nyssa Gelegenheit erhielt, auf die Frage zu antworten. »Die schlimmsten Verluste haben wir hier erlitten.« Er deutete auf einen Punkt auf der Karte, der einen Ort etwas östlich von Lacross darstellte. »Dort liegen jetzt die meisten Ihrer neun Regimenter.« Seine Stimme wurde etwas weicher. »Genauso wie die meisten von meinen Jungs.«
»Und was tun wir jetzt?«, wiederholte der Gouverneur seine Frage.
»Wir halten den Raumhafen so lange wie möglich. Wie bereits erwähnt, haben unsere verbliebenen Truppen einen Sicherheitsbereich eingerichtet, in den nichts und niemand eindringen kann. Von hier aus koordinieren wir die Evakuierung.« Er seufzte schwer. »Bis uns die Transporter ausgehen.«
Diese unheilverkündende Prophezeiung rief betroffenes Schweigen hervor. Wenn die Menge vor den Toren erkannte, dass die letzten Schiffe dabei waren abzuheben, würde es eine ausgewachsene Panik geben und sie hätten es nicht nur mit den Ruul zu tun, sondern auch mit einem marodierenden Mob verängstigter Menschen.
»Gibt es denn nichts, das wir sonst noch tun können?«, fragte Nyssa und Ibrahim bekam fast so etwas wie einen Anflug von Hochachtung vor dem Mann. Der General hatte Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben – keine Frage –, trotzdem drängte es ihn, etwas zu tun, um die verfahrene Situation noch zu retten.
So sehr es Ibrahim auch widerstrebte, er musste dem Mann auch den letzten Hoffnungsschimmer nehmen. Es war nicht seine Art, andere Menschen anzulügen. Also schüttelte er nur traurig den Kopf.
»Nichts«, erwiderte er. »Wir können nur warten und beten, dass wir so viele Menschen wie nur irgend möglich evakuieren können.« Er sah zur Decke, als könnte er sie mit seinen Blicken durchdringen. Die zwei Männer verstanden zunächst nicht, warum er das tat. Dann sprach er weiter.
»Ich hoffe nur, dass Admiral Kehler noch ein wenig länger durchhält. Falls nicht, dann werden eine Menge mehr Menschen hier auf Ursus zurückbleiben und der Gnade der Ruul ausgeliefert sein.«
Konteradmiral Laurence Kehler, der die terranischen Streitkräfte im Orbit um Ursus kommandierte, hatte indes ganz andere Probleme und weitaus tiefschürfendere Entscheidungen zu treffen. Er spürte die Bürde seines Kommandos schwer auf seinen Schultern lasten.
Seine 5. terranische Flotte war dabei, in Stücke geschossen zu werden. Genau wie Karalenkov auf der Oberfläche war auch er zu dem Schluss gelangt, dass die Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Die Frage, die sich noch stellte, war, welches Ausmaß die endgültige Niederlage annehmen würde. Er betrachtete nachdenklich die holographischen Anzeigen an seiner Station, verglich Aufstellung und Stellungen seiner eigenen Verbände mit denen der ruulanischen und kam immer wieder zum selben Ergebnis.
Obwohl technologisch im Vorteil, waren seine Streitkräfte zahlenmäßig weit unterlegen. Mindestens im Verhältnis sieben zu eins. Hinzu kam, die Ruul kontrollierten bereits die nördliche Nullgrenze des Systems und wurden dadurch in die beneidenswerte Lage versetzt, unbegrenzt Verstärkungen heranführen zu können. Und Kehler hatte schon lange nicht mehr die Ressourcen, um die Nullgrenze mit dem Sprungpunkt zurückzuerobern. Es wäre die einzige Möglichkeit gewesen, das Blatt noch zu wenden.
Und das war noch nicht das Schlimmste. Vom Planeten starteten in regelmäßigen Abständen Evakuierungstransporter. Leichte Beute für die Reaper oder die schnellen Typ-8-Kreuzer der Ruul. Also musste er den Konvois Schiffe zuteilen, um sie zu schützen, bis sie über die südliche Nullgrenze entkommen waren und in Sicherheit springen konnten.
Sicherheit, dachte er mürrisch. Wo war man heutzutage noch in Sicherheit?
Durch den Schutz der Konvois wurde seine ohnehin bereits sehr dünne Verteidigungslinie noch zusätzlich ausgedünnt. Und die Slugs wussten das sehr genau.
»Ein neuer Konvoi kommt von der Oberfläche«, meldete Commander Hutchinson, sein XO.
»Wie viele Schiffe?«
»Neun.«
»Teilen Sie ihnen fünf Kreuzer vom 2. Geschwader zu. Außerdem noch ein halbes Dutzend Zerstörer und Fregatten zur Jägerabwehr.«
»Verstanden«, bestätigte der XO. Auch seiner Stimme war die enorme Belastung anzumerken, unter der sie standen. Die Tonlage seines Ersten Offiziers war matt und dumpf. Als würde er jeden Augenblick vor Müdigkeit umkippen. Das war vermutlich nicht weit von der Wahrheit entfernt.
Auf seinem Plot sah er, wie Bewegung in die ruulanischen Linien kam. Obwohl er wusste, was passieren würde, beugte er sich interessiert vor. Dieses Spiel spielten die Ruul schon seit Stunden. Das Schockierende dabei war, dass es ihnen offenbar egal war, wie viele Schiffe sie verloren, solange sie nur ein paar von Kehlers Einheiten und einige Evakuierungsschiffe mit sich rissen.
Aus der Front der ruulanischen Linien lösten sich etwa zwanzig Schiffe. Wie der Admiral vorhergesehen hatte, hauptsächlich Typ-8-Kreuzer, die von Hunderten von Reapern umschwärmt wurden. Ohne jegliche Finesse oder Taktik stießen sie in Richtung des Konvois vor. Doch jetzt machten sie einen winzig kleinen Fehler und Kehler bemerkte ihn augenblicklich.
Die Ruul kamen einer seiner eigenen Stellungen gefährlich nahe. Nahe genug, dass diese ins Geschehen eingreifen konnte. Die Slugs wurden langsam arrogant. Und Arroganz gehörte umgehend bestraft.
»Commander? Befehl an die Susanna und ihr Geschwader. Zum sich nähernden Feind aufschließen und Feuer frei nach eigenem Ermessen.«
Hutchinson gab den Befehl weiter, ohne sich die Mühe zu machen, ihn gegenüber dem Admiral zu bestätigen. Ein weiteres Indiz für die sich anbahnende Erschöpfung.
Aber das war nicht weiter wichtig. Der Befehl wurde buchstabengetreu übermittelt und das war die Hauptsache. Der Schlachtträger Susanna ging sofort auf Abfangkurs zu den Slug-Schiffen. Begleitet wurde das riesige Schiff von zwei Dutzend Kreuzern, Zerstörern und Fregatten. Und von drei Schlachtschiffen der Shark-Klasse.
Vom Bug der Susanna lösten sich jetzt Hunderte kleiner Objekte. Die Jäger entfernten sich mit Höchstgeschwindigkeit von ihrem Mutterschiff und strebten den Reapern entgegen. Stürzten sich mit kalter Wut auf den Gegner. Ließen sie für diesen feigen Überfall blutig bezahlen.
Die Jägerduelle wurden mit einer solchen Geschwindigkeit und Brutalität geführt, dass es sinnlos war, ihnen mit den Augen folgen zu wollen. Kampfmaschinen beider Seiten explodierten. Die spärlichen Überreste wurden als Schrapnelle in alle Richtungen geschleudert.
Die Typ-8-Kreuzer ignorierten den zwischen ihnen tobenden Kampf und nahmen weiter Fahrt auf. Dabei ließen sie die Reaper schnell hinter sich zurück. Ihre Absicht war es offensichtlich, den Konvoi zu erreichen, bevor die Susanna und ihre Schiffe optimale Feuerdistanz erreicht hatten. Es gelang ihnen nur teilweise.
Vier der ruulanischen Kreuzer eröffneten das Feuer auf den Konvoi, sobald sie in Reichweite waren. Zwei der Evakuierungsschiffe wurden getroffen und zerstört. So schnell, dass sich niemand mithilfe der Rettungskapseln in Sicherheit bringen konnte. Die zum Schutz der zivilen Schiffe abgestellten Fregatten und Zerstörer schoben sich eilig zwischen ihre Schützlinge und die neue Bedrohung. Beide Seiten feuerten aufeinander, ohne dass eine Seite einen nennenswerten Vorteil erzielen konnte. Das Geleitgeschwader verlor zwei Fregatten und einen Zerstörer, bis endlich Hilfe eintraf.
Dann erreichte die Susanna den Schauplatz des Geschehens. Ihre Torpedorohre spien Tod und Vernichtung gegen die Ruul. Nur Sekunden später eröffneten die drei Shark-Klasse-Schlachtschiffe ebenfalls das Feuer. Mit dieser geballten Feuerkraft wurden die Slugs quasi überwältigt. Schilde versagten und Panzerung wurde buchstäblich pulverisiert. Die Ruul verloren in kürzester Zeit siebzehn ihrer Schiffe, bevor sie einsahen, dass sie dieser Feuerkraft nichts entgegenzusetzen hatten.
Kehler beobachtete die holographische Darstellung der ruulanischen Schiffe, wie sie zu ihren eigenen Linien zurückkehrten. Eine deutlich geschrumpfte Anzahl an Reapern folgte ihnen. Die Susanna beorderte ihre Jäger ebenfalls zurück und machte Anstalten, ihre vorherige Position wieder einzunehmen.
Der Admiral knirschte unterdrückt mit den Zähnen. Das Gefecht war erfolgreich verlaufen. Diesmal. Aber es war nur ein kleiner Sieg innerhalb einer Schlacht, die verloren war. Kehler war klar, dass ihm die Zeit davonlief. Und dem Planeten unter ihm auch.
Als Justin den Raumhafen erreichte, war der Tumult gerade dabei auszubrechen. Vor dem Haupttor hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt, die lautstark und grölend Einlass verlangte.
Das Areal war von Miliz, TKA und Marines umstellt, die die Menge misstrauisch beäugten. Justin fiel auf, wie verkniffen sie ihre Waffen hielten. Ihnen war bewusst, die Situation glich einem Pulverfass, und ihrer Haltung war anzusehen, ihnen war nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie vielleicht bald gezwungen waren, ihre Waffen auf Menschen zu richten, die einzig und allein ihre Familien in Sicherheit bringen wollten.
Doch Justin kannte die Marines. Sollte es zum Äußersten kommen, würden sie es dennoch, ohne zu zögern, tun. Wie die Milizionäre handeln würden, die ja viele der Flüchtlinge persönlich kannten, stand auf einem ganz anderen Blatt.
Dank seiner Uniform ließ man ihn und seine Begleiter sofort passieren. Jeder Militärangehörige wurde hier gern gesehen. Jedes zusätzliche Paar Hände, das eine Waffe tragen konnte, wurde gebraucht.
Neben dem Tor waren einige Milizionäre gerade dabei, ein paar Säcke zu einem behelfsmäßigen MG-Nest aufzuschichten und die schwere Waffe dahinter in Stellung zu bringen. Das Maschinengewehr sah brandneu aus; praktisch wie frisch aus der Fabrik. Justin bezweifelte, dass schon jemals ein Schuss daraus abgefeuert worden war. Die Gesichter hinter dem MG wirkten erschreckend jung.
Jetzt schicken wir schon Kinder in den Krieg!, schoss es ihm durch den Kopf.
Ein Schrei in der Menge ließ ihn herumfahren.
»Die Ruul! Die Ruul kommen!«
Dies löste eine lang überfällige Panik aus. Die verzweifelten Menschen hämmerten gegen die Umzäunung. Marines und Miliz wurden zusehends nervöser. Explosionen und das Fauchen von Blitzschleudern waren in den hinteren Reihen der Menge zu hören.
Die hinteren Reihen drängten nach vorne und quetschen die ersten Reihen zwischen Menge und Zaun ein. Die Scharniere des Tores quietschend bedrohlich. Justin stellte sich auf einige Kisten, um besser sehen zu können. Er glaubte, in einigen Meilen Entfernung die klobigen Umrisse ruulanischer Panzer erkennen zu können. Ein Explosionspilz bäumte sich auf. Das war übel. Das war wirklich richtig übel.
Das charakteristische hohe Pfeifen anfliegender Jäger durchdrang die Luft und schon schossen die ersten Reaper über ihre Köpfe hinweg. Ein paar einsame Flakbatterien eröffneten das Feuer, um sie auf Abstand zu halten.
Aber für die Menge war das einfach zu viel. Mit einer letzten verzweifelten Kraftanstrengung drückte sie sich gegen das Tor und stemmte es mit vereinter Kraft auf. Die Marines wechselten unsichere Blicke mit ihren Offizieren. Ein Major wirkte nachdenklich und schüttelte dann den Kopf. Die Männer ließen ihre Waffen sinken.
Justin atmete erleichtert auf. Die Marines handelten menschlich und ließen die Flüchtlinge gewähren. Jetzt kam es sowieso nur darauf an, so viele wie möglich in die letzten Schiffe zu bekommen. Das stellte jedoch auch ihn vor ein Problem.
»Lauft!«, schrie er seiner Truppe zu. »Wenn ihr von hier wegwollt, dann rennt, als wäre der Teufel hinter euch her!«
Seine Leute ließen sich das nicht zweimal sagen. Justin befolgte seinen eigenen Rat und rannte auf das Flugfeld zu. Es standen noch sieben Fluchtschiffe bereit. Die Rampen waren heruntergelassen und die Türen standen verheißungsvoll weit offen.
Er sah sich nicht um, aber er war sicher, eine Meute verängstigter Menschen folgte ihm. Justin nahm alle Kraft zusammen, die er noch hatte, und beschleunigte seinen Lauf. Er wollte nicht hier zurückbleiben, um zu sterben.
Oder Schlimmeres.
Seine Angst zahlte sich aus. Er war einer der Ersten, die die letzten Schiffe erreichten. Carson und Stollner waren dicht hinter ihm. Justin warf einen Blick zurück. Die Slug-Panzer hatten fast schon die Umzäunung erreicht. Sie feuerten nach allen Seiten und walzten platt, was sich ihnen in den Weg stellte. Zwischen ihnen marschierten Kriegertrupps und diese seltsamen hundeähnlichen Kreaturen. Das MG-Nest, dessen Aufbau er vorhin hatte beobachten können, eröffnete das Feuer. Ein ganzer ruulanischer Trupp und zwei dieser sechsbeinigen Monster gingen zu Boden.
Nicht übel, kommentierte er wortlos den Mut der Milizionäre. Doch einer der Panzer schwenkte seinen Gefechtsturm herum und erwiderte das Feuer aus seinem Hauptgeschütz und die MG-Stellung ging in einem Feuerball auf. Der Fall des Raumhafens stand unmittelbar bevor.
Aus versteckten Stellungen rings um den Raumhafen schossen Raketenwerfer-Trupps der Marines auf die vorrückenden Ruul. Zwei ihrer Panzer standen bereits in Flammen. Während Justin noch einen Blick über die Schulter warf, explodierte ein Dritter. Ursus war vielleicht gefallen. Aber die Verteidiger des Planeten gingen nicht kampflos unter.
»Rein da, Major«, drängte Staff Sergeant Carson.
»Nach Ihnen«, verlangte Justin.
Stollner rannte die Rampe hinauf, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, ohne sich umzusehen.
»Jetzt Sie!«
Carson lächelte nur wehmütig und schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, Major.«
»Was soll das denn heißen?«
»Auch wenn die Evakuierung abgeschlossen ist, wird man hier immer noch Soldaten brauchen. Der Widerstand muss organisiert werden.«
Justin sah seinen Sergeant fassungslos an. »Widerstand? Sind Sie wahnsinnig? Ursus ist verloren. Es gibt keinen Widerstand mehr.«
»Es wird ihn geben. Wenn jemand hierbleibt, der etwas davon versteht. Außerdem muss sich jemand um die Menschen kümmern, die zurückbleiben. Man kann sie schließlich nicht alle sich selbst überlassen. Ich werde hier tun, was ich kann.«
»Die Slugs werden Sie umbringen.«
Carson zuckte lässig mit den Achseln. »Vielleicht, aber noch bin ich nicht tot.« Er lachte bellend auf. »Im Übrigen bin ich zu alt, um wegzulaufen. Sie wissen doch: Ein alter Hund lernt keine neuen Tricks mehr.«
Justin dachte einen kurzen Moment lang nach. Warf dabei der Türöffnung einen fast flehenden Blick zu. »Dann bleibe ich auch.« Sein Blick drückte mehr Entschlossenheit aus, als er in seinem Herzen fühlte.
»Den Teufel werden Sie. Sie haben Familie. Die braucht Sie. Ich habe niemanden. Entweder Sie gehen jetzt diese Rampe hoch oder ich trete Ihnen persönlich in den Arsch … Sir!« Das letzte Wort sagte er mit einem schiefen Grinsen.
Langsam nickte Justin und reichte seinem Staff Sergeant die Hand. Vielleicht hatten sie nie wieder Gelegenheit dazu. »Na schön. Viel Glück, Carson.«
»Danke, Major.«
Justin schluckte schwer. Abschiede waren nicht sein Ding. Sogar ganz und gar nicht. »Ich weiß nicht, wie lange es dauert, aber ich verspreche, ich werde zurückkommen.«
Carson grinste. »Und ich werde dafür sorgen, dass noch jemand hier ist, den Sie retten können.«
Justin riss sich zusammen und lief die Rampe hinauf, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Flüchtlingsströme hatten inzwischen die Schiffe erreicht. Es waren hauptsächlich Zivilisten. Nur hin und wieder blitzte die graue Uniform der Miliz oder die dunklere der TKA heraus. Fast fühlte sich Justin wie ein Feigling, weil er zu den wenigen Soldaten gehörte, die flohen. Aber was er gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Er würde zurückkommen. Koste es, was es wolle. Und die Menschheit würde schon sehr bald jeden Soldaten dringend brauchen, den sie bekommen konnte.
Eine Frau, die zwei Kinder in den Armen trug, ging direkt hinter ihm. Justin machte Platz, damit sie zuerst das Schiff betreten konnte. Aber einem Armleuchter dahinter ging es nicht schnell genug. Unter Einsatz seiner Ellbogen verschaffte er seiner Forderung Nachdruck, zuerst ins Schiff zu gelangen. Die Frau stürzte und wäre beinahe von der Rampe gefallen. Justin bekam sie gerade noch zu fassen und zog sie wieder in Sicherheit. Ihre Kinder wimmerten vor Angst. Justin wollte dem Kerl hinterher, der das Innere des Evakuierungstransporters fast erreicht hatte. Doch eine riesige Faust aus dem Inneren des Schiffes bescherte der Flucht des Mannes ein jähes Ende.
Justin konnte das Knacken hören, als die Nase des Mannes brach. Er glaubte sogar, Blutspritzer in alle Richtungen fliegen zu sehen. Der Mann taumelte rücklings und fiel von der Rampe auf den vier Meter tieferen Boden des Raumhafens. Justin weinte dem Emporkömmling keine Träne nach.
Ein Riese von Mann in der grauen Uniform der Miliz stand in der Tür und winkte die Frau, ihre Kinder und ihn auffordernd herein.
Justin half der Frau auf und brachte sie und ihre Kinder sicher ins Innere des Schiffes. Sie warf dem Milizionär und ihm selbst einen dankbaren Blick zu und suchte dann einen Platz für ihre kleine Familie.
Justin musterte den Mann von oben bis unten. Er war sogar noch größer, als er anfangs gedacht hatte. Neben ihm am Boden lag ein schwer verletzter Soldat der Miliz, der gerade von einem Sanitäter notdürftig versorgt wurde. Justin streckte seinem Helfer in ehrlicher Dankbarkeit die Hand hin. »Vielen Dank. Major Justin Hazard«, stellte er sich vor. Der Hüne ergriff die Hand mit festem Griff.
»Keine Ursache. Sergeant Major Hank MacIntyre.«
»Es ist also vorbei«, flüsterte Nyssa fast andächtig.
»So gut wie«, bestätigte Ibrahim. »Die Slugs haben unsere äußere Abschirmung durchbrochen.«
Die zwei Männer waren zwischenzeitlich allein im Zelt. Meskalla war bereits vor einer halben Stunde zu seiner persönlichen Yacht geflohen. So, wie er den Gouverneur einschätzte, hatte das Schiff auch schon abgehoben und war auf halbem Weg zur Nullgrenze.
So sehr er es sich auch wünschte. Er konnte den Mann nicht verdammen. Der Gouverneur war Zivilist. Kein Soldat. Niemand konnte von ihm verlangen, dass er in dem Hexenkessel aushielt, zu dem Ursus geworden war. Apropos aushielt. Das brachte ihn auf etwas.
»Sie sollten jetzt auch langsam gehen, General. Sonst sind alle Plätze auf den Fluchtschiffen vergeben.«
Nyssa sah Ibrahim einen Augenblick lang verständnislos an. Dann dämmerte die Erkenntnis in seinen Augen.
»Sie meinen …?«
»Ja, gehen Sie. Sie können hier nichts mehr ausrichten.«
»Aber … aber … ich muss doch weiter die Verteidigung führen«, antwortete Nyssa. Hin und her gerissen zwischen seinem Pflichtgefühl und dem überwältigenden Drang, die Beine in die Hand zu nehmen. Fast musste Ibrahim lächeln.
»Ist schon in Ordnung. Für so etwas sind Sie nie ausgebildet worden. Ich hingegen schon. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Planet ist in guten Händen.«
Mit diesen Worten packte Ibrahim seinen Kampfhelm, griff sich ein Gewehr und strebte dem Ausgang entgegen. Nyssas ungläubiger Ausruf hielt ihn kurz zurück.
»Aber wenn Sie hierbleiben, werden Sie sterben. Sie und ihre Männer.«
Ibrahim schenkte dem General ein letztes, wehmütiges Lächeln. »Das ist doch nichts Neues. Dafür sind die Marines schließlich da. Leben Sie wohl, General – und alles Gute.«
Nyssa sah Lieutenant Colonel Ibrahim Karalenkov nach, lange nachdem dieser das Zelt schon verlassen hatte. Dann packte er eilig seine wenigen Habseligkeiten und machte sich auf, um das Flugfeld noch rechtzeitig zu erreichen.
Das Fluchtschiff hob schwerfällig vom Boden ab. Justin hatte den Eindruck, dass der Pilot Schwierigkeiten hatte, gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Vermutlich war das Schiff überladen.
Der Raumhafen unter ihnen war nun Schauplatz eines erbitterten Abwehrgefechts. Die wenigen verbliebenen Verteidiger versuchten, den Fluchtschiffen so viel Zeit wie möglich zu verschaffen. Tausende von Flüchtlingen hatte man zurücklassen müssen. Sie duckten sich zwischen den Ruinen ausgebrannter Häuser und den Wracks zerstörter Fahrzeuge und warteten auf das unvermeidliche Ende der Schlacht.
Die Fluchtschiffe wurden von Hunderten Jägern umschwärmt, die einen Abwehrring um den Konvoi gebildet hatten. Reaper versuchten immer wieder, die Linie zu durchbrechen, wurden aber bis auf wenige Ausnahmen zurückgeworfen.
Nur einmal gelang es ihnen, zu den Fluchtschiffen durchzubrechen. Die Zerberus- und Arrow-Jäger konnten sie zwar wieder zurückdrängen. Aber nicht, bevor eins der Evakuierungsschiffe angegriffen und schwer beschädigt worden war. Die Triebwerke des unglückseligen Transporters stellten flackernd ihre Arbeit ein und das zum Untergang verurteilte Schiff fiel wieder zur Oberfläche hinab, wobei es einen Schwanz aus geborstener Panzerung und Rauch hinter sich herzog.
Als sie endlich den Orbit erreichten, waren sie plötzlich von Dutzenden von Kriegsschiffen umgeben. Die Zeichen der Raumschlacht waren allgegenwärtig. Zerstörte Kriegsschiffe – terranische und ruulanische – säumten ihren Weg. Die Überreste der 5. Flotte zogen sich gemeinsam mit den letzten Fluchtschiffen zur Nullgrenze zurück.
Jedes Schiff zeigte einen unterschiedlichen Grad an Beschädigung. Ein riesiger Schlachtträger musste sogar von zwei Schlachtschiffen abgeschleppt werden, um nicht zurückgelassen zu werden.
Im Innern des Transporters waren das Weinen von Kindern und das Wimmern verängstigter Menschen die vorherrschende Geräuschkulisse. Man konnte nur vermuten, dass es an Bord der anderen Schiffe genauso aussah.
Justin warf durch das Bullauge einen letzten Blick auf Ursus. Der Planet war nun von ruulanischen Schiffen vollständig eingekreist.
Kapitel 2
Es war totenstill in dem schmucklosen Büro. Der Mann, der am Schreibtisch saß, war leichenblass. Zwischen seinen vom Alter ausgebleichten, fast weißen Haaren und seiner Gesichtsfarbe bestand kaum ein Unterschied.
»Wie schlimm ist es?«, fragte Harkon Magnus, Präsident des Terranischen Konglomerats.
Die vier Männer und eine Frau, die ihm gegenüber im Halbkreis saßen, warfen sich unbehagliche Blicke zu und einigten sich wortlos darüber, wer denn nun fortfahren sollte.
Konteradmiral Okuchi Nogujama machte den Anfang. Der drahtige, alte Japaner leitete schon seit vielen Jahrzehnten erfolgreich den MAD und hatte in dieser Zeit gelernt, schlechte Nachrichten präsentierte man am besten direkt und ohne Schönrederei. Denn schlechte Nachrichten wurden nicht besser, wenn man um den heißen Brei redete.
»Was sich auf Ursus ereignete, hat sich in elf weiteren Systemen wiederholt«, begann der Geheimdienstchef seinen Bericht. »Zu den Kolonien, die gefallen sind, gehören unter anderem Oreanus, Edinburgh, Deltona, Kensington und Rainbow. Außerdem haben wir die Flottenbasis auf New Born und die Raumfestung im New-Zealand-System verloren.«
Präsident Magnus sah auf. Seine Augen war trübe vor Trauer und Schmerz. »Unsere Verluste?«
»Waren verheerend«, antwortete die einzige Frau der Runde. Admiral der Flotte Maria Antonetti rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Es war klar, dass sie am liebsten geschwiegen hätte, doch ihre Dienstauffassung zwang sie zu reden. Der Präsident hatte gefragt und die Beantwortung dieser Frage fiel in ihr Ressort. Während sie redete, strich sie sich eine Locke ihrer brünetten Löwenmähne hinter das linke Ohr.
»Wir haben die 3., 7. und 11. Flotte verloren.«
»Doch nicht etwa vollständig??«
»Beinahe. Zusammen erlitten die drei Flottenverbände fast achtzig Prozent Verluste. Die überlebenden Schiffe sind verstreut und ziehen sich in kleinen Grüppchen von der Frontlinie zurück. Es wird Zeit brauchen, sie wieder zu sammeln, und selbst dann werden sie eine ganze Weile nicht einsatzfähig sein.
Zum Glück war Kehler so umsichtig, sich nicht auf eine Verteidigung der Ursus-Kolonie bis zum letzten Mann einzulassen. Somit ist seine 5. Flotte noch relativ einsatztauglich. Allerdings mit fast fünfunddreißig Prozent Verlusten. Trotzdem hätte es weit schlimmer kommen können.«
»Das Ganze ist ein absoluter Albtraum.« Magnus schlug erneut die Hände über dem Kopf zusammen. Die Klimaanlage des Präsidentenpalais war defekt und alle Anwesenden litten unter der derzeitigen Hitzewelle. Aber obwohl es August und die Temperatur für Oslo ungewöhnlich warm war, schlugen über dem Präsidenten Wellen der Eiseskälte zusammen und er fröstelte. Eine Kälte, die sich nicht durch das Aufdrehen der Heizung hätte vertreiben lassen.
»Eine Katastrophe«, murmelte General Ephraim MacCullogh verdrossen. Der Oberkommandierende des Marine Corps fuhr sich mit einer Hand über den kahlrasierten, kantigen Schädel. Obwohl es in dem Büro über 30 Grad warm sein musste, war die Uniform des Marines geradezu penibel bis zum Kragen zugeknöpft. Mehrere dicke Schweißperlen rannen ihm über die Stirn und Magnus bewunderte seine Disziplin, sie nicht mit dem Ärmel der Uniform wegzuwischen.
General Daniel Sutter, Oberkommandierender der TKA, reichte Magnus wortlos eine Datendisc, die dieser mit zitternden Fingern annahm und in einen Schlitz auf der rechten Seite seines Schreibtischs steckte.
Nahezu ohne Verzögerung erschien flackernd ein Hologramm über der Eichenholztischplatte. Es war eine vollständige Darstellung der ruulanischen Vorstöße, komplett mit Schätzungen der aktuellen freundlichen und feindlichen Verluste sowie Hochrechnungen der vermuteten nächsten Ziele. Drei Systeme zwischen den eigenen und ruulanischen Linien glühten orange und zeigten damit an, dass sie derzeit noch verbissen umkämpft waren. Doch ein System fiel Magnus besonders ins Auge. Es befand sich an der äußersten Grenze des menschlichen Raums und war ebenfalls in Orange gehalten. Alle Systeme um diese einzelne, isolierte Enklave herum, glühten in Rot, um anzuzeigen, dass sie sich bereits in Feindeshand befanden.
»Was ist das?« Er deutete auf das einzelne System.
Sutter schnaubte kurz auf. Der grauhaarige, schmächtige TKA-General hatte als Tribut an die Hitze die obersten zwei Knöpfe seiner Uniform aufgemacht.
»Unser derzeit einziger Lichtblick. Das ist das Taradan-System.«
»Karpov?«
Sutter nickte. »Seit Negren’Tai waren wir bemüht, das Taradan-System in eine Festung zu verwandeln. Uns war zu jedem Zeitpunkt klar, es würde unsere erste Verteidigungslinie sein. Anscheinend haben sich unsere Erwartungen voll und ganz erfüllt.«
»Karpov hält also stand?!«, fragte Magnus mit aufkeimender Hoffnung.
»Allerdings«, erklärte Antonetti an Sutters Stelle. »Karpov hat den ersten Angriff abgewehrt und sich im Taradan-System eingeigelt. Seitdem hält er die Slugs auf Abstand.«
»Vielleicht kann er den Ruul in den Rücken fallen. Seine Position scheint mir ideal für einen Angriff auf ihren Nachschub zu sein. Er könnte ihren Vormarsch zum Erliegen bringen.«
Maria Antonetti schüttelte traurig den Kopf. Sie war diejenige, die dem Präsidenten auch diese Hoffnung nehmen musste.
»Ich fürchte, das ist nicht möglich. Die Slugs konnten Taradan zwar nicht einnehmen, aber isolieren. Es gelang ihnen, beide Nullgrenzen des Systems mit den dazugehörigen Sprungpunkten zu erobern und Karpov sozusagen von jeder Möglichkeit abzuschneiden, das System zu verlassen. Der Admiral kontrolliert das innere System mit dem Flottenstützpunkt, der Werft und den bewohnten Planeten, die Ruul dafür das äußere System.
Außerdem wären seine Kräfte ohnehin nicht stark genug, die Ruul in Schwierigkeiten zu bringen. Selbst wenn er in der Lage wäre, das System zu verlassen. Und ein solches Abenteuer würde nur die bewohnten Planeten Taradans unnötig exponieren und einen Angriff der Slugs regelrecht herausfordern.«
»Dann ist er sozusagen neutralisiert.« Magnus’ Stimme troff vor Frustration und er war nahe daran, sich seinen beginnenden Depressionen zu ergeben.
»So würde ich das nicht gerade ausdrücken«, kam Nogujama Antonetti zu Hilfe. »Durch seinen anhaltenden Widerstand bindet Karpov zwei große feindliche Flotten. Flotten, die nicht gegen unsere Kolonien eingesetzt werden können. Allein dadurch entlastet er uns schon. Außerdem müssen die Ruul ihm an dieser Front ihre ganze Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wenn sie nur für einen Augenblick in ihrer Wachsamkeit nachlassen, wird der bärbeißige alte Haudegen ihnen die Hölle heißmachen.«
»Wie stehen seine Chancen, über einen längeren Zeitraum durchzuhalten?«
Nogujama fuhr sich mit einer Hand über das Kinn, als er über die Frage nachdachte. »Taradan ist fast völlig autonom. Karpov hat genügend Schiffe und durch die Werft auch die Möglichkeit, sie zu warten und zu reparieren. Ich denke, er kann durchhalten, solange es nötig sein wird. Zumindest können wir das nur hoffen.«
»Na schön«, lenkte Magnus ein. »Und wie sehen die Pläne meiner Stabschefs zur Rückeroberung der besetzten Kolonien aus?« Der Präsident sah auffordernd von einem zum anderen.
Wieder wechselten die Anwesenden unbehagliche Blicke. Der Schwarze Peter fiel erneut auf Nogujama.
»Es gibt keine.«
»Bitte??«
»Lassen Sie mich eines ganz klar vorneweg sagen. Wir haben darüber ausführlich diskutiert und sind uns einig, dass unser Militär derzeit nicht in der Lage ist, einen erfolgversprechenden Gegenangriff auf die Beine zu stellen. Unsere Verbände in der Nähe der Frontlinie sind eingekesselt oder zerschlagen und die Umgruppierung anderer Flotten, um die zu ersetzen, die wir verloren haben, braucht Zeit. Zeit, die wir nicht haben.
Auch die Ersetzung zerstörter Schiffe mittels Nachschub aus unseren Werften wird Zeit beanspruchen. Zu viel Zeit. Unsere militärischen Schiffswerften arbeiten mit hundertprozentiger Auslastung, aber wir müssen realistisch sein. Unsere Verluste auszugleichen, wird Monate oder sogar Jahre dauern. Vom notwendigen Personalbedarf, um diese Schiffe auch zu bemannen und gefechtsklar zu kriegen, will ich gar nicht sprechen.«
Magnus sah ratlos in die Runde. Wobei ratlos das falsche Wort war. Fassungslos beschrieb es da schon besser.
»Das ist Ihre Antwort? Wir tun einfach nichts?«
»Dass wir nichts tun, habe ich nicht gesagt. Wir können nur keine Gegenoffensive auf die Beine stellen.« Bevor Magnus etwas entgegnen konnte, hob Nogujama beschwichtigend die Hand. »Verstehen Sie mich richtig. Wir könnten durchaus einige der besetzten Systeme zurückerobern. Aber was dann? Die Ruul greifen mit einer solchen Stärke an, dass es abzusehen ist, dass wir die Systeme lediglich Tage würden halten können. Danach würden sie von den Slugs erneut eingenommen. Wir hätten Schiffe und Leben vergeudet, die wir noch dringend brauchen werden. Es wären die Siege, mit denen wir letztendlich den Krieg verlieren würden.«
»Was ist mit den Til-Nara oder anderen unserer Nachbarn? Wäre von denen nicht jemand bereit, uns zu helfen?«
Antonetti schlug bestürzt ihre Augen nieder. »Wohl kaum. Die Til-Nara haben noch mehr Systeme verloren als wir. Darunter auch fünf ihrer Brutplaneten. Die haben ihre eigenen Probleme. Was die anderen Völker in unserer Nachbarschaft angeht, so bezweifle ich, dass sie fähig oder willens sind, uns zu helfen. Die Slugs greifen nicht nur uns und die Til-Nara an, sondern alle Völker, die sich in der Stoßrichtung ihrer Hauptflotten befinden. Niemand hätte für möglich gehalten, dass die Ruul zu so etwas fähig sind. Tatsache ist, wir haben sie gründlich unterschätzt. Dies ist nicht nur ein Krieg zwischen uns und den Til-Nara auf der einen und den Ruul auf der anderen Seite. Dieser Krieg umfasst die gesamte Milchstraße.«
»Mein Gott!«, flüsterte Magnus andächtig.
»Aber noch gibt es Hoffnung«, ergriff zum ersten Mal der einzige Anwesende, der Zivilkleidung trug, das Wort. Der Mann war in einen einfachen, unscheinbaren Anzug gekleidet. Das einzige Zugeständnis des Sprechers an die Hitze war eine leichte Lockerung des Krawattenknotens. Sowohl Anzug als auch Krawatte waren in dezenten Beige- und Grautönen gehalten. Auf der Nase saß eine Brille mit schmalem Rand. Der Mann sah in jeder Hinsicht durchschnittlich aus und hätte eher in ein Buchhaltungsbüro denn in eine derart hochkarätige Besprechung gepasst. In einer Menschenmenge würde er sofort untergehen. Nur einer aus Tausenden gesichtsloser Geschäftsleute.
Nur war der Mann alles andere als Durchschnitt. Seine Äußeres war das Produkt eines jahrzehntelang fein säuberlich aufgebauten Images. Der Name dieses Mannes war Robert »Bobby« Bates. Der Leiter der Sicherheitsbehörde Erdsektor. Der SES war das zivile Gegenstück zum MAD und ein streng gehütetes Geheimnis. Offiziell gab es so etwas wie den SES gar nicht. Seine Existenz war nur einem streng begrenzten Kreis einflussreicher Persönlichkeiten bekannt, wovon die Anwesenden bereits zwei Drittel ausmachten.
»Jetzt bin ich aber gespannt«, forderte Magnus ihn zum Fortfahren auf.
»Ich sage Ihnen aber gleich, es dürfte Ihnen kaum gefallen, was wir vorschlagen.«
»Sehr viel schlimmer kann es wohl kaum noch kommen.«
»Seien Sie sich da nicht so sicher«, beschwor Bates mit einer unheilverkündenden Stimme, die Magnus weitere Schauer dunkler Vorahnungen über den Rücken jagten.
»Wie Admiral Nogujama bereits ausgeführt hat, sind wir nicht in der Lage, die Ruul dauerhaft aus den besetzten Systemen zu vertreiben. Zumindest vorerst. Bis wir unsere Flotten wieder aufgebaut haben und dadurch in die Lage versetzt werden, das, was wir zurückerobern, auch halten zu können.«
»Soweit hab ich es verstanden. Und weiter?«
Bates atmete hörbar auf, bevor er weitersprach. »Wir schlagen vor, eine Verteidigungslinie aufzubauen, die stark genug wäre, den Vormarsch der Ruul zu stoppen.«
»Das klingt doch sehr vielversprechend?!«, antwortete Magnus zaghaft, dem langsam bewusst wurde, dass das noch längst nicht alles war. »Wo liegt der Haken?«
»In der jetzigen Konstellation ist die Frontlinie nicht fähig, dies zu gewährleisten.«
»Was wollen Sie mir sagen?«, wollte Magnus zögernd wissen.
»Dass es erst schlimmer werden muss, bevor es besser wird.« Bates reichte dem Präsidenten eine weitere Datendisc. Magnus nahm sie entgegen und tauschte sie gegen die bereits vorhandene aus. Ein weiteres Hologramm erschien über dem Tisch. Er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was an diesem Bild nicht stimmte. Als er endlich erkannte, worauf seine Stabschefs hinauswollten, verschlug es ihm glatt die Sprache.
»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein«, begehrte er auf und meinte damit alle Anwesenden und niemand im Speziellen.
»Ich weiß, es ist schrecklich, und wir müssen heute eine furchtbare Entscheidung treffen, aber leider ist es auch unsere einzige Hoffnung.«
»Sie reden davon, weitere Kolonien aufzugeben? Sie dem Feind zu überlassen? Vor den Ruul praktisch zu kapitulieren?« Seine Stimme wurde immer lauter.
»Nein!« Bates hob mahnend den Zeigefinger. »Niemand redet von Kapitulation. Es geht nur darum, die Verteidigung von Welten einzustellen, die wir ohnehin nicht halten können, und die Truppen darüber hinaus aus drei weiteren Systemen abzuziehen und so eine Linie zu schaffen, die den Ruul standhalten kann. Wir müssen die komplette Frontlinie um vielleicht hundert Lichtjahre zurückziehen. Nur so haben wir eine reelle Chance.«
»Und die Menschen? Es ist unsere Pflicht, die Menschen zu beschützen. Wir können sie doch nicht einfach alle ihrem Schicksal überlassen?!«
»Der Sinn hinter unserem Vorschlag ist es, uns eine Atempause zu verschaffen. Die Ruul müssen Ressourcen und Zeit darauf verwenden, die eroberten Planeten unter Kontrolle zu bringen.«
»Das heißt, Sie werfen ihnen die Menschen einfach als Köder vor.«
»Sollten Sie unserem Plan zustimmen, beginnen wir umgehend mit der Evakuierung der gefährdeten Welten. Doch selbst wenn wir jedes einzelne zivile Transportschiff beschlagnahmen und einsetzen, werden Zehntausende Menschen zurückbleiben. Also im Endeffekt: ja. Wir benutzen sie als Köder. Und es hat keinen Sinn, etwas anderes zu behaupten.«
»Und wie weit wollen Sie die Linie zurückziehen?«
»Bis zu diesem Punkt.« Bates zog eine kleine Fernbedienung aus der Tasche und drückte einen Knopf. Sofort wurden drei Systeme hervorgehoben.
»Dies sind die Systeme Starlight, Fortress und Serena. Diese drei Kolonien werden das Rückgrat unserer neuen Verteidigung bilden. Wir nennen es die Fortress-Linie. Jedes der vorgenannten Systeme verfügt nur über einen einzelnen bewohnten Planeten. Das macht es für uns günstiger, sie zu verteidigen. Wir müssen unsere Ressourcen nicht auf mehrere zu verteidigende Kolonien verteilen, sondern sind in der Lage, unsere Kräfte zu konzentrieren.«
»Gibt es noch andere Gründe, warum es ausgerechnet diese Systeme sein müssen?« Das Ausmaß des umrissenen Plans weckte in Magnus noch immer Brechreiz und Übelkeit, dennoch war er bereit, zumindest zuzuhören.
»Starlight und Serena sind stark bevölkerte Kolonien und verfügen beide bereits über ausgedehnte Verteidigungsanlagen und ausreichend große Flottenstützpunkte sowie umfangreiche Truppenverbände an TKA, Marines und Miliz. Fortress hingegen ist unbewohnt und befindet sich zwischen den beiden vorgenannten Systemen.
Dort befindet sich ein alter ausgedienter Stützpunkt, der allerdings vor mehr als dreißig Jahren aufgegeben wurde. Wir werden ihn reaktivieren und alle Schiffe und Truppen dorthin umleiten, die sich derzeit von der Front zurückziehen. Mit all diesen Verbänden sind wir sicher, dass wir Fortress zu einem starken Stützpunkt ausbauen können. Und zwar bevor die Ruul ihn erreichen.« Bates räusperte sich verlegen.
»Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass sich Admiral Hoffer mit dem, was von seiner Flotte übrig ist, bereits auf dem Weg dorthin befindet. Nach seinem Rückzug aus dem Asalti-System hat er sich nach New Zealand begeben und dort bei der Verteidigung gegen die ersten Angriffe geholfen. Als klar war, dass weiterer Widerstand sinnlos ist, hat er Malkner und den Rest seiner Stationsbesatzung evakuiert und die Raumfestung zerstört. Zusammen mit dem Rest von Kehlers 5. Flotte hätten wir bei Fortress bereits den Kern eines großen funktionierenden und aufeinander eingespielten Verbands. Die übrigen Schiffe, die wir nach Fortress umleiten, würden nur noch dazu dienen, Lücken zu füllen und die Stärke auf ein akzeptables Maß aufzustocken.«
»Und Sie haben bereits meine Entscheidung vorweggenommen und ihn dorthin geschickt?« Trotz der ernsten Situation schmunzelte Magnus.
»Es war wenig Zeit, erst um Erlaubnis zu bitten. Zeit zu verschwenden ist etwas, das wir uns nicht leisten können.«
»Ich sehe allerdings noch ein paar Probleme. Der Weltraum ist kein zweidimensionales Gebilde. Warum sollten die Slugs unsere Fortress-Linie nicht einfach ignorieren und zum nächsten Ziel weiterziehen? So, wie sie es mit Taradan gemacht haben.«
»Sie konnten Taradan isolieren, weil die Planeten ringsherum bereits gefallen waren. Hier ist das nicht der Fall. Die Ruul sehen sich mit drei stark befestigten Systemen konfrontiert. Sie können die Systeme nicht belagern, weil die anderen dem jeweils angegriffenen System sofort zu Hilfe kommen könnten. Und sie können sie nicht ignorieren und weiterziehen, weil Hoffer und seine zwei Kollegen bei Starlight und Serena in der idealen Lage wären, den Ruul in den Rücken zu fallen.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Ruul ihre Überfallkommandos an der Fortress-Linie vorbeischleusen werden, um unser Hinterland anzugreifen«, ergriff Antonetti erneut das Wort. »Mit denen werden wir aber schon fertig. Doch die Hauptstreitmacht der Ruul wird sich mit unserer Verteidigungslinie befassen. Sie können sie in ihren Überlegungen nicht außen vor lassen.«
»Und da sind Sie sich sicher?«, fragte Magnus argwöhnisch.
»So gut wie«, lächelte Nogujama schwach. »Aber es ist der beste Plan, den wir in der kurzen Zeit austüfteln konnten.«
Magnus kämpfte gegen den Drang an, sich von Nogujamas Optimismus anstecken zu lassen. »Mit Hoffer, Malkner und Kehler befinden sich bei Fortress drei Admiräle. Wer übernimmt das Kommando über das System.«
»Hoffer ist der Ranghöchste und Dienstälteste«, antwortete der weibliche Admiral sofort. »Kehler wird sein Stellvertreter und Malkner als ehemaliger Stationsbefehlshaber übernimmt Logistik und stationäre Verteidigung des Systems. Die drei werden sich perfekt ergänzen.«
»Wie es aussieht, habe ich wohl keine andere Wahl, als dem Plan meine Zustimmung zu geben.«
»Da … wäre … noch etwas«, fiel Bates ihm ins Wort.
»Irgendwie hab ich es geahnt. Und das wäre?«
»Die Kolonien auf dem Weg der Ruul zu räumen wäre allein nicht genug, um ihren Vormarsch so weit zu verlangsamen, dass wir die Fortress-Linie aufbauen können. Unser Plan umfasst daher zwei weitere Punkte.«
»Ich höre«, sagte Magnus mit der Stimme eines Mannes, der wusste, ihm würde nicht gefallen, was er gleich zu hören bekam.
»Der Kontakt mit den angegriffenen Welten ist so gut wie abgeschnitten, dennoch erreichen uns fast stündlich neue Signale von Amateurfunkern aus den besetzten oder umkämpften Kolonien. Wir versuchen, aus diesen Sendungen so viel Informationen wie möglich herauszufiltern, und demnach gibt es bereits auf einigen Welten Widerstandsgruppen. Vereinzelt sind zurückgelassene Soldaten darunter. Hauptsächlich Miliz, aber auch Marines und TKA. Die Mehrzahl der Widerstandskämpfer besteht jedoch aus Zivilisten mit bestenfalls dürftiger Ausrüstung und Ausbildung.
Wir würden nun Blockadebrecher aussenden, um die entsprechenden Kolonien anzufliegen und Ausrüstung sowie Ausbilder abzusetzen. Das würde die Ruul beschäftigt halten und die Eroberung unserer Systeme durch den Feind hinauszögern. Die ROCKETS würden sich als Ausbilder hervorragend eignen und den Slugs zur Abwechslung mal in deren Hinterland einigen Ärger bereiten. Mir liegen bereits Gesuche der meisten ROCKETS-Teams vor, sich für diese Aufgabe freiwillig zu melden.«
»Das hört sich gar nicht schlecht an. Dafür haben Sie meine Einwilligung. Und der zweite Punkt?«
Bates betätigte erneut einen Knopf an seiner Fernbedienung. Das Bild wechselte. Die Karte machte der Aufnahme eines ruulanischen Schiffes Platz. Aber eines Schiffes, wie Magnus es noch nie gesehen hatte.
»Gütiger Himmel!«
Bates nickte zustimmend. »Hoffer hat diese Aufnahme auf seinem Rückzug aus dem Asalti-System gemacht. Wir teilen seine Auffassung, dass es sich hierbei um das feindliche Flaggschiff mit der ruulanischen Führung an Bord handeln muss.«
Ein weiterer Knopf wurde gedrückt und entlang des gesamten Schiffes glühten einzelne Punkte rot auf. »Von der schieren Größe des Schiffes abgesehen, ist es auch noch überaus stark bewaffnet und wird ständig von einer großen Flotte abgeschirmt, deren einziger Zweck es ist, das Flaggschiff zu beschützen. Ein direkter Angriff auf dieses Schiff ist undenkbar und wäre von vorneherein zum Scheitern verurteilt.«
»So, wie Sie sich ausdrücken, haben Sie eine andere Möglichkeit im Sinn, diesem Schiff zu Leibe zu rücken.«
»Allerdings«, nickte Bates. »Von innen.«
»Entweder bin ich in meinem Alter schon verkalkter, als ich dachte, oder Sie haben gerade tatsächlich angedeutet, wir zerstören das Schiff von innen.«
»Mit Ihrem Gehör und Ihren Arterien ist alles in Ordnung«, beruhigte ihn der SES-Chef lächelnd. »Sie haben schon richtig verstanden. Wir haben vor, ein Team zu rekrutieren und auszubilden, um in dieses Schiff einzudringen, dort Sprengladungen zu legen und es zu zerstören. Damit schalten wir nicht nur die ruulanische Führung aus, sondern stürzten die Ruul vielleicht sogar ins Chaos.«
»Welches ROCKETS-Team schlagen Sie für eine solche Selbstmordmission vor?«
Bates wechselte einen schnellen Blick mit Nogujama. Dieser verstand den Wink und sprang für seinen Geheimdienstkollegen in die Bresche.
»Nun ja, wie bereits erwähnt, werden die ROCKETS für die Ausbildung der örtlichen Widerstandskämpfer gebraucht. Und zwar alle ROCKETS. Andere Spezialeinheiten sind ebenfalls im Einsatz oder für eine Mission von solchen Ausmaßen nicht hinreichend ausgebildet. Unsere Ressourcen sind bis an ihr absolutes Limit beansprucht.«
»Und das heißt …?«
»Das heißt, dass wir uns an Orten nach Männern und Frauen für diesen Einsatz umsehen müssen, an dem man für gewöhnlich eher weniger nach Patrioten sucht.«
Magnus sah aufmerksam in die Runde, doch diesmal wich jeder der Anwesenden peinlich berührt seinem Blick aus.
»Würde mir endlich jemand sagen, was in Ihren Köpfen vorgeht?«
Nogujama umriss in groben Zügen, was sie sich ausgedacht hatten, und Magnus musste seine ursprüngliche Einschätzung revidieren. Nur zu behaupten, dass ihm der Plan nicht gefiel, war eine glatte Untertreibung. Was seine Stabschefs sich da ausgedacht hatten, war schlichtweg Wahnsinn.
Als Harkon Magnus drei Stunden später den Plenarsaal des Parlaments des Terranischen Konglomerats betrat, wurde er von einem Blitzlichtgewitter der Medien empfangen. Er versuchte, seine Augen nicht allzu sehr zuzukneifen. So etwas machte sich auf Zeitungsfotos oder im Fernsehen nie besonders gut. Begleitet wurde er nur von Nogujama. Bates und die übrigen Offiziere hatten sich bereits aufgemacht, alle notwendigen Schritte einzuleiten. Auch der MAD-Chef würde noch vor dem Einbruch der Nacht aufbrechen. Ein Schiff stand bereits im Orbit bereit, um ihn nach der heutigen Krisensitzung zu seinem Bestimmungsort zu bringen.
Alles, was noch fehlte, war die Zustimmung des Parlaments. Sollten die Abgeordneten dem Plan nicht zustimmen, wäre Nogujamas anstehende Reise sinn- und zwecklos geworden. Alles hing von den nächsten paar Minuten ab. Und davon, wie überzeugend er auf die Abgeordneten wirkte.
Ohne Umschweife ging Magnus zu seinem Rednerpult an der nördlichsten Ecke des Raumes. Nicht nur die Presse, sondern auch 409 Augenpaare beobachteten aufmerksam jede seiner Bewegungen. Er war sich unangenehm der Fernsehkameras auf der Tribüne bewusst, die die Sitzung live übertrugen. Was er nun tun musste, würde einen Sturm der Entrüstung entfachen. Aber wie Nogujama bereits auf der Fahrt hierher gesagt hatte, entweder sie stoppten den Vormarsch der Ruul oder sie wurden binnen weniger Monate überrannt.
Als er seinen Platz mit langsamen, angemessenen Schritten erreicht hatte, wandte er sich endlich den Abgeordneten der 62 kolonisierten Systeme zu. Wie viel Abgeordnete jedes System ins Parlament entsenden durfte, hing von der Bevölkerung der jeweiligen Kolonie ab. Einige Kolonien stellten acht, andere nur einen oder zwei Abgeordnete. Das Solsystem als Heimat der Menschheit stellte zehn Abgeordnete, die direkt gegenüber dem Rednerpult saßen.
Magnus betrachtete die Gesichter der Abgeordneten. Die Emotionen, die er wahrnahm, reichten von Angst über Unsicherheit bis hin zu Neugier. Nogujama stellte sich schweigend direkt hinter ihn. Es war ungewöhnlich, dass bei einer Sitzung des Parlaments ein Militär anwesend war. Dass Nogujama hier war, und das auch noch in voller Uniform, machte einige Abgeordnete sichtlich nervös. Sie begannen zu begreifen, dass etwas Schreckliches vorgefallen war.
Magnus räusperte sich verhalten.
»Sehr geehrte Abgeordnete des Parlaments, liebe Mitbürger zu Hause an den Fernsehschirmen, verehrte Vertreter der Medien«, begann er seine Rede. »Ich trete heute erfüllt von tiefer Trauer und Bestürzung vor ihr Antlitz. Und ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich nicht weiß, wie ich ihnen folgende Mitteilung schonend beibringen kann. Genauso wenig schäme ich mich zuzugeben, dass mir Tränen der Scham und des Schmerzes kamen, als ich heute diese Nachricht erhielt.«
Es wurde mucksmäuschenstill im Saal. Selbst die leisesten Gespräche unter den Abgeordneten verstummten. Alle verharrten in gespannter Erwartung.
»Heute Morgen wurden die äußeren Kolonien unserer Nation Opfer eines unerwarteten und nicht provozierten Angriffs durch Raumstreitkräfte, die zweifelsfrei als Teil der ruulanischen Stämme identifiziert wurden.«
Ein Raunen ging durch den Saal. Magnus kundiger Blick erkannte den Schock unter den Abgeordneten, den er gerade ausgelöst hatte. Beruhigend hob er seine Hände. Langsam kam der Saal wieder zur Ruhe. Jetzt, da die Bombe geplatzt war, wollten sie alles hören.
»Der Angriff wurde ohne Vorwarnung und mit solcher Brutalität geführt, dass die Verteidigung der betroffenen Welten innerhalb weniger Stunden überwältigt wurde. Wir haben bereits sehr schwere Verluste erlitten. Unser ganzes Mitgefühl gilt nun den Angehörigen der Männer und Frauen, die gefallen sind, verwundet wurden oder vermisst werden.
Meine nächsten Worte gehen an die Menschen zu Hause. Sollten Sie Verwandte oder Freunde haben, die Militärdienst an der Grenze leisten, so steht Ihnen seit heute eine Notfallnummer bereit, unter der die Streitkräfte Sie nach bestem Wissen und Gewissen über das Schicksal Ihrer Lieben aufklären werden.«
Ein Mann in der dritten Reihe sprang aufgeregt auf und schrie: »Welche Kolonien wurden angegriffen?«
»Jeder von Ihnen hat eine Mappe vor sich auf dem Pult liegen. In ihr ist ein vollständiger Bericht über alle bekannten Fakten des Angriffs sowie eine Liste der angegriffenen Welten enthalten.«
Rascheln erfüllte den Saal, als die Abgeordneten ungeduldig die vor ihnen liegenden Umschläge aufrissen und eilig die Zeilen überflogen. Bis sie zu dem Teil kamen, in dem die Angriffsziele der Ruul aufgelistet wurden.
Plötzlich wurde das Rascheln abgelöst von Stöhnen, Keuchen und unterdrückten Schluchzern. In den hinteren Reihen fluchte jemand lautstark. Eine Frau in der fünften Reihe ließ das Blatt Papier fallen, das sie in der Hand hielt, und wankte, sodass die Abgeordneten, die sie flankierten, sie stützen mussten, sonst wäre sie vermutlich in Ohnmacht gefallen. Sie hielt fassungslos eine Hand vor den Mund. Ihre Lippen arbeiteten, aber es kam kein Laut heraus. Dann fing sie an, unkontrolliert zu weinen. Es war eine der Abgeordneten von Kensington.
Magnus wartete geduldig, bis sich der größte Aufruhr gelegt hatte. Er nutzte die Zeit, um Nogujama kurz einen Seitenblick zuzuwerfen. Der Admiral betrachtete die Szene jedoch mit stoischer, gelassener Miene und nichts deutete auf die Gedanken hin, die in seinem Kopf umherspukten.
Einer der Abgeordneten von Rainbow – ein älterer Mann mit Kinn- und Backenbart, aber dafür kaum noch Haare auf dem Kopf – stand müde und bis ins Mark getroffen auf.
»Welche Unternehmungen plant die Flotte zur Rückeroberung der besetzten Systeme und was ist über das Schicksal der Zivilbevölkerung bekannt?«
Schlagartig war es wieder still im Saal. Die Antwort auf diese Frage wollte jeder hören. Und es war die Frage, vor der Magnus die meiste Angst gehabt hatte. Doch noch hatte er ein Mittel, um die Antwort auf diese Frage ein wenig hinauszuzögern.
»Dazu komme ich gleich«, lenkte er ab. »Zuvor aber muss ich jedoch dieses Gremium um einige wichtige Entscheidungen ersuchen. Die Ruul haben uns vor dem Angriff keine offizielle Kriegserklärung zukommen lassen, dennoch gibt es keinerlei Zweifel daran, dass wir uns derzeit mit den Ruul im Krieg befinden. Daher bitte ich das Parlament hiermit formell darum, den Kriegszustand auszurufen. Dies ist zwingend notwendig, um den nächsten logischen Schritt zu vollziehen, nämlich die Einberufung eines großen Teils der Reserve sowie die Umstellung der Wirtschaft auf Rüstungsgüter und die Verstaatlichung einiger ziviler Werften, um die Produktion von Kriegsschiffen zu unterstützen.«
Er stockte kurz. Seine nächste Ankündigung würde nicht gerade sehr populär sein.
»Um unsere erheblichen Verluste auszugleichen, bitte ich Sie außerdem, die Generalmobilmachung zu beschließen.«
Schockiertes Schweigen senkte sich erneut über den Saal. Dann schien das Parlament förmlich zu explodieren, als alle gleichzeitig aufsprangen und wild durcheinanderredeten.
»Bitte«, schrie Magnus in sein Mikrophon. »Bitte, so bringt uns das doch nichts. Bitte beruhigen Sie sich.«
Seine Worte zeigten Wirkung. Viel zu langsam, wie Magnus fand, dennoch kehrte wieder etwas Ruhe in den Plenarsaal ein. Die Abgeordneten von Delta Corona und Alabama standen fast gleichzeitig auf.
»Wissen Sie eigentlich, welchen Schaden Sie damit unserer Wirtschaft zufügen?«, fragte der Abgeordnete von Alabama. Sein Amtskollege von Delta Corona nickte zustimmend. »Wenn Sie das Gros der jungen Männer und Frauen einziehen, um im Krieg zu kämpfen, wird die Wirtschaft in sich zusammenbrechen. Es wird zu viele Lücken in den Fabriken und Firmen geben. Wer soll die alle füllen?«
»Um ganz ehrlich zu sein, Herr Abgeordneter, um die Schäden für die Wirtschaft mache ich mir im Augenblick weniger Sorgen. Die wird sich über kurz oder lang erholen. Aber wenn die Ruul uns weiter derart massiv zusetzen, werden sie uns in die Steinzeit zurückbomben. Es wird nichts von uns übrig bleiben. Gar nichts. Gibt es weitere Wortmeldungen zu dem Thema? Nein? Dann schlage ich vor, wir schreiten zur Abstimmung.«
Magnus versuchte abzuschätzen, wer dafür und wer dagegen sein würde. Was ihm Kopfzerbrechen bereitete, waren die vielen Unentschlossenen, die ratlos die Köpfe zusammensteckten und über ihr Votum berieten. Schließlich gab jeder Abgeordnete über drei Knöpfe vor sich seine Stimme ab. Als Magnus das Ergebnis schließlich vor sich sah, hätte er am liebsten vor Erleichterung tief durchgeatmet. 311 Stimmen dafür, 27 Enthaltungen und 71 dagegen. Das war zwar nicht so gut, wie er gehofft hatte, aber trotzdem gab es eine deutliche Mehrheit.
»Der Vorschlag ist also angenommen«, verkündete er.
Der Abgeordnete von Rainbow stand wieder auf. »Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet. Welche Pläne gibt es zur Rückeroberung der besetzten Welten und was ist mit der Zivilbevölkerung geschehen? Gibt es bereits zuverlässige Berichte über das Vorgehen der Ruul gegen Zivilisten?«
Magnus tat so, als würde er seine Unterlagen sortieren. Das verschaffte ihm einige kostbare Sekunden, in denen er seine Gedanken ordnen konnte. Dieser Frage konnte er nun nicht mehr ausweichen, durfte ihr auch nicht ausweichen, wenn er seine Glaubwürdigkeit vor dem Parlament behalten wollte.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren. Das alles fällt mir weiß Gott nicht leicht, dennoch ist es meine Pflicht, es Ihnen ohne Umschweife zu sagen. Derzeit sind wir nicht in der Lage, einen effektiven Gegenschlag auf die Beine zu stellen. Wir müssen …«
Ein Sturm der Empörung schnitt ihm das Wort mitten im Satz ab. Die Abgeordneten hielt es nicht länger auf ihren Sitzen. Alles schrie durcheinander. Hin und wieder flog sogar eine Beleidigung in Richtung des Präsidenten. Magnus wusste, er konnte dagegen nicht angehen, also saß er den Sturm einfach aus, tat nichts und wartete darauf, dass sich die Abgeordneten ausgetobt hatten. Mit mehr Geduld, als er eigentlich bereit war einzusetzen, wartete er bis alle – wirklich alle – wieder auf ihren Sitzen Platz genommen hatten. Und das dauerte eine Weile. Als die Abgeordneten endlich saßen, sprach Magnus eindringlich weiter.
»Wir müssen unsere Verteidigung stärken. Darauf kommt es jetzt an. Unsere Verteidigung stärken und unsere Kräfte wieder aufbauen. Dann – und erst dann – können wir hoffen, irgendwann die Ruul von unseren Welten vertreiben zu können. Wenn wir uns jetzt blindlings in ein Abenteuer von galaktischen Ausmaßen stürzen, würde das nur zu einem führen: zu unserer totalen Auslöschung. Denn eines muss uns allen unbedingt klar sein: Wir stehen einem gnadenlosen, unbarmherzigen Feind gegenüber, der geschworen hat, uns zu vernichten. Dies dürfen wir nie vergessen. Daher müssen wir klug und besonnen handeln. Ich verspreche Ihnen, es wird eine Gegenoffensive geben. Doch erst, wenn wir bereit dafür sind. Nicht vorher.«
Die Eindringlichkeit seiner Worte und die Ernsthaftigkeit seiner Mimik machten Eindruck und verfehlten ihre Wirkung nicht. Mehr als einer der Abgeordneten machte einen nachdenklichen Eindruck. Selbst die Abgeordneten, deren Heimat sich nun hinter der Front befand. Das machte das, was er nun tun musste, nicht gerade einfacher. Die ganze Sitzung lang, hatte er nur auf diesen einen Punkt hingearbeitet. Die Nachricht, dass die Menschheit noch mehr ihres Bodens aufgeben musste, wenn sie eine Hoffnung auf Überleben haben wollte.
»Was ich nun sagen muss, widerstrebt mir zutiefst. Das können Sie mir wirklich glauben, aber ich habe mich bereits den ganzen Tag mit meinen Stabschefs beraten und sie versicherten mir, dass es unsere einzige Hoffnung ist, diesen Krieg zu überstehen. Die ranghöchsten Offiziere der Waffengattungen legten mir heute einen Plan vor, der einige Aussicht auf Erfolg hat. Doch selbst wenn er gelingt, müssen wir einen furchtbar hohen Preis dafür zahlen.«
Er war sich schmerzhaft der Aufmerksamkeit bewusst, in deren Mittelpunkt er sich befand. Vonseiten der Abgeordneten, der Medien und sogar der Menschen, die die Sitzung zu Hause vor dem Fernseher verfolgten.
»Wir haben vor, eine Verteidigungslinie aufzubauen, die die Ruul wird aufhalten können. Die Linie besteht aus den Koloniewelten Starlight und Serena sowie dem unbewohnten Fortress-System. Aber um dies zu erreichen, müssen wir mehrere derzeit noch umkämpfte Systeme aufgeben sowie drei weitere evakuieren.«
Magnus erwartete, der Sturm der Entrüstung würde erneut losbrechen, doch nichts dergleichen geschah. Die Abgeordneten, die Journalisten und Kamerateams sahen ihn alle mit offenem Mund an, als hätte er den Verstand verloren. Im hintersten Winkel seines Verstandes fragte er sich, ob sie damit nicht vielleicht sogar recht hatten.
Plötzlich gellte eine schrille Stimme durch den Saal. »Sind Sie verrückt geworden? Die Ruul überrennen unsere Welten und jetzt wollen Sie ihnen sogar noch mehr davon in den Rachen werfen?«
Magnus konnte nicht ausmachen, woher die Stimme kam. Gut möglich, dass es nicht mal ein Abgeordneter war, sondern ein Mitglied der Presse. Er antwortete dennoch.
»Diese Entscheidung ist uns wirklich nicht leicht gefallen …«
»Sie Wahnsinniger«, schrie ein anderer, »wir werden diesen Krieg nicht gewinnen, indem wir dem Feind unsere Welten kampflos überlassen!«
»Glauben Sie mir …«, versuchte er es erneut, doch ihm wurde wieder das Wort mitten im Satz abgeschnitten.
»Niemals werde ich dazu meine Zustimmung geben! Niemals, niemals, niemals!«
Magnus konnte den Menschen keinen Vorwurf machen. Hatte er denn nicht genauso reagiert, als er heute Morgen davon gehört hatte? Aber inzwischen war ihm klar, dass seine Admiräle und Generäle mit ihrer Einschätzung richtig lagen. Sie konnten die Ruul nicht stoppen. Nicht im Moment. Sie mussten eine Situation schaffen, in der sie ihnen standhalten konnten, und die Fortress-Linie bot dafür die unter diesen Umständen bestmöglichen Voraussetzungen.
»Falls Sie denken, dass wir dazu unser Einverständnis erteilen, haben Sie tatsächlich vollkommen den Verstand verloren!«
»Seien Sie still!«, erhob sich plötzlich eine einzelne Stimme über das Gebrüll. Es war der Abgeordnete von Rainbow, der erneut aufstand. Die Menge war so perplex von diesem völlig unerwarteten Ausbruch, dass sie tatsächlich zur Ruhe kam.
»Haben Sie es denn immer noch nicht begriffen?«, sprach der alte Mann weiter. »Dort draußen sterben Tausende junger Männer und Frauen. Sie sterben, weil sie für uns kämpfen. Für uns alle. Und Sie zanken sich wie alte Waschweiber. Haben Sie denn noch nicht erkannt, dass die Ruul dabei sind, uns zu besiegen!? Wir verlieren diesen Krieg. Geht das nicht in Ihre Köpfe rein?«
»Sie haben gut reden«, stellte sich ihm ein anderer Abgeordneter entgegen. Magnus glaubte zu erkennen, dass der Mann von Neu Amsterdam kam. Einer der Kolonien, die evakuiert werden sollten. »Ihre Heimat liegt bereits hinter der Frontlinie. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Was ist mit unserer Welt? Mit unserer Bevölkerung?«
Der Abgeordnete von Rainbow warf seinem Kontrahenten einen vernichtenden Blick zu. »Was wollen Sie eigentlich? Sie haben noch Zeit, Ihre Familien von Neu Amsterdam wegzubringen. Und von den anderen Welten, die man räumen muss. Sie reden von Bevölkerung? Was ist mit der Bevölkerung der Systeme, die nun besetzt sind. Sie erwarten unsere Hilfe. Aber wir können ihnen nicht helfen, wenn wir weiterhin vor den Ruul flüchten. Wann soll diese Flucht denn enden? Wenn die Ruul die Erde erreichen? Sind Sie denn alle schon so sehr Politiker, dass Sie kein Auge mehr für das Wesentliche haben? Ja, wir müssen in die Offensive gehen, aber zunächst müssen wir retten, was zu retten ist. Das ist jetzt das Einzige, was zählt.«
Einige der Abgeordneten hatten so viel Anstand bei der Zurechtweisung des Rainbow-Abgeordneten rot zu werden. Der Mann hatte gerade erfahren, dass seine Heimat verloren war, und doch brachte er die Stärke und die Integrität auf, das Richtige zu tun. Wie könnten sie sich weigern, ihm nachzueifern.
Magnus schenkte dem Mann – er hieß Samuel Brockos, glaubte er sich zu erinnern – ein kurzes dankbares Nicken, das Brockos erwiderte.
»Ich denke, wir kommen jetzt zur Abstimmung über die Evakuierung folgender Welten: Neu Amsterdam, Sahara und Lassiter. Wenn ich jetzt um die Abgabe ihrer Stimmen bitten dürfte.«
»Ich gratuliere«, sagte Nogujama, als die Abgeordneten nach und nach den Plenarsaal verließen. »Sie haben es tatsächlich geschafft.«
Magnus stützte sich schwer auf sein Rednerpult. Ja, es war wirklich geschafft. Dem Plan war zugestimmt worden. Mit 301 Stimmen dafür und 108 dagegen, ohne Enthaltungen. Trotzdem fühlte er sich, als hätte er gerade die schlimmste politische Niederlage seiner Karriere erlitten.
»Das hätte ich Ihnen ehrlich gesagt gar nicht zugetraut«, gestand Nogujama ein wenig kleinlaut.
Magnus lachte kurz und humorlos auf. »Ich mir auch nicht. Und ohne Brockos hätte ich es vermutlich nicht geschafft.«
»Vermutlich«, stimmte der Admiral zu.
»Das war’s dann wohl mit meiner Laufbahn«, prophezeite Magnus düster.
»Herr Präsident?«
»Kein Staatsoberhaupt kann hoffen, noch einmal gewählt zu werden, wenn er das eigene Hoheitsgebiet dem Feind preisgibt. Ich denke nicht, dass ich bei der nächsten Wahl noch ernstzunehmende Chancen auf eine Wiederwahl habe. Vielleicht muss ich auch vorher schon mein Amt zur Verfügung stellen.«
Nogujama legte Magnus mitfühlend die Hand auf die Schulter und drückte sanft zu.
»Falls es Ihnen hilft, Sie haben das Richtige getan. Und auch, falls Sie das Ganze politisch nicht überleben sollten, sollte es Ihnen ein Trost sein, dass es noch eine Menschheit gibt, wenn Sie aus dem Amt scheiden.«
Magnus schenkte ihm ein wehmütiges Lächeln. »Da muss ich Ihnen zustimmen.« Er streckte sich und drückte das verspannte Rückgrat durch. »Und bis ich abgesägt werde, gibt es noch viel zu tun. Wann brechen Sie auf?«
»Sofort. Jetzt, da der Plan genehmigt ist, kann ich endlich das Einsatzteam rekrutieren. Und das wird auch keine einfache Aufgabe.«
»Die Leute, die Sie im Sinn haben, sind nicht unbedingt sehr vertrauenswürdig. Hoffentlich haben Sie sich das wirklich gut überlegt, Admiral.«
»Das habe ich. Das können Sie mir glauben, Herr Präsident. Das habe ich in der Tat.«
Kapitel 3
Der Kreuzer der Hermes-Klasse, TKS Waterloo, materialisierte mit kurzem Lichtblitz im Lost-Hope-System und sendete sofort sein Identifikationssignal sowie seinen Autorisationscode, damit die automatischen Verteidigungsanlagen das Schiff nicht augenblicklich in Stücke schossen.
Als Antwort erhielt die Waterloo lediglich einen kurzen Funkimpuls, der ihr mitteilte, sie dürfe sich nähern. Der Kreuzer beschleunigte mit Höchstgeschwindigkeit ins innere System. Konteradmiral Okuchi Nogujama verbrachte die Fahrt in seinem persönlichen Shuttle im winzigen Beiboothangar der Waterloo. Für gewöhnlich reisten Admiräle ein wenig standesgemäßer, doch Schiffe der Hermes-Klasse gehörten zu den schnellsten der Flotte und Geschwindigkeit war diesmal von weitaus größerer Bedeutung als Bequemlichkeit.
»Admiral«, meldete sich der Captain der Waterloo wenig später. »Die Bodenkontrolle hat soeben die Starterlaubnis für Ihr Shuttle erteilt. Sie können los. Wir warten hier auf Sie.«
»Verstanden, Captain.« Er wandte sich an den Piloten. »Also los, Lieutenant.«
Der Pilot machte sich nicht die Mühe zu antworten, sondern begnügte sich mit einem angedeuteten Nicken über die Schulter, während er sich darauf konzentrierte, das Shuttle aus dem Hangar zu steuern.
Die Waterloo befand sich bereits auf einem Parkorbit, wodurch Nogujama sofort nach dem Start ein atemberaubender Blick auf den Planeten gewährt wurde. Lost Hope verfügte nur über den einen. Darüber hinaus war die Sonne des Systems bereits seit Jahrhunderten dabei, langsam zu erkalten. Dies hatte einen rapiden Klimawandel auf der Welt unter ihm ausgelöst und den Planeten in eine Schneekugel aus gefrorenem Eis verwandelt, die regelmäßig von verheerenden Schneestürmen heimgesucht wurde. Der rapide Temperatursturz hatte darüber hinaus dafür gesorgt, dass innerhalb nur weniger Jahrzehnte nahezu jede einheimische Flora und Fauna den extremen Minusgraden zum Opfer gefallen war. Bis auf einige wenige Klein- und Kleinstlebewesen, die es geschafft hatten, sich rasch genug anzupassen, um dem Massensterben zu entgehen.
Wissenschaftler hatten herausgefunden, dass die Lebensbedingungen vor der Erkaltung der Sonne durchaus angenehm gewesen sein mussten. Doch das war lange vorbei. Die Umweltbedingungen auf dieser Welt waren nun extrem feindlich. Überleben konnte man nur in einer der unterirdischen Anlagen und selbst dann war es nicht gerade ein komfortables Leben, das man führte.
Es war der perfekte Standort für das strengste Hochsicherheits-Militärgefängnis, das es in dem von Menschen besiedelten Weltraum gab. Beide Nullgrenzen des Systems und die dazugehörigen Sprungpunkte waren durch Verteidigungssatelliten und automatische Abwehrstellungen gesichert. Passieren konnte nur, wer einen gültigen Code vorwies. Und der Code änderte sich wöchentlich.
Sobald man in den Orbit einschwenkte, wurde man von bodengestützten Raumabwehrwaffen erfasst, die das jeweilige Schiff nicht mehr aus der Zielerfassung ließen, bis es den Orbit wieder verließ. In der dünnen Lufthülle von Lost Hope patrouillierten regelmäßig Jagdstaffeln, die in der Lage waren, jeden Eindringling abzufangen, der es wagte, unangemeldet zu erscheinen. Oder – sollte es zu einem Gefangenenaufstand kommen – jedes nicht autorisierte Schiff, das abhob.
Die Wachmannschaft wurde von einer privaten Sicherheitsfirma gestellt. Also Söldner. Jedoch die besten, die es für Geld zu mieten gab. Ihre Stärke belief sich auf mehrere Tausend und sie ließen sich ihre Dienste gut entlohnen. Dennoch war es weit billiger, als eine reguläre Militäreinheit in derselben Stärke hier zu stationieren. Lediglich eine einzelne TKA-Kompanie war hier untergebracht, deren Befehlshaber sozusagen als Verbindungsmann zwischen der Sicherheitsfirma und dem Militär diente. Mit anderen Worten: eine Alibi-Kompanie.
In diesem Gefängnis saß der übelste Abschaum. Jeder Einzelne war ein Killer, Vergewaltiger, Drogenhändler, Mörder oder Sadist. Und darüber hinaus war jeder Einzelne auch noch Soldat. Die Männer und Frauen, die hier einsaßen, verkörperten alles, was am Militär faul war. Und man schickte sie hierher, damit die Menschheit vergessen konnte, dass es sie gab.
Lost Hope war die Endstation. Von hier gab es kein Entkommen. Hier erhielt man keine Bewährung wegen guter Führung. Und Freigang schon gar nicht. Eine Verlegung nach Lost Hope war so gut wie ein Todesurteil. Und trotzdem war er nun hier, um einem dieser Männer ein Angebot zu machen, bei dem ihm selbst die Galle hochkam. Doch er hatte keine andere Wahl.
Auf dem Flug fort von der Waterloo beobachtete der Admiral, wie ein Konvoi den Planeten erreichte. Insgesamt acht Schiffe. Sechs davon waren Großraumtransporter. Begleitet von zwei kleinen Zerstörern. Frischfleisch für das Straflager. Nogujama schüttelte bekümmert den Kopf. Vor dem Krieg wäre ein Konvoi diese Größe mindestens von Leichten oder sogar Schweren Kreuzern eskortiert worden. Nun war dies nicht mehr möglich. Die Anforderungen des Konvoidienstes mussten den Anforderungen des Krieges weichen. Alle größeren Kampfschiffe wurden dringend an der Front gebraucht.
Als das Shuttle tiefer in die Atmosphäre hinabstieß, bemerkte Nogujama einige Schatten in den Wolken unter ihnen, die ihnen folgten. Noch bevor er sich fragen konnte, was das war, schälten sich vier schnittige Arrow-Abfangjäger elegant aus dem dichten Wolkenvorhang.
»Personenshuttle XP-8801«, funkte der Staffelführer sie an. »Hier ist die Wachstaffel der Lost-Hope-Basis für diesen Quadranten. Folgen Sie uns. Wir eskortieren Sie zu Ihren Landekoordinaten.«
»Verstanden, Wachstaffel«, bestätigte sein Pilot ein wenig nervös.
Nogujama verfolgte die Jäger, so gut er es von seinem Sitz aus vermochte. Zwei der Arrows positionierten sich links und rechts des Shuttles. Die beiden anderen direkt dahinter. Bei dieser Art Aufmerksamkeit konnte er dem Piloten seine Nervosität nicht verdenken. Die Jäger würden, ohne zu zögern, schießen, sollten sie sich in irgendeiner Form verdächtig verhalten oder die Piloten sich bedroht fühlen. Lost Hope war definitiv keine Welt, auf der man uneingeladen erscheinen sollte.
Der Flug dauerte noch über eine halbe Stunde. Eine unangenehm lange Zeitspanne, wenn einem ständig bewusst wird, dass das eigene Leben von der Gnade zweier Piloten abhing, die nur einmal kurz mit dem Zeigefinger zucken mussten, um das eigene Schiff in eine Staubwolke zu verwandeln. Doch seine Ängste erwiesen sich als unbegründet und sie landeten planmäßig in einem kleinen Hangar in der nördlichen Hemisphäre des Planeten.
Die Rampe wurde herabgelassen und Nogujama betrat das Gefängnis. Es war seltsam. In seiner ganzen Dienstzeit als Chef des MAD hatte er vermutlich Hunderte von Männern und Frauen hierher geschickt, jedoch war dies das erste Mal, dass er diese Welt selbst betrat. Ein beklemmendes Gefühl.
Er wurde bereits von einem Mann mittleren Alters in der mattblauen Uniform der TKA empfangen.
»Willkommen auf Lost Hope, Admiral«, begrüßte ihn der Mann überraschend freundlich. »Ich bin Captain Devinger, der Kommandant des TKA-Kontigents auf Lost Hope. Der Gefängnisdirektor lässt sich entschuldigen, aber er hat einen sehr streng ausgearbeiteten Terminplan und …«
»Nur wenig Zeit für das Militär. Ich verstehe vollkommen, Captain.«
Nogujama reichte Devinger die Hand zu einem festen Händedruck, bei dem ihm bewusst wurde, dass der Mann ihn gerade testete. Dieses Verhalten imponierte ihm sogar irgendwie. Der Captain hatte also keinen Respekt vor einem Rang, aber vor Individuen, die seiner Meinung nach Respekt verdienten. Das versprach interessant zu werden.
Devinger löste den Händedruck als Erster und trat, offensichtlich zufrieden, einen Schritt zurück. »Wenn Sie mir bitte folgen würden.«
Nogujama nickte, als Devinger die Führung übernahm. Das Innere von Lost Hope war ein einziger Wirrwarr miteinander verzweigter Gänge und Tunnel mit daran angeschlossenen Zellen. Der Admiral war sich sicher, dass er alleine niemals den Weg zurück zum Hangar finden würde. Das Ausmaß des Gefängniskomplexes war schlichtweg deprimierend. Dass ein Militärapparat so viele Psychopathen hervorbrachte, sollte eigentlich zum Nachdenken anregen. Leider drehten sich Nogujamas Gedanken im Moment einzig und allein um das Problem, wie er den Mann, den er hier treffen wollte, zur Mitarbeit bewegen konnte.
Devinger führte den Admiral in einen Raum, in dessen Mitte ein kleiner Tisch und zwei Stühle standen. Ansonsten war das Zimmer vollkommen leer.
»Sie kennen die Regeln«, erklärte Devinger ruhig. »Sie berühren den Gefangenen nicht und geben ihm keine Gegenstände. Genauso wenig sind Waffen in diesem Raum erlaubt. Außer denen der Wachen selbstverständlich.«
»Ich bin nicht bewaffnet.«
»Ausgezeichnet. Warten Sie bitte hier.«
Devinger verließ ohne weitere Worte das Zimmer und ließ Nogujama allein. Der Admiral nutzte die Zeit, um sich mit der Umgebung vertraut zu machen. Die anfängliche Einschätzung erwies sich als nicht ganz richtig. Das Zimmer war bis auf Tisch und Stühle keineswegs leer. In jeder Ecke des Raumes waren Kameras, die keine toten Winkel zuließen. Der Admiral fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis bewaffnete Wachen hereinstürmten, falls es zu einem Notfall kam. Vermutlich nicht allzu lange.
Die Tür auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich und ein Mann betrat das Zimmer. Er war so groß, dass er sich ducken musste, um den Raum zu betreten. Er trug einen Gefängnisoverall, der im typischen Orange gehalten war. Seine bloßen Arme waren mit Tätowierungen bedeckt, von denen Nogujama wusste, unter der Kleidung bedeckten sie fast die Hälfte seines Oberkörpers.
Hände und Füße waren mit Ketten gefesselt, die so kurz waren, dass der Gefangene einen watschelnden Gang an den Tag legen musste, um überhaupt von der Stelle zu kommen. Das dunkelbraune Haar war bis auf wenige Millimeter kurzgeschoren, um Läusebefall vorzubeugen. Als die blauen Augen Nogujama in der Mitte des Raumes bemerkten, verengten sie sich zu wütenden Schlitzen.
»Hallo Alan«, begrüßte der Admiral den Neuankömmling.
»Ich habe Ihnen nichts zu sagen,« sagte der Gefangene und machte Anstalten, sich umzudrehen, um den Raum zu verlassen. Doch die vier Wärter, die hinter ihm durch die Tür drängten, verhinderten es. Sie umringten ihn im Halbkreis. Jeder mit einem Schlagstock in der einen und einem kleinen Sender in der anderen Hand. Nogujama wusste, über diesen Sender konnten die Fesseln unter Strom gesetzt werden. So, wie er seinen Gegenüber kannte, bezweifelte er aber, dass dieser sich dadurch würde stoppen lassen. Den unsicheren Mienen der Wächter nach zu urteilen, die sich immer wieder gegenseitig unschlüssige Blicke zuwarfen, teilten sie diese Ansicht.
»Setzen Sie sich, Alan«, forderte Nogujama den Gefangenen auf. »Bitte.«
Trotz seiner Fesseln und der Wachen wirkte der Mann kein bisschen eingeschüchtert oder weniger gefährlich als in Nogujamas Erinnerung. Tatsächlich machte er den Eindruck, sich der Aufforderung widersetzen zu wollen. Einer der Wächter trat einen Schritt näher. Offensichtlich mit der Absicht, den Gefangenen dazu zu zwingen, sich zu setzen. Ein einzelner Blick des Häftlings scheuchte ihn zurück. Nogujama fragte sich amüsiert, wer hier eigentlich Häftling und wer Aufseher war.
»Lassen Sie uns bitte allein«, forderte der Admiral die Wachen auf. Diese warfen ihm verdutzte Blicke zu, zogen sich dann aber achselzuckend durch die Tür zurück. Wenn der Admiral sich freiwillig umbringen wollte, war das schließlich seine Entscheidung. Die Tür schloss sich mit einem Knall hinter dem Quartett. Erst dann drehte sich der Gefangene zu Nogujama um.
»Mutig.«
»Sie werden mir nichts tun«, erwiderte der Admiral leichthin und fragte sich im selben Augenblick, ob er sich das leichte Zittern in seiner eigenen Stimme nur einbildete. Er setzte sich und legte die mitgebrachte Aktentasche vor sich auf den Tisch. Auffordernd sah er zu dem Mann auf. Dieser kam zu dem Schluss, dass er sich zumindest anhören könnte, was der Admiral von ihm wollte, da er sich auf den Stuhl gegenüber von Nogujama setzte. Seine Augen blickten immer noch wachsam und argwöhnisch. Aber auch neugierig.
»Alan Foulder«, begann Nogujama. »32 Jahre alt, ehemaliger Captain der Marines. Hochdekoriert und dreimal im Dienst verwundet. Im Jahre 2139 wegen Mordes an seinem vorgesetzten Offizier zu lebenslanger Haft ohne Möglichkeit der Bewährung oder vorzeitigen Entlassung in der Lost-Hope-Strafanstalt verurteilt. Sie sitzen nun schon vier Jahre ein, Alan.«
»Das Gespräch fängt an, mich zu langweilen. Meinen Werdegang kenne ich selbst am allerbesten. Kommen Sie zur Sache oder lassen Sie mich wieder in meine gemütliche Zelle zurück.«
»Wir haben Schwierigkeiten.«
»Das ist schlecht … für Sie.« Foulder lehnte sich gemütlich zurück. Unter seinem gewaltigen Gewicht begann der Stuhl, unangenehm zu knirschen.
»Haben Sie davon gehört?«
»Schlechte Gerüchte verbreiten sich schnell. Vor allem an einem Ort wie dem hier. Die Ruul treten euch ziemlich in den Arsch.«
Nogujama verzog mürrisch das Gesicht. »Das ist eine unschöne, aber leider zutreffende Bemerkung.«
»Was hat das mit mir zu tun?«
»Wir brauchen Sie. Die Menschheit braucht Sie. Und ich auch.«
Foulder lachte bellend auf. »Das ist es? Deshalb sind Sie hier? Sie kommen den weiten Weg von der Erde her und besuchen mich in diesem Schließmuskel des Universums, um mir zu sagen, die Menschheit braucht mich? Vielleicht brauche ich aber die Menschheit nicht mehr.«
»Reden Sie kein dummes Zeug, zum Teufel.« Nogujama schloss die Aktentasche auf und holte einige Fotos und Scanneraufzeichnungen heraus und reichte sie wortlos an Foulder weiter. Dieser ging sie schweigend durch und mit jeder neuen Information, die er in sich aufnahm, wanderten seine Augenbrauen ein wenig mehr in die Höhe. Als er mit dem Studium der Unterlagen fertig war, pfiff er leise durch die Vorderzähne.
»Ihr habt ein ziemliches Problem. Ich verstehe nur nicht ganz, was das mit mir zu tun haben soll.«
»Es gibt einen Plan. Einen Plan, dieses Schiff«, er deutete auf die Fotos, »zu zerstören. Von innen.«
Foulder schnaubte erheitert auf. »Sie müssen schon sehr verzweifelt sein, um so etwas auch nur in Erwägung zu ziehen. Dieses Ding ist eine Festung. Was glauben Sie, wie viele ruulanische Soldaten in einem Schiff dieser Größe stationiert sind.«
»Wir gehen von mehreren Tausend aus.«
»Und Sie kommen zu mir, weil Sie denken, dass ich … was?«
»Weil ich immer noch der Meinung bin, dass Sie ein hervorragender Soldat sind, der diesen Einsatz leiten und zum Erfolg führen könnte.«
»Wohl eher, weil Sie sonst niemanden haben, der das durchziehen könnte.« Foulder setzte sein frechstes Grinsen auf, von dem Nogujama wusste, dass es dafür reserviert war, ihn zu reizen. »Und weil niemand so verrückt ist, es zu versuchen.«
»Ja, das auch«, gab er zu.
Foulders Grinsen verschwand schlagartig. »Denken Sie wirklich, ich habe vergessen – oder könne jemals vergessen –, dass Sie es waren, der mich hierher gebracht hat, Nogujama? Und jetzt haben Sie allen Ernstes die Stirn, hierher zu kommen und mich um so etwas zu bitten? Fahren Sie zur Hölle!«
»Dort werden wir bald alle landen, wenn Sie weiterhin so stur sind. Nicht ich habe Sie nach Lost Hope gebracht. Dieses Kunststück haben Sie ganz allein fertiggebracht. Sie sitzen nicht zu Unrecht hier. Schließlich sind Sie ein Mörder. Diese Tatsache ist unbestreitbar. Nicht einmal bei Ihrem Prozess haben Sie es bestritten.«
»Aber Sie wissen auch ganz genau, wieso ich das getan habe, und Sie taten nichts, um mir zu helfen. Nichts!«
»Es gab auch nichts, das ich hätte tun können. Verdammt, Alan! Sie hatten eine glänzende Karriere vor sich. Das alles haben Sie weggeworfen, in einem einzigen Augenblick unkontrollierter Wut.«
»Das Schwein hatte den Tod verdient.«
Nogujama schüttelte bekümmert den Kopf. »Das hatten nicht Sie zu entscheiden, doch ich bin nicht hier, um immer wieder das alte leidige Thema durchzukauen, Alan.«
Das überhebliche Grinsen kehrte auf Foulders Gesicht zurück. »Nein, Sie sind hier, weil Sie mich brauchen.«
»Ja, und Sie sollen es auch nicht umsonst tun. Als Gegenleistung für Ihre Hilfe biete ich Ihnen eine volle Begnadigung an und die Wiedereinsetzung Ihres Offizierspatents.«
Foulder schaute zur Decke und schürzte nachdenklich die Lippen. »Lassen Sie mich kurz Ihr Angebot in Worte fassen: Sie bieten mir an, mich zu begnadigen. Aber dafür soll ich erst ein schwer bewaffnetes Schiff mit Tausenden von Ruul stürmen und zerstören. Hört sich an, als würden Sie mir anbieten, lebenslange Haft gegen einen schnellen und sehr schmerzhaften Tod zu tauschen. Nicht sehr verlockend, wenn Sie mich fragen.«
»Und was wollen Sie stattdessen tun? Einfach hier sitzen, sich zurücklehnen und warten, bis die Ruul hier eintreffen, um diese ganze Schneekugel zusammenzubomben?«
»Klingt doch nach einem guten Plan«, erklärte Foulder gelassen, doch Nogujama glaubte, einen kleinen Kratzer in Foulders ansonsten aalglatter Fassade entdeckt zu haben.
»Das ist nicht Ihr Stil. Einfach dasitzen und nichts tun. Das war noch nie Ihr Ding, und das wird es auch nie sein. Sie waren schon immer ein Kämpfer, der sich lieber seinem Schicksal stellt. Sie werden sich nie ändern.«
»Zum Teufel mit Ihnen!«, fluchte Foulder erneut und stand ruckartig auf. »Nehmen Sie sich Ihren feinen Plan und schieben Sie ihn sich dorthin, wo die Sonne nicht scheint. Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Mit Ihnen bin ich fertig. Die Menschheit hat mich hier abgeladen wie Abfall. Das heißt, ich schulde ihr nichts. Und Ihnen schulde ich auch nichts.«
Foulder drehte sich um, ging zur Tür und hämmerte mit den gefesselten Händen dagegen. »Wachen! Aufmachen! Bringt mich gefälligst in meine Zelle zurück!«
»Alan«, hielt Nogujama ihn noch kurz zurück. »Denken Sie noch an eins: Dort draußen sterben Tausende junger Männer und Frauen. Und das jeden Tag. Menschen, die früher Ihre Kameraden waren. In früheren Zeiten hätten Sie mit Freunden Ihr Leben für diese Soldaten gegeben. Sie könnten das Sterben zumindest kurzzeitig beenden und uns eine Chance verschaffen. Früher hätte Sie das nicht kaltgelassen.«
Die Tür ging auf und die vier Wachen strömten wieder in den Raum. Als Foulder antwortete, blickte er lediglich über die Schulter. »Das waren noch andere Zeiten, Admiral.« Es war das erste Mal während des Gesprächs, dass er Nogujamas Rang benutzte. »Und ich bin auch ein anderer Mensch. Kommen Sie nicht wieder her. Ich könnte nicht dafür garantieren, dass ich Sie das nächste Mal ungeschoren gehen lasse.«
Bei dieser unverhohlenen Drohung spannten sich die Muskeln der Wachen bedrohlich an, doch dem Admiral fiel auf, keiner von ihnen machte eine schnelle oder ruckartige Bewegung, um den Gefangenen ja nicht zu provozieren.
Anders als die Wachen machte sich Nogujama keine Sorgen, Foulder könnte ihn angreifen. Denn etwas an dessen Haltung hatte sich geändert. Der Admiral konnte nicht mit Sicherheit sagen, was das war, aber vielleicht hatten ihn seine Worte erreicht oder an einem empfindlichen Punkt getroffen.
»Falls Sie es sich anders überlegen, mein Schiff wird noch zwei weitere Tage im Orbit sein. Länger kann ich auf Ihre Antwort nicht warten. Sollten Sie mit mir sprechen wollen, sagen Sie es einfach den Wachen. Man wird mich dann informieren.«
»Damit sollten Sie nicht rechnen.« Ohne weitere Umschweife wurde Foulder aus dem Raum geführt und die Tür schloss sich hinter den Männern wieder. Kaum war sie verriegelt, öffnete sich die andere und Devinger erschien.
»Nun, Admiral? War Ihr Besuch bei uns erfolgreich?«
Nogujama sammelte seine Unterlagen ein und packte sie frustriert zurück in seine Aktentasche. Sein Blick suchte die Tür, durch die Foulder soeben verschwunden war. Als könne er ihn durch das Metall hindurch immer noch wahrnehmen.
»Das werden wir sehen.«
Nogujamas Worte hatten Alan in der Tat tiefer getroffen, als dieser zuzugeben bereit war. Den ganzen Rückweg zu seiner Zelle musste er über das Gespräch nachdenken. Und die Aussicht auf Begnadigung hatte durchaus etwas Verlockendes. Das hatte er gegenüber dem Admiral nur nicht zugeben wollen. Auch wenn er sehr bezweifelte, dass er seine Freiheit wirklich würde genießen können. Die angesprochene Mission zu überleben, war schon mehr als zweifelhaft.
Als sich die verstärkte Eisentür seiner Zelle hinter ihm schloss, fühlte er sich erstmals seit vier Jahren allein und einsam. Die Freiheit war nur einen Steinwurf weit weg. Und auch wenn sie nur einige Tage dauern würde, nämlich bis die Ruul ihn umbrachten, so war er in dieser Zeit dennoch frei. Er legte sich mit dem Rücken auf die schmale Pritsche und starrte an die Decke.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Häftlingen hatte er dort keine Pin-up-Fotos vollbusiger mit Silikon vollgestopfter Frauen oder Aufnahmen der Familie angebracht. Stattdessen prangte dort seine Version eines Kalenders, der ihn ständig daran erinnern sollte, wie lange er schon einsaß. Die einzelnen Striche, die für Tage, Wochen, Monate und Jahre standen, hatte er mit dem angespitzten Stiel eines Löffels eingeritzt.
»Na? Primadonna?«, sprach ihn eine gereizte Stimme von rechts an. »Hattest du schönen Besuch?«
»Lass mich in Ruhe, Craig. Such dir diesmal jemand anderen zum Spielen. Ich muss nachdenken.«
»Oh, die Primadonna muss nachdenken«, höhnte sein Zellengenosse.
»Du fällst mir tierisch auf die Nerven, Arschloch.«
»Oh, das tut mir aber in der Seele weh, Primadonna.«
Primadonna war Alans Spitzname, den sich sein Zellengenosse Craig Hasker exklusiv für ihn ausgedacht hatte. Seit seiner Inhaftierung hatte er sich standhaft geweigert, einer der vielen Gruppierungen innerhalb des Gefängniskomplexes beizutreten. Das hatte ihm bei vielen das Manko der Arroganz eingetragen. Sie dachten, er hielte sich für etwas Besseres. Was sie nicht ahnten: Sie hatten recht.
In einem Punkt irrte sich Nogujama nämlich. Alan war kein ehemaliger Captain der Marines. Er war immer noch Marine. Das konnte ihm niemand nehmen, denn es war tief in seiner Seele verwurzelt. Durch harte Jahre des Dienstes und der Selbstaufopferung eingebrannt. Deshalb konnte man ihm seinen Rang auch nicht zurückgeben, denn niemand konnte ihm diesen nehmen. So etwas wie einen Ex-Marine gab es nicht. Einmal Marine, immer Marine. Das war es, was Menschen wie Nogujama nicht verstanden. Nicht verstehen konnten. Dass er damals seinen Vorgesetzten getötet hatte, war ebenfalls aus seiner ganz persönlichen Auffassung von Ehre geschehen. Nur verstanden das viele nicht. Und die meisten, die es verstanden, wollten es nicht eingestehen. Nicht mal vor sich selbst. Das Militärtribunal hatte ebenfalls anders darüber gedacht. Sollten sie doch alle zur Hölle fahren. Was kümmerte es ihn, wenn die Ruul sie alle umbrachten?
Aber es kümmerte ihn, wie er sich noch in derselben Sekunde eingesehen musste. Verdammtes Militär, verdammter Nogujama und verdammte Menschheit.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Craig sich unruhig auf seiner Pritsche bewegte. Dass Alan ihn ignorierte, reizte den Mann, machte ihn aggressiv. Er bezweifelte sehr, dass Craig seinem Unmut durch Handgreiflichkeiten Luft machen würde. Alan stand zwar in dem Ruf, arrogant zu sein, aber genauso stand er in dem Ruf, mit Angreifern ungnädig umzugehen. Das letzte Mal, als eine Gruppe Streithähne versucht hatte, ihn im Duschraum zu verprügeln, waren drei Mitgefangene anschließend im Lazarett aufgewacht. Einer von ihnen konnte jetzt nur noch Flüssignahrung zu sich nehmen.
Alan grinste. Das war ein schöner Tag gewesen. Endlich etwas Abwechslung in diesem eintönigen Laden. Nur leider hatte seitdem niemand mehr versucht, ihm etwas anzutun. Schade eigentlich. Etwas Training hätte er vertragen können. Man bekam hier sonst so selten Gelegenheit dazu.
Ach, zum Teufel!, dachte er und stand mit neuem Schwung auf. Irgendetwas zu tun war besser, als hier herumzuvegetieren. Wenigstens konnte er noch ein paar Ruul durch die Gegend scheuchen, bevor es zu Ende ging. Das war besser als nichts. Und mit Sicherheit war es besser, als in einer stinkigen Zelle die Jahre zu zählen und auf den Tod zu warten. Er hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür.
»Wachen! Ich will mit Nogujama reden! Sofort!«
Bereits fünf Stunden später stand er dem Admiral erneut gegenüber. Nur jetzt in Nogujamas Quartier an Bord der Waterloo. Alan trug noch immer die zweckmäßige Gefängniskleidung. Die Fesseln hatte man jedoch entfernt.
»Ich muss gestehen, ich bin überrascht«, eröffnete der Admiral das Gespräch. »Hätte nicht gedacht, dass Sie sich so schnell umentscheiden. Darf ich fragen, was der Grund ist?«
»Spielt das eine Rolle?«
»Eigentlich nicht.« Nogujama zuckte leichthin mit den Achseln. »Also schön, dann können wir ja …«
»… zu meinen Bedingungen kommen.«
»Wie bitte?«
»Meine Bedingungen. Dafür, dass ich an Ihrem kleinen Plan mitwirke.«
Nogujama konnte nicht anders und prustete lauthals los. »Sie sind wirklich ein Unikum, Alan. Ich biete Ihnen an, Ihr Leben zurückzugeben, und Sie stellen tatsächlich noch Bedingungen.«
»So, wie ich das sehe, brauchen Sie mich mehr als ich Sie. Falls Sie nicht interessiert sind, dann verfrachten Sie mich einfach zurück auf den Planeten. Das würde mich auch nicht stören.«
Nogujamas Lachanfall legte sich langsam wieder und er begutachtete den Mann vor ihm mit einem langen, intensiven Blick. »Das Schlimme ist, ich bin überzeugt, Sie meinen das wirklich ernst.«
»Oh, da können Sie Ihren knochigen Arsch darauf verwetten.«
Der Admiral ignorierte die Wortwahl und forderte ihn mit einem Wink auf weiterzureden.
»Erstens. Ich will, dass meine Bezüge für die letzten vier Jahre ausgezahlt und auf ein Konto auf der Erde überwiesen werden. Sollte ich diese Mission nicht überleben, soll das Geld meiner Familie ausgezahlt werden. Ebenso die übliche Hinterbliebenenpension. Alles soll sein, als wäre meine Haftstrafe nie geschehen.
Zweitens. Ich werde nachträglich um eine Rangstufe befördert. Das wäre der Rang, den ich jetzt normalerweise innehätte, wäre ich nicht verurteilt worden. Die entsprechenden Bezüge werden natürlich angeglichen und ebenfalls meinem Konto gutgeschrieben.«
»Ist das alles?«
»Noch nicht ganz. Drittens. Ich will mir das Angriffsteam selbst auswählen.«
Nogujama dachte ausgiebig über seine Worte nach, bevor er darauf einging. »Ganz schön frech, solche Forderungen zu stellen.« Als Antwort erhielt er nur ein überhebliches Grinsen. »Aber ich denke, zumindest die ersten beiden Punkte stellen kein Problem dar. Der dritte allerdings schon. Ich hatte eigentlich bereits ein Team ausgewählt.«
Alan schüttelte entschlossen den Kopf. »Entweder alle Punkte oder der Deal ist gestorben. Sie können entscheiden, was Sie wollen, aber von den Forderungen werde ich keinen Millimeter abweichen.«
»Hatte ich auch nicht erwartet. Einen Vorschlag zur Güte. Wir kombinieren das Team. Die Leute, die sie auswählen, und die Leute, die ich bereits ausgesucht habe. Einverstanden?«
»Das könnte aber ein ernstes Problem geben«, hielt Alan dagegen. »Beide Gruppen kennen sich nicht und haben noch nie zusammengearbeitet.«
»Trotzdem lasse ich Sie auf keinen Fall ohne meine Leute losmarschieren. Ende der Diskussion.«
Alan kannte Nogujama gut genug, um zu wissen, dass dieser in dem Punkt unnachgiebig sein würde. Er hatte bereits mehr erreicht, als er zu hoffen gewagt hatte. Es auf die Spitze zu treiben, wäre eine geradezu sträfliche Dummheit gewesen.
»Einverstanden«, gab er nach. Der ehemalige Gefangene kramte lautstark in seiner Tasche und förderte schließlich ein zusammengeknülltes Stück Papier zutage, das er vor Nogujama auf den Schreibtisch warf.
Der Admiral faltete es auseinander und fragte währenddessen: »Und was ist das?«
»Mein Team«, stellte Alan unumwunden fest. »Auf dem Zettel stehen fünf Namen von Leuten, die ich ausgewählt habe.«
»Hoffentlich sind sie nicht zu weit verstreut. Wir haben keine Zeit, sie aus allen Himmelsrichtungen zusammenzusuchen.«
Alan setzte erneut sein überhebliches Grinsen auf. »Oh, das ist das Beste daran. Das müssen wir gar nicht. Sie sind allesamt auf dem Planeten unter uns.«
Kapitel 4
Es war erstaunlich, wie weit die Vorbereitungen im Fortress-System schon waren. Das abgestellte Pioniercorps hatte den aufgegebenen Stützpunkt in Beschlag genommen, Bunker für die Stationierung von Raumabwehrwaffen und Flaks gegraben, unterirdische Bunker für Nachschublager angelegt, diese durch Tunnel miteinander verbunden und Standorte für mehrere provisorische Flugfelder mit Planierraupen eingeebnet. Im Moment waren sie damit beschäftigt, ein Netz miteinander verbundener Schützengräben um den eigentlichen Hauptstützpunkt anzulegen. Nur für den Fall, dass es die Ruul bis zur Oberfläche schafften. Woran eigentlich niemand zweifelte. Die Frage war nicht ob, sondern wann die Ruul landeten.
Als Alan das Shuttle verließ, schüttelte er verwundert den Kopf.
Hätte es nie für möglich gehalten, dass ich Lost Hope vermissen könnte. Gott, ist diese Landschaft vielleicht deprimierend.
Ähnlich wie das Lost-Hope-System hatte auch das Fortress-System nur noch einen einzigen Planeten. Wobei man in diesem Fall nur sehr großzügig von einem Planeten sprechen konnte. Wo die Gefängniswelt eine Schneekugel im All war, war Fortress nur ein trostloser Felsbrocken. Wohin man auch sah, es gab nur Felsen und Steine, die sich abwechselten mit … oh Wunder … Steinen und Felsen.
Die Bunker, Tunnel und Schützengräben hatte man mit Hochleistungsbergbaulasern in den nackten Felsen brennen müssen. Dieser Umstand machte die Leistung der Pioniere in der relativ kurzen Zeit nur um so beeindruckender. Die Lufthülle des Planeten war so dünn, dass man außerhalb von Gebäuden eine leichte Atemmaske über Mund und Nase tragen musste, deren Vorrat für etwa drei Stunden ausreichte. Durch den dichten Eisenkern des relativ kleinen Planeten betrug die Schwerkraft zum Glück Erdnorm, sodass sich die Arbeiter und Truppen nicht umstellen mussten. Allerdings wäre eine geringere Schwerkraft auch nicht schlecht gewesen. Er hätte nichts dagegen gehabt, hier ein paar Kilos weniger zu wiegen.
»Geh aus dem Weg, Primadonna.«
Eine unsanfte Hand drückte ihn grob zur Seite und ein schlecht gelaunter, mürrisch dreinblickender Craig Hasker schob sich an ihm vorbei. Die Narbe, die sich von Craigs Stirn bis hinunter auf seine linke Gesichtshälfte erstreckte und das Lid seines linken Auges herunterzog, wirkte bei Tageslicht sogar noch bösartiger. Alan hatte gute Lust, ihm etwas Manieren beizubringen, verkniff es sich aber. Sie mussten noch zusammenarbeiten und da hatte es keinen Sinn, wegen einer Nichtigkeit einen Streit mit seinem ehemaligen Zellengenossen vom Zaun zu brechen.
Warum er ausgerechnet ihn ausgewählt hatte, war ihm immer noch nicht so ganz klar. Vielleicht lag es daran, dass der wegen Mordes verurteilte Craig Hasker einer der besten Sprengstoffexperten war, den das Militär derzeit hatte oder jemals haben würde. Die Insassen der Militärgefängnisse mitgerechnet. Auch wenn seine Art dem ehemaligen Sergeant Major nicht gerade viel Freunde bescherte.
Nach und nach kam jetzt der Rest von Alans Team aus dem Shuttle. Unter den wachsamen Augen von einigen MAD-Soldaten, deren Hände sich nie weit von ihren Waffen entfernten. Na ja, wenn es ihnen Spaß machte. Er hatte die Männer und Frauen seines Teams genauso geködert wie Nogujama ihn. Mit dem Versprechen der Freiheit.
Die braunhaarige, etwas pummelige Erin Seekton torkelte mitgenommen aus dem Shuttle. Ehemals Major bei der Flotte. Lange Flüge waren dennoch nicht so sehr ihr Ding. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht selbst am Steuerknüppel saß. Sie war eine ausgezeichnete Pilotin. Eigentlich kein Wunder, dass sie wegen Fahnenflucht verurteilt worden war. Hatte sie doch versucht, sich mit einem Zerberus-Jäger abzusetzen, um ein Leben fernab des Militärs zu führen. Weit war sie jedenfalls nicht gekommen, aber der Versuch zeugte doch von einer Kühnheit, die man einfach bewundern musste. Dass sie zusätzlich noch wegen Befehlsverweigerung und Angriffs auf einen vorgesetzten Offizier schuldig gesprochen worden war, war eher unter ferner liefen abzulegen.
Hinter ihr schob sich Eleanore Bimontaigne ins schwächer werdende Licht der Fortress-Sonne. Sie sah auf den ersten Blick unscheinbar und hilflos aus. Dürr und kreidebleich, wie sie immer war. Doch die ehemalige MAD-Offizierin hatte auf dem Flottenstützpunkt New Born ein ausgeklügeltes Netzwerk aufgebaut, das praktisch den gesamten Drogenhandel des Systems kontrolliert hatte. Bis sie zu gierig geworden war.
Zusätzlich zu ihrem florierenden Drogengeschäft hatte sie versucht, einen Prostitutionsring aufzubauen, indem sie drogensüchtige Offizierskollegen beiderlei Geschlechts, die bei ihr Kunden waren, mit eben diesem Wissen um ihre Drogenprobleme zur Mitarbeit erpresste. An diesem Punkt war man ihr schließlich auf die Schliche gekommen, noch bevor ihr neuer Geschäftszweig richtig etabliert war. Das war es dann auch mit ihrer kriminellen Karriere. Der MAD hatte sie kurzerhand verhaftet und sie war im Schnellverfahren abgeurteilt worden. Es gab Gerüchte, sie sei so schnell verurteilt und nach Lost Hope geschickt worden, weil einige hochrangige Generäle und Admiräle zu den Kunden ihres neu aufgebauten Prostitutionsrings zählten und diese sie schnellst möglich aus dem Weg haben wollten. Wenn man bedachte, dass sie im Knast nicht weniger als fünf Anschläge auf ihr Leben und drei angezettelte Messerstechereien überlebt hatte, konnte man durchaus zu der Meinung gelangen, dass etwas dran sein musste.
Das war aber noch längst nicht das einzige Gerücht, das die Frau betraf, die früher einmal Captain gewesen war. Man munkelte heute noch, sie habe die Dienste ihrer eigenen Prostituierten und Callboys selbst in Anspruch genommen. Die Frau galt als zügellos.
Und als unverbesserlich obendrein. Die Behörden auf Lost Hope hatten in den acht Jahren ihrer Gefangenschaft nicht weniger als neun Versuche zerschlagen müssen, ein kriminelles Netzwerk aufzubauen.
Fachlich gesehen war sie eine 1-A-Infiltrationsexpertin mit dem Spezialgebiet ruulanische Schiffe. Sie würde sich auf der bevorstehenden Mission als sehr nützlich erweisen. Sofern sie sie nicht alle umbrachte, nur weil ihr gerade danach war.
Der Nächste im Bunde war Jakob Olafsson. Ehemals TKA. Ehemals Lieutenant. Und immer noch ein Gauner und Schlitzohr. Groß, blond, schlank und sehr von sich eingenommen. Er war sozusagen die Kuriosität unter den ehemaligen Häftlingen, da er der Einzige war, der eigentlich gar nicht nach Lost Hope gehört hätte. Der Mann war so etwas wie ein Beschaffungsspezialist. Jakob konnte einfach alles besorgen, und das zu jeder beliebigen Zeit. Er nannte das kreative Materialwirtschaft. Der vorsitzende Richter hatte es Diebstahl und Hehlerei genannt.
Eigentlich Haarspalterei und Jakob hätte vermutlich keine allzu harte Strafe zu erwarten gehabt. Hätte ihm nicht ein Missgeschick ein Bein gestellt. Kurz vor seiner Verhaftung hatte er nämlich eine kleine Spritztour mit dem Hover-Car seines Generals unternommen. Und der Tochter des Generals auf dem Rücksitz.
Alan fragte sich, was den General wohl mehr gestört hatte. Die Sache mit dem Wagen oder seiner Tochter. Wie dem auch sei, war Jakob sein Glück bei den Frauen in die Quere gekommen und der General hatte einige Kontakte spielen lassen. So war Jakob schließlich in der Lost-Hope-Strafkolonie gelandet. Pech für ihn. Gut für die vor ihnen liegende Aufgabe.
Der Letzte aus Foulders Auswahl war Michael Yates. Der hatte früher vielleicht eine gute Figur gehabt, aber inzwischen war der Mann nur noch fett. Ein echtes Kunststück, wenn man den Gefängnisfraß bedachte. Leider war der ehemalige TKA-Captain der beste Codeknacker, den man finden konnte. Und ebenso wie Craig und er selbst ein verurteilter Mörder.
Das war also sein Team.
Na wenn das mal gut geht, dachte er kopfschüttelnd, als er seinen Leuten hinterherging. Immer darauf bedacht, dass sie keinen Ärger machten.
Er zupfte die Sauerstoffmaske auf seinem Gesicht zurecht, während er auf dem Weg zum Hauptgebäude müßig dahinstapfte. Ein Schatten, der geschmeidig über ihn hinwegzog und für eine Sekunde den Himmel verdunkelte, lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Er beschattete seine Augen mit der rechten Hand und verfolgte die Flugbahn des Objekts. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Es war kein Zerberus- und auch kein Arrow-Jäger. Es war viel größer und beide Jägertypen hätte er allein an ihrer jeweiligen, charakteristischen Form sofort erkannt. Dieses Flugzeug war anders. Seine Spannweite musste an der breitesten Stelle bestimmt fünfundzwanzig Meter betragen. Wenn nicht sogar mehr. Es hatte sehr breite Tragflächen, aber nur ein einzelnes leistungsfähiges Triebwerk am Heck. Das Cockpit saß fast an der Bugspitze des Jägers. Dadurch hatte es nur eine sehr kurze Schnauze von vielleicht einem halben Meter. Alan vermutete aufgrund der Größe der Cockpitkanzel, dass es zwei Mann Besatzung hatte. Unter den Tragflächen hingen an mehreren Aufhängungen verschiedene Arten von Raketen. Außerdem waren in den Tragflächen Zwillingslaser eingelassen und unter der Schnauze hing etwas, das entfernt einem Maschinengewehr ähnelte, aber unmöglich eins sein konnte.
»Beeindruckend, nicht wahr?!«
Alan fuhr überrascht herum. Dass sich jemand genähert hatte, hatte er gar nicht bemerkt. Das seltsame Flugzeug hatte ihn ganz in seinen Bann geschlagen.
Hinter ihm stand eine schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren, die im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Sie war Ende zwanzig oder Anfang dreißig und trug die mattschwarze Uniform des MAD mit den Rangabzeichen eines Majors am Kragen.
»Allerdings«, stimmte er ihr zu. Er drehte sich wieder zu dem Jäger um, der gerade erstaunlich geschmeidig auf einem nahen Flugfeld aufsetzte. Genau zwischen zwei anderen Flugzeugen desselben Typs. »Was ist das? Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen.«
»Das ist unsere neueste Errungenschaft. Diese Babys heißen Spectre.«
Spectre, überlegte er. Schreckgespenst. Ein passender Name.
»In dem Ding stecken drei Jahre harte Entwicklungsarbeit. Es handelt sich um einen schweren, bodengestützten Angriffsjäger oder vielmehr einen Kampfbomber. Nicht so schnell wie Zerberusse und nicht so wendig wie Arrows, aber wesentlich schwerer bewaffnet und gepanzert als beide zusammen. Die Spectre können mächtig austeilen. Vor allem, wenn sie im Verband operieren.«
»Und sie sind verdammt groß.«
»Das ist einer der Gründe, weshalb man sie nicht auf Trägern oder Schlachtträgern einsetzen kann. Sie würden einfach zu viel Platz wegnehmen. Ein weiterer Grund ist der enorme Treibstoff- und Munitionsbedarf. Allerdings sind sie für Stützpunkte wie die Fortress-Basis perfekt geeignet.«
»Munitionsbedarf?«
»Ist Ihnen die Kanone unter dem Cockpit aufgefallen?«
Alan nickte. »Ich hielt es anfangs für ein Maschinengewehr. Aber das kann unmöglich sein. In einem Raumjäger wären Maschinengewehre in etwa so sinnvoll wie ein Schminkspiegel.«
Die Frau setzte sich wieder in Bewegung und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Gemeinsam setzten sie den Weg Richtung Hauptgebäude fort. »Sie lagen fast richtig. Es ist kein Maschinengewehr, sondern eine Maschinenkanone. Eine Projektilwaffe. Unsere Antwort auf die mit Schilden ausgerüsteten Schiffe der Ruul. Schutzschilde sind dafür da, Energiewaffen oder übergroße Projektile wie Torpedos beziehungsweise Raketen abzulenken oder deren Auswirkungen zu schwächen. Eine großkalibrige Maschinenkanone hingegen …«
»… geht möglicherweise direkt durch die Schilde und hämmert sofort auf die Panzerung ein«, beendete er den Satz für sie.
»Das ist unser gedanklicher Ansatz«, stimmte sie ihm zu. »Die Ruul haben mit Projektilwaffen, vor allem im Raumkampf, keine Erfahrung. Wir hoffen, dass diese Taktik eine Überraschung für sie darstellen wird.«
»Wir können auch jeden Vorteil gut gebrauchen.«
»Da hören Sie von mir keinen Widerspruch.«
»Wie viele von diesen Spectre haben Sie hier?«
»Dreihundert. Und die anderen Stützpunkte bei Starlight und Serena wurden ebenfalls mit ihnen ausgerüstet. Ich hoffe nur, es reicht, um die Ruul aufzuhalten.«
Das Hauptgebäude wurde langsam vor ihnen größer und Alan nutzte die kurze Pause in ihrem Gespräch, um seine Begleiterin näher in Augenschein zu nehmen. Sie sah unglaublich gut aus und war darüber hinaus auch noch genau sein Typ. Ihm wurde schmerzhaft bewusst, dass er schon seit Ewigkeiten nicht mehr dem Single-Markt zur Verfügung gestanden hatte. Schon so um die vier Jahre etwa. Selbst wenn die Frau nicht derart gut ausgesehen hätte. In seiner derzeitigen Verfassung hätte er vermutlich sogar einen Toaster besprungen.
»Sind Sie fertig?«
Seine Gedanken kehrten mit einem plötzlichen Ruck viel zu abrupt ins Hier und Jetzt zurück. »Wie bitte?«
»Ob Sie fertig sind? Mich zu begaffen?«
Er dachte kurz über ihre Worte nach und gestand sich ein, dass er sie wohl tatsächlich angestarrt hatte. Aber um Himmels willen. Vier Jahre im Gefängnis. Das musste doch jeder einsehen, oder?!
»Entschuldigen Sie«, gestand er ein wenig kleinlaut. »Ich dachte nur gerade …«
»Ich weiß genau, was Sie gerade dachten.« Ihre Stimme hatte einen kühlen Unterton angenommen. Nicht feindselig. Nur … nicht interessiert.
Trotzdem entschloss er sich, noch einen Vorstoß zu wagen. Marines gaben schließlich nicht so schnell klein bei.
»Vielleicht kann ich mein Verhalten wiedergutmachen? Mit einem gemeinsamen Mittagessen in der Offiziersmesse. Sobald meine erste Einweisung beendet ist. Was halten Sie davon?«
Sie blieb stehen und drehte sich ihm frontal zu. Musterte ihn von oben bis unten.
»Das hätte ich wohl erwarten müssen bei jemandem, der im Gefängnis gesessen hat«, sagte sie leichthin.
Na ist doch meine Rede, schmunzelte er in sich hinein. Bis ihm auffiel, was an dieser Aussage nicht stimmte. Da verging ihm das Lachen.
»Woher wissen Sie, dass ich gesessen habe? Ich habe nichts in dieser Richtung erwähnt und ich bin mir ziemlich sicher, wir sind uns noch nie begegnet.«
»Sind wir auch nicht, aber ich habe Ihre Akte gelesen.«
»Sie haben meine …« Es geschah ja wirklich nicht oft, doch er war nah dran, dass es ihm die Sprache verschlug. »Darf ich vielleicht auch den Grund Ihres gesteigerten Interesses an meiner Person erfahren?«
»Vielleicht sollte ich mich zunächst vorstellen.« Sie hielt ihm die Hand hin. »Major Rachel Kepshaw. Admiral Nogujama dürfte es Ihnen gegenüber eigentlich bereits erwähnt haben. Ich befehlige den zweiten Teil des Einsatzteams.«
Der Besprechungsraum roch muffig. Das lag zum einen an der abgestandenen und immer wieder aufbereiteten Luft des völlig überlasteten Lebenserhaltungssystems und zum anderen an den mehr als hundert Offizieren, die gespannt auf den Beginn der Einweisung warteten. Die meisten Anwesenden waren untereinander in unterdrückte, meist hitzige Diskussionen vertieft, die den ganzen Raum als Hintergrundwispern durchdrangen.
Alan saß in der ersten Reihe und war sich unangenehm der Nähe dieser Rachel Kepshaw bewusst. Die Eröffnung, sie würde ebenfalls am Einsatz teilnehmen, hatte ihn gelinde gesagt ein wenig aus dem Konzept gebracht. Dass eine Frau dabei war, störte ihn nicht. Immerhin hatte er selbst zwei ausgewählt. Aber musste sie so verdammt gut aussehen? Eines musste man sagen: Nogujama hatte Sinn für Humor.
Die Tür ging auf und schlagartig verstummten alle Geräusche, als vier Admiräle und ein General der Marines den Raum betraten. Die Männer und Frauen sprangen wie auf Kommando auf und nahmen Haltung an. Bis auf vier Männer und zwei Frauen in der ersten Reihe, die eher lässig auf ihren Stühlen saßen.
Kepshaw warf ihm von der Seite einen missbilligenden Blick zu und zog ihre Stirn in Falten. Verdammt. Selbst wenn sie sauer war, sah sie sexy aus. Eigentlich sogar noch mehr als zuvor.
Der führende Admiral, ein grauhaariger Kauz, trat an das Rednerpult, während die anderen vier Offiziere hinter ihm Aufstellung nahmen. Er würdigte die Respektlosigkeit, mit der die ehemaligen Häftlinge aufwarteten, mit keinem Blick.
»Sie dürfen sich setzen«, verkündete er mit tiefer Stimme. Er wartete, bis sich das allgemeine Stühlerücken gelegt hatte, bevor er fortfuhr.
»Für alle unter Ihnen, die mich noch nicht kennen: Mein Name ist Vizeadmiral Dennis Hoffer.« Er deutete der Reihe nach auf die Offiziere, die mit ihm den Raum betreten hatten. »Das ist Vizeadmiral Johannes Malkner, General Markus Berg von den Marines, Konteradmiral Laurence Kehler und Konteradmiral Okuchi Nogujama vom MAD dürften eigentlich hinreichend bekannt sein.«
Er räusperte sich, aber Alan gewann den Eindruck, er mache dies nur, um Zeit zu gewinnen und den Blick über die versammelte Runde schweifen zu lassen. In diesem Moment erkannte er, dass, egal was Hoffer zu sagen hatte, es vermutlich niemandem im Raum oder auf dem ganzen Planeten gefallen würde. Während er sprach, bauten zwei Lieutenants im Hintergrund ein Stativ auf und befestigten daran eine alte Sternenkarte.
Der Hauptkomplex des Stützpunkts befand sich noch im Bau und verfügte noch nicht über die modernen Hologrammprojektoren, die andere Basen oder moderne Raumschiffe ihr Eigen nannten. Die Karte war sehr rudimentär, dürfte aber ihren Zweck erfüllen.
»Die Lage ist verzweifelt«, eröffnete Hoffer die Besprechung ohne lange Umschweife. Unterdrücktes Keuchen ging durch den Saal. Alan fragte sich, warum alle so überrascht waren. Dass sie mit dem Rücken zur Wand standen, sollte eigentlich kein Geheimnis mehr sein.
»Die Evakuierung der Kolonien zwischen der Fortress-Linie und den vorderen Angriffsspitzen der Ruul verlaufen planmäßig und es werden alle Transportkapazitäten eingesetzt, die man aufbringen kann. Die Fluchtschiffe werden zum Glück von feindlichen Schiffen nur sporadisch behelligt. Doch die Ruul rücken schneller vor als erwartet und ihre Erfolge stellen unsere schlimmsten Befürchtungen weit in den Schatten.«
Hoffer drehte sich um und wechselte einen schnellen Blick mit Kehler und Malkner, bevor er fortfuhr. »Wir haben soeben die Nachricht vom Fall der Mekong-Kolonie erhalten. Das heißt, die Ruul sind inzwischen weniger als hundert Lichtjahre von Fortress entfernt. Unsere Zeit läuft ab.« Sein scharfer Blick wanderte in die Ecke des Raumes, in dem die Offiziere der Pioniere saßen. »Für Sie bedeutet das, es muss noch schneller vorangehen, den Stützpunkt gefechtsbereit zu machen.«
Alan konnte die gedämpfte Antwort, die zurückkam, nicht verstehen, aber Hoffer nickte zufrieden. Er deutete auf die Karte hinter sich.
»Wir haben einen Plan ausgearbeitet, der uns die größtmöglichen Erfolgsaussichten bieten könnte. Aber ich muss gleich vorneweg sagen, es ist kein perfekter Plan. Er hat seine Schwächen, aber in unserer derzeitigen Lage dürfen wir nicht wählerisch sein. Das Glück gehört schließlich immer noch den Tapferen.«
Er nahm einen Zeigestock vom Pult und wandte sich nun ganz der Karte zu. Seine Zuhörer beugten sich interessiert vor, um auch ja nichts zu verpassen. Alan ertappte sich dabei, wie er ihrem Beispiel folgte. Und selbst seine abgebrühten ehemaligen Mitgefangenen waren dagegen nicht gefeit.
»Wir unterscheiden drei Angriffsspitzen, mit denen die Ruul in den menschlichen Raum eingedrungen sind. Jede der Spitzen scheint von den anderen beiden vollkommen autonom zu operieren, verfügt über starke Raum- und Bodenstreitkräfte, eigene Reparatureinrichtungen und sogar über so etwas wie ein eigenes Oberkommando. Ihre Taktik ist dabei relativ einfach. Erreicht eine der Spitzen ein System, dringen starke Kampfverbände ein und kämpfen den örtlichen Widerstand im Raum nieder, bevor die Hauptflotte in das System springt. Anschließend landen Truppen, die die Verteidiger am Boden überwältigen. Je nachdem, wie stark die Verteidiger im Weltraum sind und mit welcher Stärke die Ruul angreifen, kann ein Bodenangriff auch schon während der Raumschlacht beginnen.
So haben sie es gemacht, als Ursus angegriffen wurde. Kolonien, die mit der Stoßrichtung der drei Flotten nicht direkt in Konflikt geraten, werden von den Ausläufern der ruulanischen Angriffsspitzen sozusagen im Vorbeiflug erobert. Und so erschreckend das alles auch ist, die Taktik funktioniert.«
Der Zeigestock fuhr etwas in den Norden der Karte hinauf. Zu einer Kolonie, die Alan sehr gut kannte. »Das bringt mich auch schon zu unserem eigentlichen Problem und dem Grund, aus dem wir uns hier eingefunden haben.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.