Kitabı oku: «Cap Arcona 1927-1945»

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Stefan Ineichen, geboren 1958 in Luzern, lebt als Ökologe und Schriftsteller in Zürich. Seit 1997 Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Buchveröffentlichungen u. a. «Die wilden Tiere in der Stadt. Zur Naturgeschichte der Stadt», Herausgeber der «Sagen und Legenden der Schweiz» von Meinrad Lienert. Im Limmat Verlag sind lieferbar: «Endstation Eismeer. Schweiz – Titanic – Amerika», «Zürich 1933–1945. 152 Schauplätze» sowie «Himmel und Erde. 101 Sagengeschichten aus der Schweiz und von ennet den Grenzen».

Stefan Ineichen

Cap Arcona 1927–1945. Märchenschiff und Massengrab

Limmat Verlag

Zürich

Cap Arcona und Graf Zeppelin
Schön, schnell und deutsch

Als die Cap Arcona der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft 1927 zum ersten Mal den Atlantik überquerte, wurde sie in Rio de Janeiro von einer brasilianischen Militärkapelle begrüßt und in Buenos Aires vom argentinischen Staatspräsidenten besichtigt. Entstanden in der kurzen Zeitspanne zwischen Nachkriegsmisere und Weltwirtschaftskrise, als auch in Deutschland die zwanziger Jahre golden angehaucht waren, galt das Hamburger Märchenschiff als Symbol eines Landes, das seinen Platz in der globalen Staatenwelt wiederzugewinnen schien, und wurde zum völkerverbindenden Repräsentanten deutscher Industrie und Weltoffenheit – ähnlich dem Luftschiff Graf Zeppelin, dem die Cap Arcona auf der Südamerikaroute immer wieder begegnete.

Reich wie ein Argentinier
Bubikopf und Seidenstrümpfe

Die «Königin des Südatlantik» wurde schnell zum Lieblingsschiff superreicher südamerikanischer Familien, die den europäischen Sommer in Paris zu verbringen pflegten. Während die Passagiere der I. Klasse sich in den vornehm ausgestatteten Gesellschaftsräumen, die den gesamten Aufbau im Mittelteil des Schiffes einnahmen, vergnügten, auf dem Sportdeck tagsüber Tennis spielten und nachts bei tropischen Sommerfesten Tango tanzten, brachte der 206 Meter lange Schnelldampfer im Schiffsbauch Saisonarbeiter aus Südeuropa auf die Plantagen südamerikanischer Großgrundbesitzer.

Krise
Himmlers Freunde

Nach dem Einbruch der Passagier- und Handelsschifffahrt in der Folge des Börsen- und Bankencrashs vom Oktober 1929 und den dramatischen politischen Umwälzungen in Deutschland, Brasilien und Argentinien während der frühen dreißiger Jahre gelang es der Cap Arcona, auch unter der Hakenkreuzflagge wieder an die Erfolge ihrer frühen Jahre anzuknüpfen – nicht zuletzt dank Vergnügungsreisen, die begüterte Touristen über Silvester nach Madeira und Nordafrika führten oder den Kurs über den Südatlantik als Kreuzfahrt anboten. Im Anschluss an die Neuordnung der Schifffahrt in nationalsozialistischen Deutschland gelangte die Hamburg-Süd zunehmend unter den Einfluss der Nährmittelfirma Dr. August Oetker, deren Leiter Mitglied des exklusiven «Freundeskreises Reichsführer SS» war.

Der Schiffsbuchhändler
Flucht und Vergnügen

Im Frühjahr 1939 führte der aus einer Verlegerfamilie stammende Hanns Klasing während dreier Südamerikafahrten die bordeigene Buchhandlung, zu deren Kundschaft Vergnügungsreisende wie Gustaf Gründgens oder Hans Leip zählten. In den Monaten vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dominierten unter den Fahrgästen zeitweise jüdische Flüchtlinge. Einige von ihnen mussten, vermeintlich der Verfolgung entkommen, nach der Überquerung des Meeres die Rückreise antreten, da ihre korrekt erlangten Visa aufgrund veränderter politischer Konstellationen in den Zielländern nicht mehr anerkannt wurden.

Titanic in Gotenhafen
U-Boot-Soldaten und Marinehelferinnen

Nach Kriegsausbruch fuhr die Cap Arcona durch den Nordostseekanal nach Gdynia, das nach der Eroberung Polens durch die Wehrmacht in Gotenhafen umbenannt wurde. Im bedeutendsten deutschen Kriegshafen der Ostsee diente der Dreischornsteindampfer der Kriegsmarine als Wohnschiff. In den Gesellschaftsräumen des ehemaligen Luxusdampfers fanden Truppenbetreuungsabende und Ausbildungseinheiten für Soldaten statt, ab 1943 auch für Marinehelferinnen. Während der Dreharbeiten des Spielfilms Titanic auf der Cap Arcona traf im Sommer 1942 die Welt der Kinoprominenz auf die Helden der – noch – erfolgreichen U-Boot-Waffe. Im Oktober des folgenden Jahrs versammelten sich anlässlich einer Rüstungstagung Funktionäre und Industrieführer um Rüstungsminister Speer und Großadmiral Dönitz auf der Cap Arcona.

Westwärts
Johannes Gerdts und Heinrich Bertram

Anfang Februar 1945 führte Kapitän Johannes Gerdts auf einer ersten Evakuierungsfahrt über zehntausend Personen von Gotenhafen nach Neustadt in Holstein. Nach dem Besuch eines Inspektions-Ingenieurs auf dem reparaturbedürftigen Schiff erschoss sich Gerdts in seiner Kabine. Am 1. März übernahm der erfahrene Kapitän Heinrich Bertram das Kommando und brachte nach der Instandstellung der Cap Arcona in einer zweiten Evakuierungsfahrt rund neuntausend Verwundete und zweitausend Flüchtlinge von der Halbinsel Hela nach Kopenhagen. Am 14. April wurde die wiederum überholungsbedürftige Cap Arcona erneut in die Neustädter Bucht verlegt.

Ende
«Alles Wasser! Alles Feuer! Alles kaputt!»

Als vor der Übergabe der Stadt an die Westalliierten im April 1945 das Hamburger Konzentrationslager Neuengamme geräumt wurde, wurden – gegen den Willen des Kapitäns – Tausende von Häftlingen in die Cap Arcona gepfercht, die fahruntüchtig vor Neustadt auf Reede lag. Am 3. Mai, wenige Stunden bevor britische Truppen Neustadt erreichten, setzten Raketenbomben der Royal Air Force das vermeintliche Truppentransportschiff in Brand. Rund 4500 der Häftlinge kamen im brennenden Schiff und in der kalten Ostsee ums Leben – verbrannt, ertrunken oder erschossen von englischen und deutschen Maschinengewehrsalven. Das Schiff sank und wurde 1950 verschrottet.

Quellen und Anmerkungen

Cap Arcona: Decks in ursprünglicher Bezeichnung, Gesellschaftsräume I. Klasse im Aufbau mittschiffs. Die Räume der II. Klasse befanden sich hauptsächlich im hintern Teil des Dampfers, diejenigen der III. Klasse im Vorschiff. In den 1930er-Jahren erfolgte eine Umbenennung der Decks: Das bisherige C- wurde nun zum A-Deck, das D- zum B-Deck usf.

Cap Arcona und Graf Zeppelin
Schön, schnell und deutsch

«Cap Arcona ist immer noch das schönste, wenn auch nicht das größte Schiff auf allen Meeren. Kein Wunder, dass es bei den Südamerikanern bald sozusagen zum guten Ton gehörte, mit ihm zu fahren», schreibt Ernst Rolin, seit der Jungfernfahrt der Cap Arcona im November 1927 Kapitän des Flaggschiffs der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft, in seinen 1934 veröffentlichten Lebenserinnerungen.

«Es war wohl auf der siebenten Ausreise des beliebten Dampfers», fährt Rolin fort, «dass wir einen scharfen Nordwest mit uns hatten, als wir eben in die Nordsee hinausgekommen waren. Die meisten Passagiere schliefen oder gingen früh in die Koje.

Eine Stunde vor Mitternacht leuchtete es plötzlich in der Höhe auf. Der Wachthabende dachte einen Augenblick an einen Meteor. Mit einem Mal formten sich aus den Lichtzeichen Morsebuchstaben: ‹Hier Graf Zeppelin.› Da klingelte auch schon die Funkstation: ‹Wir haben Verbindung mit dem Luftschiff!› Der Scheinwerfer war klar und leuchtete hinauf. Da zog er hin, der schlanke, silberne Leib. Rote und grüne Lichter an den Seiten. Wieder gab er Morsezeichen: ‹Gute Fahrt, Cap Arcona! Gruß dem Commodore!› Das war Eckeners Gruß, den ich ein Jahr vorher nach Buenos Aires gebracht hatte. Dann verschwand der riesige Vogel im Dunst der Nacht.»

Der Schnelldampfer Cap Arcona, dessen Scheinwerfer im Herbst 1928 im Nachthimmel über der Nordsee den silbernen Leib des Luftschiffs abtastete, war auf dem Weg von Hamburg nach Brasilien und Buenos Aires, während sich der eben erst in Dienst genommene Graf Zeppelin auf einer anderthalbtägigen Testfahrt befand, die von Friedrichshafen am Bodensee über ganz Deutschland bis an die Nordsee führte. Es war kein Zufall, dass Kommandant Hugo Eckener im Jahr zuvor mit Ernst Rolin, der als ranghöchster Kapitän der Hamburg-Süd den Titel Commodore trug, den Südatlantik überquert hatte: Eckener, einst ein enger Mitarbeiter von Ferdinand Graf von Zeppelin und nach dessen Tod im Jahr 1917 Kopf und treibende Kraft des Zeppelin-Konzerns, bereitete die Einrichtung eines transatlantischen Liniendienstes vor.


«Hamburg. Cap Arcona vor der Ausreise bei Nacht». Im Vordergrund die U-Bahnlinie zwischen den Stationen Baumwall und Landungsbrücken.

Wenige Jahre später, 1931, nahm Graf Zeppelin den regelmäßigen Passagierverkehr nach Südamerika auf, von Friedrichshafen – später auch von Frankfurt – meist nonstop nach Pernambuco und weiter nach Rio de Janeiro. «Wir wischen uns die schweißnasse Stirn», berichtet der Korrespondent des Berliner Tageblatts Heinrich E. Jacob 1932 nach seiner Ankunft in Pernambuco. «Ja, ist das denn alles Wirklichkeit? Wir waren am Sonntag in Friedrichshafen, noch schmecken unsere Augen den Schnee. In der Nacht zum Montag fuhren wir ab – wir können doch nicht am Mittwochnachmittag, achtundsechzig Stunden später, plötzlich in Brasilien sein? Aber wir sind es – und wundern uns sehr. Und da wir jetzt herausklettern dürfen und diese Hochsommerwiese streicheln, klettert Eckener als Erster heraus. Ach, wie diese Wiese duftet. – Bom dia!»

Eckener und seine Mitarbeiter betrieben eine effiziente Medien- und Öffentlichkeitsarbeit und luden immer wieder renommierte Journalisten und Schriftsteller ein, die über die Luftschifffahrten der weltweit führenden Firma berichteten. Hermann Hesse unternahm schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Spazierfahrt in der Luft. Arthur Koestler «schwirrt» in den frühen dreißiger Jahren im «silbernen Pfeil» in wenigen hundert Metern Höhe über Länder und Meere «hinweg» – «der große Globus drehte sich da unten wie der kleine in der Schule, wenn ihn der Finger des Lehrers in Rotation versetzt. Wälder, Flüsse, Wogen, Städte tauchten auf und versanken, kreisend und fliehend, über den Rand des Horizonts. Begeisterte Menschen und flüchtende Tiere, heulende Sirenen von Dampfern und Fabriken folgten als gleichmäßiges Echo, wo unser Schatten über die Erde zog.»

Während der Fahrt über den Atlantik lehnten sich die Passagiere des Luftschiffs über die schräg nach unten geneigten Fenster des Aufenthalts- und Speiseraums der Gondel, die, aus der Ferne kaum sichtbar, weit vorne am Bauch des gut 236 Meter langen Fahrzeugs angebracht war, und betrachteten das Meer, das in der Mondnacht – in den Worten Jacobs – «wie getriebenes Silber» unter ihnen lag, in der Frühsonne gleißte «wie schwarzer Stahl», sich später in «siebenerlei verschiedenem Grün» zeigte und bei hohem Seegang bekrönte «mit zornigem Schaum. Zwei Dampfer taumeln bergauf, bergab.»

Die Dampfer, die die Passagiere zwischen Europa und Südamerika aus den Fenstern des Graf Zeppelin beobachteten, verfolgten oft eine ähnliche Route wie das Luftschiff: eine möglichst direkte Linie von der Iberischen Halbinsel an den Kanarischen und den Kapverdischen Inseln vorbei nach Pernambuco, wo der südamerikanische Kontinent am weitesten ostwärts in den Atlantik ragt. Schnelldampfer wie die Cap Arcona schlugen einen Kurs weiter südlich ein, um die brasilianische Küste auf der Höhe von Rio zu erreichen. Während Graf Zeppelin bis 1936, als auch die Hindenburg einzelne Fahrten auf der Südamerikalinie übernahm, das einzige Fahrzeug auf dem Luftweg blieb, tummelten sich auf dem Wasserweg viele Schiffe zahlreicher Reedereien verschiedener Herkunft. Auch auf dem Südatlantik dominierten britische Schifffahrtsunternehmen, in einigem Abstand gefolgt von französischen und deutschen Linien, unter denen wiederum die Hamburg-Süd als ganz auf die Südamerikaroute spezialisierte Reederei den größten Marktanteil hatte.

Vielleicht haben die Luftschiffpassagiere bei ihrem Flug über den Globus die winzige Cap Arcona auf der weiten Wasserfläche entdeckt, nachdem ihr Blick der viele Kilometer langen Spur des Kielwassers in der Breite des Dampfers gefolgt war, die die 206 Meter lange «Königin des Südatlantik» bei ruhiger See wie eine Schleppe nach sich zog. Aus geringerer Distanz waren auch die weiß schäumenden Bugwellen auszumachen, die sich wie bei allen Schiffen beidseitig in einem Winkel von knapp 20° abspreizten und in der Entfernung meist schnell verloren, und bei guter Sicht bald auch ein weiß gestrichener Streifen, der die Oberkante des schwarzen Schiffsrumpfs der Cap Arcona begrenzte, im Mittelteil überragt von einem Deckaufbau, der drei Schornsteine trug. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass nur aus den vorderen beiden Rauchwolken entwichen – der hinterste Schornstein war wie bei der Titanic und andern Überseedampfern eine Attrappe. Die Schornsteine der Cap Arcona waren im untern Teil weiß und im obersten Drittel rot bemalt: Weiße Schornsteine mit roten Topps waren schon kurz vor dem Ersten Weltkrieg zum Merkmal der Hamburg-Süd-Dampfer geworden. Hinter den «Zigaretten-Schornsteinen» schloss sich auf dem Oberdeck ein Sportplatz in der Größe eines Tennisfeldes an. Wenn sich das Luftschiff dem Dampfer näherte, versammelten sich die Passagiere auf dem Sportdeck, kletterten auf die Abschrankung des Tennisplatzes, winkten und schwenkten ihre Hüte. Die Begegnung mit einem Zeppelin auf dem offenen Meer bedeutete für die Fahrgäste des Schnelldampfers während der neuntägigen Überfahrt zwischen Lissabon und Rio eine willkommene Abwechslung. «Begegnungen mit Seeschiffen waren für beide Seiten stets erfreulich», stellt Hans von Schiller, langjähriger Kommandant des Graf Zeppelin, fest. «Die Dampfer, die tagelang nur See und Wolken kannten, wandten sich oft mit der Bitte um Besuch an den Zeppelin, wenn er in der Nähe war. Das geschah in rauher Seemannsart oft in einem Neckton. So sandte uns die Cap Arcona, eines der schönsten Schiffe auf dem Südatlantik, einmal den Funkspruch: ‹Tausend schöne Augen warten auf den Anblick Ihres schönen Schiffes.› Ein andermal aber, als sie wegen der schlechten Konjunktur in Südamerika nur wenige Passagiere an Bord hatte, wir aber ausverkauft waren, telegraphierte sie: ‹Sammeln für Luftschiffabwehrgeschütz!› Wir antworteten: ‹Nicht schießen, gute Leute stop anbieten Friedenspfeife, da bei uns sowieso Nichtraucher.›»

Auch andere Schiffe der Hamburg-Süd lockten den Graf Zeppelin in ihre Nähe: «Eines Sonntagmorgens begegnete wir zwischen Bahia und Rio dem nach Süden fahrenden Dampfer Monte Rosa», erinnert sich Hans von Schiller. «Von ihm erhielten wir folgenden Funkspruch: ‹K. an K. (Kapitän an Kapitän): Anbiete Ihnen Flasche Sekt auf Flaggenknopf hinteren Mastes. Bitte Anweisung über Manöver.› Unsere Antwort lautete: ‹Einverstanden, vorausgesetzt, dass gute Marke stop jedoch nicht hinterer Mast, sondern achtern, neben Flaggenstock bereithalten stop Kurs gegen Wind, laufe von achtern auf.›»


Cap Arcona an der Überseebrücke im Hamburger Hafen, rechts unten im Bild Areal der Deutschen Werft. Der Hamburg-Süd-Dampfer wurde 1927 in der benachbarten Werft Blohm & Voss gebaut.

Die deutschen Urlauber, die 1936 auf der Monte Rosa – eigentlich ein Motorschiff und kein Dampfer – unterwegs waren, freuten sich: «Bei hellem Sonnenschein eine Begegnung mit einem unserer Luftschiffe, das war das Höchste, was wir an außerordentlichen Überraschungen auf dieser Reise wohl erwarten durften», hält einer der Teilnehmer der Kreuzfahrt nach Afrika und Brasilien fest. Die Passagiere des 152 Meter langen Zweischornsteinschiffs erfuhren vom bevorstehenden Ereignis, noch bevor die Sektflasche neben dem Flaggenstock am Heck bereitgehalten wurde: «Wie elektrisiert stürzte alles an Bord auf Deck, möglichst zu den höchsten Stellen, die uns zu betreten gestattet sind, um ja den besten Blickpunkt für ein solches Ereignis zu erwischen. Manche erkletterten die Aufbauten des Schiffes, oder sie setzten sich auf die mit Segeltuchdecken überzogenen Rettungsboote. Die photografischen Apparate werden gerichtet, mit den Ferngläsern wird backbord achtern der Horizont eifrig abgesucht. Der Zeppelin ist schon in Sicht. Als kleiner, dunkler Punkt kann man ihn wahrnehmen, der schneller und schneller sich vergrößert und sicheren Kurs auf unser Passagierschiff nimmt. Nun werden auch die Konturen des Luftschiffs deutlich. Wohl kaum noch tausend Meter trennen uns noch von dem gewaltigen Luftschiff. Man meint unwillkürlich, dass es seine Fahrtgeschwindigkeit schon wesentlich verlangsamt hat. Überall treten jetzt die Apparate in Tätigkeit, unzählige Aufnahmen werden gemacht, und, ohne dass man es sonderlich merkt, steht das Luftschiff über unserer Monte Rosa. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Rufen und Winken vom Dampfer zum Luftschiff und von diesem, wo an allen Fenstern die Passagiere sichtbar werden, zu unserem Schiff herab.

Inzwischen ist der Zeppelin schätzungsweise auf eine Höhe von 30 Metern über unser Schiff hinuntergekommen. Drei von den fünf Motoren sind abgestoppt, um in gleicher Geschwindigkeit über uns bleiben zu können und das Manöver des Hochholens der Schaumweinflasche sicher durchzuführen.

Unten auf dem Deck ertönt die Schiffsmusik, spielt die Nationalhymne, in die die Passagiere begeistert einstimmen. Vom Fenster der Führergondel ist eine Leine herabgelassen, die schon nach kurzen Versuchen von den beiden Matrosen am Mast ergriffen wird, um den Flaschengruß der Monte Rosa zum Luftschiff zu senden. Umflattert von einem Wimpel sieht man plötzlich den Flaschengruß hochgehoben und Kurs auf die Führergondel nehmen, wo er bald darauf durch ein Fenster glücklich eingezogen wird. Nochmals ein Winken von der Führergondel als Dank an unseren Kapitän, dann setzen alle Motoren in voller Kraft wieder ein und mit einem dreimaligen Sirenengruß unseres Schiffes nimmt nun der Graf Zeppelin Abschied von uns. Nun erst zeigt sich die gewaltige Geschwindigkeit. Ungehemmt zieht er im Äther davon, seinem Ziele entgegen. Alle bleiben noch wie gebannt stehen und sehen ihm nach, bis er schnell in Richtung Rio de Janeiro am Horizont verschwunden ist.»

Das Schiffsorchester intoniert die Nationalhymne beim Zusammentreffen mit Graf Zeppelin, der vom deutschen Urlauber als «unser Luftschiff» bezeichnet wird: Zeppeline waren nicht bloß einzigartige Verkehrsmittel, die in einer bisher unerreichten Geschwindigkeit fünfundzwanzig Passagiere von Europa nach Südamerika bringen konnten, sondern verkörperten – besonders in den späten zwanziger Jahren – Deutschlands Nationalstolz.


Cap Arcona, Luftbild. Auf dem Oberdeck achtern der Tennisplatz, darunter befindet sich der Speisesaal I. Klasse. Auf dem Salondeck schließen sich im Aufbau mittschiffs die weiteren Gesellschaftsräume an:Halle, Festsaal und zuvorderst Rauchsalon.

Durch den Ersten Weltkrieg war Deutschland in eine desolate Lage geraten. Im Versailler Vertrag wurde im Januar 1919 die Kriegsschuld Deutschlands und seiner Verbündeten festgeschrieben und damit die Verpflichtung, als Urheber für Verluste und Schäden aufzukommen, die die Kriegsgegner erlitten hatten. Die Reparationszahlungen trugen dazu bei, dass das durch die Aufnahme von Kriegsanleihen ohnehin hochverschuldete Deutschland wirtschaftlich nicht vom Fleck kam und in die Spirale der Hyperinflation geriet, die etwa das Porto für einen Inlandbrief von Ende Juni 1923 bis Mitte November des gleichen Jahres von hundert Mark auf zehn Milliarden Mark anwachsen ließ. Deutschland hatte durch die internationalen Verträge in der Folge des Ersten Weltkriegs nicht nur seine Kolonien, sondern auch mehr als einen Achtel des nationalen Gebiets verloren, darunter Westpreußen und Posen an Polen und Elsass-Lothringen an Frankreich. Damit gingen auch drei Viertel der förderträchtigen Eisenerz- und ein Viertel der Steinkohlelager verloren. Im Westen des Landes waren im Moselgebiet und über den Rhein hinaus bis weit über die Mitte der zwanziger Jahre alliierte Besatzungstruppen stationiert, zudem waren französische Truppen mit belgischer und italienischer Unterstützung 1923 ins Ruhrgebiet einmarschiert, nachdem Deutschland mit Kohle- und Holzlieferungen im Rahmen der Reparationszahlungen in Rückstand geraten war. Deutschland galt in den Nachkriegsjahren als nicht in die Völkergemeinschaft integrierbarer Schurkenstaat, durfte weder 1920 noch 1924 an den Olympischen Spielen teilnehmen und wurde erst 1926 in den Völkerbund aufgenommen.

Weite Teile der deutschen Bevölkerung empfanden die Behandlung ihres Landes als ungerecht. Viele Deutsche verstanden sich weit eher als Mitglied einer auf sich gestellten Volksgemeinschaft denn als Teil einer weltumspannenden Völkergemeinschaft. Sie sahen sich als Opfer der Geschichte, lehnten die Verantwortung für die Katastrophe des Weltkriegs ab und waren der Meinung, dass das tapfere, unbesiegbare deutsche Heer seine Niederlage einer hinterrücks erfolgten Attacke durch Sozialisten und Juden zu verdanken hätte. Auch nach Kriegsende verharrten die Kriegsgegner – besonders Deutschland und Frankreich, das sich ebenfalls lange unversöhnlich zeigte – in politischen Schützengräben.


Deutsche Wunderwaffen des Ersten Weltkriegs, kommentiert auf der Rückseite der Ansichtskarte: «Der unbeschränkte U-Bootkrieg. Unsere U-Boote und Zeppeline sichten die englische Küste.»

Ressentiments gegen Frankreich blitzen auch in der Reporterfahrt ins neue Südamerika wiederholt auf, die der Reisejournalist Albert Köhler nach der Jungfernfahrt der Cap Arcona veröffentlichte: «In der Bucht wird gestoppt, der Hafen ist zur Einfahrt zu miserabel. Frankreich hat nur Geld für sein Heer, nicht für seine Häfen. Die Schifffahrt mag verrecken, wenn nur der Säbel klirrt», kommentiert Köhler die Annäherung an Boulogne-sur-Mer, den ersten Hafen, den die Cap Arcona auf ihrer Fahrt nach Südamerika anlief. Zwei kleine französische Dampfer näherten sich dem großen deutschen Schiff, um Passagiere und Fracht vom und zum Festland zu bringen. «Ein paar Jungen verwinden es nicht, mit höllischer Freude oben vom Promenadendeck herab in die Schornsteine der Franzosen zu spucken. Ich weise sie zurecht, aber sie behaupten: ‹Bei uns an der Mosel haben sie uns auch bespuckt!› – Lange liegen wir vor Boulogne. Das scheint mir fast die Absicht der Hafenbehörde, damit die Cap Arcona die Rekordfahrt in 15 Tagen bis Buenos Aires nicht leisten könne.»

Der Welterfolg von Eckeners Zeppelinen war Balsam für Deutschlands wunde Seele. Im Ersten Weltkrieg hatten die nun bejubelten deutschen Starrluftschiffe noch als Inbegriff heimtückischer und perfider Waffen gegolten, vergleichbar nur mit U-Booten. Deutsche Militärluftschiffe griffen besonders in den ersten Kriegsjahren zivile Ziele jenseits der Frontlinien an, bombardierten Warschau, Antwerpen, Paris und London, kombinierten schon bald Sprengbomben, die brennbare Gebäudeteile freilegen und Rettungseinsätze behindern sollten, mit Brandbomben, entwickelten also, wenn auch in vergleichsweise bescheidenem Ausmaß, die im Zweiten Weltkrieg angewandten, verheerenden Methoden des «moral bombing»: «Ich kann mir keinen schöneren Moment vorstellen, als wenn die erste 300-Kilo-Bombe unten angelangt mit einem enormen Krachen detoniert, so dass selbst das mehrere tausend Meter hohe Schiff erschüttert wird», heißt es im Bericht eines Luftschiff-Offiziers, der Einsätze über England flog.


Der Flug des Graf Zeppelin rund um den Erdball machte Hugo Eckener weltberühmt. Beim fahrplanmäßigen Verkehr auf der Südamerikaroute begegnete das schnelle Luftschiff immer wieder der Cap Arcona.

Nach dem Krieg mussten nicht nur die verbliebenen Militärluftschiffe an die Alliierten abgegeben werden, sondern auch die beiden Passagierluftschiffe, die im Liniendienst auf der Strecke Friedrichshafen–München–Berlin eingesetzt wurden. Da Deutschland in den ersten Nachkriegsjahren keine motorisierten Flugzeuge und Luftschiffe bauen durfte, war die Luftschiffbau Zeppelin GmbH lahmgelegt, zudem sollten die Friedrichshafener Luftschiffhallen abgebrochen werden. Hugo Eckener gelang es nun, den Luftschiffbau weiterzuführen, indem er vorschlug, einen Teil der Reparationsleistungen an die USA durch die Lieferung eines Luftschiffs abzudecken. Die USA willigten unter der Bedingung ein, dass das «Reparationsluftschiff» frei Haus nach Amerika geliefert werden konnte. Eckener brachte den zweihundert Meter langen Zeppelin Mitte Oktober 1924 über das Meer nach Lakehurst. «Möge er», wünscht sich der Luftschiffer Anton Wittemann, der Eckener auf dem einundachtzigstündigen Transatlantikflug begleitete, «als aufrichtiger Sendbote deutschen Friedensbeweises, durch seine schnelle Verbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt dazu beitragen, die Schranken zwischen den beiden Völkern niederzureißen und einander durch gegenseitiges Vertrauen näherbringen. Möge es dem deutschen Volke, das durch sein unerreichbares technisches Kunstwerk den Beweis erbracht hat, kulturellem Fortschritt jederzeit zu dienen, auch weiterhin vergönnt sein, seinen Anteil hierzu beitragen zu dürfen, zum Segen des deutschen Volkes wie der gesamten Menschheit.»

Hugo Eckener wurde in Amerika und Deutschland stürmisch gefeiert. Nachdem die Alliierten das Bauverbot für motorgetriebene Luftfahrzeuge 1925 aufgehoben hatten, machte sich die Friedrichshafener Firma an den Bau des Graf Zeppelin, der zu mehr als der Hälfte durch eine landesweite Geldsammlung, die Zeppelin-Eckener-Spende, finanziert wurde, während der Rest der Baukosten durch das Deutsche Reich und die Luftschiffbau-Firma getragen wurde. Graf Zeppelin festigte Eckeners Weltruhm: Im Spätsommer 1929 umrundete das neue Luftschiff als erstes Flugobjekt den Globus, Hugo Eckeners Porträt gelangte auf die Titelseite des Time Magazine. Eckener wurde – laut Eintrag in der Deutschen Biographie – «zur Persönlichkeit von universellem Format. Musisch gebildet, außerordentlich belesen und nachhaltig der freien Rede mächtig, wirkte er überall im Ausland als vornehmer Repräsentant Deutschlands. Abseits jeder politischen Diplomatie mehrte er nach verlorenem Kriege auch den neuen politischen Kredit und trug besonders zu einer amerikanisch-deutschen Entspannung bei.»

Die Cap Arcona umrundete nicht die Welt, und Ernst Rolin schaffte es nicht auf das Cover des Time Magazine, doch das Luxusschiff stand wie das Luftschiff für ein neues Deutschland, das in der Phase zwischen Währungsreform und Wirtschaftskrise, als die zwanziger Jahre auch in Deutschland zumindest golden angehaucht waren, für eine Nation, die ihren Stolz zurückerlangte. Das Verhältnis zwischen den Kriegsgegnern begann sich zu normalisieren. Aus den Reichstagswahlen 1928 ging mit fast dreißig Prozent Stimmenanteil einmal mehr die Sozialdemokratische Partei als Siegerin hervor und war anschließend in einer großen Koalition mit bürgerlichen Mitteparteien an der Regierung beteiligt – die Nationalistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP musste dagegen Stimmenverluste hinnehmen und blieb mit 2,6 Prozent der Stimmen eine Splitterpartei. Die deutsche Industrieproduktion überflügelte die englische, die Arbeitslosenquote war tiefer als in Großbritannien, mit rund zehn Prozent allerdings deutlich höher als in Frankreich und den USA. Die Cap Arcona war das größte Schiff, das in Deutschland seit dem Krieg gebaut wurde, erreichte zwar nicht die Ausmaße der drei gigantischen Dampfer, die als größte Schiffe der Welt kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Hamburg vom Stapel gelaufen waren, verzichtete aber auch auf die Großspurigkeit, die bei den drei Vorkriegsdampfern schon in ihren martialischen Namen Imperator, Vaterland und Bismarck zum Ausdruck kam. Die Cap Arcona, benannt nach dem Kap Arkona, einer ins Meer ragenden Steilküste im Norden der Insel Rügen, jedoch weicher und international eingängiger zweifach mit C statt mit K geschrieben, strahlte dagegen in ihrer wohlproportionierten Silhouette und mit den lebendig roten Topps eine Leichtigkeit aus, die den Vorkriegsmonstern abging, verfügte über modern ausgestattete, luftige Gesellschaftsräume, vermochte höchste Ansprüche einer reichen Kundschaft zu erfüllen, fuhr pannenfrei, hielt ihren Fahrplan ein und war vorerst das schnellste Schiff auf der Südamerikaroute – ein Musterbeispiel «dessen, was der deutsche Reeder an technischer Zuverlässigkeit und an organisatorischer Gewissenhaftigkeit leisten konnte», wie es im Geleitwort zu Rolins Lebenserinnerungen heißt. «Diese Welt des deutschen Schiffes war kein äußerer Schein, sondern die solide Summe aller guten deutschen Eigenschaften. Wenn es hinausfuhr in fremde Häfen, an ferne Küsten, dann blieb es immer ein wertvolles Stück der Heimat, aber ausgestattet mit allen guten Fähigkeiten, sich in die Wünsche und Bedürfnisse der fremden Völker einzufühlen, denen es ebenso dienen musste wie den eigenen.»

Und der Reisejournalist Albert Köhler meint mit einem Seitenhieb auf den Parlamentarismus der Weimarer Republik: «Ein einziger Dampfer wie Cap Arcona, der für deutsche Technik und Leistung eine klare Sprache spricht und der die Völker aller Zungen friedlich zu einer großen Familie in seine fabelhaft eleganten Räume schließt, hebt Deutschlands Weltgeltung und auch seine Börsenaktien mehr als tausend Reichstags-‹Reden›.»

Die Probefahrt der Cap Arcona wurde Ende Oktober 1927 in Hamburg und entlang der Elbe von Abertausenden von begeisterten Zuschauern bejubelt, und als das neue Schiff auf seiner Jungfernfahrt Anfang Dezember des gleichen Jahres im Hafen von Buenos Aires lag, kamen innerhalb eines Tages über fünfzehntausend Besucher an Bord, um das neue Wunderschiff zu besichtigen. Der argentinische Staatspräsident Marcelo Torcuato de Alvear, der es sich am folgenden Morgen, kurz vor Beginn der Rückfahrt, nicht nehmen ließ, den Schnelldampfer ebenfalls zu besichtigen, beglückwünschte die Hamburg-Süd in einem Telegramm für die «hervorragende Leistung, welche Ihr Dampfer Cap Arcona darstellt», und schließt: «Ich betrachte dieses Schiff als einen würdigen Vertreter des gewaltigen Fortschritts der deutschen Schifffahrt und Industrie und hoffe, dass es ein weiteres Bindeglied für die Annäherung und Förderung der guten Beziehungen sein wird, welche unsere Völker verbinden. Alvear, Präsident der argentinischen Nation.» Nach Ablauf seiner Präsidentschaft (1928) überquerte Alvear den Atlantik mehrmals auf der Cap Arcona.

Ernst Rolin brauchte keinen Dolmetscher, als er den Staatspräsidenten durch die Cap Arcona führte. Der Commodore sprach fließend Spanisch. Rolin, geboren 1863 in Gowarzewo in der damals preußischen Provinz Posen – heute polnisch –, war als fünfzehnjähriger Schiffsjunge auf einem Segler nach fünfundsechzigtägiger Fahrt zum ersten Mal von Hamburg nach Südamerika gelangt. Bereits im Besitz des Kapitänspatentes, trat er 1890 bei der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft in Dienst, die 1871 gegründet worden war, im gleichen Jahr wie das Deutsche Reich. Für die Hamburg-Süd fuhr Ernst Rolin jahrelang der südamerikanischen Küste entlang, zuerst nach Patagonien und Feuerland, später in den Norden Brasiliens, führte dann komfortable Passagierdampfer über den Südatlantik und war auch bei Kriegsausbruch Ende Juli 1914 auf dem Weg von Hamburg nach Pernambuco.

Unter den Passagieren befanden sich auf dieser Fahrt, berichtet Rolin in seinen Lebenserinnerungen, «Vertreter der verschiedensten Nationen. Als die Kriegserklärungen bekannt wurden, herrschte an Bord begreiflicherweise erhebliche Aufregung.» Mit einer kurzen Ansprache, die er auf Deutsch, Spanisch und Englisch hielt, gelang es dem Kapitän, die zerstrittenen Passagiere zu beruhigen: «Wir haben im vollen Frieden die europäischen Häfen verlassen und sind von der Kriegserklärung überrumpelt worden. Der Krieg wird an Land ausgetragen. Daher bitte ich jeden Einzelnen unter Ihnen, seine persönliche Einstellung und Stimmung zurückzustellen und, jeder an seinem Teil, die schöne Harmonie mit hochzuhalten, die bis jetzt an Bord geherrscht hat. Mir persönlich liegt es völlig fern, hier an Bord zwischen den einzelnen Nationen irgendwelchen Unterschied zu machen. Ich stehe jedem von Ihnen mit derselben Bereitwilligkeit zur Verfügung.»

Bald wurde der Krieg nicht mehr nur an Land ausgetragen. Brasilien zählte zu Beginn des Kriegs zu den neutralen Staaten. Mit einem Dutzend anderer deutscher Dampfer lag Rolins Cap Vilano – schon damals benannte die Hamburg-Süd ihre beliebten Passagierschiffe nach Kaps, schon damals gab es auch eine erste Cap Arcona – untätig im Hafen von Pernambuco, vorerst auch aus deutscher Sicht gut informiert über das Kriegsgeschehen durch eine später von englischer Seite gekappte Kabelverbindung, die von Deutschland über Spanien durch das Meer nach Brasilien führte. Als deutsche Torpedoboote brasilianische Dampfer torpedierten, die Kriegsmaterial nach Frankreich lieferten, wurden im Sommer 1917 die Cap Vilano und die übrigen deutschen Schiffe beschlagnahmt, Brasilien erklärte Deutschland bald darauf den Krieg.

Ernst Rolin verließ Brasilien und begab sich nach Argentinien, erlangte dort sowohl das Bürgerrecht als auch das argentinische Kapitänspatent und übernahm einen Küstendampfer. Nach dem Krieg mussten die deutschen Reedereien sämtliche größeren Schiffe und einen Teil der kleineren an die Alliierten abgeben, womit die im Krieg erlittenen Verluste der Siegerstaaten zwar nicht ansatzweise ausgeglichen werden konnten, was aber auch die Hamburg-Süd praktisch ihrer gesamten Flotte beraubte. Die ersten Nachkriegsfahrten unternahm die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit drei Schonern, die mit Salzlieferungen nach Südamerika segelten. Doch wie andere deutsche Reedereien erholte sich die kapitalkräftige Gesellschaft rasch, nach Aussage des Schifffahrtshistorikers Hartmut Rübner nicht zuletzt dank staatlicher Anschubfinanzierung, Deviseneinnahmen sowie der Tatsache, dass deutsche Firmen aufgrund der schwachen Währung und der tiefen Löhne auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig blieben. 1921 gelang es der Reederei, mehrere der konfiszierten Dampfer zurückzukaufen, darunter die Cap Polonio, einen fast zweihundert Meter langen Dreischornsteindampfer, der 1914 vom Stapel gelaufen war. Nachdem die Cap Polonio bei Blohm & Voss in Hamburg revidiert und mit Ölfeuerung ausgestattet worden war, übernahm Rolin 1922 das Kommando des Ozeanriesen, dessen Kapitän er bis zur Jungfernfahrt der Cap Arcona im Herbst 1927 blieb.

Albert Köhler beschreibt in seinem Reisebericht, wie der Kapitän, der sieben Sprachen perfekt beherrschte, «in Tennishose und Sonnenbrille» über das Deck der Cap Arcona promenierte, umringt von Kindern, die «Il commodore!» rufen, und erlebte ihn als Promoter für Deutschland: «Wie viel Freunde ein Mann wie Rolin auf jeder Fahrt für sein Vaterland wirbt, das könnte ihm eine Geheimratsurkunde nur schwach vergelten. Wer Rolin schätzt, schätzt Deutschland. Und Rolin schätzt jeder, der nur einmal seinen Erzählungen gelauscht hat.»

Weltgewandt und polyglott waren Ernst Rolin wie Hugo Eckener in den wenigen, hoffnungsvollen Jahren zwischen Nachkriegsmisere und Weltwirtschaftskrise Botschafter für ein Deutschland, das sich aufmachte, eine neue, selbstbewusste Stellung innerhalb der Völkergemeinschaft einzunehmen, jenseits von nationalistischer Arroganz, larmoyanter Geschichtsklitterung und Ausblendung der Eigenverantwortung für die katastrophalen Folgen des Großen Krieges. Mit Luftschiff und Luxusdampfer meldete sich Deutschland zurück – ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg mit VW Käfer und dem Fußballwunder von Bern. Noch 1934, als die Cap Arcona am 9. März zum fünfzigsten Mal in Santos, der Hafenstadt vor São Paulo, eintraf, zeugt ein brasilianischer Zeitungsbericht von der ungebrochenen Ausstrahlung der beiden Verkehrsmittel: «Wenn das stolze Schiff wieder in den Hamburger Hafen einläuft, dann hat es eine Entfernung von insgesamt siebenhunderttausend Seemeilen mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit und ohne den geringsten Zwischenfall zurückgelegt. Die Cap Arcona ist in unseren Augen mehr als ein großer, schöner Passagierdampfer. Sie ist das Schiff, dem unsere Herzen gehören. Graf Zeppelin und die Cap Arcona, die sich oft auf hoher See begegnet sind, und in neuerer Zeit auch die Dornier-Wal-Maschinen, die den ersten regelmäßigen Luftpostdienst zwischen Europa und Brasilien versehen, sie gehören zusammen, denn sie arbeiten für den Weltverkehr.»

Die Flugboote der aus einer Tochtergesellschaft der Friedrichshafener Zeppelinwerke entstandenen Firma Dornier läuteten das Ende der vergleichsweise gemütlichen Ära der Schnelldampfer und der noch schnelleren Luftschiffe ein. Vorerst dienten die Flugzeuge, die auf dem Wasser landen konnten, der Beschleunigung des transatlantischen Postverkehrs. Graf Zeppelin erreichte Südamerika zwar in wenigen Tagen, verfügte jedoch nur über eine beschränkte Transportkapazität. Da es die Reichweite der Postflugzeuge noch nicht erlaubte, die Distanz von Europa oder Afrika nach Südamerika ohne Zwischenstopp zu überwinden, brachten Dornier-Maschinen der Lufthansa die Postsäcke vor Afrika auf dem offenen Meer zu Linienschiffen wie der Cap Arcona, welche die Säcke aufnahmen, um sie in der Nähe der brasilianischen Küste wiederum an Flugboote des südamerikanischen Syndicato Condor zu übergeben, die die Post in Windeseile ans Festland brachten. Der erste Test für diesen beschleunigten Postversand gelang im März 1930, wie Ernst Rolin berichtet: «Auf der Ausreise machte ein Flugzeug des Syndicats Condor ein interessantes Experiment. Um den Seeweg der europäischen Post abzukürzen oder den ausfahrenden Schiffen die Post später nachzubringen, kam man auf den Gedanken, einen wasserdichten Sack in voller Fahrt an eine vom Schiff ausgesteckte Leine zu binden, die dann an Bord eingeholt wird. Dieser Versuch gelang der Cap Arcona im Hafen von Rio vollkommen. Das Wasserflugzeug Santos Dumont arbeitete sich auf dem Wasser an die Leine heran. Wir nahmen und gaben den Postsack unversehrt an und von Bord.» Dieses System des Postverkehrs wurde bis 1934 beibehalten, als die Lufthansa die gesamte Route übernahm, indem sie vor Afrika und Südamerika umgebaute Frachtschiffe einzusetzen begann, die als Zwischenstationen für die Dornier-Flugzeuge dienten, die Flugboote mit einem Kran aus dem Wasser hoben und dann, neu betankt, entlang einer Schiene mittels einer Katapultvorrichtung zur Fortsetzung ihrer Reise wieder in die Luft schleuderten.


Der brasilianische Flugpionier Alberto Santos-Dumont unternahm 1906 in einem selbstgebauten Doppeldecker mit nach vorne gerichtetem Kastendrachen in Paris einen Rekordflug über 220 Meter. Als Passagier der Cap Arcona musste er 1928 miterleben, wie ein nach ihm benanntes Flugzeug, das ihn vor der brasilianischen Küste begrüßen wollte, explodierte und ins Meer stürzte.

Das Flugboot Santos Dumont, das Commodore Rolin erwähnt, war nach dem brasilianischen Flugpionier Alberto Santos-Dumont benannt, der um die Jahrhundertwende in Paris spektakuläre Flugexperimente unternahm. «Der kleine Santos», wie der 167 Zentimeter große Brasilianer mit französischen Wurzeln genannt wurde, liess sich als Erbe eines schwerreichen Kaffeepflanzers im Alter von achtzehn Jahren in Paris nieder, der europäischen Hauptstadt der südamerikanischen Oberschicht. 1898 baute er einen funktionsfähigen, kugelförmigen Ballon aus Japanseide und mit einem Bambuskorb, der mit einem Gewicht von bloß zwanzig Kilogramm ohne Weiteres als Handgepäck transportierbar war. 1901 umrundete er in einem ebenfalls selbstgebauten, mittels Verbrennungsmotor lenkbaren Luftschiff als Erster den Eiffelturm, zwei Jahre später konstruierte der als stets elegant gekleidet, höflich und mutig beschriebene Santos-Dumont ein elf Meter langes, gelbes Luftschiff, das er als innerstädtisches Verkehrsmittel einsetzte, wenn er etwa im Jugendstil-Restaurant Maxim’s Baron Edmond de Rothschild traf, in dessen Park er gelegentlich abstürzte, oder den Juwelier Louis Cartier, der für Santos eine Armbanduhr kreierte, die heute noch im Handel ist.

1906 unternahm der außerhalb Brasiliens weitgehend vergessene Flugpionier mit einem Doppeldecker auf Fahrradrädern, dessen nach vorne gerichteter Schwanz am Bug von einem Kastendrachen stabilisiert wurde, den Versuch, als Erster mit einem Motorflugzeug über hundert Meter weit zu fliegen. Als er sein Gerät zu diesem Zweck im Bois de Boulogne platzierte, hatte sich auch Louis Blériot, der 1909 als Erster den Ärmelkanal überfliegen sollte, mit seiner Maschine bereit gemacht, um den Preis für den ersten Hundertmeterflug zu ergattern. Santos überließ Blériot den Vortritt und setzte erst zum Start an, als Blériots Flugmaschine nach mehreren Startversuchen zum Wrack geworden war, ohne überhaupt abgehoben zu haben. Anschließend flog der kleine Santos mit seinem Gefährt, das schwerer als Luft war, über zweihundertzwanzig Meter.

Desinteressiert an Konkurrenz und der bald einsetzenden Kommerzialisierung des Flugwesens und angewidert von der Entwicklung der Luftwaffe zog sich Alberto Santos-Dumont aus dem Geschäft zurück, lebte zeitweise in Europa und in Brasilien, erkrankte an multipler Sklerose und setzte sich für die Ächtung des Luftkriegs ein. Eine entsprechende Eingabe, die Santos-Dumont an den Völkerbund richtete, blieb unbeantwortet.

1928 fuhr der Flugpionier a. D., der sich auch schriftstellerisch betätigte, auf der Cap Arcona nach Brasilien, wo er Mitglied der nationalen Literaturakademie werden sollte. Am 3. Dezember, einige Wochen nach der nächtlichen Begegnung des Schnelldampfers mit dem Graf Zeppelin über der Nordsee, erschienen zur Begrüßung des berühmten Gastes vor der brasilianischen Küste zwei Wasserflugzeuge mit Fliegern und Vertretern der brasilianischen Intelligenz an Bord, vollführten luftakrobatische Kunststücke und wollten Blumen und einen Willkommensgruß an einem kleinen Fallschirm über den auf dem Deck versammelten Passagieren der Cap Arcona abwerfen. Doch das eine der beiden Flugzeuge, die nach dem Gefeierten benannte Santos Dumont des Condor-Syndikats, übernahm sich, explodierte und stürzte ins Meer.

Alle Insassen waren tot. Alberto Santos-Dumont nahm an den Begräbnissen sämtlicher Opfer teil.

Am Morgen des 23. Juli 1932, dreieinhalb Jahre später, beobachte Santos-Dumont in seinem Haus an der brasilianischen Küste zwei Flugzeuge, die im Tiefflug über den Strand flogen und Bomben abwarfen – in Brasilien war eine Revolte ausgebrochen, die von der Regierung schließlich nicht zuletzt dank des Einsatzes der Luftwaffe unterdrückt werden konnte. Santos-Dumont erhängte sich im Badezimmer mit einer Krawatte.

Schon auf seiner ersten Südamerikafahrt fuhr der Graf Zeppelin zu Ehren «des Vorkämpfers des Luftschiffes» Santos-Dumonts über Brasilien eine Schleife. Aus dem hochgeklappten Fenster des Zeppelins wurde laut Hugo Eckener «ein prächtiger Blumenstreif» hinuntergeworfen.

Reich wie ein Argentinier
Bubikopf und Seidenstrümpfe

«Schon beim Anblick eines Überseedampfers wird die Phantasie wach, breitet ihre Schwingen aus und fliegt in Palmenwälder unter heißer Sonne zu rauschendem Leben in weiten, unbestimmten Fernen, zu Eilanden, verloren im Weltmeer, auf denen dunkelhäutige Menschen das Leben im Rhythmus der Natur kindhaft und glücklich leben, zu allem, was die Sehnsucht sucht und nie finden wird», schrieb Hans Röhring in der Kölnischen Zeitung. «Diese Gedanken überkamen mich, als ich, die Einladung der Hamburg-Süd in der Tasche, von Köln nach Hamburg fuhr, um an der Probefahrt der Cap Arcona teilzunehmen.»

Die anderthalbtägige Probefahrt, an der Ende Oktober 1927 zahlreiche Presseleute teilnahmen, führte nicht in die weiten Fernen der sonnigen Tropen, sondern bei stürmischem Wetter bis auf die Höhe der westfriesischen Insel Terschelling vor der niederländischen Küste, wo die Cap Arcona wie geplant wendete, um nach Hamburg heimzukehren. Die Wellenberge, die auf der wilden Nordsee gegen den Dampfer krachten, verunmöglichten zeitweise den Aufenthalt auf dem Promenadendeck und schlugen bis aufs oberste Deck, das Sportdeck. Seekranke Passagiere beobachteten mit blassen und grünen Gesichtern, wie im Speisesaal Gläser von den schrägen Tischen klirrten und Weinflaschen über die Teppiche rollten.

Auf der Jungfernreise der Cap Arcona nach Rio de Janeiro und Buenos Aires dagegen, zu der der Schnelldampfer am 19. November 1927 in Hamburg ablegte, wurde die Phantasie des rauschenden Lebens unter tropischen Palmenwäldern Wirklichkeit. Als geladener Gast «plaudert» der Reporter Albert Köhler in seinen im Frühling 1928 in verschiedenen Zeitungen erschienenen Reisebriefen «in volkstümlicher, mit lustigem Humor gewürzter Form über die Erlebnisse auf seiner Südamerikareise», wie es im Vorwort seines bald darauf unter dem Titel Reporterfahrt ins neue Südamerika in Buchform vorgelegten Berichts heißt.

Dem französischen Boulogne-sur-Mer, dem ersten Hafen, den die Cap Arcona anläuft, geht für den ohnehin Frankreich gegenüber kritisch eingestellten Verfasser der Reporterfahrt noch jegliche Exotik ab. Doch schon im zweiten Hafen in der Bucht des nordwestspanischen «Städtchens» Vigo kommt südliche Lebendigkeit auf, wenn sich unzählige Ruderboote dem Riesendampfer nähern, «mit Körben voll von Südfrüchten. An langen Stangen reichen sie Waren herauf.» Der reisende Reporter fühlt im «Land, wo die Zitronen blühen» den Atem der alten Kultur und der «süßen Romantik» Spaniens. Auf der Weiterfahrt nach Lissabon wird die Cap Arcona von Tümmlern begleitet. Wie für die französische Hafenstadt mag sich Köhler auch für Lissabon nicht recht erwärmen, gilt Portugal doch als deutschfeindlich und als «Vasall Englands».

Lissabon ist die letzte Station vor der großen Überfahrt: «Um uns nichts als Wasser und Himmel. Nun rattern die Maschinen ohne eine Unterbrechung neun Tage und neun Nächte lang. Wenn das Schiff das nächste Mal stoppt, sind wir bereits in der Neuen Welt, in Brasilien.» Der Ozeanliner passiert Madeira, die Kanarischen und später die Kapverdischen Inseln, überquert schließlich den Äquator, fährt 350 Kilometer vor dem brasilianischen Festland an der Insel Fernando de Noronha vorbei und begegnet auf dem Weg zur südamerikanischen Küste der Cap Polonio, Kapitän Rolins früherem Schiff, das sich gerade auf der Rückfahrt nach Hamburg befindet.

Dann endlich: «In fieberhafter Spannung nähern wir uns Rio, dem schönsten Hafen der Erde. Hei, wie Auge und Geist vibrieren, bei sensiblen Menschen auch das Herz. Vor uns liegt ein Paradies, eine Natur in ihrer schönsten Schönheit. Denke dir zehnfach den Gardasee, hingeworfen unter sengende Tropensonne. An allen Ecken und Enden Inseln und Inselchen im romantischen Golf (etwa 80 sollen es sein), darauf die Seekadettenschule, Funkstation, Märchenvillen, Zaubergärten.» Die Umgebung der Millionenstadt «bildet ein großer Gebirgskessel von unzähligen Bergkämmen in drolligsten Formen, unter denen der Corcovado der besuchteste ist. Noch besuchter ist der weltbekannte Zuckerhut, eine der vielen Inseln im Golf, die in Zuckerhutform von einigen hundert Metern Höhe steil aus der blauen Flut zum Himmel ragt. Beide romantischen Aussichtspunkte sind für ein paar Groschen mit der Drahtseilbahn zu erreichen.» Der Hafen, der die Cap Arcona empfängt, ist «schwarz von Menschen in heller, meist eleganter Sommerkleidung (daheim jetzt Pelzmäntel). Zwischen dem vorherrschenden portugiesischen Fluidum entdecke ich viele blonde Greten, also deutsche Damen, aber auch sehr viele Neger und Mulatten. Eine brasilianische Militärkapelle, darunter viele Neger mit riesigen Trompeten, ist zu unseren Ehren am Landungsplatz postiert und gibt den ganzen Tag Freikonzerte.»

An Land bestaunt Köhler Prunkvillen «hinter üppiger Flora in buntester Blütenpracht», Hütten aus Wellblech und Sacktuch in der «Negerstadt», fährt durch Industriequartiere und arme Arbeiterviertel zum Botanischen Garten, wo Orchideen «in seltener Farbe und Fülle» zwischen Palmenalleen und Kakteen «in kubistischen Formen» wuchern, winzige Kolibris schwirren und spatzengroße Schmetterlinge die Luft «durchtänzeln». Weiter geht die Fahrt in den «feuchtschwülen» Urwald: «Wildhühner und grüne Papageien schwärmen durcheinander in wirrem Geschrei, Affen turnen in großen Sprüngen in fernere Wipfel hinauf.»


Cap Arcona vor Zuckerhut.

Nach einer Nachtfahrt südwärts erreicht die Cap Arcona Santos, die Hafenstadt vor São Paulo, den größten Umschlagplatz Südamerikas: «Etwa zehn bis zwölf Millionen Sack Kaffee zu je sechzig Kilogramm werden hier jährlich nach allen Ländern der Erde verladen, also weit über die Hälfte der ganzen Weltproduktion, die aus dem Hinterland São Paulo hier angeliefert wird.» Im Hinterland besucht der Reisejournalist nicht nur Kaffeeplantagen, sondern auch die Schlangengärten von Butantan, wo Impfstoffe gegen verschiedene Schlangengifte hergestellt werden.

Nach Santos erreicht die Cap Arcona in zweitägiger Fahrt die Hauptstadt Uruguays, «den frischesten und besuchtesten Badeort» des ganzen Kontinents. «Ein paar ‹gnädige Fräulein› aus Hamburg begrüßen die schöne Stadt, indem sie ein übers andere Mal den Tango singen: Montevideo, Montevideo – ist keine Gegend für meinen Leo – denn man weiß – dort ist’s heiß – und zu schwül – fürs Gefühl.»

Nach einem kurzen Halt in Montevideo überquert die Cap Arcona den Río de la Plata, den mehrere Kilometer breiten, schmutzig gelben Mündungstrichter der beiden Ströme Paraná und Uruguay. «Was der La Plata an Breite zu viel hat, das hat er an Tiefe zu wenig. Unsere Cap Arcona musste den ganzen Tag zum Verdruss ihrer Maschinen sehr langsam fahren. Der Fluss hat heute statt achtundzwanzig nur zweiundzwanzig Fuß Wassertiefe, und die Schiffsschrauben schleifen den Schlamm oft derart, dass selbst die trägen Pinguine, welche sämtliche Leuchtbojen hier im Fluss dicht bevölkern, erschreckt ‹abhauen›.» Wie vorgesehen legt die Cap Arcona fünfzehn Tage nach ihrer Abreise in Hamburg an der Kaimauer im Hafen von Buenos Aires an. «Hier drängen sich Zehntausende, deren Freudenschrei kein Ende nimmt. Spontane Jubelrufe ‹Viva Rolin!› brausen zu uns herauf.»

In Buenos Aires, der Hauptstadt des Landes, das nicht nur «der erste Getreidelieferant der Welt» ist, sondern als bedeutender Fleischexporteur auch sechzig Prozent der gesamten Fleischeinfuhr Englands bestreitet, besichtigt der deutsche Journalist das Schlachthaus: «Eine lange Zementbahn herauf stürmt das Vieh zum 2. oder 3. Stock, instinktmäßig Unheil ahnend. Einer nach dem andern, drängen sich die dummen Ochsen durch den schmalen Eingang, der innerhalb der Fabrik in zwei halbdunkle, enge Kästen ausläuft. Hier steht hoch auf der Zwischenwand der Massenmörder. Neugierig reckt der Ochs den Kopf und sucht einen Ausweg. Doch zielsicher saust der Hammer des Mörders nach beiden Seiten auf die hübsch präsentierten Schädel herab.»


Aussicht vom Corcovado auf die Bucht von Rio.

Albert Köhler lässt sich also nicht nur von Prunkvillen, Palmen und Papageien faszinieren, sondern beschäftigt sich ebenso mit der Wirtschaft der Länder, die an der La-Plata-Linie liegen. Als Nationalist – bürgerlicher und christlicher Prägung – interessiert er sich insbesondere auch für die deutschen Kolonien in Südamerika, plädiert trotz aller Schwierigkeiten, denen die Einwanderer ausgesetzt sind, für eine Stärkung der deutschen Gemeinschaft in Brasilien, um die «Gefahr der Inzucht auszugleichen und das brasilianische Deutschtum in seiner Echtheit zu erhalten», und trifft sich mit Landsleuten in Argentinien zum Bier, worauf umgehend Studentenlieder angestimmt werden: «Wie mögen die lieben Nachbarn gestaunt haben, als wir unsere schönen deutschen Kommerslieder gegen die blutrote Abendsonne schleuderten, dass Nachtigallen, Eukalyptus und Glühwürmchen lauschten!» Beim Besuch der deutschen Schule in Montevideo wird Köhler von hundert Kindern mit Deutschland, Deutschland über alles begrüßt.

Die Hamburger Reederei jedoch, ausgerichtet auf ein internationales Publikum, verzichtet auf ihrem neuen Flaggschiff auf nationalistisches Gehabe – im Gegensatz zur italienischen Konkurrenz, die sich mit der faschistischen Hymne Giovinezza unbeliebt machte. Einem Deutschchilenen, der auf dem Luxusliner der Hamburg-Süd die deutsche Hymne vermisst, hält der Reisejournalist entgegen: «Aber die Schifffahrt ist eben ein kaufmännisches Unternehmen und kein vaterländischer Frauenverein. Auf der Cap Arcona sind Völker aller Zungen, wenn auch meistens sieben Achtel Argentinier. Andere Schiffe haben durch Nationalhymnen, wie Giovinezza usw., die Passagiere verdrängt und müssen oft mit einer Handvoll Fahrgästen, die kaum das Schmieröl bezahlt machen, in See stechen.»

Der Cap Arcona gelang es auf Anhieb, sich auf dem Südatlantik im attraktiven Segment der Luxusschifffahrt zu etablieren. Der Schnelldampfer mit den drei rotrandigen Schornsteinen wurde, mehr noch als die ältere Cap Polonio, zum Lieblingsschiff der Superreichen aus Argentinien, Brasilien und Chile, meist Angehörigen von Familien, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu riesigen Ländereien kamen und sich durch die Produktion von Fleisch, Leder, Getreide oder Kaffee schier unermessliche Vermögen aneigneten. Von Carlos Bielefeld, seinem deutschchilenischen Gesprächspartner, der mit seinem Vater acht Monate lang die USA und Europa bereiste, versucht Albert Köhler die Größenordnung des Budgets zu erfahren, das Vater und Sohn für die Reise zur Verfügung stand: «Geben Sie mir doch einen Maßstab, das interessiert den deutschen Leser – ich denke so 50 000 Mark!» Bielefeld winkt ab: «Oh nein, das reicht bei weitem nicht!» Zuhanden seiner Leserschaft in Deutschland, wo Angestellte oder Arbeiter mit einem Monatslohn von rund hundert bis zweihundert Mark auskommen müssen, schätzt der Reporter das Reisebudget der beiden Chilenen schließlich auf eine halbe Million Mark.

«Hier an Bord», fährt Köhler fort, «sind Familien, die jährlich im April/Mai, wenn dort der Winter und bei uns der Sommer beginnt, mit Kind und Kegel nach Europa fahren und den ganzen Sommer über durch die besten Hotels, Kabarets und Spielsäle gondeln: die aber auch der Alten Welt alles Gute ablauschen und vermöge ihres Geldes zu Hause noch vollkommener anwenden und somit Ursache des gewaltigen Aufstieges Südamerikas werden.» In Paris, dem bevorzugten Aufenthaltsort der argentinischen Oberschicht, entstand damals die Redewendung «riche comme un Argentin». Die argentinischen Familien stiegen in den teuersten europäischen Hotels ab, falls sie nicht ohnehin Sommersitze in Frankreich besaßen. Im Stadtzentrum von Buenos Aires bauten sie sich Paläste im französischen Stil und 1908 das Teatro Colón, das als eines der besten Opernhäuser gilt und bis heute Weltstars nach Argentinien lockt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg gründete das Londoner Kaufhaus Harrods in der argentinischen Hauptstadt seine einzige Filiale im Ausland. Die Millionärsfamilien steckten ihre Kinder in europäische Schulen, heirateten in den französischen Adel, aßen in Paris bei Maxim’s, besorgten sich Uhren bei Cartier und Kleider bei Coco Chanel. Einige der Argentinierinnen brachten in riesigen Schrankkoffern vom Pariser Herbstausverkauf «fünfzig Kleider mit passenden Hüten, dreißig Paar Schuhe und hundert Paar Strümpfchen» übers Meer, um die Ware «dann als ‹dernier cri de Paris› an Tanten und Nichten und Freundinnen und Basen bis ins siebenundzwanzigste Glied zu versilbern und die ganzen Reisekosten auf diese Art herauszuschlagen».

Zu den reichsten Familien der argentinischen Belle Epoque – die in Südamerika bis in die späten zwanziger Jahre anhielt und nicht wie in Europa mit dem Ersten Weltkrieg endete – zählten die Álzaga, die stolz auf Martín de Álzaga zurückblickten, der als Verteidiger von Buenos Aires in den Jahren nach 1800 eine entscheidende Rolle bei der Loslösung vom spanischen Mutterland spielte. Als die argentinische Regierung im Verlauf des 19. Jahrhunderts im Hinterland (ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung) in mehreren Schüben große Flächen zum Kauf anbot, langten die Álzaga kräftig zu. In den goldenen 1920er Jahren jedoch kümmerten sich viele Vertreter der argentinischen High Society weniger um die Erhaltung oder gar Vermehrung des Familienvermögens, sondern verschwendeten das reiche Erbe durch ihren aufwendigen und extravaganten Lebensstil, so auch Martín Máximo Pablo de Álzaga Unzué, der sich bei der Jungfernfahrt an Bord der Cap Arcona befand. Die Mutter des 1901 geborenen Martín, der von klein auf allgemein Macoco genannt wurde, stammte aus der ebenfalls steinreichen Familie der Unzué. Macoco interessierte sich für schnelle Autos und schöne Frauen. Er fuhr mit Wagen der Marken Bugatti und Sunbeam Rennen in Europa, Süd- und Nordamerika, gewann als Zwanzigjähriger einen ersten internationalen Wettbewerb in Uruguay und 1924 mit einem Start-Ziel-Sieg den Grand Prix von Marseilles. Er kannte alles, was Rang und Namen hatte, dinierte in Paris mit Sarah Bernhardt, war mit dem argentinischen Staatspräsidenten Alvear befreundet, der der Cap Arcona bei ihrer ersten Ankunft in Buenos Aires einen Besuch abstattete, und lernte in den USA, wo er sich ebenfalls gerne aufhielt, über einen argentinischen Schwergewichtsboxer Al Capone kennen. 1925 eröffnete der Argentinier mit einem italoamerikanischen Partner in New York den Bath Club, eines der zahlreichen Lokale, die trotz Prohibition Alkohol ausschenkten. Als sich die Besitzer weigerten, einen Lieferanten alkoholischer Getränke von zweifelhafter Qualität zu berücksichtigen, wurde der Bath Club von einer Bande von Gangstern kurz und klein geschlagen. De Álzaga soll F. Scott Fitzgerald als Vorbild für den Great Gatsby im 1925 veröffentlichten Roman gedient haben, ein Gerücht, das der 1982 in Buenos Aires verstorbene Macoco später in Interviews mit einem Lächeln zu quittieren pflegte.

Den Sommer verbrachte der weitherum als Playboy und Latin Lover bekannte Macoco, dem Affären mit ziemlich allen damals weltberühmten Filmschauspielerinnen nachgesagt wurden, gerne in Biarritz am Golf von Biskaya. Im Golf Club lernte er dort die Amerikanerin Gwendolyn Robinson kennen. 1925 heirateten die beiden, im Sommer des folgenden Jahres gebar Gwendolyn in Paris die Tochter Sara Ángela de Álzaga Unzué Robinson, genannt Sally. Gwendolyn und die gut einjährige Sally finden sich wie Macoco bei der ersten Überquerung des Atlantiks im Spätjahr 1927 auf der Passagierliste der Cap Arcona (Martín de Álzaga Unzué allerdings mit einer falschen Altersangabe).

Längst nicht alle der südamerikanischen Gäste waren so exzentrisch wie Macoco, der auch mal im Auto direkt via Schaufenster in ein Geschäft fuhr, statt durch die Tür einzutreten. Der deutsche Reporter nennt unter den Passagieren der ersten Fahrt unter anderen «Frau De Voto, die reichste Großgrundbesitzerin Südamerikas», den argentinischen Außenminister und einen Ex-Präsidenten von Uruguay, weiter Norberto Láinez, den Besitzer der Zeitung El Diario, und Eduardo Alemann, dessen Familie das deutsche, liberal-demokratische Argentinische Tageblatt gründete (und bis heute als Wochenzeitung weiterführt), das als Gegengewicht zur größeren Deutschen La Plata Zeitung auch in den folgenden Jahren nie von seinem antifaschistischen Standpunkt abrücken sollte.

Der noblen Kundschaft des Passagierdampfers musste etwas geboten werden. «Das Leben an Bord», erinnert sich Kapitän Ernst Rolin, «setzte sich aus einer Reihe strahlender Festlichkeiten zusammen, die sich eigentlich nur mit den Märchen aus Tausendundeiner Nacht vergleichen ließen.» Gemeinschaftsräume, Zimmer und Wohnungen der für 575 Passagiere eingerichteten I. Klasse stellten den Palast für dieses Märchen dar.

Dank zahlreicher Beschreibungen und Photografien kann man sich noch Jahrzehnte nach dem Untergang der Cap Arcona ein gutes Bild von den Räumen der I. Klasse machen, die auch auf Ansichtskarten verewigt wurden. Von den Räumen der II. Klasse, die 275 Personen aufnehmen konnte, und besonders von denjenigen der maximal 465 Passagiere III. Klasse liegt nur wenig Bildmaterial vor, auch schriftliche Quellen fehlen weitgehend, das Gleiche gilt für Räumlichkeiten und Kabinen der insgesamt 630 Personen umfassenden Besatzung.

Die Räume der II. Klasse lagen im Hinterschiff, am Heck befand sich auch das Deck, wo sich die Passagiere der II. Klasse ins Freie begeben konnten. In den Kammern schliefen die Passagiere der II. Klasse in zwei übereinandergestellten Betten. «Alle Waschtische haben fließendes Waser», heißt es in der Beschreibung der II.-Klasse-Kabinen im anlässlich der Jungfernfahrt erschienenen Bericht der Zeitschrift Werft Reederei Hafen. Im geräumigen, aber nicht sehr hohen Speisesaal der II. Klasse aßen die Passagiere an runden, mit weißen Tüchern gedeckten Tischen, weiter verfügten die Fahrgäste über einen Rauchsalon und einen Gesellschaftssalon mit Altarschrein, da «die bescheidene Geistlichkeit meistens im ‹zweiten Dampf› fährt», wie Albert Köhler festhält: «Die 2. Klasse besitzt einen massiven Altar aus kostbaren Edelhölzern, den Bischof Johannes von Münster unter sechzig Geladenen feierlich eingeweiht hat.»

Die III. Klasse wird von Köhler gerade einmal im Zusammenhang mit der Blumeninsel vor Rio erwähnt, die eine ähnliche Funktion hatte wie Ellis Island vor New York: «Wir sehen vor uns auch die ‹Insel der Blumen›», schreibt er angesichts der Ilha das Flores, der «Quarantänestation für Einwanderer nach Brasilien. Sie alle müssen hier erst einige Tage den Segen der brasilianischen Kontrolle auf Papiere und Gesundheit genießen. Jeder Drittklass-Passagier hat das Vergnügen, leider auch der deutsche Intellektuelle, der für die Überfahrt» in den besseren Klassen «nicht das nötige Kleingeld hat».

Die Einrichtungen III. Klasse befanden sich im vorderen Teil des Schiffs, das freie Deck ebenso wie der mit langen Tischen und zweihundert unbeweglichen Sitzplätzen eingerichtete Speisesaal, für dessen Bodenbelag Gummi Verwendung fand, während die Möbel aus unverwüstlichem Mahagoniholz bestanden. Zu den Wohndecks III. Klasse schreibt die Reederei-Zeitschrift kurz und knapp: «Im Vorschiff auf dem F- und G-Deck liegen die Räume für die III. Klasse. Alle Betten haben Zugfedermatratzen, Gepäcknetze und Haken für Kleider u. dergl.» Und weiter: «In der III. Klasse ist eine Anzahl Oriental-Abortanlagen vorhanden.» Vermutlich bedeuteten diese Stehklosetts eine Konzession an die südeuropäischen Saisonarbeiter, die besonders aus Spanien und Portugal während des europäischen Winters jeweils in großer Zahl für die Erntearbeiten nach Südamerika fuhren. Diese mehr schlecht als recht entlöhnten «Golondrinas» – Schwalben – im Schiffsbauch bildeten als nach Bedarf einsetzbare «Zugvögel» eine der Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolges der Großgrundbesitzer, die ihre Reise auf der Cap Arcona in den luxuriösen Räumlichkeiten I. Klasse genossen.

Während sich also Maschinen-, Gepäck-, Vorrats- und Laderäume sowie die Bereiche der II. und III. Klasse im Schiffsrumpf befanden, stand der diesen überragende Aufbau im von den Schornsteinen gekrönten Mittelteil des Dampfers den Passagieren I. Klasse zur Verfügung.

Auf dem obersten Deck, dem offenen Sportdeck, lag hinter dem dritten Schornstein, gesäumt von rotmäuligen, alphornartigen Lüftern, der von einem Ballfangnetz umgebene Tennisplatz in Originalmaßen, der in für Squash und andere Sportarten geeignete Felder unterteilbar war. Auch Shuffleboard – ein beliebtes Deckspiel, bei dem mit an langen Stangen befestigten Schiebern runde Scheiben in mit unterschiedlichen Punktzahlen versehene Felder über die Planken gestoßen wurden – konnte auf dem Sportdeck gespielt werden, weiter gab es ein «Fußballzielstoßnetz», wie es in der Reederei-Zeitschrift heißt, und für Kinder wurden auf der offenen Fläche Spiele wie Eierlaufen angeboten, wo die Teilnehmer ein Ei auf einem Löffel möglichst schnell über das Deck zu balancieren hatten. Bei schlechtem Wetter konnten sich die Kinder der I. Klasse in ein gedecktes Kinderzimmer hinter dem vordersten Schornstein zurückziehen. Vor diesem Schornstein befanden sich auf dem obersten Deck die Kabinen der Offiziere sowie ganz vorne Steuerhaus und Brücke.


Sportdeck: Tennis, Shuffleboard, Eierlaufen und tropische Sommernachtsfeste.

Um das unter dem Sportdeck liegende Deck A – nach den im vorderen Teil des Aufbaus in zwei Reihen übereinandergehängten Rettungsbooten auch Bootsdeck genannt – führte eine Promenade mit einem von Markisen beschatteten Deckskaffee. Im hintersten Teil der Promenade fanden die Fahrgäste ein Gewächshaus mit Blumenladen und eine kleine Turnhalle: «Sie ist mit Gymnastikapparaten sowie mit Barren und Handgeräten ausgestattet. Unter andern sind vorhanden: je zwei elektrisch betriebene Apparate zum Trab- und Galoppreiten sowie zum Kamelreiten, ein Zimmerruderapparat mit Rollsitz, ein doppeltes Fahrrad mit Zeigerscheibe», heißt es in der Reederei-Zeitschrift.

Während I.-Klasse-Kabinen den vorderen Teil des Decks A einnahmen, lud in Schiffsmitte ein von einem Glasgewölbe überdeckter Wintergarten mit Tischchen und verschiedenartigen Rohrstühlen zum Verweilen ein, dessen Wände mit Tropenhölzern und Marmorplatten verkleidet waren. An der Stirnwand plätscherte ein Wandbrunnen, geschmückt von der vergoldeten Bronzefigur einer Schalmeibläserin. «Leuchtende Seidenstoffe für Vorhänge, bequeme Sitzmöbel mit buntfarbigen Bezügen und passend gewählte lose Teppiche beschließen die gewollte Vielfarbigkeit des Wintergartens, zu der auch noch die saftigen Farben der Palmen und Blumen hinzutreten und harmonisch ausgleichend vermitteln.»


Wintergarten mit Glaskuppel, Palmen und Wandbrunnen: «gewollte Vielfarbigkeit».

Das darunter anschließende Salondeck (Deck B) war von einer nirgends durch Boote verstellten Promenade umgeben und enthielt der Reihe nach und ineinander übergehend die wichtigsten Gesellschaftsräume der I. Klasse: zuhinterst den riesigen, zwei Stockwerke einnehmenden Speisesaal, dann die Halle mit dem Haupttreppenhaus, anschliessend den Festsaal und schließlich zuvorderst den Rauchsalon – eine Anordnung, die bei tropischer Hitze eine gute Durchlüftung sämtlicher Räume erlaubte.


Speisesaal I. Klasse, zwei Stockwerke hoch, in Grüntönen gehalten. Anstelle des Gobelins an der Vorderwand ließ sich eine Leinwand für Filmvorführungen einschieben. In Bildmitte Durchgang zur Halle, darüber Empore mit «Privatspeisezimmer».


Halle, von der Haupttreppe aus gesehen. Bei Polstermöbeln, Teppichen, Vorhängen und Wandverkleidungen dominieren rote Farben. Hinten Mitte Porträt von Beatrix Amsinck, Tochter des Hamburg-Süd-Vorstands Theodor Amsinck und Taufpatin der Cap Arcona, seitlich Passagen zum Festsaal.

«Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten der Nordatlantik-Reedereien und zahlreicher anderer Reedereien auch in der Südatlantik-Fahrt vertritt die Hamburg-Süd den Standpunkt, dass man auf einem guten Tropenschiff dem Passagier Gelegenheit geben muss, die Mahlzeiten in hohen, luftigen, nicht im Unterschiff gelegenen Räumen einzunehmen. Demgemäß ist der Speisesaal für die erste Klasse auf dem Promenadendeck vorgesehen», wird in Werft Reederei Hafen erklärt. Der fünfunddreißig Meter lange und gut halb so breite, säulenlose Speisesaal wurde durch zwanzig fünf Meter hohe Rundbogenfenster erhellt. Die Wandflächen waren mit verschiedenen Edelhölzern verkleidet und von Pfeilern mit allegorischen Schnitzereien geschmückt, an den Querwänden hingen große Gobelins, die Landschaften in altholländischem Stil zeigten. Auf der Musikempore an der hintern Querwand spielte bei festlichen Anlässen das Schiffsorchester auf, an Stelle des Gobelins an der vorderen Querwand ließ sich eine Leinwand für Filmprojektionen einschieben. Gegessen wurde an Tischen verschiedener Größe, die zwei bis acht Personen Platz boten.

Sowohl steuerbord wie backbord führte eine Galerie vom Speisesaal zur gegen vorne anschließenden, von Palmen, Farnen und Blumen geschmückten Halle, die als Warte-, Aufenthalts- und Leseraum diente und den Blick freigab auf die Haupttreppe, auf deren Mittelpodest die überlebensgroße Bronzefigur einer mit der Insel Rügen verbundenen Göttin namens Hertha zu sehen war, die gemäß einer «altnordischen Sage» bei ihren Besuchen in einem Badesee in der Nähe des Kaps Arkona jeweils von Dienerinnen entkleidet wurde, die anschließend als unliebsame Zeuginnen ertränkt wurden. «Die vordere Querwand der Halle ziert das Porträt des Fräulein Beatrix Amsinck, der Taufpatin des Dampfers Cap Arcona, deren Ansprache bei der Taufe in den Hauptsätzen auf den Rahmen des Bildes geschnitzt wurde.»

Neben dieser Querwand gelangte man wieder auf beiden Seiten des Schiffs in Durchgängen am in den Schornstein mündenden Kesselschacht vorbei nach vorne zum Festsaal, wo sich die Gesellschaft tagsüber zum «Plausch» – zum Plaudern – und abends zum Tanz traf.

Zuvorderst im Salondeck lag schließlich der vornehmlich für Männer reservierte Rauchsalon mit einem von Marmor eingefassten offenen Kamin an der hintern und der Bartheke an der vordern Querwand.

Der Aufbau des Mittelschiffs beherbergte also über seine gesamte Länge eine Flucht von vier großen, der I. Klasse vorbehaltenen Aufenthaltsräumen, unterteilt durch die drei Schächte der Schornsteine bzw. der Schornsteinattrappe. Die vier Räume des Salondecks unterschieden sich nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch in der Atmosphäre: Im zwei Decks hohen Speisesaal waren die Wändflächen mit grüner, goldgelb gemusterter Seide bespannt und auch die Sessel mit grünem Leder bezogen, in der Halle dominierten dann warme Rottöne, der anschließende Festsaal war, wie sich die Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure in der Besprechung der Cap Arcona anlässlich ihrer Inbetriebnahme ausdrückt, «seiner Bestimmung gemäß in hellen Farbtönen mit reicher Vergoldung gehalten», während schließlich im Rauchsalon das lebendig gemusterte, dunkle Nussbaumwurzelholz der Täferung für eine beruhigende Wirkung sorgte.

Stilistisch strahlte die Einrichtung der Gesellschaftsräume eine gediegene Eleganz aus, bewegte sich zwischen klassisch und gemäßigt modern, luftig locker zwischen Titanic und Art déco, ohne das eher konservative Zielpublikum durch avantgardistische Gestaltung abzuschrecken. Grosse Transatlantikliner, die wenige Monate oder Jahre nach der Cap Arcona gebaut wurden, wie die Bremen und die Europa des Norddeutschen Lloyds auf der Nordatlantikroute oder gar die 1930 in Dienst genommene L’Atlantique der Compagnie de Navigation Sud-Atlantique wirken wesentlich moderner. Die Art-déco-Dampfer liefen allerdings Gefahr, in ihren monumentalen Räumen eine unpersönliche, ungemütliche Stimmung zu evozieren, die an die Gotham-City-Architektur der Batman-Welt erinnert.

Tagsüber hielten sich die Passagiere der Cap Arcona oft im Freien auf, trieben Sport, schauten den Sporttreibenden zu oder lagen in Liegestühlen auf dem mit Teakholz belegten Promenadendeck, dessen Geländer nur neunzig Zentimeter hoch war, damit die Gäste vom Liegestuhl aus das Meer und den Horizont betrachten konnten – aus Sicherheitsgründen trug das Geländer eine schmale Teakleiste auf Stützen. Unterhalb des Salondecks befanden sich Friseursalons, Buchhandlung und Souvenirladen. Außerhalb der regulären Essenszeiten – die Speisefolgen der I. Klasse waren natürlich opulent, und auch die II. und die III. Klasse wurde ausgiebig verpflegt – konnten das Promenadenkaffee oder die Bar im Rauchsalon aufgesucht werden, gelegentlich versammelten sich Millionäre und Arbeiter, wie sich der Reiseschriftsteller ausdrückt, auf dem Deck, um johlend und winkend ein in Gegenrichtung kreuzendes, ebenfalls von Millionären und Arbeitern bevölkertes Schiff zu begrüßen, begleitet vom Geheul der Schiffssirenen und nachts von knallendem Feuerwerk.

In günstigen Klimazonen fand auch die abendliche Unterhaltung im Freien statt. Auf dem Sportdeck wurden die Passagiere, die zum ersten Mal den Äquator überquerten, von einem als Neptun kostümierten Bootsmann und zwei «schwarzgefärbt als Neger» verkleideten Matrosen in ein Salzwasserbecken getaucht und auf einen Namen wie Seeadler, Möwe, Meernixe, Haifisch oder Walross getauft. Beim anschließenden Kostümfest glaubte sich Köhler im Speisesaal «in eine wahre Märchenwelt versetzt. Sämtliche 200 Tische sind durch Girlanden verbunden, dazwischen Tausende von Kunstrosen, in denen eine elektrische Birne brennt. So ist der Saal ein einziges feuriges Rosenmeer. Auf jedem Tisch eine prächtige riesige Seidenlampe. Zu jedem Gedeck eine Karnevalsmütze und ein Seidenfächer sowie eine prächtige Speisenkarte auf Bütten.»

Beim Äquator-Maskenball zeigte sich Kapitän Rolin mit schwarz geschminktem Gesicht und Turban, umgeben von Frauen in mexikanischen und Schweizer Trachten oder Matrosenkostümen und von Männern in Frauenkleidern. Bei der Prämierung der Kostüme erhielt ein als Kammerzofe verkleideter Unterstaatssekretär den ersten Preis in Form einer goldenen Uhr im Wert von sechshundert Mark. In der Nacht des Maskenballs, stellte Köhler am folgenden Morgen fest, wollte ein betrunkener kostümierter Bursche aus einer südamerikanischen Millionärsfamilie «zunächst das Klavier, das man zu frohem Tanz auf das luftige Promenadendeck gerollt hatte, über Bord werfen» und zerstörte dann einen der acht Bronzekandelaber im Rauchsalon, indem er am bronzenen Beleuchtungskörper Klimmzüge auszuführen versuchte. Sein Vater lachte, zückte das Scheckbuch und beglich den Preis für den Kandelaber (viertausend Mark).

Märchenhaft und filmreif wirkten für den deutschen Reisejournalisten insbesondere die Abende im «feenhaft erleuchteten Festsaal», wo das sechsköpfige Orchester aus einem Hamburger Nobelhotel, «Jazzisten mit Negerrhythmik», um 22 Uhr zum Tanz aufspielte. «Um den spiegelglatten Parkettboden stehen in tiefen Teppichen Rauchtische, Sektkübel und Ziermöbel im Stil Louis Quinze. Dazwischen Klubsessel und Plüschsofas», berichtet Köhler. «Wenn ein prächtiger Strauß-Walzer wimmert, tanzen nur die Deutschen. Das Tanzalphabet der Südamerikaner enthält nur Tänze, die das Tempo der austrampenden Pferde und schiebenden Dampfwalzen vertragen.» Der Reporter beobachtet die «Herren, ausstaffiert in schwarz-weißer Gesellschaftskluft», vor allem aber die Damen: «Nicht die löbliche männliche Einheitlichkeit in Farbe und Form. Nein, ein Kunterbunt in Farbe, Form und Stoff, Schuhwerk und ich glaube, auch in Wäsche. Das deutet ein diskreter Windstoß durchs offene Fenster mitunter an. Und mehr begehre ich nimmer zu schauen», versichert er. «Die Kleider vertreten sämtlich die schöne internationale Tendenz: In der Kürze liegt die Würze.»

Der Garderobe widmen die Frauen der I. Klasse offenbar große Aufmerksamkeit: «Selbstverständlich zieht sich die Dame von Welt wenigstens dreimal täglich um, zu jedem Kleid passende Schuhe und Hut.» Im Damenfriseursalon lässt sich noch das eine oder andere zusätzliche Kleidungsstück kaufen – dort «schmunzeln natürlich auch noch BembergStrümpfe und Crêpe-de-Chine-Hemdchen aus den Glasschränkchen.»

Die Wuppertaler Firma Bemberg machte in den späten zwanziger Jahren mit einer Photografie der langbeinigen Marlene Dietrich für ihre neuartigen Kunstseidenstrümpfe Werbung – «Ich trage nur Bemberg-Strümpfe». Andere ganzseitige Anzeigen des Strumpfherstellers in deutschen Illustrierten demonstrierten, wie die moderne Frau der goldenen zwanziger Jahre ihre Beine in allen Lebenslagen vorteilhaft mit Bemberg-Strümpfen in Szene setzt: als Bürokraft an der Schreibmaschine, als Zahnarztgehilfin vor dem Patienten, auf dem Tennisplatz oder mit Freundin liegend und kniend beim Picknick im Freien (begleitet vom portablen Koffergrammophon), als Varieté-Girl auf der Bühne, beim Tanz mit dem Tangopartner und schließlich als junge Mutter hinter dem großrädrigen Kinderwagen.

In einer weiteren ganzseitigen Anzeige mit der Überschrift Der Weg zum Glück durch Bemberg-Strümpfe zeigte eine Bildergeschichte, in der von den dargestellten Menschen nur die Beine zu sehen sind, wie weite männliche Faltenhosen mit Aufschlag über schwarzweißen Lederschuhen kunstseidene Beine in Schuhen mit hohen Absätzen verfolgen, wie sich Männerhosen und Frauenbeine näher kommen, dann vor dem Traualtar knien, die Fahrt in die Geburtsklinik antreten und wie die Bemberg-Beine schließlich alleine, auf dem Weg zum Glück offenbar am Ziel angelangt, einem Kinderwagen folgen.

Was für die urbane deutsche Frau galt, die sich Kunstseidenstrümpfe und modische Spangenschuhe leisten konnte, galt nach Beobachtung des reisenden Reporters auch für die brasilianischen Frauen: «Nirgends mehr als in Südamerika stimmt das Wort: Kleider machen Leute! Die Eleganz der Frau ist der Kredit-Barometer des Mannes; er selbst mag ruhig dreimal seinen Anzug wenden lassen. – Auch die gnädigen Damen der schwarzen und gelben Rasse in Rio, die sehr stark vertreten sind, zeigen die gleiche Tendenz. Auch sie in Bubikopf, Seidenstrümpfchen und Röckchen.»

Besonders die vermögenden Südamerikanerinnen orientierten sich an der Pariser Mode: «Vorbild der feinen Südamerikanerin ist ihre geistige Hauptstadt Paris. Aber solche Vollkommenheit sah ich in Paris nur vereinzelt. Diese Imitation wirkt weit besser als das Original.» Eingehüllt in Schwaden von französischem Parfüm stellt Köhler auf dem Atlantik im Festsaal der Cap Arcona fest: «So tanzen um mich herum nur Pariser Modelle. Natürlich alles Bubikopf», traditionelle Frisuren findet er kaum: «Nur ein Gretchen unter 300 Damen hat ihre Mähne vor der Schere gerettet.»

Die Südamerikanerinnen glichen den letzten Stummfilmstars der goldenen zwanziger Jahre: «großglänzende» Augen, «Lider und Brauen schwarz nachgezogen bis fast zur Schläfe. Lippen in Form eines plattfüßigen Herzchens blutrot gemalt. Alles künstlich, nicht immer künstlerisch. Der Modeschuh ist glanzsilber glatt oder passend zum Kleid.» Die Frau der Luxusklasse der Cap Arcona hantierte gekonnt mit dem «Lippenstift, den sie reichlich oft und graziös in Funktion setzt: vor dem Essen, nach dem Essen, im Gespräch, am Klavier, beim Tennis, beim Schwimmen». Sie präsentierte sich reich dekoriert: «Man behängt sich förmlich mit Kolliers, Ringen, Armreifen und Perlen.» Diamanten und Perlen trugen die Argentinierinnen offenbar nicht nur an Hals und Händen und im Haar – beim Skat beteuerte einer der Spieler gegenüber dem Reporter, «eines der ‹Mädchen aus dem goldenen Westen› trage sogar ihre Uhr am Strumpfband. Stell dir mal illustriert vor, wie sie nach der Zeit sehen mag.»

Köhler kommt in seinem Reisebericht zu einem positiven Urteil über die Frauen der I. Klasse: «Hinter all dem äußern Firlefanz steckt aber ein wertvoller Kern. Die Rasse ist sehr gut konserviert und das Schamgefühl der Südamerikanerin ist geradezu sprichwörtlich.» Die reichen Südamerikanerinnen verfügten über einen ausgeprägten Nationalstolz und zeigten sich im Gespräch «geradezu entsetzt über den moralischen Tiefstand der Frau in Paris und Berlin.» Fazit: «Und somit muss ich der Südamerikanerin aus der führenden Volksschicht das Gesamtprädikat geben: sympathisch!»

Anders fällt das Urteil der 1888 in Ravensburg geborenen Schriftstellerin Elisabeth Rupp aus, die 1922 für ein Jahr nach Argentinien fuhr und enttäuscht feststellen musste, dass die Kreolinnen – die spanischstämmigen Argentinierinnen – bloß dazu da sind, schön zu sein und geheiratet zu werden:

«Täglich lese ich die Zeitungen und Revistas, spanische und zuweilen auch englische. Ich durchblättere die reich bebilderten Hefte und sehe auf jeder Seite fast die Sensation des Landes: die schöne und elegante Frau in vielerlei Aufmachung», schreibt sie in ihrem Jahrzehnte später unter dem Titel Mariquina veröffentlichten argentinischen Tagebuch, «doch von keiner dieser Frauen ist etwas anderes zu berichten, als dass sie demnächst die Ehe mit Herrn X., einem schmächtigen, unschönen Männlein, eingehen werde oder soeben eingegangen habe.»

Elisabeth Rupp hatte als eine der ersten Frauen in Deutschland Jus studiert und – nachdem sich ein befreundeter Dozent das Leben genommen hatte – ihre Dissertation mit dem Thema Das Recht auf den Tod zur juristischen Beurteilung des Selbstmordes verfasst. Noch lieber schrieb sie aber Gedichte und Prosatexte. 1920 lebte sie drei Monate lang in Montagnola, wo sie eine Liebesbeziehung mit Hermann Hesse einging. Im Frühjahr 1922 überquerte sie den Ozean als Passagierin II. Klasse auf einem in ihren Tagebuchaufzeichnungen nicht namentlich genannten Riesendampfer, bei dem es sich, wie aus verschiedenen Hinweisen hervorgeht, um die Cap Polonio auf ihrer ersten Südamerikafahrt gehandelt haben muss. In Argentinien arbeitete sie ein knappes Jahr als Hauslehrerin auf einer Estancia, einem Gehöft, das zu den Ländereien wohlhabender Argentinier gehörte und von einer deutschstämmigen Familie geführt wurde. Dabei kam sie auch in Kontakt mit der Famile der Großgrundbesitzer: «Einen Monat im Jahr, den heißesten, der in Buenos Aires unerträglich ist, wohnt die Familie des Besitzers, des Estanciero, hier. Es sind vornehme Argentinier, die noch mehr solche Estancien haben, aber in der Hauptstadt leben, wo sie sich nicht zu langweilen brauchen. Sie bringen dreißig Dienstboten mit, wenn sie in die vielen Zimmer unsers Schlösschens einziehen. Den Park, so erzählt man mir, betreten sie kaum. Die jungen Herren fahren im Auto durch den Camp, schießen Wildenten und Hasen; die Weiblichkeit verbringt den Vormittag im Bett, den Nachmittag und Abend damit, dass sie steif auf unbequemen Stühlen sitzend, augenverderbende Handarbeiten anfertigt – übrigens mit viel Geschick –, die niemand braucht.»

Argentinische Jugend der gehobenen Klasse während der goldenen zwanziger Jahre – die Männer fahren mit dem Auto zur Hasenjagd (wenn sie nicht gar wie Macoco de Álzaga Unzué Rennen fahren), und die Frauen befinden sich im Bett oder beschäftigen sich geschickt mit sinnlosen Hausarbeiten: «So wird auch die Frau hier noch ausschließlich dazu erzogen, früh und vorteilhaft zu heiraten. Unter die Haube kommen ist der ganze Ehrgeiz der Weiblichkeit – Geldverdienen das Streben der Männer. Völlig fehlt noch der Sinn für Bewegung im Freien, Körperschulung und geistiges Wachstum der Frau. Bezeichnend ist, dass eine richtige Argentinierin kein einziges Paar Schuhe besitzt, mit dem man einen Ausflug ins Freie machen kann. Solche Schuhe – ohne das Turmwerk der fingerdünnen Absätze, die den Gang zu einem qualvollen Stakeln verunstalten – sind bis jetzt nur in englischen Geschäften erhältlich. Wie auch der ungeheuerliche Artikel eines Regenmantels, den die Kreolin verachtet. Sie hält es für stilvoll, den furchtbaren Regengüssen, die in Buenos Aires oft in wenigen Stunden alle Straßen unter Wasser setzen, – mit Lackschuh, Tüllhut und Chiffonrobe zu trotzen. Uns aber, die wir bei Unwetter in dunklem Straßenanzug ausgehen, unauffällig und wasserdicht – uns findet sie komisch.

Fremd, fremd ist diese Welt. Aber nicht berauschend, neu in ihrer Fremdheit: es ist etwas längst Überwundenes, das hier noch die Gemüter erhitzt. Peinlich kopierte Pariser Eleganz ist der Ehrgeiz von Mann und Frau in den wohlhabenden Kreisen, denn Paris, und im weiteren Sinne Frankreich, französische Kultur, ist gegenwärtig der einzige Kompass für die höhere Schicht. Man reist zum Vergnügen nach Paris, – man macht dorthin Geschäftsreisen, man studiert auch allenfalls dort, denn man spricht Französisch, aber sonst nichts von Fremdsprachen.»


Cap Polonio, Sonnendeck. Auf dem 1914 gebauten Dreischornsteindampfer – vor Inbetriebnahme der Cap Arcona Flaggschiff der Hamburg-Süd – fuhr Elisabeth Rupp im Frühjahr 1922 nach Argentinien. Auf der Heimreise im Jahr darauf lernte sie ihren Mann, den zukünftigen Cap-Arcona-Kapitän Johannes Gerdts, kennen.

Abgesehen davon, dass Vergnügungsreisen nach Paris den meisten Landsleuten verwehrt blieben, waren auch in Argentinien nicht alle Frauen mit der vorherrschenden Verteilung der Geschlechterrollen einverstanden. Besonders in Buenos Aires, wo 1910 ein erster Congreso Femenino Internacional stattgefunden hatte, engagierten sich Lehrerinnen, Ärztinnen und andere gebildete Frauen für ihre Rechte. 1926 erreichten sie immerhin eine Revision der Zivilgesetzgebung, die die Unterstellung der verheirateten Frau unter ihren Ehemann aufhob, auf das Wahlrecht mussten die argentinischen Frauen bis 1947 warten. Für die Schriftstellerin Alfonsina Storni, eine der profiliertesten Frauenrechtlerinnen, verunmöglichte das Ungleichgewicht der Geschlechter letztlich selbst die Liebe zwischen Frau und Mann: «Überlegen bin ich dem Durchschnitt der Männer, die [mich] umgeben; physisch aber, als Frau, bin ich ihre Sklavin, ihr Modell, bin Ton in ihrer Hand. Frei kann ich den Mann nicht lieben: zu groß ist mein Stolz, mich ihm zu unterwerfen.» Storni, deren Lyrik noch heute in Südamerika hoch geschätzt wird, erhielt 1922 den Argentinischen Staatspreis für Literatur. 1927 erregte sie Aufsehen mit ihrem Theaterstück El amo del mundo (Der Meister der Welt), das in Buenos Aires in Anwesenheit des Staatspräsidenten Marcelo T. de Alvear und dessen Gattin uraufgeführt und schon drei Tage später vom Spielplan genommen wurde, da die feministische Radikalität der Komödie Kritik und Publikum überforderte. In Spanien stießen ihre Texte auf großes Interesse, wie Storni auf einer Europareise wenige Jahre später feststellte, bevor sie im Frühjahr 1930 auf der Cap Arcona von Boulogne nach Buenos Aires zurückfuhr.

Auf welchem Schiff Elisabeth Rupp nach ihrem wenig glückhaften Aufenthalt als Hauslehrerin nach Hamburg zurückfuhr, ist nicht bekannt. Ihrem Tagebuch ist zu entnehmen, dass sie sich aus Kostengründen für die III. Klasse entschied. Von ihrem Deck aus schaute sie zum Promenadendeck I. Klasse hoch und entdeckte dort einen Mann, den sie in ihren Aufzeichnungen «den Inka» nennt, da sie seine Gesichtszüge an peruanische Keramik erinnerten. Glücklicherweise holte der Schiffsarzt, der Patienten aller Klassen betreute, Rupp mit Einverständnis des Kapitäns in die I. Klasse, wo sie benötigt wurde, um einen Funkoffizier, der in argentinische Dienste treten wollte, Spanisch zu unterrichten. «Wie das Bettelkind im Märchen komme ich mir vor», dachte sie, als sie die Klasse wechselte. Bald lernte sie «den Inka» näher kennen, tanzte und plauderte mit ihm, ließ sich von ihm in der Hängematte auf dem Deck hin und her schaukeln und begleitete den Seemann, der sich auf der Rückreise nach Hamburg befand, bei Ausflügen aufs Festland, während das Schiff im Hafen lag. Sie führte mit ihm «ernste Gespräche, und oft beschämt es mich», schreibt die Juristin und Schriftstellerin, «wahrzunehmen, wie viel ein Mann weiß, der nicht wie ich sein Leben auf Schulen und Universitäten versaß – den das Leben, die weite reiche Welt lehrte, was ich trotz allem nicht errang».

In Madeira beschlossen die beiden zu heiraten, nach ihrer Ankunft in Hamburg fand die Hochzeit statt.

Johannes Gerdts, Elsabeth Rupps «Inka», sollte zwei Jahrzehnte später und in einer radikal veränderten Welt als Kapitän die Cap Arcona übernehmen.

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