Kitabı oku: «Der phantastische Rebell - Alexander Moritz Frey»
Stefan Ernsting
Der phantastische Rebell
Alexander Moritz Frey
oder
Mit Hitler an der Font
FUEGO
– Über dieses Buch –
Alexander Moritz Frey ist einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur. Sein Antikriegs-Roman »Die Pflasterkästen« (1929) wurde in einem Atemzug mit »Im Westen nichts Neues« genannt und sein Roman »Solneman der Unsichtbare« (1914) gilt als einer der großen Klassiker der phantastischen Literatur. Seinen Namen sucht man in den einschlägigen Nachschlagwerken trotzdem meist vergeblich. Dabei findet sich eine Episode in seinem Leben, die ihn für Historiker und Literaturwissenschaftlerinnen eigentlich ganz besonders interessant macht.
Alexander Moritz Frey lag von 1915 bis 1918 als Sanitäter zusammen mit dem Meldegänger Adolf Hitler an der Westfront des Ersten Weltkriegs im Schützengraben. In seinen persönlichen Aufzeichnungen und fiktionalen Ausflügen zeichnet Frey fast nebenbei ein präzises Bild des Gefreiten Hitler, dessen Fronterlebnisse bisher kaum durch Material aus erster Hand belegt waren.
1933 konnte Frey den Schlägertruppen seines ehemaligen Kameraden Hitler um Haaresbreite entkommen. Seine Bücher hatte man verbrannt und wie auch seine berühmten Freunden Thomas Mann, Heinrich Mann, Franz Marc, Max Reinhardt, Hans Arp, Stefan Zweig oder Hermann Hesse war er fortan auf der Flucht vor den Nazis.
»Der phantastische Rebell« erzählt die exemplarische Geschichte eines mutigen Mann, dessen Werk bis heute auf eine längst fällige Neuentdeckung wartet und der mit seiner Biografie exemplarisch für die Massen von längst vergessenen Intellektuellen, Künstlern und Autoren steht, die vor den Nazis fliehen mussten.
– PRESSESTIMMEN –
»Eine aufschlussreiche Biographie, die nicht nur einen bedeutenden Schriftsteller ehrt, sondern auch über den Einfluss der Phantastik auf die Gesellschaft zur Zeit der Weimarer Republik Aufschluss gibt. Nicht zuletzt ist dies auch eine erhellende Lektüre über Hitlers Weg zur Macht.«
(ZDF-Aspekte, Mainz, 2006)
»Wie schön, dass an dieses Leben noch einmal erinnert wird, an dieses Leben und Schreiben, an diesen erstaunlichen Mann.«
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Frankfurt, 2007)
»Stefan Ernstings biographische und zeitgeschichtliche Annäherung an den Phantastischen Rebellen ist gespickt mit aufschlussreichen Dokumenten, sie ist materialreich und weckt Neugierde auf Freys schwer zugängliches Werk.«
(Literaturen Nr. 2/2007)
»Stefan Ernsting glänzt als akribischer Sammler und Archiv-Stöberer.«
(Tages-Anzeiger, 2007)
Für meine Mutter

Alexander Moritz Frey – der phantastische Rebell
»Die Vision hat ihren Ursprung im Protest, sie weiß besser als die Zeitung ›wie es wirklich war‹ – besser im Sinne einer stärkeren Logik, eines bunteren Geschehens, einer drohenden Wahrhaftigkeit.«
(Alexander Moritz Frey, 1929)
Einführung - Der phantastische Rebell
Alexander Moritz Frey ist einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur. Sein Antikriegs-Roman »Die Pflasterkästen« (1929) wurde von der Presse der Weimarer Republik in einem Atemzug mit »Im Westen nichts Neues« genannt und sein Roman »Solneman der Unsichtbare« (1914) gilt als einer der großen Klassiker der frühen Phantastik. Frey verfasste eine große Zahl von Romanen, Novellen, Erzählungen, Gedichten und unzählige Rezensionen für diverse Tageszeitungen. Seine visionären Satiren und seine schonungslose Abrechnung mit dem »Maschinenkrieg« machten ihn nicht nur in München zu einem viel beachteten Mann. Alexander Moritz Frey war ein guter Freund von Thomas Mann, Heinrich Mann, Franz Marc, Max Reinhardt und Hans Arp. Er hatte engen Kontakt zu Stefan Zweig, Hermann Hesse und anderen Prominenten im Exil, aber seinen Namen sucht man in den einschlägigen Nachschlagwerken trotzdem meist vergeblich oder findet ihn höchstens aufgelistet als einen von vielen Exil-Autoren, die man bis heute noch nicht wieder in die Literaturgeschichte »re-integrieren« konnte. Es gibt kaum Fotos von Frey, seine Bücher sind fast unmöglich zu bekommen und heute ist ein Einblick in sein Schaffen nur noch in Literaturarchiven möglich. Dabei findet sich eine Episode in seinem Leben, die ihn für Historiker und Literaturwissenschaftlerinnen ganz besonders interessant macht.
Alexander Moritz Frey lag von 1915 bis 1918 als Sanitäter zusammen mit dem Meldegänger Adolf Hitler an der Westfront des Ersten Weltkriegs im Schützengraben. In seinen persönlichen Aufzeichnungen und fiktionalen Ausflügen liefert Frey eine nüchterne Beschreibung Hitlers, der damals bereits durch psychotisches Verhalten und opportunistische Hetzereien aufgefallen war. In verschiedenen Dokumenten zeichnet Frey ein präzises Bild des Gefreiten Hitler, dessen Fronterlebnisse bisher kaum durch Material aus erster Hand belegt waren. Frey hatte den späteren Führer mehrfach zu verarzten oder wegen Magenbeschwerden zu behandeln. Er kannte Hitler aus nächster Nähe und begegnete ihm auch nach 1919 immer wieder in München. Alexander Moritz Frey wäre ein Zeitzeuge von unschätzbarem Wert gewesen, geriet nach 1945 aber völlig in Vergessenheit.
Und noch ein anderer Mann, der Hitler ebenso lange kannte wie Frey, wurde von der Forschung bisher wenig beachtet: Feldwebel Max Amann, gemeinsamer Vorgesetzter des Sanitäters Frey und des Meldegängers Hitler. Die Bekanntschaft mit Hitler und Amann erwies sich nach dem Krieg als verhängnisvoll. Amann wurde später Geschäftsführer des »Völkischen Beobachters«, Verleger von »Mein Kampf« und Präsident der Reichspressekammer. Amann hatte Frey bereits 1920 damit gedroht, den ehemaligen Kameraden als Gegner zu verfolgen, wenn er sich gegen Hitler stellen würde.
Frey, der mit Thomas Mann zu den Gründern der Münchener Gruppe des »Schutzverbandes deutscher Schriftsteller« gehörte, kannte den »Führer« besser und länger als irgendein anderer Autor in Deutschland. Er konnte sein Wissen allerdings nie gegen Hitler verwenden. Zehn Tage nach Hitlers Sieg bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 schickten die Nazis ihm einen Schlägertrupp der SA nach Hause. Frey wurde rechtzeitig gewarnt und ihm gelang im letzten Moment die Flucht nach Salzburg.
Alexander Moritz Frey war ein Meister der sozial-politischen Satire, die er vorzugsweise in phantastischem Gewand verpackte. In seinem Meisterwerk »Hölle und Himmel« setzte er sich 1945 auch auf fiktionalem Wege mit Hitler auseinander und analysierte die Motive der Nazis mit den Mitteln der Phantastik.
Die deutsche Phantastik, ein Vorläufer der Science Fiction, hatte großen Einfluss auf das gesellschaftliche Klima der Irrationalität, das sich später im Glauben an einen unfehlbaren und allgegenwärtigen Führer manifestierte. Der rasante Fortschritt der Technik hatte Anfang des 20. Jahrhunderts für immer neue Wellen revanchistischer Literatur mit utopischem Fundament gesorgt, die den irrationalen Machtphantasien der Nazis munter Vorschub leisteten.
Frey schrieb aber keinen jener hetzerischen Zukunftsromane, die in der Weimarer Republik den kulturellen Umschwung zum Irrationalen repräsentierten. Er benutzte die Phantastik lediglich als Vehikel für Satiren und Grotesken, die die deutsche Geschichte mit Spott und Hohn überschütteten. Vom Kaiserreich über die Kriegstreiberei von 1914, die Münchener Räterepublik, den Hitler-Putsch und die Inflation bis zum Aufstieg seines ehemaligen Kriegskameraden: Alexander Moritz Frey hat die Entwicklung begleitet und in seinen Werken kommentiert.
Während der Weimarer Republik viel beachtet, wurde er nach der Flucht aus Deutschland zum Schriftsteller »unter Ausschluss der Öffentlichkeit«. Er wurde nicht mehr gedruckt und lernte, »auf die meisten Mahlzeiten zu verzichten«. Nach dem Krieg hatte man ihn längst vergessen. Längst galt er »den Deutschen mit ihrem Reinwaschungsgefasel« als ein Nestbeschmutzer, den man besser ignorierte.
Frey hat sich nie versteckt oder geschwiegen. Auch im hohen Alter wetterte Alexander Moritz Frey öffentlich gegen jene 88 Schriftsteller, die Adolf Hitler bereits 1933 die Treue geschworen hatten und nach dem Krieg trotzdem problemlos wieder in den Literaturbetrieb integriert werden konnten. 1957 starb er völlig verarmt im Schweizer Exil. Sein Gesamtwerk wartet noch immer auf eine Wiederentdeckung, die schon viel zu lange verpasst wurde.
Stefan Ernsting,
Berlin-Kreuzberg, Juli 2014

Alexander Moritz Frey, ca. 1944 (Foto: Österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus Wien)
I. Der Geist der Utopien
»Es werden sich nicht mehr allzu viele daran erinnern, denn es ist dreißig Jahre her: dass in den Münchener Schriftstellerkreisen, auch im damaligen Schutzverband, ein kleiner, zierlicher Herr sein stilles Wesen trieb. Er saß meistens am Rande und sprach nicht viel, ließ aber das auffallend klare, große Auge in dem kühlen, klugen Widdergesicht um so aufmerksamer schweifen. Die peinlich korrekt gekleidete Gestalt, das zurückgebügelte, damals sandblonde Haar deuteten auf einen Chirurgen, einen Juristen, gewiss nicht auf den Verfasser phantastisch-skurriler Erzählungen voll von Mystifikationen.« (Süddeutsche Zeitung, 28. Januar 1957)
August Alexander Moritz Frey wurde am 29. März 1881 in München geboren. Er besuchte eine evangelische Grundschule und durchlebte eine einsame Jugend. Die Eltern hatten sich erst spät zur Ehe entschlossen und waren bei seiner Geburt bereits verhältnismäßig alt. Frey wuchs als Einzelkind auf und begann schon früh zu rebellieren. Der Vater, Wilhelm Frey (1826-1911), war ein Schweizer Maler, der im Verlauf seines Lebens als Opernsänger reüssierte und in Mannheim lange Jahre den Tannhäuser sang. Von 1845 bis 1852 hatte er das Konservatorium in München besucht. Zwischen 1855 und 1870 wurde er quer durch Deutschland regelmäßig als Tenor gebucht bevor er sich wieder der Malerei widmete. In der Erzählung »Letzter Gang« beschrieb Frey später einen Maler, der alle Wesenszüge seines Vaters aufwies: »Er wunderte sich nicht über Einsamkeit, obwohl er eine Frau und einen Sohn besaß. Einen Sohn, der mit Anstand verbummelt war und kümmerlich lebte in irgendeiner großen Stadt - so weit weg, daß der Vater nur selten an ihn dachte - wie an etwas ganz Fernes, einst wohl Wichtiges, nun aber durch widrige Launen des Lebens belanglos Gewordenes.« (in »Mörder ohne die Tat«, S. 55 f.)
Wilhelm Frey war in erster Ehe mit einer Schauspielerin verheiratet, der Schwester des Malers Hoguet, die 1878 verstorben war. Ein Jahr nach ihrem Tod heiratete er Sophie Block, die Wilhelm Block bereits seit zwanzig Jahren kannte. »Man ließ sich damals viel Zeit«, kommentierte Alexander Moritz Frey in seinen Erinnerungen. Sophie Block (1842-1918), Tochter eines Gutsherren aus Schwerin, stammte im Gegensatz zur evangelisch-künstlerisch geprägten Familie des Vaters aus einem straff geführten Militärhaushalt. In ihrer Dissertation über Alexander Moritz Frey von 1984 schrieb Katrin Hoffmann-Walbeck: »Den Vater beschreibt Frey als Optimisten, gutmütig, leichtlebig und etwas oberflächlich, mit einer starken Neigung zur Pedanterie, überaus geräuschempfindlich und zuweilen jähzornig. Das Porträt der Mutter fällt dagegen weit ungünstiger aus: ständig kränkelnd, ständig um irgend etwas besorgt, religiös bis zur Bigotterie, dabei herrschsüchtig, unzufrieden und in gesellschaftlichen Fragen betont konservativ, zeichnet er sie als engherzige und kleinliche Person, deren ›preußisch-pflichtbewußte Anschauungen ... ganz im Äußerlichen steckenblieben‹. Er muss sie später – weit über ihren Tod hinaus – regelrecht gehasst haben; das einzige, was er ihr zugute hält, ist, dass er ob ihrer Ungerechtigkeiten, ihrer Frömmelei und ihrem blassen Dünkel früh lernte, ›über Gott und die Welt‹ nachzudenken und an der Richtigkeit der konventionellen Anschauungen zu zweifeln.« (KHW, S. 77)
Frey wuchs bis zu seinem 14. Lebensjahr in München auf, wo er eine protestantische Grundschule und später das Luitpold-Gymnasium besuchte. 1895 zogen die Eltern nach Mannheim, wo der Vater Direktor der Großherzoglichen Gemäldegalerie wurde und wieder mit der Malerei begann. Die Familie wohnte in einer Dienstwohnung im Mannheimer Schloss. »Wir lebten in himmelhohen, trohnsesselweiten Zimmern«, schrieb Frey später an Thomas Mann (KHW, S. 78). Alexander Moritz Frey fühlte sich weiterhin allein mit den alternden Eltern, deren Ehe nicht besonders glücklich verlief. Er ging nur widerwillig zur Schule und flüchtete sich in die Welt der Bücher. In der Erzählung »Erster Schiffbruch«, die Frey 1930 seinem Verleger Gustav Kiepenheuer widmete, erinnerte er sich an seine Kindheit als Zehnjähriger und wie viel Trost ihm in seiner Einsamkeit schon damals die Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu können, gespendet hatte. Durch seinen Vater entwickelte Frey eine stille Liebe zur Malerei, zeigte aber nie Ambitionen, sich einer anderen Kunst als der Schriftstellerei zu widmen.
Alexander Moritz Fey machte 1903 Abitur und wollte eigentlich Medizin studieren. Er wurde aber von den Eltern und einem Onkel zum Jura-Studium gedrängt. Dreieinhalb Jahre saß er seine Zeit an den Universitäten von Heidelberg, Freiburg und München ab, studierte nebenbei Philosophie, beschloss aber von Anfang an, keinen Abschluss zu machen. Am Ende rasselte er spektakulär durchs Staatsexamen, indem er einen Stapel unbeschriebener Blätter abgab.
In seinem, ca. 1939 entstandenen, »Curriculum Vitae« fasst der Autor sein Leben bis zur Flucht nach Basel knapp zusammen: »In München am 29. März 1881 geboren, stehe ich da als eine Mischung von süddeutschem und norddeutschem Wesen, von Rundschädel und Langschädel. Die Vorfahren meines Vaters, aus der Schweiz über den Rhein gewandert, waren im Badischen Steuerbeamte, Offiziere, evangelische Pfarrer; die meiner Mutter lebten droben im Mecklenburgischen, nahe der Küste: als Offiziere, Geistliche, Apotheker und Gutsbesitzer. Mein Vater schlug aus der Art: er wurde Maler, dann ging er zur Bühne als Opernsänger, dann malte er wieder. Schließlich starb er 84jährig als Galeriedirektor in Mannheim; dort hatte er fünfzig Jahre vorher den Raoul in den Hugenotten und denn Tannhäuser gesungen. – Bei einem Gastspiel an der kleinen Hofoper in Schwerin hatte er meine Mutter – 18jährige Tochter eines Gutsherren – kennen und lieben gelernt. Zwanzig Jahre später heirateten sie – man ließ sich damals viel Zeit – und riefen mich ins Leben. Ich blieb der Einzige dieser Ehe, ein Spätgeborener; meine Eltern waren zusammen 100 Jahre alt, als ich auf die Welt kam.
Die doppelte Belastung mit evangelischen Geistlichen und preußischen Offizieren ist vielleicht daran schuld, dass ich beiden von Jugend auf aus dem Weg ging, so gut ich nur konnte. Die einen hatten mir zuviel Salbung und die anderen zuviel Schneid. Noch widerborstiger als in die Schule ging ich in die Kirche, und die einzige Karzer- und Kerkerstrafe, die mir jene Jahre eingebracht haben, musste ich absitzen, weil ich eines Sonntagabends die Andacht geschwänzt und die blöde Lüge erfunden hatte, die Kirche sei ›geschlossen‹ gewesen. Wer sich so unbegabt herauszureden versucht, wird zu recht eingesperrt.
Die Schule war schlimm – wie sie eben schlimm war in jenen Jahren in Deutschland. Mit Lernkram überbürdet, waren wir Gymnasiasten die reinsten Packesel, angetrieben von den Stockschlägen der Lehrer, die darauf sahen, dass das ›Klassenziel‹ und schließlich das Endziel, die Matura, erreicht wurde, koste es, was es wolle. Mancher blieb am Wege – Wedekind hat es geschildert -, und die durch das Tor der Freiheit kamen, was taten sie? Sie warfen vor allem mal den Kram ab, der sie neun Jahre hindurch gedrückt hatte, er war zum kleinsten Teil inneres Gut, warfen ihn ab, und so war eigentlich die ganze Not umsonst gewesen.
Bei mir ging der Druck weiter; unter dem Druck der Familie, besonders unter dem Einfluß eines juristisch hoch geklommenen Onkels, begann ich Jura zu studieren, obgleich mich die Sache ankotzte vom ersten Tag an. Ich wäre gern Mediziner geworden, man ließ mich nicht: das Studium sei überfüllt. So half ich denn die juristischen Hörsäle der Universitäten Heidelberg und Freiburg zu füllen, die nicht weniger überfüllt waren als die medizinischen Lehrräume, und beschäftigte mich, auf die Bänke gebeugt, damit, knappe lyrische Gedichte, mithilfe eines kleinen, gut schneidenden Taschenmessers, in Holz zu verewigen. Nach dreieinhalb Jahren fiel ich durchs Staatsexamen, ich war mit dem Entschluß hineingegangen, durchzufallen, der Entschluß fiel mir nicht schwer, ich konnte so gut wie nichts, ich gab mit großem Genuß weiße Blätter ab.
Nachdem ich so meiner Familie die von ihr herausgeforderte Antwort erteilt hatte, ging ich ›heim‹ nach München. Man wollte mich noch zur Ablegung irgend eines Doktorexamens bewegen, aber ich widerstand. Ich begann inbrünstiger zu schreiben – zaghaft hatte ich es schon als Primaner getan – und veröffentlichte meine ersten Arbeiten in deutschen Zeitungen und Zeitschriften.« (CV, S. 14-16)

Alexander Moritz Frey in jungen Jahren
Leuchtendes München
Alexander Moritz Frey verweigerte eine bürgerliche Karriere. Er hatte längst beschlossen, Schriftsteller zu werden. Der musisch orientierte Vater schien allerdings kein Verständnis für den Berufswunsch seines Sohnes zu haben. Immer wieder geriet er mit seinem Vater aneinander, der nach dem vermasselten Staatsexamen endgültig mit ihm brach. »Störungen seines geistig-seelischen Gleichgewichts konnte er rücksichtslos abstellen«, schrieb Alexander Moritz Frey später in sein Notizbuch (KHW, S. 101). Er bereiste für einige Wochen Italien und Österreich bevor er nach München zurückkehrte um Schriftsteller zu werden. Zuletzt hatte er sich im Mai 1904 an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg eingeschrieben, wo er am 15. Februar 1905 exmatrikuliert wurde. Bis 1908 bewohnte er, meist als Untermieter, sieben verschiedene Zimmer in München bis er eine Wohnung in der Maximilianstraße 15 gegenüber den Kammerspielen bezog, die er bis 1933 bewohnte.
Frey konzentrierte sich fortan voll und ganz aufs Schreiben. Seinen Arbeitstag begann er in der Dämmerung der frühesten Frühe und Unterbrechungen waren ihm ebenso verhasst wie Straßenlärm und »ewig schnüffelnde« Hunde. Er nahm seine Arbeit sehr ernst und unterbrach sie nur für einen täglichen Spaziergang um seine Gedanken zu sammeln. Frey trug Maßanzüge und ließ sich jedes Jahr neue Visitenkarten und Briefpapier mit selbst entworfenem Namenszug drucken, lebte aber ansonsten ausgesprochen bescheiden und ohne nennenswerte Laster. Er rauchte nicht, trank kaum Kaffee oder Alkohol und machte sich nicht viel aus Fleisch.
Als Alexander Moritz Frey zaghaft seinen Platz in der Moderne suchte, war die Kunstwelt mitten im Umbruch und München spielte dabei eine wichtige Rolle. Wassily Kandinsky, Paul Klee, Alfred Kubin, Michael Georg Conrad oder Franz Marc wohnten an der Isar. Karl Valentin, Hugo Ball und der dichtende Freiheitskämpfer Oskar Panizza trieben ihr munteres Unwesen. Frey fühlte sich in den literarischen Zirkeln von München nicht unbedingt heimisch und nahm auch keinen großen Anteil am Treiben der »Bürgerbohème« (Kurt Tucholsky), die sich in Schwabinger Wirtshäusern die Köpfe heiß redete. Schon früh fand er trotzdem seinen Platz im Kreise der Künstler und Schriftsteller, die in München von sich reden machten.
Frey war eng mit dem Maler und Karikaturisten Otto Nückel befreundet, der seinen Sarkasmus teilte. Nückel, ein Pionier des Bleischnitts, war ebenfalls Studienabbrecher und ein Anhänger des Skurrilen. Er bestärkte Frey in dessen Arbeit und illustrierte später zwei seiner Bücher. Nückel vermittelte seinem Freund auch den Kontakt zur berühmten Satire-Zeitschrift »Simplicissimus«, für die er als Illustrator und Karikaturist arbeitete. Er schleppte Frey gelegentlich mit in die zugehörige »Künstlerkneipe Simplicissimus« in der Türkenstraße 57, wo sich alles betrank, was in München Rang und Namen hatte. Ursprünglich sollte die Kneipe »Kleine Dichtelei« heißen, aber Rudolf Wilke, der Verleger des berühmten Satireblattes, hatte der Wirtin Kathi Kobus zu fortgeschrittener Stunde nach der Eröffnung gestattet, den Namen im Tausch gegen ein paar Runden Sekt zu verwenden. Thomas Heine, Schöpfer der berühmten Simplicissimus-Bulldogge, malte der Wirtin noch zusätzlich ein eigenes Wappen - eine Bulldogge, die sich bemüht, eine Sektflasche zu öffnen. Thomas Mann, Ludwig Thoma oder Erich Mühsam tranken hier ebenso ihr Bier wie Politiker, Diplomaten oder internationale Stars wie Isadora Duncan. Auf der kleinen Bühne wurden regelmäßig Lieder und Gedichte vorgetragen. Im »Alten Simpl«, wie man in Künstlerkreisen sagte, verwandelte sich Hans Bötticher in Joachim Ringelnatz und selbst der große Caruso ließ es sich nicht nehmen, den Stammgästen vor Ort eine kleine Kostprobe seines Könnens zu geben. Otto Nückel hatte im »Alten Simpl« einen Stammtisch, dem u. a. auch der Maler Franz Marc angehörte. Franz Marc (1880-1916), Expressionist und einer der Mitbegründer des »Blauen Reiters«, wurde zu einem weiteren guten Freund für Frey. Wenn ihm die Wirtshausatmosphäre im »Simplicissimus« auch nicht wirklich behagte, ließ sich Frey trotzdem immer wieder von seinen Freunden überreden, das Arbeitszimmer zu verlassen und sie zu ihrem Stammtisch zu begleiten. Im »Alten Simpl« lernte Frey auch seinen langjährigen Freund Max Kolmsperger kennen, der später Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbandes werden sollte. Alexander Moritz Frey war ein stiller Gast im »Alten Simpl«, der nicht weiter auffiel. Ohne selbst einen großen Namen zu haben, verkehrte er dank Nückel trotzdem mit den großen Namen aus Kunst und Literatur. Der direkte Draht zum literarischen München war hergestellt und die neuen Kontakte wollten genutzt werden. Für einen einsamen jungen Mann, der sein Leben lang Schriftsteller werden wollte, konnte es zunächst nicht besser laufen.

Poster der Simplicissimus-Bulldogge von Thomas Theodor Heine, eines der ersten modernen Plakate Deutschlands. Original von 1897
Alexander Moritz Frey veröffentlichte sein erstes Gedicht »Musik« im Januar 1907 in »Westermanns Monats-Heften«. Weitere Gedichte erschienen in Anthologien wie »Neue deutsche Gedichte« (Leipzig, 1908) und »Stimmungen« (Dresden, 1909), die von Hermann Beuttenmüller herausgegeben wurden. Frey hatte Beuttenmüller, der hauptberuflich Jurist war und nebenbei Gedichte schrieb, beim Studium in Freiburg kennengelernt. »In der Korrespondenz zwischen Frey und Beuttenmüller spiegeln sich die Probleme und Widerstände wieder, denen literarische Anfänger zu allen Zeiten ausgesetzt sind: Bezahlung und Belegexemplare bleiben aus, Manuskripte werden verschlampt, Termine nicht eingehalten etc.« (KHW, S. 80) Frey erhielt für seine ersten Veröffentlichungen überhaupt kein Geld von Beuttenmüller, der seine Autoren zudem nötigte, einen Teil der Auflage selbst abzunehmen.
Der zurückhaltende Frey war schon in jungen Jahren sehr belesen und erwies sich für Beuttenmüller als außerordentlich nützlich. Er benutzte Frey, der das entsprechende Gespür dafür zu haben schien, um weitere Autoren für seine Anthologien zu gewinnen. Erst 1928 lehnte sich Frey zaghaft gegen Beuttenmüllers Geschäftsgebaren auf und klagte am 8. Juni schriftlich ein ausstehendes Honorar ein, schließlich sei er »darauf angewiesen, vom Gewinn (s)einer Arbeiten zu leben.« (KHW, S. 105)
Frey publizierte weiterhin gelegentlich Gedichte, konzentrierte sich aber bald vor allem auf Kurzgeschichten und Erzählungen. Seine ersten Erzählungen erschienen bei Beuttenmüller im »Deutschen Novellenbuch« (Leipzig, 1910) und in »Heitere Geschichten« (4 Bände, Leipzig, 1910-1913). Im Oktober 1910 erschien seine Kurzgeschichte »Weltuntergang« in der Nr. 3 von »Licht und Schatten. Wochenschrift für Schwarzweisskunst und Dichtung«, einer illustrierten literarisch-künstlerischen Zeitschrift mit expressionistischem Einschlag, die von 1910 bis 1916 erschien und längst in Vergessenheit geraten ist. Neben den Brüdern Mann schrieben Hermann Hesse, Christian Morgenstern, Stefan Zweig oder Vicky Baum für die Zeitschrift, die Kunst und Literatur gleichermaßen Platz einräumte. Die Illustrationen stammten von Künstlern wie Alfred Kubin, Käthe Kollwitz, Carl Spitzweg, Max Liebermann und Lyonel Feininger. Einzelne Exemplare der Zeitschrift können allerdings nur noch bei einigen wenigen Sammlern bewundert werden. Die Literaturwissenschaft hat die »Licht & Schatten« bis heute nicht entdeckt und so ist nur sehr wenig über die Geschichte der Zeitschrift bekannt.
Entstanden war die »Licht und Schatten« aus dem Engagement des Druckereibesitzers Josef Molling aus Hannover, der sich von einer Konkurrenz zum »Simplicissimus« Profit versprach. Der Herausgeber Hanns von Gumppenberg (1886-1928), auch unter den Pseudonymen »Jodok« oder »Immanuel Tiefbohrer« bekannt, war ein notorischer Unruhestifter und in München bereits als Schriftsteller, Theaterkritiker und Satiriker aufgefallen. 1891 hatte er der frisch gegründeten »Gesellschaft für modernes Leben« in München eine Reihe Parodien prominenter Lyriker vorgetragen, die zehn Jahre später unter dem Titel »In allen Gangarten vorgeritten« auch als Buch erschienen. Er »entfesselte damit den verhaltenen Ingrimm der Reaktionären zu heftigem Protest«, wie von Gumppenberg in seinen »Lebenserinnerungen« schrieb. 1901 gründete von Gumppenberg, der gerade zwei Monate Festungshaft wegen »fahrlässiger Majestätsbeleidigung« absolviert hatte, im »Alten Simpl« das erste Münchener Kabarett, die legendären »Elf Scharfrichter«.
Josef Molling ließ seinen Herausgeber und Chefredakteur von Gumppenberg 1909 ein Preisausschreiben mit Hauptpreisen zwischen 1000 und 1500 Mark veranstalten, um »junge Talente« zu finden. Die Jury, der u. a. Thomas Mann angehörte, hatte aus über 1000 Zuschriften auszuwählen. Die Rechnung ging auf. Die »Licht und Schatten« konnte von Anfang an auf eine Reihe hervorragender Autoren zurückgreifen. Alexander Moritz Frey gehörte schon früh zur Stammbesatzung, wenn er auch keinen der Preise gewonnen hatte. Die »Licht und Schatten« hatte einen hervorragenden Ruf, erschien überregional und war wie gemacht für die Schreibe von Alexander Moritz Frey. Frey fand in der »Licht und Schatten« den ersten regelmäßigen Abnehmer für seine Kurzgeschichten und wurde auf Augenhöhe mit den größten Namen gedruckt, die der Literaturbetrieb im Kaiserreich zu bieten hatte. Für ihn war die Veröffentlichung in der »Licht und Schatten« eine Befreiung. Er war nicht länger auf den Münchener Kleinverleger Beuttenmüller angewiesen, der von ihm erwartete, die eigenen Werke im Bauchladen selbst zu verkaufen. Frey schrieb bereits am 17. Februar 1910, Monate vor Erscheinen der Startnummer von »Licht und Schatten«, euphorisch an Hermann Beuttenmüller, er würde demnächst regelmäßig für eine »neu erscheinende Zeitschrift« (KHW, S. 112) schreiben, deren Namen er nicht nennen könne.
Leben konnte Frey von seinen Veröffentlichungen noch nicht. Sein Lebensunterhalt schien zunächst durch einen Künstlerfonds gesichert worden zu sein, mit dem er sich für kurze Zeit über Wasser halten konnte. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1911 kam später eine kleine Erbschaft dazu, die es ihm ermöglichte, sich weiterhin auf seine literarische Arbeit zu konzentrieren. Frey schrieb in stiller Bescheidenheit und kam auch mit wenig Geld gut aus. Nebenbei rezensierte er Bücher für diverse Tageszeitungen und verdiente sich ein wenig Taschengeld dazu. Er erwies sich dabei als genauer Kenner der Literatur seiner Zeit und schrieb bis zu seinem Tod über 800 Rezensionen. Seine besondere Vorliebe galt der phantastischen Literatur klassischer Prägung.
Seltsame Geschichten
Alexander Moritz Frey gehörte zu den frühen Wegbereitern der modernen Phantastik, wenn er als deren Vertreter zunächst auch eher untypisch wirkte. Er entstammte einer Tradition, die man Ende des 19. Jahrhunderts meist als »seltsame Geschichten« beschrieb und bis heute nicht richtig in die Literaturgeschichte einordnen konnte. Der Begriff des Phantastischen in der Literatur wird seitdem immer wieder diskutiert. Der französische Schriftsteller Charles Nodier wollte mit seinem Aufsatz »Du fantastique en littérature« schon 1830 den »gewagten Versuch, das Phantastische zu definieren, nicht unternehmen.« Das Spektrum erschien ihm zu groß und so beließ er es beim Versuch, »das Gebiet des Phantastischen einzugrenzen.« Sehr viel weiter ist die Forschung bisher nicht gekommen und moderne Phantasten wie Jorge Luis Borges oder Thomas Pynchon machen es der Literaturwissenschaft noch schwerer. Klar scheint nur, dass sich die phantastische Literatur Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt hat und während des 19. Jahrhundert in voller Blüte stand. Roger Caillois schrieb in seinem oft zitierten Aufsatz »L‘Image fantastique«: »Im Phantastischen offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riß in dem universellen Zusammenhang. Das Wunder wird dort zu einer verbotenen Aggression, die bedrohlich wirkt und die Sicherheit einer Welt zerbricht, in der man bis dahin die Gesetze für allgegenwärtig und unverrückbar gehalten hat. Es ist das Unmögliche, das unerwartet in einer Welt auftaucht, aus der das Unmögliche per definitionem verbannt worden ist.« (Zondergeld, Phaicon 1, S. 48) Caillois kommt einer Definition mit seinem »Riß in der Wirklichkeit« näher als viele seiner Kollegen, beschreibt aber trotzdem nur einen Teil der Phantastik. Für das frühe Werk von Alexander Moritz Frey trifft diese Definition trotzdem durchaus zu. Es fehlt in seinem Falle nur noch der Hinweis auf das humoristische Element. Rein A. Zondergeld schrieb über Alexander Moritz Frey: »Seine Position ist eine durchweg eigene: viele seiner Texte bewegen sich in einem Grenzbereich zwischen traditioneller phantastischer Erzählung, Groteske und Satire, und der Begriff des Skurrilen trifft im allgemeinen genau ihren Charakter.« (Lexikon der phantastischen Literatur, S. 97)
Frey war ein glänzender Satiriker und jeder seiner Texte ist von einem feinen Humor durchzogen, den das Gros der deutschen Phantastik-Autoren vermissen ließ. Frey unterschied sich damit von seinen bekannteren Zeitgenossen Paul Scheerbart (1863-1915) oder Gustav Meyrink (1868-1932), die sich ebenfalls von den klassischen Schauergeschichten fortbewegten, die man nur als ablenkende Unterhaltung verstanden wissen wollte. Scheerbart, dessen skurriler »Mondroman« ironisch die Kriegstreiberei der Erdenbewohner entlarvte, gelang dies auf spielerische Art. Gustav Meyrink ging zunächst ähnlich wie Frey satirisch zur Sache, verlor sich aber mit seinen »Magischen Romanen« in mystischen Spinnereien. In seinem mehrfach verfilmten Erfolgsroman »Der Golem« (1915) verband Meyrink die Gegenwart mit der jüdischen Sagenwelt und in »Das grüne Gesicht« (1916) gelang ihm eine bedrückende Schilderung des Amsterdamer Ghettos, die er mit der Legende vom »ewigen Juden« verband. Seine beiden letzten Romane beschäftigten sich allerdings nur noch mit dem Geheimbund der Rosenkreuzler und ließ den engagierten Geist der frühen Werke des »Simplicissimus«-Mitarbeiters vermissen.
1913 erschien Freys erstes Buch im Münchener Delphin-Verlag, eine Sammlung gesammelter Erzählungen aus der »Licht und Schatten« mit dem Titel »Dunkle Gänge. 12 Geschichten aus Nacht und Schatten«. Die Kurzgeschichten in »Dunkle Gänge« standen weitestgehend in der Tradition von Edgar Alan Poe, den Frey schon als Jugendlicher verehrt hatte. Sein eigener Stil war noch nicht ganz ausgeprägt, aber bereits deutlich zu erkennen. Dr. J. A. Beringer schrieb in der »Neuen Badischen Landeszeitung«: »Frey behandelt in seinen Erzählungen Begebnisse ›aus Licht und Schatten‹, Begegnungen im Reiche der vierten Dimension, dort wo Wirklichkeit und Träume sich berühren, wo Realitäten zu Schemen werden, wo der wissenschaftliche Forscher vor den Rätseln von Raum und Zeit, von Zufall und Schicksal, von Geschehnis und Geisterwelten steht. Frey hat mit einer seltenen Feinfühligkeit für den oft dämonisch-geisterhaften, oft geheimnisvoll-angreifenden Charakter seiner Stoffe den Ton getroffen und einige der Geschichten sind geradezu Meisterstücke ruhiger und doch bezwingender und im Banne haltender Erzählungskunst.« (KUD, S. 285) Der expressionistische Schriftsteller Paul Zech (»Villon«) schrieb über »Dunkle Gänge«: »Zu den wenigen jüngeren Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten Gattung von Belletristik.« (BLDUPL) Gero von Wilpert nannte Frey einen »weitgehend unterschätzten Erzähler skurriler phantastischer Nachtstücke, Spukgeschichten und Traumgesichter in der Nachfolge E.T. A. Hoffmanns« (von Wilpert, S. 396).
Frey spielte noch mit den Möglichkeiten und Konventionen der Phantastik. Vor allem die lebenden Toten hatten es ihm angetan. Versuchsweise nahm er den Umweg über die klassische Gespenstergeschichte (»Das unbewohnte Haus«), aber meist ging er mit drastischer Direktheit zur Sache. Zwar hielt er sich noch an die unterhaltenden Elemente des phantastischen Genre, aber er fand immer wieder einen Weg um mit den Erwartungen des Lesers zu brechen. In »Die beiden Masken«, einer Hommage an »The Masque of the Red Death« aus der Feder Edgar Alan Poes, versucht eine lebenslustige Frau beim Maskenball einem anderen Gast seine Maske zu entreißen. Die Maske des flüchtenden Unbekannten enthüllt ein schwarzes Loch als Gesicht und die Frau bricht röchelnd zusammen. Ein weiterer Gast erklärt, es handele sich hierbei um eine Parabel: Während die junge Frau ihre Verzweiflung hinter einer gesellschaftlichen Maske des Frohsinns verborgen hatte, repräsentierte der maskierte Unbekannte die falsche Oberflächlichkeit und Hohlheit der Gesellschaft, die sie täglich zu bekämpfen hatte.
Die düstere Ironie von Alexander Moritz Frey kommt in dieser Geschichte voll zum tragen. Auch der Rest der Sammlung seines Schaffens aus der »Licht und Schatten«-Zeit ist von makabrem Pessimismus geprägt. In »Weltuntergang« wird die Welt über Nacht von Dunkelheit eingehüllt. Sonne und Mond scheinen erloschen. Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung einer »Riesenstadt«:
»Es war um Mitternacht. Ich schritt durch die Hauptstraßen einer Riesenstadt, durch ihr unaufhörlich schlagendes Herz. Gleich seinem Blutstrom pulste ein Wirrwarr von Menschen und Wagen an mir vorüber, einmal durch helle Lichtkreise wimmelnd, dann in braune Dämmerung verwoben, dann von der schwarzen Leere der Seitengassen aufgeschluckt. Bunte Geräusche, in eine ewig brandende Woge verflossen, quollen aus engen Häuserzeilen empor und verebbten in der Dunkelheit. Weiße Augen rasten die Straßen entlang - glotzten ganz aus der Nähe - schlossen sich plötzlich. Bläuliche Lichter schwebten groß und ruhig über Fahrdämmen, fahlgrüne stachen über Hoteleingängen, gelbe winkten aus Gasthäusern, rote lockten aus der heimlichen Ferne einer Nebenstraße - Lichter, gegen die eine grenzenlose Finsternis von allen Enden ankämpfte, lautlos und hartnäckig, ihrer stillen Überlegenheit sich bewusst - Nacht für Nacht.« (DG, S. 185)
Die Menschen versammeln sich auf einem Berg und gucken mit Fernrohren in den Himmel. Die Dunkelheit lastet auf ihren Schultern und Stunde um Stunde wird die Stimmung auf dem Berg ein wenig düsterer. »Man soll anfragen - drüben in Amerika - wie es mit der Sonne steht« (DG, S. 189), wird beschlossen. Frey beendet die Geschichte ohne wirklich zum Schluss zu kommen. Antworten auf die Frage, warum es überhaupt zum Weltuntergang kam, waren von ihm nicht zu erwarten. »Ein kleiner alter Mann stand neben mir in die Menge gekeilt. Er hatte den Hut verloren, seine spärlichen, weißen Haare bäumten sich wild. Er reckte den Hals, schob die Brille unaufhörlich von der Nase auf die Stirn und wieder zurück und konnte doch keinem seiner Nachbarn bis an die Schulter gucken. Mit einer zittrigen und zerdrückten Stimme, zu der die wilden Haare ein wenig paßten, winselte er wie aus einem Schacht herauf zu mir: ›Wir werden nichts erfahren. Sehen Sie, wir werden nichts erfahren! So geht es immer in solchen Fällen!‹« (DG, S. 189 f.) Die Sonne kam nicht wieder, aber mehr erfuhr man tatsächlich nicht. Die Masse, die sich eben noch wie wild gebärdete, hockte stumpf auf dem Berg ohne sich zu verändern. Wenn Frey sich auch später für wissenschaftliche Katastrophen-Theorien begeisterte, interessierte ihn vor allem die Hoffnungslosigkeit der fiktiven Situation.
Bis 1914 ließ Frey die Welt in zwei weiteren phantastischen Erzählungen (»Der Fremde« & »Der Träumende«) erneut untergehen und verweigerte weiterhin den Entwurf einer Utopie. In »Der Fremde« ließ er den Tod als »Laternenanzünder« auftreten und zeichnete trotz literarischem Schabernack ein traumartiges Bild der Hoffnungslosigkeit. Frey glaubte nicht an eine Gesellschaft mit der Möglichkeit zur Veränderung und machte dies mit »Weltuntergang« bereits in seiner ersten veröffentlichten Erzählung deutlich. Friedemann Berger schrieb in seinem Nachwort zu »Solneman der Unsichtbare«: »Während die positiven oder negativen Utopien der Aufklärer die Vorstellungen einer Veränderbarkeit der Gesellschaft zumindest als moralisch-optimistisches Postulat niemals preisgaben, hat sich für Frey nach hundert Jahren Elend der Aufklärung der Gegensatz als unüberbrückbar festgeschrieben zwischen Bürgergesellschaft und Individuum, in dessen schöpferischer Potenz bereits die Wurzeln zur Utopie liegen und dessen Namenlosigkeit eine Bedingung ist, die individualistisch-utopische Existenz rein führen zu können. Daß eine solche individualistische Existenz ihrerseits eine Utopie darstellt – daran lässt der Bürger-Schriftsteller Frey mit konstanter Ironie keinen Zweifel.« (Berger, in: SDU2, S. 295)
Die ersten Rezensionen seiner Bücher ordneten Frey zwar in die Reihe der phantastisch-mystischen Autoren ein, die sich vor allem der Unterhaltung widmeten, lobten aber stets seine literarischen Qualitäten, die ihn von den meisten seiner Kollegen unterschieden. Alexander Moritz Frey schätzte neben Edgar Alan Poe auch den Franzosen Jules Verne und den Engländer H. G. Wells, aber die Instrumente der Unterhaltung waren für ihn nur Mittel zum Zweck. Eine Existenz als Produzent massentauglicher Geschichten über Geister, Raketen oder verglühende Planeten kam für ihn nicht in Frage. Frey schrieb auch in bitterster Armut niemals eine jener Geschichten, in denen die Menschheit in letzter Sekunde durch den Geistesblitz eines genialen Wissenschaftlers doch noch gerettet wird. Was nicht bedeuten soll, dass Alexander Moritz Frey nicht vorzüglich zu unterhalten wusste. Das Schreiben für die breite Masse, die er verachtete, war ihm einfach fremd. Schon früh hatte er sich auch für andere Künste interessiert, um seinen Horizont zu erweitern und nicht irgendwann als »typischer Vertreter« einer literarischen Mode abgeschrieben zu werden. Frey war mit dieser Haltung weit entfernt von den Werken anderer deutscher Phantastik-Autoren, die sich zu dieser Zeit entweder ausführlich mit Okkultismus beschäftigten oder bereits als Vorläufer der Science Fiction gelten mochten. Friedemann Berger schrieb: »Schon für die zeitgenössische Kritik unterschied sich Freys Phantastik von jener der neuen Phantasten durch ihren existentiellen Ernst.« (Berger, in: SDU2, S. 292)
Rein A. Zondergeld nannte Frey einen »der wichtigsten, heute aber weitestgehend vergessenen Vertreter der großen Blüteperiode der deutschen Phantastik zwischen 1900 und 1930. (...) Sprachlich hebt sein Werk, daß manchmal expressionistische Anklänge erkennen lässt, sich in ihrer eleganten Präzision wohltuend von den häufig schwülstig und klischeegesättigten Arbeiten anderer deutschen Phantasten dieser Zeit, wie Strobl oder Gabelentz ab, während auch seine ideologisch fortschrittliche Handlung, die sich in einer bissigen Kritik am Bürgertum zeigt, ihn zu einer positiven Ausnahme inmitten seiner der Mehrheit nach reaktionären Kollegen macht.« (Zondergeld, Lexikon, S. 97)

Solneman der Unsichtbare - Cover von Ulrich Tarlatt, Gustav Kiepenheuer Verlag (Leipzig und Weimar, 1987)
Der Namenlose
Es wird oft übersehen, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts eine enge Verbindung zwischen Phantastik und Expressionismus gab. Der »Aufbruch ins Unbegrenzte« (Berger, in: SDU2, S. 284) wurde von Malern und Schriftstellern angeführt, die mit phantastischen Elementen hantierten, um die Unterwelten der menschlichen Psyche zu ergründen. Frey gehörte mit seinen Veröffentlichungen in der »Licht & Schatten« schon früh zu dieser Clique von jungen Künstlern und Autoren, aber er suchte eher selten ihre Gesellschaft. Das Auftreten der bürgerlichen Bohème Münchens blieb ihm weiter fremd und auch an den Saufgelagen seiner Kollegen mochte er sich nicht beteiligen. Frey galt als freundlicher Eigenbrötler und trieb sich nur in den literarischen Salons Münchens herum, um Stoff für seine Satiren zu bekommen oder auf Einladung aus eigenen Geschichten zu lesen.
Seit 1908 arbeitete er an seinem Roman »Solneman der Unsichtbare«, der ihn auf einen Schlag einem größeren Publikum bekannt machen sollte. Frey hatte seinen Freund Otto Nückel schon früh nach Illustrationen für das Buch gefragt und dieser pries das Buch an seinem Künstler-Stammtisch so lange bis die Münchener Bohème vor Neugierde zu platzen schien. 1909 lud man den Autoren deshalb zu einer privaten Lesung für fünfzig Interessierte in die Wohnung von Arthur Kutscher (1878-1960) ein. Kutscher, der zu den Begründern der Theaterwissenschaft zählte und u. a. einen großen Einfluss auf Bertolt Brecht ausübte, veranstaltete regelmäßig Lesungen bei sich zu Hause. Frey fühlte sich geschmeichelt und sagte zu. Er kannte Kutscher seit März 1907 und hatte in dessen Wohnung bereits ein paar Gedichte vorgetragen. Auch nach dem Krieg las er öfters im »Kutscher-Kreis«, aber vor allem seine erste Prosa-Lesung blieb Frey im Gedächtnis weil er eine neue Bekanntschaft machen sollte, die für den Rest seines Lebens sehr wichtig sein würde. Unter den Gästen befand sich Thomas Mann, der seit Erscheinen der »Buddenbrooks« (1901) gewissermaßen der größte Superstar war, den die deutsche Literatur zu bieten hatte. Frey ließ sich von seinem prominenten Zuhörer nicht beirren und trug die ersten Kapitel aus »Solneman der Unsichtbare« vor. »Ich hatte, unerfahrener Anfänger, in privatem Zirkel vor fünfzig Leuten die Ehre vorzulesen. Ich machte es kurz«, erinnerte sich der Autor später mit der ihm eigenen Mischung aus Ironie und Bescheidenheit, »weil ich befürchtete: die langweilen sich ja doch nur. Als ich bekannte, aufhören zu wollen, erhob sich Thomas Mann und meinte, er spreche im Namen aller, wenn er mich bitte, fortzufahren. Ich entsinne mich gerade dieses Wortes. Fortfahren - argwöhnte ich - das konnte auch bedeuten: sich aus dem Staube machen. Aber ich blieb und las.« (SDU3, S. 224)
Er war ein Spaßvogel, der Herr Frey und »Solneman« ist ein Buch, was man »an einem stillen Sonntagnachmittag ganz allein auf dem Sofa durchlesen und durchlachen kann«, wie es Kurt Tucholsky 1919 in der »Weltbühne« formulierte: »Es geht alle an, die Spaß an barockem Humor haben. Ich sage absichtlich nicht: grotesk – das ist dieser Humor nicht. (...) Kaum eine Länge ist drin, kaum einmal schöpft man Atem und meint, nun sei es aber genug – Frey erfindet immer noch spaßigere Kapriolen, schlägt noch einen Kobolz und noch einen (...) – dass man aus dem Lachen nicht herauskommt. Ganz reizend ist der zu Unzeiten adhibierte Protokollstil – der Einfluss der Brüder Mann ist angenehm erkennbar: in der satanischen Freude, den Spießer zu verhohnepipeln und in der maßvollen, fast abstrakten Komik der Schilderung.« (Tucholsky, Gesammelte Werke, S. 461) Tucholsky spricht weiter von einem »Ton der aufhorchen macht, und der nicht auf der Mohnwiese E. A. Poes gewachsen ist: ein schneidender, eiskalter Ton.« Mehr Lob konnte Alexander Moritz Frey kaum erwarten.
»Solneman der Unsichtbare« ist ein zeitlos komisches Buch. Ein sonderbarer Mann, von Kopf bis Fuß maskiert, sucht den Bürgermeister einer namenlosen Stadt in Deutschland auf. Solneman sei der Name, lässt der Fremde kurz wissen und unterbreitet das Angebot, für 73 Millionen Mark den örtlichen Park kaufen zu wollen. Geld hat der Fremde in Hülle und Fülle. Die Stadt geht auf den Deal ein und verkauft seine Grünanlagen. Solneman baut eine riesige Mauer um den Stadtpark, die ihn vor neugierigen Blicken schützen soll. Das Rätselraten beginnt. Wer ist der sonderbare Bursche mit der Maske, der sich dort fernab der Welt mit seinem Reichtum niedergelassen hat? Die Stadtbewohner versuchen mit aberwitzigen Methoden, die Mauer zu überwinden, aber stets scheitern sie an Solneman, der auf alles vorbereitet zu sein scheint. Niemand, nicht einmal dem schneidigen Leutnant Eckern-Beckenbruch, gelingt es, auch nur einen Blick in den Park zu erhaschen. Die Bürger der Stadt rätseln in den Wirtshäusern, was sich hinter der Mauer abspielt. Es ist die Rede von genetischen Tierversuchen und Menschenopfern bei Mondschein. Längst ist Solneman der Sündenbock für alles Schlechte. Was auch immer passiert, es hat nur mit dem Kerl hinter seiner Mauer zu tun. Gerüchte kursieren im ganzen Land, und so kommt auch der Kaiser eines Tages vorbei, um dem komischen Fremden vorgestellt zu werden. Aber Solneman hat es nicht nötig, mit dem Kaiser Kaffee zu trinken. Er will nur seine Ruhe. »Um diese Zeit war es, daß die Neugier der Städter, ihre krankhafte Sehnsucht, Solneman, den Belächelten, Bestaunten, Mißachteten, Gefürchteten, von Angesicht zu Angesicht zu sehen, erschreckend wuchs und die Form einer Seuche annahm. Man wollte und wollte den Rätselhaften enträtseln. Ein Gesicht sagt viel, ein Gesicht sagt alles. Die Seele steht darin. Wo ist sein Gesicht? Unerträglich, es nicht zu kennen. Haufen umlagerten die Mauer, nicht nur tagsüber, auch des Nachts. Die Polizei war machtlos.« (SDU2, S. 55) Eines Tages gelingt es aber einem Stoßtrupp von Bürgern tatsächlich, das Paradies hinter der Mauer zu erobern. Der Park scheint unverändert und der große Unbekannte, dessen Namen man auch rückwärts lesen kann, ist verschwunden. Nur seine Maske und ein Brief bleiben zurück. Die Bürger finden dafür aber Leutnant Eckern-Beckenbruch, der nach einem waghalsigen Versuch, die Mauer zu überwinden, verschollen war, nackt in einem Affenkäfig sitzen. Der Bürgermeister verliest den Brief von Solneman, dem man auf Grund von Vorurteilen kurz zuvor noch unentwegt Strafzettel geschickt hatte. Alle machen betretene Gesichter, aber die letzten Sätze des Romans deuten an, dass die Bürger ihre Lektion nicht gelernt haben. »Alle standen verstummt, wussten nicht, ob sie gehen – wohin sie denn gehen sollten. Da fand der Polizeipräsident ein befreiendes Wort, - und während er sprach, setzte man sich mit erlösten Mienen, froh des wichtigen Geschäftes, in Bewegung. Er entschied: ›Augenblicklich ist wohl die Hauptsache, daß Leutnant von Eckern-Beckenbruch seine Uniform wieder bekommt. Besorgen wir das doch gleich und schleunigst, meine Herren!« (SDU, S. 276)
1914 erschien der Roman erstmals als Teilabdruck in der »Neuen Zürcher Zeitung« und kurz danach, ausgestattet mit 12 Holzschnitten von Otto Nückel, im Delphin Verlag in München. Der Abdruck in der renommierten Schweizer Tageszeitung musste bei Ausbruch des Krieges eingestellt werden. Zwei Jahre später wurde »Solneman der Unsichtbare« auch als Feldpostauflage veröffentlicht. 1920 erschien eine zweite Auflage (6.-10. Tausend). Laut Katrin Hoffmann-Walbeck sollte der Roman auch verfilmt werden, wozu es aber nie kam. Im »Literarischen Jahresbericht des Dürerbundes« war über den »Solneman« zu lesen: »Dem ›Golem‹ ebenbürtig, an Stileinheit ihm überlegen, erscheint uns A. M. Freys spöttische, geistreiche Groteske von jenem Hciebel ›Solneman‹, der mit viel Geld einen Stadtpark erwirbt und sich dort einmauert, aber infolge der Neugier und Torheit der guten Stadt schließlich sein Ziel verliert; dies heiter wehmütige Buch gehört zu den wenigen wirklich phantasievollen und echten Grotesken unserer Zeit.« (KUD, S. 285) Eugen Kaltschmidt schrieb in der »Frankfurter Zeitung«: »Ich habe lange kein modernes Buch gelesen, das so leicht und frei wie dieses auf Dichterschwingen über Dichterslande trägt.« (KUD, S. 285) Thomas Mann schrieb über »Solneman der Unsichtbare«: »Ich habe Ihre großartige Schnurre nun als Ganzes gelesen, und finde meinen ersten Eindruck bestätigt: nämlich, dass sie zum Allerbesten gehören, was die phantastische Literatur hervorgebracht hat.« (BLDUPL, A. M. Frey. S. 2)

Solneman der Unsichtbare - Illustration von Otto Nückel, 1909
Mit »Solneman der Unsichtbare« gelang Frey eine Satire auf den Geist des deutschen Kaiserreichs, die bis heute nichts von ihrem Esprit verloren hat. Der Roman spritzt vor komischen Ideen und sparte dabei nicht mit Verweisen auf sein Münchener Umfeld, das Kabarett »Die Elf Scharfrichter« oder den englischen Garten. Der Autor betonte die lokalen Anspielungen ausdrücklich in einem Brief vom 23. Oktober 1952 an den Verleger Karl Desch: »Der Roman spielt in München, und das ist so offenbar, daß ein großer Teil der Leser und der Kritik es ohne weiteres gewußt und es mit Vergnügen und Gelächter konstatiert hat. Schauplatz ist der Englische Garten, das Rathaus, die Oktober-Festwiese, der Viktualienmarkt und die ganze Stadt.« (KHW, S. 150) Neben skurrilen Impressionen wie dem Besuch des deutschen Kaisers in der örtlichen Gemäldefabrik, überzeugt Frey immer wieder mit Anspielungen auf die Verhältnisse und Erscheinungen seiner Gegenwart, die er in ein phantastisches Gewand kleidete. Frey spottet über Fremdenhass, die Verfolgung Andersdenkender, Beamte, Militärs und Dorfbewohner, die nachts mit Fackeln und Mordlust in den Augen einen Berg hoch marschieren. Je undurchsichtiger das Treiben des merkwürdigen Fremden wird, desto eindeutiger entlarvt sich das deutsche Spießertum.
Als Satiriker ist Frey nicht unbedingt an einer differenzierten Betrachtung der realen Verhältnisse interessiert. Seine Helden sind klischeehaft gezeichnet und schon an ihren Namen als Witzfiguren zu erkennen. Die Spießigkeit des Droschkenkutschers unterscheidet sich für Frey dabei nicht groß von der eines Mitglieds der höheren Gesellschaft. Die sozialen Unterschiede innerhalb einer keifenden Menschenmasse waren für ihn nicht von Belang. Katrin Hoffmann-Walbeck schrieb dazu in ihrer Dissertation: »Frey Darstellung des sozialen Gefälles bezieht sich nur auf die unterschiedlichen Konsum-Möglichkeiten. Die Produktionssphäre - die Herstellung des Reichtums - scheint ihn wenig zu interessieren, nur die Verteilung des Reichtums verurteilt er als ungerecht. Das ist - zumal er sowohl die Armen als auch die Reichen als Vereinzelte vorstellt - im wesentlichen moralische und nicht ökonomische Kritik. Sein Hauptargument ist dabei, ganz nach humanistischem Maßstab, daß die ungleiche Verteilung weder den einen noch den anderen zufrieden macht. Ist dieser passiv und schwach aus Not und daraus folgendem fehlenden Selbstbewußtsein, ist es jener aus Übersättigung und fauler Muße. Der Spott, mit dem Frey trotz aller Sentimentalität seine Protagonisten der Armut bedenkt, lässt eine Nähe zum vorwiegend moralisch argumentierenden Anarchismus ahnen, der Gewaltanwendung für nötig erachtet, aber nicht gutheißt, der vor allem auch eher der (persönlichen) Rebellion zuneigt als dem sorgfältig geplanten Umsturz. Weniger in den radikalen Thesen Gustav Landauers, eher im sanften Anarchismus eines Kropotkin (...) verwischen sich die Grenzen zum bürgerlichen Humanismus, wie er von Frey in ziemlich typischer Weise gestaltet wird« (KHW, S. 290).
Die Begegnung mit Thomas Mann blieb für Frey nicht ohne Folgen. Man tauschte nach der »Solneman«-Lesung Höflichkeiten aus und lernte sich gegenseitig schätzen. Der berühmte Schriftsteller wurde für Alexander Moritz Frey schnell zu einem guten Freund, der ihn später auch in bitterster Not nicht im Stich lassen sollte. Mit dessen Bruder Heinrich Mann, den er erst nach dem 1. Weltkrieg kennenlernte, verband Frey eine ebenso enge Freundschaft. Als Autor war er diesem dabei bedeutend näher als dessen Bruder Thomas. Er verkehrte oft in Heinrich Manns Haus in Schwabing, wo man unter Schriftstellern die Fragen der Zeit diskutierte. Frey war aber auch im Hause Thomas Manns ein gern gesehener Gast und fühlte sich der ganzen Familie bis zu seinem Tode eng verbunden. Bei aller Bescheidenheit war Frey stolz auf seine Freundschaft zu Thomas Mann, vor dessen Schaffen er gewaltigen Respekt hatte. Thomas Mann schrieb später über Freys Werk, es »sei eine ›alte Zuneigung‹ im Spiel und charakterisierte seinen Kollegen als »Mann von hintergründiger Gesetzheit, Verständigkeit, Ruhe und Güte, mit dem ich seit Jahrzehnten auf gutem Fuße stehe.« Es handele sich »um gute Dinge von gehaltener Schmerzlichkeit und Komik. Einer gewissen grotesken Überwirklichkeit, ja milden Absurdität entbehrt nichts davon, ist aber alles mit literarischer Höflichkeit und still parodistischer Hergebrachtheit vorgetragen, eine Haltung, die ich schätze. (...) Ich habe das alles sehr gern.« (Mann, Werke, S. 827)
Neben Thomas und Heinrich Mann zählten auch die phantastischen Schriftsteller Willy Seidel (1887-1934) und Rudolf Schneider-Schelde (1890-1956) zu Freys Freundeskreis. Schneider-Schelde (»Der Frauenzüchter, 1928) wurde am 31. Mai 1946 zum Ersten Präsidenten des »Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller« der Nachkriegszeit gewählt und engagierte sich auch aktiv im PEN-Club. Er verfasste mit »Abend« (1920) und »Schatten« (1923) zwei Drehbücher, die von Frey stark beeinflusst waren. Willy Seidel war dagegen einer jener Autoren, die später von der phantastischen Literatur zu den phantastischen, völkischen Mythen der Nazis wechselten. Er verfasste eine Reihe von Erzählungen sowie humoristische Grotesken und Satiren, widmete sich in den Zwanzigerjahren aber fast ausschließlich dem Studium okkulter Schriften. Seidel wandte sich schon früh den Nazis zu und hatte deswegen einen Streit mit Frey, den er in einer Rezension als »Zauberer« bezeichnet hatte. Frey war schwer enttäuscht von Seidels Rechtsruck und brach irgendwann mit ihm.
Mystischer Mumpitz
»Im Dritten Reich sollte das realisiert werden, woraus die Science Fiction noch immer ihr Kapital schlägt.« (Nagl, S. 164)
Phantastische Ideen dienten in Deutschland nicht nur der Literatur als Vorlage. Anfang des 20. Jahrhunderts erschien eine Flut von Büchern, die als eine Mischung aus esoterischer »Geheimwissenschaft« und Science Fiction im pseudowissenschaftlichen Gewand daher kamen. Spekulative Wissenschaft hatte die profane Quacksalberei von kleinen Betrügern abgelöst, die auf Jahrmärkten Schlangengift als Medizin verkauften. Heilsbringer aus aller Welt verkündeten allerorts obskure Geheimlehren oder warfen mit Runensteinen um sich. Eine ganze Reihe von Autoren geriet in das esoterische Fahrwasser von Theosophen, Ariosophen und anderen Mystikern, die mit allerlei Hirngespinsten auf sich aufmerksam machten. Mit absurden Theorien wie Hanns Hörbigers »Welteislehre« und dessen Buch mit dem Titel »Glazial-Kosmogenie. Eine neue Entwicklungsgeschichte des Weltalls und des Sonnensystems aufgrund der Erkenntnis eines kosmischen Neptunismus und eines ebenso universellen Plutonismus« (1913) konnte die phantastische Literatur nicht mehr mithalten. Laut Hanns Hörbiger, Vater des Schauspieler Paul Hörbiger, bestand das Universum aus Eis. Aus dieser simplen Idee für einen phantastischen Roman entwickelte er eine ominöse Pseudowissenschaft, die sämtliche astronomischen Erscheinungen neu erklären sollte. Hörbiger hatte sich dabei eigentlich nur frech bei einem utopischen Roman mit dem Titel »Planetenfeuer«(1899) von Max Haushofer (1840-1907) bedient. Max Haushofer war wiederum der Vater des Geopolitikers Karl Haushofer (1869-1946), einem guten Freund von Rudolf Heß, dem ab 1939 von der ausländischen Presse eine Rolle als Chefdenker der Nazis zugesprochen wurde, die er nie gehabt hat. Zu den Ideen aus Max Haushofers Roman kam für die »Welteislehre« noch allerlei mystischer Unsinn vom ewigen Krieg zwischen Feuer und Eis dazu, der u. a. die Sintflut und den Untergang von Atlantis ausgelöst haben soll. Sowohl Adolf Hitler als auch Heinrich Himmler und der Raketenpionier Max Valier waren von den wirren Spinnereien Hörbigers restlos überzeugt. Vor allem Himmler versuchte mit seiner SS-Forschungsabteilung »Ahnenerbe« später einen Beweis für die Welteislehre zu erbringen.
Die phantastische Literatur hatte sich vor allem im englischsprachigen Raum entwickelt. »Frankenstein« (1818) von Mary Shelley, Urahn der modernen Science Fiction, kam in Deutschland erst sehr spät auf den Markt. Während in England und Frankreich seit 1823 bereits ein Dutzend Theaterfassungen über die Bühne gingen und Thomas Edison schon 1910 die erste Verfilmung des populären Stoffes drehte, erschien »Frankenstein« erst 1912 in deutscher Sprache im Leipziger Verlag Max Altmann. Der Verlag hatte auch »Dracula« von Bram Stoker herausgebracht, spezialisierte sich aber vor allem auf Bücher über Geheimbünde, Tempelritter, Wünschelruten und Telepathie. Auch die Bestseller von Edward Bulwer-Lytton erschienen in diesem Verlag. Wissenschaft, Okkultismus und Trivialroman reichten sich die Hand.
Den Nazis galt das Gros der Phantastik später als »entartete Kunst«. Wenn sich die phantastische Literatur auch nur selten explizit politisch gab, fürchteten die Nazis vor allem den geistigen Spielraum dahinter. Die Geschichtsschreibung der Nazis bediente sich aber dank ihrer völkischen Wurzeln selbst ausgesprochen gern phantastischer Geschichten. Der Glaube an die Propaganda der politischen Religion Nationalsozialismus und eine Überlegenheit der deutschen Technik speiste sich zu einem nicht gerade geringen Teil aus Ideen der Phantastik. Große Teile der Nazi-Mythologie stammten aus Edward Bulwer Lyttons (1803-1873) Fantasyroman »The Coming Race« (1870), dem auch der Name der mystischen Energiequelle «Vril« entnommen wurde, die in der rechtsradikalen Esoterik bis heute eine große Rolle spielt. Dazu gesellte sich die »Rassenlehre« aus rassistischen und antisemitischen Fantasy-Magazinen wie den »Ostara«-Heften eines gewissen Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954), der Hitler zu seinen treuesten Lesern zählen konnte.
Von Liebenfels war ein Verrückter, der 1908 auf Burg Werfenstein den Orden der Neuen Templer (ONT) gegründet hatte. Seine »Ostara«-Hefte hatten zeitweise beeindruckende Auflagen. Der Einfluss des Schundautoren von Liebenfels auf Adolf Hitler ist von Nicholas Goodrick-Clarke in seinem sehr empfehlenswerten Standardwerk »Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus« bereits ausführlich beleuchtet worden. Wenn Autoren wie Wilfried Daim (»Der Mann, der Hitler die Ideen gab«) den Einfluss eines Schwindlers wie von Liebenfels auch überschätzen, so repräsentiert er vortrefflich eine ganze Reihe von Autoren, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Unwesen trieben und den Zeitgeist prägten. Lanz von Liebenfels hatte für die »Ostara« beim Ariosophen Guido von List (1848-1919) abgeschrieben, der sich wiederum bei der New Yorker Theosophen-Queen Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) und dem französischen Autoren Arthur de Gobineau (»Der arische Mensch«) bedient hatte. Blavatsky (»Die Geheimlehre«, 1888) selbst hatte bei rund hundert anderen Autoren verschiedener Texte geklaut und auch sie wurde vor allem von den Bestsellern Edward Bulwer Lyttons inspiriert. Dessen Roman »Die letzten Tage von Pompeji« (1834) hatte ihr als Vorlage für aberwitzige Theorien über das »okkulte Geheimwissen« der alten Ägypter gedient.
Die Geburt des Okkultismus
Die gebürtige Russin Helena Blavatsky war eine der einflussreichsten Schwindlerinnen ihrer Zeit. 1876 bezog sie mit ihrem Gönner Henry Steel Olcott, einem ehemaligen Bügerkriegsoffizier, den man nur den »Colonel« nannte, eine Wohnung mit acht Zimmern an der Ecke West 47th Street/Eight Avenue in Manhattan. Hier schrieb Blavatzky ihre Texte und unterhielt die feine Gesellschaft von New York mit Taschenspielereien, Zauberkunststückchen und Berichten von ihren angeblichen Weltreisen. Blavatsky, die schon morgens von Haschischwolken umgeben war, entwickelte aus den phantastischen Ideen Bulwer Lyttons die Grundprinzipien der Theosophie bzw. des Okkultismus. Grundlage ihrer »Geheimlehre« war eine alternative Entwicklungsgeschichte der Menschheit, die sie dem »Buch Dyzan« entnommen hatte, dem angeblich ältesten Buch der Welt, was außer Frau Blavatsky und den »geheimen Meistern Morya, Koot Hoomi und Djwal Kul« leider niemand je zu Gesicht bekam. Die »geheimen Meister« hüteten das Buch Dzan in ihrem »okkulten Museum« in einem unterirdischen Kloster. Selbst Himmlers Expeditionen nach Tibet konnten das geheime Versteck im Himalaya nicht finden. Morya, Koot Hoomi und Djwal Kul waren dafür aber eifrige Briefeschreiber und führende Theosophen aus aller Welt bekamen regelmäßig Post von den geheimen Meistern. Blavatzky behauptete nebenbei auch, von einem »Geheimbund religiöser Meister«, den »Mahatmas« oder »Great White Brothers«, in die USA geschickt worden zu sein, wo sie die Amerikaner auf »größere Wahrheiten« vorbereiten sollte. Bei den »Great White Brothers« handelte es sich dabei übrigens um eine Art himmlische Gerechtigkeitsliga, die aus Jesus, Buddha, Moses, Krishna und anderen religiösen Figuren bestand. Die Idee wurde 2001 von der Zeichentrickserie »South Park« in der äußerst kontroversen Episode »Super Best Friends« wieder aufgegriffen.
1884 wurde Madame Blavatsky des Betruges überführt und in den New Yorker Medien schwer gedemütigt. Blavatsky hatte sämtliche Briefe der geheimen Meister Morya, Koot Hoomi und Djwal Kul selbst verfasst und auch ihre angeblichen Abenteuer in fernen Ländern wurden nun in Frage gestellt. Die Begründerin des modernen Okkultismus zog aus Scham nach Europa, wo sie bis zu ihrem Tod 1891 um Einfluss innerhalb der theosophischen bzw. okkulten Szene kämpfte.
Blavatkys Schwachsinn von einer »Geheimlehre« wurde in Deutschland von Leuten wie Rudolf Steiner oder Anhängern der »Lebensreform«-Bewegung trotzdem heftigst bejubelt. Vor allem ihre Wiederbelebung des »Aryanism«, dem Glauben an eine überlegene Rasse, fand hier viele Freunde.
Die Arier
Die Herkunft des Wortes Arier aus dem Alt-Indischen und seine tatsächliche Bedeutung ist in Deutschland noch immer weitestgehend unbekannt. Tatsächlich stammt der Begriff aus der Sprachwissenschaft des heutigen Irans und hat nicht das geringste mit blonden, blauäugigen Nordmännern zu tun.
Das imaginäre Volk der Arier wurde in der »Rassentheorie« der Nationalsozialisten in Skandinavien verortet. Die Nazis wollten die Germanen damit von den romanischen Völkern trennen und erklärten die Arier zu einer indogermanischen Herrenrasse, die mit einer Insel namens Atlantis oder Thule untergegangen war. Helena Blavatzky, die sich in ihren Werken auch mit vollen Händen beim Hindiusmus bediente, hatte die Arier bereits vorher zur »fünften Wurzelrasse« und zu ursprünglichen Bewohnern von Atlantis erklärt, die seit 18 Millionen Jahren auf der Erde zugegen waren. Inspiriert wurde sie dabei vermutlich von der hinduistischen Reformbewegung Arya Smaj aus Mumbai, die von 1878 bis 1881 mit der Theosophischen Gesellschaft New York fusioniert war und das Märchen von den Ariern schon sehr viel früher verbreitete.
Die Mischung aus Sozialdarwinismus, Aberglaube und Rassismus war als neue Glaubensrichtung vor allem in Deutschland und Österreich sehr willkommen.
Deutschland war voll mit Theosophen, Ariosophen, Wünschelrutengängern und Geisterbeschwörern, aber auch in Österreich war man neuen Heilslehren gegenüber durchaus aufgeschlossen. Hochburg der rechten Esoterik war Wien und während Frey in München mit Thomas Mann scherzte, vegetierte ein kleiner Mann mit Schnurrbart in einem kläglichen Männerheim der österreichischen Hauptstadt vor sich hin. Sein Name war Adolf Hitler und er bot einen erbärmlichen Anblick. Er war nach Wien gekommen, um Kunst zu studieren, aber alles was er zu Papier brachte, waren Gebäude. Menschen schienen ihm fremd. Man hatte ihn nicht zum Studium zugelassen und seitdem vagabundierte er planlos durch Wien. Auch Lanz von Liebenfels, den Hitler in Wien zuhause besuchte um ein paar in seiner Sammlung fehlende »Ostara«-Heftchen zu erwerben, nahm ihn erst wahr als Hitler viele Jahre später in »Mein Kampf« schilderte, wie er sich »damals um wenige Heller die ersten antisemitischen Broschüren (s)eines Lebens« gekauft hatte. Hitler bezog sich dabei auf »die Judenfrage« und bekannte, dass ihm bei der Lektüre der Broschüren kurzzeitig »Zweifel kamen infolge der zum Teil so flachen und außerordentlich unwissenschaftlichen Beweisführung für die Behauptung. Ich wurde dann wieder rückfällig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus.«
Alexander Moritz Frey kannte Publikationen wie die »Ostara« nur zu gut und machte sich öffentlich darüber lustig. Seinen Oberbürgermeister in »Solneman der Unsichtbare« ließ er den namenlosen Fremden gleich zu Beginn fragen: »Sind sie Theosoph und wollen ein Reich gründen?« (SDU1, S.12) Damit konnte man in den literarischen Salons von München 1909 so manchen Lacher bekommen.
II. An der Front
Am 28. Juni wurden der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau von serbischen Attentätern ermordet. In ganz Europa war man längst kriegsbereit und wartete quasi nur auf ein Ereignis wie das Attentat in Sarajevo. Die Bündnisse waren längst geschlossen und die hektische militärische Mobilmachung schien eine diplomatische Lösung des Konfliktes auszuschließen. Vier Wochen später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, der sich bald in ganz Europa und bis nach Asien, Amerika und Afrika ausbreitete. Die Begeisterung für den Krieg kannte anfangs keine Grenzen und auch die deutschen Schriftsteller waren vom Krieg größtenteils euphorisiert. Die »Licht und Schatten« wurde in »Die Front« umbenannt und druckte nur noch Landser-Lyrik. Georg Heym, wollte »noch mit der Kugel im Bauch den Rausch der Begeisterung« spüren und Thomas Mann schrieb in seinen »Gedanken im Kriege«: »Wie hätte der Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte.« (Mann, Gedanken, S.205) Ganz Deutschland berauschte sich am eigenen Nationalismus. Tausende und Abertausende meldeten sich freiwillig.
Alexander Moritz Frey teilte diese patriotische Begeisterung nicht. 1915 beschrieb er den vaterländischen Wahn in seiner Erzählung »Der Paß« folgendermaßen: »Mensch gegen Mensch. Ungeheuere Vernichtung. Stürzt herab, ihr Himmel! Empor, du Erde! Gegeneinander! Großartigstes aller Schauspiele.« (KHW, S. 188)
Obwohl er überzeugter Pazifist war, ging Alexander Moritz Frey 1915 trotzdem als Sanitäter zum Militär, wo er »trotz seines unsagbaren Abscheus vor Krieg und Kriegsgeschrei im Getöse der Materialschlachten mit einer Hingabe ohnegleichen Samariterdienste verrichtete«, wie sich sein Freund Max Kolmsperger in einer Gedenkrede am 28. Januar 1957 im Bayerischen Rundfunk erinnerte (Kolmsperger, DLA1, Sign. 69.6003). Frey landete beim Offiziersstab der 8. Kompanie des Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 16, dem Regiment List, dem ein junger Gefreiter namens Adolf Hitler als Meldegänger diente. Beide unterstanden direkt dem Kommando von Feldwebel Max Amann.
Adolf Hitler war bis zu diesem Zeitpunkt nicht weiter aufgefallen: ein erfolgloser Postkartenmaler, der den Krieg ebenso freudig begrüßt hatte wie die meisten Deutschen und Österreicher. Hitler bezeichnete seine Zeit an der Front später in »Mein Kampf« als »die unvergesslichste und größte Zeit meines irdischen Lebens« (Hitler, S. 180). Genauere Angaben vermied der Gefreite Hitler bis zu seinem Tod.
Nur sehr wenig ist über die frühen Details aus der Biographie des Diktators bekannt. Zwar gab es die eine oder andere, teilweise zweifelhafte, Anekdote von ehemaligen Kameraden, aber niemand konnte bisher ein halbwegs genaues Bild dieses Lebensabschnitt Hitlers zeichnen.
In seinem »Curriculum Vitae« (ca. 1939) erinnerte sich Frey an Hitler: «Meine ersten Bücher kamen ein paar Jahre vor dem Krieg - und dann kam er, der uns alle verschlang, um den und jenen nach vier Jahren wieder auszuspeien. Ich gehörte zu ihnen – erstaunlicherweise. Es erstaunt mich noch heute, denn ich war 3 Jahre an vorderster Front und war nie verwundet, ein paar Kratzer abgerechnet. Links und rechts fielen sie, tot und zerfetzt waren sie, verröchelt sind sie mit dem Kopf in meinem Schoß, den Schweiß des Endes habe ich ihnen aus dem bläulichen, vom letzten Zittern überhuschten Stirn gewischt – und bin selber dageblieben in dieser sinnlosen, dummen, brutalen Welt. Zufall, Zufall.
Ich war als Sanitätsoffizier draußen, ununterbrochen im Westen in Nordfrankreich – und der Gefreite Adolf Hitler ›kämpfte‹ neben mir. Beide gehörten wir dem Regimentsstab des 16. bayrischen Reserve-Infanterie-Regiments an. Wir kamen nicht weg aus der Hölle dieser schwersten militärischen Auseinandersetzungen des Weltkrieges, keinen Tag kamen wir fort aus der Atmosphäre Verduns und der Somme - etwa in die paradiesischen Gefilde Italiens oder Rumäniens. ›Les Lions des Baviére‹, die bayrischen Löwen, wurden von der Heeresleitung ständig dort gebraucht, wo es am dreckigsten zuging. So hat denn unser Regiment, aus 3000 Menschen regulär bestehend, in den vier Jahren etwa 10.000 Menschen verbraucht.«

Meldegänger Adolf Hitler, 1914/15
Der Gefreite Hitler
1913 hatte Adolf Hitler noch auf dem Münchener Odeonsplatz gesessen und Aquarelle der prächtigen Bauten Münchens gemalt. Er schlief in Männerasylen und konnte sich nur mit Mühe über Wasser halten. Wer Hitler damals begegnete, hätte wohl kaum geglaubt, dass die magere Gestalt mit dem Schnurrbart zwanzig Jahre später Reichskanzler sein würde und die Welt in den blutigsten Krieg der Geschichte stürzen sollte. Auch Alexander Moritz Frey beobachtete später ungläubig den Aufstieg Hitlers, den er für einen Dummkopf erster Klasse hielt. Im deutschen Literatur-Archiv in Marbach befindet sich ein Manuskript mit dem Titel »Der unbekannte Gefreite – persönliche Erinnerungen an Hitler«. Frey hatte eine Kopie des Manuskriptes bereits 1949 an den Aufbau Verlag in New York geschickt. Dort war der zuständige Redakteur Manfred George, der selbst vor Hitler in die USA geflohen war, aber an einer Veröffentlichung nur wenig interessiert. In einem Brief an Frey vom 23. Juni 1949 (DLA1) schreibt George: »Ich wünschte, ich könnte Ihnen über den Unbekannten Gefreiten einen guten Bescheid geben. Wir haben uns aber entschliessen müssen, ihn nicht abzudrucken, weil uns - Sie werden mir die Offenheit gestatten - die Arbeit stofflich etwas dünn ist. Außerdem stehen wir auf dem Standpunkt, je weniger von Hitler gesprochen wird, desto besser. Selbst abfällige Kritik stellt immer eine Art Propagierung dar. Besser, wenn er aus den Köpfen der Mitwelt ganz verschwindet.»
Genau dieses Verschwinden aus den Köpfen hatte Frey verhindern wollen, aber das Manuskript landete in der Schublade und wurde dort vergessen. Dabei zeichnete der Text ein gutes Bild des jungen Adolf Hitlers, dem Frey 1915 erstmals begegnete:
«Das bayrische 16. Reserve-Infanterieregiement, das einer an der Westfront operierenden Division angehörte, einer selbstständigen, die oftmals schnell dort eingesetzt wurde, wo plötzliche Hilfe nötig schien, war der Truppenteil, in dem Adolf Hitler den Ersten Weltkrieg verbrachte. Es war auch das Regiment, in dem ich drei Jahre an der Front stand. Während Hitler mit dem neu formierten Regiment von München aus im Oktober 1914 ins Feld ging, kam ich, der wesentlich älter war als er, nach fast einjähriger Ausbildungszeit im September 1915 zur Truppe. Obwohl dienstlich verschieden beschäftigt, kamen wir doch häufig miteinander in Berührung. Unseren Kompanien entzogen, waren wir beide dem Regimentsstab zugeteilt: er als Meldegänger im Gefreitenrang, ich zuerst als einfacher Sanitätssoldat, dann als Unteroffizier. Die Mannschaft des Regimentstabes war eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die den Wünschen der Offiziere unmittelbar unterstellt war. Hitler, als Befehlsempfänger, hatte Meldungen an Bataillonsstäbe und ähnliches zu überbringen, ich tat Dienst an der Seite des Regimentsarztes auf den Verbandplätzen, oder in den Ruhequartieren als Schreiber. Übrigens gehörte auch Max Amann, späterer Direktor des berüchtigten Eher-Verlages in München und prächtiger Bonze im Bezirk der Presse des Dritten Reiches, zu den Abkommandierten: Er hatte die Regimentskanzlei unter sich, war im Feldwebelrang, klein und ehrsüchtig, kriecherisch und schlau in der Behandlung der Vorgesetzten, brutal in der der Untergebenen. Er wollte von mir lernen, wie man auf literarischem und journalistischem Gebiet geschickt verfährt. Auf eine primitive Art begierig, aus seiner Ausbildung herauszukommen, benahm er sich, als habe er damals schon eine Nase dafür gehabt, es könne ihm später einmal ein hohes Amt im Bereich des Schrifttums winken.
Was Hitler betrifft, so geht meine erste Erinnerung an ihn auf den Herbst 1915 zurück. Ich tat Dienst auf dem Verbandplatz Fromelles, in den Kellern einer zusammengeschossenen Ferme, vor Lille. Täglich bescherten uns die Engländer ›den Abendsegen‹; das heißt, aus Langrohren von weither kamen fast auf die Minute drei Schüsse. Drei Granaten explodierten in den ohnehin zermalmten Dorfresten. Wir wußten das und verkrochen uns beizeiten. Eines Abends kam ein bleicher langer Mensch nach der ersten Granate zu uns hinuntergestürzt, Angst und Wut in den flackernden Augen. Hitler wirkte damals lang, weil er mager war, ein voller Schnurrbart, der später der neuen Gasmaske wegen gekappt werden mußte, verdeckte noch den häßlichen, meist verkrampften Schlitz des Mundes. Er hockte sich keuchend hin, es war ihm nichts geschehen, er stotterte, daß er auf dem Weg von oder zu einem Battailonsunterstand gewesen sei, sein gelbes Gesicht rötete sich, es wurde schnell wie gedunsen, und er hatte etwas von einem kollernden Puter, als er nun gegen die Engländer loslegte. Das erste Quantum wiedergewonnener Kraft verbrauchte er zu Beschimpfungen. Ich hatte gleich den Eindruck, den man später so oft bei ihm gehabt hat: daß er militärische Maßnahmen des Gegners persönlich übel nahm - so, als wollten sie gerade ihm an sein kostbares Leben. Es lag wohl daran, daß ein zu so ungeheuerlichen Taten berufener Mensch wie er instinktiv sich aufs äußerste davor zu hüten suchte, Schaden zu nehmen, und mächtig darüber erbost war, überhaupt in die Gefahr, in die Möglichkeit des Zugrundegehens zu geraten. Er bekam etwas zu trinken von uns, es beruhigte ihn ein wenig, er regte sich weiter auf über die Unverschämtheiten und Dummheiten des Gegners. Schließlich steckte er vorsichtig den Kopf ins Freie, horchte umher, und weil alles still blieb, die drei Schüsse waren längst vorbei, verschwand er mit einem brummigen Abschiedswort.
›Sie waren im Sanitätsdienst? Warum haben sie dem Mann nicht rechtzeitig Rattengift oder eine entsprechende Spritze gegeben?‹ bin ich mehrmals in den letzten Schreckensjahren fürchterlich – halb im Scherz, halb im Ernst – gefragt worden. Er war einmal in meiner Behandlung, sie bestand nur darin, daß ich ihm irgendwelche Tabletten zu schlucken gab. Er hatte leichte Temperaturerhöhung und einen rot angelaufenen Rachen. Obwohl es vorerst so gut wie nichts war und nach Frontgewohnheiten eigentlich gar nicht weiter beachtet wurde, riet ich ihm doch, sich anderntags im Revier zur Arztvisite zu melden. Er horchte in sich hinein, zögerte – und schüttelte dann den Kopf, mit harten Mundwinkeln, verkrampfte Entschlossenheit im Blick. Nein, das wolle er nicht, sagte er undurchsichtig. Im weiteren Verlauf seiner Erkrankung sorgte er dann offenbar dafür, daß es sich bei den Kameraden herumsprach und auch zu den Ohren der Offiziere kam: der Hitler habe ›eine pfundige Halsentzündung‹, tue aber trotzdem Dienst. Mir ist die geringe Sache im Gedächtnis geblieben, weil man unter der Mannschaft schon hören konnte: der Hitler sagt-, der Hitler meint-. Er gewann sich das Ohr des Regiments, und die Offiziere bauten darauf; er schwatzte nach ihrem Sinn, wenn er gegen die dummen Engländer kollerte, die den Saufranzosen die Geschäfte besorgten; aber kaputt würden ja doch alle miteinander gehen. Denn gegen die deutsche Leistung sei selbstverständlich auf die Dauer kein Kraut gewachsen, von seitens dieser Idioten schon gar nicht.
Es war tatsächlich so: er redete, schimpfte, trumpfte auf und verzerrte mit einem gewissen abgefeimten Geschick die wahre Sachlage schon damals als kleiner Gefreiter so und mit im Grunde den gleichen Worten, wie er es 25 Jahre später als uferloser Machthaber tat.
Wenn behauptet wird, er sei feige gewesen, so stimmt das nicht. Aber er war auch nicht mutig, dazu fehlte ihm die Gelassenheit. Er war allzeit wach, sprungbereit, hinterhältig, sehr um sich in Sorge, alle Kameradschaftlichkeit war Kostüm, für den Einfachen und Naiven geschickt gewähltes Kostüm, um sich beliebt zu machen und um sich verblüffend in Szene zu setzen. Er kannte die Tricks, mit denen man den Burschen Brocken hinwarf, die sie gerne schluckten. Und er inszenierte die im Herzen eiskalte, nach außen brodelnde Komödie vielleicht nur zum Teil bewußt.
Ich entsinne mich eines Marsches der kleinen Gruppe der Regimentsstäbler an die Somme. Vorher waren wir ein Stück weit mit dem Zug befördert worden. Besser als die Kompanien stehend in ihren Viehwägen waren wir in einem Drittklassewagen gesessen, an den ein Wagen zweiter Klasse für die Offiziere sich anschloß. Ich saß mit Amann und Hitler im gleichen Coupè, Amann mit dem vielen Gerede des Viertelgebildeten neben mir, Hitler uns gegenüber schlafend mit offenem Mund, erschlafft wie wir alle nach einem jähen nächtlichen Aufbruch aus kaum bezogenem Ruhequartier. Er schlief mit weghängendem Kinn und hatte die Füße so ausgestreckt, daß Amann mit seinen kurzen feisten Gliedern - durch seine Verbindung zu den Fourage-Unteroffizieren bekam er immer reichlich zu essen - eingekeilt war. Herrschsüchtig und brutal auch er, wurde ihm die Enge plötzlich zu lästig, und er gab dem Schläfer einen Tritt gegen das Schienenbein. Hitler fuhr auf.
›Nehmen sie Ihre Haxen gefälligst zu sich!‹ sagte der Feldwebel in dienstlichem Ton. Hitler begriff, dann lief er rot an, einen Augenblick sah es aus, als wolle er über den anderen herstürzen; aber gleich darauf wurde aus der Verzerrtheit seines Gesichtes die Unterdrückung siedenden Jähzorns, und er gab keinen Ton von sich. Amann sagte höhnisch beruhigend: ›Ja, Sie meine ich, Gefreiter Hitler.‹
Später marschierten wir auf der Chaussée in Viererreihen, etwa 20 Mann unter dem Kommando Amanns, - einer gleich einem ungeheuren Wasserfall fern rauschenden Kanonade, dem Trommelfeuer an der Somme, entgegen, und keiner sprach ein Wort im würgenden Gefühl, näher an den Tod heranzurücken. Es war wie auf dem letzten Gang zur Richtstatt. Es hatte sich herumgeflüstert: dort, wo wir nun in aller Eile eingesetzt wurden, stehe es schlecht, und wir würden eben gerade deshalb überstürzt eingesetzt. Selbst Hitler wußte nichts Großartiges zu faseln.
Aber unser leichenähnlicher Trott wurde plötzlich unterbrochen durch einen im Tiefflug die Chaussée entlang brausenden Engländer, der mit dem Maschinengewehr die Straße abstreute. Ich war in solchen Fällen mehr in ein erschrecktes Beobachten gebannt als zu vernünftiger Flucht befähigt. So sah ich, wie alle nach links und rechts auseinanderspritzten – im Versuch, die Straße zu verlassen und irgendeine kleine Bodensenkung oder ein kärgliches Gebüsch zu erreichen. Einer der Flinksten geistig und körperlich war Hitler; er nahm den kürzesten Weg – der ging gewissermaßen mitten durch einen Kameraden hindurch, den er einfach umrannte, so daß jener auf der Straße liegen blieb.
Es geschah weiter nichts, keiner von uns wurde auch nur verletzt. Und übrigens war der Flieger samt seiner den Chausséestaub aufpeitschenden Feuergarbe längst vorbei, ehe nur einer sich halbwegs niedergeworfen oder ein unnützes Versteck erreicht hatte.
Als wir wieder in Marsch waren, unter den nervös hingeplärrten Kommandos Max Amanns, hatte Hitler eine Auseinandersetzung mit dem von ihm über den Haufen Gerannten. Das heißt – er wußte es hitzig so zu drehen, daß der andere im Unrecht war: denn jener habe durch seine Tappigkeit und Langsamkeit das Leben der übrigen Kameraden gefährdet.
Es ist viel darüber geredet worden, weshalb Hitler über seinen Gefreitenrang hinaus nie befördert worden ist. Es erklärt sich einfach damit, daß für den Dienst, den er versah, keine höhere Charge in Betracht kam. Ohne Zweifel hätte er sich zu seiner Kompanie zurückmelden, hätte Grabendienst machen können mit Aussicht auf Beförderung. Aber er wollte das offenbar nicht; es gab gewisse Positionen, die vom einfachen Mann, war er ihrer einmal habhaft geworden, ungern wieder aufgegeben wurden, weil sie automatisch gewisse Vorteile brachten, - hier vor allem besseres Quartier und bessere Verpflegung, als der Infanterist im Schützengraben hatte. Ich mußte mich sehr wehren gegen das Drängen meines Kompanieführers, den Sanitätsdienst, in dem ich nicht weiterkommen konnte, weil ich nicht Mediziner war, zu verlassen und einen Offizierskurs mitzumachen. Ich wollte nicht weg aus meinem Dienstbereich – wohl aus demselben Grunde wie Hitler nicht aus dem seinen: gemessen an der fürchterlichen Mühsal des Grabendienstes war unsere Abkommandierung zum Stab eine kleine Erleichterung, verbunden mit kleinen Bequemlichkeiten. (...) Eines meiner Bücher ›Die Pflasterkästen‹ behandelt die Geschichte jenes bayrischen Infanterieregiments, gesehen mit den Augen des Sanitätssoldaten. Und in dem Roman ›Hölle und Himmel‹ gibt es Kapitel, die sich mit Hitler und meinen Erinnerungen an ihn beschäftigen.«
(DUG, S. 1-7)

Adolf Hitler mit seinen Kriegskameraden vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16. Von links nach rechts/stehend: Sperl (München), Lithograph; Max Mund (München), Vergolder; sitzend: Georg Wimmer (München), Strassenbahner; Josef Inkofer (München); Lausamer (gefallen); Adolf Hitler; liegend: Balthasar Brandmayer (Bad Aibling), Maurer. (Foto: Bundesarchiv)
Alexander Moritz Frey erhielt am 31. Dezember 1917 das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Hitler hatte am 8. August 1918 das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhalten, für einen Gefreiten eine ungewöhnliche Auszeichnung. Der genaue Grund für Hitlers Auszeichnung ist bis heute unbekannt. Es ist vielfach vermutet worden, dass Hitler vermeiden wollte, dass man erfuhr, dass es der jüdische Regimentsadjudant Hugo Gutmann war, der ihn für die Auszeichnung vorgeschlagen hatte. Frey bestätigt diese Annahme in einer längeren Passage seines Romans »Himmel und Hölle«, der während des 2. Weltkrieges im Exil entstanden ist: »Mit das Schwerste war wohl der jüdische Vorgesetzte. Da standest du also stramm vor ihm, tagaus nachtein. Er hatte jenen Orden, den's für die Front wie das tägliche Brot gab, bloß in besserer Qualität als das Brot - er hatte ihn erster Klasse am Waffenrock; du mußtest dich damals noch mit dem Bändchen zweiter Gute begnügen. In solch billiger Ausführung hatte den Orden jeder von uns, war man nur lange genug im Dreck. (...) Dein Kanzleifeldwebel war in der gleichen Verlegenheit im letzten Kriegsjahr wie der meine: nämlich so viel Auszeichnungen für seine kleine Herde laufend überwiesen zu bekommen, dass er nicht mehr wusste, woher alle die Helden dafür nehmen.« (HUH, S. 305 f.)
Hitler bekam sein Eisernes Kreuz erst sehr spät und vermutlich ausschließlich zur Stärkung seiner Moral und als Anerkennung für seinen jahrelangen Einsatz, der nicht ansatzweise so spektakulär war, wie es Hitler gerne Glauben machen wollte.
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