Kitabı oku: «Behavioral Finance»

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Stefan Hilbert/Thomas Metzner

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1. Auflage 2021

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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039093-5

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-039094-2

epub: ISBN 978-3-17-039095-9

mobi: ISBN 978-3-17-039096-6

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Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  I Entscheidungsrahmen und entscheidungstheoretische Grundlagen

3  I.1 Das Dilemma der Entscheidung – zwischen Emotion und Selbstregulation

4  I.1.1 Neuroanatomie und kognitive Fähigkeiten

5  I.1.1.1 Gehirn – zentrales Steuerungsorgan zwischen Emotion und Selbstregulation

6  I.1.1.2 Der präfrontale Cortex im Kontext der rationalen Entscheidungsfindung

7  I.1.1.3 Der Reiz als darstellbarer Auslöser von Gehirnaktivität

8  I.1.2 Neuroanatomie – Basis einer erweiterten Finanztheorie

9  I.1.3 Neurofinance – integrativer Erklärungsansatz für lückenhafte klassische Finanztheorien

10  I.1.4 Duales Handlungsmodell im Kontext des Entscheidungsverhaltens

11  I.1.5 Kontrollfragen

12  I.2 Warum Ungewissheit nicht gleich Risiko ist und Menschen gerne alles berechenbar haben wollen

13  I.2.1 Die Struktur der Unsicherheit

14  I.2.1.1 Risiko als Ausprägung von Unsicherheit

15  I.2.1.2 Ungewissheit als Ausprägung von Unsicherheit

16  I.2.2 Kernelemente der Prospect Theory

17  I.2.3 Kulturelle Prägung und psychologische Risikobewertung

18  I.2.4 Determinanten des Risikoverhaltens von Kapitalanlegern

19  I.2.5 Risiko und Ungewissheit in Aktion

20  I.2.6 Kontrollfragen

21  I.3 Warum Rationalität so einfach zu verstehen und doch so schwer umzusetzen ist

22  I.3.1 Annahmen zum Referenzmodell des Homo oeconomicus

23  I.3.2 Limitationen, Anomalien und Entwicklungspfade

24  I.3.2.1 Beispiel 1: Schweinezyklus

25  I.3.2.2 Beispiel 2: Selbstloses Verhalten

26  I.3.2.3 Entwicklungen – vom rationalen Verhalten, der beschränkten Rationalität und vielem mehr

27  I.3.3 Rationalität und Neuroökonomie

28  I.3.3.1 Kognitive Orientierung

29  I.3.3.2 Affektive Orientierung

30  I.3.4 Leistung des Referenzmodells zum Homo oeconomicus

31  I.3.5 Kontrollfragen

32  II Warum Entscheidungen schnell, langsam, aggressiv oder gar nicht getroffen werden

33  II.1 Wir sehen was wir wollen – Eine Anomalie der Wahrnehmung?

34  II.1.1 Psychologie des Phänomens der selektiven Wahrnehmung

35  II.1.1.1 Selektive Wahrnehmung im Kontext der Behavioral Finance Theorie

36  II.1.1.2 Erklärungen für das Prinzip der selektiven Wahrnehmung

37  II.1.1.3 Der Einfluss der Informationsdarstellung auf die Wahrnehmung

38  II.1.2 Strategien zum Umgang mit dem Phänomen der selektiven Wahrnehmung

39  II.1.3 Kontrollfragen

40  II.2 Warum wir zur Selbstüberschätzung (Overconfidence) neigen

41  II.2.1 Theoretische Einordnung der Overconfidence in den Kontext der Behavioral Finance

42  II.2.2 Entscheidungsheuristiken – der Schlüssel für praktikable Lösungen

43  II.2.3 Overconfidence – Verzerrungen der individuellen Erwartungsbildung

44  II.2.4 Können/ Wollen wir überhaupt dem Overconfidence-Phänomen entkommen?

45  II.2.5 Kontrollfragen

46  II.3 Das Wechselspiel zwischen individueller Perspektive, Referenzpunkt, Verhandlungsgeschick und Zahlungsbereitschaft – Der Besitztums-Effekt

47  II.3.1 Psychologie des Besitztums-Effekts

48  II.3.1.1 Besitztums-Effekt im Kontext der Behavioral Finance

49  II.3.1.2 Besitztums-Effekt – eine inhaltliche Annäherung

50  II.3.1.3 Besitztums-Effekt – eine theoretische Annäherung

51  II.3.2 Enttäuschungen vermeiden trotz Besitztums-Effekt

52  II.3.3 Kontrollfragen

53  II.4 Herdenverhalten und Spekulationsblasen

54  II.4.1 Die Bedeutung des Preismechanismus

55  II.4.2 Die Massenpsychologie als Grundlage des Anlegerverhaltens

56  II.4.3 Informationen und Viralität

57  II.4.4 Arten und Muster von Spekulationsblasen

58  II.4.5 Das Kindleberger-Minsky-Modell im praktischen Anwendungsbeispiel von Wirecard

59  II.4.6 Kontrollfragen

60  III Warum wir besser entscheiden könnten und manchmal Hilfe brauchen

61  III.1 Plädoyer für eine nachhaltige Finanzberatung zur Vertrauensstiftung

62  III.2 Der Umgang mit Heuristiken und Biases

63  III.3 Nudging als Teilbereich des Libertären Paternalismus

64  III.3.1 Manchmal hilft ein kleiner Schubs

65  III.3.2 Ausgestaltung von Nudges

66  III.3.2.1 Das EAST-Konzept

67  III.3.2.2 Kennzeichen einer guten Entscheidungsarchitektur

68  III.3.3 Kontrollfragen

69  III.4 Den Advocatus Diaboli nutzen

Vorwort

Wir schreiben dieses Buch in bewegten Zeiten. Mit Beginn des Jahres 2020 verbreitete sich ein neuartiges Virus über die Welt. Anfangs noch unterschätzt, wendete sich das Blatt dann schlagartig, als die Infektionszahlen exponentiell anstiegen und neben dem Gesundheitswesen die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der zur Vermeidung der Virusausbreitung erforderliche Shutdown in vielen Staaten zeigte die Verletzlichkeit des Wirtschaftssystems. Globalisierung, Reisefreiheit, Vernetzung von Lieferketten und Finanzmärkten, ein vertraut gewordenes System kam ins Wanken. Stabilität und Kontrolloptimismus erwiesen sich im ersten Moment des Schocks als Illusion.1

Die Verflechtung weltweiter Finanzströme führt dazu, dass auch die Finanzmärkte unmittelbar und heftig auf Unsicherheit reagieren. Eine Pandemie ist nicht per se etwas völlig Neuartiges, in der Menschheitsgeschichte sind immer wieder Pandemien aufgetreten und die spanische Grippe ist eine der bekannteren in der jüngeren Geschichte. Der Ausbruch der Covid19-Pandemie macht aber deutlich, dass Menschen keine Unsicherheiten mögen – mit allen Konsequenzen, bis hin zur Negation.

Kampf, Flucht oder Totstellen sind tief verankerte Verhaltensmuster von Menschen in Schocksituationen. Panik (verkaufen) und Aktionismus (umschichten von Depots), aber auch ein Verharren (aussitzen) kann an den Börsen beobachtet werden. Veränderung und die damit einhergehende Unsicherheit sorgt für Unbehagen, da nicht abschätzbar ist, was folgt. Angst greift in solchen Situationen um sich und das bisherige Entscheidungsverhalten ändert sich schlagartig. »Angst essen Seele auf«, so lautet der Titel eines berühmten Filmmelodrams des deutschen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Und Angst (oder besser Panik) herrschte im Februar/März 2020 ( Abb. E.1) auch an den deutschen Börsen. Emotionen übernahmen die Regie und nur bei wenigen Marktteilnehmern überwog das rationale Kalkül.

Märkte spiegeln die Reaktionen von Marktteilnehmern wider. Marktteilnehmer sind aber nicht nur rational-ökonomisch handelnde Individuen, sondern eben Menschen mit Stärken und Schwächen, kognitiven Fähigkeiten, aber auch Vergesslichkeit, Unaufmerksamkeit – und manchmal begehen Menschen Dummheiten (wir wollen niemandem zu nahe treten, auch wir Autoren sind Menschen und wundern uns manchmal über uns selbst). Thaler und Sunstein unterteilen die Entscheider in ihrem Buch »Nudge« in die 2 Gruppen »Econs« und »Humans« (Thaler & Sunstein, 2012, S. 16). Wobei diese Unterteilung nicht bedeuten muss, dass der eine Teil der Menschheit den »Econs« und der andere Teil den »Humans« angehörte, vielmehr sind beide Spezies in jedem von uns enthalten.


Abb. E.1: 5-Jahres-Chart des DAX 2016-2020 (Quelle: https://www.boerse-stuttgart.de/de-de/produkte/indizes/846900-dax, Abruf 18.08.2020)

Mit der Behavioral Economics (Verhaltensökonomie) ist seit den 1970er Jahren eine neue Disziplin in den Wirtschaftswissenschaften entstanden, die sich eben mit diesen Sachverhalten auseinandersetzt. Die Verhaltensökonomie versucht, die unterschiedlichen Menschenbilder, die in Ökonomie, Psychologie und Soziologie existieren, wieder zu vereinen. Im Verhalten von Menschen wird nach Mustern und psychologischen Motiven gesucht, um zu zeigen, »wo diese im ökonomischen Kontext relevant sind« (Beck, 2014, S. 9).

Wir haben dieses Buch in drei Hauptteile mit folgender Logik gegliedert:

Im Hauptkapitel I wollen wir uns den Grundlagen menschlichen Entscheidens widmen. Dabei werden psychologische Grundmotive (viele von uns sind etwa Kontrollfreaks!) ebenso aufgegriffen wie die grundlegende Funktionsweise des Gehirns. Vielleicht ist unser bisweilen suboptimales Entscheidungsverhalten darauf zurückzuführen, dass wir neben einem Softwarefehler (Verhaltensmuster oder Gebrauch des Gehirns) auch über einen Hardwarefehler (Aufbau und Funktionsweise des Gehirns) verfügen, der uns bei Finanzentscheidungen dazwischenfunkt.

Jeder wird auch schon einmal erlebt haben, dass Hunger oder Durst schlechte Begleiter von Entscheidungen sind. Das Gehirn reagiert sensibel, wenn die Nährstoffversorgung nicht gewährleistet ist. Sinkt der Blutzuckerspiegel ab, schaltet das Gehirn in den Überlebensmodus und Bereiche, die viel Energie erfordern (wie komplexe Entscheidungen) werden zuerst in den Standby-Modus versetzt. Die Selbstbeherrschung (verortet im dorsolateralen Präfrontalcortex), wichtig für geplante Entscheidungen wie eine langfristige Kapitalanlage, wird heruntergefahren und das emotionale Verlangen (angesiedelt im ventromedialen Präfrontalcortex) übernimmt das Kommando ( Abb. E.2). Der sofortige Kick im Hier und Jetzt genießt dann eine höhere Präferenz, als dies unter normalen Umständen sowieso schon der Fall ist, als geduldiges Warten auf den gleichen Kick in der Zukunft.

In der Ökonomie wird dieser Themenkomplex zeitinkonsistente Präferenzen genannt (Beck, 2014, S. 212). Der Homo oeconomicus hat derartige Probleme nicht. Für ihn ist heute das Warten von beispielsweise einem Monat auf eine Auszahlung gleichwertig mit dem einmonatigen Warten auf die gleiche Zahlung in drei Jahren. In beiden Fällen wird für das Warten der gleiche Zins angesetzt. In der Realität haben Menschen aber meist eine höhere Gegenwartspräferenz für Zahlungen und werden auf die lange Frist geduldiger, was nur mit unterschiedlichen Zinsen erklärt werden kann.


Abb. E.2: Wie viel Homo oeconomicus ist möglich? (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Hare, Camerer & Rangel, 2009, S. 646 ff.)

Zudem gelangt ein Großteil der Informationen, die Menschen mit ihren Sinnesorganen aufnehmen, nicht ins aktive Bewusstsein. Wahrnehmung erfolgt erst, wenn Menschen (und damit auch Entscheider) bewusst auf Informationen oder Reize aus der Umwelt achten (Kiesel, o.J.). Bisweilen sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Das Zusammenwirken der fünf Sinne (Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten) und des Gehirns verdeutlicht, dass Menschen großes Potenzial für Schlamassel beim Entscheiden haben. Wenn zu den fünf klassischen auch noch der sechste Sinn, die Intuition, hinzukommt, wird das Grundproblem deutlich: Entscheidungen werden von allen Sinnen beeinflusst und damit ist der Entscheidungsprozess hinreichend komplex.

Die Behavioral Finance beschäftigt sich mit Finanzentscheidungen unter Berücksichtigung verhaltenswissenschaftlich/ kognitiver Erkenntnisse bekannten Modellen und Ansätzen der traditionellen Ökonomie und bezieht menschliches Entscheiden ein (Daxhammer & Fascar, 2018, S. 79 ff.). Die Zielsetzung der Behavioral Finance (als Teil der Behavioral Economics) besteht darin, Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Entscheidungsverhalten von Marktteilnehmern auf Anomalien hin zu analysieren und die dahinterliegenden Muster zu erkennen. Im Idealfall unterbreitet die Behavioral Finance Vorschläge für bessere Finanzentscheidungen.

Wir vertreten auch ganz bewusst einen holistischen Ansatz: Das heißt, menschliches Verhalten in alltäglichen Situationen (z. B. unserer Risikoverhalten bei Freizeitaktivitäten) kann einen Einfluss auf Anlageentscheidungen haben. Ebenso kann auch die Versorgung mit Versicherungsschutzprodukten (z. B. Lebens- oder Rentenversicherungen) eine Auswirkung darauf haben, dass Menschen an den Kapitalmärkten risikofreudiger agieren. Kann bedeutet aber nicht muss, denn monokausale Begründungsmuster funktionieren in einfachen Modellen, weniger in der Realität.

Erfolg in Finanzfragen kann beispielsweise mit Gewinnen und Verlusten gemessen werden. Bezugspunkte sind Kaufkurse oder der Anfangsbestand einer Vermögensposition. Ebenso wie zur Bewertung von Gewinnen und Verlusten ein Bezugspunkt benötigt wird, ist dies auch für die Beurteilung von Irrationalität erforderlich. Objektiver Bezugspunkt für das Erkennen von Irrationalität ist das Modell des Homo oeconomicus, der im Verlauf der einzelnen Kapitel immer wieder als Referenzgröße aufgegriffen wird.

In Hauptkapitel II werden wir uns dann mit den aus unserer Sicht wichtigsten Heuristiken (Daumenregeln für schnelles Entscheiden) und Biases (systematische, kognitive Verzerrungen, denen wir bei Finanzentscheidungen unterliegen können) beschäftigen. Wenn man die einschlägige Forschung konsultiert oder im Internet nach Biases sucht, findet man eine Vielzahl an bis heute erforschten und belegten systematischen Verzerrungen. Wir mussten eine Auswahl treffen und erheben daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Unser Ziel ist es, ein grundlegendes Verständnis für die Materie zu vermitteln.

In der folgenden Übersichtsdarstellung ( Abb. E.3) haben wir die von uns ausgewählten Heuristiken und Biases aufgeführt und diese Darstellung soll verdeutlichen, dass das Zusammenwirken der Effekte durchaus komplexer Natur ist.

Es gibt eine grundsätzliche Struktur, der ein Entscheidungsprozess folgt. Informationswahrnehmung, Informationsverarbeitung und Informationsbewertung sowie letztendlich die Entscheidungsfindung bilden den Kern dieser Struktur. Begleitet wird dies von individuellen Beschränkungen (z. B. Emotionen), Einstellungen zu Risiken oder das Eintreten für bestimmte Werte, um nur einige Aspekte aufzugreifen. Zudem ist die Informationsbasis, auf deren Grundlage wir entscheiden müssen, nicht immer eindeutig. Bisweilen verfügen wir über zu viele Informationen, in anderen Situationen mangelt es uns an umfangreichen oder guten Daten. Selbst bei verfügbaren Informationen können wir nicht immer sicher sein, dass diese objektiv und ausreichend sind – Ökonomen sprechen dann von asymmetrischer Informationsverteilung.


Abb. E.3: Übersicht über die im Buch aufgegriffenen Heuristiken und Biases (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Agrawal, 2012, S. 13)

Asymmetrische Informationen sind gegeben, »wenn eine Seite besser als die andere Seite über die relevanten Eigenschaften des am Markt gehandelten Gutes informiert ist. Dieser Fall ist z. B. im Verhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner, Aktionär und Vorstand oder Arbeitgeber und Arbeitnehmer bedeutsam, außerhalb des Marktes aber auch zwischen Politiker und Wähler.« (Brümmerhoff, 2011, S. 98)

Asymmetrische Informationen waren etwa einer der Auslöser der Finanzkrise 2008/09: Viele private Investoren hätten das ein oder andere Finanzprodukt nicht gekauft, wenn ihnen das wahre Risiko, das dem Anbieter bekannt war, bewusst gewesen wäre. Der Dieselskandal bei VW und die aktuellen Betrugsvorwürfe gegen Wirecard sind weitere Beispiele für asymmetrische Informationen, wenngleich hier auch noch kriminelle Energie hinzukommt.

Entscheidungsprozesse verlaufen selten linear, vielmehr finden wechselseitige Beeinflussungen statt. So wirkt beispielsweise die selektive Informationswahrnehmung (manchmal sehen wir nur, was wir sehen wollen) unmittelbar auf unser Risiko- und Kontrollempfinden und führt dann zu selektivem Entscheiden. Dies erfolgt jedoch unter Einbeziehung grundlegender Risikoeinstellungen und Wertvorstellungen, die den Rahmen des Entscheidungsprozesses determinieren. In Summe kann die Entscheidung dann entweder auf das Individuum zurückwirken oder, sofern die Masse ähnlichen Mustern folgt, auf die Märkte insgesamt. Uns ist es daher wichtig, darauf hinzuweisen, dass die betrachteten Heuristiken und Biases nicht isoliert betrachtet werden sollten, sondern man muss sich ihrer wechselseitigen Beeinflussungen bewusst sein. In der graphischen Darstellung haben wir diesen Sachverhalt durch das hinterlegte Gitternetz abgebildet. Zudem sind eher emotionale Biases (Herdenverhalten, Risikoumkehr, Dispositions-Effekt, Besitztums-Effekt, Selbstattribution, Status-quo-Effekt und die Regretaversion) hervorgehoben, die übrigen Biases und Heuristiken der Übersicht sind eher kognitiv geprägt ( Abb. E.2). Es ist schon wichtig zu wissen, ob schlechte Entscheidungen eine emotionale oder in kognitive Ursache haben.

In Hauptkapitel III greifen wir einige Ideen auf, wie Finanzentscheidungen »besser« getroffen werden könnten, wobei der Schwerpunkt auf kognitiven Verzerrungen (kognitiven Störungen des Entscheidungsprozesses) liegt. Emotionale Verzerrungen sind weitaus schwerer zu handhaben und bedürfen meist eines psychologisch geschulten Beraters.

Seit einiger Zeit wird das Nudging (vom englischen »to nudge« für »schubsen«) in Wissenschaft und Praxis durchaus kontrovers diskutiert. Durch das Nudging soll bewirkt werden, dass Menschen vor Fehlern bewahrt werden. Leichte Schubser in die richtige Richtung sollen, unter Beibehaltung der freien Alternativenwahl, Verbesserungen im Entscheidungsverhalten herbeiführen (Thaler & Sunstein, 2012, S. 14 ff.).

Da sich das vorliegende Buch auch und gerade an Menschen richtet, die einer Tätigkeit im Finanzsektor (etwa in der Finanzberatung) nachgehen oder diese anstreben, erscheint aus unserer Sicht das Nudging eine geeignete Vorgehensweise zu sein, um im Sinne der Kunden der Aufgabe als Finanzberater nachkommen zu können. Beratung ist nie wertfrei und verfolgt immer eine Absicht. Sofern die Absicht aber im Einklang der Interessen von Kunden, Beratern und der betroffenen Unternehmen steht, kann und wird sich daraus eine nachhaltige Beratungsleistung ergeben.

Ferner plädieren wir für einen Perspektivenwechsel im Kontext der Vermeidung von schädlichen Heuristiken und Biases (der Advocatus Diaboli etwa ist hierfür bestens geeignet) und bringen den Homo oeconomicus ins Spiel, wenn es denn die Situation zulässt. Bei kognitiven Verzerrungen ist eine sachorientierte Faktenvermittlung grundsätzlich geeignet, um zu besseren Entscheidungen zu gelangen. Denn bei klar strukturierten Entscheidungssituationen (z. B. beim Vergleich eindeutiger Produkt- oder Investitionsalternativen) ist eine Optimierung möglich und geboten. Bei emotionalen Verzerrungen hingegen, wenn Kunden beispielsweise schlecht gelaunt oder beseelt sind, werden Fakten schwierig an die Entscheider heranzubringen sein.

Da die Zielgruppe dieses Buches u. a. Studierende im Bachelorstudium sind und wir zudem versuchen, auch Praktiker mit diesem Werk in die Grundlagen der Behavioral Finance einzuführen, sind den Kapiteln bisweilen kurze, möglichst realistische Fallstudien zugeordnet.

Wir können mit unserem Ansatz sicherlich nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Sowohl bei der inhaltlichen Strukturierung als auch bei der Auswahl der aufgegriffenen Themen mussten wir, wie im echten Leben auch, Kompromisse eingehen. Vielleicht ist uns dieser Kompromiss ja gelungen (Unterliegen wir etwa dem Optimismusbias?) oder aber wir hätten einen anderen Ansatz wählen sollen (Plagt uns vielleicht die Regretaversion?). Aber als Volkswirte sind wir geübt darin, im Nachhinein zu begründen, warum etwas gut oder weniger gut gelaufen ist.

Ein derartiges Buchprojekt ist nicht allein umsetzbar und wir wissen, dass wir hierbei Unterstützung hatten. Wir danken Herrn Dr. Uwe Fliegauf vom Kohlhammer Verlag für die freundliche, professionelle und zielführende Begleitung beim Entstehen des Werks.

Ein ganz besonderer Dank gebührt unseren Ehefrauen. Sie gaben Hinweise für das bessere Verständnis einzelner Passagen und sind eine wertvolle Stütze in allen beruflichen wie auch privaten Belangen. Daher widmen wir dieses Buch Ulrika Hilbert und Sonja Metzner.

Falls es in der inhaltlichen Darstellung trotz gebotener Sorgfalt zu Fehlern gekommen sein sollte, können wir leider nicht selbstwertdienlich argumentieren und anderen die Schuld zuweisen, sondern müssen es uns selbst anlasten.

Mannheim und Heidelberg,

im Februar 2021

Stefan Hilbert und Thomas Metzner

Literatur

Agrawal, K. (2012): Conceptual Framework of Behavioral Biases in Finance, in: The JUP Journal of Behavioral Finance, IX (1), 7-18

Beck, H. (2014): Behavioral Economics. Eine Einführung, Wiesbaden

Brümmerhoff, Dieter (2011): Finanzwissenschaft, 10. Auflage, München

Daxhammer, R. J. & Facsar, M. (2018): Behavioral Finance, 2. Auflage, Konstanz und München

Deutsche Börse (2020): DAX-Chart, online: https://www.boerse-frankfurt.de/index/dax?mic=XETR; abgerufen am 6.6.2020

Hare, T. A., Camerer, C. F. & Rangel, A. (2009): Self-Control in Decision-Making Involves Modulation oft he vmPFC Valuation System, in: Science, Vol. 324, May, 646 - 648

Kiesel, A. (o.J.): Verarbeitet das Gehirn 95 Prozent aller Informationen unbewusst?, online: https://www.spektrum.de/frage/verarbeitet-das-gehirn-95-prozent-aller-informationen-unbewusst/1616926, abgerufen am 22.7.2020

Thaler, R. H. & Sunstein, C. R. (2012): Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt, 2. Auflage, Berlin

1 Der besseren Lesbarkeit geschuldet, und ausschließlich aus diesem Grund, verwenden wir in diesem Buch die männliche Form.

I Entscheidungsrahmen und entscheidungstheoretische Grundlagen

Das Hauptkapitel I des Buches befasst sich mit dem Bedingungsrahmen, dem das Entscheidungsverhalten von Menschen zugrunde liegt. Unter Bedingungsrahmen soll alles verstanden werden, was dem eigentlichen Entscheidungsprozess vorgelagert ist oder ihn von außen aber auch durch die individuelle, einzigartige Wesensart des Menschen bestimmt (Agrawal, 2012, S. 14). Dabei handelt es sich um Beschränkungen und Überzeugungen, menschliche Grundbedürfnisse und die Art der Informationen, aber auch die Funktionsweise des Gehirns, die das Entscheiden ausmachen ( Abb. I.1).


Abb. I.1: Die inhaltliche Struktur von Hauptkapitel I

Zeit und Kosten bestimmen darüber, von welcher quantitativen und qualitativen Art die Informationen für die Entscheidungsfindung sind. Ein institutioneller Investor mit einer entsprechenden Analyseabteilung kann mehr Kapazitäten auf die Auswahl und Auswertung von Informationen zu einzelnen Kapitalanlagearten verwenden als ein privater Anleger. BlackRock verwaltet weltweit ca. 14 Billionen USD für etwa 30.000 Investmentportfolios mithilfe seines Systems Aladdin®, um einzelne Kapitalanlagen sowie deren Korrelation innerhalb eines Gesamtportfolios zu steuern (BlackRock, 2020). BlackRock analysiert damit nicht nur den Markt, sondern ist in vielen Bereichen sogar der Markt. Private Investoren können dies nicht leisten, sie benötigen mehr Zeit für die Auswertung der für ihre Anlagestrategie erforderlichen Daten als eine professionelle Vermögensanlagegesellschaft oder ein Robo Advisor mit algorythmischen IT-Systemen.

Ferner sind wir Menschen zwar vernunftbegabt, können aber nicht frei von Emotionen entscheiden. Selbst vernünftiges Handeln ist meist nur unter Einbeziehung von Emotionen möglich. Schließlich determinieren Ansichten und Werte das Entscheidungsverhalten von Menschen, wie beispielsweise das steigende Interesse an nachhaltiger Kapitalanlage ( Abb. I.2).


Abb. I.2: Entwicklung nachhaltiger Investments in Deutschland von 2005 bis 2019 (Quelle: Statista, 2020)

Nachhaltigkeit hat auch mit Haltung zu tun und bietet gerade für die Beratung ein weites Feld für Produkt- und Anlagelösungen. Die Haltung zu einzelnen Themen kann im Kontext der Beratung aber auch hinderlich sein, wenn etwa Blockaden emotionaler Art bei Kunden vorliegen (Kunde: ›Aktien sind Teufelswerk, das kaufe ich nicht.‹) und damit die Möglichkeit für eine erforderliche Diversifikation des Kundenportfolios ebenso erschwert wird wie die Möglichkeit, über die vertretbare Beimischung von Risikoanlagen in Zeiten von Nullzinsen eine höhere Rendite zu generieren. Haltung kann somit auch Anhalten und damit Verharren bedeuten, wie sich dies beispielsweise im Status-quo-Bias ( Kap. II) manifestieren kann.

Finanzentscheidungen sind immer auch mit Risiken verbunden und die Einstellung zum Risiko legt u. a. den Möglichkeitsraum von Kapitalanlagearten fest. Die Einstellung zu Risiken ist nicht fixiert, kann in unterschiedlichen Lebenssituationen variieren und wird von Kontroll- und Dissonanzvermeidungsmotiven beeinflusst. Ein Kunde kann beispielsweise einem riskanten Hobby nachgehen (z. B. Fallschirmspringen), sich aber in Kapitalanlageangelegenheiten sehr risikoscheu verhalten. Es ist wichtig, das eigene und das Risikoverhalten der Kunden in unterschiedlichen Lebenssituationen zu kennen. So sollte ein Fallschirmspringer über den Abschluss einer Risikolebensversicherung und einer Unfallversicherung nicht nur nachdenken. Aus dem Freizeitverhalten dann aber auf das Kapitalanlageverhalten schließen zu wollen, muss nicht zwangsläufig erfolgversprechend sein.

Menschen wollen aber auch im Denken und Handeln konsistent sein, sich bei ihren Entscheidungen wohl fühlen und kognitive Dissonanz vermeiden, zumal in der Gesellschaft der Konsistenz ein hoher Stellenwert zukommt. Um dies zu erreichen, passen Menschen ihre Meinung und/ oder ihr Verhalten an (Festinger, 1957, S. 2). Ein Kapitalanleger kann sich beispielsweise zwischen Aktie A und Aktie B entscheiden und wählt Aktie B. Während Aktie A in den folgenden Wochen stetige Kursanstiege verzeichnet, entwickelt sich Aktie B leicht rückläufig. Der Kunde befindet sich nun in einem Konflikt, denn die Kursentwicklung steht im Widerspruch zu seiner ursprünglichen Meinung, die Aktie B sei besser. Eine kognitive Dissonanz entsteht. Nun könnte sich der Kunde

• entweder von Aktie B trennen und seine frühere Entscheidung revidieren

• oder Informationen so für eine Begründung suchen, dass sie zur ursprünglichen Entscheidung des Kaufs der Aktie B wieder passt (selektive Wahrnehmung wäre die Folge).

Entgegen der Annahmen des Homo oeconomicus, der einer Maschine gleich rational und regelgebunden seine Entscheidungen trifft, werden Menschen von elementaren Grundbedürfnissen motivational beeinflusst. Diese Grundbedürfnisse sind neurowissenschaftlich gut erforscht und können vielfältig, unterschiedlich in der Gewichtung und mit wechselseitigen Wirkungen verbunden sein. Ein Überblick über ausgewählte Konzepte, die insbesondere im Kontext des Neuroleaderships angewendet werden, findet sich beispielsweise bei Schiefer und Gattner (Schiefer & Gattner, 2019, S. 17 ff.).

Im SCARF-Modell (Rock, 2011) wird das Annäherungs- und Vermeidungsverhalten von Menschen auf die zwei Grundfunktionsrichtungen des Gehirns zurückgeführt, nämlich Belohnungen zu maximieren und Bedrohungen zu minimieren. Aus dieser Überlegung heraus lassen sich fünf Grundbedürfnisse identifizieren, die sich im englischen Akronym SCARF widerspiegeln und die auf Motivation und Entscheidung Einfluss nehmen:

• Status (Status): Der soziale Status im Vergleich mit anderen ist für Menschen wichtig.

• Certainty (Sicherheit): Menschen streben Sicherheit an und versuchen Muster für die Vorhersagbarkeit von Umweltzuständen zu erkennen.

• Autonomy (Unabhängigkeit): Eigenständigkeit und Kontrolle zu erlangen oder zu behalten sind wichtige Motive für Menschen.

• Relatedness (Verbundenheit): Menschen sind soziale Wesen und suchen meist den Bezug zu einer Gruppe, insbesondere in unklaren Situationen.

• Fairness (fairer Umgang): Das Fairnessmotiv ist ein wesentlicher Treiber menschlichen Verhaltens. Dies zeigen etwa die Ergebnisse des bekannten Experiments des Ultimatumspiels (Beck, 2014, S. 256 f.).

Shiller und Akerlof (2009) zeigen in ihrem Buch »Animal Spirits« die aus ihrer Sicht wesentlichen Treiber auf, die wirtschaftliches Zusammenwirken begründen. Denn aus ihrer Sicht findet Interaktion im Wirtschaftsleben eben nicht als rein technisches Konstrukt aus Mengen, Qualitäten und Preisen statt. Vielmehr sind Vertrauen, Korruption, Geldillusion und Geschichten sowie Fairness bedeutende Wesenselemente einer funktionierenden Wirtschaft.

Alleinige Gewinn- oder Nutzenmaximierung ist nachgewiesenermaßen nicht das alleinig vorherrschende Motiv von Menschen, auch und gerade im Kontext finanzwirtschaftlicher Fragestellungen. Häufig verhalten sich Menschen freundlicher und netter, als dies vom Modell des Eigennutzinteresses unterstellt wird. Menschen neigen jedoch auch dazu, bei feindlichen Reaktionen durch andere bösartiger und brutaler zu reagieren, als angenommen (Fehr & Gächter, 2000, S. 159).

All diese Aspekte machen Menschen zu dem, was sie sind, nämlich zu sozialen Wesen, die zudem Körper und Geist nicht voneinander trennen können. Physische und psychische Verfassung wirken auf das Entscheidungsverhalten ein, dies zeigt sich insbesondere im Zusammenhang mit Finanzentscheidungen, die bisweilen von Gier, Angst und Panik, aber auch Resignation getrieben werden. Und das Gehirn, als eine Schaltzentrale des Entscheidungsprozesses, ist nur begrenzt steuerbar. Es entscheidet häufig unbewusst, Menschen haben aber den Eindruck, alles im Griff zu haben. Zudem ist das Gehirn kein Computer, der Daten ablegt und immer wieder unverändert abrufen kann. Das Gehirn rekonstruiert Erfahrungen immer wieder neu und setzt sie in den jeweiligen Kontext. Daher empfinden Menschen vergangene Misserfolge (z. B. Crash nach dem Aufbau einer Spekulationsblase) in der Rückschau anders, als im Moment des eingetretenen Verlustes. Menschen begehen Fehler bisweilen mehrmals, das würde einem Computer, sofern sein Programm angepasst worden wäre, nicht passieren. Und das Gehirn liebt Geschichten, mit den darin enthaltenen lebhaften Darstellungen und den durch sie ausgelösten Gefühlen. Ratio und Emotion sind untrennbar miteinander verbunden.

Literatur zur Einführung

Agrawal, K. (2012): A Conceptual Framework of Behavioral Biases, in: Finance, in: The IUP Journal of Behavioral Finance, Vol. IX (1), 7-18

Beck, H. (2014): Behavioral Economics. Eine Einführung, Wiesbaden

BlackRock (2020): BlackRock Aladdin, online: https://www.blackrock.com/at/finanzberater-und-banken/uber-blackrock/risk-management-with-aladdin?switchLocale=y&siteEntryPassthrough=true, abgerufen am 14.7.2020

Fehr, E. & Gächter, S. (2000): Fairness and Retaliation: The Economics of Reciprocity, in: Journal of Economic Perspectives, Volume 14, Nr. 3, 159-181

Festinger, L. (1957): A Theory of Cognitive Dissonance, Stanford

Rock, D. (2011): Brain at Work, Frankfurt

Schiefer, G. & Gattner, R. (2019): Neuroleadership – die Grundannahmen in kritischer Analyse, Wiesbaden

Shiller, R. J. & Akerlof, G. A. (2009): Animal Spirits. Wie Wirtschaft wirklich funktioniert, Frankfurt

I.1 Das Dilemma der Entscheidung – zwischen Emotion und Selbstregulation

Entscheidungsfindung, Risiko, Homo oeconomicus, Emotionen, Herdenverhalten etc. können als Schlüsselworte herangezogen werden, die es rechtfertigen, sich mit einem relativ neuen Forschungsgebiet auseinanderzusetzen – der Kombination aus Erkenntnissen der Psychologie und der Neurowissenschaften. Werden diese Erkenntnisse weiter ergänzt um die Ökonomie, so widmet sich die Neuroökonomie als Sammelbegriff diversen betriebswirtschaftlichen Fragestellungen (z. B. Neuromarketing oder Neurofinance) und den im Gehirn ablaufenden Prozessen. Bestehende Einschränkungen, die die konventionelle Forschung limitieren, werden durch den gezielten Einsatz neuer ergänzender Methoden überwunden.

Stress, Vorurteile oder auch individuelle Eigenschaften bestimmen unser tägliches Handeln. Manche der zu treffenden Entscheidungen sind von trivialer Art und Weise, andere wiederum hoch komplex und von weitreichender Bedeutung. Es gilt Antworten auf Fragen zu finden, die teilweise noch weit entfernt von ökonomischen Sachverhalten sind:

• Welches Hemd ziehe ich heute an?

• Was frühstücke ich?

• Welches Notebook soll ich anschaffen?

• Welchen Arbeitgeber ziehe ich im Rahmen der Bewerbung vor?

• Welche Aktien soll ich im Hinblick auf den Vermögensaufbau kaufen?

• Wann gilt es, das Investment zu veräußern?

• Welches Buch zur Behavioral Finance kaufe ich?

Die Auswahl an Fragen verdeutlicht eine steigende Komplexität. Reicht es im einfachsten Fall noch aus, auf der Basis von Informationen Vor- und Nachteile abzuwägen und so zu einer rationalen Entscheidung zu kommen, so lässt bspw. der Geruch von frischen Brötchen den subjektiven Wert des Frühstücks deutlich anwachsen. Demnach zeigt sich hier bereits, dass bei der Entscheidung neben den bekannten rationalen auch nicht rationale Faktoren wie Empfindungen herangezogen werden.

Im weiteren Verlauf sollen menschliche Verhaltensweisen, basierend auf den Erkenntnissen der Neurowissenschaften, besser verständlich gemacht werden. Wesentlich hierfür ist, den Aufbau des Gehirns und dessen hauptsächlichen Funktionen ansatzweise darzustellen.

I.1.1 Neuroanatomie und kognitive Fähigkeiten

Die Neuroanatomie begann schon in der Antike, als dem Gehirn eine zentrale Rolle zugesprochen und kognitive Fähigkeiten bescheinigt wurden, »kognitive Fähigkeiten sind essenzielle Fähigkeiten des Menschen. Mit ihrer Hilfe ist der Mensch in der Lage, Informationen aufzunehmen, sie zu verarbeiten und daraus Erkenntnisse zu gewinnen.« (Doll, o.J.)

Über Lokalistations- und Äquipotenztheorie hinweg wurden im 20. Jahrhundert die biologisch-psychologischen Grundlagen für das noch verhältnismäßig junge Forschungsgebiet der Neuroökonomie gelegt.

Das wachsende Interesse am Zustandekommen relevanter Entscheidungen, als dem Ergebnis von Wahrnehmen und Verarbeiten von Signalen aus der Umwelt (Kognition) der Menschen, zeigt sich gerade im verstärkten Einsatz neurowissenschaftlicher Methoden. So können aktive Regionen des Gehirns (Böhmer, 2010, S. i-ii), hinsichtlich ihrer Anatomie und Funktionsweise mittels moderner bildgebender Verfahren, beispielsweise unter dem funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT) sowie mittels elektro-enzephalografischer Messungen (EEG) identifiziert und beschrieben werden (Chand & Dhamala, 2016/2, S. 85).

Das fMRT als nicht invasives Verfahren nutzt die unterschiedlichen magnetischen Eigenschaften von sauerstoffreichem und sauerstoffarmem Blut. Dabei sind Gehirnareale, die aktiviert sind, durch einen höheren Sauerstoffwechsel gekennzeichnet als Areale, die weniger in Anspruch genommen werden. Dahingegen misst das EEG die elektrische Aktivität im Gehirn mittels an der Kopfoberfläche befestigter Elektroden.

Durch die Verknüpfung von sichtbarem Verhalten – ausgelöst durch Stimuli – und den oben bereits erwähnten, nicht beobachtbaren Aktivitäten in unserem Gehirn müssen die gewonnen Erkenntnisse in die Theoriebildung einbezogen werden. Entscheiden ist kein abgrenzbarer Prozess, dessen Kern nicht klar lokalisiert und funktional abgebildet werden kann. Das Gehirn besteht eben nicht aus Schaltern, die bei schlechter Funktionsweise einfach ausgetauscht werden können, damit gutes Entscheiden möglich wird. Vielmehr wirkt auf den Entscheidungsprozess auch beispielweise der Charakter und die Sinnesart des Menschen ein. Zwei Beispiele sollen dies illustrieren:

• Das Gefangenen-Dilemma ist ein Spiel (Kreps, 1994, S. 453 f.), das das Verhalten von mehreren Akteuren bzw. Spielern innerhalb von verschiedenen Situationen untersucht, mathematisch darstellt und berechnet, wie sich die jeweiligen Spieler in den Szenarien wohl verhalten werden. Grundsätzlich haben die Spieler dabei zwei Entscheidungsmöglichkeiten: Sie können kooperieren oder die Kooperation ablehnen. Situationsbedingt und im Hinblick auf entscheidungsabhängige Handlungsergebnisse kann nun errechnet werden, wie sich Spieler A in Abhängigkeit von Spieler B verhalten wird und umgekehrt.

• Beim Trolly-Dilemma handelt es sich um ein gedankliches Experiment, bei dem ein moralisches Dilemma zu lösen ist (Goodall, 2016, S. 810 ff.). Angelehnt an den englischen Ausdruck für Straßenbahnen stellt das Experiment auf folgende Versuchsanordnung ab: Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Darf durch eine Änderung der Weichenstellung, Umlegen der Weiche, der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um das Leben von fünf Personen zu retten?

Beide Dilemma-Beispiele zeigen, dass der Entscheidungsprozess einen weiteren Blickwinkel einbezieht, den nämlich denjenigen von Ethik und Moral. Doch auch in der täglichen Praxis zeigt sich die Realitätsnähe dieser Zwickmühlen, wenn man nur die beiden Akteure mit den beiden Bewohnern einer WG tauscht, die die Spülmaschine ausräumen oder das Bad putzen (sollen).

I.1.1.1 Gehirn – zentrales Steuerungsorgan zwischen Emotion und Selbstregulation

Von den Anfängen der Entwicklung der Säugetiere bis zum heutigen Homo sapiens hat das Gehirn als zentrales Steuerungsorgan wesentliche Veränderungen erfahren (Gilbert et al., 2005, S. 1). So hat es an Größe zugenommen, jedoch sind auch wesentliche neue Elemente hinzugekommen (Caroll, 2003, S. 849). Das menschliche Gehirn verfügt gegenüber anderen Säugetieren über eine höhere Vielfalt von Verhaltensmustern wie beispielsweise die Sprache und den Gebrauch von Werkzeugen (Preuss et al., 2004, S. 881 f.). Auch abstrakte Fähigkeiten wie Selbstreflexion, symbolisches Denken und kulturelles Lernen sind vor allem dem Menschen eigen (Northoff, 2006, S. 440). Diese Merkmale verstärken sich gegenseitig: Kultur formt menschliches Denken und fördert Selbstreflexion (Donald, 2000, S. 19 ff.).

Das menschliche Gehirn ist aus verschiedenen Schichten und in verschiedenen Ebenen aufgebaut. Dabei erfolgt vom Rückenmark zum Gehirn hin eine enorme Volumenvergrößerung. Diese zeigt sich in der Faltenstruktur des Großhirns und des Kleinhirns. Das Großhirn ist zentral für die bewussten Denkprozesse und Entscheidungen des Menschen verantwortlich. Es ist in vier Lappen und zwei Hälften gegliedert, die durch den sogenannten Balken (Corpus callosum) verbunden sind (Böhmer, 2010, S. 11 f.).

Andere Abschnitte des menschlichen Gehirns, wie beispielsweise das Rückenmark, Stammhirn und Mittelhirn, sind stärker für unbewusste Vorgänge zuständig ( Abb. I.3). Die Steuerung der Motorik geht in hohem Umfang vom Kleinhirn aus, welches im hinteren Teil des Schädels verortet ist. Der Thalamus und Hypothalamus nehmen in zentraler Lage eine Schaltstelle ein, die Großhirn und andere Gehirnareale verbindet (Patton & Thidbodeau, 2014, S. 448 ff.).

Ähnlich wie bei einem Computer arbeitet keine Hirnregion isoliert für sich. Stattdessen lassen sich unterschiedliche Komplexitätsebenen erkennen, die auf unterschiedliche Verhaltensweisen schließen lassen. Bezogen auf ein rationales oder durchdachtes Vorgehen zählen Emotionen in vielen Situationen zu den eher unerwünschten Eigenschaften. Dennoch gehören Emotionen zu unserer Lebenswirklichkeit, bestimmen sie doch als evolutionsbiologisches Frühwarnsystem unser Sein. Sind sie nicht vorhanden, hat dies – wie zwischenzeitlich erkennbar – bedrohliche Zustände und/oder soziale Komplikationen zur Folge. Tabelle I.1 gibt einen Überblick über die verschiedenen Emotionen, deren Auslöser und Funktionen.


Abb. I.3: MRT-Bild eines menschlichen Gehirns (Quelle: Chrischan, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Labeledbrain.jpg, abgerufen am 28.10.20; CC BY-SA 3.0-Lizenz)

Tab. I.1: Auslöser und Funktion von Emotionen


Folglich kann unter Emotion ein »kurzfristig, stimulusabhängiges Erleben von Reizen« (Lammers, 2011, S. 29) verstanden werden.

Als bedrohlicher oder angstauslösender Zustand kann das Auftreffen auf eine giftige Schlange oder Spinne angeführt werden. Die Reaktionen sind vielfältig und können als unbewusst ablaufende Prozesse angesehen werden. Es erfolgt u. a. ein Anstieg von Herztätigkeit und Blutdruck. Ein Effekt, der über die Thalamus-Amygdala-Verbindungen und langsamer über die kortikalen Verbindungen von der Sehrinde zur Amygdala hervorgerufen wird. Damit ist die Amygdala eine zentrale Schaltstelle im Gehirn. Hier wird in Millisekunden-Geschwindigkeit entschieden ( Abb. I.4), ob ein Reiz für den Organismus schädlich oder von Vorteil ist. Dieses emotionale Zentrum kontrolliert folglich unsere Gemütsbewegungen wie Wut, Angst oder Freude und hat Einfluss auf das Gedächtnis und die Merkfähigkeit. Darüber hinaus ist es an Übertragungen vom Kurzzeit- an das Langzeitgedächtnis beteiligt (Pritzel, Brand, & Markowitsch, 2003, S. 29).


Abb. I.4: Von der automatischen zur geplanten Reaktion (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Derouiche, A., 2011, S. 12 ff.)

Die Amygdala ist Teil des sog. limbischen Systems, eines der entwicklungsgeschichtlich älteren Bereiche des Gehirns, das sich zwischen dem Neocortex (Teil der Großhirnrinde) und dem Hirnstamm befindet. Es ist ein Bereich, der sich wie ein Ring um die Basalganglien und den Thalamus legt ( Abb. I.5).

Stellen die Emotionen noch unbewusst ablaufende Prozesse dar, so ist es das Ziel der Selbstregulation, eigenes Verhalten im Hinblick auf anzustrebende Zustände bewusst zu steuern. So kann beispielsweise durch den Einsatz selbstregulativer Techniken die psychischen (kognitiven) und physischen Reaktionen auf bestimmte Zustände, wie die oben angeführte Angst vor Schlangen oder Spinnen gemindert und teilweise sogar ganz abgebaut werden. Es kommt zu einer messbaren Abnahme physiologischer Erregungszustände wie Herzfrequenz oder Atemfrequenz. Es findet eine Interaktion der unterschiedlichsten Gehirnareale statt.


Abb. I.5: Die Amygdala (Quelle: https://www.neuroscientificallychallenged.com/blog/know-your-brain-amygdala, abgerufen am 28.10.20;CC BY-SA 4.0-Lizenz)

I.1.1.2 Der präfrontale Cortex im Kontext der rationalen Entscheidungsfindung

Der präfrontale Cortex, also der Stirnlappen des Großhirns, kommt bei geplant-rationalen Entscheidungsprozessen zum Einsatz. Dieser ist bei Menschen (und auch Primaten) gegenüber anderen Säugetieren besonders prägnant ausgebildet. Im präfrontalen Cortex werden Entscheidungen getroffen, die eine Anpassung an die Umwelt zum Ziel haben (Taubert et al., 2010, S. 1670). Beim Menschen ist gegenüber anderen Primaten vor allem der frontro-polare Cortex (als vorderster Teil des präfrontalen Cortex – direkt hinter der Stirn) stark ausgebildet, welcher für bewusste Reflexion auch über die eigene Persönlichkeit und eigene Entscheidungen verantwortlich ist (Koechlin & Hyafil, 2007, S. 594). Menschen unterscheiden sich aufgrund des Volumens von grauen und weißen Zellen im präfrontalen Cortex hinsichtlich ihrer Möglichkeiten rationale Entscheidungen zu treffen (Fleming et al., 2010, S. 1541).

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist der Fall des Phineas Gage (1823-1860), der im Sommer 1848 einen schweren Arbeitsunfall erlitt, bei dem eine Eisenstange seinen Schädelknochen unterhalb des Auges durchbohrte und an der Schädeldecke wieder austrat ( Abb. I.6).

Wie durch ein Wunder überlebt Gage. Der erstversorgende Arzt stellte fest, dass Gage völlig normal sprach und sich auch erinnern konnte – das episodische Gedächtnis war intakt. Auffällig nach dem Unfall war allerdings, dass bewegende Situationen überhaupt keine Gefühlsreaktionen mehr auslösten. Umgekehrt konnte es in emotional neutralen Situationen zu Wut- oder Freudenausbrüchen kommen. Sozial und situativ angemessene Verhaltensweisen traten in den Hintergrund. Man nahm an, dass die selektiven Schädigungen des präfrontalen Cortex in Phineas Gages Gehirn ursächlich daran waren, dass er weitgehend die Fähigkeit verloren hatte, seine Zukunft zu planen, sich nach sozialen Regeln zu richten und die Handlungsabläufe zu wählen, die letztlich für ihn überlebenswichtig waren (Pritzel, Brand, & Markowitsch, 2003, S. 397). So fehlten u. a. Eigenschaften, die den Homo oeconomicus und sein rationales Entscheiden ausmachen. Dennoch: Menschliches Denken verläuft, wie neuere neuroanatomische Studien belegen, nicht immer rein rational.


Abb. I.6: Foto von Phineas Gage und Darstellung seiner Hirnverletzung (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Phineas_Gage_GageMillerPhoto2010-02-17_Unretouched_Color_Cropped.jpg, abgerufen am 18.08.20, CC BY-SA 3.0-Lizenz; John M. Harlow, M.D., »Skull diagram of Phineas Gage,« RUSS 151: »How Things Matter«, http://omeka.macalester.edu/courses/russ151/items/show/10, abgerufen am 28.10.20)

Zunächst sind an Entscheidungsprozessen nicht nur der präfrontale Cortex beteiligt, vielmehr spielt auch die Motivation zur Entscheidung eine Rolle. Diese entsteht aufgrund sogenannter Kontextkontrolle und episodische Steuerung oder Kontrolle. So wird in einen Entscheidungsprozess stets der aktuelle Handlungszusammenhang (Kontext) einbezogen und auch vergangene Erfahrungen, also ähnliche Episoden werden für die Entscheidungsfindung berücksichtigt. Diese Prozesse laufen im Seitenlappen des Großhirns ab (Egner, 2009, S. 821).

Bei komplexen Entscheidungsaufgaben agieren Großhirn und andere Hirnareale in einem intensiven Zusammenspiel (Chand & Dhamala, 2016/1, S. 1; Chand & Dhamala, 2017, S. 381). Bei komplexen Denkvorgängen ist die Aktivität des gesamten neuronalen Netzwerks im Gehirn dem Entscheidungsprozess, der im präfrontalen Cortex abläuft, sogar zeitlich vorgelagert. Dieser Interaktionsprozess zwischen den tieferen auch emotionalen und unbewussten Ebenen des Gehirns beansprucht einen Großteil der Zeit, der zwischen Reizaufnahme und Entscheidung verstreicht (Chand & Dhamala, 2016/2, S. 85). Das vordere Inselnetzwerk, welches zwischen Frontallappen und Hinterhaupt verortet ist, nimmt bei komplexen Entscheidungsaufgaben eine zentrale vermittelnde Rolle ein (Chand & Dhamala, 2017, S. 383).

Menschliches Denken in komplexen Entscheidungssituationen verbindet somit rationale Reflexion vielfach unbewusst mit emotionalen, situativen und erlernten Mustern.

I.1.1.3 Der Reiz als darstellbarer Auslöser von Gehirnaktivität

Das menschliche Gehirn wird durch positive und negative Reize konditioniert. Ein durchaus angenehmer (An-)Reiz kann eine Belohnung darstellen und kennzeichnet folglich einen grundlegenden Treiber menschlichen Verhaltens. Wohingegen die Bestrafung als negativ anzusehen ist.

Positive Reize, die ein angenehmes körperliches Empfinden auslösen, z. B. gutes Essen, lösen automatisch eine Belohnung (gutes Empfinden) aus. Die Höhe der gefühlten, wahrgenommenen Belohnung ist allerdings individuell unterschiedlich. Ähnlich aktivierend wirken auch folgende Reize:

• Statussymbole,

• monetäre Gewinne,

• erotische Motive.

In den letzten Jahren haben sich die Untersuchungsmethoden innerhalb der Neurowissenschaften grundlegend weiterentwickelt. Gerade die bildgebenden Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) oder die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) als deren Weiterentwicklung lassen direkte oder indirekte Rückschlüsse auf die betroffenen Gehirnareale zu. Strukturelle Verfahren wie das MRT erlauben keine Aussagen zu Aktivitäten der Nervenzellen. Dagegen ermöglichen die funktionellen Verfahren (fMRT) eine Unterscheidung zwischen aktiven und nicht aktiven Hirnregionen, ausgelöst durch einen entsprechenden Reiz. Ursächlich hierfür ist, dass das Gehirn bei Aktivität innerhalb von Sekunden einen deutlich höheren Sauerstoffverbrauch aufweist. Es erfolgt eine erhöhte Zufuhr mit sauerstoffangereichertem Blut in die entsprechende Region.

Die Charakteristik, dass sauerstoffreiches und sauerstoffarmes Blut unterschiedliche magnetische Eigenschaften besitzen, ist unter dem BOLD (BLood-Oxygen-Level-Dependent)-Effekt in der Literatur beschrieben. Mittels fortlaufender Aufnahmen des fMRT lassen sich die Aktivitäten neuronaler Prozesse nahezu in Echtzeit abbilden (Vaitl, 2006, S. 19).


Abb. I.7: Erwartung der Belohnung (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Chrischan, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Labeledbrain.jpg, abgerufen am 28.10.20; CC BY-SA 3.0-Lizenz)


Abb. I.8: Erhalt der Belohnung (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Chrischan, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Labeledbrain.jpg, abgerufen am 28.10.20; CC BY-SA 3.0-Lizenz)

Bei positiven Reizen werden die betroffenen Regionen stärker aktiviert und es erfolgt eine verstärkende Rückkopplung. Bei negativen Reizen werden die gleichen Regionen schwächer als im Normalzustand aktiviert und es erfolgt eine Reizvermeidung (Böhmer, 2010, S. 36).

Allerdings unterscheidet das menschliche Gehirn hinsichtlich dieser Stimulation nicht zwischen verschiedenen Reizen. So wird eine Belohnung, z. B. durch positive Eindrücke oder Nahrung, gleichermaßen wie ein wirtschaftlicher Gewinn durch stärke Durchblutung des präfrontalen Cortex und auch anderen Arealen angezeigt. Eine Bestrafung oder ein wirtschaftlicher Verlust bewirkt eine geringere Durchblutung (Tom et al., 2007, S. 129; Dunning & Hajcak, 2007, S 1875).

Bei Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit werden neben dem präfrontalen Cortex auch die Seitenlappen des Gehirns sowie das Kleinhirn aktiviert (Levy et al., 2010, S. 1036 f.). Entscheidungen laufen in dieser Situation somit nicht rein rational, sondern unter Berücksichtigung der situativen Rahmenfaktoren, bisheriger Erfahrungen und Emotionen ab.

I.1.2 Neuroanatomie – Basis einer erweiterten Finanztheorie

Diese neuen Erkenntnisse aus der Neuroanatomie stellen die neoklassische Kapitalmarkttheorie in Frage. Letztere geht auf die Analysen von Modigliani & Miller (1958, S. 261) zurück und postuliert, dass Marktteilnehmer unter Risiko stets rational ihren wirtschaftlichen Nutzen maximieren (Matschke, 2004, S. 683). Der Nutzen resultiert aus einer systematischen Abwägung von Risiko und Ertragsperspektive unter Berücksichtigung der individuellen Risikoneigung. Handeln auf einem vollständig informationseffizienten und vollständigen Kapitalmarkt alle Wirtschaftssubjekte in dieser Weise, kommt es zu einer fairen Bewertung aller Assets, so dass über die Risikoexposition der Erwartungswert der Rendite mittels eines linearen Modells prognostiziert werden kann (Laux & Schabel, 2008, S. 22 f.).

Bereits psychologische Beobachtungen der Verhaltensforschung und die daraus für die Wirtschaftswissenschaften abgeleitete Behavioral Economics hat die Praxistauglichkeit des neoklassischen Marktmodells in Frage gestellt. Mit der Behavioral Finance-Theorie, die auf psychologischen Forschungsarbeiten von Tversky und Kahnemann (1992, S. 297 ff.) zurückgeht, können irrationales Anlegerverhalten und Herdeneffekte im Nachhinein teilweise erklärt werden (Bloomfield, 2008, S. 440). Eine exakte Prognose neuer außerordentlicher Reaktionen ist aufgrund der Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten jedoch ausgeschlossen (Barberis & Thaler, 2003, S. 1122).

Durch die Neuroanatomie ( Kap. I.1.1) können die Ansätze der Behavioral Finance nun fundiert werden, denn aufgrund bildgebender Verfahren und elektrografischer Messungen wird deutlich, in welchen Teilen des Gehirns welche Abläufe unter welchen Reizwirkungen ablaufen (Kaufmann & Voegtlin, 2011, S. 7 f.). Gegenüber klassischen Befragungen von Probanden wird mittels der Methoden der Neuroanatomie deutlich, welche Wirkungsketten auftreten (Priddat & Kabalak, 2008, S. 138).

I.1.3 Neurofinance – integrativer Erklärungsansatz für lückenhafte klassische Finanztheorien

Die Neurofinance stellt einen neuen integrativen Forschungssatz dar, der Wirtschaftswissenschaften und Neurowissenschaften verbindet (Miendlarzewska et al., 2019, S. 196), indem für die Analyse von wirtschaftlichen Entscheidungen neurowissenschaftliche Auswertungsverfahren herangezogen werden (Rocha et al., 2013, S. 1). Damit bestätigt die Neurofinance neuroanatomische Forschungsergebnisse.

Bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen interagieren alle Regionen des frontalen Cortex und auch des Hippocampus sowie weiterer tieferliegender Hirnregionen. Die Interaktion dieser Areale ist individuell und auch geschlechtsspezifisch verschieden ausgeprägt, was zu verschiedenartigen Entscheidungsmustern und Resultaten führt (Rocha et al, 2013, S. 11).

Bei allen finanziellen Entscheidungen werden Regionen im Gehirn aktiviert, die zugleich für die Analyse grundlegender Bedürfnisse und Umweltsituationen erforderlich sind und dabei spielen stets rationales Denken, Erfahrungen, Einschätzungen der aktuellen Situation sowie Emotionen zusammen. Aufgrund neuer Ereignisse werden bestehende Strukturen im Gehirn modifiziert, um sich besser an neue ähnliche Entscheidungssituationen anpassen zu können. Diese Entwicklung ist individuell und bestimmt bspw. unsere Risikoaversion (Canessa et al., 2017, S. 257).

Die Neurofinance zeigt, dass Entscheidungsmuster, die von einem rationalen ökonomischen Optimum abweichen, dennoch aus biologischer Perspektive optimal sein können. So können Grenzen der rationalen Denkfähigkeit umgangen werden, indem vereinfachende Entscheidungen getroffen werden, die dennoch die aufgrund von Erfahrungswerten notwendigen Daten berücksichtigen (Miendlarzewska et al., 2019, S. 197 f.).

Das Zusammenspiel von rationalem Denken sowie situativer und affektiver Faktoren macht Menschen jedoch zugleich empfänglich für psychologische Trends, die sich in einer Gruppe von Menschen aufschaukeln können. Die Mehrzahl der Menschen neigt gemäß Experimenten von Frydman (2012, S. 35 ff.) dazu, Gewinntrades zu halten und auf weitere Gewinne zu hoffen, auch wenn es kleine Rückschläge gibt. Jedoch schlägt die Meinung der Mehrheit im Falle akuter Verluste oft schlagartig um und es kommt zu einem Massenverkauf, da sich Individuen vom Verhalten anderer anstecken lassen. So lassen sich Massenpaniken erklären (da Rocha, 2013, S. 18 f.).

Es ist länger schon bekannt, dass Strategien zu entwickeln sind, damit Anleger die biologisch programmierten und neuroanatomisch nachgewiesenen Verhaltensmuster modifizieren können. So könnten Investmentverluste vermieden werden (Tseng, 2006, S. 16).

Gewiss steht die Neurofinance mit diesen Forschungsergebnissen erst am Anfang. Doch zeigen die Ausführungen bereits, dass komplexe Entscheidungen nicht in die vereinfachte Welt eines Homo oeconomicus passen. Emotionen spielen neben der Kognition eine wichtige Rolle. Die Erkenntnis hierüber ist ein wichtiger Beitrag, der die Ökonomie vom rein rationalen/ kognitiven zu einem kognitiv/ affektiven Ansatz weiterentwickeln lässt.

I.1.4 Duales Handlungsmodell im Kontext des Entscheidungsverhaltens

In einer sicheren Welt wäre das Entscheiden einfach. Handlungsalternativen wären bekannt und auch die Konsequenzen des Handelns könnten vorab bestimmt werden. Kurzum, die Entscheidungssituation wäre wohldefiniert. Schwankungen an den Kapitalmärkten würden etwa nicht auftreten und die Wertentwicklungen der Assets wären gleichmäßig und vorhersehbar. Schöne, aber langweilige Welt.

Tagtäglich sind wir mit Entscheidungssituationen konfrontiert. Eine Vielzahl dieser Entscheidungen nehmen wir nicht bewusst wahr, sie erfolgen unter Zuhilfenahme unseres Systems 1 (automatisches System) und erfordern kein oder nur wenig Involvement, geschweige denn kognitive Anstrengung. Stellen sich die Dinge jedoch komplizierter dar oder müssen beispielsweise Berechnungen angestellt werden, um Finanzentscheidungen treffen zu können, ist ein Mehr an Gehirnkapazität erforderlich und die entsprechenden Prozeduren finden in System 2 (reflektierendes System) statt ( Abb. I.9). Die Unterscheidung in zwei kognitive Systeme geht auf den Psychologen und Verhaltensökonomen Kahneman (Kahneman, 2011, S. 32 ff.) zurück. Diese beiden Systeme, die zum einen unbewusst ablaufendes Denken und zum anderen logisches bzw. berechnendes Denken charakterisieren, werden auch »Duales Handlungsmodell« genannt.

Entscheidungen werden in System 1 getroffen, wenn wir über die Konsequenzen der Entscheidung nicht groß nachdenken müssen. Die Prozeduren laufen dann routinisiert oder standardisiert ab (z. B. eine Überweisung tätigen), einfache Matching-Prozesse ausreichen (Kunde: ›Ah, an dieser Supermarktkasse kann ich kostenlos Geld abheben, wenn ich für 10 Euro einkaufe!‹) oder die Konsequenzen keine lebens- oder existenzgefährdenden Auswirkungen haben (Kunde: ›Dann hebe ich halt an diesem Geldautomaten mein Bargeld ab, obwohl ich 5 Euro Gebühren zu bezahlen habe und laufe nicht noch 2 Kilometer bis zum nächsten Automaten.‹).

In vielen Bereichen hingegen erfordert der Entscheidungsprozess (oder zumindest sollte er dies) ein stärkeres Involvement und ein Mehr an kognitiver Anstrengung. Handlungsoptionen müssen bewertet werden (Kunde: »Ist das Kontomodell A oder B für mich geeigneter?«) und künftige Auswirkungen der heutigen Entscheidung sind einzubeziehen (Kunde: »Wähle ich als Altersvorsorge ein Versicherungsprodukt mit Garantie oder den Sparplan mit ETFs?«). Diese Entscheidungssituationen stellen sich wesentlich komplexer dar, eine Bewertung von Alternativen ist vorzunehmen und bisweilen müssen künftige Umweltzustände konstruiert werden. Beispielsweise ist kognitives Involvement der Kunden bei Altersvorsorgeprodukten erforderlich oder bei der Baufinanzierung des Eigenheims. Entscheidungen dieser Kategorien finden (hoffentlich) mit Bedacht in System 2 statt.


Abb. I.9: Duales Handlungsmodell – Wie wir entscheiden (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Hofmann & Friese, 2010, und Jungermann, Pfister & Fischer, 2010)

Zwischen System 1 und System 2 können aber auch Verbindungen bestehen, sei es, dass etwa durch externe Reize (z. B. Werbung) von System 2 ins System 1 gewechselt wird. Die Werbebranche ist gut darin, Konsumenten ins automatische und teilweise von Emotionen geleitete System 1 zu locken.

Ungeachtet dessen kann dieser Wechsel aber auch gewollt sein, man spricht dann von Lernen. Jeder erinnert sich bestimmt an die erste Fahrstunde. Viele Informationen mussten aufgenommen, bewertet und dann in Handlungen umgesetzt werden. System 2 war stark gefordert, der gesamte Prozess erfolgte bewusst, langsam und angestrengt. Einige Zeit später, bei manchen schneller, bei anderen langsamer, hat der Lernprozess dazu geführt, dass die Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Autofahren größtenteils leicht von der Hand gehen und weniger kognitive Anstrengung erforderlich ist. Der Lernprozess hat dazu geführt, dass Entscheidungen automatisch von System 1 getroffen werden können.

Die unterschiedlichen Entscheidungssysteme macht sich auch die Werbung für Finanzdienstleistungsprodukte zunutze, dabei kommen sowohl behavioristische als auch rationale Instrumente zum Einsatz. Es konnte nämlich festgestellt werden, dass Entscheidungen von Inverstoren bei riskanten Produkten eher in System 1 und damit schnell und automatisch vorgenommen werden. Bei als wenig riskant zu klassifizierenden Finanzprodukten erfolgt die Entscheidung bei vielen Menschen vornehmlich mit Bedacht und reflektiert in System 2, so dass die Werbung sich auf Fakten und Daten konzentrierte (Ferretti & Pancotto & Rubaletti, 2017, S. 29 f.). Daraus könnte geschlussfolgert werden, dass Entscheidungen am Aktienmarkt gerade bei privaten Anlegern eher emotional getriggert und verstärkt in System 1 anzusiedeln sind. Der Entscheidungsprozess bei Baufinanzierungsalternativen hingegen ist wegen seiner klaren Parameter (z. B. Laufzeit, Zins- und Tilgungssatz, Zinsbindung) und der damit einhergehenden Sicherheit im reflektierenden System 2 angesiedelt.

Im Zusammenhang mit einer nachhaltigen und guten Finanzberatung muss eben berücksichtigt werden, dass das Denken kontextabhängig in zwei Systemen erfolgt. Denn Kunden, die über den Bausparvertrag nachdenken, da sie vielleicht nur einmal im Leben die Anschaffung einer Immobilie vornehmen, oder Kunden, die in jungen Jahren über ihre Altersvorsorge entscheiden sollen, befinden sich kognitiv in System 2. Berater, die täglich mit Finanzentscheidungen befasst sind und Immobilienfinanzierungen und Altersvorsorgeprodukte beherrschen, haben Routine und sind meist in System 1. Der Perspektivenwechsel ist also wichtig, um Kunden besser zu verstehen und nicht im Beratungsgespräch zu verlieren.

I.1.5 Kontrollfragen

1. In welchem Teil unseres Gehirns werden Vor- und Nachteile rational abgewogen und Erfahrungswissen aufgearbeitet?

2. Worin unterscheiden sich Bauchgefühl von Intuition?

3. Nennen Sie Bestandteile und Funktion des sog. limbischen Systems?

4. Was ist unter System 1 und System 2 zu verstehen?

5. Wann befinden Sie sich selbst in System 1 und wann in System 2? - Notieren Sie auf ein Papier (für die digital Natives auf Ihrem Pad oder das Notebook), bei welchen Entscheidungen Sie in den letzten Wochen besser System 2 aktiviert hätten: Wie hätten Sie dies erreichen können?

Literatur zu Kapitel I.1

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
Hacim:
233 s. 56 illüstrasyon
ISBN:
9783170390959
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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