Kitabı oku: «NESTOR»
IMPRESSUM
Texte, Umschlaggestaltung, Illustration: © Copyright by Stefan Högn
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Verlag:
Stefan Högn
Bocklsedde 19
42283 Wuppertal
nestor@nigglepot.com
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I
Fünf Minuten
Die einzige Tür des Raums schlug donnernd zu. Straßengeräusche klangen dumpf durch das geschlossene Fenster und einer der beiden Männer hatte Angst.
»Dieses Mal, mein lieber Nigglepot, wirst du mir nicht mehr entkommen!«
Das bleiche Gesicht des Halbvampirs nahm beinahe einen Hauch rosiger Farbe an – vor Freude!
»Da wäre ich mir nicht so sicher, Grafula!«
Es fiel Nestor Nigglepot tatsächlich schwer, diesen Satz einigermaßen flüssig zu sprechen. Ihm blieb fast die Luft weg … und es war heiß. Seine sonst so leicht vorgetragene Überheblichkeit wirkte nicht so recht.
»Du schwitzt! Ja … du schwitzt! Und ganz sicher nicht nur vor Erschöpfung. Nein, mein Freund, du hast Angst!«
Wie viele Jahre hatte Grafula auf diesen Moment gewartet? Unzählige Male standen sich die beiden schon gegenüber – der eine unsterblich, der andere unausstehlich.
»Angst? Im Leben nicht!« Nestor Nigglepot machte sich beinahe in die Hose und es handelte sich hierbei keineswegs um eine gewöhnliche Hose. Dieses Beinkleid bestand aus einem unglaublich widerstandsfähigen Mischgewebe aus Schurwolle und Wildseide, war wunderbar leicht zu tragen, im Winter warm, im Sommer luftig, sündhaft teuer und entstammte der aktuellen Kollektion des englischen Modestars Debile. In so eine Hose machte man nicht!
»Reiß dich zusammen, Nestor!«, sagte Nestor.
»Leise denken, war noch nie deine Stärke, Nigglepot!«, entgegnete Grafula. »Du hast Angst!«
»Hab’ ich nicht!«
»Hast du wohl!«
»Nein!«
»Doch!«
»Im Leben nicht!«
»Nigglepot! Hör auf!«, schrie der blasse Mann aus Transsylvanien. »Du machst dir doch bald in die Hose!«
»Hallo? In diese Hose? Ich meine, guck mal bitte, weißt du überhaupt, was das hier für eine Hose ist?«, Nestor Nigglepot war völlig entsetzt. »Die ist so teuer, so etwas Wertvolles hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen!«
»Ich bin unsterblich …«, antwortete Grafula matt.
»Gut … vielleicht hast du schon mal so etwas Teures gesehen, aber bestimmt nicht als Hose.«
»Schluss, Nigglepot! Damit ist jetzt Schluss! Ich werde dich der örtlichen Polizei übergeben und dann habe ich endlich meine Ruhe!«
Hätte Grafula einen funktionierenden Kreislauf gehabt, hätte ihm sein Blut jetzt vor Aufregung in den Schläfen gepocht.
Bummbumm, bummbumm, klopfte Nestor Nigglepot unauffällig an die Wand hinter ihm.
»Was war das?«, fragte Grafula und drehte den Kopf schlagartig zur Tür.
Blitzartig fuchtelte Nestor an seinem linken Handgelenk herum und den Desorientator hervor, der aussah wie eine protzige Golduhr mit viel zu vielen Funktionen und Edelsteinen. Dieser geniale kleine Apparat machte alle Menschen im Umkreis von zehn Metern, die keinen solchen hatten, völlig orientierungslos. Er drückte den blauen Knopf. Fünf Minuten völlige Leere im Kopf von Grafula müssten reichen, um sich aus dem Staub zu machen.
Pluff!
4 Minuten, 59 Sekunden.
»Wo bin ich?«, fragte der Untote.
»Kann ich ihnen vielleicht irgendwie helfen?«, spielte Nestor Nigglepot sehr hilfsbereit.
»Wem?«, erkundigte sich Grafula.
»Na, ihnen.«
»Mir? Warum?«
»Nicht so wichtig. Aber sie lassen mich doch bestimmt mal eben zur Tür raus, oder?«, biederte sich Nestor an.
»Sehr gerne!«, antwortete der blasse Mann vom Balkan, öffnete die Tür und wünschte: »Einen schönen Tag noch!«
»Danke!«, hallte es im Laufschritt durch den langen düsteren Korridor.
4 Minuten, 40 Sekunden.
Als Nestor Nigglepot aus dem Bürogebäude der Hong Kong Tea Company trat, konnte er nicht mehr rennen, denn sonst wäre er mit seinen schicken Schuhen sofort ausgerutscht. Die Straßen waren schlammig und während der Regenzeit selbst für Automobile kaum passierbar. Sein Weg führte ihn nicht zu einem Hotel, sondern in ein ungenutztes Lagerhaus, das ein paar Straßen weiter weg lag. Nur dort gab es eine frei zugängliche Stromleitung, die genug Energie für die notwendige Ausrüstung bot.
Hätte er seine Ausrüstung in einem Hotel unterbringen wollen, hätte er auch gleich zu Hause bleiben können. Aber ihm war der Tee ausgegangen, also wollte er neuen besorgen. Natürlich hätte er auch Rául, seinen Butler, schicken können, aber der hätte ja doch nur wieder irgendeinen First Flush Darjeeling- Tee gekauft. Allerdings wusste jeder Mensch mit einem kleinen bisschen Stil genau: Der beste Tee aller Zeiten war chinesischer gelber Tee der Marke Yin Zhen, Jahrgang 1921, den die Hong Kong Tea Company vertrieben hatte. Und Nestor Nigglepot hatte jede Menge Stil, aber keinen Tee mehr.
Er schaute auf den Desorientator. In weniger als drei Minuten würde sich Grafula wieder an alles erinnern. »Was für ein feines Stückchen Hochtechnologie!«, dachte er bei sich und musste lachen, weil er sich erinnerte, dass ihm das Ding einmal – ganz aus Versehen – mitten in London auf der Oxford-Street, losging und es nicht mal jemand gemerkt hatte, weil dort alle meist völlig orientierungslos durch die Gegend irrten. Nestor beeilte sich jetzt wieder.
Es war dem Halbvampir gelungen, ihn hier unter 625.166 Chinesen und Briten, bei diesem Wetter, in dieser Stadt und in dieser Zeit zu finden.
»Grafula ist besser geworden. Ich muss mich mehr in Acht nehmen«, dachte Nigglepot.
Kurz darauf erreichte er das Lagerhaus, schaute sich kurz um, und öffnete vorsichtig die Tür. Noch knapp eine Minute.
»Was ist denn das hier für eine komische Maschine?«, fragte ein etwa neun Jahre altes chinesisches Mädchen in einem billigen Kung-Fu-Anzug, der ein bisschen zu groß war.
Nestor Nigglepot zuckte kurz, fasste sich aber schnell.
»Wie kommst du denn hier rein?«
»Durch die Türe vielleicht?«, sagte das Mädchen frech.
»Ja, aber warum denn?«, fragte Nestor erstaunt zurück.
»Vielleicht, weil es draußen regnet wie aus Kübeln!«
Das Mädchen war ihm erheblich zu kess, soviel stand fest.
»Und was ist das jetzt nun für eine Maschine? Kann man damit etwa durch die Zeit reisen?«
»Ach, du meine Güte!«, sagte Nestor.
»Wie, bitte?«, fragte das Mädchen verblüfft.
»Herrje! Ich hab' schon wieder laut gedacht.«
»Ja. Und jetzt schon wieder«, sagte die Chinesin.
»Ähm, ja, äh ja … aber, schau doch mal was ich hier Tolles habe …«, Nestor Nigglepot zeigte dem Mädchen den Desorientator, »Wenn ich auf diesen blauen Knopf drücke …«
Er drückte auf den blauen Knopf.
»Toll! Eine unglaublich protzige Uhr mit einem blauen Knopf. Kann die was Besonderes?«
»Drecksding!«, wunderte sich Nestor Nigglepot, dann stammelte er: »Eigentlich schon … aber, weil ich ihn vor fast fünf Minuten schon einmal gedrückt habe, klappt das jetzt nicht. Erst wenn die einen fünf Minuten vorbei sind, kann ich den Knopf für die nächsten fünf Minuten drücken. Verstanden?«
»Nein. Aber vielleicht erklärst du mir jetzt mal, was das da für eine Maschine ist. So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Draußen donnerte es heftig, denn der Regen hatte sich mittlerweile in einen wahren Wolkenbruch verwandelt.
»Das kann ich leider nicht, denn in weniger als zwanzig Sekunden sind die fünf Minuten um!«
Nestor ging zügig auf die Maschine zu.
»Hast du einen Fünf-Minuten-Tick?« Das Mädchen wunderte sich zu Recht, denn dieser Mann benahm sich äußerst merkwürdig.
»Wie bitte? Ähm, nein, ich denke nicht … nur manchmal … vielleicht, jetzt zum Beispiel.«
Es donnerte erneut.
Nestor Nigglepot ging auf die merkwürdige Maschine zu, betätigte ein paar Knöpfe, es piepte hier und da, dann gingen einige Lichter an, und in einer Art Bilderrahmen erschien plötzlich ein Bild, das vorher gar nicht da war. Dann tauchte in dem Bild ein älterer Herr auf und fragte: »Sie wünschen, Sir?«
»Rául, stell den Zeitvektor auf sechzig Sekunden, ich muss sofort zurück, hier ist im Moment alles ziemlich stressig«, sprach Nestor Nigglepot in eine Art Salzstreuer, der an dem Bilderrahmen fest gemacht war.
Die Maschine zischte, weißer Dampf trat seitlich aus dem Gehäuse, und eine Türe öffnete sich mit einem schön hallenden Wuuusch. Nestor drehte sich zu dem Mädchen um.
»Mach’s gut, Kleine! Wir sehen uns nämlich nie wieder!«
Er ging in die Maschine hinein, winkte noch mal kurz, dann schloss sich die Tür, wieder mit dem hallenden Wuuusch. Das Mädchen stand mit offenem Mund da, schaute sich das alles mit großen Augen an und wusste nicht, wie ihr geschah. Sie hatte viele sonderbare Briten in Hongkong kennengelernt, aber dieser Mensch war mit Abstand der Seltsamste.
Ein unglaublich heftiger Knall erschütterte das Gebäude. Ein Blitz war genau in die Lagerhalle eingeschlagen. Nach ungefähr dreißig Sekunden hörte das Mädchen aus dem Inneren der Maschine wüstes Gefluche und danach ein jämmerliches Gequietsche, als wenn schlecht geölte Zahnräder widerwillig ineinandergreifen. Die Tür der Maschine öffnete sich langsam wieder und als der Spalt breit genug war, kam Nestor Nigglepot wieder heraus und sagte zu dem Mädchen: »Ach, du bist immer noch da?«
»Du doch auch!« Dem Mädchen huschte ein freches Grinsen über das Gesicht. »Kann ich vielleicht helfen?«
»Möglicherweise. Wie heißt du denn, mein Kind?«, fragte Nestor überfreundlich.
»Lilly Foo«, antwortete das Mädchen.
»Gut Lilly, kennst du dich mit theoretischer Physik und Astronomie aus?«
»Erst möchte ich mal wissen, wie du heißt!«, entgegnete Lilly Foo.
»Oh, wie unaufmerksam von mir … ich heiße Nestor Nigglepot.«, säuselte er und fuhr zackig fort: »Und verstehst du jetzt was von theoretischer Physik und Astronomie?«
»Nöö!«, sagte die Chinesin.
»Na, toll!«, war Nestors barsche Antwort.
»Aber ich habe ein Gehirn zwischen meinen Ohren und zwei gesunde Hände«, entgegnete Lilly.
»Wie willst du mir, denn damit helfen?«, war die amüsierte Antwort.
»Weißt du, wenn draußen nicht so ein Unwetter wäre, würde ich lieber wieder gehen. Du bist ein unfreundlicher Mann, Nestor Nigglepot!«
»Machst du diese Erfahrung erst jetzt, Mädchen?«, sagte Grafula, der plötzlich und völlig unbemerkt die Lagerhalle betreten hatte. »Du hast verloren, Nigglepot!«
Nestor Nigglepot machte einen Schritt in Lilly Foos Richtung und rief: »Schnell … komm zu mir!«
Das Mädchen erschrak, denn sie hatte erst recht nicht mit dem Auftreten des Halbvampirs gerechnet. Zudem wirkte sein gruseliges Äußeres auch nicht gerade vertrauenerweckend. Sie spurtete Nestor Nigglepot entgegen, der sie in den Arm nahm und gleichzeitig den blauen Knopf des Desorientators drückte, der offensichtlich wieder funktionierte.
Pluff!
Schon wieder herrschten 4 Minuten und 59 Sekunden völlige Leere in Grafulas Kopf, der sehr unsicher »Wo bin ich?« herausbrachte.
»Sie haben sich in der Tür geirrt, mein Lieber«, sagte Nestor, der sich wieder von Lilly gelöst hatte, den Untoten freundlich zur Tür begleitete, ihn nach draußen führte und dann zügig wieder zurückkam.
»Wer war denn das? Und was ist mit ihm plötzlich los gewesen?«, wollte Lilly wissen.
»Das ist ein … Bekannter von mir und ich habe mit meiner protzigen Uhr sein Gehirn für fünf Minuten gelöscht. Er erinnert sich an nichts mehr, weiß nicht, wer oder wo er ist. Sehr praktisch, wenn man Störenfriede loswerden möchte«, antwortete Nigglepot.
»Und wieso wurde mein Gehirn nicht gelöscht?«
»Ich habe dich umarmt, also hat dich mein Desorientator davor geschützt.«
»Gut, aber wieso hast du das gemacht? Du hättest mein Gehirn doch gleich mit löschen können. Oder hab’ ich dich etwa nicht gestört?«, wollte Lilly wissen. »Schon … aber, vielleicht kannst du mir ja doch helfen. Ich hab' nämlich auch nicht allzu viel Ahnung von theoretischer Physik oder Astronomie«, antwortete Nestor leicht verlegen.
»Und wie kann ich dir helfen?«
»Wir müssen diese Maschine wieder ans Laufen kriegen, ganz egal wie!« Nigglepot schaute auf den Desorientator. Es blieben noch etwas mehr, als vier Minuten Zeit. Er ging zu der Maschine, drückte hilflos auf allen möglichen Knöpfen herum, rappelte hier und horchte da, aber es tat sich nichts.
»Versuchs doch mal mit einem Tritt. Wenn der Generator im Heim nicht funktioniert, dann latscht der Hausmeister mit Karacho dagegen und – Zack! – läuft das Teil wieder«, schlug das Mädchen vor.
»Bitte, Lilly! Diese Maschine ist vermutlich, die am höchsten entwickelte Maschine, die du jemals gesehen hast und vermutlich auch in Zukunft sehen wirst. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn man mit Wucht dagegen latscht?«
»Nein, aber du wirst es mir vermutlich sagen«, gab die Chinesin zurück.
»Sie könnte kaputtgehen!« Nestor war in der Tat verzweifelt, wollte aber, dass das Mädchen nichts merkte.
»Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, Nestor Nigglepot, aber diese Maschine ist bereits kaputt. Also, wo soll ich gegen treten?«
»Nirgendwo!«
»Ich kann aber sehr gut treten. Ich kann Kung-Fu!«
»Sehr schön! Hast du noch irgendwelche anderen Ideen? Ich bin nämlich in Eile!« Nestor fing wieder an zu schwitzen und diesmal war es ganz eindeutig Angst.
»Hast du denn keine Ideen? Ich weiß doch noch nicht mal, wofür dieses Riesending gut sein soll.«
Lilly betrachtet die Maschine jetzt genauer. Sie war bestimmt doppelt so hoch wie sie selber und sogar noch breiter, fast so groß wie ein Lastwagen. Ihr Äußeres war komplett aus schimmerndem, bläulichen Metall und nirgendwo war eine scharfe Ecke oder Kante zu sehen. Drei ringartige Gebilde schlangen sich sternförmig um das kugelige Zentrum.
Oben in der Mitte, wo sich die mannshohe Tür befand, hatte die Maschine eine halbrunde Kuppel mit einem winzigen Fenster. Der Türöffner war vermutlich, die handförmige Vertiefung in der Türmitte. Rechts neben der Tür befand sich eine Art Pult, an der Nestor Nigglepot noch vor wenigen Minuten die vielen Knöpfe gedrückt hatte und ein Stück oberhalb dieses Pults befand sich dieser Salzstreuer und der Bilderrahmen. An der rechten Maschinenseite trat ein dickes Kabel heraus, das vermutlich mit einer Stromleitung verbunden werden konnte.
»Pass auf, Lilly, es fehlt mir die Zeit, das alles zu erklären! Dieser blasse Mann von eben wird wiederkommen und dann …«
Nestor fummelte wieder an den Knöpfen herum.
»Braucht diese Maschine denn eigentlich Strom?«, wollte Lilly wissen.
»Jede Menge! Die kann kaum genug davon bekommen.« Er klopfte vorsichtig auf den Bilderrahmen, aber es tat sich nichts.
»Und woher kommt der Strom?«
»Na aus der Steckdose, Lilly! So etwas wirst du doch wohl kennen.« Nestor war sich nicht mehr so sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, ihr Gehirn nicht zu desorientisieren. Er kniete sich unter das Pult und suchte hilflos herum.
»Dann würde ich das Ding auch mal ein stöpseln«, gab Lilly selbstbewusst zurück.
»Wie bitte?«
»Da rechts neben deiner Maschine liegt der Stecker, direkt neben der Steckdose.«
Nestor fuhr hoch, stieß sich ganz fürchterlich den Kopf, sammelte sich kurz, lief rechts um die Maschine und … tatsächlich, dort lag der Stecker. Er musste durch den Blitzeinschlag aus der Wand geflogen sein. Er nahm ihn, untersuchte ihn kurz, stöpselte ihn ein und, als wenn nichts gewesen wäre, summte die Maschine wieder leise los und leuchtete sanft in einem hübschen hellblau – ganz genau wie vorher.
Nigglepot stürzte auf das Pult zu, tippte in erstaunlicher Geschwindigkeit auf den Knöpfen herum, im Bilderrahmen erschien der alte Mann wieder, und Nestor rief hektisch: »Notfall, Rául! Zeitvektor auf dreißig Sekunden!«
»Wie sie wünschen, Sir!«, antwortete Rául gelassen.
Die Tür der Maschine öffnete sich ganz und Nestor drehte sich auf dem Weg hinein noch einmal zu dem Mädchen um. »Ich danke dir, Lilly! Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich dir jeden Wunsch erfüllen, aber ich muss weg. Leb wohl!« Dann ging er in die Maschine hinein.
»Nimm mich doch mit!«, rief Lilly.
»Warum eigentlich nicht?«, dachte Nestor. Oder hatte er es gesagt, denn schon einen Augenblick später stand die Chinesin neben ihm in der Maschine, und die Tür schloss sich mit dem hallenden Wuuusch.
Nestor und Lilly wurden in dunkelblaues Licht getaucht, während eine metallische Stimme gleichmäßig rückwärts zählte: »Vier … drei … zwei … eins … null … Zeitvektor geschlossen!«
Plimm!
Die Lagertür öffnete sich, ein Halbvampir trat ein und starrte fünf Minuten lang in völlige Leere.
II
Seldom House
Nachdem das dunkelblaue Licht erloschen war und die Türe sich mit ihrem Wuuusch wieder geöffnet hatte, trat Nestor aus der Maschine und sagte selbstsicher zu dem Mädchen: »Komm, Lilly! Du wirst staunen!«
Nestor liebte es einzigartig zu sein.
Und Lilly staunte tatsächlich. Sie befand sich nicht mehr in der Lagerhalle, sondern in einer Art Labor. Überall standen Maschinen von verschiedenster Art. Keine davon hatte sie jemals gesehen oder auch nur eine Ahnung, wofür sie gut sein sollten. Unsicher folgte sie dem ungewöhnlichen Mann.
»Wer bist du? Wo sind wir? Was ist das alles hier und wie ist das alles möglich?«, wollte Lilly wissen.
»Fragen über Fragen – wir haben genug Zeit dafür, unglaublich viel Zeit, mein Kind!«, gab Nestor eingebildet zurück.
»Gerade eben hatten wir aber noch überhaupt keine Zeit, Nestor Nigglepot! Und nenn mich nicht mein Kind! Also, was ist hier los?« Lilly war ungeduldig und wollte noch weiter fragen, als sich eine Tür öffnete und ein älterer Mann eintrat. Offensichtlich war es Rául.
»Hatten sie eine angenehme Reise, Sir?« Der Butler hielt kurz inne. »Oh! Wir haben Besuch? Soll ich ein zweites Teegedeck in den Salon bringen lassen?«
»Nein, Rául, keinen Tee, es gab ein paar Probleme beim Einkaufen, nur Wasser für das junge Fräulein, Früchtekuchen und Sandwiches, ich nehme einen … Sherry«, antwortete Nestor Nigglepot leicht genervt.
»Nun, Sir, ich habe vorsichtshalber First Flush Darjeeling Tee für sie besorgt. Das Wasser kocht bereits«, entgegnete der Butler.
»Na gut. Kein Sherry, Darjeeling … besser als nichts.« So klang es, wenn Nestor Nigglepot frustriert war. »Möchtest du lieber Tee statt Wasser, Lilly?« Und so wiederum klang es, wenn er besonders weltmännisch tun wollte.
»Tee und Antworten, bitte!« So klang übrigens Lilly, wenn sie langsam zickig wurde.
»Wenn mir die Herrschaften bitte in den Weißen Salon folgen wollen …« Rául verließ durch dieselbe Tür das Labor, durch die er gekommen war, und Nestor Nigglepot folgte ihm. »Komm! Du wirst staunen!«
»Muss ich das jetzt öfter?«, fragte Lilly.
»Immer und immer wieder, meine Liebe!«, gab Nestor so dandyhaft zurück, wie er nur konnte.
Als Lilly Foo den beiden durch die Tür folgte, betrat sie ein riesiges Gewächshaus, in dem die prächtigsten Blumen, Palmen und exotischsten Früchte wuchsen, die man sich nur vorstellen kann. Für Menschen die Pflanzen liebten, war dieser fast komplett aus Glas und Eisen gebaute Raum, ganz sicher das Paradies. Ihm schloss sich eine Bibliothek von der Größe einer Turnhalle an. Bücherregale standen dicht an dicht, vom Boden bis zur Decke. Es müssen Zehntausende Bücher gewesen sein.
»Du liest aber viel, Nestor Nigglepot. Wieso verstehst du dann nichts von theoretischer Physik und Astronomie?«, wollte das Mädchen wissen.
»Ich? Viel lesen? Unsinn!« Mit einer lässigen Handbewegung wischte er Lillys Frage einfach weg. »Alle diese Bücher sind etwas Besonderes! Wenn nicht einzigartig, dann zumindest sehr selten. Dort zum Beispiel …«, er zeigte nach rechts. »Alle Welt glaubt, es gäbe nur ein erhaltenes Exemplar des über tausend Jahre alten irischen Buchs Book of Kells. Sie irren. Dort steht mein Exemplar – im 9. Jahrhundert handgeschrieben in einem Kloster, nahe der Stadt Cork. Oder da …«, sein Blick wanderte nach links oben. »Dreiundzwanzig Gutenberg-Bibeln aus dem 15. Jahrhundert. Fast die ganze Auflage. Und direkt daneben: das einzige, ich wiederhole, das einzige, erhaltene Exemplar des Gutenberg-Kochbuchs. Außer uns weiß keiner, dass es das überhaupt gibt!« Nestor strahlte über das ganze Gesicht. Der Stolz quoll ihm beinahe aus jeder Pore. »Na ja … und der Rest ist halt auch so was: Unikate, handsignierte Erstauflagen-Exemplare, Folianten … Bücher eben.«
»Sir, sie belieben zu untertreiben! Ihre Bibliothek ist mit Abstand, die wertvollste der Welt«, sagte der Butler antrainiert bewundernd und ging weiter voraus.
»Vielen Dank, Rául, sehr liebenswürdig!«, entgegnete Nestor in lässiger Manier.
Lilly bekam den Mund kaum zu. Als sie die Bibliothek verließen, kamen sie in einen langen Korridor mit hohen Wänden und vielen Türen an beiden Seiten. Zwischen den Türen und darüber hingen überall Bilder, zum Teil in schwülstigen goldenen Rahmen, zum Teil ungerahmt. Viele der Bilder waren offensichtlich Gemälde aus vergangenen Jahrhunderten und vereinzelt sehr groß – einige allerdings waren winzig. Andere Bilder hatten kein erkennbares Motiv, sondern bestanden aus wildem Gekrakel oder einfachen Farbflächen.
»Interessierst du dich auch für Kunst, Lilly?«, wollte der merkwürdige Mann wissen.
»Bisher habe ich mich eigentlich nur für mein Überleben interessiert«, antwortete sie mit ungläubigen Augen.
»Das ist bestimmt auch ein schönes Hobby!« Nigglepot hatte gar nicht richtig zugehört. »Hier, ein Rembrandt, da … ein Chagall, Mondrian, Magritte, Picasso, Michelangelo, Dürer … und dort … ein da Vinci – schwierig zu bekommen. Der malt zu wenig und erfindet zu viel, vergeudet sein ganzes Talent für unnützes Zeug. Eine Schande, sage ich dir!«
Er war kaum zu bremsen und zeigte von einem Bild zum nächsten, erzählte von verarmten Künstlern, die sich Ohren abschnitten und verrückten Künstlern, die zerfließende Uhren malten.
»Du sagtest, du interessierst dich für das Überleben … und, warst du da bisher einigermaßen erfolgreich?«
Lilly folgte ihm nur stumm und sie erreichten die Empfangshalle des Anwesens, das den Namen Seldom House trug, wie sie aus dem nicht enden wollenden Vortrag von Nestor Nigglepot erfuhr. Zu beiden Seiten gingen geschwungene Treppen hinauf in die erste Etage, eine prachtvolle Eingangstür mit vielen kleinen Scheiben eröffnete einen Blick auf einen geschmackvoll gestalteten Vorplatz, der in einen schier endlosen Garten überging.
Auch hier in der Halle waren viele Türen und Gemälde. Aber der absolute Hingucker stand genau in der Mitte. Unter einer großen Gewölbekuppel prangte auf einem Sockel eine steinerne Statue. Ein stehender weiblicher Engel, dessen Arme und Kopf offensichtlich abgebrochen, aber dessen Flügel imposant ausgebreitet waren, füllte den Raum mit seiner Erscheinung.
»Dein Engel ist kaputt, Nestor Nigglepot!«
»Das ist die Siegesgöttin Nike. Ich sah sie während eines Griechenland-Urlaubs und habe mich sofort in sie verliebt. Wir passen gut zusammen, oder?« Nestor suchte nach Bestätigung in Lillys Augen, fand aber keine. »Im Louvre steht nur eine Kopie von ihr … braucht aber keiner zu wissen.«
Sie erreichten den Weißen Salon. Ein erstaunlich sachlicher Raum, eher wie ein Büro, in dem tatsächlich fast alles weiß war. Ein verhältnismäßig großer Tisch stand in der Mitte, darum vier Stühle und schlichte Lampen – alles war auf das Nötigste reduziert. Auffallend war nur das riesige pechschwarze Bild gegenüber der Eingangstür. Die Türen zum Garten waren fast raumhoch, alle geöffnet und gaben den Blick und die Luft frei, in den herrlichen Garten. An zwei Plätzen waren Teetassen gedeckt, eine Teekanne, Zucker, Sahne, Zitronenscheiben, eine Schale mit Bradbury’s Honig-Nuss-Keksen und ein Teller mit Sandwiches standen bereit.
»Nimm Platz, meine Liebe«, sagte Nestor Nigglepot überhöflich. »Du wirst sicher Hunger und Durst haben.«
Lilly setzte sich vor eine der Teetassen und Nestor goss ihr dampfenden, rotgoldenen Tee ein.
»Das ist hier ganz sicher nicht Hongkong, oder?«, wollte Lilly wissen.
»Ganz sicher nicht«, war die amüsierte Antwort. »Zucker, Sahne oder Zitrone für den Tee?«
»Weder noch. Nur Tee, bitte …«
Nestor nahm sich gelassen einen seiner geliebten Kekse und beobachtete, wie viel Spannung sich in dem ratlosen chinesischen Mädchen aufgebaut hatte. Alle diese Fragen, in diesem kleinen Kopf, unter den pechschwarzen Haaren bettelten um Antworten. Und er könnte sie geben – jederzeit, aber noch genoss er diesen Augenblick. Was konnte es Schöneres geben, als einen weiteren Menschen davon zu überzeugen, dass er, Nestor Nigglepot, der erstaunlichste, einzigartigste und unbeschreiblichste Mensch aller Zeiten war.
»Nun?« Er ließ Lilly ein wenig Zeit, um sich für die erste Frage an ihn zu sammeln.
»Du bist bestimmt ein Verbrecher, Nestor Nigglepot!«
Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. »Wie darf ich, denn das bitte verstehen?«
»Was ist daran schon groß zu verstehen? Du hast mir in deiner Maschine ganz sicher eins über den Kopf gebraten. Und jetzt träume ich bestimmt, ich würde mich bei einer Tasse Tee nett mit dir unterhalten. Ich möchte aber lieber wieder wach werden!«
»Was … wie jetzt? Du bist wach. Ganz sicher!«
So etwas hatte Nestor noch nicht erlebt. Viele Menschen bestaunten ihn ungläubig, aber keiner hatte bisher behauptet, er würde Nestor Nigglepots Gegenwart nur träumen. Was aber, je nach Art des Traums, durchaus angemessen wäre.
»Fühl an dem Tee! Er ist heiß. Trink einen Schluck! Hast du schon mal etwas Heißes im Traum gefühlt oder getrunken?«
Lilly nippte an ihrer Tasse und es stimmte, da war heißer Tee drin. So etwas hatte sie in der Tat noch nie geträumt. Sie überlegte, dann schaute sie sich um und ihr Blick blieb an dem Garten hängen. »Wir sind noch nicht mal mehr in China, oder?«
»Nein. Wir befinden uns in England, genauer gesagt in Cornwall. Ich bevorzuge milderes Klima, als das in China.«
»Das bedeutet, als wir in deine Maschine gestiegen sind, haben wir eine Reise um die halbe Welt gemacht … innerhalb von wenigen Sekunden?« Lilly konnte es nicht glauben. »Aber das ist doch völlig unmöglich. Nicht mal ein Zeppelin oder ein Flugzeug kann so schnell, geschweige denn, so weit reisen!«
»Nun, genau genommen waren wir gar nicht so besonders schnell. Immerhin haben wir ungefähr hundert Jahre dafür gebraucht. Das hätten wir sogar zu Fuß geschafft.« Nestor triumphierte.
Aber für Lilly klang diese Antwort nur noch unglaubwürdiger. »Ich weiß nicht, wie alt du bist, Nestor Nigglepot, aber ich war zehn Jahre alt, als ich in deine Maschine gestiegen bin, und wenn ich mich so ansehe, kommt es mir nicht vor, als wäre ich jetzt hundert Jahre älter. Du lügst!«
»Mitnichten, Lilly Foo! Die Maschine, mit der wir gereist sind, ist eine Zeitmaschine.« Ein wohliger Schauer fuhr ihm über den Rücken. Wenn es etwas gab, mit dem man ultimativ angeben konnte, dann ganz sicher mit seiner Zeitmaschine. »Weißt du was eine Zeitmaschine ist, meine Liebe?«
»Eine Uhr?«
»Pah, eine Uhr! Ich glaub’s ja nicht!« Ein missachtender Blick traf die Chinesin. »Eine Uhr ist nur wie ein Kreuz auf einer Landkarte. Mit einer Zeitmaschine machst du die Landkarte selbst! Du kannst Wege, Straßen und Orte jetzt, hier und auf der Stelle aufsuchen, ohne erst zu dem Kreuz zu gehen. Das Kreuz kommt zu dir … eine Uhr zeigt dir nur, wieviel Zeit du bereits verloren hast. Verstehst du das?«
»Schwierig.« Lilly grübelte nach. »Woher hast du denn diese Zeitmaschine? Gebaut haben, wirst du sie ja nicht.«
»Also bitte! Zweifelst du etwa an meiner Intelligenz?«
»Natürlich!« Lilly grinste Nestor breit an. »Wer, außer mir, hat denn hier noch keine Ahnung von theoretischer Physik und Astronomie?«
»Altkluge Trulla!«, sagte Nestor, wollte es aber eigentlich denken.
»Eingebildeter Fatzke!«, dachte Lilly, wollte es aber eigentlich sagen.
»Also gut …«, druckste Nestor rum. »Die Zeitmaschine stammt aus meiner Heimat.«
»In Cornwall kann man Zeitmaschinen kaufen?« Lilly war ganz sicher, dass er schon wieder log.
»Ich komme nicht aus Cornwall, ich lebe nur hier.« Nestor setzte sich gerade hin, verschränkte seine Unterarme auf dem Tisch und sah Lilly scharf an. »Kannst du schweigen, Lilly?«
»Wenn du die Wahrheit sagen kannst, kann ich schweigen, Nestor Nigglepot!«
»Auch wenn du mir nicht glaubst, aber ich habe dich bisher nicht ein einziges Mal belogen.« Zum ersten Mal klang Nestor wie ein normaler Mensch, beinahe ein bisschen unsicher.
»Wünschen die Herrschaften noch etwas?« Der Butler hatte den Raum mit ausgesprochener Zurückhaltung betreten.
»Danke, Rául, alles bestens.« Nigglepot zwinkerte dem älteren Herrn zu.
»Mister Rául! Dieser Mann hier«, sie zeigte auf Nestor und fuhr fort, »hat mich aus Hongkong mitgebracht und erzählt mir nicht die Wahrheit! Sie tauchen hier plötzlich aus dem Nichts auf und er zwinkert ihnen zu … hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Um ganz ehrlich zu sein: ich habe Angst und will wieder zurück.«
Rául blickte zu Lilly, dann zu Nestor Nigglepot und wieder zurück zu Lilly. Als er antworten wollte, platze Nestor dazwischen.
»Wohin willst du denn wieder zurück? Nach Hongkong? In dein Kinderheim?«
Lilly Foo war richtig erschrocken, denn er hatte ihr tatsächlich zugehört.
»Was erwartet dich in China im Jahre 1921? Glück, etwa? Frieden, Erfolg oder Gesundheit und ein langes Leben?«
Das Mädchen wurde unsicher, sie dachte nach und sagte: »Woher soll ich das wissen? Ich habe ja keine Zeitmaschine.«
»Aber ich und die Zukunft in deiner Heimat und deiner Lebensepoche könnte für Heimkinder kaum schlechter aussehen.«
»Glauben sie ihm, junge Dame!«, mischte sich Rául plötzlich ein.
»Warum sollte ich dir glauben, Nestor Nigglepot?«
»Weil wir beide etwas gemeinsam haben. Du bist allein und ich bin es auch. Du magst Abenteuer und ich auch!«
»Woher willst du wissen, dass ich Abenteuer mag?«
»Ganz einfach: du wolltest mit mir mitkommen, aus freien Stücken. Das nenne ich abenteuerlustig!«
»Und wieso glaubst du, dass ich allein bin?«
»Hättest du jemand, zu dem du wirklich gehörst, wärest du ganz sicher in Hongkong und im Jahr 1921 geblieben.«
Er hatte recht und Lilly antwortete: »Ich hätte nicht gedacht, dass du doch so clever bist, Nestor Nigglepot!« Sie nahm ein Sandwich, biss hinein, kaute in aller Ruhe und schluckte dann. »Aber, ich glaube dir trotzdem nicht, dass das eine Zeitmaschine ist. Ein Flugapparat? Vielleicht. Aber eine Zeitmaschine? Nie im Leben!«
»Soll ich es dir beweisen, meine Liebe?« Nestor nahm diese Herausforderungen sehr gerne an.
III
Inspector Fazzoletti
Grafula verließ die Lagerhalle und ging hinaus in den Regen. Was machte es schon, dass er wieder nass wurde? Er fühlte sich sowieso wie ein begossener Pudel. Nigglepot war ihm wieder entkommen und diesmal sogar mit einer Komplizin, diesem gelben Kind!
»Der Kerl schreckt vor nichts zurück«, dachte er ungläubig. »Ganz sicher ist er auch schuld an meinen Gedächtnislücken. Ganz sicher!«
Der Weg führte ihn in die Wellington Street im Central District Hongkongs. Dort befanden sich ein Arzt und was noch wichtiger war: die hiesige Niederlassung von Scotland Yard! Die eigene Unsterblichkeit ließ übertriebene Sorgen wegen seiner Gedächtnisaussetzer unbegründet erscheinen, also entschied er, zunächst der Polizei ein Besuch abzustatten. Und wenn Nigglepot sich noch in der Stadt befand, war Eile geboten. Die zahlreichen Erfahrungen mit dieser Plage hatte, den Untoten gelehrt, dass der eingebildete Schnösel sehr beweglich war. Er ging zum Informations-Schalter.
»Officer! Ich muss dringend den zuständigen Kommissar für übernatürliche Phänomene sprechen!« Grafula wählte den schnellen Weg.
»Hinten anstellen!« Der Officer wählte offenbar den langsamen Weg.
»Hören sie, guter Mann! Dort draußen treibt ein Mann seit Jahrtausenden sein schändliches Unwesen!«
»Also werden wir ja wohl noch ein Viertelstündchen Zeit haben, wie?« Der Polizist schaute Grafula jetzt erst an. »Sie sehen blass aus. Fühlen sie sich nicht wohl?«
»Doch, doch …«
»Dann stellen sie sich hinten an, oder kommen sie morgen wieder, und stellen sich dann an.«
»Aber hier ist doch nirgendwo eine Schlange, an der ich mich anstellen könnte …«
»Dann fängt die Schlange eben mit ihnen an!«, entgegnete der Beamte und widmete sich wieder seiner Schreibarbeit.
Als es schien, dass der Officer hatte seine Tätigkeiten erledigt, stand er auf, schaute auf die große Uhr in der Halle, sagte knapp: »Teepause« und ging.
Grafula stand völlig alleine in dem großen Raum und dachte: »Jetzt könnte ich gut eine von diesen Gedächtnislücken gebrauchen.«
Exakt fünfzehn Minuten später erschien der Officer wieder, nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und sprach den Untoten an: »Wird ihnen bereits geholfen, mein Herr?«
»Nun, wie ich bereits sagte, ich muss dringend den zuständigen Kommissar für übernatürliche Phänomene sprechen!«
»Das Kommissariat für übersinnliche Phänomene befindet sich dort …«, er zeigte auf die rechte Tür direkt neben seinem Schreibtisch. Hinter dieser Tür hatte Grafula eigentlich eine Art Abstellraum vermutet.
»Sie waren mir eine große Hilfe, Officer«, sagte Grafula, ging auf die Tür zu und las auf dem Schild: Kommissariat für übernatürliche Phänomene – Inspector Fazzoletti. Der Name Fazzoletti kam ihm irgendwie bekannt vor.
Er klopfte an und ein undeutliches Wort von hinter der Tür ließ ihn vermuten, dieser Inspector Fazzoletti hätte Herein gesagt. Daraufhin drehte der Halbvampir den Türgriff und betrat ein Büro, das so winzig war, dass nur ein kleiner Schreibtisch mit Schreibmaschine und ein Stuhl dort hineinpassten. Auf der Schreibmaschine lag ein angebissenes Sandwich und auf dem Stuhl saß ein dicker Mann, in einem zu kleinen Anzug, mit einer großen roten tropfenden Nase, der kaute und sich gerade die Fußnägel abknipste.
»Darf ich eintreten?«, fragte der Untote ungläubig.
»Iff hab’ laub unb beutliff NEIN wefagb!«
»Wie, bitte?«
Der Mann schluckte, zog deutlich vernehmbar seinen Rotz hoch, schluckte noch mal und sagte: »Schon gut!« Er stand auf, ging barfuß auf den Halbvampir zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte unüberhörbar stolz: »Fazzoletti. Inspector Fazzoletti!«
»Ich weiß, es steht draußen an ihrer Tür. Mein Name ist Grafula, einfach nur Grafula!« Der Halbvampir wollte den Händedruck erwidern, aber Fazzoletti stutzte kurz und rannte an ihm vorbei und bestaunte die Tür. »Das ist ja nicht zu fassen! Seit über fünf Jahren arbeite ich in diesem Büro und bis gestern hing da noch das Schild Abstellraum.« Der Inspector ging zu seinem Platz zurück. »Ich sag’s ja immer wieder … in einer so straffen und schlagkräftigen Einrichtung funktioniert alles – wie in einem Uhrwerk. Scotland Yard! Tolle Behörde!« Er setzte sich zufrieden hin. »Wie war gleich ihr Name?«
»Grafula.«
»Und weiter?«
»Nur Grafula.«
»Nur Grafula?«
»Ja. Nur Grafula!«
»Aha.« Fazzoletti zögerte. »Künstler?«
»So was in der Art.«
»Ich kann Künstler nicht leiden«, sagte der Inspector sehr glaubwürdig.
»Nein, nein! Ich bin nicht wirklich Künstler. Ich hab’ nur keinen Nachnamen.«
Fazzoletti schaute sein Gegenüber eindringlich an und warnte mit dem rechten Zeigefinger. »Bei Scotland Yard wollen wir aber immer schön die Wahrheit sagen, oder?«
»Selbstverständlich!«
»Man kann sich kaum vorstellen, was mir die Leute hier ständig für einen Unfug erzählen. Gespenster, Beschwörungen, Außerirdische … ich glaube diesen ganzen Quatsch eh nicht. Aber scheinbar gibt es da draußen jede Menge Verrückte. Na, ist ja auch egal … wo drückt denn ihr Schuh?«
Der Halbvampir schaute auf die nackten, fiesen, schwieligen Füße des Polizisten. »Eine hässliche Geschichte, Inspector! Seit Jahrtausenden treibt ein Individuum namens Nestor Nigglepot sein schändliches Unwesen auf unserem gesamten Planeten.«
»Aha.«
»Er bringt das Raum-Zeit-Kontinuum ein ums andere Mal völlig durcheinander und niemand ist in der Lage ihn zu stoppen!«
»Wunderbar, dann ist der Fall ja erledigt.« Fazzoletti biss zufrieden in sein Brot.
»Aber ganz und gar nicht! Es wird immer so weiter gehen, wenn sie nichts unternehmen.«
»Herr Grafula … sagten sie nicht, niemand wäre in der Lage ihn zu stoppen?«
»Aber Inspector, sie verstehen mich falsch! Es muss natürlich irgendwann einmal, jemand versuchen ihn wirklich dingfest zu machen!«
»Was hat er denn schlimmes gemacht?«
»Sein ständiges Auftreten, zu allen möglichen Zeiten hat schon unzählige Male den Lauf der Geschichte massiv verändert.«
»Und woher wollen sie das wissen?«, fragte Fazzoletti – fast wie ein guter Inspector.
»Ich war dabei!«
»Aha!« Fazzoletti zog sich die Socken an. »Wie alt sind wir denn?«
»Das tut nichts zur Sache!«
Fazzoletti schaute den Halbvampir lange finster an und musste plötzlich so fürchterlich niesen, dass Grafula einen Schritt nach hinten machte. Der Polizist putze sich laut vernehmlich die Nase und schaute ihn wieder lange finster an.
»Hören sie … Herr Grafula … ich kann ihnen helfen, aber wenn sie nicht freiwillig mit mir zusammenarbeiten, und offen und ehrlich die Wahrheit sagen, kann ich sie auch zum Reden bringen lassen!«
»Ich bin unsterblich …«, sagte Grafula.
»Auf einmal geht es ja doch«, triumphierte Fazzoletti und hatte offensichtlich gar nicht verstanden, was ihm der kleine, fahle Mann, mit der kalten Stimme, da gerade gesagt hatte.
»Ich wurde vor über 36.000 Jahren als Sohn eines Vampirs und einer Sterblichen geboren. Also bin ich ein Halbvampir, was bedeutet, dass ich nicht sterben kann, aber kein Blut trinken muss, ich kann bei Tageslicht überleben, aber meine Flugkünste als Fledermaus gleichen eher der eines Huhns.«
»Aha.«
»In all diesen Jahren ist mir besagter Nestor Nigglepot immer wieder begegnet. Damit muss irgendwann Schluss sein, sonst werde ich noch wahnsinnig!«
»Sie sind auch schon ganz blass.« Fazzoletti schaute kurz zu ihm auf und band dann seine Schuhe zu. »Wenn man sie so sieht, möchte man gar nicht glauben, dass sie unsterblich sind … eher das Gegenteil. Aber, sie sind absolut sicher, dass sie unsterblich sind?«
»Absolut!«
»Könnte das jemand bezeugen, ihre Eltern zum Beispiel?«
»Meine Mutter ist vor über 36.000 Jahren verstorben und meinem Vater wurde seine romantische Vorliebe für Sonnenaufgänge zum Verhängnis.« Grafula klang nur mäßig betroffen. Er hatte mit den Jahrtausenden gelernt privaten Schmerz zu verarbeiten.
»Irgendwelche Nachbarn mit gutem Leumund?«
»Leider nein.«
»Irgendwelche Nachbarn mit schlechtem Leumund?«
»Hören sie, Inspector!« Der Untote wurde nun unruhig. »Die Zeit drängt! Dieser Mann könnte inzwischen überall sein Unwesen weitertreiben.«
»Was hat dieses Individuum denn verbrochen?« An gutem Willen mangelte es dem Inspector zwar erheblich, aber er vermochte die Vorschriften wenigstens einigermaßen einzuhalten.
»Er ist verschwunden!«
»Verschwinden ist im British Empire, einschließlich Hongkong, nicht verboten.« Fazzoletti war inzwischen genauso genervt wie sein Gegenüber. »Damit Scotland Yard aktiv wird, müssten sie schon ein bisschen mehr auf Lager haben. Hat er wenigstens einem Baby die Bonbons geklaut?«
»Kennen sie sich mit theoretischer Physik und Astronomie aus?«
»Nicht, das ich wüsste!«
»Ich meine, verstehen sie etwas von Zeitabläufen?«
»Dass schon«, entgegnete der Inspector. »Wenn sie nicht zügig etwas Stichhaltiges präsentieren, ist Ihre Zeit hier abgelaufen … Also?«
»Ich will versuchen, ihnen ein Beispiel für seine gravierenden Einflüsse auf den Ablauf der Zeit zu geben.« Grafula stemmte seine Fäuste auf die Hüften. »Ich vermute, hätte Nestor Nigglepot im Jahre 1773 auf einer Tee-Party Samuel Adams und seine Freunde nicht mit dem Satz: Dann macht euch doch selbstständig, gegen die britische Krone aufgebracht, dann wären die USA heute kein unabhängiger Staat.«
»Warum hätte er, das denn tun sollen?«, wollte Fazzoletti eher gelangweilt wissen.
»Was weiß ich? Vielleicht wollte er die originale Unabhängigkeitserklärung haben?«
»Schön und gut, aber ich fürchte, dass solche Gegebenheiten dennoch keine Verbrechen sind, und selbst wenn, wären sie vermutlich verjährt. Außerdem müssten sie ihr Anliegen, dann vermutlich an das Betrugs-Dezernat richten.«
»Inspector! Wer weiß, was er jetzt schon wieder plant? Vielleicht wird durch sein Eingreifen China zur größten Wirtschaftsmacht auf diesem Planeten!«
Das war eine unerwartete Wendung. Fazzoletti machte große Augen und sagte: »Gott bewahre!«
Er griff in die oberste Schublade seines Schreibtischs und zog ein Formular hervor, das er unter Schwierigkeiten in die Schreibmaschine spannen wollte. Nach einigen Fehlversuchen kam er auf die Idee, zunächst sein Butterbrot von der Maschine zu entfernen, und erst dann den Bogen einzuziehen.
Der Inspector tippte langsam suchend los. Nach einer Weile hielt er inne. »Tja, lieber Herr Grafula. Ich fürchte, mir sind da doch die Hände gebunden.«
»Aber, warum?«
»Weil sie kein Künstler sind!«
»Das tut doch nichts zur Sache!« Grafula war fassungslos, fast hatte er die Staatsmacht soweit gehabt.
»Leider doch. Ich darf das Feld Nachname auf diesem Formular nur dann leer lassen, wenn der Anzeigenerstatter, in diesem Fall also sie, Künstler ist.«
IV
Sofia
Im Haus von Nestor Nigglepot gab es eigentlich nur eine wichtige Regel: Wenn man nicht wusste, wofür etwas gut war, ließ man am besten die Finger davon. Doch Lilly Foo war nicht nur schlau, sondern auch vorsichtig genug, um auf diese Einschränkung selber zu kommen. Aber, sonst gab es hier jede Menge zu entdecken!
Scheinbar hatte dieser bemerkenswerte Mann so ziemlich jede wichtige Epoche der Menschheitsgeschichte besucht, um sich möglichst viele Besonderheiten, Schätze und Kostbarkeiten unter den Nagel zu reißen. Warum er das tat, war der Chinesin völlig unklar.
Lilly wusste nicht, was sie von Nestor Nigglepot halten sollte, darum war ihre erste Adresse für wichtige Fragen sein Butler Rául. Obwohl der ständig irgendetwas zu erledigen hatte, nahm er sich immer Zeit, um ihr auf fast alles möglichst umfassend zu antworten.
»Arbeiten sie eigentlich schon lange für Nestor Nigglepot, Herr Rául!«
»Nennen sie mich bitte einfach nur Rául, junge Dame!«
»Nur, wenn sie mich Lilly nennen!«
»Gut Lilly, darauf können wir uns einigen«, war die Antwort. Und weiter: »Ich denke, ich habe Herrn Nigglepot kennengelernt, als ich so alt war wie du jetzt.«
»Aber jetzt sind sie ein alter Mann … ähm, tut mir leid … ich wollte …« Lilly war verlegen.
»Ich fürchte, du hast recht.« Rául lächelte sie an. »Aber ein Leben, hier in diesem Haus, kann recht anstrengend sein.«
»Wieso? Hat Nestor Nigglepot sie zu irgendetwas gezwungen, zum Arbeiten, oder so etwas?«
Lilly war wieder in Hab-Acht-Stellung, denn das Kinder zu etwas gezwungen werden konnten, davon wusste sie aus ihrem Kinderheim genug zu berichten.
»Um Himmelswillen!« Jetzt musste Rául richtig lachen. »Nein, ganz sicher nicht. In diesem Haus kann dir nichts passieren. Eigentlich hast du sogar das große Los gezogen.«
»Wieso eigentlich?«, wollte Lilly wissen.
»Wenn du es lange genug mit Nestor Nigglepot aushältst, wirst du erkennen, was ich meine.«
»Wie lange halten sie es denn schon mit ihm aus, Rául?«
»Viel, viel länger, als ich heute alt aussehe«, war die mysteriöse Antwort.
»Stimmt das mit dieser Zeitmaschine wirklich?« Das Mädchen wollte jetzt doch ein bisschen mehr erfahren.
»Auf diese Frage darf ich dir nicht antworten, Lilly.«
»Warum nicht?«
»Weil ich es verboten habe!«, flötete es durch den Raum.
Nestor Nigglepot stand plötzlich mit großer Geste da.
»Das gehört zu unserem Wettkampf, meine Liebe!« Er verschränkte die Arme vor der Brust und grinste von einem Ohr zum anderen. »Du glaubst mir nicht. Das ist dein gutes Recht. Und mein gutes Recht ist – zumindest in diesem Haus – die Spielregeln festzulegen. Und die erste Regel ist: Fragen zum Thema Zeitmaschine oder zur Herkunft von Nestor Nigglepot werden erst beantwortet, wenn alle Beteiligten felsenfest davon überzeugt sind, dass Nestor Nigglepot immer …«, er holte weit mit den Armen aus und fuhr fort: »… und ausschließlich die Wahrheit spricht.« Seine Nase berührte nun fast die von Lilly. »Die zweite Regel lautet: Lilly Foo muss das Reiseziel festlegen!« Damit drehte er sich um und sagte knapp: »Rául, komm mit! Das Fräulein will überlegen.«
»Aber ich weiß doch gar nichts von der Welt. Ich kenne nur Hongkong!«, rief Lilly den beiden hinterher.
»Geh in die Bibliothek und such dir ein hübsches Ziel aus«, antwortete der Hausherr knapp.
»Ich kann aber nicht lesen.« Das Mädchen klang ziemlich kleinlaut.
Nestor blieb stehen und dreht sich zu Lilly um: »Was habt ihr denn in dem Kinderheim, wo du herkommst, gemacht?«
»Geschlafen, gegessen und gearbeitet«, kam es traurig zurück.
»Rául, bring’ Lilly Foo lesen bei.«
»Mit dem Didaktafon, Sir?«
»Nein, ganz normal. Buchstabe für Buchstabe. Wir haben Zeit!« Lachend verschwand er hinter der nächsten Tür.
»Danke, Nestor Nigglepot!« Die junge Chinesin strahlte über das ganze Gesicht.
Rául war ein guter Lehrer und Lilly eine fleißige Schülerin. Darum dauerte es nicht besonders lang, bis sich dem Mädchen der riesige Schatz dieser einmaligen Bibliothek eröffnete. Sie konnte sich kaum satt lesen, denn hier waren alle wichtigen Bücher der Weltgeschichte versammelt.
Natürlich waren viele Bücher schwierig oder in fremden Sprachen verfasst, aber die Bücher, die sie lesen konnte und auch verstand, verschlang sie. Manchmal war sie den ganzen Tag in der Bibliothek oder – wenn es schön war – im Garten und las Seite um Seite. Ihr eigener, persönlicher Wissensvorrat explodierte innerhalb weniger Monate. Allein dafür hatte es sich gelohnt, dass sie Nestor Nigglepot gefolgt war.
Zu fast allem, was sie gelesen hatte, konnte sie sich angeregt mit Rául unterhalten, der scheinbar genauso viel Freude an Büchern hatte wie sie. Und beinahe hatte sie vergessen, warum sie lesen gelernt hatte. Aber nachdem der Herbst vorüber war, fragte Nestor Lilly Foo beim Frühstück, das sie für gewöhnlich zusammen mit Rául, im unglaublich gemütlichen, aber kleinen Bunten Salon, einnahmen: »Und Lilly? Weist du mittlerweile, wo es hingehen soll?«
»Ich dachte an Ägypten … zu den Pharaonen«, war ihre unsichere Antwort.
»Da wäre ich vorsichtig«, sagte Rául nachdenklich.
»Warum?«, hakte Lilly nach.
»Gottkönige können ganz schön merkwürdig sein«, mischte sich Nestor ein.
»Das musst du gerade sagen, Nestor Nigglepot!«
»Frechdachs!«, kam es zurück.
»Na dann … Atlantis.«
»Oh nein!«, sagte Nestor, beinahe Hilfe rufend, und es war klar, dass er das mal wieder nur denken wollte, außerdem hatte er sich verschluckt.
»Nicht nach … Atlantis?«, fragte Lilly zuckersüß.
»Ach nein! Da ist immer schlechtes Wetter, da mitten im Atlantik und außerdem weiß ja keiner, ob es das überhaupt gegeben hat. Und wenn ja, dann wann? Nein, nein, besser nicht nach Atlantis.« Nestors Versuch das Ziel madig zu machen, war einfach gesagt schlecht.
Aber das Mädchen war fair und wollte es sich mit Nestor Nigglepot auch nicht verscherzen. Sie war aber clever genug, das Thema nicht ganz abreißen zu lassen. »Dann möchte ich den griechischen Philosophen Platon besuchen!«
»Platon?« Auch dieser Vorschlag schien Nestor Nigglepot, nicht wirklich recht zu sein.
Aber Rául mischte sich vermittelnd ein. »Lilly Foo hat drei Vorschläge gemacht und Platon ist berühmt, für seine großartigen philosophischen Thesen …«
»… und dafür, dass er etwas über Atlantis wusste! Dieses kleine Miststück!« Nestor Nigglepot zwang sich, das auch tatsächlich nur zu denken. Dann trank er seinen Tee aus, stand auf und sagte: »Rául, bereite alles vor. Wir reisen ins antike Griechenland.«
»Ich glaube, jetzt ist er sauer auf mich«, sagte Lilly Foo zu Rául, der sich daran machte, den Frühstückstisch abzuräumen. »War das mit Platon vielleicht doch keine so gute Idee?«
»Mach dir keine Gedanken. Eigentlich mag Herr Nestor solche Herausforderungen besonders gern. Aber er hat es natürlich lieber, wenn er selbst bestimmen kann, wie diese dann aussehen.«
»Aber irgendetwas hat ihn daran gestört, das war doch nicht zu übersehen.«
»Du willst Platon besuchen, weil du gelesen hast, das er etwas über Atlantis wusste, oder es zumindest vorgab. Und eigentlich wolltest du ja auch lieber dort hin. Aber ganz ehrlich, Nestor Nigglepot hat seine Probleme mit Atlantis.«
»Was für Probleme denn?«, Lilly hakte nach.
»Das muss er dir schon selber sagen.« Rául zuckte mit den Schultern und hob die Augenbrauen. Dann fuhr er fort: »Komm! Es gibt viel zu tun. Willst du mir helfen?«
»Na klar! Womit fangen wir an? Koffer packen?«
»Das kommt später.«
Das Haus in dem Lilly nun lebte, barg nicht nur jede Menge Schätze und Kostbarkeiten, sondern auch viele Geräte und Maschinen, die im Alltag sehr nützlich waren. Die Bilderrahmen, mit den sich bewegenden Bildern, waren das, was Rául Bildschirme nannte, und so gab es hier noch viel mehr, was es in Hongkong im Jahre 1921 nicht gab. In den knapp fünf Monaten, die sie nun bei Nestor Nigglepot und Rául war, hatte sie schnell begriffen, was ein Telefon ist und wie es funktioniert. Sie kannte natürlich die praktischen Küchenhelfer Kühlschrank und Mikrowelle, und selbstverständlich waren ihr auch Fernsehen und Computer nicht entgangen.
Aber der Butler verstand es blendend, ihr, auf den ersten Schritten in dieses neue Leben, Wissen nahezubringen, das auch ohne Strom funktionierte. Wenn man Fernsehen aber nicht kennt, kann plötzlich zu viel davon sehr verwirren. Und Lilly zeigte, zu seiner Freude, erstaunlich wenig Interesse daran. Meist ging es ihr zu laut, zu schnell und zu bunt in dem Kasten her. Bücher waren bisher ihre liebsten Begleiter gewesen.
»Zunächst einmal müssen wir soviel wie möglich über Platon in Erfahrung bringen, so viele Informationen sammeln, wie es über ihn gibt. Am Besten wir wüssten, wo er überall war, wann und warum, mit wem er befreundet war, wo seine Familie lebte, sein Lieblingsgetränk, ob er reich war oder arm, mit welcher Sorte Geld man zu seiner Zeit bezahlte und welche Sprachen er sprechen konnte. Einfach alles!«
»Sein Lieblingsgetränk?«, stutze Lilly.
»Na ja, das wird noch das Einfachste sein. Zu Platons Zeiten kann das nur Wein oder Wasser gewesen sein. Säfte, Tee oder Limonaden gab es damals entweder noch nicht oder es war zu kompliziert, sie herzustellen. Aber das Beste wird sein, wir fragen Sofia.«
»Wer ist das denn?«, fragte das Mädchen und räumte weiter die Spülmaschine ein.
»Unser Zentralcomputer«, antwortete der Butler.
»Und das Ding weiß das alles?«
»Nicht alles, aber was es an Wissen gibt, ist dort gespeichert, übersetzt und vor allem sinnvoll miteinander verknüpft.«
»Ist das so etwas Besonders?«
»Oh ja. Es ist wie in deinem Kopf. Wenn du in einem Buch liest, ein Apfel ist grün und in einem anderen steht, er ist rund, dann verknüpfen sich diese Informationen. Du weißt dann, ein Apfel ist grün und rund. Das Internet zum Beispiel verknüpft nicht. Es kann dir nur sagen, wie viele Seiten über Äpfel du dort finden würdest.«
»Und bestimmt ist Sofia die einzige ihrer Art.«
»Das ist auch gut so.«
»Warum? Es wäre doch super, wenn es viele davon gäbe …«
»… und niemand würde sich mehr die Mühe machen, seinen eigenen Kopf zu benutzen«, ergänzte Rául. »Aber wir brauchen sie ganz sicher, denn ohne Sofia würden die Vorbereitungen für unsere Reise Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen.«
Als sie mit Aufräumen fertig waren, verließen sie den Bunten Salon in Richtung Empfangshalle. Rául betätigte einen völlig unscheinbaren Knopf, der gut versteckt unter der linken Freitreppe angebracht war und eine Geheimtür unter der rechten Freitreppe öffnete sich leise. Das war der Grund, warum Lilly den Zentralcomputer bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Hinter der Geheimtür führte eine schmale Treppe nach unten. Rául ging vor.
»Was macht Nestor Nigglepot eigentlich immer? Man sieht ihn so gut wie nie. Sie habe ich seit meiner Ankunft hier täglich gleich mehrfach, manchmal sogar stundenlang gesehen.«
»Er arbeitet.«
»Und was arbeitet er?«
»Ich glaube nicht, dass Herr Nestor möchte, dass ich dir diese Frage beantworte.«
»Ach bitte, Rául! Ich will doch nur wissen, was er den ganzen Tag über anstellt. Ich meine, der Kerl ist ja fast nie da, nicht mal jetzt.«
»Nestor Nigglepot wünscht, dass keine Fragen über ihn beantwortet werden, und ich werde mich daran halten, junge Dame! Und ob er nicht da ist, kannst du gar nicht wissen. Seldom House ist gewaltig. Es gibt über hundert Zimmer, allein im Haupthaus. Besser du fragst nicht weiter nach ihm.«
»Sind sie mir jetzt böse, Rául?«
»Nein. Ich wäre sogar enttäuscht, wenn du es nicht wenigstens mal versucht hättest.« Er drehte sich um und lächelte sie an. »Neugierde ist gut. Ohne sie wärest du nicht hier.«
Die Treppe, Lilly zählte 42 Stufen, mündete in einen Gang, der zwar nicht so hoch wie die Bildergalerie war, aber mindestens genauso lang und hatte je drei Türen ohne Türgriffe zu beiden Seiten. Am Ende befand sich eine siebte Tür. Wände und Boden waren dunkel und völlig matt. Beinahe hatte man das Gefühl durch ein Nichts zu schweben, wäre an der Decke nicht ein blau leuchtendes Band gewesen. Auf jeder Tür leuchteten Symbole, die das Mädchen nicht kannte, ebenfalls in Blau. Rául steuerte auf die Tür am Ende zu und als er ankam, sagte er: »Hallo Sofia! Mach bitte auf!«
Eine sehr warme Frauenstimme antwortete genauso normal zurück: »Gerne Rául! Willst du mir endlich unsere neue Mitbewohnerin vorstellen?«
Die Tür verschwand einfach und gab den Weg in einen großen, runden Raum frei, der, verglichen mit dem Gang, sehr hell war. Auch hier war das Licht blau, aber die Wände waren metallisch. Sie bestanden aus wabenförmig angeordneten, handtellergroßen Halbkugeln, die scheinbar unvermittelt aufleuchteten und wieder erloschen. Decke und Boden waren aus dem gleichen Material wie die zuvor im Gang.
In der Mitte des Raumes, der einen Durchmesser von gut fünfzehn Metern hatte, waren drei moderne, schlichte, schwarze Sessel um einen schwarzglänzenden Tisch angeordnet. Über dem Tisch schwebte die Hauptlichtquelle des Raums. Eine blaue Lichtwolke, gut einen Meter breit, waberte langsam und unregelmäßig vor sich hin. Es war, als hätte man das Licht anfassen können.
Lilly konnte sich das Staunen in diesem Haus tatsächlich nicht abgewöhnen, denn sie stand mal wieder mit großen Augen da. Die Wolke veränderte plötzlich sehr geschmeidig ihre Form und nahm die durchsichtige Gestalt einer hübschen Frau, mit einer klassisch gewundenen Zopffrisur, an. Als stünde diese Frau mitten in dem Tisch, hörte ihr Körper auf Bauchnabelhöhe auf. Ihr Kleid war klassisch, schlicht und ausgesprochen schick.
»Hallo Lilly! Ich bin Sofia«, sagte die blaue Erscheinung.
»Hallo … Sofia!« Die Chinesin traute ihren Augen nicht.
»Na, mal nicht so schüchtern. Du wirst dich an mich gewöhnen.« Sofia freute sich offensichtlich über die Gesellschaft und schaute dann zu Rául, »Und wie geht es dir, mein Freund?«
»Das Übliche, das Übliche«, antwortete er. »Herr Nestor und Lilly wollen gemeinsam verreisen.«
»Du willst mit Nestor auf Tour gehen? Da werdet ihr eine Menge Spaß haben.« Sofia schaute nun wieder zu Lilly. Sie bewegte sich etwas langsamer als echte Menschen.
Das Mädchen bekam keinen Ton heraus.
»Alles O.K. mit dir, Lilly?« Der Zentralcomputer schaute sie besorgt an.
»Ja … schon, aber …« Sie wollte nicht herumdrucksen, aber es ging nicht anders. Das hier hatte doch viel mehr Ähnlichkeit mit einem Gespenst, als mit einer Maschine.
»Du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Alles was du von mir siehst, ist nur Licht. Ich kann gar nicht beißen.« Die Maschine winkte Lilly zu sich. »Komm, fass mich mal an!«
Lilly ging langsam auf den Tisch zu und streckte ihre linke Hand vorsichtig aus. Dort, wo sie Sofia berührte, wich das Licht zurück wie Rauch.
»Siehst du?«
Das Mädchen zog die Hand schnell wieder zurück, dabei folgten ihr ein paar Lichtschwaden, um dann langsam wieder in die Ursprungsform zurückzukehren. Sie schaute Hilfe suchend zu Rául.
»Mach dir keine Sorgen. Sofia ist wirklich nett.«
Lilly nahm ihren Mut zusammen und sagte leise: »Du sprichst und du denkst … aber du bist doch eine Maschine?«
»Du sprichst und denkst doch auch.« Sofia schaute das Mädchen interessiert an.
»Nein … ja doch, tue ich, aber wieso du? Maschinen können doch nicht denken und reden.«
Sofia schaute nach oben, als würde sie überlegen. »Die meisten Maschinen denken und reden nicht, das stimmt. Aber wieso denkst und sprichst du?«
»Ich bin ein Lebewesen«, antwortete Lilly.
»Aber die meisten Lebewesen reden und denken auch nicht, oder etwa doch? Das muss ja ein Geplapper, sein bei euch Lebewesen, wenn jede Ameise und jeder Grashalm ständig ihren Senf dazu geben.«
»Das ist doch Quatsch. Ich bin ein Mensch, nur darum kann ich denken und sprechen.«
»Ja stimmt!« Sofia schaute die Chinesin gespielt erstaunt an. »Du bist ein hoch entwickeltes Lebewesen.«
Lilly hatte verstanden: »Und du bist eine hoch entwickelte Maschine.«
»So ist es, Lilly!« Die blaue Gestalt sah sie lächelnd an. »Deshalb kann ich denken und sprechen. Und lesen und singen … nur weg kann ich hier nicht so richtig, aber dafür muss ich auch nie zum Klo.«
Jede ihrer Äußerungen unterstrich sie mit einer deutlichen und passenden Mimik, als wenn sie um jeden Preis verhindern wollte, dass man sie allzu sehr missverstehen könnte. Sie war fröhlich, freundlich und höflich. Sie hatte keine Launen, war offensichtlich ehrlich und sie scherzte gern. Es war tatsächlich gut, dass nicht jeder eine Sofia hatte. Aber aus einem anderen Grund, als Rául ihn befürchtet hatte. Die Welt würde ganz einfach vor Nettigkeit platzen.
»Wieso bist du so, wie du bist?«, wollte Lilly Foo wissen.
»Wäre es dir lieber, wenn ich wie die anderen Maschinen wäre? Plump, dumm, unfreundlich, selbstverliebt und am Ende würde mich doch keiner ohne Handbuch verstehen?« Sofia schüttelte den Kopf. »Und wieso bist du so, wie du bist?«
»Ich bin so geworden …« Etwas Klügeres fiel dem Mädchen auf die Schnelle nicht ein.
»Mir geht es genauso. Ich musste zwar nicht Laufen lernen, aber ich konnte auch erst denken und sprechen, als ich verstehen konnte. Und das zu lernen, hört nie auf. Jetzt muss ich zum Beispiel lernen, dich zu verstehen.«
»Und ich dich!«
»Ganz genau.« Sofia machte eine kurze Pause. »Also ihr zwei Hübschen, wo soll’s denn hingehen?«
V
Reisevorbereitungen
Nestor Nigglepot, Rául und Lilly trafen sich zum Tee im Weißen Salon. Bald zeigte sich auch, wofür dieser riesige Bildschirm gut war, von dem Lilly anfangs dachte, er wäre nur ein großes graues Bild gewesen. Kaum hatten alle drei Platz genommen, fragte der Hausherr: »Können wir loslegen?«
»Womit?«, wollte das Mädchen wissen. »Wir müssen klären, wer welche Aufgaben zu erledigen hat. Eine Zeitreise ist schon ein bisschen komplizierter als ein Wochenendausflug ins Grüne, meine Liebe«, fuhr er fort und klang so besserwisserisch wie immer.
»Sofia hat das Dossier fertig, Sir«, sagte Rául.
»Na dann, auf den Schirm damit!« Nigglepot verschränkte souverän seine Arme hinter dem Kopf und sein Sessel glitt bequem nach hinten, als er sich zum Bildschirm umdrehte. »Also, bitte!«
Eine Idee später ging der Monitor an und Sofia tauchte auf. Diesmal aber nicht als blaue Lichtwolke und nur halb, sondern ganz und in Farbe. Hinter ihr war eine riesige Landkarte des Mittelmeers zu sehen.
»Guten Morgen zusammen!«, war ihre Begrüßung. Sie tat so, als könne sie in die Teetassen blicken und schnupperte. »Darjeeling? Wie kommt das denn, mein lieber Nestor? Haben wir etwa keinen Yin Zhen von 1921 mehr im Haus?«
Nestor schaute sie pikiert an, sagte aber nichts.
»Na gut, dann will ich mal. Euer Platon wurde nach heutiger Zeitrechnung im Jahr 427 v. Chr. geboren, also vor circa 2.500 Jahren. Und damit fangen eure Probleme auch schon an.«
»Probleme? Lächerlich!« Vor Lilly wollte Nigglepot sich doch keine Blöße geben.
»Du wirst schon sehen, was ich meine, Nestor!« Sofia ließ sich nicht beirren. »Diesmal wird es nicht so leicht, wie kürzlich in Hongkong.«
»Pfff …«, war seine Antwort, und jeder wusste, das diese Reise ein Debakel war.
»Also … euer größtes Problem heißt Lilly.« Sofia lächelte das Mädchen fürsorglich an.
»Aber, aber … warum denn das?« Das Mädchen fiel aus allen Wolken.
»Chinesische Menschen waren zu dieser Zeit in Griechenland ausgesprochen selten. Du wirst also auffallen wie – entschuldige – ein bunter Hund. Aber ich habe eine Idee, wie du trotzdem, erklärbar in dieser Zeit auftauchen kannst …«
Alle starrten gebannt auf den Bildschirm.
»Du, liebe Lilly, wirst als Dienerin von Nestor Nigglepot auftreten müssen, also genau genommen als Sklavin«, ergänzte der Zentralcomputer etwas kleinlaut.
»Ich bin doch nicht verrückt!«, platze es aus Lilly heraus.
»Ach was, halb so wild! Menschen mit meiner Ausstrahlung haben sowieso immer ein aufschauendes Gefolge.«
»Aber natürlich, Sir«, sagte Rául.
»Sofia! Das kann nicht klappen. Dafür bin ich zu frech!«
»Ja, sie hat recht, Sofia! Dieses Mädchen weiß immer alles besser und glaubt mir nicht«, unterstütze Nestor Nigglepot das Mädchen völlig unerwartet.
Die Chinesin sah ihn beleidigt an.
»Jetzt stellt euch nicht so an, ihr beiden!« Der Zentralcomputer ließ sich nicht abbringen. »Die meisten Sklaven zu jener Zeit hatten ein eher freundliches Verhältnis zu ihrer Herrschaft. Viele hatten Familienanschluss und der Besitzer musste für Nahrung und Unterkunft sorgen. Gute Sklaven mehrten den Ruhm ihres Herren. Das würde gut zu dir passen, Lilly!«
»Na, großartig!« Nestor Nigglepot verdrehte die Augen.
»Im Prinzip könntet ihr ja los, wann immer ihr wollt, aber ich würde empfehlen, dass ihr einen Zeitvektor innerhalb der nächsten fünf Tage wählt. Darum muss Lilly noch Altgriechisch und am besten auch Phönizisch lernen«, erläuterte Sofia sachlich.
»Diesmal mit dem Didaktafon?«, fragte Rául.
»Würde ich vorschlagen, sonst dauert es wohl doch zu lange«, sagte Sofia und wandte sich dann zu Nestor: »Du brauchst keine Auffrischung?«
»Sofia … bitte!«, Nestor schaute sie kopfschüttelnd an.
»Ihr werdet euch in den gehobenen Kreisen der griechischen Gesellschaft bewegen, ich würde dir raten, mit mir nochmal ein paar Stunden zu trainieren.« Sie ließ nicht locker.
»In Ordnung …«, antwortete Nigglepot genervt.
»Ich habe als Zeitziel das Jahr 388 v. Chr. ausgewählt. Zu dieser Zeit könnt ihr Platon in der griechischen Stadt Syrakus auf der Insel Sizilien treffen«, erläuterte Sofia. »Vorsichtig müsst ihr in jedem Fall sein, aber erschwerend kommt hinzu, dass sich Platon mit dem dortigen Herrscher überworfen hatte.«
»Gibt es denn keine bessere Möglichkeit Platon zu treffen?«, wollte Lilly wissen.
»Du kannst Sofia auch in solchen Dingen vertrauen«, sagte der Butler.
»Na ja, aber über die Sache mit Hongkong müssen wir nochmal reden«, Nestor war offensichtlich anderer Meinung.
»Gerne, mein Freund! Hattest du nicht morgens festgestellt, dass dein Tee zur Neige geht? Und wolltest du nicht nachmittags wieder zurück sein?« Sofia sah Nigglepot fragend an.
»Gut, dann haben wir das ja auch geklärt!«, war die prompte Antwort und Nestor sagte anschließend zu Rául: »Du kümmerst dich darum, dass Lilly ihre Vokabeln übt, klärst den Rest mit Sofia und ich muss mal eben weg. Bis später dann!«
Er stand auf und verließ den Raum.
»Sofia! War das nötig?«, fragte Rául.
»Das tut ihm manchmal ganz gut«, war die Antwort. »Lilly, unser Nestor muss hin und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Das ist eine deiner vielen Aufgaben – nicht nur in der Vergangenheit.«
»Ich vermute«, gab die Chinesin zurück.
Sofia ging noch eine gute halbe Stunde auf verschiedene Dinge ein, zeigte Abbildungen von Gegenständen, Fotos von Statuen und Münzen die man mit einer blauen Lichtwolke nur schlecht hätte sichtbar machen können. Darum saßen sie im Weißen Salon. Und Rául nickte fleißig, während Lilly das Gehörte und Gesehene erstmal verarbeiten musste. Schließlich war dies in der Tat keine Reise, die man im Reisebüro buchen konnte.
Lillys Gedanken schweiften ab, denn sie hatte erst jetzt begriffen, dass Rául wohl gar nicht mitreisen würde, und das gefiel ihr nicht. Sie mochte den alten Herrn und er mochte sie. Warum wollte er also nicht mitkommen? Als auch sie und der Butler den Weißen Salon verließen, fragte sie ihn: »Rául, habe ich das richtig verstanden, dass sie hier bleiben?«
»Selbstverständlich, Lilly!«
»Ich finde das aber gar nicht so selbstverständlich. Ich dachte sie kommen mit.«
»Ach … das tu ich schon seit vielen Jahren nicht mehr.«
»Fühlen sie sich zu alt für Zeitreisen?«
»Das nicht, aber irgendwer muss auf Seldom House aufpassen und, wie bei der Hongkong-Reise, unter Umständen schnell eingreifen!«
»Stimmt, da ist was in die Hose gegangen!«
»Ach, kommt darauf an. Immerhin hat es dich hergeführt«, antwortete der Butler. »Aber, es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren, auch hier an diesem Ort und in dieser Zeit. Viele Menschen denken, dass hier etwas geschieht, was sie nicht verstehen – und wie sollten sie auch? Nestor Nigglepot hat viele Neider und selbst die, die nicht neidisch sind, wollen ihm selten etwas Gutes. Stattdessen muss er sich das Wohlwollen seiner Mitmenschen durch Spenden und Gefälligkeiten erkaufen. Das war schon immer so.«
»Ist er deshalb so eingebildet?«
»Möglich«, sagte Rául, »… aber eigentlich darf ich dir das alles gar nicht sagen.«
»Ich werde sie nicht verraten«, lachte Lilly den Butler an.
»Da bin ich aber erleichtert. Komm, wir müssen nach London. Reisekleidung für dich einkaufen.«
Als sie in das Auto stiegen, ein Bugatti Typ 41 aus dem Jahr 1927, wurde Lilly bewusst, dass sie in der ganzen Zeit, die sie schon bei Nestor und Rául war, noch nicht ein einziges Mal das Anwesen verlassen hatte. Alles was sie bisher brauchte, gab es hier oder wurde vom Butler besorgt. Selbst ihr billiger Kung-Fu-Anzug war längst durch ein paar hochwertige neue ersetzt worden, weil sie darauf bestand, ausschließlich diese Art von Kleidung zu tragen. Aber für eine Reise ins alte Griechenland würden die Dinger nicht taugen.
Sie hatte aber auch nie das Bedürfnis gehabt, das Haus oder den Park mit seinem wunderbaren Garten zu verlassen. In Hongkong hatte sie nie genug Platz. Das Bett musste sie mit einem anderen Mädchen teilen, die Straßen waren eng und überall waren Menschen, die danach hetzten entweder reich oder satt zu werden. In Hongkong war nirgendwo Freiraum gewesen. Sie hatte wenig Zeit und niemand, der sich um sie kümmerte.
Bei Nestor Nigglepot war alles anders. Hier war Platz, hier war Zeit und Rául war immer für sie da – wenn sie wollte. Sie konnte Kung-Fu in der Sporthalle üben, sie konnte lesen, was und wann sie wollte. Wie hätte sie darauf kommen sollen, dass es um sie herum noch eine Welt gab?
Sie verließen das Grundstück und Lilly schaute während der ganzen Fahrt aus dem Fenster, ohne etwas zu sagen. Sie kannte Engländer aus Hongkong und sie kannte Autos. Das, in dem sie selber saß, wäre in Hongkong wohl als teurer Schlitten aufgefallen, mehr aber auch nicht. Aber dieses Fahrzeug wurde von den Menschen angestarrt. Und Lilly starrte die Menschen an, die das Auto anglotzten.
Das war nicht die Sorte Engländer, die sie kannte. Die Kleidung war fremd und ihr Verhalten war fremd. Als sie auf die Autobahn kamen, stellte Lilly zuerst mit Entsetzen, später mit kribbelnder Freude fest, mit welch einer Höllengeschwindigkeit sie selber und die anderen Autos daher rasten. Die Häuser waren anders, am Himmel flogen riesige Flugzeuge, die nur zwei Tragflächen hatten, überall säumten bunte und blinkende Werbebotschaften die Straße: für Essen, für Autos, für Computer, für Versicherungen (wofür auch immer die gut sein sollten) und sogar für Unterwäsche.
Als sie London erreichten, wusste Lilly genau, dass sie tatsächlich mit Nestor Nigglepot in die Zukunft gereist war. Auf dem Anwesen allein hätte alles Sonderbare Zauberei oder sonst was sein können und vielleicht war es das ja auch, aber hier in dieser Stadt, mit Millionen Menschen, die entweder durch die Gegend hetzten oder fotografierten, war völlig klar, dass sie in einer anderen Zeit gelandet war. Aber glücklicher, als die Menschen in ihrem Hongkong, sahen diese hier nicht aus.
Vielleicht waren sie gesünder und reicher, aber sie hatten ganz eindeutig weniger Zeit als früher. Sie dankte Rául in Gedanken, dass er es bisher komplett vermieden hatte, sie auf die Welt außerhalb von Seldom House aufmerksam zu machen. Lilly Foo war geschockt.
Rául steuerte die lange Limousine gekonnt durch die engen Straßen von London und fuhr dann in eine noch schmaler gebaute Tiefgarage. Beide stiegen aus und gingen zum Aufzug, der sie wieder nach oben brachte.
Als sie die Straße betraten, sagte Rául zu Lilly: »Ich mag diese große, volle und hektische Stadt auch nicht besonders.«
Er hatte im Rückspiegel gesehen, dass das Mädchen mit dem Gesehenen erst einmal fertig werden musste. Jetzt nahm er ihre Hand und führte sie durch das Gewühl einer Metropole, mit vielen Autos, Bussen und Lastwagen, Menschen die nach hier und nach dort gingen und Straßen, die scheinbar überall hinführten. Rául führte Lilly in die Oxford Street, denn dort hatte der Modestar Debile sein Atelier, das aus Kostengründen nur wirklich gut betuchte Menschen besuchten. Nestor Nigglepot war einer von Debiles besten Kunden.
Es war bemerkenswert, wieviele Menschen einem auf dem Weg begegneten, ohne, dass sie Lilly oder Rául sahen. Die Chinesin hatte schon lange nicht mehr, wenn überhaupt jemals, so viele Menschen gesehen. Alles war überfüllt, deswegen stieß sie auch plötzlich mit einem Mann zusammen, obwohl Rául sie genauso umsichtig durch das Gewühl steuerte wie den Bugatti durch die Straßen.
»Oh, Verzeihung bitte!«, sagte Lilly zu dem Mann.
»Schon gut, Mädchen« Die Antwort klang kalt und der Mann sah sie nur kurz an und ging dann weiter.
Lilly kam der Mann bekannt vor – aus Hongkong.
»Das war der blasse Mann, der plötzlich in der Lagerhalle aufgetaucht war«, dachte sie.
Schnell drehte sie sich um und plötzlich führte sie Rául durch die Menschenmassen, weg von der gruseligen Gestalt.
Auch der blasse Mann erinnerte sich, war aber auch schon einige Schritte weitergegangen und als er sich wieder nach ihr umdrehte, war sie zwischen all den Leuten einfach nicht mehr zu sehen.
»Die Komplizin!«, fiel es Grafula ein.
VI
Grafula
Debile hatte Rául die versprochenen Entwürfe gezeigt und bei Lilly Maß genommen. Schon in vier Tagen würde eine Sendung mit den fertigen Kleidern für sie und Nestor am Anwesen eintreffen. So war es vereinbart worden und Nigglepot musste für diesen Express-Service tief in die Tasche greifen.
Auf der Rückfahrt schlief Lilly Foo ein. Die vielen neuen Eindrücke hatten sie überwältigt. Als es schon lange dunkel war, erreichten Rául und Lilly Cornwall. Nestor Nigglepot saß im Bunten Salon und trank Tee.
»Wie geht es dem großartigen Debile?«, wollte der Hausherr wissen.
»Er war beleidigt, dass du nicht mitgekommen bist, Nestor Nigglepot«, antwortete Lilly. »Ihr seid bestimmt gute Freunde, was?«
»Er hat Stil, ich habe Stil ... so gesehen ja. Aber eigentlich ist Debile doch nur ein blasierter, eingebildeter und in sich selbst verliebter Snob, der glaubt er wäre einzigartig!«
»Ich habe noch einen Freund von dir getroffen«, sagte Lilly.
»In London?«, Nestor war überrascht.
»Ja, diesen blassen Mann aus der Lagerhalle in Hongkong.«
»Grafula?«, entfuhr Nestor das laut gedachte Entsetzen, dann sagte er: »Rául, wie konnte das geschehen?«
»Sir, ich habe nichts davon bemerkt!«, auch der Butler war unangenehm überrascht, und wandte sich an Lilly: »Wann? Wo? Erzähl!«
»In diesem Menschengewühl, kurz bevor wir bei diesem Klamottenheini waren«, sagte Lilly. »Ich hab’ ihn zuerst gar nicht gesehen, dann habe ich ihn aus Versehen angerempelt, mich entschuldigt und bin weitergegangen. Dann ist mir wieder eingefallen, wer das war. Ich dachte es wäre gut, wenn er uns nicht folgt, darum habe ich Rául schnell gezogen und wir sind zwischen all den Menschen verschwunden. Er ist auch nicht hinter uns hergekommen.«
»Du musst Sofia unterrichten, Rául!«, sagte Nestor.
»Ja, Sir!«, antwortete der Butler schon im Gehen.
»Hab’ ich was falsch gemacht?«, wollte Lilly wissen.
»Nein. Aber, dieser Kerl taucht immer dann auf, wenn es gerade überhaupt nicht passt.«
»Wer ist das denn überhaupt?«
»Ich glaube nicht, dass ich dir diese Frage beantworten will«, entgegnete der Zeitreisende.
»Es geht aber nicht um Zeitmaschinen oder deine Herkunft, Nestor Nigglepot!«
Er stöhnte leise und seine Augen schlossen sich halb, dann sagte er: »Dann wäre die Frage wohl den Regeln entsprechend, oder?«
»Meiner Meinung nach schon!«, beharrte Lilly.
»Gut ...«, sagte er, machte eine Pause und fuhr dann erstaunlich leise fort: »Es mag vielleicht dämlich klingen, aber dieser Grafula ist mein Erzfeind.«
»So was kenne ich. Im Kinderheim hatte ich immer Streit mit dem Mädchen, das mit mir das Bett teilen musste.«
»Ich fürchte die Sache ist ein bisschen anders, Lilly. Dieser Grafula ist ein Halbvampir«
»Ach?«, war Lillys wenig erstaunte Antwort. Denn Dämonen gehörten zum Alltag eines chinesischen Mädchens aus dem Jahr 1921. Hingegen war für Spülmaschinen weniger Platz in ihrem bisherigen Weltbild gewesen.
»Aber deshalb muss er doch nicht gleich dein Feind sein oder bist du Vampirjäger?«
»Quatsch! Aber er ist außer Rául, das einzige Lebewesen, das eine ungefähre Ahnung von dem hat, was ich mache.«
»Mir willst du es ja nicht erzählen!«, sagte das Mädchen vorwurfsvoll.
»Das ist nicht wahr! Du wolltest mir nicht glauben, Fräulein Ich-weiß-immer-alles-besser-als-Nestor-Nigglepot!«
»Doch ... doch, ich glaube dir«, das Mädchen klang kleinlaut. »Als wir in London waren, habe ich begriffen, dass du tatsächlich mit mir durch die Zeit gereist bist.« Dann fragte sie vorsichtig: »Ist das mit unserer Reise ins antike Griechenland jetzt erledigt?«
»Wo denkst du hin? Dafür ist es jetzt zu spät! Wir können die Reise nicht mehr absagen.«
Es war schwer zu erkennen, ob Nestors Art besserwisserisch oder mitfühlend war.
»Warum?«
»Weil wir vielleicht bereits dort waren.«
»Du spinnst, Nestor Nigglepot!«
»Nein, aber du verstehst noch ein bisschen weniger von theoretischer Physik und Astronomie als ich, meine Liebe!«
Jetzt war seine Art ganz eindeutig besserwisserisch.
»Und wie soll ich das alles verstehen, wenn du mir noch nicht alles erklärt hast, Herr Ich-erzähl-doch-nicht-jedem-alles-was ich-weiß?«
»Eben noch ganz klein mit Hut und jetzt schon wieder rumzicken?«, sagte er trotzig. »Na, super!«
»Also?«
»Mhmm ... versuch dir vorzustellen, dass wir genau jetzt in die Vergangenheit reisen. Und zwar in eine Vergangenheit, die knapp vor deiner Geburt war.«
»O.K.!«
»Du schleichst dich in dein Kinderheim, von dem wir jetzt mal annehmen, dass es das schon gab und alle Betten schon da standen, wo sie zu deiner Zeit im Kinderheim gestanden haben.«
»Verstanden.«
»Du gehst zu dem Bett, in dem du immer geschlafen hast, nimmst einen Pinsel mit roter Farbe und malst einen dicken roten Punkt auf einen der Bettpfosten.«
»Mach ich!«
»Jetzt reist du sofort wieder zurück, an diesen Tisch und in diese Zeit.«
»Alles klar, ich bin wieder hier.«
»Gut. Du weißt, dass du gerade eben in der Vergangenheit vor deiner Geburt, einen roten Punkt auf einen Bettpfosten gemalt hast. Gerade eben ... und du bist zehn Jahre alt.«
»Ich bin zehn und habe eben einen roten Punkt gemalt.«
»Aber in all der Zeit, als du noch jünger und im Kinderheim warst, hast du dich immer gefragt: Woher kommt bloß der rote Punkt auf meinen Bettpfosten?«
»Das ist aber schon ein bisschen kompliziert, oder?«
»Man gewöhnt sich daran«, sagte Nestor gewohnt lässig.
»Aber, warum waren wir schon da?«
»Sofia hat schon alle Zeitvektoren gesichert. Jetzt müssen wir da hin, ob wir wollen oder nicht.«
»Und was war jetzt mit deinem blassen Halbvampir?«
»Ach so, ja ...« Nestor hatte Grafula schon fast wieder vergessen. »Der ist leider unsterblich.«
»Wieso leider?«, wollte Lilly wissen.
»Er kennt mich seit Tausenden von Jahren. Ich reise oft in Zeiten, wo etwas Aufregendes oder Einzigartiges passiert. Und früher gab es nicht so viele große Städte wie jetzt. Da läuft man sich natürlich über den Weg, denn Grafula ist auch gerne an solchen Orten.«
»Aber wieso ist er dein Feind!«
»Weil leider nicht immer alles so klappt, wie ich das geplant habe ...«
»So wie ich dich kenne, glaube ich das wirklich gerne, Nestor Nigglepot!«
»Besten Dank! Aber im Ernst, es kommt vor, dass durch mein Eingreifen in den Zeitablauf Teile der Menschheitsgeschichte umgewandelt werden könnten.«
»Könnten oder wurden?«, hakte das Mädchen nach.
»Wurden.«
»Selten oder mehrfach?«
»Mehrfach.«
»Mit geringen oder schlimmen Folgen?«
»Schlimme.«
»Aber, wo ist das Problem? Es erinnert sich doch keiner daran. Für die Menschen ist die Geschichte doch eh vorbei. Und wenn sie von dir verändert wurde, weißt du das, aber für alle anderen ist sie doch einfach nur Vergangenheit«, stellte Lilly fest.
»Außer für Grafula!«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Lilly.
»Er ist unsterblich – absolut unsterblich. Wenn ihm eine Dampfwalze auf den Kopf fällt, dann hat er vielleicht Kopfschmerzen, mehr aber nicht. Er stirbt nicht! Aber er erinnert sich an alles.«
»Ja, Dämonen sind lästig. In China gibt es Tausende davon. Dagegen hilft Feuerwerk!«
»Gegen diesen Dämon hilft nicht mal eine Kanone. Hab’ ich versucht. Er hatte nicht mal einen Kratzer, frag mich nicht wieso, aber gegen den ist kein Kraut gewachsen.«
»Trotzdem müsste sich doch auch für ihn die Vergangenheit ändern, wenn du in sie eingegriffen hast.«
»Das tut sie, aber er spürt die Unterschiede. Er ahnt was sich verändert hat, wie die Entwicklung der Geschichte hätte sein sollen, und das stört ihn kolossal. Vampire sind extrem pedantische Wesen, die gerne alles so haben, wie es sich gehört. Darum versucht er mich überall zu finden und diesem Treiben ein Ende zu machen.«
»Und jetzt ist er in England«, sagte das Mädchen.
»Halb so wild, er war schon näher an mir dran, zum Beispiel in Hongkong.« Nestor zwinkerte und fuhr fort: »Mein Desorientator hat mir schon oft geholfen.«
»Will er dich töten?«
»Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht. Wie gesagt, er möchte das alles so ist, wie es sich gehört. Wenn du zu ihm sagen würdest, auf einem Schachspiel sind immer 63 Felder, würde er vermutlich alle Schachbretter der Welt durchzählen. Nein, er will mich der Polizei ausliefern und die Justiz davon überzeugen, dass ich ein Verbrecher bin. Ein schräger Vogel dieser Grafula!«
»Dann müsstet ihr beiden euch ja eigentlich gut verstehen«, grinste Lilly Nigglepot an.
»Moment mal ... weil ich auch ein schräger Vogel bin oder, weil du mich auch für einen Verbrecher hältst?«
»Such dir was aus, Nestor Nigglepot. Warum veränderst du denn die Zeit überhaupt? Warum lebst du nicht einfach in deine Zukunft hinein, wie alle anderen auch?«
»Ich bin ein Opfer meiner eigenen Vergangenheit ...«, sagte er, dann drehte er sich um und wollte gehen.
»Das sind wir doch alle!«, stellte Lilly trocken fest.
»Das werden wir heute Abend ganz sicher nicht mehr klären, meine Liebe.«
Damit war das Gespräch beendet und, obwohl Lilly an diesem Tag mehr über Nestor Nigglepot, als in der gesamten Zeit davor erfahren hatte, verließ er sie mit mehr Fragen in ihrem Kopf als, er beantwortet hatte. Zum ersten Mal fühlte sie sich in diesem großen bisschen Haus allein.
Eigentlich war Lilly von der Fahrt und dem Erlebten hundemüde, aber das Gespräch mit Nestor ließ sie viel zu wach zum Schlafen zurück, also beschloss sie Sofia aufzusuchen. Rául schien ihr diesmal nicht der richtige Ansprechpartner, denn sie wusste, dass er stets die Befehle von Nestor Nigglepot befolgte. Der Zentralcomputer schien anders getaktet zu sein.
Der Weg durch den blau erleuchteten Gang im Keller machte sie noch wacher und als sie an der Tür zu Sofias Raum ankam, war sie überhaupt nicht mehr müde.
»Hallo Sofia! Machst du mir bitte auf?«
»Gerne, Lilly! Komm rein!«, antwortete der Zentralcomputer und die Tür verschwand. »So spät noch wach?«
Das Mädchen trat ein und setzte sich wie selbstverständlich in einen der drei Sessel. Sie kannte Sofia noch nicht lange, aber fühlte sich in der Gesellschaft der blauen Lichtgestalt ausgesprochen wohl.
»Ich kann einfach nicht schlafen«, sagte Lilly. »Schläfst du manchmal?«
»Nicht so wie du. Wenn ich meine Daten aktualisiere und sortiere, könnte man sagen, dass ich träume.« Sofia schaute Lilly besorgt an. »Du hast Kummer, oder?«
»Erst wurde mir auf dem Weg nach und in London klar, dass ich wirklich mit Nestor Nigglepot in die Zukunft gereist bin, was ich vorher nicht geglaubt habe, dann ist mir dieser Grafula über den Weg gelaufen, was scheinbar alle in Aufregung versetzt und Zuguterletzt habe ich mich auch gerade noch mit Nestor Nigglepot angelegt ... ja, ich habe Kummer.«
»Tja, so etwas nennt man einen schlechten Tag.«
»Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte Lilly.
»Wegen Nestor würde ich mir keine Sorgen machen. Er ist nicht nachtragend. Morgen früh hat er das schon wieder vergessen. Er ist viel feinfühliger, als er es zeigen möchte. Manchmal nervt er, weil er so eingebildet ist, aber er ist ein guter Mensch.«
»Und dieser Grafula?«, wollte die Chinesin wissen.
»Wegen dem würde ich mir schon mehr Sorgen machen, zumindest an Nestors Stelle. Aber du brauchst dir da überhaupt keine Vorwürfe zu machen. Du bist nur mit ihm zusammengestoßen. Das war nicht dein Fehler und es war gut, dass du es erzählt hast, damit hast du mir sehr geholfen.«
»Wieso?«
»Eine meiner Aufgaben ist es, die Zeitreisen so sicher wie möglich zu planen. Das bedeutet zum einen das Zeitziel, aber auch den Ursprungsort der Reise zu beschützen«, sagte Sofia und ergänzte: »Stell dir vor, eine Zeitreise ist wie ein Blick durch einen biegsamen Gartenschlauch. Du guckst in die eine Öffnung rein und durch die andere heraus, egal wie das Ding gebogen ist. Du könntest dir damit theoretisch auf den eigenen Hinterkopf schauen.«
»Hübsche Idee«, schmunzelte Lilly.
»Ich muss dafür sorgen, dass niemand vorzeitig einen Stopfen auf eines der Schlauchenden macht, bevor die Zeitreise zu Ende ist. Aber genau das hat Grafula immer wieder vor.«
»Und, kannst du das verhindern?«
»Dieser Halbvampir ist schwierig zu finden. Ich vermute, er ist mittlerweile fast genauso gut im Nicht-gefunden-werden wie wir hier.«
»Aber, wenn jemand wie Nestor Nigglepot in so einem Anwesen wie Seldom House lebt, schreit das doch danach gefunden zu werden«, sagte Lilly.
»Der Lebensstil von Nestor macht die Sache in der Tat nicht immer einfach. Letztenendes wachsen Rául und ich an unseren Herausforderungen«, lachte Sofia.
»Aber Grafula müsste doch nur alle Telefonbücher der Welt lesen und käme dann irgendwann auf die richtige Adresse und wäre hier ...«
»... oder er würde das Internet durchforsten. Er könnte auch Informanten ausschicken ... aber so einfach machen wir es ihm natürlich nicht. Wir befinden uns hier auf einem Anwesen, das rein rechtlich gesehen der Britischen Krone gehört. Nestor Nigglepot ist der Verwalter, der sich regelmäßig gegen sich selbst austauscht. Wir haben vor ein paar Jahrhunderten Verträge gemacht, die dafür sorgen, dass Seldom House ausschließlich von den Personen besucht und betreten werden darf, die nur der aktuell bestellte Verwalter auswählt, der natürlich auch seinen Nachfolger bestimmt.«
»Und das prüfen die nie nach?«
»Wir sind in Großbritannien, Lilly!« Der Zentralcomputer lachte wieder. »Die Queen darf nicht mal die City of London betreten, ohne vorher den Bürgermeister zu informieren. Die Engländer sind an so etwas gewöhnt und uralte Privilegien werden in diesem Land selten gebrochen, das ist unser Vorteil.«
»Grafula kann uns also nicht finden«, sagte Lilly, »Und umgekehrt?«
»Alles was ich an Informationen habe, werte ich natürlich aus, vergleiche es mit allen Treffen zwischen Nestor und ihm ... ich weiß nicht immer, wann er wo ist, aber mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer. Ich hab’ da inzwischen einen guten Riecher entwickelt und ziemlich gute Bewegungsprofile erstellt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der Realität übereinstimmen.«
»Und was macht er als Nächstes?«
»Er wird sich auf alle Museen von London konzentrieren und rechnet dort mit Nestors Auftreten in der nächsten Zukunft. Oder er misst eurem Treffen keine Bedeutung bei und hat auf der Durchreise einen Zwischenstopp gemacht. Er mag große Städte und ihre Anonymität. Früher war er gerne als Fürst oder Graf irgendwo als Adeliger tätig, aber seit es einigermaßen gut funktionierende Demokratien gibt, arbeitet er lieber als Detektiv.«
»Wieso ist dieser Grafula, denn so schwierig zu finden?«
»Er hinterlässt kaum Spuren. Ich habe so ziemlich alle Akten, die es seit einigen tausend Jahren gibt, gespeichert. Und obwohl in den letzten hundert Jahren die Informationen, die über die einzelnen Menschen irgendwo niedergeschrieben oder heutzutage digital erfasst sind, immer umfassender geworden sind, gelang es diesem Halbvampir bisher immer erstaunlich gut unerkannt zu bleiben.«
»Und wie kommt es, das Grafula unsterblich ist?«, wollte die Chinesin wissen.
»Vermutlich, weil sein Vater ein Vampir und seine Mutter kein Vampir war. Eine ungewöhnliche Mischung. Normale Vampire werden irgendwann von Vampirjägern erledigt oder machen den Fehler ins Sonnenlicht zu geraten. Aber bei ihm ist das anders. Grafula ist absolut unsterblich. Meines Wissens ist er tatsächlich der einzige seiner Art. Ein trauriges Leben!«
»Ist ewiges Leben denn nicht gut?«
»Irgendwann stirbt jeder Freund, und irgendwann hat man auch alles schon einmal erlebt. Alle Informationen, die ich über ewiges Leben habe, laufen irgendwann auf ewige Langeweile hinaus.«
Lilly betrachtete Sofia und staunte darüber, wie verblüffend sichtbar sie war, obwohl sie doch nur aus Licht bestand, das harmonisch in sich waberte.
»Aber Nestor Nigglepot ist doch auch unsterblich, oder?«
»Oh nein, er schickt sich nur immer wieder selber in die Zukunft, wenn er noch jung genug ist. Aber das zu erklären, würde heute Abend wirklich zu lange dauern. Du solltest schlafen gehen, denn morgen musst du zwei komplette und noch dazu tote Sprachen lernen, das ist ganz schön anstrengend.« Sofia sah das Mädchen freundlich an.
»Du hast recht ...«, sagte Lilly, stand auf, und mit einem »Träum was Schönes!«, und verabschiedete sie sich von der blau leuchtenden Frau.
»Du auch, Lilly!«
VII
Mifun
Seit Lilly bei Rául und Nestor Nigglepot lebte, hatten sich die Frühstücksgewohnheiten in Seldom House geändert. Jeder hatte eine andere Vorstellung davon, wie ein vernünftiges Frühstück auszusehen hatte. Aber Rául machte keinerlei Anzeichen, dass ihn die zweifellos umfangreichen Vorbereitungen irgendwie störten. Klaglos bereitete er dem Hausherrn jeden Morgen ein typisches Englisches Frühstück, bestehend aus Toast, Orangenmarmelade, Spiegelei mit Speck, gebratenen Würstchen, gebackenen Bohnen und gegrillten Bücklingen. Gelegentlich reichte er auch noch Haferschleim dazu. Der Anblick dieser merkwürdigen Zusammenstellung von Frühstücksbestandteilen ließ Lilly jeden Morgen zusammenzucken.
Rául bevorzugte die klassische französische Version des Frühstücks: einen Kaffee mit viel Milch und ein Croissant.
»Also ehrlich, Lilly, wie kannst du das nur essen?«, schüttelte es Nestor Nigglepot. »Nudelsuppe zum Frühstück?« Er freute sich darüber, dass Lilly sich damit jeden Morgen ärgern ließ.
»Mifun ist ein traditionelles Chinesisches Frühstück, Nestor Nigglepot und wird von über einer Milliarde Menschen jeden Morgen gegessen. Und überhaupt, wenn hier etwas fies ist, dann deine miefigen Bücklinge!«
Ein kurzes Lächeln huschte über Ráuls Gesicht, bevor er sagte: »Ab morgen werde ich übrigens nur noch altgriechische Gerichte servieren, damit den Herrschaften die Umstellung erleichtert wird.«
»Du wirst es lieben, Lilly!« Nestor verdrehte die Augen. Scheinbar hatte er dem gestrigen Gespräch tatsächlich nicht allzu viel Bedeutung beigemessen.
»Was gibt es denn morgen Gutes?«, fragte Lilly.
»Erbsenbrei, Bohnenbrei, trocken gebratenen Hammel, Ziegenfleisch, Fladenbrot, Eierspeisen, Oliven, Zwiebeln, rohes Gemüse, Obst und Fisch natürlich, aber ungeräuchert.« Rául sah die missbilligenden Blicke der beiden. »Es könnte schlimmer kommen.«
»Mifun?« Nestor lachte hämisch Lilly an. »Nach dem Frühstück solltest du gleich mit Rául zum Fremdsprachenunterricht gehen. Ich bin bei Sofia, wenn ihr mich suchen solltet.«
Lilly guckte Nestor giftig an, freute sich aber im Stillen, dass er tatsächlich zum Scherzen aufgelegt war, also konnte seine Laune in der Tat nicht so schlimm sein, wie sie befürchtet hatte. Außerdem war es ungewöhnlich, dass der Hausherr sich in die Karten blicken ließ. Zum ersten Mal hatte er etwas über seinen Verbleib geäußert.
Wie üblich kümmerten sich der Butler und das Mädchen darum, den Bunten Salon aufzuräumen und Rául begann zu erklären.
»Griechisch und Phönizisch sind zwei Sprachen, die damals mehr oder weniger gleichwertig auf Sizilien gesprochen wurden.«
»Warum reisen wir denn eigentlich nicht nach Griechenland, sondern nach Sizilien?« Lilly wusste, dass die Insel Sizilien zu Italien gehörte.
»Weil es Griechenland damals noch nicht gab. Vor 2.500 Jahren waren Staaten in ihrer heutigen Form ausgesprochen selten. Es gab immer wieder Ausnahmen, die aber meist nach einer kurzen Blüte wieder in Klein- oder Stadtstaaten zerfielen. Große Länder, die es heute noch gibt, wie Persien, Ägypten und China gehören zu den wenigen Ausnahmen.«
»China! Ich sag es ja immer wieder« entgegnete Lilly stolz und Rául sah sie bestätigend an.
»Griechenland zum Beispiel, war nicht viel mehr als eine lockere Gruppierung von Städten, die eine gemeinsame Kultur, Religion und Sprache miteinander verband«, fuhr Rául fort.
»Und warum haben diese Städte Kriege gegeneinander geführt?« Lilly hatte sich in den letzten Tagen natürlich auch über die Geschichte der antiken Griechen schlau gemacht.
»Versuch gar nicht erst zu verstehen, warum«, sagte der Butler. »Wie auch immer, Griechische Siedlungen gab es fast überall am Mittelmeer, und eine der größten und wichtigsten war Syrakus auf Sizilien. Zur Zeit von Platon gab es dort auch viele karthagische Ortschaften, in denen eine Form der Phönizischen Sprache gesprochen wurde. Griechisch und Phönizisch waren damals so etwas wie Englisch und Spanisch heute.«
»Und Chinesisch!«, fuhr Lilly dazwischen.
»Ja, und Chinesisch ... Weltsprachen eben. Griechisch ist eine indoeuropäische Sprache, zu denen auch Englisch gehört. Phönizisch gehört zu den Semitischen Sprachen, aus denen sich ,zum Beispiel das heutige Arabisch und Hebräisch, entwickelt haben. Wir haben es also mit zwei völlig unterschiedlichen Sprachen zu tun und eine gute Sklavin aus damaliger Zeit, die einem Herrn von hohem Rang gehörte, beherrschte eben Griechisch und Phönizisch.«
»Und ich soll innerhalb von drei Tagen beide Sprachen lernen? Ich traue mir ja viel zu ... aber Rául, das können sie nicht von mir erwarten.«
»Mach dir keine Sorgen. Mit dem Didaktafon geht das viel schneller, als du glaubst«, erklärte er und schaltete die Spülmaschine ein. Er blickte sich um und als er sah, dass alles erledigt war, sagte der Butler: »Dann wollen wir mal!«, und machte sich auf Richtung Empfangshalle.
»Warum musste ich denn Lesen so mühselig lernen, wenn das mit dem Didaktadings so schnell geht?«
»Weil das mit einem Didaktafon erlernte Wissen innerhalb von ungefähr vier Wochen wieder verpufft.«
»Es verpufft?«
»Ja, denn es fehlt die Verknüpfung. Nur Wissen, dass sich durch echte Erfahrung bildet und entsprechend verknüpft, bleibt auch dauerhaft erhalten.«
»Wie lange dauert unsere Reise denn?«, fragte Lilly.
»Das kommt ganz darauf an. Wir wissen ja nur ungefähr, wo Platon wann war. Ihr könnt da mal eben hinhopsen und direkt wieder zurück kommen oder es dauert einige Zeit, bis ihr das erreicht habt, was ihr euch wirklich vorgenommen habt«, antwortete Rául.
»Na ja ... jetzt will ich Platon aber auch treffen.«
»Dann werdet ihr sicherlich ein paar Tage dort bleiben müssen. Ihr kennt ja niemand dort, der euch helfen könnte! Als Erstes müssen bei solchen Missionen immer Verbindungen zu anderen Menschen aufgebaut werden, die vertrauenswürdig sind. Das kann schon mal ein bisschen dauern.«
»Und wenn die Reise länger, als vier Wochen dauert?«
»Dann hast du hoffentlich genug eigene Spracherfahrung gesammelt, dass sich dein gelerntes Wissen nicht komplett verflüchtigt. Du wirst durch das Didaktafon die Sprachen komplett fließend beherrschen. Wenn du innerhalb der vier Wochen kein einziges Mal die Sprachen nutzt, ist alles wieder weg und du verstehst nur noch Bahnhof, wenn dich jemand anspricht.«
Lilly starrte den Butler an.
»Aber wenn du regen Gebrauch von Deinem Wissen machst, werden Verknüpfungen in Deinem Gehirn aufgebaut, die nicht vergänglich sind.«
»Vier Wochen ...« Lilly kratzte sich am Kopf.
»Mach dich nicht verrückt. So lange seid ihr ganz bestimmt nicht weg.« Sie erreichten die Geheimtür und gingen die Treppe hinunter. Rául steuerte die zweite Tür auf der linken Seite des Gangs an.
Er berührte das blau leuchtende Symbol, das aus vier Dreiecken bestand, die so angeordnet waren, dass sie ein weiteres großes Dreieck formten. Das Symbol leuchtete noch heller auf und kurz darauf verschwand die Tür, genauso wie die Tür zu Sofias Raum.
Auch hier befanden sich die metallischen Halbkugeln überall an der Wand, aber es gab nur einen schwarzen Sessel in der Mitte des Raums. Direkt daneben stand eine tischförmige Apparatur mit einem Bildschirm, der nur aus einer durchsichtigen Glasscheibe bestand. Vom Tisch stieg ein biegsamer Schlauch auf, der dorthin zielte, wo der Kopf des auf dem Sessel sitzenden Menschen wäre. Der Raum selber war erheblich kleiner als der des Zentralcomputers, ansonsten glichen sich die Räume durch und durch. Der Butler ging auf den Bildschirm zu.
»Setz dich schon mal hin und versuch’ nicht nervös zu sein. Es wird nicht wehtun. Ein Didaktafon ist völlig harmlos.«
Lilly dachte unweigerlich an einen Zahnarzt, und weil sie nur Zahnärzte aus dem Jahr 1921 kannte, war sie in der Tat nervös, denn die taten ausgesprochen weh. In ihrer Zeit gab es selten Betäubungsmittel, sondern meist gute Worte – so wie jetzt. Sie nahm widerwillig Platz und wartete auf Schmerzen, zumindest aber auf irgendetwas sehr Unangenehmes.
Rául richtete den Schlauch so aus, dass er genau zwischen ihre Augenbrauen zielte, sie aber nicht berührte. Dann tippte er auf dem durchsichtigen Bildschirm herum, der verschiedene Symbole in der unbekannten Schrift darstellte.
»Am besten du machst die Augen zu, sonst wird es zu hell«, sagte der Butler und berührte ein letztes Mal den Bildschirm.
Was dann geschah, war für Lilly eine ganz und gar unbekannte und unvergleichliche Erfahrung. Es war, als würde sich alles um sie herum in selbstleuchtende Substanzen verwandeln, ähnlich der Erscheinung von Sofia, und das, obwohl sie die Augen geschlossen hatte. Geräusche nahm sie überhaupt nicht mehr wahr und ihr Gefühl für oben und unten ging verloren. Das blaue Licht wirbelte im Uhrzeigersinn um ihren Kopf, wurde stetig langsamer und suchte dann den Weg in sie hinein, wie Wasser aus einem Sieb läuft, nur umgekehrt. Und jeder Lichttropfen schien ein Wort zu sein, je mehr Licht sich in ihr sammelte, desto mehr Sätze formten sich in ihrem Kopf, zuerst ganz einfache wie: Ich bin Lilly – auf altgriechisch.
Die Kombinationen wurden komplizierter und nach einer Weile, die Lilly unmöglich in Minuten oder Stunden benennen konnte, schien es ihr, als wäre Griechisch ihre Muttersprache. Sie öffnete wie vom Blitz gerührt die Augen.
»Und jetzt?«
»Das war alles«, antwortete Rául.
»Wie, das war alles? Wie lang hat das denn gedauert?«
»Vier, vielleicht fünf Sekunden. Können wir dann jetzt mit Phönizisch weiter machen?«
»Na klar!«
Rául tippte wieder und eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden, vier Sekunden, fünf Sekunden später war Phönizisch für Lilly die normalste Sprache der Welt.
»Das ist ja echt der Oberhammer! Das ist unglaublich ... ich will noch mehr ... Kann ich noch mehr lernen? Bitte Rául! Das ist so was von super! Ach, bitte!«
»Lilly! Du würdest es vergessen, wenn du das Wissen nicht benutzen kannst.«
»Was ist mit Sachen, von denen ich schon ein bisschen was weiß und es auch benutzen kann?«
»Das würde vermutlich funktionieren.«
»Kung-Fu!«, schoss es aus ihr heraus. »Ich will noch mehr Kung-Fu lernen. Kann mir das Didaktafon noch besseres Kung-Fu beibringen? Rául ... bitte, darf ich? Bitte! Das kann ich doch bestimmt gut gebrauchen bei den alten Griechen!«
»Ich weiß nicht recht ...«, sagte der Butler unsicher.
»Nestor Nigglepot hat bestimmt nichts dagegen, und außerdem kann ich doch schon ganz gut Kung-Fu! Oh, bitte!«
Der Butler grübelte, denn er hatte nur die Anweisung ihr zwei Sprachen beizubringen. »Einverstanden. Aber du versprichst mir, diese Kampfkunst wirklich nur im Notfall anzuwenden und nur gegen Menschen, die stärker sind als du. Haben wir uns verstanden?« Rául war sich sicher, dass Lilly sowieso ein sehr gut ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hatte, aber er wollte auf die Ermahnung nicht verzichten.
»Ich verspreche es! Wirklich! Ich schwöre! Worauf soll ich schwören, Rául?«
»Dein Versprechen reicht mir. Lehn’ dich wieder an!«, sagte er und tippte erneut auf dem Bildschirm herum. Diesmal dauerte es etwas länger. Lilly machte sich schon Sorgen, er hätte es sich anders überlegt, aber dann wurde ihr klar, dass Rául auf Griechisch und Phönizisch vorbereitet gewesen war. Ein Kung-Fu- Lernprogramm musste er scheinbar erst in der Maschine suchen. Dann ging es los.
Dieses Mal strömten nur wenige Worte und Sätze in sie hinein, stattdessen Bewegungsabläufe und Situationen, die passende Reaktionen hervorriefen. In ihrem Kopf wirbelte alles herum, aber auch diese Lektion endete schlagartig.
Lilly Foo war nun vermutlich die gefährlichste zehnjährige Kung-Fu-Kämpferin der Welt. Mit Technik allein würde sie nicht mehr zu bezwingen sein, sondern nur in Verbindung mit mehr Kraft, als sie selbst hatte.
Sie stand ein bisschen benommen vom Sessel auf, ging in die Kung-Fu-Grundposition und spannte jeden Muskel an. Dann entspannte sie sich wieder, betrachtete ihre Beine, Arme und Hände und sagte: »Wow!«
Dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen und gähnte aus vollem Herzen. Sie konnte kaum damit aufhören.
»Was ist los mit mir?«, quälte sie zwischen der Gähnerei heraus. »Ich bin fürchterlich müde.«
»Dein Kopf muss Schulstoff von mehreren Jahren verarbeiten, du hast bis zum schwarzen Gürtel trainiert und wunderst dich, dass du jetzt müde bist?«
Lilly konnte nicht antworten, sie schlief schon. Rául trug sie in ihr Zimmer im ersten Stockwerk und erst am nächsten Mittag wachte sie wieder auf.
Als sie die Augen öffnete, dachte sie zuerst, sie hätte das mit dem Didaktafon nur geträumt. Aber das war leicht zu überprüfen. Sie überlegte etwas auf Altgriechisch, dann zählte sie auf Phönizisch bis zehn. Beides klappte einwandfrei. Ihr letzter Test war ein spontaner Sprung aus liegender Position über die Bettkante direkt in den Stand.
»Perfekt!«, dachte sie, wusch sich in ihrem Badezimmer, zog einen frischen Kung-Fu-Anzug an und machte sich auf die Suche nach Rául und Nestor Nigglepot. Sie fand beide im Weißen Salon und sie sortierten Geld.
»Ich hab’ gewusst, dass du reich bist, Nestor Nigglepot, aber das da«, sie zeigte auf den Geldberg, der mitten auf dem Tisch lag, »ist sehr, sehr, sehr viel Geld!«
»Na ja, wir wollen mal nicht Übertreiben, aber ... ja ... es ist verdammt viel Geld ... und es ist unglaublich wertvoll. Viele dieser Münzen sind so selten, dass ihr heutiger Wert den ursprünglichen um ein vieltausendfaches Übersteigt. Jeder Münzsammler der ein bisschen was auf sich hält, würde bei diesem Anblick vor Freude heulen!«, sagte Nestor Nigglepot. Zurückhaltung war scheinbar ein unbekanntes Wort für ihn.
»Guten Morgen, Lilly!«, sagte Rául, »Was macht dein Griechisch?«
»AΦΘOPIA!«, strahlte sie. »Was macht ihr da?«
»Wir brauchen Geld ...«, sagte Nestor Nigglepot gelangweilt und sortierte, ohne zu ihr aufzuschauen, weiter.
»Zu viel Geld verdirbt den Charakter«, sagte Lilly altklug.
»Ihr braucht das richtige Geld«, ergänzte der Butler. »In der Antike hat fast jede Stadt ihre eigenen Münzen geprägt. Wir suchen Münzen aus Syrakus oder der Mutterstadt Korinth, die zeitlich auch wirklich passen. Stell dir vor, ihr würdet mit Münzen bezahlen, die dort niemand kennt«, erklärte er weiter.
»Was wäre denn dann?«
»Wir würden mächtig viel Ärger bekommen – das wäre! Falschmünzerei war auch damals schon sehr unbeliebt!« Nestor liebte auch die kleinen Triumphe. »Von wegen, zu viel Geld verdirbt den Charakter ... genug Geld erspart uns die Sklaverei!«
»Dir vielleicht, Nestor Nigglepot!«, stellte die Chinesin fest und spielte auf ihre Rolle als seine Sklavin an.
»Pass auf, die mit der Eule drauf können wir nicht gebrauchen, die kommen aus Athen und das war eine Feindesstadt. Wir suchen die mit dem Kopf der Nymphe Arethusa auf der einen und mit einem Streitwagen auf der anderen Seite. Und zu alt sollten sie auch nicht aussehen. Damals waren die Münzen ja noch neu«, sagte Rául, der natürlich schon einen viel größeren Haufen mit richtigen Münzen vor sich liegen hatte als Nestor Nigglepot.
»Du kannst dich auf meinen Platz setzen, ich gehe dir was zu Essen machen, Lilly!«
»Danke, Rául!«
Der Butler verschwand und Lilly betrachtete die Münzen genauer. Sie waren aus Silber, klein und alle wirkten schlecht geprägt, aber vermutlich nicht, weil sie so alt waren, sondern weil das damals nicht besser ging.
»Wie viel brauchen wir denn?« Lilly klaubte eine Hand voll Münzen aus dem großen Haufen und begann zu sortieren.
»Je mehr, desto besser«, sagte Nestor Nigglepot. »In der Schatzkammer hab’ ich nochmal so viel, aber mehr konnten wir vorhin nicht tragen. Münzgeld ist echt so was von unpraktisch.«
»Ich glaube, ich will gar nicht wissen, wo du das ganze Geld her hast, Nestor Nigglepot.«
»Stell dich mal nicht so an. Ohne meine geschickten finanziellen Transaktionen, könnten wir unmöglich nach Griechenland reisen, weil wir nämlich gar kein Geld hätten. So!«
Nach einer Weile hatte Lilly schon viele passende Münzen beiseite gelegt, Nestors Eifer noch mehr nachgelassen und Rául eine typisch altgriechische Mahlzeit für Lilly zubereitet, die jetzt eine appetitliche Knoblauchfahne durch den Weißen Salon trieb.
»Riecht aber ganz gut – wie gegrillt«, stellte Lilly fest.
»Ja ... es geht eigentlich, nur die Erbsenpampe ist gewöhnungsbedürftig. Sieht ganz klar aus, wie schon mal gegessen«, nörgelte Nestor Nigglepot.
»Danke, Rául«, sagte das Mädchen und machte sich über das Essen her. Die Erbsenpampe schmeckte süßlich.
Der Butler setzte sich wieder an den Tisch und sortierte gemeinsam mit Lilly Münzen. Nestor zog es vor, den beiden bei ihrer Tätigkeit zuzuschauen. Echte Arbeit schien keine Erfindung der Firma Nigglepot gewesen zu sein. Lilly blickte erst zu Nestor und dann zu Rául, der sie freundlich anlächelte. Er hätte auch sagen können: »Finde dich damit ab.«
Aber das tat Lilly nicht, sondern verschränkte die Arme und erklärte trotzig, sie würde erst weitermachen, wenn Nestor Nigglepot sich an der Arbeit beteilige. Rául war verblüfft, als sich der Hausherr erhob und feierlich erklärte: »Na, dann werde ich wohl mal Nachschub aus der Schatzkammer holen!«, und dann gemächlichen Schrittes den Weißen Salon verließ.
»Du hast Mut, junge Dame!«
»Einer muss ihm ja mal sagen, dass man schneller vorankommt, wenn alle zusammenarbeiten. Warum machen Sie das nicht mal, Rául!«
»Ich wurde so erzogen und als Butler ist es meine Aufgabe, die Wünsche des Hausherrn zu erfüllen und nicht ihn zum Arbeiten anzuhalten.«
»Wer wird denn zum Butler erzogen?«
»Nicht zum Butler ... aber als ich Kind war, gingen die Uhren anders als heute – und auch anders als 1921. Ich habe mich einfach dafür entschieden ... mit der Zeit.«
VIII
Rául
Als Nigglepot schwer beladen zurückkam, waren Rául und Lilly schon lange fertig mit der ersten Fuhre alter Münzen. Er schüttete vier ziemlich große Säcke mit weiteren Geldstücken auf den Tisch.
»Wenn die hier sortiert sind, müsste es reichen«, dann sagte Nestor »Puh!«, wischte sich theatralisch die Stirn mit dem Handrücken und schloss mit den Worten: »Schafft ihr das auch ohne mich?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ er wieder den Raum und war für den Rest des Tages nicht mehr zu sehen.
»Wie haben sie Nestor Nigglepot eigentlich kennengelernt, Rául?«, fragte das Mädchen.
»So ähnlich wie du ... durch Zufall.«
»Haben sie es jemals bereut?«
»Na ja, manchmal kann es schon sehr anstrengend sein für ihn zu arbeiten, aber bereut? Ganz sicher nicht!« Rául überlegte. »Eigentlich hatte ich sehr großes Glück!«
»Warum?«
»Ich wurde zu einer Zeit geboren, als Europa im Umbruch war. Meine Eltern habe ich während der Französischen Revolution verloren. Ich weiß nicht, ob sie gestorben sind oder nur in den Wirren von mir getrennt wurden.«
Lilly schaute ihn mitleidsvoll an, weil sie den Butler beobachtete, der ohne aufzuschauen in den Münzhaufen wühlte.
»Fest steht, dass ich sie viele Wochen gesucht aber nicht gefunden habe. Meine Eltern waren der Marquis und die Marquise de Castellane, also hatten sie, wie alle Adeligen zu dieser Zeit, nichts zu Lachen ... und ich auch nicht. Ich war zwar erst acht Jahre alt, aber meine Kleidung zeigte allen Leuten, das ich ein Kind der Leute war, die das Volk loswerden wollte. Also musste ich mich die meiste Zeit irgendwo verstecken.«
»Verstecken?«
»Nichtadelige Franzosen haben sich gegen die herrschende Klasse zur Wehr gesetzt ... und häufig mit Gewalt. Ganz egal ,ob Mann, Frau oder Kind.«
»Aber, sie sind offensichtlich entkommen.«
»Ja, tagsüber habe ich oft in abgelegenen Schuppen geschlafen und mir nachts auf Feldern und in Bauernhäusern etwas zu essen geklaut.«
»Wurden sie denn nie erwischt?«
»Oh doch, ziemlich oft! Einmal hat mir ein Bauer sogar mit der Mistgabel in den Hintern gestochen. Ich hatte Glück, dass sich nichts entzündet hat. Stehlen und unauffällig sein, war ursprünglich nicht Teil meiner Erziehung.«
»Hat sicher weh getan, oder?«
»Allerdings, aber was noch schlimmer war, mein Hose war hintenrum total kaputt ... und ich hatte doch nur diese eine. Also musste ich mir bei nächster Gelegenheit auch noch eine neue Hose klauen.«
»Wie peinlich«, stellte Lilly leicht amüsiert fest.
»Und vor allem schwierig, denn die meisten Menschen hatten damals auch nur eine oder zwei Hosen, die nur ausgesprochen selten gewaschen wurden und mit denen sie oft auch noch schlafen gingen.«
»Das ist ja eklig!«
»Ja, aber damals habe ich gar nicht darüber nachgedacht. In der Tat wurden Sauberkeit und Waschen im 18. Jahrhundert nicht so ernst genommen wie heute. Mir war es am wichtigsten satt zu werden und mein blankes Hinterteil zu verbergen.«
»Konnten sie denn eine neue Hose auftreiben?«
»Allerdings, aber erst nach drei Wochen! Zum Glück war es Sommer und auch damals zogen die Kinder zum Schwimmen im See ihre Kleidung aus. Das war meine Chance, und die habe ich in einem unbeobachteten Moment genutzt.«
»Da wird sich aber einer ganz schön geärgert haben«, grinste Lilly, die sich nur schwer vorstellen konnte, das dieser sehr korrekte Mensch, der sich scheinbar ständig unter Kontrolle hatte, wochenlang mit nacktem Hintern quer durch Frankreich gelaufen ist.
»Ich vermute es! Aber ich habe nicht auf die Reaktion gewartet. In jedem Fall habe ich gleich die ganze Montur genommen, also Hose und Hemd.«
»Keine Schuhe?«
»Wo denkst du hin? Schuhe für Kinder auf dem Land? Absolut unnormal!«
»Und die Unterwäsche?«
»Neuzeitlicher Kram.«
Rául konnte an Lillys Gesicht erkennen, dass sie sich ernsthaft fragte, ob er noch immer keine Unterwäsche trug.
»Zwischenzeitlich habe ich mich daran gewöhnt.«
Lilly atmete tief durch.
»Also, ich bin so schnell fortgelaufen wie ich konnte, habe mich dann irgendwo im Gebüsch versteckt und umgezogen. Das war gut, denn als normaler Bauersjunge hatte ich nicht immer sofort den Zorn der Bevölkerung zu befürchten.«
»Und dann?«
»Hab ich natürlich doch immer wieder Ärger bekommen, denn sobald ich meinen Mund aufgemacht habe, merkten alle sofort: der ist keiner von uns!«
»Aber wie haben sie dann Nestor Nigglepot kennengelernt?«, fragte die Chinesin.
»Irgendwann habe ich mich in einer der Höhlen von Savonnières versteckt, die nicht weit weg von Schloss Villandry liegen, wo ich groß geworden bin. Na ja, und da habe ich die Zeitmaschine von Nestor Nigglepot entdeckt ... und er mich.«
»Wollte er sie zuerst auch loswerden?«, Lilly nahm sich einen weiteren Schwung Münzen vor.
»Nein. Aber ich hatte fürchterliche Angst vor ihm. Maschinen waren für mich doch etwas völlig Unbekanntes. Er war so schick wie immer, mit seiner leicht übertriebenen Art und ich war ein kleiner Junge, total verdreckt, völlig verängstigt und trug Kleidung, die mir viel zu groß war.« Der Butler nippte an seinem Tee und fuhr fort: »Wir haben uns unterhalten, nachdem er mir, für mich einigermaßen glaubhaft, versichert hat, er wäre kein böser Geist. Darauf hin erzählte ich ihm, was mir widerfahren war und er hatte Mitleid. Er bot mir eine bessere Zukunft an und ich habe dieses Angebot zum Glück nicht ausgeschlagen.«
»Mitleid?«, fragte Lilly.
»Ja, Mitleid.«
Es war für das chinesische Mädchen wirklich nicht leicht, aus Nestor Nigglepot schlau zu werden. Sie wusste, dass er nerven konnte, dass er oft nörgelte, sich offensichtlich gerne vor der Arbeit drückte und unglaublich eingebildet war. Aber sie wusste nicht, warum er sein gutes Herz so gerne versteckte.
»Für mich war der Schock in diese Zeit zu geraten vermutlich noch schlimmer als für dich.«
»Sind sie sich da so sicher?«
»Das schnellste Fortbewegungsmittel war zu meiner Zeit das Pferd. Ich kannte keinen Strom, Wasser kam aus dem Brunnen und nicht aus dem Wasserhahn. Fliegen konnten nur Vögel und zwei verrückte Brüder, die ein Jahr nach meiner Geburt den Heißluftballon erfunden hatten. Neben Windmühlen und Wasserrädern gab es nichts, was auch nur entfernt an eine Maschine erinnerte. Und wenn man Musik hören wollte, sang man ein Lied, denn Radio gab es noch nicht!«
»O.K.! Sie haben gewonnen!«, sagte Lilly anerkennend.
»Ich hab’ es wirklich nicht bereut. Ich musste mein Essen nicht mehr stehlen und meine Kleidung hat mir schnell wieder gepasst. Alle meine Reisen mit Nestor Nigglepot waren sensationell und ich habe jede einzelne davon genossen.«
»Aber wenn sie mit acht Jahren in diese Zeit hier gereist sind, warum sind sie dann jetzt ein alter Mann und Nestor Nigglepot nicht?«
»Gute Frage, Lilly!«, sagte Rául und nahm sich den letzten noch unsortierten Haufen Münzen. »Ich wollte ganz einfach älter werden. Nur weil wir immer wieder in diesen Zeithafen zurückkehren, heißt das nicht, dass die persönliche Lebensuhr stehen bleibt. Jeder trägt seine eigene Zeit mit sich herum. Du, ich und auch Nestor Nigglepot.«
»Aber der ist nicht älter geworden.«
»Wenn er die Möglichkeit hat die Zeit zu manipulieren, die einen ganzen Planeten betrifft, dann – glaub’ mir – hat er auch die Möglichkeit seine eigene Zeit zu manipulieren.«
»Also hätten sie auch jung bleiben können?«
»Wie es funktioniert, weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, hätte ich ihn darum gebeten, ich hätte jung bleiben können.«
»Und warum wollten sie das nicht«
»Willst du auf so viele wichtige Erfahrung verzichten, die du nur machen kannst, wenn du älter wirst? Willst du immer zehn Jahre alt bleiben?«
»Vielleicht nicht immer zehn Jahre ... ich weiß noch nicht so genau, später vielleicht.«
»Du möchtest also erst mehr Erfahrungen sammeln, um das richtig zu beurteilen?«
»Ja, eigentlich schon ...«, sagte Lilly.
»Das nennt man älter werden«, sagte Rául und erhob sich von seinem Stuhl. »Komm, wir gehen in die Küche und bereiten so langsam mal das Abendessen vor. Älter werden kann man nur, wenn man auch satt genug ist!«
Lilly stand ebenfalls auf, sah noch einmal auf den Tisch und war zufrieden, ein großer Haufen mit Eulen-Münzen links und ein etwas kleinerer Haufen mit Nymphenkopf-Münzen rechts. Alles war sortiert.
IX
Kofferpacken
Am nächsten Tag klingelte es und Rául ging zur Gegensprechanlage, die praktischerweise in jedem Raum von Seldom House installiert war. Es war der Bote mit den Kleidern für Nestor Nigglepot und Lilly.
Das Mädchen war natürlich sofort zur Stelle, um zu begutachten, was sie in der nächsten Zeit wohl anziehen würde. Sie war enttäuscht. Das Gewand, ein Peplos, bestand aus nicht mehr als einer langen Stoffbahn, die ein Stück höher war, als sie selbst. Diese Art Umhang war an den beiden Schmalseiten zusammengenäht, wurde oben ungefähr 50 cm umgeschlagen und an den Schultern mit zwei Klammern, so genannten Fibeln, befestigt, damit er nicht herunterrutschte. Ein Lederriemen als Gürtel raffte das Kleid. Das war’s.
»Ich vermute, du vermisst die Unterwäsche und die Schuhe, nicht wahr?« Rául verkniff sich ein Lachen.
»Du hast es gewusst, oder?«
»Natürlich, wenn es so etwas im achtzehnten Jahrhundert noch nicht gab, dann auch nicht im vierten Jahrhundert vor Christus.«
»Super ...«, sagte Lilly leicht genervt. »Ich geh mich dann mal umziehen.«
Rául brachte die Kleidung für Nestor Nigglepot in dessen Schlafgemach und betätigte die Sprechanlage erneut. Ein Sammelruf erklang im ganzen Haus. »Sir, Ihre neuen Kleider sind eingetroffen. Ich habe sie in ihr Zimmer gebracht.«
»Danke!«, kam es aus dem Gerät heraus, in das der Butler hineingesprochen hatte. Erstaunlicherweise dauerte es auch überhaupt nicht lange und Nestor erschien in kompletter Montur in der Empfangshalle.
»Wieso trägst du Sandalen und ich nicht, Nestor Nigglepot?«, fragte Lilly neidisch und aufgebracht. »Und warum hast du noch dieses Manteltuch darüber und ich nicht? Außerdem ...«, sie fühlte an dem Gewand des Hausherrn, einem Chiton, »... sind deine Kleider aus viel feinerem und weicherem Stoff als meine. Das ist ungerecht!«
Sie drehte sich zu Rául und wollte Unterstützung haben, die sie aber nicht bekam.
»Tja, ich fürchte man konnte schon früher an der Kleidung erkennen, wer das Sagen hatte und wer nicht!« Nestor zog lässig die Schultern hoch.
»Rául! Haben sie das gehört?«
»Ja, Lilly, aber er hat recht.« Und das hatte der Butler ebenfalls. Auch wenn es Lilly noch so wenig schmeckte, sie war die Sklavin und Nestor Nigglepot ihr Herr.
»Beruhig dich, Lilly! Du kennst ihn doch«, flüsterte Rául dem Mädchen zu.
»Ich versuche es«, raunte sie mit zusammengebissenen Zähnen zurück.
»Dann sollten wir jetzt zu Sofia gehen, ich denke sie hat noch ein paar abschließende Informationen für uns«, sagte Nigglepot und machte sich auf. Die beiden folgten ihm.
»Ihr seht schick aus!«, sagte Sofia, sofort nachdem alle den Raum des Zentralcomputers betreten hatten.
»Es kratzt überall!«, meckerte Lilly, die sonst viel ertrug.
»Ich bin mir sicher, chinesische Seide fühlt sich anders an«, sagte Sofia.
»Wie hoch ist die Chance, dass Lilly sich an das Kratzen gewöhnt?«, wollte Nestor wissen.
»Genau 34,7%«, antwortete der Zentralcomputer.
»Du siehst, es könnte schlimmer kommen«, sagte Nestor in seiner überheblichen Art.
»Ich habe die letzten Informationen für euch parat, damit möglichst wenig schief gehen kann.
»Dann lass’ mal hören, Sofia!«
»Du wirst dich als Reisender von der Insel Korfu ausgeben. Lilly Foo wird, wie schon gesagt, als deine Dienerin auftreten. Die Bürger Korfus und aus Syrakus sind Nachfahren von Kolonisten der Stadt Korinth. Du bist also quasi mit allen Syrakusern verwandt, Nestor.«
»Hoffentlich wollen die nicht alle ein Mitbringsel von mir«, witzelte Nigglepot.
»Du, Lilly, wirst vorgeben, Piraten hätten dich im östlichen Meer als Kleinkind deinen Eltern geraubt und dich später in Ägypten an einen Sklavenhändler verkauft. Nestor hat dich vor ein paar Jahren auf dem Sklavenmarkt in Rachotis gekauft, und seit dem bist du seine Dienerin. Ansonsten gibst du vor, nichts weiter über deine Herkunft zu wissen«, fuhr Sofia fort.
»Rachotis? Nie gehört«, sagte Lilly.
»Im Jahre 331 v. Chr. wird Alexander der Große dort die Stadt Alexandria gründen, oder besser gesagt, Rachotis in Alexandria umbenennen«, erläuterte der Zentralcomputer.
»Vergiss das besser wieder!«, sagte Rául, »Den kannte zu eurer Reisezeit noch keiner.«
»Alles klar!« Lilly war verblüfft, an was sie alles zu denken hatte.
»Die Zeitmaschine wird in einer Höhle, nahe der heutigen Stadt Catania, auf Sizilien versteckt, bis dorthin müsst ihr euch unbedingt und möglichst unauffällig durchschlagen. Von dort sind es bis Syrakus mit dem Schiff und günstigen Winden nur ein paar Stunden.«
»Schiff? Da wird mir schlecht! Muss das sein?« Nestor Nigglepot klang plötzlich gar nicht wie ein Draufgänger.
»Auf dem Landweg müsstet ihr mindestens zwei zusätzliche Reisetage einplanen. Überlegt es euch. Vermutlich gibt es dort auch reichlich Banditen.«
»Und was ist mit Piraten?«, wollte Lilly wissen.
»Gab es damals auch, aber der Seeweg ist kurz und sehr nah an der Küste. Weiter draußen könnte das allerdings ein echtes Problem werden.«
»Wir nehmen das Schiff, oder?« Lilly schaute selbstbewusst zu Nestor Nigglepot herüber, der genervt in seinem Sessel hin und her schwang.
»Ja, ja ...«, quälte er es aus sich heraus.
»Gut, weiter! Lilly, du musst aufpassen, dass du Nestor in der Öffentlichkeit nicht widersprichst, das steht Dienern nicht zu. Wenn euch ganz sicher niemand zuhört, könnt ihr frei sprechen, sonst müsst ihr eurer Gesellschaft wirklich hundertprozentig vertrauen können. Ich würde dennoch davon abraten!«
Dann wandte sich die blaue Lichtgestalt wieder dem Hausherrn zu, der den Reinigungsgrad seiner Fingernägel überprüfte.
»Nestor, ich würde dir empfehlen, gleich zu Beginn auf dem Sklavenmarkt in Catania noch mindestens vier weitere Diener zu kaufen. Ein Mann deines Standes hatte zur damaligen Zeit selten weniger als fünf Sklaven.«
»Das ist ja besser als Zuhause!« Wenn er wollte, konnte er auch richtig gemein sein. Alle schauten ihn finster an, sogar Rául.
»Hallo? Das war ein Witz ... ich werde ihnen später die Freiheit schenken!«
»Ach, Nestor«, sagte Sofia kopfschüttelnd und fuhr fort: »Versuch’ junge Menschen zu kaufen, die noch ein paar Jahre Zukunft haben. Ich habe Rául eine Einkaufsliste gegeben, damit ihr auch die notwendige Grundausstattung vor Ort kaufen könnt.«
»Sonst noch was?«, scheinbar verging Nestor langsam die Lust an dieser Besprechung.
»Natürlich!« Der Zentralcomputer machte ein Pause. »Eure Ausrüstung, die ihr von hier mitnehmen werdet, müssen wir auch noch besprechen.«
Rául legte verschiedene Gegenstände auf den Tisch, in dem Sofia stand.
»Lilly, du bekommst diesen schwarzen Ring dort. Er müsste dir passen. Nestor, für dich ist der blaue daneben. Beide Ringe stehen immer in Verbindung. Wenn ihr auf die Steine drückt und sie dabei dreht, habt ihr sofort eine Sprechverbindung miteinander. Es reicht, wenn einer von euch drückt, dann summt der andere Ring. Passt aber auf, dass die Dinger nicht allzu nass werden, sonst gehen die Ringe kaputt.«
Lilly nahm ihren Ring und stellte fest, dass er ihr gut am linken Zeigefinger passte. »Hübsch!«, sagte sie knapp.
Nestor nahm seinen, warf ihn kurz hoch und steckte ihn dann, ohne zu überlegen, an seinen rechten Ringfinger.
»Dieser Dolch dort ist auch für dich, Nestor. Er enthält eine betäubende Substanz, die deine Gegner ein paar Stunden außer Gefecht setzt, falls es zu einem Kampf käme, von dem ich nachdrücklich abraten möchte. Ihr reist in eine ausgesprochen ungerechte Zeit. Einmal falsch gucken bedeutete allzu oft, dass nächste Sonderangebot auf dem Sklavenmarkt zu werden!«
»Ich dachte wir besuchen die Zeit der großen Philosophen«, hakte Lilly nach.
»Stimmt ja auch, aber wenn alles in Ordnung ist gibt es eher weniger zu philosophieren«, erklärte Sofia.
Das leuchtete Lilly ein.
»Deinen Desorientator wirst du diesmal hier lassen müssen, mein lieber Nestor!«
»Kommt gar nicht in Frage!«
»Das kommt sehr wohl in Frage! Stell dir vor, du aktivierst ihn und Lilly wird auch desorientisiert. Das kann fatale Folgen haben. Außerdem gab es damals keine Schmuckstücke, die dem Ding auch nur entfernt ähnlich sahen.«
»Irgendwelche andere Spielsachen?« Nestor wollte die Angelegenheit offensichtlich überspielen.
»Ja, dieses blaue Medaillon ist für dich, Lilly. Damit kannst du eine direkte Verbindung mit mir aufnehmen. Aber anders als die Ringe muss es sogar nass werden, denn es funktioniert nur eingetaucht in Gewässern, die eine Verbindung mit dem Meer haben. Also keine Brunnen oder Seen ohne Abfluss. Hast du das verstanden?«
»Ich glaube schon ...«, Lilly hatte wirklich viel zu beachten.
»Sind wir jetzt fertig?«, Nestor hielt mit seiner Langeweile nicht mehr hinter dem Berg.
»Eine Sache noch«, antwortete Sofia.
»Und die wäre?«
»Benehmt euch!« Der Zentralcomputer sah insbesondere Nestor genauer an. »Viel Glück und passt auf euch auf!«
»Danke!«, sagte Lilly, hängte ihr Medaillon um, und erhob sich gemeinsam mit den anderen.
Alle drei verließen den Geheimtrakt des Anwesens, wünschten sich in der Empfangshalle gegenseitig eine Gute Nacht und gingen auf ihre Zimmer. Um 7:30 Uhr würde Rául das Frühstück servieren und direkt im Anschluss sollte es losgehen.
Alles war durchgeplant und Lilly gut vorbereitet. Dumm war allerdings, dass sie überhaupt nicht müde war. Ihr Herz schlug mit unglaublicher Kraft und ein innerer Druck wanderte ständig zwischen Hals und Magen hin und her. Wie alle Kinder vor einer spannenden Reise, war sie fürchterlich aufgeregt. Nachdem ihr eine Million Fragen unbeantwortet durch den Kopf gegangen waren, schlief sie endlich ein und beinahe noch zu lange, hätte Rául sie nicht geweckt.
Weil ihr vor Müdigkeit kalt war, hing sie sich einen Bademantel über ihren Peplos und saß stumm am Tisch im Bunten Salon und aß ihr Frühstück. Lilly fragte sich, wann sie wohl wieder hier sitzen würde.
»Ich habe die Münzen schon in die Zeitmaschine gestellt, Sir!«, sagte Rául zu Nestor Nigglepot, der lustlos in sein Fladenbrot biss. »Haben sie noch anderes Gepäck, das sie gerne mitnehmen möchten?«
»Nur eine kleine Tasche. Die nehme ich gleich selber mit.«
»Und du, Lilly?«
»Ich habe alles was ich brauche, mein Ring, mein Medaillon und meine Kleidung habe ich schon an. Aber ich hätte gerne noch eine letzte Tasse Tee, bevor es losgeht.«
»Die mache ich dir ... für sie auch, Sir?«
»Ausgesprochen gerne, Rául!«
Der Tee belebte die beiden Reisenden und schon nach wenigen Schlucken war Lillys Müdigkeit besiegt und die Kälte verflogen. Wenn es nach ihr ging, konnte es jetzt losgehen.
Nestor Nigglepot schien erheblich mehr Zeit zu haben. Er saß noch, wie üblich, unrasiert in seinem Morgenrock und hatte alle Zeit der Welt. Er blätterte ausgiebig in der Zeitung herum, aber ob er wirklich las, war nicht zu erkennen. Er schien sich eher die Zeit zu vertreiben.
»Wann geht es denn los?«, wollte die Chinesin wissen.
»Wenn ich fertig bin!«, war die lakonische Antwort von Nestor Nigglepot. Lilly war fest davon überzeugt, dass er sie nur ärgern wollte.
Er faltete betont langsam seine Lektüre zusammen, streckte sich ausgiebig und erhob sich langsam.
»Dann will ich mich mal frisch machen.«
Nestor verließ den Raum und kam erst eine halbe Stunde später wieder – rasiert, geföhnt und griechisch angezogen. Über der Schulter trug er einen unscheinbaren Beutel und an seinem Gürtel steckte links der Betäubungsdolch.
»Können wir?«, fragte Nigglepot unbeteiligt.
»Endlich!«, entfuhr es Lilly, die dachte er käme nie zurück.
Gemeinsam gingen sie in das Labor, in dem Lilly im Sommer angekommen war. Die Maschine summte wieder leise vor sich hin und leuchtete hellblau.
Nestor tippte an den Tasten herum und die Türe öffnete sich mit ihrem hübschen Wuuusch.
»So, ich denke wir haben alles, oder?« Nestor schaute sich noch einmal um und betrat dann die Zeitmaschine.
Lilly wollte gerade hinterher, als sie urplötzlich stehen blieb.
»Wie sollen wir wieder zurück kommen?«, fragte sie völlig verunsichert.
»Was ist los?«, fragte Nigglepot verwirrt.
»Na, in der Höhle wird es ja wohl vermutlich keine Steckdose geben, oder?«
»Stimmt, du hast recht!« Nestor zuckte erschrocken.
Lilly ließ enttäuscht die Schultern hängen.
»Aber Energiekristalle!« Er fummelte in seiner Tasche herum und zeigte dem Mädchen einen etwa Ei-großen, grünlichen Kristall, der ganz schwach leuchtete.
»Die besten und seltesten Batterien der Welt!«, er lachte und sagte: »Komm Lilly! Bis später, Rául!«
»Alles Gute, Sir. Viel Glück und viel Spaß, Lilly! Bis gleich!«
»Bis bald, Rául« sagte das Mädchen, und ärgerte sich über ihre Naivität. Natürlich hatte Nestor Nigglepot an das Energieproblem gedacht.
Die Tür der Maschine schloss sich. Nestor und Lilly wurden in dunkelblaues Licht getaucht, und die metallische Stimme zählte rückwärts: »Vier ... drei ... zwei ... eins ... null ... Zeitvektor geöffnet!«
Plimm!
X
388 v. Chr.
Als Lilly und Nestor die Maschine verließen, traten sie in eine dunkle, aber geräumige Höhle und es war kühl. Die beiden unterhielten sich flüsternd. Die Zeitmaschine strahlte genug blaues Licht aus, sodass sie sich gut orientieren konnten.
»Wieso hat Rául Bis gleich gesagt?«
»Wenn alles gut läuft, und wir wieder in unsere Heimatzeit zurückkehren, treten wir – zumindest für Rául – im allernächsten Moment wieder aus der Maschine heraus.«
»Ob ich das mit diesen Zeitphänomenen wohl irgendwann komplett begreifen werde, Nestor Nigglepot?«
»Ganz bestimmt! Du übst ja noch«, sagte Nestor. »Aber wir sollten uns von jetzt an nur noch auf Altgriechisch unterhalten«
»Ach ja! Du hast Recht, Nestor von Korfu!«
Und fortan sprachen die beiden sehr lebendig eine tote Sprache.
Ihre erste Aufgabe war es, die Höhle nach Spuren von Menschen oder wilden Tieren zu untersuchen, aber sie fanden keine. Sofia hatte das Versteck für die Zeitmaschine gut gewählt. Nestor schloss den Energiekristall an die Maschine an, tippte wieder an dem Pult herum. Die Maschine hörte auf zu Summen und leuchtete nur noch ganz schwach.
»Stand-by, spart Strom!«, sagte er zu Lilly und suchte dann den Ausgang, der ein bisschen versteckt hinter drei Felsvorsprüngen, aber auf gleicher Höhe lag. Sie trugen schweres Gepäck, denn die beiden mussten die ganzen Münzen in robusten Lederbeuteln schleppen. Außerdem hatte der Butler ihnen einen typischen Schlauch Wasser und einen Beutel mit Fladenbrot und Dörrfleisch mitgegeben.
Als sie den Höhlenausgang erreichten, schlug ihnen die sengende Sommerhitze Siziliens entgegen.
»Hui! Damit hab’ ich aber nicht gerechnet!«, sagte Lilly und atmete tief durch den Mund.
»Tja, bei uns wird es langsam Winter. Wir hätten an Sonnenhüte denken sollen«, sagte Nestor und ergänzte: »Sonnenmilch wird es hier wohl nicht zu kaufen geben.«
»Sonnenmilch?«, fragte Lilly, denn die gab es in ihrer Heimatzeit 1921 auch noch nicht.
»Die schützt gegen Sonnenbrand.«
»Dann gehen wir halt im Schatten«, bemerkte Lilly.
»Siehst du hier irgendwo Schatten?«
In der Tat war hier wenig Schatten. Die Landschaft war geprägt vom nahegelegenen Ätna, leicht hügelig und außer zahlreichen dornigen Büschen und ein bisschen grünem Gras hier und da, war die Landschaft verdorrt. Selten sahen sie ein paar spärliche Olivenbäume.
Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, war es Vormittag und weit und breit keine Spur eines Weges oder einer Straße zu sehen. Nicht einmal ein Trampelpfad oder ein Wildwechsel ließ darauf deuten, dass in dieser Gegend viel los gewesen wäre.
»In welche Richtung sollen wir gehen?«
»Das haben wir gleich!« Nestor wühlte in seinem Beutel herum und kramte ein kleines Gerät von der Größe eines Mobiltelefons heraus, strich mit seinen Fingern ein paar mal darauf herum und sagte dann: »Da lang!«
Er zeigte nach Südosten, talwärts, und ging los. Das Mädchen folgte ihm hastig und schielte hinter ihm auf das Gerät.
»Was ist denn das für ein Ding?«, wollte Lilly wissen.
»Ach, nichts ... nur ein kleines Spielzeug!«
»Aber Sofia hat nicht gesagt, dass wir das mitnehmen sollen!«, stellte das Mädchen altklug fest.
»Weil sie sich immer Sorgen macht, durch moderne Technologie könnte der Zeitablauf zu sehr verändert werden.«
»Und dir ist das völlig egal?« Lilly konnte es nicht glauben.
»Ich pfeif drauf!«
»Aber sie hat doch recht!«, beharrte das Mädchen.
»Wo fängt moderne Technologie denn für dich an, Lilly?«
»Zum Beispiel damit!« Sie langte nach dem Teil, das Nestor noch immer in der Hand hielt, ihr aber nicht geben wollte.
»Schnickschnack! Wie sollen wir deinen Platon denn finden, wenn wir nicht mal wissen, wo wir lang müssen?« Nestor war sich seiner Sache sehr sicher.
»Aber, wenn das Ding den Menschen hier in die Hände fällt?«
»Können sie es nicht bedienen, weil ihnen die Schrift darauf unbekannt wäre! Es wäre für sie nur ein buntes Kästchen.«
»Na gut, Nestor von Korfu, du hast mich überzeugt.«
»Das war mir klar!«, kam es überheblich zurück, aber Nestor freute sich, das es dieses mal so schnell ging.
»Zeig’ mir das Ding doch mal, bitte!«
Nestor reichte ihr das Gerät nach hinten, denn er ging vor, immer darauf bedacht auf dem Pfad. den er sich selber suchen musste, nicht umzuknicken oder zu stolpern. Das Mädchen war, obwohl barfuß, erheblich trittsicherer als er.
Sie schaute sich das Teil an, wischte mit ihrem Zeigefinger darauf herum und es erschienen auch für sie nur unbekannte Schriftzeichen, die aber Ähnlichkeit mit den Türsymbolen im Geheimtrakt von Seldom House hatten.
»Hat das Ding auch einen Namen?«, fragte Lilly Foo.
»Das Ding ist ein Atalandor. Er kann wie ein Kompass arbeiten, rechnen, ist ein Lexikon, kann Krankheiten erkennen, im Bedarfsfall übersetzen und noch so einiges mehr. Sehr praktisch!«
»Wenn man einen Atalandor denn bedienen kann.«
»Was allerdings sehr kompliziert ist. Die Schrift und die Sprache des Geräts sind extrem schwierig zu lernen, die Mühe solltest du dir gar nicht erst machen.«
Lilly wusste, das Nestor ein Schaumschläger war, aber manchmal fand sie ihn sogar witzig.
»Auch wenn man ein Didaktafon zum Lernen benutzt?«
»Dann geht es etwas leichter... aber auch nur etwas.«
»Ja, ja ...« Lilly gab ihm den Atalandor zurück.
Sie erreichten einen kleinen Bach und Nestor folgte dem Gewässer in Fließrichtung.
»Es kann nicht mehr weit sein, bis wir die ersten Spuren menschlicher Zivilisation entdecken, sieh dich also vor«, sagte Nigglepot, der immer noch übervorsichtig führte.
»Soll ich vielleicht mal vorgehen? Wenn du hier weiter so rumeumelst, kommen wir nämlich nirgendwo an, bevor wir verbrennen!«, sagte Lilly und überholte Nestor flink.
»Hey, Moment mal!«, stutze er und gab sich Mühe den Anschluss nicht zu verlieren. »Das Wort Eumeln gibt es überhaupt nicht im Altgriechischen!«
»Jetzt schon!«
»Na, das kann ja heiter werden«, wollte er sagen und tat es natürlich auch.
Obwohl Lilly die Hauptlast des Gepäcks trug, allein deshalb, damit sie als Sklavin und Nestor als Herr nicht ungewöhnlich auffielen, legte das Mädchen ein erstaunliches Tempo vor. Erstens war sie viel jünger, zweitens hatte sie eine hervorragende Kung-Fu-Ausbildung genossen, die ihr eine hohe körperliche Sicherheit verlieh, und drittens hatte sie es ganz einfach eilig.
Hier gab es nichts zu sehen, nichts zu lernen und nichts zu erleben, und wenn sie das schwere Gepäck schnell loswerden wollte, mussten sie zeitig den Sklavenmarkt von Catania erreichen. Die neuen Kollegen würden ihr dann tragen helfen. So einfach war ihr Plan. Und Nestor Nigglepot musste ihr folgen, ob er wollte oder nicht. Auch seine plumpen Versuche das Tempo zu drosseln, scheiterten fast alle kläglich.
»Oh! Sieh mal, da ist eine Eidechse!«, zum Beispiel, wurde mit: »Davon gibt es hier hunderte!«, quittiert.
Als die ersten Ziegen in der Landschaft auftauchten verlangsamte Lilly ihren Schritt etwas, denn das deutete in der Tat auf eine nahegelegene Menschensiedlung hin.
»Können wir jetzt mal Pause machen?« Nestor schien tatsächlich erschöpft zu sein. »Ich kann bei dieser Hitze nicht so lang stramm marschieren wie du!«
»Na, gut ... dann machen wir halt eine Pause«, sagte das Mädchen, denn auch sie spürte langsam die Anstrengung. Also suchten sie in einem kleinen Olivenhain Schatten.
Schwer atmend setzte sich Nestor Nigglepot auf einen Stein und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Den Wasserschlauch, bitte!«, war das Einzige was er sagte, dann trank er bis sein Durst gestillt war.
Lilly biss in das Dörrfleisch, spuckte es aber sofort angewidert wieder aus. »Bah!«
»Gib mal her.« Er nahm einen Bissen und der schien ihm zu schmecken. »Was hast du denn?«
»Das Zeug ist total versalzen! Davon bekommt man doch noch mehr Durst.« Lilly bevorzugte das Fladenbrot.
»Ach was! Das schmeckt so ähnlich wie gegrillte Bücklinge!«
»Aber das Wasser wird gerecht geteilt!« Darauf bestand Lilly vehement.
»Nöö!«, entgegnete Nigglepot gelangweilt.
»Aber der Wasserschlauch ist irgendwann auch mal leer!«
»Und was ist mit diesem hübschen, kleinen, sprudelnden Bach dort?« Er zeigt auf den Bachlauf, dem sie schon seit dem Verlassen der Höhle gefolgt waren.
Manchmal war Nestor Nigglepot allerdings wirklich zu gebrauchen. Lilly stand auf und kostete aus der hohlen Hand das Wasser. Es schmeckte muffig durch den Schwefel des nahen Vulkans, war aber genießbar, kühl und herrlich erfrischend.
Sie stellte sich mit den Füßen in den Bach, bis die Haut anfing zu kribbeln. Dann schüttelte sie sich kurz, schnappte den Wasserschlauch und füllte ihn wieder auf.
»Dann können wir ja jetzt weiter!«
»Das war doch keine Pause!« Nestor packte hastig seine Sachen und grunzte: »Das war maximal ein Päuschen!«
Das Gelände wurde immer flacher. Die zahlreichen Baumstümpfe zeigten, dass hier ganze Wälder gerodet worden waren und es dauerte nicht lange, bis Lilly und Nestor auf einen einigermaßen befestigten, zumindest aber ausgetretenen Pfad stießen. Sie folgten diesem Weg, bis er sie hinter einem letzten Hügel zu einem Dorf führte.
Lilly schaute Nestor fragend an.
»Ja, meine Liebe, es wird ernst. Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, halt einfach deinen Mund.«
»Wie nett von dir, Nestor von Korfu!«
Es war mittlerweile Nachmittag geworden und noch heißer, als bei ihrer Ankunft. Um nicht aufzufallen, gingen sie zügig auf die wenigen Häuser zu. Sie waren schmucklos und grob gemauert, niedrig und mit flachen Dächern versehen. Die wenigen Fenster waren mit Holzläden verschlossen. Stimmen oder Geräusche waren nicht zu hören.
»Meinst du, das Dorf ist verlassen?« fragte Lilly.
»Quatsch! Die machen Siesta, nur Verrückte marschieren bei dieser Hitze um ihr Leben.«
Sie erreichten das erste Gebäude und Nestor ging völlig selbstverständlich auf die Türe zu und klopfte laut an, eine Antwort kam aber nicht.
»Vielleicht ist das Dorf doch verlassen«, sagte das Mädchen.
»Ich versuch’s nochmal!« Diesmal klopfte er so stark, dass die schlecht gezimmerte Tür in ihren Angeln wackelte.
»Verdammt und zugenäht!«, rief es von drinnen und scheinbar bemühte sich jemand stöhnend zur Tür, die sich ruckartig nach innen öffnete.
»Was willst du?«, krächzte ein altes Mütterchen, das Mühe hatte gegen das blendende Sonnenlicht die Besucher zu erkennen. Sie blinzelte, hielt sich dann die flache Hand als Sonnenschutz an die Stirn und fuhr sofort zusammen.
»Verzeiht, Herr!«, flehte die alte Frau. »Ich dachte, ihr wäret mein verrückter Schwager. Der hat mich heute schon zigmal aufgescheucht.«
»Du täuschst dich, Weib!«, sagte Nestor mit einer für Lilly völlig unerwarteten Souveränität. »Wir werden dich nur dieses eine Mal aufscheuchen, denn wir benötigen Hüte, um uns gegen die Sonne zu schützen.«
»Hüte, Herr?« Die Omi starrte ihn ungläubig an.
»Ja, Hüte! Die Sonne brennt und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«
»Sieht das hier etwa wie ein Hutladen aus? Wo wollt ihr denn überhaupt hin?«, krächzte die Frau.
»Gute Frau, wir bekommen einen Sonnenstich, wenn wir uns nicht schützen. Als wir uns auf den Weg machten, war das Wetter schlecht, darum haben wir unsere Hüte vergessen. Wollt ihr uns nicht helfen?«, mischte sich Lilly ein, fest davon überzeugt, dass Freundlichkeit immer weiterhilft.
»Das Wetter war schlecht, als ihr aufgebrochen seid? Wann soll denn das gewesen sein, im Winter? Hier scheint immer die Sonne!« Die alte Frau misstraute den Wanderern.
»Wir kommen von weit her, Mütterchen! Und nun mach hin und bummle nicht, wir sind in Eile. Es soll dein Schaden nicht sein!«
Die Frau tat einen Schritt vor die Tür und brüllte so laut sie konnte: »Perikles!«, dann wandte sie sich wieder Nestor Nigglepot zu: »Es dauert nur einen Moment, Herr!«
Ihr Lächeln offenbarte zahlreiche Lücken im Gebiss.
»Peeeeerikles!«, schrie sie wieder, lächelte und brüllte dann: »Beeil dich, du fauler Sack!«
»Wer ist Perikles?«, wollte Lilly wissen.
»Mein Schwager.«, antwortete die alte Frau, ohne das Mädchen auch nur anzusehen, stattdessen lächelte sie mit schrägem Kopf, hin und wieder freundlich nickend, Nestor an – und zwar so lange bis Perikles endlich auftauchte.
Nestor betrachtete die Frau immer wieder mal beiläufig und tat was er am besten konnte: hochnäsig wirken.
Als Perikles endlich auftauchte schienen alle aufzuatmen.
»Gib dem Herrn da deinen Hut!« befahl die Alte.
»Warum?«, wollte Perikles wissen.
»Weil ich es sage. Basta!«
»Verrücktes Weib«, grummelte Perikles, gab Nestor seinen Hut und starrte die Zeitreisenden mit offenem Mund an.
»Und jetzt verzieh dich wieder oder gibt es hier was zu glotzen?«, fuhr seine Schwägerin ihn erneut an.
»Schon gut, reg dich wieder ab!« Und Perikles machte kehrt und drehte sich auf seinem Rückweg noch mehrmals gaffend zu den merkwürdigen Besuchern um.
»Einen Obolos, bitte, Herr!« sie hielt die Hand auf.
»Lilly ...«, sagte Nestor, um ihr zu bedeuten, dass sie die alte Frau bezahlen möge.
»Ja ... und was ist mit einem Hut für mich?«, war Lillys Deutung der Situation.
»Das gelbe Kind soll auch einen Hut bekommen?«, fragte die Alte völlig überrascht.
»Ja, Weib!« Nestor schlug einen Befehlston an.
»Sehr wohl, Herr!« sie verbeugte sich, spuckte Lilly vor die Füße und verschwand leise fluchend im Haus und kehrte wenig später mit einem weiteren Hut in der Hand zurück.
»Ich habe aber nur den einen! Der ist teurer als der andere.«
»Wie viel?«, fragte Lilly trocken.
»Zusammen vier Oboloi!«
Lilly wühlte in einem Geldsack und gab ihr irgendeine kleine Münze, weil sie nicht wusste, wie ein Obolos aussah.
»Habt ihr es nicht passend?«
»Stimmt so, der Rest ist für Dich!«, sagte Nestor.
»Danke, Herr! Habt vielen Dank! Mögen die Götter euren Weg beschützen!« Sie macht zahlreiche Verbeugungen.
»Sag Mütterchen, wie weit ist es noch bis Catania?«
»Ach, ihr seid jung! Vielleicht drei oder vier Stunden, ihr werdet schnell da sein!« Dann bedankte sie sich wieder wortreich und verbeugte sich, bis sie außer Sichtweite waren.
»Ich glaube, die mochte mich nicht«, sagte Lilly, als sie ihren müffelnden Hut aufsetzte.
»Sie hat Angst vor dir«, erklärte Nestor.
Auf ihrem Weg durchs Dorf tauchten jetzt verstohlen blickende Augen in verschiedenen Fenstern auf, die betrachteten, was sich dort abgespielt hatte.
»Wir sind in einem Dorf im Jahr 388 v. Chr., die Menschen hier haben Angst vor Sachen, die sie nicht kennen. Und kleine gelbe Mädchen mit Schlitzaugen könnten schließlich auch Dämonen sein«, fuhr Nestor fort.
»Ich glaube, die Omi gerade war ein Dämon. So ein böses Biest!« Lilly verzog den Mund und Nestor musste lachen.
Die Gegend wurde immer urbarer. Getreidefelder tauchten auf, Hirten saßen dösend im Olivenschatten und ab und zu ergänzten Weinfelder die Landschaft. Sie erreichten eine Straße, der sie weiter folgten. Hin und wieder überholte sie ein Reiter. Die wenigen Eselskarren waren langsamer als Nestor und Lilly. Ansonsten war wenig Betriebsamkeit zu spüren, bis es langsam dunkel wurde und sich am Horizont das glitzernde Mittelmeer und Häuser einer Stadt mit beleuchteten Fenstern zeigten.
»Wir müssen uns eine Herberge suchen. Ich bin müde!«, sagte Nestor.
»Ich auch.« Lillys Feuereifer zu Beginn der Wanderung war inzwischen verflogen.
XI
Catania
Lilly hatte sich eine Stadt vor 2.500 Jahren ganz anders vorgestellt. Sie kannte Hongkong aus dem Jahr 1921 und London im 21. Jahrhundert. Beides waren riesige Städte, die eigentlich nie schliefen und auch nachts an den meisten Stellen so hell waren, das man sich schnell und sicher bewegen konnte.
Catania unterschied sich davon deutlich. Die Straßen verliefen ungeordnet, nur wichtige waren gepflastert und eine Straßenbeleuchtung fehlte völlig. Kaum ein Mensch lief ihnen über den Weg und in den meisten Häusern, die sie passierten, herrschte völlige Stille. Das wenige Licht, das die Straßen erhellte, kam von Häusern deren Bewohner sich noch nicht zur Ruhe begeben hatten, obwohl es noch gar nicht lange dunkel war. Am Hafen herrschte etwas mehr Betriebsamkeit und hier und da erleuchten Feuerkörbe und Fackeln die Kais. Dort fanden sie ein Haus, aus dem erstaunlich viel Lärm drang: eine Taverne.
Nestor betrat als erster den Schankraum, der nicht durch eine Tür verschlossen wurde, und Lilly folgte ihm so dicht wie möglich, denn dieser Ort war alles andere als beruhigend.
Er ging auf die Theke zu, die erheblich niedriger als heutige war, und an der auch keine Menschen saßen. Die Gäste drängten sich an Tischen und Bänken, die eng gestellt die Taverne füllten. Der Wirt sah zu ihm auf, als er gerade viele Tonbecher mit rotem Wein füllte.
»Seid gegrüßt, Herr! Was hat euch in mein ehrenwertes Haus geführt?«, fragte der Mann hinter der Theke gespielt freundlich.
»Der Wunsch nach einem Nachtmahl und Unterkunft für mich und meine Dienerin, Wirt!«
»Ihr habt Glück, Herr, dass die Götter eure Füße zu mir geführt haben. Wie es der Zufall will, habe ich noch ein letztes Zimmer frei – und es ist sogar das Beste in meiner Herberge. Habt ihr noch mehr Gesinde, so bringt sie nur herein. Im Hof ist Platz genug.«
»Ich schlafe unter keinen Umständen im Hof!«, protestierte das Mädchen aus China.
»Habt ihr eurer Dienerin zu viel Wein gegeben, Herr?«, stutze der Wirt.
»Wie ist dein Name, Wirt?«, wollte Nestor wissen.
»Lakis, stets euer Diener!«
»Hör zu Lakis! Diese Dienerin stammt direkt von den fernen Völkern am östlichen Meer. Kannst du dir vorstellen, wie wertvoll und selten sie ist?«
»Nein, gewiss nicht, Herr, verzeiht Herr!«, entschuldigte sich Lakis ölig.
»Ich wünsche für sie ein Extrazimmer, und zwar direkt neben meinem. Verstanden?«
»Oh, ich fürchte, das wird nicht ganz so einfach werden. Da müsste ich ein oder zwei Gäste umquartieren. Eine sehr unangenehme Geschichte, versteht ihr, Herr?«, wand sich der Wirt und es war sonnenklar, dass Lakis einfach nur mehr Geld herausschinden wollte.
»Egal! Bring’ uns vorher etwas zu Essen und zu trinken. Danach kümmere dich um die Zimmer!«, befahl Nestor.
»Selbstverständlich, Herr! Nehmt Platz, dort bei den Matrosen ist noch etwas frei.« Lakis zeigte auf einen nicht ganz besetzten Tisch.
Lilly und Nestor schauten sich an und gingen dann zum Tisch. Die Matrosen schauten verwundert auf, als sie den Mann und das Mädchen neben sich sahen und rückten nur widerwillig zusammen und ihr Gespräch wurde auffällig leiser. Scheinbar waren sie so feine Gesellschaft nicht gewohnt.
»Seid gegrüßt, Männer!«, sagte Nestor knapp, nahm Platz und bedeutete Lilly sich ebenfalls zu setzen.
Das Mädchen setzte sich wortlos hin und betrachtete das Gasthaus und seine Gäste. Die Seemänner an ihrem Tisch nahmen nur kurz Notiz von den beiden und erreichten bald wieder ihre ursprüngliche Lautstärke. Überhaupt war es sehr laut. Niemand schien auf die anderen zu achten. Hier wurde über einen schlechten Herrn gelästert, dort über einen schlechten Sklaven. Die Einen beschwerten sich der Wein wäre zu teuer, die Anderen klagten das Getreide wäre zu billig. Niemand war zufrieden und durch die immer wieder gefüllten Weinbecher beharrte jeder immer deutlicher auf seinem Standpunkt. Es wurde laut gestritten, aber auch laut gelacht.
Nur die Männer, die mit jungen Damen in irgendwelchen Ecken schmusten, waren eher leise. Der Schankraum war erstaunlich groß, ungefähr zwanzig mal zwanzig Schritt, und neben dem Schanktresen führte eine hölzerne Treppe in das obere Stockwerk. Auf jedem Tisch standen einige Öllampen und in der Nähe des Eingangs flackerte eine Fackel, wohl damit der Wirt besser sehen konnte, wer die Kneipe betrat.
»Hätte es bessere Zeitalter gegeben, in die wir hätten reisen können?«, fragte Lilly ihr Gegenüber so leise wie möglich.
»Oh, ja!« Nestor schob die Unterlippe vor und nickte.
»Du warst bestimmt schon oft in dieser Epoche, oder?«
»Wie hätte ich denn sonst an die Münzen herankommen sollen, Lilly?«
Eine junge Frau brachte einen Krug Wein, der mit Wasser gemischt war, zwei Becher, Fladenbrot, Oliven und kaltes Fleisch an ihren Tisch, sagte dabei aber keinen Ton.
Nestor bediente sich reichlich und auch Lilly hatte großen Hunger. Beim Trinken hielt sie sich allerdings zurück. Ihr Wissen um die Kung-Fu-Lehren gestatteten es ihr nicht, Wein zu trinken. Das Fladenbrot war erstaunlich lecker und auch die Oliven waren von einer Qualität, die das Mädchen nicht erwartet hatte. Das kalte Fleisch war fad, aber immerhin nicht zäh.
»Hier trachtet auch jeder nur nach seinem Vorteil, oder?«, wollte Lilly wissen.
»Allerdimf!« Nestor hatte den Mund voll und brauchte eine Weile, bis er richtig antworten konnte: »Das ist zu fast allen Zeiten so. Darum habe ich auch kein Problem damit, auf meinen Vorteil zu achten.« Er warf sich genüsslich eine Olive in den Mund und spülte mit reichlich Wein nach.
Die Matrosen stimmten plötzlich ein Lied an und sangen so laut, dass eine weitere Unterhaltung völlig unmöglich war. Mehr und mehr Gäste stimmten in den Refrain ein, der mehrmals wiederholt wurde, dann lachten alle und beschäftigten sich wieder mit ihren Gesprächspartnern.
»Aber ihren Spaß scheinen sie zu haben«, stellte die Chinesin erfreut fest.
»Auch das war zu fast allen Zeiten so!«
Plötzlich stand der Wirt an ihrem Tisch und sagte, dass die Zimmer bereit wären und sobald sie wollten, bezogen werden könnten. Die beiden einigten sich darauf, erst aufzuessen und dann zu Bett zu gehen.
Sie folgten dem Wirt die Treppe hinauf, der in ihren Zimmern Öllampen entzündete und eine Gute Nacht wünschte. Lilly und Nestor einigten sich darauf, dass wer als erstes wach würde, den anderen wecken solle. Daraufhin wünschten auch sie sich eine Gute Nacht und verriegelten von innen ihre Zimmertüren mit einfachen Holzbalken, die aber einen sicheren Schutz vor Eindringlingen boten.
Das Mädchen war viel zu müde, um sich lange über den Lärm, das harte Lager und die Decke zu ärgern, die nach altem, staubigen Schweiß roch. Auch Nestor Nigglepot legte sich sofort hin, allerdings hatte er an dem Atalandor vorsichtshalber noch die Alarmanlagenfunktion aktiviert und löschte das Licht.
»Heyhoo!«, brüllte ein Mann in aller Frühe direkt vor der Herberge und brachte mit lautem Gerappel ein Pferdefuhrwerk zum stehen, was Lilly und Nestor aus ihrem Schlaf hochschrecken ließ. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass die Sonne gerade erst aufgegangen war.
Sie wusch sich, zog sich an, nahm ihr Gepäck und wollte Nestor wecken, der zur gleichen Zeit aus seinem Zimmer trat.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du so früh aufstehen kannst, Nestor von Korfu!«
»Keine Frechheiten um diese Zeit. Ich bin das Paradebeispiel für einen Morgenmuffel!«
»Schlecht geschlafen?«, grinste Lilly ihn an.
»Zu kurz!«
Während das Mädchen voller Energie war, schien Nestor wenig belebt zu sein.
»Was ist los? Du musst doch genauso lang geschlafen haben wie ich«, stellte Lilly fest.
»Ja, aber du hast auch erheblich weniger billigen Wein getrunken als ich«, grunzte er.
»Und jetzt weißt du auch warum«, kam es altklug zurück.
»Ich werde es beherzigen«, raunzte Nestor zurück und schob noch ein »Pffff!« hinterher.
Lilly ging munter die Treppenstufen herab und Nestor folgte ihr mit vorsichtigen Schritten. Im Gastraum saßen der Wirt und zwei Gäste. Viel musste er nicht umquartieren.
»Ich hoffe, ihr habt wohl geruht, Herr!«, rief ihm Lakis schroff entgegen.
»Mhmm«, nickte der Herr.
»Du solltest mal die Decken waschen, Lakis! Die müffeln nämlich nach alten Socken!«, stellte Lilly fest.
»Socken?«, der Wirt sah das Mädchen ratlos an.
»Ja, Socken. Kennst du keine Socken?«
Nestor stupste Lilly unauffällig an und flüsterte: »Er kennt keine Socken.«
»Na ... wasch sie halt. Die Dinger stinken!«
»Wenn die edle Sklavin es wünscht ...« Der Wirt war beleidigt, denn er war es nicht gewöhnt, dass sich Sklaven, insbesondere so junge, bei ihm beschwerten.
»Sie hat recht! Und wenn du sie waschen lässt, bleiben wir noch eine Nacht länger in deiner Herberge«, sagte Nestor.
»Natürlich, Herr, sehr gerne Herr!«, biederte Lakis sich an. »Das Frühstück findet ihr dort.« Er zeigte auf einen Tisch, auf dem Früchte, Fladenbrot und Erbsenbrei standen.
Lilly wunderte sich: »Du willst noch eine Nacht hier bleiben? Muss das sein?«
»Selbstverständlich, Lilly! Oder glaubst du, wir könnten heute alles erledigen, was wir zu tun haben?«
Das Mädchen schnupperte an dem Tonkrug und runzelte die Nase: »Da ist ja schon wieder Wein drin!«
»Aber viel zu wenig!«, brüllte einer der beiden anderen Gäste, schüttelte sich vor lachen und trank einen großen Schluck aus seinem Becher.
»Gibt’s auch normales Wasser?«, wollte Nestor wissen.
»Wasser? Ja, natürlich, aber wer will denn schon normales Wasser zum Frühstück trinken?«
»Wir!«, sagte Lilly fest.
»Sehr wohl!« Der Wirt und das Mädchen würden keine guten Freunde werden, soviel stand fest.
Die Zeitreisenden nahmen sich ihr Frühstück und setzten sich, ein Stück weit von allen anderen weg, an einen Tisch und beratschlagten den kommenden Tag.
»Wir müssen einen guten und ehrlichen Sklavenhändler finden«, sagte Nestor.
»Wieso ehrlich? Was kann denn daran ehrlich sein, Sklaven zu verkaufen? Das scheint mir das Unwürdigste zu sein, was ein Mensch überhaupt machen kann.
»Ja, aber auch da gibt es Unterschiede. Das ist wie bei den Autohändlern in unserer Heimatzeit.«
»Aha! Und was schwebt dir vor? Etwas Praktisches oder eher etwas Sportliches ... Nestor von Korfu, du bist widerlich!«
»Das kommt natürlich auf die Angebote an.« Er ging gar nicht weiter auf Lilly ein. »Vielleicht bekommen wir ja sogar Rabatt, wenn wir alle vier bei einem Händler kaufen.«
Lilly schüttelte den Kopf und begann mit ihrem Frühstück. Obwohl sie erst eine Nacht von Seldom House weg war, fehlte ihr das typische Frühstück schon jetzt. Sie vermisste ihre Nudelsuppe und Rául. Den Gedanken, was der Butler wohl jetzt gerade machte, verwarf sie wieder, denn der stand ja neben der Zeitmaschine.
Nestor aß nur wenig, ihm stand der Sinn mehr nach Wasser, das er becherweise zu sich nahm.
»Sag, Lakis, wo finden wir den größten Sklavenhändler der Stadt?«, wollte er vom Wirt wissen.
»Wollt ihr euer Prinzesschen veräußern?«
»Mal sehen ... wenn er mir einen guten Preis macht?«
Lilly sah Nestor entrüstet an.
»Versucht euer Glück bei Metros, der kauft und verkauft alles was zwei Beine hat. Ihr findet ihn direkt neben dem Apollon-Tempel am Hafen. Wenn ihr dort seid, bestellt einen Gruß von mir: Die Matrone für die Küche kann er wieder haben. Die taugt nichts.«
»Wir werden für dich keine Botengänge machen!«, giftete Lilly den Wirt an, denn es störte sie zutiefst, wie er über Menschen sprach.
»An eurer Stelle würde ich jedes Angebot für die Kleine akzeptieren. Wenn man die hier erstmal kennt, fällt ihr Preis ins Bodenlose!«
»Danke für den Hinweis, Lakis. Und wo finde ich den billigsten Sklavenhändler der Stadt?«, sprang Nestor in die sich anbahnende Diskussion zwischen Lilly und dem Wirt.
»Ihr wollt euer Glück doch nicht etwa bei Lefteris versuchen? Der kauft seine Ware auch immer bei Metros. Er nimmt alle seine Ladenhüter. Den Weg könnt ihr euch sparen, Herr.«
»Wo finden wir diesen Lefteris?«, wollte Lilly wissen.
»Gar nicht weit von hier, die zweite Gasse links und dann einmal rechts«, antwortete Lakis kopfschüttelnd und wandte sich dann wieder Nestor zu: »Herr, ich kann euch verstehen!«
»Ich werde mich überraschen lassen. Danke, Lakis«, sagte Nigglepot, stand auf und sagte zu Lilly: »Komm, wir gehen bummeln!«
Der Wirt sah den beiden zu, wie sie die Gaststube verließen und sagte dann zu einem anderen Gast: »Die Kleine erinnert mich an meine Schwägerin oben im Dorf am Ätna.«
Währenddessen baute sich das Mädchen auf der Straße vor Nigglepot auf und stemmte die Fäuste in die Hüften: »Wenn du mich verkaufst, kannst du was erleben, Nestor von Korfu! Dann kannst du was erleben!«
»Beruhig dich! Lakis hat doch recht, für dich bekomme ich sowieso keinen guten Preis.«
Lilly trat Nestor wuchtig gegen sein linkes Schienbein, aber weil Nestor so lachen musste, tat ihm das viel weniger weh, als sie gehofft hatte.
XII
Chief Inspector Fazzoletti
Miranda Simmons hatte, wie jeden Morgen die Aufgabe, wichtige von unwichtigen E-Mails zu trennen und ihrem Vorgesetzten vorzulegen. Eine undankbare Aufgabe, denn der Chief Inspector hatte eine höchst eigene Auffassung davon, was wichtig war und was nicht.
Wenn es um Werbung für Fußballwetten ging, so war die Kategorie wichtig problemlos zu erkennen. Lautete der Inhalt aber eher so: »Meine Kühe sind schon wieder von Außerirdischen entführt worden«, war es zwar der Fachbereich des Chief Inspectors, aber eigentlich unwichtig.
Sie machte Tee, während der Tintenstrahldrucker am Ende doch alle E-Mails zu Papier bringen musste. Chief Inspector Fazzoletti war vermutlich der einzige Beamte in ganz England, der sich mit Computern nur dann beschäftigen konnte, wenn sie ausschließlich seiner Unterhaltung dienten, also Wetten, Spiele und Fotos hübscher Damen.
»Ihr Krawatte hat einen Fleck, Chief«, sagte sie, als Fazzoletti das Büro betrat. »Genau wie gestern.«
»Aber im Gegensatz zu Ihnen, stehen mir auch ungewöhnliche Muster«, war die ranzige Antwort ihres Vorgesetzten. Er fuhr fort: »Irgendetwas Wichtiges heute Morgen?«
»Der Drucker ist noch nicht fertig!«
»Herrgott nochmal, wann werden diese Dinger endlich mal schneller«, freute er sich. Waren die Computer langsam, konnte er sich aufspielen.
»Ich bringe ihnen die E-Mails, wenn der Tee fertig ist.«
»In Ordnung, Miranda!«, er ging in sein Büro, hängte seinen Schal an den oberen und seinen Mantel an den unteren Haken neben der Glastür, die er lustlos zuschnappen ließ.
Dann drehte er die Tür-Jalousie ein Stück zu und ging zum Fenster. Mit den Händen hinter dem Rücken dachte er: »London! Die größte Stadt des Landes ... nirgendwo leben mehr Menschen in Europa auf einem Haufen als hier. Und alle sind Idioten!«
Er fläzte sich in seinen Sessel und wackelte an seiner Maus, aber der Computer regte sich nicht.
»Miranda!«, brüllte er durch die geschlossene Tür ins Vorzimmer. »Das Drecksding tut’s schon wieder nicht!«
Miss Simmons drückte eine Taste auf der Sprechanlage und die Antwort summte aus dem Lautsprecher auf Fazzolettis Schreibtisch: »Sie müssen den PC an dem großen runden Knopf auf dem Gehäuse einschalten ... wie immer. Sie vergessen ihn abends auszumachen, was ich dann für sie mache, und morgens vergessen sie ihn anzumachen.«
»Ist der Tee endlich fertig?«, antwortete Fazzoletti, diesmal ebenfalls in die Sprechanlage, jedoch drückte er die Taste für allgemeine Durchsagen.
»In einer Minute, Chief!«
Chief Inspector Fazzoletti liebte es, wenn seine Untergebene Chief zu ihm sagte. Es war der glasklare Beweis, dass er es zu etwas gebracht hatte: Karriere bei der London Metropolitan Police. Sein Onkel wäre stolz auf ihn gewesen, denn die Fazzolettis waren eine Familie, die seit Jahrhunderten ihre Besten in den Staatsdienst schickte, und so die Fackel der Gerechtigkeit von Generation zu Generation weiter gaben.
»Mit einem Fazzoletti bei der Polizei wird dieses Land immer die einzige Großmacht des Planeten bleiben«, hatte Onkel Fuzzy ihm in ein Sherlock-Holmes-Taschenbuch zu seinem achten Geburtstag gewidmet.
»Schöner Blödsinn, Onkel Fuzzy!«, sagte Fazzoletti zu sich selbst und betrachtete das Foto seines Verwandten, das rechts neben der Gegensprechanlage auf seinem Schreibtisch stand. Seine Kollegen hatten Fotos von Frau und Kindern, Hunde oder anderen rührseligen Quatsch eingerahmt um sich aufgebaut. Ein Chief Inspector wie er hatte nur seine Karriere im Blick, und das bedeutete möglichst wenig Aufwand bei bestmöglicher Bezahlung. Und seine Spezialeinheit war ein sicherer Hafen für alle, die ihn auf diesem Weg begleiten wollten.
Miranda öffnete unbeholfen mit dem Ellenbogen die Bürotür, in der einen Hand ein kleines Tablett mit Tee, Zucker und Sahne, in der anderen Hand alle ausgedruckten E-Mails, die ihrer gestapelten Ordnung bald zu entweichen schienen. Sie schloss die Tür mit dem linken Fuß und beeilte sich den Schreibtisch ihres Chefs zu erreichen, bevor es ein Malheur gab. In letzter Sekunde schaffte sie es, das Tablett sicher abzustellen. Der Stapel E-Mail-Ausdrucke verlor jedoch seinen Halt und fächerte sich fallend über Tisch und Boden aus, wobei er Onkel Fuzzy mit in die Tiefe riss. Der billige Glasrahmen aus dem Baumarkt wehrte sich kaum und zersprang in unzählige, kleine Splitter.
»Oh ... das tut mir jetzt wirklich Leid, Chief!«
»Das will ich ja wohl hoffen!«
»Aber, wenn sie mir geholfen hätten, wäre das bestimmt nicht passiert«, versuchte Miranda sich zu rechtfertigen.
»Geben sie mir jetzt die Schuld für dieses Desaster?«
Konnte es etwas Schöneres für Chief Inspector Fazzoletti geben? Wer am frühen Morgen aus heiterem Himmel auf anderen Menschen herumhacken durfte und auch noch dafür bezahlt wurde, hatte seiner Meinung nach das ganz große Los gezogen.
Er ging um den Tisch herum, aber nicht um Miranda zu helfen, sondern hob vorsichtig das von Scherben bedeckte Foto seines Onkels auf und schüttelte den Glasbruch darauf achtlos auf den Teppichboden.
»Dieser Mann, Miranda, hat sein ganzes Leben lang dafür gesorgt, dass unbescholtenen Bürgern – wie ihnen – Tag für Tag zu ihrem Recht verholfen wurde. Und sie zerstören mit ihrer trampeligen Art dieses Andenken an viele Jahrzehnte britischer Polizeigeschichte?«
Der Frau wurde übel. Ihr wurde immer übel, wenn der Chief Geschichten seiner sagenumwobenen Polizistenfamilie zum Besten gab. Erstens, weil sie vermutlich alle kannte, und zweitens, weil sie immer gleich endeten. Sie wäre ein dummes Ding und er das leuchtende Beispiel für Tapferkeit, Einsatzbereitschaft, Leistungsfähigkeit, Spürsinn und Ermittlungserfolg.
»Mein Onkel begann seinen Dienst in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in unserer Kolonie Hongkong, um viele Jahre lang erfolgreich die britische Kultur in Ostasien aufrecht zu erhalten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er hier im Mutterland gebraucht und hat entscheidend mitgeholfen England zu dem zu machen, was es heute ist. Ich folgte seinem Beispiel 1979, habe ebenfalls den Ruf der Gerechtigkeit nicht überhört und das tu ich noch heute!« Fazzoletti holte Luft. »Und sie, frage ich, was machen Sie?«
»Ich hol’ mal einen Staubsauger. Oder soll ich erst der Spurensicherung Bescheid geben?«
»Holen sie schon das verdammte Ding, zum Henker!«
Er nahm wieder Platz und sah sich Onkel Fuzzy genauer an. Die meisten Fazzolettis hatten seit vielen Generationen den Spitznamen Fuzzy getragen. Der Chief Inspector war da keine Ausnahme. Schon am ersten Tag an der Polizeischule wussten alle, dass er einfach nur Fuzzy war.
Die Nachforschungen irgendeines Fazzolettis hatten ergeben, dass seine Familie erst vor ungefähr 400 Jahren nach England gekommen war. Die Wurzeln seiner Ahnen lagen irgendwo in Italien. Dort war der Winter mild und die Mafia allgegenwärtig. Hier war es genau umgekehrt. Aber mit der Mafia hatte er sowieso nichts am Hut – zu viel Arbeit für seinen Geschmack. Er hatte das unverschämte Glück, dasselbe Ressort übernehmen zu können wie sein Onkel: das Kommissariat für übernatürliche Phänomene.
Und er hatte es genau wie sein Vorfahr mit Taugenichtsen zu tun, die anderen nur die Zeit stahlen und auch sonst nur Brei im Kopf hatten. Aber Fazzoletti war die Instanz, die diesen Menschen zeigte, wie die Realität wirklich war: hart und unbarmherzig.
Miranda kam herein und saugte die kleinen Scherben auf, die sich geweigert hatten, aufgehoben zu werden. Das Geräusch schien Fazzoletti empfindlich zu stören. Als sie fertig war, fragte sie ihren Chef: »Sagen sie mal, hatte ihr Onkel eigentlich keine Kinder an die er die Tradition hätte weitergeben können?«
»Für einsame Wölfe ist das Rudel nur Ballast, der durchgefüttert werden muss!« Dann musste Fazzoletti dreimal schrecklich niesen und rotze sich die Nase in ein gebrauchtes Taschentuch, das er zusammengeknüllt in seiner Hosentasche fand.
Miranda nickte. Welche Frau hätte es auch mit solchen Männern ausgehalten.
»Und sie brauchen sich bei mir da auch keine Hoffnungen zu machen, Miranda!«
Sie antwortete nicht, weil ihr eine wirklich passende Antwort darauf sowieso erst morgen eingefallen wäre. Und Männer auf dem Weg durch ihr persönliches Universum soll man nicht vom Kurs abbringen.
»Chief, sie müssen endlich auf die E-Mails von diesem Grafula antworten. Seit Montag werde ich mit Nachrichten von ihm bombardiert und er droht schon, sich an ihren Vorgesetzten zu wenden.«
»Ups! Und da ist ihnen keine gescheite Ausrede eingefallen? Miranda, wofür machen sie eigentlich die ganzen Kreuzworträtsel?«, sagte Fazzoletti.
»Sudoku. Ich mache Zahlenrätsel und mir ist egal wem ich morgens den Tee mache, Chief Inspector!«
»Was schreibt denn dieser nervige Grafula?«
»Sie haben ihre E-Mails also mal wieder nicht gelesen?«, fragte Miranda zurück.
»Nur kurz überflogen«, log ihr Vorgesetzter.
»Er schreibt, dass sich vermutlich eine Art Zeitreisender hier in England aufhält, der wiederholt Schätze von unwiederbringlichem Wert an sich gebracht haben soll.«
»Wie kommt er denn da drauf?«
»Er hat, laut seiner E-Mails, wohl ein asiatisches Mädchen in London gesehen.«
»Das ist ja sensationell, Miranda!« Der Chief Inspector verdrehte die Augen. »Jedes Jahr besuchen 27 Millionen Touristen die Stadt. Die meisten sind Amerikaner, Japaner und Chinesen. Und von den Amerikaner sehen auch nochmal zwanzig Prozent aus wie Asiaten. Der Kerl kann mir gestohlen bleiben! Sagen sie ihm das! Und jetzt besorgen sie mir bitte einen neuen Bilderrahmen. Haben wir uns verstanden?«
»Wie sie meinen, Chief«, sagte Miranda und zockelte mit dem Staubsauger aus Fazzolettis Büro.
Im Vorzimmer begrüßte sie Superintendent Philander mit warmen Worten: »Guten Morgen, meine Liebe! Alles in bester Ordnung bei ihnen? Bestimmt. Sagen sie, machen sie immer noch diesen wunderbaren Tee? Ich vermisse ihn jeden Morgen.«
»Aber Sir, das sagen sie doch bestimmt zu allen ihren ehemaligen Sekretärinnen, oder?« Miranda lächelte ihn an.
»Aber Amanda, wo denken sie hin ...«, antwortete der Vorgesetzte von Fazzoletti und fuhr fort: »Sagen sie, was macht Fuzzy? Arbeitet er heute oder ist er nur da? Ich würde mich gerne kurz mit ihm unterhalten, zusammen mit unserem erstaunlichen Gast hier!«
Miss Miranda hatte den anderen Herrn noch gar nicht wahrgenommen, aber scheinbar stand dieser Mann schon genauso lang in ihrem Büro wie Philander. Er war klein, schlank und blass, geradezu leichenblass.
»Verzeihung, Sir! Guten Morgen, Sir!«, wandte sie sich an Grafula und dann wieder zu dem Superintendent: »Oh, der Chief Inspector ist in seinem Büro und ich denke, er ist auch zu sprechen.«
»Na, dann kommen sie nur, Grafula! Wir beißen nicht!«, sagte Philander und freute sich über seine witzige Bemerkung.
»Ausgesprochen beruhigend ...«, entgegnete der Halbvampir gelangweilt.
Die beiden betraten ohne anzuklopfen das Büro des Chief Inspectors, der völlig in aktuelle Fußballwettquoten im Internet versunken war.
»Morgen, Fazzoletti!«, dröhnte Philander ohne Vorankündigung. Er hätte dem Chief auch in den Rücken schießen können, der Schock wäre der gleiche gewesen.
»Superintendent ...«, jappste der Untergebene.
»Was recherchieren sie denn da Hübsches?«
»Ähm, äh ... Kornkreise, Sir!«
»Kornkreise?«, hakte sein Chef nach.
»Ja, ähm, diese mysteriösen Dinger, diese runden Dinger ... in Kornfeldern ... Kornkreise, Sir.«
»Und?«
»Was und?« Fazzoletti bekam noch immer schlecht Luft und war noch nicht komplett in den Dem-Erzähl-Ich-Was-IchWill-Modus gewechselt.
»Irgendwelche Fortschritte?«
»Fortschritte? Ähm, ja ... nein. Nein, eigentlich nein. Sie sind nach wie vor rund.« Er hatte seine Fassung wiedererlangt. »Bisher haben wir noch keine eckigen Kornkreise entdeckt, Superintendent!«
»Sehr schön! Aber ich fürchte, diesen Fall müssen sie eine Weile zu den Akten legen.« Philander sah zu Grafula hinüber und tätschelte dessen rechte Schulter: »Dieser Mann hier möchte uns helfen, dem vermutlich gewieftesten Verbrecher aller Zeiten auf die Spur zu kommen.«
Der Halbvampir ging auf den Chief Inspector zu und reichte ihm die Hand. »Grafula ... einfach nur Grafula!«
»Fazzoletti. Chief Inspector Fazzoletti«, stammelte der Chief zurück.
Grafula sah das Bild von Onkel Fuzzy, nahm es ungefragt in die Hand und betrachtete es sorgsam. »Ihr Vater?«
»Nein, Sir ... mein Onkel.«
»Er scheint ihnen ähnlich zu sein, Fazzoletti«, sagte der Halbvampir.
»Vielen Dank! Er war ein fleißiger Polizist, der seine Aufgaben stets gewissenhaft erledigt hat«, antwortete Fazzoletti.
»Davon bin ich überzeugt.«
Der Superintendent nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz und ergriff das Wort: »Fazzoletti, unser Freund hier hat sich direkt an mich gewandt, weil sie scheinbar andere Aufgaben für wichtiger hielten, als mit ihm in Kontakt zu treten.«
»Nun ja, diese Kornkreise ...«
»Schon gut, wir machen ja alle nur unsere Arbeit. Ich denke aber, nein besser noch: ich spüre, wir haben hier einen Fall, der keinen weiteren Aufschub duldet.«
»Sicher, Sir, wenn sie meinen ...« Der Chief Inspector hasste es, wenn sein Vorgesetzter irgendetwas spürte.
»Grafula, ich denke sie sollten ihre Ausführungen, die sie mir vorhin mitteilten, für den Chief wiederholen.«
»Gerne.« Grafula ging zum Fenster und schaute hinaus. »Irgendwo in diesem Land befindet sich ein Mann, der es seit Jahrhunderten, ja sogar seit Tausenden von Jahren verstanden hat, die gesamte menschliche Gesellschaft zu betrügen, zu bestehlen und für seinen eigenen Vorteil zu hintergehen.«
»Abgesehen von ihrer Zeitangabe trifft das hier in London ja wohl auf jeden normalen Banker zu«, warf Fazzoletti ein.
»Sie verstehen nicht.« Der Halbvampir sah den Chief Inspector mitleidig an. »Nestor Nigglepot hat sie vermutlich um eine wesentlich glücklichere Vergangenheit betrogen!«
Fazzoletti dachte an die Jahre in diesem Büro. »Das wage ich aber zu bezweifeln.«
»Unfug! Sie können das überhaupt nicht beurteilen! Ich habe seit ebenso vielen Jahren versucht, diesen Mann zu finden und ihn der Justiz zu überstellen!«
»Wie wollen sie denn das bewerkstelligt haben?«
»Ich bin unsterblich!«
»Sie müssen ihn mal ihren Puls fühlen lassen«, warf der Superintendent ein.
»Puls fühlen?«, fragte Fazzoletti.
Grafula reichte dem Chief seinen linken Unterarm und zog mit der rechten Hand die Manschette zurück. Fazzoletti suchte vergeblich den Pulsschlag, stand auf und wühlte in Grafulas Kragen nach den Halsschlagadern. Nichts! Kein Puls.
»Das ist unmöglich!« Zum ersten Mal in seiner Karriere hatte es der Chief Inspector wirklich mit einem übernatürlichen Phänomen zu tun.
»Sagen wir lieber, ausgesprochen selten«, sagte Grafula und erläuterte seine Geschichte, während Fazzoletti mit offenem Mund da saß und sich wünschte irgendwer hätte seine Vergangenheit beeinflusst und er müsste jetzt nicht in diesem Büro sitzen.
»Sie können sich wirklich in eine Fledermaus verwandeln?«, gruselte es den Chief Inspector.
»Ja, Grafula, das müssen sie machen. Das ist einfach großartig, Fazzoletti. Schauen Sie!«, mischte sich der Superintendent wieder ein.
»Muss ich?« Der Halbvampir klang gequält.
»Aber ja doch! Das ist noch besser als das mit dem Puls. Na, los!« Philander ließ nicht locker.
Grafula holte tief und lang Luft, aber das hatte noch nichts mit der Verwandlung zu tun, sondern sollte nur seiner Unlust Ausdruck geben. Dann verkrümmte er sich, gab sehr merkwürdige Geräusche von sich, zuckte mehrfach und wurde dabei immer kleiner, bis er in seiner Kleidung verschwand. Ein paar Sekunden später krabbelte eine Albino-Fledermaus aus einem der Jackenärmel und machte ein paar verzweifelte Versuche, die eher an rhythmisches Hopsen als an Fliegen erinnerten.
»Und?«, fragte der Superintendent seinen Untergebenen begeistert. »Ist das nicht der Hammer?«
Fazzoletti hätte bestimmt etwas gesagt, aber er war schon seit dem Verschwinden von Grafula in der Kleidung ohnmächtig.
XIII
Vier
»Guten Morgen, mein Herr«, begrüßte der Sklavenhändler seine Kundschaft überschwänglich. Er war ein rundlicher Mann mit dunklen krausen Haaren, einem kurzen Vollbart und sehr kurzen Beinen. »Ich kenne euch zwar nicht, aber nennt mir eure Wünsche und ich werde sie erfüllen. So wahr ich Metros heiße!«
»Man nennt mich Nestor von Korfu! Seid gegrüßt, werter Metros«, sagte Nigglepot sehr freundlich zu dem Händler, der wiederum Lilly betrachtete.
»Ihr sucht etwas Exotisches?«
»Was habt ihr im Angebot, Metros?«, fragte Nestor.
»Nubier. Feinste Qualität, anspruchslos, fleißig und schweigsam ... allererste Wahl«, und Metros zeigte auf ein paar muskulöse farbige Männer, die sich wie auf Kommando hinstellten.
»Was verkauft ihr denn im Moment am besten?«
»Völlig unterschiedlich, Herr Nestor. Sehen sie, die einen brauchen etwas Praktisches, die anderen suchen etwas Kräftiges. Weiber, Männer, Kinder ... kostspielig, günstig oder Sonderangebote. Jeder hat einen anderen Geschmack und unterschiedliche Aufgaben. Die einen suchen Lehrer, die anderen wollen Arbeiter. Manch einer sucht auch Gesellschaft ... aber, sprecht! Was sucht Ihr?«
»Wir suchen ...«, mischte sich Lilly ein, stockte aber.
»Ja, junge Dame?« Metros war erstaunlich freundlich zu Lilly. »Was sucht ihr denn?«
»Ich weiß eigentlich nicht recht?« Das Mädchen fühlte sich ausgesprochen unwohl in ihrer Haut und hatte nicht die kleinste Vorstellung von dem, was sie tatsächlich in diesem Geschäft suchten.
»Vielleicht möchtest du dich erstmal in Ruhe umschauen, junges Fräulein!«, schlug der Sklavenhändler vor.
»Das wird wohl das Beste sein«, sagte Lilly und ging unsicher auf die verkäuflichen Menschen zu, aber schaute sie aus Scham gar nicht richtig an. Hätte sie gewusst, wie unangenehm ihr diese Situation sein würde, wäre sie lieber allein in der Herberge geblieben.
»Na, guck sie dir ruhig mal richtig an, Kind! Fass sie an, frag sie irgendetwas, schau ihnen in die Augen und in den Mund ... wenn du Statuen suchst, bist du hier falsch!«
»Metros, ich glaube ich weiß was ich suche. Am liebsten hätte ich eine Art Familie mit vier Mitgliedern. Nicht zu alt, aber auch keinesfalls zu jung«, erklärte Nigglepot.
»Eine Familie?«, staunte Metros. »Bitte, die meisten meiner Kunden kümmern sich zwar lieber selbst darum, aber ... gut, ja! Schauen wir, was ich habe.« Der Sklavenhändler legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und überlegte.
Im Kopf ging er jeden einzelnen Sklaven durch. Die familiären Verhältnisse seiner Ware schienen bisher völlig unbedeutend gewesen zu sein.
»Versteht mich nicht falsch, Herr Metros! Ich will nur, dass sich die Sklaven gut miteinander verstehen«, versuchte der Zeitreisende das Ganze zu erklären.
»Mir sind eure Beweggründe völlig egal, mein lieber Nestor! Wenn ihr euch eine Familie wünscht, dann sollt ihr auch eine bekommen!« Der Sklavenhändler hielt inne und fuhr dann etwas zögerlich fort: »Wenn ihr allerdings wünscht, dass sie sich untereinander wirklich gut verstehen, würde ich an eurer Stelle, als allerletztes nach einer Familie suchen. Versteht ihr was ich meine?«
Es fiel Nestor nicht leicht, sich von einem Sklavenhändler Nachhilfe in Sachen zwischenmenschlicher Beziehungen geben zu lassen, aber wo Metros Recht hatte, hatte er Recht.
»Ihr habt mich überzeugt. Keine Familie. Ich möchte keine Familie.
»Habt ihr denn wenigstens eine Idee, welche Farbe sie haben sollen? Ich sehe ihr bevorzugt dieses sportliche Gelb. Wäre aber nicht ganz billig und müsste ich auch erst bestellen«, bohrte der Händler nach.
Lilly sah beleidigt zu Metros hinüber. Der nahm sie aber gar nicht wahr, sondern grübelte zu welchem Angebot Nestor nicht nein sagen konnte.
»Ach, die Farbe ist nicht so wichtig ...«, auch Nestor überlegte scharf. Er hatte in seinem Leben viel Ungewöhnliches gekauft, aber selbst für ihn war der Sklaveneinkauf Neuland.
»Dann würde ich doch ein paar gebrauchte Einstiegsmodelle empfehlen. Preiswert im Unterhalt, leicht zu handhaben ... was haltet ihr von Ägyptern?«
»Ihr führt Ägypter?«, wunderte sich die Chinesin.
»Aber sicher! Und Iberer, Karthager, Hebräer, Kelten, ein paar Germanen ... selbstverständlich auch Griechen, viele Italier. Ich verkaufe Menschen aus der ganzen Welt. Ich bin der führende Händler in Catania!«
»Die Sklaven sollen schlau sein!«, warf Lilly ein.
»Oh, schlau sind die meisten. Du meinst aber sicher gebildet?«, verbesserte der Sklavenhändler.
»Beides«, erweiterte Lilly ihren Wunsch.
»Also keine Germanen ...«
»Sie sollten Griechisch können«, ergänzte Nestor.
»Fremdsprachen liegen den Kelten nicht.«
»Und sie sollen nicht stolz oder eingebildet sein«, sagte Lilly, denn einer von Nestors Sorte reichte ihr vollkommen.
»Dann fallen auch die Iberer und Italier weg ... ihr seid wirklich anspruchsvolle Kunden.« Metros war ratlos.
»Es wird das Beste sein, wir überlegen nochmal in Ruhe und kommen dann wieder, Herr Metros«, sagte Nigglepot, bedankte sich und die beiden verließen den Verkaufsraum.
»Kommt morgen wieder, mein Herr! Wir bekommen täglich frische Ware! Nicht vergessen! Bis Morgen!«, rief der Sklavenhändler Nestor und Lilly hinterher.
Beide standen auf der Straße und sahen sich ratlos an, sie brauchten Sklaven, obwohl sie eigentlich gar keine wollten und auch nicht wussten, welche Sorte sie eigentlich suchten.
»Meinst du wir fallen wirklich auf, wenn du zu wenig Sklaven hast?«, fragte Lilly.
»Sofia irrt in diesen Dingen nicht. Und meine bisherigen Besuche bestätigen das ebenfalls«, sagte Nestor.
»Aber hast du denn vorher nie Sklaven kaufen müssen?«
»Nein. Entweder ich war allein oder Rául hat mich begleitet.«
»Und warum dann dieses Mal?« Lilly konnte das Ganze noch immer nicht recht nachvollziehen.
»Um dich zu tarnen! Sonst war ich einfach nur ein Mann auf Reisen. Jetzt habe ich dich im Gepäck. Und wenn jemanden in dieser Zeit und Gegend eine Chinesin mit sich herumschleppt, fällt man auf wie ein bunter Hund. Also muss ich jemanden spielen, der Rang und Namen hat ... und Sklaven, die diesem Rang auch entsprechen.«
»Dreck!«, ärgerte sich Lilly. Es störte sie, dass ihre Hautfarbe an diesem Schlamassel Schuld war, aber sie verstand auch, dass die Zeit hier eine andere als im 21. Jahrhundert im milden Cornwall war.
»Wir können ja mal zu diesem Lefteris gehen. Vielleicht hat der was Passendes.« Nestor klopfte Lilly auf die Schulter und sie gingen lustlos durch die Gassen von Catania, während es auf die Mittagszeit zuging.
Lefteris war ein angenehmer Zeitgenosse. Ruhig, gelassen und weniger aufdringlich als sein Kollege. Sein Laden war eigentlich gar keiner, stattdessen saßen – auf ein paar Hockern im Schatten eines Olivenbaums – er und seine Ware, unterhielten sich oder machten Würfelspiele. Zwischen ihnen streunte ein Hund, eine kleine Promenadenmischung, die die Kundschaft zur Begrüßung ankläffte.
»Entschuldigung ... ich suche Lefteris«, rief Nestor, denn es war schwierig zu erkennen, wer der Chef hier war.
»Schickt euch jemand, Herr?«, der Händler wirkte zunächst misstrauisch.
»Nein, nein! Wir möchten nur gerne ein paar Sklaven kaufen«, sagte Nigglepot verwundert.
»Wart ihr denn schon bei Metros?«, wollte Lefteris wissen.
»Ja, warum?«
»Ach nur so, ich dachte dort ist die Auswahl größer, die Preise besser und die Ware frischer ...«
Seine Ware beschwerte sich darauf hin lautstark mit Äußerungen wie: »Also bitte, ja!«, »Was heißt denn hier frischer?« oder »Ich bin ein absolutes Schnäppchen!«
Lilly gefiel der saloppe Umgangston zwischen Geschäftsleitung und Angebot. Hier würden sie fündig, das konnte sie spüren.
»Sucht ihr etwas Besonderes?«, auch Lefteris war Lilly aufgefallen.
»Nein ...«, sagte sie, besann sich dann aber eines Besseren. »Doch, wir suchen die besten Sklaven der Welt. Vier Stück um genau zu sein. Sie sollten schreiben können, treu zu ihrem Herrn stehen, lustig sein, arbeiten können, freundlich sein, streiten können, faulenzen wollen, nicht allzu alt, gesund und ehrlich sein.«
Nestor stand der Mund offen, als er Lilly bei ihren Ausführungen betrachtete. Dann schloss er ihn wieder und sagte zu Lefteris: »Habt ihr da was Passendes?«
»Hui!«, staunte der Sklavenhändler und wandte sich an seine Angebotspalette: »Fühlt sich da einer von euch angesprochen?«
»Muss man alle Punkte erfüllen?«, fragte ein Junge in Lilly Foos Alter.
»Nein, aber die meisten«, antwortete das Mädchen, nachdem sie kurz überlegt hatte.
»Hey!«, sagte ein Mann und knuffte seinen Nachbarn, »Das wär doch was für dich. Du bist ehrlich faul ...« Und alle lachten sich halb kaputt.
»Jetzt reißt euch mal zusammen«, unterbrach Lefteris irgendwann die fröhliche Runde. »Ich kann euch hier nicht alle ewig durchfüttern, ab und zu muss ich mal ein paar von euch verkaufen.«
Alle schauten betreten und nickten. Das ganze wirkte eher wie eine Genossenschaft und weniger wie ein Sklavenmarkt. Alle schienen sich bei Lefteris häuslich eingerichtet zu haben und wollten offenbar auch nicht wirklich weg. Das gefiel dem chinesischen Mädchen.
»Vielleicht sollten wir doch noch mal zu Metros gehen«, sagte Nestor und machte schon kehrt, denn das Angebot hier wirkte ihm zu aufsässig.
»Kommt gar nicht in Frage«, hielt Lilly ihn auf »Also?«
Ihr Blick richtete sich an jeden Einzelnen in der Runde und als Erstes stand der Junge auf, der gefragt hatte. Er nahm die Hand einer jungen Frau und zog sie mit sich hoch.
»Komm, Judith! Wir gehen mit den beiden.«
Als nächstes erhob sich ein gebräunter Mann um die Zwanzig und ihm folgte noch eine Frau, die in Nigglepots Alter war.
Lilly strahlte Nestor mit großen Augen an: »Kann ich die vier haben, Herr?«
Herr Nestor seufzte tief und wühlte dann nach seinem Geldbeutel »Wie viel?«
»Sagt einen guten Preis, Herr«, forderte Lefreris ihn zum Feilschen auf.
»100 Drachmen?«
»Eine Mine? Seid ihr verrückt? Sie sind das Doppelte wert. Fragt sie selbst ...«, entgegnete der Sklavenhändler.
»200 Drachmen?«, Nestor fragte erst gar nicht, weil er wusste, dass sie ihrem Verkäufer nicht wiedersprechen würden.
»Verkauft: Ich gratuliere! Ihr werdet es nicht bereuen.«
Daraufhin platzte die unverkaufte Ware wieder in schallendes Gelächter aus.
Nestor sah in Lillys Augen, zog ahnend eine Braue hoch, gab Lefteris das Geld und wollte dem Zugang seiner Reisegruppe den Abmarsch signalisieren, als Lefteris hastig sagte: »Wartet! Wartet! Ich hab’ noch eine Gratis-Zugabe für Euch!«
Lilly und Nestor wunderten sich.
Dann drückte der Sklavenhändler der Chinesin den sich ebenso wundernden und kläffenden Hund in den Arm.
»Danke«, sagte sie und freute sich.
»Arf, arf«, sagte der Hund und wusste nicht, ob er sich freuen sollte.
Nestor ließ ermattet die Schultern sinken und schlug den Weg zur Herberge ein. Sein Gefolge tat es ihm gleich.
Lefteris setzte sich wieder zu seiner Ware und begann zu würfeln. Einer sein Mitspieler schaute ihn an und sagte: »Der Hund gehörte doch gar nicht dir!«
»Na, und? Jetzt ist er ein Werbegeschenk.«
Nestor, Lilly, die Neuerwerbungen und der Hund hörten das schallende Gelächter von Lefteris Runde langsam hinter sich leiser werden, als sie den Hafen ansteuerten. Wenig später standen sie an einer Kaimauer und Nigglepot ergriff das Wort.
»So, Herrschaften ... ach nein, das bin ja ich, Entschuldigung! Nochmal ... so, Männer und Frauen!«, versuchte Nestor das Wort souverän zu ergreifen, was aber wieder gründlich misslang.
»Und Kinder!«, sagte der eben gekaufte Junge.
»Ja, genau ... und Kinder!«, pflichtete ihm Lilly bei, die sich sichtlich freute das Nestor mit der Situation überfordert war.
»Meinetwegen ... also, Männer, Frauen und Kinder! Mein Name ist Nestor von Korfu! Ich bin euer neuer Herr.«
Alle verbeugten sich, nur der Hund kläffte ihn an.
»Und das dort ist Lilly Foo! Sie ist meine Dienerin und wenn ich nicht da sein sollte, habt ihr ihr zu gehorchen. Verstanden?«
Alle außer dem Hund nickten.
»Wir befinden uns auf dem Weg nach Syrakus. Wenn ihr uns dabei unterstützt, werdet ihr ein angenehmes Leben haben – vielleicht nicht ganz so entspannt wie bei Lefteris, aber es könnte schlimmer kommen. Ich will mich nur auf euch verlassen können wie auf Lilly.« Nestor schaute jedem einzelnen lange in die Augen und alle gaben zu verstehen, dass sie auch dieses verstanden hatten. Nur der Hund ließ ein respektloses »Arf, arf!«, vernehmen.
»Wie heißt ihr und wo kommt ihr her?«, wollte Lilly wissen, während der Hund versuchte sich in Nestors Sandalen zu verbeißen.
Als Erstes ergriff der junge Mann das Wort. Er sprach mit phönizischem Akzent und war mit einer Art Shorts, einem Stoffüberwurf und Sandalen bekleidet. Seine Größe war beeindruckend und sein Kopf kahl geschoren.
»Mein Name ist Darian, ich stamme aus einem Dorf in Persien, jenseits des Flusses Jordan. Ich wurde von Phöniziern verschleppt, als ich auf der Jagd nach Bergziegen war, das ist jetzt neun Winter her.«
»Wem hast du vorher gedient?«, hakte Nestor nach.
»Ich war Ruderer auf Galeeren.«
»Wieso wurdest du verkauft?«
»Das Schiff meines früheren Herrn wurde von Piraten aufgegriffen, aber die hatten keinen Bedarf an weiteren Ruderern, also wurde ich an Metros den Sklavenhändler verkauft. Dort war ich einige Wochen, aber der Markt für Galeerensklaven ist schon seit Monaten zusammengebrochen. Er hat mich dann an Lefteris weiter verkauft.«
»Der Markt ist zusammengebrochen?«, stutzte Nestor.
»Ja, seit der Markt mit billigen Germanen geflutet wird, hat keiner mehr Interesse an hochwertigen Rudersklaven aus Persien. Eine Schande! Heute muss alles immer nur schön billig sein.«
Nestor nickte verständnisvoll. Er selbst war an dem einen oder anderen Börsencrash nicht ganz unbeteiligt gewesen. Sein Blick führte ihn zu der Frau.
»Ich bin Roxanna und wurde in Athen als unfreie Griechin geboren. Meine Eltern waren schon Sklaven und auch meine Großeltern. Über viele Jahre haben wir adeligen Familien dort gedient. Mein letzter Herr dort musste mich verkaufen, weil er sich dem verrückten Sokrates angeschlossen hatte und danach aus der Stadt fliehen musste. Anschließend habe ich noch zwei anderen Herren gedient. Mein letzter Herr verstarb und hatte keine Erben, also wurde ich an Lefteris versteigert.«
»Wie alt bist du?«, wollte Lilly wissen.
»Ungefähr vierzig Jahre.«
»Hast du Kinder?«, hakte das Mädchen nach.
»Ich habe vier Kinder. Alle wurden, wie ich in die Sklaverei geboren. Soweit ich weiß, leben sie in Athen und dienen dort verschiedenen Familien«, sagte Roxanna ruhig und schaute auf den Boden.
Lilly schluckte und wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Und ihr beiden?«, ergriff Nestor das Wort und schaute den Jungen und das junge Mädchen an.
»Ich heiße Judith und das hier ist mein Bruder Aaron, wir sind Hebräer und wurden von syrischen Sklavenhändlern mit allen anderen Kindern unseres Dorfes verschleppt, als wir die Felder bestellt haben. Wir haben bisher nur einem Phönizier gedient, der hier in Catania eine Niederlassung hat. Ich weiß nicht, warum er uns verkauft hat, aber bisher hatten wir großes Glück und wurden noch nicht von einander getrennt.«
»Wie alt seid ihr?«, fragte Lilly mit belegter Stimme.
»Ich bin fünfzehn und mein Bruder ist neun Jahre alt«, sagte Judith und ihr Bruder sah Nestor und Lilly erwartungsvoll mit großen Augen an.
»Na, dann ... wollen wir mal was Essen gehen!«, sagte Nigglepot und schlug den Weg Richtung Herberge ein.
»Wie kannst du denn so einfach sagen: Dann wollen wir mal was Essen gehen?«, flüsterte Lilly entsetzt zu Nestor. »Was die da alle erzählt haben, ist doch fürchterlich! Da kannst du doch nicht einfach nur ans Essen denken!«
»Lilly! Deine Anteilnahme ehrt dich. Dennoch, in dieser Zeit sind das zwar keine schönen, aber völlig normale Schicksale. Jeder kennt hier jemanden, dem so etwas passiert ist. Und vermutlich wird das alles noch viel schlimmer gewesen sein, als sie uns erzählt haben.« Er legte die Hände auf ihre Schultern und kniete sich zu ihr herunter, dann fuhr er flüsternd fort: »Zu deiner Zeit in Hongkong starben Menschen noch an den einfachsten Krankheiten. In unserer Heimatzeit in England gibt es Menschen, die obdachlos sind und keine Arbeit haben. Es gibt immer tausend schreiende Ungerechtigkeiten und du kannst nur Kleinigkeiten dagegen unternehmen. Damit musst du dich abfinden!«
Nestor konnte sehen, wie sich innerlicher Widerstand in Lilly rührte, ihr aber keine passenden Lösungsvorschläge oder Argumente einfielen, vermutlich weil er Recht hatte.
»Aber wenn man satt ist, sieht die Welt gleich ganz anders aus. Und deshalb gehen wir jetzt was essen. Basta!« Er ließ keinen weiteren Widerspruch in dieser Angelegenheit mehr zu.
Die Chinesin blieb stehen und ließ sich etwas zurückfallen. Die Worte von Nestor taten ihre Wirkung. Sie atmete tief durch, schnappte sich den Hund und lief den anderen hinterher.
»Wie heißt der Hund eigentlich?«, fragte sie in die Runde.
»Der hat keinen Namen«, sagte Roxanna.
»Aber jeder Hund hat doch einen Namen«, entgegnete Lilly.
»Vielleicht, da wo ihr herkommt. Aber hier hat kein Hund einen Namen. Hier heißt ein Hund einfach Hund«, erläuterte Darian.
»Ich werde ihm aber trotzdem einen Namen geben!«, Lilly war es völlig egal, dass man hier Hunden keinen Namen gab.
»Und wie soll die Töle heißen?«, fragte Nestor Nigglepot belustigt nach.
»Arf!«
XIV
Ahnen
»Der Hund muss aber draussen bleiben!«, polterte Lakis beim Anblick von Arf, den Lilly unterm Arm in den Gastraum der Herberge trug.
»Kommt überhaupt nicht in Frage«, protestierte die Chinesin genauso lautstark, denn sie hatte beschlossen, dass die Promenadenmischung ab sofort ihr Wachhund sein würde. »Der passt auf mich auf!« Sie setzte das Tier auf den Boden, und sofort kläffte Arf den Mann hinter der Theke an.
»Ach ja, stimmt ja ... wir sind ja was Besonderes«, fiel es dem Wirt mit genervtem Blick wieder ein. »Da will ich doch gleich mal nach einem Leckerchen schauen.« Und er suchte nach irgendetwas, das man gut werfen konnte.
»Ein alter Knochen würde reichen«, versuchte Nestor die Stimmung zwischen Lilly und Lakis abzukühlen.
»Pah! Der Köter kostet extra!«, sagte der Herbergsvater und schaute erst dann auf die vier anderen, die gemeinsam mit den Zeitreisenden den Gastraum betreten hatten. »Und die vier hier auch. Sollen die auch eigene Zimmer bekommen, oder wäre es ,diesmal genehm das Gesindelager zu buchen?«
»Gesindelager«, sagte Nestor.
»Eigene Zimmer«, sagte Lilly.
Nigglepot sah das Mädchen erstaunlich scharf an.
»Gesindelager ...«, gab sie kleinlaut bei, obwohl sie es nicht mochte, dass andere unter freiem Himmel im Hof bei Pferden und Eseln schlafen sollten. Aber um nicht aufzufallen, musste sie ihrem Herrn Recht geben.
»Wo habt ihr die denn her?«, fragte Lakis, als er sich die neuen Sklaven seiner Gäste genauer ansah. »Wart ihr etwa bei einer Haushaltsauflösung?«
»Quatsch nicht, Lakis! Bring’ uns Essen und Getränke. Wir haben Hunger!« Nestor schien allmählich genervt von dieser Einkaufsaktion zu sein und eine weitere stand noch aus.
Alle setzten sich an einen Tisch, drei zu jeder Seite und Arf in der Mitte – unter dem Tisch.
»Wer von euch kann denn eigentlich rechnen?«, wollte Nigglepot wissen.
»Schwierige Sachen oder mehr so das Übliche?«, hakte Darian nach.
»Was man halt zum Einkaufen so an Rechenkünsten braucht«, erklärte Nestor.
»Da kann ich helfen«, sagte Roxanna zögerlich. »Ich war bei meinen Herrschaften immer für die Einkäufe zuständig!«
»Wunderbar!« Nestor spielte den großen Organisator und fragte dann: »Wer kennt sich mit Pferden und Eseln aus? Denn wir benötigen ein Pferd für mich und einen Eselskarren.«
»Darum kann ich mich kümmern«, antwortete Darian, der Perser. »Zuhause war ich für die Pferde verantwortlich, ich verstehe viel davon.«
»Willst du doch über Land reisen?«, fragte Lilly verblüfft.
»Nein, aber ich möchte in Syrakus nicht wie ein hilfloser Haufen Touristen mit euch ankommen«, erläuterte Nestor. »Judith und Aaron, ihr erkundigt euch nach einer Schifffahrtsgelegenheit nach Syrakus. Wir wollen möglichst bald reisen und werden außer einem Pferd, einem Eselskarren und uns nur wenig Gepäck haben.«
»Und was soll ich machen?«, Lilly hatte beinahe das Gefühl, er hätte sie vergessen.
»Ach ja, du Lilly ... du ... gewöhnst dieser Töle das Kläffen ab und ansonsten siehst du zu, dass deine neuen Kollegen alles richtig machen«, war seine Antwort. »So, hat noch jemand irgendwelche Fragen?«
»Ja. Was machst du, Herr?«, wollte die Chinesin wissen.
»Ich? Nichts. Ich werde doch nicht arbeiten, wo ich euch habe«, war die logische Antwort von Nestor Nigglepot. Dann nahm er sich ein Fladenbrot und einen gebratenen Fisch, goss sich Wasser in seinen Becher und sagte in die Runde: »Greift ruhig zu!«
Lakis hatte ein reichhaltiges Mahl für sechs Personen aufgetischt und Arf – unter Protest – einen alten Knochen unter den Tisch geworfen. Damit war der Hund bestens beschäftigt und vergaß das Kläffen.
»Was wollt ihr denn in Syrakus, Herr?«, interessierte sich Judith für das Reiseziel.
»Wir wollen einen Freund besuchen«, antwortete Lilly, weil Nestor den Mund voll hatte.
»Und wenn ihr das gemacht habt?«, fragte nun Aaron.
»Dann reisen wir wieder zurück«, sagt das chinesische Mädchen.
»Wo ist denn dieses Zurück? Hier in Catania?«
»Nein, nein ...«, Lilly musste kurz überlegen und sagte dann: »Auf Korfu. Wir kommen von Korfu.«
»Gibt es da keine Sklaven zu kaufen?«, hakte Aaron nach.
»Doch schon ...«, es hatte etwas von einem Verhör und Lilly wunderte sich, dass Nestor nicht das Wort ergriff, sondern sie reden ließ. Scheinbar wollte er sehen, wie gut sie improvisieren konnte. »Aber, die Auswahl ist nicht so groß und die Qualität lässt doch zu wünschen übrig.«
Aaron sah sie misstrauisch an und sagte dann: »Sind auf Korfu alle Mädchen gelb?«
»Nee, nur ich! Und ich bin auch gar nicht von Korfu, sondern aus China!«
»China? Ist das auf dem Festland oder auch eine Insel?« Der Junge ließ nicht locker.
»Auf dem Festland«, sagte sie und fühlte sich unwohl.
»Davon habe ich aber noch nie gehört«, mischte sich Roxanna ein, »und ich kenne das Mittelmeer ganz gut.«
»Ja, weil ...«, Lilly erinnerte sich an Sofias Worte, »... das ja auch gar nicht am Mittelmeer liegt, sondern am östlichen Meer, sogar noch hinter Ägypten!«
Sie erntete anerkennende Blicke. Das östliche Meer war weit weg, das wussten sie alle und der Perser ergriff das Wort.
»Aber vom Fluss Indus kommst du nicht. Selbst dort sehen die Menschen nicht sehr viel anders aus als ich.«
»Nein, vom Indus komme ich auch nicht.« Sie fühlte sich immer noch unwohl.
»Oder kommst du sogar von hinter dem großen Gebirge?«
»Stimmt! Richtig geraten!« Ihr fiel ein Stein vom Herzen. »Ich komme von hinter dem großen Gebirge.« Das war noch nichtmal gelogen. Zwischen Syrakus und China lagen Indien, mit dem Indus und der Himalaya, das große Gebirge.
»Und wie bist du hier hergekommen?«, wollte nun wieder Judith wissen. Und Lilly fing an sich mit ihrer gespielten Figur anzufreunden.
»Ach, das Übliche. Das Schiff mit dem meine Eltern und ich unterwegs waren, wurde von Piraten aufgegriffen und ich wurde in Ägypten auf dem Sklavenmarkt verkauft. Ganz einfach.«
»Wird denn in China auch Griechisch gesprochen?«
»Um Gottes Willen, nein! Dort wird natürlich Chinesisch gesprochen.«
»Welchen Gott meinst du?«, hakte Aaron wieder nach.
»Ach, such dir einen aus!« Diese Frage traf Lilly völlig unvorbereitet.
»Ich darf mir keinen aussuchen, aber du vielleicht. Die Griechen haben ja jede Menge Götter ... und die Chinesen?«
»Hui ... eigentlich glaube ich an gar keinen Gott.«
Alle starrten sie fassungslos an und Nestor kicherte leise, aber schadenfroh.
»Das geht ja gar nicht! Man kann nicht nicht an einen Gott glauben. Los such du dir einen aus«, beharrte Darian.
»Nein, denn ich will an keinen Gott glauben! Ich habe das nicht gelernt und bisher auch nicht vermisst.«
»Herr! Ihr müsst ihr sagen, dass sie an einen Gott glauben muss, meinetwegen auch an den der Hebräer. Aber ohne geht’s doch nun wirklich nicht. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht an einen Gott glauben wollte.« Roxanna war sichtlich erschüttert.
»Darum kümmere ich mich nicht«, antwortete Nestor, zuckte gelassen mit den Schultern und aß genüsslich weiter. Lilly sah ihn ziemlich böse an.
»Es ist doch meine Sache, was ich glaube und was nicht!«
»Nein, das ist es nicht unbedingt! Wenn wir gemeinsam auf Reisen gehen, und du keinen Gott um Hilfe und Unterstützung anrufen kannst, dann steht unser Unternehmen unter einem schlechten Stern. Das bringt Unglück und wenn unser Schiff untergeht oder wir überfallen werden, bist du schuld«, versuchte der Perser zu erklären.
Für Lilly war es zum Verzweifeln, denn in Nestors Bibliothek hatte sie natürlich über viele Religionen gelesen und festgestellt, dass der Glaube an einen Gott für sie nicht das Richtige war. Sie freute sich für andere, denen ihr Götterglaube Kraft und Hoffnung gab, aber sie war Kung-Fu-Kämpferin.
Kung-Fu bezieht seine Kraft aus der Konzentration auf das Wesentliche. Kung-Fu ist Buddhismus und diese Religion kommt ganz gut auch ohne allmächtige Götter aus. Aber dann kam ihr die rettende Lösung in den Sinn.
»Dort wo ich her komme, dürfen die Menschen glauben, was sie wollen. Die einen glauben an einen Gott und andere nicht. Ich glaube zwar nicht an einen Gott, aber ich verehre meine Ahnen, bitte sie um Rat, Hilfe und Kraft.«
»Puh!«, schnaufte Darian durch.
»Und ich hatte schon Sorge, du hättest auch etwas von diesem unmöglichen Sokrates gehört und wärest seine Anhängerin«, entspannte sich auch Roxanna.
»Wer ist denn jetzt dieser Sokrates?«, fragte Aaron.
»Ein Wichtigtuer, der ganz Athen mit seinen Fragen genervt hat und am Ende völlig zurecht hingerichtet wurde, weil er der Jugend nur Flausen in den Kopf gesetzt hat und sie vom rechten Glauben abbringen wollte«, war Roxannas Antwort.
»Und was soll der rechte Glaube deiner Meinung nach sein?«, fragte Darian.
»Das die Götter Zeus, Athene, Poseidon und alle anderen das Schicksal der Menschen bestimmen. Mich haben sie zu einer Sklavin gemacht und unseren Herrn Nestor, zum Beispiel, zu einem Gebieter. Habe ich recht, Herr?«
»Kann sein ... ich glaube nur, dass die Götter an mich glauben!«, antwortete Nestor gespielt gelangweilt, aber echt eingebildet.
»Gewiss, Herr! Da hört ihr es!« Roxanna war zwar auf dem Holzweg, glaubte aber was sie hören wollte.
»Es gibt aber nur einen Gott!«, mischte sich Judith nun auch noch ein.
»Ganz genau ... Mithra – der Sonnengott! Er ist groß und mächtig, er steht für das Recht und beschützt diejenigen, die gerecht sind«, sagte Darian.
»Falsch! Das tut Jahwe und das ist überhaupt der einzige Gott. Er beschützt diejenigen die Rechtes tun und bestraft alle, die gegen sein Wort verstoßen«, konterte Judith.
»Zeus und die Seinen haben immerhin die Giganten besiegt und sind so was von mächtig, da fällt eurem Jahwe und deinem Mithras aber nichts mehr zu ein«, widersprach nun Roxanna.
Es entstand ein ewig hin und her wechselndes Streitgespräch unter den Sklaven und jeder beharrte auf seinem Standpunkt. Richtig böse wurde keiner, nur einig wurden sie sich nicht und als Lilly genug davon hatte, sprach sie einfach dazwischen.
»Meine Großeltern haben meine Eltern erzogen und satt gemacht. Meine Eltern haben mich erzogen und satt gemacht ... so lange sie konnten. Darum verehre ich meine Großeltern und meine Eltern«, sagte Lilly leise.
Und alle anderen waren still.
XV
Großalarm
Grafula hatte sich vor dem Eintreten von Miss Simmons gerade noch zurück verwandeln und wieder anziehen können. Neben seinen kläglichen Flugkünsten war das mit der Fledermausnummer verbundene Nacktsein die zweite Peinlichkeit, die ihm diese besondere Fähigkeit ausgesprochen verleidete.
Miranda zerrte an dem schlecht gebundenen Knoten von Chief Inspector Fazzolettis Krawatte, der immer noch bewusstlos in seinem Sessel hing und öffnete den obersten Hemdknopf.
Philander war sich für derlei Maßnahmen zu schade. Erste Hilfe war nicht sein Bereich, schon gar nicht für einen zweitklassigen Polizisten. Aber er befand sich in England und war gut beraten den zuständigen Beamten, zumindest in der Anfangsphase eines solch brisanten Falles, einzubinden.
Das die Sekretärin, den ohnmächtig in seinem Sessel sitzenden Chief Inspector jetzt aufbinden musste, war nun wirklich zu lächerlich.
»Atmet er noch?«, fragte der Superintendent, ohne zu vertuschen, dass ihm beide möglichen Antworten gleich recht waren.
»Ich denke schon …« Miranda war sich gar nicht so sicher und ging deshalb mit ihrem Ohr verblüffend nah an Fazzolettis Mund und Nase heran.
»Haaatschi!!!«, brüllte es aus eben dieser, in und eben diesem Moment.
»Er atmet noch«, stellte Philander fest und schaute Grafula dabei gleichgültig an.
Miss Simmons fasste an ihr nun taubes Ohr, taumelte Richtung Bürotür und brabbelte irgendetwas von ekliger Sauerei.
Der Superintendent stemmte seine Hände breit gespreizt auf Fazzolettis Schreibtisch und beugte sich weit zu dessen Gesicht hinunter und flüsterte: »Mein lieber Mann! Sie wissen, wie man mit Frauen umgeht. Alle Achtung!« Er machte eine kurze Pause. Dann flüsterte er noch leiser weiter: »Und jetzt werden sie mir zeigen, wie sie mit diesem Fall umgehen … und wenn mir nicht gefällt, was ich sehe, gehen sie wieder Streife!«
Philander richtete sich auf und sprach in normaler Lautstärke weiter: »Trommeln sie Ihre Truppe zusammen, Fazzoletti. Ich will diesen Nigglepot haben … und zwar lebendig!«
»Ja, Sir«, antwortete der Chief und machte kein Hehl daraus, dass er Philander für diesen Auftrag hasste.
»Kommen sie, Grafula! Unsere Leute haben jetzt viel zu tun, da stören wir nur. Was halten sie von Tee in meinem Büro?«
»Ich würde ihnen Gesellschaft leisten!«, sagte er und dachte: »Ich hab’ ihn soweit! Ich hab’ ihn soweit!« Und sofern man Freudentänze denken kann, dachte er auch diese.
»Chief«, sagte Fazzolettis Vorgesetzter im Gehen, »ich erwarte ihren ersten Bericht heute Abend um 18 Uhr.« Dann verließen er und Grafula sein Büro und nahmen alle gute Hoffnung des Chief Inspectors gleich mit, der sehr verlassen in seinem Büro saß und sich vorstellte, wie sein beruflicher Alltag auf der Straße aussehen würde.
»Simmons! Sofort in mein Büro«, brüllte er in die Sprechanlage und drückte dabei wieder auf Sammelruf.
Es dauerte eine Weile, bis Miss Simmons bei ihm auftauchte, denn noch immer machte ihr rechtes Ohr Probleme und sie war auch nicht wirklich erfolgreich gewesen, den Rotz von ihrem Kostümjäckchen zu entfernen.
Das »Was wollen sie?« mit dem Miranda antwortete, wehte wie ein eiskalter Wind durch den Raum und ihrem Vorgesetzten fröstelte tatsächlich.
»Wir haben da ein Problem«, stellte er unverdrossen fest, denn es war bereits elf Uhr. Es blieben nur noch sieben Stunden Zeit, um irgendetwas zu berichten.
»Nein, Chief. Sie haben da ein Problem«, entgegnete sie kurz und war im Begriff das Büro wieder zu verlassen.
Fazzoletti stutzte kurz, bemerkte aber schnell, dass eine Kurskorrektur die Sache noch ins Reine bringen könnte.
»Miranda … wir, und mit wir meine ich, sie und mich, wir haben es zum ersten Mal mit einem wirklich übernatürlichen Phänomen zu tun. Ich verspreche es ihnen, denn ich habe es mit meinen eigenen Augen fast ganz gesehen.«
»Fast ganz?«, fragte sie skeptisch nach.
»Nun, ich war ja ein wenig abwesend, aber was ich bis dahin gesehen habe, war alles andere als irgendwie auch nur ein bisschen normal.«
»Ehrlich?«
»Miranda? Vertrauen sie mir etwa nicht?«
Natürlich vertraute sie ihrem Chef kein Stück, aber wenn er selber sagte, sie hätten es mit etwas Übernatürlichem zu tun, dann hatte das Gewicht. Fazzoletti glaubte normalerweise nie an solche Dinge. Miranda Simmons hingegen hatte seit Jahren keine TV-Reportage über merkwürdige Dinge beim Pyramidenbau, Kartenlegen, Außerirdische und paranormalem im Allgemeinen und Besonderen verpasst. Sie war besessen von der Vorstellung, es gäbe etwas da draußen, dass nicht zu erklären sei. Nur deshalb war sie in diesem Vorzimmer gelandet. Miss Miranda Simmons wollte als Erste, zumindest aber als Zweite dabei sein, wenn irgendetwas in dieser Art passieren würde.
Das einzig Unnormale in all den Jahren war allerdings Fazzoletti, der keinerlei Anstalten gemacht hatte, sich wenigstens um die stichhaltigsten Hinweise zu kümmern. Und jetzt das!
»Stimmt das? Gibt es diesen Zeitreisenden wirklich?«
»Vermutlich ja …« Der Chief knetete mit der rechten Hand sein Kinn durch.
»Und sie glauben das?«
»Ich muss ja … wenn sich dieser Untote hier vor meinen Augen in eine Fledermaus verwandelt, wird das mit dem Zeitreiseheini wohl auch stimmen«, erläuterte Fazzoletti matt.
»Sie brauchen Hilfe!«, freute sich Miranda.
»Wollen sie mich etwa zum Psychiater schicken?«
»Quatsch! Ich glaube das alles sowieso, aber wenn sie diesen Fall lösen wollen, brauchen sie jemanden, der Erfahrung mit solchen Dingen hat. Jemand der Psi-Experte ist, einen Ufologen, jemand der pendeln kann, einen Profi in Sachen Para-Archäologie, einen Sachverständigen für Zeitverschiebungen ...«
»Möchten sie vielleicht zum Psychiater?«, unterbrach Fazzoletti seine Sekretärin.
»Sie brauchen mich!«, überhörte Miranda die Bemerkung ihres Vorgesetzten.
»Gewiss«, sagte er und verdrehte die Augen.
»Bevor wir loslegen, benötigen wir alle verfügbaren Informationen über diesen Zeitreisenden und dann wollen wir doch mal sehen, ob er sich unserem Zugriff entziehen kann!«
Fazzoletti berichtete ihr von dem Gespräch mit Philander und Grafula. Sie selbst sorgte außerdem dafür, dass auch aus dem Vorzimmer des Superintendents ein umfangreiches Dossier über Grafula und dessen Informationen eintrudelte.
Beides unterzog sie einer eingehenden Prüfung und sagte dann zu Fazzoletti, der sich aus purer Langweile wieder seinen Fußballwettquoten zugewandt hatte: »Chief … wir sollten einen Großalarm ausrufen!«
»Großalarm? Simmons, jetzt übertreiben sie aber. Wenn ich einen polizeilichen Großalarm ausrufe, bin ich meinen Posten noch schneller los, als wenn ich gar nichts mache«, war die Antwort und dann schnäuzte er sich die Nase. »Verdammte Stauballergie!«
»Wer spricht denn hier von der Polizei, Chief Inspector?«, antwortete sie kopfschüttelnd.
»Wen sollen wir denn sonst alarmieren? Die Pizza-Boten vielleicht?«, entgegnete er genervt und betrachtete die Rotzfarbe in seinem Taschentuch.
»Violet-reality.com!«, triumphierte Miranda.
»Bitte was?«, riss es den Chief aus seiner Analyse.
»Die Violette Realität … meine Freundinnen und ich«, sagte sie und setzte sich in den Stuhl vor dem Schreibtisch.
»Sie wollen im Ernst mit einem Damenkränzchen den vermutlich gewieftesten Verbrecher aller Zeiten stellen? Mädchen, sie sind nicht ganz bei Trost. Machen sie Ihre Zahlenrätsel und ich kümmere mich alleine um diesen Fall!« Fazzoletti schüttelte den Kopf und begrub das Gesicht in seinen Händen.
»Chief! Sie verstehen da etwas falsch. Mitglieder der Violetten Realität sind auf der ganzen Welt vertreten. Wir sind vernetzt, wir bloggen, twittern, simsen und mailen den ganzen Tag, wenn wir nicht gerade telefonieren, um die wichtigsten Informationen um den Planeten jagen. Ihr Kerle braucht das Internet, damit ihr Fußballergebnisse lesen könnt. Wir Frauen lassen Nachrichten kreisen, Kochrezepte, Trennungsgerüchte, Modetipps, Beziehungs- und Erziehungsprobleme. Die Violette Realität ist ein Hort des Wissens und des Halbwissens. Was wir rausfinden wollen, finden wir heraus. Wen wir überführen wollen, den erwischen wir. Immer und überall. Wir überprüfen jedes Gerücht, wir entdecken jeden Urlaubsort von allen Prominenten, die nicht gefunden werden wollen und wir finden das letzte Paar Schuhe in Größe 39 … und sei es von Debile.«
Sie holte tief Luft.
»Wir wussten das George Clooney heiraten will, bevor er seine Braut gefragt hat, wir wissen welche Modemarke im nächsten Sommer angesagt ist und das sie seit 23 Jahren keine Freundin mehr hatten.«
»Wie bitte?«, fragte Fazzoletti erzürnt.
»Habe ich recht, oder nicht?«
»Es sind aber noch nicht ganz 23 Jahre, Miss Simmons!«
»Wir haben brauchbare Theorien für das Entstehen von Kornkreisen! Die Violette Realität weiß was sich in Area 51 befindet und wir kennen den Aufenthaltsort von Elvis Presley.«
»Und warum erzählen Ihre Lila Mäuschen das keinem?«
»Chief … wir sind Geheimnisträger! James Bond könnte von uns eine Menge lernen.«
»Also gut.« Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und blickten Richtung Fenster. »Wie wollen wir vorgehen?«
»Oh, ganz einfach! Wir machen uns seine Schwächen zunutze.« Sie stand auf und ging um den Schreibtisch herum.
»Hat dieser Nigglepot denn Schwächen?«
»Aber sicher! Laut Grafula ist er immer gut gekleidet und hat jede Menge Stil.«
»Und das bedeutet?« Fazzoletti half diese Aussage kein Stück weiter.
»Wissen sie wie viele Männer immer, also wirklich immer, gut gekleidet sind und dazu auch noch Stil haben?«
»Als wenn ich darauf achten würde.«
»Ich weiß, dass sie das nicht tun, aber wir machen es. Und ich kann ihnen sagen, Chief, dass können so viele nicht sein, nicht in London, nicht in England oder sonst auf der Welt«, sagte die Sekretärin selbstbewusst und schubste Fazzoletti von seinem Sessel. Dann tippte sie so flink auf der PC-Tastatur des Chief Inspectors herum, dass diese sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich gebraucht und nicht – wie sonst – nur benutzt fühlte.
Die Fenster auf dem Monitor öffneten und schlossen sich wieder. Programme, von deren Existenzen Fazzoletti noch nie etwas gehört hatte und deren Anwendung ihm völlig unbekannt waren (und blieben), wurden gestartet und wieder beendet, bis plötzlich der ganze Monitor violett leuchtete. Mittig prangte in hübschen, weißen Buchstaben auf Englisch Violet Reality und der Computer forderte die Benutzerin zur Passworteingabe auf.
»Können sie mal weggucken, Chief? Das ist geheim!«
»Was?«, antwortete dieser verdattert und drehte widerwillig seinen Kopf zur Seite. Dann fiel ihm ein, dass dieses sein Computer war und er, seiner Meinung nach, Anspruch auf dieses Wissen hatte. Aber da war Miranda schon fertig.
»Google können sie vergessen, Chief! Hier findet Frau wirkliche brauchbare Informationen.«
Während Miranda einen Suchtext eingab, fragte Fazzoletti die Sekretärin: »Wieviele lila Mäuschen gibt es eigentlich?«
»Ach, in England ein paar hunderttausend. Auf der ganzen Welt wohl einige Milliönchen.«
Der Chief Inspector staunte nicht schlecht und las den Suchtext: »Hallo ihr Süßen! Ich habe da einen Spezialauftrag für Euch. Ich suche einen Mann, der immer bestens gekleidet ist, ausgesprochen stilvoll auftritt, leider sehr eingebildet, dafür aber vermutlich unverheiratet und ganz sicher ausgesprochen wohlhabend ist. Sein Aufenthaltsort ist wahrscheinlich England, er ist ungefähr 185 cm groß, schlank, ca. 45 Jahre alt, hat mittelbraune Haare, blaue Augen und sein Name lautet Nestor Nigglepot. Küsschen, eure MIRANDA3007«
Kurz, nachdem Miss Simmons auf den Senden-Knopf geklickt hatte, wurden zeitgleich einige Millionen Textnachrichten an ebenso viele Handys auf der Welt geschickt und in Seldom House aktivierte sich Sofia schlagartig.
XVI
Viecher
Nach dem gemeinsamen Essen teilte sich die Gesellschaft um Nestor und Lilly auf. Nigglepot begleitete Judith und Aaron zum Hafen um eine Schiffspassage nach Syrakus zu ergattern. Lilly begleitete, mit Arf auf dem Arm, Darian und Roxanna zum Viehmarkt.
»Wie kannst du nur immer diesen Hund mitschleppen?«, wollte die Athenerin wissen.
»Na ja … ich bin ein Kind, und jedes Kind will doch irgendwann einen Hund haben.«
»In welcher Zeit lebst du eigentlich? Seit wann wollen Kinder Hunde haben? Falken oder Schlangen, vielleicht. Aber so einen kläffenden Köter? Unser Herr scheint ja einen Narren an dir gefressen zu haben, sonst hätte er dir und der Flohquaste einen Tritt verpasst«, ätzte die Frau.
»Pass auf auf deine Worte auf!«, sagte Darian bestimmt. »Herr Nestor hat gesagt, dass Lilly ihn vertritt, wenn er nicht dabei ist.«
»So weit ist es schon gekommen«, nörgelte Roxanna leise vor sich hin und Arf bewies eine gute Menschenkenntnis, denn er knurrte sie unablässig an.
Lilly war mit ihrer neuen Rolle als Abteilungsleiterin noch nicht vertraut, sonst hätte sie Roxanna ein paar passende Worte gesagt. Eingefallen wären ihr genug. Aber sie war ein Mädchen aus einer anderen Zeit, die im Umgang mit Sklaven nicht nur ungeübt war, sondern der auch jede Form von Machtausübung und Unterdrückung zuwider war. Sie wusste, dass, wollte sie ihre Rolle gut spielen, sie sich daran gewöhnen musste, nach oben zu buckeln, also Nestor nicht widersprechen, und nach unten treten also auf die anderen Sklaven Druck ausüben.
Fest stand, dass sie Roxanna im Auge behalten musste, denn von den Vieren, die zu ihrer kleinen Gruppe gestoßen waren, war die Frau aus Athen ganz sicher diejenige, von der am meisten Ärger ausging.
Sie erreichten den Viehmarkt. Lakis hatte ihnen zwar den Weg gesagt, aber Darian wusste ihn schon längst, denn er interessierte sich ja für Tiere und deswegen war er schon einige Male hier gewesen.
»Wofür braucht der Herr denn die Tiere genau?«, wollte er von Lilly wissen.
»Na ja, das Pferd ist zum Reiten gedacht und der Esel soll einen Karren ziehen.«
»Das weiß ich. Aber will er ein schnelles oder ein starkes Pferd? Braucht er einen jungen Esel, der viel tragen könnte oder einen alten Esel, der weit tragen würde?«
»Du stellst Fragen … was würdest du denn nehmen?«, fragte sie zurück.
»Tja, das kommt eben darauf an, was der Herr will. Habt ihr denn nicht darüber gesprochen?«
»Doch, doch«, log sie. »Ich wollte nur deine Meinung hören.«
»Ich würde ein starkes Pferd nehmen, das mich weit tragen könnte. Die Straßen und die Felder auf dieser Insel sind so uneben, dass ein schneller Galopp schwer möglich ist.« Dann schaute Darian zu den Eseln. »Und was die Grauen angeht … da sind ja nur drei. Ich würde den nehmen, der am gesündesten ist. Jung ist von denen eh keiner mehr.«
»Dann machen wir das so, wie du gesagt hast, Darian. Sprich mit den Händlern und versuch sie so weit wie möglich runter zu handeln, Roxanna kann dir dabei helfen. Ich schaue inzwischen nach einer Hundeleine«, sagte Lilly.
»Eine was?«, fragten die beiden anderen zeitgleich.
»Das ist so ein Ding, das ich Arf um den Hals binden kann, damit er nicht wegläuft und ich ihn nicht die ganze Zeit tragen muss.«
Roxanna und Darian starrten sie ungläubig an.
»Auf Korfu geht heutzutage kein Hundebesitzer mehr ohne auf die Straße«, schwindelte sie schon wieder und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass es ihr sogar ein bisschen Spaß machte, den Anderen etwas vorzumachen.
»Da würde ich mal bei den Geschirrmachern fragen, die haben vielleicht einen kleinen Gürtel und ein Seil«, schlug Darian vor.
»Wenn ich dem Hund ein Seil um den Hals binden würde, bräuchte er bald keines mehr«, stellte Roxanna fest.
Lilly wollte zwar tatsächlich eine Hundeleine kaufen, aber zuerst hielt sie nach ein paar Metern inne, um den Mann und die Frau zu beobachten. Sie wollte wissen, wie sie sich vertrugen, wenn weder Nestor oder sie selbst in der Nähe waren.
Ein Team waren sie nicht, das konnte die Chinesin schon nach wenigen Augenblicken erkennen. Roxanna wollte ständig Recht behalten, während Darian mit wirklich stichhaltigen Argumenten dagegen hielt.
Leider konnte sie nur wenig verstehen, denn nicht nur die Tiere, Arf eingeschlossen, sondern auch jeder andere machte Lärm. Niemand schien in dieser Stadt das Wort Leise zu kennen, solange es hell war. Es wurde gehämmert, gesägt, geflucht, gesungen, gestritten und immer in einer Lautstärke, die selbst in London und in ihrer Heimatzeit jedem unangenehm aufgefallen wäre.
Die Menschen waren zwar weniger gehetzt, aber solange gearbeitet wurde, schien jeder darauf bedacht zu sein, dass alle anderen ihr Tagwerk auch hören konnten.
Außerdem stank es. Das war von einem nahegelegenen Viehmarkt auch nicht anders zu erwarten, aber es stank auch sonst überall in dieser Stadt. Das Wasser vom Hafen müffelte brackig und nach verdorbenem Fisch. Die Gerberei neben dem Viehmarkt verschlug einem den Atem und hinter jedem Haus gab es irgendwo eine Ecke, wo die großen und kleinen Geschäfte der Stadtbewohner hingeschüttet wurden. Ab und zu nahm ein Sklave gnädig einen Eimer Wasser und spülte den ganzen Mist auf die Straße. Aber es war heiß und Regen war hier scheinbar unbekannt, darum verbiss sich der Geruch in der Nase – kurzum, es war eklig.
Roxanna und Darian zankten sich noch immer und Lilly schlug den Weg zum Geschirrmacher ein. Sie fand auch schnell etwas Passendes für Arf, dem sie in den nächsten Tagen das ordnungsgemäße Erledigen von Geschäften beibringen musste, obwohl sie ein schlechtes Gewissen für liegengelassene Köttel in dieser Stadt nicht haben musste.
Der Hund war von der Hundeleine wenig begeistert, denn er hatte sich schnell daran gewöhnt getragen zu werden. Selber laufen konnte er zwar noch, aber für ihn war die Erfahrung neu, dass jemand anderes die Richtung vorgab.
Daran musste sich auch Roxanna gewöhnen, denn als Lilly wieder bei ihr und dem Perser ankam, waren die beiden noch immer uneins über die zu treffenden Kaufentscheidungen. Darum wollte das Mädchen zunächst wissen, welche Tiere überhaupt infrage kamen.
»Wir sollten den braunen Hengst hier nehmen. Seine Zähne sind gut, er lahmt nicht und ist stark«, meinte Darian.
Roxanna befand eine braun-weiße Stute für besser, konnte aber nicht sachlich begründen warum.
»Habt ihr denn schon nach den Preisen gefragt?«, wollte Lilly wissen.
»Der Hengst soll eine Mine und zwanzig Drachmen kosten, die Stute eine Mine und 10 Drachmen«, antwortete Darian nüchtern.
»Der Preis für den Hengst ist viel zu hoch! Der ist kaum eine Mine wert, verlass dich auf mich, Kind!«, mischte sich die Athenerin ein.
»Und was ist deiner Meinung nach die Stute wert?«, hakte Lilly nach.
»90 Drachmen … vielleicht eine Mine.« Roxanna bewegte ihren Kopf abschätzend hin und her.
»Viehhändler!«, rief das Mädchen laut genug, um gegen den allgemeinen Lärm anzukommen, und selbstsicher genug, um Darian und Roxanna ihren Führungsanspruch zu beweisen.
Lilly hatte inzwischen gelernt, dass Kinder, je nach Stand in dieser Zeit, oft mehr zu sagen hatten als manche Erwachsene. Aus Sicht dieser Kinder war das sicher eine der wenigen angenehmen Besonderheiten der Antike.
»Was willst du?«, rief ein unrasierter kleiner Mann mit sonnengegärbter Haut barsch zurück und wühlte abwesend in seinem Geldbeutel, als er auf die Drei zukam.
»Kaufen, mein Freund!«
»Hast du Geld?«, fragte der Viehhändler, der nicht wusste, welchen Stand Lilly in dieser Gruppe hatte.
»Hast du brauchbare Tiere?«, fragte Lilly eben so rustikal.
»Was darf’s denn sein?«
»Ich möchte den braunen Hengst haben«, sagte die Asiatin.
»Der ist nicht ganz billig«, begann der Mann das übliche Feilschritual, das Roxanna sehr souverän zu ihren Gunsten bestritt. Als sie fertig waren, holte der Händler tief Luft.
»Also gut … 94 Drachmen, aber ich werde meine Kinder in die Sklaverei verkaufen müssen, damit ich nicht verhungere!«
»Wieviele Kinder hast Du?«, wollte Roxanna wissen.
»Elf.«
»Dann stell dich nicht so an. Dafür kriegst du genug zu beißen.«
Der Händler lächelte zufrieden. Wenn jemand gut feilschen konnte, genoss dieser seine Hochachtung.
»Wir brauchen auch noch einen Esel und einen Karren«, sagte Lilly und ergänzte: »Darian, such dir einen aus.«
Und der Perser ging mit Sachverstand auf die drei Tiere zu und entschied sich schnell für den mit den dunkelsten Ohren: »Was soll die graue Stute hier kosten?«
»Ohh, ich würde sie nur ungern hergeben. Aber wenn ihr mir ein gutes Angebot macht, kann ich es mir ja überlegen«, gab der Viehhändler zurück.
Lilly blickte zu Roxanna, die das Kommando verstand und mit Darian einige leise Worte wechselte – diesmal ohne Streit, scheinbar reagierte sie auf Anweisungen unkomplizierter als ohne klare Angaben.
»45 Drachmen … und das ist noch zuviel!«
»Was redest du Weib? Dieses Tier stammt aus einer edlen Zucht und hat noch nie einem Herrn den Dienst verweigert. Sie ist mindestens das Dreifache wert!«
»47 und du machst das beste Geschäft deines Lebens!«
»Du willst mich beleidigen! Wenn du glaubst, dass diese Eselin so wenig wert ist, dann musst du mich für einen Abdecker halten. Unter 80 Drachmen gebe ich sie nicht her!«
»50 Drachmen und ich lasse dich nicht wegen Betrugs einkerkern!«
»Vor nicht einmal vier Tagen war ein ausgesprochen kluger Mann hier, der sagte: Ach, hätte ich nur eine Mine über … ich würde diesen Esel sofort kaufen! Und du bietest mir die Hälfte! Du kannst nicht bei Sinnen sein. 70 Drachmen, mein letztes Angebot!«
»55 Drachmen …«
»65 … Sonst zahle ich drauf!«
»60 Drachmen oder wir gehen«, sagte Roxanna.
»Einverstanden! Aber ihr zahlt sofort!«
Roxanna nahm die Münzen aus dem Geldbeutel, den Lilly ihr anvertraut hatte und das Mädchen sah ihr genau zu. Nur so konnte sie die Werte der unterschiedlichen Münzen kennenlernen. Erstaunlicherweise wurde der Beutel nur unmerklich leerer. Nestor Nigglepot war selbst im alten Griechenland offensichtlich ein sehr reicher Mann.
»Wenn ihr noch einen Karren sucht … dann geht zu meinem Schwager Hektor, zwei Straßen weiter, der hat Gebraucht- und Neukarren für jeden Geldbeutel.« Während er das sagte, schielte er auf den prall gefüllten Stoffsack in Roxannas Hand und ärgerte sich, dass er nicht besser gefeilscht hatte. Hier wäre mehr zu holen gewesen.
»Danke, Viehändler!«, sagte Lilly und wies Darian und die Griechin an, ihr zu folgen. Jeder hatte nun eine Leine mit Tier an der Hand und sie trotteten zu Hektor.
Der Viehändler hatte maßlos übertrieben, denn sein Schwager führte exakt zwei Eselskarren: einen Neuen und einen Gebrauchten. Lilly entschied sich für das Altfahrzeug, nachdem Darian seinen ordentlichen Zustand bestätigt hatte, und Roxanna handelte Hektor erwartungsgemäß von fünfunddreißig auf siebzehn Drachmen herunter.
Nestor Nigglepot, Judith und Aaron waren in der Zwischenzeit am Hafen gewesen und hatten sich umgeschaut. Für eine Stadt am Meer lagen erstaunlich wenige Schiffe im Hafen. Die meisten waren Nussschalen, die armseligen Fischern gehörten und wenig seetauglich wirkten. Nur eine große Galeere lag am Kai und wurde gerade entladen. Sklaven trugen säckeweise Getreide an Land oder schleppten volle Tonamphoren von Bord, die gut und gerne 50 Liter Fassungsvermögen hatten und mit Wein, Olivenöl, Honig oder Datteln gefüllt waren. Eine harte Arbeit und wenn die Männer ihre Fracht abluden, gingen sie, noch immer gekrümmt, zurück an Bord um eine neue Last zu nehmen.
Sie betrachteten das Treiben eine Weile und Aaron fragte Nigglepot: »Herr Nestor? Warum müssen wir eigentlich nach Syrakus?«
»Ach Junge, das ist eine wirklich komplizierte Geschichte. Kannst du nicht etwas leichteres Fragen, was du auch verstehen würdest?«, blockte Nestor in seiner typischen Art ab.
»Mhm … wenn ihr von der Insel Korfu kommt, warum seid ihr dann nicht direkt von dort nach Syrakus gefahren?«
»Noch eine Frage mit einer schwierigen Antwort … nächster Versuch!«
»Aaron!« Seine ältere Schwester stupste ihn unauffällig an, er möge doch mit der Fragerei aufhören.
»Aber ich soll doch was fragen«, konterte der Junge und versuchte es wieder: »Ist Lilly schon lange in eurem Besitz?«
»So etwas fragt man die Herrschaft nicht«, versuchte Judith ihren Bruder zurückzuhalten.
»Lass’ gut sein, Judith! Lilly ist, je nachdem wie man es betrachtet, schon seit einer Ewigkeit in meinen Diensten«, antwortete er mysteriös und forderte damit natürlich ungewollt die nächste Frage heraus.
»Was soll das denn heißen?«
Judith hatte es aufgegeben, Aaron zu bremsen.
»Warum müssen Kinder eigentlich immer so neugierig sein?«, fragte Nigglepot und wollte, dass es die anderen durchaus hörten.
»Ich hab’ es dir doch gesagt!«, schaute das Mädchen ihren Bruder böse an. »Der Herr will mit so etwas nicht gestört werden.«
»Wobei soll ich ihn denn stören? Der steht hier und glotzt, genau wie wir.«
»Ja, ich stehe hier und glotze … und frag mich warum ich hier eigentlich stehe«, dachte Nigglepot versehentlich laut.
»Siehst du! Den Herrn interessiert das sogar selber!«, triumphierte Aaron über seine Schwester, die den Zeitreisenden fragend ansah.
Nestor hatte erst jetzt gemerkt, dass er ungewollt für Verwirrung gesorgt hatte und war erleichtert, als er jemanden völlig aufgerichtet und ganz ohne Gepäck von Bord gehen sah.
»Da! Das muss der Kapitän sein! Kommt, wir fragen ihn!« Nigglepot schaute gar nicht zurück, sondern machte sich sofort auf, damit ihm der Mann nicht entwischte und die Geschwister liefen hinter ihm her.
»Kapitän!«, rief Nestor. »Kapitän, warten sie!«
Der andere Mann blieb verdutzt stehen und schaute auf die drei Menschen, die sich ihm näherten.
»Was wollt ihr?«, fragte er kühl, als Nestor ihn erreicht hatte.
»Wir suchen eine Überfahrt nach Syrakus.«
»Und da habt ihr an mein Schiff gedacht?«
»Ich zahle gut«, entgegnete Nestor protzig.
»Herr … wenn ich euer Geld wollte, würde ich euch eins über die Birne ziehen und dann hätte ich es!«, sagte der Seemann und machte deutlich, dass er keinen Respekt vor reichen Leuten hatte.
»Ihr seht mir nicht aus wie ein Pirat, Kapitän!«
Bei dem Wort Pirat rückte Aaron ganz nah an seine Schwester, die ihn fest an sich drückte.
»Wer auf diesem Meer ein Schiff hat, ist entweder Pirat oder Opfer. Wofür würdet ihr euch entscheiden?«, fragte der Kapitän.
»Ich würde vermuten … Pirat?«, sagte Nestor, als ob er überlegt hätte. Dann legte er freundschaftlich seinen Arm um die Schulter des Seemanns und sagte: »Mein Freund! Bringt mich, meine Sklaven, mein Pferd und meinen Eselskarren nach Syrakus – und wir beide werden auf dieser Fahrt nur etwas zu gewinnen haben.«
Der Kapitän schälte sich aus Nestors Umarmung und fragte geradeheraus: »Was habt ihr auf dem Kerbholz?«
»Kapitän, fragt ihr den Wein in den Amphoren auch, wie er den Empfängern wohl schmecken wird?«
»Wenn ihr verfolgt werdet, könnt ihr es sofort vergessen«, sagte der Kapitän misstrauisch.
»Wir werden nicht verfolgt und wir werden euch für die Fahrt angemessen bezahlen«, sagte Nestor, so beruhigend er konnte. Aber der Seemann hatte eine gute Menschenkenntnis und blieb auf Distanz.
»Der Preis wird sich verdoppeln, wenn ich gegenteiliges höre, Herr ...«, sagte der Kapitän.
»Nestor. Nestor von Korfu!«
»An Bord nennt man mich Dias. Wann wollt ihr reisen, Herr Nestor von Korfu?«
»Morgen früh, wenn es euch passt, Herr Dias.«
»Dann sehen wir uns hier, in der zweiten Stunde nach Sonnenaufgang, Herr Nestor!«
»Sehr gut … kommt Kinder, wir schlafen zeitig!«, sagte Nestor, als er mit Dias durch Handschlag handelseinig war und machte sich auf den Weg zur Herberge.
Der Steuermann, den weder Nestor, noch Judith oder Aaron bemerkt hatten, lehnte während des ganzen Gesprächs an der Reling und hatte gelauscht. Nachdem Nigglepot und die Geschwister außer Sicht waren, kam er zu Dias hinunter und sagte: »Interessante Kundschaft …«
»Was meinst Du?«, fragte der Kapitän.
»Wo kommt der Kerl her?«, fragte der Steuermann.
»Korfu … sagt er zumindest«, antwortete Dias.
»Das würde mich doch sehr wundern«, entgegnete der andere.
Dias lächelte beinahe unmerklich, aber der Steuermann verstand die unmissverständliche Geste des Kapitäns sofort.
Als Nestor und sein Gefolge die Herberge erreicht hatten, kamen auch Roxanna, Darian und Lilly mit den Tieren an, die von Lakis sofort in den Stall dirigiert wurden. Natürlich verdrehte er die Augen, als er Lilly mit Arf an seiner Leine sah.
»Darian, Roxanna, Judith, Aaron … geht schon mal in den Gastraum und bestellt Abendbrot für uns alle, Lilly und ich kommen gleich nach«, sagte Nestor.
»Ja, Herr!«, antwortete Aaron, die anderen nickten nur.
Nigglepot nahm Lilly beiseite und führte sie nach draußen, dann schaute er sich kurz um und ergriff leise das Wort.
»War irgendetwas besonderes?«
»Diese Roxanna ist eine schwierige Frau. Darian kommt nicht sehr gut mir ihr aus und mich kann sie – glaube ich – gar nicht leiden. Aber sie kann wirklich gut feilschen.«
»Und wie bist du zurechtgekommen, Lilly«
»Weißt du, Nestor von Korfu, so langsam gewöhne ich mich an das Lügen. Du bist ein guter Lehrer!«, antwortete sie.
»Ich muss doch sehr bitten, das mit der Ehrlichkeit hatten wir doch schon. Die Wahrheit glaubt einem doch sowieso kaum einer. Und dich habe ich noch nicht belogen, das steht mal fest«. Nestor klang nicht wirklich beleidigt.
»Hast du eine Überfahrt gefunden?«, wollte Lilly wissen.
»Ja, bei einem zwielichtigen Kapitän, der uns nicht wirklich wohl gesonnen sein dürfte. Aber alle anderen Schiffe sahen aus, wie schwimmende Särge. Wir müssen uns in Acht nehmen.«
»Hast du etwa Angst, Nestor von Korfu?«, ärgerte ihn das chinesische Mädchen.
»Junge Dame! Angst hatte ich das letzte Mal vor fast 2.500 Jahren«, gab Nestor eingebildet zurück.
»Du meinst wohl in 2.500 Jahren?«
»Wann lernen Kinder eigentlich, dass sie nichts mehr sagen sollten?«, stellte Nigglepot in den Raum.
»Wenn sie begriffen haben, ob die Erwachsenen etwas denken oder sagen wollten, Nestor von Korfu!«
Nigglepot ließ die Schultern sinken und fragte nach einer kurzen Pause: »Kannst du nicht auch mal Herr zu mir sagen?«
»Vergiss es«, kicherte Lilly Foo.
Der Abend dämmerte bereits und im Gastraum wurden die Öllampen entzündet. An einem Tisch in der Ecke saßen die vier Sklaven und warteten auf die Zeitreisenden. Lakis hatte schon etwas zu essen bringen lassen.
Nachdem alle satt waren, was bei Aaron lange dauerte, wies Nestor alle an, zu Bett zu gehen und nahm Darian beiseite.
»Ich möchte, dass du ein besonderes Auge auf Judith und ihren Bruder hast. Ich will nicht, dass ihnen etwas passiert. Die beiden brauchen einen Beschützer.«
»Was ist mit Roxanna?«, fragte der Perser.
»Die kann ganz gut auf sich selber aufpassen«, entgegnete Nigglepot.
»Ich werde aufpassen, Herr Nestor!«
»Danke! Gute Nacht«, sagte Nestor und ging die Treppe hinauf.
»Passt ihr auf Lilly auf?«, rief Darian ihm hinterher.
»Die kann auch ganz gut auf sich selber aufpassen!«
XVII
Sturm
Kurz vor Sonnenaufgang zog ein mächtiges Gewitter herauf, das im Gesindelager für frühes Aufstehen sorgte, denn es regnete heftig in den Hof, der nur spärlich bedacht war.
»Und ausgerechnet heute müssen wir mit einem Schiff quer Über das Meer fahren«, beschwerte sich Roxanna, die offensichtlich schon morgens schlechte Laune hatte.
»Bei normalem Wetter, würde die Fahrt vielleicht drei Stunden dauern. Es sind nicht mal zehn Parasanges bis Syrakus«, versuchte Darian, der nur wenig geschlafen hatte, weil im Gastraum bis tief in die Nacht gefeiert wurde, die Frau aus Athen zu beruhigen. Der Perser sah es von der guten Seite. Immerhin konnte er so gut auf alle aufpassen.
»Gott Euros ist erzürnt und bringt schlechtes Wetter! Das ist das gelbe Mädchen schuld. Da wette ich!«
»Reg dich ab, Weib«, sagte Darian. »Es ist Sommer und es gibt ein Gewitter, das ist das Normalste auf der Welt.«
»Pah!«
Aaron und Judith stellten sich unter ein kleines Vordach und schauten besorgt zum Himmel, genau wie Lilly und Nestor, die beide aus ihren Fenstern sahen und sich dabei einen Guten Morgen wünschten.
»Ob wir bei dem Wetter überhaupt fahren können?«, fragte Lilly Foo.
»Lust hab’ ich keine, aber wer weiß, wann das nächste wirklich seetaugliche Schiff hier anlegt? Ich glaube kaum, dass wir eine andere Wahl haben.« Nestor klang wenig begeistert.
Als sich das Gefolge im Gastraum versammelte um nicht allzu nass zu werden, räumten zwei Frauen die Reste des vorherigen Abends weg. Scheinbar war die Feier ein mittelgroßes Gelage gewesen, denn überall standen noch leere, teilweise umgekippte Becher herum, Teller auf denen noch Speisereste lagen und an einem Tisch saß ein Mann, der auf die Platte gelehnt selig schlief, weil er betrunken den Heimweg nicht mehr antreten wollte oder konnte.
Nestor und Lilly kamen die Treppe herunter und beim Anblick des Mannes freute sich Nigglepot, dass er den Fehler mit dem Wein letzte Nacht nicht wieder gemacht hatte.
»Bringt uns Frühstück und danach Lakis. Ich will bezahlen«, sagte er zu einer der Frauen, die zackig verschwand um den Wirt zu wecken.
»Wenn ich hier etwas zu sagen hätte, wäre das aber gestern Nacht noch aufgeräumt worden«, stellte Roxanna fest.
»Davon bin ich überzeugt ...«, sagte Nestor und verzog die Mundwinkel, obwohl sie recht hatte.
Aaron und Judith räumten einen Tisch frei, damit sie sich wenigstens setzen konnten und wenig später tauchte die Frau auf, die den Wirt wecken wollte.
»Verzeiht, Herr! Lakis ist noch nicht aufgestanden, er hat gestern noch mitgefeiert«, stammelte die Sklavin des Wirts. »Ich fürchte, er wird auch so bald nicht wach werden.«
»Und wer rechnet jetzt ab? Weckt ihn, sofort!«
»Ja, Herr! Ich will es versuchen«, meinte die Frau.
Das Wetter war schlecht, das Frühstück stand noch nicht auf dem Tisch und der Wirt war nicht wachzubekommen. Die Seefahrt hätte kaum schlechter beginnen können, aber die Chancen in den nächsten Tagen eine andere Gelegenheit zur Überfahrt nach Syrakus zu bekommen waren nun mal schlecht.
Die andere Bedienstete brachte Brot und Früchte zum Frühstück. Alle griffen beherzt zu, nur Lilly und Nestor hatten keinen rechten Hunger.
»Ihr sollt euch zum Teufel scheren ...«, richtete die Frau aus, die Lakis wecken sollte.
»Wir können ja wohl kaum abreisen, ohne unsere Zeche zu zahlen«, sagte Nigglepot mürrisch.
»Ihr könnt schon, aber ihr solltet euch hier nicht wieder blicken lassen!«
»Was meinst du, was wir bezahlen müssten?«, fragte der Zeitreisende die Sklavin.
»Gute Frage ... vielleicht zwanzig Drachmen?«
Nigglepot gab ihr die genannte Summe und nachdem alle fertig mit ihrer Mahlzeit waren, brachen sie auf. Er selbst und Lilly trugen ihr Gepäck nach unten, Roxanna klaubte ihre Sachen zusammen und Darian, Judith und Aaron taten es ihr gleich.
Kurze Zeit später wurden die Tiere auf die Straße geführt und alle luden ihre Bündel auf den Eselskarren. Es goss in Strömen und der Wind kam stramm von Süd-Ost als alle den Hafen erreichten.
»Da seid ihr ja endlich!«, begrüßte Kapitän Dias seine Reisegäste. Er war in Lederkleidung gehüllt, die zumindest etwas Schutz gegen das Wetter bot. »Beeilt euch! Das Wetter wird erst heute Nachmittag besser werden!«
Der Hengst und der Esel sträubten sich nach Kräften gegen den Weg über die Planke auf die Galeere, sodass einige Rudersklaven zur Hilfe kommen mussten um die Tiere an Bord zu zwingen. Darian, Judith und Aaron zogen den Karren von Hand an Bord, was ebenfalls schwierig war. Die Planke die vom Kai auf das Schiff führte war kaum breiter als das Gefährt und die Sparren quer über dem langen Brett erschwerten die Aufgabe zusätzlich.
Als alle erschöpft an Bord waren, legten sie unter lautem Geschrei ab, denn das Wetter ließ keine normal gerufenen Kommandos zu. Arf versteckte sich so schnell er konnte unter dem Eselskarren und tauchte während der ganze Überfahrt nicht mehr auf.
Der Steuermann lenkte das Schiff geschickt aus dem Hafen. Vor dem ersten gemeinsamem Schlag aller Riemen mussten die Paddel auf der Kaiseite das Schiff vom Hafen abstoßen, und erst dann stritten die Riemen mit den Wellen, die ihnen auf der Fahrt nach Syrakus den Weg erschwerten.
»Schlechtes Wetter kostet extra!«, brüllte der Kapitän zu Nigglepot und strahlte quer über sein regennasses Gesicht.
»Da wo ich herkomme, wird nur die Überfahrt berechnet«, sagte Nestor und musste sich plötzlich an der Reling festhalten, weil ein Brecher außerhalb des Hafenbeckens sie voll erwischte.
»Ja, aber Gott Euros zürnt uns! Ich werde mit dem zusätzlichen Geld ein Opfer bezahlen müssen«, strahlte Dias.
»W-wenn ... i-ihr meint ...«, stammelte Nigglepot, der blassgrün mit beiden Händen Halt an der Reling suchte, denn es ging ihm nicht gut.
»Großartige Idee!«, brüllte der Steuermann von der Ruderpinne hinüber zum Kapitän und freute sich ebenfalls.
In der Tat konnte es für unredliche Seeleute kaum besser kommen, als bei einem Unwetter unbedarfte Edelmänner mit Gefolge die Küsten entlang zu schippern.
Wer sich übergibt, übergibt gern viel bei der Ankunft war eine feste Regel unter den Fährleuten im alten Griechenland. Je größer die Strapazen unterwegs, umso größer die Bezahlung bei der Ankunft. Vielleicht mussten sie die Reisenden gar nicht ausrauben und als Sklaven verkaufen!
Lilly kannte Galeeren nur aus Büchern. Sie wusste, dass die Antriebskraft aus den Armen der gequälten Sklaven, ein Deck tiefer, stammte. Im gleichförmigen Rhythmus stießen sie die Riemen ins Wasser und zogen sie mit aller Kraft zurück – wenn es sein musste stundenlang.
Der Steuermann wechselte sich nach dem Auslaufen mit dem Kapitän ab, der die Ruderpinne fest mit beiden Händen packte, während sein Spezi unter Deck ging. Oben wütete das Unwetter und alle waren nass bis auf die Knochen. Eine Etage tiefer gab es zwar kein Wetter, aber die Ruderer waren vom Schweiß so nass, als wären sie oben. Lilly folgte dem Steuermann in sicherem Abstand.
Sie hörte, wie er die Galeerensklaven anbrüllte und unbarmherzig mit der Peitsche um sich schlug.
»Lass’ die faulen Säcke schneller rudern!«, brüllte er den farbigen Sklaven an der Trommel an, der den Ruderrhythmus vorgab. Alle Sklaven – auch der Trommler – waren mit einer langen Kette an ihren Füßen so gefesselt, dass sie gerade genug Raum hatten, ihrer Arbeit nach zugehen. Die Rücken der Ruderer waren vernarbt und das Blut der frischen Peitschenwunden verdünnte sich mit dem Schweiß, sodass beinahe jeder einen hellroten Rücken hatte. Das Mädchen kauerte auf der Treppe, um nicht gesehen zu werden. Vorsichtig und ängstlich atmete sie durch die Nase und roch eine eklige Mischung aus Schweiß, Blut, Angst, Hass, Schimmel und moderigem Holz ein.
Der Steuermann ging auf dem Steg zwischen den beiden Bankreihen langsam auf und ab. Lilly hatte jedes Mal Angst, er könnte sie entdecken, wenn er wieder zurück kam, aber dieser Widerling hatte nichts anderes im Kopf als die armen Männer zu quälen.
Immer wieder hieb er mit der Peitsche durch das ganze Deck. Aber noch schlimmer waren die unvermittelten Schläge mit dem Griff der Peitsche, direkt an die Schläfen der Ruderer. Sie sanken sofort benommen zusammen und ihre Sitznachbarn taten was sie konnten um die Kameraden wieder aufzuwecken, doppelt so stark zu rudern und dabei den Rhythmus nicht zu verlieren, was anderenfalls neue Schläge nach sich zog.
Die Männer hatten über viele Jahre alle Kraft verloren sich gegen diesen bösen Menschen zu wehren, aber ihr Hass wuchs mit jedem Trommelschlag. Lilly wurde schlecht und sie schlich wieder nach oben, unentdeckt wie sie vermutete. Aber sie irrte, denn der Steuermann hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie da auf der Treppe hockte und entsetzt starrte.
Sie schaute sich um, aber der Kapitän hatte seinen Blick angestrengt in die tiefgraue Weite des Wolkenhimmels gerichtet. Lilly ging zu Nestor um zu erzählen was sie erlebt hatte und sah den armen Mann elend an der Reling hängen. Nigglepot war zwar nur seekrank, aber in diesem Zustand weder Hilfe noch brauchbarer Ratgeber. Sie brauchte einen klaren Kopf, also wankte sie mit den Wogen Richtung Bug und stellte sich in den erfrischenden Fahrtwind.
Die Luft tat ihr gut. Gischt und Regen wuschen für einen Moment ihr schlechtes Gefühl ab und nachdem sie noch einmal tief durchatmete, drehte sie sich um, weil sie sich um Nestor Nigglepot kümmern wollte.
Lilly Foo suchte trittsicher ihren Weg durch Seile und Takelage, die wirr über das Oberdeck gespannt waren und bahnte sich zielstrebig ihren Weg. Darian versuchte schon seit über einer Stunde verzweifelt das Pferd und den Esel zu beruhigen während Aaron sich an Judith klammerte, die wiederum sich selbst an einem Tau festkrallte, dass den Karren, nebst Gepäck, gegen das Wetter sichern sollte. Roxanna schimpfte wie ein Rohrspatz und war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um wirklich zu bemerken, was vor sich ging.
Auf dem Weg zu Nestor konnte sie sehen, wie Dias sich daran machte Nestor festzubinden. Ob er das aus Nächstenliebe oder Raffgier machte, war ihr zunächst nicht klar. Aber, als sie näher kam, konnte sie sehen, wie der Kapitän es trotz des Wetters schaffte, ihrem Freund einen Knebel umzubinden. Wenige Sekunden später erreichte sie Nestor und den Seemann.
»Du störst, Kind!«, brüllte er sie an und als er im gleichen Augenblick den Knoten des Knebels fest angezogen hatte, holte er weit aus, um Lilly mit einem festen Schlag außer Gefecht zu setzen.
»Gib der kleinen Saures!«, brüllte der Steuermann herüber, der wieder die Ruderpinne übernommen hatte.
Sie duckte sich unter dem Schlag weg, machte sich die rutschigen nassen Planken des Decks zunutze und flutschte flach geduckt unter dem Arm her. Mit der rechten Hand hakte sie sich in eins der vielen Seile, spannte ihre Muskeln und mit einer schnellen Fußschere schickte sie den Kapitän zu Boden, der heftig mit dem Hinterkopf aufschlug und bewusstlos liegenblieb. Das Didaktafon hatte ihr wirklich perfektes Kung-Fu beigebracht.
Schnell stand sie auf und entfernte den Knebel aus Nestors Mund. »Wie geht es Dir?«, fragte sie hastig.
»Ähöhhh ...«, raunte er und übergab sich ins Mittelmeer.
Die Chinesin schnappte sich die Tasche, die Nestor seit ihrer Ankunft in der Vergangenheit stets bei sich trug, wühlte darin herum und fand schnell was sie suchte: den Desorientator.
Wenn alle Menschen im Umkreis von zehn Metern wirklich ihr Gedächtnis für kurze Zeit verlören, hätte sie eine Chance. Sie schaute sich um und überlegte kurz. Dann nahm sie den sich übergebenden Nestor Nigglepot in den Arm und drückte den blauen Knopf unten in der Mitte, gerade noch rechtzeitig, denn der Steuermann war schon auf dem Weg, um sich die Chinesin vorzuknöpfen.
Pluff.
4 Minuten und 59 Sekunden.
Lilly wühlte im Lederbeutel des immer noch bewusstlosen Dias herum, fand einen groben Schlüssel und nahm ihn fest in die Hand. Sie hetzte unter Deck und wies den Rhythmusgeber an, sich auf eine der freien Ruderbänke zu begeben, öffnete mit dem Schlüssel das Kettenschloss und rief: »Ihr seid frei!«
In der allgemeinen Ratlosigkeit kam das zwar grundsätzlich gut an, aber einige fragten ratlos: »Wer sind wir?«, oder »Was bedeutet Freiheit?« Ein Beweis dafür, dass völlige Orientierungslosigkeit echte Weisheit nicht behindern kann.
Lilly lief wieder nach oben und einige der Ex-Sklaven folgten ihr, wie Touristen auf einem Museumsboot. Oben angekommen lief sie zu Darian, der völlig ratlos bei den Tieren stand, die sich ebenfalls verwirrt ansahen. Sogar Arf hielt sein Maul.
»Du musst das Schiff steuern!«, rief sie dem Perser zu und schickte ihn auf den Posten des Steuermanns. »Vorher schickst du den echten Steuermann unter Deck ... der wird angekettet!«
Darian folgte ratlos ihren Anweisungen und auch der Steuermann war völlig desorientisiert. Er tat wie man ihm sagte und ging ein Deck tiefer klaglos seiner neuen Arbeit nach und schloss sich selber mit der Kette fest. Darian nahm den Schlüssel und übernahm dann an Deck das Steuer, ohne zu wissen, wohin er steuern sollte. Dann schnappte Lilly sich das Seil mit dem Nestor festgebunden worden war, und fesselte nun ihrerseits den Kapitän.
Lilly Foo hatte im Handstreich das Schiff übernommen.
Nach und nach kamen schließlich fast alle Rudersklaven an Deck, schauten sich erstmal um, diskutierten über die verschiedenen Aspekte der Freiheit, wer sie waren und wie sie nur in dieses grauenhafte Unwetter geraten konnten. Als die fünf Minuten vorbei waren, brach natürlich doch riesige Freude unter ihnen aus, weil sie nun freie, wenn auch nasse Menschen waren.
Lilly ging zu Darian und sagte: »Verstehst du was vom Steuern?«
»Bei diesem Sturm kann ich das Schiff wohl gerade halten, aber ich kenne die Gewässer hier nicht. Du wirst den Steuermann wieder zurückholen müssen, nur er kennt die Untiefen hier«, meinte der Perser.
»Dreck! Daran habe ich ja nun überhaupt nicht gedacht.«
Sie ging zu Nestor, der sich immer noch elend fühlte.
»Lilly ... mir geht’s gar nicht gut. Hast du alles im Griff?«
»Wie man’s nimmt. Wir werden den Steuermann wieder befreien müssen. Darian kennt das Meer hier nicht gut genug um wirklich sicher steuern zu können.«
Neben den Zeitreisenden lag der Kapitän, der erfolglos versuchte sich zu befreien und seinem Ärger mit wüsten Beschimpfungen Luft machte: »Wenn ihr glaubt, dass er euch Pack helfen würde, habt ihr euch geschnitten!«
»Das werden wir ja sehen!«, drohte Lilly zurück, aber sicher war sie sich keinesfalls. Dann ging sie und nahm vier kräftige Ruderer mit unter Deck. »Ihr werdet aufpassen, dass der Steuermann gleich keinen Ärger macht!«
Und sie passten auf, führten ihn nach oben zur Ruderpinne und hielten ihn mit aller Kraft fest, was schwieriger war als man vermuten konnte. Noch immer regnete es heftig, die Planken waren schlüpfrig und das Schiff trieb antriebslos auf den Wellen wie ein Korken. Darian hatte alle Mühe das Schiff einigermaßen auf Kurs zu halten.
»Was wollt ihr von mir?«, keifte der Steuermann.
»Du musst das Schiff steuern!«, sagte das Mädchen ein bisschen unsicher, denn sie wusste nicht, ob der Steuermann ihrem Befehl folgen würde.
»Den Diabolos werde ich tun!«, blaffte er zurück.
»Du wirst steuern! Anderenfalls werden wir dich hier am Schiff wieder festketten und wenn wir gegen einen Felsen laufen und untergehen, wirst du mit uns absaufen!«, drohte Darian dem Seemann.
»Dafür werdet ihr bezahlen!«
»Werden wir nicht! Ich habe mir nämlich überlegt, dass wir diese Überfahrt von euch geschenkt bekommen«, grinste Lilly ihn an.
Die Strömung trieb das Schiff langsam auf die Felsenküste zu und der Steuermann sah, dass es tatsächlich notwendig war, seine Arbeit wieder aufzunehmen.
»Aber ohne die Sklaven an den Riemen haben wir keine Chance! Sie müssen wieder rudern, sonst werden wir an der Küste zerschmettert, weil wir hier nicht wegkommen«, gab der Steuermann wütend zu bedenken.
»Gut. Ich werde mit ihnen reden«, antwortete Lilly und sagte zu den vier Sklaven die beim Steuermann standen: »Wenn er eine falsche Bewegung macht: schnappt ihn euch!«
»Hoffentlich macht er eine falsche Bewegung!«, grinste einer von ihnen.
Anschließend lief sie zu den anderen Ruderern und rief: »Hey! Hört mal alle her! Ihr müsst uns noch bis in den nächsten Hafen rudern, sonst treiben wir gegen die Küste und gehen unter!«
Das allgemeine Gemurmel über die plötzlich unterbrochene Freude der Freiheit war nur von kurzer Dauer, als jeder sah, wie nah die Felsen inzwischen waren. Alle liefen überstürzt unter Deck, schnappten sich die Riemen und stießen sie im Rhythmus der Trommeln immer und immer wieder ins Wasser. Steuerbord schlugen die Riemen schon gegen die Felsen der Küste, einzelne brachen sogar. Aber, nach und nach wurde der Abstand wieder größer und das Schiff war gerettet.
Was nun aus den Rudersklaven werden sollte, aus dem Kapitän und dem Steuermann und ihnen selbst, war Lilly nicht klar. Aber sie hatte Zeit genug sich darüber Gedanken zu machen. Nur eins war ihr vollkommen klar: sie steckten mächtig in der Patsche!
Vier Stunden später war der Hafen von Syrakus in Sichtweite und alle erschöpft bis zum Umfallen. Der Sturm hatte sich gelegt, aber Kapitän Dias und sein Steuermann hatten noch genug Kraft um schon jetzt über fiese Racheplänen nachzudenken.
XVIII
Glück
Wärme war für Sofia ein unbekanntes Gefühl, aber hätte sie welche empfinden können, wäre sie bei ihrer Aufgabe mächtig ins Schwitzen gekommen. Denn, obwohl sie der leistungsfähigste Computer der Welt war, konnte auch sie nicht alle SMS aufhalten, die Miranda Simmons in die Welt geschickt hatte.
Von den mehr als 5.000.000 Nachrichten konnte sie immerhin 3.549.079 vor dem Erreichen der Ziel-Handys komplett löschen und knapp eine Million konnte sie in Herzlichen Glückwunsch! Sie haben ein Traumauto gewonnen! Rufen sie jetzt 5678-9999 auf den Bahamas an und sichern sie sich sofort ihren Gewinn! um texten. Alle anderen erreichten unverändert ihre Ziele.
»Ich fürchte wir haben da ein kleines Problem, Rául«, tönte es aus der Sprechanlage.
Der Butler stutzte, als er neben der Zeitmaschine auf die Rückkehr von Nestor und Lilly wartete. Dann sagte er: »Sofia! Es macht mich nervös, wenn du befürchtest, wir hätten ein kleines Problem. Wie klein ist es denn?«
»623.342 Frauen sollen Nestor ausfindig machen.«
»Sacre bleu!«, fluchte Rául angenehm wohlerzogen.
»Das habe ich auch gedacht und sofort die Quelle dieses Auftrags ausfindig gemacht«, sagte Sofia.
»Und?«
»Die London Metropolitan Police.«
Rául schluckte.
»Da gehen einem die schicken Schimpfwörter aus, wie?«
»Wie konnte das passieren?«, wollte der Butler wissen.
»Der PC, von dem der Suchaufruf ausging, gehört Chief Inspector Fazzoletti!«, erklärte sie.
»Fazzoletti?«, sagte der Butler und ließ die Schultern sinken, dann fuhr er mit matter Stimme fort: »Hört diese Familie denn nie auf zu existieren?«
»Es kann aber nicht Fazzoletti gewesen sein. Ich denke, seine Sekretärin hatte ihre Finger im Spiel. Die SMS mit der Nachricht wurde über ein Netzwerk verschickt, das sich Violette Realität nennt.«
»Heißt das denn nicht Virtuelle Realität?«, fragte Rául.
»Eigentlich schon. Für leicht durchgeknallte Frauen, die über Geisterbeschwörungen, UFO-Sichtungen, Feng-Shui, Kochrezepte und das Liebesleben von Robbie Williams chatten ist die Realität offenbar eher lila.«
»Auf einer Skala von eins bis zehn ... wie groß ist die Gefahr, dass wir entdeckt werden?«
»Schwer zu sagen, ich kenne noch nicht genug Einzelheiten. Zurzeit überprüfe ich noch 623.342 Internet-Profile und hacke mich in sämtlich Datenbanken der Telefonanbieter ein, damit ich mehr über diese Frauen erfahre.«
»Versuch es wenigstens zu schätzen, Sofia!«, bat er.
»Na ja, dann würde ich sagen: elf!«
»En voilà une belle merde!«
»Rául, bitte!«
»Aber, du musst doch irgendetwas tun können!« In Ráuls Worten klang Verzweiflung mit, denn er wusste, dass Sofia mit so etwas keine Scherze machte.
»Alles verhindern kann ich nicht, aber ich werde versuchen die Rechner mit den IP-Adressen 173.194.37.104 und 80.81.196.81 aus dem Verkehr zu ziehen.«
»Und was für Adressen sollen das sein?«, fragte der Butler.
»Ach, die eine ist von Google, die andere befindet sich in Deutschland und ist einer der größten Internet-Knotenpunkte weltweit.«
»Wie willst du das denn von hier aus anstellen?«, wollte Rául wissen, denn es war ja klar, dass der Zentralcomputer hier nicht wegkam.
»Ach das ist einfach. Google werde ich so unglaublich massiv mit Suchanfragen bombardieren, dass den Jungs in Kalifornien Hören und Sehen vergeht, und dem Rechner in Frankfurt schicke ich das simple Kommando Loop, dann schickt er sich die Daten selbst, anstatt sie weiterzuleiten. Beides zusammen müsste den Informationsfluss und das Netz schon ganz schön ausbremsen.«
»Du kannst diesem Rechner in Deutschland einfach ein Kommando schicken?«
»Na sicher! Diesen und fast alle anderen. Hab’ ich sogar schon mal getestet, am 8. Juni 2010, zwischen 9:30 und 10:05 Uhr. Aber, es hat Stunden gedauert, bis schließlich alles wieder so lief, wie vorher. Und das ist deshalb so einfach, weil ich ja wesentliche Teile der meisten Betriebssysteme mit programmiert habe«, sagte Sofia seelenruhig wie immer.
»Du?«
»Na ja, nicht ich als Sofia, aber ich tummle mich in meiner Freizeit seit Jahren im Internet und tauche da in allen möglichen Chat-Rooms als irgendein Computer-Freak auf und helfe anderen Programmierern beim Lösen ihrer Probleme. Und da habe ich hier und da ein paar Programmzeilen eingeschleust, die uns jetzt helfen können. Den Jungs von Microsoft schicke ich immer alles als erstes ... zum Testen. Aber die meinen ja immer, sie wüssten alles besser.«
»Sofia!«, sagte Rául vorwurfsvoll. »Warum?«
»Wäre es dir lieber, ich hätte die Computerwelt und das Internet sich selbst überlassen und wir hätten jetzt überhaupt keine Eingriffsmöglichkeiten? Unser Vorteil liegt darin, dass wir mehr Informationen als alle anderen haben. Diesen Trumpf können wir nicht aus der Hand geben.«
»Und warum schaltest du dann nicht einfach das ganze Internet ab?«, wollte er wissen.
»Schlechte Idee. Erstens, würde man irgendwann herausbekommen das alles von hier ausgegangen wäre, und zweitens, möchte ich die Welt ja nicht ins totale Chaos stürzen. Das Internet ist nicht nur auf deinem Computer-Monitor zu sehen. Wir reden hier nicht nur von E-Mails. Jeder Bankautomat, jedes Handy, Kraftwerke, Rettungsfahrzeuge, Verkehrsampeln, Flugzeughäfen ... alles hängt heute am Internet. Das ganze System würde zusammenbrechen.«
»Aber du könntest doch wenigstens diesen Rechner von der Violetten Realität noch ein bisschen stören ...«, schlug der Butler vor.
»Schon längst passiert! Der Server ist gerade völlig in die Knie gegangen. Seine Festplatte ist schon formatiert. Es wird eine Weile dauern, bis die Sicherungskopie zurückgeschrieben worden ist. Und von den ganzen Handys habe ich fast alle Telefonnummern aus den gespeicherten Adressbüchern kopiert und werde natürlich alle Querverbindungen zwischen diesen Telefonen verhindern.«
»Und wie willst du das nun wieder anstellen?«
»Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar. Bitte versuchen sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal!«, sie hielt kurz inne. »Schon mal gehört?«
Rául war wie vom Blitz gerührt. Ihm war bisher nie aufgefallen, dass diese Ansage wie Sofia klang.
»Bist das immer du, Sofia?«
»Bitte Rául! Ich bin ein Quanten-Computer mit sehr viel Freizeit! Ich habe auch gern mal etwas Abwechslung!«
»Aber wenn du da so massiv eingreifen kannst, warum sagst du dann: Stufe elf?«
»Ich kann nicht 623.342 Erinnerungen löschen. Sie werden miteinander reden … und sie werden suchen. Und damit sie nicht finden was sie suchen, brauche ich deine Hilfe.«
»Das klingt nicht beruhigend, Sofia!«
»Es wäre nicht das erste Mal, dass wir ernsthafte Probleme haben, Rául.«
»Aber so ernste habe ich noch nicht erlebt.«
»Das mag sein, dass letzte Mal war es so haarig, kurz nach dem Atlantis unterging ... ist schon eine Weile her.«
Der Butler hielt inne, als er das Labor verlassen wollte, und sagte dann: »Was ist mit Nestor Nigglepot und Lilly? Wer stellt den Zeitvektor ein, wenn sie zurückkommen wollen?«
»Rául ... wir haben wirklich keine Zeit. Du musst dich beeilen. Ich werde die beiden schon irgendwie hinhalten können.«
»Aber wenn sie in Schwierigkeiten sind?«
»Nestor ist immer in irgendwelchen Schwierigkeiten, aber wenn Lilly bei ihm ist, brauchen wir uns nicht ganz so viele Sorgen machen wie sonst.«
»Du hast Recht«, war seine Antwort. Er presste die Lippen zusammen und nickte, dann machte er sich schnellen Schrittes auf den Weg durch das Gewächshaus, die Bibliothek, die Galerie und erreichte die Halle, als es an der großen Eingangstür von Seldom House klingelte.
Rául fuhr erschrocken zusammen. Er überlegte kurz, ob er nicht öffnen sollte, aber verwarf den Gedanken sofort wieder. Ein Anwesen wie Seldom House würde niemand unbeaufsichtigt lassen. Der Butler ging zur Tür und es klingelte erneut.
»Was kann ich für sie tun?«, fragte er, als er die Tür einen Spalt weit geöffnet hatte.
»Heute ist ihr Glückstag, mein Herr!«, sagte ein Mann im billigen Anzug und einem unhandlichen Gerät in der Hand.
»Das wage ich zu bezweifeln ...«
»Ab heute haben sie zumindest eine Sorge weniger!«
»Das wäre allerdings wünschenswert«, entgegnete Rául.
»Was hält in einem so großen Haus wie diesem wohl am meisten auf? Na?«
Der Vertreter wollte nicht wirklich eine Antwort haben, aber Rául überlegte tatsächlich kurz und sagte dann: »Die Herrschaft?«
Diese Antwort brachte den Vertreter sichtlich aus dem Konzept, denn er hatte selten mit Kundschaft zu tun, die einen Butler in Diensten hatte. Für gewöhnlich traf er auf verzweifelte Hausfrauen, deren einzige Freude im Alltag amerikanische TV-Serien waren.
»Ja ... mhm, das mag sein«, sagte der Mann und sein Blick richtete sich zum Himmel, als er grübelte.
»Kann ich noch etwas für sie tun?«, wollte Rául wissen.
»Ach ja ... Entschuldigung ... heute ist ihr Glückstag!«
»Das wäre dann schon mein zweiter heute«, sagte Rául in einer genervten, aber dennoch höflichen Art.
»Mit diesem Gerät wird das Staubsaugen zu ihrer Lieblingsbeschäftigung. Das verspreche ich Ihnen!«
»Nicht zu fassen!«, strahlte der Butler sein Gegenüber an, denn seine Taktik war es, durch einen Kauf die Störung zu beenden. »Was soll es kosten?«
»Gestatten sie mir, dass ich ihnen zunächst die einmaligen Vorzüge dieses fantastischen Haushaltshelfers demonstriere, bevor ich ihnen auch seinen sensationellen Preis verrate?«
»Nein! Was kostet das Ding?« Rául konnte seinen Unmut nicht mehr verbergen und sah den Vertreter finster an, der erschrocken zurückwich.
»Ja, ähm ... 799 Pfund... Sie können auch in Raten zahlen«, erklärte der Mann leicht verstört.
»Ich zahle bar! Her mit dem Ding – und dann verschwinden Sie! Ich habe zu tun. Haben wir uns verstanden?«
»Ich denke schon, aber so einfach ist das nicht.«
»Was ist daran schwierig? Sie bekommen das Geld, ich den Staubsauger und wir wünschen uns noch einen Guten Tag!«
»Oh nein! Ich kann ihnen den Sauger nicht geben. Es handelt sich um mein Vorführgerät. Ich muss heute noch die halbe Stadt besuchen, was soll ich den armen Hausfrauen denn zeigen, wenn ich mit leeren Händen da stehe?«
Ráuls Augen verengten sich zu Schlitzen. »Was muss ich tun, damit sie auf der Stelle verschwinden?«
»Hier unterschreiben, bitte!« Die Hände des Vertreters zitterten leicht, als sie dem Butler den Kaufvertrag und einen Stift reichten. Rául grapschte beides, las kurz über den Vertrag, trug unter Stückzahl 1 ein, füllte das Adressfeld aus, unterschrieb und presste dem Vertreter Zettel und Stift an die Brust.
»Heute ist wirklich mein Glückstag!«, sagte der Butler zynisch und schloss umgehend die Tür hinter sich.
»So ein Blödmann! Heute ist gar nicht sein Glückstag ... heute ist meiner!«, strahlte der Vertreter und zog ein bisschen geschwitzt aber dennoch sehr zufrieden weiter.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.