Kitabı oku: «Einführung in das Geschichtsstudium»

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Stefan Jordan

Einführung in das Geschichtsstudium

Reclam

Durchgesehene und aktualisierte Ausgabe 2021

2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2019

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961518-9

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019495-9

www.reclam.de

Inhalt

  Vorbemerkung zur überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2019

  1. Einleitung

  2. Die Universität als Arbeitsplatz und Lebensraum 2.1. Die Struktur der Universität Exkurs: Die Finanzierung des Studiums 2.2. Die Struktur der Fakultäten 2.3. Die Struktur des Studiums 2.4. Der Studienabschluss

 3. Geschichte als Wissenschaft3.1. Geschichte der Geschichtswissenschaft3.2. Teilbereiche der Geschichtswissenschaft3.2.1. Epochal strukturierte Teilbereiche der Geschichtswissenschaft3.2.2. Sektoral strukturierte Teilbereiche der Geschichtswissenschaft3.2.3. Regional (geographisch) strukturierte Teilbereiche der Geschichtswissenschaft3.2.4. Weitere Teilbereiche der Geschichtswissenschaft3.3. Geschichte als Gegenstand der Geschichtswissenschaft3.3.1. Was ist ›Geschichte‹?3.3.2. Geschichte und Beruf

 4. Das historische MaterialExkurs: Umgang mit historischem Material: Lesen – Exzerpieren – Vervielfältigen4.1. Quellen4.1.1. Primärquellen4.1.2. Regesten4.1.3. Sekundäre Quellen4.2. Sekundärliteratur4.2.1. Monographien4.2.2. Periodika und Sammelbände4.2.3. Lexika und Nachschlagewerke4.2.4. Rezensionsorgane4.2.5. Historische Atlanten, Tabellen und Statistiken4.2.6. Bibliographien

 5. Literaturrecherche im Internet und vor Ort5.1. Bibliographische Recherche5.2. Recherchieren im Internet5.3. Benutzung von Bibliotheken5.3.1. Bibliothekstypen5.3.2. Struktur wissenschaftlicher Bibliotheken5.4. Benutzung von Archiven5.4.1. Typen des Archivs5.4.2. Anmeldung und Anfrage5.4.3. Suche nach Archivalien5.4.4. Praktische Arbeit im Archiv

 6. Wissenschaftliche Forschung und DarstellungExkurs: Das Plagiat6.1. Methodische Schritte historischer Forschung6.1.1. Die Frage nach der Relevanz6.1.2. Fragestellung und Literatursuche (Heuristik)6.1.3. Quellenkritik6.1.4. Interpretation6.2. Die Konzeption wissenschaftlicher Darstellungen6.2.1. Die Einleitung6.2.2. Der Hauptteil6.2.3. Der Schluss6.3. Formen wissenschaftlicher Darstellung6.3.1. Der Vortrag, das Referat6.3.2. Das Thesenpapier, die mediale Präsentation6.3.3. Das Protokoll6.3.4. Klausuren und mündliche Prüfungsvorträge6.3.5. Der Aufsatz, die wissenschaftliche Hausarbeit, der Essay6.3.6. Die Monographie, die Bachelor-, Master- bzw. Examensarbeit6.4. Der formale Aufbau wissenschaftlicher Darstellungen6.4.1. Allgemeine Formatierung6.4.2. Das Titelblatt6.4.3. Das Inhaltsverzeichnis6.4.4. Zitierweisen6.4.5. Das Quellen- und Literaturverzeichnis6.4.6. Das Abkürzungsverzeichnis

 AnhangBeispiel für ein InhaltsverzeichnisBeispiel für das Titelblatt einer wissenschaftlichen HausarbeitBeispiel für das Titelblatt einer ExamensarbeitBibliographische Hinweise zu weiteren Einführungen in das GeschichtsstudiumZum Autor

[11]Vorbemerkung zur überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2019

Die erste Auflage dieser Einführung erschien im Jahr 2005 und damit in einer Zeit, in der der grundlegende Umstrukturierungsprozess deutscher wie europäischer Universitäten und Studiengänge noch nicht abgeschlossen war. Inzwischen sind ›Bachelor‹ und ›Master‹ allseits etablierte Studienabschlüsse in einer Fächerlandschaft, die sich seit 2005 weiter differenziert hat. Die von Kritikern als ›Verschulung‹ empfundene Neuorganisation des Studiensystems hatte auch Auswirkungen auf den Literaturmarkt. Das ›Lehrbuch‹ erhielt als Publikationsform starken Aufwind; zahlreiche Einführungen und Handbücher in Teilbereiche der Geschichtswissenschaft, deren Theorien und Methoden sowie die Praxis des Studierens kamen in kurzer Zeit auf den Buchmarkt. Schließlich hat die Digitalisierung des Wissens und des Wissenschaftsbetriebs seit dem Jahr 2005 starke Fortschritte gemacht. Nicht nur stehen seitdem vielmehr Quellen und Literaturtitel im Internet bereit, auch hat sich der Großteil des Formalteils, der zum Studium gehört – von der Studienplatzbewerbung über die Anmeldung für Seminare, das Bestellen von Büchern bis hin zur Anmeldung zur Abschlussprüfung –, in das Internet verlagert.

Die Neuausgabe dieser Einführung in das Geschichtsstudium soll diesen drei Entwicklungen Rechnung tragen. Sie soll zeigen, wie ein Geschichtsstudium in heutigen Studiengängen anzulegen und praktisch durchzuführen ist; sie soll auf wichtige neue, weiterführende Literatur zur [12]Einführung in die Geschichtswissenschaft aufmerksam machen; und sie soll zum Studium der Geschichte im Zeitalter digitaler Ressourcen anleiten. Darüber hinaus bleiben bekannte Elemente erhalten: Auch in der Neuausgabe stehen die Konzeption und der Aufbau von Qualifikationsarbeiten, die Techniken des Bibliographierens und Zitierens sowie weitere formale Hilfestellungen ebenso im Zentrum der Betrachtung wie die Einführung in die Benutzung von Bibliotheken, Archiven und Internetangeboten.

München, 1. Juni 2019 Stefan Jordan

[13]1. Einleitung

Student, Studenten, oder Studirende, Lat. Studentes oder Studiosi, Frantz. Etudians, werden diejenigen Personen genennet, so sich einige Jahre auf Universitäten aufhalten, um eine oder die andere von denen so genannten vier Facultäten zu begreifen, damit sie hernach der Kirchen, Schulen, oder dem gemeinen Wesen, nützliche Dienste leisten mögen.

Diese Definition stammt aus Johann Heinrich Zedlers Grossem vollständigen Universal-Lexicon (Leipzig/Halle 1744, Bd. 40, Sp. 1185). Mit kleinen Modifikationen kann sie auch heute noch gelten: So müsste die Zahl der Fakultäten erweitert werden, zu denen in Zedlers Zeit nur Theologie, Philosophie, Jura und Medizin zählten. War das Geschichtsstudium im 18. Jahrhundert noch Teil des philosophischen Studiums, so hat sich die Geschichtswissenschaft inzwischen ›emanzipiert‹, ist eigenständige Fakultät, Fachbereich oder Department geworden und kann als Fach an Universitäten gelehrt und gelernt werden. Damit erweiterte sich auch das Berufsspektrum, das Zedler auf den Dienst für den Staat, in Kirchen und in (damals noch nicht staatlichen) Schulen einschränkte. Heute stehen Historikern und Historikerinnen zusätzlich viele Arbeitsbereiche in der ›freien Wirtschaft‹ offen, auf die das Studium ebenfalls vorbereiten soll. Und wenn Zedler von ›einigen Jahren‹ spricht, die Studierende auf Universitäten verbringen, so zeigt dies deutlich, dass sein Artikel lange vor den um das Jahr 2000 herum durchgeführten Reformen geschrieben worden [14]sein muss, die mit neuen Studienordnungen, Studiengebühren und der Androhung von Zwangsexmatrikulation das Studium ›effektiv‹ machen sollten. Hieraus ergibt sich für Studierende häufig ein Spagat zwischen einem geforderten schnellen und praxisorientierten Studium und dem Wunsch nach Bildung und Hingabe an ein Studienfach, das sich nicht auf eine Berufsvorbereitung reduzieren lässt.

Damit dieser Spagat gelingt, ist es notwendig, sich möglichst frühzeitig mit den Rahmenbedingungen des Studiums vertraut zu machen, einen persönlichen Studienplan zu entwickeln und das Rüstzeug – die formalen Grundkenntnisse und Tricks – des Historikers zu erwerben. Je weniger der formale Rahmen das Geschichtsstudium belastet, desto mehr Zeit bleibt für dessen Inhalte übrig. Hinweise, Hilfestellungen, Einleitungen und (kommentierte) Literaturtipps hierzu zu geben, ist das Ziel dieses Bandes. Er versteht sich als praxisnahes ›Propädeutikum‹ (= Einführung in die wissenschaftlichen Vorkenntnisse) für alle Bereiche der Geschichtswissenschaft und richtet sich damit an alle Geschichtsstudierenden, solche, die es werden wollen, oder jene, die Geschichtswissenschaft als Hobby betreiben. Die Einführung in das Geschichtsstudium bietet nicht nur Einstiege in die Geschichte und Struktur des Fachs Geschichtswissenschaft; sie zeigt darüber hinaus Wege und Motive auf, wie und warum Geschichte studiert werden kann. Da dieses Studium im universitären Rahmen stattfindet, beschreibt sie auch in kurzen Zügen die Universität als Institution wie als Arbeits- und Lebensraum. Ein weiterer Schwerpunkt der Einführung liegt auf der Übersicht über die verschiedenen Arten historischer Quellen und Literatur sowie dem Umgang mit ihnen: Die [15]historischen Materialien werden vorgestellt, Recherchemöglichkeiten genannt und praktische Hilfestellungen für die Arbeit der Geschichtsstudierenden im Internet, in der Bibliothek und im Archiv gegeben. Zur Praxis des Historikers zählt ganz zentral die Gliederung seines Stoffs, der Aufbau seiner Beweisführung und das Verfassen von Texten: Präsentationen müssen vorbereitet, Referate gehalten, Haus- und Abschlussarbeiten verfasst, Essays und Thesenpapiere geschrieben werden. Diese Leistungen werden in einem auf ›Effektivität‹ bedachten Studienbetrieb oft nur noch oberflächlich vermittelt; sie müssen von Studierenden in Eigeninitiative erworben werden. Diese Einführung will solche Eigeninitiative unterstützen und einen Überblick verschaffen über etwas, das jedem Geschichtsstudierenden zunächst als bedrohlicher Formaldschungel gegenübertritt: das Zitieren.

Nicht zuletzt soll bei alledem die Anwendbarkeit historischen Wissens im Auge behalten werden; Geschichtswissenschaft zu studieren ist keineswegs eine so brotlose Kunst, wie es vielfach in der Öffentlichkeit behauptet wird. Wird das Geschichtsstudium in Hinsicht auf eine Anwendbarkeit des erworbenen Wissens betrieben, dann eröffnen sich Horizonte: für einen Beruf, für die eigene Persönlichkeit und für die Menschen um den Historiker herum – denn Geschichtswissenschaft ist eine Wissenschaft für Menschen, für die Gesellschaft. Die »nützlichen Dienste«, von denen Zedler schon sprach, sind darum auch heute noch höchstes Ziel und zugleich höchste Auszeichnung für jeden, der historischen Wissenschaften nachgeht.

[16]2. Die Universität als Arbeitsplatz und Lebensraum

Wenn jemand sagt: »Ich gehe zur Universität«, kann er damit ganz Unterschiedliches meinen. Am häufigsten wird dieser Satz wohl verwendet, um darauf hinzuweisen, dass man dieses oder jenes Fach studiert. ›Universität‹ wird dann als Ort verstanden, an dem Forschung und Lehre stattfinden. In weiterer Bedeutung kann aber auch die Universität als zusammenhängendes Gefüge öffentlicher Einrichtungen gemeint sein. Sie besteht nicht nur aus Hörsälen, Laboren und Sekretariaten. Zu ihr gehören auch Verwaltungen, Bibliotheken, Kultureinrichtungen, Cafeterien, die Mensa (als Kantine für Studierende und Lehrende), mitunter ein Botanischer Garten, Schwimmbad und Sportanlagen. Die Universität ist nicht allein Stätte der Arbeit, Ort von Bildung und Ausbildung. Sie ist darüber hinaus Lebensraum. ›Zur-Universität-gehen‹ heißt auch: sich mit Menschen zu treffen, in Cafeterien zu sitzen und (nicht nur) über Studium und Wissenschaft zu sprechen, zusammen zu Mittag zu essen, einen Kino- oder Theaterabend einzulegen oder einen Tanzkurs zu besuchen.

Besonders dieser letzte Aspekt wird von vielen Studierenden zu wenig beachtet. Ein durchschnittliches Studium dauert trotz aller Bemühungen der Länder, der Universitäten und der Studierenden selbst, die Studienzeiten zu verkürzen, im Schnitt immer noch vier bis fünf Jahre oder mehr. Wer in dieser langen Zeit einen ›Alleingang‹ versucht, die Universität also als Ausbildungsinstitution begreift, in die man ausschließlich geht, um Wissen zu [17]erwerben und Leistungen zu erbringen, kann sein Umfeld als anonyme Massenabfertigung, als Nebeneinander und nicht als Miteinander von Menschen erleben. Nicht nur für Geisteswissenschaftler, in deren Studium auf das Gespräch besonderer Wert gelegt wird, ist der Kommunikationsraum Universität notwendiger Bestandteil des Bildungsgangs. Der Umgang mit Kommilitonen und Lehrenden regt dazu an, neue Interessen zu wecken, sich mit anderen Meinungen und Sichtweisen auseinanderzusetzen. Das Gespräch mit Leuten, die vor vergleichbaren Anforderungen stehen, hilft zudem in Phasen des Zweifels, ob der gewählte Studiengang der richtige sei – die bei fast jedem Studierenden auftauchen –, und der Angst vor Prüfungen, die ebenfalls jeder teilt (ob er sie zugibt oder nicht). Nutzt man diese Möglichkeiten, so ist es fast unvermeidbar, dass man neue Freundschaften schließt. Und wer meint, dass er seine Freunde trifft, indem er sagt, er gehe zur Universität, hat einen weiteren Grund hierfür gewonnen, wenn die Veranstaltung, die ihn erwartet, das Buch, das gelesen werden muss oder der trockene Vortrag eines Lehrenden nur wenig dazu reizen.

Eine Einführung in das Leben an der Universität gibt es nicht und kann es nicht geben, so wichtig sie wäre. Hier ist jeder Studierende auf sein eigenes Engagement, seinen eigenen Willen und seine Fähigkeiten angewiesen, sich in neue Zusammenhänge zu bringen. Als Institution und als Ort von Lehre und Forschung ist die Universität dagegen beschreibbar. Ihren Aufbau und ihre Funktionsweisen zu kennen, bedeutet, sich besser orientieren und Zusammenhänge besser verstehen zu können.

[18]Anders, Freia: Studienfachberatung im Fach Geschichte. Schwalbach a. Ts. 2017.

Augustin, Eduard [u. a.]: Studieren. Eine Gebrauchsanweisung. München 2012.

Redder, Angelika (Hrsg.): Effektiv studieren. Osnabrück 2002.

Rein, Sylvia (Konzept und Redaktion): Einfach studieren. Tipps und Tricks rund ums Studium und Studentenleben. München 2012.

Voss, Rödiger: Studi-Coach. Studieren für Anfänger. Konstanz/München 22016.

2.1. Die Struktur der Universität

Universitäten sind eigenständige Rechtskörper mit einer Selbstverwaltung. An der Spitze ihrer Verwaltung steht der Rektor bzw. Präsident, ein aus dem Kreis der Professoren gewähltes Mitglied, dem die Repräsentation der Hochschule nach außen obliegt. Unterstützt wird dieser vom Kanzler, einem Verwaltungsbeamten, der der Universitätsverwaltung dienstrechtlich vorsteht. Von besonderem Interesse für Studierende sind neben der Universitätsbibliothek (s. Kap. 5.3.) das Rechenzentrum und das Universitätssekretariat.

Im Universitätssekretariat werden alle Angelegenheiten der Studienwahl erledigt. Hier erfolgt die erste Immatrikulation (Einschreibung), in der Studiengang (Art des Studiums wie Lehramt- oder Bachelor-[BA-]Studium), Studienfächer und Studienart (ordentlicher Student, Zweithörer mit gleichzeitiger Immatrikulation an einer anderen Universität, Gasthörer) festgelegt werden. Für die nach jedem Semester erforderliche Rückmeldung ist das Universitätssekretariat ebenso zuständig wie für den Wechsel von [19]Studiengang oder -fach, die Beantragung eines Freisemesters und die Exmatrikulation im Fall von Studienende, -abbruch oder Wechsel des Studienorts. Das Rechenzentrum ist verantwortlich für die EDV der Universität. Es verwaltet die E-Mail-Accounts aller Studierenden und bietet an fast allen Universitäten die Möglichkeit zum Aufbau einer eigenen Homepage.

Eine eigene Verwaltung besitzt der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA), dessen von allen Studierenden gewählte Mitglieder die Interessen der Studierenden vertreten und der auch Mitbestimmungsrecht in der Universitätspolitik hat, z. B. bei der Besetzung neuer Stellen. Ebenfalls nicht zur Universitätsverwaltung gehörig, aber in deren Räumen häufig zu finden, ist das Studentenwerk, das u. a. für die Verwaltung landeseigener Studierendenwohnheime zuständig ist und kulturelle Veranstaltungen unterstützt. In der Nähe der Universitätsverwaltung befinden sich auch meist das Amt für Förderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG-Amt) und eine Außenstelle der Agentur für Arbeit. Beide Stellen sind besonders wichtig für die Finanzierung des Studiums, die nun kurz betrachtet werden soll.

Exkurs: Die Finanzierung des Studiums

Das BAföG-Amt ist die erste Anlaufstelle für alle Studierenden, die die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und finanzielle staatliche Unterstützung beantragen wollen, die zur Zeit bei nachweisbarer Berechtigung zu 50 % als zinsloses Darlehen und zu 50 % als rückzahlungsfreies [20]Stipendium gewährt wird (2020: bis zu 861 € monatlich). Die Bewilligung einer Studienförderung gemäß BAföG muss jedes Semester neu erteilt werden; die hierfür sowie für den Erstantrag notwendigen Formulare sollten so frühzeitig wie möglich korrekt ausgefüllt eingereicht werden, da sonst Finanzierungslücken entstehen können. Die Förderung durch BAföG ist auf die Regelstudienzeit begrenzt; für bestimmte Fachrichtungen und für bestimmte Leistungen (z. B. notwendiger Erwerb einer Fremdsprache) gibt es aber ebenso Ausnahmen wie für persönliche Handicaps (z. B. Behinderung). Die Rückzahlung des als Darlehen gewährten Förderungsteils beginnt etwa fünf Jahre nach Ablauf der Förderungshöchstdauer, sofern der Rückzahlungspflichtige zu diesem Zeitpunkt über ein bestimmtes Mindesteinkommen verfügt (Rückzahlungsrate vierteljährlich 2020: 390 €). Das Darlehen kann auch mit einer einmaligen Zahlung vor Beginn des Rückzahlungszeitraums getilgt werden; in diesem Fall wird dem Darlehensnehmer eine Teilschuld erlassen (bis zu 25 % der Rückzahlungssumme). Ebenfalls eine Minderung des Rückzahlungsbetrags beantragen kann, wer innerhalb von zwölf Monaten nach Ende der Förderungshöchstdauer nach dem Ergebnis der Abschlussprüfung zu den besten 30 % aller Prüfungsabsolventen zählt, die diese Prüfung in demselben Kalenderjahr abgeschlossen haben. Weitere Teilerlasse sind möglich für Studierende, die ihren Abschluss vor dem Ende der Förderungshöchstdauer erreicht haben (bis zu 25 % der Rückzahlungssumme). Wichtig zu beachten ist, dass alle Formen von Erlassen nicht automatisch zur Anwendung kommen, wenn die Bedingungen dafür erfüllt sind, sondern eigens beantragt werden müssen.

[21]Eine weitere Möglichkeit der Studienfinanzierung oder -teilfinanzierung ist das Jobben. Speziell auf Studierende zugeschnittene Teilzeitjobs vermitteln die Agenturen für Arbeit oder (privatwirtschaftliche) Jobbörsen an den Universitäten. Erfolgreicher ist aber meist eine gezielte Eigeninitiative, zumal sie sich auf Tätigkeiten richten kann, die zu einem möglichen späteren Berufsziel gehören. Ideal ist es nämlich, eine Arbeit zu finden, die zur Finanzierung des Lebensunterhalts beiträgt und zugleich Perspektiven eröffnet: Das kann heißen, dass aus dieser Tätigkeit eine spätere Berufsstelle unmittelbar hervorgeht. Genauso kann es aber auch bedeuten, dass sich ein Aushilfsjob ›gut im Lebenslauf macht‹ –, man also nachweisen kann, in bestimmten Berufen bereits während des Studiums Erfahrungen gesammelt zu haben (s. Kap. 3.3.2.). Die Möglichkeit des ausbildungsbegleitenden ›Dualen Studiums‹ ist beim Geschichtsstudium eher selten.

Noch eine weitere Möglichkeit der Studienfinanzierung bieten Studienstipendien. Darunter versteht man Unterstützungen von Einrichtungen öffentlichen Rechts (Stiftungen, Bundesländer, Kommunen) und Vereinen (z. B. Rotary Club). Voraussetzung für den Erhalt eines Stipendiums sind besondere Leistungen und Lebensumstände (z. B. soziale Notlage). Hinzu kommen besondere Profile, die von den Zielsetzungen der Stipendiengeber abhängen: So finanzieren die Stiftungen der großen politischen Parteien, der Gewerkschaften und Kirchen vorzugsweise Personen, die ihrem Denken und Handeln in besonderer Weise (z. B. durch Mitgliedschaft) verbunden sind. Um ein Stipendium zu erhalten, muss man i. d. R. von einem bzw. zwei Gutachtern bei einem Stipendiengeber vorgeschlagen [22]werden. Die Förderungshöchstdauer eines Stipendiums ist normalerweise wie beim BAföG-Stipendium auf die Regelstudienzeit begrenzt. Eine besondere Form des Stipendiums stellt das Auslandsstipendium dar, das zur Finanzierung von einzelnen Semestern oder Studiengängen im Ausland dient.

Groß, Sina: Clever studieren mit der richtigen Finanzierung. Düsseldorf 52014.

Schachmann, Martin: Studenten-Jobs: Nebenverdienst-Tipps für Studium, Semesterferien, Praktikum, Werkstudenten, HIWIS mit vielen Jobideen. Wiesbaden 22015. [E-Book.]

Bundesministerium für Bildung und Forschung: www.bafög.de

Studis online: www.bafoeg-rechner.de

Deutscher Akademischer Austauschdienst: https://www.daad.de/ausland/studieren/de

2.2. Die Struktur der Fakultäten

Wissenschaftlich gliedert sich die Universität in Fakultäten oder Fachbereiche. An moderneren Unis sind die Historiker mit einem eigenen Fachbereich vertreten, an den älteren sind sie in die Philosophische Fakultät integriert. Die Vertretung der Fakultät nach außen und gegenüber der Universität übernimmt der aus dem Professorenkreis gewählte Dekan oder Fachbereichssprecher. Er steht dem Dekanat vor, von wo aus zusammen mit einem Geschäftszimmer (auch: »Studierendensekretariat« o. Ä.) die Fakultät verwaltet wird.

Dekanat und Geschäftszimmer sind zuständig für die [23]Ausstellung von Hörerscheinen und Prüfungszeugnissen. Meist sind hier bzw. auf den entsprechenden Internetseiten die Studienordnungen erhältlich, in denen die Anforderungen an den gewählten Studiengang verzeichnet sind. Auch erste Informationen über Studienberatungen sind hier zu bekommen. Für Anmeldungen zu Prüfungen gibt es in den Fakultäten Prüfungsämter. Wer sich zu einer Prüfung anmelden möchte, sollte sich hier rechtzeitig eine Prüfungsordnung besorgen und sich über die Anmeldefristen informieren. Dem AStA auf universitärer Ebene entsprechen studentische Fachschaften auf Fakultätsebene. Von Studierenden der Fakultät gewählt, vertreten sie deren Interessen in den Fakultätsgremien und bieten zudem eigene Studienberatungen an, in denen man auch inoffizielle Tipps bekommen kann.

Die Fakultäten gliedern sich in Institute oder Seminare, Professuren und Mitarbeiterstellen. Das Institut oder Seminar ist eine Unterabteilung mit einem abgegrenzten Wissenschaftsbereich, das von mindestens einem Professor geleitet wird. Weitere Wissenschaftsbereiche sind durch einzelne Professoren vertreten, die häufig einem Lehrstuhl mit Assistenten, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Hilfskräften und einem Sekretariat vorstehen. Daneben gibt es noch weitere wissenschaftliche Mitarbeiter, die keinem Lehrstuhl angehören, sondern der Fakultät direkt unterstehen. Ähnliches gilt für Lehrbeauftragte, die keine feste Anstellung an der Fakultät haben, aber mit der Durchführung einer Lehrveranstaltung betraut sind. Im deutschen Recht gibt es unterschiedliche Formen der Professur (ordentlicher [Ordinarius] und außerordentlicher Professor, Honorarprofessor, Titularprofessor, Studienprofessor [24]etc.), die sich mitunter auf die Prüfungsberechtigung auswirken können. Wer ins Auge fasst, sich einer Prüfung zu unterziehen, sollte sich rechtzeitig bei dem entsprechenden Professor oder beim Prüfungsamt über die Prüfungsberechtigung des Betreffenden erkundigen.

2.3. Die Struktur des Studiums

Das Studium der Geschichtswissenschaft ist modular aufgebaut, mitunter (v. a. im Lehramtsstudiengang) wird zwischen einem Grundstudium und einem Hauptstudium unterschieden. Der Abschluss des Grundstudiums wird durch ein Zwischenprüfungszeugnis bescheinigt, für das i. d. R. besondere Leistungen (meist eine Klausur und eine mündliche Prüfung) zu erbringen sind. Dieses Zeugnis gilt formell als Zulassungsberechtigung für Veranstaltungen im Hauptstudium, wenngleich in der Praxis kaum in Hauptseminaren danach verlangt wird. Als Modul bezeichnet man eine oder mehrere Lehrveranstaltungen, in denen ein übergeordnetes Thema verfolgt und ein gemeinsames Lernziel erreicht werden sollen. Im Rahmen eines Moduls wird eine bestimmte Anzahl an Credit Points (Leistungspunkte) für den Studienabschluss erworben.

Das jeweilige Angebot einer Fakultät ist in einem Vorlesungsverzeichnis zu finden, das für jedes Semester neu veröffentlicht wird. Auf den Internetseiten der Universitäten finden sich Vorlesungsverzeichnisse aller dort durchgeführten Veranstaltungen. Hier lohnt sich ein Blick über die Grenzen der eigenen Fakultät hinaus besonders für jene Studierenden, die ihr Studium interdisziplinär anlegen, [25]also auch Veranstaltungen an Fakultäten besuchen möchten, für die man vielleicht nicht eingeschrieben ist. In den Präsenzen der geschichtswissenschaftlichen Fakultäten findet man fachspezifische Vorlesungsverzeichnisse mit Kommentaren zu Inhalt und Ziel der angekündigten Veranstaltungen (mitunter auch Literaturlisten und Termine) sowie deren Einbettung in bestimmte Module. Diese Verzeichnisse werden zur Planung des Studiums in dem Fachbereich benutzt, für den man eingeschrieben ist. Die Anmeldung für eine Veranstaltung erfolgt über das Vorlesungsverzeichnis im Internet.

Regelmäßige Veranstaltungen im Studium können unterschiedliche Formen haben. Es gibt die Vorlesung, das Seminar, die Übung und praktische Übung sowie das Kolloquium. Vorlesungen, in denen ein Dozent über ein Thema referiert, finden meist in Hörsälen statt. Mitunter folgt im Anschluss ein Kolloquium oder eine Übung, in der über den Inhalt der Vorlesung diskutiert wird. Im Seminar und in der Übung steht das Gespräch im Vordergrund, werden Referate von Studierenden gehalten, manchmal Protokolle geschrieben und gemeinsame Texte gelesen und besprochen. Die praktische Übung dient der Berufsvorbereitung. In ihr wird die Arbeit des Historikers im Verlag, in den Medien, in Gedenkstätten und Museen oder im Archiv behandelt. Diese Veranstaltungsform ist häufig mit einem Praktikum verbunden und darum besonders wertvoll für die persönliche Zukunftsplanung. Das Kolloquium ist, sofern es nicht in Verbindung mit einer Vorlesung angeboten wird, meist eine Veranstaltung für fortgeschrittene Studierende und Doktoranden, in der Abschlussarbeiten vorgestellt oder komplexere Sachverhalte diskutiert werden. [26]Neben diesen regelmäßigen Veranstaltungen empfiehlt sich der Besuch von Gastvorträgen und Workshops. Diese bieten die Möglichkeit, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anderer Universitäten – vielleicht auch anderer Länder – und deren Forschungsansichten kennenzulernen. In ihnen lassen sich Dinge erfahren, die in den an der betreffenden Fakultät angebotenen historischen Wissenschaftsbereichen eventuell nicht oder anders behandelt werden.

Ganz wichtig für ein erfolgreiches Studium ist eine intelligente Studienplanung. Grundvoraussetzung hierfür ist eine genaue Kenntnis der Studienordnung bzw. eine ausführliche Studienberatung, bei der v. a. auf zwei Punkte geachtet werden muss:

 Leistungsanforderungen: Um die Credit Points eines bestimmten Moduls angerechnet zu bekommen, müssen Studierende alle in dem Modul geforderten Leistungen mit einer Bewertung von mindestens ›ausreichend‹ (4,0) erbringen. Bei allen Veranstaltungen ist die erste Bedingung die regelmäßige Teilnahme an allen zugehörigen Veranstaltungen. Eine weitere Voraussetzung ist die Übernahme schriftlicher und/oder mündlicher Arbeiten (Referat, Klausur, Hausarbeit, Essay). Außerdem gibt es mündliche Prüfungen im Anschluss an Vorlesungen sowie Praktikumsberichte bei praktischen Übungen.

 Bereiche der Leistungserbringung: Die Bereiche, in denen die Leistungen erbracht werden, sind z. T. schon durch die Struktur der Module vorherbestimmt. Meist gibt es ein Basismodul für den Einstieg in das Geschichtsstudium, in dem bestimmte Epochen oder Sektoren von Geschichtswissenschaft verpflichtend behandelt werden [27]müssen. Werden mehrere inhaltlich unterschiedlich ausgerichtete Module desselben Typs angeboten, können Studierende wählen, zu welchem Inhalt bzw. bei welchem Lehrenden sie ein Modul absolvieren möchten. So kann beispielsweise ein Modul, das aus einem Hauptseminar und einer Übung besteht, wahlweise im Bereich Antike, Mittelalter, Wirtschaftsgeschichte etc. gewählt werden.

Auch wenn das Studium durch seinen modularen Aufbau bereits weitgehend vorstrukturiert ist, lohnt es sich doch, bei Beratungsstellen der Fakultät oder Fachschaft nach Musterstundenplänen zu fragen. Allerdings muss jeder Studierende die Anforderungen seiner Fächerkombination selbst im Auge behalten, da diese in Musterstundenplänen meistens nicht berücksichtigt ist. Zu einer vorausschauenden Studienplanung gehört auch der frühzeitige Blick auf die Abschlussprüfung. Häufig gehen die Themen für Abschlussarbeiten aus Seminarthemen oder Hausarbeiten hervor; selten werden Prüfungen bei Dozenten abgelegt, die dem Prüfling nicht aus Veranstaltungen bekannt sind. Studienplanung heißt in dieser Blickrichtung auch: Suche nach Arbeitsschwerpunkten, nach Prüfungsthemen und nach Prüfern.

Bode, Christian [u. a.] (Hrsg.): Universitäten in Deutschland. Neuausg. München [u. a.] 2015.

Lingelbach, Gabriele / Rudolph, Harriet: Geschichte studieren. Eine praxisorientierte Einführung für Historiker von der Immatrikulation bis zum Berufseinstieg. Wiesbaden 2005.

Weber, Wolfgang E. J.: Universitäten. In: Michael Maurer (Hrsg.): [28]Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 6: Institutionen. Stuttgart 2002. S. 15–97. (Reclams Universal-Bibliothek.)

Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V.: Übersicht aller deutschen Hochschulen, an denen Geschichtswissenschaft gelehrt wird und aller möglichen Studiengänge. http://www.studium.org/geschichte

2.4. Der Studienabschluss

Ein Studium der Geschichtswissenschaft mit dem Studienziel ›Bachelor‹ gilt dann als erfolgreich abgeschlossen, wenn erstens die erforderliche Anzahl Credit Points während des Studiums in den entsprechenden Modulen erworben, zweitens eine Bachelor-Arbeit und drittens eine mündliche Abschlussprüfung mit mindestens der Note ›ausreichend‹ (4,0) bewertet wurde. Der Umfang einer Bachelor-Arbeit, in der ein geschichtswissenschaftliches Thema nach wissenschaftlichen Maßstäben erarbeitet werden soll, ist nicht standardisiert. Er richtet sich sowohl nach dem für die Arbeit eingeräumten Bearbeitungszeitraum als auch nach den persönlichen Vorstellungen des Prüfers und kann zwischen 15 und 80 Druckseiten Länge schwanken. Wichtig für die Bachelor- wie auch für andere Abschlussarbeiten ist eine enge, klare Absprache zwischen Kandidaten und Prüfern. Es gilt, das Thema möglichst genau einzugrenzen, Umfang und Bearbeitungszeitraum verbindlich zu definieren und persönliche Erwartungen des Prüfenden herauszufinden. Gleiches gilt auch für die mündliche Prüfung, die es ebenfalls detailliert mit dem Prüfer abzusprechen gilt. Die Gesamtnote setzt sich dann aus den Noten [29]der gewählten Studienbereiche, der Bachelor-Arbeit und der mündlichen Prüfung sowie in manchen Fällen aus einem optionalen Studienbereich zusammen, den die Kandidatin bzw. der Kandidat wählen kann.

Auf der Grundlage des Bachelor-Abschlusses kann das Studium als Master-Studium zum Erlangen des Abschlusses ›Master of Arts‹ (M. A.) oder – an bestimmten Universitäten – als Masterstudiengang ›Lehramt an Gymnasien‹ fortgeführt werden. Allerdings geht dies nicht automatisch, sondern setzt die erfolgreiche Beantragung einer Zulassung zum Master-Studium voraus. Dieses Studium ähnelt in seiner Struktur und seinen Leistungsanforderungen dem Bachelor-Studium, hat allerdings ein deutlich höheres fachliches Niveau.

[30]3. Geschichte als Wissenschaft

›Geschichte‹ ist Anfängerstudierenden als gesondertes Fach bereits aus der Schulzeit bekannt. Dabei ist es im Grunde genommen falsch oder zumindest zu kurz, von ›der Geschichte‹ als Fach zu sprechen. So wie es kein Schulfach gibt, in dem ›Lebendes‹ vermittelt wird, wohl aber eines, in dem die ›Lehre vom Lebenden‹ (Bio-logie) Gegenstand ist, betreibt man auch nicht ›Geschichte‹, sondern Geschichtswissenschaft.

3.1. Geschichte der Geschichtswissenschaft

Auf die Frage, was ›Geschichte‹ überhaupt ist, gibt es ganz unterschiedliche Antworten. Als man sich Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals wissenschaftlich, d. h. auf der Grundlage festgelegter Theorien und Methoden, mit der Historie zu beschäftigen begann, versuchte man zunächst, ›Geschichte überhaupt‹ zu betreiben. Unter den Überschriften Weltgeschichte, Allgemeine Geschichte oder Universalgeschichte widmete man sich dem gesamten Lauf der Welt in historischer Perspektive. Für Leopold von Ranke (1795–1886) etwa, der als ein Begründer moderner Geschichtswissenschaft in Deutschland gilt, war es zu Beginn des 19. Jahrhunderts Aufgabe der Geschichtswissenschaft, zu zeigen »wie es eigentlich gewesen« ist. Nach diesem Verständnis wurde Geschichtswissenschaft als daten- und faktenorientierte Erzählung betrieben.

Spätere Historiker wie Johann Gustav Droysen [31](1808–1884) übten Kritik an dieser Auffassung. Für sie war Geschichte – beispielsweise in der philosophischen Tradition des Deutschen Idealismus – die Geschichte des Geistes oder der Ideen. Für die Geistesgeschichte und Ideengeschichte dieses älteren Typs steht als Untersuchungsgegenstand das Denken im Vordergrund, das einzelne Völker oder Staaten und die ›großen Persönlichkeiten‹ kennzeichne, durch die der Fortschritt der Völker oder Staaten maßgeblich bestimmt worden sei. Diese Form des Geschichtsdenkens, die für das 19. Jahrhundert typisch ist und in Deutschland bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben wurde, wird auch als Historismus bezeichnet. Historistische Geistes- und Ideengeschichte richtete ihr Augenmerk auf einmalige Handlungen und individuelle Persönlichkeiten, die eine Entwicklung durch die Zeiten bewirkt hätten. Individualität und Entwicklung sind daher auch als Charakteristika des Historismus bezeichnet worden.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden weitere Geschichtsauffassungen entwickelt. Neben Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) Philosophie der Weltgeschichte (1830) wurde v. a. die Geschichtsphilosophie von Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft bedeutend. Für Marx und Engels war Geschichte die gesetzmäßige, stufenförmige Abfolge von fortschreitenden Entwicklungsstadien der Menschheit, die durch soziale Gegensätze bestimmt worden sei: Auf die Stufe der Urgesellschaft sei die Sklavenhaltergesellschaft gefolgt – bestimmt durch den Gegensatz von Herr und Sklave. An sie habe sich die Feudalgesellschaft angeschlossen, die sich durch den Kampf zwischen der Klasse der Grundbesitzer (›Lehnsherren‹) und der Klasse der [32]abhängigen Bauern (›Lehnsleute‹) ausgezeichnet habe. Als dritte Stufe erkannten Marx und Engels den Kapitalismus als antagonistisches Zusammenleben von besitzenden Kapitalisten und besitzlosen Proletariern; nach ihrer Überwindung folge notwendigerweise irgendwann der Sozialismus und Kommunismus, in dem die Klassengegensätze aufgehoben seien. Die Form der Geschichtswissenschaft, die mit diesem Modell operiert, bezeichnet man als Historischen Materialismus. Mit der Geschichtsphilosophie von Marx und Engels endete das Zeitalter der Geschichtsphilosophie als universalem Entwurf der Geschichte überhaupt. Seitdem wird vorwiegend von Geschichtstheorie(n) gesprochen (s. Kap. 3.2.4.), die anstelle des universalen Versuchs, die historische Welt in ihrem Wesen zu erklären, mit begrenzterem Anspruch nach dem Aufgabenbereich und dem methodischen Vorgehen der Geschichtswissenschaft fragt.

Inspiriert durch das Aufkommen von Soziologie und Ethnologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten einige Historiker neue Geschichtstheorien, denen zufolge nicht mehr der ›Geist‹ oder die ›Ideen‹ als Subjekt bzw. Akteur der Geschichte deren Lauf bestimmten, sondern die Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Gruppen. Zudem griff man die quantifizierenden Verfahren der Nachbarwissenschaften auf und wandte sich damit gegen die Betrachtung individueller Phänomene. Der Historiker Karl Lamprecht (1856–1915) entwickelte z. B. eine Auffassung von Geschichte als Kulturgeschichte, in der er – vom Vorbild der Naturwissenschaften beeinflusst – nach sozialpsychologischen Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte suchte.

Auch außerhalb Deutschlands entstanden neue Theorien über die Geschichte. Der Belgier Henri Pirenne [33](1862–1935) sowie die Franzosen Lucien Febvre (1878–1956) und Marc Bloch (1886–1944) stärkten eine Auffassung von historischer Arbeit, die v. a. auf quantifizierenden Verfahren aufbauen sollte. Wenn zu einem bestimmten Objekt, wie der Besiedlungsdichte einer Stadt, über einen längeren Zeitraum Daten erhoben würden, könne man daraus langfristige Konjunkturen erkennen, die als Merkmal der Geschichte dienen könnten. Nach dem Namen der von Febvre und Bloch gegründeten Zeitschrift Annales bezeichnet man diese Historiker, ihre Schüler und ihre Auffassung als Schule der Annales.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der besonders in Deutschland geforderten Revision herkömmlicher Geschichtsbilder, denen man eine Wegbereiterrolle für Krieg und Faschismus vorwarf, wurden zahlreiche neue Geschichtsauffassungen entwickelt. In Nachfolge der »Schule der Annales« und in Anknüpfung an den Nationalökonomen Max Weber (1864–1920) wurden verschiedene Konzeptionen einer Sozialgeschichte vorgestellt, die auch als Gesellschaftsgeschichte oder Historische Sozialwissenschaft bezeichnet wurden und eng mit anderen Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie, Wirtschaftswissenschaften etc.) zusammenarbeiteten (Prinzip der Interdisziplinarität). Außerdem maß man der Wirtschaftsgeschichte und der Technikgeschichte große Bedeutung für die Erklärung der Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert und des wirtschaftlichen Booms der Nachkriegszeit zu. Da soziale und wirtschaftliche Entwicklungen den nationalen Rahmen häufig sprengen, verstärkte man ebenfalls die Beschäftigung mit der Geschichte anderer Länder und Nationen (Prinzip der Internationalität).

[34]Seit den 1990er Jahren erfuhr die Sozialgeschichte Kritik von Seiten einer geschichtswissenschaftlichen Strömung, die als Neue Kulturgeschichte bezeichnet wird und heute die als am ›fortschrittlichsten‹ geltende Form von Geschichtswissenschaft bildet. Die Neue Kulturgeschichte verstärkte die Globalisierungsbestrebungen und untersucht transnationale historische Phänomene, internationale Netzwerke und länderübergreifende Migrationsbewegungen sowie Kulturtransfers. Sie entdeckte unter dem Begriff Agency das historisch handelnde Individuum wieder, fasst es aber nicht wie der Historismus als ›historische Persönlichkeit‹, sondern widmet sich mit besonderem Interesse seiner Weltdeutung und Wahrnehmung. Nicht mehr die Ereignisse stehen im Zentrum der Untersuchungen, sondern die Wahrnehmungen und Deutungen der Zeitgenossen, wie sie sich in Texten, aber auch auf Karten, Gemälden oder sonstigen Ausdrucksformen findet, in denen Geschichte ›verarbeitet‹ wurde (Doing History). Damit gewann die Untersuchung von Begriffen und Diskursen sowie von Ritualen und Repräsentationsformen besondere Bedeutung.

Dass gleichzeitig auch neuer Schwung in quantifizierende Verfahren und den Umgang mit seriellen Daten kam, ist auf die Digital Humanities zurückzuführen, die inzwischen in fast allen größeren Universitäten mit Professoren- und Mitarbeiterstellen vertreten sind. Auf eine erste Phase, in der v. a. Texte digitalisiert und im Internet veröffentlicht wurden, folgte eine zweite Phase, in der Quellen- und Informationsangebote tiefenerschlossen und individueller handhabbar gemacht wurden. Das eröffnete der Forschung neue Fragestellungen, etwa zu sozialen Netzwerken oder [35]zu Migrationsbewegungen. Neue Visualisierungstechniken machen Ergebnisse zudem anschaulicher und sind ebenfalls forschungsanregend.

Iggers, Georg G. [u. a.]: Geschichtskulturen. Weltgeschichte der Historiografie von 1750 bis heute. Göttingen 2013.

Jaeger, Friedrich / Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung. München 1992.

Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. Paderborn 42018.

Raphael, Lutz: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorie, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München 22010.

Woolf, Daniel: A Global History of History. Cambridge 2011.

– A Concise History of History. Global Historiography from Antiquity to the Present. Cambridge 2019.

3.2. Teilbereiche der Geschichtswissenschaft

Der ursprüngliche Anspruch, Geschichte als Universalgeschichte zu betreiben, trat in dieser Entwicklung immer mehr zurück. Dafür etablierten sich Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft, nach denen heute häufig (universitäre) Institute, Lehrstühle und Forschungsschwerpunkte benannt sind. Man spricht von einer epochalen, einer sektoralen und einer regionalen (geographischen) Untergliederung der Geschichtswissenschaft.

Übergreifende Literatur zum Folgenden:

Cornelißen, Christoph (Hrsg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung. Frankfurt a. M. 42009.

[36]Eibach, Joachim / Lottes, Günther (Hrsg.): Kompass der Geschichtswissenschaft. Göttingen 22006.

Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs. Reinbek 32007.

Jordan, Stefan (Hrsg.): Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft. Stuttgart 2019. (Reclams Universal-Bibliothek.) [Zuerst 2002 u. d. T.: Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe.]

Maurer, Michael (Hrsg.): Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft. Stuttgart 2003. (Reclams Universal-Bibliothek.)

3.2.1. Epochal strukturierte Teilbereiche der Geschichtswissenschaft

Die traditionelle Unterteilung der Geschichtswissenschaft ist die in epochale Wissenschaftsbereiche. Sofern in der betreffenden Fakultät die Disziplinen Archäologie, Vor- oder Ur- und Frühgeschichte nicht angeboten werden, ist die epochale Disziplin, die am weitesten zeitlich zurückreicht, die Alte Geschichte (Geschichte des Altertums). Auf sie folgt die Mittelalterliche Geschichte (Mediävistik), danach die Geschichte der Neuzeit.

Die Disziplin Alte Geschichte umfasst üblicherweise die Erforschung der Zeit vom Beginn der griechischen Schriftlichkeit bis zur Auflösung des römischen Weltreichs. Sie ist im Wesentlichen auf die abendländische Antike und daher auf das heutige Europa, Teile Vorderasiens und Nordafrikas beschränkt. Sofern mehrere Professuren für Alte Geschichte in einer Fakultät vorhanden sind, teilen diese sich meist auf in Griechische Geschichte (von Homer bis zum Hellenismus) und Römische Geschichte (von der Gründung Roms bis zur Völkerwanderung).

[37]Blum, Hartmut / Wolters, Reinhard: Alte Geschichte studieren. Konstanz 22011.

Günther, Rosmarie: Einführung in das Studium der Alten Geschichte. Paderborn [u. a.] 2001.

Leppin, Hartmut: Einführung in die Alte Geschichte. München 22015.

Vollmer, Dankward: Alte Geschichte in Studium und Unterricht. Eine Einführung mit kommentiertem Literaturverzeichnis. Stuttgart 1994.

Zeitlich an die Alte Geschichte schließt sich die Mittelalterliche Geschichte an, die den Zeitraum bis etwa zur Reformation umfasst und i. d. R. ebenfalls auf Europa (das lateinische Mittelalter) begrenzt ist. Auch hier gibt es weitere zeitliche Unterteilungen, von denen die gebräuchlichste die in Frühes Mittelalter (etwa 800–1050), Hohes Mittelalter (etwa 1050–1300) und Spätes Mittelalter (etwa 1300–1500) ist.

Boockmann, Hartmut: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. München 82007.

Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter. Stuttgart 42014.

Hartmann, Martina: Mittelalterliche Geschichte studieren. Konstanz 42017.

Heimann, Heinz-Dieter: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. Stuttgart 22006.

Hilsch, Peter: Das Mittelalter – die Epoche. Konstanz 42017.

Die Behandlung der Zeit vom Ende des Mittelalters bis zur Gegenwart ist das Aufgabengebiet der Geschichte der Neuzeit. Zu dieser Disziplin gibt es die meisten Professuren und kleinere zeitliche Unterteilungen.

[38]Als Geschichte der Frühen Neuzeit versteht man die Untersuchung des Zeitraums vom Ausgang des Mittelalters bis zur Französischen Revolution (1500–1800). Innerhalb der Frühen Neuzeit werden mitunter der Zeitabschnitt der Religionskriege oder Konfessionelles Zeitalter (1500–1650) und die Sattelzeit (1750–1850) als eigenständige Periodisierungen behandelt. Dieser Einteilung liegen bestimmte wissenschaftliche Thesen zugrunde: dass die durch die Reformation ausgelösten Konflikte nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs im Jahr 1648 in eine neue europäische Friedenslösung mündeten bzw. dass um 1750 eine Transformationsphase einsetzte, in der sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Moderne herausbildete und in der viele Begriffe unserer heutigen politisch-sozialen Sprache geprägt wurden (z. B. Demokratie, Staat, Gesellschaft).

Emich, Birgit: Geschichte der Frühen Neuzeit studieren. Konstanz 22019.

Völker-Rasor, Anette (Hrsg.): Frühe Neuzeit. München 32010.

Vocelka, Karl: Frühe Neuzeit 1500–1800. Konstanz 32020.

Hieran schließt sich die Neuere Geschichte an, worunter im Kern das ›lange 19. Jahrhundert‹ verstanden wird, jener Zeitraum also, der von 1789 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dauerte. Auch mit dieser Periodisierung ist eine These verbunden: dass die Französische Revolution (und die Aufklärung) und der Erste Weltkrieg entscheidende Einschnitte in der (europäischen) Geschichte bilden und so als Anfangs- bzw. Endpunkt eines eigenständigen Zeitraums dienen sollen.

[39]Opgenoorth, Ernst / Schulz, Günther: Einführung in das Studium der Neueren Geschichte. Paderborn [u. a.] 72010.

Schulze, Winfried: Einführung in die Neuere Geschichte. Stuttgart 52010.

Wolbring, Barbara: Neuere Geschichte studieren. Konstanz 2006.

Für die jüngste Epoche der Geschichte, die das 20. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart hinein umfasst, haben sich zwei Begriffe etabliert: Neueste Geschichte und Zeitgeschichte. Manchmal wird dabei die Zeit nach 1945 – besonders mit Bezug auf die deutsch-deutsche Geschichte – als weitere Unterteilung eigenständig betrachtet. Neuerdings ist zu bemerken, dass sich in Deutschland eine noch kleinteiligere Untergliederung durchsetzt, die zwischen der Geschichte der Bonner Republik und der DDR (1945–1989/90) und der Geschichte der Berliner Republik (seit 1990) unterscheidet.

Bösch, Frank / Danyel, Jürgen (Hrsg.): Zeitgeschichte. Konzepte und Methoden. Göttingen 2012.

Metzler, Gabriele: Einführung in das Studium der Zeitgeschichte. Stuttgart 2004.

Möller, Horst / Wengst, Udo (Hrsg.): Einführung in die Zeitgeschichte. München 2003.

Peter, Matthias / Schröder, Hans-Jürgen: Einführung in das Studium der Zeitgeschichte. Paderborn 1994.

Metzler, Gabriele: Zeitgeschichte: Begriff – Disziplin – Problem. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 7. 4. 2014. http://docupedia.de/zg/Zeitgeschichte

[40]3.2.2. Sektoral strukturierte Teilbereiche der Geschichtswissenschaft

Sektorale Geschichte wird über einen bestimmten Interessensgegenstand (Gesellschaft, Militär, Kultur, Geschlecht etc.) definiert. Im Unterschied zur Untergliederung der Geschichtswissenschaft nach einzelnen Epochen ist bei der sektoralen Struktur der Geschichtswissenschaft der zeitliche Horizont der Beschäftigung viel weiter: Während also derjenige, der zur Geschichte der Antike forscht, sich seinem Gegenstand mit sozial-, wirtschafts- oder kulturhistorischem Interesse nähern kann, aber nie deutlich über die Völkerwanderungszeit hinausarbeitet, wird der Alltagshistoriker möglicherweise die gesamte Geschichte in den Blick nehmen, aber aus ihr nur einige Interessensgegenstände herauspicken. Die Beschränkung auf einzelne Aspekte bei der Unterteilung der Geschichtswissenschaft nach sektoralen Gesichtspunkten geht häufig mit einer Konzentration auf bestimmte Quellen und Methoden einher: Vertreter einer traditionellen Geistes- und Ideengeschichte richten ihr Augenmerk mehr auf bedeutende gedruckte Werke als Vertreter der Technikgeschichte, die vielleicht eher Daten seriell auswerten. Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt ist Gegenstand von gleich zwei Unterdisziplinen der Geschichtswissenschaft: Die Umweltgeschichte beschäftigt sich mit der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt/Natur und untersucht etwa Auswirkungen klimatischer Änderungen auf Kultur und Lebensformen oder die Folgen von Umweltverschmutzung für das Klima. Die Wissenschaftsgeschichte richtet sich stärker auf naturwissenschaftliche und technologische Entwicklungen, z. B. als [41]Geschichte der Physik. Dabei geht es häufig auch um naturwissenschaftlich geprägte Denkbilder. Die Überlegung, dass es nicht die Taten und Ereignisse sind, die das Denken der Menschen bestimmen, sondern dass es das Denken ist, aus dem die Taten und Ereignisse hervorgehen, ließ die Richtung der Begriffsgeschichte entstehen, die später auch als Diskursgeschichte bezeichnet wurde: Anhand der Bedeutungsänderungen, die bestimmte Begriffe im Lauf der Geschichte erfahren, versuchen Begriffs- und Diskurshistoriker, den Wandel im Weltbild der Menschen zu bestimmen.

Gleitsmann, Rolf-Jürgen: Technikgeschichte. Konstanz 2009.

Herrmann, Bernd: Umweltgeschichte. Eine Einführung in Grundbegriffe. Berlin/Heidelberg 22016.

Nowosadtko, Jutta: Krieg, Gewalt, Ordnung. Einführung in die Militärgeschichte. Tübingen 2002.

Arndt, Melanie: Umweltgeschichte. Version: 3.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 10. 11. 2015. https://docupedia.de/zg/Arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015

Echternkamp, Jörg: Militärgeschichte. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 12. 7. 2013. https://docupedia.de/zg/Militaergeschichte

Häufig ist die Etablierung sektoraler Bereiche historischer Forschung Folge von wissenschaftlichen Neuerungsbewegungen und daraus resultierenden wissenschaftspolitischen und politischen Auseinandersetzungen von Fachwissenschaftlern. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Sozialgeschichte – die Erforschung des Interessensgegenstands ›Gesellschaft‹ in seiner zeitlichen [42]Erstreckung – in Deutschland in Abgrenzung zur politikorientierten Geschichtsauffassung des Historismus entstand. Sozialhistorisch arbeitende Historiker wie Gerhard A. Ritter (1929–2015), Hans-Ulrich Wehler (1931–2014) und Jürgen Kocka (geb. 1941) traten seit Mitte der 1960er Jahre mit ihren Thesen der vorherrschenden Geschichtsauffassung entgegen und etablierten Sozial- bzw. Gesellschaftsgeschichte als eigenständigen historischen Bereich. Sie betrieben ihren Gegenstand häufig auch mit Blick auf ökonomische Prozesse als Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

Boelcke, Willi A.: Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Einführung – Bibliographie – Methoden – Problemfelder. Darmstadt 1987.

Kocka, Jürgen: Sozialgeschichte. Begriff – Entwicklung – Probleme. Göttingen 21986. [Zuerst 1977.]

Nathaus, Klaus: Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 24. 9. 2012. https://docupedia.de/zg/Sozialgeschichte_und_Historische_Sozialwissenschaft

Steiner, André: Wirtschaftsgeschichte. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 15. 10. 2013. https://docupedia.de/zg/Wirtschaftsgeschichte

In dem Maße, indem die Sozialgeschichte selbst zum ›Establishment‹ wurde, traten wieder neue junge Historiker mit alternativen Geschichtskonzepten hervor: so etwa Alf Lüdtke (1943–2019), der die Alltagsgeschichte in Deutschland stark machte, Hans Medick (geb. 1939), der als Mikrohistoriker sein Augenmerk auf die »kleinen Räume« richtete, Alexander von Plato (geb. 1942), der mit dem Mikrofon in der Hand Oral History betrieb, und Ulrich Raulff [43](geb. 1950), der sich kollektiven Mentalitäten widmete. Ebenso wie diese Richtungen entdeckten auch die Begriffsgeschichte und Historische Diskursanalyse das Individuum wieder und sahen in ihm den Träger zeitspezifischer Wahrnehmungen und Deutungen. Auch die Körperlichkeit des Individuums, seine Selbstwahrnehmung und seine Emotionen wurden Gegenstand historischer Untersuchungen. Die Neue Kulturgeschichte widmet sich heute Untersuchungsgegenständen wie Räumen oder politischen Gebilden, die von den älteren Richtungen als ›objektiv‹ gegebene Größen behandelt worden waren, und versteht sie als Gegenstände zeitspezifischer Wahrnehmungen. So fragt sie etwa danach, wie ein einfacher Bauer im 19. Jahrhundert seine räumliche und soziale Umwelt ›erfahren‹ hat. Damit verbunden rückte auch symbolisches Handeln in das Zentrum des Interesses: Zeremonien an Herrscherhöfen werden ebenso als politisches Handeln bewertet wie politische Diskussionen auf Möglichkeiten des ›Sagbaren und des Machbaren‹ ausgelotet werden.

Bachmann-Medick, Doris: Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek 62018.

Daniel, Ute: Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter. Frankfurt a. M. 72016.

Landwehr, Achim: Historische Diskursanalyse. Frankfurt a. M. 2008.

Lüdtke, Alf (Hrsg.): Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. Frankfurt a. M. / New York 22002.

Müller, Ernst / Schmieder, Falko: Begriffsgeschichte zur Einführung. Hamburg 2020.

Plamper, Jan: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte. München 2012.

Raulff, Ulrich (Hrsg.): Mentalitäten-Geschichte. Berlin 1987.

[44]Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Version: 2.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 17. 6. 2020. https://docupedia.de/zg/Bachmann-Medick_cultural_turns_v2_de_2019

Kollmeier, Kathrin: Begriffsgeschichte und Historische Semantik. Version: 2.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 29. 10. 2012. https://docupedia.de/zg/Begriffsgeschichte_und_Historische_Semantik_Version_2.0_Kathrin_Kollmeier

Landwehr, Achim: Diskurs und Diskursgeschichte. Version: 2.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 1. 3. 2018. https://docupedia.de/zg/Landwehr_diskursgeschichte_v2_de_2018

Landwehr, Achim: Kulturgeschichte. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 14. 5. 2013. https://docupedia.de/zg/Kulturgeschichte

Verheyen, Nina: Geschichte der Gefühle. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 18. 6. 2010. https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gefühle

An den sektoralen Teildisziplinen der Geschichte spiegeln sich Trends der Forschung wider. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Frauengeschichte. Diese entstand als Form der Sozialgeschichte vor dem Hintergrund verstärkter weiblicher Emanzipationsbewegungen seit den 1960er Jahren. Frühen Texten der Frauengeschichtsbewegung ist daher die Absicht deutlich anzumerken, politisch befreiend zu wirken. Bald aber wurde die Beschränkung auf das biologische Geschlecht und auch der ideologische Rahmen, in dem die Frauengeschichte entstand, als zu eng angesehen. Der Begriff ›Frauengeschichte‹ wich immer mehr der Geschlechtergeschichte bzw. den Gender Studies, die erstens in kritischerer Distanz zum Feminismus betrieben werden, zweitens auch die Körperlichkeit von Männern mit in die Betrachtung einbeziehen und drittens ›Geschlecht‹ nicht als rein biologische, sondern auch als [45]kulturell geformte Kategorie begreifen. Ähnliches lässt sich auch in anderen Bereichen feststellen. Das »Institut zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung« wurde 1980 mit deutlich außenpolitischem Bezug (»Kalter Krieg«; Gegengeschichte zum Historischen Materialismus) gegründet. Nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes wurde es 1999 in »Institut für soziale Bewegungen« umbenannt, in seiner Forschungsausrichtung damit erweitert und in seinem ursprünglichen Sinn ›entpolitisiert‹. Auffällig ist auch, dass viele Lehrstühle für Wirtschaftsgeschichte, die im Zeichen boomender Industrie seit den späten 1960er Jahren etabliert wurden, heute eher auf Unternehmensgeschichte ausgerichtet werden oder anderen Schwerpunkten wie Historischer Anthropologie oder Neuer Kulturgeschichte weichen.

Berghoff, Hartmut: Moderne Unternehmensgeschichte. Eine themen- und theorieorientierte Einführung. Berlin 22016.

Dülmen, Richard van: Historische Anthropologie. Entwicklung, Probleme, Aufgaben. Köln [u. a.] 22001.

Medick, Hans (Hrsg.): Geschlechtergeschichte und allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven. Göttingen 1998.

Opitz-Belakhal, Claudia: Geschlechtergeschichte. Frankfurt a. M. / New York 22018.

Pierenkemper, Toni: Unternehmensgeschichte. Eine Einführung in ihre Methoden und Ergebnisse. Stuttgart 2000.

Tanner, Jakob: Historische Anthropologie zur Einführung. Hamburg 32017.

Ahrens, Ralf: Unternehmensgeschichte. Version: 2.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 23. 9. 2019. https://docupedia.de/zg/Ahrens_unternehmensgeschichte_v2_de_2019

Heinsohn, Kirsten / Kemper, Claudia: Geschlechtergeschichte, [46]Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 04.12. 2012. https://docupedia.de/zg/Geschlechtergeschichte

Tanner, Jakob: Historische Anthropologie. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 3. 1. 2012. https://docupedia.de/zg/Historische_Anthropologie

3.2.3. Regional (geographisch) strukturierte Teilbereiche der Geschichtswissenschaft

Eine Aufteilung der Geschichtswissenschaft nach Räumen ist auf verschiedenen Ebenen anzutreffen: So kann man zunächst die Geschichte ganzer Kontinente (Geschichte Nordamerikas, Afrikanische Geschichte etc.) und Teilkontinente (Geschichte Südeuropas, Südosteuropas, Ostasiens etc.) finden. Stärker verbreitet ist die Geschichte einzelner Länder bzw. Nationen, wobei die meisten Professoren schwerpunktmäßig Deutsche Geschichte betreiben, auch wenn ihre Stellenbezeichnung (z. B. Geschichte der Neuzeit) das auf den ersten Blick nicht erkennen lässt. Seltener dagegen findet man einen Lehrstuhl, der auf die Geschichte einzelner nicht-deutscher Länder bzw. Nationen (z. B. Geschichte Großbritanniens) spezialisiert ist; in der deutschen Geschichtswissenschaft kaum gelehrt wird die Geschichte von Staaten in Afrika, Südamerika und z. T. auch Asien.

Geographisch strukturierte Bereiche der Geschichtswissenschaft können – wie epochal strukturierte Bereiche – unterschiedliche methodische Ansätze verfolgen (Kultur-, Geistes-, Sozialgeschichte etc.); sie haben wie sektoral strukturierte Bereiche die Möglichkeit epochenübergreifenden Arbeitens. Regional strukturierte Geschichtswissenschaft kann ebenfalls Spiegel politischer [47]Entscheidungen sein: Die Vielzahl an Lehrstühlen für osteuropäische Geschichte (West) bzw. für Geschichte der Sowjetunion (Ost), die nach 1945 in Deutschland eingerichtet wurden, ist deutlich zurückgegangen; angesichts des stärker werdenden Nord-Süd-Gefälles und der religiös-fundamentalistischen Auseinandersetzungen haben Neuetablierungen von Forschungsschwerpunkten und Lehrstühlen im Bereich der Geschichte des Orients, Asiens oder Afrikas dafür zugenommen.

Maurer, Michael (Hrsg.): Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 2: Räume. Stuttgart 2001. (Reclams Universal-Bibliothek.)

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich auch die Landesgeschichte als feste Größe im Kanon der historischen Subdisziplinen etabliert. In Bundesländern, die als Folge der politischen Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden (z. B. Rheinland-Pfalz) oder die schon zuvor aus mehreren Gebieten zusammengesetzt waren (Schleswig-Holstein), wird Landesgeschichte nicht auf der Ebene des heutigen Bundeslands, sondern auf der Ebene historischer Territorien betrieben (z. B. Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern; Institut für Fränkische Landesforschung, Erlangen). Seltener an den Universitäten vertreten ist die Regionalgeschichte, noch weniger zu finden ist die Lokalgeschichte. Diese beiden Bereiche werden häufig von Geschichtsvereinen (z. B. Geschichtswerkstätten) betrieben oder in der Volkskunde aufgefangen, einer Nachbardisziplin der Geschichtswissenschaft, die eine Mischung aus dieser, Ethnologie, Anthropologie und Archäologie darstellt.

[48]Brednich, Rolf Wilhelm / Scharfe, Martin (Hrsg.): Das Studium der Volkskunde am Ende des Jahrhunderts. Göttingen 1996.

Buchholz, Werner (Hrsg.): Landesgeschichte in Deutschland. Bestandsaufnahme – Analyse – Perspektiven. Paderborn [u. a.] 1998.

Hauptmeyer, Carl-Hans (Hrsg.): Landesgeschichte heute. Göttingen 1987.

Weber-Kellermann, Ingeborg [u. a.]: Einführung in die Volkskunde / Europäische Ethnologie. Eine Wissenschaftsgeschichte. Stuttgart 32003.

3.2.4. Weitere Teilbereiche der Geschichtswissenschaft

Über die genannten Teilgebiete der Geschichtswissenschaft hinaus existiert an fast jeder deutschen Universität ein Lehrstuhl oder eine andere Lehrstelle für Didaktik der Geschichte. Dies hängt v. a. damit zusammen, dass Geschichte ein Lehrfach der Schule ist. Die Geschichtsdidaktik hat die Aufgabe, auf die Lehre der Geschichte vorzubereiten. Sie tut dies u. a., indem sie Vermittlungsstrategien von Geschichte erörtert, Formen der Geschichtsschreibung diskutiert und Geschichte als Gegenstand politisch-gesellschaftlicher Erziehung ausweist. Geschichtsdidaktik ist aber nicht nur auf die Schule beschränkt, sondern leistet Beiträge auch für Museen, für historische Bildung in Tagungsstätten, in den Medien, in Gedenkstätten, bei Stadtrundgängen – kurzum: für alle Bereiche öffentlichen Lebens, in denen ›Geschichte‹ zum Thema wird.

Baumgärtner, Ulrich: Wegweiser Geschichtsdidaktik: Historisches Lernen in der Schule. Paderborn 22019.

Brauch, Nicola: Geschichtsdidaktik. Berlin/Boston 2015.

Mayer, Ulrich / Pandel, Hans-Jürgen: Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Schwalbach a. Ts. 32014.

[49]Norden, Jörg van [u. a.] (Hrsg.): Geschichtsdidaktische Grundbegriffe. Ein Bilderbuch für Studium, Lehre und Beruf. Hannover 2020.

Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsdidaktik: Eine Theorie für die Praxis. Eine Einführung. Schwalbach a. Ts. 22017.

Sauer, Michael: Geschichte unterrichten: Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. Seelze 122015.

Terhart, Ewald: Didaktik. Eine Einführung. Stuttgart 2009. (Reclams Universal-Bibliothek.) [Auch als E-Book.]

In den letzten Jahren hat die Engführung des Bereichs ›Geschichtsdidaktik‹ auf die Lehrerausbildung zunehmend Kritik erfahren. Diese richtet sich darauf, dass Geschichtsvermittlung im gesamten öffentlichen Raum und nicht nur in der Schule stattfindet: Straßen tragen die Namen historischer Persönlichkeiten oder Ereignisse, Geschichte wird im Fernsehen, in der Werbung, im Museum und Gedenkstätten, in Stadtführungen, bei Szenarien des Reenactment und der Living History (z. B. Mittelaltermärkte, Nachbau historischer Erfindungen), in (Computer-)Spielen und an vielen anderen Stellen mehr vermittelt. Als übergreifende Begriffe für diese Kontextualisierungen historischen Wissens haben sich die Bezeichnungen Angewandte Geschichte oder Public History etabliert und Eingang in die universitäre Lehre gefunden, z. T. sogar als eigene (Aufbau-)Studiengänge. Diese Erweiterung des früheren Didaktikbegriffs entspricht einer veränderten beruflichen Perspektive von Geschichtsstudierenden: Im alten Universitätssystem schlugen Studierende mit dem Abschluss ›Magister‹ meist eine weitere universitäre Laufbahn ein, und Studierende mit dem Abschluss ›Staatsexamen‹ wurden i. d. R. Lehrer. Seit den 1980er Jahren wählen Historiker und Historikerinnen häufig aber auch andere Berufe, in die sie ihre [50]Ausbildung und ihr Wissen einbringen. Public History soll genau darauf vorbereiten.

Hardtwig, Wolfgang / Schug, Alexander (Hrsg.): History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt. Stuttgart 2009.

Hinz, Felix / Körber, Andreas (Hrsg.): Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte. Geschichte in der Gesellschaft: Medien, Praxen, Funktionen. Göttingen 2020.

Sack, Hilmar: Geschichte im politischen Raum. Theorie – Praxis – Berufsfelder. Tübingen 2016.

Zündorf, Irmgard / Lücke, Martin: Einführung in die Public History. Göttingen 2018.

Samida, Stefanie: Public History als Historische Kulturwissenschaft – ein Plädoyer. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 17. 6. 2014. https://docupedia.de/zg/Public_History_als_Historische_Kulturwissenschaft

Zündorf, Irmgard: Zeitgeschichte und Public History. Version 2.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 6. 9. 2016. https://docupedia.de/zg/Zuendorf_public_history_v2_de_2016

Neben diesem häufig anzutreffenden Bereich der Geschichtsdidaktik / Public History fällt das weitgehende Fehlen von Professuren zur Theorie der Geschichte und Methodologie der Geschichte auf. Aufgabe dieser Subdisziplin ist es, die Grundlagen von Geschichte zu erörtern, indem sie die Fragen stellt: »Was ist Geschichte?« und »Wie betreibt man wissenschaftliche Geschichtsforschung?«.

Carr, Edward Hallett: Was ist Geschichte? Stuttgart 61981. [1963, engl. 1961.]

Goertz, Hans-Jürgen: Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die Geschichtstheorie. Reinbek 1995.

Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. Paderborn 42018.

[51]Küttler, Wolfgang [u. a.] (Hrsg.): Geschichtsdiskurs. 5 Bde. Frankfurt a. M. 1993–99.

Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie. Köln [u. a.] 1997.

Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln [u. a.] 2013.

Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik. Hrsg. von der Studiengruppe »Theorie der Geschichte«. Werner-Reimers-Stiftung, Bad Homburg. 6 Bde. München 1972–90.

Häufiger noch anzutreffen ist der Bereich der Historischen Hilfswissenschaften, wobei auch diese Disziplin, die wichtige Grundlagen für das Edieren historischer Quellen schafft, immer seltener gelehrt wird. Historische Hilfswissenschaften ist ein Sammelbegriff v. a. für die Disziplinen der Paläographie (Lehre von den alten Schriften), Numismatik (Münzkunde), Sphragistik (Siegelkunde), Diplomatik (Urkundenlehre), Heraldik (Wappenkunde), Genealogie (Familien- bzw. Geschlechterforschung) und Chronologie (Lehre von der Zeitabfolge und Zeitmessung).

Brandt, Ahasver von: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. Stuttgart [u. a.] 182012 [1958].

Doublier, Étienne [u. a.] (Hrsg.): Die Historischen Grundwissenschaften heute. Tradition – Methodische Vielfalt – Neuorientierung. Wien [u. a.] 2020

Rohr, Christian: Historische Hilfswissenschaften. Eine Einführung. Wien [u. a.] 2015.

Virtuelle Bibliothek – Deutsche Datenquellen – Geschichte: Historische Hilfswissenschaften. http://www.vl-ghw.uni-muenchen.de/

[52]Einen erheblichen Bedeutungsgewinn und Anteil an akademischer Lehre hat dagegen die Historische Fachinformatik erfahren, die heute verstärkt unter der Bezeichnung Digital Humanities betrieben wird. Während die Historische Fachinformatik in ihren Anfängen darauf zielte, Quellen und geschichtswissenschaftliche Werke als Digitalisate im Internet bereitzustellen, verstehen sich die Digital Humanities heute als Brückendisziplin. Sie verfügen über keine eigenen Methoden oder Verfahren, sondern vermitteln technische Möglichkeiten der Datenanalyse, -aufbereitung und -visualisierung an die Geschichtswissenschaft. In entgegengesetzter Richtung vermitteln sie geschichtswissenschaftliche Forschungsinteressen an informationstechnologische Disziplinen, wie die Informatik oder die Computerlinguistik, und regen so die Entwicklung neuer Recherche- und Darstellungstools an.

Jannidis, Fotis [u. a.] (Hrsg.): Digital Humanities. Eine Einführung. Stuttgart 22019.

Kurz, Susanne: Digital Humanities. Grundlagen und Technologien für die Praxis. Wiesbaden 22016.

Weitere historisch verfahrende Disziplinen sind selten im Fachbereich Geschichtswissenschaft angesiedelt. Wer etwas über die Literaturgeschichte erfahren möchte, muss sich an die Literaturwissenschaftler wenden, wen die Rechtsgeschichte interessiert, sollte zu den Juristen gehen, die Geschichte der Medizin wird von Medizinern betrieben usw.

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